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Bis wir eins sind

Als Buch hier erhältlich:

Ein Blick, eine Berührung, ein verzehrendes Feuer. Und er fühlt es auch. In Jacks Armen erlebe ich eine Nacht ohne Hemmungen, ohne Gedanken an den Morgen. Danach allerdings trennen sich unsere Wege. Doch wenig später steht Jack wieder vor mir, und sofort erwachen in mir all die sinnlichen Erinnerungen. Aber dann offenbart er mir etwas Schockierendes: Er ist verboten für mich. Dennoch können wir uns einfach nicht voneinander lösen, egal, wie falsch es ist. Kann es für unsere Liebe eine Zukunft geben?

»Jedem Kuss, jeder erotischen Szene, jedem Wortwechsel zwischen diesem Paar gehört ein Stück meiner Seele.«


SPIEGEL-Bestsellerautorin Audrey Carlan über »Mit allem, was ich habe«

»Die neue Königin sinnlicher Literatur.«


Sunday Times

»Bis wir eins sind ist ein herzzerreißender, zutiefst berührender Roman, der die Leser in seinen Bann ziehen wird.«


Romantic Times Book Reviews

  • Erscheinungstag: 03.09.2018
  • Seitenanzahl: 400
  • ISBN/Artikelnummer: 9783956498237

Leseprobe

Für Jamie

Anmerkung der Autorin

Dieses Buch handelt vom Verbotenen. Dem Untersagten. Dem Tabu. Zumindest sagt die Gesellschaft das. Aber was sagt dein Herz?

Mich kostete es eine Menge blindes Vertrauen, diese Worte zu Papier zu bringen. Ich sage immer, dass ich schreibe, was mir mein Herz aufträgt, nicht, was die Leute geschrieben haben wollen. Und dieses Motto war noch nie in meiner Schriftstellerkarriere so bedeutend wie hier. Ich habe an meinem Verstand gezweifelt, als mir die Idee zu diesem Buch kam. Dann erinnerte ich mich an mein Motto, an meinen Herzenswunsch, und mein Herz wollte wirklich diese Geschichte erzählen, trotz des Wissens, dass sie nicht das sein könnte, was andere von mir erwarten. Ich durfte mir meine Arbeit nicht von der Furcht vor einem Tabuthema diktieren lassen. Also habe ich mich hineingestürzt – ohne Zögern, ohne Hemmungen, ohne behutsames Herantasten.

Dieses Buch ist kontrovers. Zweifellos wird es für einige Diskussionen unter den Lesern sorgen, aber das ist für mich in Ordnung. Als Autor akzeptiert man, dass das, was man in die Welt hinausschickt, auseinandergenommen wird, mal positiv, mal negativ. Diese Geschichte handelt von einem Konflikt, von Gefühlen, von Fragen. Es geht darum, dass das Herz stärker ist als der Kopf.

Ich bitte euch, offen an diesen Roman heranzugehen und bitte nicht zu vergessen, dass es eine Geschichte ist. Eine von Leidenschaft, Liebe und Herzschmerz. Es geht darum, sich zur falschen Zeit in die falsche Person zu verlieben. Weil es passiert. An jedem einzelnen Tag. Doch vor allem handelt sie davon, sich selbst und seinem Herzen treu zu sein. Sie handelt davon, seinen Seelenverwandten zu finden und um ihn zu kämpfen. Sie handelt davon, zu dem zu stehen, woran wir glauben. Und wir alle glauben an wahre Liebe.

JEM xxx.

1. Kapitel

Ich kicke die Berge von Post auf dem Parkett aus dem Weg, während ich einen Karton auf den Armen balanciere. Hinter mir knallt die Tür ins Schloss. Von der Erschütterung stiebt Staub, der sich über zwei Jahre angesammelt hat, von den Bilderleisten im leeren Flur auf, tanzt im Dämmerlicht vor mir und steigt mir geradewegs in die Nase. Ich niese – einmal, zweimal, dreimal – und lasse den Karton fallen, damit ich meine kitzelnde Nase reiben kann.

»Verdammt«, bringe ich schniefend hervor, trete den Karton zur Seite und gehe den Flur hinunter, um Taschentücher zu holen.

Im Wohnzimmer suche ich die willkürlich aufgestapelten Kisten nach der mit der Aufschrift BAD ab. Viel Hoffnung mache ich mir nicht, denn die Kartons stehen in Fünferstapeln um mich herum und warten allesamt darauf, ausgepackt zu werden. Ich weiß nicht mal, wo ich anfangen soll.

Langsam laufe ich herum und schaue mich in meinem neuen Apartment um – eine Erdgeschosswohnung in einem alten, umgebauten georgianischen Haus in einer Westlondoner Allee. Das Erkerfenster im Wohnzimmer ist riesig, die Decken sind sehr hoch, die Böden noch das Original-Parkett. Ich schlendere in die Küche, verziehe das Gesicht wegen der abgestandenen Luft und der Fettfilme auf allen Oberflächen. Dieses Apartment hat zwei Jahre leer gestanden, und das sieht man. Aber es ist nichts, was mithilfe von einem Paar Gummihandschuhen und Putzmitteln nicht zu lösen wäre.

Plötzlich bin ich aufgeregt und stelle mir vor, wie alles blitzt und blinkt, wenn ich erst einen Eimer Reinigungsmittel zum Einsatz gebracht habe. Ich stoße die Glasflügeltür auf, die in den Garten führt, um frische Luft hereinzulassen, und blicke mich im Schlafzimmer um. Es ist gewaltig mit dem Original-Kamin und dem angrenzenden riesigen Bad. Lächelnd laufe ich zurück in den Flur und ins Gästezimmer, das ich allerdings nicht als solches nutzen werde. Ich male mir aus, wie mein Schreibtisch unter dem Fenster mit Blick auf den niedlichen Hof steht, und mein Zeichentisch kommt an die gegenüberliegende Wand mitsamt lauter technischen Plänen und Akten. Es ist meins. Alles meins. Es hat ein Jahr gedauert, bis ich die ideale Wohnung in meiner Preisklasse gefunden habe, doch endlich bin ich hier. Endlich habe ich meine eigene Wohnung und meinen eigenen Arbeitsplatz. Ich habe mir immer gesagt, dass ich mit dreißig meine eigene Firma und mein eigenes Zuhause haben würde. Und ich habe mein Ziel ein volles Jahr früher erreicht. Jetzt bleibt mir dieses Wochenende, das Apartment zu meinem Heim zu machen.

Wie aufs Stichwort klopft es an der Tür. Ich laufe durch meine Wohnung – meine Wohnung – und reiße die Tür auf, woraufhin eine Flasche Prosecco vor meiner Nase erscheint.

»Willkommen daheim!«, trällert Lizzy, die auch noch zwei Gläser aus dem Ärmel zaubert.

»Oh mein Gott, du bist ein Engel!« Ich springe vor, schnappe mir alles und trete zur Seite, damit ich sie in meinem neuen Zuhause willkommen heißen kann. Das Grinsen auf meinem Gesicht dürfte das breiteste aller Zeiten sein.

Sie strahlt mich an und stürmt herein, wobei ihr kurzes schwarzes Haar ihr Kinn umspielt und ihre Augen vor Freude schimmern – Freude für mich.

»Erst stoßen wir an, dann putzen wir.«

Ich stimme zu, während ich die Tür schließe und ihr ins vollgestellte Wohnzimmer folge.

»Ach du Schande, Annie!«, meint sie flüsternd, sobald sie an der Tür steht und die Kartonberge entdeckt. »Woher kommt denn das ganze Zeugs?«

Ich drängle mich an ihr vorbei, stelle die Gläser auf eine der Umzugskisten und mache die Folie vom Prosecco-Korken. »Das meiste ist Arbeitskram«, antworte ich, lasse den Korken knallen und schenke ein.

»Wie viele Bücher und Stifte braucht eine Architektin?«, fragt sie, wobei sie zu der Wand zeigt, an der sich Plastikkisten mit diversen Akten, Lehrbüchern und Büromaterial reihen.

»Die meisten Bücher sind von der Uni. Micky holt morgen mit einem Van den Kram ab, den ich nicht mehr brauche, um ihn zum Wohlfahrtsladen zu fahren.« Ich reiche Lizzy ein Glas und stoße mit ihr an.

»Prost.« Sie trinkt, während sie sich umsieht. »Wo fangen wir an?«

Ich trinke ebenfalls und schaue mich in meinem chaotischen neuen Zuhause um. »Ich muss mein Schlafzimmer einrichten, damit ich irgendwo schlafen kann. Den Rest nehme ich am Wochenende in Angriff.«

»Ohoooh, dein Gemach!«

Sie lässt ihre Augenbrauen hüpfen, und ich verdrehe die Augen. »Das ist eine männerfreie Zone.« Nachdem ich einen weiteren Schluck Prosecco getrunken habe, steuere ich das Schlafzimmer an. »Ausgenommen Micky«, ergänze ich, als ich dort ankomme und im Geiste mein Bett, meine Schränke und meine Frisierkommode durch den riesigen Raum bewege – noch befinden die Möbel sich allesamt mitten im Zimmer. Ich hoffe, dass Lizzy ausgiebiges Stretching gemacht hat, denn wir müssen schwere Möbelstücke rücken.

