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Das Muster der Liebe

Nach ihrem Sieg über den Krebs erfüllt Lydia sich ihren Traum und eröffnet ein Wollgeschäft. In ihrem Strickkurs lernt sie drei Frauen kennen, die - wie Lydia - alle mit einem Schicksalsschlag zu kämpfen haben. Masche für Masche, Faden für Faden arbeiten die vier gemeinsam an einem Zeichen der Hoffnung. Doch noch etwas anderes entsteht während ihrer Treffen zwischen Lachen und Weinen, Reden und Schweigen - das zarte, bunte Muster einer neuen Freundschaft.

Ein Roman über das schönste Hobby nach dem Lesen!


  • Erscheinungstag: 09.01.2017
  • Aus der Serie: Blossom Street Serie
  • Bandnummer: 1
  • Seitenanzahl: 416
  • ISBN/Artikelnummer: 9783956499883
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Debbie Macomber

Das Muster der Liebe

Roman

Aus dem Amerikanischen von
Christiane Meyer

MIRA® TASCHENBUCH

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MIRA® TASCHENBÜCHER

erscheinen in der HarperCollins Germany GmbH,

Valentinskamp 24, 20354 Hamburg

Geschäftsführer: Thomas Beckmann

Copyright © 2017 by MIRA Taschenbuch

in der HarperCollins Germany GmbH

Titel der amerikanischen Originalausgabe:

The Shop on Blossom Street

Copyright © 2004 by Debbie Macomber

erschienen bei: Mira Books, Toronto

Published by arrangement with

Harlequin Enterprises II B.V./S.àr.l

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner GmbH, Köln

Umschlaggestaltung: büropecher, Köln

Übersetzung der Strickanleitung: Leena vom Hofe

Redaktion: Laura Oehlke

Titelabbildung: büropecher, Köln

ISBN 978-3-95649-988-3

www.mira-taschenbuch.de

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eBook-Herstellung und Auslieferung:

readbox publishing, Dortmund

www.readbox.net

 

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Alle handelnden Personen in dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

1. Kapitel

„Aus dem Garn werden die Maschen geformt, durch das Stricken Freundschaften geknüpft, und die Kunst verbindet die Generationen.“

(Karen Alfke, Unpattern-Designerin und Stricklehrerin)

Lydia Hoffman

Als ich den leer stehenden Laden in der Blossom Street zum ersten Mal sah, musste ich an meinen Vater denken. Das kleine Geschäft erinnerte mich an den Fahrradladen, den er besaß, als ich noch ein Kind war. Sogar die großen Schaufenster, die im Schatten einer bunt gestreiften Markise lagen, waren ähnlich. Im Frühling und Sommer hatte rotes Springkraut in den Blumenkübeln vor den Fenstern geblüht, und im Herbst hatte meine Mutter farbenfrohe Chrysanthemen gepflanzt. Ich wollte vor meinem Laden auf jeden Fall auch Blumen pflanzen.

Dads Geschäft war damals immer weiter gewachsen, und er musste bald größere Räumlichkeiten beziehen. Doch nirgendwo fühlte ich mich so zu Hause wie in seinem ersten Laden, der diesem hier in der Blossom Street so ähnelte.

Die Maklerin war sichtlich überrascht. Sie hatte kaum die Tür aufgeschlossen, als ich bereits erklärte: „Ich nehme ihn.“

Mit einem verblüfften Gesichtsausdruck wandte sie sich zu mir um. „Möchten Sie sich nicht erst mal genauer umsehen? Sie wissen, dass ein kleines Apartment über dem Geschäft dazugehört?“

„Ja, das haben Sie bereits erwähnt.“ Das war der zweite Punkt, der diesen Laden für mich so interessant machte. Denn mein Kater Whiskers und ich suchten dringend eine neue Bleibe.

„Kommen Sie, dann zeige ich Ihnen einmal die Räumlichkeiten, bevor Sie den Vertrag unterschreiben“, lud sie mich ein.

Ich lächelte und nickte. Obwohl es eigentlich nicht nötig war. Tief in meinem Inneren wusste ich, dass dies der richtige Platz war. Für mein Garngeschäft. Und für mich.

Der einzige Nachteil war, dass diese Gegend Seattles gerade saniert wurde. Der Zugang zur Blossom Street war aufgrund von Bauarbeiten an einer Seite komplett gesperrt. Nur die öffentlichen Verkehrsmittel konnten passieren. Das dreigeschossige Backsteingebäude auf der gegenüberliegenden Straßenseite, ein ehemaliges Bankhaus, sollte in hochwertige Eigentumswohnungen umgewandelt werden. In einigen anderen Gebäuden sollten ebenfalls moderne Wohnungen entstehen. Dem Architekten war es gelungen, trotz aller Modernisierungsmaßnahmen den traditionellen Charme der Häuser zu erhalten. Das gefiel mir. Die Bauarbeiten würden noch Monate andauern. Doch das bedeutete auch, dass meine Miete erschwinglich wäre – im Augenblick zumindest.

Ich wusste, dass die ersten sechs Monate schwierig werden würden. Das erste halbe Jahr ist für jedes kleine Geschäft entscheidend. Die Baustellen machten den Anfang vermutlich noch komplizierter, als er ohnehin sein würde. Doch trotz allem liebte ich die Gegend und den Laden. Es war alles, was ich mir jemals erträumt hatte.

Am frühen Freitagmorgen, eine Woche nachdem ich das Geschäft zum ersten Mal gesehen hatte, setzte ich meinen Namen, Lydia Hoffman, unter den Zweijahresvertrag. Ich bekam die Schlüssel und eine Kopie des Mietvertrags ausgehändigt. Noch am selben Tag zog ich – aufgeregt wie noch nie zuvor in meinem Leben – in meine neue Wohnung ein. Ich fühlte mich, als würde ich noch einmal ganz von vorn anfangen. Und tatsächlich tat ich das auch.

Ich eröffnete A Good Yarn am letzten Dienstag im April. Ein Gefühl von Stolz und Vorfreude durchflutete mich. Ich stand inmitten meines Ladens und betrachtete die unzähligen Farben, die mich umgaben. Was meine Schwester Margaret dazu sagen würde, konnte ich mir nur zu gut vorstellen. Sie ist – um es einmal milde auszudrücken – nicht gerade ein Mensch, von dem man Ermutigung und Unterstützung erwarten kann.

Ich hatte einen Tischler gefunden, der mir ein Regal mit drei Fächerreihen baute. Es war in einem glänzenden Weiß gestrichen. Der größte Teil der Wolle war am Freitag geliefert worden. Ich brachte das Wochenende damit zu, sie nach Gewicht und Farbe in den Fächern zu verteilen. Eine Registrierkasse hatte ich gebraucht gekauft, den alten Tresen auf Hochglanz poliert und schließlich Ständer mit Strickzubehör aufgestellt. Alles war fertig. Ich war bereit.

Eigentlich hätte dies ein glücklicher Moment sein sollen. Doch stattdessen ertappte ich mich dabei, wie ich mühsam versuchte, die Tränen zurückzuhalten. Dad wäre so stolz auf mich gewesen. Er hatte mich stets unterstützt. Als er starb, fühlte ich mich wie gelähmt.

Ich hatte immer geglaubt, ich würde vor meinem Vater sterben.

Viele Menschen empfinden Unbehagen, wenn über den Tod gesprochen wird. Ich aber, ich habe so lange mit dem Tod im Nacken gelebt, dass das bei mir anders ist. Die Möglichkeit zu sterben war für mich so selbstverständlich, so präsent, dass ich heute darüber sprechen kann wie andere Menschen über das Wetter.

Das erste Mal wurde Krebs bei mir in dem Sommer diagnostiziert, als ich sechzehn wurde. An jenem Tag im August machte ich mich auf den Weg, um meinen Führerschein abzuholen. Ich hatte die theoretische und praktische Prüfung erfolgreich bestanden. Meine Mutter ließ mich den Weg von der Fahrschule zum Augenarzt fahren. Es sollte eine Routineuntersuchung werden, bevor ich zur Highschool ging. Ich hatte große Pläne für den Tag. Sobald ich von der Untersuchung zurück sein würde, wollten Becky und ich zum Strand. Zum ersten Mal würde ich dann ganz allein fahren. Ich freute mich darauf, endlich ohne meine Mutter, meinen Vater oder meine ältere Schwester an meiner Seite am Steuer zu sitzen.

Ich war wütend, weil meine Mutter den Termin beim Arzt direkt im Anschluss an meine Fahrprüfung vereinbart hatte. In der Zeit vor der Prüfung hatte ich einige Probleme gehabt – Kopfschmerzen und Schwächeanfälle. Mein Vater vermutete, ich benötigte vielleicht eine Lesebrille. Die Vorstellung, an der Lincoln High School mit einer Brille auf der Nase aufzutauchen, stimmte mich nicht besonders froh. Um ehrlich zu sein, machte mich der Gedanke ziemlich unglücklich. Ich hoffte, meine Eltern würden mir erlauben, Kontaktlinsen zu tragen. Doch wie sich herausstellen sollte, war eine leichte Sehschwäche mein geringstes Problem.

Der Arzt, ein Freund meiner Eltern, schien eine Ewigkeit mit seinem unglaublich hellen Lämpchen in mein Auge zu leuchten. Er stellte mir unzählige Fragen über meine Kopfschmerzen. Das ist mittlerweile fünfzehn Jahre her. Aber ich werde nie seinen Gesichtsausdruck vergessen, als er danach mit meiner Mutter sprach. Er wirkte so ernst, so nüchtern. So besorgt.

