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Wild

Allein zwischen den schroffen Gipfeln der Rocky Mountains. Doch die größte Gefahr geht nicht von der Natur aus …

Wildtierbiologin Alex Carter entgeht bei einer öffentlichen Ehrung nur knapp einem Amokläufer: Nur der gezielte Schuss eines Unbekannten rettet ihr das Leben. Verstört von den Ereignissen nimmt sie spontan ein Jobangebot an, das sie in die Wildnis Montanas führt. Dass ihr die Dorfbevölkerung am Fuße der Berge nicht allzu freundlich gesinnt ist, stört sie wenig, doch die Übergriffe auf sie werden immer dreister. Da filmen ihre Nachtsichtkameras einen Verletzten, der durch den Wald irrt – den sie aber nicht wiederfindet. Bald ist klar, dass die Bewohner dieser Wildnis ein grauenhaftes Geheimnis hüten. Aber als Alex das Ausmaß der Verbrechen begreift, ist es bereits zu spät …

»Ein eher ungewöhnlicher Thriller, der Trendthemen bedient und für eine breite Zielgruppe geeignet ist.« Deborah Schneider, EKZ-Bibliotheksservice, KW 18/2021

»„Wild“ ist in rasanter Krimi-Aktion verpackte Umweltaufklärung par excellence.« Manfred Hitzeroth, Oberhessische Presse, 02.10.2021


  • Erscheinungstag: 23.03.2021
  • Aus der Serie: Ein Alex Carter Thriller
  • Bandnummer: 1
  • Seitenanzahl: 400
  • ISBN/Artikelnummer: 9783749950621
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Für Norma,
die ihre Liebe für Mystery-Romane mit mir teilte und immer einen für mich schreiben wollte

Für Jason
Seine unermüdlichen Ermutigungen und seine Unterstützung sind einmalig

Und für all die Aktivisten und Umweltschützer da draußen, die für die Erhaltung gefährdeter Arten kämpfen – und für ihr Zuhause, die Wildnis

1. KAPITEL

Die Einweihungsfeier des neuen Feuchtbiotops war ein voller Erfolg, bis der Mann mit der Waffe auftauchte. Alex Carter war rundum zufrieden, schaute im strahlenden Sonnenschein hinaus auf das grüne Sumpfgebiet. An den wenigen Bäumen zeigte sich bereits das erste Gold und Scharlachrot des Herbstes. Wo sich der blaue Himmel in vereinzelten Tümpeln spiegelte, stand ein großer blauer Fischreiher und stierte ins Wasser, lauerte auf Beute. Noch war es sonnig, aber am Horizont brauten sich riesige Kumuluswolken zusammen, und sie wusste, dass noch vor Tagesende ein Unwetter über der Stadt niedergehen würde.

Der Bostoner Stadtrat Mike Stevens stand auf der provisorischen Bühne und sprach vor einer Versammlung von Naturfreunden, die den bereitgestellten Wein und Käse genossen. In einer Ecke der Bühne signalisierte eine perfekt frisierte Fernsehreporterin im blütenweißen Hosenanzug ihrem Kameramann, ja nicht die Tonaufnahme zu vergessen. Alex würde sich gleich von der Frau interviewen lassen, und sie hatte jetzt schon ein flaues Gefühl im Magen.

Alex blickte an sich herab – alte Jeans, schwarzer Thermo-Pulli unter einer schwarzen Fleecejacke. Schlammverkrustete Wanderstiefel. Ihre langen braunen Haare waren zum Pferdeschwanz zurückgebunden. Alex erinnerte sich nicht, ob sie sie am Morgen gebürstet hatte, vermutete aber, dass dem nicht so war. Obwohl Alex’ beste Freundin Zoe darauf beharrte, dass etwas Make-up Alex’ blaue Augen größer erscheinen ließ, hatte sie sich auch heute Morgen nicht geschminkt.

Christine McCarty, die Gründerin von »Save Our Wetlands Now«, trat lächelnd auf Alex zu und schob sich die windzerzausten Haare hinters Ohr. Sie legte die Hand an Alex’ Ellbogen und flüsterte: »Danke, dass Sie gekommen sind.«

»Ist mir ein Vergnügen.«

Letztes Jahr hatte Christine Alex angesprochen und gefragt, ob sie unentgeltlich eine Umweltverträglichkeitsstudie für das Sumpfgebiet anfertigen würde. Eine Entwicklungsgesellschaft hatte angekündigt, hier Luxus-Eigentumswohnungen und Einzelhandelsflächen bauen zu wollen, wodurch mehr als hundert Vogelarten bedroht wären. Alex wohnte seit einiger Zeit in Boston, weit weg von den wilden Orten, nach denen ihr Herz schrie. Bei der Rettung einer kleinen Ecke unberührter Natur zu helfen, war eine Herzensangelegenheit für sie.

Nach der Fertigstellung ihrer Studie war die Öko-Gemeinde in Aktion getreten, hatte an Rathaustreffen teilgenommen und Petitionen eingereicht. Am Ende hatte die Stadt den Lebensraum der Vögel als Schutzgebiet ausgewiesen, und die Entwicklungsgesellschaft hatte ihre Pläne zurückgezogen.

Und heute wurde gefeiert.

Nun blickten sie und Christine zur Bühne, wo Stevens gerade über Bürgerpflichten schwadronierte und darüber, von welch großer Bedeutung der Erhalt unberührter Naturflächen für das Wohlbefinden der Bevölkerung sei. Tatsächlich aber war Stevens eine der treibenden Kräfte hinter dem Bauprojekt gewesen, nachdem er eine hübsche Summe zugesteckt bekommen hatte. Nun versuchte er verzweifelt, sein Gesicht zu wahren, indem er so tat, als hätte er den Schutz des Sumpfgebiets von Anfang an befürwortet.

»Unglaublich, was die Witzfigur da erzählt«, sagte Christine leise zu Alex. »Die ganze Zeit hat er uns bekämpft, hat mir sogar Hass-Mails geschickt. Und jetzt tut er so, als wäre alles auf seinem Mist gewachsen.« Sie schüttelte den Kopf. »Na ja, jedenfalls weiß ich, für wen ich bei der nächsten Wahl nicht stimmen werde.«

Alex beobachtete das Dauergrinsen des Mannes. »Ich frage mich, ob er das Schmiergeld behalten durfte.«

Christine verschränkte die Arme vor der Brust, blinzelte in die Sonne. »Auf jeden Fall war er stinksauer, als das Projekt platzte.«

Einige andere Parteien waren darüber ebenfalls nicht sonderlich erfreut gewesen, darunter die Firma, die den Zuschlag für den Bau der Eigentumswohnungen erhalten hatte.

Aber jetzt stand dieses schöne Gebiet unter Schutz, würde ein Zufluchtsort für die Tierwelt und ein Naherholungsgebiet für Bostons Bevölkerung bleiben. Es kam nicht oft vor, dass in Umweltfragen im Sinne der Naturschützer entschieden wurde, und Alex’ Herz hüpfte vor Freude.

Nachdem Stevens zehn Minuten lang geredet hatte, ging Christine einige Schritte auf den Stadtrat zu und signalisierte ihm mit vielsagendem Blick, langsam zum Ende zu kommen. »Genießen Sie Ihr neues Naturschutzgebiet!«, verkündete er unter zurückhaltendem Applaus, der aufbrandete, als die Leute merkten, dass er mit seiner Rede fertig war.

Als er von der Bühne ging, winkte die Reporterin Christine heran. »Sind Sie die Biologin? Ich soll eine Biologin interviewen.«

Christine deutete auf Alex. »Das ist sie.«

Na toll, dachte Alex. Den Wölfen zum Fraß vorgeworfen. Sie lächelte gezwungen, als die Reporterin ungeduldig zu ihr herabblickte. »Sie sind Carter? Kommen Sie hier rauf. Ich will nicht, dass meine Absätze im Matsch versinken.«

Alex stieg auf die Bühne.

»Alles klar, Fred. Kamera ab.« Der Kameramann drückte auf Aufnahme, und Alex merkte, dass sie mit leerem Blick in die Linse schaute. Ein paar Leute blieben vor der Bühne stehen, um sich das Interview anzuhören.

