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Isartod

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In der Mordkommission 1 in Münchner arbeitet ein erstaunliches Ermittlerteam: Karl-Maria Mader, Chef der Mordkommission I in München, Mitte 50, ist Dackelbesitzer und wohnhaft im betonierten Neuperlach, liebt Frankreich und Catherine Deneuve (Fernbeziehung, einseitig). Klaus »Soulman« Hummel ist ein fantasievoller Kriminalbeamter, der gerne zudem Krimiautor wäre und unsterblich verliebt ist in die Schwabinger Kneipenwirtin Beate. Hummels Kollege Frank Zankl verfügt über große Testosteron-Reserven und ist der natürliche Feind der neuen Kollegin Doris »Dosi« Roßmeier aus Niederbayern. Sie ist klein, stark, rothaarig – »das Sams« (Zitat Zankl). Rechtsmedizinern Dr. Gesine Fleischer kümmert sich hingebungsvoll um Verletzungen und Todesursachen aller Art und der gut geölte Dezernatsleiter Dr. Günther wacht zumindest über einen Restbestand an korrekten Dienstwegen bei den Kollegen.
Der Fall: In der Isar wird eine tote Frau gefunden, die offenbar einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen ist. Die Strangulationsmale wecken der Verdacht, dass sie vor ihrem Hinscheiden Folterung ausgesetzt war. Die Spur führt zu einer nahen Burg am Isarhochufer, die aktuell im Fokus eines riesigen Immobiliengeschäfts steht. Die Burg und die angrenzenden Isarauen sollen in einen gigantischen Hotelkomplex mit Namen ISARIA umgewandelt werden. Als der Burgbesitzer plötzlich auch verstirbt – er fällt beim Sternebetrachten vom Burgturm – ergeben sich für die Mordkommission 1 Zusammenhänge zwischen den Todesfällen. Damit nicht genug: es stirbt der Kellner eines italienischen Edellokals und ein zwielichtiger kleiner Erpresser. Und alles Spuren führen zu ISARIA.
Viel zu tun für das Ermittlerteam, das sich eigensinnig den Weg durch den Dschungel des Verbrechens bahnt.


  • Erscheinungstag: 27.09.2021
  • Aus der Serie: Chefinspektor Mader, Hummel & Co.
  • Bandnummer: 1
  • Seitenanzahl: 368
  • ISBN/Artikelnummer: 9783312012404

Leseprobe

O Monaco!

Das Feine und das Leichte, das Unentschiedene. Das Liebenswerte und das Gscherte, das Gspickte und das Erdige, das Schweben zwischen zwei Extremen. Weder das eine tun noch das andere lassen müssen. Einfach raus und an die Isar setzen. Warten, was passiert. Wenn’s regnet, wird man nass. Schon klar. Wenn’s schneit, dann … Nein, im Sonnenschein. Es einfach zulassen. So wie in Dock of the Bay von Otis Redding.

Ich sitz hier am Isarstrand,

Zeit ist Wachs in meiner Hand,

ich denk nach und trink ein Bier,

vielleicht auch drei oder vier,

und hör, was die Isar rauscht,

oder ist es nur der Verkehr?

Und dann pfeifen, ganz leise, ganz zart. – Na super, schon rauschillen, bevor man überhaupt anfängt. Aber so ist das hier. Entspannt. Ja. München ist ein Klischee, ein schönes freilich: Millionendorf, nördlichste Stadt Italiens, Biergarten an Biergarten, Hofbräuhaus und Schmalznudel, Viktualienmarkt und Stachus, Apple Store und Kustermann, Sushi und Brezen, Ludwig Beck am Rathauseck, Straßen ohne Dreck.

Der weite Blick. Die Alpenkette, zum Greifen nah. Und vor allem: Isar – die Wilde, mitten in der Stadt. Eiskalt, aus den Bergen, in die Herzen. Der Surfer, Radler, Jogger, Müßiggänger. Stimmt alles. Aber die andere Seite gibt es auch – in jedem Viertel: Giesing, Sendling, Milbertshofen. Sogar in Schwabing. Das Betonierte, Abweisende, Schmutzige. Hätte man es nicht amtlich, so könnte man an manchen Ecken glauben, man wär’ in Bukarest oder wo sonst die Modefarbe Grau heißt. So einfach ist das nicht mit München. Und in der Nacht sieht alles noch mal ganz anders aus.

127 Kubikmeter

Quiddestraße, Neuperlach, hässliche Wohnblocks am Ostpark. Kein Klischee. Echt. Echt greislig. Könnte Ruhrpott sein oder Frankfurt an der Oder – oder wo sonst das Leben eher schmucklos geführt wird. Aber nicht auf die Form kommt es an, auf den Inhalt: In einem der Blocks wohnen Hauptkommissar Karl-Maria Mader und sein Dackel Bajazzo. Dreizimmerwohnung. 56 Quadratmeter. 2 Meter 26 Raumhöhe. Macht 127 Kubikmeter. Genug zum Atmen, wenn man keine großen Ansprüche hat. Hat Mader nicht.

Mader erwartet mit seinen 55 Jahren nicht mehr viel. Sein Privatleben eine Eiswüste. Die Einrichtung seiner Einmannwohnung ist das Resopalbild seiner Seele: Möbel von Segmüller, Schrankwand in Gelsenkirchener Barock, hellbraune Auslegware. Nur ein paar Requisiten in Maders Leben. Nicht die leiseste weibliche Ahnung. Schade eigentlich. Denn Mader ist ein cooler Typ. Auf seine Art. Und jobmäßig: Spitzenmann. Erfahrung. 30 Jahre Kriminaler. Bisschen ausgebrannt, aber nur ein bisschen.

00:18. Digital und grün. Eine Fliege knallt immer wieder an die Scheibe des Schlafzimmerfensters. Selbstmordversuche. In einem Raum, der etwas streng riecht. Herr und Hund. Letzterer aber im Flur. Maders Atem rasselt wie ein altersschwacher Boiler mit Fehlzündungen. BrrrbkrüüBrrrbkrüüBrrrbkrüü … Brrrb- krüüBrrrbkrüüBrrrbkrüü …

Mader träumt von Catherine Deneuve: »Oh, Karl-Marie, ah, oui …, je t’aime, maintenant, viens!« Das Telefon unterbricht seine Träume. Er wirft sich im Bett herum und greift zum Hörer: »Oui, Madér …?«

»Ich bin’s. Hummel.«

»Hummél? Qu’est-ce qu’il y a?«

»Was soll das? Mader, wo sind Sie?«

»À Paris.«

»Was?!«

»Mei, Hummel! Im Bett, wo denn sonst?!«

»Mader, wir ham ’nen neuen Fall. Eine Wasserleiche.«

»Wo?«

»Maria-Einsiedel.«

»Sauber. Ja, äh, holen Sie mich ab. Mein Auto …« – »… ist kaputt, weiß ich. Bin schon unterwegs.«

Mader knipst die Nachttischlampe an und kneift die Augen zusammen. Rote Sterne. Wie beim Silvesterfeuerwerk in der Glotze. Er sinkt zurück ins Kissen und sinniert über sein alljährliches Ritual der Einsamkeit am 31.12. Einsam ist nicht ganz korrekt. Sein haariger Gefährte ist stets zugegen. Bajazzo. Der Gute. Selbiger kratzt schon an der Tür. Mader schält sich aus dem Bett und betrachtet erstaunt seine Wasserlatte. Eindrucksvoll. Wigwam. Was würde Catherine sagen? Nichts? Nur ein wissender Blick? Ein Lächeln? Ein herzhaftes Lachen?

Mader schüttelt den Kopf und öffnet die Tür zum Flur, wo ihn sein Hund freudig begrüßt.