„Ich möchte für Lydia einen Untersuchungstermin an der Universitätsklinik von Washington vereinbaren. Und zwar umgehend.“

Meine Mutter und ich waren überrascht. „Gut“, erwiderte meine Mutter und blickte zwischen Dr. Reid und mir hin und her. „Gibt es ein Problem?“

Er nickte. „Was ich mit meinen Apparaten erkennen kann, gefällt mir überhaupt nicht. Ich möchte, dass Dr. Wilson einen Blick darauf wirft.“

Dr. Wilson begnügte sich jedoch nicht damit, nur „einen Blick darauf zu werfen“. Während der Operation entfernte er einen Hirntumor, der sich später als bösartig herausstellte. Heute kommen mir diese Worte leicht und locker über die Lippen, aber es war keine schnelle oder einfache Sache. Im Gegenteil. Die Diagnose bedeutete wochenlange Krankenhausaufenthalte und stechende, lähmende Kopfschmerzen. Auf die Operation folgten eine Chemotherapie und eine Strahlenbehandlung. Es gab Tage, an denen selbst das kleinste bisschen Licht mir solch unerträgliche Schmerzen bereitete, dass ich mich dazu zwingen musste, nicht laut zu schreien. Tage, an denen ich jeden Atemzug ganz bewusst machte und um mein Leben kämpfte. Ich spürte, dass es mir zu entgleiten drohte. Trotzdem gab es so manchen Morgen, an dem ich mir wünschte, tot zu sein. Ich glaubte, diese Qualen nicht länger ertragen zu können. Ohne meinen Vater wäre ich wahrscheinlich gestorben.

Mein Kopf war für die Operation rasiert worden. Dann, als mein Haar endlich nachzuwachsen begann, fiel es durch die Chemotherapie gleich wieder aus. Ich verpasste das komplette erste Jahr an der Highschool. Und als ich wieder in die Schule zurückkehren konnte, war nichts mehr wie früher. Alle sahen mich plötzlich mit anderen Augen. Ich ging nicht zum Abschlussball der Highschool, weil kein Junge mich bat, mitzukommen. Einige Freundinnen luden mich ein, mit ihnen zu gehen, aber ich lehnte ab – wahrscheinlich aus falschem Stolz. Heute wünschte ich, ich hätte ihre Einladung angenommen.

Der traurigste Teil der Geschichte war, dass der Tumor zurückkehrte. Und das gerade, als ich glaubte, all die Medikamente und Schmerzen hätten sich gelohnt, und ich dachte, ich könnte wieder ein ganz normales Leben führen.

Ich werde den Tag nie vergessen, als Dr. Wilson uns erklärte, der Krebs sei wieder ausgebrochen. Dabei war es nicht sein besorgter Gesichtsausdruck, der sich mir ins Gedächtnis einbrannte. Nein. Es war der Schmerz, den ich in den Augen meines Vaters sah. Er konnte, mehr als jeder andere, nachvollziehen, was ich während der ersten Behandlung durchgemacht hatte.

Meine Mutter war noch nie gut darin gewesen, mit Kranken und Krankheiten umzugehen. Es war mein Vater, der für mich da war. Er wusste, dass er nichts tun konnte, um diesen zweiten Schlag für mich erträglicher zu machen. Ich war vierundzwanzig, steckte mitten im Studium und bereitete mich gerade auf eine wichtige Prüfung vor. Aber es half nichts: Ich musste mein Studium abbrechen.

Ich habe den Krebs zweimal überlebt. Deshalb bin ich gewiss nicht mehr das unbeschwerte Mädchen, das ich früher einmal gewesen war. Ich genieße jeden einzelnen Tag, weil ich genau weiß, wie wertvoll das Leben ist. Die meisten Menschen schätzen mich auf jünger als dreißig. Gleichzeitig halten sie mich aber für sehr viel reifer als andere Frauen meines Alters. Meine Erfahrungen mit dem Krebs lehrten mich, nichts als selbstverständlich hinzunehmen – am wenigsten das Leben selbst. Aber in gewisser Weise wurde ich auch für mein Leiden entschädigt. Mein Dad machte mich darauf aufmerksam, dass ich seitdem weiser als die meisten in meinem Alter war. Vielleicht hatte er sogar recht damit. Und trotzdem bin ich in manchen Lebensbereichen noch immer unglaublich unerfahren – vor allem in Bezug auf Männer und Beziehungen.

Während ich den Krebs zweimal überlebte, schaffte Dad das nicht. Mein zweiter Tumor brachte ihn um. Das jedenfalls glaubte meine Schwester Margaret. Sie hat es nie ausgesprochen, aber ich wusste, dass sie so dachte. In Wahrheit glaubte auch ich, sie hätte möglicherweise recht damit. Es war ein Herzinfarkt, der ihn tötete. Nach meiner zweiten Diagnose war er um Jahre gealtert. Ich weiß, wenn er mit mir hätte tauschen können, hätte er es gern getan.

Sooft es ihm nur möglich war, saß er an meinem Bett. Und genau das war der Punkt, den Margaret nicht vergessen oder vergeben konnte – die Liebe und die Hingabe, die Dad während dieser Zeit für mich aufbrachte. Und Mom, im Rahmen ihrer Möglichkeiten, ebenso.

Margaret war bereits verheiratet und Mutter von zwei Kindern, ehe der zweite Tumor überhaupt entdeckt wurde. Trotzdem fühlte sie sich durch meine Erkrankung in gewisser Weise betrogen. Sie glaubte, dass es meine Entscheidung war, krank zu werden und diesen Weg einem normalen Leben vorzuziehen.

Unnötig zu erwähnen, dass unser Verhältnis zueinander angespannt war. Doch meiner Mutter zuliebe versuchte ich mein Möglichstes, mich mit Margaret zu verstehen – besonders seit Dad tot war. Sie machte es mir jedoch nicht leicht. Ihre Verbitterung konnte sie nur schwer verbergen. Dabei war es egal, wie viele Jahre mittlerweile vergangen waren.

Margaret hatte mir von der Eröffnung eines Wollgeschäfts abgeraten. Aber sie hätte wahrscheinlich grundsätzlich versucht, mir alles auszureden, was ich mir vornahm. Ihre Augen begannen bei der Aussicht auf mein Versagen zu leuchten. Laut Statistik gehen die meisten neu eröffneten Läden im ersten Jahr in Konkurs. Und trotzdem hatte ich das Gefühl, meiner Idee eine Chance geben zu müssen.

Die finanziellen Mittel hatte ich. Das Geld stammte aus dem Erbe meiner Großmutter mütterlicherseits. Sie starb, als ich zwölf war. Mein Vater hatte das Geld geschickt angelegt. So konnte ich nun auf einen beachtlichen „Notgroschen“ zurückgreifen. Ich hätte es – laut meiner Mutter – für schlechte Zeiten behalten sollen, aber seit meinem sechzehnten Lebensjahr gab es nichts anderes als schlechte Zeiten. Deshalb wollte ich das Geld nicht länger sparen. Tief in meinem Inneren wusste ich, dass Dad meine Entscheidung gutgeheißen hätte.

Das Stricken hatte ich während der Chemotherapie gelernt. Über die Jahre entwickelte ich eine gewisse Fingerfertigkeit darin. Dad scherzte immer, dass ich mit all der Wolle, die ich besäße, einen eigenen Laden aufmachen könne. Und irgendwann vor nicht allzu langer Zeit beschloss ich, seine Worte in die Tat umzusetzen.

Ich liebe es, zu stricken. Es verschafft mir ein gewisses Wohlbehagen, das ich nicht erklären kann. Die Wolle um die Nadel zu legen und eine Masche zu formen – wieder und wieder – erfüllt einen Zweck, spiegelt die eigene Leistung wider und macht den Fortschritt sichtbar. Wenn sich die Welt aufzulösen scheint, versucht man eine Ordnung herzustellen – und das Stricken erlaubt mir genau das. Ich habe mal irgendwo gelesen, dass man durch Stricken Stress besser abbauen kann als durch Meditation. Und für mich ist die Beschäftigung mit den Nadeln auf jeden Fall interessanter als jede Form sportlicher Betätigung. Ich möchte etwas Greifbares, Handfestes erzeugen. Vielleicht liebe ich es auch deshalb so, weil Stricken mir das Gefühl gibt, etwas zu tun. Obwohl ich oft nicht wusste, was der nächste Tag bringen würde, gaben mir die Nadeln in der Hand und die Wolle in meinem Schoß die Sicherheit, alles, was auf mich zukommen würde, meistern zu können. Jede Masche war ein Erfolg. Es gab Tage, an denen ich nur eine einzige Reihe zustande brachte. Aber auch dieser kleine Erfolg war mein Erfolg. Für mich bedeutete das einen Schritt. Einen großen Schritt in die richtige Richtung.

Über die Jahre brachte ich einigen Menschen bei, zu stricken. Meine ersten Schüler waren andere Krebspatienten, die sich einer Chemotherapie unterzogen. Wir trafen uns im Onkologischen Zentrum von Seattle. Schon kurze Zeit später hatte ich allen – sogar den Männern – beigebracht, Waschlappen zu stricken. Jeder Arzt und jede Schwester im Krankenhaus war nun bis an ihr Lebensende mit genügend Waschlappen versorgt. Danach zeigte ich meinen Schülern, wie man kleine Decken herstellt. Sicherlich musste ich einige Rückschläge einstecken, aber der Erfolg überwog bei Weitem. Meine Geduld wurde belohnt, wenn ich merkte, dass die anderen durch das Stricken dieselbe Heiterkeit und Gelassenheit erlangten wie ich.

Und nun besaß ich meinen eigenen kleinen Laden.

Meiner Meinung nach war der einfachste Weg, um Kunden zu werben, Strickkurse anzubieten. Ich würde aber wohl kaum genügend Wolle verkaufen, wenn ich den Schülern nur beibrachte, kleine Waschlappen zu stricken. Deshalb entschloss ich mich, mit einer Babydecke zu beginnen. Das Strickmuster baute auf den Grundlagen auf – rechte und linke Maschen.

