Nujeen Mustafa

Biographie

Die 16-jährige Nujeen Mustafa wurde mit Kinderlähmung geboren und hat ihr Leben im Rollstuhl verbracht. Im Jahr 2014 war ihre Heimatstadt Kobane im Mittelpunkt von heftigen Auseinandersetzungen zwischen Isis-Kämpfern und von den USA unterstützten kurdischen Streitkräften. Sie und ihre Schwester waren gezwungen, zuerst über die Grenze in die Türkei und dann weiter nach Europa zu fliehen. Derzeit leben sie in Deutschland.

Mit der Autorin haben wir ein Interview geführt, das wir für Sie unten auf dieser Seite platziert haben.

Foto: ©Chris Floyd

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Lesen Sie hier das Interview, das wir mit Nujeen Mustafa geführt haben.



Interview mit Nujeen Mustafa

Weshalb hast du dieses Buch geschrieben?

Ich wollte zeigen, wie sich geflüchtete Kinder fühlen, die ja normalerweise nicht zu Wort kommen. Ich sehe mich selbst noch als Kind und hoffe, dass dieses Buch Leuten dabei helfen wird, zu verstehen, wie es sich anfühlt mitten in einer Kriegszone gefangen zu sein und Angst davor zu haben, seine Freunde und Familie zu verlieren. Ich habe mich sehr bemüht, diese Gefühle zu vermitteln.

Einwanderungspolitik und die Zustände in Flüchtlingsunterkünften sind in vielen europäischen Ländern problematische Themen. Was würdest du Leuten sagen, die über Flüchtlinge verärgert sind und nicht bereit sind, sie in ihrem Land willkommen zu heißen?

Ihr seid viel zu ängstlich. Alle Menschen haben die Tendenz, das Unbekannte zu fürchten. Also versucht, uns kennenzulernen. Vielleicht haben wir Schwierigkeiten, miteinander zu kommunizieren, aber ihr müsst uns als Menschen sehen und nicht als bloße Zahlen in den Nachrichten. Nicht jeder hat das Glück, in einem sicheren Land zu leben, also schätzt das, was für euch so selbstverständlich ist.

Was bedeutet es, eine Frau in Syrien zu sein? Und in Deutschland?

Die Bedingungen für Frauen sind in Syrien deutlich besser als in anderen arabischen Ländern, aber nicht so gut wie in Deutschland. Für mich war meine Behinderung das Hindernis und nicht mein Geschlecht.  

Selbst hier in Deutschland ist man als Frau mit Behinderung doppelt benachteiligt. Welche Erfahrungen hast du damit gemacht?

Ich denke, dass Leute hier gleichberechtigt behandelt werden. Ich werde als jemand gesehen, der besondere Bedürfnisse hat und nicht als jemand, der weniger leisten kann. In Deutschland muss man sein Bestes geben und hart für seinen Lohn arbeiten. Ich trage meinen Teil dazu bei – ich versuche, einen guten Eindruck zu hinterlassen und eine gute Botschafterin zu sein. Wir alle haben die Pflicht, einen guten Eindruck zu hinterlassen. Deshalb habe ich dieses Buch geschrieben, um zu zeigen, was wir durchlebt haben. Um unsere Gemeinsamkeiten zu zeigen und nicht unsere Unterschiede. Mir liegt es besonders am Herzen, die Akzeptanz von anderen zu fördern, Leute sehen zu lassen, dass wir alle Menschen sind. Unsere Welt ist ein kleines Dorf und wir sind gar nicht so verschieden. Wir sollten einander akzeptieren und unsere Unterschiede schätzen. Ich möchte Stärke zeigen, trotz des Elends, das wir durchlebt haben und obwohl Menschen versucht haben, uns bei lebendigem Leib zu begraben.

Ich bekomme sehr positive Rückmeldungen von den Leuten, die mein Buch gelesen haben.   

Ich finde es sehr spannend, dass du Andrea Bocellis Musik gehört hast, bevor sie verboten wurde. Sind Leute aus Deutschland und anderen europäischen Ländern deiner Erfahrung nach erstaunt, dass du so einen guten Zugang zu westlicher Popkultur (inklusive amerikanischer Soaps) hattest?

Wir hatten tatsächlich Zugriff auf alle möglichen westlichen Sachen. Über diverse Medien haben wir Filme geschaut. Und jeder von uns wusste, wer Adele ist, selbst wenn man ihre Texte nicht verstanden hat. Ich erinnere mich auch daran, wie Mädchen geweint haben, als sie Leonardo Di Caprio in Titanic sterben sahen. Die Schöne und das Biest war sehr beliebt und ich weiß noch, wie ich den Film als Kind gesehen habe.

Was vermisst du am meisten? Und was am wenigsten?

Ich vermisse meine Kindheit. Ich vermisse es, verrückt nach Büchern und Fernsehsendungen zu sein. Ich vermisse mein Zimmer, das im Sommer immer viel zu heiß war. Ich vermisse es, mein Bett mit meiner Mutter zu teilen. Ich vermisse es, meinen Geschwistern etwas beizubringen, wenn ich gerade etwas Neues gelernt habe. Ich vermisse unsere Familienfeste, die frische Luft und das Leben in einer hektischen Stadt. Ich vermisse es, zusammen mit meiner Familie bis spät in die Nacht aufzubleiben.Was mir am wenigsten fehlt? Die Treppen, die Stromausfälle und die Bombardements. Sich im Badezimmer verstecken zu müssen und Angst zu haben. Scud Raketen, chemische Bomben, Massaker und die Kämpfe. Und auf jeden Fall Assad.

Was ist deine schlimmste Erinnerung an die Flucht?

Die eine Woche, die wir auf Lesbos verbracht und auf unsere Papiere gewartet haben, war die schlimmste. Wir mussten in Zelten schlafen, die Polizei dort führte ständig Hunde mit sich und war sehr angsteinflößend. Und der Tag, den wir im Gefängnis bleiben mussten.

Und die beste Erinnerung?

Die vielen verschiedenen Wasserflaschen! Menschen verteilten sie in Bahnhöfen und das war immer ein großartiges Geschenk. Die schönsten Landschaften habe ich in Griechenland gesehen – in Lesbos und nahe der Grenze. Dort sah es aus wie in einem Disneyfilm oder als hätte jemand sie mit Photoshop erschaffen. 

Wo siehst du dich in der Zukunft?

Ich sehe mich als fleißige Studentin in Deutschland, aber ich werde nie vollkommen deutsch sein – ein Teil von mir wird immer in Syrien bleiben und sich danach sehnen, zurückzukehren.

Was möchtest du studieren und wo möchtest du arbeiten?

Mein Plan A ist es, Astronautin zu werden. Und Plan B weiterzuschreiben, denn ich habe eine rege Fantasie.