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Dark Call - Du wirst mich nicht finden

Als Buch hier erhältlich:

»Dark Call. Du wirst mich nicht finden« ist der furiose Start einer hochspannenden Thriller-Serie um die Forensikerin Holly Wakefield, die sich auf Serienmörder spezialisiert hat. Für alle Fans von Simon Beckett, Chris Carter und Michael Robotham.



TRAUST DU DICH, IN DIE AUGEN EINES KILLERS ZU SCHAUEN ...?

Holly Wakefield arbeitet als Kriminalpsychologin. Ihr Spezialgebiet: Serienmörder. Es gibt einen guten Grund, weshalb sie die Beste in ihrem Job ist – aber den behält sie für sich. Als Detective Inspector Bishop von der Met Police Holly kontaktiert, um einen Mordfall zu untersuchen, ist Holly entsetzt von den brutal zugerichteten und theatralisch positionierten Leichen. Bishop sieht diese Verstümmelungen nicht zum ersten Mal, und bald ist klar: Da draußen ist ein Serienmörder. Und er wird wieder töten.

Holly ist es gewohnt, sich in die Psyche von Mördern hineinzuversetzen. Aber dieser Killer hat etwas mit ihr gemeinsam, das sie seit Ewigkeiten geheim hält. Zum ersten Mal seit ihrer Kindheit ist Holly gezwungen, sich ihrer dunklen Vergangenheit zu stellen ...

»Seinen Namen sollten sich Thrillerfans merken: Das Krimidebüt des Drehbuchautors und Schauspielers Mark Griffin ist so wendungsreich wie virtuos.«
Hörzu

»Der Start seiner Krimiserie punktet als Pageturner, der wendungsreich überrascht.«
Kulturnews

»Der britische Autor Mark Griffin brennt ein Feuerwerk grandioser Einfälle ab.«
Sächsische Zeitung

»Mit dem Thriller „Dark Call“ liefert Autor Mark Griffin das, was Thriller-Leser am meisten lieben: lokomotivenstarke Spannung, die dampfschnaubend in den Text zieht – und das von der ersten Zeile an-, und Hauptfiguren, die man gern bei ihrer Arbeit begleitet und bei denen man über kurz oder lang das Gefühl entwickelt, mithelfen zu müssen.«
NDR Kultur

»Ein viel versprechendes Debüt. Von diesem Autor und seiner Psychiaterin will man mehr lesen«
Südwest Presse

»Fulminanter Auftakt einer Reihe um die Londoner Forensik-Psychologin Holly Wakefield, die das Zeug zu einer neuen Serienheldin hat.«
Ekz Bibliotheksservice

»Ein beeindruckendes Debüt.«
NDR

»Griffin hat zwei sympathische, verkorkste Helden und eine abwechslungsreiche Geschichte zu erzählen, die sich genau im erträglichen Maß an kleinen bizarren Details weidet.«
WDR 5

»Das Debüt von Mark Griffin hat alles, was ein guter Thriller braucht.«
Wochenpost

»Packender Lesestoff mit flüssigem Schreibstil, aber nichts für zarte Gemüter.«
Mainhattan Kurier

»Mark Griffin beweist ein Feingespür für die Folgen von physischen und psychischen Traumata, ohne die Hoffnung auf Linderung, vielleicht gar Erlösung vorschnell zu begraben.«
NZZ am Sonntag




  • Erscheinungstag: 08.06.2020
  • Aus der Serie: Holly Wakefield
  • Bandnummer: 1
  • Seitenanzahl: 416
  • ISBN/Artikelnummer: 9783959673785

Leseprobe

Dad – danke, dass du mir früher vor dem Schlafengehen die Wunder der Welt von Marco Polo

und die Abenteuer des Vasco da Gama vorgelesen hast.

Mum – danke, dass du immer darauf bestanden hast,

dass ich ein Buch mit in den Urlaub nehme

und ich dadurch die Mumins, die Hardy Boys

und Blausäure kennengelernt habe.

Eins

Zehn Jahre zuvor

Das Messer hämmerte im Stakkato auf das Schneidbrett.

Huhn, Karotten, Kartoffeln, eine Prise Salz, dann wurde das Backblech mit einer einzigen geschmeidigen Bewegung in den Ofen geschoben und die Klappe geschlossen. Natasha Sickert schaute auf ihre Armbanduhr. 16:30 Uhr. Wer rastet, der rostet. Also nahm sie eine Backmischung aus dem Kühlschrank und mixte den Teig zusammen. Ihrem Mann war der selbst gemachte lieber, aber heute fehlte ihr einfach die Zeit. Sie wischte sich den Schweiß von der Stirn, gab die Masse in eine Auflaufform und schmierte sich dabei aus Versehen etwas Mehl an die Stirn. Ihre Arme waren drahtig – dünn, aber stark –, und sie fürchtete sich nicht vor harter Arbeit. Sie war siebenunddreißig Jahre alt, ihre Wangen waren hohl und ihre blauen Augen wässrig, als wollte sie gleich weinen. Doch Natasha weinte nicht mehr. Damit hatte sie schon vor langer Zeit aufgehört. In einem anderen Raum klingelte das Telefon. Nach dreimaligem Läuten wandte sie sich um zum angrenzenden Flur.

»Richard? Gehst du ran?«

Keine Antwort.

Sie schloss die Augen und nahm sich einen Moment, dann wischte sie die Hände an der Schürze ab und wollte gerade aus der Küche eilen, um selbst abzunehmen, als er ranging. Ihr Mann hatte eine tiefe, stockende Stimme, und sie hörte ihn reden, allerdings nur gedämpft, die Worte drangen durch zwei Wände zu ihr hindurch. Sie hoffte, dass jemand am Apparat war, der ihm etwas verkaufen wollte. Nach weniger als einer Minute war das Gespräch beendet, und sie sah seinen Schatten die Treppe hinaufsteigen. Er war ein großer Mann, über 1,80 Meter, trotzdem konnte er sich, wenn er wollte, sehr leise bewegen.

Sie gab Dosenpfirsiche auf den Teig und streute braunen Zucker darüber. Von oben hörte sie ein dumpfes Knacken, das vertraute Geräusch des anspringenden Durchlauferhitzers. Richard ließ sich ein Bad ein. Sie schaute erneut auf ihre Armbanduhr und schüttelte den Kopf. Sie würde ihren Mann wohl nie verstehen.

Zwei Stunden später ging Richard aus dem Haus, ließ die Tür offen. Normalerweise waren seine Augen rund und dunkel, wie die einer Puppe, aber heute, im Licht der Straßenlaternen, wirkten sie verwaschen. Er überquerte den Rasen vor dem Haus und stellte sich mitten auf die Straße, blieb dort stehen und starrte die Häuser der Nachbarn an, anscheinend unbeeindruckt von der Kälte und dem Umstand, dass er splitterfasernackt war. Ein Wagen bog um die Ecke, und er ließ sich auf die Knie fallen. Bremsen quietschten, als der Fahrer des Wagens das Steuer herumriss. Im Strahl der Scheinwerfer sah er, dass Richards Körper rot verschmiert war. Der Fahrer hupte. Richard sah dem Wagen hinterher, bis er verschwunden war, und auf seinen schmalen Lippen zeigte sich die Andeutung eines Lächelns.

Innerhalb weniger Minuten hatten sich bereits neugierige Nachbarn vor den Haustüren versammelt, während die Polizei mit Blaulicht heranraste. Sergeant Echose und DI Combs waren die Ersten am Schauplatz des Geschehens, um 18:58 Uhr hatte einer der diensthabenden Beamten in der Zentrale einen Anruf von Richards Nachbarn, dem zweiundsiebzigjährigen William Gardener erhalten. Obwohl er sich gegen Ende der Doppelschicht ausgelaugt fühlte, wurde DI Combs plötzlich hellwach, als er sah, in welchem Zustand sich der Mann vor ihm befand. Richard zitterte stark, und Combs legte ihm eine Decke über die Schultern.

»Tut mir s-s-so leid, dass ich Ihnen solche Umstände mache, Officer.«

»Schon gut, Sir.« Combs ging neben ihm in die Hocke und lächelte sanft. »Die Nachbarn haben gesagt, Sie hatten einen Unfall.«

»O nein, Officer«, erwiderte Richard. »Der Unfall liegt in der Badewanne.«

Zwei

Holly Wakefield stand am Rednerpult des Seminarraums am King’s College in The Strand. Sie trug eine schwarze Hose, eine weiße Bluse und eine taillierte schwarze Jacke. Ihr braunes Haar hatte sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, der normalerweise ein Eigenleben führte, aber jetzt stand sie reglos und tief in Gedanken versunken da, war sich der Anwesenheit der zweiunddreißig Studenten gar nicht bewusst, die erwartungsvoll vor ihr saßen.

»Okay, ich hab’s.« Sie hob den Blick. »›Psychopathen lassen sich nicht freiwillig therapieren.‹«

Der Fehdehandschuh war geworfen. Die Studenten starrten sie an, strengten das Hirn an.

»Wer hat das gesagt? Kommen Sie schon.«

Ein blondes Mädchen hob die Hand.

»Seto?«

»Sehr gut, Abigail. Michael Seto. Zitat: ›Vielmehr werden sie von einem verzweifelten Verwandten oder einer gerichtlichen Verfügung dazu gezwungen. In den Augen des Psychopathen ist der Therapeut nur eine weitere Person, die es zu täuschen gilt, und der Psychopath bleibt so lange in seiner Rolle, bis der Therapeut von seiner Rehabilitierung überzeugt ist.‹ Zitat Ende.« Sie hielt kurz inne, dann:

»Wer das nächste kennt, den lade ich auf einen Kaffee ein. ›Er hat die psychiatrische Lizenz zum Töten erhalten.‹ Die Lizenz zum Töten – ich finde das toll.« Ein Meer ratloser Gesichter. »Wollen Sie einen Tipp?« Sie wartete die Antwort nicht ab. »A Sign for Cain.« Sie ging hinter dem Pult auf und ab, ihr Pferdeschwanz wippte. »Es wird biblisch …«

Eine männliche Stimme von ganz hinten: »Lewis Hutchinson?«

»Nein, Ben. Kommen Sie schon. An Exploration of Human Violence.« Wieder ging eine Hand hoch.

»Patrick?«

»Fredric Wertham?«

»Danke, Patrick! Genau. Sie bekommen einen Kaffee.«

»Mit Milch und zwei Stück Zucker, Miss.«

»Hab ich mir gedacht. Nennt mir bitte jemand das Zitat?« Seiten wurden umgeblättert, bis Sarah das Wort ergriff.

