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Alles Begehren

Als Buch hier erhältlich:

Die Nummer 1 aus England



Jeder kennt diesen einen Moment, der die Weichen neu stellt und alles verändert. Und wenn man das Leben zurückspulen könnte wie eine VHS-Kassette, dann würde man auf diesen Moment spulen – um sich anders zu entscheiden.
1985: Callum ist ein glücklich verheirateter Familienvater. Die Studentin Kate ist bildschön und gewohnt, sich das zu nehmen, was sie braucht. Sie begegnen sich - und begehren einander mit solch einer Macht, dass es ihrer beider Leben beinahe zerstört. Aber nur beinahe.
Siebzehn Jahre später treffen sie sich wieder. Das Leben hat auf den Moment der Entscheidung zurückgespult. Sie können noch einmal wählen. Doch das Leben verfolgt einen eigenen Plan.

»Ruth Jones ist eine hervorragende Menschenkennerin, die weiß, warum wir die Fehler begehen, die wir begehen. Ich habe mit jedem einzelnen Charakter mitgefühlt. Man kann diesen Roman nicht aus der Hand legen.«
Jojo Moyes

»Ruth Jones lotet in ihrem großartigen Debüt „Alles Begehren“ die Abgründe von Leidenschaft und Ehebruch aus.«
Für Sie

»Und wenn man das Leben zurückspulen könnte, dann würde man dorthin spulen – um sich diesmal anders zu entscheiden. Doch noch nie zuvor wurde von diesem einschneidenden, alles verändernden Augenblick so eindringlich erzählt wie in „Alles Begehren“.«
Leserin




  • Erscheinungstag: 02.05.2018
  • Seitenanzahl: 480
  • ISBN/Artikelnummer: 9783959672023

Leseprobe

Wahrlich, und ist die Zeit auch unser Element,

so taugen wir nicht für den fernen Blick,

wie er sich in jedem Moment des Lebens öffnet.

Führte er uns doch Verlust vor Augen: Schlimmer noch,

er zeigt uns das, was wir jetzt haben, wie es einst war,

so leuchtend ungeschmälert, als hätten wir

durch anderes Verhalten es so bewahren können.

Philip Larkin

1985

PROLOG

Fergus wurde langsam sauer. Die Neue hätte um sechs da sein sollen. Und jetzt war es schon zwanzig nach. Ein Samstagabend mitten im Hochsommer war kein guter Zeitpunkt für zu wenig Personal. Er hatte bereits den armen Callum als Aushilfe eingespannt. Und der wäre ganz offensichtlich auch lieber an einem anderen Ort gewesen. Fergus sah zum Ausschank hinterm Tresen hinüber und dachte, wie so oft, wie gut Callum für sein Alter aussah, auf jeden Fall jünger als fast neununddreißig. Sein kleiner Bruder Callum. Schon lustig, für Fergus würde er immer das Küken bleiben, obwohl er über eins neunzig groß war. Fergus beobachtete, wie Callum sich mit ein paar Stammgästen unterhielt. Typisch Callum: immer völlig locker. Im Umgang mit allen. Egal, mit wem er sprach – egal, um wen es sich handelte, welcher Herkunft, welchen Alters, Callum klang immer ernsthaft interessiert. Das machte ihn auch zu einem so guten Lehrer. Und einem guten Vater. Fergus beneidete seinen Bruder um dessen unendliche Geduld.

Callum lauschte dem alten Stuey Jameson, der sich über die jüngsten Geschehnisse in den Nachrichten ausließ und entsprechend seinen Senf dazugab – »Also, wenn der das Sagen hätte, dann würd die Sache anders aussehen.« Es gehörte zum Job, sich mit den Stammgästen zu unterhalten – den alten Herren, die an der Bar ihr Revier absteckten und sich weigerten, auch nur einen Zentimeter zu weichen, egal, wie voll es im Pub wurde; die immer am selben Platz saßen, auf demselben Barhocker, und dieselbe Sorte Bier tranken. Selbst dann, wenn alles in tristen Winterschlaf fiel, wenn sich die Wellen der Nordsee unbarmherzig gegen die Küste warfen und ihren hellbraunen Schaum hoch über die Dächer der Strandhotels schleuderten; wenn die Eis schleckenden Feriengäste längst von der menschenleeren Promenade verschwunden waren, selbst in diesen dunklen Monaten, in denen das Geschäft schlecht lief, kamen Männer wie Stuey so sicher wie das Amen in der Kirche und tranken an der Bar ihre Pints im Takt zur Melodie der spärlichen, inhaltsleeren Unterhaltung. Ja. Außerhalb der Hochsaison waren sie angewiesen auf solche wie Stuey. Darum durfte man sie nie als selbstverständlich betrachten.

Fergus nickte Callum zu und ging hinaus in den Biergarten. Wo zum Teufel blieb diese Aushilfe? Er wusste, es war ein Fehler gewesen, ihr den Job zu geben. Das Mädchen – Kate Sowieso – war vergangene Woche bei ihm aufgetaucht, als er gerade besonders im Stress gewesen war. Die Tochter eines Kumpels von einem Kumpel, auf der Suche nach einem Ferienjob. Offensichtlich ein bisschen zu lebhaft, aber waren das heutzutage nicht alle? Hielt sich angeblich für eine begnadete Schauspielerin. Aber taten das heutzutage nicht auch alle? Fergus ging davon aus, dass Schauspielerinnen gut mit Leuten umgehen konnten, also auch mit Typen wie Wheezy Ron und Jackie Legg. Und sie hatte dieses Lächeln gehabt. Ehe er sich versah, hatte er zu ihr gesagt: »Okay, komm am Samstag um sechs, dann schauen wir, wie’s läuft.« Laut seiner Uhr war es inzwischen 18.35 Uhr. Es lief also alles andere als gut.

Er fing an, leere Chipstüten von einem der Tische draußen zu räumen. Die Gruppe Jugendlicher, die den Plastikmüll produziert hatte, klatschte johlend Beifall, als Fergus geübt mit jeder Hand fünf Pintgläser einsammelte. Einer von ihnen, vom Alkohol etwas zu sehr beflügelt, leerte sein Whiskyglas und knallte es mit solcher Wucht auf den Tisch, dass es zerbrach, was weiteres Jubelgeschrei zur Folge hatte.

»Hey! Lasst gefälligst solchen Scheiß, ist das klar?!«

Fergus brachte die Gläser nach drinnen zur Bar. »Rede du mal mit denen, Callum. Die gehen mir jetzt schon auf die Eier, und es ist gerade mal halb sieben.« Er reichte ihm eine Kehrschaufel mit Besen. »Und wo zum Teufel bleibt dieses Mädel?«

Auf dem Weg zur Meute der Halbstarken fragte Callum sich wieder einmal, weshalb Fergus Kneipenwirt hatte werden wollen. Er hasste die Arbeitszeiten, hasste die Gäste und trank noch nicht einmal gerne. »Kommt mal etwas runter, Jungs. Mein Bruder ist heut Abend echt schlecht drauf, und das muss ich dann ausbaden.«

»Geht in Ordnung. Alles klar, Cal.«

Callums sanftes, hünenhaftes Auftreten verfehlte nie seine beruhigende Wirkung. Er hätte für die UNO arbeiten sollen, witzelten seine Freunde gerne. Seine unerschütterliche Gelassenheit und seine liebenswerte, verbeulte Rugbyspielerseele vermittelten seinen Mitmenschen ein Gefühl von Sicherheit. Er verlor nie die Beherrschung, und doch wollte es sich keiner mit ihm verscherzen. Obwohl seine Rugbyzeit schon lange zurücklag, trug sein Körper noch immer die Kampfspuren aus unzähligen Matches bei Wind und Wetter, wo er im Getümmel Hieb um Hieb eingesteckt hatte, von tausenden Zweikämpfen zerbeult, geschlagen, gekratzt, geprellt und vernarbt. Er war nie eine Schönheit im herkömmlichen Sinn gewesen, aber was ihn so attraktiv machte, war die Tatsache, dass er sich seiner Attraktivität gar nicht bewusst war, mit seinen Gesichtszügen, die inzwischen zerfurchter waren als die schottische Küste, an der er aufgewachsen war. Und wie es Denise vom Rugby Club gerne formulierte: Egal, wie alt er wurde, Callum MacGregor würde nie seinen Sexappeal verlieren.

»Schaut mal da, Kinder – das ist ja Zauberei!«, ertönte es plötzlich hinter ihnen. Ein fremder walisischer Akzent inmitten des schottischen Stimmengewirrs. »Daddy hat eine Schaufel und einen Besen in der Hand, und er BENUTZT sie sogar!«

Strahlend drehte Callum sich nach Belinda um, seiner hochschwangeren Ehefrau, die mit sechsunddreißig immer noch strahlend schön war und seine beiden Söhne, Cory und Ben, an den Händen hielt.

»Hey, nicht so frech!«

»Daddy, wir gehen zum Strand!«

Callum beugte sich hinunter, um Ben zu kitzeln, der vor Freude quietschte. »Ich wünschte, ich könnte mitkommen!« Er küsste Belinda sanft auf die Wange. »Wie geht’s dir?«

»Ach, du weißt schon, so lala. Das Auto steht vorne an der Straße.« Sie reichte ihm den Wagenschlüssel.

»Bist du sicher, dass es dir nichts ausmacht, zu Fuß nach Hause zu gehen?«

Belinda rieb sich den Bauch. »Ja – die Bewegung wird mir guttun. Vielleicht hilft es dem da ein bisschen auf die Sprünge. Ich glaub nämlich nicht, dass ich das noch vier Wochen so durchhalte.«

»Was du brauchst, ist ein gutes Curry.«

»Keine weiteren Kinder mehr! Das ist es, was ich brauche, Callum MacGregor. Ich werde dafür sorgen, dass du mir nie wieder zu nahe kommst!«

Callum vergrub seine Nase unauffällig an ihrem Hals und flüsterte: »Aber wir wissen doch beide, dass das nicht passieren wird.«

Belinda schnappte nach Luft. Selbst jetzt, nach zehn Jahren, mit Baby Nummer drei unterwegs, löste er noch dieses Kribbeln bei ihr aus. »Benimm dich«, flüsterte sie zurück und errötete. Dann schnappte sie sich Cory, der seinen Eimer samt Schaufel fest umklammert hielt, und rief Callum über die Schulter hinweg zu: »Wann bist du zurück? So gegen zwölf?«

»Ja, später wird’s nicht.«

Er sah ihr nach. Zehn Jahre älter als bei ihrer ersten Begegnung. Zehn Jahre klüger – wenn Belinda überhaupt noch klüger werden konnte – und noch hinreißender als damals, mit einem Kind an jeder Hand und einem dritten auf dem Weg. Ja, dachte er mit Blick auf seine Frau, was für ein riesengroßes Glück er doch hatte.

