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Cottage mit Meerblick

Als Buch hier erhältlich:

Für sechs Wochen hat Claire das kleine Cottage direkt am Strand gemietet. Hier will sie endlich wieder genießen: den Duft des Meeres, den Sand zwischen den Zehen und die Ruhe. Claire will jeden Tag verbringen, als wäre es der einzige, den sie hat. Nach ihrer schweren Krankheit kostet sie jeden Moment aus, den das Leben ihr schenkt. Und plötzlich ist da Ed, ihr gutaussehender Nachbar. Vielleicht ist eine Sommerromanze genau das, was Claire gerade braucht …

»Ich liebe dieses Buch. Es hilft einem so zauberhaft dabei, in eine andere Welt zu fliehen.«


THE SUN

»Cottage mit Meerblick zu lesen war, wie eine Schachtel der leckersten Pralinen zu essen. Ich habe mir jeden Augenblick auf der Zunge zergehen lassen, jedes Kapitel und wollte immer noch mehr.«


Christie Barlow

»Eine entzückende und lebensbejahende Geschichte. Schon nach dem ersten Kapitel wollte ich selbst in ein Cottage am Meer fliehen.«


Ali McNamara

  • Erscheinungstag: 01.08.2018
  • Seitenanzahl: 336
  • ISBN/Artikelnummer: 9783956498015

Leseprobe

1. Kapitel

Eine Tasse Tee und eine herrliche Aussicht

Ein dünner Vorhang aus rosa-grauem Morgenlicht schwebte über dem Meer. Die zarten Farben erinnerten an das perlmuttglänzende Innere einer Muschel. Claire Maxwell nahm ihre Teetasse in beide Hände. Wieder einmal war sie früh aufgewacht – es war erst sechs Uhr morgens. Nach dem Albtraum, den sie letztes Jahr durchlebt hatte, kam das immer noch regelmäßig vor. Beim Erwachen hatte sie eine Mischung aus Verwirrung und Erschöpfung gefühlt und beschlossen, dass sie ebenso gut aufstehen und sich eine erste Tasse Tee machen könnte. Wenigstens konnte sie hier draußen die beruhigende Aussicht auf das Meer genießen.

Was für eine hindernisreiche Reise es gestern gewesen war. Nicht gerade der beste Start in das, was ein entspannender Urlaub werden sollte. Nur zwei Straßen von »zu Hause« entfernt – Claire benutzte das Wort im weitesten Sinne –, in Newcastle upon Tyne, hatte ihr Wagen den Geist aufgegeben. Sie musste ihn in die Werkstatt schleppen lassen, nur um sich nach viel Gerede und Kopfschütteln von Männern in ölverschmierten Overalls sagen zu lassen, dass er nie und nimmer in einer Stunde repariert werden konnte, nicht einmal an einem Tag, und dass die Reparatur vermutlich ein kleines Vermögen kosten würde. Daraufhin hatte sie die U-Bahn zum Hauptbahnhof genommen, war dort in den Zug nach Alnmouth gestiegen und hatte dann eine weitere Unsumme – glatte 25 Pfund – für ein Taxi bezahlt, um zu ihrem romantischen Cottage am Meer zu gelangen. In der Nähe von Bamburgh sollte es liegen, befand sich in Wahrheit aber am Ende der Welt.

Das Cottage wirkte nur von außen idyllisch. Als Claire gestern Abend die weiß gestrichene Haustür aufgesperrt hatte, von der bereits die Farbe abblätterte, war sie in einen Flur mit beiger Raufasertapete und verräterischen feuchten Flecken gelangt. Beklommen hatte sie die Küche betreten. Sie war mit Schränken aus MDF-Platten eingerichtet, und der Herd sah aus, als stammte er aus vorsintflutlichen Zeiten. Claire hatte sich nicht getraut, ihn zu benutzen, und sich stattdessen für das Sandwich entschieden, das sie im Zug gekauft und nicht gegessen hatte. In ihrer Tasche hatte sie noch einen Apfel gefunden.

Sie hatte auf dem dunkelbraunen Samt-Sofa im Wohnzimmer gesessen und die Uhr auf dem Sims des echten Kamins angestarrt. Sie war stehen geblieben; höchstwahrscheinlich vor sehr vielen Jahren. Während Claire den Rest des Raumes betrachtet hatte, hatte sie sich gefragt, wo zum Teufel sie hier gelandet war. Es gab einen zum Sofa passenden braunen Sessel, dessen Polster schon ziemlich durchgesessen war, ein Set Holztischchen im Stil der Siebzigerjahre sowie verblasste Tapeten an den Wänden. Es hätte ein entspannender Urlaub werden sollen, eine Möglichkeit, sich zu erholen. Und sie hatte für volle drei Wochen gebucht. Zugegeben, der Preis war günstig, doch etwas ganz so Schlichtes hatte sie nicht erwartet.

Claire hatte versucht, sich aufzuheitern. Ja, das Häuschen war altmodisch und rief geradezu nach etwas liebevoller Fürsorge, aber vielleicht war sie einfach nur müde. Schließlich hatte sie einen nervenaufreibenden Tag hinter sich. Also hatte sie beschlossen, früh schlafen zu gehen, und sich im Schlafzimmer im oberen Stock unter der handgemachten Patchworkdecke auf dem Doppelbett verkrochen. Sie hatte sich gesagt, dass am nächsten Morgen alles besser sein würde.

Doch auch im Licht eines Junimorgens sah es hier nicht sonderlich vielversprechend aus! Das ganze Haus wirkte schäbig; die Fensterrahmen und – bänke waren völlig vermodert und morsch. Das Cottage schien förmlich zu zerfallen. Zu allem Überfluss fiel Claire bei der Suche nach einem Boiler und Heizkörpern, die sie gegen die morgendliche Kühle aufdrehen konnte, auf, dass es keine Zentralheizung gab. Eine Tasse Tee war die einzige Möglichkeit, sich etwas aufzuwärmen, und Claire beschloss, dass sie dafür genauso gut draußen sitzen und die frische Luft und den Meerblick genießen konnte. Vermutlich sollte sie dankbar sein, dass der Balkon, der an ihrem Zimmer im oberen Stockwerk angebaut war, überhaupt noch hielt.

Ganz genau, Claire Maxwell – genug genörgelt, du alte Jammerliese. Du bist hier, um dich auszuruhen und Kraft zu tanken. Ihre Gedanken klangen wie die Stimme einer strengen Schullehrerin, die sie wiederum an ihre Mutter erinnerte. Nein, sie hatte nicht fast einen ganzen Monat freibekommen, um hier herumzusitzen und zu jammern. Es war der Anfang eines neuen Lebens, und sie hatte keine Ahnung, wohin es sie führen würde. Bislang bestand es darin, an einem Freitagmorgen im Juni auf einem wackligen hölzernen Balkon zu sitzen und den Sonnenaufgang über der Nordsee zu beobachten. Es war ein Ort der Ruhe. Eine Möwe zog am Himmel entlang, und ein Pärchen Austernfischer tauchte seine roten Schnäbel in das seichte Wasser.

Irgendwo in der Nähe schlug eine Tür zu; das Krachen ließ den Balkon erzittern. Claire hielt ihre Tasse fest, um zu verhindern, dass der Tee überschwappte. Zwei Ferienhäuser standen hier Seite an Seite, mit Blick auf das Meer – die Abgeschiedenheit hatte ihren Reiz. Klar, dass jetzt in der Sommersaison das andere auch belegt war. Ein Mann war ins Freie getreten. Wahrscheinlich war er mit seiner Frau und einer Bande lärmender Kinder hierhergekommen. Vermutlich lagen sie um diese Zeit noch im Bett, schließlich war es ja erst sechs Uhr morgens, und machten sich bereit, um in einer Stunde Claires Ruhe zunichtezumachen.