»›Ein Angeklagter kann für geisteskrank erklärt werden, einige Zeit in einer Anstalt verbringen und anschließend ohne Bewährung oder sonstige Überwachung entlassen werden. Mordet er erneut, werden seine Anwälte auf Unzurechnungsfähigkeit plädieren – jeder Staatsanwalt weiß, dass der Täter de facto nicht wegen vorsätzlichen Mordes verurteilt werden kann. Damit hat ihm der Psychiater die Lizenz zum Töten erteilt.‹«

»Danke, Sarah. Ganz schön unheimlich für einen Montagvormittag. Hier ist noch was: Peter Sutcliffe, auch bekannt als der Yorkshire Ripper, bekam zwanzig Mal lebenslänglich wegen Mordes an dreizehn Frauen und versuchten Mordes in sieben weiteren Fällen, alle begangen in den frühen Achtzigerjahren im Raum Yorkshire und Greater Manchester. 2011 wurde ihm nach dreißig Jahren hinter Gittern Freilassung auf Bewährung verweigert, aber er durfte im Oktober 2015 wegen einer Katarakt-Operation in Begleitung hinaus in die Öffentlichkeit und eine Augenklinik des NHS besuchen. Ohne Handschellen. Mitten unter uns. Wie kam es dazu? Sein Psychiater, der ehemalige Klinikdirektor von Broadmoor, Doctor Kevin Murray, hatte das Risiko, dass er erneut straffällig wird, als ›gering‹ eingestuft. Ein geringes Risiko. Ich persönlich würde ihm kein Gummibärchen anvertrauen. Hat jemand von Ihnen das von Murray erstellte psychologische Gutachten des Ripper gelesen?«

Allgemeines Kopfschütteln.

»Tun Sie es bei Kerzenlicht, und Sie werden sich vor Angst in die Hose machen.« Sie betrachtete eins der vielen Exemplare auf ihrem Tisch. Sie kannte es sowieso auswendig. »Beschäftigen wir uns mit Sutcliffes Modus Operandi. Wie hat er sich ausgedrückt? Die Spuren und Verletzungen der Opfer sind die Handschrift des Täters. Sie sind einzigartig, dienen ausschließlich der emotionalen Befriedigung und tragen nicht notwendigerweise zum Tod des Opfers bei. Nennen Sie mir ein Beispiel für eine solch charakteristische Handschrift.«

»Wenn der Täter das Opfer, nachdem er es getötet hat, in eine bestimmte Position bringt?«

»Sie sind heute gut in Form, Ben. Man spricht von der Darstellung der Opfer. Wenn sie mit dem Gesicht nach unten oder oben hingelegt oder aufrecht hingesetzt wurden, als würden sie noch leben, kann das auch als rituelles Element verstanden werden. Jetzt kommt das Wichtigste: Serienkiller passen sich an ihre Taten und ihre Umgebung an, gehen immer effizienter vor. Dabei verändert sich häufig ihr Modus Operandi, nur sehr selten aber ihre Handschrift. Nennen Sie mir ein Beispiel für Sutcliffes Handschrift.«

»Hat er nicht einen Schraubenzieher verwendet?«

»Das hat er, und je mehr Frauen er getötet hatte, desto brutaler ging er vor. Belegt wird dies durch den sogenannten ›overkill‹. Auf Emily Jackson hat er beispielsweise zweiundfünfzig Mal eingestochen.«

Die Glocke läutete, signalisierte das Ende des Unterrichts.

»Okay – Hausaufgaben. Zur Handschrift des Yorkshire Ripper zählte eine tiefe Wunde im Bauch seiner Opfer, die er ihnen beibrachte, nachdem er ihnen mit einem Hammer auf den Kopf geschlagen hatte. Die Verteidigung rief drei Psychiater auf, Dr. Milne, Dr. McCulloch und Dr. Kay, die bei ihm jeweils eine verkapselte paranoide Schizophrenie diagnostizierten – er glaubte, in Gottes Auftrag zu handeln, wenn er Prostituierte tötete und die Welt von solch unerwünschten Personen befreite. Sein Motiv waren aber wohl eher sein Hass auf Frauen, insbesondere Prostituierte, und die sexuelle Erregung, die er verspürte, wenn er ihnen derlei Verletzungen beibrachte. Welchen Ursprungs ist sein Fetisch für tiefe Unterleibsverletzungen? Schreiben Sie zweitausend Worte.«

Sie suchte ihre Unterlagen zusammen und packte ein, während Stühle über den Boden scharrten und die Studenten sich erhoben.

»Ich gebe Ihnen noch einen Tipp«, sagte sie. »Eine sehr gruselige viktorianische Wachsfigur, die in Morecambe ausgestellt ist, soll angeblich etwas damit zu tun haben. Wir sehen uns nächsten Montag. Das war’s – nichts wie raus hier, ihr Schizos.«

Drei

Die grauen Wolken, die den gesamten Vormittag die Sonne verdeckt hatten, hingen immer noch am Himmel. Heftige Regenschauer jagten wie dichter Qualm über die Stadt.

Um diese Zeit waren sämtliche Durchgangsstraßen in London verstopft. Holly fuhr über Embankment und klopfte den Rhythmus eines Liedes auf dem Lenkrad mit, während der Regen auf das Wagendach prasselte und von der Windschutzscheibe spritzte. Sie liebte ihren knallroten MG, Baujahr 1982 – ein Klassiker, bildete sie sich ein. Sie ließ das Fenster ein Stück runter, um Luft hereinzulassen und den Regen zu riechen. Londoner Regen. Leicht salzig wegen der Themse. In dem Verkehr konnte sie den Fluss kaum ausmachen, aber wenn sich eine Lücke auftat, sah sie die Lichter und Schiffsmasten. Der November hatte begonnen, spätestens in einem Monat würden die Autos hier Stoßstange an Stoßstange stehen, wenn Weihnachtsbegeisterte und Käufer auf der Suche nach Schnäppchen in die Innenstadt strömten.

Sie schaute auf ihre Armbanduhr. Fast drei, sie bog also auf die Westminster ab, vorbei an Belgrave Square Garden, und schon wenig später war sie auf der Cromwell Road, wo die Geschäfte bereits mit bunten Fähnchen für den Schlussverkauf warben. Fünf Minuten später befand sie sich in einer ruhigen Wohnstraße mit georgianischen Häusern zu beiden Seiten und bog dort in die Auffahrt zum Wetherington Hospital ein. Mit den kannelierten Säulen am Eingang und der Fassade aus weißem Stein hatte es etwas Hochherrschaftliches. In den Achtzigerjahren, als Gentrifizierung noch der letzte Schrei gewesen war, hatte man es umgebaut. Holly fuhr über die verkehrsberuhigenden Schwellen und parkte auf einem den Mitarbeitern des NHS vorbehaltenen Parkplatz, der mit ihrem Namen gekennzeichnet war. Der Weg wurde von Azaleen gesäumt und endete an der schweren Stahltür, die in das Krankenhaus führte. Über der Tür war ein Bewegungsmelder angebracht, daneben eine Weitwinkelkamera, die alles einfing, was sich näherte oder auf den Parkplatz fuhr.

Sie zog ihre Schlüsselkarte durch den Scanner und wurde mit einem schweren Knacken belohnt. Die magnetische Verbindung wurde unterbrochen, und die Tür ließ sich mit sanftem Druck öffnen. Drinnen war es warm und, dank der Neonröhren an der Decke, hell. Sie ging weiter zur Sicherheitskontrolle, wo sie den Metalldetektor und Edyta passierte, die Wärterin, die Hollys Namen in ein Buch eintrug und ihre Handtasche gründlich durchsuchte.

»Guten Tag, Holly.«

»Hi, Edyta. Das Wochenende ist schon wieder vorbei, keine Ahnung, wieso das so schnell ging. Wie geht’s Mike mit seinem Bein?«

»Nächsten Samstag kommt der Gips ab. Er hat sich wieder mit der Stricknadel darunter gekratzt. Wär mir ja egal, aber dabei trennt er jedes Mal ein Stück von meinem Pulli auf.« Sie gab Holly die Tasche zurück. »Schönen Tag.«

Im Raum mit den Schließfächern zog Holly ihren weißen Arztkittel über und nahm ihr Klemmbrett. Auf dem Weg durch den langen Gang in die Behandlungszimmer, die in einem separaten Gebäude untergebracht waren, grüßte sie Ärzte und Schwestern. Neben dem bogenförmigen Anmeldungsschalter befand sich eine Tür, die tiefer in das Gebäude führte. Die Stationsschwester sortierte Unterlagen in kleine Stapel, als Holly näher trat.

»Hi, Jackie, viel zu tun?«

»Kann man wohl sagen. Heute gab’s kein heißes Wasser in der Männerdusche.«

»Kalte Duschen in einer Irrenanstalt? Welches Jahr schreiben wir denn, 1869?« Sie nahm ihre Checkliste und legte die Stirn in Falten. »Wie geht’s Lee heute?«

»Tut mir wahnsinnig leid, Liebes, aber Lee hatte heute Morgen einen kleinen Anfall.«

»O nein. Dabei ging es ihm mit dem Risperidon doch so viel besser.«

»War ganz schön schlimm. Er wurde isoliert.«

»Ist Max in seinem Büro?«

Jackie nickte. »Er erwartet dich.«

Max Carrington, der Anstaltsleiter, sagte nichts, während Holly vor seinem Schreibtisch im Kreis ging. Sie hatte die Hände so fest ineinander verschränkt, dass ihre Fingerknöchel weiß wurden.

»Du hättest mich rufen müssen, Max. Ich kenne ihn besser als alle anderen.«

»Das ist richtig, aber …«

»Was ist denn überhaupt passiert?«

Max nahm die Brille ab und massierte sich die Nasenwurzel, als wäre ein Kopfschmerz im Anflug. »Er hatte eine heftige Wahnstörung und fing an, sich selbst zu verletzen. Ein Pfleger hat die Zellentür aufgemacht, und Lee hat ihn angegriffen. Dabei wurde Alarm ausgelöst.« Er sah sie mit zusammengekniffenen Augen an, setzte aber schnell wieder seine Brille auf. Die Gläser waren so dick, dass es schwierig war, seinen Blick zu deuten.

