Jetzt online lesen:

Jetzt online lesen: Hands on - bitte anfassen!

Hands on - bitte
anfassen!

von Clare Connelly

Zeit heilt alle Wunden, sagen die Leute dauernd zu mir. Ich weiß, dass sie sich irren und nichts jemals wieder in Ordnung sein wird.

Wie auch? Früher einmal war ich lebendig … Jetzt vegetiere ich nur noch vor mich hin in einer Welt ohne Lucy. Es ist eine Frage des Überlebens. Aber das ist nicht dasselbe wie lebendig zu sein.

Ich beobachte, wie die Frau, die mir gegenübersitzt, die Beine übereinanderschlägt. Ihren Gesichtsausdruck kann ich nicht deuten. Sie hat die blonden Haare zu einem tief im Nacken sitzenden Knoten frisiert. Ich glaube, es ist dieser praktische Haarknoten, der diese Wirkung auf mich hat. Ich brenne darauf, die Haare aus der Frisur zu lösen.

In mir regt sich etwas, das lange vergessen war. Etwas, das unwillkommen und unmissverständlich ist. Das Blut rauscht in meinen Ohren. Mein Verlangen empört mich. Es ist zu früh. Was für ein lausiger Mistkerl von Ehemann bin ich, wenn ich noch nicht einmal drei Monate nach der Beerdigung meiner Ehefrau angetörnt bin?

„Erzählen Sie von sich“, fordere ich die Frau auf und lehne mich im Stuhl zurück. Sobald sie zu reden anfängt, wende ich meine Aufmerksamkeit ihrem schönen Mund mit den vollen und perfekt geformten Lippen zu.

Wenn sie redet, unterstreicht sie ihre Worte mit ihrer lebendigen Mimik und Gestik. Ich bezweifle, dass sie schon einmal um jemanden getrauert hat. Sie wirkt unerfahren, als glaubte sie noch immer, das Leben wäre einfach. Dass es eine Garantie auf Glück gibt.

Sie lacht über etwas, das sie gesagt hat, und beugt sich nach vorn. Oh, Mist. Der Ausschnitt ihrer Bluse öffnet sich ein wenig, und ich komme voll auf Touren. Sofort danach habe ich Schuldgefühle. Was mache ich hier eigentlich? Ich sehe diese Frau an und stelle mir vor, wie sie im Bett ist. Keine Frau sollte sexuelle Fantasien in mir auslösen.

Nun, Sex ist Sex, rufe ich mir in Erinnerung. Oder vielleicht übernimmt mein Schwanz das Denken für mich. Angesichts seiner lebhaften Teilnahme scheint er scharf darauf zu sein, bei der Unterhaltung mitzumischen. Ausgerechnet jetzt meldet sich meine Libido zu Wort. Es ist definitiv nicht der ideale Zeitpunkt.

Denn obwohl sie attraktiv ist, wirkt sie irgendwie kalt und distanziert. Vermutlich ist sie nicht gut im Bett. Sie lacht wieder, und in meiner Hose regt sich etwas. Oder vielleicht doch? Was, zur Hölle, geht hier vor sich?

Sicherlich ist das letzte Mal wirklich sehr lange her. Da Lucy viele Monate lang krank war, hatten wir keinen Sex. Aber das hat mir offenbar nicht zu schaffen gemacht. Ich hatte nicht das Gefühl, dass mir etwas fehlt. Denn ich habe mir um weitaus wichtigere Dinge Gedanken gemacht – wie etwa dafür zu sorgen, dass meine Frau am Leben bleibt.

Bis zu diesem Moment habe ich nicht daran gedacht, mit irgendeiner Frau zu schlafen. Aber plötzlich geht die Fantasie mit mir durch. Jetzt habe ich das Gefühl, all die verlorene Zeit aufholen zu müssen, und mit dieser Frau will ich anfangen.

Verdammt, ich kann mich nicht einmal an ihren Namen erinnern. Aber ich glaube, ihre Körbchengröße erahnen zu können. Ich kann mir vorstellen, wie sich ihre Brüste anfühlen: warm und weich. Sie würden perfekt in meine Hände passen.

Sie hört auf zu reden, und ich starre auf ihre Brüste. Dieses Bewerbungsgespräch wird sie definitiv aus den verkehrten Gründen in Erinnerung behalten.

„Schauen Sie, Mr. Grant …“

„Nennen Sie mich Jack, bitte.“ Da ich mir gerade ausgemalt habe, sie über den Tisch zu zerren und rittlings auf meinen Schoß zu setzen, scheint es nur angemessen, dass sie meinen Vornamen benutzt.

„Jack.“

Ihr kurzes und geschäftsmäßiges Nicken sorgt dafür, dass ich einen Teil meiner Aufmerksamkeit wieder in die richtige Richtung lenke.

„Sie werden Schwierigkeiten haben, jemanden in dieser Stellung zu halten.“

Großartig. Reden wir über Stellungen. Das hilft bestimmt. Ich sage nichts. Ich befürchte, ich bin kurz davor, das Kamasutra zu googeln und genau herauszufinden, welche Stellung ihr am besten gefällt.

„Ich gebe nicht so leicht auf. Ich kann einer Herausforderung nur schwer widerstehen, und ich will diesen Job haben.“

„Ich nehme an, Sie kennen meine Geschichte.“

Seine Stimme ist belegt, und der irische Akzent ist unüberhörbar. In seinen Augen blitzt ein wenig Unmut auf.

Natürlich kenne ich seine Geschichte. Wer kennt sie nicht? Alle Zeitungen haben darüber berichtet und Fotos von dem Paar gezeigt, als es passiert ist – eine Form der öffentlichen Aufmerksamkeit, die diesem Mann verhasst sein musste.

Jack und Lucy Grant an ihrem Hochzeitstag. Er ist gut aussehend, intelligent, erfolgreich. Sie war schön, liebenswürdig und anmutig. Sie waren in der kurzen Zeitspanne, in denen es das Leben gut mit ihnen meinte, die Lieblinge der feinen Gesellschaft.

Ich erwidere seinen Blick. Obwohl in seinen Augen etwas aufscheint, das mich bis in die Fingerspitzen elektrisiert und meine Sinne schärft.

Sein Gesichtsausdruck ist unverändert. Er wirkt ungerührt und imposant. Doch seine Körpersprache verrät ihn. Die breite Brust hebt und senkt sich, als würde er einen Marathon laufen. Als hätte ihn seine eigene Frage in Panik versetzt.

Er interpretiert mein Schweigen als Zustimmung. Aber als er fortfährt, schwingen in seiner Stimme so viele Emotionen mit, dass ich unwillkürlich Mitleid mit ihm habe.

„Ich will niemanden, der Ausschau nach einer weiteren Karrierestation hält, die sich gut im Lebenslauf macht. Das ist kein normaler Job mit einem geregelten Arbeitsalltag. Das Unternehmen ist mein Leben. Jetzt mehr denn je.“

Er setzt sich im Stuhl zurück und starrt mich an. Sein Blick lässt meinen ganzen Körper erzittern. Angesichts der Tatsache, dass wir uns mitten in einem Bewerbungsgespräch befinden, ist diese Reaktion definitiv unangemessen.

„Ich brauche jemanden, der meine Stelle einnehmen kann. Es geht nicht darum, zur Arbeit zu kommen, eine Liste mit den dringlichsten Aufgaben in Empfang zu nehmen und sie zu erledigen. Das ist ein Job für jemanden, der erkennt, was getan werden muss, wenn ich es nicht tue. Wenn ich es nicht kann.“

Dieses Eingeständnis zu machen, fällt ihm nicht leicht. Ich kann es ihm ansehen. Er bietet mir nicht nur einen Job an. Er bittet mich um Hilfe. „Das kann ich.“

„Mit mir zu arbeiten, ist nicht einfach.“

Er fordert mich heraus und erwartet, dass ich zurückschrecke. Aber ich mag Herausforderungen. „Ich habe mit einigen der größten Mistkerle zusammengearbeitet, die Sie sich vorstellen können.“ Er verzieht das Gesicht. Vermutlich stimmt er mir nicht zu und glaubt, dass er womöglich noch viel schlimmer ist. Also füge ich hinzu: „Ich will Teil von etwas Größerem sein.“

Gedankenverloren fährt er mit dem Finger über sein Kinn. „Und Sie glauben, dass ich das bin?“

Ich wähle meine Worte mit Bedacht. Zwischen uns ist etwas. Ich fühle es. Ein Magnetismus, der uns unausweichlich zueinander hinziehen könnte, wenn wir nicht vorsichtig damit umgehen. Ich achte darauf, eine rein geschäftliche Antwort zu geben. „Ich finde, was Sie getan und erreicht haben, ist bemerkenswert und erstaunlich. Ja, ich denke, dieser Job ist genau das, was ich will.“

Ein Knistern liegt in der Luft. Er mustert mich noch einen Moment lang und nickt dann langsam. „Und was ist, wenn Sie den Job hassen …“, er sieht auf meinen Lebenslauf, „…Gemma?“

Ich bin an der Reihe, ihn zu mustern. Ich nehme ihn lange und gründlich ins Visier, schätze ihn ein. Warum will er nicht, dass ich den Job übernehme? Weil er glaubt, dass ich nicht dazu in der Lage bin? Das lässt mein Stolz nicht zu.