Eine völlige Verwandlung überkam die Reporterin, von unwirsch zu überschwänglich nett. »Hier ist Michelle Kramer auf der Einweihungsfeier des neuen Feuchtbiotops vor den Toren Bostons.« Mit ausladender Geste deutete sie auf die Umgebung. »Dieses Gebiet wird von der Stadt fortan als schützenswerter Lebensraum für die Tierwelt ausgewiesen.« Sie wandte sich Alex zu. »Dr. Carter, Ihre Studie trug wesentlich dazu bei, dieses Gebiet unter Schutz zu stellen. Welche Wildtierarten nutzen denn dieses Gebiet?«

»Neben den Spezies, die hier ganzjährig leben, nutzen es viele Zugvögel als Zwischenstopp, nachdem sie Hunderte von Meilen geflogen sind.«

Michelle kicherte affektiert. »Hunderte von Meilen! Da hoffe ich nur, dass sie keine Kinder auf dem Rücksitz haben, die krähen: ›Wann sind wir endlich da?‹«

Alex war perplex, wusste einen Moment lang nicht, was sie sagen sollte. Ihr gelang ein kleines Lachen. »Ja, hoffentlich nicht. Jedenfalls sind viele Zugvögel, die es einst im Überfluss gab, heute bedroht, weil sie durch Entwaldung und Bodenversiegelung zunehmend ihren Lebensraum verlieren.«

Die Reporterin schaute auf die Notizen in ihrem Handy. »Dr. Carter, es heißt, dass wir neben dem Schutz solcher Gebiete auch andere Dinge tun können, um unseren einheimischen Zugvögeln zu helfen.«

Alex lächelte und nickte, fühlte sich vor Nervosität wie betäubt. »Ja, es gibt eine Reihe von sehr einfachen Dingen, die wir tun können, um Zugvögeln zu helfen.«

»Interessant!«, sagte Michelle und nickte, obwohl Alex noch gar nicht ins Detail gegangen war.

Für Alex war offensichtlich, dass die Frau sich nicht für das Thema interessierte, aber sie erzählte einfach weiter. »Allein in den USA sterben jährlich bis zu eine Milliarde Vögel durch Kollisionen mit Glasscheiben.«

»Mhm«, machte Michelle und strich sich eine verirrte Haarsträhne aus dem Gesicht.

Immer mehr Leute traten vor die Bühne, um sich das Interview anzuhören.

»Und wir können diese Vogelmortalität verringern, indem wir zu Hause und im Büro Aufkleber an den Fenstern anbringen, zum Beispiel Vogelsilhouetten. Es gibt sogar Klebebandstreifen, die für uns nicht sichtbar sind, für Vögel hingegen schon.«

»Klingt nach viel Arbeit«, sagte Michelle und kicherte erneut.

»Nein, es ist eigentlich ganz einfach«, versicherte ihr Alex. »Und es gibt noch etwas anderes, das jeder tun kann, um Vögeln zu helfen.«

»Und das wäre?« Michelle lächelte kokett in die Kamera.

»Viele Leute wissen nicht, dass Zugvögel zur Navigation die Sterne nutzen.«

»Oooh! Ich liebe Sterne. Die Vögel müssen eine Sternengucker-App haben, wie die in meinem Handy.« Schon wieder kicherte sie.

»Das wäre sicherlich praktisch, aber leider sind die Vögel darauf angewiesen, dass der Himmel dunkel ist, damit sie den Polarstern erkennen können«, erklärte Alex und versuchte, nicht den Faden zu verlieren. »Aber wegen der immensen Lichtverschmutzung in unseren Städten haben die Vögel große Probleme damit. Man kann ihnen helfen, indem man nachts das Licht auf der Veranda ausschaltet oder einen simplen Bewegungsmelder installiert, der das Licht nur dann angehen lässt, wenn man es tatsächlich braucht. Zudem ist so eine Schaltung ein besseres Warnsystem als eine herkömmliche Alarmanlage.«

Michelle lachte. »Nun, wenn wir schon dabei sind, könnten wir auch gleich unsere Häuser renovieren und neue Stromleitungen verlegen, oder?«

Alex blinzelte. »Die Installation dauert nur ein paar Minuten, und wenn wir alle mitmachen und die Hausmeister unserer Bürogebäude dazu anhalten, nach Büroschluss das Licht auszuschalten, könnten Milliarden von Vögeln –«

»Bei Ihnen klingt das so einfach«, sagte Michelle. »Sie müssen eine Menge Freizeit haben.«

»Nun, eigentlich ist es ganz leicht –«

Michelle grinste in die Kamera und fiel Alex ins Wort. »Und das war unser heutiger Feldreport. Kommt her, Bostoner, und genießt euren neuen Naturpark!« Dann senkte sie das Mikrofon, und Fred schaltete die Kamera aus.

Ein Raunen ging durch die Menge, und Alex sah, dass sich die meisten Leute umgedreht hatten und in die entgegengesetzte Richtung schauten. Sie wichen vor einer Person zurück, die zwischen ihnen hin und her lief. Dann schrie eine Frau auf, und ein Mann fuhr herum und rannte mit angsterfüllter Miene davon. Er stürmte ins morastige Wasser, strauchelte und stürzte der Länge nach in den Schlamm.

Dann trat gespenstische Stille ein, und alle wichen von der Bühne zurück. Ein Mann trat vor und stieß zwei erschrockene Leute aus dem Weg. Er hielt eine Waffe in der Hand, zielte auf Alex.

Sie erstarrte, blieb wie festgefroren am Bühnenrand stehen. Sie erkannte ihn – sie hatte ihn bei einigen der Gemeindetreffen gesehen. Seine Firma hatte die Ausschreibung für den Bau der Eigentumswohnungen gewonnen. Sie überschlug ihre Optionen. Sollte sie sich hinwerfen? Wegrennen? Sich auf den Kerl stürzen? Er fuchtelte mit der Waffe herum, richtete sie jetzt auf den Stadtrat, dann auf Christine, dann wieder auf Alex.

»Ihr Ökos habt mein Leben ruiniert!«, brüllte er, drehte sich um und richtete die Waffe auf die Menschenmenge. Die Leute schrien auf, stoben nach hinten und stießen sich gegenseitig aus dem Weg. »Und jetzt seid ihr hier draußen und feiert?!«

Der Mann fuhr wieder herum und zielte auf Alex. Die Reporterin gab dem Kameramann ein Zeichen, dass er filmen sollte, und der Pistolenmann wandte sich ihr zu, lodernde Wut im Blick. »Sie filmen? Halten Sie das Ganze für Entertainment?«, brüllte er.

Die Waffe ging so plötzlich los, dass Alex zurücksprang und ihr die Ohren klingelten. Der schneeweiße Hosenanzug der Reporterin verfärbte sich rot am Bauch, und einen Moment lang stand die Frau nur perplex da, mit offenem Mund, ehe sie von der Bühne stürzte und in den Matsch fiel. Der Kameramann ließ seine Ausrüstung fallen, sprang ihr hinterher und beugte sich über sie. Er griff nach seinem Handy und wählte 911.

Die Leute rannten schreiend davon, und der Schütze wirbelte herum und gab mehrere Schüsse auf die Menge ab. Alex konnte nicht sagen, ob jemand getroffen worden war. Einige warfen sich zu Boden, kauerten sich zusammen und blickten verzweifelt über die Schulter. Ein Mann mit einer schwarzen Kappe sprintete davon und erreichte die nächste Baumgruppe.

Der Stadtrat, der neben Christine stand und die Szene aus ungläubig aufgerissenen Augen beobachtet hatte, fasste sich ein Herz und sagte: »David, es tut mir leid, dass das Projekt nicht durchgewunken wurde. Aber es wird andere Projekte geben.«

»Und was soll das nutzen?«, spie David aus. »Ich habe meine Firma bereits verloren! Ich bin bankrottgegangen, als das Projekt nicht durchkam. Meine Frau hat mich für ein reiches Golfprofi-Arschloch verlassen.«

»Tut mir leid, das zu hören, David«, sagte der Stadtrat. »Aber die Leute hier haben Ihnen nichts getan.«

Alex wollte davonschleichen und hinter der Bühne in Deckung gehen, doch sie befürchtete, dass der Mann dann auf sie schießen würde. Und allmählich begann sie, den Politiker mit den zwei Gesichtern zu mögen. Wenigstens brachte er den Mut auf, mit dem Kerl zu reden.

»Wollen Sie mich verarschen, oder was?«, sagte David. »Das sind genau die Leute, die mich in den Ruin getrieben haben. Regen sich wegen ein paar Scheißvögeln auf! Die haben meine Firma kaputt gemacht!« Seine Waffenhand zitterte vor Wut.

»Ich nicht«, versicherte ihm der Stadtrat. »Ich wollte, dass das Projekt bewilligt wird. Ich habe hart dafür gekämpft.«

Und jetzt versucht er wieder, seinen Arsch zu retten, dachte Alex.

»Nicht hart genug.« David drehte sich zur Seite und richtete die Waffe auf die Menge. »Und jetzt werde ich so viele von euch Arschlöchern abknallen, wie ich kann.«

Der Stadtrat fuhr herum und rannte los, worauf David sich umdrehte und ihn ins Visier nahm. Christine erstarrte, als die Waffe mit einem kakofonischen Knall losging und der flüchtende Politiker zusammenzuckte und stürzte. Aber dann rappelte er sich wieder auf und rannte weiter. Die Kugel hatte ihn verfehlt. Christine schaute zitternd zu Alex hinüber, zögerte. Dann eilte sie zu ihr. David bemerkte die Bewegung und richtete seine Waffe auf die beiden Frauen.

