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Brasilien

Als Buch hier erhältlich:

Brasilien ist riesig, reich und will die neue Supermacht sein. Der Reporter und Wahlbrasilianer Ruedi Leuthold reist durch das gewaltige Land mit seinen unterschiedlichen Geschwindigkeiten und unglaublichen Widersprüchen, und er versucht der rätselhaften Kraft auf die Spur zu kommen, die das Land und seine Menschen zusammenhält. Er interviewt die Megareichen und die Mittellosen und erlebt den entspannten Umgang mit einer unmöglichen Welt. Armut und Korruption gibt es immer noch, am Ende befindet Leuthold jedoch, dass westliche Kategorien wenig dazu taugen, Brasilianer und ihre ansteckende Lebenslust zu verstehen. Ein Erlebnisbericht über ein staunenswertes Land und den Alltag seiner heterogenen Gesellschaft.
  • Erscheinungstag: 30.09.2013
  • ISBN/Artikelnummer: 9783312005796

Leseprobe

Socorro und das Prinzip
der brasilianischen Politik

Es ist früher Morgen, ein Wolkendeckel hockt über dem flachen Land aus Wasser und Wald, darüber die aufgehende Sonne in Rot. Ein Elf-PS-Motor hält Joaquims Kahn gegen die aufkommende Flut auf Kurs. Der Fischer sitzt auf einem Aufbau im Bug, er hat das Steuerseil um den Bauch gebunden, gleicht geduldig die Bewegungen seines Gefährts aus. Es wirkt, als würde er selbst, angeschirrt wie ein Ochse vor dem Pflug, das Boot vorwärtsschleppen. Maria de Socorro, seine Tochter, hat auf einer windgeschützten Bank hinter ihm Platz genommen. Manchmal reicht sie dem Vater Wasser oder einen Schluck Kaffee. Ihr linkes Auge tränt.

Joaquim ist Fischer im Mündungsgebiet des Amazonas, und in dem riesigen Wassergebiet kennt er fast jede Insel. Das Becken sammelt ein Drittel allen Regenwassers der Erde, mit dem Fluss kommt fruchtbarer Schlamm aus den Anden, der sich an den Ufern ablagert, und deshalb lassen sich die Menschen hier nieder, nah der Schöpfung, weit weg von einem barmherzigen Gott.

Und noch weiter weg von Brasília.

Seine Tochter, die er auf den Namen Maria de Socorro getauft hat, war schon einmal in Brasília. Dort saß sie im Büro des Staatspräsidenten.

Brasilien, heißt es, sei nichts für Anfänger. Socorro ist keine Anfängerin, obwohl sie weder lesen noch schreiben kann. Auch der Präsident, bei dem sie im Büro saß, besuchte die Schule bloß vier Jahre lang. Auch er machte sich auf der Straße schlau. Socorro ist eine Fortgeschrittene. Seit sie in Brasília war und im Büro des Präsidenten saß, weiß sie, wie ihr Land funktioniert.

Ihr Vater Joaquim weiß, wie man überlebt. Auch er ging nie zur Schule. Arbeitete, bis er sich ein eigenes Boot kaufen konnte. Mit sechzehn begann er, die Fischgründe und Wasserwege zu erkunden. Reiste tagelang flussaufwärts bis nach Manaus, abwärts bis zu den Inseln von Bailique, nahe der Mündung in den Atlantik. Einmal fing er einen achtzig Kilogramm schweren Wels, und als er vierundzwanzig war, nahm er sich eine Frau. Er fand sie auf der Ilha Rasa, einem kleinen Eiland im Archipel der großen Flussinseln Marajó. Maria das Graças war vierzehn, ihre Familie war gegen die Verbindung, weil Joaquim gern dem Schnaps zusprach. Der Fischer entführte das Mädchen, und als aus Gründen der Vernunft niemand mehr etwas dagegen haben konnte, kehrten sie zurück. Dem ersten Kind folgten sieben weitere, und Joaquim hörte auf zu saufen. Er ist ein verantwortungsbewusster Vater und Ehemann. Maria Socorro ist ihr drittes Kind, als einziges hatte es helle Haare, die lang und länger wurden. Ihre vielen Tanten ließen nicht zu, dass Socorros blondes Haar je geschnitten wurde. Jeden Sonntag kämmten sie es und erfanden neue Frisuren für ihre Prinzessin.

Joaquim sitzt stumm auf seinem Bock. Sein Boot ist alt und lottrig, der Teer, der die Spalten stopft, ist nicht mehr dicht, Joaquim fürchtet, dass es den nächsten großen Sturm nicht überdauern wird.

Wasser und Himmel. Am Horizont, im Gegenlicht, ein dünner schwarzer Streifen, der unendliche Wald. Für die Forscher ist Amazonien der letzte weiße Fleck auf der Landkarte. Die höchsten Bäume wachsen zwanzig Stockwerke hoch. Das Dach des Urwalds ist so unerforscht wie die Urtiefe der Weltmeere. Im Mikroklima der Obergeschosse gedeihen Bromelien, Orchideen, Kakteen und Farne, die noch keine Namen haben. Hier leben Affen, Vögel, Schlangen und Ratten, die nie bis zum Boden kommen, Flechten, Pilze und Tausende von Kleinstlebewesen. Fällt ein Urwaldriese, über Hunderte von Jahren gewachsen, einige hundert Tonnen schwer, so stirbt ein Universum, das noch kaum erforscht ist.

