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Bewahre meinen Traum

Als Buch hier erhältlich:

Nina Romanos größter Wunsch? Das wunderbare alte Hotel am Willow Lake in neuem Glanz erstrahlen zu lassen. Sie träumt schon von Seidentapeten, opulenten Teppichen und wertvollen Antiquitäten, als ihr Greg Bellamy das Haus vor der Nase wegschnappt. Widerwillig nimmt Nina, sein Angebot, ihm als Managerin zur Hand zu gehen, an. Und je länger sie zusammenarbeiten, desto mehr fühlen sie sich zu einander hingezogen. Bis Nina einen folgenschweren Fehler begeht.
"Voller Lebensweisheiten und Charakteren, mit denen der Leser sich identifizieren kann. Unterhaltsam und klug." Publishers Weekly
"Susan Wiggs hat ein großes Talent, Geschichten zu erzählen und zwischenmenschliche Beziehungen zu beschreiben." Romantic Times
  • Erscheinungstag: 01.12.2017
  • Seitenanzahl: 448
  • ISBN/Artikelnummer: 9783956497520

Leseprobe

Für Bootsfahrten zu unserer Autorengruppe im Sommer,

für heimtückische Fahrten in eiskalten Winternächten,

für das Zusammenhalten bei Springfluten und Herbststürmen,

für meine Schriftstellerkollegin und meine Freundin für alle Jahreszeiten –

für Sheila! Für Joy!

Danksagungen

Vielen Dank an die echte Pensionsinhaberin Wendy Higgins

von The Ocean Lodge in Cannon Beach, Oregon.

Tiefste Bewunderung für meine Schreibkolleginnen

Elsa Watson, Suzanne Selfors, Sheila Rabe und Anjali Banerjee; ebenso für Krysteen Seelen, Susan Plunkett, Rose Marie Harris,

Lois Faye Dyer und Kate Breslin für ihren Humor,

ihr Wissen und ihre Geduld beim Lesen der ersten Entwürfe.

Ein besonderer Dank geht an Meg Ruley und Annelise Robey von der Jane Rotrosen Agency und an meine wunderbare Lektorin,

Margaret O’Neill Marbury.

„Ein See ist das schönste und ausdrucksvollste Merkmal einer Landschaft. Er ist das Auge der Erde, und wer hineinschaut, erkennt die wahre Tiefe seines eigenen Charakters.“

– Henry David Thoreau
Walden oder Leben in den Wäldern, „Die Seen“

1. TEIL

Heute

„Man ist zum Teil Reiseführer, Werbe- und Marketingspezialist, Haushälter, Koch, Buchhalter, PR-Profi, Hausmeister und Gärtner und Experte für lokale Geschichte – alles in einer Person. Wenn Sie gewillt sind, hart zu arbeiten, mit ganzem Herzen eine heimelige Atmosphäre für die Besucher zu schaffen, wenn Sie Ihren Heimatort lieben und den Wunsch verspüren, diese Liebe mit anderen zu teilen, dann könnten Sie mal darüber nachdenken, ein eigenes Bed & Breakfast zu eröffnen.“

– Die Bed & Breakfast Association von Alaska

1. Kapitel

Nachdem Shane Gilmore sie geküsst hatte, hielt Nina Romano ihre Augen geschlossen. Okay, dachte sie, dann ist er halt nicht der weltbeste Küsser. Nicht jeder Mann wurde als großartiger Küsser geboren. Manche mussten noch ein wenig üben. Und sicherlich waren Shane Gilmores Kusskünste ausbaufähig.

Sie öffnete die Augen und lächelte ihn an. Er sah aus, als wäre er ein großartiger Küsser, mit hübsch geformten Lippen und einem energischen Kinn, breiten Schultern und dichten schwarzen Haaren. Vielleicht hatte er einfach nur einen schlechten Tag.

„Ich hab schon so lange darauf gewartet“, sagte er. „Deine Amtszeit konnte für mich gar nicht schnell genug enden.“

Das meinte er nicht böse. Oder? Die Tatsache, dass ihre Amtszeit als Bürgermeisterin von Avalon mit einem Skandal geendet hatte, schmerzte noch immer. Aber vielleicht war sie nur paranoid. Sie entschied sich, darüber zu lachen. „Okay, jetzt klingst du wie einer meiner politischen Feinde.“

„Meine Gründe sind aber romantischer Natur“, behauptete er. „Ich habe auf den richtigen Zeitpunkt gewartet. Unser Zusammensein hätte einen falschen Eindruck erweckt – du als Bürgermeisterin und ich als Direktor der einzigen Bank im Ort.“

Du siehst so sehr wie ein Traummann aus, dachte sie. Fang jetzt bitte nicht an, dich wie ein Idiot zu benehmen. Und ja, sie war paranoid wegen des Skandals. Was seltsam war, wenn man ihre Geschichte bedachte. Skandale waren Nina nicht fremd. Als junge, alleinerziehende Mutter hatte sie stets den Kopf oben behalten und sich daran gemacht, für die Stadt Avalon zu arbeiten, was ihr schließlich den Posten als stellvertretende Bürgermeisterin eingebracht hatte. Das Gehalt war beinahe nicht existent, und es besserte sich auch nicht wesentlich, als Bürgermeister McKittrick krank wurde und sie tatsächlich seinen Platz einnahm. Sie war, soweit sie wusste, die jüngste und am schlechtesten bezahlte Bürgermeisterin des gesamten Staates. Sie hatte einen finanziellen Albtraum geerbt. Die Stadt stand kurz vor dem Bankrott. Sie hatte die Ausgaben beschnitten, inklusive ihres eigenen Gehalts, und schließlich die Quelle allen Übels gefunden – ein korrupter Stadtangestellter.

Genug, dachte sie. Das hier war auf so vielen Ebenen ein neues Kapitel in ihrem Leben. Sie war gerade von einer dreiwöchigen Reise zurückgekehrt, und für sie und Shane war es das erste Date. Bei der ersten Verabredung Haarspaltereien zu betreiben war ein absolutes No-Go. Abgesehen von dem Kuss – ungelenk und viel zu … feucht – lief doch auch alles gut. Sie hatten ein sonntägliches Picknick im Blanchard Park genossen, direkt am Ufer des Willow Lake, dem schönsten Ort, den die Stadt zu bieten hatte. Danach waren sie am Ufer entlanggeschlendert, und dort hatte Shane sich getraut. Er war mitten auf dem Weg stehen geblieben, hatte einen schnellen Blick nach rechts und links geworfen und dann seinen Mund auf ihren gedrückt.

Igitt.

Komm wieder runter, schalt Nina sich. Es sollte schließlich ein neuer Anfang sein. Während sie ihre Tochter großgezogen hatte, hatte sie keine Zeit oder Energie gehabt, sich mit Männern zu verabreden. Und jetzt, wo sie ihren verspäteten Einzug in die Welt der Verabredungen hielt, sollte sie es nicht gleich ruinieren, indem sie zu kritisch war. Mit ihrer überkritischen Art hatte sie mehr Dates vermasselt als … wenn sie so darüber nachdachte, hatte sie alle vermasselt. Erste Verabredungen waren alles, was Nina Romano je zustande gebracht hatte; ein zweites Treffen hatte es nie gegeben. Außer einmal, vor vielen Jahren. Was dazu geführt hatte, dass sie mit fünfzehn schwanger geworden war. Danach hatte sie beschlossen, dass zweite Dates ihr nur Pech brachten.

Doch jetzt war alles anders. Es war an der Zeit – und zwar schon lange –, zu sehen, ob eine Verabredung sich auch noch zu etwas anderem als einer Katastrophe entwickeln konnte. Ninas Tochter Sonnet war erwachsen; sie hatte früh die Highschool beendet, mit gerade mal sechzehn, und war an der American University angenommen worden. Alles in allem vermied sie alle Fehler, die ihre Mutter in jungen Jahren gemacht hatte.

Hör auf, dachte sie, als sie spürte, wie sie sich in Gedanken an Sonnet verlor. In einem Augenblick verrückten Selbstbetrugs hatte Nina sich eingeredet, es würde leicht sein, ihre Tochter gehen zu lassen. Das Kind ziehen zu lassen, das bis zur Abschlussfeier der Highschool vor wenigen Wochen der Mittelpunkt ihrer Welt gewesen war.

In dem Versuch, sich wieder auf den Augenblick und auf Shane zu konzentrieren, beschleunigte sie ihre Schritte, um mit ihm mitzuhalten. Da spürte sie ein Stechen an ihrem Bein. Zu spät bemerkte sie, dass sie ein Büschel oberschenkelhoher Brennnesseln gestreift hatte.

Der Schmerz ließ sie zischend einatmen, doch Shane schien es gar nicht zu bemerken, zu sehr war er darin vertieft, ihr in allen Einzelheiten von seiner letzten Golfpartie zu erzählen.

Golf, dachte Nina und biss die Zähne zusammen, um das stechende Brennen zu unterdrücken. Das war etwas, was sie schon immer mal hatte ausprobieren wollen. Es gab so vieles, was sie immer aufgeschoben hatte. Jetzt, wo Sonnet fort war, hatte sie die Chance, das alles nachzuholen.

Der Gedanke erfüllte sie mit neuem Schwung und ließ sie das Brennen beinahe vergessen. Es war ein wunderschöner Sonntagnachmittag, und überall saßen und gingen Leute, als wären sie gerade aus dem Winterschlaf erwacht. Sie liebte den Anblick von Pärchen, die am Seeufer entlangspazierten, Familien, die im Park picknickten, Kanus und Kajaks, die das klare Wasser des Sees durchschnitten.

Nina liebte alles an ihrer Heimatstadt. Es war der perfekte Ort, um die nächste Phase ihres Lebens zu beginnen. Die Verbindungen aus ihrer Zeit als Bürgermeisterin und Shanes Bank waren der Schlüssel für ihre neuen Pläne. Sie war im Begriff, sich einen lang gehegten Traum zu erfüllen.