»Na, Bajazzo, wo ist die Wurscht?«, nuschelt Mader und drückt sich an ihm vorbei aufs Klo. Dort schwierig. Vor lauter Latte kann er nicht pinkeln. Auch sonst schwierig. Warum war er so spät noch beim Haxnbauer? Sehr belastend. Mader massiert seinen runden Bauch und strengt sich an. Nix. Kein Wunder. Mitten in der Nacht.

Im Schein der trüben Klolampe studiert Mader seine Fußnägel. Verdammt schlecht geschnitten. Spröder Schiefer im Steinbruch seines einsamen Lebens. Wenn Catherine seine Zehen sehen würde! Nicht auszudenken! Ach, Catherine! Er tröstet sich. Solche Frauen gibts in Wirklichkeit nicht. Mader denkt an die Frau vom Nagelstudio um die Ecke. Solche gibts. Die mit den nikotingelben Haaren. Die immer vor dem Laden steht und an ihrer Zigarette saugt, als wäre es die Allerletzte. Aber vielleicht sollte er mal hingehen. Zehennägel auf Vordermann bringen lassen. Alles zieht sich in ihm zusammen. Ein Stein fällt ihm von Herzen. Kaltes Wasser spritzt an seine Backen. In dem Moment klingelt es an der Tür.

Groovy

Hummel atmet die feuchtscharfe Nachtluft ein und sieht zu Mader hoch. Dritter Stock des garstigen Silos. Nicht das erste Mal hier, aber er kann es nicht fassen. Wie kann man so wohnen? Fort Knox mit Rüschen: geraffte Vorhänge, Geraniengeschwüre an den Balkonen. Wir kriegen euch alle! Ein Wald von Satellitenschüsseln. Dieses Haus hat tausend Ohren! Hummel dreht sich um. Die Straße runter. Er kennt die Gegend. Jugendbanden, Alkohol, Drogen, Autodiebstahl, Schlägereien. Der ganze Scheiß. Ist das noch München? Oder Endstation? Wer kann, zieht weg. Nur wer mit allem fertig ist, wohnt hier. Denkt Hummel. Der natürlich keine Vorurteile hat und im lauschigen Bohème-Viertel Haidhausen wohnt.

Hummel klingelt noch mal. Warum rührt sich nichts? Er tritt ein paar Schritte zurück und blickt nach oben. Licht im geeisten Klofenster. Kann er lange klingeln. Chef auf Schüssel. Hummel setzt sich ins Auto und raucht. Prince Denmark. Seine Marke. Weil der Name ihm gefällt. To smoke or not to smoke. Jeder Zug eine Manifestation existenziellen Willens. Da ist was faul im Staate Dänemark. Er dreht das Autoradio an. Soul FM. Smokey Robinson and the Miracles mit Tears of a clown. Tausendmal gehört. Kitsch und Verzweiflung, die verspielten Bläser, der wuchtige Einsatz von Bass und Schlagzeug. Hummel liebt Soul, auch Motown. Eigentlich besonders Motown. Geht nicht kaputt. Er macht lauter und lehnt sich zurück. Entspannen. Gefährlich. Weil: Gedanken – sein Leben, seine Arbeit. Viel Arbeit, wenig Geld. Ansehen kann man komplett knicken. Besonders bei Frauen. Welche Frau will schon ’nen Bullen? Und eigentlich hätte er jetzt seit zwei Stunden frei. Wäre in seiner Stammkneipe in der Kurfürstenstraße in Schwabing. In der Blackbox. Wo das echte Leben spielt. Ein paar Bier zischen, immer mal wieder ’nen Euro in die Jukebox und Beate hinterm Tresen mit seinen Soulkenntnissen beeindrucken: »Die späten Curtis Mayfield-Sachen, die san echt nix, aber Miss Black America, ey Beate, davon gibts ’ne geile Liveversion, kleine Band, Supergroove. Du, ich hab zu Hause jede Menge alte Platten – LPs, Singles, alles Vinyl. Stax, Motown, Chess, Atlantic, Hi, Kent. Wenn du mal nach der Arbeit ein bisschen chillen willst? – Beate!«

Unsinn natürlich. Wenn er bei ihr mal drei gerade Wörter rausbringt, dann ist das schon viel. Aber Beate ist genau sein Typ: hochgewachsen, blondes langes Haar, forellenblaue Augen. Schönste Wirtin Münchens. Und clever. Hat Psychologie studiert und echt ’ne Ahnung von Leuten. Niemand versteht ihn so wie sie. Stellt er sich zumindest vor. Ja, normalerweise beschränkt sich ihre Kommunikation auf »Ein Helles, bitte!« und »Hier, Hummel, dein Helles.« Aber allein wie sie »Helles« sagt! Da geht die Sonne auf!

In Sachen Liebe ist es mit ihrer Menschenkenntnis leider nicht weit her. Sonst wäre sie nicht mit diesem blöden Testfahrer von BMW zusammen.

›Beate, du brauchst jemanden, der dich versteht. Jemand mit der nötigen Sensibilität. So wie ich, also mich.‹ Das wäre sein ganz persönlicher Tipp. Aber keine Chance. Wie auch? Testfahrer gegen Bulle! Welten. Auch finanziell. Würde er genauso machen, an Beates Stelle. Oder?

Smokey singt immer noch Tears of a Clown. ›Ach, ich bin der Clown‹, denkt Hummel, ›ich sitz hier und warte, dass der Chef seinen Stuhlgang beendet.‹

Als Mader mit seinem Hund aus dem Haus kommt, ist Hummel eingeschlafen. Träumt mit den Delfonics: »Lalalalala means: I love youuhuu …«

Mader schlägt mit der flachen Hand auf die Frontscheibe. Uuhmmpf! Hummel schreckt hoch, seine Hand fährt zum Schulterholster.

»Morgen, Hummel«, grüßt Mader durchs offene Seitenfenster.

Hummel sieht Mader mit verquollenen Augen an.

»Chef … Ah? N’Abend.«

»Was hören Sie da für Eunuchensound?«

»Ich glaub nicht, dass Sie davon was verstehn.«

»Und wenn. Machen’S den Schmarrn aus!«

Genervt schaltet Hummel das Radio aus.

»Ich wart schon ’ne ganze Weile auf Sie!«

»Sie haben nicht gewartet, Sie haben geschlafen. Unterschied.«

Mader geht um den Wagen und steigt ein. Bajazzo springt auf seinen Schoß und stellt die Vorderpfoten aufs Armaturenbrett. Schnüffelt an dem quietschgelben Wunderbaum, der am Rückspiegel hängt. Schnappt danach. Bäumchen baumelt weg.

»Kann er ruhig fressen«, sagt Hummel. »Bringt seine Verdauung bestimmt auf Vordermann.«

Bajazzo furzt knatternd seine Antwort. Hummel schickt Bajazzo mit einem scharfen Blick ins Reich der Toten und lässt den Motor an.

Sie fahren durchs Laternengelb der nächtlichen Straßen. Kaum Verkehr. Feiner Sprühregen bricht das Licht. Chrom und Lack. Abertausend Sterne. Scheibenwischer quietschen leise, effektiv. Draußen. – Drinnen: zwei Männer. Weit entfernt und doch so nah.

»Also, Hummel, eine Wasserleiche?«, fragt Mader schließlich. »Details?«

»Hab ich noch nicht. Zankl ist dort. Wasserleichen sind ja nicht so ganz mein Geschmack.«

»Aha. Und wie ist der so – Ihr Geschmack?«

»Erlesen.«

»Aha. Geschmack …«, murmelt Mader und durchforstet seine Taschen.

»Is was, Chef?«, fragt Hummel.