Alex packte Christine am Handgelenk und sprang. Sie landeten im Gras und krochen unter die kniehohe Bühne. Über ihnen hörten sie Davids schwere Schritte. Er kam auf sie zu. Gleich würde er direkt über ihnen stehen und durch die dünnen Bühnenbretter auf sie schießen.

Alex drückte Christines Hand und flüsterte: »Lauf!« Dann kroch sie unter der Bühne hervor, sprang auf und rannte auf die nächste Baumgruppe zu, die gut hundert Meter entfernt war. Ihre Wanderstiefel quietschten auf dem schlammigen Untergrund, sanken bei jedem Schritt ein, während sie einen wilden Zickzackkurs rannte, um kein leichtes Ziel abzugeben, und versuchte, dabei nicht über Grasbüschel zu stolpern. Christine rannte ihr hinterher, und sie hatten gerade ein Drittel des Weges zu den Bäumen zurückgelegt, als ein weiterer Schuss krachte.

Alex machte sich auf den Schmerz gefasst, doch er blieb aus. Christine rannte links neben ihr her, blanke Panik im Gesicht. Auch sie wurde nicht getroffen, als eine weitere Kugel an ihnen vorbeizischte.

Alex blickte über die Schulter. Der Schütze war ihnen dicht auf den Fersen, seine ausgestreckte Waffenhand zielte auf Alex. Sie scherte nach links aus und beschleunigte noch einmal ihre Schritte, als erneut gefeuert wurde. Da realisierte sie, dass der Schuss aus viel größerer Entfernung abgegeben worden war, also nicht von David.

Verwirrt schaute sie erneut über die Schulter und sah, dass David stehen geblieben war, sich krümmte und seinen rechten Arm umfasste. Zwischen seinen Fingern sickerte Blut hervor, seine Waffe lag neben ihm am Boden. Hatte jemand aus der Menschenmenge auf ihn geschossen? So hatte es nicht geklungen. Der Schuss war aus größerer Entfernung abgeben worden. Alex rannte weiter.

Christine blieb stehen, blickte verwirrt hinter sich, und Alex rannte zu ihr und zog sie in Richtung der Bäume weiter. David schaute wütend um sich, klaubte mit der linken Hand die Waffe auf und nahm wieder die Verfolgung auf.

Alex’ Herz pochte schmerzhaft. Als sie fast bei den Bäumen war, sah sie, dass die Stämme viel zu dünn waren, um Schutz zu bieten. David würde sie mühelos erschießen können. Panik stieg in ihr auf, während sie fieberhaft nach einem anderen Versteck Ausschau hielt.

»Was machen wir jetzt?«, fragte Christine atemlos.

David kam schnell näher. Er biss vor Schmerz auf die Zähne; Blut lief ihm über den rechten Arm, der schlaff an seiner Seite herabhing. Seine linke Hand, mit der er die Waffe hielt, zitterte. Er taumelte voran, die Wut trieb ihn weiter.

Sie preschte nach rechts und bedeutete Christine, nach links zu rennen, sodass sie sich trennen würden. Sie hatte die Bäume fast erreicht und sah nun, dass die Stämme im Wasser standen. Sie stürmte vorwärts und schlängelte sich zwischen den Bäumen hindurch.

David blieb vor der Baumgruppe stehen. Er hob seine Waffe, nahm sich Zeit zum Zielen.

Alex war nur wenige Meter von ihm entfernt. Ihre Stiefel sanken ins Wasser und verlangsamten ihre Schritte. Nur ein fünfzehn Zentimeter breiter Baumstamm stand zwischen ihr und einer tödlichen Kugel.

In der Ferne erklang ein weiterer Schuss. Entsetzt registrierte Alex, wie Davids Stirn explodierte. Er kippte vorwärts in den Matsch und blieb reglos liegen. Blut floss in das bräunliche Wasser.

Alex zwang ihren Körper, sich zu Christine zu bewegen, die fünfzehn Meter entfernt hinter einigen Bäumen kauerte.

Sie schaute zu David hinüber, der reglos am Boden lag. Die Kugel hatte ihn in den Hinterkopf getroffen, das konnte er unmöglich überlebt haben. Doch sie würde nicht genauer hinschauen. Sie hockte sich neben Christine und flüsterte: »Dort draußen ist ein zweiter Schütze.« Aufgrund der Schussbahn nahm Alex an, dass die Person aus der Baumgruppe auf der anderen Seite der Bühne schoss, von dort aus, wohin sich der Mann mit der schwarzen Kappe abgesetzt hatte. »Wir sollten uns tiefer hineinbewegen und uns hinlegen.«

Das taten sie, bis die andere Baumgruppe aus ihrem Blickfeld verschwunden war. Dann warteten sie. Von ihrer Position aus sah Alex, dass die Menge sich auf die Straße am Rand des Feuchtgebietes zubewegte. Der Kameramann lag neben der Reporterin am Boden und blickte mit angstvoll aufgerissenen Augen um sich.

Alex’ Gedanken überschlugen sich, während sie beinahe hyperventilierte. Wer hatte den tödlichen Schuss abgegeben? Ein zweiter Wahnsinniger? Oder war es die Polizei gewesen? Hatten sie so schnell einen Scharfschützen herschicken können?

Wenige Minuten später hörte sie Polizeisirenen in der Ferne. Sie blickte zur Straße, wo der Stadtrat die Streifenwagen heranwinkte. Zwei Fahrzeuge hielten neben ihm an, und er deutete in Richtung der Leiche des Bauunternehmers. Dann gingen die Polizisten vorsichtig auf den Toten zu und sprachen unterdessen in ihre Schulterfunkgeräte.

Auf halbem Weg traten ein Mann und eine Frau zu den Polizisten heran und deuteten auf die ferne Baumgruppe, von der aus, wie Alex annahm, der zweite Schütze gefeuert hatte. Erneut sprachen die Polizisten in ihre Mikrofone und gingen dann weiter. Zwei andere Beamte waren herbeigeeilt und eskortierten den Mann und die Frau zur Straße zurück.

Alex beobachtete, wie die beiden ersten Polizisten geduckt weiterliefen. Einer näherte sich dem erschossenen Bauunternehmer, der andere rannte um die Baumgruppe herum auf sie zu. Kurz darauf beugte er sich über Alex und Christine, legte Alex trostvoll eine Hand auf den Rücken. Auf seinem Namensschild stand »Officer Scott«. Sein prüfender Blick wanderte über die beiden Frauen. »Sind Sie verletzt?«

Alex schüttelte den Kopf, Christine brachte ein geflüstertes »Nein« heraus.

Der andere Beamte erreichte die Leiche des Bauunternehmers und prüfte dessen Halsschlagader. Er wandte sich seinem Partner zu und schüttelte den Kopf.

Für unbestimmte Zeit lag Alex bäuchlings im feuchten Schlamm und hatte das Gefühl, jeden Moment von einer Scharfschützenkugel getroffen werden zu können. Schließlich gaben die Polizisten Entwarnung. Alex und Christine rappelten sich auf, zitterten in ihren nassen Klamotten.

Sanitäter eilten zu der Reporterin und hoben sie auf eine Trage. Während sie die Frau zum Krankenwagen trugen, lief der Kameramann neben ihnen her. Die Polizisten führten Alex und Christine zurück zur Bühne. Alex konnte nicht anders, als zu dem erschossenen Bauunternehmer hinüberzublicken, einem so gewöhnlich aussehenden Allerweltsmann in Jeans und rotem T-Shirt, mit schütterem Haar und Bierbauch. Sie starrte unentwegt zu ihm rüber. Sie war wie benebelt, als wäre ihr Kopf mit Baumwolle ausgestopft, während die Polizisten um sie herum sich wie in Zeitlupe zu bewegen schienen. Weitere Beamte trafen ein, und Alex stand zitternd da, hörte kaum etwas hinter dem Lärmen ihres pochenden Herzens.

Christine stellte sich zu ihr und nahm ihre Hand, und dann saßen sie einige Minuten lang nebeneinander auf der Bühne und versuchten zitternd, dem Geschehen um sie herum zu folgen. Am äußersten Rand des Sumpfgebiets ging das Stadtleben wie gewohnt weiter. Autos hupten. Leute brüllten einander an. Am Himmel dröhnten Flugzeuge und Hubschrauber. Sogar hier draußen erreichte sie der Gestank der Autoabgase.

Während sie dort saß und Christines kalte Hand hielt – eine Frau, die sie kaum kannte, mit der sie aber nun ein traumatisches Erlebnis verband –, fragte sich Alex, warum sie immer noch in dieser Stadt lebte.