Was ich von meinem Projekt erwartete, wusste ich nicht. Aber ich war voller Zuversicht. Hoffnung ist für einen Menschen, der an Krebs erkrankt ist – oder eine Person, die den Krebs überlebt hat –, der stärkste Antrieb. Wir leben von der Hoffnung, und wir leben für die Hoffnung. Da viele von uns nicht wissen, ob sie den nächsten Tag überstehen werden, brauchen sie die Hoffnung, um weiterzumachen.

Ich war gerade dabei, ein Ankündigungsschild für meine Anfängerkurse zu malen, als das Glöckchen über der Ladentür erklang. Ich ging davon aus, dass mein erster Kunde das Geschäft betreten hatte. Deshalb blickte ich mit einem Lächeln im Gesicht zum Eingang. Die Aufregung, die ich verspürte, erstarb jedoch sofort. Margaret stand vor mir.

„Hi“, sagte ich und bemühte mich, nicht enttäuscht zu klingen. Ich wollte nicht, dass meine Schwester an meinem ersten verkaufsoffenen Morgen in meinen Laden spazierte und mein Selbstbewusstsein attackierte.

„Mom hat mir erzählt, dass du deine Idee tatsächlich verwirklicht hast.“

Ich antwortete nicht.

Stirnrunzelnd fuhr Margaret fort: „Ich war gerade in der Nähe und dachte, ich sehe mir dein Geschäft mal an.“

Ich machte eine ausholende Handbewegung. Zu meinem eigenen Ärger fragte ich: „Und? Was denkst du?“

„Warum hast du es A Good Yarn getauft?“

Tatsächlich hatte ich mir Dutzende von Namen für meinen Laden überlegt. Einige waren ganz nett, andere einfach und durchschnittlich gewesen. A Good Yarn schien mir ein freundlicher und einladender Name. Aber all das erklärte ich Margaret nicht.

„Ich wollte, dass meine Kunden wissen, dass ich Qualitätswolle verkaufe.“

Margaret zuckte die Schultern. Sie schien zu sagen, dass es unzählige Wollgeschäfte gab, die interessantere Namen hatten.

„Also“, sagte ich wieder, obwohl ich das eigentlich gar nicht wollte, „was denkst du?“

Abermals sah Margaret sich um. „Es ist besser, als ich erwartet habe.“

Das betrachtete ich als ein echtes Lob. „Bisher habe ich noch nicht allzu viel Ware, aber ich plane, den Bestand über das nächste Jahr auszubauen. Außerdem ist noch nicht die gesamte Wolle, die ich bestellt habe, geliefert worden. Es gibt einige wundervolle Importgarne aus Irland und Australien, die ich gern ordern würde. Doch das kostet alles Zeit und Geld.“ In meinem Überschwang erzählte ich mehr, als ich eigentlich wollte.

„Erwartest du von Mutter, dass sie dir hilft?“ Sie stellte die Frage geradeheraus.

Ich schüttelte den Kopf. „Mach dir keine Sorgen. Das hier schaffe ich ganz allein.“ Das war also der Grund für ihren unangekündigten Besuch. Margaret fürchtete, ich würde Mutters Hilfe ausnutzen. Das hatte ich natürlich nicht vor, und die bloße Frage verletzte mich. Doch ich unterdrückte den Drang, ihr diese Kränkung mit einer passenden Erwiderung heimzuzahlen.

Margaret sah mich derweil an, als würde sie mir nicht glauben.

„Ich habe meine Aktien verkauft“, gab ich zu.

Margaret riss ihre dunklen Augen weit auf. Sie waren den meinen so ähnlich. „Das hast du nicht …“, stieß sie fassungslos hervor.

Was dachte meine Schwester denn? Dass ich das nötige Kleingeld für einen Laden in einer Zuckerdose herumliegen hatte? „Ich musste es tun.“ Aufgrund meiner Krankheitsgeschichte hätte keine Bank der Welt mir einen Kredit bewilligt. Obwohl ich seit vier Jahren keinen Rückfall hatte, galt ich immer noch als Risikofall.

„Es ist dein Geld“, sagte Margaret schließlich und ließ keinen Zweifel daran, dass sie diese Entscheidung für verantwortungslos hielt. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Daddy das gefallen hätte.“

„Er wäre der Erste gewesen, der mich unterstützt hätte“, platzte ich heraus. Ich hätte meinen Mund halten sollen, aber ich hatte es einfach nicht geschafft.

„Vielleicht hast du recht“, sagte Margaret mit diesem sarkastischen Unterton in ihrer Stimme, der jede unserer Unterhaltungen begleitete. „Dad konnte dir ja nie einen Wunsch abschlagen.“

„Das Geld habe ich geerbt. Genauso, wie du welches bekommen hast“, erklärte ich. Ihr Erbteil warf wahrscheinlich immer noch satte Gewinne ab.

Meine Schwester schritt durch meinen Laden und ließ ihren Blick schweifen. Wenn ich mir Margarets offensichtliche Abneigung vor Augen führte, wusste ich nicht, warum mir die Beziehung zu ihr immer noch so wichtig war. Doch Tatsache war, dass sie mir wirklich etwas bedeutete. Die Gesundheit unserer Mutter war angeschlagen, und ihr fiel es noch immer schwer, sich an ein Leben ohne ihren Mann zu gewöhnen. Also, fürchtete ich, würden über kurz oder lang nur noch Margaret und ich übrig sein. Und der Gedanke, überhaupt keine Familie mehr zu haben, ängstigte mich.

„Wie sieht dein Geschäftsplan aus?“, fragte Margaret.

„Ich … ich fange klein an.“

„Und was ist mit Kunden?“

„Ich habe eine Anzeige in den Gelben Seiten geschaltet.“ Ich erwähnte nicht, dass das neue Telefonbuch erst in zwei Monaten erscheinen würde. Es gab keinen Grund, Margaret das unter die Nase zu reiben. Außerdem hatte ich in der Nachbarschaft Flyer verteilt, konnte aber nicht einschätzen, ob diese Aktion etwas bringen würde. Ich zählte auf Mundpropaganda. Doch auch das behielt ich lieber für mich.

Meine ältere Schwester stieß ein wieherndes Lachen aus – ich hatte ihr spöttisches Gelächter schon immer gehasst und musste die Zähne zusammenbeißen, um meine Wut zu unterdrücken.

„Ich bin gerade dabei, einen Aushang zu machen, der meinen ersten Strickkurs ankündigen soll.“

„Glaubst du wirklich, ein handgeschriebener Zettel im Schaufenster lockt Kundschaft zu dir in den Laden?“, fragte Margaret. „Hier zu parken ist der reinste Albtraum. Und selbst wenn die Sperrung der Straße wieder aufgehoben wird, kannst du wegen der Baustellen nicht davon ausgehen, dass viel Verkehr herrschen wird.“

„Nein, aber …“

„Ich wünsche dir wirklich alles Gute, bloß …“

„Tust du das wirklich?“, unterbrach ich sie. Meine Hände zitterten, als ich zum Schaufenster ging, um meinen Aushang zu befestigen.

„Was meinst du damit?“

Ich drehte mich um und sah meiner Schwester ins Gesicht. Mit ihren eins siebzig war sie fast acht Zentimeter größer als ich und brachte knapp zwanzig Pfund mehr auf die Waage. Als wir noch Kinder waren, ähnelten wir uns mehr.

„Ich denke, du willst, dass ich auf die Nase falle!“, sagte ich ehrlich.

„Das ist nicht wahr! Ich bin vorbeigekommen, weil … weil ich daran interessiert bin, weil ich wissen will, was du tust.“ Sie reckte ihr Kinn vor, als ob sie mich herausfordern wollte, sie noch einmal zu provozieren. „Wie alt bist du? Neunundzwanzig? Dreißig?“

„Dreißig.“

„Ist es nicht langsam an der Zeit, die Nabelschnur zu durchtrennen?“

Ihre Worte waren eine himmelschreiende Ungerechtigkeit. „Aber genau das mache ich doch gerade. Ich habe unser Elternhaus verlassen und bin in das Apartment über meinem Laden eingezogen. Ich habe ein eigenes kleines Geschäft eröffnet. Und ich würde mich freuen, wenn ich mit deiner Unterstützung rechnen könnte!“

Sie zuckte die Schultern und blickte mich ratlos an. „Soll ich dir Wolle abkaufen? Ist es das, was du möchtest? Du weißt doch, dass ich nicht stricken kann. Und ich verspüre auch nicht den Wunsch, es zu lernen. Ich häkele viel lieber. Und …“

„Nur dieses eine Mal“, schnitt ich ihr erneut das Wort ab. „Kannst du nicht irgendetwas Nettes sagen?“ Ich blickte sie erwartungsvoll an und betete stumm, sie möge in sich gehen und wenigstens ein ermutigendes, anerkennendes Wort für mich finden.

Meine Bitte schien Margaret zu überfordern. Einige Sekunden lang zögerte sie. „Du hast ein Auge für Farben“, sagte sie schließlich. Sie deutete auf eine Auslage von verschiedenen Wollknäueln, die ich auf einem Tisch in der Nähe der Tür arrangiert hatte.

„Danke“, erwiderte ich und hoffte, erfreut zu klingen. Dass ich einen Farbfächer benutzt hatte, um die Knäuel anzuordnen, verschwieg ich. Margaret fiel es so schwer, mich zu loben, dass ich ihr nicht die Gelegenheit geben wollte, diese freundliche Geste im nächsten Atemzug wieder zu zerstören.