»Dein Leben ist eine männerfreie Zone.«

»Ich bin mit meiner Arbeit beschäftigt«, erwidere ich und lächle zufrieden. Ich liebe das! Meine neue Firma macht sich besser und besser. Es gibt kein schöneres Gefühl, als zu sehen, wie sich die eigene Vision verwirklicht, zu erleben, wie sich eine Zeichnung in ein richtiges Gebäude verwandelt. Seit ich zwölf war, wusste ich genau, was ich werden wollte. Mein Vater schenkte mir ein Kaninchen zum Geburtstag, und weil ich den Stall, in dem das Tier lebte, sehr dürftig fand, fing ich an zu nörgeln, dass ich die Unterkunft ausbauen müsse, damit es mein neuer Freund schöner habe. Mein Vater lachte und sagte, ich solle ihm aufzeichnen, was ich haben wollte. Also tat ich es. Und von da an gab es kein Zurück mehr. Nach zwei Jahren A-Levels, vier Jahren Bath University und sieben Jahren in einem Architekturbüro, während der ich mich durch meine drei Architektenprüfungen arbeitete, bin ich jetzt da, wo ich immer hinwollte. Ich bin selbstständig, realisiere die Traumprojekte von Menschen.

Ich halte mein Sektglas in die Höhe. »Was macht dein Job eigentlich?«

»Ich arbeite, um zu leben, Annie, nicht andersrum. Ich denke nur an Pediküre, Haut und Nägel, wenn ich im Salon bin.« Lizzy gesellt sich zu mir an die Schlafzimmertür. »Und wechsle nicht das Thema. Es ist über ein Jahr, zwei Monate und eine Woche her, seit du flachgelegt wurdest.«

»Wie überaus akkurat von dir.«

Lizzy zuckt mit den Schultern. »Es war mein Achtundzwanzigster.«

Ich erinnere mich allzu gut an die Nacht, doch der Name ist mir entfallen.

»Tom«, hilft sie mir auf die Sprünge, als hätte sie meine Gedanken gelesen, und dreht sich zu mir. »War ein niedlicher Rugbyspieler. Ein Freund von Jasons Freund.«

Prompt erinnere ich mich an die Oberschenkel des niedlichen Rugbyspielers, muss lächeln und denke an den Abend, an dem ich den Freund von Lizzys Freund kennenlernte – Tom. »Ja, er war wirklich ganz niedlich, nicht?«

»Sehr! Und warum wolltest du ihn nicht wiedersehen?«

»Weiß ich nicht«, antworte ich achselzuckend. »Da war nichts.«

»Da waren Schenkel!«

Ich lache. »Du weißt, was ich meine. Funken. Chemie.«

Sie schnaubt. »Annie, solange ich dich kenne, gab es nie Funken.«

Sie hat recht. Wann wird ein Mann erscheinen und mich von den Socken hauen? Mich richtig umhauen? Mich an etwas anderes als meine Karriere denken lassen? Das Einzige, was meinen Puls rasen lässt, ist mein Job.

»Hast du den Männern für immer abgeschworen?«, unterbricht Lizzy meine Gedanken. »Denn Jason hat noch jede Menge Freunde von Freunden.«

»Mich langweilt das alles. Dates. Der Stress. Die Erwartungen. Für mich hat es einfach nirgends … klick gemacht«, erkläre ich. »Jedenfalls liebe ich meinen Job und meine Freiheit derzeit zu sehr.«

Lizzy lacht amüsiert und geht nach nebenan, um das Bad zu begutachten. »Deine Arbeit meint es echt ernst mit dir, so wie du sie mit achtundvierzig Stunden Einsatz die Woche verwöhnst.«

»Neunzig«, antworte ich, woraufhin sie die Stirn runzelt. »Ich habe letzte Woche neunzig Stunden gearbeitet. Und ich habe die Freiheit, genau das zu tun.«

»Und was ist mit Spaß?«

»Meine Arbeit macht mir Spaß«, sage ich ein bisschen bissig. »Ich darf wunderschöne Bauten entwerfen und zusehen, wie sie zum Leben erwachen.«

»In den letzten Wochen habe ich dich kaum noch zu Gesicht bekommen«, murrt sie.

»Weiß ich. Es war verrückt.«

»Ja, dieses Nobelpärchen in Chelsea verschlingt deine ganze Zeit. Wie läuft es überhaupt?«

»Super«, antworte ich, weil es so ist. Doch es ist eins der härtesten Projekte, das ich je übernommen habe. Monatelang habe ich Entwürfe gemacht und verhandelt, bis wir endlich einen Kompromiss für ihr ultramodernes Ökohaus hatten, das bei den Behörden bewilligt wurde. Die viele Arbeit war jede Mühe wert. Das Würfelhaus am Parkrand hat mir zu der läppischen Anzahlung verholfen, die ich für mein neues Zuhause leisten musste.

»Sie sind letzten Freitag eingezogen.« Ich laufe auf die Flügeltür zum Innenhofgarten zu und stelle mir vor, wie der kleine Platz in Grün versinkt und wie ein schmiedeeiserner Tisch mit ein paar Stühlen darauf steht, an dem ich meinen morgendlichen Kaffee genieße. »Ist es nicht perfekt?«

»Es ist toll«, meint Lizzy, die mir gefolgt ist. »Jason und ich müssen uns wirklich überlegen, etwas zu kaufen, anstatt zu mieten.«

»Oder zu bauen.« Ich blicke sie augenzwinkernd an. »Ich kenne eine tolle Architektin.«

Wieder mal schnaubt Lizzy. »Wir könnten uns dich nie leisten.«

Ich lache und gehe hinein. »Hilfst du mir jetzt, mein Bett aufzubauen, oder nicht?«

»Komme schon!«, ruft sie und schließt die Türen hinter sich.

Drei Stunden später und nach einem Ausflug zum Laden, um Prosecco-Nachschub zu holen, haben wir alles geputzt, poliert und gewaschen, was zu sehen war, und uns sogar das Bad vorgenommen. Die alte Klauenfuß-Wanne blitzt, und Lizzy hat alle meine Badsachen und Kosmetikartikel ausgepackt, während ich mein Bett machte. Es fühlt sich jetzt schon wie zu Hause an. Ich schaue in den Spiegel, als ich daran vorbeikomme, und sehe, dass sich mein dunkler Dutt oben auf meinem Kopf in ein zerzaustes Chaos verwandelt hat. Rasch zerre ich das Haargummi heraus, lasse mein Haar über meine Schultern fallen und streiche mit den Fingern hindurch, um es zu entwirren. Ich blinzle mehrmals, weil mich irgendwas an meinen blassgrünen Augen stört, beuge mich näher zum Spiegel und entferne einige Staubkrümel aus den Wimpern.

»Vergiss nicht, dass wir nächsten Samstag ausgehen«, erinnert Lizzy mich, während sie das Bad verlässt und einen schwarzen Müllsack zuschnürt. »Jason ist bei einer Firmenveranstaltung, Nat flieht vor John, weil er an dem Abend sein Kind hat, und Micky hat … na ja, er hat immer Zeit. Also will ich keine Ausrede hören, dass du arbeiten musst.«

Ich trete an mein Bett, schüttle die Kissen auf und schlage die Decke zurück, denn sobald Lizzy weg ist, werde ich direkt schlafen gehen. »Keine Ausreden«, verspreche ich.

»Super!« Sie lässt den Müllsack bei den anderen neben der Tür fallen und klopft sich die Hände ab. »Und was ist mit deiner Einweihungsparty? Wir müssen die Wohnung noch taufen.«

»Die ist den Samstag danach. Ich habe auch einige neue Kunden eingeladen.«

»Heißt das, keine Orgie?«

Ich lache. »Keine Orgie.«

»Ah, okay. Ich kümmere mich um die Snacks, du dich um die Cocktails.«

»Abgemacht.«

Jubelnd schlingt sie die Arme um mich. »Es ist perfekt, Annie. Und du hast es dir hart erarbeitet.«

»Danke.« Ich erwidere ihre Umarmung und atme den Duft der unzähligen Kerzen ein, die wir angezündet haben.

»Wie lange nimmst du dir frei?«, fragt sie, als sie mich loslässt und ihre Tasche vom Boden aufhebt.

»Nur das Wochenende.«

»Wow, du lässt es ja richtig krachen, was?«

Ich ignoriere ihren Sarkasmus. »Ich muss die Zeichnungen für die neue Galerie fertig machen. Kein Frieden den Gottlosen.«

»Und auch kein Spaß«, bemerkt Lizzy grinsend, als sie ihr Handy aus der Tasche holt. »Klasse«, murmelt sie beim Blick auf das Display.

»Was?«

Sie steckt das Telefon ein und ringt sich ein Lächeln ab. »Jason arbeitet mal wieder länger. Eigentlich sollte er mich abholen …« Sie sieht auf ihre Uhr. »Jetzt.«

»Du kannst hierbleiben, wenn du willst.«

»Nein, ich fahre mit der U-Bahn. Geh du schlafen.«

Sie küsst mich auf die Wange und befiehlt mir, schön zu träumen. Ich bezweifle nicht, dass ich es werde. Und tatsächlich schlafe ich sofort ein, als ich in mein nagelneues Bett mit der brandneuen Bettwäsche und der brandneuen Daunendecke falle.

Am nächsten Morgen weckt mich lautes, hartnäckiges Klopfen an der Wohnungstür. Ich setze mich auf und blicke mich einen Moment lang desorientiert in dem noch fremden Zimmer um.

Poch, poch, poch!

Auf einmal beginnt mein Handy zu klingeln, gefolgt von weiterem Geklopfe an der Tür und einer Stimme, die meinen Namen ruft. Ich reibe mir das Gesicht, bevor ich nach dem Telefon greife und es unter dem Kissen vorziehe. Micky leuchtet es mir entgegen. Und dann sehe ich die Uhrzeit. »Oh Mist!« Ich krabble aus dem Bett und stolpere aus dem Schlafzimmer.

Poch, poch, poch!

»Okay, okay!«, brülle ich, springe über einen Karton und knalle gegen die Tür. Als ich sie öffne, steht mir Micky gegenüber; seine Augen strahlen, das Haar hat er hochgebunden. »Im Ernst?« Mir hallt das Gewummer, das Geklingel und das Gerufe durch den Kopf.