„Du hast also gewartet, bis ich mich von meinem Amt als Bürgermeisterin befreit habe“, meinte sie an Shane gewandt. „Das ist gut zu wissen. Wie läuft es in der Bank?“

„Es hat in letzter Zeit einige Veränderungen gegeben“, erwiderte er. „Darüber wollte ich später noch mit dir sprechen.“

Sie wunderte sich über die Art, wie er ihrem Blick auswich, während er sprach. „Was für Veränderungen?“

„Wir haben ein paar neue Mitarbeiter, die während deiner Abwesenheit zu uns gestoßen sind. Und können wir bitte nicht übers Geschäft reden?“ Er berührte ihren Arm und schenkte ihr einen bedeutungsvollen Blick. „Da hinten auf dem Weg“, er zeigte in die Richtung. „Da hat es sich angefühlt, als hätte es wirklich zwischen uns gefunkt. Ich habe dich vermisst. Drei Wochen sind eine lange Zeit.“

„Hm-mh.“ Sie ermahnte sich, fair zu sein, ihm eine Chance zu geben. „Für mich sind drei Wochen nicht so lang. Ich habe Jahre darauf gewartet, endlich loszulegen. Das ist es. Mein neues Leben. Ich fange endlich an, die Zukunft zu haben, von der ich träume, seitdem ich ein kleines Mädchen war.“

„Äh, ja, das ist toll.“ Er schien nervös, und ihr fiel wieder ein, dass er nicht über die Arbeit reden wollte, also ließ sie das Thema fallen.

„Ich bin froh, dass ich die Reise mit Sonnet machen konnte“, sagte sie. „Ich kann mich gar nicht daran erinnern, wann wir das letzte Mal echte Ferien gehabt haben.“

„Ich dachte, du würdest dich vielleicht vom Leben in der Großstadt verführen lassen und gar nicht mehr zurückkommen“, meinte er.

Er kannte sie wirklich überhaupt nicht. „Mein Herz ist hier, Shane“, sagte sie. „Und das ist es immer gewesen. Hier in dieser Stadt, in der ich aufgewachsen bin, in der meine Familie lebt. Ich könnte Avalon nie verlassen.“

„Also hast du auf deiner Reise Heimweh gehabt?“

„Nein, weil ich ja wusste, dass ich zurückkommen werde.“ Am Tag nach der Abschlussfeier waren Nina und Sonnet mit dem Zug nach Washington gefahren und hatten dort drei wundervolle Wochen miteinander verbracht. Sie hatten sich die Hauptstadt und die Denkmäler aus der Kolonialzeit in Virginia angeschaut. Auch wenn Nina es nie zugeben würde, hatte sie die Reise auch unternommen, um sich noch einmal bei Sonnets Vater und seiner Familie rückzuversichern. Sonnet sollte den Sommer mit ihnen verbringen. Laurence Jeffries war ein hochrangiger Offizier der Army und Militärattaché. Er hatte Sonnet eingeladen, mit ihm, seiner Frau und seinen beiden Töchtern nach Casteau in Belgien zu reisen, wo Laurence einen Posten beim Obersten Hauptquartier der Alliierten Streitkräfte in Europa antreten würde.

Die Tatsache, dass ihr Vater beim SHAPE arbeitete, wie die Militärangehörigen die Einrichtung abkürzten, bot Sonnet eine einmalige Gelegenheit, denn sie konnte ein Praktikum bei der NATO absolvieren. Außerdem war es ihre Chance, Laurence besser kennenzulernen. Laurence und seine Vorzeigefamilie. Er war ein leuchtender Stern, ein afroamerikanischer Absolvent von West Point, der renommierten Militärakademie. Seine Frau war die Enkeltochter eines berühmten Bürgerrechtlers, und seine Töchter waren mit Auszeichnungen überhäufte Schülerinnen der Sidwell Friends School. Dennoch war es ihm wirklich wichtig, dass Sonnet sich wohlfühlte – zumindest war es Nina so vorgekommen. Am Ende des Sommers würde Sonnet ihr Studium an der American University aufnehmen. Keine große Sache, dachte Nina. Alle Kinder verließen irgendwann das Nest, oder?

Die Tatsache, dass Sonnet mit ihrem Vater, ihrer Stiefmutter und ihren Stiefschwestern leben würde, war auch kein Problem. Patchworkfamilien waren heutzutage doch ganz normal.

Warum verfiel sie dann aber jedes Mal in Panik, sobald sie sich Sonnet in dem perfekten Georgetown-Häuschen vorstellte oder in dem idyllischen belgischen Städtchen voller SHAPE- und NATO-Angehöriger? Nina spürte, dass ihre Tochter ihr fremd wurde, sich jeden Tag ein Stückchen mehr von ihr entfernte. Hör auf, rief sie sich zur Ordnung.

Sie gehen zu lassen war eine gute Entscheidung. Es war, was Sonnet wollte. Es war, was Nina wollte, etwas, worauf sie schon so lange gewartet hatte: Freiheit, Unabhängigkeit. Trotzdem war es schwer gewesen, Auf Wiedersehen zu sagen. Zum Glück habe ich etwas, zu dem ich zurückkommen kann, dachte Nina. Zum Glück erwartet mich nicht nur ein leeres Haus. Sie hatte ein neues Leben, einen Plan für ihre Zukunft, ein neues Abenteuer. Nichts konnte den Platz ihrer Tochter einnehmen, aber Nina war entschlossen weiterzumachen. Es gab Dinge, die sie aufgegeben hatte, Dinge, die sie wegen der frühen Mutterschaft verpasst hatte. Nein, korrigierte sie sich. Nicht verpasst. Verschoben.

Shane sprach immer noch, und Nina fiel auf, dass sie nicht ein einziges Wort gehört hatte. „Es tut mir leid. Was hast du gerade gesagt?“

„Hab ich dir erzählt, was ich für einen Bock habe, Kajak zu fahren? Ich hab das noch nie gemacht.“

Bock? Hatte er wirklich ‚Bock haben‘ gesagt? „Der See ist ein guter Ort, um damit anzufangen. Das Wasser ist ziemlich ruhig.“

„Sogar wenn es das nicht wäre“, sagte er. „Ich bin vorbereitet. Ich habe sogar eine Ausrüstung gekauft, extra für heute.“

Sie erreichten den Steg und das Bootshaus, an dem es vor Menschen nur so wimmelte, die den bisher schönsten Tag des Jahres genießen wollten. Nina sah Pärchen und Familien, die spazieren gingen oder im flachen Wasser am Ufer planschten. Ihr Blick fiel auf ein Paar auf einer Bank am Seeufer. Sie schauten einander an, hielten sich an den Händen und schienen in eine interessante Unterhaltung vertieft. Es waren ganz normale Menschen – er hatte schon etwas dünnes Haar, sie eine etwas füllige Taille –, doch sogar aus der Ferne konnte Nina ihre Vertrautheit miteinander fühlen. Menschen, die einander liebten und vertrauten, hatten eine ganz besondere Körperhaltung. Der Anblick der beiden ließ Nina wehmütig werden; sie war keine Expertin, was die Liebe anging, weil sie sie noch nie selber erlebt hatte. Eines Tages, dachte sie, werde ich das Geheimnis vielleicht auch ergründen.

Aber vermutlich nicht heute, fügte sie innerlich mit einem Seitenblick auf Shane hinzu.

Er fasste ihren Blick falsch auf. „Ich dachte, nach dem Kajakfahren gehen wir zu mir“, sagte er. „Ich mache uns was zu essen.“

Bitte, dachte sie, bitte, hör auf, dich so anzustrengen. Doch sie sagte nichts, sondern lächelte ihn an. „Danke, Shane.“ Wieder einmal ermahnte sie sich, locker zu bleiben. Eine Verabredung glich ein wenig einer Expedition in unbekanntes Terrain.

„Nina“, rief jemand. „Nina Romano!“

Da, bei den Bänken und Tischen in der Nähe des Bootshauses, war Bo Crutcher, der Star-Pitcher der Avalon Hornets, einem Team der kanadisch-amerikanischen Baseballliga. Wie immer hing der große, schlanke Texaner mit seinen Kumpels ab und trank Bier.

„Hey, Darling“, begrüßte er sie. Sein Akzent klang so weich wie sonnengewärmter Honig.

„Ich bin nicht dein Darling, Bo“, entgegnete sie. „Und gibt es nicht eine Regel bezüglich des Genusses von Alkohol vor einem Spiel?“

„Schätze schon. Wie bist du nur so klug geworden?“

„Ich bin so geboren.“

„Es scheint, als wenn du jeden in der Stadt kennst“, bemerkte Shane.

„Das war der Teil, der mir als Bürgermeisterin am besten gefallen hat – so viele Leute kennenzulernen.“

Shane warf Bo über die Schulter einen Blick zu. „Ich weiß nicht, warum er nicht schon längst aus dem Team geworfen wurde.“

„Weil er gut ist.“ Nina wusste, dass Bo Crutcher wegen seiner ununterbrochenen Partylaune schon von einigen anderen Teams entlassen worden war. Die Can-Am-Liga war mehr oder weniger seine letzte Chance. „Wenn man in etwas gut ist, neigen die Leute dazu, viele deiner Schwächen und Fehler zu übersehen. Zumindest eine Zeit lang. Irgendwann holen sie dich aber unweigerlich ein.“

Jungenhaftes Gelächter dröhnte über den See und erregte Ninas Aufmerksamkeit. Sofort erkannte sie Greg Bellamy und seinen Sohn Max, die ein Kanu zu Wasser ließen.

Jede ungebundene Frau in Avalon kannte Greg Bellamy, den kürzlich geschiedenen Neuzugang. Er sah unglaublich gut aus, hatte weiße Zähne, funkelnde Augen, breite Schultern und eine Größe von gut einem Meter achtzig. Lange Zeit war auch Nina heimlich in ihn verknallt gewesen. Doch er war nichts für sie. Er schleppte zu viel Gepäck mit sich herum – in Form von zwei Kindern. Nina kannte und mochte Max und Daisy, aber sie wahrte eine gewisse Distanz. Endlich war sie an dem Punkt in ihrem Leben angekommen, an dem sie einfach sie selbst sein konnte. Die Kinder einer anderen Frau anzunehmen stand nicht auf ihrem Plan.