Aufmerksam beobachtete sie den Mann. Von dem grasbewachsenen rechteckigen Stück Garten vor seinem Cottage aus lief er direkt in Richtung Strand. Er war hochgewachsen und mit seinen breiten Schultern und dem sandfarbenen Haar eigentlich ganz gut aussehend. Er trug lediglich ein weißes T-Shirt, rote Shorts und Flip-Flops. Claire schätzte ihn auf Mitte dreißig. Die Strecke zum Meer hinunter joggte er, blieb allerdings einige Meter vom Wasser entfernt stehen, um die Flip-Flops abzustreifen. Dann zog er mit einer schnellen Bewegung sein T-Shirt aus und präsentierte einen durchtrainierten, leicht gebräunten Oberkörper. Claire konnte es kaum fassen. Noch eine schnelle Bewegung, und auch die Shorts waren nicht mehr an ihrem Platz. Himmel, er trug keine Badehose. Die pfirsichfarbene Rundung seiner festen Pobacken und sein muskulöser Rücken bezauberten sie. Er bückte sich etwas, um seine Kleidung auf dem Boden abzulegen. Claire schluckte und beugte sich nach vorne. Ihr Herz raste.

Unbekleidet setzte ihr Nachbar seinen Lauf am Strand fort. Mit seiner athletischen Gestalt sah er fantastisch aus. Passierte das gerade wirklich? Oder hatte sie gestern Abend zu viele Gläser Wein getrunken? War das hier Wunschdenken, ein wahnhafter Traum? Dann wollte sie ganz bestimmt nicht aufwachen. Claire schloss ihre Hände fester um die Tasse – sie war echt, hellgrün bemalt, und auf dem Tee schwammen milchige Schlieren. Es musste Wirklichkeit sein.

Der Mann erreichte die Brandung, sprang direkt hinein und tauchte im schäumenden Wasser wieder auf. Claire beobachtete, wie er in das ruhigere, tiefere Wasser hinausschwamm. Er schien ein guter Schwimmer zu sein.

Oh, plötzlich fiel ihr auf, dass er wieder hierher zurückkommen und ihr in seiner ganzen Pracht gegenüberstehen würde. Sie sollte lieber unauffällig ins Haus zurückgehen und ihm etwas Privatsphäre gönnen.

Und sich einen Anblick wie diesen entgehen lassen? Verdammt noch mal. Nein! Man bekam nicht oft einen prächtigen Körper zu Gesicht, wenn überhaupt. Ihr Ex hatte bei Weitem keinen solchen Körperbau gehabt wie der Unbekannte. Aber was, wenn er sie sah? Wie sie hier saß und ihn begaffte? Es würde schon einen etwas seltsamen Eindruck machen. Aber immerhin war sie zuerst hier gewesen. Er sollte sich nicht so zur Schau stellen, wenn er nicht wollte, dass eine normale, warmblütige Frau ihn sich genauer ansah.

Claire beschloss, ihren Liegestuhl etwas nach hinten in den schattigen Teil des Balkons zu schieben – dort würde sie vermutlich unbemerkt bleiben –, setzte sich wieder hin und beobachtete lächelnd, wie der Kopf des Fremden immer wieder aus dem Wasser auftauchte. Nun, dann war es hier ja doch nicht so ruhig. Und was tat es schon, nach allem, was sie durchgemacht hatte, sich den Anblick eines starken, gesunden, attraktiven Mannes zu gönnen?

Krebs machte das mit einem Menschen – er rückte die Dinge in eine neue Perspektive und ließ einen erkennen, wie wertvoll das Leben sein konnte und dass man jeden Moment nutzen musste – insbesondere so kleine magische Momente, wie einen schönen Mann nackt zu sehen. Warum nicht? Ja, warum nicht?

Sie hielt immer noch die Tasse mit dem letzten Rest Tee in den Händen, saß in ihrem Stuhl und nahm alles in sich auf: die wogende See, die Brandung, den Salzgeruch in der Luft, den Schrei einer Seemöwe, die Wärme der goldenen Junisonne, die in einen neuen Tag hinein erstrahlte. Und sie beobachtete, wie »Adonis« wieder aus den Wellen auftauchte. Erst die Schultern, dann die Brust, die definierten Bauchmuskeln, sein Unterleib … und … ein Büschel brauner Haare. Und, ja, bestimmt war es kalt in der Nordsee, aber das, was Claire jetzt erblickte, war trotzdem ziemlich beeindruckend. Wirklich nicht schlecht, Mr. Adonis.

Also wirklich, benimm dich, Claire Maxwell – reiß dich zusammen und geh wieder rein. Aber wenn du dich jetzt rührst, wird er dich sehen, warf ihr Alter Ego frech ein, und diese Stimme klang definitiv nicht nach ihrer Mutter. Ihre Wangen fühlten sich heiß an, und ihr Herz schlug schneller. Was, wenn er sie sah? Dann würde eine Begegnung zwischen ihnen ziemlich merkwürdig verlaufen, wenn sie sich in den nächsten Tagen über den Weg liefen. Ihre Unterhaltung stellte sie sich ungefähr so vor:

»Hi, ich bin Claire, Ihre Nachbarin für die nächsten drei Wochen.«

»Ah ja, ich habe Sie gesehen, wie Sie meinen nackten Körper begafft haben … gehört Voyeurismus zu Ihren Gewohnheiten?«

Claire sank in ihren Stuhl zurück. Wenn sie jetzt aufstand, würde er die Bewegung auf dem Balkon mit Sicherheit bemerken. Am besten blieb sie, wo sie war.

Der Mann am Strand schlenderte zu seinem Kleiderstapel – wow, schau hin, nein, schau nicht hin, Claire schluckte –, zog rasch seine Shorts, das T-Shirt und die Flip-Flops an, schüttelte energisch sein Haar aus und joggte dann zurück, scheinbar ohne ihre Anwesenheit wahrzunehmen.

Die junge Frau blieb nachdenklich lächelnd sitzen.

2. Kapitel

Ein Neuanfang und die Magie
eines neuen Tages

Im gleichen Maße, wie das Cottage in seine Einzelteile zerfiel, haperte es auch mit dem Warmwassersystem. Claire war wieder nach drinnen gegangen, um sich für den Tag frisch zu machen, musste jedoch feststellen, dass sich aus dem Relikt eines Duschkopfs, der über einer avocadogrünen (eher kackgrünen, dachte sie) Badewanne angebracht war, erst siedend heißes, dann eisig kaltes Wasser über sie ergoss. Das Ganze erinnerte sie an eine Szene aus einem Horrorfilm. Sie versuchte, das richtige Timing zu finden, indem sie unter den laufenden Wasserstrahl und wieder zur Seite sprang. Es war ein Witz, sich auf diese Weise die Haare zu waschen. Die Hälfte des Schaums war noch nicht ausgespült, als sie schließlich aufgab und aus der Dusche trat. Wenigstens hatte sie nicht mehr so viele Haare, mit denen sie sich herumschlagen musste. Die Locken wuchsen gerade erst nach und bildeten momentan eine Kurzhaarfrisur, die ihr – wie ihre Schwester sagte – sehr gut stand und ihr einen knabenhaften Audrey-Hepburn-Look verlieh. Claire vermutete, dass ihre Schwester einfach nur nett sein wollte.

Während sie sich abtrocknete, tupfte sie mit dem Handtuch sanft die schwielige Narbe ab, die sich über ihre linke Brust zog. Es tat nicht mehr so weh, nur hin und wieder spürte sie darunter noch ein merkwürdiges Stechen. Sie sah nicht gerne hin. Es war ihr noch nicht vollständig gelungen, sich an die Veränderung an ihrem Körper zu gewöhnen.

Langsam ging sie ins Schlafzimmer. Die Ausstattung war hier geringfügig besser als im Badezimmer: ein Doppelbett aus Pinienholz mit blau-weißer Patchwork-Bettwäsche und cremefarbenem Überwurf, der vermutlich direkt aus Omas schönstem Häkeldecken-Bestand stammte, und ein weiß gestrichener Frisiertisch mit Spiegel – ein wenig überzeugender Versuch, den maritimen Einrichtungsstil nachzuahmen. Das Beste an dem Zimmer waren die Fenstertüren, die sich zum Balkon hin öffneten: Von dort aus konnte man über die weiten goldenen Sandstrände und den kleinen Bach blicken, der sich zwischen den zwei Cottages hindurchschlängelte und zur Küste hinabfloss.