Oder ist er ein Sexist? Ein frauenverachtender Bastard, der denkt, dass wohl nur ein Mann die Aufgabe erfüllen kann, die er mir anbietet? Nein, das kann nicht der Grund sein.

Seine Belegschaft hat im weltweiten Vergleich eines der ausgewogensten Verhältnisse der Geschlechter. Zudem hat er sich für gleiche Bezahlung für Männer und Frauen stark gemacht, und das lange bevor das Thema viel diskutiert wurde.

Oder hat er einen anderen Grund dafür?

Ich stehe auf und weiche seinem Blick nicht eine Sekunde lang aus. „Ich werde diesen Job mögen.“ Ich gehe auf ihn zu und sehe, wie er Luft holt. Er steht auf und richtet sich zu seiner vollen Größe auf. Ich strecke ihm die Hand hin. „Ich will diesen Job, Mr. Grant.“

Ich warte. Schlägt er ein? Meine Fingerspitzen kribbeln. Die Anspannung ist förmlich zu spüren. Ich nehme jeden Lufthauch, jedes Geräusch, jede Bewegung überdeutlich wahr.

Endlich streckt er die Hand aus. Unsere Handflächen berühren sich. Mit seinem Daumen streift er die empfindsame Stelle zwischen meinem Zeigefinger und dem Daumen. Die Hitze breitet sich wie ein Lauffeuer in meinem Körper aus. Ich lasse mir nicht anmerken, welche Wirkung diese einfache Berührung auf mich hat.

Ich halte stand, und er auch. Innerhalb von Sekunden ist es vorbei. Wir haben uns die Hände geschüttelt, gehen wieder auf Abstand und sind zwei Menschen, die sich nicht kennen.

„Gut“, sagt er schulterzuckend, als wären wir gerade übereingekommen, uns ein Taxi zu teilen. „Probieren wir es aus.“

Gemma Picton.

Ich starre auf ihren Lebenslauf und sehe nur ihr Gesicht vor meinem geistigen Auge. Ihre leuchtend blauen, mandelförmigen Augen. Die Art, wie sie mir tief in die Seele zu sehen scheint.

Ich seufze, greife automatisch nach meinem Baseball, lasse ihn von einer Hand in die andere gleiten und spüre mit der Innenseite des Daumens die roten Steppnähte.

Nichts an ihr ist zu beanstanden. Ganz im Gegenteil. Sie erfüllt so ziemlich alle beruflichen Kriterien, die ich anlege. Ihre Studienleistungen sind hervorragend. Sie ist zweifellos sehr klug.

Ganz zu schweigen von ihrem beruflichen Werdegang. Sie ist schneller in die oberen Etagen der großen Unternehmen aufgestiegen als fast jeder andere. Offenkundig ist sie zielstrebig.

Also warum suche ich mit der Lupe in ihrem verdammten Lebenslauf nach einem Grund, sie nicht einzustellen? Sie mag Herausforderungen. Aber ich bin mehr als eine Herausforderung. Ich bin völlig verkorkst, und ich ahne, dass Gemma im Handumdrehen dahinterkommt.

Wie jeden Tag in dieser Woche beobachte ich Gemma, wie sie zur Arbeit kommt. Es ist noch vor sechs Uhr morgens. Dennoch ist sie bereits hier. Der akkurate Haarknoten sitzt wie immer perfekt.

Mich juckt es in den Fingern, Haarsträhne für Haarsträhne aus der Frisur zu lösen. Ich habe keine Ahnung, womit sie die Haare tief im Nacken befestigt. Mit Haarnadeln? Oder mit einem Haarband?

Lucy hatte ihre Haare nie aufwendig frisiert. Jedenfalls kann ich mich nicht daran erinnern. Mir hat es am besten gefallen, wenn sie die Haare offen getragen hat.

Ich habe große Lust, mit den Fingern in Gemmas Haare zu fahren und ihre strenge Frisur zu ruinieren. Mich stört, dass ich nicht einmal weiß, wie lang ihre Haare sind. Reichen sie bis zu ihren Brüsten? Oder sind sie so lang, dass sie ihr bis tief auf den Rücken fallen?

Großartig. Jetzt habe ich ihren nackten Rücken vor Augen und stelle mir vor, in ihrem langen blonden Haar zu wühlen. Was, zur Hölle, mache ich hier?

Meine Ehefrau ist gestorben. Ich kann nicht auf diese Art über eine Frau nachdenken. Schon gar nicht über eine Frau, die erst seit ein paar Tagen für mich arbeitet. Eine Frau, die keine Ahnung hat, dass ich sie die meiste Zeit über in Gedanken ausziehe.

Mist. Das ist nicht in Ordnung. Sie bleibt nur ein paar Schritte vor dem Fenster stehen, durch das ich sie beobachte. Aber ich bin im ersten Stock. Wenn sie nicht hochsieht, kann ich sie weiterhin beobachten, ohne dass sie es bemerkt. Sie hebt ihre Handtasche, um etwas herauszuholen.

Neugierig lehne ich mich weiter nach vorn. Sie hält ihr Smartphone in der Hand und schaut auf das Display. Dann zieht sie eine Grimasse und zögert, als würde sie in Erwägung ziehen, das Gespräch nicht anzunehmen.

Sofort bin ich interessiert. Auf diese Weise habe ich bisher nicht an sie gedacht – als Person, die ihr eigenes Leben führt. Ist sie mit jemandem liiert? Ich versuche, diesen bescheuerten Schleier des Begehrens zu ignorieren, der meinen Blick trübt, und sie ganz nüchtern und sachlich zu betrachten.

Gemma ist schön. Reserviert und kalt auf eine Weise, die dafür sorgt, dass ich das Eis zum Schmelzen bringen will. Ich bin sicher, dass hinter der kühlen Fassade eine Gluthitze brodelt, nach der ich mich auf die Suche machen will.

Sie wirkt angespannt. Wer immer am anderen Ende der Leitung ist, redet viel. Sie hört in Gedanken versunken zu.

Sie stützt die Hand in die Hüfte, wodurch der Stoff des Kleides enger anliegt. Die Silhouette ihres Körpers zeichnet sich ab. Herrje! Das ist nicht hilfreich.

Jetzt bin ich nicht länger auf meine Vorstellungskraft angewiesen, um ihre Figur vor Augen zu haben. Ich kann sie deutlich sehen. Auch wenn meine Fantasien dadurch eine Spur realistischer werden – es wird ab jetzt viel schwerer sein, die Tage mit ihr durchzustehen.

In diesem Moment weiß ich zwei Dinge mit großer Sicherheit. Erstens: Ich hätte sie nicht einstellen dürfen. Diese intensive sexuelle Anziehungskraft wird irgendwann schlimme Folgen haben. Zweitens? Es gibt nur einen einzigen Weg, damit zurechtzukommen, und das ist, die Lust auszuleben. Anderweitig. Es ist nicht Gemma, die ich will – es ist Sex. Richtig?

Nachdem ich vier Tage lang für Jack Grant gearbeitet habe, denke ich, dass ich ihn wegen irreführender Stellenbeschreibung verklagen sollte. ‚Kein geregelter Arbeitsalltag‘ war die Untertreibung des Jahres.

Andererseits hat er nicht verschwiegen, dass es hart werden würde und dass er jemanden braucht, der im Prinzip seine Stelle einnehmen kann. Ich hatte nur keine Ahnung, dass ich bereits in meiner ersten Arbeitswoche praktisch das Unternehmen leiten würde.

Es ist elf Uhr abends. Obwohl ich müde bin, schwirrt mir der Kopf. Erneut überfliege ich die E-Mail. Dann überprüfe ich die auf dem Kalkulationsblatt eingetragenen Zahlen ein zweites Mal und nicke.

Das ist für heute die letzte Sache, die ich auf dem Radar habe. Aber ich weiß, dass ich morgen wieder auf einen vollen Terminplan vorbereitet sein muss. Ich lächele spöttisch. Vorbereitet auf was? Auf alles. Das wird mein Motto, beschließe ich.

Die ganze Woche über war ich ‚vorbereitet‘. Doch ich habe öfter den Boden unter den Füßen verloren, als ich zählen kann. Jack Grant legt ein atemberaubendes Tempo vor, und ich muss mit ihm Schritt halten. Der Job ist definitiv eine Herausforderung.

„Sie sind immer noch hier?“

Ich zucke zusammen. Mein Herz hämmert. „Meine Güte, Jack. Sie haben mich fast zu Tode erschreckt. Ich dachte, Sie wären schon weg.“

Er lehnt am Türrahmen, trägt einen Anzug und hat es sich augenscheinlich irgendwann im Lauf des Abends ein bisschen bequemer gemacht: Sein Hemd hängt halb aus der Hose. Die Krawatte hat er gelockert. Die beiden obersten Hemdknöpfe stehen offen.

Jack Grant ist auch sonst höllisch sexy. Aber so? Testosteron pur. Er sieht aus, als hätte er sich gerade bei einer wilden Sexorgie ausgetobt. Meine Gedanken schweifen in eine Richtung, die sie definitiv nicht nehmen sollten.