Mader wühlt weiter in seinen Taschen. Bajazzo sieht sein Herrchen erwartungsvoll an. Schließlich findet Mader, was er sucht: kleine silberne Würfel. Konfekt? Er pult die Silberfolie von einem Würfel und beißt die Hälfte ab. Reicht Bajazzo die andere. One for me, one for you. Sie lutschen. Zwei Genießer.

Hummel beobachtet die beiden argwöhnisch aus dem Augenwinkel.

»Wollen Sie auch?«, fragt Mader schmatzend. »Die san super. Echt.«

»Ja, warum nicht.«

Mader gibt ihm einen Würfel. Hummel pult einhändig die Folie ab, Blick immer auf der Straße. Deutet mit dem Kopf zu Bajazzo. »Muss ich nicht teilen, oder?!«

»Nein. Genießen Sie es ganz allein.«

Klebriges Teil. Hummel schmeißt es ein – und ab geht die Post! Er verreißt das Lenkrad, das Auto gerät ins Schlingern und kommt mit pfeifenden Reifen am Straßenrand zum Stehen.

»Was, was ist das?!«, röchelt Hummel.

»Unkonzentrierte Fahrweise, würd ich sagen.«

»Was für ein Teufelszeugs?!«

»Brühwürfel«, sagt Mader.

»Brüh …«

»Maggi – die besten.«

»Das ist krank.«

»Im Gegenteil – sehr gesund! Lebenswichtige Salze. Und jetzt fahren’S endlich weiter.«

Fingerzeig

Vor dem Maria-Einsiedel-Bad steht die ganze Karawane. Einsatzfahrzeuge, Notarztwagen, Feuerwehr. Es schüttet ohne Unterlass. Trotzdem ist das Absperrband gesäumt mit Schaulustigen. Unter Schirmen die ganze Haute Couture des benachbarten Campingplatzes: Jogginghosen und Trainingsanzüge in grellen Farben, Bademäntel, Adiletten, Ganzkörper-Goretex an Bermudashorts. Jung und Alt, sogar Kinder.

»Zefix, warum san die ned in ihren Wohnwagen?«, mosert Mader.

Hummel parkt den Wagen vor der Holzwand des FKK-Bereichs.

Der Wind peitscht den Regen gegen die Autoscheiben. Hummel zieht den Zündschlüssel und will aussteigen. Mader hält ihn zurück. Er konzentriert sich, schließt die Augen, zählt: »Oans, zwoa …, drei!« Er reißt die Tür auf. Regen stoppt schlagartig.

Hummel starrt Mader an.

Mader lächelt. »Das ist erst der Anfang!«

Hummel schüttelt den Kopf und öffnet die Fahrertür. Seine Füße sinken in den Morast. Seine neuen Wildlederboots! Mit denen er sich bei Beate als hoffnungsloser Romantiker outen wollte. Original-Achtziger-Jahre-Robin-Hood-Gedächtnisstiefel. – Verdammt!

Sie gehen über die matschige Liegewiese bis zu der Stelle, wo der Eiskanal in das Gelände des Schwimmbads mündet.

»War ich oft beim Schwimmen, als Bub«, sagt Mader.

»Ich auch«, sagt Hummel. »Vorne rein, hinten raus. An der Brücke, vor den Fangnetzen.«

»Andere Zeiten«, sagt Mader und stapft davon, zum gleißenden Lichtteppich der mobilen Flutlichtanlage, die den Fundort der Leiche beleuchtet. Hyperrealistisch. Jeder nasse Grashalm ein Statement, das Wasser im Eiskanal wie Quecksilber, oben glatter Film, unten zerrend, wild. Strudel am Fanggitter. Zwei Taucher mühen sich im Wasser. Räumen Äste, Blattwerk, Müll beiseite, um an die Leiche zu kommen. Von der sieht man im Moment nur einen nackten weißen Arm. Fingerzeig in den Nachthimmel. Dort ist das Jenseits!

Hummel schaudert.

Mader scannt die Umgebung.

Bajazzo mustert misstrauisch das gurgelnde Wasser.

Und da ist auch Zankl, Maders zweiter Assistent. »Servus, Mader. Hummel.«

»Wer hat die Leiche gefunden?«, fragt Mader.

»Der Hund von so ’nem Campingtyp. Wartet in der Umkleide.«

»Der Hund?«

»Beide.«

Die Taucher sind jetzt bei der Leiche und versuchen, sie aus dem Wasser zu ziehen. Schwierig. Starke Strömung. Makabres Schauspiel. Slapstick. Nur nicht lustig.

Schließlich bekommen sie die Leiche frei. Einer hält sie an den Füßen, einer an den Händen. Gleich haben sie es geschafft. Doch da stolpert der hintere, taucht unter, der vordere versucht mit aller Kraft die Leiche zu halten, sie entgleitet auch ihm. In Händen hält er eine … Hand! Nein, nur die Haut der Hand! Wie ein Handschuh. Der Taucher sieht die Haut schockiert an und schleudert sie an Land.

Hummel und Zankl starren auf das schlabbrige weiße Etwas in der grün glänzenden Wiese. Maders Gesichtsausdruck sagt gar nichts.

Bajazzo schnüffelt interessiert.

Schließlich liegt auch der Rest im nassen Gras. Eine Frau. Weiß, aufgequollen, voller Flecken. Schwarze Unterwäsche, viel zu eng für den aufgedunsenen Körper. Rotes lockiges Haar. Das Gesicht entstellt von Treibholz und Metallgitter. Trotzdem Ahnung von Schönheit. Hand schon spektakulär: Knochen, Sehnen, Muskeln. Haut und Nägel daneben im Flutlichtgras.

»Waschhaut«, sagt Dr. Fleischer, die wie aus dem Nichts aufgetaucht ist. »Kann man ausziehen wie einen Handschuh. Liegt schon länger im Wasser, die Gute.«

Mader nickt stumm. Hummel starrt sie an – Dr. Fleischer! Blaupause seiner erotischen Träume. Jenseits von Beate. Dr. Fleischer – die heiße Seite der Macht! Die langen schwarzen Haare, die vorwitzige schmale Nase und die messerscharfen Augenbrauen. In dieser Reihenfolge. Das Beste zum Schluss: Ihr spitzer Busen sticht durch die Ballonseide des Overalls und erzeugt bei ihm ein flaues Gefühl.

Dr. Fleischer durchschaut seine Assoziationskette. Bis ins letzte Glied. Lächelt. Wie ein Skalpell.

»Dr. Fleischer, können Sie auf den ersten Blick schon was sagen?«, fragt Mader. Und deutet auf die Leiche.

»Tot.«

»Das seh ich auch. Irgendeine Idee. Todesursache, Todeszeit?«

»Schwierig. Die Leiche kann schon mehrere Wochen hier liegen. Fettwachsbildung tritt in der Regel nach vier bis sechs Wochen post mortem auf, infolge hydrolytischer Spaltung und Verflüssigung von Körperfett in Glycerin und Fettsäure. Wenn man nun …« – »Halten Sie uns keine Vorträge, Dr. Fleischer«, unterbricht Mader sie.

»Das sind schon interessante Vorgänge.«

»Aber wir sind nicht Ihre Studenten.«

»Nein. Die sind höflicher.«

»Dr. Fleischer, jetzt mal konkret, haben Sie eine Idee zur Todesursache?«

»Ob sie ertrunken ist, weiß ich erst, wenn ich in sie reingeschaut habe. Was aber auffällig ist, sind die Strangulationsmale an Fuß- und Handgelenken. Vielleicht hat sich deshalb die Haut an der Hand so leicht abgelöst.«

Interessiert betrachtet Mader die dunkelbraunen Streifen an den Gelenken.

Auch Hummel und Zankl treten näher.

»Was das genau ist, können wir mit ein bisschen Glück noch klären«, meint Dr. Fleischer. »Histologisch auf alle Fälle interessant.«

»Reden’S bitte normal mit uns«, sagt Mader.