Nachdem sie ihren Doktor in Wildtierbiologie gemacht hatte, war sie hergezogen, um mit ihrem Freund zusammen zu sein und eine Postdoktorandenstelle für ein Forschungsprojekt über den Meisenwaldsänger anzunehmen, einen kleinen Vogel aus der Gattung der Baumwaldsänger. Aber sie und Brad hatten sich vor zwei Monaten getrennt, und das Forschungsprojekt war sogar noch früher beendet gewesen.

Vor der heutigen Feier hatte sie noch erwogen, in Boston wohnen zu bleiben. Nun aber, nach diesem grauenvollen Vorfall mitten im neuen Naturschutzgebiet, vor den Toren einer brodelnden Großstadt voller Leute, die nur darauf warteten, einander an die Gurgel zu gehen, wurde ihr klar, dass es an der Zeit war fortzuziehen.

Sie und Christine gaben ihre Aussagen zu Protokoll. Tatortermittler trafen gemeinsam mit der Presse ein, und die Polizei sperrte das Gebiet weiträumig ab. Schließlich führten die Polizeibeamten sie und Christine zu ihren Autos und sagten, sie würden sich melden, falls sie weitere Fragen hätten. Während Alex in ihr Auto stieg, sah sie zu Officer Scott auf. »Weiß man schon, was passiert ist?«, fragte sie ihn. »Wer der zweite Schütze war?«

Scott schüttelte den Kopf. »Ich kann nichts dazu sagen, tut mir leid. Aber sobald es etwas zu vermelden gibt, wird es sicherlich in allen Zeitungen stehen. Die Presse wird sich um die Geschichte reißen.«

Alex ließ ihr Auto an. Alles, was sie wollte, war, nach Hause zu fahren und es sich mit einem heißen Tee auf der Couch bequem zu machen. Aber als sie nach einer Fahrt quer durch die Stadt an ihrem Apartmentgebäude eintraf, sah sie, dass Officer Scott nicht übertrieben hatte. Vor dem Gebäude erwartete sie bereits eine Schar von Presseleuten, die sich um ihr Auto drängten und ihr Fragen an den Kopf warfen, noch bevor sie richtig eingeparkt hatte.

Und am Himmel über der Stadt brach schließlich das Unwetter los und ertränkte Boston in sintflutartigem Regen.

2. KAPITEL

Reporter drängelten sich vor Alex’ Wagentür, brüllten ihre Fragen heraus. Sie bekam die Tür nicht auf. »Hat der Schütze Sie bedroht?« »Wie fühlten Sie sich als Augenzeugin einer solchen Schießerei?« »Fühlten Sie sich persönlich in Gefahr?«

Sie rutschte auf die Beifahrerseite und schaffte es, sich herauszuquetschen. Kameras blitzten ihr ins Gesicht, Reporter bedrängten sie bis direkt vor die Haustür. »Bitte«, sagte sie, »kein Kommentar. Ich möchte nur nach Hause.« Ihre Beine zitterten, während sie sich durch den Menschenpulk schob.

Die Reporter zerquetschten sie beinahe, ließen nicht locker. »Glauben Sie, dass das Opfer überleben wird?« »Haben Sie den zweiten Schützen gesehen?«

Es gelang ihr, die Haustür aufzuschließen und hineinzuschlüpfen, und noch immer tummelten sich die Medienleute vor der Glastür und filmten sie, riefen ihr Fragen zu. Ihre Wohnung lag im obersten Stockwerk, und sie begann, sich müde die Treppe hinaufzuschleppen.

Während sie die Tür aufschloss, hörte sie im Apartment das Festnetztelefon klingeln. Sie eilte an den Apparat in der Hoffnung, es sei ihre Freundin Zoe. Sie könnte jetzt eine freundliche Stimme gebrauchen.

Aber stattdessen war es ein Boulevard-Reporter. Er fragte sie: »Haben Sie von der Schießerei Handyaufnahmen, die Sie uns verkaufen würden?«

Alex legte auf, doch das Telefon klingelte gleich wieder. Sie nahm ab, diesmal hörte sie eine weinerliche Stimme am anderen Ende der Leitung. »Hier sind die KPLS-News. Wir möchten Sie heute Abend in unsere Nachrichtensendung einladen, um die Schießerei zu schildern.«

Erneut legte Alex auf. Aber das Telefon klingelte abermals. »Lassen Sie mich in Ruhe, verdammt noch mal!«, rief sie in den Hörer.

»Geht’s dir gut?«, fragte Zoe am anderen Ende der Leitung.

Alex seufzte erleichtert. »Zoe! Ist das schön, deine Stimme zu hören! Die Presse ist hinter mir her. Ja, es geht mir gut. Ich bin ziemlich aufgewühlt nach der Geschichte, aber es geht schon.«

»Das glaub ich dir gern«, sagte Zoe. »Ich hab die Bostoner Lokalnachrichten verfolgt, um dein Interview zu sehen, und als ich den Mann mit der Waffe sah, bekam ich fast einen Herzanfall. Ich hab ständig auf deinem Handy angerufen, aber jedes Mal sprang die Mailbox an.«

Alex fischte ihr Handy aus der Tasche. »Ich hab vergessen, dass ich es vor dem Interview ausgeschaltet hatte.« Sie schaltete es wieder ein. Sie spürte, wie der Stress aus ihrem Körper strömte, während sie Zoes Stimme lauschte; sie wusste, dass sie eine großartige Freundin hatte. Sie hatte Zoe Lindquist auf dem College kennengelernt, als sie ihre alte High-School-Oboe entstaubt hatte und für eine College-Produktion von »Der Mann von La Mancha« dem Orchester beigetreten war. Zoe war als Dulcinea gecastet worden, und zwischen Cast-Partys und katastrophalen Proben bis spät in die Nacht hatten sie sich angefreundet und danach nie den Kontakt verloren, auch nicht, als Alex ihren Doktor machte und Zoe nach Hollywood ging, um dort groß rauszukommen.

»Es war grauenvoll«, sagte Alex zu ihr.

»Dann warst du mittendrin, als es passierte?«

»Ja. So etwas möchte ich kein zweites Mal erleben.«

»Glaub ich dir gern. Ist alles in Ordnung mit dir? Wurde der zweite Schütze gefasst?«

Alex zog einen Küchenhocker heran und setzte sich. Durch das offene Fenster konnte sie die Presseleute vor dem Haus hören. »Ich weiß es nicht.«

»Ich hätte entsetzliche Angst gehabt«, sagte Zoe.

Das Gefühl der Betäubtheit, das sie seit der Schießerei mit sich herumtrug, begann abzuklingen. Alex rutschte auf dem Hocker herum, stützte sich mit einem Ellbogen auf den Küchentresen und fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. Sie fühlte sich schrecklich müde. »Hatte ich auch. Es war bizarr.« Sie atmete aus. »Zoe, ich weiß nicht, was ich in Boston noch verloren habe.«

»Die Sache mit Brad hat sich noch nicht geklärt?«

»Da gibt’s nichts mehr zu klären.« Sie und Brad hatten vereinbart, es sei eine vorübergehende Trennung. Seitdem hatten sie einige Male telefoniert und sich ab und zu eine SMS geschickt, aber Alex hatte das Gefühl, sie wussten beide, dass es vorbei war. Sie hatten sich davor schon einmal getrennt, nach einem heftigen Streit während ihrer Doktorarbeit, aber damals hatten sie sich noch einmal zusammengerauft. Sie glaubte nicht mehr daran, dass es ihnen ein zweites Mal gelingen würde.

»Bist du froh darüber, oder macht es dich traurig?«

»Vor allem bin ich erschöpft«, antwortete sie ihr.

Zoe schwieg einen Moment, und Alex hörte im Hintergrund das Brummen einer Säge, dann rief jemand etwas über die Beleuchtung. »Bist du am Set?«

»Ja, ich sitze hier rum und drehe Däumchen, während meine Kollegen dauernd ihren Text vergessen und ihre Szene nicht gebacken kriegen. Stattdessen stopfen sie sich mit Mini-Bagels vom Catering voll.«

Zoe beschwerte sich, aber Alex wusste, dass ihre Freundin es liebte, Schauspielerin zu sein.

»Was für ein Film ist es diesmal?«, fragte Alex.