Wenn wir einander näher gewesen wären, hätte ich ihr den wahren Grund verraten, weshalb ich den Laden eröffnet hatte. Ich wollte damit ein Zeichen setzen – ein Zeichen, dass ich das Leben bejahte. Ich wollte alles daransetzen, das Geschäft zum Erfolg zu führen. Wie ein Eroberer in Wikingerzeiten, der an Land kam und hinter sich seine Schiffe vernichtete, hatte ich die Weichen gestellt. Es gab nur zwei Möglichkeiten: Entweder ich hatte Erfolg, oder ich würde untergehen.

Das Glöckchen über der Ladentür erklang. Ich hatte einen Kunden! Mein erster richtiger Kunde.

2. Kapitel

Jacqueline Donovan

Die Auseinandersetzung mit ihrem verheirateten Sohn hatte Jacqueline Donovan zugesetzt. Sie hatte wirklich versucht, die Abneigung, die sie ihrer Schwiegertochter gegenüber empfand, zu verbergen. Aber als Paul anrief, um zu erzählen, dass Tammie Lee bereits im sechsten Monat schwanger war, hatte Jacqueline die Nerven verloren. Sie hatte einige unschöne Dinge gesagt, die sie besser für sich behalten hätte. Paul hatte mitten im Gespräch einfach aufgelegt.

Und als sei das nicht schon schlimm genug, hatte kurz darauf ihr Mann angerufen, um sie zu bitten, ihm einige Skizzen auf die Baustelle in der Blossom Street zu bringen. Weil der Streit mit Paul sie so belastete, erzählte sie ihrem Mann davon – und nun war Reese ebenfalls wütend auf sie. Aber wenn sie ehrlich sein sollte, war es ihr relativ egal, was er dachte. Doch Paul, ihr einziges Kind … das war etwas anderes.

Sie fühlte sich unruhig und deprimiert, als sie zum Arbeitsplatz ihres Mannes fuhr. Es dauerte zwanzig Minuten, einen Parkplatz zu finden. Und natürlich lag der, den sie schließlich ergatterte, ein gutes Stück entfernt, gegenüber einem schäbig aussehenden Videoladen. Die Skizzen fest umklammernd, machte sie sich auf den Weg durch das Chaos der Baustelle. Währenddessen schimpfte sie unentwegt vor sich hin. Reese schaffte es doch immer wieder, ihr den Tag zu vermasseln!

„Hast du die Zeichnungen dabei?“ Der Mann, mit dem sie seit dreiunddreißig Jahren verheiratet war, kletterte aus einem Baucontainer. Sie stieg vorsichtig über Stahlrohre und versuchte, sich nicht schmutzig zu machen oder ihre Ferragamo-Pumps zu ruinieren. Das Architekturbüro ihres Mannes, Donovan & Gray, war für dieses Sanierungsprojekt verantwortlich. Gekleidet in einen Designeranzug und mit einem Schutzhelm auf dem Kopf, war Reese mit seinen neunundfünfzig Jahren noch immer ein gut aussehender Mann.

Jacqueline übergab ihm die zusammengerollten Papiere. Es war unüblich, dass Reese sie um etwas bat. Das kam ihr entgegen.

„Ich mache mir Sorgen um Paul“, begann sie und bemühte sich, die Fassung zu bewahren. Reese zuckte nur müde die Schultern. Er arbeitete wirklich hart und machte viele Überstunden. Jacqueline tat so, als glaubte sie, dass er all die Stunden, die er außer Haus verbrachte, auch tatsächlich im Büro oder auf einer Baustelle beschäftigt war. Und das, obwohl sie es besser wusste. Wenn er müde und erschöpft war, würde sie deshalb ganz sicher kein Mitleid mit ihm haben.

Jacqueline und Reese hatten es geschafft, die Fassade aufrechtzuerhalten. In Wirklichkeit aber war ihre Ehe seit Jahren zerrüttet. Reese lebte sein Leben, und sie lebte ihres. Sie hatten nicht mehr miteinander geschlafen, seit Paul ausgezogen war, um zum College zu gehen – was ungefähr zwölf Jahre her war. Bis auf die Liebe zu ihrem Sohn gab es kaum noch etwas, das die beiden miteinander verband.

„Weil Tammie Lee ein Kind erwartet?“, fragte ihr Mann und ignorierte ihre Besorgnis.

Sie nickte. „Offensichtlich ist Tammie Lee ausgesprochen fruchtbar, genau wie ich es befürchtet hatte – die reinste Gebärmaschine.“

Reese runzelte die Stirn. Ihm missfiel die „natürliche Vorsicht“, die seine Frau Pauls Ehefrau gegenüber hegte. Allerdings war es richtig, dass sie nichts über die Familie dieser Frau wussten. Das bisschen, das Jacqueline aus Tammie Lees Geschichten von Tanten, Onkeln und Gott weiß wie vielen Cousinen und Cousins herausgehört hatte, war gelinde gesagt entmutigend.

Das Geräusch eines Krans, der über ihre Köpfe hinwegglitt, lenkte Reese einen Moment lang ab. Als er sich wieder seiner Frau zuwandte, runzelte er abermals die Stirn. „Du scheinst dich nicht darüber zu freuen.“

„Komm schon, Reese! Wie sollte ich mich denn fühlen?“

„Wie eine Frau, die zum ersten Mal Großmutter wird.“

Trotzig verschränkte sie die Arme vor der Brust. „Ich für meinen Teil bin nicht gerade begeistert.“ Einige ihrer besten und liebsten Freundinnen genossen es, Großmutter zu sein. Aber Jacqueline bezweifelte, dass ihr die Anpassung an die neue Situation ebenso reibungslos gelingen würde.

„Jacquie, es geht um unser Enkelkind.“

„Warum überrascht mich deine Reaktion nicht?“, stieß Jacqueline wütend hervor. Diese Diskussion führten sie seit Langem. Sie hätte gar nicht von dem Thema angefangen, wenn es nicht diesen Streit mit Paul gegeben hätte. Sie fühlte sich ihrem Sohn auf eine besonders innige Weise verbunden. Er war der Grund, weshalb sie überhaupt an dieser „Gemeinschaft“, die sich Ehe nannte, festgehalten hatte. Paul war genau so, wie sie sich ihren Sohn immer gewünscht hatte: Er sah gut aus, war klug, erfolgreich und so vieles mehr. Nach einer Banklehre war er schnell die Karriereleiter hinaufgeklettert. Bis er vor einem Jahr etwas völlig Untypisches getan hatte – er hatte die falsche Frau geheiratet.

„Du hast Tammie Lee nie eine Chance gegeben“, beharrte Reese.

„Das ist nicht fair“, erwiderte Jacqueline und bemerkte zu ihrem Entsetzen, dass ihre Stimme zitterte. Sie bemühte sich wahrlich, die unschöne Verbindung mit Tammie Lee zu akzeptieren. Aber nie im Leben würde sie verstehen, warum ihr sonst so vernünftiger Sohn diese Fremde heiraten musste … dieses Mädchen vom Lande. Dabei hatten so viele Töchter ihrer Freundinnen Interesse an Paul gezeigt. Er nannte Tammie Lee seine Südstaatenschönheit. Doch alles, was Jacqueline sah, war eine Hinterwäldlerin. „Ich hatte sie zum Mittagessen in den Club eingeladen. Doch während des Essens habe ich mich so geschämt wie noch nie in meinem ganzen Leben. Ich habe sie Mary James vorgestellt, und das Nächste, an das ich mich erinnere, ist, dass Tammie Lee über eingelegte Schweinefüße redete – mit der Präsidentin der Frauenvereinigung!“ Es hatte Wochen gedauert, bis Jacqueline den Mut fand, ihrer Freundin wieder unter die Augen zu treten.

„Betreut Mary nicht die Gestaltung des Kochbuchs?“, fragte Reese. „Dann ist es doch absolut sinnvoll, wenn die beiden sich über …“

„Das Letzte, was ich brauche, ist, dass du mich auch noch kritisierst“, unterbrach Jacqueline ihren Mann. Es war absurd, ihm irgendetwas erklären zu wollen. Sie konnten sich nicht einmal mehr normal unterhalten. Außerdem ruinierte der Staub auf der Baustelle ihr Make-up, und der Wind zerstörte ihre mühevoll hochgesteckten Haare. Das war Reese natürlich egal. Er hatte keine Ahnung, was sie alles auf sich nahm, um so auszusehen. Und selbstverständlich konnte er sich nicht vorstellen, wie viel Arbeit in ihrem Haarstyling oder ihrem Make-up steckte. Sie war mittlerweile Mitte fünfzig, und es brauchte geschickte Hände und einige Kunstgriffe, um ihr wahres Alter zu verstecken.

Er erhob seine Stimme: „Was genau hast du denn zu Paul gesagt?“

Jacqueline straffte die Schultern, um Haltung zu bewahren. „Nur dass ich mir gewünscht hätte, dass er noch eine Weile gewartet hätte, bevor er eine Familie gründet.“

Ihr Ehemann reichte ihr die Hand, um ihr in den Baucontainer zu helfen. „Komm rein.“

Sie ignorierte seine Hand und folgte ihm. Dies war das erste Mal, dass sie einen dieser Baucontainer von innen sah. Sie blickte sich um, entdeckte einen Stapel Baupläne, einige leere Kaffeetassen und eine Menge Unordnung. Der Raum glich einem Schweinestall.

„Du erzählst mir besser alles“, sagte Reese, während er Kaffee einschenkte und ihr schweigend eine Tasse reichte. Sie lehnte mit einem Kopfschütteln ab – schließlich wusste sie nicht, wann diese Tasse zum letzten Mal gespült worden war.

„Warum glaubst du, dass ich noch mehr gesagt habe? Reicht nicht die Tatsache, dass ich enttäuscht bin?“, fragte sie.