Claire setzte sich, nur mit Slip und BH bekleidet, an den Frisiertisch vor den Spiegel. Mit einer Größe von einem Meter sechzig hatte man sie schon immer als zierlich bezeichnet, nach ihrer Krankheit war sie jedoch dünner, als ihr lieb war. Sie rieb sich das Gesicht mit Feuchtigkeitscreme ein, betonte die dunkelbraunen Augen mit etwas Wimperntusche – es war toll, wieder Wimpern zu haben – und trug eine dünne Schicht blassrosa Lipgloss auf. Sie hatte noch nie sonderlich viel Make-up getragen, und heute wollte sie die frische Luft und die Sonne auf ihrer Haut genießen. Aus ihrem Kleidungsvorrat wählte sie ein legeres hellrosa T-Shirt und Shorts aus Jeansstoff.

Der erste Tag ihres Urlaubs erwartete sie. Sie musste nicht zur Arbeit, hatte keine Krankenhaustermine. Die Welt, zusammen mit diesem verrückten heruntergekommenen Ferienhaus, lag ihr zu Füßen. Claire hatte den festen Vorsatz, das Beste aus ihrer Auszeit zu machen. Sie beschloss, für den Anfang am Strand spazieren zu gehen und Bamburgh zu erkunden. Das Dorf dürfte nicht allzu weit weg sein.

Von ihrem kleinen Garten aus, einer mit struppigem Gras bewachsenen Fläche mit einem abgenutzten Holztisch und vier Stühlen, wandte sich Claire direkt zum Meer. Während sie die Küste entlangschlenderte, kamen Erinnerungen an Kindheitsurlaube in ihr auf, die sie vor vielen Jahren mit ihren Eltern und ihrer großen Schwester in dieser Gegend verbracht hatte. Das war der Grund, weshalb sie den Ort ausgesucht hatte – glückliche Erinnerungen: Salz und Sand und wohlige Schauder, kuschelig warme Handtücher und leckeres tropfendes Softeis mit Schoko-Waffel von Mr. Whippys Eiswagen, der auf dem Parkplatz direkt in den Dünen stand.

Claire spürte das vertraute Ziehen in der Brust. Ihr wunderbarer Vater war nicht mehr da. Ein Herzinfarkt hatte ihn vor fünf Jahren im Alter von nur zweiundsechzig Jahren seiner Familie entrissen. Sie vermisste ihn noch immer so sehr. Wie sich das Leben verändert hat, überlegte sie. Ihre eigene Krankheit hatte ihr Leben auf eine Art erschüttert, wie sie es sich nie hätte vorstellen können. Zwar standen ihre Schwester und ihre Mum ihr nahe; beide hatten sie während ihrer Behandlung sehr unterstützt und tatsächlich angeboten, mitzukommen und ihr während des Urlaubs Gesellschaft zu leisten. Aber Claire wollte einfach nur für sich sein und eine kleine Auszeit vom Alltag nehmen, also hatte sie die gut gemeinten Angebote höflich, aber bestimmt abgelehnt.

Sand rieselte in ihre Segeltuchschuhe, also streifte sie sie ab und genoss das Gefühl der warmen, weichen Körnchen unter ihren nackten Sohlen. Die Sonne war höher gestiegen und ließ goldene Farbreflexe auf den rauschenden Wellen erstrahlen. Claire begegnete mehreren Hundebesitzern, deren Schützlinge voller Übermut umherflitzten, über Tennisbälle purzelten, ins Meer sprangen, verfilzt und zottelig wieder herauskamen und Wolken aus glitzernden Wassertröpfchen um sich herum versprühten. Claire hätte sich einen Hund gewünscht. Als sie noch ein Kind gewesen war, hatten sie Millie gehabt, einen anhänglichen Labrador. Sie war ein Teil der Familie gewesen. Aber Paul, Claires Ex-Mann, hatte keine große Lust gehabt, ein Haustier zu halten, sondern ein sauberes, ordentliches Haus vorgezogen. Verflixt – warum schlich er sich jetzt in ihre Gedanken ein? Weg damit, auf der Stelle, befahl sie sich. Vergrabe den Schmerz, den er dir zugefügt hat, in einem großen Loch im Sand.

Heute ging es nur um sie und darum, wie ihr Leben von nun an weitergehen würde. Vorwärts und aufwärts. Sie würde sich im Dorf umsehen, sich mit feinen kulinarischen Spezialitäten aus der Region eindecken, gemütlich zurückgehen, zum Mittagessen vielleicht einen Salat machen, etwas Gemüse für eine Suppe schneiden und später im Garten in der Sonne sitzen und sich ausruhen, ihr neuestes Buch lesen und es sich einfach gut gehen lassen. Claire hoffte, dass die Familie im Haus nebenan nicht genau dann lärmend herausstürmen würde. Und wenn schon, schalt sie sich, sie würde nicht die griesgrämige alte Nachbarin mimen. Kinder waren Kinder, und sie verbrachten schließlich ihren Urlaub am Strand – dann sollten sie auch spielen dürfen. Oh ja, das war eine andere Sache, auf die Paul nicht gerade scharf gewesen war: Kinder. Es war nie die »richtige Zeit«, oder vielleicht, dachte sie mit Sarkasmus, war sie einfach nie die richtige Person gewesen. Dieser Mistkerl.

Der Tag erstreckte sich endlos vor ihr, genau wie der Strand. Claire war nun schon eine ganze Weile gelaufen. Wie weit war das Dorf denn eigentlich von ihrem Cottage entfernt? Sie wusste, dass die über den Dünen aufragende Burg das Wahrzeichen von Bamburgh war, doch jetzt hatte sie schon die nächste, halbmondförmige Bucht erreicht und konnte sie noch immer nicht sehen. Sie musste noch Meilen entfernt sein.

Aber sie war doch hier, um sich zu entspannen, also ließ sich gegen einen ausgedehnten Spaziergang an einem milden Morgen im Juni nichts einwenden. Claire hatte keine Eile. Dem Alltagstrott zu entfliehen, der Arbeit, der zermürbenden Routine aus Chemo- und Strahlentherapie – es war eine wahre Freude. Sie hatte es geschafft – sie war eine Überlebende. Und sie wusste sehr wohl, dass es auch die gab, die nicht durchgekommen waren. Claire spürte einen Kloß im Hals, wenn sie an sie dachte: diese liebenswürdigen Frauen, neben denen sie während der stundenlangen Behandlungen in einer Reihe von Chemo-Stühlen gesessen hatte, als wären sie bei einer Art bizarrem Friseur, bei dem ihre Haare nicht gepflegt, sondern ihnen gestohlen wurden.

Claire würde keinen weiteren Tag mehr verschwenden, auch wenn sie noch nicht wusste, was sie wirklich wollte. Was sie jetzt brauchte, waren etwas Entspannung und Zeit für sich, so viel stand fest.

Ein Tag nach dem anderen, Claire, sagte sie sich. Spüre die Sonne auf deiner Haut. Das Tageslicht, die frische Luft. Sie würde die Wärme eines gemütlichen Bettes genießen, auch wenn es noch so klapprig war. Eine aromatische Tasse Tee schlürfen, ein kühles Glas Weißwein oder einen wärmenden Merlot, und dabei auf das Meer hinausschauen. Ha, oder, noch besser, auf einen gebräunten männlichen Oberkörper. Die Erinnerung an den Anblick von heute Morgen kehrte zurück, und Claire musste lächeln.

Der Körper eines Mannes. Sie hatte lange keine Berührung mehr erlebt. Zwischen ihr und ihrem Mann war es schon vor dem Krebs nicht gut gelaufen. Doch erst als sie Entwarnung bekommen hatte, hatte sie erkannt, wie schlecht die Dinge wirklich standen. Getreten zu werden, wenn man schon am Boden lag … Aber nein, ich werde nicht weiter darüber nachdenken, ermahnte sie sich. Heute ging es vor allem um einen Neuanfang, neue Hoffnung und die Freude, am Leben zu sein. Sie würde stattdessen an den gut gebauten Schwimmer denken.