Amazonien beherbergt ein Viertel aller Lebewesen des Planeten; und seine Biodiversität ist längst nicht ausgemessen; Botaniker fanden auf einem einzigen Hektar mehr unterschiedliche Pflanzen als in ganz Europa, und auf einem einzigen Baum zählten Insektenforscher achtzig Ameisenarten, doppelt so viele wie auf allen britannischen Inseln zusammen. Aber von Joaquims Boot aus wirkt alles etwas eintönig und langweilig, und wenn diese Einöde aus Wald und Wasser und verborgenen Sandbänken die Vision des Paradieses ist, dann meint man den Sündenfall schon etwas besser zu verstehen.

Denn das Land, das mit 3,9 Millionen Quadratkilometern weltweit die größte Fläche an Tropenwäldern besitzt, ist auch Weltmeister im Abholzen, täglich gehen im Schnitt vierzig Quadratkilometer Regenwald verloren.

Was macht dich traurig, Joaquim?, frage ich den Mann mit dem Steuerseil um den Bauch. Joaquim ist dreiundsechzig, kräftig und hager, die Haare militärisch kurz. Der mächtige Schädel und seine braune Lederhaut lassen ihn unerschütterlich erscheinen.

Aber jetzt beben seine Schultern, er beugt den Kopf zum Herzen, und Tränen tropfen auf das schwarz-rosa Leibchen, das ihm seine Frau aus einer Kleidersammlung nach Hause gebracht hat.

Seine Tochter Socorro reicht ein Tüchlein nach vorn.

Am Horizont kreuzen zwei riesige Containerschiffe, vollbeladen vielleicht mit Soja, mit Fleisch, mit Orangen, auf dem Weg nach China, Nordamerika, Europa. In der globalisierten Wirtschaft deckt Brasilien den Tisch der Welt.

«Auf der Insel», sagt Joaquim. «Wenn wir auf der Insel sind, werde ich dir erzählen, wie ich von einem wohlhabenden zu einem armen Mann wurde.»

Ich bin kein Anfänger in Brasilien. 1978 kam ich zum ersten Mal ins Land, dann lebte ich längere Zeit in Peru, danach wieder in der Schweiz, seit einigen Jahren in Brasilien. Aber ich bin kein Eingeweihter.

Zum Eingeweihten wird man, indem man eine Brasilianerin heiratet. Die Frauen hüten die Geheimnisse ihres Landes, und sie halten es zusammen. Das tun sie nicht immer mit diesem verheißungsvollen Lächeln, das den Fremden bezaubert, und sie brauchen dazu auch nicht immer diese sanften, Poeten wie Architekten faszinierenden Rundungen. Sie brauchen ihren Kopf, und der weiß genau, was er will und wohin. Ein Fremder, der in Brasilien nicht weiß, woher er kommt und wohin er will, kann sich rasch verlieren.

Es gibt einen noch härteren Weg, um in Brasilien zu einem Eingeweihten zu werden: Geschäfte machen. Das Hindernis besteht nicht bloß in der Bürokratie, die immer wieder für ein Magengeschwür gut ist. In Brasilien muss ein mittleres Unternehmen 2600 Stunden einsetzen, um seine Steuerformalitäten zu erledigen. In der Schweiz sind es sechzig Stunden. Das Problem liegt tiefer. Brasilien wurde, wie die umliegenden Länder, von Abenteurern entdeckt, von Ausbeutern und Sklaventreibern kolonisiert und von einer hochmütigen Verwaltung kontrolliert. Nur hat hier, im Unterschied zu den Nachbarländern, nie ein Befreiungskampf oder ein Unabhängigkeitskrieg stattgefunden. Es hat nie eine Revolution gegeben, keine Aufklärung hat das Land erreicht, und keine 68er-Bewegung hat den Popanz der selbstherrlichen Bürokratie hinweggefegt. Die alten Mentalitäten leben weiter, nicht immer sehr raffiniert verborgen unter dem breiten Mantel der Demokratie. Ein unsichtbares Band hält die dominierenden Kräfte dieser Gesellschaft zusammen, gestrickt aus Gewalt und Schuld, und wer dazugehören will, muss einen Eintrittspreis bezahlen. Schmiergeld hinterlegen, Beamte bestechen, Schutzgeld entrichten – ein mafiöses Ritual, ungeschriebenes und doch eisernes Gesetz, fordert es den Ankömmling heraus, sich die Hände schmutzig und damit zum Komplizen zu machen. Auf die eine oder andere Art.

Einen Toten, scherzen die Viehzüchter und Sojapflanzer in Amazonien, dem Wilden Westen Brasiliens, einen Toten hat jeder zugute.

Aber natürlich kann man in Brasilien auch Geschäfte machen, ohne jemanden umzubringen. Dann sollte man gute Freunde haben, viel Geld und Gottvertrauen. Oder das Glück, auf einer Insel der Modernität zu landen, in einer Oase der Exzellenz. Auch das gibt es, in der Verwaltung, in der Privatwirtschaft, in der Forschung.

Brasilien ist ein Land von der Größe eines Kontinents mit zweihundert Millionen Einwohnern, und es gibt wenige Behauptungen über das Land, deren Gegenteil nicht genauso zutreffend ist.

Ich bin unterwegs mit dem Vorsatz, dieses unsichtbare Band zu erfassen, den Geist, der das Land mit all seinen Widersprüchen zusammenhält. Ich bin kein Eingeweihter. Ich schaue bloß zu und denke mir meinen Teil, und das alles mit einem zusätzlichen Handicap.

