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Alles Liebe, wuff

Als Buch hier erhältlich:

Das Buch zum Film »Wuff« von Detlev Buck: Mit Emily Cox, Frederick Lau, Kostja Ullmann, Johanna Wokalek, Maite Kelly u.v.m.
Ella, Silke, Cecile und Isabel sind beste Freundinnen, die alle eines gemeinsam haben: Sie sind auf der Suche nach Liebe und Glück. Als Ella von ihrem Freund verlassen wird, adoptiert sie Bozer, einen Hund, der genauso einsam und verlassen aussieht, wie sie sich fühlt. Aber Bozer hat seinen eigenen Kopf und Ella merkt schnell, dass auch hier nicht alles nach Plan läuft.
Bei ihren Freundinnen sieht es nicht viel besser aus: Silke versteht von Hunden mehr als von Menschen, und Isabel kann als Katzenliebhaberin unmöglich mit einem Hundefreund ausgehen. So unterschiedlich ihre Lebenssituationen auch sind, die Freundinnen merken schnell eines: dass man manchmal einfach seinem Hund folgen muss, um das große Glück zu finden.
»Alles Liebe, wuff« ist ein Roman über Hunde und ihre Menschen und das Glück
  • Erscheinungstag: 01.10.2018
  • Seitenanzahl: 400
  • ISBN/Artikelnummer: 9783959678131
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

»Die meisten Hunde sind treu.

Es kommt auf das Frauchen an.«

WUFF! BOZER

»Ella! Wie konntest du an so eine Dummheit überhaupt denken?! Wegen so eines Idioten?! Oscar hat dich die letzten fünf Jahre nur benutzt, um karrieremäßig aufzusteigen!«

Ellas Freundin Silke schaute sie fassungslos an, und Ella spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg. Sie biss sich auf die Lippen und dachte: Es kann nicht sein, dass Silke recht hat … Oscar hat mich geliebt …

»Jetzt sei doch nicht so streng mit Ella«, schimpfte Isabel, Ellas extravagante Freundin, die sich Lulu nannte, weil sie den Namen Isabel langweilig und für sich nicht passend fand. Wie so oft trug Lulu auch heute einen Turban und eine bunt bedruckte, flatternde Tunika, die zur Einrichtung ihrer Jurte passte. Ja. Lulu lebte in einer Jurte auf dem Dach eines Wohnhauses, welches sie von einer reichen Tante geerbt hatte. Die Jurte hatte sie direkt neben ihrer kleinen Penthouse-Wohnung aufgebaut. Diese hatte mit Küche und Wohn- und Schlafbereich nur fünfzig Quadratmeter, dafür aber eine sensationelle Aussicht über die Stadt. Trotzdem verbrachte Lulu, wie auch ihre Katzen, die meiste Zeit in der Jurte. »Welcome to the cozy life!«, rief Lulu immer begeistert, wenn sie Gäste empfing. Tatsächlich hatte der Zeltraum mit seinen Stoffwänden, der runden anthroposophischen Form und den vielen schönen Teppichen, die aufeinanderlagen und den Boden bedeckten, eine ganz besondere Atmosphäre: eben, cozy, wie die Engländer und Amerikaner sagen und was die Dänen hygge nennen. Aber das schönste Wort haben die Deutschen. Die Jurte strahlte eine Urgemütlichkeit aus. Und die Partylichter, die Lulu kreuz und quer unter der Krone gespannt hatte, leuchteten wie Sterne am Nachthimmel und setzten dem Ganzen noch das i-Tüpfelchen auf.

Die vier Freundinnen saßen mitten im Raum auf weichen farbigen Kissen, an einem niedrigen runden Tisch. Darauf standen vier Gläser und zwei bereits leere Flaschen Prosecco. Kerzen verbreiteten ein schummeriges Licht, und Ella dachte, welch ein Glück es war, dass ihre Freundinnen ihre verheulten Augen nicht sehen konnten.

»Dir könnte kein Mann das Herz brechen, weil du für Männer ja gar kein Herz hast. Nur für deine Hunde«, sagte Lulu zu Silke. Dabei hob sie demonstrativ das kleinste und liebste ihrer sechs Kätzchen auf und fing an, mit ihm zu schmusen. Poppie, so hieß die kleine weiße fluffige Katze, schmiegte sich an Lulus Gesicht und schnurrte immer lauter, je mehr Lulu ihr das Fell kraulte – gerade so, als ob sie und ihre Katzenmutter Silke ärgern wollten. Denn Silke konnte Katzen nicht ausstehen. Sie war durch und durch eine Hundefrau und schüttelte sich innerlich jedes Mal, wenn ihr Blick auf den riesengroßen Kratzbaum fiel, der neben dem kleinen Tischchen in die Höhe der Jurte ragte und auf dem Lulus anderen Katzen thronten.

Bevor Silke zum verbalen Gegenschlag ausholen konnte, erhob Cecile ihre sanfte aber bestimmte Stimme. Cecile war immer schlicht und elegant gekleidet. Wenn sie sprach, hörte jeder zu. Ella fand, dass ihre Freundin eine natürliche Autorität besaß, die sie über die Jahre als Mutter und Ehefrau perfektioniert hatte.

»Ich versteh Ella«, sagte Cecile bedacht in die Runde. »Heute früh war sie noch glücklich und ahnungslos … und ein paar Stunden später … Karriere weg, Mann weg, Träume zerplatzt. Dass man sich dann mit dem Fahrrad in die Spree stürzen will …«

»Aber ich hab mich nicht reingestürzt!«, protestierte Ella jetzt. »Ich hab gebremst … in letzter Sekunde. Weil ich eine innere Stimme gehört hab.«

Lulu horchte neugierig auf und hörte auf, Poppie zu streicheln. »Und was hat sie gesagt?«

Ella schluckte und erinnerte sich, wie sie ein paar Stunden zuvor, als sie so schnell wie möglich wegwollte – vom Büro und von Oscar, einen Uferweg entlanggeradelt war und plötzlich das Lenkrad ihres Fahrrads nach links gerissen hatte. Mit einem Wahnsinnstempo war sie den Hang hinuntergerast und drohte in der Spree zu landen. Doch kurz bevor sie und ihr Rad vom Ufer abhoben, sah sie das Schiff. So ein Sightseeingboot für Touristen, wie man sie in Berlin ständig den Fluss rauf und runter gondeln sieht. Musik schallte vom offenen Deck. Menschen tanzten und lachten in der Nachmittagssonne. Und in dieser kurzen Millisekunde schoss ein klarer Gedanken durch Ellas Kopf: Ich werde auch ohne Oscar glücklich. Dieser ließ sie gerade noch abbremsen.