»Guten Morgen, Zuckerschnute!« Er drückt mir einen Kuss auf die Wange, drängt sich an mir vorbei und inspiziert mit vielen Ohs und Ahs meine neue Bleibe. »Nette Wohnung!«

Ich schließe die Tür und folge ihm, wobei ich stirnrunzelnd seinen Man-Bun betrachte. »Was ist mit deinem Haar passiert?«, frage ich, während er sämtliche Ecken und Winkel begutachtet.

»Gefällt es dir?« Er greift sich an den dunkelblonden Knoten an seinem Hinterkopf. »Es fing an, mir beim Arbeiten im Weg zu sein.« Er tritt eine Kiste zur Seite, trinkt einen Schluck von seinem Starbucks-Kaffee und reicht mir gleichzeitig einen Becher.

Dankbar nehme ich ihn entgegen und gehe ins Schlafzimmer. Micky ist in seiner Arbeitskluft, sprich: Shorts und T-Shirt. Er ist Personal Trainer. Ein sehr beliebter Personal Trainer mit einer langen Warteliste voller Frauennamen. Nur Frauen. »Arbeitest du heute?«, frage ich und stelle meinen Kaffee auf den Nachttisch.

Micky folgt mir und hockt sich auf die Bettkante. »Zwei Termine am Nachmittag.« Er kneift mir in den Oberschenkel, als ich an ihm vorbeigehe, und ich schreie auf. »Wann lässt du mich mal an dich ran?«

»Nie!« Ich lache. »Lieber würde ich mir einen heißen Schürhaken in die Augen stechen.«

»Ein paar Kniebeugen werden dir guttun.«

Ich schnaube und schlüpfe in eine Jeans. »Du kannst reichlich Hintern bei Kniebeugen angaffen, ohne mich zu quälen.«

Er grinst. »Apropos, ich habe gerade eine neue Klientin angenommen.«

Ich mache meine Jeans zu. »Verheiratet?«, frage ich, ziehe mein Unterhemd aus und streife mir ein U2-T-Shirt über.

»Nein.« Erneut grinst er. »Du weißt doch, dass ich immer nur fünf verheiratete Klientinnen gleichzeitig betreue. So muss ich mich jeden Tag nur eine Stunde lang professionell benehmen. Fünf Stunden die Woche!«

Laut lache ich auf. Der Mann flirtet gnadenlos, aber er ist auch einer der besten Personal Trainer in London. Die Frauen stehen Schlange, um sich von meinem ältesten Freund beugen, strecken und in furchtbare Stellungen zwingen zu lassen. Und das nicht bloß, um körperlich fit zu werden. »Das muss anstrengend sein.«

»Ist es, wenn sie einen permanent in Versuchung führen. Mal ein unschuldiges Streifen meines Schenkels, mal ein Hintern, der mir ins Gesicht gereckt wird.«

»Wenn es so schwer ist, nicht mit Gedanken und Blicken abzuschweifen, solltest du einfach nur Single-Frauen annehmen. Oder Männer.«

»Ich brauche gemischte Kundschaft. Außerdem bemühen sich die Verheirateten mehr«, meint er, und ich hebe fragend die Brauen. Micky verdreht die Augen. »Beim Training«, stellt er klar.

»Und du warst noch nie versucht?«

»Niemals!« Er schüttelt energisch den Kopf. »Ich mag meine Beine zu sehr und würde niemals riskieren, dass sie mir ein wütender Ehemann bricht. Nein danke.«

Ich binde mein dunkles Haar zu einem hohen Pferdeschwanz, lache und schlüpfe in meine Flip-Flops. Micky kenne ich seit Ewigkeiten. Wir sind zusammen aufgewachsen, haben Mutter-Vater-Kind gespielt, uns nackt gemeinsam im Planschbecken vergnügt. Er hat sogar einige Nägel in den Anbau meines Kaninchenstalls eingeschlagen, als wir zwölf waren. Unsere Eltern waren und sind noch eng befreundet.

»Und wie war deine erste Nacht?«, fragt er und klopft auf die Bettdecke.

»Ich glaube nicht, dass ich schon mal so lange geschlafen habe.« Es ist ein gutes Zeichen. »Na komm, lass uns ein bisschen was von dem Mist loswerden, damit ich anfangen kann zu überlegen, was wohin soll.«

Wir gehen ins Wohnzimmer und ich beginne, gelbe Post-its an alles zu kleben, was ich nicht behalten will. Micky folgt mir und stellt diese Sachen auf eine Seite des Zimmers.

»Hey, das nehme ich.« Er zieht die Haftnotiz von einem winzigen Schubfachkasten, der früher auf meiner Frisierkommode stand. »Ich brauche was für meine Haargummis.«

Grinsend mache ich weiter und markiere alles, was wegmuss. »Dein Man-Bun sieht niedlich aus«, meine ich, als Micky lächelnd seinen neuen Freund streichelt. Ehrlich gesagt könnte Micky sich die Haare abrasieren und würde trotzdem niedlich aussehen. Der Mann ist schlicht süß. In seinen hellbraunen Augen ist stets ein Lachen, und er hat immer einen Dreitagebart. Er ist scharf, doch für mich ist er bloß Micky.

»Danke.« Er klimpert mit den Wimpern.

»Hey, wir wollen nächsten Samstag was trinken gehen. Kommst du mit?«

»Selbstverständlich«, antwortet er prompt. »Mit Lizzy und Nat?« Dabei wackelt er mit einer Augenbraue.

»Wag es nicht. Beide wissen, dass du eine Schlampe bist.« Er kann einfach nicht anders. Nat, Lizzy und ich sind die einzigen Frauen in London, die immun gegen Mickys Charme sind.

»Autsch!«, stößt er lachend hervor und nimmt mich in den Schwitzkasten.

»Runter von mir, du Idiot!« Ich winde mich aus seinem Klammergriff, richte mich auf und schlage nach ihm, worauf er anfängt, mit erhobenen Fäusten um mich herumzutänzeln.

»Hu-huu!«, höre ich meine Mutter rufen, gefolgt vom Klackern ihrer Absätze auf dem Parkett.

Ich verpasse Micky einen kurzen Boxhieb auf den Bizeps, woraufhin er übertrieben aufheult. Dann gehe ich der Stimme meiner Mutter entgegen, bis ich Mum im Flur finde, wo sie seitlich an den Kartonstapeln vorbeiläuft und aufpasst, dass sich ihr Plisseerock nirgends verfängt.

»Oh, schau sich einer die hohen Decken an!«, meint sie schwärmend. »Und die Bilderleisten!«

Ich lehne mich in den Türrahmen und beobachte lächelnd, wie sie auf mich zukommt. Micky gesellt sich zu mir und stellt sich dicht hinter mich.

»Michael!«, kreischt meine Mutter und wird schneller. »Komm in meine Arme!« Sie wirft mich beinahe um, so eilig hat sie es, Micky in die Finger zu bekommen. »Lass mich deine hübschen Backen sehen.« Sie drückt sein Kinn fest, sodass ich lachen muss. »Wo hast du gesteckt? Ich habe dich seit Wochen nicht gesehen!«

»Ich arbeite viel, June.«

Meine Mutter lächelt ihn an und lässt sein Gesicht los. »Wann wirst du meine Annie endlich zu einer anständigen Frau machen?«

Micky blickt mich an, als ich gerade die Augen verdrehe.

»Sobald sie mich nimmt.« Er grinst verschlagen.

Ihm ist vollkommen klar, was er tut, wie immer, wenn meine Mutter ein bisschen zu viel in unsere Freundschaft hineindeutet.

Micky will nichts von mir. Er ist zu sehr damit beschäftigt, eine männliche Schlampe zu sein, und ich bin zu sehr damit beschäftigt, meine Karriere voranzutreiben. Unsere Beziehung ist rein platonisch – was uns beide glücklich macht. Zwischen uns war nie mehr als Freundschaft. Keine Funken. Keine Chemie. Nichts. Oft frage ich mich, ob jemals ein Mann etwas bei mir auslösen wird, denn wenn es Micky Letts nicht tut, kann es womöglich keiner. Sobald er sein entwaffnendes Lächeln bloß andeutet, liegen ihm die Frauen schon zu Füßen. Und ich? Ich empfinde nichts. Ich glaube, ich bin nicht normal.

Meine Mutter klemmt ihre Tasche in die Armbeuge und hält eine Tragetasche mit Putzmitteln in die Höhe. »Ich bin zum Helfen gekommen!«

»So angezogen?«, frage ich mit Blick auf ihre cremefarbene Bluse, den Plisseerock und die hohen Schuhe.

»Man muss immer gut aussehen, Liebes.« Sie schnaubt. »Dein Vater ist gleich da und bringt seinen Werkzeugkasten mit. Also, wo fangen wir an?«

»Ich bin dann weg.« Micky greift sich einen Karton mit einem gelben Post-it, küsst meine Mutter auf die Wange und macht sich mit vollen Händen auf zur Tür. Im Vorbeigehen haucht er mir einen Kuss zu.

Ich grinse, und kaum dass ich mich umdrehe, ist meine Mutter mit gelben Gummihandschuhen und einer Flasche Putzmittel bewaffnet.

»Fangen wir an zu schrubben«, sagt sie aufgekratzt.

2. Kapitel

Meine Fingernägel sind total hinüber – das Ergebnis von einer Woche Schrubben und Heimwerken, während ich mich parallel um meine Kunden, meine E-Mails und meine Entwürfe kümmerte. Doch nun ist meine neue Wohnung eine blitzblanke neue Wohnung. Alles hat seinen Platz, und sämtliche Räume sind gestrichen. Die Fachbücher stehen in den Regalen im Arbeitszimmer, Computer und Drucker sind aufgebaut, und mein Schreibtisch steht im Zimmer vor dem Fenster. Ich liebe es! Und jetzt bin ich mehr als reif für einen Abend mit den Mädels, um mal lockerzulassen.