Als Schweizer habe ich gelernt, was Demokratie ist. In einer Demokratie bestimmt die Mehrheit, was gemacht wird, jeder respektiert die demokratischen Institutionen, nur wenige nützen sie zum eigenen Vorteil aus. Das wusste ich, bevor ich lesen und schreiben konnte, und im großen Ganzen hat es sich in der Folge bestätigt: Ein verlässlicher Staat und vorzügliche Schulen schaffen Chancengleichheit und ermöglichen wirtschaftliche Prosperität – besonders in Ländern, die mit Rohstoffen nicht gesegnet sind.

Brasilien ist ein unglaublich reiches, mit Rohstoffen gesegnetes Land – und vom Idealzustand der Demokratie etwa so weit entfernt wie ein Bordell vom Kloster. Seltsam nur, dass sich die meisten Menschen darin glücklich fühlen. Auf dieser Reise, vom Amazonas hinunter in den Süden, möchte ich herausfinden, woraus dieses Glück besteht. Und ich möchte mir auch ein Stück davon abschneiden. Es kann doch nicht sein, dass die ganze Welt hier Feste feiert und ich der Einzige bin, der Magenkrämpfe bekommt, wenn er sich, nur als Beispiel, das brasilianische Schulsystem vor Augen führt: Gemäß den Pisa-Studien ist die brasilianische Volksschule schlecht; in Mathematik erreichten die Schüler den dreiundfünfzigsten Platz bei siebenundfünfzig teilnehmenden Ländern. Deshalb schicken reiche Brasilianer ihre Kinder in Privatschulen. Damit haben sie alle Chancen, die Eintrittsprüfungen in eine staatliche Universität zu bestehen. Die staatlichen Universitäten sind gut, und sie sind gratis. So bewahrt sich die Elite ihre Privilegien, während sich die Kinder aus schwachen sozialen Schichten nach Besuch der öffentlichen Grundschule in schlechte und teure Privatuniversitäten einschreiben müssen.

Das Problem ist längst erkannt, und brasilianische Publizisten haben es auch schon viel schärfer auf den Punkt gebracht. Nur können sie offenbar auch gut damit leben, dass sich nichts verändert.

Vor jeder Wahl versprechen die Politiker eine Reform, die bis jetzt nie stattgefunden hat. Seit rund zehn Jahren ist die Linke an der Macht, zuerst mit Präsident Lula da Silva, dann mit der von ihm bestimmten Nachfolgerin Dilma Rousseff. Beide haben, außer einigen kosmetischen Veränderungen, nichts getan, um die Misere zu beheben, die nicht nur einem großen Teil der Jugend das Recht auf Bildung beschränkt, sondern die ganze zukünftige Entwicklung des Landes behindert.

Warum? Vielleicht, weil sie nicht können. Weil die konservativen Kräfte zu stark sind und keine grundlegenden Reformen zulassen. Vielleicht, weil sie zu bequem wurden. Weil sie zu sehr verliebt sind in die Macht, die ihnen vorenthalten war über viele Jahre, und weil sie vergessen haben, wofür sie antraten. Vielleicht auch, weil die Kultur des Jeitinho zu stark verankert ist in der nationalen Identität, und weil darin radikale Veränderungen nicht vorgesehen sind. O Jeitinho bezeichnet die Kunst, sich mit einem Trick aus einer selbstverschuldeten Notlage zu befreien. Es ist die Kunst, die eigene Haut zu retten, ohne das Gesicht zu verlieren. Es ist die brasilianische Art, einen Kompromiss zu schließen zwischen kühnen Träumen von einer besseren Welt und den traurigen Umständen, die sie zur Hölle machen.

Es wird nirgendwo so viel geträumt wie in Brasilien. Deshalb gibt es so viele Kirchen und Lotteriebuden. Die Brasilianer messen sich an ihren Träumen, nicht an deren Scheitern. Deshalb verkünden die politischen Parteien keine Programme, nur Versprechen. Die schönsten Träume werden zu Liedern. Brasilien ist ein sehr musikalisches Land, seine Bewohner sind jederzeit bereit, mit einem Lied in den Himmel der schönen Hoffnungen zu entschweben. Denn auch die Hölle ist ganz nah.

Es ist Mittag, als wir Ilha Rasa erreichen, die flache Insel, und Joaquim sein altes Boot ankert. Die Insel misst 2757 Hektar, ein paar Baumstämme, ins trübe Wasser gelegt, führen an Land. Die Bewohner, ein paar Hundert, sind alle verwandt miteinander, sagt Socorro. Sie lacht, klettert rasch über die Stege und Brücken ihrer Kindheit. Ihr Großvater, zweiundachtzig, kam auf der Insel zur Welt, seine Nachkommenschaft zählt vierzehn Kinder, vierundfünfzig Enkel und vierundzwanzig Urenkel. Die Verwandten wohnen in einfachen Hütten mit Dächern aus Palmblättern, sie kochen über einem Holzfeuer, schlafen in Hängematten. Auch Socorro, die in der Stadt wohnt, hat sich bis heute nicht daran gewöhnt, in einem Bett zu schlafen. Sie umarmt ihre Tanten, die ihr jeden Sonntag die Haare kämmten.