Vorsichtig kletterte Claire über einen Haufen Felsbrocken und spürte die glitschigen Algen unter ihren nackten Füßen. Die Steine, scheinbar glatt und schwarz, waren bei näherer Betrachtung mit dunkelblauen und rostroten Tupfern gesprenkelt. Sie erinnerte sich, wie sie damals mit ihrer Oma in den Tümpeln, die sich bei Ebbe zwischen den Felsen bildeten, mit ihrem Bambus-Fischernetz gestochert hatte, in der Hoffnung, eine Garnele oder einen winzigen silbernen Fisch zu erwischen – flinke, zappelige Tierchen, die nahezu unmöglich zu fangen waren. Claire und ihre große Schwester Sally hatten sich damit stundenlang beschäftigen können. Oma hatte ihnen von ihrer Decke in den Dünen aus zugesehen, ein Buch in der Hand. In der Kühlbox neben ihr wartete ein riesiger Vorrat an Leckereien auf die beiden Mädchen. Zusammengepfercht lebten sie damals zu viert – Oma, Mum, Sally und Claire – in einem Wohnwagen an der Küste. Zu fünft, sobald ihr Vater von der Arbeit zurückkam. Auf der Hafenmauer der Ortschaft Seahouses sitzend, aßen sie Fish and Chips aus Zeitungspapiertüten mit Unmengen Salz und Essig. Claire konnte es fast riechen – aber vielleicht war es auch nur das Salz der Meeresluft. Ja, sie hatte hierherkommen müssen. Glückliche Tage! Als das Leben noch so einfach war.

Claire konzentrierte sich wieder auf den Rhythmus ihrer Schritte. Manchmal war der Sand zwischen ihren Zehen körnig und rau, dann wieder weich und nachgiebig unter den Füßen. Sie konnte noch andere Spuren erkennen: Abdrücke von Schuhen, Pfoten und von den winzigen Krallen der Vögel. Eine sanfte Brise wehte über das stachelige Dünengras. Claire seufzte, blieb für einen Moment stehen und atmete die frische Luft ein. Es fühlte sich gut an, zu atmen, spazieren zu gehen, zu sein.

Gemächlich bog sie in eine weitere Bucht ein und konnte endlich Bamburgh Castle in der Ferne aufragen sehen. Sie war zugegebenermaßen erleichtert. Obwohl sie den Spaziergang genoss, wurde sie langsam müde. Ihre Energie-Vorräte waren nach der Chemotherapie immer noch nicht vollständig aufgefüllt. Die Krankenschwester im Brustkrebszentrum hatte sie gewarnt, dass es bis zu einem Jahr dauern könnte, bis sie wieder ganz die Alte wäre, und bislang waren erst fünf Monate vergangen.

Die Burg dominierte den Horizont. Mächtig und beeindruckend thronte sie auf ihrem Fels-Sockel. Claire fragte sich, wann und zu welchem Zweck sie wohl erbaut worden war. Es war Ewigkeiten her, dass sie etwas über die Herrscher von Northumberland gelernt hatte. Sie musste unbedingt ihr Geschichtswissen auffrischen, mehr erfahren und an irgendeinem Tag die Burgführung mitmachen. Die Mauern hatten einen ungewöhnlichen lachsfarbenen Ton, mit dem sie sich von dem Cottage und den anderen Häusern in der Gegend mit ihrem honigfarbenen Anstrich und den feuersteingrauen Farbtönen deutlich abhoben.

Der Strandabschnitt unterhalb der Burg war belebter, da er näher am Dorf und am Parkplatz lag. Hier tummelten sich Familien, die für einen Tagesausflug hergekommen waren, Kinder, die Sandburgen bauten und in den Wellen planschten, ein paar Jungs, die einen Fußball hin- und herspielten. Claire sah ein Mädchen im Teenager-Alter, das mit einem Stock zwei Großbuchstaben in den Sand zeichnete, daneben eine »4«, zwei weitere Buchstaben hinzufügte und das Ganze mit einem großen Herz kunstvoll umrahmte. Claire lächelte.

Ah, die unbekümmerte Liebe und Hoffnung der Jugend, dachte sie bei sich. Wenn nur das Leben und die Liebe so einfach wären. Sie wusste nur zu gut, dass die Wellen früh genug angerollt kommen und alles fortspülen würden.

Ein Pfad bog vom Strand zu den Dünen ab. Claire beschloss, ihm zu folgen, in der Hoffnung, dass er ins Dorf führte. Sie brauchte für die nächsten Tage ein paar Vorräte. Da sie gestern mit dem Zug gekommen war, hatte sie nur einige Teebeutel, ein paar Äpfel und eine Packung Soft-Cakes von zu Hause mitgebracht. Langsam folgte sie dem sandigen, gewundenen Weg die Dünen hinauf, wobei stacheliges Strandgras in ihre nackten Fußsohlen stach. Sie setzte sich hin und klopfte sich den Sand von den Füßen, um die Segeltuchschuhe wieder anzuziehen, doch sie konnte immer noch die kratzigen Sandkörner zwischen den Zehen spüren, als sie weiterging – die Unannehmlichkeiten des Strandlebens. Der Weg endete und führte sie auf ein Kricket-Feld, das hinter der Burg lag. Hübsche Cottages aus Stein reihten sich entlang des Hügels aneinander und bildeten einen malerischen Dorfplatz.

Claires Budget war bis zum nächsten Wochengehalt etwas knapp, da sie einen großen Teil ihres Urlaubsgeldes unplanmäßig für den Zug und das Taxi aufgebraucht hatte; also beschloss sie, die Dorfläden aufzusuchen und Gemüse für einen großen Topf Suppe zu kaufen. Während sie den Hügel hinaufschlenderte, entdeckte sie auf halber Höhe ein kleines Feinkostgeschäft, das allem Anschein nach in das Vorderzimmer eines Cottages gequetscht worden war. Im Schaufenster waren verlockende selbstgemachte Brotlaibe ausgestellt. Vielleicht konnte sie sich auch noch ein leckeres frisch gebackenes Brot leisten. Erfreut betrat Claire den Laden; beim Anblick eines im Steinofen gebackenen Brotes mit Rosmarin und Meersalz und eines Vollkornbrotes mit Honig und Kürbiskernen in der Vitrine lief ihr das Wasser im Mund zusammen. Entscheidungen über Entscheidungen.

»Guten Tag, junge Dame. Wie kann ich Ihnen helfen?«

Eine kleine Frau mittleren Alters mit grau meliertem, ehemals rotbraunem Haar lächelte sie über den Tresen hinweg an.

Claire entschied sich für das Vollkornbrot, bat auch um etwas Butter und bezahlte mit einer Zehn-Pfund-Note.

Die Frau reichte ihr das Wechselgeld. »Machen Sie hier Urlaub?«

»Ja, ich bin gestern Abend angekommen.«

»Wohnen Sie im Dorf?«

»Na ja, ein Stück die Straße runter, in einem der Cottages unten am Strand. Farne View.«

»Oh, ich verstehe.« Die Frau verzog ihr Gesicht, als würde sie das Cottage mit seinen Mängeln kennen. Aber dann lächelte sie aufmunternd und fügte hinzu: »Ich hoffe, dass Sie hier eine schöne Zeit verbringen werden.«

»Danke. Können Sie mir vielleicht sagen, wo ich hier Gemüse kaufen kann? Ich möchte zu Ihrem herrlichen Brot eine Suppe kochen.«

Die Frau erklärte ihr, dass es im oberen Teil des Dorfes einen Gemüsehändler gab, der alles Erdenkliche auf Vorrat hatte. Sie sollte nach der Lücke in der roten Ziegelsteinmauer Ausschau halten.

Claire machte sich auf den Weg und kam an einem Metzgerladen vorbei. Der Duft von frisch gebackenen Fleischpasteten, verschiedenste Leckereien in der Schaufensterauslage sowie das Sortiment frischer Fleischwaren in der Kühltheke zogen sie an. Claire ging hinein, außerstande, dem hausgemachten Steak Pie zu widerstehen, den sie für ihr Mittagessen auserkoren hatte. Es würde immerhin eine Weile dauern, bis die Suppe fertig war. Die würde ihr als Abendessen dienen. Außerdem kaufte Claire ein paar Streifen Speck und ein halbes Dutzend Eier für die kommenden Tage und verließ mit einem Gruß den Laden. Eilig steuerte sie auf die lange Ziegelsteinmauer an der höher gelegenen Seite des Dorfplatzes zu und folgte ihr, bis sie die Lücke und ein Hinweisschild fand.

Wow. Das hier war etwas ganz anderes als der Supermarkt am Ende der Straße, an der ihre Doppelhaushälfte in Gosforth stand. Die Gemüsehandlung erinnerte sie mehr an einen umfriedeten Garten als an einen Laden, und doch reihten sich hier allerlei Nahrungsmittel aneinander: frische Kräuter, Obst, Gemüse. Claire füllte einen Korb mit Karotten, einer Steckrübe, Pastinaken, Lauch und Zwiebeln, einer Packung Suppenwürfel und einer Tüte Milch, bezahlte und packte alles in die Papiertüte, die die Verkäuferin ihr anbot.