Wenn er sein Leben wie ein Video hätte zurückspulen können, dann hätte er das bis zu dieser Stelle getan, das Band angehalten und dort wieder eingesetzt. An diesem alles verändernden Moment, als er seiner geliebten Belinda hinterhersah und der Wirbelwind namens Kate Andrews in seine sichere kleine Welt hereingestürmt kam.

Sie aß Zuckerwatte.

Sie war einundzwanzig.

Sie war atemberaubend schön.

»Na, alles klar, Jungs?«

Die jungen Kerle am Tisch waren begeistert. »Hallo! Darf ich mal abbeißen?«

»Sorry, aber ich teile nie. Weiß ja nicht, was ich mir da vielleicht einfange!« Sie zwinkerte ihnen zu und verschwand nach drinnen, ohne Callum überhaupt zu bemerken, der immer noch mit Kehrschaufel und Besen in der Hand dastand.

Drinnen in der Kneipe wurde es langsam voller. »Tut mir leid, dass ich zu spät bin. Bin bei den Jahrmarktbuden hängen geblieben!« Kate sah sich nach einem Abfalleimer um und entsorgte ihren Zuckerwattestiel. Fergus’ verärgerte Miene wurde vom Dampf aus der Glasspülmaschine verdeckt. Am liebsten hätte er sie gefeuert, bevor sie überhaupt angefangen hatte, aber er brauchte dringend eine Aushilfe an der Bar. Und er wusste, dass Kate das wusste.

»Na gut. Bin nicht gerade beeindruckt. Wenn du noch mal so spät kommst, kannst du den Job vergessen. Jetzt stapel die Gläser da, und fang an mit Bedienen. In ner Stunde rennen sie uns hier die Bude ein.«

Callum trat hinter die Theke und ergriff eines der vielen leeren Biergläser, die ihm von der anderen Seite aus entgegengestreckt wurden.

»Das Seventy-Shilling-Fass muss ausgetauscht werden …«

»Kann ich machen«, bot Callum an.

»Nein, passt schon, zapf du mir ein Pint für Alec, ja?« Mit diesen Worten verschwand Fergus Richtung Keller.

»Okay, wer ist als Nächstes dran?« Kate strahlte die Gäste an und schien von Fergus’ Anpfiff wenig beeindruckt zu sein. Ein Chor durstiger Stimmen behauptete, an der Reihe zu sein.

»Ist der immer so schlecht drauf?«, wollte sie von Callum wissen, während sie die erste Bestellung ausführte. Es waren die ersten Worte, die sie an ihn richtete, und Callum konnte an nichts anderes denken als an die Tatsache, dass ihr nackter Arm seinen berührte, während sie nebeneinander Bier zapften.

Zur Verteidigung seines Bruders versuchte er, genervt zu klingen. »Du bist eine Dreiviertelstunde zu spät gekommen!«

»Ha! Du klingst wie ein Lehrer!« Kate lachte.

»Liegt wohl daran, dass ich einer bin.«

»Du machst Witze!« Kate hielt mitten im Zapfen inne, das Glas in der Hand.

»Nein. Das hier ist bloß … ich helfe Fergus aus, wenn viel los ist.«

Sie drehte sich zu ihm um und sah ihn das erste Mal richtig an. »Wo unterrichtest du?«

»In der Oberstufe am St. Mary’s drüben.«

»Ach, gegen die haben wir Korbball gespielt.«

»Auf welche Schule bist du denn gegangen?«

»Andere Seite der Stadt. North Park an der Queensferry Road.« Ihr Lächeln war hypnotisierend. »Ich heiße übrigens Kate.«

»Ich weiß.«

Sie hielt seinem Blick stand.

Fünf Stunden später saß sie rittlings auf ihm. Ihr Spitzenslip lag irgendwo auf dem sandigen Boden zu ihren Füßen, und ihren kurzen Jeansrock hatte sie selbstbewusst hochgezogen. Die Holzbretter der Bank im Unterstand stöhnten bei jedem Stoß, als wollten sie mit einstimmen. Kate saß mit dem Gesicht zu ihm, nahm ihn ganz in sich auf, völlig verzückt, ihn in sich zu spüren, als würde sie zum ersten Mal Sex erleben. Doch sie war viel zu geübt in dem, was sie tat, als dass es ihr erstes Mal hätte sein können. Dann hielt sie einen Moment lang inne, um Luft zu holen, und nahm Callums Gesicht ungläubig in beide Hände – »Wahnsinn!« Sein Lächeln wurde breiter, dann packte er sie ohne Vorwarnung, hob sie mühelos hoch und drückte sie gegen die Wand. »Ja«, flüsterte sie, woraufhin er sie weiter fickte. »Gott, bist du gut.«

Was tust du da? Die Frage schoss ihm durch den Kopf, doch er ignorierte sie.

Sie kamen gleichzeitig. Dann standen sie da, er mit der Jeans um die Knöchel, sie die Beine um seine Taille geschlungen, während die Wellen an den Strand brandeten. Auf einmal hörten sie über das Rauschen hinweg Gesang: eine betrunkene Stimme, die näher kam. »I’m ne’er gonna dance again. Guilty feet … got no rhythm.«

»Shit!« Kate kicherte. Callum hielt ihr den Mund zu. Was sie nur noch mehr zum Lachen brachte.

»Stillhalten.«

Sie rührte sich nicht. Ebenso wenig wie Callum. Stattdessen vergrub sie den Kopf an seinem Hals, während der betrunkene Möchtegern-George-Michael auf der anderen Seite des Unterstands um die Ecke bog, seinen Hosenladen öffnete und geräuschvoll pisste. Es schien ewig zu dauern, begleitet von Fetzen wie »Should have known better than to cheat a friend …«.

Kate biss in Callums Hand, um nicht laut loszulachen. Während jeder Sekunde, die verging, warteten sie darauf, dass der Typ den Kopf hob und sie entdeckte, aber er bemerkte nichts. Als er schließlich fertig war, schüttelte er ab, packte alles wieder ein und stolperte davon.

Kate flüsterte: »Meinst du, er …«

»Nein, niemals.«

Aus einiger Entfernung ertönte: »Gute Nacht, mein Freund. Netter Hintern übrigens.« Und Kate verlor vor lauter Kichern beinahe das Gleichgewicht.

Es war schon fast eins, als er sie ins Stadtzentrum fuhr. Auf ihrem Schoß hatte sie diverse Make-up-Utensilien vom Body Shop ausgekippt. Sie hatte den Schminkspiegel in der Sonnenblende heruntergeklappt und band sich gerade die Haare mit einem Gummi nach oben. Ihre braunen Locken waren üppig, dicht und glänzend. Am liebsten hätte er wieder mit beiden Händen hineingefasst, das Gesicht darin vergraben und tief eingeatmet.

Sie bemerkte seinen Blick. »He, schau gefälligst auf die Straße!« Lächelnd tat er wie geheißen.

Kate schüttelte ein blaues Mascarafläschchen und tuschte ihre Wimpern nach, mit vor Konzentration leicht geöffnetem Mund.

»Wie alt sind deine Kinder?«

»Wer sagt, dass ich Kinder habe?«

»Willst du etwa behaupten, du hast keine?«

Er lächelte. »Drei und fünf. Und ein drittes ist gerade unterwegs.«

»Verdammt, da warst du ja ganz schön fleißig. Kein Wunder, dass du die Extrakohle brauchst.« Inzwischen war sie beim Lipliner angekommen. Unauffällig beobachtete Callum, wie sie ihre vollen Lippen mit geübtem Strich sorgfältig umrandete. Sie spürte, dass er sie wieder ansah. »Ich kann das übrigens mit geschlossenen Augen. Ist mein kleiner Partytrick.«

»Ich wette, bei jemand anderem könntest du’s nicht.«

Sie lächelte. »Hier kannst du mich rauslassen. Den Rest gehe ich zu Fuß.« Sie packte ihr Make-up zusammen und stopfte es in die kleine perlenbesetzte Tasche, während Callum den Wagen anhielt.

»Bist du sicher, dass ich dich nicht nach Hause fahren soll?«

»Mann, es ist Samstagabend in Edinburgh! Erinnerst du dich noch? Clubs? Curry-Buden? Kater am nächsten Tag? So alt bist du nun auch wieder nicht.«

»Nächsten Monat neununddreißig!«

Grinsend stieg sie aus. »Danke fürs Mitnehmen!«

Er sah ihr nach, wie sie davonging. Und dann, als wäre ihr noch etwas eingefallen, drehte sie sich um und kam zu ihm an die Fahrerseite zurück. Er ließ das Fenster runter, und sie küsste ihn.

Oh, verdammt, diese Lippen, dachte er.

Sie sah ihm fest in die Augen.

»Du. Wirst mir. Das Herz. Brechen, Callum MacGregor.«

Mit einem Abschiedsklopfen aufs Autodach war sie wieder weg. »Tschüss!« Dieses Mal drehte sie sich nicht mehr um.

Er versuchte zu begreifen, was gerade passiert war. War das eine Art Falle, ein aufwendiger Scherz, den sich einer von den Jungs aus dem Rugbyclub auf seine Kosten erlaubte? Nein. Das hier war kein Scherz.

Und dann kamen sie.

Die Schuldgefühle.

Belinda.

Er holte tief Luft. Was würde er sagen, wo er noch gewesen war? Für den Bruchteil einer Sekunde zog er in Erwägung, es ihr zu erzählen. Wie bitte? Auf keinen Fall! Wie konnte er das nur für eine gute Idee halten.

Ich war noch im Club, und da ging’s ein bisschen länger.

Gary würde ihn decken. In dieser Hinsicht schuldete er Callum mehr als einen Gefallen – schließlich gab er Gary ständig Alibis. Herrgott, war so jemand aus ihm geworden? Einer dieser stumpfen Rugbyclub-Ficker?

In der Ferne sah er, wie Kate lachend zu einer Gruppe von Freunden stieß. Einer von ihnen hob sie hoch und schwenkte sie herum. Callum drehte den Schlüssel im Zündschloss und fuhr los. Nach Hause. Bereit, mit dem Lügen zu beginnen.