»Ein Thriller. Etwas Noir-mäßiges. Er spielt in den Fünfzigerjahren, mit allem Pipapo. Du solltest mal meine Frisur sehen. Falls ich ein Türschloss knacken muss, habe ich jedenfalls genug Haarnadeln dabei. Und dieses Tweedkostüm ist so was von kratzig!«

»Fünfzigerjahre klingt lustig. Du darfst dich verkleiden und kriegst Geld dafür.«

»Das ist wahr. Aber es bedeutet auch, dass am Set fünfmal mehr Dinge schiefgehen können. Dauernd heißt es, man soll sich beeilen, und dann geht doch wieder die Warterei los. Der Regisseur brüllt ständig Sachen wie: ›Oh, der Take war toll, außer dass im Hintergrund ein Corolla vorbeifuhr.‹ Oder: ›Hab ich dir nicht gesagt, du sollst die Digitaluhr abnehmen?!‹ Ich bin seit sechs Uhr früh hier und habe noch keine einzige Zeile gesprochen.«

»Du hast ein hartes Leben.«

Zoe lachte. »Hab ich auch! Vor zwei Stunden ist der Blaubeerfrischkäse ausgegangen!«

»Mein Gott – wie kannst du unter so schlimmen Bedingungen überleben? Außerdem dachte ich, du isst keine Beeren mehr.« Zoe war immer auf der einen oder anderen seltsamen Diät und suchte nach Wegen, ihr jugendliches Aussehen zu bewahren, das sie mit ihren dreißig Jahren bereits im Verblassen wähnte.

»Jetzt esse ich wieder Beeren. Ich mache diese Diät, bei der ich zwei Gläser Wasser trinke, ein Ei esse, dann vier Stunden warte und schließlich eine Handvoll ungesalzene Erdnüsse und Blaubeeren futtere.«

»Was für ein Festmahl.« Im Gegensatz zu Alex war Zoe eine leidenschaftliche Esserin, daher wusste sie, dass es für Zoe eine Qual sein musste, Diät zu halten. Für Alex war Essen eine reine Notwendigkeit, der man ohne großes Aufhebens nachkam.

»Diese Diät soll die Haut um die Kieferpartie straffen«, erklärte Zoe. »Obwohl ich nicht weiß, wie das funktionieren soll. Trotzdem ist es einen Versuch wert.«

Alex hatte Mitleid mit Zoe, weil sie mit dem enormen Druck klarkommen musste, den Hollywood auf Schauspielerinnen ausübte; Frauen mussten ewig jung aussehen, männliche Schauspieler hingegen unterlagen nicht diesem Diktat, was dazu führte, dass viele Schauspielerinnen mit zunehmendem Alter immer weniger Arbeit hatten. Zoe hatte ständig Angst davor, obwohl man ihr weiterhin tolle Rollen anbot. Das lag nicht zuletzt an ihrer einnehmenden Art, ihrer herausragenden Fähigkeit zu netzwerken und daran, den richtigen Leuten zu schmeicheln, selbst wenn sie deren Arroganz unerträglich fand.

»Also, wie geht’s dir wirklich?«, fragte Zoe mit etwas leiserer Stimme. »Ich meine, wegen der Schießerei.«

»Ich bin noch völlig durch den Wind«, sagte Alex wahrheitsgemäß. »Etwas zittrig.«

»Dachtest du, der Kerl würde dich umbringen?«

»Ja, sicher. Viel hat nicht gefehlt. Ohne den zweiten Schützen würden du und ich jetzt wahrscheinlich nicht miteinander reden.«

»Oh Gott, Alex. Hast du jemanden, mit dem du was trinken gehen kannst?«

»Du meinst, ich soll Brad anrufen?«

»Ich meine, irgendwen.«

»Mir geht’s gut«, versicherte ihr Alex. »Ich muss mich einfach auf der Couch einkuscheln und eine Weile abschalten.« In dem Moment hupte unten ein Auto, und jemand fluchte auf dem Bürgersteig. Sie hörte, wie eine Van-Tür zugeworfen wurde, wahrscheinlich ein weiteres Filmteam, das gerade eintraf. »Und vermutlich muss ich aus dieser Stadt verschwinden.«

»Wie ist denn davor das Fernsehinterview gelaufen?«, fragte Zoe. »Meinst du, es hat etwas bewirkt?«

»Keine Ahnung. Die Reporterin war total oberflächlich und geschwätzig.« So über die Frau zu reden, die wahrscheinlich gerade im Krankenhaus operiert wurde und um ihr Leben rang, behagte Alex nicht. »Ich bin mir nicht mal sicher, ob das Interview jetzt noch gesendet wird.«

»Tut mir leid, dass es nicht so gelaufen ist, wie du es dir erhofft hattest. Ich weiß, wie aufgeregt du warst.« Ein lauter Signalton ertönte an Zoes Ende der Leitung. »Es geht los. Sie brauchen mich am Set.«

»Okay. Halt durch. Hoffentlich liefert euch jemand eine neue Ladung Blaubeerfrischkäse.«

»Das wäre gut möglich«, sagte ihre Freundin. »Aber ich würde ihn eh nicht essen. Beeren, ja. Käse, nein. Ich rufe dich nachher noch mal an.«

»Danke dir.« Alex legte auf, und sofort klingelte wieder das Telefon.

Weil sie – naiverweise – annahm, dass Zoe ihr noch etwas sagen wollte, ging Alex ran. Eine eilige Stimme sagte: »Hier ist Diane Schutz vom Boston View. Wären Sie bereit, mir ein Exklusivinterview über Ihre Erfahrungen als Augenzeugin der heutigen Schießerei zu geben?«

»Nein, bin ich nicht«, antwortete Alex und legte auf. Im nächsten Moment klingelte auf dem Küchentresen das Handy, und sie zuckte zusammen. Sie schaute aufs Display und sah, dass die Nummer unterdrückt war, deshalb tippte sie auf »Ignorieren«. Es klingelte erneut und zeigte nun eine unbekannte lokale Nummer an. Da ihr nicht der Sinn danach stand, mit weiteren Reportern zu sprechen, schaltete sie das Handy kurzerhand aus und ließ sich auf die Couch fallen.

Was für ein Nachmittag. Sie brachte nicht einmal die Energie auf, sich einen Tee zu machen. Sie starrte auf die Umzugskartons, die ihr Ex-Freund Brad gepackt, aber bisher nicht abgeholt hatte. Brad liebte Boston, er blühte hier auf, aber je länger Alex in dieser Stadt lebte, desto weniger schien sie sie und ihre Bewohner zu verstehen – wie die Leute tickten, worüber sie nachdachten, was sie wertschätzten.

Schließlich stand sie doch auf, machte sich einen Tee und versuchte, den Tag für sich zurückzuerobern. Am Küchentresen nahm sie einen Schluck und schaltete den Fernseher ein, nur um mit endlosen spekulativen Berichten über die Schießerei konfrontiert zu werden. Der zweite Schütze war der Polizei entkommen, und es gab keine Neuigkeiten über den Zustand der Reporterin. Sie schaltete den Fernseher aus.

Sie hatte den ganzen Tag noch nichts gegessen, war am Morgen wegen des anstehenden Interviews zu nervös gewesen, um zu frühstücken. Schließlich schaltete sie das Handy wieder ein, um sich etwas zu essen zu bestellen. Meldungen über Dutzende verpasster Anrufe poppten auf, die meisten mit unterdrückten oder unbekannten Nummern. Aber ihr Dissertationsberater aus Berkeley hatte angerufen und eine Nachricht hinterlassen, ihn so schnell wie möglich zurückzurufen. Sie hatte seit einem Jahr nichts mehr von ihm gehört, seit sie die Postdoc-Stelle in Boston angenommen hatte.

Sie rief ihn an, und nach dem zweiten Klingeln ging er ran. »Phillip!« Dr. Phillip Brightwell war ein herzlicher, geselliger Mann, der für sie als Leiter ihres Dissertationskomitees ein wahrer Segen gewesen war. Ihre Doktorarbeit in Berkeley hatte er unermüdlich unterstützt, und sie war ihm zu großem Dank verpflichtet.

»Dr. Carter!«, erwiderte er, wie immer darauf bedacht, sie mit ihrem offiziellen Titel anzusprechen. Sie musste zugeben, dass ihr der Klang des Worts gefiel.

»Wie ist es in Kalifornien?«, fragte sie.

»Ach, Sie wissen doch, verflucht sonnig und mild. Was gäbe ich jetzt für ein richtig schönes Gewitter.«

»Nun, hier regnet es in Strömen, falls Sie etwas davon abhaben wollen.« Sie vermisste Kalifornien, die kreative Atmosphäre und die seltsam verdrehten Jahreszeiten, in denen im Januar die Blumen erblühten und San Franciscos zahllose verwunschene Treppenaufgänge mit einer exotischen Blütenpracht schmückten. Sie hatte die Bay Area nicht verlassen wollen, sondern war nur an die Ostküste gezogen, um bei Brad zu sein, nachdem er einen Job in einer angesehenen Anwaltskanzlei bekommen hatte.

»Und wie läuft es in Boston?«, fragte Phillip sie.