Die Tragetasche war voll und, wie Claire leider zu spät bemerkte, ziemlich schwer. Sie würde sie den ganzen Weg zurück tragen müssen. Warum hatte sie nicht daran gedacht, ihren Rucksack aus dem Cottage mitzubringen? Sie hätte sich darüber im Klaren sein müssen, dass sie immer noch nicht ganz bei Kräften war. Ihre normale Leistungsfähigkeit war auch nach fünf Monaten noch nicht wiederhergestellt. Manchmal fragte sie sich, ob sie es jemals schaffen würde … Vielleicht brauchte sie einfach Zeit, um eine neue Art von Normalität zu finden.

3. Kapitel

Sandalen, Sonnencreme, Schlapphüte und sandige Sandwiches

Aus dem Rückweg vom Dorf wurde ein langsamer Spaziergang. Claire setzte sich unterwegs auf einen Felsen, um ihren Pie zu essen, der einfach köstlich schmeckte: eine knusprig gebackene Teig-Kruste, zartes Steak und saftige Bratensoße. Glückseligkeit. Sie schätzte, dass sie ungefähr den halben Weg zum Cottage hinter sich hatte. Etwa fünfzehn Minuten später stand sie wieder auf, streckte sich und nahm die schwere Tüte in die andere Hand, aber ihre Schultern schmerzten. Als sie schließlich an ihrem Cottage ankam, brannten sie wie verrückt. So viel zum Thema gemütlicher Spaziergang am Strand! Sie musste herausfinden, ob in der Nähe irgendein Bus fuhr, wenn sie das nächste Mal einen größeren Einkauf erledigen wollte. Nur wegen einer Suppe sollte sie sich nicht so abmühen.

Nach einer Tasse Tee, um ihre Lebensgeister wieder zu wecken, fing Claire an, das Gemüse zu schneiden. Das Messer war fast stumpf, aber das beste, das sie in einem Haufen unbrauchbarer Küchenutensilien gefunden hatte. Als sie endlich ausgetüftelt hatte, wie das Kochfeld auf dem antik anmutenden Gasherd funktionierte, gab sie die Zwiebel mit etwas Butter in einen Topf. Zum Glück hatte auf dem Kaminsims eine alte Streichholzschachtel gelegen. Vorsichtig hielt Claire ein Streichholz an den Metallring, bis ein leises Zischen zu hören war und das Gas entflammte. Claire gab das Gemüse, eine Kanne Brühe und ein paar Gewürze zu der Zwiebel in den Topf. Im Garten hatte sie sogar etwas frischen Thymian entdeckt, der sich im Blumenbeet vor der Vordertür versteckte. Sie mischte alles gut durch, setzte den Deckel auf den Topf und drehte den Gasregler auf kleine Flamme. Damit war für das Abendessen gesorgt.

Was sollte sie mit der verbleibenden Zeit anfangen? Claire wünschte, sie hätte im Dorf eine Flasche Wein gekauft. Allerdings hätte sie dann noch mehr schleppen müssen. Aber sie konnte sich sehr gut vorstellen, sich mit einem Glas kühlen Pinot Grigio draußen auf den Balkon zu setzen – auch wenn das Geld knapp war, sie hätte die Flasche auf mehrere Tage aufteilen können. Nun ja, für heute würde sie sich mit einer weiteren Tasse Tee begnügen müssen.

Claire suchte ein Buch aus ihrem Gepäck heraus und ging nach oben auf den Balkon. Sie setzte sich auf den alten hölzernen Liegestuhl mit Blick auf den Strand und das Meer. Dieses Mal waren leider keine nackten Schwimmer in Sichtweite, nur Hundebesitzer und Familien. Zwei Kinder spielten an dem kleinen Bach, der sich zwischen den Cottages hindurchschlängelte. Sie versuchten vergeblich, mit großen Kieselsteinen einen Damm zu bauen, und planschten und spritzten dabei glücklich in dem kühlen Wasser herum. Claire fragte sich, ob es vielleicht die Kinder von Mr. Adonis nebenan waren. Ihnen zuzusehen, weckte Erinnerungen an Tage mit Sandalen, Sonnencreme, Schlapphüten, sandigen Sandwiches und Eiscreme. Kindheitstage, in denen man keine Ahnung hatte, wohin das Leben einen bringen würde, und nicht einmal einen Gedanken daran verschwenden musste.

Claire empfand tiefen Frieden. Genau das, was sie brauchte … Das Gefühl von Abgeschiedenheit, während draußen das Leben stattfand, direkt vor ihrer Haustür, vor ihrem Garten. Und wenn sie wollte, konnte sie sich daran beteiligen oder sich für eine Weile zurückziehen. Keine Deadlines, keine Anrufe von der Arbeit, keine Krankenhaustermine, nicht mal der Piepton, wenn eine SMS eintraf, jetzt, da sie ihr Handy ausgeschaltet hatte – der Empfang schien hier sowieso ziemlich schlecht zu sein. Es war ein Ort, an dem man die Aussicht genießen, die salzige Meeresluft einatmen und einfach nur sein konnte.

Nachdenklich trank sie ihren Tee aus, nahm das Buch in die Hand und begann zu lesen. Sie verlor sich in der romantischen Komödie – froh, für eine Weile in die Welt anderer Personen einzutauchen. Allmählich leerte sich der Strand, die Luft wurde kühler, und das Licht nahm die blasse, weiß-goldene Färbung eines frühsommerlichen Abends an.

Ich sollte wohl besser nach der Suppe sehen, fiel es Claire plötzlich ein. Nicht dass sie anbrannte oder am Boden des Topfes kleben blieb. Sie sollte auf kleiner Flamme köcheln, aber wer konnte schon wissen, wozu dieser marode Herd in der Lage war. Gemächlich ging Claire in die Küche, hob vorsichtig den Deckel und spähte in den Topf. Die Suppe hätte eigentlich schon sämig und das Gemüse weich gekocht sein müssen, aber sie sah immer noch wässrig aus, und das in Würfel geschnittene Gemüse schien nach wie vor hart zu sein. Tatsächlich ging weder Hitze noch Dampf von dem Topf aus. Claire warf einen Blick auf den Metallring. Nichts, keine Flamme. Sie nahm den Topf vom Herd und versuchte, das Gas erneut anzuzünden – ohne Erfolg. Na großartig, dachte sie resignierend. Sie saß mitten im Nirgendwo fest, mit einem Topf rohem Gemüse zum Abendessen.

Ungeduldig fummelte sie an den Drehknöpfen des Herdes herum. Kein Zischen von austretendem Gas war zu hören. Sie überprüfte, ob Strom floss, indem sie den Lichtschalter in der Küche umlegte, falls das die Ursache für das Problem war. Eine alte Lichtleiste flackerte auf, daran schien es also nicht zu liegen. Aber was den Herd anging, so tat sich immer noch nichts. Claire stand eine Weile da und starrte ihn grübelnd an, während ihr Magen zu knurren begann.

Unwillig ging sie ihr Handy holen und stellte sich damit auf Zehenspitzen an das Fenster im oberen Schlafzimmer in der Hoffnung, dass wenigstens ein Signalbalken aufleuchten würde. Sie wählte die Nummer des betagten Cottage-Besitzers, Mr. Hedley, bei dem sie gebucht hatte. Endlich hörte sie das Rufzeichen. Es klingelte weiter, aber es ging keiner ran, nicht einmal die Mailbox. Verdammt.

Die Abgeschiedenheit brachte also nicht nur Vorteile. Wen sollte sie um Hilfe bitten?

Der Nachbar, fiel es Claire plötzlich ein. Ob er wohl da war? Sie warf einen Blick aus dem Vorderfenster und sah seinen schwarzen Geländewagen, der in der kiesbestreuten Einfahrt parkte. Es war einen Versuch wert – ihr blieben nicht viele Möglichkeiten.

Eilig schlüpfte Claire in ihre Segelschuhe und ging die Einfahrt hoch, um an der Tür des benachbarten Hauses zu klopfen. Dieses Cottage war größer als ihres und in einem wesentlich besseren Zustand: Die Fensterbänke waren in frischem Weiß gestrichen, während sie auf ihrer Seite von Braunfäule befallen waren und gemeinsam mit der abblätternden Farbe zu bröckeln begannen. Eine hübsche pinkfarbene Rose rankte an der Wand empor.