»Natürlich wirst du wieder glücklich!«, sagte Silke mitleidig, einen Hauch genervt.

»Ja, Ella, du wirst ganz bestimmt einen neuen Kerl finden, so wie ich. Ich bin den Sternen gefolgt und habe nächste Woche ein Treffen mit einem richtigen Gentleman«, fügte Lulu theatralisch hinzu.

»Gentleman!« Silke machte sich über den Begriff lustig.

»Ich sag denen immer gleich, das Gentleman-Getue können sie sich sparen … Ich hol mir, was ich brauch. Take the best, leave the rest.«

Silke unterstrich ihre nonchalante Haltung gegenüber dem männlichen Geschlecht mit einem Schulterzucken.

Cecile warf Silke und Lulu einen strengen Blick zu, der so viel bedeutete wie »Haltet mal die Klappe«, dann legte sie ihre Hand auf die von Ella.

»Ich weiß, du kannst es dir nicht vorstellen, aber der Trennungsschmerz wird vergehen«, sagte Cecile sanft.

Ella guckte in die besorgten Augen ihrer Freundinnen und spürte, dass sie es alle nur gut mit ihr meinten. Dennoch durchzuckte sie wieder ein unerträgliches, hoffnungsloses Gefühl, ihr Herz wurde schwer, und eine neue Flut Tränen sprudelte aus ihren Augen. Ella konnte es einfach nicht fassen, dass sich ihr Lebensglück an einem einzigen Tag aufgelöst und in Unglück verwandelt hatte.

Am Morgen, als Ella die Augen aufgeschlagen hatte, war die Welt noch in Ordnung gewesen. Oscars Seite des Bettes war leer. Er stand immer ein bisschen früher auf als sie. Ella rekelte sich, in Vorfreude auf den Kaffee, den Oscar ihr gleich ans Bett bringen würde. Sie rollte auf seine Seite und roch an seinem Kissen. Der vertraute Geruch brachte sie zum Lächeln, löste aber auch ein wehmütiges Gefühl in ihr aus. In letzter Zeit hatten sie kaum noch Sex gehabt. Ella wusste nicht, ob es an ihr lag oder ob Oscar der Sexmuffel war – oder ob beide in letzter Zeit einfach nur beruflich zu eingespannt gewesen waren. Sie kuschelten zwar abends beim Fernsehen auf dem Sofa, und Oscar erwiderte ihre Küsse, spätestens aber wenn sie im Bett lagen, war die erotische Lust irgendwie verpufft.

Ellas Blick war an ihrer grauen Schlabberlieblingstrainingshose hängen geblieben, die über einem Stuhl hing. Sie hatte sie gestern Abend getragen, so wie fast jeden Abend. Die mahnenden Worte ihrer Mutter gingen ihr plötzlich durch den Kopf. »Eine Frau sollte auch nach Feierabend auf ihr Aussehen achten.« Damals hatte Ella sich über ein so veraltetes Frauenbild aufgeregt und ihre Mutter ironisch gefragt, ob sie Oscar jeden Abend im Negligé empfangen sollte? Aber jetzt dachte Ella, dass sie in Zukunft auf die Schlabberhose verzichten und sich öfter ein bisschen verführerischer geben sollte. Ella hörte, wie Oscar ins Schlafzimmer trat. Auch wenn der Sex nach fünf Jahren nicht mehr ganz so leidenschaftlich war wie zu Anfang ihrer Beziehung, machte Ellas Herz immer noch einen kleinen Sprung, wenn sie ihn sah. Sie setzte sich auf und lächelte Oscar verliebt an, als der ihr ihre Lieblingstasse reichte, mit der Aufschrift KEEP CALM and CARRY ON, ein Motto, mit dem sie gerne den Tag begann.

Sie atmete den herben Duft des Kaffees ein, nahm einen Schluck und genoss die wohltuende Wärme. Dabei beobachtete sie Oscar, wie er sich ein frisches blaues Hemd aus dem Schrank nahm und anzog. Es waren solche kleinen alltäglichen Momente, die Ella am Zusammenleben so liebte. Während Oscar sich das Hemd zuknöpfte, erinnerte sich Ella. Sie hatte ihm das Hemd gekauft, weil das Blau besonders schön war und so gut zu seinem Teint und seinem bräunlich blonden, vollen Haarschopf passte. Oscar bemerkte ihren Blick und lächelte.

»Und?«

»Immer wieder perfekt«, erwiderte Ella.

Für Ella stand fest: Sie hatte unendlich großes Glück gehabt. Sie war zusammen mit einem Mann, den sie liebte, der ihr oft Blumen kaufte und der keine Panik kriegte, wenn sie das Thema »Kinder« ansprach. Denn ein Kind war das Einzige, was ihnen beiden in Ellas Augen noch zu ihrem perfekten Glück fehlte.

Als sie dann zusammen zur Redaktion radelten, war der Himmel genauso blau wie Oscars Hemd. Die Morgensonne tauchte Berlin in ein strahlendes Herbstlicht. Ella hatte Oscar noch lachend mit ihrem neuen Sportrad überholt und gedacht, wie schön doch das Leben sein kann, wenn man fast wunschlos glücklich ist.

»Derr Scheff will Eusch sehen«, hatte François gesagt, als er ihnen auf den Treppen der Redaktion entgegenkam. François arbeitete als Controller für das Magazin, und sein Gespür für Zahlen war besser als sein Akzent, den er auch nach zehn Jahren in Deutschland nicht verloren hatte. »Merci, Chéri«, antwortete Ella charmant und flüsterte Oscar flirtend zu: »Wir waren schon lange nicht mehr in Paris, mein Schatz.« Oscar erwiderte das Lächeln. »Aber erst zum Scheff.«

Der Chef war ein alter Haudegen im Verlagsgeschäft. Obwohl die meisten Verlage mit schwindenden Kundenzahlen kämpften, waren die Abonnenten von Radial, der Wochenzeitschrift, für die Ella und Oscar arbeiteten, relativ stabil.