»Es war ein denkwürdiger Tag heute.«

»Warum das?«

»Ich war bei der Einweihungsfeier eines Feuchtbiotops, und plötzlich ist ein bewaffneter Mann aufgetaucht.« Ihre Stimme zitterte, während sie es aussprach, obwohl sie versuchte, unbeschwert zu klingen.

»Oh mein Gott. Geht es Ihnen gut?«

»Ja, danke.«

»Das klingt ja schrecklich.«

»War es auch.«

Er seufzte vernehmlich. »Es erleichtert mich zu hören, dass Sie wohlauf sind. Möchten Sie darüber sprechen?«

»Es geht schon, danke«, log sie.

Sie hörte, wie er auf seinem Schreibtisch einige Papiere herumschob. Sie konnte ihn sich in seinem Büro vorstellen, die Ellbogen auf die Mahagoni-Tischplatte gestützt, auf allen Seiten Berge von Unterlagen, die Regale übervoll mit Büchern. »Hören Sie, Alex, ich weiß, wie sehr Sie Brad mögen und dass Sie nach Boston gezogen sind, um bei ihm zu sein, aber was würden Sie von einem Job in freier Wildbahn halten?«

»Um dort was zu tun?«, fragte sie und setzte sich wieder auf den Hocker.

»Vielfraße studieren.«

Schlagartig hob sich Alex’ Laune. Vielfraße bedeuteten die Berge, und Berge bedeuteten zerklüftete, schroffe Landschaften, mit Wildblumen übersäte Wiesen und – vielleicht das Beste von allem – ein wenig Einsamkeit und Ruhe. »Nun, das weckt durchaus mein Interesse …«

»Ein alter Freund von mir ist der Geschäftsführer des ›Land Trust for Wildlife Conservation‹, kurz LTWC. Haben Sie schon mal davon gehört?«

»Habe ich.« Sie wusste, dass die Stiftung riesige Gebiete für Wildtierreservate erworben hatte und dass viele Leute ihren Grundbesitz der Stiftung schenkten oder ihr zum Schutz der Wildtiere und Wasserwege die Nutzungsrechte übertrugen. In anderen Teilen der Welt setzte der LTWC sich für die Unterbindung von Wilderei und Tierhandel ein.

»Die Stiftung hat sich eine massive Landschenkung gesichert. Es handelt sich um ein ehemaliges Ski-Resort in Montana, einem Mekka der Finanzelite ab den 1930er-Jahren bis hinein in die Sechziger. Anfang der Neunziger wurde das Resort dann geschlossen und seither nicht mehr genutzt. Es ist rund achtzig Quadratkilometer groß, zumeist Gebirgswald und alpine Zonen. Als Erstes hat der LTWC Leute hingeschickt, um das Gebiet zu vermessen und zu kartografieren und die Spezies zu katalogisieren. Inzwischen ist man vor allem an einer Studie über die Vielfraß-Population interessiert.«

»Sie machen mich neugierig.«

»Als das Resort seinerzeit gebaut wurde, gab es noch recht viele Vielfraß-Sichtungen. Mit zunehmender Touristenaktivität nahm die Zahl der Sichtungen jedoch ab und ging irgendwann auf null zurück. Seit 1946 wurde dort oben kein einziger Vielfraß mehr beobachtet. Aber nachdem das Resort nun schon so lange geschlossen ist, fragt sich der LTWC, ob die Vielfraße womöglich in das Gebiet zurückgekehrt sind. Die Stiftung hatte einen Mann dort draußen, aber der musste wegen eines familiären Notfalls übereilt nach London zurückkehren. Die Stelle gehört also Ihnen, falls Sie sie haben wollen.«

Alex saß reglos auf dem Hocker, blinzelte. Draußen wurde wild gehupt, und sie hörte jemanden brüllen: »Aus dem Weg!« In der Ferne heulten Sirenen, und von der Straße wallte der Gestank von Autoabgasen zu ihr hoch. Ständig klingelten Reporter Sturm, wollten sie unbedingt sprechen.

Sie schaute in die Zimmerecke, wo Brads Zeug stand: Jura-Wälzer, ein von Lefty Grove von den Boston Red Sox signierter Baseball, Klamotten und ein paar mit Brads winziger Handschrift vollgekritzelte Notizbücher.

Phillip fuhr fort: »Es würde bedeuten, in steilem Gelände herumzukraxeln, und über den Winter wären Sie allein dort oben. Die Stiftung hat nicht die Mittel, um mehr als eine Person dorthin zu schicken. Aber Sie könnten im alten Resort wohnen, wo es viele freie Zimmer geben dürfte. Ich rate Ihnen aber, sich nicht Shining anzusehen, bevor Sie sich auf den Weg machen.«

Sie lachte und fühlte sich leicht überwältigt angesichts des unverhofften Jobangebots. »Ich mache es«, sagte sie nach einer kurzen Pause.

»Wirklich?« Er klang ein wenig überrascht. »Sie bitten nicht um Bedenkzeit?«

»Das Angebot klingt genau nach dem, was ich brauche.«

»Wunderbar! Ich habe dem Direktor gesagt, was für eine akribische Wissenschaftlerin Sie sind, und er würde sich wahnsinnig freuen, wenn Sie an Bord kämen.«

»Wann soll es denn losgehen?«

Er räusperte sich. »Das ist der nicht so großartige Teil. Der LTWC schickt morgen seinen Regionalkoordinator nach Montana. Er sollte den anderen Biologen treffen, um sich über dessen Ergebnisse zu informieren. Aber nun muss er der neuen Person zeigen, wo es langgeht. Er hat nur einen Tag Zeit, weil er umgehend nach Washington zurückkehren muss, um dort ein Forscherteam zu treffen, das nach Südafrika zu einem Projekt gegen Nashorn-Wilderei aufbricht. Es müsste also morgen sein.«

Alex’ Augen weiteten sich, und sie glitt vom Hocker herunter. »Morgen? Sie wollen, dass ich morgen in Montana bin?«

»Ja. Meinen Sie, das kriegen Sie hin?«

Sie blickte durchs Zimmer und überlegte, welche Ausrüstung sie brauchen würde.

Phillip las ihre Gedanken. »Die nötige Feldausrüstung befindet sich bereits vor Ort. GPS-Geräte, selbstauslösende Kameras, ein Mikroskop. Sie bräuchten also nur Ihre Kleidung mitzunehmen.«

Ihre Gedanken richteten sich auf ihren Kleiderschrank: ihre Stiefel, ihr Wanderrucksack, Wasserfilter, Regenschutz. »Ich kriege es hin«, sagte sie ihm.

»Ausgezeichnet!«

Sie atmete einmal tief durch, stieß die Luft aus. »Danke, Phillip. Um ehrlich zu sein, war ich hier in letzter Zeit ziemlich unruhig, und mit Brad und mir hat es leider nicht besonders gut funktioniert.«

»Oh, tut mir leid, das zu hören. Hier kam es mir so vor, als wären Sie ein Herz und eine Seele.«

Eine Schwere drückte auf ihr Herz. Sie erinnerte sich, wie sie mit Brad lachend über den Campus von Berkeley spaziert war, wie sie alle paar Schritte stehen geblieben waren, um zu knutschen, wie sie sich in goldenen Farben ihre gemeinsame Zukunft ausgemalt hatten. »Die Dinge haben sich geändert«, entgegnete sie und fühlte sich lahm, weil sie alles, was seither geschehen war, in fünf mageren Worten zusammenfasste. Sie wollte nicht, dass Phillip sich unwohl fühlte, weil sie etwas Persönliches erwähnte, also fügte sie schnell hinzu: »Der neue Job klingt also wie gemacht für mich. Eine Chance, hier wegzukommen und einen klaren Kopf zu kriegen. Und um Vielfraße zu studieren.«

»Genau! Um Vielfraße zu studieren!«, pflichtete Phillip ihr bei. »Können Sie sich das vorstellen?«

Sie roch bereits das Gebirge mit seinen von der Sonne erwärmten Kiefernwäldern. »Das kann ich in der Tat.«

Sie hörte am Telefon, wie es beim Professor an der Bürotür klopfte. »Oh, ich habe einen Studententermin. Rufen Sie folgende Nummer an, und die LTWC-Reisekoordinatorin wird Ihnen noch heute einen Flug buchen.« Er las ihr eine Nummer vor, und sie schrieb sie auf einen Zettel, den sie vom Notizblock an ihrem Kühlschrank abriss.

»Viel Glück!«, sagte er und legte auf.

Alex setzte sich wieder auf den Hocker. Montana. Die Rocky Mountains.

Sie wartete einen Moment, um sich zu sammeln, dann begann sie, Notizen auf den Zettel zu kritzeln, Sachen, die sie einpacken musste, und Dinge wie Toilettenartikel, Shampoo und so, die sie vor Ort in Montana kaufen konnte. Aber dann hielt sie inne und fragte sich, was sie hier eigentlich tat. Würde sie morgen wirklich nach Montana fliegen? War das die richtige Entscheidung? Wie wäre es, sich stattdessen mit Brad zu versöhnen? Aber ihr Forschungsprojekt in Boston war abgeschlossen, und das Timing stimmte.