Also denke ich an die Tatsache, dass er erst vor ein paar Monaten Witwer geworden ist. Dass ich so ziemlich der schlechteste Mensch auf der ganzen Welt bin, wenn ich mir weiter ausmale, wie fantastisch er wahrscheinlich im Bett ist. Oder anderswo. Jack Grant könnte überall mit mir zur Sache kommen – und ich würde vermutlich bislang ungeahnte Höhen erklimmen.

Als ich seinen Blick erwidere, werde ich rot. Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich mir die Finger nach ihm lecke, wann immer er mir den Rücken zudreht.

„Ich wohne hier“, erinnert er mich.

„Brauchen Sie noch irgendetwas?“, frage ich ihn.

Seine Augen funkeln, als er mich ansieht. Im Zimmer herrscht gespannte Stille.

Einen Moment lang stelle ich mir vor, dass er dasselbe empfindet wie ich. Dass er auf eine Weise an mich denkt, die definitiv nicht professionell ist. Dass der Schreibtisch, der zwischen uns steht, nicht nur Platz für Papiere und mein Notebook bietet …

„Nicht mehr“, antwortet er lächelnd. Doch sein Lächeln wirkt irgendwie erzwungen. „Alles unter Kontrolle.“

„Oh, verflixt und zugenäht.“

Ich weiß nicht, was schlimmer ist: Der Schmerz, der von meinem verstauchten Zeh herrührt, oder die Tatsache, dass mir bei dem Missgeschick die Tasse aus der Hand gefallen und der heiße Kaffee auf meinen Brüsten gelandet ist.

In diesem Moment klingelt es an der Tür meines Hotelzimmers. Jack Grant. Ich erwarte ihn zwar erst in fünf Minuten, aber es sieht ihm ähnlich, zu früh zu sein.

„Einen Moment, bitte“, rufe ich.

Verdammter Mist!

Ich sehe in den Spiegel und zucke zusammen, weil ich ein furchtbares Bild abgebe. Die schöne cremefarbene Bluse, die ich mit einer weit geschnittenen Hose kombiniert habe, wird nie mehr dieselbe sein.

Hastig sehe ich auf meine Armbanduhr und schüttele den Kopf. Ich habe noch das Outfit, das ich gestern getragen habe. Mir bleibt nichts anderes übrig, als mich umzuziehen.

Ich verfluche Jack dafür, dass er die Geschäftsreise nach Paris so kurzfristig angekündigt hat. Schon eine Stunde später war sein Privatjet abflugbereit. Und ich verfluche ihn dafür, dass er mir viel zu spät gesagt hat, dass wir uns mit dem französischen Präsidenten treffen. Zu diesem Zeitpunkt saßen wir bereits im Flugzeug.

Seit Wochen treibt er dieses Spiel. Reiserouten und Terminpläne, die ich doppelt und dreifach gecheckt habe, wirft er im letzten Moment um.

Ich kann mir nicht wirklich einen Reim darauf machen, aus welchen Gründen er sich so verhält. Er lässt sich von seinem Instinkt leiten und setzt auf seine Beziehungen. Er ist rastlos und verwirrend. Dennoch ist er auch brillant und anregend.

Als die Klingel erneut ertönt, knirsche ich mit den Zähnen. Natürlich wartet Jack Grant nicht. Schnell gehe ich zur Tür und öffne auf dem Weg schon den obersten Blusenknopf.

„Hallo.“ Ich bin kürzer angebunden, als ich beabsichtigt hatte. Andererseits habe ich gerade siedend heißen Kaffee auf meine Brüste gegossen und eine sehr schöne, sehr teure Bluse ruiniert – und all das vierzig Minuten vor unserem Treffen mit dem französischen Präsidenten. Das ist meiner Meinung nach ein guter Grund, ein wenig gestresst zu sein, nicht wahr?

„Gemma?“ Sein Blick wandert nach unten, und mir steigt die Hitze ins Gesicht. „Ihre Bluse ist … nass.“

„Oh, ist sie das? Meine Güte, das habe ich nicht bemerkt“, fahre ich ihn in an. „Ich brauche zehn Minuten. Wir treffen uns im Foyer.“

„Nein.“ Er schüttelt den Kopf. „Ich brauche Sie jetzt sofort, um noch ein paar Zahlen durchzugehen. Wir werden reden müssen, während Sie sich umziehen.“

Mir bleibt der Mund offenstehen. „Oh.“

„Es ist in Ordnung. Ich sehe nicht hin. Pfadfinderehrenwort.“

Er lächelt mich an. Mir wird heiß. Ich bin mir darüber im Klaren, wie heikel die Situation ist. „Ich glaube, Sie müssen schon Mitglied bei den Pfadfindern sein, damit das funktioniert.“

„Tja, dann müssen Sie mir eben einfach vertrauen.“

Sein Augenzwinkern ist alles andere als vertrauenswürdig. „In Ordnung“, sage ich mürrisch, mache die Tür weiter auf und trete zurück. „Mit dem Gesicht zur Wand.“ Ich zeige auf die hintere Wand des Zimmers und zwinge mich, das sehr große Bett zu ignorieren, als ich daran vorbeigehe. „Und halten Sie die Augen geschlossen.“

Ach, du Schande. Ich habe offiziell die Grenze zur Perversion überschritten. Diese Entscheidung hat definitiv mein Schwanz für mich getroffen. Gemma im Foyer zu treffen, wie sie vorgeschlagen hat, wäre natürlich sinnvoller gewesen.

Also warum, zum Teufel, habe ich nicht einfach genickt wie ein braver Junge und sie allein gelassen? Weil ich kein kleiner braver Junge bin und Gemma todsicher meine schlimmsten Neigungen zum Vorschein bringt.

Ich dachte, ich würde endlich mit der Situation klarkommen! Ich bin kein sexhungriger Witwer mehr, der scharf auf die schöne Frau ist, mit der er fast seine gesamte Zeit verbringt.

Ich habe Sex. Jede Menge bedeutungslosen Sex mit Frauen, deren Namen ich nicht einmal kenne, und spüle den Nachgeschmack anschließend mit viel Whiskey hinunter. Das ist meine Art, mich bei meiner schönen Ehefrau dafür zu entschuldigen.

Und ja, ich denke immer an Gemma, wenn ich diese anderen Frauen vögele. Das hört sich genauso schlimm an, wie es ist. Klar, ich mag Sex, und ich war kein Heiliger, bevor ich Lucy getroffen habe. Aber ich war auch nicht an nichtssagenden Schäferstündchen interessiert.

Lucy verdient etwas Besseres, als vergessen zu werden. Ich habe nicht vor, eine feste Beziehung einzugehen und dadurch zu schmälern, was uns verbunden hat.

Aber es ist Gemma, die ich wirklich in meinem Bett haben will. Diese Frauen sind nur ein dürftiger Ersatz.

Ich kann nicht zulassen, dass diese Sache mit Gemma außer Kontrolle gerät. Ansehen ist in Ordnung – nun, tatsächlich bin ich mir nicht einmal in diesem Punkt sicher. Aber meinem Verlangen nachzugeben? Definitiv unmöglich.

In der Reflektion des Fernsehbildschirms betrachte ich mit einem halb geöffneten Auge, wie Gemma ihre Bluse aufknöpft. So schnell und geschickt, wie ich diese Knöpfe öffnen würde. Als sie die Bluse abstreift, riskiert sie einen Blick über die Schulter, um sicherzugehen, dass ich die Regeln befolge. Dann zieht sie die Hose aus.

Oh, du lieber Himmel. Ihr Tanga ist aus Spitze und winzig. Ich kann die perfekte Rundung ihres Pos sehen und muss all meine Willenskraft aufbringen, um mich nicht umzudrehen.

Stattdessen werfe ich einen seitlichen Blick auf das sehr große Bett, das mitten im Zimmer steht, und überlege, wie viele Schritte sie machen müsste, um mit mir in dieses Bett zu fallen. Verdammt.

Als ich das Klimpern von Metallkleiderbügeln höre, wende ich meine Aufmerksamkeit wieder dem Fernsehbildschirm zu und beobachte, wie sie ein Seidenkleid über ihren Körper streift.

„Sie wollten reden“, erinnert sie mich.

Wohl kaum! Ich bin nicht in der Lage, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen oder ein Wort über die Lippen zu bringen.

Die letzten siebenunddreißig Sekunden meines Lebens vor meinem geistigen Auge ablaufen zu lassen und zu versuchen, nicht vor Lust zu vergehen, ist alles, was ich heute den ganzen Tag über tun werde.

Es war Wahnsinn, ihr den Job zu geben. Noch größerer Wahnsinn war es, zu glauben, dass ich mich unter Kontrolle halten kann.

„Wo wohnen Sie?“

Seine Frage reißt mich aus meinen Tagträumen. Ich habe auf die Sehenswürdigkeiten Londons gestarrt, während wir daran vorbeifuhren. Ich habe die verschwommenen Lichter betrachtet, ohne Notiz davon zu nehmen, wo wir sind.

Als wir am Hyde Park vorbeikommen, schaue ich zu Jack. Martins, sein ranghöchster Fahrer, sieht in den Rückspiegel und begegnet meinem Blick.

„In Hampstead“, murmele ich.