Der Chef saß hinter seinem aufgeräumten, auf Hochglanz polierten Schreibtisch, auf dem ganz zuvorderst ein Messingschild stand, auf dem sein Name eingraviert war: Harald Lauenstein. Der Chef räusperte sich. Ella mochte ihn und dachte, dass er mit seinen langen silbernen Haaren, der edlen Hornbrille und dem schwarzen Rollkragenpulli ziemlich cool aussah für sein Alter.

»Ella, Oscar. Wie ihr wisst, der Schürer geht, und die Geschäftsführung möchte den Chefredakteursposten mit jungem Blut besetzen.«

Ella setzte sich aufrecht hin und warf Oscar einen fragenden Blick zu. Der zuckte ahnungslos mit den Schultern. Ella guckte ihren Chef wieder an, und zwei Gedanken blitzten ihr in diesem Moment durch ihren Kopf: Sie war in der Redaktion beliebt, und sie war viel länger bei der Zeitschrift als Oscar. Um ganz genau zu sein, hatte sie Oscar vor fünf Jahren eingearbeitet. So hatten sie sich kennengelernt und verliebt. Als sie die Beziehung nicht mehr verheimlichen wollten, hatten sie ihren Chef um ein Gespräch gebeten. Damals saßen sie auch vor seinem polierten Schreibtisch und hatten ihm ihre Liebe gestanden. Und sie hatten ihn gefragt, ob sie auch als Paar weiter zusammen arbeiten dürften? Er hatte keine Einwände gehabt. Sie hatten versprochen, Berufliches von Privatem streng getrennt zu halten.

Am heutigen Morgen hatte sich Harald Lauenstein zu Ella vorgebeugt, über seinen Brillenrand geguckt und gesagt: »Ella, du hast viel Erfahrung und gute Führungsqualitäten …«

Ella spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg, denn sie wusste nicht, ob sie sich freuen oder sich gegenüber Oscar schlecht fühlen sollte, während sich ein klarer Gedanke in ihrem Kopf formte. Der Chef will mich befördern!

»Aber ich weiß auch, dass du den internen Redaktionsstress nicht unbedingt liebst … und bei meinem Gespräch mit Oscar letzte Woche …«

Ella dachte erst, sich verhört zu haben, aber Oscars Blick verriet ihn. Immer wenn Oscar sich schuldig fühlte, setzte er so einen ahnungslosen »Kleine-Jungs-Blick« auf und senkte schnell die Augen. Wie jetzt.

Der Chef fuhr fort: »… habe ich erfahren, dass ihr mit eurer Familienplanung einen Schritt weiterkommen wollt …«

»Natürlich will ich eine Familie, aber was hat das jetzt hiermit zu tun?!«, platzte Ella heraus.

Der Chef guckte sie mit einer sanftmütigen Strenge an. »Alles hat mit allem zu tun, Ella. Das Leben und das Arbeiten sind multikausal«.

»Multikausal?! Das hat er gesagt?! Das ist genau diese patriarchale Machoscheiße, die ich nicht mehr ertragen kann!«, hatte sich Silke echauffiert, als Ella ihren Freundinnen von der ersten schlimmen Überraschung des Tages erzählte. Lulu und Cecile mahnten Silke still zu sein und Ella weitererzählen zu lassen. Ella merkte, dass sogar Poppie sie anstarrte, so als ob die Katze auch wissen wollte, was dann passierte.

Als Ella klar geworden war, dass Oscar und ihr Chef offensichtlich hinter ihrem Rücken verhandelt hatten, dass Oscar von nun an die Redaktion leiten würde, schluckte Ella ihre Wut runter, stand auf und murmelte etwas wie »Gratuliere!« in Oscars Richtung, bevor sie aus dem Büro des Chefs stürzte. Sie spürte, wie ihr innerlich ganz heiß wurde und dass sie dringend frische Luft brauchte.

»Ella, nimm’s doch nicht so persönlich! Das sind redaktionsinterne Entscheidungen, das hat doch mit uns privat nichts zu tun!«

Oscar war ihr gefolgt. Jetzt gingen sie gemeinsam die offene Treppe der Redaktion runter.

»Ich dachte, wir sind ein Team?!«, sagte Ella vorwurfsvoll. Dabei war ihr egal, ob die Kollegen mithören konnten oder nicht.

»Wenn du jetzt den Posten hättest, hätte ich kein Problem damit. Ich würde mich für dich freuen!«

»Würdest du nicht!«, entgegnete Ella trotzig. Sie waren inzwischen im Foyer angekommen.

»Siehst du, du kennst mich gar nicht!«, sagte Oscar und hielt sie am Arm fest.

Ella schaute Oscar an, der ihr in diesem Moment tatsächlich wie ein Fremder vorkam. Sie war überrascht über die Worte, die sie dann sagte, und noch überraschter darüber, welcher Frust sich dahinter verbarg.

»Wie soll ich dich auch kennen? Wir schlafen gar nicht mehr miteinander! Wir hatten seit Wochen keinen Sex mehr, und ohne Sex wird man nicht schwanger und ohne Schwangerschaft kein Kind, Oscar!«, platzte es aus ihr heraus.

»Bitte nicht hier. Lass uns das zu Hause besprechen, Ella«, zischte Oscar sie an, was Ella erst recht wütend machte.

»Nein, lass uns das jetzt besprechen. Du sagst immer, du willst auch ein Kind, aber dann müssen wir mal … ran an die Sache!«

»Immer machst du mir Druck damit. Mir fällt da echt nichts mehr ein!«

»Dir soll auch nichts einfallen, du sollst endlich einfach nur machen!«

»So funktioniert das aber nicht bei mir! Und sowieso, ich kann diesen Kinder- und Karrierescheiß nicht mehr hören!«

In diesem Moment hat es Ella ums Herz gefröstelt. Wie konnten diese Worte aus dem Munde des Mannes kommen, den sie liebte und zu kennen glaubte? Oscar wusste doch, dass ihr Lebenstraum der einer modernen Frau war: einen Mann, Kinder und eine Karriere zu haben!