Sie schob ihre Zweifel beiseite und rief die Reisekoordinatorin der Nonprofit-Organisation an. Die Dame war freundlich und effizient und dankte Alex dafür, die vakante Stelle so kurzfristig anzunehmen. Sie buchte Alex auf einen 22-Uhr-Flug, mit dem sie am frühen Morgen in Missoula eintreffen würde, und reservierte ihr am Flughafen einen Mietwagen. Alex sollte ihn bei einer kleinen Autovermietung im ländlichen Nordwesten Montanas abgeben, wo eine Ortsansässige sie abholen und zu dem ehemaligen Resort hochfahren würde. Dort würde ihr ein Pick-up zur Verfügung stehen, um bei Bedarf in die Stadt fahren zu können. Der Wagen war Teil der Landschenkung gewesen. In Gedanken schon beim Packen, bedankte sich Alex bei der Dame und legte auf.

Sie ging zu ihrem Schrank, holte ihren zerschlissenen blauen Rucksack raus und begann, ihre Sachen hineinzustopfen. Funktionsshirts, Fleecejacken und – westen, ein paar warme Mützen, einen Sonnenhut, einige Jeans und Baumwollshirts. Bequeme Schuhe. Im Flugzeug würde sie ihre Wanderstiefel tragen.

Dann hielt sie inne und spürte, wie sich eine kalte Hand um ihr Herz schloss. Ganz rechts im Schrank hingen zwei von Brads alten karierten Baumwollhemden, die er oft in Berkeley getragen hatte, damals, als er noch ganz andere Vorstellungen davon gehabt hatte, was er mit seinem Leben anfangen wollte. Er würde diese Hemden nie wieder tragen. Er würde sie nicht mal mit spitzen Fingern anfassen. Kein Wunder, dass er sie nicht eingepackt hatte. Sie zog den Ärmel des einen heran und drückte ihn ans Gesicht, roch Brads vertrauten Duft. Was war mit ihnen geschehen? Einst waren sie sich so nahe gewesen.

Sie ließ den Ärmel los, trat zurück und atmete ein paarmal tief durch. Sie sollte ihn anrufen und ihn informieren, dass sie Boston verlassen würde.

Sie zog ihr Handy aus der Tasche und wählte seine Nummer. Es klingelte nur zweimal, bevor die Mailbox ansprang, ein Hinweis darauf, dass er auf »Ignorieren« gedrückt hatte. Sie steckte das Handy wieder ein und suchte mit einem Ziehen in der Herzgegend ihre Klamotten zusammen.

Sie schaute auf die Uhr. Es war noch Zeit genug, um bei ihrem Nachbarn vorbeizuschauen, bevor sie ein Taxi zum Flughafen nahm.

Sie ging in den Hausflur und klopfte an seine Tür, wartete und roch den Duft von indischem Essen. Ihr knurrte der Magen. Nach einigen Augenblicken wurde das Guckloch dunkel, während ihr Nachbar Jim Tawny durchschaute. Dann hörte sie, wie er seine zahlreichen Schlösser öffnete. Die Tür ging auf und offenbarte einen massigen Mann in den Sechzigern mit schütterem, quer über den Schädel gekämmtem schwarzem Haar. Dicke Brillengläser, die wahrscheinlich seit 1975 nicht mehr ausgewechselt worden waren, ließen seine grünen Augen verschwimmen. Sein Leibesumfang passte kaum durch die Türöffnung. Sein Polohemd war voller Essensflecken, ebenso seine Shorts mit Spuren von Senf, Ketchup und etwas, das wie Teriyaki-Soße aussah. An seinen Füßen steckten zwei leidgeprüfte Frotteeslipper, deren lange Lebensdauer Alex erstaunte. Sie sahen aus, als seien sie genauso alt wie seine Brille, und ihr einst weißer, flauschiger Stoff war mattgrau und sah aus wie Leder.

Hinter ihm bedeckten Bücher und schmutzige Wäschestücke jede verfügbare Fläche.

»Hallo, Jim«, sagte sie, während er lächelnd auf sie herabblickte, zwischen den Fingern eine Zigarette, deren Rauch sich in den Flur hinauskringelte.

»Hi, Alex. Was kann ich für dich tun?«

»Ich bin für eine Weile weg und frage mich, ob du meinen Farn gießen und das Apartment im Auge behalten könntest?«

»Null Problemo.«

Während ihrer Feldtrips hatte er schon einige Male auf ihr Apartment aufgepasst und war immer verlässlich gewesen. Wo Brad nun aus dem Spiel war, gefiel ihr der Gedanke, dass ab und zu jemand bei ihr reinschauen würde. Sie wohnte nicht gerade in der besten Gegend.

»Wie lange bist du diesmal weg?«

Sie lächelte verlegen. »Könnten ein paar Monate sein.«

»Na, holla!« Er nahm einen Zug von seiner Zigarette. »Ich weiß nicht, wie du das machst. Ich würde verrückt werden, wenn ich so viel Zeit im Freien verbringen müsste.«

»Nun, mir hilft, dass ich gern im Freien bin.«

»Man muss es wohl mögen. Tsss. Keine Klimaanlage, in ein Loch kacken, Brennnesseln. Vergiss es.«

Sie lächelte. Leute wie Jim waren weit verbreitet, sie verstanden den Reiz der Wildnis nicht, größtenteils, weil sie, wie Alex vermutete, noch nie in der Wildnis gewesen waren.

»Aber ich werde auf deine Bude aufpassen«, sagte er.

»Das weiß ich wirklich zu schätzen. Hast du vom letzten Mal noch den Schlüssel?«

»Ja.«

»Danke, Jim.« Sie ging zu ihrer Wohnungstür zurück, und er schob den Kopf in den Flur hinaus. »Was ist es diesmal? Vögel oder Antilopen?«

Er bezog sich auf einen Trip nach Arizona, wo sie Gabelhornantilopen studiert hatte. »Vielfraße.«

»Jesses Maria! Vielfraße! Ich habe auf Animal Planet einen Bericht über die Tiere gesehen. Hast du keine Angst, dass sie dir die Arme abbeißen?«

Sie lachte. »Ich mache mir eher Sorgen, dass ich keine Vielfraße zu Gesicht bekommen werde.«

Er schüttelte den Kopf und zog erneut an seinem Glimmstängel. »Du bist einmalig, Alex. Absolut einmalig.«

Sie lächelte und winkte. »Bis dann, Jim.«

Er schlich in seine Wohnung zurück, und sie hörte, wie seine Schlösser einrasteten.

Zurück in ihrem Apartment, versuchte sie es erneut bei Brad, aber wieder sprang nach zweimaligem Klingeln die Mailbox an. Sie schickte ihm eine SMS: »Ruf zurück, wenn du Zeit hast«, und rief dann ein Taxi.

Zehn Minuten später war sie auf der State Route Richtung Airport, auf dem Weg zu einem neuen Abenteuer. Ihr fiel ein Zitat von John Muir ein: »Die Berge rufen, und ich muss gehen.«

3. KAPITEL

Alex fuhr den Mietwagen vom Parkplatz und ließ den kleinen Flughafen von Missoula hinter sich. Während des Flugs hatte sie kaum geschlafen, war nur eine halbe Stunde lang eingenickt. Trotz des einlullenden Brummens der Triebwerke und obwohl die anderen Passagiere mucksmäuschenstill gewesen waren, hatte sie nicht abschalten können, teils aufgeregt, teils besorgt darüber, worauf sie sich hier einließ. Während der Zwischenlandung in Denver hatte sie die neuesten Forschungsberichte über den Vielfraß runtergeladen. Auf der zweiten Etappe des Fluges hatte sie davon so viel wie möglich gelesen.

Als größtes Mitglied der Marder-Familie besitzt der Vielfraß einen muskulösen Körper mit dichtem, dunkel- oder goldbraun gefärbtem Fell und überraschend lange, extrem kräftige Beine. Mit ihnen kann er auch in zerklüftetem Gelände extrem weite Strecken bewältigen; der Vielfraß steht im Ruf, immer in Bewegung zu sein und sein Revier permanent nach Nahrung zu durchstreifen. Aufgrund seiner immensen Bisskraft und der scharfen Krallen stellt selbst der zäheste Kadaver eine Mahlzeit für ihn dar, sogar die Knochen seiner Beute vermag er zu zermalmen.