»Geht’s dem Pfleger gut?«

»Alan war’s, einer von den neuen. Er hat sich erschrocken, mehr nicht. Ich habe mit ihm gesprochen, er wird keine offizielle Beschwerde einreichen.«

»Gut. Danke dir, Max. Okay – also jetzt bin ich ja da. Hol Lee, und lass mich mit ihm reden.«

»Du weißt, dass ich das nicht darf.« Wieder nahm er die Brille ab, wieder führte er Daumen und Zeigefinger an die Nasenwurzel. »Wir können niemandem eine Vorzugsbehandlung geben. Der Vorstand würde auf die Barrikaden gehen.«

»Max …«

»Nein, Holly. Hör mir bitte zu. Lee ist … er ist einer unserer schwierigeren Fälle. Drei Jahre in Parkhurst und jetzt seit zehn Jahren hier. Bis morgen bleibt er isoliert. Schlag dir das aus dem Kopf.«

»Dann holst du ihn eben nicht raus. Aber wie wär’s, wenn du mich zu ihm lässt?«

»Du lieber Himmel, Holly. Er ist ein Mörder. Du weißt, wie gefährlich er ist.«

»Er hört auf mich, Max.« Sie senkte die Stimme. »Ich übernehme die volle Verantwortung für alles. Bitte.«

Lee Miller spielte Solitär, als Holly seine Zelle betrat. In seinem grauen Gesicht zeichneten sich tiefe Falten ab, es schien, als würde es kaum durchblutet werden. Von seinen Augenbrauen war nichts mehr übrig, sein rotes Haar kaum noch zu erahnen. Er saß an einem aufgebockten Tisch, hielt den Blick gesenkt, die Augen verborgen, und deckte Karten auf. Er schien Holly gar nicht wahrzunehmen, aber sie wusste, dass er sie beobachtete. Die Stille, abgesehen vom leisen Schaben der Karten, war absolut. Dann hob er ganz leicht den Kopf, und durch die leichte Bewegung schien auch in den Rest seines Körpers Leben zu kommen.

»Hallo, Holly.«

Eine Einladung.

»Hallo, Lee.« Sie zog ihre Jacke aus und hängte sie über die Lehne des Stuhls, der seinem gegenüberstand. Dann hielt sie einen Augenblick lang inne, beobachtete ihn, zog den Stuhl zurück und setzte sich, so leise sie konnte. »Wie geht’s dir heute?«

»Besser, jetzt wo ich dich sehe. Wie lief’s mit den Studenten heute früh?«

»Gut. Einige sind ganz vielversprechend. Sie zitieren schon Seto.«

»Wird völlig überschätzt. Newman und Lykken sind viel spannender. Aber jetzt ist das Seminar zu Ende, und du bist den Rest der Woche wieder hier, bei den Bösen.«

»Das Böse lebt ›nicht in den Räumen, die wir kennen, sondern dazwischen‹.«

»Lovecraft.«

»Sehr gut.«

Noch immer weigerte er sich, ihr in die Augen zu sehen. Er hielt weiterhin den Kopf gesenkt, den Blick ausschließlich auf sein Spiel gerichtet.

»Was war los, Lee?«

Sie hob die Hand über den Tisch und ließ sie in seiner Reichweite liegen. Dabei war sie sich sehr wohl bewusst, dass sie von Kameras beobachtet wurden. In diesem Moment blickte er auf. Seine glasigen Augen waren hellblau und von feinen roten Äderchen durchzogen. Trotz der Blutergüsse in seinem Gesicht konnte sie sehen, dass er geweint hatte. Er legte seine Hand ebenfalls auf den Tisch, dicht neben die von Holly, aber ohne sie zu berühren.

»Egal. Du siehst müde aus. Bist du spät ins Bett?«

»Kann man wohl sagen.«

»Neuer Freund?«

»Nein.«

»Was dann?«

»Arbeit.«

Er kniff ganz leicht die Augen zusammen. »Ich merke das, wenn du lügst.«

»Ich lüge nicht. Was war los, Lee?«

»Ah, und schon sprechen wir wieder über mich oder wie?«

»Genau.«

»Mein Lieblingsthema.« Pause. »Abgesehen von dir.«

»Komm schon, lass uns darüber reden.«

»Muss das sein?«

Ein paar Sekunden lang wirkte die Situation verfahren, aber dann schlug er die Augen nieder, und sie verstand dies als Signal, weiter Druck auf ihn auszuüben.

»Wie schlimm waren die Bilder, Lee? Was hast du gesehen?«

Er zog die Hand weg und wirkte plötzlich verletzlich.

»Was ich immer sehe. Die Bestie.«

Sie wartete ab.

»Nicht im empirischen Sinne. Trotzdem ist er eine Bestie. Dieses Mal dachte ich, er würde mich finden. Ich musste ihn aufhalten. Das ging nur, indem ich ihm mein Blut schenkte. Also fing ich an, mich zu ritzen.«

»Womit?«

Er hob die Hände und spreizte die Finger. »Die haben mir beim letzten Mal die Nägel nicht besonders gut geschnitten. Frechheit.« Er senkte seine Hände und seufzte. »Wie geht’s dem Pfleger? Den hab ich noch nicht oft hier gesehen. War ein Schock für mich, ein unbekanntes Gesicht zur Tür hereinkommen zu sehen. Hat er einen grauen Bart?«

»Nein.«

»Hm. Aber jemand anders hat einen grauen Bart. Ich hab jemanden mit einem grauen Bart gesehen.«

»Warum hast du aufgehört?«

»Ich dachte, dass ich ihn umbringen wollte. Aber das darf ich jetzt nicht mehr, oder?«

»Nein.«

»Er hat immer wieder meinen Namen gesagt. ›Lee, ist schon okay, Lee. Alles gut, Lee. Ich bin da. Ich bin ja da.‹ Ich wollte ihn fragen, ob er auch wirklich im Sinne der Quantenphysik da war, aber zu dem Zeitpunkt hat er mir einfach nur leidgetan. Geschehen ist geschehen. Ich bin sicher, er wird’s überstehen.«

»Hat er schon.«

»Hat er seine Versetzung beantragt?«

»Nein.«

»Dann ist er wohl ganz brauchbar.« Er lächelte, aber sein Lächeln erreichte seine Augen nicht. »Ich freue mich darauf, ihn besser kennenzulernen.«

»Ich möchte nicht, dass du noch mehr Menschen verletzt, Lee.«

»Liegt nicht an mir. Liegt an der Person in mir, die mir so was zuflüstert.«

»Erzähl mir noch mal von der Bestie.« Pause. »Wo hast du sie gesehen?«

»Zu Hause.«

»Zu Hause?«

»Ja.« Kaum hörbar. »Grauer Bart … ich weiß nicht …« Er hielt inne, konzentrierte sich. »Ich konnte sie durch den Spalt zwischen den Schranktüren sehen. Sie ist immer wieder aufgeblitzt. Hat sich so schnell bewegt. Silbrig und rot. Aber die Türen, hinter denen ich mich versteckt hatte, wollten nicht richtig schließen. Hab verzweifelt die Kanten mit den Fingerspitzen zusammengehalten. Immer wieder gedacht, gleich gehen sie auf und dann findet sie mich …« Er zögerte, schien sich zurückzuziehen. »Nein, ich will nicht. Ich will mich nicht erinnern. Jetzt nicht. Ich will nur Karten spielen.«

»Spielen wir zusammen?«

»Heute nicht.«

»Ich will nicht, dass du dich verschließt, Lee. Du hast so gute Fortschritte gemacht.«

»Hab ich das?«

»Ja. Du schläfst besser. Deine Stimmungsschwankungen sind weniger extrem, du hast wieder Appetit.«

»Appetit auf Zerstörung. Ich bin einsamer denn je.«

»Ich bin hier, Lee.«

»Aber das bist du doch gar nicht, oder? Du bist nicht hier. Du schaust nur von draußen rein.«

Er fing wieder an, sich aufzuregen.

»Nein, ich bin hier drinnen, Lee. Und ich werde es immer sein.«

Er starrte sie lange an, und als er endlich den Blick abwendete, verdrehte er die Augen, als hätte er Schmerzen. Sie beugte sich näher heran. »Lüge ich jetzt?«

»Nein.« Kaum ein Flüstern.

Die Sekunden wurden zu Minuten, es herrschte angespannte Stille, bis es an der Tür klopfte. Dann ging sie auf und ein Pfleger trat ein.

Holly drehte sich um. »Schon?«

Der Mann nickte.

Sie stand auf und zog ihre Jacke über. Lee nahm die Karten auf und drehte sie wieder um, als hätte das Gespräch zwischen ihnen nie stattgefunden.

»Ist es kalt draußen?«

»Ja.«

»Dann zieh dich warm an, Holly.«

»Ich will’s versuchen.«

Sie verließ die Zelle. In ihrem Bauch knotete sich etwas zusammen, kaum dass die schwere Metalltür hinter ihr zuschlug.

Endlich zu Hause angekommen, war Holly erschöpft.

Sie brauchte fast zwanzig Minuten, um von der Cromwell Road runter-, und noch mal zwanzig, um aus Hammersmith rauszukommen. Bis sie ihre eigene Straße in Balham, im Londoner Südwesten, erreicht hatte, waren alle Parklücken schon besetzt, und sie musste ein halbes Dutzend Mal im Kreis fahren, um endlich mit viel Glück einen Parkplatz zu finden.

Viele Leute waren auf der Straße. Lachende und rauchende Teenager, Männer und Frauen mit leeren Blicken, die es nach einem Tag im Büro nicht mehr erwarten konnten, nach Hause zu kommen. Vor dem Bedford Pub hing schon Weihnachtsschmuck. Hier gab es eine Bühne für Livemusik und Comedy, und Holly spähte im Vorbeigehen durchs Fenster. Es war bereits relativ voll, aber die Beleuchtung war so schlecht, dass die Menschen wie Flecken wirkten, wie Schatten vor der Bar.

Sie machte noch einen kurzen Abstecher in den nächstgelegenen kleinen Supermarkt, nahm Milch und eine Packung luxuriöse heiße Schokolade mit.

»Hast wohl eine Nachtschicht vor dir?«, fragte Jatinda Gill, während er ihre Einkäufe in eine Tüte packte.

»Verleiht mir Superkräfte, J.T.«

»Hast du letzte Woche auch schon behauptet«, grinste er. Sie zahlte, nahm ihre Tüte und ging wieder hinaus auf die belebte Straße.

Abbiegen auf die Northwest Lane, und hundert Meter weiter links war schon ihr Block. Wohnung 17, im fünften Stock. Sie hatte gespart und gespart und die Wohnung vor sechs Jahren gekauft, wobei sich die Renovierungsarbeiten noch mal über drei Jahre hingezogen hatten. Dafür hatte sie eigens gelernt, wie man Wände verputzt, Rohre verlegt und malerte, und als sie endlich fertig war, hätte sie nicht glücklicher sein können. Sie tat nichts lieber, als nach Hause zu kommen.