»Tut mir leid, Ella, aber … ich … mir fällt einfach nichts mehr ein.«

Ella schluckte. Sie verstand nicht.

»Was genau meinst du mit dir fällt nichts mehr ein?!«

»So, wie ich’s sage. Mir fällt bei dir nichts mehr ein.«

Ella schnappte kurz nach Luft.

»Ach, und wie soll ich das verstehen? Dass es jemand anderen gibt, bei dem dir was einfällt?« Ihr rutschten jetzt Worte heraus, die sie selbst überraschten.

Aber dann sah sie ihn wieder, diesen schuldigen »Kleine-Jungs-Blick«. Und plötzlich ahnte sie etwas und dachte fast panisch: Was läuft hier gerade? Ella rang sich ein Lachen ab, das nicht sehr echt aussah.

»Willst du mir vielleicht etwas sagen, Oscar?!«

Oscar antwortete nicht sofort und studierte stattdessen den gebohnerten Boden, so als ob er ein Staubkorn entdeckt hatte, das sich gerade vor seinen Augen in einen Diamanten verwandelte … Dann hob er endlich seinen Blick, schaute Ella an und sprach das Unglaubliche aus: »Ich glaub, ich lieb dich nicht mehr, Ella. Tut mir leid.«

Ella fühlte sich, als ob ihr jemand mit einem Schlaghammer auf den Kopf gehauen und dabei ihr Herz gleich mitgetroffen hätte.

In diesem Moment kam François die Treppe runter, ging an ihnen vorbei und sagte: »Guten Appetit« – und ließ das Ende des letzten Wortes mit seinem französischen Akzent ausklingen.

Ella und Oscar nickten ihm verlegen zu.

Als François endlich durch die große Glaseingangstür gegangen war, schaute Ella Oscar an, und ihre Stimme zitterte.

»Du willst mir damit sagen … hier, also quasi zwischen Tür und Angel … wo alle Kollegen mithören können … nach fünf Jahren Beziehung … wo wir doch eigentlich im nächsten Jahr heiraten wollten … dass du Schluss machen willst, weil dir bei mir nix mehr einfällt, aber es offensichtlich schon jemanden gibt, bei dem beziehungsweise bei der dir etwas einfällt?!«

Ellas Stimme klang jetzt hysterisch. Und weil Oscar ahnte, dass Ella gleich in Tränen ausbrechen würde und er das nicht ertragen könnte, nickte er schnell und sagte: »Tut mir leid.« Dann ließ er Ella stehen und eilte, zwei Stufen auf einmal nehmend, die frei schwingende Holztreppe zur Redaktion wieder rauf.

Ella stand da wie gelähmt. In ihrem Kopf hallten fast höhnisch die Worte wieder: »Wenn man fast wunschlos glücklich ist …«

»Was für ein Machoschwein!«, entfuhr es Silke. Ella öffnete eine weitere Flasche Prosecco mit einem Knall und füllte ihr Glas. Sie trank es demonstrativ mit ein paar großen Schlucken leer. Endlich spürte sie die wohlige Wirkung des Alkohols.

»Ja. Und jetzt muss ich wieder von vorn anfangen … aber die Männer da draußen … die sind doch alle bindungsunfähig … und ein Kind ohne Mann geht nun mal nicht … und ich kann ja schlecht mit einem gelben Post-it Sticker auf der Stirn rumlaufen, auf dem steht: Suche Mann, der mir ein Baby macht.« Ella seufzte. Dann fing sie mit einem Mal an, laut zu lachen. Zu laut. Es war ein Galgenhumor-Lachen, dass sich aber kurz darauf in ein abgrundtief trauriges Schluchzen verwandelte, als Ella daran dachte, dass ihre große Liebe tatsächlich zerbrochen war. Und sie hatte es einfach nicht kommen sehen. Ella füllte ihr Glas erneut mit Prosecco.

»Wo lebst du denn? Natürlich geht das. Bechermethode. Erst das Kind, dann den Mann. Dann hast du auch keinen Druck bei der Männersuche.« Ella guckte Silke an und fragte sich, ob sie zu romantisch oder Silke zu zynisch war. Cecile schaute Silke streng an.

»Ella wünscht sich eine richtige Familie. Klassisch. Mit Vater, Mutter und zwei Kindern … und ihre biologische Uhr tickt. Das ist eine Tatsache, Silke. Deine übrigens auch, wenn ich das mal bemerken darf.«

»Meine auch!«, stöhnte Lulu dazwischen.

Silke rollte mit den Augen, was Cecile ignorierte.

»Glaubt mir, es gibt nichts Schöneres auf der Welt, als symbiotisch mit seinem Partner zu verschmelzen und zum richtigen Zeitpunkt ein Kind der Liebe zu zeugen.«

»Habt ihr nach fünfzehn Jahren Ehe überhaupt noch Sex?«, unterbrach Silke und guckte Cecile neugierig an.

»Eh … Natürlich … Gestern noch.« Cecile schaute Silke trotzig an, aber die Freundinnen warteten gespannt auf weitere Details.

Cecile schluckte, und dann fuhr sie fort, erst zaghaft, dann sehr sachlich.

»Also … erst auf dem Küchentisch … dann … auf dem Sofa … und dann noch auf dem Wohnzimmerboden … Doggy style.«

Ella verschluckte sich an ihrem Prosecco und hustete. Aber dann musste sie lächeln. Ja, genau. So eine Beziehung hatte sie immer gewollt, nach fünfzehn Jahren Ehe noch aufregenden Sex auf dem Wohnzimmerboden. Lulu seufzte, als ob auch ihr der Gedanke gefiele. Nur Silke schaute Cecile skeptisch an.

»Ich dachte, Max ist die ganze Woche in Malmö?«

Cecile wurde knallrot, was die Freundinnen trotz des schummrigen Lichtes sahen. Ella wusste nicht, warum, aber sie hätte fast schon wieder losgeheult. Nicht so sehr darum, weil Cecile ihre Freundinnen gerade angelogen hatte, sondern aufgrund der Tatsache, dass in Wahrheit niemand so glücklich war, wie es von außen schien.