»In der Regel lässt sich im Bereich der Strangmarken eine erhöhte Histaminkonzentration nachweisen. Histamin wird durch Irritation der Hautzellen mittels des Strangwerkzeugs in der Strangfurche vermehrt freigesetzt. Wenn sie die Male am Hals hätte, die auf die Todesursache Erwürgen hindeuten, dann könnte man im Labor etwas über den ungefähren Todeszeitpunkt erfahren. Aber Strangmale an den Extremitäten sind nicht tödlich. Beziehungsweise wir wissen nicht, ob diese hier in einem kausalen Zusammenhang mit dem Ableben der Dame stehen.«

»Aber man könnte bestimmen, wann sie entstanden sind?«

»Vielleicht. Obwohl – das ist schwierig. Die Dame war recht lang im Wasser. Und noch eins ist auffällig. Die Narben sind so ausgeprägt, dass ich sagen würde: Die sind relativ alt und immer wieder aufs Neue entstanden.«

»Sexspiele?«, fragt Zankl.

»Vielleicht. Wir kennen das eigentlich eher von autoerotischen Praktiken, die statt in Ekstase manchmal im Exitus gipfeln.«

»Wohl gesprochen«, meint Mader. »Kriegen Sie raus, wie die Frau gestorben ist?«

»Wie gesagt, wenn ich den Leichnam aufgemacht habe, wissen wir mehr. Vermutlich. Und noch was ist auffällig – die Unterwäsche.«

»Ja, die ist speziell, oder?«

»Ein raffinierter Mix aus Latex und Spitze«, erklärt Dr. Fleischer. »N.N.«

»N.N.?«, fragt Mader.

»Nuit Noire, eine sehr teure Dessous-Marke. Sehr speziell. Bisschen Fetisch. So um die fünfhundert Euro, die zwei Teile. Schätz ich mal.«

Mader nickt nachdenklich. »Was Sie alles wissen.«

»Jenseits meiner Einkommensverhältnisse.«

»Meiner auch. Vielen Dank, Dr. Fleischer, das war schon sehr hilfreich. Ich bin gespannt auf Ihren Bericht.« Er wendet sich zum Gehen.

Hummel bleibt wie angewurzelt stehen.

»Hummel, alles klar bei Ihnen?«, fragt die Fleischer.

»Ja, alles klar. Faszinierend, was Sie alles wissen, ich mein, für mich ist das ja nichts. Also die Leichen. Aber Sie, naja, Sie lesen in den Toten wie in einem Buch.«

»Dankeschön, aber jetzt lassen Sie mich in Ruhe arbeiten.« Sie zwinkert ihm zu. »Wir sprechen uns morgen.«

Hummel wird knallrot. Ihn durchflutet ein warmes Gefühl, trotz der klammen Nachtluft. Was für eine Frau! Hui! Bevor er Mader und Zankl in die Umkleidekabinen folgt, wo der Mann wartet, der die Leiche gefunden hat, raucht er noch eine Zigarette. Hummel ist aufgewühlt. Blick zurück auf die Liegewiese. Dr. Fleischer in ihrem schneeweißen Overall. Jenseits des Zauns die Schaulustigen. Und die Beamten, die die Neugierigen auf Distanz halten. Ihm schwirrt der Kopf. Alles ein bisschen viel – Wasserleiche, Strangulationsmale, Dessous, Waschhaut. Jetzt macht er den Job schon so lange. Wasserleichen hat er schon genug gesehen, aber das mit der Hand! Als ob das Leben etwas ist, was man einfach ausziehen und wegwerfen kann. Er schüttelt den Kopf und tritt die Kippe ins nasse Gras.

In der Umkleide muffelt es: feuchte Badesachen, Holz, Gummi und kalter Estrich. Diese ganz spezielle Mischung, die Hummel sofort in seine Kindheit zurückversetzt. Die schwachen Neonröhren an der Decke summen. Zwielicht. Passt zu dem Typ, der die Leiche gefunden hat. Er ist in eine Wolldecke gehüllt und hält ein dampfendes Teehaferl in Händen. Dass da nicht nur Tee drin ist, verrät ein feiner, scharfer Duft. Der Hund des Mannes, groß wie ein Kalb, hat sich zu dessen Füßen eingerollt. Hummel betrachtet das Gesicht des Mannes. Rot, fleischig, großporig, stechende Augen. Die Knastträne unter dem rechten Auge registriert er sofort.

»Sie sind Dauercamper, Herr Hartl?«, fragt Mader.

»Am Platz kennt mi jeder. I bin der Tscharly.«

»Gut, Tscharly. Kommt es oft vor, dass Sie mit Ihrem Hund so spät noch unterwegs sind?«

»Mei, wenn der Wotan scheißn muss. Er kann ja ned auf’m Platz.«

Mader wirft einen sorgenvollen Blick auf den riesigen Hund. Bajazzo hat sich in eine ferne Ecke des Raums verkrümelt. Atmet lautlos. Hält den Ball flach.

»Wenn Sie also mit Wotan so spät noch Gassi gehen, dann nehmen Sie immer denselben Weg?«

»Ned immer, aber meistens. An der Floßlände. Wo halt Laternen san.«

»Ist Ihnen da mal was aufgefallen auf Ihren Spaziergängen, vielleicht auch schon vor ein paar Wochen?«

»Was zum Beispiel?«

»Eine Person, ein Auto. Irgendwas. Irgendwoher muss die Leiche ja kommen.«

»Mei, die wird halt wer in die Isar gschmissen ham.«

»Ja, vermutlich.« Mader stöhnt leise auf.

»Warum ist denn Ihr Hund da ins Wasser gesprungen?«, fragt jetzt Zankl.

»Na, der wird halt was gseng ham, der Wotan. Katz oder Antn.«

»Und da springt er gleich ins Wasser? Bei der Strömung?«

»Da kennt der nix. Der Wotan.« Tscharly tätschelt den riesigen Kopf des riesigen Hundes.

Zankl nickt. Glaubt er. »Und Sie mussten ihn dann rausziehen?«

»I war scho mit de Fiaß drin, aber der Wotan is a harter Hund. Des hat er selber gschafft. Grad so. Und im Wasser, da war er dann.«

»Wer?«

»Der Arm.«

»Ja. Gut. Und dann haben Sie gleich bei der Polizei angerufen?«

»Ja, freilich.«

Jetzt übernimmt Mader wieder: »Haben Sie immer ein Handy dabei, wenn Sie mal kurz Gassi gehen?«

»Freilich. Du weißt ja nie, was für a Gschwerl da unterwegs ist. San eh schon lauter Ausländer am Platz.«

»Ja, bei Touristen ist das manchmal so«, sagt Mader. »Wenn wir noch Fragen haben, melden wir uns.«

Mader ist schon auf der Türschwelle, als er sich noch mal umdreht. »Ach, Tscharly, kann ich mal kurz Ihr Handy sehen? Wegen der Anrufzeit fürs Protokoll.«

»Warten’S …« Hartl entsperrt den Bildschirm. Blitzschnell schnappt sich Mader das Handy. »Hey, was wird des?! Derfan Sie des?«

»Ich darf«, sagt Mader und tippt sich durchs Menü. Fotos. Der weiße Arm im schwarzen Wasser. Gespenstisch erhellt vom Handyblitz. Mehrfach. »Souvenir, Souvenir«, murmelt er und löscht die Bilder. »Ich will sowas nicht in der Zeitung sehen. Oder auf Facebook. Ist das klar, Herr Tscharly?«

»Des gibt Ärger!«, zischt der.

»Des is mir wurscht«, sagt Mader. »Ich hab Sie im Auge.« Er tippt sich mit dem Finger ans Jochbein, wo Tscharly die Knastträne hat.