Claire klopfte und wartete. Nichts. Sie klopfte noch einmal, diesmal lauter, und schlug ein paar Mal gegen den Briefkasten; eine Klingel konnte sie nirgends entdecken. Verdammt, er musste unterwegs sein; vielleicht machte er einen Spaziergang, sein Auto stand ja da. Sie würde es später noch einmal versuchen und sich in der Zwischenzeit mit Brot und Butter zufriedengeben müssen.

Gerade als Claire im Begriff war, sich abzuwenden, hörte sie von drinnen das Knarzen einer Tür und das Geräusch von Schritten. Dann tauchte ein Schatten hinter dem Milchglasfenster auf.

Die Tür öffnete sich einen Spaltbreit. »Ja?«

Es war der Mann, den sie heute Morgen am Strand gesehen hatte.

»Oh … hi … ich bin Claire … von nebenan.« Alles, woran sie denken konnte, war sein nackter Körper in all seiner Pracht. Sie spürte, wie ihr die Farbe vom Hals aufwärts ins Gesicht schoss und ihre Wangen erröteten. »Ähm, also, der Herd.« Ein fester Po, muskulöse Oberschenkel. Konzentrier dich, Claire. Reiß dich zusammen. »Er scheint kaputt zu sein. Ich wollte nur fragen, ob Sie mir vielleicht helfen könnten?« Sie lächelte hoffnungsvoll.

Der Nachbar lächelte nicht zurück, sondern sah sie leicht genervt an, eine Augenbraue erhoben, als ob er nicht die geringste Lust hätte, ihr zu helfen. »Ah, ich verstehe.« Im Haus hinter ihm war es ganz still, so als wäre er alleine.

Es war nicht gerade so, als würde er zu ihrer Rettung eilen. Trotz seines guten Aussehens und der süßen sandfarbenen Locken schien er ein merkwürdiger Mensch zu sein. Kein »Freut mich, Sie kennenzulernen« oder »Natürlich, ich komme rüber und schau mir das mal an«. Man hätte meinen können, sie hätte ihn gerade darum gebeten, ihr Klo zu putzen oder etwas in der Art.

»Ich wäre Ihnen wirklich dankbar, wenn Sie einen Blick darauf werfen könnten. Ich habe sonst keine Möglichkeit, etwas zu kochen«, versuchte sie es noch einmal.

»Ah, okay … na gut. Geben Sie mir fünf Minuten.« Er hatte einen leicht schottischen Akzent. Abrupt wandte er sich ab, schloss die Tür und ließ sie draußen stehen.

Was sollte das denn?

Freut mich auch sehr, Sie kennenzulernen! dachte Claire und stapfte über die Einfahrt zurück zu ihrem Cottage. Sehr charmant!

Heißer Body, null Charme – typisch. Na ja, es war ja nicht so, als hätte sie die Absicht gehabt, mit ihrem Nachbarn oder irgendjemand anderem eine intime oder auch nur freundschaftliche Beziehung zu knüpfen. Vielleicht würde er später vorbeikommen oder auch nicht.

Claire hatte gerade Wasser aufgesetzt – in der Hoffnung, dass eine Tasse heißer Tee das quälende Hungergefühl vertreiben würde –, als sie draußen das Knirschen von Kies hörte und dann ein Klopfen an ihrer Tür. Sie öffnete erstaunt. Da war er. Hochgewachsen, immer noch ohne ein Lächeln. Mit kühlen grünen Augen fixierte er sie.

»Der Herd, haben Sie gesagt? Gas?«

»Ah, ja. Er geht überhaupt nicht an. So, als ob kein Gas durchkommt.«

Diesmal zog er beide Augenbrauen hoch. Der eine Mundwinkel zuckte ärgerlich.

Claire hob ihrerseits fragend die Augenbrauen. »Was ist?«

»Haben Sie schon die Gasflaschen überprüft?«

»Ähm …«

»Sie wissen schon, diese großen orangefarbenen Dinger unter Ihrem Küchenfenster. Wenn die leer sind, müssen Sie sie austauschen.« Sein Geduldsfaden schien äußerst dünn zu sein. Typisch, dass sie Mr. Griesgram als Nachbarn bekommen musste.

»Nein, davon weiß ich leider nichts.« Es war schließlich nicht so, als hätte der Vermieter irgendwelche Hinweise für Gäste hinterlassen. Wie zum Teufel sollte sie das ahnen?

»Und ich nehme an, Sie wissen auch nicht, wie man die auswechselt?«

Du hast es erfasst, Großer. »Nein.«

»Tja, na gut, dann zeige ich es Ihnen besser mal. Dann wissen Sie das nächste Mal, wie es geht.« Und Sie müssen mir nicht noch einmal auf die Nerven gehen, lautete eindeutig der nächste Satz, wenn auch unausgesprochen.

Zusammen gingen sie nach draußen, zu der Seite des Cottages, an der die Küche lag. Zwei große orangefarbene Metall-Kanister waren unter dem Fenster aufgestellt. Ah ja, dachte Claire.

Mühelos hob der Nachbar einen davon hoch. »Leer.«

Claire kam sich ziemlich dumm vor, weil sie nicht nachgesehen hatte und nichts über Gasflaschen wusste. In ihrer Wohnung wurde das Gas einfach durch die Rohre geleitet und fertig.

»Okay, also, Sie legen diesen Schalter hier um«, erklärte der seltsame Nachbar ungeduldig. »Und drehen dann hier oben das Ventil, bis es klickt, genau so.«

»Oh, okay.« Claire nickte und versuchte, sich alles zu merken.

Er schraubte den Regler von der Flasche ab, die an die Leitung angeschlossen gewesen war, schob den leeren Kanister beiseite und zerrte den anderen in Position. »Sie müssen jetzt in die andere Richtung drehen, um den Regler zu befestigen, das Ventil wieder zuschrauben und den Schalter auf ›an‹ stellen. Ganz einfach eigentlich.«

»Alles klar, tut mir leid, dass ich Sie damit belästigt habe.« Es war deutlich zu sehen, dass die Aktion ihm Umstände bereitet hatte.

»Und Sie sagen wohl besser Mr. Hedley Bescheid, dass er eine neue Gasflasche besorgen soll, damit Sie nächstes Mal nicht komplett ohne dastehen«, ergänzte der Nachbar noch unwillig.

»Okay, mach ich. Danke.«

Der andere nickte nur. »Gut, das wäre dann erledigt.« Er drehte sich um und ging, verschwand wieder in seinem gepflegt aussehenden Cottage und machte die Tür hinter sich zu. Kehrte zu seinem Leben zurück. Claire fragte sich einen Moment lang, was für ein Leben das wohl war. Es schien, als wäre er alleine hier. Dann verdrängte sie die Gedanken an ihn. Auch sie hatte ihr eigenes Leben, um das sie sich kümmern musste. Ihre eigenen Wunden zu lecken. Wenigstens musste sie sich keine Sorgen wegen Lärmbelästigung machen. Im Grunde passte der ungesellige Nachbar gut in ihren Plan, Ruhe und Abgeschiedenheit zu genießen.

4. Kapitel

Ein heißes Schaumbad

Draußen war es stockdunkel, als Claire plötzlich erwachte. Das klapprige Bett knarzte bei jeder Bewegung. Hier gab es keine Straßenlaternen, und nur das Geräusch der heranrollenden und sich wieder zurückziehenden Wellen am Strand war zu hören.

Gott, ihre linke Brust fühlte sich unangenehm zusammengepresst an. Sie musste sich im Schlaf auf den Bauch gedreht und sie dadurch etwas gequetscht haben. Die Narbe spannte manchmal immer noch, und dann war da dieser seltsame stechende Schmerz, der sich von ihrer Achselhöhle den Arm hinunterzog. Claire bewegte ihre Finger, um sie zu lockern.

Erschöpft lag sie da und dachte nach. Sie hatte es geschafft. Ihre Flucht zum Cottage am Meer war geglückt. Sie war für eine Weile entkommen. Bekam eine Chance, wieder Atem zu schöpfen.