Sie nahm den Fahrstuhl nach oben und blieb dann ein paar Minuten im Eingang stehen, verharrte in der Dunkelheit. Schließlich ging sie zum Erkerfenster im Wohnzimmer und starrte auf den Verkehr fünf Stockwerke tiefer. Die roten und weißen Autoscheinwerfer glitzerten wie verschwommene Edelsteine im Nieselregen. Sie ließ sich davon verzaubern, bis ein plötzlicher Windstoß das Fenster traf und sie die blauen Vorhänge zuzog.

Zum Essen war sie zu müde, schenkte sich aber ein Glas Rotwein ein und legte sich aufs Sofa. Schaute auf die Armbanduhr. Fast Mitternacht. Mit müden, brennenden Augen hob sie schläfrig die Post auf. Gratis Pizza – ab in den Müll. Fünfzig Prozent Rabatt im Gartencenter, Kreditkartenangebote – weg damit. Kontoauszüge – beiseitelegen. Und dann ein von Hand beschrifteter Umschlag. Sie erkannte die Schrift sofort, öffnete den Brief und zog eine Einladung zum Jahrgangstreffen ihrer alten Schule heraus. Blessed Home, wo sie mit neun Jahren hingekommen war. Sie blätterte die Seiten durch und verlor sich in Erinnerungen, grinste, als sie sich zwischen den anderen Kindern auf einem alten Schwarz-Weiß-Foto entdeckte. So jung war sie damals gewesen, so naiv. Sie schaltete den Fernseher ein, schaute kurz, dann schloss sie die Augen. Für die Sendungen interessierte sie sich nicht, wünschte sich nur ein bisschen Gesellschaft beim Einschlafen.

Vier

Holly schlief fest, als ihr Handy klingelte. Sie war so erledigt, dass sie es sich ans Ohr presste und sich räusperte, ohne die Augen zu öffnen.

»Hallo?«

»Kann ich mit Holly Wakefield sprechen, bitte.«

Sie erkannte die Stimme nicht. »Das bin ich.«

»Hier ist Detective Inspector Bishop von der Met.«

»Wie bitte, wer?«

»DI Bishop. Ich rufe von der Metropolitan Police an.«

Sie setzte sich auf, öffnete die Augen. »Ist alles in Ordnung?«

»Sie stehen auf unserer Bereitschaftsliste, Miss Wakefield. Tut mir leid wegen der späten Störung, aber es ist wichtig.«

»Wie bitte? Auf Ihrer was?«

»Unserer Bereitschaftsliste, es geht um eine Tatortbesichtigung. Sie lehren einmal pro Woche forensische Psychologie am King’s College und sind beim NHS als Analytikerin für kriminelles Verhalten tätig. Außerdem haben Sie eine Doktorarbeit mit dem Titel ›Die Paradoxie der Bewährungsstrafe in der modernen Gesellschaft‹ geschrieben. Wir haben sie schon öfter zurate gezogen, und Sie haben Ihre Dienste angeboten, sollten wir je …«

»O Gott, tut mir leid. Ja, jetzt erinnere ich mich. Vor fünf Jahren hab ich mich freiwillig gemeldet.«

»Das haben Sie, Miss Wakefield. Und jetzt ist es so weit.«

Eine Stunde später saß Holly geduscht und angezogen im Wagen und war auf dem Weg in ein kleines Dorf in Surrey. Die Straße war schmal, es gab keine Straßenbeleuchtung, aber die Sterne schienen hell, und der Mond war eine blaue Scheibe. Unter ihren Reifen knirschte der Kies, als sie sich einem weitläufigen zweistöckigen Herrenhaus im Schatten riesiger Bäume näherte. Kein Blaulicht, keine Sirenen, nur ein Krankenwagen und ein halbes Dutzend Polizeifahrzeuge, die wie schlafende Löwen in der Einfahrt ruhten. Sie bremste und parkte, starrte zu den beiden Flutlichtern hinauf, die oben an den breiten Steinstufen aufgestellt waren, direkt neben der schweren Eichentür, vor der zwei Polizisten Wache hielten. Für sie war das alles so plötzlich gekommen und wirkte so surreal, dass sie das Gefühl hatte, eine Filmszene zu sehen. Dann entdeckte sie einer der Polizisten, und der Bann war gebrochen. Er kam auf sie zu, hob warnend eine Hand, als sie aus dem Wagen stieg.

»Kann ich Ihnen helfen?«

»Ich bin Holly Wakefield. DI Bishop hat mich gebeten, herzukommen.«

»Darf ich bitte Ihren Ausweis sehen?«

Sie griff in den Wagen, zog ihre Handtasche heraus und gab ihm ihren vom NHS ausgestellten Mitarbeiterausweis. Er warf einen flüchtigen Blick darauf.

»Warten Sie.« Er wandte sich ab und drückte auf eine Taste seines Schulterfunkgeräts, dann sprach er so leise, dass sie nicht hören konnte, was er sagte. Wenig später drehte er sich wieder zu ihr um und gab ihr ein Zeichen, ihm zu folgen. Schweigend gingen sie zum Haus.

Am oberen Treppenabsatz sagte er: »Würden Sie kurz hier warten, bitte?« Dann flüsterte er dem anderen dort Wache stehenden Constable etwas zu, öffnete die große Holztür und verschwand im Haus. Holly konnte ganz kurz an ihm vorbei hineinsehen. Unter einer Eichentreppe waren weitere Scheinwerfer, überall kriminaltechnische Ausrüstung und Rollen mit Absperrband. Kameras blitzten, während Polizisten und Detectives in Zivil zielstrebig durch die Dunkelheit eilten. Sie trat beiseite, als ein Team der Spurensicherung herauskam, rote Schmierflecke auf den weißen Overalls. Ihre Mienen wirkten angespannt, erschüttert.

»Miss Wakefield?«

Die Stimme gehörte einem Mann, der jetzt aus dem Lichtkegel heraustrat und auf sie zukam. Er lächelte freundlich, obwohl er ganz offensichtlich einen schweren Tag gehabt hatte. Er war circa einen Meter achtzig groß und hatte dunkelbraunes Haar; sie schätzte ihn auf Anfang vierzig. Seine Gesichtszüge waren ein wenig derb, er wirkte mitgenommen, aber nicht verlebt, und er hinkte leicht. Als er ihr seine Hand entgegenstreckte, ging sie auf ihn zu. »Ich bin DI Bishop, leitender Ermittler – wir haben telefoniert. Ich muss mich noch mal entschuldigen, Sie zu einer so unchristlichen Zeit angerufen zu haben. Danke, dass Sie trotzdem gekommen sind.« Seine Stimme klang heiser, und sie fragte sich, ob er rauchte.

»Wenn ich behilflich sein kann …«

Er nickte und gab ihr zwei Überzieher für die Schuhe sowie Latexhandschuhe. Sie merkte, dass ihre Hände zitterten. Schwer zu sagen, ob es ihm auch auffiel.

»Sam Gordon ist normalerweise unser Profiler, aber er ist verhindert, und Natalie Wilson, die sonst für ihn einspringt, befindet sich im Mutterschutz. Vermutlich sagen Ihnen diese Namen ohnehin nichts. Ich brauche einen weiteren geschulten Blick am Tatort.« Er hielt kurz inne. »Ich weiß, das ist Ihr erster Einsatz, deshalb möchte ich Ihnen gerne erklären, was ich von Ihnen brauche. Ideen, Gedanken, erste Eindrücke, ganz egal, wie verrückt sie Ihnen vorkommen. Und natürlich muss ich nicht eigens erwähnen, dass der Fall streng vertraulich zu behandeln ist. Kein Wort über das, was Sie sehen, darf nach draußen gelangen.«

»Natürlich nicht.«

»Gut.« Er schluckte schwer. »Ist ein ziemlich unappetitlicher Anblick.« Bishop führte sie durch die Diele in ein Esszimmer mit gedecktem Tisch. Weiße Teller, Silberbesteck, weiße Servietten und dekantierter Rotwein. An den Wänden Landschaftsgemälde aus dem 19. Jahrhundert. Sie gingen durch eine weitere Tür in einen holzvertäfelten Gang, das einzige Geräusch waren ihre Schritte auf dem Boden und das Klicken der Kameras hinter ihnen.

Bishop blieb neben einer angelehnten Tür stehen und drehte sich zu ihr um.

»Wir haben fünf Minuten, dann übernehmen die Kollegen von der Pathologie.«

Er trat ein. Sie folgte. Der Raum war sehr groß. Hunderte von Büchern befanden sich an zwei von vier Wänden, zwei riesige Erkerfenster wurden durch grüne Samtvorhänge verdunkelt. In einer Ecke hing ein anatomisches Skelett an einem Gestell, daneben stand ein Mahagonischreibtisch. An den Wänden befanden sich kolorierte Drucke aus Gray’s Anatomy. In der Bühnenmitte, drapiert wie ein abscheuliches Ausstellungsstück, lag die Leiche eines Mannes auf einem Stuhl. Ein hellbrauner Gürtel war fest um seinen Hals gezogen, und augenscheinlich hatte man ihn ausgeweidet – ein tiefer Schnitt zog sich von der Brust bis zum Nabel.

»Sein Name ist Dr. Jonathan Wright. Das andere Opfer, seine Frau, liegt auf dem Sofa vor dem Bücherregal.«

Holly sagte nichts. Sie presste die Hände aneinander, ihre Finger flatterten wie kleine Vögelchen. Eine nervöse Eigenart, die sie sich angewöhnt hatte, als sie vielleicht neun Jahre alt gewesen war, und die immer dann zum Vorschein kam, wenn sie wusste, dass sie eigentlich etwas mit ihren Händen tun sollte, aber keine Ahnung hatte, was. Wenn sie helfen wollte, aber nicht wusste, wie.

»Alles in Ordnung?«

Sie nickte. Sie erinnerte sich an den einzigen anderen Tatort, den sie je gesehen hatte, und beide verschwammen zu einem zusammenhanglosen roten Bild. Es wurde eng in ihrer Brust, und sie spürte ihr Herz mit jedem Schlag an ihren Rippen. Sie wollte sich abwenden und gehen, so schnell wie möglich weg von hier, aber ihre Beine reagierten nicht. Dann setzten sie sich doch unaufhaltsam in Bewegung, bis sie sich neben der Leiche des Arztes wiederfand. Der Geruch kroch ihr sofort in den Rachen, und beinahe hätte sie gewürgt, ein beißender Gestank nach Tod, Schweiß und Exkrementen.