Mein iPod ist voll aufgedreht, und ich tanze in ein Badelaken gewickelt durchs Schlafzimmer, die Fenster weit aufgerissen, während ich lauthals »Like A Prayer« von Madonna mitsinge und Wein trinke.

Nachdem ich mir Smokey Eyes geschminkt habe, ziehe ich ein kleines Schwarzes an und meine höchsten schwarzen Schuhe und binde mein Haar zu einem unordentlichen Knoten. Dann schnappe ich mir meine Tasche und eile an die Tür, wo ich Lizzy bereits klopfen höre.

»Nett.« Sie nickt, als ich öffne, obwohl sie ein bisschen zerstreut wirkt.

»Alles in Ordnung?«, frage ich und gehe nach draußen.

»Ja, bestens.«

Sie sieht unangestrengt umwerfend aus, das dunkle Haar zu großen Locken gedreht und die braunen Augen dramatisch mit Eyeliner umrahmt. Ihr leuchtend pinkfarbenes Etuikleid und die Motorradfahrerjacke sind perfekt exzentrisch und absolut Lizzy. »Du hast dich auch gut ins Zeug gelegt«, bemerke ich, wobei ich mich bei ihr einhake und wir gemeinsam den Weg entlanglaufen.

»Ich habe mir nur etwas übergeworfen«, erwidert sie und tut mein Kompliment ab. »Nat trifft uns dort. Und sag ihr unbedingt, dass ihr Haar klasse aussieht.«

»Warum? Was hat sie gemacht?« Ich starre Lizzy entsetzt an. Nats Haar ist ihr ganzer Stolz – voll, blond und schimmernd reicht es ihr bis zum Hintern und ist besser gepflegt als die Corgis der Queen.

»Johns Kind hat sein Kaugummi hineingeklebt.«

»Oh Mist«, murmele ich und sehe Nats Reaktion deutlich vor mir. Wütend. Sehr, sehr wütend. Sie hat den Mann ihrer Träume gefunden, doch leider gehört zu dem noch ein kleines Extra: ein Sechsjähriger, der ein bisschen missraten ist. Nein, das streiche ich gleich wieder. Er ist sehr missraten. Und Nat ist nicht direkt der mütterliche Typ. »Wie viel?«, frage ich und verziehe abwartend das Gesicht. Dann stoße ich einen stummen Schrei aus, denn Lizzy ahmt eine Scherenbewegung in Höhe ihrer Schultern nach. »Oh nein!«

»Und ich habe mich von Jason getrennt.«

Abrupt bleibe ich stehen. »Wie bitte?«

Sie schüttelt den Kopf und scheint den Tränen nahe zu sein.

»Ich will heute nicht darüber reden.«

Schnell schließe ich meinen Mund wieder. Auch wenn es mir schwerfällt, frage ich nicht nach. »Okay.« Sie braucht einen netten Abend, und für den sorge ich gerne. »Warte mal, weiß Nat Bescheid?«

Sie nickt und wischt sich hastig über die Augen. »Lass uns nachher bitte nur Spaß haben.«

»Abgemacht.« Ich nehme ihren Arm und gehe weiter, fest entschlossen, sie heute Abend abzulenken, während ich fieberhaft überlege, was passiert sein mag.

Es ist eine Herausforderung, doch ich schaffe es, mich nicht zu verschlucken, als ich Nats ungeheure, ungeplante Verwandlung erblicke. Ihre langen Locken sind verschwunden, und ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen hat sie sich damit noch nicht abgefunden.

»Sag ihr, dass sie großartig aussieht«, flüstert Lizzy, während wir uns Nat nähern.

»Es sieht super aus!«, rufe ich und schwinge meinen Hintern auf einen der hohen Barhocker. Alle verstummen, Lizzy verdreht die Augen und Nat knurrt mich förmlich an. »Was?«, frage ich unsicher.

»Ich sehe aus wie fünfzig«, murmelt Nat.

»Nein, tust du nicht«, erwidern Lizzy und ich im Chor, was verdammt übertrieben klingt. Sie sieht wirklich älter aus. Vielleicht nicht ganz wie fünfzig, aber eindeutig älter als dreißig.

»Ich liebe es!«, verkünde ich und bin froh, dass es sich hinreichend ernst anhört. Nats Hände wandern zu ihrem Haar und betasten die Enden.

»Ehrlich?«, fragt sie, weil sie dringend Bestätigung braucht.

»Ja, es lässt dich intellektueller wirken.«

Dankbar lächelt sie, und Lizzy klopft mir im Vorbeigehen auf den Arm, was ihre Art ist, mir zur klugen Reaktion zu gratulieren.

»Ich hole Getränke«, verkündet sie. »Wer will was?«

»Wein!«, antworten Nat und ich.

Lizzy geht zur Bar, und ich nutze die Gelegenheit, um Nat auszuhorchen. »Was ist mit Lizzy und Jason passiert?«, frage ich und lehne mich über den Tisch.

»Weiß ich nicht.« Sie zuckt lässig mit den Schultern. Sie war schon immer der mitfühlende Typ. »Sie weigert sich, darüber zu reden.«

»Aber ich dachte, mit den beiden ist es was Festes.«

»Ja, ich auch. Anscheinend nicht, was?«

»Du klingst ja mal besorgt.« Ich schaue sie enttäuscht an, doch sie zuckt nur wieder mit den Schultern. Nat ist nicht unbedingt ein emotionaler Mensch. Sie ist Schadensreguliererin bei einem riesigen Versicherungskonzern, eine richtig harte Nuss, und sie hat Mühe, das von ihrem Privatleben zu trennen. Auf die meisten Männer wirkt sie einschüchternd. Genau genommen auch auf die meisten Frauen. Groß, langbeinig, blond und emotional ein wenig zurückgeblieben.

»Mein Haar wurde massakriert«, entgegnet sie spitz, »also habe ich schlechte Laune.«

Unser Gespräch wird unterbrochen – nicht, dass es irgendwo hingeführt hätte –, da Lizzy ein Tablett auf den Tisch schiebt, auf dem nicht nur Wein, sondern auch Kurze stehen. Ich sehe zu Nat, die mir zunickt, um ihr Verständnis zu signalisieren. Lizzy will sich heute Abend betrinken. Wir nehmen die Kurzen, die sie uns reicht, und stürzen sie wie befohlen hinunter. Dann überlege ich, welche meiner Freundinnen am aufgewühltesten ist und daher meine Aufmerksamkeit braucht. Man sollte meinen, dass es eine leichte Entscheidung ist, doch wahrscheinlich war Nat genauso in ihr Haar verliebt, wie ich dachte, dass Lizzy es in Jason sei. Ich schaue von einer zur anderen; beide sind abgelenkt. Nat streicht immer noch über ihren neuen Bob, und Lizzy starrt verträumt in ihr Weinglas.

Es hilft nichts. Ich kann mich nicht zurückhalten. »Was ist passiert?«, frage ich Lizzy und stoße gegen ihre Knie.

Sie schreckt aus ihrer Trance auf und sieht mich an. Ihre sonst leuchtenden Augen sind matt. Plötzlich füllen sie sich mit Tränen und ihre Unterlippe bebt.

»Er ist fremdgegangen!«, bringt sie hervor und bricht in Tränen aus. »Und das nicht zum ersten Mal!«

»Oh mein Gott!«, rufe ich, springe vom Hocker und schließe sie in die Arme. Sie zittert und schluchzt, schafft es nicht mehr, sich zusammenzureißen. »Warum hast du nichts gesagt?«

»Als es das erste Mal passierte, habe ich ihm vergeben«, antwortet Lizzy schniefend. »Ich dachte, es wäre eine einmalige Sache, und ich wusste ja, wie ihr alle reagieren würdet. Ich wollte nicht, dass ihr schlecht von ihm denkt, und ihr solltet mich auch nicht für jemanden halten, auf dem man herumtrampeln kann.«

Schuldbewusst schaue ich über ihren Kopf hinweg zu Nat. Sie erwidert meinen Blick, denn genau das hätten wir getan. Mistkerl, sage ich lautlos. Nat verzieht wütend den Mund und nickt.

Lizzy flennt noch ein wenig weiter, sodass unsere verschlungenen Körper beben. »Es geht schon seit Monaten«, presst sie schluchzend hervor. »Irgendein Flittchen im Büro. Er hat immer häufiger länger gearbeitet, und ich fand Textnachrichten auf seinem Handy.«

Nat und ich wechseln einen Blick, schweigen aber, wohl, weil keine von uns weiß, was sie sagen soll. Also lassen wir Lizzy weiterreden und uns die schaurigen Details auftischen.

»Sie ist einundzwanzig!«, murmelt sie dicht an meiner Brust. »Verfluchte einundzwanzig!«

Autsch!

In Nats Gesicht spiegelt sich blankes Entsetzen, und ich vermute, in meinem gleichfalls. »Lass uns trinken«, schlage ich vor, denn ich bin bereit, mich um Lizzys willen zu betrinken.

Eine Stunde später … es könnten auch zwei sein, da bin ich mir nicht sicher, sind wir alle ziemlich angeheitert, aber niemand weint, also kann das nur gut sein. Micky ist gekommen, und Lizzy ist wie ausgewechselt. Micky sieht fantastisch aus, und sein Man-Bun sitzt perfekt. Lizzy stürzt sich auf ihn wie eine Hyäne, doch das ist für Micky kein Problem, obwohl er immer wieder skeptisch zu mir schaut und auf eine Verwarnung wartet. Die wird jedoch nicht kommen. Nicht heute Abend. Außerdem braucht Lizzy Ablenkung, und ich bin zu angetrunken, als dass es mich stören würde. Ein bisschen harmloses Geflirte kann nicht schaden.