Draußen am Kanal. Immer wieder Blitzlichter. Die Zaungäste können es nicht lassen. Selbst wenn sie nur die Sichtschutzplane und die Leute von der Spurensicherung fotografieren können. Oder die Kollegen mit dem Sarg, die inzwischen eingetroffen sind und hinter der Absperrung verschwinden, um unter Dr. Fleischers fachkundiger Anleitung die tote Dame ins kalte Bett aus Zink bugsieren.

Wo etwas zu Ende geht, fängt etwas anderes an – die Ermittlungen. Mader verteilt die Rollen. Hummel darf sich die Gaffer vorknöpfen und er selbst widmet sich mit Zankl den Leuten auf dem Campingplatz. »Vielleicht gab es ja in den letzten Wochen irgendwas Besonderes. Zum Beispiel eine Party, wo man sich ein paar Ladys kommen lässt.«

Zankls Einwurf »Klar, mit Unterwäsche für fünfhundert Euro« lässt Mader unbeantwortet verhallen. Aber viel Hoffnung hat auch er nicht.

Die Resultate sind ernüchternd. Von wegen wilde Partys bei den Dauercampern. Gesehen hat natürlich niemand irgendwen oder irgendwas. Also etwas, das aus der Reihe fällt im entspannten Camperleben. Mader und Zankl erfahren nur Dinge, die sie nicht wirklich interessieren: Wer hier was mit wem hat und wie oft. Wer hier säuft oder wer Katzenfutter kauft, obwohl er oder sie gar keine Katze hat. Wer zu faul ist, in der Nacht bis zum Sanitärgebäude zu gehen und hinter den Wohnwagen biselt. Ein feines Netz aus perfiden Verdächtigungen, gespeist von Langeweile und Alkohol, geknüpft von alteingesessenen Dauercampern wie Tscharly.

»Und das ist der Normalzustand«, resümiert Zankl. »Was ist dann hier zur Wiesn los?«

»Hey-ey, Ba-by!«, singt Mader.

Die Schaulustigen sind weg. Die Leiche auch. Aber auf der Liegewiese brennt immer noch das Flutlicht. Die Spurensicherung und die Taucher suchen alles im und rund um den Kanal ab. Beim Auto treffen sie Hummel. Er lehnt am Kotflügel und raucht.

»Und, Hummel?«, fragt Mader. »Haben Sie etwas Interessantes erfahren?«

»Ja, über die menschliche Natur. Die stehen da und gaffen, malen sich aus, wie die Frau zu Tode gekommen ist. Kein Mitleid. Nix. Als wär’s Fernsehen. Tatort oder Polizeiruf. Und die Scheiß-Handyfotos. Mir glangt’s.«

Fast schon Tag

Hummel tigert durch seine Wohnung. Er ist hundemüde, aber er kann nicht schlafen. Zu viele Eindrücke. Für ein Bier ist es aber sogar ihm zu spät. Oder zu früh. Die Uhr in der Küche zeigt Viertel nach vier. Er greift zu seinem Tagebuch und lässt die Mine seines Kugelschreibers herausklicken.

Liebes Tagebuch,

Mann, war das ein Tag! Oder besser: eine Nacht. Statt Beate zu sehen und ein Bier in der Blackbox zu trinken, durfte ich mit Mader und Zankl eine aufgeweichte Wasserleiche anschauen. Abgefahren – die Sache mit der Hand! Wie ein Handschuh hat sich die Haut gelöst, als die Taucher daran gezogen haben. Schon eklig. Sowas greift mein empfindliches Gemüt an. Schrecklicher Fall! Das wird sehr schwierig. Warum kann es nicht mal so sein wie im Fernsehen oder im Kino, wo die Cops ein bisschen kombinieren, sich durch eine Datenbank mit Verbrechervisagen klicken und die Typen dann einfach verhaften?

Nein, mein Alltag sieht anders aus. Immer raus aus der Komfortzone. Ich sitze nicht am PC, sondern stapfe in kalter Nachtluft mit meinen jetzt ruinierten neuen Wildlederboots durch Matsch und Regen und frage diese ganzen bescheuerten Heinis, ob sie irgendwas gesehen haben. Und die sind ganz aufgepeitscht, weil da ein blässlicher nackter Frauenkörper in der Wiese liegt. Aber die Fleischer, die ist schon toll! Beruflich und als Frau. Wie sie da stand in dem weißen Anzug aus Ballonseide. Eine Erscheinung! Wie sie gedampft hat unter den 1000-Watt-Strahlern! Wie ein Vulkan! Wow! Die ist echt interessant. Naja, mehr so dienstlich. Beate, ich bin dir treu, ich schwöre. Für immer und ewig. Und du, mein Tagebuch, bist mein Zeuge.

Bella Figura

»Schön, dass Sie auch mal vorbeischauen«, wird Mader am nächsten Tag im Büro begrüßt. Mader mustert Dezernatsleiter Kriminaloberrat Dr. Günther auf seinem Besucherstuhl und hängt seelenruhig seine Jacke an den Haken hinter der Tür. Bajazzo bezieht sein Kissen neben der verwilderten Yucca-Palme und Mader setzt sich hinter seinen Schreibtisch. »Was verschafft mir die Ehre zu dieser früher Stunde, Dr. Günther?«

»Lassen Sie Ihre Witzchen. Warum kommen Sie erst jetzt, um Viertel nach zehn? Und wo sind Hummel und Zankl? Die Mordkommission ist nicht besetzt!«

»Wissen Sie was, Dr. Günther, stellen Sie sich doch mal bis drei Uhr früh in Thalkirchen auf den Campingplatz und ermitteln und ich warte dann morgens gut ausgeruht auf Sie im Büro. Mal sehen, ob wir es mittags noch gemeinsam in die Kantine schaffen.«

»Mader, ich weiß, dass Sie eine harte Nacht hatten. Aber erklären Sie mir das!« Er schiebt ihm drei Zeitungen über den Tisch.

Mader mustert die Fotos mit dem Arm der Wasserleiche. »So schnell sind die?«

»Ja, so schnell sind die. Wenn’s was Interessantes gibt. Das hätten Sie unterbinden müssen!«

»Was erwarten Sie? Da war schon ein Riesenauflauf, als wir da ankamen. Da hatten viele bereits ihr Erinnerungsfoto gemacht.«

»Das ist nicht alles!« Günther deutet auf die tz. »Warum sind Sie den Typen, der die Leiche gefunden hat, so hart angegangen? Ein halbseitiges Interview! Und wir kommen dabei nicht gut weg!«

Mader stöhnt innerlich. Denn er weiß, was jetzt kommt: Günthers Monolog über das Image der Polizei, für das er verantwortlich zeichnet. Außenwirkung und so. Aber Günther sagt nichts, also sieht sich Mader den Artikel doch genauer an. Das Foto von Tscharly und Wotan wirkt fast schon romantisch. Tierlieber Single sucht Gefährtin für gemeinsame Erlebnisse in der Natur. Die Knastträne hat man wegretuschiert. Allerliebst.