Das verzerrte Gesicht des Mannes war weiß, sein Mund hing schief zur Seite, seine blauen Augen waren geöffnet, aber glasig und blutunterlaufen, wie die eines toten Fischs. Seine Hose war bis zu den Knöcheln heruntergezogen, und seine Hände waren hinter dem Rücken gefesselt. Der Schnitt am Oberkörper war vielleicht fünfundzwanzig Zentimeter lang, die nun freiliegenden inneren Organe waren grau. Das getrocknete Blut dagegen wirkte im Licht des Leuchters kirschrot.

»Wer hat die beiden gefunden?«

»Die Nichte. Alexandra. Die Wrights hatten um neun Uhr zum Essen geladen, Alexandra kam um halb acht, um bei den Vorbereitungen zu helfen, und fand sie so.«

Holly ging langsam zum Sofa und kniete sich neben die Frau. Sie sah aus wie eine ausrangierte Schaufensterpuppe. Sie hatte das Gesicht in das blutgetränkte cremefarbene Sofa gepresst, auf ihrem Hinterkopf lag ein Kissen. Wer auch immer ihr die Hände hinter dem Rücken gefesselt hatte, hatte ihr dabei brutal den Ellbogen ausgekugelt, er ragte nun in eigenartigem Winkel Richtung Zimmerdecke. Auch sie hatte einen Gürtel um den Hals, er war schmal und schwarz, die Haut darunter rot und wund. Ihre lila Bluse war komplett aufgerissen, und sie trug einen schwarzen Rock, der ebenfalls auseinandergerissen oder aufgeschnitten worden war und jetzt wie Fledermausflügel ausgebreitet dort lag.

»Wie hieß sie?«, fragte Holly.

»Evelyn.«

»Evelyn.« Sie zögerte und fragte anschließend leise: »Wurde sie vergewaltigt?«

»Sieht alles danach aus.«

»Evelyn.« Holly nickte, inzwischen frustriert von der eigenen Machtlosigkeit. Sie fragte sich, ob Bishop erwartete, dass sie etwas sagte. Etwas Bedeutendes. Egal was. Sie holte tief Luft, schloss die Augen und versuchte, den Kopf freizukriegen, sich auf ihre aktuelle Aufgabe zu konzentrieren. Die Leichen, bei den Leichen anfangen. Ein Gespür für den Ort entwickeln, sagte sie sich. Komm schon, das kannst du doch, du kannst es. Du musst es können. Was ist mit den Leichen, Holly? Was ist an ihnen so ungewöhnlich?

»Evelyn liegt mit dem Gesicht nach unten. Jonathan mit dem Gesicht nach oben. Entblößt. Offen. Der Mörder. Er …«

»Er?«

»Ohne Zweifel. Er scheut nicht davor zurück, eine Riesenschweinerei zu veranstalten. Es wirkt so exzessiv. Ist beinahe zu viel. Nicht seine Wut, die ist echt. Aber die Leichen – sie wurden ganz bewusst so hingelegt. Nicht bedeckt oder versteckt, sondern so platziert, dass sie rasch entdeckt werden. Für diejenige, die sie gefunden hat, muss das ein Riesenschock gewesen sein. Der Arzt auf dem Rücken, seine Frau auf dem Bauch, gedemütigt. Damit zeigt er, dass er sie beherrscht. Die Demonstration ihrer Verletzlichkeit verschafft ihm Befriedigung. Der Mord war ganz einfach, aber was er anschließend mit den Leichen angestellt hat, zeigt ihn so, wie er wirklich ist.« Sie hielt kurz inne.

»Rieche ich Rauch?«

»Als wir eingetroffen sind, verkohlten im Kamin gerade noch die Reste einiger Papiere. Die Kollegen vom Labor haben sie bereits mitgenommen.«

Sie nickte und starrte den Marmorkamin an. Über dem Sims hing ein zersprungener Spiegel, auf dem Boden darunter ein Puzzle aus Reflexionen.

Sie ging zu dem anatomischen Skelett. Leere Augenhöhlen. Dümmliches Grinsen. Auf dem Schreibtisch daneben lag ein Terminkalender, Post, Zeitschriften, ein Federkiel, ein weiß glasierter Phrenologie-Schädel und ein kleines Messingglöckchen. Sie nahm es, es klang blechern und recht laut. Sie achtete darauf, es wieder genau an seinen Platz zurückzustellen.

»Dr. Wright hat sich vor fünf Jahren zur Ruhe gesetzt. Laut seiner Nichte führte er bei einigen seiner alten Patienten noch Routineuntersuchungen durch. Wir werden morgen mit ihnen sprechen. Anscheinend waren beide Wrights hier in der Gemeinde aktiv und wurden sehr geschätzt.«

»Was für eine Art von Arzt war er?«

»Er war spezialisiert auf rekonstruktive Schönheitschirurgie, Hauttransplantationen bei Brandopfern. Wir werden uns mit seinen alten Fällen befassen und prüfen müssen, ob sich verärgerte ehemalige Patienten darunter befinden, aber derzeit scheint das höchst unwahrscheinlich. Außerdem werden wir seine Konten prüfen, um festzustellen, ob er jemandem größere Geldbeträge schuldete. Auch das könnte ein Motiv sein.«

»Ich glaube nicht, dass es hier um Geld ging.«

»Nein.« Bishop drehte sich zur Tür, als Angela Swan, die Gerichtsmedizinerin, eintrat. Sie war Mitte fünfzig und steckte von Kopf bis Fuß in einem Overall.

»Hallo, DI Bishop.«

»Morgen, Angela.«

»Und Sie müssen unsere Vertretungskraft sein?«

Holly starrte noch auf den Schreibtisch. Irgendetwas ließ ihr keine Ruhe, aber sie konnte nicht sagen, was. Als sie zu lange schwieg, sagte Bishop: »Holly?«

»Verzeihung, ja.« Sie blickte auf und schenkte Angela ein mattes Lächeln.

»Besorgen Sie ihr einen Kaffee, Bishop, sie sieht nicht gut aus.«

Holly wartete draußen vor der Tür auf den Steinstufen, starrte ins Leere, fühlte sich erschöpft. Es war kälter geworden, und dort, wo der Regen durch das Licht der Halogenscheinwerfer peitschte, funkelte er wie silberne Nadeln.

Sie hob den Blick, als Bishop mit Kaffee in Styroporbechern auftauchte.

»Vermutlich werden Sie heute nicht mehr viel schlafen. Und wenn Sie schon mal wach sind, können Sie genauso gut auch hellwach werden, stimmt’s?«

»Danke.«

Sie lächelte gerührt und nahm einen Schluck. Genau das, was sie brauchte. Sie wollte den schlechten Geschmack im Mund loswerden. Wollte ihn aus ihrem ganzen Körper vertreiben und die Bilder auslöschen, die sie sah, sobald sie die Augen schloss.

Bishop setzte sich mit einem Kaffee neben sie. Anscheinend war er zufrieden mit ihrem Schweigen, und Holly war froh um die Stille. Sie hatte gedacht, die Tausenden von Tatortfotos, die sie über die Jahre gesehen hatte, hätten sie abgehärtet, aber es war etwas ganz anderes, wenn man unmittelbar Zeugin eines so brutalen Gewaltakts wurde.

»Leicht ist das nie«, sagte er, als hätte er ihre Gedanken gelesen. »Als ich es zum ersten Mal mit einem Mordfall zu tun hatte, habe ich noch im Raubdezernat gearbeitet. Einer zweiundfünfzigjährigen Taxifahrerin war der Schädel mit einem Schlosserhammer zertrümmert worden. Sie hing zusammengesunken über dem Lenkrad. Eigentlich sah sie aus, als würde sie schlafen. Sie wissen schon – eingenickt nach einer langen Schicht. Aber dann sah ich das Loch in ihrer Schläfe, die Blutlache auf ihrem Schoß und der Gummimatte am Boden. Im ganzen Wagen roch es nach Vanille. Am Rückspiegel hing so ein Lufterfrischer. Jetzt kann ich Vanille nicht mehr ausstehen. Maureen Thyme hieß sie. Robert Stokes hatte sie getötet.«

»Das heißt, Sie haben ihn gefasst?«

»O ja. Fingerabdrücke, Blut. Bei seiner Festnahme hatte er sogar noch die Quittung für den Hammer in der Brieftasche. Er wurde zu siebenundzwanzig Jahren Gefängnis verurteilt, kam aber nach zwölf schon wieder raus. Sechs Monate später war er wegen schwerer Körperverletzung schon wieder im Gefängnis. Und jetzt sitzt er gerade wegen Vergewaltigung. Wahrscheinlich kommt er dieses Mal nicht mehr raus.« Er nahm einen Schluck Kaffee. »Ist schon blöd, oder? Um sieben hatte ich Dienstschluss, hab aber noch mit einem Kollegen gequatscht, weil Sergeant Ambrose Bescheid gegeben hatte, dass er sich verspäten würde. Seine Frau erwartet ihr erstes Kind. Der Anruf kam um 19:35 Uhr. Wäre ich gleich los, wäre ich laut Dienstplan nicht mehr dran gewesen. Ich wäre nach Hause gefahren, hätte eine Stunde lang stumpfsinnig ferngesehen, was getrunken. Und würde jetzt immer noch schlafen.«

»Schlechtes Timing.«

»Absolut schlecht für das Schwein, das hierfür verantwortlich ist, weil ich ihn jetzt wirklich drankriegen will.« Er neigte den Kopf und verengte die Augen. »Sagen Sie mir, was Sie denken.«

Sie zögerte, hoffte, ihre Stimme würde so ruhig klingen, wie sie zu sein vorgab. »Ich glaube nicht, dass es sich um eine spontane Tötung handelt. Ich denke, wahrscheinlich wurde mit Vorsatz gehandelt, und wer auch immer dafür verantwortlich ist, hat sich keine Mühe gegeben, es nach etwas anderem aussehen zu lassen. Hat nicht mal versucht, die Polizei auf eine falsche Fährte zu locken.«

»Warum?«

»Das weiß ich noch nicht. Nach seinem fünften Mord hielt Earle Nelson alias der Gorilla-Killer sich für nicht zu überführen und glaubte, er habe das göttliche Recht, andere zu töten.«

»Nach seinem fünften Mord? Wurde dieser Nelson denn je gefasst?«

»Ja, aber erst nachdem er noch weitere fünfzehn Menschen ermordet hatte.«

Bishop verkroch sich tiefer in seiner Jacke und starrte seinen Atem an, der einen Nebelkreis vor seiner Nase bildete. »Erste Eindrücke. Wonach müssen wir suchen?«

»Unser Täter hat eine Vorgeschichte. Eine schlimme. Er hat das schon mal gemacht, das ist ganz offensichtlich.« Sie wandte sich zu Bishop um und spürte trotz der Kälte das Kribbeln einer Vorahnung. »Wir müssen nur herausfinden, wo und warum.«

Fünf

Holly wachte verspannt und mit quälenden Kopfschmerzen auf.