Außerdem war Greg gar nicht an ihr interessiert. Als er letzten Winter in die Stadt gezogen war, hatte sie ihn auf einen Kaffee eingeladen, aber er hatte abgelehnt. Das rief sich Nina in Erinnerung, als jemand sich zu Greg und Max gesellte – eine Frau in einer leichten weißen Caprihose und einem limonengrünen Pullover. Sie schien ungefähr zwei Meter groß zu sein und war unglaublich blond. Auch wenn Nina nicht nah genug dran war, um es genau sehen zu können, wusste sie, dass die Frau sehr attraktiv war. Das war der Typ, den Greg Bellamy zu favorisieren schien. Italo-Amerikanerinnen unter eins sechzig, die bekannt waren für ihre ausgeprägten Launen, ihr krauses Haar und einen mangelnden Sinn für Mode schienen ihn hingegen nicht zu interessieren.

Entschlossen riss sie sich von Greg Bellamy los und ging zu dem Bootsschuppen, in dem sie ihr Kajak aufbewahrte. Sie besaß es schon seit Jahren, weil sie es liebte, auf dem Wasser zu sein. Der Willow Lake – das Juwel Avalons, wie er in den Broschüren der Handelskammer bezeichnet wurde – war sechzehn Kilometer lang. Er wurde vom Schuyler River gespeist, und an seinen Ufern erhoben sich die bewaldeten Hänge der Catskills. Das eine Ende des Sees reichte bis an die Stadt Avalon heran und war von dem beliebten Stadtpark umgeben, der dank Ninas Spendenaufruf vom Bürgermeisteramt angelegt worden war. Ein Stück weiter fanden sich einige Sommerhäuser und romantische kleine Bed & Breakfast-Pensionen am Seeufer. Privatgrund direkt am See war extrem selten, da das Land nun ein Teil des Naturreservats der Catskills war. Die wenigen Gebäude, die vor der Ernennung zum Naturschutzgebiet errichtet worden waren, erhoben sich wie Bilderbuchhäuschen aus einer anderen Zeit. Der See erstreckte sich wie ein lockender, gebogener Finger in eine unberührte Natur. An seinem nordöstlichsten Ende lag ein Ort namens Camp Kioga. Das Grundstück war seit Jahren im Besitz der Familie Bellamy. Natürlich war es das. Manchmal kam es Nina so vor, als wenn den Bellamys der halbe Landkreis gehörte. Das Camp war vor Kurzem erst als Familienresort wiedereröffnet worden. Am Ende des Sommers würde es als Kulisse für eine sehnsüchtig erwartete Hochzeit dienen.

Als sie und Shane das Kajak von dem Regal im Schuppen hoben, spürte Nina eine leichte Wehmut in sich aufsteigen. Sie hatte das zweisitzige Kajak vor Jahren auf einer Versteigerung des Rotary-Clubs erworben. Für sie und Sonnet war es einfach perfekt gewesen. Die Erinnerung an diese seltenen Sommertage, an denen sie früher von der Arbeit gegangen war, um mit ihrer Tochter auf dem See herumzupaddeln, erfüllten sie mit einer solch schmerzhaften Sehnsucht, dass ihr der Atem stockte.

„Stimmt etwas nicht?“, fragte Shane.

„Nein, alles gut“, beeilte sie sich zu versichern. „Ich kann es nur kaum erwarten, wieder aufs Wasser zu kommen.“

Er ging zurück zu seinem Auto, um seine Ausrüstung zu holen. Während Nina ihr Kajak am Steg zu Wasser ließ, verfolgte sie die Fortschritte von Greg Bellamy und seinem Kanu. Er und Max paddelten synchron, während die Blonde wie eine nordische Prinzessin in der Mitte saß. War sie gelangweilt? Wie viel Spaß konnte es schon bringen, einfach dazusitzen, jedes Haar am rechten Fleck, keine Falten in der weißen Hose?

Nina fragte sich, wer die Frau war. Dank der anstehenden Hochzeit im Hause Bellamy hatte es in letzter Zeit in der Stadt und im Camp Kioga viele Besucher gegeben – Eventplaner, Floristen, Cateringunternehmen, Dekorateure. Bei der zukünftigen Braut handelte es sich um Gregs Nichte Olivia. Vielleicht war die nordische Schönheit seine Begleitung für die Hochzeit?

Da sie aus einer großen Familie stammte, waren Nina große Hochzeitsfeiern nicht fremd. Aber natürlich war sie selber nie die Braut gewesen. Vielleicht würde sie jetzt, wo sie wirklich alleine war, heiraten. Sie wandte den Blick von der Szene auf dem See und schaute zu Shane Gilmore, der gerade vom Parkplatz zurückkehrte. Vielleicht auch nicht, dachte sie.

Er hatte sich mit Helm und Schwimmweste ausgerüstet, um seine Hüften hing ein Spritzwasserschutz, der aussah wie ein Tutu. Dazu trug er wasserfeste Schuhe und in der Hand hielt er ein Funkgerät.

„Nun schau sich einer diesen Mann an“, sagte sie. Glücklicherweise hatte sie in ihrer Zeit als Bürgermeisterin gelernt, diplomatisch zu sein.

„Danke“, sagte er stolz. „Das habe ich alles im Vorsaison-Verkauf im Sport Haus gekauft.“

„Du Glückspilz“, murmelte Nina. „Den Helm und den Spritzschutz wirst du heute vermutlich nicht brauchen. Die nutzt man normalerweise nur beim Wildwasserkajaken.“

Er wischte ihren Einwand beiseite und stieg ins Boot, das Nina derweil festhielt. „Bereit?“, fragte er und setzte sich so heftig hin, dass der Fiberglasrumpf mit Karacho gegen den Steg stieß.

„Nicht ganz“, erwiderte Nina und hob die Paddel auf. „Ohne die hier kommen wir nicht weit.“

„Verdammt“, sagte er. „Ich habe das Gefühl, das Ding kippt jede Sekunde um.“

„Das wird es nicht“, beruhigte sie ihn. „Ich bin schon mit Sonnet gepaddelt, als sie gerade mal fünf Jahre alt war. Bei gutem Wetter ist es die sicherste Form der Fortbewegung auf dem Wasser.“

Er krallte sich am Rand des Kanus fest, als Nina einstieg. Sie ermahnte sich, nicht so kritisch mit ihm zu sein. Er war der Bankdirektor. Er war gebildet und sah gut aus. Er sagte Sachen wie: „Weißt du, wie lange ich gewartet habe, bis ich dich um eine Verabredung gebeten habe?“

Sie zeigte ihm, wie das Steuerruder funktionierte, und erläuterte ihm eine einfache Paddeltechnik. Dann war er halt ein bisschen … trottelig und trug einen Helm und einen Spritzschutz. Na und? Vorsichtig zu sein hatte bestimmt auch seine guten Seiten.

Außerdem spürte sie, dass ihm ihr Ausflug gefiel. Nachdem sie sich ein wenig vom Ufer entfernt hatten und über die glatte Oberfläche des Willow Lake glitten, entspannte er sich merklich. Das macht das Wunder und den Zauber aus, auf dem Wasser zu sein, dachte Nina. Deshalb waren die Seen in Upstate New York so legendär und wurden seit Gründung der Stadt von gestressten Stadtbewohnern aufgesucht. Das Wasser war gesprenkelt mit kleinen Jollen, deren Segel wie Engelsflügel durch die Luft schwebten, anderen Kajaks, Kanus und Ruderbooten aller Art. Die ansteigenden Hügel mit ihren Quellen und Wasserfällen spiegelten sich auf der gläsernen Oberfläche des Sees wider. Über den im Sonnenlicht liegenden See zu paddeln war, wie sich mitten im Gemälde eines Impressionisten zu befinden – man fühlte sich als Teil einer friedlichen und bunten Landschaft.

„Lass uns da rüberpaddeln“, schlug sie vor und zeigte mit dem Paddel die Richtung. „Ich will mir das Inn am Willow Lake ansehen – mein neues Projekt.“

Zwischen ihnen entstand ein kurzes Schweigen. „Das ist ganz schön weit“, sagte Shane dann. „Beinahe einmal quer über den See.“

„Wir können in wenigen Minuten da sein.“ Sie versuchte, sich von seinem Zögern nicht verärgern zu lassen. Das Inn am Willow Lake würde ihr neues Leben werden. Als Direktor der Bank war Shane einer der wenigen Menschen, die von ihrem Traum wussten. Das Inn war zwangsversteigert worden und gehörte nun der Bank. Dank Mr. Bailey, dem Vermögensverwalter, hatte Nina den Managementvertrag für das Objekt erhalten. Sie würde die Neueröffnung und das laufende Geschäft überwachen. Wenn sie ihren Job gut machte und alles wie geplant lief, könnte sie ein kleines Geschäftsdarlehen beantragen und das Inn kaufen. Und genau das hatte sie vor. Davon träumte sie schon ihr ganzes Leben.

Ohne es zu merken, paddelte sie unwillkürlich schneller. Ihr Rhythmus passte nicht mehr zu Shanes, sodass ihre Paddel aneinanderstießen. „Tut mir leid“, entschuldigte sie sich. Aber das stimmte nicht. Sie war in Eile.

Je näher sie dem historischen Gebäude mit seinem weit in den See hinausreichenden Anleger kamen, desto froher wurde ihr ums Herz. Das hier war das einzige Hotel am See, was den alten, urkundlich festgelegten Restriktionen zu verdanken war, die kurz nach dem Bau erlassen worden waren. Das Anwesen bestand aus mehreren alten Häusern, die sich um ein wunderschönes Haupthaus gruppierten, das wie ein Schloss aus einer anderen Zeit auf der smaragdgrünen Wiese lag. Die italienisch angehauchte Architektur war ein hervorragendes Beispiel für den irrationalen Überschwang des Vergoldeten Zeitalters, der sogenannten Blütezeit der amerikanischen Wirtschaft Ende des 19. Jahrhundert. Es gab eine umlaufende Veranda und Giebel im ersten Stock. An einer Seite erhob sich ein Aussichtsturm, der von einer reich verzierten Kuppel gekrönt wurde. Die längs unterteilten Fenster boten einen unvergleichlichen Blick auf den Willow Lake. Von ihrer Perspektive vom Wasser aus konnte Nina sich vorstellen, wie das Hotel in den alten Zeiten ausgesehen hatte, als die weiß gekleideten Sommerfrischler den Garten bevölkerten, sich sonnten oder eine Partie Krocket spielten und Liebende Hand in Hand auf den schattigen Wegen lustwandelten. Es gab eine Seite an Nina, die schamlos romantisch war, und das Inn sprach genau diese Seite an. Das hatte es schon immer. Ihr liebstes Gebäude war das Bootshaus, das im für die Seen von Upstate New York typischen Stil erbaut worden war. Es hatte auf der Wasserebene überdachte Liegeplätze für die Boote, und darüber gab es eine kleine Wohnung. Es hatte den gleichen schrullig-luxuriösen Stil wie das Haupthaus.