Teil eins

2002

KAPITEL 1

»Ich hab mich Hals über Kopf in ihn verknallt. Als würde man mit dem Fahrrad ganz schnell einen sehr steilen Hang hinuntersausen und plötzlich merken, dass die Bremsen nicht funktionieren.« Kate Andrews – inzwischen achtunddreißig, tränenüberströmt und mit fortgeschrittenem Alter noch hinreißender – hatte beim Gespräch mit der Therapeutin die Hände sorgfältig im Schoß gefaltet.

»Und was war mit ihm? Was, glauben Sie, hat er in diesem Moment gefühlt?« Die Therapeutin sprach leise, mit freundlicher Stimme. Kate holte tief Luft. »Also, um ehrlich zu sein, ich glaube, die meiste Zeit hat er …« Sie zögerte, und die Therapeutin nickte ihr aufmunternd zu. »… meinen Hintern befühlt.« Prustend lachte sie los und verbarg das Gesicht in den Händen.

Der Regisseur und das Fernsehteam waren solche Ausbrüche bei Kate gewohnt. Die Darstellerin, die die Therapeutin spielte, wirkte etwas verwundert. Die Kameramänner grinsten sich an.

»Tut mir leid, tut mir echt leid, aber da konnte ich nicht widerstehen. Dieses Drehbuch ist schuld! Der Text ist einfach so – völlig bescheuert teilweise …«

»Ja, vielen Dank, das ist sehr hilfreich.« Der Regisseur war genervt. Sie waren ohnehin schon im Verzug.

Kate verdrehte die Augen. Mann, warum stellten sich alle immer so an? Es war doch bloß ein Scherz. »Meine Güte, ich hab doch schon gesagt, es tut mir leid!«

»Okay zusammen, wir machen am Freitag an dieser Stelle weiter. In der Hoffnung, dass Ms. Andrews sich bis dahin wieder im Griff hat. Das war’s für heute.«

Wie ein gescholtenes Kind verzog Kate sich in Richtung ihres Wohnwagens. Auf dem Weg dorthin rief sie verschiedenen Crewmitgliedern einen Gutenachtgruß zu. Betsy, ihre Visagistin, rief zurück: »Süße, willst du die Schminke runterhaben?«

»Nee, mach ich zu Hause.«

»Selber schuld«, witzelte Betsy. »Von mir hättest du noch ne schöne Kopfmassage bekommen!«

»Nächstes Mal! Bist ein Schatz!«

Kate stieg die Metallstufen ihres Winnebago hoch, und sobald sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, erlosch ihr Lächeln. Sie zog die Sachen ihrer Filmfigur aus und stattdessen ihre Armani-Jeans an.

Die Wandbeleuchtung war eingeschaltet, ebenso der Elektrokamin. Das schätzte sie besonders an ihrem Wohnwagen, wenn es draußen dunkel und kalt war. Ihr persönlicher kleiner Zufluchtsort. Sie liebte Nachtdrehs, bei denen man stundenlang warten musste. Dann kroch sie in ihr schmales Wohnwagenbett und tat so, als wäre sie wieder acht Jahre alt und sicher und geborgen. Als sie nun ihren Kaschmirpullover mit dem V-Ausschnitt überstreifte, begegnete sie ihrem Spiegelbild an der laminierten Wand. Heute sah man ihr ihr Alter an. Die dunklen Ringe unter ihren Augen schimmerten durch den matten Concealer hindurch. Offenbar brauchte sie eine weitere Vitamin-B-Spritze von diesem Arzt in der Harley Street. Sie konnte es sich nicht leisten zu schwächeln, wo noch acht weitere Wochen Dreharbeiten vor ihr lagen. Und das Rauchen musste sie wirklich sein lassen. Kate griff nach ihrer Schachtel Marlboro Lights, zündete sich eine an, nahm einen tiefen Zug und blies den Rauch trotzig in Richtung des Schilds Absolutes Rauchverbot am Kühlschrank. Alle wussten, dass sie hier drin rauchte, doch niemand traute sich, etwas zu sagen.

Ein zögerliches Klopfen an der Wohnwagentür.

»Moment!«

»Sorry, Kate, ich wollte nur sagen, dass dein Wagen bereitsteht, wenn du so weit bist.« Es war Becky, eine von den Set-Runnern, ein süßes, echt nettes Mädchen, deren Liebenswürdigkeit immer wieder verblüffend war.

»Alles klar, danke, Becs. Komme gleich.«

Kate nahm vier weitere rasche Züge, um den letzten Rest Nikotin aus ihrer Zigarette zu saugen, bevor sie am Waschbecken Wasser darüberlaufen ließ und die Kippe in den Mülleimer warf.

Dann schloss sie für einige Sekunden die Augen und seufzte. Die Dunkelheit war wieder auf dem Weg zu ihr. Diese entsetzliche, lähmende Schwärze, die sich heimlich anpirschte, um sie zu verschlingen. Kate spürte sie, tief unten im Bauch – eine Sorge, eine Angst vor dem Unbekannten, ein irrationales Gefühl nahenden Kummers. Sie musste es verscheuchen, bevor es wieder seine Klauen in sie schlug.

Mit einem Blick in den Spiegel biss sie entschlossen die Zähne zusammen. »Schluss damit«, knurrte sie. »Reiß dich gefälligst zusammen!« Dann setzte sie das berühmte Kate-Andrews-Lächeln auf und öffnete die Wohnwagentür.

Dougie, ihr Fahrer, stand wartend an seinem schwarzen Mercedes und trank wie immer Kaffee aus seiner Thermostasse. »Soll ich dir irgendwas zum Auto tragen, Liebes?«, rief er Kate zu.

»Nur meinen müden Hintern!«

»Lässt sich einrichten.«

»Oh, Doug, du alter Charmeur.«

Dougie lachte, einen Tick zu laut. Manchmal war dieses Geplänkel am Set ermüdend. Immer auf »eine große Familie« machen zu müssen, immer gut gelaunt sein, dauernd irgendwelche Witzchen reißen, immer locker sein zu müssen. Sie stellte sich vor, wie Dougie zu seiner Frau oder den anderen Fahrern sagte: »Diese Kate Andrews, die ist ein echter Schatz. Auf die lasse ich nichts kommen. Total bodenständig, eine Seele von einem Menschen, und mit einem echten Sinn für Humor …« Kate wusste, wie wichtig es war, es sich mit Dougie nicht zu verderben. Man wusste nie, wann man mal um einen Gefallen bitten musste.

Also strengte sie sich an und schaltete in den Fröhlichkeitsmodus. »Na, dann mal los, Douglas! Bring mich nach Hause, und gib den Pferden die Sporen!«

Vierzig Minuten später schlief Kate tief und fest auf der Rückbank. Den Heimweg verschlief sie immer. Dougie kannte den Ablauf: Zehn Minuten vor Ankunft weckte er sie, damit sie noch eine heimliche Zigarette aus dem Fenster rauchen konnte.

»Kate«, flüsterte er, um sie nicht zu erschrecken, »wir sind gleich da.«

»Hmmmm.« Sie gähnte und streckte sich und wartete auf Dougies unvermeidliches »Achtung – wenn du so weitermachst, schluckst du noch eine Fliege!«.

»Wie spät ist es?«

»Viertel nach, Schätzchen.«

Sie kramte in ihrer Handtasche nach den Kippen, zog eine heraus, zündete sie an und kurbelte schnell das Fenster herunter, um den Rauch hinauspusten zu können. Die hereinströmende kühle Luft fühlte sich gut an auf ihrem Gesicht. Der Verkehr in Chiswick war dicht. Kate liebte es, um diese Zeit im Dunkeln an Häusern vorbeizufahren, wo Menschen bei geöffneten Vorhängen das Licht brennen ließen und damit unabsichtlich kleine private Inszenierungen für diejenigen boten, die im Vorübergehen anonym einen Blick auf das Leben im Innern erhaschten.

»Tut mir leid, dass ich in deinem Auto rauche, Doug. Das ist ziemlich egoistisch von mir.«

Ihre unerwartete Demut überraschte ihn. »Ist schon in Ordnung, Darlin’. Hab ja keine Augen im Hinterkopf, oder?«

Der Verkehr geriet wieder ins Stocken. Kate blickte in ein Wohnzimmer im Erdgeschoss. Dort saß eine Frau allein auf dem Sofa, vor sich einen leeren Teller, und zappte durch die Fernsehkanäle. Dann gab sie auf, schleuderte die Fernbedienung quer durchs Zimmer und vergrub den Kopf in den Händen. Im Haus nebenan war ein Paar am Streiten: Sie fuchtelte mit erhobenen Armen wütend herum, er schüttelte einfach immer nur den Kopf. Es sah aus, als wolle er etwas sagen, aber sie ließ ihn nicht zu Wort kommen. Der Wagen rollte ein Stück vorwärts. Drei Häuser weiter lachten zwei Frauen über etwas, was eine von ihnen aus einem Brief vorlas. Die beiden wischten sich die Freudentränen aus den Augen. Aus der Freude wurde eine Umarmung. Aus der Umarmung ein Kuss.

»Doug, bist du glücklich?«

»Ach, du kennst mich doch! Kann mich nicht beklagen.«

Kann mich nicht beklagen, darf nicht jammern, könnte schlimmer sein – all diese banalen, abgedroschenen Phrasen, die die Leute unablässig von sich gaben, um den Schmerz zu verharmlosen und dabei ja nicht durchblicken zu lassen, dass sie sich innerlich völlig kaputt fühlten. Außer natürlich, das war gar nicht der Fall. Vielleicht war sie ja die Einzige, die diese geistige Sinnlosigkeit, diesen seelischen Bankrott kannte, der sie überwältigte, wenn sie es am wenigsten erwartete.