»Der war gut. Sehr gut«, lachte Lulu. Dann schaute sie Silke an, mit gerunzelter Stirn: »Aber sag mal, was ist eigentlich heute mit dir los? Warum bist du so schlecht gelaunt?«

»Ich bin nicht schlecht gelaunt, ich bin einfach nur realistisch«, konterte Silke.

Plötzlich klatschte Lulu energisch in die Hände. Ella zuckte zusammen, ein paar Katzen sprangen erschreckt vom Kratzbaum runter, Poppie dagegen sprang wieder drauf.

»Dann ist jetzt Schluss mit Realismus. Der zieht uns doch nur alle runter. Kommt, wir lassen jetzt die Karten sprechen.« Lulu schaute Ella eindringlich an: »Ella, die Sterne werden dir den Weg weisen! Bist du bereit?«

Lulu hielt ihr einen Satz Tarotkarten unter die Nase.

»Ich glaube, dafür bin ich noch nicht betrunken genug«, sagte Ella.

»Dann noch eine Runde!« Lulu füllte alle vier Gläser noch einmal voll.

Ella verstand Lulus Faszination für Astrologie und Tarotkarten beim besten Willen nicht.

Lulu war eigentlich eine erfolgreiche Therapeutin. Aber seit sie ihre Liebe zu den Sternen entdeckt hatte, verdiente sie mehr Geld mit der Erstellung von Horoskopen und Kartenlegen als mit ihrem richtigen Beruf.

Ella hatte es nie nötig gehabt, zu einer Astrologin zu gehen oder Horoskope zu lesen. Klar, ab und zu überflog auch sie beim Friseur in den Klatschblättern schnell erst ihr eigenes Horoskop und dann das von Oscar. Die Lektüre hatte ihr aber nie Grund zur Besorgnis gegeben: Ihre Horoskope hatten immer perfekt zusammengepasst.

»Ella, bist du noch da?«, fragte Lulu.

»Klar!« Ella öffnete die Augen, die sie für einen Moment geschlossen hatte. Sie versuchte ein mutiges Lächeln aufzusetzen, was ihr aber einfach nicht gelingen wollte. Sie war schon ziemlich betrunken. Also okay, warum nicht einfach mal gucken, was die Sterne zu sagen hatten? Ella vertraute Lulu. Die würde ihr bestimmt nur die guten Sachen über ihre Zukunft sagen. Ich werde auch ohne Oscar glücklich …

Beim Anblick von Silke und Cecile, die aufmerksam zuschauten, wie Lulu die Karten mischte, war Ella plötzlich überwältigt von einem Gefühl der Dankbarkeit. Diese tollen Frauen, die unterschiedlicher nicht sein konnten, waren nicht nur ihre Freundinnen. Nein, sie waren auch alle sofort gekommen, als Lulu sie im schlimmsten Moment ihres Lebens zusammengetrommelt hatte.

Die vier Frauen hatten sich vor ein paar Jahren bei einem Pilateskurs kennengelernt. Wo sonst würden eine Hundetrainerin, eine Ehefrau und Mutter, eine Katzen liebende Esoterikerin und eine Journalistin, die Politik- und Sozialwissenschaften studiert hatte, aufeinandertreffen. Und sich anfreunden. Der Pilateskurs fing jeden Dienstag um acht Uhr fünfundvierzig an. Ella und Cecile waren immer pünktlich, Silke war es meistens. Nur wenn sich gerade mal wieder einer ihrer Mitarbeiter kurzfristig krankgemeldet hatte, schaffte sie es nicht. Denn dann musste sie selbst die erste Runde mit den Hunden im Hundeauslaufgebiet des Grunewalds drehen. Lulu aber schaffte es niemals, rechtzeitig zu kommen. Sie kam immer mindestens zehn bis fünfzehn Minuten zu spät, ungefähr dann, wenn die anstrengenden Übungen auf der Matte am Boden zu Ende waren und alle schon an den Allegro-Geräten schwitzend ihre Bein- oder Bauch-Übungen machten. Abgesehen davon schien Lulu Pilates auch nicht wirklich zu mögen, denn alle paar Minuten fand sie einen Grund, eine Übung abzubrechen.

»Puh, also das geht gar nicht mit meiner Schulter«, rief sie dann allen laut zu – oder: »Eh, erklär noch mal, was muss ich hier machen? Die Übung ist ja voll kompliziert! Geht’s nicht einfacher?« Oder Lulu schnaufte bei jeder kleinen Anstrengung betont laut, bis Ella anfing zu lachen und irgendwann alle anderen mitlachten. Dann dauerte es immer ein paar Minuten, bis wieder Ruhe eingekehrt war und die Pilatesgeräte erneut surrten.

Irgendwann war es Silke zu bunt geworden. Sie fragte Lulu im Umkleideraum, warum sie sich eigentlich für den Kurs angemeldet hätte, wenn ihr Pilates doch offensichtlich keinen Spaß machte. Lulu tänzelte gerade in ihrer Reizunterwäsche herum, seelenruhig dabei einen Tee trinkend, während Silke, Ella und Cecile sich so schnell wie möglich umzogen. Lulu hatte von allen die fülligste Figur, aber im Vergleich zu den anderen dreien die wenigsten Komplexe in Bezug auf ihren Körper. Alle hatten Silkes Frage gehört und guckten Lulu jetzt gespannt an. Für einen Moment schien Lulu verunsichert, aber dann strahlte sie und erklärte, dass sie Pilates tatsächlich hasse.

»Ja, aber warum machst du’s denn dann?«, fragte Ella verwundert.

»Weil ich euch so toll finde! Und wenn ich nicht zum Pilates komme, dann sehe ich euch nicht mehr, und wir können nie Freundinnen werden!«

Lulu legte die ersten Tarotkarten auf den Tisch und rief aufgeregt: »Da! Siehst du?! Diese Karte steht für ›Liebe‹ und die …«. Sie zog und legte eine zweite Karte vor Ella. »Die hier steht für ›Erfolg‹. Das ist gut. Und jetzt, die hier …«

Lulu legte eine dritte Karte hin und starrte sie erschrocken an. Die Katzen saßen inzwischen alle wieder auf dem Katzenbaum und fauchten. Ihre Augen glänzten genauso wie die kleinen Partylichter. Lulu nahm die Karte schnell wieder auf und ließ sie im Kartendeck verschwinden.