„Wirklich?“

Jacks Interesse ist gefährlich. Oh, nicht deshalb, weil ich nicht will, dass er an mir interessiert ist. Aber zwischen uns sprühen derart die Funken, dass auch nur ein Hauch seines Interesses genügt, um Feuer zu fangen und einen Flächenbrand zu entfachen.

Resolut drehe ich mich weg und sehe aus dem Fenster. „Ja.“ Anschließend herrscht einen Moment lang Schweigen.

„Seit wann?“

Ich lächle. „Woher wissen Sie, dass ich nicht schon immer dort wohne?“

„In Ihrem Lebenslauf stand eine andere Adresse.“ Seine Antwort ist logisch.

„Wenn Sie das so genau wissen, warum haben Sie dann gefragt, wo ich wohne?“

Er verzieht das Gesicht. „Ob Sie es glauben oder nicht: Ich erinnere mich nicht an jedes Detail, was Sie angeht. Aber es wäre mir aufgefallen, wenn Sie bei mir um die Ecke wohnen würden.“

Mein Herz pocht laut. Wie dumm von mir zu glauben, dass er einer solchen Belanglosigkeit wie meiner Adresse Aufmerksamkeit schenken würde.

„Ich habe letztens ein Haus in Ihrer Nähe gekauft. In der Nähe des Büros“, berichtige ich hastig. Nicht in seiner Nähe. Nichts davon hat irgendetwas mit Jack persönlich zu tun.

„Warum?“

Schwingt Angst in seiner Stimme mit? Gefällt ihm die Vorstellung nicht, dass ich immer einsatzbereit sein will? Merkwürdig. Die meisten Arbeitgeber würden das deutliche Engagement für den Job begrüßen. „In Anbetracht meiner Arbeitszeiten ist das sinnvoll.“

Ich höre, wie er mit den Fingerspitzen über die Bartstoppeln auf seinem Kinn streicht. Es ist kein besonders lautes Geräusch. Aber ich bin hervorragend auf jede seiner Gesten eingestimmt.

Im Lauf der letzten Monate habe ich angefangen, ihn zu entschlüsseln. Ich verstehe, was seine Gesten bedeuten. Wenn er mit den Fingern durch seine Haare fährt, ist er in Gedanken versunken. Wenn er das Kinn in die Hand stützt, hinterfragt er, was ich gesagt habe, und sucht nach der tieferen Bedeutung.

Ein Lächeln, das seine Augen nicht einschließt – er denkt an Lucy. Sein Blick, der auf meine Lippen fällt – er denkt an mich.

„Ich hätte einen Fahrer für Sie bereitgestellt“, sagt er weich. „Damit Sie zu jeder Uhrzeit nach Hause können. Um Ihnen den Aufwand zu ersparen.“

„Mir gefällt mein Haus“, erwidere ich achselzuckend. „Es ist eine gute Investition.“

Er streicht erneut über sein Kinn. Als ich mich ihm zuwende, wandert sein Blick zu meinem Mund. Ich schlucke. Im hinteren Teil der Limousine ist es dunkel. Aber Martins ist hier.

Dennoch frage ich mich einen Augenblick lang, was Jack tun würde, wenn ich mich über den leeren Sitz zwischen uns lehnen und die Hand auf sein Knie legen würde. Wenn ich weiter nach oben streichen würde, zur Innenseite seines Schenkels, und dann nach unten …

Ich bin verloren.

„Wo genau ist Ihr Haus?“

„Nahe der Schule“, murmele ich heiser vor Verlangen.

„So nah.“

In seinen Augen blitzt eine Emotion auf, die ich nicht wiedererkenne und auch nicht ausloten kann. Aber ich kenne ihn gut genug, um zu wissen, dass ich deswegen beunruhigt sein sollte.

„Sie müssen mich mal einladen. Zu einer Einweihungsparty.“

Ich nicke. Aber ich bin ziemlich sicher, wir wissen beide, dass ich es nie tun werde. Einer von uns muss immer daran denken, dass die sexuelle Anziehungskraft zwischen uns brandgefährlich ist. Einer von uns muss die Glut unter Kontrolle halten.

Und ich glaube, dass ich diejenige sein muss, die diesen Part übernimmt.

Wir sind wieder in Paris. Es ist dieser Morgen, an dem die Sonne ab und zu hinter den Wolken hervorkommt und ich die Bluse mit dem riesigen Kaffeefleck trage. Nur steht Jack dieses Mal nicht mit dem Gesicht zur Wand. Denn dieses Mal ist es ein Traum, ein Bruchteil der Erinnerung. Eine nächtliche Hoffnung darauf, was vielleicht passiert wäre.

Diesmal tut er das, was ich mir an diesem Morgen so sehnlichst gewünscht habe: Er dreht sich zu mir um und lässt den Blick über meinen Körper wandern, als ich die Kleider abstreife.

Weder auf ihn noch auf mich wartet irgendjemand. Es gibt nur Jack Grant und mich. Wir sind allein in einem Hotelzimmer, in dem ein sehr großes Bett steht, das unbeschreibliche sexuelle Freuden verheißt.

„Gefällt dir, was du siehst?“, flüstere ich, als er auf meinen Mund starrt. Ich weiß ohne jeden Zweifel, dass er mich küssen will. Gut. Ich will seine Lippen auf meinen spüren. Aber noch mehr will ich, dass er mit seinen Lippen über meinen nackten Körper fährt. Einladend berühre ich meine nackte Haut und lasse die Finger über den Hals und das Dekolleté wandern.

Doch er rührt sich nicht von der Stelle, und sein Blick ruht weiterhin eisern auf mir.

Mit beiden Händen fahre ich sacht über meine Brüste und höre, dass er nach Luft schnappt. Offenbar kann er seine Libido kaum mehr unter Kontrolle halten. Gut. Ich will nicht die Einzige sein, die sich vor Verlangen verzehrt.

„Berühre mich“, sage ich.

Noch immer bleibt er vor der Wand stehen.

Ich lasse die Hände weiter nach unten gleiten. Bis zum hauchdünnen Stoff meines Tangas aus Spitze. „Jetzt.“

Er stößt einen Fluch aus, kommt mit großen Schritten auf mich zu und sieht mich entschlossen an.

Seine Hände auf meinem Körper zu spüren, ist eine sensationelle Erfahrung – noch sensationeller als in meinen Tagträumen. Er berührt mich und versetzt all meine Sinne in höchste Erregung.

„Jack“, flüstere ich. Es ist ein heiseres Flehen.

Was, zur Hölle, machen wir hier?

Er verzieht den Mund zu diesem Lächeln, das nie seine Wirkung verfehlt. Ein Lächeln, das meine Welt auf den Kopf stellt. Leicht, verführerisch und sehr verheißungsvoll küsst er mich. Sein Atem streicht über meine Haut. Ich öffne einladend die Lippen. Ich brauche ihn. Zu verbergen, wie verrückt ich nach ihm bin, ist eine Tortur, die ein Ende nehmen muss.

Es ist nicht klug. Wir sollten es nicht tun. Dieser Mann ist brandgefährlich. Aber gegen meinen Heißhunger bin ich machtlos. Ich will jetzt zugeben, wie sehr ich mich danach sehne, ihn zu küssen, zu schmecken, zu berühren und in mir zu spüren.

„Noch hast du dich nicht verbrannt …“, murmelt er.

Seine Worte lösen ein erregendes Kribbeln in mir aus. „Nein.“ Aber ich nehme an, dass ich in Flammen stehen werde, wenn er mich jetzt küsst. Für einen Moment bin ich völlig auf uns konzentriert. Nichts anderes zählt mehr. Es ist so einfach und so heikel.

Wir ziehen uns magisch an. Ein Kuss wird nie genug sein. Das weiß ich. Diese Lust ist unersättlich. Diese überwältigende Leidenschaft lässt sich nicht eindämmen.

Mit seinen Lippen streicht er leicht über meine. Gerade lange genug, um mich zum Seufzen zu bringen. Ich höre, wie ich heiser seinen Namen flüstere, ohne es zu wollen. Um ihn zu ermuntern, hebe ich den Kopf, halte ihm meinen Mund hin. Er lacht.

„Bald, Gemma …“

Ich höre ein leises Geräusch, als ich an ihrem Büro vorbeigehe, und kann nicht anders, als nachzuschauen. Vermutlich telefoniert oder isst sie gerade. Wenn Gemma isst, stößt sie immer ungeheuer sinnliche Laute aus. Sie kommt praktisch, wenn sie sich einen wirklich guten Hamburger schmecken lässt.

Auf ihrem Schreibtisch herrscht ein heilloses Durcheinander – ein Abbild des Tages, der hinter uns liegt: verschiedene Meetings vor Ort, die Buchung einer Geschäftsreise nach Rom und ein Notfall in Hongkong, um den wir uns kümmern mussten.

Jetzt ist sie eingeschlafen. Ihr Kopf liegt auf dem Tisch. Die blonden Haare fallen auf die Tastatur ihres Notebooks.

Jetzt habe ich zumindest auf diese Frage eine Antwort. Ihre Haare fallen über ihre Schultern, genau wie ich es mir tausendmal ausgemalt habe. Wie in meiner Fantasie würden sie ihr bis über die Brüste fallen und über meine Haut streichen, wenn sie rittlings auf meinem Schoß sitzt und sich vornüberbeugt, um mich zu küssen.