„Ich glaube es, weil ich dich kenne.“

„Na, vielen Dank.“ Sie spürte einen Kloß im Hals, aber sie riss sich zusammen. Er sollte unter keinen Umständen merken, wie sehr seine Worte sie getroffen hatten. „Um die Angelegenheit noch zu verschlimmern: Tammie Lee ist bereits im sechsten Monat. Und natürlich hatte Paul eine passende Erklärung, warum er uns so lange nicht informiert hat. Er hat gesagt, sie wollten warten, bis die Schwangerschaft sicher ist.“

„Und du glaubst ihm nicht?“ Reese verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich an den Türrahmen.

„Natürlich nicht. Normalerweise wartet man drei Monate, bis man seinen Lieben die frohe Botschaft mitteilt“, sagte sie, und der sarkastische Tonfall in ihrer Stimme war nicht zu überhören. „Aber sechs? Wir beide wissen, dass er es auf die lange Bank geschoben hat, weil er genau weiß, wie ich mich dabei fühle. Ich habe es von Anfang an gesagt, und ich sage es wieder: Diese Ehe ist ein großer Fehler.“

„Aber Jacquie …“

„Was soll ich denn denken? Paul geht auf Geschäftsreise nach New Orleans und trifft in einer Bar dieses Mädchen.“

„Sie waren beide zu Gast bei derselben Tagung und haben sich am Abend noch auf einen Drink getroffen.“

Warum ritt ihr Mann auf solch unnützen Details herum? Das war typisch – er war auf Pauls Seite. Ihr blieb die Rolle der bösen Schwiegermutter. Nun gut. „Sie waren ganze drei Tage zusammen. Und dann erklärte er uns, dass er ein Mädchen geheiratet hat, das niemand von uns je zu Gesicht bekommen hat“, fuhr sie fort.

„In dem Punkt gebe ich dir recht“, lenkte er ein. „Ich hätte mir gewünscht, dass Paul uns von der Hochzeit erzählt. Aber das ist doch nun schon über ein Jahr her.“

Es schmerzte Jacqueline immer noch, dass ihr Sohn seine Trauung nicht kirchlich gefeiert hatte. So wie sie es sich immer vorgestellt hatte. Sie glaubte, Paul habe ein Recht darauf gehabt – sie habe ein Recht darauf gehabt. Doch sie waren nicht einmal zur Hochzeit eingeladen worden.

Darüber mochte sie eigentlich nicht mehr nachdenken. Die einzige Entschuldigung ihres Sohnes besagte, dass er verliebt war. Dass er mit Tammie Lee den Rest seines Lebens verbringen wollte und dass er es nicht aushalten konnte, länger als unbedingt nötig von ihr getrennt zu sein. Das war der Grund, den Paul seinen Eltern nannte – aber Jacqueline hatte ihre Zweifel. Paul musste gewusst haben, dass sie nicht erfreut gewesen wäre. Und dass seine angeheirateten Verwandten ganz und gar nicht ihrer Vorstellung entsprachen. Sie konnte sich denken, wie die Hochzeit, die Tammie Lees Familie ausrichten würde, aussähe: Auf dem Empfang würden bestimmt Eintopf und Grütze gereicht. Es gäbe sicher frittierte Biskuitküchlein statt einer Hochzeitstorte.

„Tammie Lee ist kein halbes Jahr nach der Hochzeit schwanger geworden.“ Sie machte sich nicht die Mühe, die Verachtung in ihrer Stimme zu verbergen.

„Paul ist über dreißig, Jacqueline“, erwiderte Reese und hatte wieder diesen missbilligenden Ausdruck in den Augen, den sie so sehr hasste.

„Und alt genug, um über Verhütung Bescheid zu wissen“, konterte sie. Ihr Sohn hatte ihr die Nachricht von der Schwangerschaft ebenso mitgeteilt wie damals die Nachricht von der Hochzeit: am Telefon und ohne Vorwarnung.

„Er hat mir erzählt, dass er sich eine Familie wünscht“, murmelte Reese.

„Aber nicht so früh, denke ich“, entgegnete sie. Mit ihrem Mann zu sprechen war einfach unmöglich. Ihm schien es vollkommen egal zu sein, dass Paul ein Mädchen unter seinem Stand geheiratet hatte. Sie versuchte ernsthaft, ihre Schwiegertochter in der Familie willkommen zu heißen. Doch sie konnte es einfach nicht aushalten, mehr als ein paar Minuten in ihrer Nähe zu sein. Tammie Lees oberflächliche Anmut und ihr unaufrichtiger Südstaatencharme waren unerträglich, fand Jacqueline.

„Paul freut sich auf das Baby, stimmt’s?“

Jacqueline lehnte sich gegen den Tisch und nickte. „Er ist total begeistert“, antwortete sie. „Jedenfalls sagt er das …“

„Also, wo ist dann das Problem?“

„Er … er glaubt nicht, dass ich eine besonders gute Großmutter abgeben werde.“

Reese kniff die Augen zusammen. „Was hast du zu ihm gesagt?“

„Oh Reese“, sagte sie und fühlte sich schrecklich. „Ich konnte nichts dagegen tun. Ich habe ihm vorgeworfen, dass diese Ehe ein schrecklicher Fehler ist und dass die Schwangerschaft alles nur noch viel schlimmer macht.“ Sie hatte angenommen, dass Paul in ein oder zwei Jahren seinen Fehler selbst einsehen und der Ehe ein anständiges Ende bereiten würde. Aber ein Kind veränderte die Situation natürlich grundlegend.

„Das hast du nicht wirklich zu Paul gesagt, oder?“ Er klang wütend, und das drängte sie nur noch weiter in die Defensive.

„Ich weiß, dass ich besser den Mund gehalten hätte. Aber kannst du mir einen Vorwurf daraus machen? Ich versuche mich gerade an den Gedanken zu gewöhnen, dass unser einziger Sohn mit einer Fremden auf und davon ist. Und im nächsten Moment überfällt er mich mit der Mitteilung, dass sie schwanger ist.“

„Es sollte eine freudige Nachricht sein.“

„Ist es aber nicht.“

„Für unseren Sohn und Tammie Lee schon.“

„Das ist auch so eine Sache“, rief sie aufgebracht. „Warum haben alle Mädchen aus dem Süden zwei Namen? Warum können wir sie nicht einfach Tammie nennen, ohne Lee?“

„So ist eben ihr Name.“

„Das ist lächerlich.“

Er sah sie an, als würde er sie in diesem Augenblick zum ersten Mal richtig wahrnehmen. „Warum bist du überhaupt so wütend?“

„Weil ich Angst habe, meinen Sohn zu verlieren.“ Paul und ihre enge Beziehung zu ihm waren ihr einziger Trost in einem Leben, das ihr ansonsten wenig Anlass zur Freude bot. Und nun hatte sie etwas Dummes getan und ihren Sohn verletzt.

„Ruf ihn an und entschuldige dich.“

„Das will ich ja“, sagte sie.

„Du könntest Tammie Lee auch einen Blumenstrauß schicken.“

„Werde ich.“ Trotzdem wäre es eine Geste Paul zuliebe, nicht seiner Frau.

„Warum gehst du nicht in den Blumenladen hier in der Blossom Street?“

Sie nickte. „Ich will aber noch mehr tun.“ Sie hoffte, mit ihrem Vorhaben ein Zeichen zu setzen. Vielleicht würde ihr Sohn dann erkennen, dass sie sich alle Mühe gab, seine Ehefrau wirklich zu akzeptieren.

„Was?“

„Ich habe im Schaufenster des Wollladens einen Aushang entdeckt. Ich werde mich für einen Strickkurs anmelden. Auf dem Aushang steht, dass das erste Projekt eine Babydecke sein wird.“

Reese zeigte selten, dass er etwas, was sie tat, guthieß. Die Wärme des Lächelns, das in diesem Moment über sein Gesicht huschte, ging ihr durch und durch.

„Ich mag vielleicht Tammie Lee nicht sonderlich. Aber ich werde alles tun, um eine gute Großmutter zu sein.“ Jemand musste schließlich für den richtigen Einfluss auf Pauls Kind sorgen. Sonst würde ihr Enkelkind am Ende mit eingelegten Gurken groß werden … oder womöglich auch mit diesem komischen Akzent durchs Leben gehen.

3. Kapitel

Carol Girard

Carol Girard hätte es nie für möglich gehalten, dass schwanger zu werden so schwierig sein könnte. Ihre Mutter hatte diesbezüglich offensichtlich keine Probleme gehabt – Carol und ihr Bruder Rick wurden im Abstand von zwei Jahren geboren.

Vor ihrer Hochzeit hatten Doug und Carol bereits davon gesprochen, eines Tages eine eigene Familie haben zu wollen. Wegen Carols anspruchsvollem und forderndem Job in einer angesehenen Immobilienfirma wollte Doug sichergehen, dass sie sich ebenso sehr nach einer Familie sehnte wie er. Er hatte sie gefragt, ob sie bereit wäre, ihre Karriere für einige Jahre zurückzustellen, um sich um die Kinder zu kümmern. Ihre Antwort war ein uneingeschränktes Ja. Babys hatten für sie immer dazugehört. Sie sah sich in ihren Träumen von der Zukunft stets als Mutter, und sie erachtete Kinder als einen wichtigen Teil ihres Lebens. Doug würde ein toller Vater sein, und sie liebte ihren Mann über alles. Sie wollte die Mutter seiner Kinder sein.

Während sie ihr Mittagessen in der Mikrowelle erhitzte, betrachtete sie versonnen die Küche ihrer Eigentumswohnung im sechzehnten Stock eines Hochhauses. Von hier aus hatte man einen einmaligen Blick auf die Bucht.