»Dieser Tscharly ist ein Ex-Knacki«, erklärt Mader. »Ich schätze mal Einbruch und Körperverletzung. Wir können uns gerne mal die Akte zusammen anschauen.«

Günther will schon etwas erwidern, aber im Büro nebenan rührt sich jetzt was. Hummel und Zankl treffen ein. Günther winkt sie zu sich und sieht in ihre müden kleinen Augen. Ansprache: »Ich weiß, Männer, das ist kein schöner Fall und die Presse wird ihn genüsslich breittreten. Aber nach den diversen Fällen, in denen der Polizei Gewaltexzesse vorgeworfen wurden, sind die Journalisten aktuell ziemlich scharf darauf uns schlechtzumachen. Dazu dürfen wir denen keinen Anlass geben! Wir müssen hier eine gute Figur machen! Dafür gibt es aber noch einen anderen Grund.« Er macht eine bedeutungsschwangere Pause. »Der Oberbürgermeister hat mich heute in aller Herrgottsfrüh schon angerufen. Höchstpersönlich. Er fürchtet, dass diese Wasserleiche beim Maria-Einsiedel-Bad das Image des familienfreundlichen Naherholungsgebiets Isarauen beschädigt. Der Oberbürgermeister sagt …« – »Dem seine Sorgen möcht ich haben«, rutscht es Zank heraus. Günther bringt ihn mit einem scharfen Blick zum Schweigen und konkretisiert sein Anliegen: »Ich will, dass dieser Fall umgehend gelöst wird. Die Leute sollen sich sicher fühlen, wenn sie dort draußen Spazieren gehen, den Biergarten besuchen oder zu Gast sind auf dem Campingplatz.«

Mader zuckt mit den Achseln. »Jeder Mord ist schlecht für das Image dieser Stadt. Egal, ob in den Isarauen oder in Milbertshofen. Denken die Mörder leider nicht dran.«

»Da haben Sie durchaus recht, Mader. Aber wenn der OB schon mal höchstpersönlich Interesse an unserer Arbeit zeigt, werden wir uns schon ein bisschen anstrengen. Ist das klar?!«

Mader lächelt. »Und wie sollen wir Ihrer Meinung nach vorgehen?«

»Effizient und geräuschlos.«

»Ich mein eher so personell. Wir haben hier noch ein paar andere Aufgaben.«

»Das gilt auch für mich!«, zischt Günther und rauscht aus dem Büro.

Wirklich schön

Dr. Fleischer hat ganze Arbeit geleistet, wie die Ermittler feststellen. Denn das Gesicht der Wasserleiche sieht jetzt menschlich aus, friedlich.

Dr. Fleischer entfernt auch noch den Rest des Leichentuchs. »Aber Vorsicht, bitte nichts anfassen, die Nase ist nur mit zwei Stichen genäht. Da hatten allerdings schon andere Kolleginnen oder Kollegen ihre Finger beziehungsweise Skalpelle dran.« Fleischer übt ihren Job mit Leidenschaft aus und gibt den Kollegen einen konzisen Einblick in ihre bisherigen Erkenntnisse: »Todeszeitpunkt: grob geschätzt vor vier bis sechs Wochen. Wegen der Waschhaut. Todesursache: Fraktur der oberen Halswirbel. Aber kein Schlag, kein Sturz. Dort sind keine äußeren Verletzungen. Eventuell geht die Fraktur auf eine Überdehnung zurück. Darauf komme ich gleich noch mal. Ansonsten haben wir Narben und Striemen am ganzen Körper. Auch älteren Datums. Ich tippe auf sadomasochistische Praktiken. Dazu passen auch die Strangulationsmale an den Extremitäten. Bemerkenswert: keine Fasern, keine spezifischen Spuren wie etwa von einem geflochtenen Seil. Auch keine scharfen Schnitte von Kabelbindern wie bei Entführungsopfern. Ich tippe auf Leder. Vielleicht geht es um eine dunkle Spielart von Erotik. Eventuell war eine Streckbank im Spiel.«

Hummel hakt ein: »Der Halswirbel. Was genau ist da passiert, wie kam es zu dem Bruch?«

Fleischer winkt ihn an einen freien Obduktionstisch. »Hummel, legen Sie sich bitte mal hier auf den Tisch.«

Hummel sieht sie geschockt an. Sie nickt aufmunternd und er tut schließlich, wie ihm geheißen.

»Ganz entspannt bleiben. Mader, Sie ziehen unten an den Füßen, Zankl, Sie oben an den Händen. Aber bitte nicht zu fest.« Im Folgenden demonstriert sie, wie es passiert sein könnte. Sie umfasst Hummels Kopf und deutet eine plötzliche seitliche Bewegung an. Hummel ahnt den Schmerz schon und verzieht das Gesicht. »Bei einer derartigen plötzlichen Bewegung sind zwei Halswirbel gesplittert und die Frau war vermutlich sofort tot«, erklärt sie. »So könnte es gewesen sein.«

»Also ein Unfall bei einem Folterspiel?«, fragt Mader. »Eine Prostituierte mit Spezialgebiet?«

»Kann sein. Muss nicht sein. So exotisch ist das nicht. Aber auf alle Fälle jemand mit einschlägigen Erfahrungen. Abgesehen von den Narben sehr gepflegter Typ. Die Nasen-OP ist hervorragend ausgeführt – nix Billiges. Ich kann falsch liegen, aber der helle Hautton könnte auf einen osteuropäischen Typ hinweisen, die Haare sind eigentlich schwarz, aber rot gefärbt. Die Frau ist circa 30 Jahre alt. Wenn sie wirklich eine Prostituierte war, dann von einem recht exklusiven Escort-Service. Auch wegen der Unterwäsche. Die kostet locker fünfhundert Euro. Sagte ich schon, oder? Nuit Noire gibt es nicht in jeder Boutique. Mader, fragen Sie mal bei Domina’s Heaven in der Rosenheimer Straße, das ist ein ziemlich gut sortierter Laden.«

Mader nickt nachdenklich. »Für das Campingplatzmilieu ist das jedenfalls zu avanciert. Da ist sicher eher Feinripp angesagt. Was hatte sie im Magen?«

»Nicht mehr viel. Die Verdauung beziehungsweise Verwesung ist schon stark fortgeschritten. Das Einzige, was sich sicher klären ließ: Knochensplitter und Knorpel von Hähnchen, Chickenwings. Und ein paar kleine Gräten.«

»Hendl und Steckerlfisch«, murmelt Hummel. »Passt doch zu den Campingheinis. Theoretisch. Und wie lang war die Frau im Fluss unterwegs? Eine weite Strecke?«

Fleischer zuckt mit den Achseln. »Kann ich nicht sagen. Ich kenn mich da draußen in Thalkirchen nicht aus, aber ich würde davon ausgehen, dass die Leiche mehr Verletzungen aufweisen müsste, wenn sie eine weitere Strecke im Fluss zurückgelegt hätte.«

Gebieterin

Meeresrauschen, donnernde Brecher. Nordsee? Nein, es ist der Sound der Blechlawine, die auf der Rosenheimer Straße stadteinwärts und stadtauswärts rollt und die Fenster der Gebäude erzittern lässt. Als die Tür hinter Zankl ins Schloss klickt, bleibt nur ein sanftes Vibrieren. Ansonsten elektrostatische Stille. Es riecht nach Leder und Gummi. Zankls Augen gewöhnen sich nur langsam an das gedimmte Licht.

»Hallo, kann ich Ihnen helfen?«, fragt eine weibliche Stimme aus der Dämmerung.

»Ich, also, äh, ja …«

»Sie sind zum ersten Mal hier?« Die Besitzerin der Stimme taucht jetzt hinter einem Kleiderständer auf.

»Ja. Äh. Schöne Sachen haben Sie hier.«

»Danke. Suchen Sie was Bestimmtes?«

»Ja, äh, eine Kollegin, äh, Freundin hat mir Ihren Laden empfohlen.«

»Ihre Gebieterin?«

»Nein! Äh, ich … Sagen Sie, führen Sie Nuit Noire?«

»Oh, Ihre Gebieterin hat einen exquisiten Geschmack. Nuit Noire wird selten verlangt. Recht kostspielig. Aber hervorragende Qualität, auch im härtesten Einsatz. Dehnbar. Reißfest. Sehr robust.«

Zankl nickt stumm. Er kommt sich vor wie im Baumarkt. Oder im Outdoorladen. So ganz ist das nicht das Seine, hier in Domina’s Heaven in der Rosenheimer Straße. Er sieht in die fragenden Augen der Verkäuferin, die keineswegs Reizwäsche trägt, sondern einen legeren Kapuzensweater. Zankl beschließt, jetzt doch seinen Dienstausweis zu zücken. Entgegen seiner Erwartung ist die Verkäuferin hocherfreut, dass er Polizist ist. Aber logisch: Recht, Ordnung, Disziplin gelten hier was.