Einen Moment lang bin ich wie erstarrt. Ich kann mich nicht rühren und meine Neugier nicht länger ignorieren. Mein heftiges Verlangen treibt mich an.

Ich will sie.

Ich will Gemma. Ich will zu ihr gehen und sie wachrütteln. Ich will sie küssen und ihr die Kleider ausziehen.

Verdammt. Das ist nicht gut. Das ist überhaupt nicht gut. Sie seufzt leise, und ich schwöre, dass sie meinen Namen sagt. Bilde ich es mir nur ein? Hat sie gerade „Jack“ geflüstert? Träumt sie von mir?

Ich komme einen Schritt näher, stehe unter Strom. Was würde sie tun, wenn ich sie wecke? Würde sie meinen Kuss erwidern?

Und was dann? Ich treibe es mit Gemma und verliere jemanden, der unentbehrlich für mein Unternehmen ist … Wofür? Für eine schnelle Nummer? Mehr als das kann es nie sein. Mein Herz gehört Lucy. Für immer. Alles, wofür ich jetzt noch tauge, ist Sex.

Das ist es nicht wert. Und dennoch …

Ihr Hals ist so anmutig. Ihr Arm liegt auf dem Tisch. Die Hand hängt seitlich in der Luft. Ich stelle mir vor, dass sie mir so gierig die Kleider vom Leib reißt wie ich ihr. Ich stelle mir vor, dass sie nackt ist, und werde sofort hart.

Verdammt. Ich will sie so sehr vögeln, wie ich noch nie etwas in meinem Leben tun wollte. Und das Problem ist, dass ich immer bekomme, was ich will … Aber was dann? Zurück zur Normalität?

Nein. Gemma ist meine enge Mitarbeiterin. Sie ist brillant. Weitaus brillanter, als ich bei unserer ersten Begegnung angenommen habe. Ich werde nichts tun, wodurch ich sie verliere. Und ich werde nichts tun, was sie verletzen könnte.

Sie ist absolut tabu.

Dabei war ich so kurz davor, mit ihr zur Sache zu kommen, bevor ich erfahren habe, dass sie in die Nähe gezogen ist. Sie hat mich auf dieselbe Weise angesehen wie ich sie. Aber sie bemüht sich sehr, ihr Verlangen in Schach zu halten. Dennoch war ich im Begriff, ihre Schutzbarrieren zu durchbrechen, sie ins Bett zu bekommen und ins Nirwana zu vögeln.

Bis sie erzählt hat, dass sie dieses Haus gekauft hat. Sie nimmt diesen Job und mein Unternehmen sehr ernst. Das kann ich definitiv nicht vermasseln.

Es gibt andere Frauen, mit denen ich Sex haben kann. Frauen, die mir egal sind. Frauen, die mir nichts bedeuten. Aber es kann niemals Gemma sein. Sie ist zu besonders, um sie zu verlieren.

Nach acht Monaten Zusammenarbeit mit Jack ist der Stress nicht weniger geworden. Ich mache immer noch mehr Überstunden, als vernünftig ist. Ich lebe nur für seine geschäftlichen Interessen. Aber inzwischen sind sie mir in Fleisch und Blut übergegangen. Jetzt geht mir der Job leichter von der Hand.

Es ist nach zehn Uhr abends. Ich habe gehört, dass er vor ungefähr einer Stunde die Tür seines Büros geschlossen hat und in den anderen Gebäudeflügel gegangen ist.

Vermutlich ist es nicht besonders klug, zu ihm in sein Schlafzimmer zu gehen … Ich war einige Male dort, und das Bett macht es mir immer schwer, im Kopf zu behalten, warum ich ihn aufgesucht habe.

Aber er muss dringend diese Papiere unterschreiben. Wenn man Geschäfte mit Australien macht, kommen die Zeitzonen ins Spiel, und ich will, dass die Unterlagen vor Ende des Tages auf dem Schreibtisch unserer australischen Anwälte liegen.

Wird er noch auf sein oder schon im Bett liegen? Werde ich ihn wecken? Wird er erschöpft sein? Angezogen? Nackt? Ich weiß, dass er keinen Pyjama trägt, wenn er schläft.

Jack ist nicht schüchtern, was seinen Körper angeht. Warum auch, zum Teufel? Ich habe schon viele Gespräche mit ihm ertragen müssen, wenn er fast völlig nackt war. Er scheint es nicht einmal zu bemerken.

Aber ich bemerke es und präge mir seinen halbnackten Körper ein. Denn ich weiß, dass diese Bilder im Kopf später am Abend meine sexuellen Fantasien befeuern werden.

Das erinnert mich daran – ich brauche Batterien.

Mir steigt die Hitze in die Wangen, als ich den Gedanken beiseiteschiebe. Ich seufze leise aufgrund der unaufhörlichen sexuellen Höllenqualen, in die ich hineingestolpert bin.

Vergiss es, sage ich mir. Wenn ich ihn dazu bringe, diese Papiere zu unterzeichnen, kann ich danach Feierabend machen.

Einen Moment lang halte ich vor der Tür seines Schlafzimmers inne, bevor ich dreimal laut und durchdringend anklopfe. So kann kein Zweifel an der Tatsache bestehen, dass ich hier bin. Wenn er schläft, sollte ich ihn jetzt geweckt haben. Hoffentlich hat er zumindest eine Boxershorts angezogen, bevor er die Tür öffnet.

Ich höre Geräusche im Zimmer. Sieht er sich eine Sendung im Fernsehen an?

Ein wenig ungehalten reißt er die Tür auf. Zum Glück trägt er Unterwäsche.

„Gemma?“

Er ist verwirrt und … Diesen Gesichtsausdruck erkenne ich nicht wieder. Hat er Schuldgefühle? Das ergibt keinen Sinn.

Ein Geräusch hinter ihm erregt meine Aufmerksamkeit. Ich schaue über seine Schulter und erwarte, dass vielleicht der Fernseher läuft.

Stattdessen fällt mein Blick auf eine Frau, die aussieht wie ein Supermodel auf einem Werbeplakat. Ihre schwarzen Haare sind zerzaust, die Lippen leuchtend rot. Ihre helle Haut ist makellos, und sie trägt sexy Dessous von Victoria’s Secret.

Sie sitzt in einem Lehnstuhl, der am Fußende seines Betts steht. Ihre Wangen sind gerötet. Ich zweifle keine Sekunde daran, wobei ich hier gerade gestört habe. Verdammter Mist.

Die Wut nimmt mir fast den Atem. „Es tut mir so leid.“ Ich kann ihm nicht in die Augen schauen.

Deswegen schaue ich auf seine muskulöse Brust, doch das ist fast noch schlimmer. Denn ich sehe die Kratzspuren der Fingernägel, die diese Frau auf seiner Haut hinterlassen hat. Er gehört mir! schreit eine empörte und aufgebrachte Stimme in mir.

Ich muss etwas tun und trete einen Schritt zurück. Er runzelt die Stirn.

„Brauchen Sie irgendetwas?“

Er stellt die Frage in einem ungeheuer behutsamen Ton. Mist. Er weiß, dass es mir nicht nur peinlich ist, hereinzuplatzen, während mein Chef gerade ein Supermodel flachlegt. Er weiß auch, dass ich … verletzt bin.

So verletzt, als hätte er mich betrogen. Verletzt? Wann, zur Hölle, habe ich zugelassen, dass es so weit kommt? Jack ist mein Chef. Mein Chef, der vor fast einem Jahr seine Ehefrau verloren hat.

Mein Chef, der anscheinend eine Beziehung – oder was es auch immer ist – mit dieser Frau hat. Ich wette, sie heißt Ariella oder Jacinta oder hat einen ähnlich glamourösen Vornamen.

Ich habe kein Recht, verletzt zu sein. Er ist der Mann, für den ich arbeite. Nicht mehr. Es ist alles mein Fehler. Ich habe zugelassen, dass die Fantasie mit mir durchgegangen ist.

Meine Güte, ich habe geglaubt, dass er dasselbe empfindet!

Anscheinend nicht. Anscheinend hat Jack Grant seinen Spaß, während ich die Herstellergarantie meines Vibrators auf die Probe stelle.

„Gemma?“

Was soll ich jetzt tun?

Ich halte die Papiere hoch. Sie sind meine Rettung. „Ich brauche Ihre Unterschrift“, murmele ich und zucke zusammen, weil ich wie ein verklemmter Teenager wirken muss.

Reiß dich jetzt zusammen! rufe ich mich zur Ordnung. „Das australische Team wartet. Wenn wir es schaffen, dass noch heute ein Anwalt die Papiere überprüft …“

„Natürlich.“

Als er einen Blick über die Schulter wirft, gehe ich noch einen Schritt zurück. „Ich warte einfach“, nuschele ich und versuche, mich nicht wie ein erschrecktes Schulkind aufzuführen. „Ich kann die Papiere auf meinem Schreibtisch liegen lassen. Sie können Sie später unterschreiben. Wenn Sie fertig sind.“

Ich spüre, wie ich rot werde und die Hitze sich in meinem ganzen Körper ausbreitet.

„Es dauert nicht lange“, sagt er düster, und schlägt mir die Tür vor der Nase zu.

Ich bin rasend eifersüchtig. Das Problem ist, dass ich ihn in Gedanken zu dem Meinen gemacht habe.