Carol hatte ihre Stelle vor nunmehr einem Monat gekündigt – und schon jetzt fühlte sie sich rastlos und ungeduldig. Sie hatte die Immobilienfirma verlassen, um ihrem Körper Ruhe zu gönnen. Er sollte sich von der täglichen Routine und dem Stress erholen. Doug hatte sie davon überzeugt, dass die Anspannung in ihrem Job der Grund war, warum sie bisher noch nicht schwanger geworden war. Ihr Gynäkologe hatte diese Möglichkeit bestätigt. Unzählige erniedrigende Tests, die Doug und sie über sich ergehen lassen mussten, hatten dann aber ergeben, dass neben ihrem fortgeschrittenen Alter von siebenunddreißig Jahren bei ihr eine körperliche Störung vorlag. Sie bildete Antikörper gegen das Sperma ihres Mannes.

Das Telefon klingelte. Bevor es zum zweiten Mal läutete, war sie bereits aufgesprungen und hatte sich schnell den Hörer geschnappt.

„Hallo“, sagte sie fröhlich und freute sich, endlich mit jemandem sprechen zu können – selbst wenn es nur ein Vertreter sein sollte.

„Hallo, Liebling! Ich habe mich gefragt, ob du wohl noch zu Hause bist.“

Sie erstarrte. „Sollte ich irgendwo anders sein?“

Doug lachte leise. „Ich dachte, du wolltest heute Nachmittag einen Spaziergang machen.“

Das war etwas, das von einem der zahllosen Bücher vorgeschlagen wurde, die sie lasen. Carol hatte daraufhin entschieden, dass sie sich körperlich mehr betätigen musste. Und da sie ja nun zu Hause war, hatte sie genügend Zeit, sich draußen an der frischen Luft zu bewegen. Das gehörte alles zu der Abmachung, die sie diskutiert und getroffen hatten, bevor sie ihren Job aufgab.

„Richtig. Ich wollte mich gerade fertig machen und losgehen.“ Sie warf einen Blick auf die Mikrowelle und drehte ihrem wartenden Essen den Rücken zu.

„Carol? Ist alles in Ordnung mit dir?“

Ihr Ehemann bemerkte ihre Stimmung, ihre Niedergeschlagenheit und Sorge. Doug hatte recht, als er ihr vorschlug, die Arbeit zu kündigen. Sie beide hatten Angst, denn es bestand die Möglichkeit, dass Carol niemals eine Schwangerschaft zu Ende bringen würde. Es half auch nicht, dass es noch die Möglichkeit einer künstlichen Befruchtung gab. Die Versicherung zahlte nur für drei Versuche – die ersten zwei waren bereits gescheitert. Künstliche Befruchtung oder IVF, In-vitro-Fertilisation, waren für sie der letzte Ausweg. Die letzte Hoffnung der beiden, doch noch ein leibliches Kind zu bekommen. Im Juli würde ihr letzter Versuch stattfinden. Danach mussten sie für die Kosten selbst aufkommen. Als sie darüber nachdachten, die Chance der künstlichen Befruchtung zu nutzen, hatten sie sich darauf geeinigt, nur diese drei Versuche zu wagen. Falls sie dann noch nicht schwanger wäre, würden sie mit dem Adoptionsverfahren beginnen. Und die emotionale Belastung der ersten fehlgeschlagenen Befruchtungen zeigte deutlich, dass sie beide diesen Druck nicht lange würden aushalten können. Zweimal war eine befruchtete Eizelle eingesetzt worden, und zweimal hatte Carol eine Fehlgeburt erlitten. Kein Paar dieser Welt konnte dieses Leid noch häufiger ertragen.

Carol und Doug redeten nicht darüber, dass diese künstliche Befruchtung ihre letzte Chance war. Aber der Gedanke daran beherrschte beide tief in ihrem Inneren. Es war so wichtig, dass sie schwanger wurde – und schwanger blieb.

Sie war bereit, alles dafür zu tun, was in ihrer Macht stand. Sie war bereit, ihren geliebten Job aufzugeben, bereit, während der unzähligen Tests malträtiert und erniedrigt zu werden. Sie war bereit, ihre Zweifel zu besiegen, alle emotionalen Höhen und Tiefen zu meistern – alles für das Baby. Dougs Baby.

„Ich liebe dich, mein Herz.“

„Ich weiß.“ Obwohl sie es scheinbar gedankenlos dahersagte, wusste sie es. Doug liebte sie. Er stand ihr während der gesamten schmerzhaften und langwierigen Prozedur zur Seite, ging mit ihr zu unterschiedlichen Ärzten, unterzog sich Tests, weinte mit ihr und ertrug gemeinsam mit ihr die Rückschläge, die Wut und die Trauer. „Eines Tages wirst du dein eigenes Kind in den Armen halten, und dann wissen wir beide, dass es all das wert war.“ Sie hatten sich sogar schon Namen für das Kind überlegt. Wenn es ein Junge wäre, sollte er Cameron heißen, und falls sie ein Mädchen bekämen, würden sie es Colleen nennen. Carol hatte manchmal das Gefühl, ihr Kind schon anschauen und spüren zu können. Sie wusste genau, wie es sich anfühlen würde, die Freude und den Stolz im Blick ihres Mannes zu sehen.

Diese Vorstellung ließ sie die schwierigen, belastenden Phasen der IVF leichter ertragen.

„Wann wirst du zu Hause sein?“ Früher hatte sie diese Frage nicht sonderlich interessiert, doch nun bestimmten seine Arbeitszeiten ihren Tagesablauf. Jeden Nachmittag warf sie sehnsüchtige Blicke auf die Uhr. Sie fragte sich, wie viele Stunden, Minuten noch vergehen würden, bis Doug endlich heimkam.

„So wie immer“, versprach er.

Ihr Ehemann, mit dem sie seit sieben Jahren verheiratet war, arbeitete als Antragsprüfer für eine Versicherung. Sie hatte in ihrem Job mehr verdient als er. Mit ihrem Gehalt konnten sie eine beträchtliche Anzahlung auf die Eigentumswohnung leisten, in der sie jetzt lebten. Als sie heirateten, hatte ihr kluger und bescheidener Mann darauf bestanden, ihren Lebensstandard so auszurichten, dass sie allein von seinem Gehalt leben konnten. Er befürchtete, dass sie sonst auf Carols Einkommen angewiesen sein würden. Der Plan, eine eigene Familie zu gründen, hätte sonst daran scheitern können. Nach ihrer Hochzeit warteten sie noch drei Jahre, um sich ein finanzielles Polster zu schaffen. Das sollte sich als eine gute Entscheidung entpuppen. Denn selbst mit der Unterstützung durch die Versicherung waren die Kosten für eine künstliche Befruchtung horrend.

„Habe ich schon mal erwähnt, wie furchtbar das Fernsehprogramm tagsüber ist?“, fragte sie.

„Dann schalte doch den Apparat aus und mach einen Spaziergang.“

„Jawohl, Sir“, erwiderte sie in einem gespielt unterwürfigen Ton.

Er lachte. „Bin ich wirklich so schlimm?“

„Nein. Es ist nur – nicht mehr zu arbeiten habe ich mir irgendwie ganz anders vorgestellt.“ Sie hatte nicht damit gerechnet, dass das Leben zu Hause endlose Stunden Langeweile bedeutete. Oder den verzweifelten Versuch, sich abzulenken, bis ihr Mann endlich wieder da war. Bisher hatte sie ständig an irgendwelchen Meetings teilgenommen oder schwerwiegende Entscheidungen getroffen. Sie war es gewohnt, immer unter Strom zu stehen. Allein zu Hause zu sein war eine völlig neue Erfahrung für sie – und keine, die sie genoss.

„Soll ich vielleicht später mit dir zusammen rausgehen?“

„Nein, alles okay. Du hast recht. Ich sollte kurz an die frische Luft. Es ist so ein wundervoller Nachmittag.“ Kein Fleckchen auf der Erde war schöner als Seattle, wenn die Sonne schien. Es war ein perfekter Maitag, und sie betrachtete versonnen die schneebedeckten Olympic Mountains in der Ferne und das blaugrüne Wasser der Puget-Sound-Bucht zu ihren Füßen.

„Ich sehe dich dann gegen halb sechs“, sagte er.

„Ich werde da sein.“ Bevor sie die Immobilienfirma verlassen hatte, war Doug immer als Erster zu Hause gewesen. Er hatte das Essen gekocht. Und er hatte den Fernseher angeschaltet, um die Lokalnachrichten zu verfolgen. Carol hatte keine Mühe gehabt, diese Rolle zu übernehmen. Nun war diese tägliche Routine einer der interessanteren Parts in ihrem Leben.

Sie stellte ihr Essen in den Kühlschrank und schnappte sich auf ihrem Weg nach draußen einen Apfel.

Carol nahm den Aufzug und fuhr runter ins Foyer des Gebäudes. Sie ging durch die Glastür und trat nach draußen auf den Bürgersteig. Während sie ihren Apfel aß, lief sie in Richtung Wasser.

Alle Kollegen im Büro hatten Carol gewarnt. Sie erzählten ihr, dass Frauen, die nicht arbeiteten – vor allem Mütter –, ständig mit ihrem Gewicht zu kämpfen hätten.

Viel in der Küche und stets mit Essen konfrontiert zu sein machte es unmöglich, schlank zu bleiben – das sagten jedenfalls ihre ehemaligen Mitarbeiter. Aber das war kein Problem für Carol. Nie zuvor hatte sie gesünder gegessen als im Moment. Die Ernährung war ein wichtiger Teil ihres Lebens, und sie schaffte es mühelos, ihre Kleidergröße zu halten.

Eine kühle Brise wehte vom Wasser herüber, als sie den vertrauten Weg entlangspazierte. Aus einer Laune heraus änderte sie die Richtung und stieg Pill Hill hinauf, wo sich das Virginia Mason Hospital und das Swedish Medical Center befanden. Sie war völlig außer Atem, als sie den steilen Anstieg hinaufgeklettert war. Langsam ging sie weiter und sah sich in der Gegend um, bis sie irgendwann in die Blossom Street einbog.