Wenn der Motor eines Flugzeugs die Geräusche des Waldes übertönte, rannten sie zum Fußballplatz und winkten zum Himmel. Es ist Mai, die Regenzeit in den Anden vorbei, das Wasser hat das Amazonasdelta erreicht, und vom Fußballfeld sieht man jetzt nur die Querlatten der Tore. «Bist du es, Socorro?», fragt der Großvater, fast blind geworden, seit ihn vor wenigen Jahren ein Skorpion stach. «Warst du wieder in Brasília?» – «Nein», antwortet sie, «der Kampf ist gewonnen. Ich muss mich nicht mehr verstecken.» Der Großvater sitzt auf einer Bank, helles Licht blitzt durch die Ritzen zwischen den Brettern, die ihn vor Sturm und Wetter schützen. «Ein gutes Kind», sagt er. «Sie war immer ein gutes Kind.» Joaquim, der hier seine Frau raubte vor vielen Jahren, setzt sich zu ihm, und dann erzählt er, wie er von einem wohlhabenden zu einem armen Mann wurde.

Es war der 21. August 1988, und das Boot, das er damals besaß, trug den Namen José Luis. Joaquim hatte es erst kurz zuvor gekauft. Wie alle Boote, die sich in den flachen Gewässern des Archipels bewegen, befand sich der Motor im Innern des Bootes, eine zwei Meter lange Achse, 2300 Umdrehungen pro Minute, führte zur Schiffsschraube. Joaquim war ein erfahrener und vorsichtiger Fischer, und deshalb hatte er hölzerne Latten über die Antriebsvorrichtung gelegt. Er dachte daran, einen neuen Motor zu kaufen für sein zweites Boot, und deshalb wollte er jede Stunde für die Fischerei nutzen. Seine Frau kam mit und die drei ältesten Kinder, die er nicht unbeaufsichtigt zurücklassen wollte. Am frühen Abend fuhren sie hinaus zu einer unbewohnten Insel, Ilha dos Bichos. Die ganze Nacht lang schleppten sie das Netz die Küste entlang, Joaquim vom Boot aus, seine Frau vom Strand, sie fingen Trommlerfische, ein paar Raubwelse und eine schöne Anzahl Flusskrebse. Als sie morgens um sechs Uhr zum Lager zurückkamen, hatten die Kinder auf einem mächtigen Baumast schon ein Feuerchen entfacht und Kaffee zubereitet. Als sie endlich abfuhren, hüllte sich die Mutter in ein Leintuch und legte sich schlafen. Joaquim verstaute seinen Fang, die Kinder saßen vorn und bedienten das Steuerseil. Socorro stand auf. «Ich seh mal nach, ob Wasser im Boot ist.» – «Nein», sagte ihre ältere Schwester, «ich hab schon Wasser geschöpft.» Aber Socorro, die Kleinste, siebenjährig, wollte sich nützlich machen. Sie kletterte nach hinten, hob die Latten, und heute, vierundzwanzig Jahre später, erinnert sie sich nur noch daran, dass ein Windstoß in die Haare fuhr und diese vornüber fielen.

Als Joaquim aufsah, waren die Bootswände voller Blut, und das Haar und die Kopfhaut seines Kindes drehten in der Achse des Motors. Socorro kam erst wieder zu sich, als sie zurück auf ihrer Insel waren. Im Spital in Belém nahmen ihr die Ärzte Haut von den Oberschenkeln und spannten sie über Socorros Schädel, wo die Kopfhaut von der Nasenwurzel bis zum Nacken weggerissen war. Monate vergingen, die Wunde heilte nicht. Die Mutter harrte bei ihr aus, schlief auf dem Fußboden neben dem Spitalbett, bis ihr eine mitleidige Besucherin eine Matratze brachte. Auf der Insel erhielt Joaquim alle paar Wochen einen Anruf, das Geld sei alle. Zuerst verkaufte er seine Schweine, dann einen Motor, dann das Boot, den Kühlschrank, und so wurde er von einem wohlhabenden zu einem armen Mann. Nach anderthalb Jahren im Spital packte die Mutter ihr Kind und nahm es nach Hause. Innert weniger Wochen, warnten die Ärzte, werde es an einer Infektion sterben. Aber Maria das Graças war im Dschungel aufgewachsen und kannte seine Geheimnisse. Sie schickte ihren Mann, die Rinde vom Stamm des Pracuúba zu holen, einem Mahagonigehölz, frisches Holz vom Mombinpflaumen- und anderes vom Leopardenbaum. Die Mutter raffelte die Stücke, drei Mal täglich beträufelte sie Socorros Kopf mit dem Saft, den sie daraus presste, und nach wenigen Monaten war die Wunde verheilt. Weil das Kind weitere Pflege brauchte, tauschte die Familie das Haus auf der Insel gegen eine Hütte in einem Elendsviertel der Stadt Macapá im Mündungsgebiet des Amazonas.

Der Amazonas.

Nach neusten Messungen der längste Fluss der Welt. Seine entfernteste Quelle befindet sich in Yarupa, den eisigen Höhen der peruanischen Anden. Er beginnt als Bach mit dem Namen Huarco, wechselt einige Male den Namen, Rio Toto, Apurimac, Ene, Tambo, Ucayali, heißt Solimoes und wird nach dem Zusammenfluss mit dem Rio Negro auf der Höhe von Manaus zu diesem Fluss, der täglich so viel Wasser in den Ozean ergießt wie die Themse in einem Jahr.