Mein Jack.

Doch das ist er keineswegs – und er wird es auch niemals sein.

Was für eine Katastrophe! Ich greife nach der Karaffe mit dem Scotch und schenke mir ein Glas Whisky ein. Obwohl mir das Brennen in meiner Kehle bereits vertraut ist, zucke ich zusammen, als ich den starken Alkohol herunterkippe.

Ich schließe die Augen und sehe nur Gemmas Gesicht vor mir. Ihren vorwurfsvollen Blick.

Was hatte dieser Gesichtsausdruck zu bedeuten, den sie einen Moment lang nicht verbergen konnte?

Ich sehe mich in meinem Zimmer um. Das heillose Chaos darin zeigt, wie ich den Abend verbracht habe.

Jetzt ist es beinahe Mitternacht. Bestimmt ist meine eiskalte Gemma inzwischen nach Hause gegangen. Ich fluche laut, schütte den restlichen Scotch in mich hinein und lasse das Glas achtlos auf den Teppich fallen.

Als ich durchs Haus gehe, muss ich mich auf halbem Weg zu ihrem Büro an der Wand abstützen, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Ich gehe davon aus, dass die Papiere auf ihrem Tisch liegen. Hoffentlich ist sie inzwischen nach Hause gegangen.

Doch als ich sie am Schreibtisch sitzen sehe, bin ich froh und erleichtert. Sie starrt auf ihren Computerbildschirm.

„Oh, Jack“, murmelt sie.

Sie ist die Professionalität in Person. Nur ihr angespanntes Lächeln verrät sie.

„Die Papiere liegen dort.“

Sie deutet auf eine Ecke ihres Schreibtisches und wendet ihre Aufmerksamkeit wieder dem Bildschirm zu. „Was machen Sie immer noch hier?“ Ich lalle ein bisschen, entschuldige mich aber nicht dafür. Meine Wut verwirrt mich, und ich verschränke abwehrend die Arme vor der Brust.

„Arbeiten“, meint sie achselzuckend.

„Es ist fast Mitternacht.“

„Ich bin oft noch so spät im Büro“, erwidert sie nur.

Die darauffolgende Stille ist vorwurfsvoll. „Hören Sie“, sage ich und versuche, mich zu konzentrieren. „Was vorhin …“

„Es ist in Ordnung“, unterbricht sie mich.

Das ärgert mich noch mehr. „Ich weiß, dass es in Ordnung ist“, sage ich und vergesse, dass ich im Begriff war, mich zu entschuldigen. „Nur scheinen Sie deswegen unangenehm berührt zu sein.“

Sie blinzelt, zeigt aber ansonsten keine Regung.

„Das bin ich nicht.“

„Doch, das sind Sie.“

Langsam dreht sie sich mir zu. „Ich habe nur nicht erwartet, Sie mit einer Frau im Bett anzutreffen. Das ist alles.“

„Wir waren nicht im Bett“, wende ich nutzloserweise ein. Ich bin ziemlich sicher, dass sie sich an alle Einzelheiten der kleinen Szenerie erinnert.

„Das spielt keine Rolle.“

Jetzt ist ihr Lächeln gleichgültig, wegwerfend, ungeduldig. Ich bin zu betrunken, um herauszufinden, was wirklich in ihr vorgeht.

„Unterzeichnen Sie die Papiere, damit ich sie wegschicken kann.“

Ich nicke, rühre mich jedoch nicht. „Es war nicht … Sie hat nicht … Es ist nicht, was Sie glauben.“

„Ich glaube überhaupt nichts.“ Sie zuckt die Schultern. „Außer, dass es spät ist und ich nach Hause gehen will. Unterschreiben Sie die Papiere, Jack.“

Die Veränderung in unserem Verhältnis lässt sich nicht bestreiten.

Zwei Wochen, nachdem Gemma hereingeplatzt ist, als ich wieder einmal bedeutungslosen Sex hatte, zieht sie noch deutlichere Grenzen als gewöhnlich. Obwohl ich weiß, dass ihr Verhalten vernünftig ist, will ich diese Grenzen durchbrechen.

Seit diesem Abend kommt sie überhaupt nicht mehr zu meinem Zimmer. Sie kommt in mein Büro, ja. Aber nicht in das Zimmer, in dem mein Bett steht. Nicht in das Zimmer, in dem ich Sex mit anderen Frauen habe, während ich an Gemma denke und Lucy unbändig vermisse. Nicht in das Zimmer, in dem ich mich bis zur Besinnungslosigkeit betrinke, um zu vergessen, was für ein Wrack ich bin.

Sie arbeitet noch genauso hart und lange wie vorher. Sie trägt ihren akkuraten Haarknoten und ist auf die Arbeit konzentriert – und nur auf die Arbeit.

Ich habe keine Ahnung, ob sie sich so viele Gedanken über mich macht wie ich mir über sie. Mein Glaube, dass die sexuelle Frustration auf Gegenseitigkeit beruht, ist ins Wanken geraten. Denn Gemma ist kälter als Eis.

Wir scherzen nicht mehr, wechseln kein privates Wort mehr. Ich sollte froh darüber sein. Ich sollte froh sein, dass sie ruhig und vernünftig bleibt.

Ich beobachte sie während des Meetings und bin wie immer ungeheuer beeindruckt von ihrer Intelligenz und Professionalität. Ihre Auffassungsgabe, was die Einzelheiten meines Geschäfts angeht, macht mich ziemlich überflüssig.

Sie lacht über eine Bemerkung eines Praktikanten. Ich lehne mich vor, um mir ihr amüsiertes Lachen besser einprägen und mich später daran erfreuen zu können.

Doch dann beugt sie sich nach vorn und murmelt einen Satz, den ich nicht hören kann. Mir gefällt nicht, dass sie Spaß an diesen Neckereien mit jedem außer mir hat.

Ich fühle mich ausgeschlossen. Ich fühle … Vielleicht sollte ich besser nicht so genau darüber nachdenken, was ich fühle.

Nach dem Meeting bringt Martins uns wieder zurück nach Hampstead. Ich will das Schweigen zwischen uns brechen. Ich bin nicht einmal sicher, was ich sagen werde, aber das spielt keine Rolle.

Sie sieht mich an, beobachtet mich. Wie lange macht sie das schon?

Wir schauen uns in die Augen. Mir stockt der Atem. Ich starre auf ihren Mund und bin verloren. Ich spüre, dass sie auch auf meinen Mund starrt. Sie ist genauso verrückt nach mir wie ich nach ihr.

Dann wendet sie den Blick ab. Ihr Atem geht schnell, und die leichte Röte, die ihr ins Gesicht steigt, zeigt deutlich, dass auch sie verloren ist.

Verdammt, ich will sie küssen. Nein, ich glaube tatsächlich, ich muss sie küssen, mich an sie drängen, ihren Körper an die Autotür pressen. Ich will ihren Rock hochschieben und die Hand zwischen ihre Schenkel gleiten lassen. Ich will sie.

Ich will sie auf eine Weise, gegen die nicht mal eine hohe Frequenz an One-Night-Stands etwas ausrichten kann. Ich will sie, obwohl meine Ehefrau seit bald einem Jahr tot ist. Ich will Gemma, obwohl ich Lucy mit jedem Tag, der vergeht, immer mehr vermisse.

Ich will Gemma. Ich brauche sie.

Aber ich kann es nicht tun. Ich werde dieser glühenden Leidenschaft nicht nachgeben.

Jack geht mir seit Tagen aus dem Weg. Seit dem Meeting in der Innenstadt und diesem höllisch eigenartigen Moment in der Limousine – einem Moment, vor dem ich immer so auf der Hut war!

Es war meine Schuld. Ich hätte ihn nicht anstarren sollen. Aber ich war so darauf bedacht, nicht mit ihm allein zu sein, dass ich gierig danach war, als wir dann nebeneinandersaßen.

Jack entgeht einfach nichts. Tatsächlich fühle ich, dass er mich beobachtet. Ich weiß, dass er spürt, was zwischen uns ist – was immer es auch ist.

Ich frage mich, ob es klug ist, für ihn zu arbeiten. Doch ich kann mir mein Leben ohne diesen Job nicht mehr vorstellen. Und ohne Jack? Ich hasse es, mir das eingestehen zu müssen, aber ich kann mir auch ein Leben ohne ihn nicht mehr vorstellen.

Also habe ich keine andere Wahl, als irgendwie mit dem Begehren fertigzuwerden. Die Alternative wäre, nach einer Nacht voller sensationellem Sex zu kündigen. Und was dann? Er würde versuchen, die Erinnerung im Scotch zu ertränken, und mich nie wieder sehen wollen … Mehr könnte nie daraus werden. Seine Zerrissenheit ist offensichtlich.

Aber es liegt auch an mir. Ich habe so hart dafür gearbeitet, Karriere zu machen, und werde jetzt nicht einfach alles wegwerfen. Ich kann es nicht.

Meinen alten Job aufzugeben und diese Stelle anzunehmen war ein Sprung ins kalte Wasser. Diese mutige Entscheidung ist geglückt, aber von den weiteren Entwicklungen hängt viel ab. Ich kann es mir nicht leisten, in Jacks Bett zu fallen – selbst wenn ich es mit jeder Faser meines Körpers will.