Die Vielfraße im Süden Kanadas und dem Norden der USA leben in kalten Regionen, in denen die Durchschnittstemperatur im Sommer nicht die 20-Grad-Marke übersteigt. Für die Aufzucht ihrer Jungen brauchen sie eine geschlossene Schneedecke, da sie ihre Höhlen oft drei Meter tief in den Schnee graben. Das bedeutet, dass die Bergwelt der nördlichen USA ein idealer Lebensraum für den Vielfraß ist. Ebenso bedeutet es, dass es zwischen dem Süden Kanadas und dem amerikanischen Hochgebirge keine zusammenhängende Vielfraß-Population gibt. Stattdessen leben Vielfraße in, wie Biologen es nennen, Subpopulationen, einer Ansammlung loser Verbände, zwischen denen einzelne Exemplare migrieren müssen, um die genetische Gesundheit zu gewährleisten. Da dieser Lebensraum jedoch aufgrund von Straßenbau, Wohnbauprojekten, Öl- und Gaserschließung und dem Verlust der Schneedecke im Zuge der Erderwärmung immer stärker zerfasert, ist die Fähigkeit der Vielfraße, sich zwischen den Verbänden zu bewegen, ernsthaft beeinträchtigt. Hinzu kommt, dass Vielfraße oft Opfer von üblen Schnappfallen werden, die ihnen oder Rotluchsen und Kojoten gelten, und ihre Zahl schrumpft permanent.

Seufzend fädelte Alex in den Verkehr ein. Sie wollte nicht, dass es dem Vielfraß genauso erging wie dem Seenerz, aber oft beschlich sie ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit, wenn sie vom Aussterben bedrohte Tierarten studierte. Wie der Vielfraß gehörte auch der Seenerz zur Familie der Marder. Einst war er in Scharen an der Nordostküste der USA entlanggetollt, von Maine bis rauf nach New Brunswick. Mit seinem üppigen, rötlich braunen Fell war er Ende des neunzehnten und Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts bis zur Ausrottung gejagt worden. Den Vielfraß hätte beinahe das gleiche Schicksal ereilt, und eine Zeit lang war er aus Nordamerika verschwunden gewesen.

Im Navi des Mietwagens ließ sie sich die Route zum nächstgelegenen Coffee-Shop anzeigen. Unterdessen ließ sie Missoula auf sich wirken, eine charmante kleine Uni-Stadt, die von steilen, dicht bewaldeten Berghängen umgeben war.

Nach einer Stippvisite im Coffee-Shop tippte sie nun, bewehrt mit einem schwarzen Tee, ein neues Ziel ins Navi ein und machte sich auf den Weg zur Autovermietung, die sich ganz in der Nähe des Wildtierreservats befand. Sie fuhr nach Norden, vorbei am atemberaubend blauen, von schneebedeckten Gipfeln umrahmten Flathead Lake, bevor sie eine Pause machte und einen weiteren Tee trank. Nach zwei Stunden im Auto prüfte sie ihr Handy. Nichts von Brad.

Sie setzte ihre Fahrt in nordwestliche Richtung fort und gelangte in immer steileres, bergiges Gelände direkt unterhalb der kanadischen Grenze. Nachdem sie Meile um Meile keine einzige Ortschaft oder auch nur ein anderes Fahrzeug gesehen hatte, erreichte sie schließlich ihr Ziel: eine kleine Tankstelle, die gleichzeitig eine Umzugsfirma und eine Autovermietung beherbergte.

Sie gab den Wagen bei dem gleichgültig dreinblickenden Mitarbeiter ab und schaute erneut aufs Handy. Erstaunlicherweise hatte sie in dieser entlegenen Gegend Empfang. Nichts von Brad. Sie hatte noch zwanzig Minuten Zeit, bis man sie hier abholen würde.

Sie blätterte in einigen Magazinen, die im Zeitschriftenregal des kleinen Ladens lagen, war aber in Gedanken ganz woanders. Das flaue Gefühl im Magen war stärker denn je. Sie vermisste Brad. Und sie war einfach abgehauen. Andererseits meldete er sich ja auch nicht.

Schließlich ging sie nach draußen, schleppte ihren Rucksack mit. Sie holte das Handy raus und rief ihren Vater an, der nach dem zweiten Klingeln abnahm.

»Mäuschen!«

»Dad! Rat mal, wo ich bin.«

»In Boston?«

»Nee.«

»In einem vergessenen Tempel im zentralamerikanischen Dschungel?«

»Nee.«

»Hast du endlich den Schrank gefunden, der nach Narnia führt?«

»Nee.«

»Dann gebe ich auf.«

»Ich bin in Montana. Ich habe eine Forschungsstelle, um Vielfraße zu studieren. Ich werde den ganzen Winter hier verbringen.«

»Montana! Nicht schlecht«, sagte er. »Du musst im siebten Himmel sein.«

Sie lachte. »Bin ich auch. Im Moment warte ich an einer Tankstelle auf eine Frau, die mich abholen soll.« Sie zögerte, dachte an die Schießerei. Ihr Herzschlag beschleunigte. Sie konnte immer noch den kalten Matsch spüren, in dem sie und Christine gelegen hatten, versteckt zwischen den Bäumen. »Vor meiner Abreise ist etwas passiert.«

Sofort klang er besorgt. »Was?«, fragte er.

»Bei der Einweihungsfeier, bei der ich interviewt wurde, gab es eine Schießerei.«

»Wie bitte?«, fragte er ungläubig. »Geht es dir gut?«

Sie beruhigte ihn schnell. »Ja, Dad. Absolut. Ich bin nur ein bisschen aufgewühlt. Allerdings wurde eine Reporterin niedergeschossen. Ich habe noch nicht in Erfahrung bringen können, wie ihr Zustand ist.«

»Das ist ja schrecklich.«

»Wem sagst du das.« Ihre Hand, mit der sie das Handy hielt, begann zu zittern. Allein seine liebevolle Stimme zu hören, ließ sie fast in Tränen ausbrechen. Aber sie wollte nicht weinen. Gleich würde jemand sie abholen. Sie musste professionell sein.

»Wurde der Täter gefasst?«

»Ja. Einer zumindest.«

»Es gab mehr als einen?« Seine Stimme klang noch alarmierter.

»Der eigentliche Täter wurde von einer zweiten Person erschossen. Aber von der fehlt jede Spur.«

»Was für ein Albtraum. Ich bin froh, dass es dir gut geht.«

Sie wollte das Thema wechseln und ihm versichern, dass sie guter Dinge war. »Und jetzt bin ich in Montana!«, sagte sie, um einen unbeschwerten Tonfall bemüht.

Er schwieg einen Moment lang und sagte dann: »Ich bin wirklich froh, dass du dort bist. Weißt du, Mäuschen, ich habe mir Sorgen um dich gemacht, als du in Boston warst. Ich hielt es von Anfang an nicht für den richtigen Schritt, aber ich wusste, dass du Brad geliebt hast. Aber nach eurer Trennung, nun … Du gehörst in die Wildnis, nicht in die Großstadt.«

Sie schluckte, der schmerzhafte Kloß in ihrem Hals wurde immer größer. »Danke, Dad.« Sie konnte immer darauf zählen, dass ihr Vater sie aufmunterte und moralisch unterstützte. Zoe würde sie wahrscheinlich für verrückt erklären, weil sie hergekommen war, und sie wusste, dass Brad sich auf jeden Fall dagegen ausgesprochen hätte.

Ihr Vater kicherte. »Deine Mutter hat ja immer gesagt, dass du eines Tages in den Rockies landen würdest. Egal, wo wir gewohnt haben, du hast immer von unserem Leben auf diesem Stützpunkt in Colorado Springs geschwärmt.«

Die Berge rufen, und ich muss gehen.

Alex war auf einer Reihe von Militärstützpunkten rund um den Globus aufgewachsen. Ihre Mutter war Kampfpilotin bei der Air Force gewesen, und sie waren alle paar Jahre umgezogen. Ihre Eltern hätten unterschiedlicher nicht sein können. Ihr Vater war ruhig, geduldig, liebevoll und kreativ und verdiente sein Geld als Landschaftsmaler. Ihre Mutter war streng gewesen, eine Disziplinfanatikerin, und es war ihr schwergefallen, Zuneigung zu zeigen. Aber sie hatte auch eine kreative Seite gehabt, hatte gern Klavier gespielt, und manchmal hatte sie richtig albern sein können. Und die beiden hatten sich leidenschaftlich geliebt.

Neben dem Stützpunkt in den Rocky Mountains hatte es noch weitere gegeben, die Alex gemocht hatte, darunter den in Arkansas. Dort hatten ihr besonders die Höhlen und Kalksteinfelsen gefallen und die Farbenpracht des Frühlings mit dem purpurnen Judasbaum, den Veilchen und dem weißen Hartriegel. Aber trotz alledem waren es die Gedanken an die westlichen Berge gewesen, die ihr Herz hatten schneller schlagen lassen.

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