Die Regenzeit ist noch nicht vorbei, am Himmel bekriegen sich Geschwader von dunklen Wolken. Wir verlassen die flache Insel, bevor die Flut wieder steigt. Auf seinen letzten 1500 Kilometern beträgt das Gefälle des Amazonas nur noch fünfzehn Meter, trotzdem beschleunigt die Strömung das alte Boot des Fischers beträchtlich.

Joaquim sitzt auf seinem Bock, Steuerseil um den Bauch, und achtet auf im Wasser treibende Äste und Baumstämme. Socorro erzählt. Manchmal stockt sie. Manchmal schweigt sie und schaut ins vorbeifließende Wasser. Ihr linkes Auge tränt. Beim Unfall, durch den sie Kopfhaut, Ohrmuscheln und Augenbrauen verlor, verletzte sich auch der Tränenkanal.

«Niemand kann nachfühlen, was es bedeutet, eine skalpierte Frau zu sein. Aber ich habe meine Identität, ich habe meinen Charakter, und wer glaubt, ich hätte mit der Kopfhaut auch mein Gehirn verloren, der täuscht sich. Zwar kann ich weder lesen noch schreiben, daraus mache ich kein Geheimnis, aber Angst habe ich keine. Auch nicht davor, in den Spiegel zu schauen. Das war einmal anders. Das war damals, als ich lernte, wie man aus einem Eisenrohr, etwas Holz und einem Stück Reifengummi eine Waffe bastelt, als Schrot benützten wir die Kettenteile gestohlener Fahrräder. Ich habe das Schießzeug hergestellt, auch Molotowcocktails, nur geschossen habe ich nie. Das machten die Jungs der Gangs untereinander aus. Aber ich habe das Schlechte gesehen auf dieser Welt, Drogen, viele Drogen, Gewalt, Prostitution, alles habe ich gesehen, und das war gut so. Das gab mir die Gelegenheit zu wählen. Ich entschied mich für den anderen Weg. Es geschah aus Verzweiflung damals, dass ich von Zuhause weglief und mich dieser Jugendgang anschloss, es war Verzweiflung, Depression, die Angst, dass mich nie jemand gern haben würde mit dieser Lederhaut auf dem Kopf und dem entstellten Gesicht. Damals war ich zwölf.

Jetzt bin ich dreißig, ich habe vier Kinder, Tiana, die Älteste, ist fünfzehn. Als ich in ihrem Alter war, ging ich nie zur Kirche. Dort war ich die Einzige, die den Hut aufbehielt, und deshalb schämte ich mich. In der Schule zerrten mir die Kinder den Hut vom Kopf. Deshalb ging ich nicht mehr zur Schule. Ich arbeitete als Haushaltshilfe, und dass ich schwanger wurde, war ein Unfall. Eigentlich eine Vergewaltigung. Der Mann, bei dem ich gearbeitet hatte, ließ mir ausrichten, er bringe mich um, wenn ich Anzeige erstatte. Deshalb sagte ich nichts. Bis heute kann ich an keiner Schule vorbeigehen. Ich muss weinen, wenn die Kinder stehen bleiben und mich anstarren. Das ist, glaube ich, das einzige Trauma, das mir geblieben ist. Sonst habe ich ein gutes Bewusstsein, und wenn man ein gutes Bewusstsein hat, schläft man gut und kann auch viel lachen.

Als ich Kind war, wollte ich Fischer werden wie mein Vater. Dann, als ich selber Kinder hatte, wünschte ich, sie könnten so stolz auf ihre Mutter sein, wie ich es auf meinen Vater war. Aber da gab es nichts, worauf sie stolz sein konnten. Ich verließ kaum das Haus. Wenn ich mit jemandem sprach, senkte ich den Kopf, wagte es nicht, einem andern in die Augen zu sehen. Der Spiegel war mein Feind, und ich dachte daran, mich umzubringen. Der Gedanke an die Kinder half mir, diesem schwarzen Loch zu entkommen. Ich wollte eine Mutter sein, auf die sie stolz sein konnten. Noch dachte ich, ich sei die Einzige mit diesem Problem. Ich wusste nicht, dass hier in Amazonien jedes Jahr zwanzig bis dreißig Mädchen und Frauen bei einem Bootsunfall skalpiert werden. Genaues weiß man nicht. Weil sich die Opfer verstecken. Und weil, wenn ein Kind stirbt, als Todesursache häufig bloß ‹Blutverlust› notiert wird. Deshalb gibt es keine Statistiken, aber bestimmt gibt es weit über tausend Opfer, und ohne den Kampf, den wir begonnen haben, gäbe es noch viel mehr. Mit eindundzwanzig lernte ich meinen Mann kennen. Er ist vierunddreißig Jahre älter als ich, und er machte mir Mut, unter die Leute zu gehen.