Nein, es ist besser, der Verlockung nicht nachzugeben. Wenn ich lange genug stark bin, wird das Gefühl der Entbehrung vielleicht zur erträglichen Normalität. Außerdem kann ich es genauso halten wie er und mich anderswo nach einer Ablenkung umsehen. Genau das habe ich heute Abend vor, denn zum ersten Mal, seitdem ich für Jack arbeite, komme ich vor Mitternacht aus dem Büro.

„Gemma.“

Seine Stimme ist seidenweich. Ich erstarre und brauche eine Sekunde, um meine fünf Sinne zusammenzunehmen. Wie üblich setze ich eine gelangweilte Miene auf und drehe mich dann langsam zu ihm um.

Er mustert mich mit großem Interesse. Das schwarze Kleid habe ich heute Morgen mit Blick darauf ausgesucht, auch für meine Verabredung am Abend passend angezogen zu sein. Ich habe es mit High Heels und einer goldenen Halskette kombiniert.

„Sie sehen hübsch aus.“

Ich sage nichts. Aber mein Herz schlägt schneller.

„Hören Sie, ich glaube, wir müssen reden. Können Sie mir beim Abendessen Gesellschaft leisten?“

Mein Herz rast. Langsam schüttele ich den Kopf und wende meine Aufmerksamkeit wieder meinem Computer zu. „Nicht heute Abend.“

Er seufzt frustriert. „Sie laufen weg?“

Ich tue so, als wüsste ich nicht, wovon er redet. „Wovor, Jack?“

Sein heiseres Lachen ist sinnlich und ungeheuer verführerisch. Ich mache einen Schritt zurück, als ob ich dadurch verhindern kann, den Kopf zu verlieren.

„Vor dieser Unterhaltung.“

„Ich habe keine Ahnung, wovon Sie reden“, erwidere ich in warnendem Ton. „Aber mir bleiben zehn Minuten, um zum Flask Walk zu laufen. Wenn Sie also reden wollen, schlage ich vor, dass Sie es schnell tun.“

„Sie gehen zu Fuß?“

„Das Restaurant ist direkt um die Ecke. Natürlich gehe ich zu Fuß.“

„Großartig. Ich komme mit.“

Wie sie es schafft, in diesen High Heels zu laufen, ist mir ein Rätsel. Nicht nur, dass sie in den Schuhen laufen kann – sie scheinen wie für sie gemacht zu sein, verdammt. Ich gehe ein paar Schritte hinter ihr her, nur damit ich die Wirkung der hohen Absätze auf ihren Gang, ihren Hintern und ihre Beine bewundern kann.

Ich stelle mir vor, wie sie diese Beine um meine Hüften schlingt.

„Jack?“

Heute Abend trägt sie die Haare offen. Ich starre sie einen Moment lang an und ziehe die Stirn in Falten.

„Worüber wollten Sie reden?“

Ich beschleunige meine Schritte, gehe neben ihr her und nehme ihren Vanilleduft wahr. Aber ich widerstehe dem Drang, mich näher zu ihr zu beugen. „Neulich Abend …“

„Welcher Abend?“

Sie sieht mich an. Ich spüre die Herausforderung in ihrem Blick. Sie wird es mir nicht leicht machen. Nun, Gemma, ich habe Neuigkeiten für dich: Du bist nicht die Einzige, die Herausforderungen mag.

„Oh“, sagt sie und blinzelt langsam. Ein Lächeln umspielt ihren Mund. „Sie meinen den Abend, als Sie mit dieser Frau zugange waren und ich hereingeplatzt bin?“

Ich grummele nur zustimmend.

„Darüber müssen wir nicht reden“, meint sie unbeschwert und zeigt keinerlei Anzeichen von Betroffenheit. „Das geht mich nichts an.“

Sie ärgert mich gewaltig.

Jetzt will ich sie zwingen, das, was zwischen uns ist, zur Kenntnis zu nehmen. Es regt mich auf, wenn sie mich ansieht, als könnte sie sich kaum an meinen Namen erinnern, und währenddessen ihr Pulsschlag in der Halskuhle flattert. Denn ihre körperliche Reaktion zeigt mir, dass sie dasselbe empfindet wie ich.

„Normalerweise mache ich so etwas nicht.“

Sie bleibt stehen und legt mir einen Finger an die Lippen.

Wie ein Blitz durchzuckt die Erregung meinen Körper. Allein diese eine Berührung setzt mich total unter Strom. Ich muss meine ganze Willenskraft aufbringen, um sie nicht an mich zu reißen, zu küssen und meine Zunge in ihren Mund zu stoßen.

Spürt sie es auch? Wir wären perfekt zusammen.

„Ich weiß“, sagt sie weich und verständnisvoll. „Ich weiß, was Sie tun, und warum.“ Ihr süßes Lächeln ist zugleich sexy und mitfühlend. „Was immer Sie brauchen – tun Sie es, um das durchzustehen.“

Das Blut rauscht vor Verlangen so laut in meinen Ohren, dass ich kaum in der Lage bin, zu begreifen, was sie sagt.

Sie nimmt den Finger weg, und mein Blick folgt sehnsüchtig ihrer Hand. Ich will sie mit aller Macht dazu bringen, mich wieder zu berühren. Mein Körper schreit nach ihr.

„Ich sage das jetzt nur einmal.“

Ich versuche mit aller Kraft, mich auf das zu konzentrieren, was sie sagt.

„Sie können schlafen, mit wem auch immer Sie wollen. Wann immer Sie wollen. Sie sind mir keine Erklärung schuldig. Ich arbeite nur für Sie.“ Sie geht einen Schritt zurück.

Alles in mir sträubt sich gegen ihre Worte.

„Außerdem habe ich ein Date.“

Und so einfach, mit einem unbekümmerten, neckischen Lächeln, weist sie mich zurück.

Die Aufzugkabine zittert und bleibt mit einem heftigen Ruck stehen. Ich verliere das Gleichgewicht und stolpere gegen Jack, der mit dem Rücken an der Metallwand lehnt. Ich spüre jeden Zentimeter seines Körpers an meinem. Alle guten Vorsätze, die ich in den letzten elfeinhalb Monaten der Zusammenarbeit mit ihm hochgehalten habe, lösen sich in Luft auf.

So haben wir uns noch nie berührt. Knie, die unter dem Tisch aneinanderstoßen, oder Hände, die einander streifen, wenn wir nebeneinander gehen – mehr ist bis zu diesem Augenblick nie passiert. Wir haben beide den Abstand gewahrt.

Bis jetzt. Jetzt dränge ich mich völlig zufällig und ohne eigenes Verschulden an ihn und unternehme nichts, um die Situation zu entschärfen.

Anstatt mich wegzuschieben, legt er die Hände auf meine Taille, hält mich fest. Ich starre ihn an. Mein Atem streicht über sein Kinn. Er öffnet die Lippen, als würde er darauf warten, dass ich mich auf die Zehenspitzen stelle und ihn küsse.

Plötzlich kann ich nur noch daran denken. Seit ich ihn kenne, vergeht kein Tag, an dem ich ihn nicht küssen will. Aber ich habe ein fast masochistisches Vergnügen daran gehabt, es mir zu versagen – stark zu sein, wenn ich doch mit jeder Faser meines Körpers schwach sein will.

Oh, reg dich ab, ermahne ich mich.

Ich weiß um meine Grenzen. Ich kenne meine Schwächen.

„Der Aufzug steckt fest“, höre ich mich mit rauer Stimme sagen.

„Offensichtlich.“

Er klingt … heiser.

Oh, du lieber Himmel. Die stets unter der Oberfläche lauernde Gefahr droht, mich hinabzuziehen. Ich muss stark sein. Gleich bin ich es wieder. Nur noch ein bisschen.

Er lässt die Hände ein wenig weiter nach unten gleiten. Ich schnappe nach Luft.

In der Aufzugkabine ist es schwarz wie die Nacht, was mich noch mehr antörnt. Wir könnten in dieser Kabine alles tun, ohne dass jemals jemand etwas davon erfahren würde. Eine Nacht, die aus der Zeit gefallen ist.

Ein Geheimnis, das bis ans Ende unserer Tage in diesem Monolithen aus Glas und Stahl verborgen bliebe.

Flackernd erwachen die Lampen wieder zum Leben. Doch es ist nicht das normale Licht, das wieder brennt – stattdessen verleihen nur schwache blaue Lichtstreifen der Aufzugkabine eine fast gruselige Atmosphäre.

Das Licht zeigt, wie nah wir beieinanderstehen. Unsere Gesichter sind nur Zentimeter voneinander entfernt. Wir sehen uns in die Augen.

Sein Stirnrunzeln ist eine Antwort auf die Frage, die ich nicht gestellt habe. Er ist genauso wenig auf diese Situation vorbereitet wie ich.

„Ich bin sicher, es dauert nicht lange …“

Seine Worte versetzen mir einen Kick. Mich überläuft ein Prickeln, das mich bis in die Fingerspitzen elektrisiert. Er lässt die Hände noch weiter nach unten wandern. Jetzt sind sie nur noch wenige Zentimeter von der Rundung meines Pos entfernt.