»Ey … was war da denn drauf?«, fragte Ella.

»Da war doch ein Hund«, rief Silke.

»Du siehst aber auch überall Hunde«, meinte Cecile kopfschüttelnd zu Silke.

»Manchmal muss man ’ne Karte zweimal legen.« Lulu mischte die Karten unbeirrt neu und hielt Ella den Stapel hin.

Vorsichtig nahm diese sich eine Karte und legte sie neben die anderen. Lulu drehte sie um. Noch einmal fauchten die Katzen im Baum. Diesmal lauter.

Lulu starrte ungläubig auf die Karte, auf der erneut eine Abbildung eines Hundes zu sehen war.

»Wieder so ein Scheißhund!«, sagte Lulu verärgert.

»Sag nicht Scheißhund, sonst sag ich Scheißkatze«, zischte Silke vorwurfsvoll.

»Ein Hund?!«, lallte Ella betrunken, nahm die Karte in die Hand und starrte sie an.

»Eh … und was hat die Karte zu bedeuten?« Ella guckte Lulu erwartungsvoll an.

»Folge dem Hund. Mein Beileid.« Lulu zuckte entschuldigend die Schultern und schmiss die Karten allesamt auf den Tisch. Dann leerte sie ihr Glas Prosecco mit einem Schluck und schaute ins Leere.

Ellas Blick wanderte fassungslos zu Silke, die sie skeptisch anlächelte.

»Ja, also ich weiß auch nicht, Ella … du weißt ja, ich liebe Hunde, aber du und ein Hund?!«

»Doch, Ella, das ist ganz sicher der Schlüssel … über einen Hund lernst du bestimmt beim Gassigehen einen tollen Mann kennen! Es ist allgemein bekannt, dass ein Hund ein wunderbarer Flirtfaktor ist.« Cecile nickte ihr aufmunternd zu, während Ella versuchte, nicht loszuheulen. Silke hatte recht. Sie war kein Hundetyp, nein schlimmer, sie hatte Hunde nie wirklich gemocht. Ceciles Berner Sennenhund, der Simpson hieß, war so groß wie ein Bär und verteilte kübelweise seinen Sabber, und er haarte wie ein Flokatiteppich. Und Silke hatte wegen ihrer Hunde, der vielen Hundehaare und des ganzen Hundesabbers nie was anders an als Jeans, T-Shirts und Sweatshirts.

Ella schnappte nach Luft. Sie schaute sich um, und die Jurte fing langsam an, sich zu drehen. War es der Gedanke an einen Hund, oder war sie endgültig besoffen? In jedem Fall schaute Ella entsetzt ihre Freundinnen an und seufzte.

»Aber … ich will doch einen Mann und keinen Hund.«

»Ich bin kein Kinderersatz.
Ich bin ein Wolf!«

WUFF! BOZER

Als ihre Mutter anrief, stand Ella verloren im Wohnzimmer. Sie schaute in die einst gemütliche Wohnung, die ihr jetzt leer und trostlos vorkam. Ihr war zum Heulen zumute, aber sie hatte sich vorgenommen, keine einzige Träne mehr an Oscar zu verschwenden. Das Sofa von Ikea stand noch an seinem Platz. Aber da, wo früher der massive Eichentisch gestanden hatte, war eine Lücke. Die teure Maßanfertigung vom Schreiner hatten Oscar und sie gemeinsam entworfen. Denn der Tisch sollte nicht nur wohnlich sein, sondern für sie und ihre lieben Freunde ein Platz sein, an dem man viele gesellige und lustige Abende verbringen konnte – mit leckerem Essen und gutem Wein. Aber diese Vision wie auch der Tisch waren weg. Beide hatten mit Oscar die Wohnung verlassen. Das Handy klingelte. Während Ella auf eine Taste drückte, um den Anruf ihrer Mutter anzunehmen, dachte sie: Wenigstens hat er mir das Bett gelassen. Das übergroße Luxus-Boxspringbett, für das man die Bettwäsche extra anfertigen musste, war wohl der teuerste gemeinsame Kauf gewesen. In Schweden vererbte man solche Betten über Generationen weiter, aber Oscar hatte abgewunken und ihr großzügig erklärt, sie könne das Bett behalten. Ihm sei der Transport zu teuer. Ella ahnte den wahren Grund: Oscar wollte mit seiner neuen Freundin in einem neuen Bett schlafen, das er nicht schon mit einer anderen Frau geteilt hatte. Der Gedanke schmerzte Ella, aber sie musste sich damit abfinden. Sie war für Oscar nur noch eine Erinnerung, die er irgendwo im hintersten Teil seines Kopfes verstauen würde.

Warum tut mir das Loslassen so weh?

»Hallo Mama. Nein, es geht mir gut«, log Ella und fuhr fort. »Ich hatte einfach keine Zeit zurückzurufen, weil ich doch für den Hund alles vorbereitet und eingekauft hab.«

»Ich versteh dich nicht, Ella! Was willst du in deiner Situation mit einem Hund?«, tönte die Stimmer ihrer Mutter aus dem Handy. Ella verdrehte die Augen, stellte das Handy auf laut und legte es auf den Tisch. In den letzten vierundzwanzig Stunden hatte sie ihrer Mutter schon gefühlte hundert Mal erklärt, warum sie sich dafür entschieden hatte, einen Hund anzuschaffen.

Denn gleich am Morgen nach dem Abend mit Lulu, Silke und Cecile hatte Ella ihren Chef angerufen. Sie wollte ihn um ein paar Tage Urlaub bitten, doch dieser versuchte ihr klarzumachen, dass gar nicht mehr er, sondern Oscar jetzt ihr Ansprechpartner für derlei Anliegen sei. Daraufhin gab Ella panisch vor, dass ihr plötzlich kotzübel sei und sie leider sofort aufhängen müsste.

Nach dem Telefonat war sie aus der Wohnung gestürzt, zum Auto gerannt und in den Grunewald ins Hundeauslaufgebiet gefahren. Ella kannte den Teil des Waldes rund um den Grunewaldsee durch Silkes Erzählungen, aber auf den Anblick, der sie dort erwartete, war sie trotzdem nicht vorbereitet: So viele Hunde auf einmal hatte Ella in ihrem ganzen Leben noch nie gesehen! Wie in Planet der Affen, nur mit Hunden, dachte Ella und wollte sofort die Flucht ergreifen. Dann aber sah sie die Gesichter der Menschen, die mit ihren Vierbeinern spielten und herumtollten, und hielt inne.