Einige der Häuser wurden gerade saniert. Die Straße war abgesperrt, aber den Bürgersteig konnte man benutzen. Auf der einen Seite der Blossom Street schienen die Bauarbeiten abgeschlossen zu sein: Die Fronten der Läden waren frisch gestrichen, und eine grün-weiß gestreifte Markise spendete einem Blumenladen Schatten. Tulpen und Lilien waren in großen Gefäßen vor der Eingangstür des Ladens arrangiert.

Trotz des Baustellenlärms schlenderte Carol die Straße entlang. Ein Videoladen und ein altes Apartmentgebäude bildeten das Ende des Blocks. Gegenüber entdeckte sie ein Bistro, Annies Café. Der Unterschied zwischen den bereits modernisierten Abschnitten der Straße und den alten Gebäuden war erstaunlich. Der ursprüngliche Teil erinnerte an eine malerische kleine Stadt mit freundlichen Händlern. So wie man sie aus Fernsehserien der 60er-Jahre kannte. Sicher, einige der Gebäude waren heruntergekommen, doch trotzdem wirkten sie einladend. Es war kaum zu glauben, dass die Blossom Street weniger als eine Meile vom Stadtzentrum Seattles mit seinen Hochhäusern und den überfüllten Straßen entfernt war.

Neben dem Blumenladen entdeckte Carol eine weitere Überraschung: einen Wollladen. Das Geschäft war neu. Ein Schild kündete von der „großen Eröffnung“. Eine Frau – sie schien in Carols Alter zu sein – saß in einem Schaukelstuhl und strickte. Ein Knäuel limonengrünes Garn lag in ihrem Schoß.

Weil sie nichts Besseres zu tun hatte, stieß Carol die Tür auf und betrat das Geschäft. Ein hübsches Glöckchen ertönte. „Hallo“, sagte sie und bemühte sich, fröhlich und neugierig zu klingen. Sie war sich nicht sicher, was sie dazu bewogen hatte, den Laden überhaupt zu betreten. Zumal sie nicht stricken konnte und an Kunsthandwerk noch nie sonderlich interessiert gewesen war.

Die zierliche Frau begrüßte sie mit einem schüchternen Lächeln. „Hallo und willkommen im A Good Yarn.“

„Sie sind neu hier, habe ich recht?“

Die Besitzerin nickte. „Gestern war die Eröffnung, und Sie sind heute Nachmittag meine erste Kundin.“ Sie lachte leise. „Eigentlich überhaupt die erste Kundin heute“, gab sie zu.

„Was stricken Sie da?“, fragte Carol und fühlte sich seltsam beschämt, weil sie im Grunde genommen keine wirkliche Kundin war.

„Einen Pullover für meine Nichte.“ Sie griff nach ihrem Strickzeug und hielt es Carol entgegen.

Die Farben – Limonengrün, Orange und Türkis – zauberten ein Lächeln auf Carols Gesicht. „Das gefällt mir.“

„Stricken Sie?“

Die Frage musste kommen. „Nein, aber ich würde es irgendwann gern einmal lernen.“

„Dann sind Sie bei mir genau richtig. Am nächsten Freitag beginnt ein Anfängerkurs. Wenn Sie sich dafür einschreiben, erhalten Sie einen Nachlass von zwanzig Prozent auf die Wolle.“

„Es tut mir leid, aber ich fürchte, ich bin völlig unbegabt fürs Stricken.“ Carol spürte ehrliches Bedauern. Doch sie war nun einmal nicht der Mensch, der gern etwas mit seinen eigenen Händen herstellte. Zinseszinsen oder Jahreszinsen, Einlagen und Anlagefonds berechnen – dort lagen ihre Fähigkeiten und ihr Talent.

„Sie werden es nie wissen, wenn Sie es nicht ausprobieren. Ich bin übrigens Lydia.“

„Carol.“ Sie reichte ihr die Hand. Lydia legte ihr Strickzeug beiseite, um Carols Händedruck zu erwidern. Die junge Frau war klein und zierlich, ihr dunkles Haar trug sie kurz. Ihre klugen braunen Augen funkelten vergnügt, und Carol mochte sie auf Anhieb.

„Im Anfängerkurs beginne ich mit einem einfachen Projekt“, erklärte Lydia.

„Es müsste aber wirklich sehr leicht sein, wenn ich mit dem Stricken anfangen sollte.“

„Ich habe mir überlegt, dass jeder der Schüler eine Babydecke stricken sollte.“

Carol erstarrte, und Tränen stiegen ihr in die Augen. Sie senkte den Kopf, bevor Lydia es bemerkte. Normalerweise war sie kein Mensch, der besonders empfindlich war. Aber durch den Aufruhr ihrer Hormone schienen ihre Emotionen hin und wieder außer Kontrolle zu geraten. Die ganze Situation war so seltsam, und doch schien es Schicksal zu sein.

„Vielleicht werde ich mich doch für den Kurs anmelden“, sagte sie und strich über ein Knäuel hellgelber Wolle.

„Das wäre wundervoll.“ Lydia ging zum Tresen hinüber und kehrte mit einem Klemmbrett zurück.

Im Augenblick suchte Carol überall nach Zeichen und Omen. Oft hielt sie Zwiesprache mit Gott. Ohne den geringsten Zweifel glaubte sie, dass sie zu diesem Lädchen geführt worden war. Es war Sein Weg, ihr zu zeigen, dass Er ihre Wünsche und Gebete bald erhören würde. Wenn sie sich diesem dritten und letzten IVF-Zyklus unterzog, würde es klappen. In naher Zukunft würde sie die Babydecke für ihr eigenes Kind benötigen.

4. Kapitel

Alix Townsend

Mit dem Absatz ihres kniehohen schwarzen Stiefels zertrat Alix Townsend den Zigarettenstummel, den sie soeben auf den rissigen Bürgersteig aus Beton geworfen hatte. Der Manager des Videoladens in der Blossom Street sah es nicht gern, wenn die Mitarbeiter im Pausenraum rauchten. Um sich seine Bemerkungen zu ersparen, zog sie es vor, draußen ihre Zigarettenpause zu machen. Der Kerl war ein Idiot, der andauernd und ununterbrochen über seine Angestellten, die Wirtschaftslage und das Leben im Allgemeinen nörgelte.

Ihr Chef hatte allerdings in einem Punkt recht: Die Bauarbeiten ruinierten langsam, aber sicher sein Geschäft. Alix glaubte, es sei nur noch eine Frage der Zeit, bis sie die Kündigung wegen Personalabbaus erhalten würde. Und gleich anschließend die Benachrichtigung, dass ihr Apartmenthaus verkauft worden sei und dass sie aus ihrer Wohnung ausziehen müsse. Mit all den Sanierungsmaßnahmen, die in der Gegend stattfanden, war das praktisch unumgänglich. Entweder das – oder sie würde eine gewaltige Mieterhöhung erwarten können. Vielen Dank, Herr Bürgermeister.

Sie vergrub die Hände in den Taschen ihres schwarzen Ledermantels und blickte die Straße entlang auf den Staub und den Bauschutt. Sie trug ihren Ledermantel ständig – egal ob es regnete oder die Sonne schien, im Sommer wie im Winter. Dieser Mantel hatte sie eine Menge gekostet, und sie würde ihn ganz sicher nicht ausziehen, damit irgendjemand ihn ihr stehlen und damit abhauen könnte. Jemand wie ihre Mitbewohnerin zum Beispiel, die übergewichtige Laurel – obwohl Alix bezweifelte, dass ihre Klamotten Laurel passten. Lässig an die Mauer gelehnt, ein Knie angezogen und den Fuß gegen die Mauer gestützt, konzentrierte Alix sich auf die andere Straßenseite.

Sämtliche Ladenfronten waren frisch gestrichen. Der neue Blumenladen hatte, genau wie der Kosmetiksalon, bereits eröffnet. Diese Läden waren echt ein Segen für die Nachbarschaft – als ob sie jemals etwas in dem einen oder anderen Geschäft kaufen würde. Sie schnaubte verächtlich. Was in dem Laden, der sich zwischen den beiden anderen befand, angeboten wurde, war auf den ersten Blick nicht zu erkennen. A Good Yarn. Sie sah sich das Geschäft genauer an und entschied, dass es sich um einen Wollladen handeln musste. Die Menschen hier wirkten nicht so, als würden sie beim Anblick eines Wollknäuels in Begeisterungsstürme ausbrechen.

Ein Strickgeschäft eröffnete jedoch noch eine andere Möglichkeit … Da sie noch fünf Minuten Pause hatte, überquerte sie die Straße. Sie blinzelte durch das Fenster und entdeckte ein handgeschriebenes Schild, auf dem ein Strickkurs angekündigt wurde. Wenn sie anfinge zu stricken, würden die Behörden und das Gericht sie vielleicht endlich in Ruhe lassen – denn möglicherweise könnte sie auf diese Weise die gemeinnützigen Stunden abarbeiten, die der Richter ihr aufgebrummt hatte.

„Hi“, sagte sie laut, als sie durch die Eingangstür trat. Sie liebte große Auftritte.

„Hallo.“

Die Besitzerin war eine anmutige, zerbrechlich wirkende Frau mit ausdrucksstarken braunen Augen und einem offenen Lächeln.

„Gehört Ihnen der Laden?“, fragte Alix und musterte die andere Frau abschätzig. Sie konnte nicht viel älter sein als sie selbst.