Durch den Stoff kann ich seinen harten Körper fühlen und sehne mich danach, mehr von ihm zu spüren – alles von ihm. Es knistert zwischen uns. Anders lässt es sich nicht beschreiben. All das, was zwischen uns unausgesprochen bleibt, liegt in der Luft, hüllt uns ein, pulsiert in meinen Adern, verlangt meine völlige Kapitulation.

„Jack …“ Es ist eine Bitte, und er weiß es. In diesem Augenblick brauche ich ihn mehr als Grenzen und Abstand. Die Funken haben sich entzündet, und wir stehen lichterloh in Flammen.

Sein Blick folgt meiner Zunge, als ich meine Unterlippe befeuchte, und er muss die Augen schließen. Ich höre, dass er scharf ausatmet, und fühle es, als würde er mich berühren.

Eine Sekunde später blinzelt er, als ob er aus einem Traum aufwacht. Er strafft die Schultern. Obwohl er mich immer noch ansieht, scheint er mich nicht mehr wahrzunehmen. Alle Emotionen sind aus seinen Augen verschwunden.

„Warum, zum Teufel, dauert das so lange? Inzwischen hätte schon längst jemand den Schaden reparieren müssen.“

Ich schlucke und versuche, mein unbändiges Verlangen zu ignorieren. „Sind Sie enttäuscht, dass Sie die Party verpassen?“, murmele ich. Obwohl ich weiß, dass er es hasst, Veranstaltungen wie diese zu besuchen. Die Cocktailparty für sein Personal findet in der Geschäftsstelle in der Innenstadt statt. Ich für meinen Teil habe mich darauf gefreut.

„Nicht besonders. Ich wünschte nur, wir hätten etwas zu essen.“

„Oder Champagner.“

Er verzieht das Gesicht. „Scotch?“

„Sie trinken zu viel Scotch.“

Es ist ein alberner Scherz, eine wegwerfende Bemerkung. Aber er wirkt augenblicklich ernüchtert.

Natürlich. Er trinkt nur, um Lucy zu vergessen – und jetzt habe ich ihn daran erinnert. „Entschuldigen Sie“, sage ich. „Das war unpassend.“

„Herrje, Gemma. Meinen Sie nicht, dass wir das, was man als unpassend bezeichnet, schon lange hinter uns gelassen haben?“

„Ein heißes Date?“, frage ich, als ich das leuchtend rote Kleid bemerke, das Gemma trägt. Es ist ungeheuer sexy – so wie sie. Aber ich achte darauf, meine Reaktion sorgsam zu verbergen.

Die Situation in der Aufzugkabine war eine gewaltige Warnung. Wir sind immer nur einen Schritt davon entfernt, das Verlangen auszuleben und eine Katastrophe heraufzubeschwören.

Doch ich kann und werde mich beherrschen. Ich habe größere Schlachten geschlagen, als meine Libido in die Schranken zu weisen. Das sollte einfach sein – und ich werde mit der Zeit besser darin werden.

„Ja.“ Sie lächelt flüchtig.

„Jemand, den ich kenne?“

„Glauben Sie, Sie kennen jeden in London?“, neckt sie mich.

„Jeden, den man kennen muss.“ Ich grinse, um die Aussage weniger arrogant wirken zu lassen – und meine Eifersucht herunterzuspielen.

„Fraser nicht“, sagt sie und schnappt sich ihre Handtasche.

Ich will, dass sie hierbleibt. Ihr zuzusehen, wie sie sich darauf vorbereitet, mit einem anderen Mann auszugehen, ist ein ebenso merkwürdiges Gefühl, wie zu wissen, dass ich nie ein Date mit Gemma Picton haben werde.

Ich habe geglaubt, dass ich es mit anderen Frauen treiben und Lucy vergessen kann. Es hat nicht funktioniert. Ich habe geglaubt, dass ich andere Frauen vögeln und Gemma vergessen kann. Auch das hat nicht funktioniert.

Für beide gibt es keinen Ersatz. Ich will mit Lucy verheiratet sein. Ich will mit Gemma schlafen. Und ich kann weder das eine noch das andere haben. Ich bin maßlos frustriert.

Sie holt einen Lippenstift aus der Handtasche. Ich beobachte gebannt, wie sie ihn akkurat aufträgt, ohne einen Spiegel zu benutzen. Sofort stelle ich mir vor, wie sie ihre Lippen über meinen Körper wandern lässt – und schiebe den Gedanken beiseite.

Das ist zu gefährlich, und wir haben der Gefahr stillschweigend abgeschworen. Wenn wir ihr aus dem Weg gehen, wird wahrscheinlich alles in Ordnung sein.

„Ich habe die Vorverträge für die Überseegebiete vorliegen, um die Sie mich gebeten haben.“

„Montag“, sage ich leise. Ein langes Wochenende liegt vor mir, das ich mit irgendetwas füllen muss. Ich werde es so verbringen wie alle anderen Wochenenden seit vielen Monaten.

„Und Sie?“, fragt sie, als ob sie meine Gedanken liest. „Haben Sie irgendetwas vor?“

„Ja.“ Ich weiß noch nicht, wie ihr Name lauten wird. Ich weiß nur, dass es jemanden geben wird. Meine endlose Suche nach Ablenkung und einem Weg, weiterleben zu können, ist noch lange nicht vorbei.

„Na, dann wünsche ich Ihnen einen schönen Abend.“

Ihr Lächeln geht mir ans Herz. Als sie an mir vorbeigeht, rühre ich mich nicht von der Stelle. Ich atme ihren Duft, sauge ihre Nähe ein, solange ich es kann.

Wir sind wieder in der Aufzugkabine. Statt wie ein braver Junge Distanz zu Gemma zu halten, mache ich, was ich das letzte Mal tun wollte. Ich halte sie fest, packe ihre Hüften und hebe sie hoch. Ich presse sie mit dem Rücken an die Metallwand und schlinge ihre Beine um meine Taille.

Ihr Kleid zerreißt, und es ist mir völlig gleichgültig. Sie lacht. Sie ist so scharf auf mich wie ich auf sie und zieht an meinem Hemd. Endlich küsse ich sie. Ich dringe mit der Zunge tief in ihren feuchten Mund ein, bestrafe sie dafür, dass sie mich warten ließ – bestrafe mich für meine Schwäche.

Sie stöhnt. Ich hatte unrecht. Ihr Stöhnen hört sich anders an als die sexy Laute, die sie beim Essen von sich gibt. Jetzt kann ich ihre kehligen Laute kaum ertragen, ohne in Raserei zu verfallen. Ich zerre am Stoff ihres Kleides, reiße es bis zum Ansatz ihrer Schenkel auseinander, schiebe die Finger unter den hauchdünnen Elastikbund ihres Slips.

Genau wie in Paris trägt sie einen hauchdünnen und sehr knappen Tanga aus Spitze, der ihren Hintern perfekt in Szene setzt. Ich schiebe den Stoff zur Seite. Endlich berühre ich sie, fühle ihre Hitze unter meinen Fingern. Ich küsse sie, während ich sie streichle. Seufzend fährt sie mit den Händen über meinen Rücken bis unter den Bund meiner Hose. Offenkundig ist sie genauso versessen darauf, meine nackte Haut zu spüren, wie ich sie spüren will. Fluchend reißt sie sich von meinem Mund los, ringt nach Atem und starrt mich an, als wüsste sie nicht, was zur Hölle vor sich geht.

Aber das hier ist mein Traum. Meine sexuelle Fantasie.

Und das weiß sie. Lächelnd drängt sie sich an mich, reibt sich an mir. Eine Woge der Lust erfasst mich. Ich küsse sie, erforsche ihren Mund, löse ihre langen, seidigen Haare aus dem sorgsam aufgesteckten Knoten, bis sie schließlich ihr Gesicht umrahmen und über ihre Brüste fallen.

Dann sind wir nicht länger allein. Jemand steht in der Ecke. Jemand mit roten Haaren und einem enttäuschten Ausdruck auf dem schönen Gesicht. Jemand, den ich besser kenne als mich selbst.

Lucy sieht mich so traurig an, dass ich innehalte. All mein Verlangen ist plötzlich wie weggefegt. Ich halte Gemma noch immer in den Armen. Sie gehört mir noch so sehr wie nur einen Augenblick zuvor. Aber ich will sie nicht länger.

Oder doch?

Ich weiß es nicht.

Alles ist so abgefuckt – und im Traum finde ich nicht mehr Antworten als in der Wirklichkeit.

„Jack, mach das nicht.“ Lucys Stimme. Ihre liebe Stimme. Ich habe einen Kloß im Hals. Tränen brennen in meinen Augen. Der Schmerz trifft mich erneut mit voller Wucht.

„Sie verdient es nicht, so benutzt zu werden. Gemma verdient etwas Besseres.“

Im Leben hatte Lucy immer recht, und das hat mich geärgert. Ich glaube, dass sie vielleicht auch noch über ihren Tod hinaus richtigliegt. Gemma verdient etwas Besseres.

Ich wache allein auf und habe das eigenartige Gefühl von Verlust, von zerstörten Hoffnungen, zerplatzten Träumen – und, ja, ich bin frustriert. Ich kann es nicht erklären. Es ist unfassbar.

Aber eines weiß ich mit Sicherheit und aus tiefstem Herzen: Gemma Picton ist absolut, ohne jede Einschränkung und für immer tabu …