Sie war mit der Bank übereingekommen, dass sie die obere Etage des Bootshauses als Privatwohnung nutzen durfte. Ihre Pläne sahen vor, noch im Laufe dieser Woche dort einzuziehen. Ursprünglich war das Bootshaus vom früheren Besitzer als großzügiges Spielzimmer für die Kinder vorgesehen gewesen. Es hatte sogar ein Extrazimmer für das Kindermädchen gegeben. Später jedoch war die gesamte Etage als Lagerraum genutzt worden.

Seitdem sie ein kleines Mädchen gewesen war, stellte Nina sich vor, hier zu leben, warmherzig ihre Gäste aus aller Welt zu begrüßen, die sich im Sommer auf eine Limonade und ein Krocket-Spiel auf dem Rasen versammelten oder es sich im Winter mit einer heißen Schokolade und einem guten Buch vor dem offenen Kamin in der Bibliothek gemütlich machten. Sie wusste genau, wie jedes Zimmer aussehen würde, welche angenehme Hintergrundmusik im Esszimmer spielte, wie die frisch gebackenen Muffins am Morgen riechen würden.

Ihre Pläne waren durch die frühe Schwangerschaft und die Verantwortung, ein Kind alleine großzuziehen, vereitelt worden. Nein, dachte sie. Nicht vereitelt. Verschoben. Jetzt hatte sich jedoch eine Chance ergeben, und Nina war entschlossen, sie zu ergreifen. Sie war bereit für etwas Neues in ihrem Leben. Und ohne Sonnet brauchte sie das auch.

Für einige Leute mochte es nichts Besonderes sein, ein Gasthaus zu führen. Für Nina war es jedoch der Beginn eines lang gehegten Traums. Als sie an den Anlieger glitten, spürte sie das warme Prickeln der Aufregung – nicht unähnlich dem, das sie in Anbetracht ihres Dates hätte empfinden sollen, aber nicht tat.

„Da ist es“, sagte sie. „Ich kann es kaum erwarten anzufangen.“

Shane war merkwürdig still. Sie fragte sich, ob er sie gerade einer eindringlichen Musterung unterzog, und drehte sich um. „Shane?“

„Ja, was das betrifft …“ Er nickte mit dem behelmten Kopf in Richtung Inn. „In der Bank hat es ein paar interessante Entwicklungen gegeben.“

Fragend schaute Nina ihn an. „‚Interessant‘ klingt ein wenig ominös.“

„Während du weg warst, ist Bailey in Ruhestand gegangen und nach Florida gezogen.“

Sie entspannte sich. „Ich weiß. Ich habe ihm sogar eine Karte geschickt.“

„Und wir haben eine neue Vermögensverwalterin aus der Zentrale bekommen. Eine Frau namens Brooke Harlow. Sie hat in ihrer Abteilung ein paar Veränderungen vorgenommen. Es gab Anweisungen von ganz oben, die Bilanzen zu verbessern.“

Ninas Herz schlug heftig. „Das hat doch aber keine Auswirkungen auf meinen Vertrag, oder?“

„Sei dir sicher, dein Vertrag wird als wesentlicher Bestandteil des Pakets angesehen. Du hast einen fantastischen Ruf. Keine Frage, dass du die beste Managerin für den Job bist.“

„Warum klingt das in meinen Ohren dann trotzdem nicht gut, Shane?“, hakte sie nach.

„Nun, ehrlich gesagt, könnte es für dich sogar sehr gut sein. Das Inn am Willow Lake ist verkauft worden, und dein Vertrag gleich mit.“

Sie drehte sich wieder um und funkelte ihn wütend an. „Das ist nicht lustig.“

„Das sollte es auch nicht sein. Es ist einfach nur passiert.“

„Das kann nicht passieren.“ Und doch verriet ihr das Brennen in ihrem Magen, dass es passiert war. „Ich hatte erwartet, dass die Bank mir die Gelegenheit gibt, das Objekt zu kaufen, sobald mein Darlehen bewilligt worden ist.“

„Ich bin sicher, du wusstest, dass die Bank sich von dem Objekt trennt, sobald ein Käufer auftaucht.“

„Aber Mr. Bailey hat gesagt …“

„Es tut mir leid, Nina. So ist es nun einmal.“

Sie war sich der Risiken bewusst gewesen. Sie hatte sie bei Vertragsunterzeichnung gekannt, aber Mr. Bailey hatte ihr versichert, dass die Wahrscheinlichkeit, einen anderen Käufer zu finden, sehr gering sei. Sobald Nina ein kleiner Firmenkredit gewährt worden wäre, hätte sie das Objekt kaufen können.

Das Inn am Willow Lake. Verkauft.

Ein paar Augenblicke lang konnte sie es nicht fassen. Es schien vollkommen unmöglich zu sein. Natürlich würde das Inn eines Tages verkauft werden – an sie. Das war immer der Plan gewesen.

„Wie auch immer“, fuhr Shane fort und ignorierte die Tatsache, dass jedes weitere Wort aus seinem Mund sie wie ein Faustschlag in den Magen traf. „Es gehört jetzt jemand anderem. Und du wirst nicht glauben, wer es gekauft hat.“

Nina Romano spürte, wie etwas in ihr riss. Dieser ahnungslose Mann, dieser einen Spritzschutz tragende, lausige Küsser saß hier und teilte ihr in aller Seelenruhe mit, dass ihre gesamte Zukunft, der Lebensinhalt, auf den sie nun, wo Sonnet weg war, gezählt hatte, ihr weggenommen worden war. Das war einfach zu viel.

„Hey, geht es dir gut?“, fragte er.

Nicht die cleverste Frage an eine Italo-Amerikanerin, deren Ohren vor Wut rauchten.

Ninas Körper gehörte ihr nicht mehr. Wie von Dämonen besessen, bäumte sie sich in dem Kajak auf und ging ihm an die Kehle.

2. Kapitel

„Ist es nicht noch ein bisschen früh im Jahr zum Schwimmen?“, fragte Brooke Harlow.

Greg Bellamy drehte sich neugierig in die Richtung, in die sie zeigte. In der Ferne sah er ein Pärchen in einem Kajak. Eine dunkelhaarige Frau und ein Mann mit einem Sturzhelm schienen sich leidenschaftlich zu umarmen, was das kleine Boot zum Schaukeln und das Wasser in Aufruhr brachte. Auf ruhigen Gewässern Kajak zu fahren soll doch eigentlich entspannend sein, dachte Greg. Aber was ging es ihn an? Jeder auf seine Weise.

Er versuchte, seine schlechte Laune abzuschütteln. Es war ein strahlend schöner Frühsommertag, und er sollte ihn verdammt noch mal genießen. Immerhin verbrachte er ihn mit einer Frau, die aussah wie ein Unterwäschemodel. Zudem benahm sich sein zwölfjähriger Sohn ausnahmsweise mal wie ein menschliches Wesen. Greg hatte nicht lange gebraucht, um herauszufinden, wieso. Max war … verdammt, Max versuchte, Brooke Harlow zu beeindrucken. Der Junge war erst zwölf! Das war viel zu jung, um sich schon für Frauen zu interessieren. Hatte Max nicht erst gestern mit Spielzeuglastern gespielt und dazu Brummgeräusche von sich gegeben?

Brooke steckte eine Hand ins Wasser und schüttelte sich. „Brr. Ich warte lieber noch ein wenig mit dem Schwimmen. Wie steht’s mit dir, Max?“

„Mir macht kaltes Wasser nichts aus.“

Greg vermutete, dass Max auch über heiße Kohlen gehen würde, wenn Brooke es vorschlüge. Er versuchte, seinem Sohn eine telepathische Nachricht zu schicken – du bist zu jung, um an das zu denken, an was du denkst. Aber Max nahm nichts wahr außer Brooke.

Greg sagte sich, dass er sich keine Sorgen machen müsse. Aber natürlich machte er sich im Moment über alles Sorgen, auch darüber, dass Max später im Sommer seine Mutter in Europa besuchen würde. Was war für den Jungen deprimierender, Eltern zu haben, die zusammen, aber unglücklich waren, oder die auf verschiedenen Kontinenten lebten? Ebenso deprimierend war, dass Greg über solche Dinge nachdachte, während er eigentlich ein Date hatte.

Nun, technisch gesehen war es kein Date. Das würde es erst, wenn Greg Brooke heute Abend zum Essen ausführte. Sie war die neue Vermögensverwalterin der Bank und hatte kürzlich eine größere Transaktion für ihn vorgenommen. Nun gehörte ihm das Inn am Willow Lake – und zwar in guten wie in schlechten Tagen. Er hatte bar bezahlt, und Brooke hatte den Vorgang beschleunigt, sodass das Ganze nur wenige Tage gedauert hatte. Seine Exfrau Sophie würde vermutlich behaupten, dass er verrückt sei, weshalb er es ihr bisher noch nicht erzählt hatte. Das Objekt war geräumt worden und nun während der Renovierungsarbeiten geschlossen. Er hatte sich kopfüber in das Abenteuer gestürzt, hatte einen Bauunternehmer engagiert und seine eigenen Tage und Nächte mit harter Arbeit auf der Baustelle verbracht. Er hatte vor, so schnell wie möglich wiederzueröffnen. Greg war mit seinen Kindern Max und Daisy bereits in das Eigentümerwohnhaus am Rande des Grundstücks gezogen. Das kastenförmige Haus im viktorianischen Stil war ganz anders als ihr erstes Zuhause in einem luxuriösen Wolkenkratzer in Manhattan. Aber in Anbetracht der Umstände hatten die drei sich relativ schnell eingelebt.

Er tauchte sein Paddel ein, und vorne im Boot tat Max dasselbe. Schnell fanden sie ihren Rhythmus und ließen das Boot durch das klare Wasser gleiten. Wie sie so in seltener Eintracht zusammenarbeiteten, fühlte Greg sich für ein paar segensreiche Sekunden mit seinem Sohn verbunden. Einst hatten sie ihr Leben in einem gemeinsamen Rhythmus gelebt, aber seit der Scheidung waren sie irgendwie aus dem Takt.