Wie es wohl war, normal zu sein, fragte sie sich. Oder zumindest das, was die Welt unter normal verstand. Sie dachte an Dougies Frau. Dougies Frau war bestimmt normal. Dienstags zum Frisör, mittwochs Aerobic, Mädelsabend am Donnerstag (Dougies Frau würde von »den Mädels« sprechen, auch wenn sie einen Altersdurchschnitt von 62 hatten), freitagabends mit Dougie essen gehen, »außer er muss arbeiten, diese Dreharbeiten fürs Fernsehen, da ist er bis spät in der Nacht unterwegs, um die Stars hin und her zu kutschieren, der Gute«. Samstags würde Dougies Frau auf die Enkel aufpassen oder mit ihrer Schwiegertochter einkaufen gehen und sonntags einen schönen Braten zubereiten. Jeden Sonntag. Dougies Frau hatte vermutlich einen kleinen Teilzeitjob in einer Geschenkboutique oder einem Café und erledigte jedes Jahr ihre Weihnachtseinkäufe vor dem ersten Oktober. Kate sehnte sich danach, normal zu sein. Nie über alles zu viel nachdenken zu müssen oder der Nörgelstimme in ihrem Kopf lauschen zu müssen, die nie verstummte und ihr unablässig erklärte, dass sie nicht gut genug war oder nicht echt genug, die sie als nutzlos, hässlich und fett beschimpfte.

»Und, was hast du für deinen freien Tag morgen geplant?«, unterbrach Dougie ihre Gedanken.

»Nichts Spezielles, zum Glück.« Kate fischte ihren Kalender aus der Tasche. »Ausschlafen, gemütlich bei Carlo’s brunchen, vielleicht eine kleine Massage im … oh, Scheiße.« Sie hatte die Seite für morgen aufgeschlagen, und der Eintrag sprang sie förmlich an. Rasch griff sie nach ihrem Handy und suchte unter den Kontakten die Nummer ihrer Agentin heraus.

»Bist du für was gebucht?«, erkundigte sich Doug.

»Sieht so aus.« Ihre Agentin meldete sich. »Cynthia, ich bin’s. Tut mir leid, dass ich so spät anrufe, aber ich weiß noch gar nichts Genaues über diesen Termin morgen – da steht nur ›Schulbesuch‹.«

»Ja, in deiner alten Schule.«

»Du machst Witze.«

»Überhaupt nicht. Du hast eine Reservierung für den Zug um 7.10 Uhr ab Euston. Sie haben dich vor über sechs Monaten eingeladen und freuen sich schon sehr.«

»Wie kommt es, dass ich mich nicht erinnern kann, zugesagt zu haben? Edinburgh! Cynthia, verdammt.«

Cynthia Keen war seit über fünfzehn Jahren Kates Agentin. Sie war an das aufbrausende Temperament ihrer Klientin genauso gewöhnt wie an deren Angewohnheit, nicht richtig zuzuhören und sich später zu beschweren, die Informationen nicht erhalten zu haben. Cynthia nahm das nie persönlich. »Möchtest du, dass ich für dich absage?«

Kate seufzte. Ja, das wollte sie. Aber sie wusste, es wäre zu unhöflich. »Nein, schon gut. Tut mir leid. Ich hätte nur gut einen freien Tag brauchen können.«

Cynthia versprach, mit dem Produzenten zu sprechen, ob es im Drehplan nicht ein paar Tage Luft gab, damit Kate sich erholen konnte.

»Danke, Cynthia.« Nachdem sie das Gespräch beendet hatten, sah Kate aus dem Fenster und seufzte. Sie wusste, was Dougie als Nächstes sagen würde, und er enttäuschte sie nicht: »Wer rastet, der rostet, was?«

»Oh, ich darf mich nicht beschweren, ich hab’s ja gut, könnte schlimmer sein …« Dougie bemerkte ihren Sarkasmus natürlich nicht. Kate nahm einen letzten Zug von ihrer Zigarette, bevor sie die Kippe aus dem Fenster warf, gerade als sie in ihre Straße einbogen.

KAPITEL 2

Im Haus mit der Nummer 29 war Matt Fenton gerade dabei, einen großen Topf Chili mit Rotwein abzulöschen. Die rüschenbesetzte Küchenschürze, die er trug, tat seinem männlichen Aussehen keinen Abbruch. Vielmehr ergänzte sie perfekt das Bild eines siebenunddreißigjährigen Vaters mit hellblonden Haaren und skandinavischen Zügen, der auch seine weibliche Seite auslebte. Seine Tochter Tallulah sah ihm beim Kochen zu und trank dabei ihre Abendmilch, auf dem Schoß ihren Pandastoffbären – genannt Panda.

»Warum macht Mummy nie das Abendessen?«

Tallulah war fünf. Tallulah war ein Papakind.

»Weil Mummy zu sehr damit beschäftigt ist, Geld zu verdienen, damit du nie auf Cocopops und Eiscreme verzichten musst.« Matt beugte sich zu ihr hinunter, um sie hochzuheben. »Und jetzt, kleines Fräulein, ist es Zeit fürs Bett. Und für dich auch, Panda.«

»Panda hat das nicht geschmeckt, was du ihm vorhin gekocht hast.«

»Beschwerden bitte nur schriftlich an die Verwaltung.«

Sie waren gerade oben an der Treppe angekommen, als unten die Haustür aufging.

»Hallo?«

»Mummy!«

Kate warf ihre Tasche und den Mantel von sich.

»Hallo, Schatz!«

»Meine zwei liebsten Menschen auf der ganzen Welt. Lasst mich nur schnell einen Schluck trinken.« Kate verschwand Richtung Küche, und Matt versuchte, den Anflug von Ärger zu ignorieren, den er verspürte. Kate hatte die Angewohnheit, ihr Glas Rotwein allem anderen vorzuziehen, sogar dem Gutenachtkuss für ihre fünfjährige Tochter.

»Ich will zu Mummy.«

»Pass auf, was hältst du davon: Ich bring dich jetzt ins Bett, und dann schicke ich Mummy zu dir hoch, damit sie dir eine Geschichte vorliest.«

»Einverstanden.« Tallulah mochte Mummys Geschichten lieber, weil die beim Vorlesen mit verschiedenen Stimmen sprach.

Unten in der Küche leerte Kate ihr Glas Rioja in einem Zug, ehe sie sich ein zweites einschenkte, von dem sie Matt gegenüber behaupten würde, es wäre ihr erstes. Als er hereinkam, kostete sie gerade vom Chili. »Mhm, das schmeckt lecker.«

»Sie möchte, dass du ihr eine Geschichte vorliest.«

»Ja, gleich.«

Sie küssten sich. Kate kuschelte sich an Matts Hals und schloss für einen Moment die Augen. Er legte den Arm um sie und atmete den Geruch ihrer Haare ein, die vertraute Mischung aus Haarspray, Zigarettenrauch und sehr teurem Parfüm. Er merkte, dass sie in Gedanken woanders war.

»Wir haben heute die Bellotti-Drucke verkauft. An ein Restaurant in Hackney.«

»Prima.« Sie nahm einen weiteren Schluck von ihrem Wein, die Augen immer noch geschlossen.

»Und dann habe ich gute zwei Stunden damit verbracht, mit Lula deinen Kuchen zu planen. Aber psssst, das ist ein Geheimnis.«

Kate löste sich lächelnd von ihm. »Ich glaube, sie findet Geburtstage anderer Leute noch toller als ihren eigenen.«

»Ich weiß, und auf deinen freut sie sich ganz besonders, obwohl ich ihr gesagt habe, dass Damen ab einem gewissen Alter den lieber vergessen!«

»Oje, bin ich das jetzt – eine ›Dame gewissen Alters‹?«

»Für mich bist du immer noch eine hinreißende Frau.« Er küsste ihr linkes Ohr. »Alles okay?«

»Bestens.«

Das war gelogen. Er kannte die Anzeichen.

»Ich schau mal nach Lula.« Matt folgte ihr mit einem Glas Wein in der Hand nach oben.

Tallulah schlief bereits tief und fest, die Ärmchen im Traum fest um Panda geschlungen. Vom Türrahmen aus betrachtete Kate ihre kleine, schlafende Tochter, als Matt leise hinter sie trat.

»Sie ist so ein kostbarer Schatz«, flüsterte Kate kaum hörbar. Hand in Hand standen sie schweigend da. Betrachteten ihre Tochter. Voller Liebe.

»Was möchtest du denn an deinem Geburtstag machen?«, erkundigte sich Matt leise. »Sie fragt immer wieder.«

»Ach, ich weiß auch nicht. Ich muss ja zum Dreh, oder?« Kate dachte einen Augenblick nach. »Ich wünschte, wir könnten abhauen. Nur wir drei.«

Matt sah sie an. »Du wirst doch nicht wieder traurig, oder, mein Schatz?«

Sie wich seinem Blick aus. »Nein, natürlich nicht.«

»Du würdest es mir aber sagen, oder?«

»Mir geht’s gut, ehrlich. Ich mag nur den Gedanken nicht, noch ein Jahr älter zu sein, das ist alles. Für dich ist das was anderes. Du bist im Grunde immer noch Mitte dreißig.« Und ehe Matt weiter darauf eingehen konnte, wechselte sie das Thema. »Ich hab morgen diese Schulsache.«

»Ich weiß. Steht im Kalender. Ich kann dich zum Bahnhof bringen, wenn du magst.«

Kate zögerte. »Komm doch einfach mit.« Es war eher ein Flehen als ein Vorschlag.

»Lula hat morgen ihr kleines Konzert, schon vergessen? Einer von uns sollte da sein …«

»Soll das eine Anspielung sein?«

»Was? Nein, sei nicht albern! Schau, du bist um zwölf in Edinburgh und bis abends um acht wieder zu Hause. Ich könnte uns für morgen Abend einen Tisch bei Porto’s reservieren, was meinst du?«

»Verdammte Schule. Die haben mich doch bloß eingeladen, weil ich berühmt bin.«

»Äh, ja, ich denke, das ist der Sinn der Sache. Sie wollen mit dir angeben. Seht nur, wie erfolgreich die Schüler der North Park Primary School sind.«

»Erzähl meiner Mutter bloß nicht, dass ich da hingehe. Sie ist sonst stinksauer, dass ich sie nicht besuche.«

»Du kannst nicht alles machen, Schatz.« Matt streichelte ihre Wange. »Na, komm. Ein Teller von meinem leckeren Chili und dann früh ins Bett. Das ist es, was dir jetzt fehlt.«

War es nicht. Aber andererseits wusste Kate selbst nicht, was sie eigentlich brauchte. Sie ließ zu, dass Matt ihre Hand nahm und sie nach unten führte. Dabei schob sich gedanklich die drohende Finsternis beiseite, die in der Ecke Liegestütze machte und auf den geeigneten Moment wartete, über sie herzufallen …

In jener Nacht träumte Matt, er würde versuchen, ein undichtes Dach zu reparieren, neben ihm ein sich drehender Zementmischer – swisch, bamm, swisch –, doch jedes Mal, wenn er mehr Zement schöpfte, um ein Loch zu stopfen, öffnete sich woanders ein weiteres. Und die ganze Zeit über drehte sich der Zementmischer – swisch, bamm, swisch, bamm.