„Das ist mein Geschäft.“ Sie erhob sich aus ihrem Schaukelstuhl. „Wie kann ich Ihnen helfen?“

„Ich würde gern mehr über den Strickkurs erfahren.“ Ihr Sozialarbeiter hatte irgendwann einmal vorgeschlagen, Aggressionen mit einer Tätigkeit wie Stricken abzubauen. Vielleicht würde das tatsächlich funktionieren. Und wenn sie damit ihre gemeinnützigen Stunden ableisten konnte …

„Was soll ich Ihnen erzählen?“

Langsam schlenderte Alix durch den Laden, die Hände in den Manteltaschen vergraben. Sie sah sich um. Wetten, dass die Stricklady nicht besonders viele Kunden hatte? Vor einiger Zeit hatte ein Aushang im Gericht Alix’ Aufmerksamkeit erregt – in dem Schreiben ging es um handgearbeitete Steppdecken und Wolldecken für Kinder, die zu Hause misshandelt worden waren. „Haben Sie schon einmal vom Linus-Projekt gehört?“, fragte sie, obwohl sie sich beinahe sicher war, dass diese Frau noch nie einen Fuß in ein Gerichtsgebäude gesetzt hatte.

„Natürlich.“ Die Frau faltete die Hände und folgte ihr durch den Laden. Es schien, als habe sie Angst, Alix könne versuchen, das ein oder andere Wollknäuel mitgehen zu lassen. „Das ist ein Projekt, das von der Polizei initiiert wurde. Es hat unter anderem zum Ziel, Decken für Kinder herzustellen, die Opfer häuslicher Gewalt geworden sind.“

„Genau.“

„Ich bin übrigens Lydia.“

„Alix. A-L-I-X.“ Sie hatte nicht damit gerechnet, dass die Frau ihren Vornamen nennen würde. Aber gut.

„Hallo, Alix, und willkommen im A Good Yarn. Sind Sie daran interessiert, am Linus-Projekt teilzunehmen?“

„Also …“ Sie hatte noch nicht ernsthaft darüber nachgedacht. „Könnte ich machen, wenn ich wüsste, wie man strickt“, sagte sie schließlich leise.

„Aber dafür gebe ich den Kurs doch.“

Alix stieß ein kurzes bitteres Lachen aus. „Ich bin mir sicher, dass ich zum Stricken nicht tauge.“

„Würden Sie es denn gern lernen? Es ist wirklich nicht schwierig.“

Alix schnaubte verächtlich. Die Wahrheit sah so aus: Sie hatte keine Ahnung, warum sie überhaupt hier war. Vielleicht hatte irgendein Erinnerungsfetzen aus ihrer Kindheit – ein Gefühl, ein Moment – sie hier in diesen kleinen Laden geführt. Die frühen Jahre ihres Lebens waren aus ihrem Gedächtnis gestrichen, verbannt, einfach nicht mehr da. Die vom Gericht berufenen Ärzte hatten festgestellt, dass sie an frühkindlicher Amnesie litt. Wie auch immer. Ab und zu stahl sich eine Erinnerung in ihr Gedächtnis. Meist konnte sie jedoch nicht unterscheiden, ob etwas tatsächlich geschehen war oder nicht. Was sie allerdings noch genau wusste, war, dass ihre Eltern sich fast ständig gestritten hatten. Immer wenn es zu Auseinandersetzungen kam, versteckte Alix sich in einem Schlafzimmerschrank. Und wenn sie dann die Tür schloss und die Augen zumachte, war es beinahe so, als gäbe es kein Geschrei und keine Gewalt. In diesem Schrank existierte eine andere Familie. Eine Familie, die sie sich ausgedacht hatte. Die aus einer wunderbaren Welt stammte, in der Mütter und Väter sich liebten, nicht anschrien oder schlugen. In Alix’ Welt gab es ein richtiges Zuhause, in dem nicht der halbe Kühlschrank mit Bier gefüllt war. Dort warteten nach der Schule Milch und Kekse auf sie. Sie konnte sich daran erinnern, dass im Laufe der Jahre die Fantasiewelt für sie immer wichtiger geworden war. Ein Detail war, dass diese Fantasiemutter, die sie so liebte, gern strickte.

Alix war als kleines Kind ziemlich oft in den Schrank geflüchtet …

„Nächsten Freitagnachmittag startet ein Anfängerkurs – wenn Sie mögen?“

Die Worte rissen Alix aus ihren Träumereien. Sie grinste. „Und Sie glauben ernsthaft, dass Sie jemandem wie mir das Stricken beibringen können?“

„Aber selbstverständlich kann ich das“, erwiderte Lydia, ohne zu zögern. „Ich habe es bereits vielen Menschen gezeigt. Außerdem haben sich bisher erst zwei Frauen für den Kurs angemeldet. Also kann ich Ihnen genügend Aufmerksamkeit schenken.“

„Ich bin Linkshänderin.“

„Das ist kein Problem.“

Die Lady musste wirklich verzweifelt auf der Suche nach Kunden sein. Ausflüchte gab es genügend, und letzten Endes würde Lydia sie nicht zwingen können. Außerdem hatte Alix gar kein Geld für die Wolle, die sie benötigte, um stricken zu lernen.

„Was halten Sie davon, eine Decke für das Linus-Projekt zu stricken?“, fragte Lydia plötzlich.

Damit konnte sie sich Alix’ Aufmerksamkeit sicher sein.

Und Lydia ließ nicht locker. „Ich habe selbst einige Decken für das Projekt angefertigt“, erzählte sie.

„Tatsächlich?“ Diese junge Frau schien ein großes Herz zu haben.

Lydia nickte. „Und es gibt so viele Menschen, die es verdient haben, dass man im Zuge dieses Projektes für sie strickt.“

Menschen, die es verdient haben, dass man für sie strickt … Die Mutter in ihrer Fantasiewelt hatte gestrickt, ihr Lieder vorgesungen und nach Lavendel und anderen Blumen geduftet. Alix hatte sich immer gewünscht, eines Tages so wie diese Mutter zu werden. Der Weg, den ihr Leben dann aber nahm, hatte sie in eine andere Richtung geführt. Vielleicht war dieser Strickkurs etwas, das sie tun konnte – tun sollte.

„Ich denke, ich könnte es versuchen“, sagte sie und zuckte die Schultern. Sie würde bestimmt jede Menge Spott über sich ergehen lassen müssen, wenn Laurel, die auch im Videoladen arbeitete, das herausfand. Aber das war ihr egal. Ihr ganzes Leben hindurch war sie Zielscheibe von Spott und Häme gewesen.

Lydia schenkte ihr ein freundliches Lächeln. „Das ist wunderbar.“

„Wenn die Decke für das Linus-Projekt nicht so toll wird, macht das auch nichts. Es ist ja nicht so, dass irgendjemand wüsste, dass ich sie gestrickt habe.“

Lydias Lächeln erstarb. „Sie wissen es, Alix. Und das ist das Wichtigste.“

„Ja, aber … also, ich denke, wenn ich den Kurs mache, dann erfüllt das gleich einen doppelten Zweck.“ Das klingt gut, dachte Alix und war mit sich selbst zufrieden. „Ich könnte lernen, wie man strickt. Und die Zeit, die ich dafür benötige, wird mir auf die Strafe angerechnet, die ich noch ableisten muss.“

„Von was für einer Strafe reden Sie?“

„Richter Roper hat mir hundert Stunden gemeinnütziger Arbeit aufgebrummt – wegen einer Drogengeschichte. Ich war es aber nicht! Ich bin nicht blöd, und er weiß das.“ Ihre Hände verkrampften sich. Sie war immer noch wütend über die Anschuldigungen, denn das Marihuana hatte Laurel gehört. „Drogen nehmen ist dumm.“ Sie zögerte, dann stieß sie hervor: „Mein Bruder starb an einer Überdosis. Und ich bin nicht bereit, mein Leben jetzt schon wegzuwerfen.“

Lydia straffte die Schultern. „Lassen Sie mich das alles mal zusammenfassen, damit ich Sie richtig verstehe. Sie möchten sich für den Strickkurs einschreiben und die Decke dem Linus-Projekt spenden?“

„Richtig.“

„Und die Zeit, die Sie für die Fertigstellung brauchen …“, sie zögerte kurz, „… möchten Sie gegen die gemeinnützigen Stunden, die Sie vom Gericht als Strafe erhalten haben, aufrechnen?“

Alix glaubte zu spüren, dass Lydia gewisse Vorbehalte hegte. Sie klang schon deutlich reservierter. Aber diese Art von Reaktion auf ihre Person kannte Alix bereits. „Haben Sie ein Problem damit?“, fragte sie kühl.

Wieder zögerte Lydia kurz. „Eigentlich nicht, solange Sie respektvoll mit mir und den anderen Kursteilnehmern umgehen.“

„Klar, kein Problem.“ Alix blickte auf ihre Uhr. „Ich muss wieder an die Arbeit. Wenn Sie mich brauchen, ich bin fast immer im Videoladen.“

„Okay.“ Plötzlich klang Lydia nicht mehr so selbstsicher, wie sie zu Beginn der Unterhaltung gewirkt hatte.

Der Videoladen war voll, als Alix zurückkehrte. Sie huschte schnell hinter den Tresen.

„Wo hast du so lange gesteckt?“, fragte Laurel. „Der Chef hat schon nach dir gefragt, und ich hab erzählt, du wärst auf dem Klo verschwunden.“

„Entschuldige. Ich war draußen, um zu rauchen.“ Laut Arbeitsrecht hatte Alix Anspruch auf eine fünfzehnminütige Pause.

„Hast du einen von den Bauarbeitern getroffen?“

Alix schüttelte den Kopf, während sie zur Kasse ging. „Keinen einzigen. Vier Uhr nachmittags, und die Typen sind schneller weg als ’ne Rakete.“

„Wir sollten auch eine Gewerkschaft haben“, flüsterte Laurel ihr zu.

„Und anständige Sozialleistungen erhalten“, sagte Alix.

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