Es fühlte sich an, als hätte sie sich in der Zeit nach der OP und der Chemotherapie in einer Art Schwebezustand befunden … Sie hatte sich an dieses neue Leben gewöhnt, das aus Terminen und Krankenhausbesuchen bestand – sie hatten ihren Tagen Struktur verliehen und waren zur Normalität geworden. Claire hatte sich mit den Krankenschwestern und den anderen Patienten angefreundet, und nun vermisste sie sie auf eine seltsame Weise. Auch wenn sie aus dem bestmöglichen Grund dem Krankenhaus den Rücken gekehrt und diesen unheimlichen Abschnitt ihrer Lebensreise hinter sich gelassen hatte. Sehr zu ihrer Überraschung hatte es sich merkwürdig angefühlt, in ihr altes Leben zurückzukehren, obwohl sie diesen Tag so sehr herbeigesehnt hatte. Nichts schien mehr so zu sein wie zuvor, als Claire in die Zeitungsredaktion zurückgekehrt war und ihre wunderbaren Freundinnen Andrea, Jo und die anderen Mädels im Büro wiedergesehen hatte. Als sie anfingen, darüber zu quatschen, welche Schuhe sie am Freitagabend zu welchem Kleid anziehen sollten, schienen sie Welten entfernt von dort, wo Claire gerade hergekommen war. Sie hätte vor Glück umherspringen sollen, aber innerlich war sie einfach nur ganz ruhig, viel nachdenklicher als jemals zuvor. Ja, es tat gut, wieder zur Arbeit zu gehen, aber es war, als hätte sich die Achse ihrer Welt verschoben und sie könnte sich darin nicht mehr zurechtfinden.

Claires Gedanken wanderten noch weiter zurück, zu der Reihe Kunstledersessel, der Station für Chemotherapie. Dort hatten sie gesessen, Zeitschriften gelesen und geplaudert – angeschlossen an Schläuche, die sie mit Infusionsbeuteln verbanden, wie in einem Science-Fiction-Film. Die einstündige Wartezeit war anfangs zermürbend gewesen, aber dann hatte man sich daran gewöhnt. Und schließlich hatte sie es geschafft … Aber andere nicht. Claire spürte, wie ihr Tränen in die Augen schossen. Rebecca, Leanne … Freundinnen, mit denen sie sich oft unterhalten hatte, auf die sie sich immer gefreut hatte, wenn sie zu ihrem wöchentlichen Termin antreten musste. Ein Nicken oder ein Winken in Richtung ihrer Familien, wenn sie an ihr vorbeigingen, ein Hallo und auf Wiedersehen. Sie hatten miteinander geredet und Pläne geschmiedet, sich ausgemalt, was sie tun würden, wenn sie endlich von dort wegkämen. Verdammter Mist, dachte Claire bedrückt – manche waren nie von dort weggekommen. Sie war es ihnen schuldig, das Beste aus dem Leben zu machen, das ihr zurückgegeben worden war.

Claire hatte das Gefühl, dass sich Dinge verändern würden, aber sie wusste noch nicht wirklich, wie. Alles, was sie wusste, war, dass sie den Rest dieses Lebens, diese neue Chance, nicht vergeuden durfte.

Offenbar fing sie an, langsam wieder Boden unter den Füßen zu gewinnen, auch wenn der momentan noch etwas wacklig schien. Sie musste sich an der Tatsache festhalten, dass sie Entwarnung bekommen hatte, zumindest für den Moment. Und »für den Moment« reichte für den Anfang.

Draußen war es immer noch dunkel – Claire konnte es durch den Spalt zwischen den Vorhängen erkennen. Es musste früher Morgen sein. Sie sollte versuchen, weiterzuschlafen, aber in ihrem Kopf kreisten die Gedanken. Sie beschloss, aufzustehen und sich eine Tasse Kamillentee zu machen.

Langsam ging Claire nach unten, setzte den Wasserkessel auf und wartete in der muffigen Küche darauf, dass das Wasser kochte. Nachdem sie den Teebeutel hineingegeben hatte, nahm sie ihre Tasse mit ins Wohnzimmer und stellte sich damit ans Fenster. Sie machte sich nicht die Mühe, das Licht anzuschalten. Es fühlte sich friedlich an, einfach nur dazustehen und auf das nächtliche Meer hinauszublicken. Die Wellen schimmerten silbern im Licht des Halbmonds. Die warme Tasse in ihren Händen beruhigte Claire.

Sie glaubte Licht aufflackern zu sehen, möglicherweise von dem Cottage nebenan. Vielleicht war sie nicht die Einzige, die zu dieser ungewöhnlichen nächtlichen Stunde wach war. Beim Teekochen hatte sie das Licht in der Küche eingeschaltet – hatte ihn das gestört? Immerhin war es drei Uhr morgens. Ups, dann würde sie am Morgen einen noch griesgrämigeren Nachbarn haben.

Gegen Morgen war Claire ins Bett zurückgekehrt, um noch etwas Schlaf zu finden, doch beim Aufwachen am nächsten Tag fühlte sie sich wie gerädert. Zeit für einen Tee auf dem Balkon, sagte sie sich.

In ihren Morgenmantel gehüllt, schlurfte sie nach unten in die Küche, um wieder den Kessel aufzusetzen. Selbst im Sommer war es hier kühl. Bislang hatte sie weder einen Heizkörper noch irgendeine Art elektrischer Heizung entdeckt, nur den Kamin im Wohnzimmer. Gott sei Dank hatte sie den Urlaub nicht im Winter gebucht.

Während sie den Tee ziehen ließ, entdeckte Claire einige zerfledderte Bücher im Küchenregal – Kochbücher, darunter auch eines über das Brotbacken. Sie nahm es heraus und überflog ein paar Seiten. Schon immer hatte sie gern Leuten beim Backen zugesehen und die Fehlschläge und die fabelhaften Kreationen der Bewerber aus der Kochsendung The Great British Bake Off begutachtet. Vielleicht sollte sie selbst einen Versuch wagen. Sie hatte schließlich jede Menge Zeit. Und dieses Brot aus dem Feinkostladen gestern war superlecker gewesen. Ob es wohl schwierig war, selbst ein Brot zu backen?

Entschlossen nahm Claire das Kochbuch mit nach oben auf den Balkon. Genüsslich trank sie eine Tasse Earl Grey in dem wackeligen, aber gemütlichen Liegestuhl. Dabei überlegte sie erneut, was sie mit ihrem Urlaub anstellen sollte. Wie konnte sie das Beste aus ihrer Zeit machen? In Gedanken begann sie eine Liste zu schreiben. Eigentlich sollte sie sich ja entspannen, aber Claire konnte es nicht lassen; sie war nun mal eine Frau der To-do-Listen. Eine Weile grübelte sie vor sich hin. Das Erste, das ihr vorschwebte, war ein heißes und stark schäumendes Bad.

Also, Nummer eins: Sich ein heißes Schaumbad gönnen.

Was kam als Nächstes? Hmm, ja, überlegte Claire, Nummer zwei: Ein kühles Glas Weißwein schlürfen und dabei die Sonne im Gesicht, das Rauschen des Meeres und die wunderbare Aussicht genießen. Perfekt. Sie musste nur noch die Flasche Wein kaufen gehen.

Nummer drei (langsam schien sie in Schwung zu kommen): Die Welt an sich vorbeiziehen lassen und dabei dem Lachen von Kindern lauschen – im Laufe des Tages würden mit Sicherheit Kinder an den Strand kommen. Kinderlachen war etwas, das einem stets ein Lächeln ins Gesicht zauberte. Falls Claire sich später in ihrem Urlaub nach Gesellschaft sehnen würde, wäre es wunderbar, ihre zwei kleinen Neffen für einen Tag hierher einzuladen. Die beiden brachten sie immer zum Lachen. Claire erinnerte sich noch an den Tag, als die beiden die Einlage für den gepolsterten BH gefunden hatten, als sie nach ihrer Brustamputation bei ihrer Schwester übernachtet hatte. Claire hatte im Schlafzimmer ihres Neffen Ollie geschlafen, und er und sein großer Bruder Jack hatten den mysteriösen Gegenstand am nächsten Morgen auf dem Nachttisch liegen sehen. Sie waren fasziniert gewesen und hatten beschlossen, ihn als Frisbee zu benutzen und durch das Zimmer zu werfen. Als Claire aus der Dusche kam, fand sie die Jungen mitten im Spiel vor. Ihrer Schwester Sally war es sehr peinlich gewesen, und sie hatte den Jungs eine ordentliche Standpauke gehalten, aber Claire fand es lustig – es waren ja nur Kinder, die spielten. Sie hatte gelacht, bis ihr alles wehtat.