Sie stieg aus dem Bett, zog die Vorhänge zurück und sah das matte Leuchten der Wintersonne, die sich in den Fenstern der gegenüberliegenden Wohnungen spiegelte. Sie duschte lange und heiß, zog sich an und ging ins Wohnzimmer. Auf dem Beistelltischchen standen frische Glockenblumen in einer Vase, über dem Kamin hing ein echtes Penguin-Plays-Cover von Harland Miller, »Death – What’s In It For Me?«. Der restliche Raum wurde von Bücherregalen eingenommen – Bände über Kriminologie und Psychologie, außerdem ein Regal mit Fallakten. Sie starrte die Unterlagen an, die Bishop ihr gegeben hatte, und ertappte sich dabei, wie sie die Hände im Schoß rang. Sie schlug die schlicht mit Mr. und Mrs. Wright sowie dem Datum beschriftete Mappe auf. Die darin enthaltenen Fotos zeigten die beiden Toten aus allen möglichen Blickwinkeln, am Rand standen abgekürzte Anmerkungen, die sie nicht verstand.

Ein Foto von Evelyn betrachtete sie länger. Die Gerichtsmedizinerin hatte die Tote auf den Rücken gedreht, der Kopf war nach unten rechts geneigt. Sie hatte schöne blaue Augen. Holly fuhr so behutsam mit dem Finger über das Foto, als würde sie Blindenschrift lesen.

Das Telefon klingelte. Sie schreckte auf. Sie kannte die Nummer nicht, ging aber trotzdem ran.

»Hier ist Bishop.«

»Morgen«, sagte sie.

»Wie geht’s?«

»Bin ganz schön kaputt. Als hätte ich einen Kater.«

»Ja, den Effekt kann es haben.« Pause. Im Hintergrund hörte sie Papier rascheln. »Der Grund, warum ich anrufe: Um elf ist Besprechung, aber ich dachte, vielleicht kommen Sie vorher schon mit zur Autopsie. Manchmal ist es besser, es mit eigenen Augen zu sehen, statt nur darüber zu lesen.«

Sie sah auf die Uhr. Es war neun. Sie überlegte, ob sie frühstücken sollte, entschied sich aber dagegen. »Treffen wir uns dort?«

»In der gerichtsmedizinischen Abteilung des Wessex County, nicht weit von der East Street.«

Holly parkte in der unterirdischen Garage und nahm den Fahrstuhl hinauf zur Anmeldung. Bishop wartete bereits dort auf sie, blätterte in einer Zeitschrift. Als er sie sah, lächelte er, obwohl er müde wirkte, und sie fragte sich, ob er überhaupt geschlafen hatte. Er führte sie zurück zum Fahrstuhl und drückte auf einen Knopf, die Tür ging zu, und sie fuhren hinauf.

»Wann waren Sie das letzte Mal bei einer Autopsie?«, fragte er.

»Vor sieben Jahren. Aber da ging es um ein Pferd. Eine Freundin von mir hatte gerade ihre Zulassung als Tierärztin bekommen und mich gefragt, ob ich zuschauen wolle. Ich muss in der Woche wohl einen leeren Terminkalender gehabt haben.«

»Sieht ganz danach aus.«

Der Fahrstuhl öffnete sich, vor ihnen lag ein heller weißer Gang, und sofort stieg ihr der klinische Geruch in die Nase. Sie hatte damit gerechnet, trotzdem erschrak sie. Bishop führte sie zur ersten Tür links und griff nach dem Knauf. »Nach Ihnen.«

Grelle Neonröhren erleuchteten den weiß gefliesten Boden, der sich zum Abfluss in der Mitte hin leicht absenkte. Die Leichen lagen auf separaten Edelstahltischen, jeweils mit einem weißen Tuch bedeckt.

Angela Swan war bereits da, stand zwischen den Tischen, blickte nicht auf, als sie eintraten. »Ich habe schon mal eine vorläufige Untersuchung vorgenommen, aber Ihnen zuliebe beginne ich mit dem werten Herrn Doktor, wenn’s recht ist.«

Sie ging zu dem weißen Tuch links. Ohne den Overall von letzter Nacht sah Holly ihr jetzt an, dass sie Mitte fünfzig war, sie hatte zarte Gesichtszüge und grau-weiß melierte Haare. Über ihr hing ein Mikro, in das sie während der Arbeit sprach. »Dienstag, 7. November 2017, 9:45 Uhr. Autopsie an Dr. Jonathan Wright durch Angela Swan. Die Leiche wurde in einem grünen Leichensack und in ein weißes Tuch gehüllt vorgelegt.« Sie zog das Tuch zurück, entblößte Kopf und Oberkörper. Das Gesicht des Arztes war bleich, fast schon hellblau, und seine Arme wirkten gummiartig und unbehaart. »Das Opfer ist nackt, der Körper kalt und nicht einbalsamiert. Totenflecken sind in den körperfernen Regionen der Gliedmaßen feststellbar. Zuvor wurde ein brauner Ledergürtel entfernt und als Beweismittel 203 A verwahrt. Besagter Gürtel war um den Hals gezogen und mittels Schnalle fixiert. Zu diesem Zweck war ein zusätzliches Loch ins Leder geschnitten, damit der Gürtel enger wurde – vermutlich, um das Opfer zu strangulieren. Siehe Anhang zwei meiner Anmerkungen.«

Holly stand neben Bishop. Es war kühl, und sie wünschte, sie hätte eine dickere Jacke angezogen.

»Der Körper entspricht dem eines normal entwickelten weißen Mannes. Größe 1,80 Meter, dreiundneunzig Kilo, Zustand altersgemäß, das Opfer war zweiundsechzig Jahre alt. Die Augen sind geöffnet. Die Iris braun, die Hornhaut trüb. Petechiale Blutungen beidseitig im Bindegewebe.«

Swan trat einen Schritt zurück und schien Holly erst jetzt zu bemerken. »Was halten Sie von dem Fall?«

»Wenn wir uns begegnen, liegt immer ein Toter im Raum.«

»Liegt wohl in der Natur der Sache«, meinte Swan. »Meine Kinder stehen nicht gerade Schlange, um ein Praktikum hier zu machen. Bishop, ich nehme an, Sie interessieren sich für die Gürtel?«

»Bitte.«

»Der am Hals des Arztes war tatsächlich sein eigener und wurde anscheinend aus der Hose gezogen. Das zusätzliche Loch ist eher ein Schlitz und wurde vermutlich mit einem Messer hineingeschnitten, möglicherweise mit demselben, mit dem auch der Leichnam der Frau ausgeweidet wurde. Identischer Befund beim Gürtel um ihren Hals: Vermutlich handelt es sich um ihren eigenen, und auch hier wurde ein zusätzliches Loch reingeschnitten.«

»Hat sie den Gürtel zu dem Rock getragen?«, fragte Holly.

»Nein, der hat gar keine Schlaufen.«

»Dann hat ihn der Mörder aus ihrem Kleiderschrank geholt?«

»Kann sein. Beim Entfernen des Gürtels vom Hals des Arztes kamen Druckstellen zum Vorschein, die im Bericht unter der Bezeichnung »Ligatur A« beschrieben sind – sie befinden sich am Hals und direkt über dem Adamsapfel, sind circa zweieinhalb Zentimeter breit und ziehen sich ringsum.« Sie hob sanft den Kopf des Toten. »Sind auf der Rückseite allerdings sehr viel weniger deutlich zu erkennen, was auf eine Lücke zwischen Gürtel und Haut hinweist, so wie sie beim Erhängen oder einer gewaltsamen Strangulation entsteht. Die Haut weist allerdings keinerlei petechiale Blutungen auf, was vermuten lässt, dass der Gürtel erst nach Eintritt des Todes angelegt wurde.« Die Stirn in Falten gelegt, untersuchte sie erneut den Hals und zog ein riesiges Vergrößerungsglas an einem Seilzug über dem Tisch herunter und starrte hindurch. »Sie sind doch nicht zimperlich, oder, Holly?«

»Nein.«

»Dann treten Sie näher. Ich denke, das dürfte Sie interessieren.«

Holly zögerte, trat schließlich leise an den Tisch. Inzwischen spürte sie die Kälte gar nicht mehr.

»Da«, Swan deutete mit dem Finger auf eine Stelle. »Unter dem roten. Sehen Sie den etwas dunkleren Farbton? Da war ein schmaleres Band um den Hals gelegt.«

»Ist das auch eine Ligatur?«

»Korrekt.« Sie nahm das Vergrößerungsglas wieder weg. »Wir bezeichnen dies als Ligatur B.« Sie sprach in das Mikro. »Die zweite horizontale Druckstelle am Hals des Opfers ist dunkelrot und befindet sich circa zweieinhalb Zentimeter unterhalb des Adamsapfels. Im Gegensatz zur anderen Druckstelle sind hier petechiale Blutungen erkennbar, was auf weicheres Material, beispielsweise einen Textilstreifen hinweist. Könnte eine Krawatte oder eine Vorhangkordel gewesen sein. Wurden am Tatort Spuren sichergestellt, die der genaueren Bestimmung dienen könnten, Bishop?«

»Nein.«

»Sehr ordentlich, Ihr Mörder.« Sie legte sanft eine Hand auf den Hals des Arztes, direkt neben den Adamsapfel. »Die Autopsie wird zweifellos ein gebrochenes Zungenbein ergeben.« Sie wandte sich an Holly. »Ich denke, Sie sollten lieber einen Schritt zurücktreten, auch wenn Sie nicht zimperlich sind.«

Holly stellte sich wieder neben Bishop.

»Bishop?«, fragte Swan.

»Machen Sie ruhig.«

Swan zog das Tuch bis zu den Oberschenkeln herunter.

»Die Leiche wurde vom Brustbein bis zum Nabel ausgeweidet, mittels eines diagonal ausgeführten Schnitts, von links nach rechts, in einem Winkel von circa dreißig Grad schräg über den Rumpf. Verwendet wurde dafür die Klinge eines sehr scharfen, mindestens fünfzehn Zentimeter langen Messers, was auch die Verletzungen der inneren Organe erklärt. Dort sind erhebliche, vor Todeseintritt entstandene Blutungen zu erkennen, vor allem in der linken Brust. Das Ausweiden wurde post mortem durchgeführt.«

»Gibt es Hinweise darauf, dass der Täter gezögert hat?«, fragte Bishop. Wieder zog Swan das Vergrößerungsglas herunter und ließ sich Zeit, die Haut um den Schnitt herum zu begutachten. »An der Epidermis nicht. An einer Rippe, Vorderseite links, finden sich Spuren, die den Schnitt praktisch exakt spiegeln, vermutlich ist das beim Ausweiden passiert. Nein, der Kerl hat es sich nicht noch mal anders überlegt.«

»Um wie viel Uhr wurde Wright getötet?«, fragte Bishop.