2006 lernte ich Reinilda kennen. Ihr Unfall passierte, als sie zwanzig war. Sie wollte Wasser schöpfen, und als sie im Boot den Kessel suchte, stolperte sie, und ihr Haar geriet in die Achse. Nach der Entlassung aus dem Spital suchte sie mich auf. Reinilda hatte mich einige Mal auf dem Markt gesehen, und jedes Mal hatte sie gedacht, mein Gott, wie hässlich ist die. Aber nun, da ihr das Gleiche passiert war, kam sie zu mir, und sie fragte: ‹Socorro, wie ist es, ohne Haare zu leben?› Ich klärte sie über alles auf. Über die Vorurteile, den Spott der Kinder, und dass niemand uns Arbeit gibt, weil die Leute unseren Anblick nicht ertragen. ‹Aber die schrecklichsten Vorurteile›, sagte ich ihr, ‹die haben wir selber. Die sitzen in uns. Die müssen wir besiegen. Wir müssen stark sein und die Schatten verjagen. Wir sind gezeichnet, aber wer weiß, vielleicht geschah alles nicht umsonst. Vielleicht geschah es, damit wir bessere Menschen werden. Dem Leben einen Wert geben. Nicht gleichgültig bleiben gegenüber dem Leid der anderen.› Die Freundschaft mit Reinilda hat mich stark gemacht; ich war nicht mehr allein. Durch eine Psychologin, die eine Doktorarbeit über skalpierte Frauen schrieb, lernte ich weitere Opfer kennen. Wir trafen uns, 2007, und ich sagte: ‹Wir müssen eine Genossenschaft bilden und für unsere Rechte kämpfen.› Jemand kannte einen Anwalt, und der sagte: ‹Genossenschaften sind für Leute, die ihre Arbeit organisieren wollen. Ihr braucht eine Vereinigung.› Wir hatten von nichts eine Ahnung. Aber wir gründeten die Vereinigung. Die Psychologin schrieb, dass jedes Opfer lange wie in einem Schockzustand lebe und Schwierigkeiten habe, den Körper zu akzeptieren. Wir träumten davon, unsere Haare wieder zu haben. Aber davon sprachen wir nicht an unseren Versammlungen. Wir wollten, dass man uns so akzeptiert, wie wir sind. Und dass man uns schließlich hörte, haben wir dem Mut unserer Freundin Trindade zu verdanken. Ihrem Mut und ihrer Wut, die sie mit sich trug bis zum Tag, da sie am Frauenkongress auf den Tisch kletterte und sich die Perücke vom Kopf riss. Bis heute zittern mir die Knie, wenn ich daran denke.»

Jetzt schweigt die Frau lange, starrt ins Nichts, und plötzlich lacht sie: «Warte, bis du Trindade kennenlernst.»

Das Boot gleitet an grünem Ufer vorbei auf diesem Fluss, der so viele Träume transportiert, kleine und große.

Die Verheißung von Gold und Edelsteinen zog holländische, französische, englische und portugiesische Eroberer über den Atlantik. Der Traum vom Reichtum erfüllte sich aber erst, als Charles Goodyear eine Methode erfand, Kautschuk, aus Amazonasbäumen gewonnen, in elastischen Gummi zu verwandeln. Doch bald produzierten die Engländer den Kautschuk in ihren asiatischen Kolonien viel billiger als hier; Amazonien ging vergessen. In den 1970er Jahren begann das brasilianische Militär, geblendet vom Traum des Regenwalds als Landreserve und künftige Kornkammer der Menschheit, mit seiner gezielten Erschließung und Besiedlung. Kleinbauern rodeten den Wald, pflanzten Reis und Bohnen an, bis sich der wenig fruchtbare Boden bald erschöpfte. Sie zogen weiter, um dem Wald ein weiteres Stück Land abzugewinnen, hinterließen eine Einöde, auf welche die Viehzüchter ihre Herden trieben.

Und jetzt leben dreiundsiebzig Millionen Rinder und fünfundzwanzig Millionen Menschen im brasilianischen Amazonasgebiet, getrieben und getröstet von ihren Träumen.

Socorro träumt noch immer von langem, wehendem Haar, auch wenn sie weiß, dass sich dieser Traum nie mehr erfüllen wird. Dafür weiß sie jetzt, wie Brasilien funktioniert.

Im alten Boot ihres Vaters, über trübem Gewässer, unter einem von wilden Kräften bewegten Himmel erinnere ich mich an meinen eigenen Traum, damals, als Europas Jugend zur Musik der Beatles und der Stones gegen die Elterngeneration und ihre starren Gebote auf die Straße ging. «Marx! Sartre! Che Guevara!», jubelten meine Freunde. Einige Male nahm ich an verschwörerischen Sitzungen teil, einige Male ging ich mit auf die Straße.

Dann sagte ich: «Pelé!» Das war mein politisches Manifest. Es bedeutete: Irgendwo, weit hinter den sieben Bergen, gibt es ein Land, wo die Leichtigkeit herrscht und das Leben ein Karneval ist.

Und als dann, 1982, das leichteste und fröhlichste Fußballteam aller Zeiten, Brasiliens Mannschaft mit Sócrates, Zico und Falcão, das Finale der Fußball-Weltmeisterschaft gegen Italien verlor, ging eine Welt unter für mich.

Einen Tag lang wollte ich niemanden sehen, allein stieg ich auf den Pilatus, den Hausberg meiner Heimatstadt Luzern, und als ich zurückkam, beschloss ich, dass es Zeit war, meinen Schnauzbart zu rasieren, der mich seit dem ersten Flaum im Gesicht begleitet hatte, und endlich erwachsen zu werden.

Brasilien, so hatte einst der französische Präsident de Gaulle verkündet, sei kein ernsthaftes Land. Jetzt, da ich in Brasilien lebe, weiß ich, dass dies vielleicht das falscheste und unglücklichste Urteil ist, das über Brasilien je gefällt wurde. Es verleitet zur Annahme, das Zusammenleben hier sei eine fröhliche, auch ein bisschen kindliche Veranstaltung. Das Gegenteil ist richtig.