Beim Aufwachen, zitternd und außer Atem, versuchte er verzweifelt, sich zurechtzufinden. Er war im Schlafzimmer. Gut. Das war gut. Doch er konnte das Geräusch immer noch hören – swisch, bamm, swisch, bamm. Er sah zu Kates Bettseite hinüber. Sie war leer. Da wurde ihm klar, woher das Geräusch kam …

Sie wohnten seit sechs Jahren in ihrem Haus in Chiswick, waren dort eingezogen, als Kate mit Tallulah schwanger war. Es lag preislich eigentlich weit über ihrem Budget, aber Kate hatte gerade eine gut bezahlte Fernsehserie in den Staaten abgedreht, sodass sie alles andere als knapp bei Kasse waren. Ein wunderschönes freistehendes Haus im georgianischen Stil in Chiswick, in das sie sich bereits bei der ersten Besichtigung total verliebt hatten.

Man musste nicht mal mehr was daran tun. Sogar das Kinderzimmer war schon fertig eingerichtet. Nur eines fehlte: Kate wollte einen Fitnessraum. Da ließ sie nicht mit sich verhandeln. Und das Zimmer, von dem Matt sich erhofft hatte, es könnte sein Arbeitszimmer werden, war ganz eindeutig das einzige, das dafür infrage kam. »Es ist essenziell für mein Wohlbefinden und dafür, wie ich bei der Arbeit aussehe.« Ihr ungewohnt scharfer Tonfall hatte ihn so überrumpelt, dass er keine Einwände brachte. »Mein Aussehen ist mein Kapital, Matt.« Dann hatte sie gelacht und ihn geküsst, und damit war das Thema beendet. Es war das erste Mal gewesen, dass er mit Kates Entschlossenheit Bekanntschaft machte, das zu bekommen, was sie wollte. Aber je besser er sie kennenlernte, umso deutlicher sah er diese Seite ihrer Persönlichkeit – und er verstand nach und nach, dass sie neben ihrer Verletzbarkeit, ihrer Unsicherheit und ihrer Sehnsucht, geliebt zu werden, auch einen rücksichtslosen Ehrgeiz und eine innere Willenskraft besaß, die jedes Hindernis aus dem Weg räumen konnte. Und er stellte fest, dass er seine Frau seltsamerweise dafür respektierte.

Hier stand er nun, an der Tür zu Kates Fitnessstudio, und sah zu, wie ihre Füße auf das Laufband trommelten, swisch, bamm, swisch, bamm, während die Schweißtröpfchen in alle Richtungen flogen und die Muskeln ihrer durchtrainierten Arme und Beine unter dem mörderischen Tempo zitterten. Sie hatte Kopfhörer auf und bemerkte ihn nicht. Durch zusammengebissene Zähne feuerte sie sich murmelnd an: »Komm schon, komm schon, LOS!« Matt hatte das Gefühl, sie jetzt zu stören wäre in etwa so, wie einen Schlafwandler aufzuwecken, aber das, was er vor sich sah, war verrückt. Es war halb vier Uhr morgens, verdammt. Kate lief mit dem Rücken zu ihm, und die Musik über ihre Kopfhörer war so laut, dass er den Text des treibenden Dance-Songs sogar über den Lärm des Laufbandes hinweg hören konnte.

Dann schlug Kate völlig unerwartet mit der Hand auf den Stopp-Knopf und kam keuchend zum Stehen. Sie riss die Kopfhörer herunter und ließ die Stirn auf die Konsole sinken. Die blecherne Musik lief weiter, während das Laufband verstummte. Matt wollte sie nicht erschrecken, doch er wusste, dass sie bei jedem Geräusch zusammenzucken würde. »Kate?«, flüsterte er.

»Scheiße! Wie lange stehst du da schon?«

»Ein paar Minuten.«

Sie griff nach ihrem Sporthandtuch und wischte sich den Schweiß vom Gesicht, während sie sich ans untere Ende des Geräts hockte.

»Konnte nicht schlafen. Hab versucht, mich auszupowern.«

»Wohl eher, dich umzubringen?« Matt saß inzwischen auf der Hantelbank neben dem Laufband. Aus der Nähe konnte er erkennen, wie erschöpft sie trotz ihrer geröteten Wangen und des Schweißfilms auf der Haut aussah. Er streckte ihr die Hand hin.

»Nicht. Ich bin total verschwitzt und eklig.«

Matt ließ sich die Zurückweisung nicht anmerken, als sie aufstand und das Zimmer verließ. »Bin nur schnell duschen. Dauert nicht lang. Geh wieder ins Bett.« Mit diesen Worten ließ sie ihn sitzen.

Der blecherne Dance-Beat endete, und in der Stille fühlte Matt sich sehr allein.

KAPITEL 3

Acht Stunden später saß Kate auf einem Platz in der ersten Klasse im Intercity 125 und starrte durch das Fenster auf die regennassen, schlammigen Felder, die von Farngestrüpp und welken Herbstbäumen eingefasst wurden. Strommasten ragten stolz wie kleine Eiffeltürme in die Luft, und leere Fußballfelder riefen nach Spielern, um über ihr nasses Gras zu laufen. Ab und zu eine Herde Schafe, die alle in dieselbe Richtung glotzten, auf Gras herumkauten, als würde es bald knapp werden, und eingemummelt in ihr dickes, wolliges Fell von der Kälte nichts zu spüren schienen.

Kate nippte an ihrem abgestandenen, faden Kaffee und fragte sich, wann die britische Eisenbahngesellschaft wohl mit dem Rest gleichziehen und einen anständigen Kaffee servieren würde. Ihr Magen rumorte, woraufhin sie sich peinlich berührt umsah, ob es jemand gehört hatte. Gott, hatte sie Hunger! Vom Chili am Abend zuvor hatte sie kaum etwas gegessen, ebenso wenig wie vom Porridge, den Matt ihr morgens gekocht hatte.

Nicht dass Matt etwas davon bemerkt hätte. Im Lauf der Jahre hatte sie eine ganze Reihe von Tricks entwickelt, Essen verschwinden zu lassen – das Klo hinunterspülen, es mit Blumenerde vermischen, im Hundenapf verstecken. Und das Krasseste: Als Tallulah noch ein Baby war, hatte Kate unerwünschtes Essen in volle Windeln aus dem Windeleimer verpackt. Manchmal hatte sie ein schlechtes Gewissen, dass sie Matt nichts davon erzählte. Aber sie wusste, er würde es nicht verstehen und ihr Vorträge über Ernährung und die gesundheitlichen Risiken von Untergewicht halten. Er hatte leicht reden: Das Fernsehen war erbarmungslos. Es stimmte nicht, dass man auf dem Bildschirm immer fünf Kilo dicker wirkte. Es waren zehn. Und Kate wusste, wie wichtig es war, gut auszusehen – vor allem je älter sie wurde. Sie musste nur zwei, drei Kilo abnehmen, dann würde sie sich wieder wohlfühlen.

Schräg gegenüber von ihr saß eine übergewichtige Geschäftsfrau in schlecht sitzendem Hosenanzug und telefonierte, während sie nebenher ein belegtes Frühstücksbaguette futterte. Kate konnte nicht anders, als sie heimlich zu beobachten. Es tröstete sie, dicken Menschen beim Essen zuzusehen – sie fühlte sich dann bestätigt in ihrem Hunger und dem Wissen, dass sie selbst von einer solchen Körperfülle oder diesem Kontrollverlust weit entfernt war. Die Frau am Handy sprach über Quartalszahlen. Sie schien für irgendein nationales Einzelhandelsunternehmen zu arbeiten.

»Dave, darüber wird Paul wohl noch mal mit Ihnen sprechen müssen«, sagte sie gerade, »denn in dem Bericht, den ich hier vorliegen habe, steht etwas ganz anderes.«

Während »Dave« am anderen Ende vermutlich sein Handeln rechtfertigte, nutzte die Geschäftsfrau die Gelegenheit, noch einmal in ihr Baguette zu beißen. Allerdings wohl ein wenig zu herzhaft, denn das Eigelb des Spiegeleis platzte auf, und der Dotter spritzte quer über ihre Wange und vorne auf die Bluse.

Nicht wissend, dass sie beobachtet wurde, fluchte die Frau leise vor sich hin, während sie nach einem Taschentuch suchte, um die gelbe Soße aufzuwischen. Da sie nichts davon vergeuden wollte, kratzte sie das Eigelb mit dem Zeigefinger ab und schob ihn in den Mund.

»Ja, ja … nein, reden Sie weiter, ich höre zu.« Was sie ganz offensichtlich nicht tat. Stattdessen kramte sie in ihrer riesigen, vollgestopften Handtasche unterm Sitz herum und heuchelte gleichzeitig Interesse am Gespräch. Schließlich brachte sie eine Packung Feuchttücher zutage, doch es war gar nicht so einfach, einhändig eines davon herauszuziehen. Sie erwischte prompt zwei, mit denen sie zuerst energisch an ihrer Wange herumwischte und dann versuchte, ihre Bluse zu säubern. Dabei ließ sie das Handy fallen.

»Verdammt.« Es fiel direkt unter den Sitz. Kate konnte das Dave – Filiale Bolton fröhlich auf dem Display blinken sehen, während seine kleinlaute Stimme um Hilfe rief. »Hallo? Hallo? Sind Sie noch dran?«

Kate wandte den Blick ab, während die Dame auf der Suche nach dem Handy mit der Hand erfolglos unter ihrem Sitz herumfuchtelte wie eine dieser Greifarmmaschinen in einem heruntergekommenen Vergnügungspark.

Dann gab es ein kurzes Durcheinander. Als Kate aufblickte, sah sie, dass sich die Frau nun auf alle viere begeben hatte, wobei ihr breiter Hintern majestätisch zwischen zwei Sitzen schwankte, weil sie sich nach dem Telefon streckte. Ihre dicken Waden hatten Dellen, und die aufgerissene Hornhaut ihrer Fersen war sogar durch die blickdichte Strumpfhose zu erkennen. Kate stieß ein stummes Dankesgebet aus, dass sie nicht so aussah.