„Ach du Scheiße, Dad“, sagte Max und zeigte auf die Leute in dem Kajak. „Ich glaube, der Kerl steckt in Schwierigkeiten. Wir sollten da besser mal nachgucken.“

„Nein, die albern nur herum“, sagte Greg. Doch wenige Sekunden später ging die Frau über Bord. Eine Wasserfontäne stieg neben dem Kajak auf. Die Frau im Wasser versuchte, das Kajak aufrecht zu halten, während der Mann mit den Armen ruderte und irgendetwas rief.

Das Kajak schaukelte und drehte sich dann auf die Seite. Der Mann mit dem Helm schrie ein Wort, von dem Greg gerne so tat, als würde Max es nicht kennen, und fiel dann ebenfalls ins Wasser.

„Oh mein Gott“, sagte Brooke. „Ich glaube, das ist Shane Gilmore.“

Der Bankdirektor. Als Greg und Max näher heranpaddelten, erkannte er, dass es sich bei der Frau im Wasser um Nina Romano handelte. Verdammt. Musste das sein?

Der Typ mit dem Sturzhelm schien Nina mit einem Paddel wegzustoßen. Vielleicht wusste er mehr über sie als Greg.

„Braucht ihr Hilfe?“, rief er und steuerte sein Kanu längs neben das Kajak. Dumme Frage. Er streckte Nina sein Ruder hin.

Sie ignorierte es und sagte: „Ihr könntet mir helfen, das Kajak aufzurichten. Er bekommt gerade einen Panikanfall.“

Großartig, dachte Greg und spürte, wie seine Haut sich zusammenzog, als er an die Temperatur des Wassers dachte. „Einen Moment.“ Er atmete tief ein und sprang in den See. Ein paar Meter von dem umgekippten Kajak tauchte er wieder auf.

„Das Kajak läuft voll Wasser“, rief Nina. „Er klemmt fest und will einfach nicht stillhalten.“

„Hol ihn da verdammt noch mal raus“, rief Greg zurück, noch ganz taub von dem Schock des eiskalten Wassers.

„Sein Spritzschutz hängt irgendwo fest“, schrie sie.

Der Mann wedelte hektisch mit den Armen und hustete. „Kann nicht … schwimmen.“ Sein Gesicht war weiß, die Lippen blauviolett. Der Helm saß schief auf seinem Kopf. Seine Hände krallten sich verzweifelt an den Rand des Kajaks.

„Sie müssen auch nicht schwimmen“, sagte Greg. „Wir ziehen Sie zu dem Steg da drüben, ja? Aber Sie müssen ruhig sitzen bleiben.“ Du Schlappschwanz, fügte er in Gedanken hinzu. Ein erwachsener Mann, der selbst mit einer Schwimmweste nicht schwimmen konnte? Was war das denn?

Sie erreichten den Steg in Rekordgeschwindigkeit, weil es so kalt war, dass Greg so schnell schwamm, wie er nur konnte. Der Steg, der sich von dem Grundstück des Inn am Willow Lake aus erstreckte, hatte definitiv schon bessere Tage gesehen. Einige der Planken waren morsch, die Nägel rostig, und ein feiner Algenfilm bedeckte die Pfeiler. An einer Seite war eine wackelige Leiter befestigt.

Shane klammerte sich zitternd daran, während Nina sich aus dem Wasser hievte und sich dann über den Rumpf des Kajaks beugte. „Stillhalten“, befahl sie. „Lass mich mal sehen, wo du festhängst. Ich denke, dieses Band …“

„Scheiß auf das Band.“ Jetzt, wo er in Sicherheit war, kam die Wut in Shane durch, und er zog ein Taschenmesser aus seiner Hose.

„Hey, nicht …“

Er ignorierte sie und sägte das tragende Band von Ninas Kajak durch. Dann kletterte er auf den Steg. „Danke, Nina“, sagte er. „Das war …“

„Tut mir leid“, sagte sie leise. „Ich hatte keine Ahnung, dass du nicht schwimmen kannst. Du hättest etwas sagen sollen, bevor wir losgefahren sind.“

„Keiner kann schwimmen, wenn er verkehrt herum unter Wasser hängt.“

„Ich weiß. Ich habe doch gesagt, dass es mir leidtut …“ Nina schaute zu Greg. Ihre Augen waren feucht und ihr Kinn zitterte. Armes Ding, dachte Greg. Ihn verwirrte der plötzliche Drang, sie in eine tröstende Umarmung zu ziehen. Er wollte ihr sagen, dass der Typ ein Idiot war und es sich nicht lohnte, seinetwegen zu weinen. Dann sah er das Zittern an ihrem Hals und merkte, dass sie nicht gegen Tränen ankämpfte, sondern sich bemühte, nicht loszulachen. Mit seinem Spritzschutz und dem Sturzhelm sah Gilmore aus wie eine groteske, wütende Ballerina.

Sieh ihr nicht in die Augen, ermahnte Greg sich. Doch es war zu spät. Er und Nina schauten einander an und konnten nicht mehr an sich halten. Mit Tränen in den Augen sah Greg, wie der Bankdirektor puterrot anlief.

„Es freut mich, dass ihr euch so amüsiert“, sagte Shane.

Greg kämpfte darum, sich unter Kontrolle zu bekommen. „Hey, das ist nur die Erleichterung, Kumpel“, sagte er. „Wir sind froh, dass es Ihnen gut geht.“

Nina kicherte hilflos, während sie gleichzeitig vor Kälte zitterte.

„Ja, das sehe ich“, murmelte Gilmore.

Brooke und Max hatten inzwischen ebenfalls den Steg erreicht. Brooke kletterte heraus und stürzte sich wie eine Mutterhenne auf Shane.

„Du frierst ja“, sagte sie.

„Ich auch“, sagte Greg, aber sie hätte ihn in ihrer Eile, zu Shane zu kommen, beinahe umgerannt.

Greg warf Nina einen Blick zu. Sie hatte ihre Arme fest um den Oberkörper geschlungen und klapperte mit den Zähnen. Sie war eine kleine, ausdrucksvoll aussehende Frau. Er fand sie seltsam attraktiv – seltsam, weil sie so gar nicht sein Typ war. Dennoch hatte sie was. Sie hatte ihn schon immer irgendwie fasziniert. Und jetzt hatte er ihr große Neuigkeiten mitzuteilen. Allerdings hatte er sich ihr Treffen zum Thema Willow Lake Inn etwas anders vorgestellt.

„Ist er der Erste, der zu einem Date mit dir einen Helm trägt, oder hat es vorher schon welche gegeben?“, fragte Greg.

„Sehr lustig. Und keine große Hilfe.“

„Hör zu“, sagte Brooke zu Shane. „Mein Wagen steht am Inn. Wenn du willst, kann ich dich zu deinem Auto bringen.“

Shanes Lippen hatten inzwischen einen tiefen Blauton angenommen. „Das wäre gut.“

Brooke verabschiedete sich von Greg und Max. Dann wandte sie sich an Nina und schenkte ihr das umwerfende Lächeln, das Greg überhaupt erst dazu gebracht hatte, sie um eine Verabredung zu bitten. „Ich bin Brooke Harlow.“

„Die neue Vermögensverwalterin der Bank.“ Ninas Augen verengten sich. „Und Sie haben Ihr Auto am Inn geparkt.“

„Sicher. Ich bin selber dorthin gefahren.“

„Shane hat mir gerade von Ihnen erzählt.“ Obwohl sie bis auf die Knochen durchnässt war, schaffte Nina es, eine eisige Würde auszustrahlen. „Nina Romano.“

„Oh, Sie sind Nina! Ich habe schon so viel von Ihnen gehört. Wir müssen uns unbedingt mal treffen, aber jetzt sollte ich den armen Shane zu seinem Auto fahren, bevor er sich noch eine Lungenentzündung holt.“

„Ja, tun Sie das“, sagte Nina.

Brooke lächelte etwas unbestimmt. „Nett, Sie kennengelernt zu haben. Ich bin sicher, dass wir uns noch öfter sehen.“

„Darauf können Sie wetten.“ Nina hob ihr Kinn, als wenn sie dadurch größer würde.

„Ich rufe dich an“, sagte Brooke zu Greg.

Nein, das wirst du nicht, dachte er. Er konnte es in ihren Augen sehen, er kannte den Blick. Sein Leben war viel zu kompliziert, um auf eine Frau wie Brooke Harlow anziehend zu wirken – frisch aus der Stadt hierher verpflanzt auf der Suche nach einem einfacheren Leben. Er war geschieden, hatte das Sorgerecht für zwei Kinder und war gerade dabei, ein neues Geschäft aufzubauen, was alles zusammen bedeutete, dass er keine Zeit hatte, sich um eine Beziehung zu kümmern. Okay, vielleicht hatte er fünf Minuten am Tag.

Dennoch beobachtete er Brookes Weggang mit leichtem Bedauern. Sie hatte die Beine eines Laufstegmodels, lange blonde Haare, ein großartiges Lächeln und … Er versuchte zu überlegen, ob er ihre Persönlichkeit mochte. Hatte sie überhaupt eine? Und brauchte sie mit diesem Aussehen überhaupt eine?

Max band das Kanu an einer Klampe fest. „Ich gehe angeln, Daddy, okay?“

„Okay, aber bleib auf dem Steg.“ Greg war froh, dass der Junge etwas Vernünftigeres tun wollte, als Brooke Harlow anzustarren.

Greg wandte sich zu Nina. Sie betrachtete das Inn, ihre dunklen Augen leuchteten hell wie Diamanten vor lauter … Er konnte ihren Gesichtsausdruck nicht lesen, aber er sah, dass sie nicht glücklich war. Pudelnass sah sie noch kleiner aus als sowieso schon. Ihr pechschwarzes Haar hing schlaff herunter, und ihre Spandex-Hose und das T-Shirt klebten an ihr wie eine zweite Haut. Mit einem Blick erkannte er, dass sie unter dem T-Shirt einen Sport-BH trug. Wer auch immer dieses Kleidungsstück erfunden hatte, dem mangelte es definitiv an Fantasie.