Nachdem ich meinen Wein ausgetrunken habe, blicke ich mich nach Nat um. Sie steht allein auf der Tanzfläche und wiegt sich zu einem Stück von Moby. Mit ein paar Drinks intus gehört ihr jede Tanzfläche, egal wo.

Ich drängle mich rüber an die Bar, um mehr Kurze zu holen, da wir eindeutig noch nicht betrunken genug sind. Grinsend bestelle ich vier »Orgasmen« und bewege mich ein wenig zur Musik, während ich auf die Drinks warte. Dann gebe ich dem Barkeeper einen Zwanziger. »Hast du ein Tablett?«, frage ich.

»Sind alle unterwegs«, ruft er, während er mit dem Geld weggeht.

Ich betrachte die vier kleinen Gläser und überlege, was ich tun soll. Es gibt bestimmt eine simple Lösung, doch in meiner Verfassung komme ich nicht drauf, also beginne ich, mir die winzigen Gläser zwischen die Finger zu schieben, zuversichtlich, dass ich sie alle auf einmal mitbekomme und mir einen zweiten Gang erspare … immerhin sind das gut sechs Meter. »Verdammt«, murmele ich, da ein Glas umkippt und der klebrige Inhalt auf meine Hand überschwappt. Ich fange an, das cremige Zeugs von meinen Fingern zu lecken, weil ich so wenig wie möglich verschwenden will. Dann schnappe ich mir das fast leere Glas und trinke es aus, womit ich nur noch drei Gläser zu tragen habe. Das ist viel einfacher.

Wenn man stocknüchtern ist.

Was ich nicht bin.

Ich nehme mein Wechselgeld entgegen, als der Barkeeper es mir über den Tresen reicht. »Danke«, erwidere ich und beginne, die drei verbliebenen Gläser aufzunehmen. Noch eins kippt, erneut lecke ich mir die Bescherung von der Hand.

»Du kommst prima klar, oder?«

Die amüsierte Stimme lenkt mich ab, und meine Zunge stockt an meinen Fingern. Gleichzeitig weiten sich meine Augen beim Anblick des Mannes neben mir an der Bar.

Ach du … Scheiße.

Ich werde nicht leicht sprachlos. Genau genommen nie. Jetzt scheine ich das mit einem Schlag nachzuholen, und ich habe keine Ahnung, ob es an zu viel Alkohol liegt oder blanke Ehrfurcht ist. Ist der scharf! Ich sauge förmlich jedes winzige Detail an ihm in mich auf, angefangen von den Schuhen – bei denen es sich, das muss ich anmerken, um sehr modische braune Jeffrey-West-Budapester handelt – bis zu seinem wunderschönen Kopf. Sagte ich wunderschön? Ich bin nicht sicher, ob es das trifft. Klassisch gut aussehend vielleicht? Atemberaubend? Umwerfend? Nichts scheint angemessen. Er hat Bartstoppeln. Sehr verlockende Stoppeln, von denen ich schätze, dass sie das Ergebnis von fünf Tagen Nicht-Rasierens sind, und seine grauen Augen blitzen geradezu lächerlich. Als würden kleine Sterne in ihnen aufleuchten. Sein Haar ist seitlich kurzgeschnitten und oben länger und zu einer Seite gekämmt. Gerade lang genug, um sich daran festzuhalten …

Ich schlucke mein Erstaunen hinunter. Der Mann kann sich anziehen. Lässig. Leger. Ein wunderbar sitzendes Hemd, der Kragen offen, die Ärmel aufgekrempelt, hängt über seiner engen Armani-Jeans. Hatte ich erwähnt, dass er tolle Schuhe hat?

»Brauchst du Hilfe? Kann ich dir zur Hand gehen?«, fragt er und sieht mich – ja, wie eigentlich – an?

Hand? Wohin würde ich diese Hand legen? Nachdenklich neige ich den Kopf zur Seite und starre auf seine Hände. Große, starke Hände, von denen eine um eine Bierflasche geschlungen ist. Schließlich folgt mein Blick der Flasche, bis sie seine Lippen erreicht. Sein Mund öffnet sich. Ich sehe kurz seine Zungenspitze, dann schließen sich seine Lippen um den Flaschenhals, und der Typ lehnt den Kopf nach hinten. Sein Hals. Oh Mann, der Hals! Die Bewegung seines Adamsapfels. Das leise Seufzen.

Die kolossale Explosion in meinem Slip.

Ich zucke zusammen und überkreuze meine Beine. Ich habe keinen Schimmer, was mit mir los ist, doch es reißt mich aus meiner lächerlichen Benommenheit. »Kurze!«, platze ich heraus und greife nach den Gläsern. »Hey, ich hatte vier bestellt!«, rufe ich dem Barkeeper zu und schaue verärgert über den Tresen.

Der Mann neben mir fängt an zu lachen. Es ist ein tiefes, sexy Lachen.

Weitere Explosionen. Oh … Gott. Sei still!

»Wie betrunken bist du eigentlich?«, will er wissen.

Als ich zu ihm aufblicke, stelle ich fest, dass er mich sehr genau beobachtet. »Vollkommen nüchtern, danke«, antworte ich und löse meinen Blick rasch von ihm, um ihm nicht noch eine Chance zu geben, mich erneut in Verlegenheit zu bringen. »Ich hatte vier bestellt.«

»Und hast eben zwei verschüttet.«

Ich schaue nach unten und entdecke die beiden leeren Gläser. Jetzt fällt es mir wieder ein. Wie lange habe ich geträumt? Oder gestaunt? Oder gesabbert?

»Oh.«

»Nicht betrunken?«

Ich lasse meinen Blick auf die Bar gerichtet, meinen Augen ist nicht zu trauen. »Wie gesagt, ich bin vollkommen nüchtern.« Ich schnappe mir die restlichen Gläser und will mich umdrehen, ganz sicher, dass ich das Gleichgewicht halte. Nicht dass ich stur bin oder so. Ich bin nicht betrunken.

»Hast du Lust, es zu beweisen?«

Ich erstarre. Eine Herausforderung?

Ich riskiere einen Seitenblick zu ihm und sehe das umwerfendste Lächeln auf seinem sowieso schon umwerfenden Gesicht. Wo zur Hölle kommt er her?

Es beweisen? »Wie?«, frage ich, da meine Neugier mal wieder die Oberhand gewinnt.

»Bring die Kurzen zu deinen Freunden.«

Er nickt an mir vorbei, und ich sehe hinüber zu meinen Freunden, die alle um den hohen Tisch stehen. Micky fuchtelt wild mit den Armen, und meine Freundinnen lachen. Ich schaffe es zu registrieren, dass der scharfe Typ weiß, mit wem ich hier bin. Wie lange ist er schon da? Es ist ausgeschlossen, dass er es unter dem Heiße-Typen-Radar meiner Clique hindurchgeschafft hat.

»Dann komm zurück zu mir, wenn du möchtest«, ergänzt er leise.

Wenn ich möchte? Möchte ich? Wieder blicke ich kurz zu ihm. Er lächelt. Es ist ein gefährliches Lächeln. Sehr gefährlich. Er ist zu gut aussehend, um harmlos zu sein.

Ich gehe weg und schwinge schamlos die Hüften, wobei ich dem Drang widerstehe, mich umzudrehen und nachzusehen, ob er mich beobachtet. Er tut es. Das weiß ich einfach, und es macht mich ganz heiß und erregt mich.

Lizzy springt wie ein Tiger auf mich zu, als ich an unserem Tisch bin. »Wer ist das denn?«, fragt sie, die Augen weit aufgerissen, während sie eins der kleinen Gläser nimmt.

»Weiß ich nicht«, antworte ich und kippe den letzten Drink selbst, anstatt ihn einem meiner Freunde zu geben. Wobei ich deutlich diese magische Anziehung des Mannes hinter mir spüre. Mein Körper verspannt sich vor Anstrengung, mich nicht umzudrehen und zu ihm zu sehen.

»Annie, ich weiß, dass du ziemlich immun gegen Männer bist, aber jetzt verarschst du uns doch. Er beobachtet dich.«

Immun? Ich bin nicht sicher, ob ich von immun sprechen würde. Ich habe lediglich noch nie irgendetwas empfunden, das auch nur annähernd besonders war. Also wieso zur Hölle kribbelt es bei mir dann von oben bis unten und warum zittere ich wie verrückt? Nein, jetzt gerade fühle ich mich nicht sehr immun. »Soll er doch gucken.«

Sie starrt mich an. »Tja, wenn du nicht mit ihm reden willst, tue ich es eben, da ich ja nun Single bin.« Sie quetscht sich an mir vorbei, setzt ihr strahlendes Lächeln auf und will zur Bar und zu meinem Mann.

Ich habe keine Ahnung, was über mich kommt, aber im nächsten Moment fasse ich Lizzy am Handgelenk und reiße sie zurück. Genervt von mir selbst, kneife ich die Augen zu. »Warte mal kurz.« Ich hole tief Luft und drehe mich zu ihr um. »Eine Rachenummer mit einem Fremden ist nicht der richtige Schritt nach vorn.«

Sie unterdrückt ein Grinsen, das zweifellos ihr Gesicht spalten würde, sollte sie es herauslassen. Lizzy hat mich ertappt. Zum ersten Mal – wahrscheinlich zum allerersten Mal – hat ein Mann meine Aufmerksamkeit erregt. Ich sollte nicht zu viel da hineininterpretieren. Vermutlich hat dieser spezielle Mann die Aufmerksamkeit jeder Frau hier geweckt, dieser unselige, gut aussehende Bastard.