Mit dem wiedergefundenen Handy in der Hand kletterte die Dame zurück auf ihren Sitz, wobei ihr inzwischen der Schweiß den Hals hinunterlief. »Tut mir leid, Dave, wo waren wir stehen geblieben?«

Die Blicke von Kate und der Geschäftsfrau begegneten sich für eine Sekunde, ehe beide schnell wegsahen, gleichermaßen peinlich berührt, bis die beschämte Miene der Geschäftsfrau sich in begeistertes Wiedererkennen verwandelte, als ihr klar wurde, dass sie gerade die Kate Andrews anstarrte! Kate hielt die unangenehme Situation nicht länger aus, nahm ihre Tasche und machte sich auf den Weg ins Raucherabteil.

Dort stand sie im Windfang und zündete sich eine Zigarette an, das Fenster einen Spalt geöffnet, damit sie den Rauch hinausblasen konnte. Sie dachte an den frühen Morgen daheim zurück. Sie war etwas zu spät aufgewacht. Tallulah saß am Ende ihres Bettes, Panda im Arm.

»Hallo, meine Süße. Kriegt Mummy vor der Schule noch einen Kuss?«

Tallulah kuschelte sich an sie. »Daddy hat gesagt, du gehst heute auch in die Schule.«

»Das stimmt, mein Schatz. In Mummys alte Schule in Schottland.«

»War Mrs. Pickering auch deine Lehrerin?«

»Nein, Liebes – ich schätze mal, Mrs. Pickering war noch gar nicht auf der Welt, als ich zur Schule ging!«

Matt kam mit Kates Porridge ins Zimmer und reichte ihr eine Tasse Kaffee.

»Danke.« Sie nahm einen großen Schluck. »Ach, Matt, warum muss ich da hin?«

»Schatz, du musst einfach nur dein Gesicht zeigen, das ist alles. Lass sie ein Foto machen, sag ein paar Worte, wie demütig es dich macht, da zu sein. Sie werden furchtbar enttäuscht sein, wenn du absagst. Es ist nun mal das hundertjährige Jubiläum!«

»Ja, aber es ist ja nicht so, als wäre ich vor hundert Jahren da gewesen.«

»So wie du heute Morgen aussiehst, wär das schon möglich!«

»Na, vielen Dank!«

Matt lachte. »Jetzt mal ehrlich, was sollte das denn werden – ein beschissener Nachtmarathon?«

Kate seufzte und wandte den Blick ab.

»Hey! Daddy, du hast ein schlimmes Wort gesagt – Panda sagt, das macht man nicht.«

»Ja, das stimmt. Tut mir leid, Panda. Komm, jetzt lassen wir Mummy sich in Ruhe anziehen – sie muss zum Zug.«

Tallulah sprang vom Bett und rannte hinaus in den Flur. Als Matt für einen Augenblick mit seiner Frau allein war, beugte er sich zu ihr hinunter und streichelte ihr die Wange. »Wir sehen uns heute Abend. Ich hab vor, Hetty noch zu fragen, oder hast du da was dagegen?«

»Natürlich nicht.«

»Ich meine, wenn es dir lieber ist, wenn wir zu zweit sind …«

»Hetty ist immer willkommen, das weißt du doch. Sie ist einer der wenigen Menschen in meinem Leben, die mich nie stören.« Sie nahm seine Hand, küsste sie und flüsterte: »Ich liebe dich so sehr. Und es tut mir schrecklich leid, dass ich so eine anstrengende Nervensäge bin.«

Kate wusste, wie viel ihre Freundlichkeit ihm bedeutete, wie sehr es ihm den Boden unter den Füßen wegzog, wenn sie unerwartet nett zu ihm war. Sie schalt sich dafür, dass sie Matt nicht besser behandelte, und nahm sich vor, sich mehr anzustrengen. Welche Dämonen sich auch immer zeitweise in ihrem Kopf einnisteten, sie waren ganz bestimmt nicht Matts Werk. »Iss deinen Porridge, Goldlöckchen«, hatte er gesagt und war Tallulah hinterhergerannt. Bei der Aussicht auf den Tag seufzte sie. Was hatte sie sich nur dabei gedacht, diesen Schulbesuch zuzusagen? Sie musste zu dem Zeitpunkt betrunken gewesen sein. Oder abgelenkt. Denn nach Hause nach Edinburgh zu fahren war etwas, das Kate nur tat, wenn es sich partout nicht vermeiden ließ, wie zum Beispiel zur Beerdigung ihrer Großmutter oder zu Weihnachten vor fünf Jahren, als ihre Mutter ein Nein einfach nicht akzeptierte. In der schottischen Hauptstadt lungerten zu viele Geister herum, und sie fühlte sich ohnehin schon verfolgt genug.

Kate zündete sich eine zweite Zigarette an. Kettenrauchen half dabei, die Ängste zu mildern, die innerlich an ihr nagten wie eine Ratte am Knochen, wenn auch nur für kurze Zeit. Sie schloss die Augen und hielt ihr Gesicht in den heftigen Luftstrom von draußen, der durch das offene Waggonfenster hereinströmte.

Siebzehn Jahre war es jetzt her.

Am Anfang hatte sie noch geduldig darauf gewartet, dass die heilenden Kräfte der Zeit ihre legendäre Wirkung entfalten würden und sie sich besser fühlte, genau wie das Sprichwort es immer versprach. Und ja, der Schmerz hatte seit damals deutlich nachgelassen. Doch ihr war letztlich klar geworden, dass er sie nie ganz verlassen würde, und es verging kaum ein Tag, an dem sie nicht an das dachte, was passiert war, oder sich fragte, wie ihr Leben wohl verlaufen wäre, wenn die Entscheidung anders ausgefallen wäre.

Die Zeit hatte ihr jedoch etwas anderes gegeben: die besondere Fähigkeit, sich unerwünschten Gefühlen gegenüber abzuschotten, nie etwas an sich heranzulassen, das sie nicht kontrollieren konnte. Es war kein besonders toller Trostpreis, aber immer noch besser, als ihren beiden Feinden ausgeliefert zu sein: Schwäche und Verletzbarkeit. Wenn es darum ging, sich selbst zu ermahnen, war Kate knallhart. »Reiß dich gefälligst zusammen, verdammt«, flüsterte sie, was vom brausenden Luftzug übertönt wurde.

»In Kürze erreichen wir Berwick-upon-Tweed«, verkündete die blecherne Lautsprecherstimme des Schaffners. Kate nahm einen letzten Zug von ihrer Zigarette, bevor sie die Kippe aus dem Fenster warf und sich zwei zuckerfreie Minzbonbons in den Mund schob.

Als die Schiebetür des Waggons sich wieder öffnete, sah sie die Geschäftsfrau von eben, die sich gerade ein großes Croissant mit Marmelade schmecken ließ. Kates Magen knurrte erneut, und sie schnurrte innerlich vor Selbstgerechtigkeit. Die Dame rief ihr mit Gebäckkrümeln um den Mund zu: »Ich bin wirklich ein großer Fan von Ihnen, Miss Andrews!« Dann mampfte sie lächelnd weiter.

KAPITEL 4

Der Taxifahrer war auch ein Fan. Nicht nur das, er war ein Fan mit Ambitionen zur Berufsberatung und hatte keine Hemmungen, seine Ratschläge an die Frau zu bringen. »Also, wissen Sie, bei dieser Serie in der BBC? Die mit der Krankenschwester?«

»Ach, Sie meinen Die Schwestern

»Nee, die waren nicht verwandt. Ich meine diese Krankenhausgeschichte!«

Kate biss sich auf die Zunge. Immer schön lächeln. »Ja, die Serie hieß Die Schwestern – hat sie Ihnen gefallen?«

»Was für ein Haufen gequirlte Kacke!«

»Vielen Dank«, murmelte sie.

»Also nicht, dass Sie mich falsch verstehen, Sie waren spitzenmäßig dadrin! So richtig frech und witzig. Aber Ihr kleiner Typ, der mit den Augen …«

»Jimmy McColl.«

»Genau der. Also, den kann ich echt nicht ausstehen. Mit dieser verschobenen Visage, so zerbeult wie ne Rübe.«

»Viele Frauen finden ihn sehr attraktiv.«

»Pffff, der Kerl ist ein totales Muttersöhnchen, keine Frage. Und so einer nennt sich Detective? Es heißt, er würde sich die Brust rasieren! Ich mein, hat man so was schon mal …«

»Sie können mich hier rauslassen, ich gehe das letzte Stück zu Fuß.« Kate hatte genug von seinem Gequatsche.

»Sind Sie sicher? Es macht echt keine Umstände …«

»Nein, schon in Ordnung. Wirklich. Ich muss noch ein bisschen Luft schnappen.« Sie nahm einen Zwanzigpfundschein aus dem Geldbeutel. »Der Rest ist für Sie.«

»Sie Engel. Ich sag Ihnen was, es ist schön, dass Sie wieder bei uns zu Hause sind, Miss Andrews. Viele gehen ja weg und kommen dann mit so aufgeblasenem englischem Getue zurück, aber Sie …«

»Na, also, ich bin immerhin mit einem Engländer verheiratet!«, schalt sie ihn lächelnd.

»Na ja, keiner ist perfekt.« Und er lachte. »Passen Sie auf sich auf – hier ist meine Karte, falls Sie jemanden brauchen, der Sie wieder abholt.«

Kate stieg aus dem Wagen und ließ die Szenerie, die sich ihr bot, auf sich wirken. Nur knappe hundert Meter entfernt befand sich das Schultor zur North Park Primary School, inzwischen mit einem grünen Anstrich statt des schmutzigen Weiß von einst. Hinter ihr fuhr das Taxi mit einem frechen Hupen davon.

Durch das Tor zu treten fühlte sich seltsam tröstlich an. Die seltenen Male, die sie in den letzten siebzehn Jahren zurückgekommen war – sie ließen sich an einer Hand abzählen –, hatte Kate für die Dauer ihrer kurzen Besuche das Haus ihrer Eltern kaum verlassen. Ganz bestimmt hatte sie sich nie die Queensferry Road entlang zu ihrer alten Schule gewagt. Nun hierher zurückzukommen, an den Ort, wo sie gerade mal sechs Jahre ihres Lebens verbracht hatte, fühlte sich wirklich wie Heimkommen an.

Kate ging auf den Haupteingang zu. Die große Eichentür mit Glas und Messingbeschlägen war schon zu Kates Zeiten da gewesen. Sie drückte die Klinke hinunter, genau wie sie es vor neunundzwanzig Jahren getan hatte – doch nichts passierte. Es war abgeschlossen. Ein Gesicht tauchte auf der anderen Seite auf.