»Das kann ich genauer sagen, wenn ich den Mageninhalt untersucht habe, aber der Körpertemperatur und der Leichenstarre nach würde ich schätzen, dass der Tod zwischen 17 Uhr und 19 Uhr am gestrigen Abend eingetreten ist.«

»Die unmittelbare Todesursache?«

»Asphyxie aufgrund von Erdrosseln.«

Sie ging zu einer Bank, wo sie einen Becher Kaffee stehen hatte. »Um wie viel Uhr findet Ihre Besprechung statt?«

»In einer Stunde.«

Sie nahm einen Schluck, dann stellte sie den Becher wieder ab. »Ich beeile mich und gebe Ihnen eine kurze Zusammenfassung, den vollständigen Bericht können Sie später lesen.« Sie zog frische Handschuhe über und ging zu dem anderen weißen Tuch. Holly merkte, wie es sie selbst ebenfalls vorwärtsdrängte.

»Dienstag, 7. November 2017, 9:58 Uhr. Autopsie an Evelyn Wright durch Angela Swan.« Sie zog das weiße Tuch herunter und entblößte Evelyns nackten Oberkörper, der porzellanweiß im grellen Licht schimmerte.

»Der Körper entspricht dem einer normal entwickelten, wohlgenährten kaukasischen Frau von einer Größe von 1,60 Meter und einem Gewicht von fünfundsechzig Kilogramm; der Allgemeinzustand scheint für ihre siebenundfünfzig Jahre altersgemäß. Der Körper ist kalt und nicht einbalsamiert, die Leichenstarre ist bereits rückläufig. Auf der Vorderseite des Körpers im Bereich der Füße sind verblassende Totenflecken feststellbar … außerdem im Bereich der Waden … des Rumpfs, besonders links … am linken Arm und am Hals.« Sie zog das Vergrößerungsglas herunter. »Ein zweieinhalb Zentimeter breiter schwarzer Gürtel wurde unter Zuhilfenahme der Schnalle um ihren Hals gelegt und zugezogen. Der Gürtel wurde von mir entfernt und als Beweisstück 203 B gekennzeichnet.«

»Keine Fingerabdrücke?«

»Wäre zu schön gewesen, oder? Die Augen sind geöffnet, blaue Iris, getrübte Hornhaut. Der Schädel ist symmetrisch, weist allerdings extensive Traumata im Bereich des Foramen infraorbitale und des Stirnbeins auf. Offenbar wurden mit einem stumpfen Gegenstand mehrere Schädelbrüche herbeigeführt, die kranio-zerebrale Verletzungen zur Folge hatten. Die erste circa siebeneinhalb Zentimeter im Durchmesser; die frontale ist mit zwölf Zentimetern Durchmesser deutlich größer, wobei eine Vielzahl von Knochenfragmenten in das darunterliegende Binde- und Hirngewebe eingedrungen ist, beim ersten Schlag circa fünf Zentimeter tief, beim zweiten circa zehn.«

»Waffe?«

»Vermutlich ein Flachhammer. Der zweite Schlag dürfte sie getötet haben. Beide wurden mit einer einzigen Abwärtsbewegung an der Vorderseite des Schädels angebracht und zwar in einem Winkel zwischen achtzig und einhundertzehn Grad.« Kurze Pause. »Das heißt, der Täter ist groß.« Langsam glitt sie mit den Fingern über die porzellanweißen Arme. »Die Hände und Nägel sind sauber und weisen keinerlei Verletzungen auf. Bei beiden Opfern sind keine Verteidigungsspuren erkennbar, was vermuten lässt, dass es nicht mehr zum Kampf kam.«

»Er hat also sehr schnell zugeschlagen.«

»Blitzartig.«

»Was glauben Sie, wen er zuerst attackiert hat?«, fragte Holly.

»Interessante Frage.« Sie dachte ein paar Sekunden nach, dann wandte sie sich wieder an Holly. »Praktisch unmöglich festzustellen, bevor ich mir den jeweiligen Mageninhalt angesehen habe.« Swan bewegte sich weiter am Körper entlang. »Das Opfer wurde, anders als zunächst vermutet, nicht vergewaltigt. Allerdings hat man es mit einer glatten Klinge penetriert, wodurch mehrfache Schnittwunden entstanden sind. Außerdem wurden Ascherückstände nachgewiesen und verbrannte Hautstellen gefunden. Er hat ihr Brandmale zugefügt, allerdings nicht mit einer Zigarette, sondern mit etwas ähnlich Kleinem, jedoch Rundem und Glattem. Insgesamt gibt es elf solcher Brandmale. Ich werde sie für die Akten durchnummerieren, wobei mein System möglicherweise nicht der Reihenfolge entspricht, in der sie dem Opfer zugefügt wurden. Sofern ich nicht ausdrücklich darauf hinweise, sind alle Verletzungen post mortem.«

»Todesursache?«

»Stumpfe Gewalteinwirkung.«

Bishop nickte langsam. Holly fand, er klang beinahe verzagt, als er seine nächste Frage stellte.

»Was denken Sie, Angela?«

»Hab mich schon gefragt, wann Sie endlich mit der Frage rausrücken. Wenn es nur um den Arzt gehen würde, hätte ich gesagt, die Wahrscheinlichkeit ist gering. Die Strangulationsmale sind ähnlich. Das Ausweiden spricht dagegen, dafür sind ihre Verletzungen im Genitalbereich und die Brandmale praktisch identisch.«

Sie zog ihre Handschuhe aus, nahm den Mundschutz ab und seufzte.

»Genau wie bei der anderen Toten.«

Sechs

»Welcher anderen?«

Sie durchquerten Hammersmith in Bishops Wagen, fuhren zur Polizeiwache Fulham. Der Vormittagsverkehr staute sich in einer endlosen Reihe von Scheinwerfern und Rücklichtern vor ihnen. Es regnete, der Himmel war schiefergrau.

»Rebecca Bradshaw hieß sie«, sagte Bishop. Holly spürte, dass er noch mehr sagen wollte, aber er schwieg. Sie hielten an einer roten Ampel. Er nahm eine Zigarette aus dem Päckchen in seiner Tasche und zündete sie an.

»Tut mir leid. Eigentlich rauche ich nur noch eine pro Tag.«

»Schon okay. Macht mir nichts aus.«

Er öffnete das Fenster ein kleines Stück, und träge zog der Rauch nach draußen ab. »Ich hätte es Ihnen gleich sagen sollen, aber bis eben wusste ich nicht mit Sicherheit, dass wirklich ein Zusammenhang besteht. Das heißt, wir haben es mit drei Toten zu tun. Sobald der Begriff ›Serienmörder‹ fällt, ist es, als würde man an einem überfüllten Strand laut ›Hai in Sicht‹ rufen.« Er ließ sich einen Augenblick Zeit. »Sollte ich ›Hai in Sicht‹ rufen?«

Sie fühlte sich ins kalte Wasser gestoßen. Ihre Stimme zitterte leicht. »Kann sein, erzählen Sie mir mehr.«

»Sie war neununddreißig, arbeitete als Flugbegleiterin bei British Airways. Am 18. Oktober wurde ihre Leiche in ihrer Wohnung in St John’s Wood gefunden. Die Pulsadern waren aufgeschlitzt, man hatte sie nach Eintritt des Todes noch einmal stranguliert, sie wies Brandmale auf und war mit einem Messer penetriert worden. Ein Constable namens Siskins hatte sie gefunden. Er war erst seit vier Monaten im Dienst. Ursprünglich war er Webdesigner, hatte sich aber in seinem Job gelangweilt, sich einen Tapetenwechsel und ein spannenderes Leben gewünscht. Muss ihn ziemlich aus der Bahn geworfen haben. Eine Woche später hat er gekündigt. Ich nehme an, jetzt baut er wieder Websites.« Beide schwiegen lange, jedenfalls kam es ihnen so vor.

Dann sagte Holly: »Gab es noch mehr Ähnlichkeiten?«

»Der Spiegel im Flur war zerschlagen.« Kurze Pause. »Was soll das?«

»Er hat was gegen Spiegel? Will sich selbst nicht gerne sehen? Ich weiß es nicht.«

Bishop schüttelte kurz den Kopf, sein Gesicht wirkte in dem trüben Licht beinahe gespenstisch. »Gibt es auch welche, die Sie mögen?«, fragte er.

»Welche was?«

»Patienten. Unter den Killern, um die Sie sich kümmern, gibt es da welche, die Sie mögen.«

»Ich will nicht lügen. Das ist keine leichte Arbeit mit denen. Sie sind sehr anspruchsvoll, manchmal gewalttätig, gleichzeitig kann es aber auch die Mühe lohnen, wenn man einen Durchbruch erzielt.«

»Werden diese Personen geheilt? Ich meine, können sie später irgendwann ein produktives Leben führen?«

»Manche. Aber den meisten kann nicht geholfen werden, oder sie wollen sich nicht helfen lassen. Trotzdem sind sie im Krankenhaus besser aufgehoben als in einem normalen Gefängnis. Und auch für die Öffentlichkeit ist das besser.«

»Warum?«

»Im Gefängnis weiß man nicht mit ihnen umzugehen. Serienmörder sind ein anderer Menschenschlag. Das sind keine Drogendealer, Bandenmitglieder oder zufällig zu Mördern gewordene Kleinkriminelle. Die haben eine Vielzahl an Problemen, die die meisten nicht mal ansatzweise verstehen.«

»Aber Sie schon?«

»Manchmal. Oft auch nicht. Im Grunde bin ich der Auffassung, dass ein Mensch einen anderen überhaupt nie wirklich verstehen kann. Steckt man einen Soziopathen ins Gefängnis, wird er aufblühen, weil dort eine falsche Realität für ihn erschaffen wird. Wenn sie vierundzwanzig Stunden am Tag in einer Zelle leben, sind Soziopathen vorbildliche Staatsbürger. Sie sprechen freundlich mit den angestellten Ärzten und erwecken den Anschein, als hätten sie ihre Neigungen im Griff. Wird ein solcher Mörder oder Vergewaltiger auf Empfehlung eines Arztes zu früh entlassen, vergewaltigt oder tötet er innerhalb eines Monats erneut – das passiert ständig. Die Ärzte sind völlig entgeistert: ›Er hat sich doch so gut eingegliedert, wir verstehen nicht …‹ Ein Mörder, der plötzlich auf freiem Fuß und keinen Beschränkungen mehr ausgesetzt ist, wird rückfällig. So ist es einfach. Das liegt ihm im Blut.«

Bishop sagte nichts, nickte nur.