Lizzy beugt sich zu mir, bis ihr Mund an meinem Ohr ist, während mein Blick wieder auf ihn fällt. Er beobachtet mich immer noch. Gezielt, beinahe provozierend.

»Er sieht wie jemand aus, der gerne hart vögelt«, flüstert Lizzy kichernd, weicht zurück und schaut mich frech an. »Tu der weiblichen Bevölkerung einen Gefallen und lass dich flachlegen.« Sie nickt an mir vorbei. »Von ihm.«

»Ich werde nur mit ihm reden«, behaupte ich, lasse meine Freundin stehen und gebe der Anziehung nach, die mich zu ihm lockt. Ich hole Luft und gehe gemessenen Schrittes auf ihn zu. Als ich merke, dass ich mir auf die Unterlippe beiße, korrigiere ich das sofort.

Er bleibt ernst, während er mich lässig an die Bar gelehnt betrachtet.

»Ich glaube, ich habe ein leichtes Schwanken gesehen«, sagt er und zieht die Augenbrauen hoch.

Er ist so verflucht attraktiv, dass es sicher nicht gesund für ihn ist. Und für mich ganz bestimmt auch nicht. »Nüchtern«, sage ich und lehne mich neben ihm an die Bar.

Ohne den Blick von mir abzuwenden, ruft er dem Barkeeper zu: »Zwei Tequilas bitte.«

»Tequila«, wiederhole ich und schaue über meine Schulter, als Salz und Limone hinter mir landen. »Ist das die Herausforderung?«

»Willst du passen?« Er greift in seine Tasche und zieht einige Geldscheine heraus.

»Niemals«, antworte ich und drehe mich zur Bar um. Ich weiß nicht, was für ein Spiel ihm vorschwebt, aber ich will spielen. Mit ihm. »Ich soll dir beweisen, dass ich nüchtern bin, indem ich einen Kurzen trinke?« Ich sehe ihn scherzhaft misstrauisch an. »Oder hast du vor, mich betrunken zu machen, damit du meinen Zustand dann ausnutzen kannst?«

Er lächelt, während er beim Barkeeper bezahlt. »Du siehst nicht wie eine Frau aus, die sich ausnutzen ließe.«

»Und nach was für einer Frau sehe ich aus?«, frage ich leise.

Er betrachtet mich eine Weile. »Weiß ich nicht, aber ich glaube, ich würde es gerne herausfinden.«

Sekundenlang halte ich seinem Blick stand, doch mir will keine Erwiderung einfallen. Ich denke, dass ich es ihn herausfinden lassen möchte, genauso wie ich ergründen will, was für ein Mann er ist. Mein Blick gleitet von seinen blitzenden grauen Augen die große, schlanke Gestalt hinunter bis zu seinen Füßen.

Oh … Mist …

»Spielen wir.« Er kommt näher und zieht eins der Gläser vor.

Ich will es nicht, doch abrupt reiße ich meinen Arm weg, als er ihn streift, erschrocken wegen dieser winzigen, wohligen Stiche, die über meine Haut huschen. Die flüchtige Berührung verrät mir, dass er sich genauso gut anfühlen würde, wie er aussieht, und – Herr, gib mir Kraft! – er riecht göttlich, männlich, erdig und zum Auffressen gut.

Die plötzliche Gesprächspause wird etwas merkwürdig. Ich fühle, dass er mich anschaut.

»Was soll ich tun?«, frage ich leise, hauche es fast nur.

Er räuspert sich. »Du bist nicht betrunken?«

»Nicht mal ein kleines bisschen.« Ich recke die Nase in die Luft.

»Gut. Dann schaffst du diese Herausforderung auf Anhieb.« Er legt einen Finger an den Rand eines der Schnapsgläser. »Stütz die Hände an der Tresenkante ab«, befiehlt er streng, aber ruhig.

Ich sehe zu ihm hoch und stelle fest, dass er ernst ist.

»Na los.«

Stirnrunzelnd presse ich meine Hände auf die Tresenkante. »Okay?«

Er umfängt meine Hüften. Meine verfluchten Hüften! Ich bin wie versteinert, schlucke und warte. Alles in mir verkrampft sich schlagartig, und in meinem Kopf herrscht Chaos.

»Tritt ein bisschen zurück«, sagt er und zieht mich leicht, bis ich einen Schritt zurücktrete.

Oh Gott, ich stehe förmlich in Flammen. Ein Fremder legt mich praktisch vornüber in aller Öffentlichkeit in einer Bar über den Tresen, und ich, Annie Die-Männerresistente-Ryan, wehre mich nicht mal. Es ist, als hätte er mich mit einem Zauber verhext. Was ist hier los? Ich wage nicht, hinter mich zu schauen. Natürlich bin ich nicht so blöd zu glauben, dass Lizzy nicht beobachtet, wie ein Mann meinen Körper in die Position bringt, in der er mich will.

»Du fühlst dich verspannt an«, bemerkt er, lässt mich los und stellt sich wieder neben mich.

Ich leugne es nicht, bestätige es allerdings auch nicht. Seine großen Hände an meinen Hüften fühlten sich so gut an, dass ich dem Drang widerstehen muss, sie dahin zurückzuziehen, wo sie eben gewesen waren. »Was jetzt?«, frage ich atemlos. Verdammt!

»Jetzt …« Grinsend nimmt er sein Bier auf. »… darf ich damit angeben, dass ich dich schon nach wenigen Minuten flach auf dem Tresen liegen hatte.«

Immer noch grinsend trinkt er einen Schluck, und ich höre das Grölen eines Mannes, weiter unten an der Bar, der sich kaputtlacht.

Oh, der Mistkerl! Ein Teil von mir bewundert ihn. Ein anderer will ihn ohrfeigen, egal, wie schön er ist. Und wieder ein anderer Teil will ihm die Klamotten vom Leib reißen und diesen hinterhältigen Bastard verschlingen.

Ich fasse nicht, dass ich darauf reingefallen bin! Mit wie vielen Frauen hat er das schon gemacht? Ich senke den Kopf und schüttle ihn über meine eigene Blödheit.

Ich wusste, dass dieses Lächeln gefährlich ist. Ein Mann, der es schafft, dass eine Frau sich so leicht und so schnell seinem Willen beugt, ist tödlich. Und die Tatsache, dass er mich mit seinem fiesen Spiel reingelegt hat, bedeutet, dass man den Hut vor ihm ziehen sollte. Ich kann ihm diesen Triumph unmöglich nehmen, und da es mir momentan etwas an Würde mangelt, beschließe ich, ihn nicht zu schlagen. Ebenso wenig werde ich ihm ein Getränk über den Kopf schütten oder ihn wüst beschimpfen.

Ich werde tun, was er am wenigsten erwartet.

Ich richte mich auf und drehe mich zu ihm um, wobei ich nicht aufhören kann, sein träges Grinsen mit einem Lächeln zu erwidern. Während ich ihm in die Augen schaue, lecke ich mir über den Handrücken, greife ohne hinzusehen nach dem Salz auf dem Tresen, streue es auf meine Hand und schnappe mir eins der Tequila-Gläser. Als ich das Salz ablecken will, fasst er mich am Unterarm und nimmt mir das Glas aus der anderen Hand. Mein Herzschlag wird schneller, unsere Blicke verschmelzen, als er näher kommt und langsam meine Hand an seinen Mund hebt. Gebannt beobachte ich, wie er genüsslich das Salz von meiner Haut leckt, ohne mich aus den Augen zu lassen, und dann den Tequila runterkippt. Wenn ich jetzt draufgehe, werde ich glücklich sterben. Seine Zunge auf meiner Haut. Seine Augen auf meine gerichtet. Seine Hand um mein Handgelenk. Ich muss wie eine Statue wirken – unfähig zu sprechen, mich zu bewegen oder klar zu denken.

»Da ist noch ein Tequila«, sagt er und nickt zum Tresen, wobei er mich im Blick behält. »Und das ist deiner.«

Gütiger Himmel! Mein Herz rast sekündlich schneller, während ich zusehe, wie er sich den Handrücken leckt und etwas Salz draufstreut. Dann bietet er sie mir an. Ich starre auf seine Hand, bevor ich zögerlich zu ihm aufblicke. In diesen glitzernden grauen Augen könnte ich mich verlieren.

»Ich schmecke gut«, flüstert er.

Das bezweifle ich nicht. Ich muss all meinen Mut und mehr aufbieten, um seine Hand zu nehmen und sie an meinen Mund zu führen. Sobald sich meine Zunge vorstreckt, schließe ich die Augen und wappne mich. Ich schmecke kein Salz. Ich schmecke ihn. Und es dürfte das Berauschendste sein, was ich jemals gekostet habe. Ich schlucke, halte seine Hand weiter fest, während ich nach dem Tequila greife, ihn hinunterstürze und nicht mal mit der Wimper zucke, als er mir die Kehle hinabrinnt.

»Ich habe es dir ja gesagt«, murmelt er und zieht seine Hand weg.

Ich reiße mich aus der Trance und schaue weg, sonst würde ich noch explodieren. »War nett, mit dir zu spielen«, erkläre ich leise und wende mich ab. Ich muss zur Toilette. Schnell.

»Hoppla!«

Wieder umfängt er mein Handgelenk und hält mich zurück. Mein Körper spannt sich an. Nachdem ich mich in sein blödes Männerspiel habe hineinziehen lassen und er mich auf den Tresen bekommen hat, sollten sämtliche nervige Reaktionen auf ihn im Keim erstickt sein. Dann hat er mich geleckt. Und ich habe ihn geleckt. Das Kribbeln, das mich durchrieselt, ist so ausgeprägt, dass ich an mich halten muss, um mir nicht energisch über die Arme zu streichen.

»Geh noch nicht«, bittet er sanft.