»Sie müssen den Summer drücken.« Es war Mrs. Crocombe, die Schulsekretärin.

»Können Sie mich nicht einfach reinlassen?«

»Nein, Sie müssen zuerst klingeln.« Mrs. Crocombe hielt sich selbst dann strikt an Schulregeln, wenn sie keinen Sinn ergaben.

Kate lächelte höflich und drückte brav auf den Knopf. »Hallo, ich bin Kate Andrews, und ich …«

Mrs. Crocombe unterbrach sie. »Ich weiß, wer Sie sind, Liebes. Kommen Sie rein.« Und sie öffnete die Tür, um Kate hereinzulassen. Kate verkniff sich einen Kommentar, als sie das Foyer betrat. »Der Herr Schulleiter wird gleich bei Ihnen sein.«

»In Ordnung. Vielen Dank.«

Irgendetwas an Mrs. Crocombes ehrfürchtigem Tonfall beim Wort »Schulleiter« und das »Herr« davor weckten in Kate das Bedürfnis, zu rebellieren und sich unverzeihlich danebenzubenehmen.

Mrs. Crocombe ließ Kate stehen, umgeben von einem Chor aus Kinderstimmen, der ganz in der Nähe eine Hymne sang.

»Dance, dance, wherever you may be …«

Kate blickte zu einem riesigen Mosaik-Banner auf, das zweifellos Hunderte kleiner Hände mit Pritt-Klebestiften und farbigen Papierschnipseln fabriziert hatten. Darauf stand: 100 Jahre North Park Primary! Willkommen. Auf verschiedene Stellwände darunter waren Dutzende Fotos von der Schule seit der Eröffnung im Jahr 1902 gepinnt. Kate studierte aufmerksam die lächelnden, verblassenden Gesichter.

»Kennen Sie jemanden?« Der Schulleiter spähte über ihre Schulter hinweg.

»Oh, hallo – ich wollte nur …«

»Brian Boyd. Es ist mir ein großes Vergnügen.« Er streckte ihr seine Pranke hin und drückte entsprechend fest zu. »Ich habe Sie natürlich nie unterrichtet, aber ich habe versucht nachzurechnen, bis wann Sie hier waren.«

»1974!«

Der Schulleiter stieß einen erstaunten Pfiff aus. »Dann war Colin Marshall Rektor, wenn ich mich nicht irre. Ich war mir nicht sicher, ob …«

Aber Kate hörte ihm gar nicht richtig zu. Sie versuchte immer noch, alles zu verarbeiten. »Es ist noch fast genau wie damals … die Eisvogel-Statue und … und der Boden … der Dielenboden … und die Türgriffe und sogar der Geruch … was ist das nur für ein Geruch

»Ich nenne es gerne eine Mischung aus harter Arbeit und glücklichen Zeiten!« Das war Brian Boyds Mantra. Er war so stolz darauf, dass er es bei jeder Gelegenheit anbrachte.

Kate schob sich in Richtung der Aula, angezogen vom Gesang. »Dance, dance, wherever you may be …«

»Darf ich kurz reinschauen?«

»Aber gerne doch. Versammlung der Grundschüler.«

»I am the Lord of the Dance, said he …«

Auf Zehenspitzen schlich sie zum Fenster in der Tür und sah ungefähr hundert Kinder, die ältesten etwa sieben Jahre alt, die im Schneidersitz dasaßen und pflichtbewusst Worte sangen, die sie nicht wirklich verstanden. »An das Lied kann ich mich erinnern!« Kate blinzelte unerwartete Tränen zurück, während sie flüsternd mitsang.

»And I’ll lead you all, wherever you may be …«

Damit hatte sie nicht gerechnet. Von Gefühlen überwältigt und in die Vergangenheit entführt zu werden, zu einer einfacheren, schmerzfreien Zeit ihres Lebens, frei von den Komplikationen und unerklärlichen Ängsten der Erwachsenenwelt. »And I’ll lead you all in the dance, said he!«

»Ich dachte mir, Sie könnten zuerst die Fünftklässler besuchen.« Der Schulleiter redete ohne Pause und bekam von Kates Nostalgieanfall gar nichts mit. »Das, was früher die ›Top Juniors‹ genannt wurde.«

»Ja, ich weiß.« Sie riss sich aus ihrem Tagtraum. »Ich habe eine fünfjährige Tochter, deshalb …«

»Na dann. Deren Klassenzimmer ist immer noch da, wo es immer war, im ersten Stock, am Ende des Flurs. Wollen wir?«

Als sie die Treppe hinaufgingen, erinnerte sie sich sofort an den Schwung des Geländers und wie sich das polierte Mahagoniholz unter ihren kleinen Fingern angefühlt hatte. Auf dem Weg den Flur entlang schwafelte der Rektor irgendetwas von Klassengrößen und Wirtschaftsflauten. Kate hörte Kinder in den Klassenzimmern lachen, Gedichte aufsagen und herumkrakeelen. Ihre Stimmen mischten sich unter jene der Geister vergangener Schüler.

Mr. Boyd, der von ihren Gedanken weiterhin überhaupt nichts mitbekam, verkündete lautstark: »Natürlich haben wir seit Ihrer Schulzeit achtzehn Feuerschutztüren einbauen lassen. Und einen Computerraum. So, da wären wir.«

Sie blieben vor dem letzten Klassenzimmer stehen. Früher, vor bald dreißig Jahren, war das Mrs. Jacksons Zimmer gewesen. Doch nun stand auf dem Schild an der Tür der Name eines anderen Lehrers.

Mr. MacGregor.

Kate wurde gleichzeitig übel und froh zumute. Das konnte doch nicht sein, oder? In ihren Ohren rauschte es, sodass sie sich unauffällig am Türrahmen abstützen musste. Zum Glück bemerkte Mr. Boyd nichts davon. Kate riss sich zusammen.

»Aber nicht etwa … Callum MacGregor?«

Der Schulleiter klopfte enthusiastisch an die Tür. »Doch, genau. Kam letztes Jahr von der St. Mary’s in Portobello zu uns. Stellvertretender Rektor. Nicht schlecht!«

Eine Stimme von drinnen rief: »Herein.«

Kate war schwindelig, sie konnte fast nichts mehr hören. Ihr Mund fühlte sich an, als wäre er mit Sand gefüllt. Der unentwegt weiterquasselnde Schulleiter öffnete die Tür und trat beiseite, um sie vorbeizulassen. Doch ihre Füße bewegten sich nicht vom Fleck, als wäre sie mit den fischgrätgemusterten Fliesen des Flurs verwurzelt.

Dort an seinem Tisch, vor einer Klasse unruhiger Elfjähriger, saß der Mann, in den sie sich vor siebzehn Jahren verliebt hatte. Kates Stimme versagte.

Callum sah sie an. Sanft. Nicht überrascht.

»Hallo, Kate.«

KAPITEL 5

Matt erhob sich von seinem Schreibtisch in dem kleinen Büro hinten im Laden, trank den letzten Schluck Espresso und streckte sich. Er hasste Papierkram – die Schattenseite davon, sein eigener Chef zu sein. Der Vorteil hingegen war, sich nach Tallulahs Stundenplan richten zu können. Da Kate grundsätzlich so lange Arbeitstage hatte, konnte man auf sie in Sachen Kinderbetreuung nicht zählen. Nicht dass das für Kate je zur Debatte gestanden hätte. Sie erwartete von Matt einfach, zu akzeptieren, dass ihre Karriere an erster Stelle stand. Es war praktischer so, und er rechtfertigte es vor sich selbst mit der Aussage, dass er zwei schöne Dinge unter einen Hut bringen konnte: ein kleines, flexibles Geschäft führen und gleichzeitig Daddy daheim am Herd sein. Also nicht wirklich am Herd, eher im Laden. Oder, um genau zu sein, in der Galerie.

In Warwick hatte er Kunstgeschichte studiert. Er konnte sich leidenschaftlich für die Arbeiten anderer begeistern. Vermutlich weil er selbst kein Talent zum Malen oder Zeichnen hatte. Nicht mal ein gekritzeltes Strichmännchen oder einen Kartoffeldruck brachte er zustande. Dafür konnte er endlos und in aller Ausführlichkeit über Porträts und Landschaften und abstrakte Werke sprechen. Als seine Großmutter starb, hinterließ sie ihm eine Summe, die groß genug war, um seine eigene kleine Kunstgalerie in Brackenbury zu eröffnen. Er war sich mit seiner Mutter, die ihm das Geld nur zu gerne überschrieben hatte, einig: »Wer malen kann, soll malen – und wer es nicht kann, der soll eine Galerie eröffnen.« Und diese lief erstaunlich gut. Gut genug, um Peter zu bezahlen, seinen Mitarbeiter in Teilzeit, einen alten Schulfreund seiner Mutter, der auf den Laden aufpassen konnte, wenn Matt seinen Vaterpflichten nachkommen musste, wie jetzt zum Beispiel, wo er sich auf den Weg machte, um Lulas Schulaufführung anzuschauen. Natürlich wäre ihm lieber gewesen, Kate neben sich sitzen zu haben, doch er hatte schon lange gelernt, das besser für sich zu behalten. Er wusste, dass sie Schuldgefühle hatte, weil sie als Mutter so wenig präsent war, und sie daran zu erinnern würde einen heftigen Streit nach sich ziehen, der zwei oder drei Tage dauern konnte. Das Leben war unkomplizierter, wenn Matt Kates Regeln einfach akzeptierte. Und auch wenn er sich zeitweise wie ein alleinerziehender Vater fühlte, war es nun wirklich keine Anstrengung, mehr Zeit mit Tallulah zu verbringen.

Über der Galerie befand sich ein fabelhafter Atelierraum, groß und hell und luftig, den Matt für eine symbolische Summe an Künstler aus der Umgebung vermietete. Momentan handelte es sich dabei um Chloe, eine ungewöhnlich aussehende Frau aus Birmingham mit rosafarbenen Haaren, die extrem schüchtern war, aber faszinierende Werke mit Pastellkreide schuf. Matt hatte erst letzte Woche eines ihrer Bilder verkauft – eine wilde Mischung aus Grün- und Blautönen, die die moosige, feuchte Unterseite der Hammersmith Bridge darstellte. Das Bild hatte etwas Düsteres an sich, das an einen Roman von Dickens erinnerte, und war für 1500 Pfund weggegangen, also auch eine nette Provision für Matt.