Die Leute, die ihr altes Geld vermehren, verstehen hier keinen Spaß, wenn es darum geht, ererbte Macht und Einfluss zu verteidigen. Auch die Prediger und Politiker, die sich mit den Versprechen auf irdische Reformen und himmlisches Glück profilieren, nehmen sich und ihre Tätigkeit sehr ernst. Andernfalls würde auffallen, dass sie damit bloß ihre eigenen Geschäfte machen. Und die öffentlichen Beamten, die immer noch das ganze überhebliche Machtbewusstsein des kolonialen Verwaltungsapparats zur Schau tragen, kennen keinen Humor, wenn sie den Buchstaben des Gesetzes interpretieren. Auch wenn ihr System vielleicht nur darauf ausgerichtet ist, das Leben der Bürger zu erschweren, um schließlich im Geheimen einen Vorschlag zur Erleichterung anzubieten.

Ein deutscher Reisender, der sich in der damaligen Hauptstadt Rio de Janeiro auch in den örtlichen Bordellen herumtrieb, berichtete, die Huren in Brasilien seien die einzigen auf der Welt, die bei ihrer Arbeit einen Orgasmus hätten. Es würde mich nicht wundern, wenn dem so wäre. Selbst die Dirnen nehmen hier ihr Geschäft ernst, wie ihre Zuhälter auch, und alle anderen Banditen nicht weniger. Und deshalb ist Brasilien nicht unbedingt ein fröhliches Land, auch wenn es immer viel zu lachen gibt.

Für einen Europäer ist das nicht leicht zu verstehen, erst recht nicht, wenn er sein eigenes Land verlassen hat, um einer Depression zu entgehen. Die soziale Übereinkunft in Brasilien will, dass man sich fröhlich zeigt. Es ist unanständig, seine Sorgen zu zeigen. Vielleicht, weil sich davon eh niemand beeindrucken lässt. Vielleicht ist es auch bloß unvorsichtig, eine Schwäche zu offenbaren. Es könnte jemand auf die Idee kommen, sie auszunützen. Die Brasilianer träumen schöner und lügen besser. Das ist gut für die Tourismuswerbung und wirkt sich positiv auf die Volksgesundheit aus.

Drei Mal in Folge ermittelte das Institut Gallup aus einer Reihe von hundertdreiundfünfzig Ländern Brasilien als das Land, in dem die Menschen ihr Glück am höchsten einschätzen. «Dreifacher Weltmeister», jubelten die Zeitungen in einem Land, in dem zehn Prozent der ärmsten mit einem Prozent, zehn Prozent der reichsten Menschen mit fünfundvierzig Prozent am Gesamtkonsum beteiligt sind. Auch das ist ein Nationalsport: die eigene Bedeutung ein bisschen zu überhöhen. Das ist menschlich, aber die Brasilianer sind in dieser Beziehung noch etwas menschlicher als andere. Dieses Verhalten gehört zur Überlebenskunst in einer Demokratie, in der noch das Ideal der Aristokratie vorherrscht. Man arbeitet nicht. Man lässt arbeiten. Es gibt Leute, die befehlen, und die anderen, welche die Befehle ausführen. Und ganz viele, die so tun, als würden sie irgendetwas befehlen. Nur ist es meistens so wie in den vielen Restaurants, wo der Kellner stolz seine umfangreiche Speisekarte bringt und dann jede Bestellung ungerührt mit der Antwort quittiert: «Gibt es heute gerade nicht.» Das ist Brasilien – das meiste auf der Karte gibt es irgendwann schon, nur heute gerade nicht: sozialer Frieden, ein harmonisches Gleichgewicht zwischen den Rassen, tropische Leichtigkeit. Das gibt es auf den ersten Blick und vielleicht wieder auf den vierten oder fünften. Alles ist ein bisschen komplexer und widersprüchlicher, als es scheint.

Es gibt noch die Steinzeit der Urwaldvölker, es gibt noch gesellschaftliche Konventionen aus dem Mittelalter, es gibt das Selbstverständnis der Internetgeneration. Dazwischen bietet das Leben eine Vielzahl von Rollen an, von denen ein Europäer die meisten nur noch aus Büchern kennt. Jeder spielt eine Rolle, alle wissen es, und das schafft, über alle Klassen und Rassen hinweg, eine geheimnisvolle Verbundenheit. Auf dieser großen Bühne wird jede Rolle zelebriert und auch mit einem fast theatralischen Aufwand an Toleranz und Friedfertigkeit respektiert. Damit fühlt sich noch der ärmste Hund als Protagonist seines Lebens, und das macht bestimmt einen Teil seines Glücks aus. Fällt die Maske, bricht der Schein der friedlichen Übereinkunft rasch, und dahinter lauert eine wilde, unberechenbare Gewalt. Und weil auch das zum Schatz der allgemeinen Erfahrungen gehört, ist der optimistisch gereckte Daumen das Erkennungszeichen Brasiliens. Deshalb sind auch gesellschaftliche Anlässe sehr nett und von fast protokollarischer Fröhlichkeit. Man rühmt sich, klopft sich auf die Schulter und versichert sich, dass alles bestens, das Leben wunderbar und Brasilien auf dem besten Weg in eine glorreiche Zukunft sei.