»Wie schade, dass ihr Jungs bei der Kripo keine Uniform tragt.«

»Zumindest haben wir Handschellen«, sagt er und klopft sich an den Gürtel.

Die Dame gluckst vergnügt. »Kommen Sie nach hinten. Ich zeig Ihnen, was wir von Nuit Noire haben.«

Als Zankl wieder im Wagen sitzt, ist er ein bisschen schlauer, aber vor allem 280 Euro ärmer. Zum Einkaufspreis! Darf man das eigentlich als Beamter? Ist das Vorteilsnahme? Egal. Zu spät. Er starrt die braune Papiertüte an. 280 Euro für einen BH und einen Slip. Wahnsinn! Aber das Zeug schaut schon super aus. Und wie hat die Fleischer zu Mader gesagt: »Jetzt san’S mal ned so spießig.« Naja, Mader. Bei dem ist das Feuer der Leidenschaft sicher schon vor Jahrzehnten erloschen.

Er selbst hingegen hat noch einiges vor. Bei der nächsten Gelegenheit wird er seiner Frau das modische Präsent überreichen. Bringt vielleicht ein bisschen Schwung in ihr Sexleben. Momentan ist ja eher Pflicht als Kür angesagt. Der noch unerfüllte Babywunsch seiner Frau macht sein Privatleben gerade ein bisschen stressig.

Gut, ermittlungstechnisch hat er auch ein bisschen was erfahren. Die Wäscheträgerin war keine Kundin hier. In Domina’s Heaven verkehren nur Stammgäste. Und zu denen gehörte sie nicht. Er hat Gaby – sie waren schnell beim vertrauten Du gelandet – erklärt, dass es sich bei der Dame auf dem Handyfoto um eine Wasserleiche handelt, die eben Nuit Noire am leblosen Körper trug. Gaby war ziemlich schockiert, aber sehr hilfsbereit und hat ihm ein paar Spielregeln aus der Sadomaso-Szene erklärt. »Goldene Regel: Wenn jemand Stopp! sagt, dann heißt das auch Stopp!« War hier dann offenbar nicht der Fall gewesen. Gaby will sich mal in der Szene umhören, ob jemand die Frau kennt. Er hat ihr das Foto gemailt.

›Wer weiß‹, denkt Zankl, ›die kennen sich in der Szene bestimmt alle. Das ist doch eine große Hilfe. Spare ich mir wenigstens die Fusselrecherche.‹ Er schnüffelt. Was ist das? Er öffnet die Tüte und steckt seine Nase hinein. Klar, der Gummi. Ungewohnt. Aber gar nicht übel. Mal sehen, was Jasmin dazu sagt.

Arschbombe

Müde flattern Absperrbänder im kühlen Aprilwind. Mader tritt an das betonierte Ufer des Eiskanals. Er hält Bajazzos Leine kurz. Wieder hat sich Astwerk am Gitter verfangen. Dafür ist es auch da.

Hummel raucht und lässt den Blick über die zertrampelte Liegeweise wandern. Ab Mai werden sich hier die Badegäste tummeln. Ob der Leichenfund die Leute vom Baden abhält? Naja, die Großstadtjugend findet das vielleicht gerade hip. Ihn hätte das früher auch nicht gestört. Er sieht sich selbst eine Arschbombe von der Brücke in den Eiskanal machen. Lange her. Unbeschwerte Zeit. Oder wie Mader sagte: »Andere Zeiten …«

»Die Frage ist, Hummel, wo ham’s die Frau neigschmissn.«

»Woanders auf alle Fälle. Nicht an der Abzweigung.«

»Warum?«

»Weil man von dort aus deutlich das Gitter sieht. Wenn einer eine Leiche in die Isar schmeißt, will er ja, dass sie weg ist. Und nicht, dass sie nach fünf Metern gleich hängenbleibt.«

Mader nimmt einen Stock und schleudert ihn in den breiten Kanal, von dem der Eiskanal abzweigt. Bajazzo will schon losspurten, wird aber unsanft von der Hundeleine gebremst.

Maders Augen folgen dem Stock. Er bleibt an der Böschung hängen. »Woher kommt die Leiche?«, überlegt Mader laut.

»Maximal vom Wehr hinter der Großhesseloher Brücke. Sonst wär sie da hängengeblieben oder sähe noch schlimmer zugerichtet aus. Wenn es nicht nur Einzelteile wären.«

Mader nickt. »Des probiern ma aus. Aber heut nimmer. Fahr ma ins Präsidium.«

Abpfiff

Auch Polizisten haben ein Privatleben. Und durchaus unterschiedlichen Vorstellungen von gelungener Freizeitgestaltung.

Mader sitzt im Kino. Stadtmuseum. Der Typ an der Kasse kennt ihn und lässt auch Bajazzo rein. Ohne Karte. Mader ist ganz erregt. Genießt die letzten Minuten von Belle de Jour im Original. Catherine Deneuve und Michel Piccoli. ›Was hat er, was ich nicht habe?‹, denkt Mader.

Gerade wird in der Allianz Arena das Spiel abgepfiffen. Zankl ist schweißgebadet. Sowas hat er noch nicht erlebt. 7:0 gegen Hertha BSC. Schlachtfest. Kollektiver Siegestaumel. Er steigt mit seinen Kumpels in die völlig überfüllte U-Bahn, um nach Schwabing zu fahren. Das muss gefeiert werden. We are the Champions!

Hummel ist gerade heimgekehrt. Er war im Glatteis, der Krimibuchhandlung in Nähe des Gärtnerplatzes. Auf der Lesung eines amerikanischen Thrillerautors. Sehr cool. Er steht auf diese hardboiled Sachen. Auch wenn sie nicht ganz realistisch sind. Mann, wenn die Autoren wüssten, wie banal der Alltag bei der Kripo oft ist. Wobei ihre Wasserleiche schon was Besonderes ist. Doch, er hätte auch was zu erzählen. Ein Buch schreiben wäre sein Traum. Damit vielleicht sogar den Lebensunterhalt verdienen. Den Berufsalltag nur noch als Archiv benutzen für ein spannendes Ermittlerleben auf dem Papier.

›Träum weiter, Hummel!‹, denkt er. Wobei – solche Gedanken kommen ja nicht ganz aus dem Blauen. Denn da war diese Frau auf der Lesung. Die Chefin von dem Verlag, wo der Ami rausgekommen ist. »Schreiben Sie doch mal auf, was Sie so erleben«, hat sie gemeint, nachdem er ihr gestanden hat, dass er bei der Kripo arbeitet. Warum hat er ihr das erzählt? Sonst ist er auch nicht so auskunftsfreudig, was seinen Beruf angeht. Bei Frauen schon gar nicht, denn in der Regel stehen die nicht auf Polizisten. Denken, dass das alles Machos mit unguten Arbeitszeiten sind. Für ihn gilt natürlich nur Letzteres. Aber in dem Gespräch ging es ja nicht ums Flirten, sondern ums Schreiben. Beides Themen, von denen er nicht besonders viel Ahnung hat. Trotzdem hatte er in einem Anflug von Größenwahn »Warum nicht?« geantwortet, als sie ihn fragte, ob er nicht auch mal was schreiben könne. Yes, why not? Schließlich schreiben auch andere Kriminaler. Naja, meistens erst, wenn sie nicht mehr im Dienst sind. Aber Genies sind die nicht alle. Worüber könnte er denn schreiben? Schon klar, Mord und Totschlag. Vielleicht über eine Wasserleiche?