Er sah auf die Uhr. Wahrscheinlich ein guter Moment, um Hetty in ihrer Mittagspause zu erwischen. Matt und Hetty waren seit der Uni beste Freunde, und sie war stets seine erste Anlaufstelle, wenn er jemanden zum Reden brauchte. Heute wollte er über Kate reden. Etwas an ihr beunruhigte ihn. Wahrscheinlich arbeitete sie einfach zu viel, aber diese Fitnesseinlage mitten in der Nacht war nur eines von vielen Symptomen – Symptome eines tief vergrabenen Kummers, der dann und wann sein Gesicht zeigte. Ein Gespräch mit Hetty würde ihn wieder beruhigen. Und vermutlich eine Runde Streicheleinheiten mit Kate, die immer positiv darauf reagierte, verwöhnt und geliebt zu werden, weil es ihr Selbstbewusstsein stärkte. Er griff nach seinem Handy, drückte auf »Hetty« und wartete.

Hetty arbeitete seit zehn Jahren für eine kleine Zeitschrift in Hampstead namens Vegetarian Living, und Matt wusste, wie genau es ihr Chef Glen mit Anrufen während der Arbeitszeit nahm. »Ja, hallo?«

»Warum meldest du dich am Telefon immer so, als wüsstest du nicht, wer dran ist?«

»Tu ich das?«

»Ja! Warum sagst du nicht einfach ›Hallo, Matt‹? Du siehst doch, dass ich es bin.«

Hetty dachte einen Moment lang nach. »Na ja, ich glaube, es fühlt sich sonst irgendwie an, als würde ich deine Überraschung kaputt machen!«

Matt lachte. Wie recht Kate mit ihrer Einschätzung von Hetty hatte: Sie war einer der nettesten und lustigsten Menschen überhaupt.

»Hey, weißt du was?« Sie klang ganz aufgekratzt und wartete seine Antwort gar nicht erst ab. »Ich hab’s getan! Ich hab das mit dem Jahrgangstreffen angeleiert.«

Das verdammte Ehemaligentreffen ihrer Uni-Abschlussklasse! Das plante Hetty schon seit mindestens zwei Jahren. Matt war erleichtert, dass es endlich passierte, denn dann wäre es bald vorbei, und er müsste sich von Hetty zu diesem Thema nicht mehr dauernd etwas anhören.

»Oh, aber was ist, wenn keiner kommt?« Schon ging es wieder los mit ihren Zweifeln, Überlegungen und der Planung, und sie vergaß dabei völlig, dass sie jemanden am anderen Ende der Leitung hatte. »Du kommst doch, oder? Ich meine, wenn es nur wir beide sind, du und ich, dann ist das theoretisch immer noch eine Wiedersehensfeier …«

»Hetty, mach mal langsam! Ich brauch deinen Rat wegen Kate. Ich glaube, sie wird wieder … du weißt schon … unruhig.«

Doch Hetty hörte gar nicht zu. Sie sah, wie Ivor, der Buchhalter der Zeitschrift, ihr signalisierte, dass der Chef zurückkam. »Matt, ich muss Schluss machen«, sagte sie nervös. »Glen taucht gleich hier auf.«

»Okay, kannst du heute Abend babysitten?«, platzte Matt heraus. »Ich dachte, ich führ sie zum Essen aus – wir brauchen ein bisschen Zeit zu zweit …«

»Ja, ja!« Ivor winkte inzwischen wie ein Wilder.

»Prima. Dann bis sieben.«

»Ja, okay, tschüss jetzt!« Sie war in Panik.

»Ach, eines noch: Soll ich dir was Spezielles zum Essen besorgen? Pizza?«

Hetty sah Glens Silhouette den Flur entlang auf die Bürotür zusteuern und brachte gerade noch ein manisches Kreisch-Flüstern heraus: »Vollkornreis-und-Brokkoli-ich-mach-DETOX!« Bevor sie ihr Handy in hohem Bogen in einen Papierkorb warf und sich so hektisch auf ihren ergonomischen Kniestuhl fallen ließ, dass sie abrutschte und auf dem Boden landete. Eine Sekunde bevor Glen das Büro betrat, war sie wieder hinaufgeklettert und versuchte, möglichst konzentriert auf den Computer zu schauen, während sie sich unauffällig das linke Knie rieb.

In der Galerie zog Matt seine Jacke an. »Pete, ich starte dann mal. Machst du nachher zu?«

»Natürlich. Wir haben übrigens fast keine von den Ketterlock-Postkarten mehr.«

»In Ordnung, ich ruf morgen dort an.« Mit diesen Worten trat Matt hinaus in den frischen Oktobernachmittag.

Porto’s lag zu Fuß nur fünf Minuten entfernt, auf dem Weg zur Schule. Er hatte Kate zu ihrem ersten Date dorthin ausgeführt, und seither war es ihr Lieblingsrestaurant. Sie schätzten die unaufdringliche, authentisch portugiesische Einrichtung und noch viel mehr den köstlichen frischen Fisch und die Meerestiere. Das Porto’s gehörte Ralph, der stolz darauf war, eine kleine mediterrane Oase mitten in Westlondon geschaffen zu haben. Ralphs Bruder kochte das Essen nach den Rezepten ihrer Mutter, und Ralph selbst war sozusagen der Oberkellner. Jetzt gerade stand er draußen und unterhielt sich mit einigen Gästen. Als er Matt entdeckte, strahlte er. »Hallo, mein Freund, wann bringst du deine schöne Frau wieder zu mir?«

»Habt ihr heute Abend gegen halb neun noch ein Plätzchen für uns?«

»Natürlich. Der übliche Tisch?«

Matt lachte. »Ralph, wie kann es sein, dass ihr immer Platz für uns habt? Was, wenn jemand anderes diesen Tisch haben will?«

»Dann werfe ich sie aus meinem Restaurant. Raus auf die Straße. Auf ihre Hintern. Bis heute Abend, Mattango.«

Kopfschüttelnd musste Matt über Ralphs Hang zur Melodramatik lächeln. Er machte sich auf den Weg zu Tallulahs Schule und bereitete sich innerlich auf die Aufführung von »Ein Tintenfisch im Urlaub« vor.

Er rief Kate an. Mailbox. »Hallo, meine Schöne, wollte mich nur kurz melden und hören, wie’s dir da oben so ergeht. Ist es sehr komisch? Ruf mich an, wenn du fertig bist. Ich hab für uns im Porto’s reserviert, und Hetty kommt zum Babysitten. Hab dich lieb.« Als er auflegte, kam wie aufs Stichwort eine SMS von Hetty. OH MEIN GOTT – sie schrieb immer in Großbuchstaben –, SCHON DREI ANTWORTEN AUF DIE EINLADUNG ZUM JAHRGANGSTREFFEN!

Matt schrieb zurück: Super!

Einige Sekunden später eine weitere Nachricht: PS: EINE DAVON IST VON ADAM LATIMER!

Matts Lächeln erlosch. Das wiederum war nicht so super. Er blieb kurz stehen, um zurückzuschreiben: Toll. Muss los. Schulaufführung. Bis heute Abend!

Adam Latimer, verdammt. Beim Gedanken an diesen Typen kam keine Begeisterung in ihm auf. Adam war ein Idiot. Nur dass Hetty sich stets geweigert hatte, das zu akzeptieren. Egal, wie sehr er sie verletzt hatte, Matts wunderbare Freundin, immer und immer wieder. Dass Hetty dauernd über ihn redete, konnte er ertragen, aber die Vorstellung, ihn wiederzusehen, nach allem, was passiert war … nun ja … egal, außerdem hatte sie nicht geschrieben, dass Adam an dem Treffen teilnehmen würde, nur dass er geantwortet hatte.

Hoffen wir also das Beste, dachte Matt, als er Tallulahs Schule erreichte und eine winzige dunkle Wolke in Adam-Latimer-Form seinen ansonsten sonnigen Tag zu bedrohen schien.

KAPITEL 6

Kate saß auf der Kinderklobrille einer Kindertoilette im Mädchenklo und versuchte, nicht zu weinen. Sie schloss die Augen und drängte die Tränen zurück, während sie sich gleichzeitig zwang, tief durch die Nase ein- und durch den Mund wieder auszuatmen, als befände sie sich in einem Meditationskurs für fortgeschrittene Superhelden. Ein. Und aus. Und ein. Und aus.

Sie hatte befürchtet, gleich ohnmächtig zu werden. Verdammt, sie war eine gute Schauspielerin. Niemand hätte vermutet, welche Qualen sie durchmachte, während sie dort vor Callum MacGregors Schülern stand, unter den stolzen Blicken des Schulleiters an der Seite des Raums, und Frage um Frage beantwortete. Mit ihrem Witz, ihrer Herzlichkeit und ihrem Charme gewann sie die Herzen der Kinder. Sie hatte über dreißig Autogramme gegeben, einschließlich eines für Alice MacDonalds Großmutter. »Miss! Miss!« In einem Meer aus in die Luft gereckten Armen hatte Callum – der selbst ruhiger als ein Dorfweiher wirkte – die inoffizielle Rolle des Showmasters übernommen und die einzelnen Schüler aufgerufen.

»Na dann, Gregory Lang. Aber wehe, du sagst etwas Unanständiges, Kumpel.« Kate hatte gelächelt, es jedoch nicht gewagt, in Callums Richtung zu sehen, sondern hielt den Blick fest auf den kleinen Gregory gerichtet.

»Miss, also wie Sie in Australien waren und diesen Film da gemacht haben …«

»Ja?«

»Warum haben Sie da nicht auch bei Home and Away mitgespielt?«

»Hm, also, ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass die mich hätten haben wollen.«

»Du Blödmann, sie kann den Akzent doch gar nicht!«

»Klar kann sie den, sie ist doch Schauspielerin, selber Blödmann!«

»Miss! Sind Sie Millionärin?«

»Äh …«

»Haben Sie ein Schloss und ein Auto aus Gold?«

»So, das waren jetzt genug Fragen. Ich glaube, es ist an der Zeit, dass wir uns von unserem Gast verabschieden, was meint ihr?« Callum MacGregors geübte »Lehrerstimme« verfehlte nicht ihre Wirkung. Es war ihm immer gelungen, selbst von seinen schwierigsten Schülern respektiert zu werden.

»Vielen-Dank-liebe-Mrs.-Andrews«, hatten die Kinder in diesem Singsang heruntergebetet, wie ihn nur Schulkinder beherrschen.

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