Fragend sehe ich zu ihm hoch und versuche, durch diesen Nebel von Lust einen Funken Verstand zu ertasten. Ich bin schon lange, sehr lange mit keinem Mann mehr zusammen gewesen. Ungefähr seit einem Jahr, zwei Monaten und einer Woche, um genau zu sein. Seit dem Bekannten von Jasons Bekanntem.

»Und was hast du mit mir vor, wenn ich bleibe?«, frage ich mich, wobei ich kurz auf seine Hände blicke, ob da ein Ring ist – um sicherzugehen. Kein Ring. Wieso sich noch keine Frau diesen Mann geangelt hat, ist mir schleierhaft.

»Ich habe vor, mit dir zu reden«, antwortet er leise und schaut mich mit einem Anflug von Neugier an.

»Im Gegensatz zu an mir lecken?«

»Mochtest du das Spiel nicht?«, fragt er ernst.

Etwas lauert in seinem Blick. Etwas Verführerisches. Etwas, das mich ein bisschen … vorsichtig macht. Und sehr heiß.

Immer noch hält er mein Handgelenk fest, und ich zögere. Die Hitze unserer Berührung kann ich nicht ignorieren. Er fasziniert mich und sei es nur, weil er meine Aufmerksamkeit fesseln konnte, obwohl es ein gemeiner Trick war.

Reden. Er will reden.

Sanft nehme ich meinen Arm weg, und er lässt mich langsam los, wobei er mir in die Augen sieht. Dann zieht er einen Barhocker vor und bedeutet mir, mich zu setzen.

»Möchtest du was trinken? Oder hattest du genug?«

Ich schwinge meinen Hintern auf den Hocker und werfe ihm einen müden Blick zu, denke jedoch, dass ich wirklich nicht mehr trinken sollte. Vor allem nicht, wenn ich hier halbwegs den Überblick behalten will. »Ich hätte gerne ein Wasser.«

Er winkt den Barkeeper zu uns, bestellt mir ein Wasser und sich noch ein Bier. Ich schaue hinüber zu meinen Freunden und stelle fest, dass keiner von ihnen zu uns sieht, mit Ausnahme von Micky. Er neigt fragend den Kopf zur Seite, und ich nicke ihm zu. Mir geht es gut. Absolut gut.

Der Namenlose schwingt sich auf einen Hocker vor mir, einen Fuß auf dem Boden, den anderen auf der Fußstütze und einen Ellbogen auf den Tresen gestützt. Sein Hemd kräuselt sich ein wenig um seine Mitte. Offensichtlich könnte da ein Sixpack unter dem blütenweißen Stoff sein. An seinem gebeugten Arm deuten sich recht feste Muskeln an.

»Wie heißt du?«, will er wissen.

Erneut schaue ich ihm ins Gesicht. Er wirkt immer noch ernst, was ein klarer Kontrast zu dem frechen Grinsen ist, das er zeigte, als ich ihn heute Abend das erste Mal sah.

»Annie«, antworte ich. »Und du?«

»Jack.«

Er streckt mir die Hand hin, beobachtet mich, als ich zu entscheiden versuche, ob ich ihn noch mal berühren soll. Es ist definitiv keine gute Idee. Wenn überhaupt, sollte ich mich zurückziehen, weggehen, möglicherweise sofort die Bar verlassen. Im ernsten Ausdruck in seinen Augen lese ich deutlich seine Absichten; Absichten, die mir Angst einjagen sollten – weshalb ich meinen Arm ausstrecke und meine Hand in seine lege, entzieht sich gegenwärtig meinem Verstand. Ich bin hingerissen. Verzückt. Es ist eine Offenbarung, und es gefällt mir schon ganz gut.

Sobald der Kontakt von Haut auf Haut hergestellt ist, umfasst er schnell meine Hand, was mich erschreckt. Ich sehe ihm ins Gesicht, rechne mit einem frechen Grinsen, doch nach wie vor schaut er mich ernst an.

»Hab dich«, murmelt er und drückt meine Hand.

Mir stockt der Atem. Mein Herz galoppiert förmlich. Meine Haut wird heiß. Oh Mist, er hat mich tatsächlich!

Langsam schüttelt er meine Hand und lässt sich richtig Zeit damit. Ich schlucke mehrmals, weil meine Kehle knochentrocken ist, während er meine Bewegungen steuert.

Hab dich?

Seine Mundwinkel bewegen sich träge noch oben, als könne er meine Gedanken lesen, und da ist wieder dieses Lächeln. Und die blitzenden Augen.

»Ich habe sie geleckt, also gehört sie mir«, sagt er schmunzelnd.

Seine Erklärung entlockt mir ein erstauntes Kopfschütteln, und er senkt meine Hand in seiner auf mein nacktes Bein und nutzt diese Position, um mit seinen Fingern auf meinem Oberschenkel nach unten zu streichen, als er sie wegzieht. Ich zucke auf dem Barhocker zusammen und greife nach meinem Wasserglas.

»Leckst du viele Frauen?«, frage ich, wofür ich mich sofort treten möchte. Es geht mich nichts an, und ich will es ehrlich nicht wissen.

Auf einmal wird er wieder ernst.

»Frauen in Bars abzulecken ist normalerweise nicht mein Ding.«

»Und sie über den Tresen zu legen?«

Die Andeutung eines Lächelns umspielt seine Lippen, als würde er meine Gedanken lesen.

»Ich weiß nicht, was über mich gekommen ist«, gesteht er kurz auflachend, hebt eine Hand an sein Kinn und streicht sich über die Stoppeln.

Ich bin froh, denn ich habe ebenfalls keinen Schimmer, was über mich gekommen war.

»Was machst du so, Annie?«

»Ich bin Architektin«, antworte ich prompt. Rede. Rede einfach. »Hauptsächlich private Projekte, doch ich fange langsam an, mich in den kommerziellen Bereich vorzuarbeiten.«

»Du hast deine eigene Firma?«, fragt er, und ich nicke. »Das ist beeindruckend für jemanden in den …« Jack neigt fragend den Kopf zur Seite.

Sein niedlicher Versuch, mein Alter zu erfahren, lässt mich lächeln. »Ich bin neunundzwanzig.«

»Wow, das ist wirklich eindrucksvoll. Gratuliere. Ich mag erfolgreiche Menschen.«

»Danke.«

»Bist du verh…«

»Nein.« Ich lache.

»Vergeben?«

Hier zögere ich, warum, weiß ich nicht. Wahrscheinlich, weil meine Antwort einen Weg öffnen würde für … was? »Nein.«

Das ist Erleichterung in seinem Blick. Definitiv Erleichterung.

»Dann bist du eine Frau, die gerne ihren Spaß hat?«, fragt er mit einem vielsagenden Unterton.

»Tja, normalerweise lasse ich mich nicht von Fremden flach auf einen Tresen legen oder ablecken, falls du darauf hinauswillst.«

»Ich fühle mich geehrt.« Jack lächelt zufrieden. »Und was tust du sonst, um dich zu amüsieren? Ich meine, wenn ich nicht da bin, um dich auf den Tresen zu legen und dich abzulecken?«

Ich erwidere sein Lächeln und trinke einen Schluck Wasser, um meinen zunehmend trockenen Mund zu befeuchten. »Ich arbeite viel. Und ich habe gute Freundinnen, mit denen ich mich amüsiere.«

»Freiwillig oder wegen einer schlechten Erfahrung?«

»Jetzt wird es ein bisschen persönlich, oder?«

Grinsend zuckt er mit den Schultern. »Ich versuche nur, dich kennenzulernen.«

Eins seiner Knie in der Jeans streift meins, und ich reiße das Bein weg, während mein erbärmliches Herz einen Schlag aussetzt. Er muss mich nicht ausfragen. Ich erzähle ihm gerne alles. »Momentan interessieren mich Männer nicht.« Ich weiß nicht, warum, doch ich ertappe mich dabei, wie ich mir auf die Unterlippe beiße und aufmerksam seine Reaktion beobachte.

Bedächtig nickt er. »Das könnte sich ändern.«

Er sagt das – einfach so. Ich bin erschrocken.

Mein Rücken versteift sich, und mein Atem stockt. »Was meinst du?«, frage ich leise und bemühe mich, bloß interessiert zu klingen. Versuche es zumindest. Doch was aus meinen Worten an diesen Mann herauszuhören ist, ist Faszination. Und Verlangen.

»Ich meine«, beginnt er und lehnt sich leicht vor, »dass du offensichtlich noch nie vollständig von einem Mann eingenommen wurdest.«

Er wartet, um mir Zeit zum Zustimmen zu geben, aber das tue ich nicht. Ich bin auf ihn fixiert.

»Doch eines Tages wird ein Mann kommen, und der wird dich vollständig einnehmen, Annie. Dich überrumpeln.«

Seine Worte scheinen mehr anzudeuten, als er sagt, und es fällt mir schwer, nicht neugierig zu werden. Immer noch sehe ich ihn nur stumm an.

Mein Puls dröhnt in meinen Ohren, als er zurückweicht, sich zum Tresen dreht und den Barkeeper heranwinkt. Ich kann nicht hören, was er bestellt. Meine Umgebung und der Lärm in der Bar sind zu einem fernen Rauschen geschrumpft. Jack zieht mich magisch an – nicht nur sein Aussehen, sondern seine Persönlichkeit, seine Stimme … seine Worte.

»Hier.«

Er nimmt das Wasser aus meiner schlaffen Hand und reicht mir ein Schnapsglas. Die Berührung reißt mich aus meiner Trance, und ich blicke mich um, stelle fest, dass es die Welt um mich herum noch gibt. Er stößt mit mir an, lächelt auf diese bezaubernde Art – die mich in dem Moment fesselte, in dem ich ihn sah.