„Nun“, sagte Nina und fing an, das Wasser aus dem Kajak zu schöpfen. „Wenn das mal nicht ein toller Tag ist.“

Greg fragte sich, warum sie sich – abgesehen davon, dass sie klitschnass war – so feindselig gab. Das war kein gutes Zeichen, da sie ja bald zusammenarbeiten sollten. Und zu den wenigen Dingen im Leben, die er noch nicht gelernt hatte, gehörte das Wissen darum, wie man mit einer wütenden Frau umging. Er hatte es nicht gekonnt, als er verheiratet gewesen war, und er konnte es auch jetzt nicht. Er war Nina im Laufe der Jahre immer wieder mal über den Weg gelaufen. Er erinnerte sich an sie als lebhaftes Kind, das ein paar Jahre jünger war als er. Hatte sie als Teenager gesehen, wenn er seine Ferien im Camp Kioga verbracht hatte. Er erinnerte sich an mehr, als sie ahnen konnte, aber es war vermutlich keine gute Idee, das anzusprechen. Vor allem nicht, wo sie in dieser Stimmung war. Als er letztes Jahr hierhergezogen war, hatte sie so etwas wie einen ersten Schritt in seine Richtung gemacht, aber er – noch aus der Bahn geworfen von der Scheidung – war darauf nicht eingegangen. Wenn er sie jetzt so anschaute, war das ganz schön dumm gewesen. In einer nassen, wütenden Nina steckte mehr Feuer und Sex-Appeal als in hundert blonden Brookes.

Die alten Planken des Stegs knarrten, als Nina sich hinunterbeugte, um das Kajak aus dem Wasser zu ziehen.

„Ich helfe dir“, bot Greg an. Er war ein wenig irritiert, dass sie ihn nicht um Hilfe gebeten hatte. Das Kajak war schwer, und als sie es umgedreht aus dem See zogen, schwappte eine erneute Woge Wasser über ihre Füße. Sie legten das Kajak kieloben auf den Steg, um es abtropfen zu lassen. Greg beobachtete, wie Brooke und Shane den breiten Rasen überquerten. Zu ihrem ersten – und offensichtlich auch letzten – Date war Brooke mit ihrem eigenen Auto zum Inn gefahren. Auch wenn er noch nicht lange geschieden war, hatte Greg die Masche mit den getrennten Wagen sofort durchschaut. Wenn man ein Rendezvous – eine Verabredung, ein Date, was auch immer – vereinbarte, war es sicherer, getrennt an- und abzureisen. Für heute Abend hatte Greg geplant, Max in der Obhut seiner älteren Schwester zu lassen und Brooke zum Dinner auszuführen, um sich danach – bitte, Gott, es war so lange her – flachlegen zu lassen.

Aber das stand nun offensichtlich nicht mehr auf dem Programm. Jetzt war er nass und ihm war kalt und er hing mit einer ebenso nassen und kalten und dazu noch wütenden Nina Romano fest.

Das letzte Mal, als er sie gesehen hatte, war auf der Abschlussfeier der Highschool gewesen. Sie beide hatten jetzt eine Tochter in der Abschlussklasse. Sonnet Romano und Daisy waren sogar Freundinnen, auch wenn die Zukunft, die vor den beiden lag, nicht unterschiedlicher hätte sein können. Sonnet würde reisen und Abenteuer erleben und aufs College gehen, während Daisy …

„Ich geh dann mal lieber“, unterbrach Nina seine Gedanken. „Mein Auto steht auf der anderen Seite des Sees beim öffentlichen Bootshaus.“ Sie bückte sich, um ihr Kajak wieder zu Wasser zu lassen.

„Vergiss das“, hörte Greg sich sagen. „Gehen wir erst einmal rein, um uns abzutrocknen.“

Er zeigte auf das Inn. Das Haupthaus war ein Gebäude voller Wunder. Es war in den 1890er-Jahren als großes Sommeranwesen für die Familie eines Eisenbahnbarons gebaut worden, der mehr Geld als gesunden Menschenverstand besessen hatte. Im Laufe der Generationen hatte das Haus einige Veränderungen durchgemacht und war schlussendlich zu einem gemütlichen Gästehaus am See geworden, wie es sich Leute wünschten, die der Hektik des Alltags für ein paar Tage entkommen wollten.

„Was meinst du mit ‚gehen wir erst mal rein‘?“, fragte Nina. „Das Hotel ist geschlossen.“

„Stimmt.“ Er steckte eine Hand in die Tasche. „Glücklicherweise habe ich einen Schlüssel.“

Sie schaute ihn fassungslos an. Ihr Gesicht wurde aschfahl, und ihre Stimme krächzte ungläubig, als sie sagte: „Ich verstehe nicht. Was machst du mit dem Schlüssel?“

Oh je. Auf diese Weise hatte er es ihr nicht sagen wollen. Er hatte sich einen Geschäftstermin vorgestellt, den sie beide in trockener Straßenkleidung wahrnahmen. Was soll’s? dachte er. „Das Inn am Willow Lake gehört jetzt mir.“

Nicht nur, dass Nina Romano ein Gesicht wie Sophia Loren hatte, mit großen, wunderschönen Augen und vollen Lippen; sie hatte auch ein Gesicht, auf dem sich jede Emotion zeigte. Sie war nicht reserviert und kühl wie die Mädchen, mit denen Greg aufgewachsen war – blutleere, glatthaarige Schulmädchen oder die Königin der unterdrückten Gefühle, seine Exfrau Sophie. Nina zeigte alles, was sie fühlte. Vielleicht fand Greg sie deshalb ein wenig furchteinflößend. Er spürte, dass Nina, anders als die Brooke Harlows auf dieser Welt, eine echte Bedrohung sein könnte, weil sie ihn außer purer Lust noch etwas anderes fühlen lassen könnte.

Im Moment zeigte sie eine ganze Palette von Emotionen – Schock, Verleugnung, Schmerz, Wut … aber keine Akzeptanz.

„Du bist also derjenige, der das Objekt gekauft hat, während ich fort war“, sagte sie, und Wut untermalte jedes einzelne Wort.

„Gilmore hat es dir nicht erzählt?“

Sie funkelte ihn an. „Dazu habe ich ihm ehrlich gesagt keine Gelegenheit gelassen.“

Greg wusste nicht, warum sie so erbost war – oder warum er das Gefühl hatte, sich verteidigen zu müssen. „Es ist vermutlich ein glücklicher Zufall, dass wir beide jetzt hier stehen. Ich weiß, dass du den Vertrag als Managerin für das Inn hast. Den müssen wir noch einmal neu verhandeln.“

Sie strahlte immer noch heiße, pure Wut aus. „Neu verhandeln?“

„Du hast diese Vereinbarung mit der Bank getroffen. Der Vertrag ist mit allen anderen Vermögenswerten zusammen verkauft worden, aber wir müssen einige Dinge an ihm ändern.“

„Was du nicht sagst.“ Damit drehte sie sich um und marschierte entschlossen auf das Inn zu.

In dem Moment, in dem sie von der umlaufenden Veranda in den Wintergarten des Inns trat, fühlte Nina sich, als beträte sie eine andere Zeit. Auch wenn das Haus bessere Tage gesehen hatte, schwebte ein Hauch von verblasster Vornehmheit und Eleganz zwischen den Türbögen, den hohen Decken und den im gotischen Stil gehaltenen Holzfenstern. Sie hatte hier schon viel Zeit verbracht, sowohl in Wirklichkeit als auch in ihren Träumen. Der Geruch von frischem Gips und Farbe zeigte ihr an, dass die Renovierungsarbeiten bereits begonnen hatten.

Als kleines Mädchen hatten sie und ihre beste Freundin Jenny immer zugeschaut, wie die Rainbow Girls in ihren weißen Kleidern und den passenden Handschuhen zu ihren monatlichen Treffen hierhergegangen waren. Die Rainbow Girls waren eine Gruppe privilegierter junger Ladys, die sich um wohltätige Zwecke kümmerten. Sie waren Nina immer wie eine andere Gattung vorgekommen, wie Elfen, die sich von einer speziellen Diät aus Baiser und Sahne ernährten. Sie hatte nie wirklich eine von ihnen sein wollen – sie waren ihr immer ein wenig langweilig vorgekommen –, aber sie hatte ihre Gastgeberin sein wollen. Wenn sie mit Jenny auf dem Fahrrad am Inn vorbeigefahren war, hatte sie immer gesagt: „Eines Tages wird das Inn mir gehören.“

Die Besitzer, Mr. und Mrs. Weller, lebten auf dem Grundstück und führten das Hotel als ruhigen Rückzugsort für Touristen und Menschen aus der Stadt. Nina hatte hier jeden Sommer gearbeitet, seit sie dreizehn war. Es war keine glamouröse Arbeit, aber der Hotelbetrieb und die Gäste aus allen Himmelsrichtungen hatten sie fasziniert. Später, als junge Mutter, war sie vom Zimmermädchen zur Rezeptionistin, Buchhalterin und stellvertretenden Managerin aufgestiegen und hatte alle Seiten des Geschäfts kennengelernt. Sogar Klempnerprobleme und übellaunige Gäste hatten sie nicht entmutigen können. Nachdem Mr. Weller gestorben war, hatte Mrs. Weller weitergemacht, aber nicht mehr mit dem gleichen Esprit wie vor seinem Tod. Als auch sie starb, hinterließ sie das Inn – inklusive der restlichen Kreditraten – ihrem einzigen lebenden Verwandten, einem Neffen in Atlantic City. Er beauftragte eine Firma mit dem Management, die alle Leute kündigte und durch eigene ersetzte. Nina war damals ins Büro des Bürgermeisters gewechselt und hatte nebenbei ihre Ausbildung zu Ende gemacht. Ihre Erfahrung hatte dann dazu geführt, dass ihr der Posten als Bürgermeisterin angetragen wurde, als der alte Bürgermeister wegen seiner Krankheit nicht mehr arbeitsfähig gewesen war. Ihre Freunde und Familie hatten gedacht, die Politik würde sie auf andere Gedanken bringen, aber sie waren immer wieder zu der Idee eines neuen Inn am Willow Lake zurückgekehrt.

Vernachlässigung und schlechtes Management hatten dazu geführt, dass das Inn Konkurs anmelden musste. Es war ihr als die perfekte Gelegenheit erschienen, ein Risiko einzugehen und etwas ganz Neues anzufangen.