Hummel sitzt auf dem Sofa im Wohnzimmer. Sein Reich. Alle Wände sind mit Billy belegt, bis knapp unter die hohe Altbaudecke. Nicht die Regale sind erstaunlich, sondern ihr Inhalt. Ein paar Tausend Bücher. Hohe Literatur? Lyrik? Shakespeare, Goethe, Pynchon? Nein. Krimis. Natürlich. Schon der Wahnsinn hier. So viele. Ein Vermögen hat er investiert, abgespart von den schmalen Lippen seiner mageren Kriminalerexistenz. Hummel ist nicht knickerig, wenn es um seine Hobbys geht. In wichtige Dinge investiert er. Sein Leben – das private – steht auf zwei Säulen: Krimis im Wohnzimmer, Soulplatten im Schlafzimmer. Die dritte Säule wäre vielleicht noch sein Kühlschrank in der Wohnküche. Er steht vom Sofa auf und setzt sich auf das breite Fensterbrett. Blickt in die Nacht. Auf die Straße. Sein Privatkino. Jeder Tag ein neuer Film. Auch die Kulissen sind immer ein bisschen anders. Man muss nur genau hinsehen. Die Bushaltestelle. Momentan Palmers-Plakate. Nur wenige Meter weiter glänzt ein makelloser Frauenkörper in mintfarbener Unterwäsche im Leuchtkasten. Mint. Merkwürdig. Kalt und heiß zugleich.

Die Frau auf dem Plakat besteht fast nur aus Strümpfen. Kein Gesicht, nur lange rote Haare, wie ein Wasserfall. Jetzt taucht Dr. Fleischer wieder in seinen Gedanken auf. Wie sie ihn heute Morgen herausfordernd angesehen hatte. Warum kommt er jetzt auf sie und nicht auf Beate? Aber die Gedanken sind frei. Er geht in die Küche und holt sich ein Augustiner aus dem Kühlschrank. Dann setzt er sich an den Küchentisch, wo bereits sein aufgeschlagenes Tagebuch auf ihn wartet.

Liebes Tagebuch,

habe heute schon wieder eine interessante Frau kennengelernt. Also, wenn man das so sagen kann. Ich war auf einer Krimilesung und da haben wir gesprochen. Hinterher. Sie ist Verlegerin. Frau König vom Kronen-Verlag. Den kenn ich sogar. Die haben ein paar tolle Krimis im Programm. Sie hat mich gefragt, ob ich auch mal was schreiben würde. Weil ich mich ja auskenne mit Verbrechen. Mit dem Bösen. Da hat sie nicht ganz unrecht. Ich war ein bisschen zögerlich. So nach außen. Ich wollte mir meine Überraschung und Begeisterung nicht gleich anmerken lassen, cool bleiben. Innerlich bin ich aber fast geplatzt vor Freude! Natürlich will ich schreiben! Das ist doch mein sehnlichster Wunsch!

Ist das jetzt ein Wink des Schicksals? Das es endlich mal gut meint mit mir? Ja, ich werde schreiben! Und, mein liebes Tagebuch, sei beruhigt, ich werde es nicht hinter deinem Rücken tun. Du wirst all meine Gedanken lesen können, denn ich werde meine Gedanken auf deinen Seiten zum Leben erwecken.

Kann ich denn überhaupt schreiben? Also ein Buch? Mehr als die persönlichen Worte, die ich an dich richte, mit denen ich versuche, meine Tage und Erlebnisse für mich und die Nachwelt festzuhalten? Kann ich das? Aber wenn das andere Kriminaler machen, warum sollte ich das nicht auch können? Klar! Was wäre denn mein Thema? Ich möchte etwas schreiben, das bewegt, Emotionen hervorruft, das klug ist, meine Erfahrungen und meine Träume widerspiegelt, meinen eigentümlichen Blick auf die Welt und meine Stadt. Einen Text, dessen Tiefe und Originalität Beate in Ehrfurcht erstarren lässt, wenn sie mein Buch liest. Das sie dazu bringt, in mir endlich das zu sehen, was ich bin: ein tiefsinniger Mann voller Gedanken, voller Fantasie. Der es versteht, die Stadt, in der auch sie lebt, so wunderbar zu beschreiben, der sich beweisen muss in grauenhaften Kriminalfällen, die nur ein Mann klären kann, der tief in die menschliche Seele hineinschaut. Es muss natürlich ein hammerharter Fall sein. Am besten ein Serienmörder. Mindestens!

›Ja, mindestens‹, denkt er jetzt. Denn als normaler Kriminaler erlebt man ja nicht so viel. Also besondere Sachen. Und so richtig aufregend ist so eine Wasserleiche auch nicht. ›Ja, ich würde schon gern ein spannendes Leben führen‹, sinniert Hummel weiter und macht sich noch ein Bier auf. Er steckt sich eine Zigarette an und geht ins Wohnzimmer, raucht am offenen Fenster, sieht in die Nacht hinaus. Das Licht in der Bushaltestelle ist erloschen. Frau Palmers schläft bereits.

Würschtlhimmel

Morgenstund in Maders Büro. Mader ist erschreckend munter. Große Geste: »Überstunden, Stress, zu wenig Geld, zu wenig Personal. Und jetzt noch diese Wasserleiche. Wir brauchen dringend Verstärkung!«

»Allerdings«, sagt Hummel.

Zankl nickt.

»Tja, bisher ging da ja gar nix. Aber ganz plötzlich bekommen wir …«

»… einen Mann zusätzlich?«, fragt Zankl ungläubig.

»Nein.«

»Nein?«

»Keinen Mann. Eine Frau.«

Hummel und Zankl starren ihn an.

»Habt’s ihr ein Problem?«

Die beiden sagen immer noch nichts.

Aber Mader: »Die ist echt super für ihre achtundzwanzig: Jahrgangsbeste auf der Polizeischule, in Passau bei der organisierten Kriminalität, dann zwei Jahre bei der Drogenfahndung in Starnberg und jetzt bei der Mordkommission. Bei uns.«

»Ab wann?!«, fragt Zankl mit mehr als einem Anflug Panik.

»Ab sofort«, sagt Mader und lächelt zuckersüß. »Macht’s euch auf frischen Wind gefasst. Sie kommt um zehn. In ein paar Minuten.«

Zankl sieht Hummel vielsagend an.

Schon klopft es an der Tür.

›Boah!‹, denkt Zankl.

›Boah!‹, denkt Hummel.

Kongruenz. Auch wenn beide diese Lautmalerei im Normalfall anders einsetzen würden. Kein oberweitendefinierter Machotraum betritt den Raum. Eine kleine stämmige Person mit kurzen rotblonden Haaren und Sommersprossen im bäuerlichen Gesicht.

›Das SAMS!‹, stöhnt Zankl. Zum Glück lautlos.

»Servus, ich bin die Roßmeier Doris«, sagt das SAMS mit fester Stimme und streckt Zankl die Hand hin. Der ergreift sie zögerlich und lächelt gequält. »Zankl.«

Ihr Händedruck ist fest. Zu fest für seinen Geschmack.

»Servus Zankl. Ich bin die Doris. Für Freunde: Dosi. Und Obacht: mein Vater ist Pferdemetzger.«

»Ja, wir brauchen jemanden fürs Grobe.«

Dosi lacht.

Und Mader strahlt. »Der Roßmeier Das waren noch Zeiten. Damals in Passau.«

Jetzt strahlt auch Dosi.

Zankl sieht Mader erstaunt an. »Wann waren Sie denn in Passau?« Er spricht den Ortsnamen aus, als würde...

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