»Wie mit dem Skorpion und dem Frosch.«

»Dem was?«

»Als ich angefangen habe, Kriminologie zu studieren, gehörte die Geschichte vom Skorpion und dem Frosch zu den ersten Texten, die man am College zu lesen bekam. Es gibt verschiedene Fassungen, aber folgende ist bei mir hängen geblieben: Ein Skorpion geht am Fluss entlang, entdeckt einen Frosch und bittet diesen, ihn auf die andere Seite zu tragen, weil er selbst nicht schwimmen kann. Der Frosch sagt: ›Auf keinen Fall, du wirst mich stechen.‹ Der Skorpion ist entsetzt und verspricht, es nicht zu tun; er behauptet, der Frosch habe etwas bei ihm gut, sollte er ihm helfen. Der Frosch, der ein vertrauensseliger Bursche ist, willigt schließlich ein. Der Skorpion springt auf seinen Rücken, und der Frosch hopst mit ihm auf die andere Seite des Flusses. Als der Skorpion vom Frosch herunterrutscht, sticht er ihn. Der Frosch sieht ihn ungläubig an und fragt ihn mit seinem letzten Atemzug: ›Warum hast du mich gestochen, du weißt doch, dass ich daran sterbe? Ich verstehe es nicht.‹ Der Skorpion aber lächelt nur und sagt: ›Tut mir leid, es liegt nun mal in meiner Natur.‹«

Bishop lächelte müde. »Armer Mr. Frosch.«

»Trau niemals einem Skorpion.« Sie hielt inne, zögerte. »Einem meiner Patienten stehe ich nahe.«

»Einem Mörder?«

»Ja. Aber gleichzeitig ist er auch charmant, klug und witzig. Und er gibt sich große Mühe. Er weiß, dass in seinem Kopf nicht alles richtig funktioniert, und er will es in Ordnung bringen. Eigentlich möchte er normal sein.«

»Ich habe schon vor zwanzig Jahren den Überblick darüber verloren, was normal ist.« Bishop nahm schnell einen letzten Zug, dann warf er die Zigarette auf die Straße, als wäre er sauer auf sie. Orangefarbene Funken stoben auf und verendeten zischend. »Heute Morgen hat Sam Gordon, unser Profiler, angerufen. Seiner Frau geht’s gar nicht gut, und es sieht so aus, als würde es noch eine ganze Weile dauern, bis er wieder zurückkommt. Ich muss wissen, ob Sie weitermachen können.«

Holly zögerte nicht. Sie würde ihre Termine am College und auch ihre Besuche im Wetherington Hospital umorganisieren müssen, aber es war machbar. »Ich brauche so schnell wie möglich die Akte zum Fall Rebecca Bradshaw.«

»Auf der Wache habe ich bereits Kopien aller Unterlagen für Sie bereitgelegt.« Er wirkte plötzlich erleichtert. »Was denken Sie, Holly? Wird es Ihnen gelingen, ein weißes Kaninchen für mich aus dem Hut zu zaubern?«

»Ich kann’s versuchen.«

»Gut.« Er ließ die Scheibe wieder hoch. »Sie müssen das Team kennenlernen.«

Sieben

Bei der Besprechung mit dem Einsatzteam hing die Wandtafel voller Hochglanzaufnahmen der Opfer und des Tatorts, es gab Innen- wie Außenansichten des Hauses und der Umgebung. Holly trat beiseite, als ungefähr ein Dutzend Polizisten und Sonderermittler eintrafen. Sie entfernte sich immer weiter von Bishop, bis sie schließlich am Fotokopierer ganz hinten an der Wand lehnte. Insgesamt waren zehn Beamte, fünf Männer und fünf Frauen, da. Bishop sprach mit einem jungen Sergeant an einem der Schreibtische. Er war kleiner als Bishop, hatte hellbraunes Haar und Augen, die farblich zum Himmel passten. Der Mann nickte und verließ den Raum mit einem Aktenordner. Bishop wartete, bis sich alle gesetzt hatten und das Stimmengewirr verklungen war.

»Kommen wir gleich zur Sache«, er drehte sich zur Tafel um. »Die beiden Opfer waren miteinander verheiratet. Dr. Jonathan Wright und seine Frau Evelyn, er zweiundsechzig und sie siebenundfünfzig Jahre alt. Beide wurden brutal ermordet, er mit einem Textilstreifen oder Ähnlichem erdrosselt, sie mit einem stumpfen Gegenstand erschlagen. Von den Tatwaffen keine Spur. Evelyn wurde mit einem Messer penetriert und Jonathan mit derselben Waffe ausgeweidet. Sie konnte bislang nicht sichergestellt werden. Beide lebten in begehrter Wohnlage, einem kleinen Ort namens Abinger Hammer in Surrey. Die nächste größere Stadt ist Guildford. Das große georgianische Haus, in dem sie lebten, hat ihnen gehört, die circa vierhundert Meter lange Kiesauffahrt zweigt von einer Nebenstraße ab, die von Osten nach Westen durch den Ort führt. Die nächsten Nachbarn befinden sich circa fünfzig Meter entfernt. Das Paar war angesehen und wurde geschätzt, sie hatten zwei Kinder, Connie und Stephen, beide sind Mitte zwanzig und wohnen nicht mehr zu Hause. Die Tochter ist Finanzberaterin bei City Tech in Woking, der Sohn hat sich als Maschinenbauingenieur mit seiner eigenen Firma in Brighton selbstständig gemacht. Beide wurden informiert und werden heute noch offiziell von uns vernommen. Bethany, ich gehe davon aus, dass Sie als Opferschutzbeauftragte dabei sein werden.«

»Ja, Sir«, erwiderte Bethany, zierlich, hellhäutig und aufmerksam. »In ungefähr einer Stunde werden beide hier sein, dann führe ich erste Gespräche mit ihnen.«

»Werden Sie auch zu den jeweiligen Arbeitsplätzen der beiden fahren?«

»Etwas später, aber noch heute.«

»Nehmen Sie ein paar PCs mit und schauen Sie sich auch die Umgebung an, wenn Sie schon mal dort sind.«

»Stehen die beiden unter Verdacht? Der Sohn und die Tochter?«

Bishop zögerte. »Ja, aber ich bin sicher, dass wir sie relativ schnell von der Liste streichen können. Überprüfen Sie trotzdem wie üblich auch die finanzielle Situation der Familie.« Er deutete auf ein Foto von einer jungen Frau mit langen dunklen Haaren auf der Tafel.

»Das ist Alexandra, die Nichte. Sie hat die Leichen entdeckt. Sie ist neunzehn, ihre Eltern sind beide verstorben, und sie scheint ein sehr enges Verhältnis zu Jonathan und Evelyn gehabt zu haben. Die beiden Geschwister haben dies im Gespräch bestätigt. Sie hat bereits mit dem Leiter der Spurensicherung gesprochen und eine Aussage zu Protokoll gegeben. Haben wir die schon vorliegen?«

Ein uniformierter Beamter hob eine Hand, er hatte ausreichend Aktenmappen für alle dabei. »Soll ich sie jetzt gleich verteilen?«

»Nein, warten Sie, bis wir fertig sind. Bethany, Alexandra hat noch niemanden zugewiesen bekommen, aber wenn Sie vielleicht einen Beratungsplan entwerfen könnten? Sie ist verständlicherweise sehr erschüttert.«

»Welche anderen Gäste wurden erwartet?«

»Die Nachbarn von nebenan. Bill und Janice Anglesey auf der einen Seite, Mr. und Mrs. Fenbourne auf der anderen. Sie kamen alle um Viertel nach acht, sahen das Blaulicht und erschraken natürlich. Wir nehmen jetzt ausführliche Aussagen von ihnen auf, überprüfen die Verbindungen des Festnetzanschlusses im Haus, der Handys und der Computer, um zu sehen, mit wem Dr. Wright und seine Frau in den vergangenen Monaten Kontakt hatten.«

An einem der Schreibtische klingelte ein Telefon, laut und schrill.

»Könnten wir bitte, bis wir hier fertig sind, alle Anrufe an die Zentrale umleiten? PC Prior?«

Der Constable mit den Mappen nahm einen Telefonhörer und flüsterte hinein. Bishop fuhr fort. »Wir warten noch auf die endgültigen Autopsieergebnisse, aber die ersten Eindrücke deuten darauf hin, dass sowohl der Arzt als auch seine Frau im Wohnzimmer getötet wurden, der ehemaligen Praxis, und zwar zwischen 17 und 19 Uhr. Kommen wir zu den Zugangsmöglichkeiten.« Er ging zu einer Luftaufnahme des Grundstücks. »Wie schon gesagt, das Haus ist relativ abseits gelegen. Hinten grenzt ein Fluss an den Garten. Die Wrights besaßen kein Boot, und die Anlegestelle scheint unbenutzt, aber wir müssen das prüfen. Über Land: Da ist nur die Hauptstraße, die A25, die durch das gesamte Dorf führt. Davon zweigen kleinere Nebenstraßen ab: die White Down Lane und die Raikes Lane im Osten, dort, wo die A25 weiter nach Dorking und auf die A24 führt. Im Westen die Hackhurst Lane, die Beggars Lane und der Wonham Way, über die man durch das angrenzende Dorf Gomshall schließlich bis nach Guildford gelangt. Auf der A24 gibt es keine Radarfallen, und die nächste Überwachungskamera befindet sich an einer Shell-Tankstelle an der A246, schätzungsweise neun Meilen entfernt. Der Bus Nummer 22 fährt auf der A24 durch das Dorf, der Bus Nummer 38 kommt aus der entgegengesetzten Richtung, aus Guildford. Lassen Sie sich die Dienstpläne sämtlicher Fahrer geben, und befragen Sie diejenigen, die am fraglichen Tag vom Mittag bis zum Abend um 23 Uhr gefahren sind. Falls es Leute gibt, die die Strecke regelmäßig fahren, versuchen Sie, Aussagen von ihnen zu bekommen, besonders von denen, die im Bus gerne oben sitzen – vielleicht haben sie was gesehen. Sergeant Ambrose, würden Sie die Befragungen leiten?«

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