Ihr erster Schritt hatte darin bestanden, Mr. Bailey anzusprechen, den Vermögensverwalter der Bank, und ihm den Vorschlag zu machen, das Inn im Namen der Bank wiederzueröffnen, während sie sich um einen kleinen Firmenkredit bewarb. Es hatte wie die perfekte Lösung ausgesehen.

Nun stand sie tropfnass auf dem verblichenen Rosenteppich im Salon und starrte Greg Bellamy an, den neuen Besitzer des Inn.

Komisch, er sah gar nicht aus wie ein Mann, der die Träume anderer Menschen in den Boden stampfte. Er sah aus – mein Gott – wie ein wirklich netter Kerl. Mr. Nice Guy mit einem unglaublichen Körper, einem Killerlächeln und Haaren, die sogar klitschnass toll aussahen.

Dennoch hatte sie keine Probleme damit, ihn zu hassen, während er zu einem Schrank eilte und ein paar Handtücher und Bademäntel und Slipper hervorholte. „Du kannst dich abtrocknen und das hier anziehen, ich werfe unsere Sachen schnell in den Trockner.“

Der Mann hat überhaupt keine Ahnung, dachte sie und schnappte sich das Bündel Frottee, um damit in dem nächstgelegenen Gästezimmer zu verschwinden. Der Laurel Room, wie er früher genannt wurde. Oh, sie erinnerte sich an diesen Raum, an seine wundervollen Schnitzarbeiten und luftigen Decken, an den antiken Waschtisch mit seinem weißen Porzellanwaschbecken. Offensichtlich hatte Greg keine Zeit verloren, das Haus wieder auf Vordermann zu bringen. Die Wände waren himmelblau gestrichen, und an der Decke hing eine neue Lampe. Aus dem Fenster konnte sie Max auf dem Steg seine Angel ins Wasser halten sehen.

Sie versuchte, die Gefühle zu betäuben, die in ihr aufstiegen, während sie sich aus den kalten, klammen Sachen pellte. Der dicke Bademantel fühlte sich auf ihrer kalten Haut wunderbar an, aber sie war nicht in der Stimmung, sich wunderbar zu fühlen. Bitterkeit und Groll erfüllten sie wie ein Gift, und es war schwierig, sich nicht vom Pech verfolgt zu fühlen. Es kam ihr vor, als würde jedes Mal, wenn sie an der Reihe war, etwas passieren, das ihr ihren Traum vor der Nase wegschnappte.

Ihr ganzes Leben lang hatte sie ihre Entscheidungen aus rein praktischen Erwägungen getroffen. Im Mittelpunkt hatte immer gestanden, was für Sonnet am besten war. Endlich hatte sie einen Punkt erreicht, an dem sie ein Risiko eingehen konnte. Wenn nicht das Inn, dann etwas anderes. Es stimmte, dass es aufgrund von gesetzlichen Auflagen niemals ein weiteres Inn am See geben könnte, aber es gab andere Optionen. Sie könnte Malerin werden, Buchhändlerin, sie könnte für den Triathlon trainieren, einen Hundefriseursalon eröffnen, Busfahrerin sein … tausend Möglichkeiten lagen vor ihr.

Das Problem war, sie wollte das hier. Das Inn am Willow Lake. Nichts anderes. Allerdings wollte sie es zu ihren Bedingungen, nicht zu Greg Bellamys.

Reiß dich zusammen, schalt sie sich und zog den Gürtel des Bademantels enger. Sie hatte ein großartiges Kind, eine liebevolle Familie, die Chance gehabt, als Bürgermeisterin zu dienen. Sie sollte ihre Erfolge zählen und nicht die Misserfolge auflisten.

Doch als sie mit ihrem nassen Bündel Klamotten unter dem Arm in die Lobby zurückkehrte, war sie weit entfernt davon, ruhig zu sein. Sie war immer noch ein brodelnder Kessel weiß glühender Wut.

Greg hatte irgendwo eine Malerhose aufgetrieben, zu der er ein etwas zu enges T-Shirt trug. Sein Haar war auf attraktive Weise zerzaust. Die Tatsache, dass er so heiß aussah, ärgerte sie nur noch mehr. Das angenehme, warme Feuer, das er in dem Kamin des Salons entzündet hatte, tat ein Übriges.

„Ich bin froh, dass wir uns über den Weg gelaufen sind“, sagte er. „Ich habe gehört, dass du von deiner Reise zurück bist. Geht es Sonnet gut?“

„Ja.“ Okay, er war also nett und erkundigte sich nach ihrer Tochter. Natürlich, er konnte es sich ja auch leisten, nett zu sein. Er hatte ja bereits alles, was er wollte.

„Ich wollte mich sowieso diese Woche mit dir treffen. Es gibt eine Menge zu besprechen.“

Nina zog den großen Bademantel enger um sich und ging zu dem kleinen Sofa, das vor dem nervtötend fröhlich flackernden Feuer stand. „Ich glaube nicht, dass es da noch was zu sagen gibt.“

Er lächelte. Lächelte. „Das ist für uns beide eine einmalige Gelegenheit. Ich werde eine Managerin brauchen, und die Bank hatte bereits den Vertrag mit dir geschlossen. Wo wir gerade beim Thema sind …“

„Der Vertrag.“ Sie massierte sich die Schläfen, hinter denen sich ein leichter Kopfschmerz bemerkbar machte. „Es hätte so einfach sein sollen. Wie ist das nur passiert?“

„Es ist einfach. Bailey ist in den Ruhestand gegangen, und Brooke hat die Abteilung für Vermögensverwaltung übernommen. Sie hat mir das Inn verkauft.“

Nina schaute ihn böse an. „Was, hast du mit ihr geschlafen, um einen guten Deal herauszuschlagen?“

Er schaute böse zurück. „Das geht dich nichts an.“

Okay, dachte Nina, das war vermutlich ein Schlag unter die Gürtellinie, aber das ist mir egal. „Ich verstehe das nicht. Was zum Teufel willst du mit dem Haus?“

„Es ist genau das, was ich immer zu finden gehofft habe. Ein Geschäft, das mich bei meinen Kindern sein lässt und das mir Spaß macht. Und ich weiß, dass du die ideale Managerin wärst. Deine Geschichte ist mit dem Inn verbunden, du kennst dich damit aus, wie so etwas geführt wird. Du bist perfekt.“

Das war so ein Klassiker. Die Bellamys waren eine auserwählte Familie. Nina kam es vor, als sei jeder von ihnen mit einem silbernen Löffel im Mund geboren worden. Das Schicksal schien ihnen nichts abschlagen zu können. Während normale Menschen wie die Romanos für alles kämpfen mussten, was sie hatten, fegten die Bellamys einfach herein und bedienten sich.

Sogar eine einfache Reise brachte Nina Pech. „Der Deal ist passé“, sagte sie angespannt.

„Bist du immer so wütend oder ist das eine besondere Aufmerksamkeit für mich?“

„Ich hatte Pläne“, gab sie schnippisch zurück. „Ich weiß, dass dir das egal ist, aber …“

„Komm schon, Nina. Hör mich wenigstens an.“

„Warum sollte ich?“

Er ging nicht auf ihren herausfordernden Ton ein. Stattdessen sagte er schlicht: „Einfach so. Wir kennen uns kaum. Und was auch immer das für dich bedeutet, aber ich hatte auch Pläne.“

Pläne. „Vermutlich hast du vor, diesen Ort in ein überteuertes Tagungszentrum umzuwandeln“, sagte sie. „Und das wäre ja nur zu charmant.“

„Wie kommst du auf die Idee?“

„Ich habe die Zahlen gesehen. Das ist der beste Weg, um Profit zu machen.“

„Und allein darum geht es mir ja auch. Profit zu machen.“

Um ehrlich zu sein, sie wusste nicht, worum es ihm ging. Sie wusste überhaupt nicht viel über ihn. Das hatte sie aber nicht davon abgehalten, sich eine Meinung zu bilden. Etwas verlegen fuhr sie ihre Wut ein wenig zurück.

„Okay, dann erzähl es mir. Es interessiert mich wirklich.“

Er betrachtete sie, und sie sah etwas in seinen Augen. Eine Art Vertrauen und Selbstbewusstsein. „Mein ganzes Leben lang habe ich getan, was von mir erwartet wurde. Vor zehn Jahren habe ich meine eigene Firma in Manhattan gegründet, weil es mir vernünftig erschien. Eingebracht hat es mir einen Job, der mir nicht gefiel und für den ich meine Familie vernachlässigen musste.“

Na gut, dann war er halt kein totaler Egoist. Aber warum zum Teufel musste er mit seinem Akt der Erlösung ausgerechnet ihr auf die Zehen treten? „Um das zu ändern, hätte es viele Möglichkeiten gegeben“, sagte sie. „Dazu bräuchtest du nicht unbedingt dieses Haus.“ Ich hingegen schon, dachte sie. Seitdem sie fünfzehn war, hatte die Landkarte ihres Lebens ausgebreitet vor ihr gelegen, und sie hatte immer gewusst, dass ihr finales Ziel genau hier lag.

„Du kannst nicht wissen, was ich brauche. Aber vielleicht wird dir das hier einen kleinen Eindruck verschaffen.“ Er ging an den Empfangstresen, der bereits mit Computer und Telefon ausgerüstet war. Sie hörte das leise Flüstern eines Druckers, dann brachte er ihr eine Kopie des Vertrages. An dem Tag, als sie ihn unterzeichnet hatte, war sie so aufgeregt gewesen. Jetzt war ihr übel.

„Die Veränderungen habe ich fett gedruckt“, sagte er.

„Du glaubst, du kannst hier mit deinem Geld hereinmarschieren, diese Anlage kaufen und mich gleich mit, eine alleinstehende Frau mit begrenzten Möglichkeiten“, sagte sie. „Nun, dann denk lieber noch mal nach. Du kannst nicht …“

„Wenn man ein Geschäft kauft, kauft man alle Vermögenswerte und Verbindlichkeiten. Dieser Vertrag mit dir ist einer der Vermögenswerte.“

Sie schnappte sich den Vertrag und ging seine vorgeschlagenen Änderungen durch. Sie musste mehrmals blinzeln, weil sie Angst hatte, dass ihre Augen sie täuschten. Er hatte das Gehalt erhöht und eine Beteiligung und eine Pension hinzugefügt.