Aber das Land ist riesig, es hat seine eigene Sprache, darin hervorragende Dichter und Sänger, und es kann sich den Luxus einer eigenen Wahrnehmung leisten. Es ist nur immer wieder verwunderlich, wie viele dieses Privileg dazu nutzen, seine Rückständigkeit als Fortschritt zu interpretieren. Fast möchte man annehmen, dies sei ein Merkmal des brasilianischen Nationalismus. Und die, die ihn am lautesten beschwören, sind die, die am meisten von der Rückständigkeit profitieren. Der Europäer ist es gewohnt, das Haar in der Suppe zu suchen. Der Brasilianer fragt sich, wie er aus dem Haar eine Suppe machen kann. Oder wem er das Haar sonst andrehen kann. Er beherrscht die Kunst des positiven Denkens. Aber vielleicht ist es einfacher, positiv zu denken, wenn es schlimmer gar nicht kommen kann.

Ob das so stimmt? Ich hoffe, es auf dieser Reise zu erfahren. Eine Reise vom Norden in den Süden, zurück in die Geschichte, hinein in die Seele Brasiliens. Die Reise beginnt am Amazonas, vielarmig unergründlich, von gegenläufigen Strömungen durchsetzt wie das ganze Land. Jede Wahrheit ist trügerisch. Die Abgrenzungen zwischen Gut und Böse, Richtig und Falsch sind wechselhaft, und deshalb gibt es keine Helden in diesem Land. Es gibt höchstens Schuldige. Schuldige dafür, dass die Träume nie von der Realität eingeholt werden, dass die glorreiche Zukunft nie erreicht wird und das reiche Land nicht längst den gebührenden Platz eingenommen hat unter den führenden Nationen dieser Welt. Schuld sind die Portugiesen, die Schwarzen, die Großgrundbesitzer, die Militärs, der Kapitalismus, die Gewerkschaften. Je nach Gesprächspartner. Brasilien kennt keine Helden, nur Fußballspieler.

Vielleicht ist es aber auch tatsächlich ein glückliches Volk, das ohne Helden auskommt und damit ohne eine exakt bestimmte Identität. Dagegen spricht, dass in diesem Land bei jeder Gelegenheit die Nationalhymne gespielt wird. So viel Lärm erträgt kein gesunder Patriotismus, und deshalb kommt der Verdacht auf, dass die Hymne ans geliebte Vaterland und ans heroische Volk nichts anderes bekundet als die Sehnsucht nach Zusammengehörigkeit, die sich erst noch einstellen muss. Der Mangel hält das Land zusammen, der Mangel an allem, was eine Gesellschaft stark macht: Vertrauen, Bürgersinn, ziviles Engagement. Schuldgefühle und Schuldzuweisungen einigen das Land, Musik und Fußball versüßen die Leere. Aber alle hier sind mit der gleichen Realität der großen Kontraste konfrontiert, der unterschiedlichen Geschwindigkeiten, der unerfüllten Ansprüche, und daraus schöpft sich eine Lebenspraxis, die viel reicher und vielschichtiger ist als ihre gesellschaftliche Organisation. Die brasilianische Lebenskunst offenbart sich im Individuellen. So viele Menschen, denen es gelingt, die unauflösbaren Widersprüche, die unüberbrückbaren Gegensätze, die frohen Lügen, die traurige Realität mit einem frechen Fußtritt herauszufordern – Alchimisten des Alltags, die Verzweiflung in ein Lächeln und Schmerz in eine Hoffnung verwandeln.

Von solchen Leuten will ich lernen. Von ihnen erhoffe ich, mehr über dieses Brasilien zu erfahren, das sich Weltmacht nennt und fast über Nacht zur sechstgrößten Wirtschaft der Welt aufstieg. Laut der offiziellen Arbeitslosenstatistik, von der Regierung sorgfältig nachgeprüft, liegt die Quote seit einiger Zeit bei etwa fünf Prozent. Unterschlagen wird dabei die Anzahl Personen, die nicht in den ordentlichen Arbeitsprozess integriert sind und es nie waren: fünfzig Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung. Die erfinden sich ihre Arbeit.

Der Bundesstaat Amapá umfasst das nördliche Mündungsgebiet des Amazonas, er grenzt an Französisch-Guayana und Surinam. Die Portugiesen nahmen das Gebiet 1638 in Beschlag, und dann vergaßen sie es wieder. Ende des 19. Jahrhunderts wurde dort Gold entdeckt. Erfolgreich verteidigte Brasilien Amapá gegen die Besitzansprüche Frankreichs. 1988 wurde daraus ein eigener Bundesstaat, das Fußballstadion seiner Hauptstadt Macapá liegt genau auf dem Äquator. Die eine Hälfte des Spielfelds liegt auf der nördlichen, die andere auf der südlichen Halbkugel.

Igarapé das Mulheres, Bach der Frauen, heißt das alte Hafenviertel der Stadt am Ufer des Amazonas, einige hundert Kilometer von der Küste flussaufwärts. Kähne und Hausbarken liegen im Hafen, das Wasser ist so trüb wie die Kneipen, aus denen Musik lärmt. Die Häuser sind ein- und zweistöckig, einige aus Holz gebaut. Eins davon, weiß angemalt, ist mit einer Anschrift versehen: Das Haus der skalpierten Frauen. Tiefer im Elend könnte meine Reise durch Brasilien nicht beginnen als hier bei diesen Frauen, arm und entstellt. Aber das ist ihr Haus, und mit diesem Haus haben sie sich Würde und Respekt erkämpft. Hier treffen sie sich, knüpfen ihre eigenen Perücken. Hier stellt mir Socorro ihre Freundin Trindade vor. Trindade ist dreiundfünfzig.

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