So viele glückliche Menschen auf einem Haufen hatte sie schon lange nicht mehr gesehen. Sie lachten und spielten mit ihren Tieren und freuten sich dabei wie kleine Kinder. Und wenn ihr Hund irgendeinem Ball nachjagte, diesen am Ende noch geschickt mit der Schnauze auffing oder die »Beute« gar zurückbrachte, waren sie außer sich vor Begeisterung. Herrchen und Frauchen überschütteten ihre Hunde geradezu mit Lob. Aber am außergewöhnlichsten fand Ella, dass sich alle Hundebesitzer zu kennen schienen. Sie plauderten nett miteinander und duzten sich, sobald sich ihre Hunde gegenseitig beschnüffelten. Ella setzte sich fasziniert auf einen Baumstamm. In diesem Moment war es ihr auch völlig egal, ob ihr heller schicker Übergangsmantel dabei dreckig würde oder nicht. Undenkbar vor einer Stunde.

Da saß sie nun, gefesselt vom Anblick zweier gut aussehender Männer, die sich liebevoll umarmten und voller Stolz ihrem schönen Windhund beim Spielen zuschauten. Diesen Blick kannte Ella von Cecile, wenn sie ihre Kinder Lena und Nico ansah. Es war die liebevolle Art zu schauen, wie Eltern es taten, wenn sie ihren Nachwuchs zärtlich betrachteten. Hier ist so viel Liebe, dachte Ella überrascht.

»Und, welcher Raudi gehört zu Ihnen?«, tönte plötzlich eine männliche Stimme. Ella schaute auf, und ein Hundebesitzer in ihrem Alter stand vor ihr. »Eh … keiner. Noch nicht. Ich überleg aber mir einen Hund zuzulegen.« Ella lächelte den Fremden an und dachte, dass er nicht ganz ihr Typ war, aber auch nicht schlecht aussah.

»Was gibt es da zu überlegen?! Franz Kafka hatte schon immer recht: Alles Wissen, die Gesamtheit aller Fragen und alle Antworten sind in den Hunden enthalten.«

Ella lächelte. »Na dann muss ich mir wohl einen Hund anschaffen.«

Der Mann nickte. »Also, dann … bis zum nächsten Mal mit Hund. Sie werden es nicht bereuen!« Er warf ihr noch einen charmanten Blick zu, dann rief er seinen Hund und spazierte weiter. Was war das denn für ein schräger Vogel gewesen, dachte Ella, musste aber trotzdem lächeln. In diesem Moment kam auch die Sonne wieder hinter den Wolken hervor. Aber weil es schon spät war, schimmerte der Grunewaldsee in einem abendlichen Rosa. Ella entschied sich zu bleiben, bis die Sonne ganz untergegangen war, und beobachtete, wie die letzten Hunde Stöckchen hinterherschwammen, welche die Besitzer weit in den See geworfen hatten. Wenn die Hunde diese mit ihren scharfen Zähnen gepackt hatten, brachten sie sie wieder ans Land: stolz, emsig und triefend nass. Ella sah auch, wie sich die Vierbeiner, nachdem sie ihr verdientes Lob bekommen hatten, kurz aber heftig das Seewasser aus dem Fell schüttelten. Und wie sie sich dann genussvoll im sandigen Boden wälzten, bevor sie endlich aufstanden und ihr Herrchen oder Frauchen mit einem Blick anschauten, der sagte: Das war ein schöner Tag! Lass uns nach Hause gehen.

Ella musste in dem Moment an Silke denken. Nach all den Jahren der Freundschaft ahnte sie zum ersten Mal, warum Silke Hunde so liebte.

Die Stimme ihrer Mutter riss Ella wieder aus den Gedanken. Sie antwortete: »Weil ein Hund genau das Richtige für mich ist. Die Chinesen sagen, Hunde wirbeln das Qi auf, und Qi ist gute Energie, Mama!«

»Die Chinesen essen Hunde. Und du brauchst einen Mann«, tönte es aus dem Handy.

Ella verdrehte die Augen einmal mehr, nur diesmal schüttelte sie auch noch den Kopf.

»Mama! Nicht alle Chinesen essen Hunde! Warum musst du alles immer so verallgemeinern?!« Gleichzeitig dachte sie: Ob andere Töchter auch solche Telefonate mit ihren Müttern führen?

Ellas Blick wanderte über mehrere große Einkaufstüten, die auf dem Küchentresen lagen. Auf ihnen prangte das Logo eines exklusiven Hundeladens. Wenn ihre Mutter wüsste, wie viel Geld sie gerade für Hundesachen ausgegeben hatte, müsste sie sich das noch monatelang anhören.

Aber auch ohne von Ellas Großeinkauf in der Hundeboutique zu wissen, wetterte ihre Mutter weiter gegen Hunde. Ella schaltete auf Durchzug. Ab und zu gab sie ein »Hmm« oder »Aha« von sich und packte weiter ihre Einkäufe aus: Hundefutterdosen, Hundeleine, Hundehalsband, Spielzeuge, zwei Futternäpfe und schließlich, aus der größten Tüte, ein großes hellblaues Hundebettkissen. Sie hatte sich für die Farbe entschieden, weil sie sowohl ins Wohnzimmer als auch ins Schlafzimmer passen würde.

»Also, ich mochte Oscar und bin immer sehr gut mit ihm ausgekommen. Außerdem hättet ihr wunderschönen Nachwuchs bekommen … aber nein, wahrscheinlich hast du ihn mit deinem Dickkopf vergrault. So hat er es mir gegenüber jedenfalls angedeutet.« Ella packte entsetzt das Handy.