Einen Moment lang wankte sie. Das war echtes Geld. Zum ersten Mal in ihrem Leben hätte sie finanzielle Sicherheit. Sie könnte Sonnet aushelfen, denn sogar mit den Stipendien, die sie gewonnen hatte, und den Zahlungen ihres Vaters würden noch genügend Kosten für ihre Ausbildung auflaufen.

Nein, dachte Nina. Nein. Sie zuckte vor dem Vertrag zurück, als hätte er sich in eine Schlange verwandelt. Trotz all der Vergünstigungen, die er hinzugefügt hatte, hatte er ihr dennoch das Einzige genommen, was sie haben wollte – die Möglichkeit, das Hotel eines Tages selber zu besitzen.

Sie stand auf und trat ans Fenster, wohl wissend, dass sie in dem drei Größen zu großen Bademantel vermutlich kein bisschen Würde ausstrahlte, aber das war ihr egal. Sie ließ ihren Blick über das Grundstück gleiten – ein breiter, leicht abfallender Rasen mit hölzernen Liegestühlen, der Turm, das Kutschenhaus und das Quartier des Verwalters. Das Bootshaus, der Steg und der See in der Ferne. Max hatte offensichtlich die Lust am Angeln verloren. Seine Angel lag verlassen auf dem Steg. „Ich werde das nicht unterschreiben“, sagte sie über ihre Schulter. „Such dir jemand anderen.“

„Ich nehme an, ich könnte mich an eine kommerzielle Managementfirma von außerhalb wenden, aber ich hatte gehofft, das zu vermeiden. Ich will dich“, sagte er offen.

Sie wirbelte herum. „Du kannst mich aber nicht haben.“

Sein Gesichtsausdruck verriet, dass er das noch nicht oft von einer Frau gehört hatte. Natürlich nicht. Er war ein Bellamy. Er sah aus wie der fleischgewordene amerikanische Traum. Definitiv kein Mann, den eine Frau abwies. „Du hattest doch überhaupt keine Probleme, den Vertrag mit der Bank abzuschließen.“

„Das war was anderes. Ich …“ Sie unterbrach sich. Sie würde ihm nicht von ihren Hoffnungen erzählen, von der Zukunft, die sie sich ausgemalt hatte. Das ging ihn nichts an, und sie sah schon mitleiderregend genug aus in ihrem geborgten Bademantel. „Ich muss los“, sagte sie und ging den Flur hinunter zur Waschküche.

„Deine Kleidung ist noch nicht trocken.“

„Ich werde es überleben.“ Sie hatte schon Schlimmeres überstanden.

Er fing sie in der Empfangshalle ab. Einige Sekunden lang schockierte seine Nähe sie, und sie wusste nicht, warum. Ihr wurde ganz warm, und ihr Herz schlug schneller, obwohl er nicht mehr tat, als einfach dazustehen. Er roch nach der Frische des Sees, und anders als andere Männer sah er aus der Nähe sogar noch besser aus. Shane Gilmore zu küssen hatte nicht eine solche Wirkung auf sie gehabt, und Greg berührte sie noch nicht einmal.

Sie funkelte ihn an. „Du stehst mir im Weg.“

„Ich verstehe die Wut einfach nicht, Nina. Was ist los?“

„Du verstehst mich nicht, das ist los. Das hier sollte meine Gelegenheit werden zu glänzen. Mein ganzes Leben bestand nur daraus, auf sich ständig verändernde Pläne zu reagieren. Ich hätte allerdings nie gedacht, dass ich jemals meine Gedanken bezüglich dieses Hauses neu ausrichten müsste. Doch nun stehe ich hier … Aber ich bin einer Herausforderung noch nie aus dem Weg gegangen.“

„Und warum willst du es ausgerechnet jetzt tun?“

„Hier gibt es nichts für mich, außer einem Job und für dich zu arbeiten. Das brauche ich nicht. Ich brauche dich nicht. Ich habe andere Optionen.“

„Ich will, dass du bleibst.“ Er stand immer noch nah genug, dass sie die Wärme seines Atems fühlen konnte. „Lass uns darüber reden.“

Sie vermutete, dass er eine ganze Menge Sätze mit „Ich will“ anfing. Mit ruhigem Blick sah sie ihn an und sagte: „Es gibt wirklich nichts, worüber wir reden müssten. Ich schlage vor, du machst dich an die Arbeit, jemand anderen zu finden, der deinen Vertrag unterschreibt.“ Damit drängte sie sich so würdevoll, wie es ihr möglich war, an ihm vorbei und schlüpfte in die Waschküche. Sie schlug die Tür hinter sich zu und öffnete den Wäschetrockner. Wie vermutet waren ihre Klamotten noch halb feucht und lauwarm und ganz unangenehm zu tragen, aber das war ihr egal. Sie musste hier so schnell wie möglich raus.

Sie merkte, wie die Wut und der Ärger aus ihr herausströmten, als sie in den Salon zurückkehrte. Ihre Hose und ihr T-Shirt klebten auf höchst unschmeichelhafte Weise an ihrem Körper. Doch Greg bemerkte es entweder nicht, oder ihr Aussehen und ihr Gemütszustand waren ihm egal. Unbeeindruckt folgte er ihr nach draußen, über den Rasen und hinunter zum Steg.

„Komm, wir packen das Kajak auf meinen Truck, und ich fahr dich nach Hause.“

„Nein danke“, sagte sie und zog ihre Weste an. Was für ein Gentleman, der ihre Zukunft in Stücke riss und ihr gleichzeitig eine Mitfahrgelegenheit nach Nirgendwo anbot. In einer wütenden Bewegung ließ sie das Kajak zu Wasser, setzte sich hinein und stieß sich vom Steg ab.

„Nina“, rief er.

Vergiss es, dachte sie. Er kann betteln, so viel er will. Er war auf so viele Arten immer noch der zu hübsche, zu viel Glück habende Kerl, an den sie sich aus ihrer Vergangenheit erinnerte. Sie fragte sich, woran er sich sie betreffend erinnerte. Sicher, es war lange her, aber trotzdem … Ganz sicher hatte die Sache Nina damals mehr bedeutet als Greg, was ihre Wut auf ihn nur noch mehr anfachte.

„Nina.“ Seine Stimme klang jetzt dringlicher. „Es ist mir egal, wie sauer du bist“, sagte er. „Aber ohne das hier wirst du nicht weit kommen.“

Sie schaute zurück und sah ihn mit ihrem Doppelpaddel in der Hand am Dock stehen.

So viel zu ihrem tollen Abgang. Sie beugte sich vor und griff nach dem Paddel. Ihre Finger reichten nicht ganz heran, also lehnte sie sich noch weiter über das Wasser, bis sie das Ruderblatt greifen konnte. Im gleichen Moment zog sie ein wenig daran – natürlich nicht absichtlich. Für den Bruchteil einer Sekunde boten sie sich ein kurzes Zerrspiel, die wütenden Blicke ineinander verhakt. Dann zog sie ein letztes Mal etwas kräftiger. Er wankte einen Augenblick und fiel dann vorwärts ins Wasser. Der Aufprall konnte seinen Fluch nicht ganz übertönen.

„Nett, Greg“, murmelte sie. Dann tauchte sie das Paddel ein und glitt davon.

3. Kapitel

Nach dem Abendessen am selben Tag saß Greg mit seiner Tochter Daisy über Hunderten von Fotos, die sie für die neue Broschüre, die Website und Anzeigen von dem Inn gemacht hatte. Er beobachtete sie, als sie sich konzentriert mit den Bildern beschäftigte. Sie war in einer kooperativen Stimmung, wie er bemerkte. Ihr Gesicht wurde von dem blassen Licht des Computermonitors erhellt, und sie war vollkommen in ihre Aufgabe vertieft. Sie war so schön, seine Tochter, und mit achtzehn noch so herzerweichend jung.

Er wünschte, er könnte mit jemandem darüber reden, wie es war, sich seinen Weg durch das Minenfeld zu suchen, das die Beziehung zu seiner Tochter momentan war. Seit der Scheidung waren er und Daisy enger zusammengewachsen, auch wenn es anfangs ein Kampf gewesen war. Doch an manchen Tagen fühlte sich ihre Nähe mehr wie ein Waffenstillstand an.

„Wir wäre es mit diesen vier Bildern?“, fragte sie. „Eines für jede Jahreszeit.“

Sie hatte Talent, und das sagte er nicht nur, weil er ihr Vater war. Einige ihrer Arbeiten wurden im Café der örtlichen Bäckerei ausgestellt, in der sie mal gearbeitet hatte, und die Leute kauften die gerahmten, signierten Drucke mit erfreulicher Regelmäßigkeit. Greg hoffte sehr, dass ihr Talent – und ihre Leidenschaft – ihr ein Ziel für die Zukunft boten, etwas, das sie erfüllen und das sie nutzen würde. Sie hatte eine Gabe, ungewöhnliche Blickwinkel oder Perspektiven zu finden, die etwas Normales wie einen Zweig, ein Kissen auf der Fensterbank, einen Steg in etwas Besonderes verwandelten. Sie zog das Detail der Gesamtaufnahme vor und zeigte die Fülle der Natur zum Beispiel in einer einzelnen Rhododendronblüte. Ein zerlesenes Buch neben einer Badewanne mit Klauenfüßen vermittelte ein gewisses Gefühl von Luxus, und eine Panoramaaufnahme des gesamten Anwesens zeigte seine wahre Größe.

„Ich interpretiere das als ein Ja“, sagte sie auf sein Schweigen.

„Für solche Dinge hast du einfach ein besseres Gespür als ich.“

Sie nickte und benannte die vier Bilder um. „Hast du inzwischen mit Nina Romano über das Inn gesprochen?“

„Ja, heute.“

„Und?“

Er hatte sich wirklich lausig angestellt bei dem Versuch, ihr seine Pläne zu erläutern. Wenn er ehrlich war, wusste er nicht, was Nina mehr hasste – ihn oder die Vorstellung, für ihn zu arbeiten. Die Tatsache, dass er das Inn am Willow Lake gekauft hatte, war ein Affront für sie. Sie benahm sich, als wenn er es ihr irgendwie gestohlen hätte. „Sie wird über mein Angebot nachdenken.“ Ja, klar.

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