»Darauf, überrumpelt zu werden.« Er erhebt sein Glas.

Er kippt den Drink hinunter, knallt das leere Glas auf die Theke und wischt sich den Mund mit dem Handrücken ab. Mein Blick folgt jeder seiner Bewegungen, wobei ich versuche, zwischen den Zeilen zu lesen, seine Worte zu entschlüsseln und ihnen einen tieferen Sinn abzugewinnen. Natürlich ergeben sie schon für sich einen Sinn, doch etwas sagt mir, dass da noch mehr dahintersteckt. Vielleicht ist es sein leicht schroffer Tonfall. Vielleicht ist es die Art, wie er mich ansieht.

»Trink aus.«

Seine Fingerspitzen berühren meine auf dem Glas und schieben es behutsam an meine Lippen. Dann beobachtet er, wie ich langsam die Flüssigkeit in meinen Mund kippe. Ich bin in einem gewaltigen Zwiespalt gefangen.

Ich will ihn.

Zum ersten Mal in meinem Leben will ich einen Mann richtig. Ich fühle … etwas.

»Was machst du so, Jack?« Ich folge meinem Instinkt, mehr über diesen Mann zu erfahren, der mich völlig aus der Bahn wirft.

»Ich habe viele Talente.«

Ich unterdrücke ein Grinsen. »Zum Beispiel?«

»Ach, die Liste ist unendlich. Wie viel Zeit hast du?«

Alle! Rasch bringe ich meinen Verstand wieder in die Spur. Ernsthaft, Annie? Reiß dich zusammen! »Du bist süß«, scherze ich und beiße mir sofort auf die Zunge, weil es eine blöde Antwort ist. Jack ist alles andere als süß. Er ist groß, gut gebaut, ein Prachtexemplar von einem Mann.

Für einen flüchtigen Moment sieht er weg und lacht leise. »Du bist selbst ziemlich süß.« Nun schaut er mich wieder an, und seine Augen blitzen wie verrückt. »Wie kommt es, dass du Single bist?«

Dieselbe Frage sollte ich ihm stellen. »Weil ich es sein will. Weil Beziehungen harte Arbeit erfordern, und die investiere ich lieber in anderes.«

Nickend blickt er mir tief in die Augen. »In dich?«

»Ja«, antworte ich ehrlich, obwohl es egoistisch klingt. Vielleicht wird sich meine Einstellung eines Tages ändern, wenn der richtige Mann aufkreuzt. Wer weiß? Doch in meiner jetzigen Lebensphase gibt es keinen Mann, und ich bin recht zufrieden so. »Ich habe mir ein Versprechen gegeben, und das will ich halten.«

Er holt tief Luft und spielt am Etikett seiner Bierflasche herum. »Ich bewundere dich. Dir ist dein eigenes Glück wichtig, und du bist eindeutig glücklich.«

Ich lehne mich ein wenig zurück und betrachte ihn. »Bist du es nicht?«

»Jetzt gerade bin ich wahnsinnig glücklich.«

Ich lächle, und frech grinsend legt Jack eine Hand auf mein Knie und drückt es sanft. Mein Lächeln erstirbt für eine Sekunde, und mein Blick gleitet zu seiner Hand, die meine nackte Haut berührt. Hitze breitet sich in mir aus, winzige Sprünge in einer Glasscheibe, die jeden Moment birst, und die Flüssigkeit in meinem Glas schwappt bedenklich an den Seiten hoch. Ich zittere so schlimm, dass ich meinen Drink hinstellen und das Glas festhalten muss, um das zu überspielen.

Ich sehe zu Jack und stelle fest, dass sein Grinsen verschwunden ist, alle Amüsiertheit ist fort. Langsam nimmt er die Hand von meinem Bein. Gütiger Himmel! Meine Welt ist aus den Fugen geraten, als er seine Hand auf mir hatte. In den wenigen sagenhaften Sekunden vergaß ich meinen Namen, meinen Job, meine Ziele. Plötzlich war Jack mein einziger innerer Antrieb – ihn zu berühren, mit ihm zu reden, ihm zuzuhören. Dieser Fremde hat mich aus meiner Realität geholt und mich woanders hinkatapultiert. Wo ich abgelenkt und eingenommen werde.

Vollständig eingenommen. Noch nie hat mich irgendwas vollkommen gefangen genommen, abgesehen von der Arbeit. Ich habe erst wenige Minuten mit Jack verbracht, und schon jetzt bin ich süchtig nach der Intensität, die er ausstrahlt. Das ist mir fremd … und es ist beängstigend. Es hat mich völlig unvorbereitet erwischt.

Mein Herzschlag setzt wieder ein, und ich hole mich zurück ins Leben. Mein Leben. Mein wahres Leben. »Es war nett, mit dir zu reden, Jack. Nun muss ich wirklich gehen.« Ich gleite vom Barhocker. Ich muss weg von ihm, denn mein Verstand ist ein einziges Chaos, und es macht mir Angst, wie ich auf ihn reagiere. Höflich reiche ich ihm die Hand.

Er nickt verständnisvoll. »Fraglos die klügste Entscheidung, die du für uns beide triffst.«

Er ergreift meine Hand, und ich schwöre, dass in meinem Inneren Explosionen stattfinden. Von der doofen Art, wie Leute sie in Büchern beschreiben und bei denen man die Augen verdreht, weil es so lächerlich ist, zu glauben, dass zwei Menschen solch eine starke Verbindung haben können. Überrumpelt sind.

»Hier.« Er öffnet meine Finger und legt mir etwas auf die Handfläche. »Eine Erinnerung an mich.«

Ich blicke hinunter und sehe, dass es der Kronkorken der Budweiser-Flasche ist. »Warum sollte ich mich an dich erinnern wollen?«, frage ich und schaue ihn an.

»Weil dieser Abend in die Geschichte eingehen wird.« Lächelnd schließt er meine Hand zu einer Faust, sodass der Kronkorken fest darin liegt.

Er hat recht. Es ist ausgeschlossen, dass ich diese Begegnung mit Jack jemals vergessen werde. »Und was hast du, um dich an mich zu erinnern?«

Er streicht sachte mit einem Finger über meine Wange, was sämtliche klaren Gedanken in meinem Hirn ausradiert.

»Ich habe das«, murmelt er und tippt sich an die Schläfe. »Hier gespeichert.«

Meine Knie werden weich, mein Blut scheint sich in flüssige Lava zu verwandeln. Ich brauche keinen Kronkorken als Erinnerung, denn auch ich habe sein Gesicht sicher in meinem Kopf abgespeichert. Jack beugt sich zu mir und hält mich an den Oberarmen fest. Als seine Brust meine berührt, geben meine Knie tatsächlich nach, und ich wimmere, während meine Stirn an seine Schulter sinkt. Oh mein Gott, wer ist dieser Mann?

Seine Lippen sind an meinem rechten Ohr, und einige unglaubliche Momente lang atmet er dort nur, dann sagt er: »Sollte ich dich jemals wiedersehen, Annie, kann ich nicht versprechen, das zu tun, was das Beste wäre, und weggehen.«

Er weicht zurück und geht, wobei er seinem Freund, einem hellhaarigen Mann, ein Zeichen gibt, ihm zu folgen. Im Vorbeigehen wirft er mir einen fragenden Blick zu, nimmt meine offensichtliche Verfassung wahr. Die welche ist? Vom Donner gerührt. Anders lässt es sich nicht beschreiben. Ich fühle mich, als wäre ich ohne Vorwarnung von der Seite gerammt worden, sodass es mir den Atem raubte.

Meine Lunge beginnt zu brennen, und mir wird klar, dass ich den Atem angehalten habe. Nun hole ich so schnell und so tief Luft, dass mir schwindlig wird und ich mich am Tresen festhalten muss.

»Hey, alles in Ordnung?«

Lizzy taucht neben mir auf, ihr Blick gleitet zwischen mir und Jack hin und her, der die Bar verlässt.

»Ja«, quieke ich und beginne zu zittern, eine Nachwirkung meiner Begegnung mit dem bestaussehenden, intensivsten Mann, der mir je über den Weg gelaufen ist.

»Tja, war das nicht der knackigste Hintern aller Zeiten?« Lizzy grinst, dann verzieht sie fragend das Gesicht und sieht mich schließlich besorgt an. »Hey, geht es dir wirklich gut?«

Himmel, ich muss zu mir kommen! »Ja, bestens.« Ich zwinge mich zurück in die Gegenwart, nehme mein Wasser und trinke es mit wenigen langen Schlucken aus.

»Und wo ist er hin?«, fragt sie.

»Er war ein eingebildeter Idiot«, murmele ich abfällig, was eine unfassbare Lüge ist. Aber anders geht es nicht. Würde ich Lizzy verraten, dass ich von oben bis unten vor Verlangen gebrannt habe, und das nicht nur jedes Mal, wenn Jack mich berührte, sondern auch bei jedem einzelnen seiner Worte, wäre das ein Fehler.

»Er hätte die Trostnummer sein können, die ich brauche«, entgegnet Lizzy betrübt seufzend.

»Das ist nicht dein Ernst.«

»Doch, ist es. Was für eine Verschwendung. Du wirst es bereuen.«

»Kann sein.« Ich blicke zum Eingang, da ist jedoch keine Spur mehr von ihm. Er ist fort, und ich begreife nicht, wieso ich deshalb so niedergeschlagen bin. »Aber bei dir ist alles gut?«, lenke ich sie ab, was vernünftig ist. Ich muss vergessen, dass es die letzte halbe Stunde gegeben hat.

Die beste Entscheidung, die ich jemals getroffen habe? Was, wegzugehen? Und was meinte er damit, für uns beide?

»Absolut glänzend«, antwortet Lizzy, nimmt meinen Arm und zieht mich mit sich.

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