»Du hast mit Oscar gesprochen?!«

»Ja, natürlich. Wir verstehen uns immer noch gut.«

»Aber er hat mich betrogen, Mama! Mit irgendeiner Schauspielerin!«

»So etwas passiert. Aber man muss langfristig denken, Ella. Du bist meine einzige Tochter, und ich möchte irgendwann ein Enkelkind im Arm halten. Wer weiß, wie viel Zeit mir noch bleibt.«

Jetzt ging das schon wieder los, dachte Ella. »Mama, bitte, fang nicht schon wieder damit an! Andere Mütter haben auch gut aussehende Söhne – oder so was Ähnliches hast du mir früher immer gepredigt.«

»Aber nicht in deinem Alter, Kind!«, entgegnete Ellas Mutter am anderen Ende.

»Wie, nicht in meinem Alter?! So alt bin ich jetzt auch wieder nicht!«

»Ab dreißig nehmen die Eizellen rapide ab, Ella! Dann lass wenigstens ein paar Eizellen einfrieren. Der Papa zahlt auch dafür!«

Ella stöhnte und beschloss, das absurde Gespräch schnell zu beenden, bevor es sich, wie so oft, zu einem richtigen Streit entwickeln würde. Dafür hatte sie heute wirklich keine Zeit und keine Lust.

»Du Mama, ich muss jetzt wirklich gehen, sonst komm ich zu spät. Hab dich lieb.« Ella drückte den Anruf schnell weg und atmete auf. Ihre Mutter meinte es ja nur gut, das wusste Ella, aber sie hatte das Gegenteil bewirkt. Ella fühlte wieder einen schrecklichen Anfall von Torschlusspanik aufsteigen. Sie hatte sich nicht immer ein Baby gewünscht. Noch vor zwei Jahren hatte sie gejubelt, als der Schwangerschaftstest negativ gewesen war. Aber im letzten Jahr war irgendetwas geschehen. Jedenfalls hatte sie plötzlich eine riesige Sehnsucht verspürt, ein Kind zu bekommen. Ein Kind der Liebe, von ihr und Oscar.

Jetzt beruhige dich wieder, redete Ella sich zu. Es gibt keinen Grund zur Panik. Ich bin noch jung, die Welt steht mir offen, und da draußen gibt es bestimmt noch ein paar nette Single-Männer, so wie dieser Hundebesitzer im Auslaufgebiet. Folge dem Hund … Ella erinnerte sich an die Worte und die Abbildung des Hundes auf der Tarotkarte. Sie packte ihren Schlüsselbund, ging aus der Wohnung und warf die Wohnungstür mit Extraschwung zu, so als ob sie damit sagen wollte: Jetzt oder nie.

Die neu gekaufte Leine und das Halsband lagen dabei vergessen auf dem Küchentresen. Aber das sollte Ella erst später merken.

»Trotz seiner fünf Sinne ist der Mensch zu doof,
um zu kapieren, dass ein Hund sein sechster Sinn ist.«

WUFF! SIMPSON

»Ella, du musst jetzt was riskieren, um dein Leben und deine Gedanken in andere Bahnen zu lenken! Mein Gott! Und wenn es mit dem Hund gar nicht klappt, kannst du ihn doch immer noch zurückgeben!«

Auf halbem Weg zum Tierheim war Ella wieder offensichtlich unsicher geworden. Sie hatte Cecile angerufen. Ob ihre Mutter vielleicht doch recht hätte, fragte sie Cecile, und ob es möglicherweise wirklich Unsinn war, sich einen Hund anzuschaffen? Aber Cecile redete Ella noch einmal gut zu.

Als sie das Telefonat mit ihrer Freundin beendet hatte, bekam Cecile aber doch ein schlechtes Gewissen. Sie hatte Ella zwar von der Freude erzählt, die ein Hund in das Leben eines Menschen oder einer Familie brachte, aber nicht von den Sorgen, die man oftmals mit den Vierbeinern hatte. Zum Beispiel hatte sie nicht erwähnt, wie häufig sie mit Simpson beim Tierarzt saß, fast so oft wie mit Lena und Nico beim Kinderarzt. Und sie hatte nicht erwähnt, dass Simpson ihren Mann Max am Vorabend attackiert hatte.

Cecile legte ihr Handy auf den Küchentresen, nahm das scharfe Schneidemesser und schnippelte das restliche Gemüse klein. Dann ließ sie die Zucchini-, Tomaten- und Auberginenstücke und den klein gehackten frischen Rosmarin in die Tomatensoße gleiten. Sie legte den Deckel auf den Topf und schaute aus dem großen Küchenfenster in den Garten, wo Simpson und Nico spielten. Die beiden saßen sich auf dem Rasen gegenüber. So wie es aussah, erzählte Nico seinem Hund gerade eine spannende Geschichte.

Cecile wurde es ganz warm ums Herz, und sie dachte, wie froh sie war, dass sie damals nicht auf ihren Kinderarzt gehört hatte. Nico hatte, wie alle Kinder mit Downsyndrom, einen ganz besonderen Zauber, dem auch Simpson komplett verfallen war.

Als Nico fertig erzählt hatte, sah Cecile, wie sich Simpson an den Jungen heranrobbte, bis er so nah war, dass ihm Nico glücklich seine Arme um den dicken Hals werfen und die kleine Nase im Fell des Vierbeiners vergraben konnte. Cecile war gerührt von dem Anblick: Mensch und Tier in Harmonie. Und als der große Berner Sennenhund ihrem Sohn liebevoll über das Gesicht leckte, spürte sie, wie sich langsam ein Kloß in ihrem Hals bildete.

Ja, dachte Cecile in dem Moment, Ella würde ein Hund ganz bestimmt guttun.

Cecile richtete jetzt den Blick auf ihre Tochter Lena, die am großen Flügel saß und konzentriert Klavier übte. Cecile lächelte. Ihre Tochter hatte das musikalische Talent von Max geerbt und auch seinen eisernen Willen, die schwarz-weißen Tasten zu beherrschen. Als ob Lena den Blick ihrer Mutter spürte, hörte sie auf zu spielen und schaute ihre Mutter besorgt an.

»Mama, bist du immer noch böse auf Simpson?«

»Nein, mein Schatz. Der Papa muss Simpson gestern irgendwie erschreckt haben. Das passiert heute nicht wieder. Keine Sorge.«

»Ja, bestimmt hat Simpson gedacht, dass Papa ein Einbrecher ist.«

»Vielleicht. Jetzt übe noch, bis Papa da ist. Dann essen wir.«

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