Noch bei der Erinnerung daran musste sie lächeln, bevor sie in Gedanken ihre Liste fortsetzte. Nummer vier: Brot selber backen. Ja, Claire wollte es unbedingt versuchen. Sie würde also neben dem Wein noch ein paar Backzutaten einkaufen.

Nummer fünf: Den hübschen (wenn auch griesgrämigen) Typen von nebenan noch einmal nackt sehen. Claire würde frühmorgens wachsam sein müssen. Wenn er auch etwas ungesellig war, hinderte sie das nicht daran, einen Blick auf ihn erhaschen zu wollen. Heute Morgen war jedoch weit und breit keine Spur von dem gebräunten, nackten Po von Mr. Hübsch-aber-mürrisch zu entdecken. Schade. Vielleicht hatte ihn die Tatsache, dass sie nebenan wohnte, verschreckt. Verflixte leere Gasflasche, dachte Claire bedauernd. Wenn sie nicht an seine Tür geklopft hätte, hätte er vielleicht nie bemerkt, dass sie hier wohnte, und wäre weiterhin morgens schwimmen gegangen und hätte ihren Tag erhellt. Claire schwor sich, den seltsamen Fremden künftig in Ruhe zu lassen und geduldig abzuwarten, ob er wieder einmal am Strand erschien.

Nummer sechs: Tanzen im Regen. Claire war sich nicht sicher, woher die Idee stammte, aber es schien ihr wie etwas Nettes und Unbekümmertes. Wenn es das nächste Mal in Strömen regnete (und da sie hier in Northumberland war, würde das bestimmt bald der Fall sein), würde sie nach draußen an den Strand rennen und einen Freudentanz aufführen – einfach weil sie es konnte.

Nummer sieben (jetzt war die junge Frau richtig in Fahrt): Eine neue Freundschaft schließen. Vielleicht mit jemandem hier in Bamburgh. Die Dame aus dem Feinkostladen fiel ihr ein. Sie hatte freundlich und gesprächig gewirkt.

Claire überlegte weiter. Was machte das Leben sonst noch schön und gut? Nummer acht: Eine Tasse Tee, ein Gläschen Wein (das hatte sie ja schon). Cocktails. Vor den Krebs-Behandlungen hatte Claire eine Schwäche für den Mojito in Bellas Bar gehabt, den sie oft zusammen mit Andrea unten am Kai in Newcastle getrunken hatte. Aber danach stand ihr jetzt nicht mehr der Sinn. Nummer neun. Sex on the Beach – okay, wo kam das jetzt her? fragte sich Claire. Nicht der Cocktail, oh nein, die Sache an sich. Wow! Das wäre ziemlich cool und total sexy … oder aber sehr sandig und kratzig. Jedoch bestimmt einen Versuch wert. Allerdings könnte sich die Ausführung dieses Punkts als etwas schwierig erweisen, da sie alleine hergekommen war und eigentlich nicht die Absicht hatte, in nächster Zeit irgendetwas mit Männern anzufangen. Eines Tages vielleicht.

Weiter mit der Liste! ermahnte sie sich. Nummer neun war nichts, was in naher Zukunft bevorstand, also beschloss sie, diese zu streichen, und was Nummer zehn anging, wartete sie noch auf Bestätigung. Es hatte keinen Sinn, Wünsche zu verschwenden, ehe sie wusste, was sie wirklich wollte.

Claire fragte sich, ob es vielleicht eine Nach-dem-Krebs-Wunschfee gab. Wie die Zahnfee. Man verlor eine Brust und hatte dafür ein paar Wünsche frei. Über den Einfall musste sie selbst staunen.

Während sie weiter über ihre Liste nachdachte, kam ihr in den Sinn, dass sie eigentlich weniger egoistisch sein und jedem, den sie liebte oder kannte, viel Gesundheit, jede Menge Glück und ganz eigene magische Momente wünschen sollte. Damit hatte sich Nummer neun doch noch geklärt.

Energisch wandte Claire sich wieder ihrem Tee und dem Kochbuch zu und blätterte die Brot-Rezepte durch. Sie sahen nicht allzu kompliziert aus, und die Zutaten würden nicht sehr teuer sein. Brotbacken war eine Sache, die sie definitiv heute tun konnte. Und jetzt – nach dem Motto »Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen« – würde sie ein gemütliches Bad nehmen.

Voller Vorfreude ging Claire ins Badezimmer, wo sie den Wasserhahn ganz aufdrehte. Wenigstens schien es heute genügend heißes Wasser zu geben. Sie goss etwas von dem Molton-Brown-Schaumbad, das sie noch vom letzten Weihnachten aufbewahrt hatte, ins Wasser. Während der Schaum höher stieg, zog sie ihren Bademantel aus, wobei sie versuchte, nicht auf ihre Narbe zu achten, und ließ sich bis zum Kinn ins Wasser sinken. Nach Ingwerlilie duftende Seifenblasen zerplatzten sanft um sie herum. Glückseligkeit. Eigentlich sollte sie sich auch ein kühles Gläschen Champagner zu Gemüte führen, damit sie gleichzeitig Bläschen trinken konnte – aber dafür reichte ihr Budget nicht aus. Trotzdem, vielleicht konnte sie später die Flasche Wein im Gemischtwarenladen besorgen. Sie würde ihre Wunschliste in Höchstgeschwindigkeit abarbeiten!

Mit nassen Händen griff Claire nach dem Backbuch, das sie ins Badezimmer mitgenommen hatte. Sie ließ noch etwas heißes Wasser ein und verlor sich dann in einer Welt aus Mehl Type 405, Focaccia mit Rosmarin und im Steinofen gebackenem Brot. Vierzig Minuten später stieg sie aus der Wanne, blass und schrumpelig, aber entspannt und zufrieden.

Eine halbe Stunde später machte sich Claire mit ihrem Rucksack und einer Regenjacke wieder auf den Weg den Strand entlang. Dunkle Wolken zogen sich am Horizont zusammen, eine graue Wand türmte sich in der Ferne über dem Meer auf, wo bereits der Regen niederprasselte. Es würde auf jeden Fall ein wechselhafter Tag werden. Claire würde zunächst zum Feinkostladen gehen – hoffentlich hatten sie die Art von Mehl und die Hefe, die sie brauchte. Sie sah sich schon vor sich, wie sie in einer Küche im Stil der Fünfzigerjahre energisch den Teig knetete wie die Fernsehköchin Mary Berry. Was sich Claire tatsächlich sehr gut vorstellen konnte, war, wie sie auf das Gesicht ihres Ex-Mannes einschlug. Boom. Gerade als sie gedacht hatte, ihr Leben könnte nach den ganzen Behandlungen wieder zur Normalität zurückkehren. Paul … Und diese Sexbombe. Claire war noch immer erschüttert. Wie hatte sie nichts bemerken können? »In guten wie in schlechten Tagen …« Er war mit ihr den Weg gegangen, weil sie ihm leidgetan hatte, nur um sie in dem Moment, der ihr Happy End hätte sein sollen, mit einer Wahrheit zu konfrontieren, die sie völlig verstörte.

Okay, genug mit dem Selbstmitleid, ermahnte sich Claire. Sie würde nicht diese Richtung einschlagen. Verbanne diese negativen Bilder, jetzt sofort. Sie war hergekommen, um Frieden und Ruhe zu finden, nicht, um in Rachegedanken zu schwelgen. Aber vielleicht wäre etwas Teig schlagen eine gute Therapie.

Am Strand war es heute ruhiger; das kühlere Wetter hielt die Menschen fern. Nur ein paar abgehärtete Urlauber in Anoraks und einige Hundebesitzer waren unterwegs, und eine unerschütterliche Familie hatte ein Lager mit Windschutz aufgeschlagen.

Nach einem fünfundvierzigminütigen Spaziergang erreichte Claire das Dorf. Im Feinkostladen wurde sie wieder von derselben Frau mit einem warmen Lächeln begrüßt. Heute trug sie eine fröhliche geblümte Schürze im Vintage-Stil.

»Hallo, junge Dame – na, wieder da?«

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