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Das wahre Motiv

Als Buch hier erhältlich:

München, 1895: Major Wilhelm Freiherr von Gryszinski ermittelt wieder im Dienste der Königlich Bayerischen Polizeidirektion. Ein junger Mann wird ermordet, seine Leiche in einer kunstvollen Pose drapiert, die an die Gemälde der klassischen Mythologie erinnert. Die Ermittlungen führen nach Schwabing. Das Künstlerviertel mit seinen rauschenden Festen und lockeren Moralvorstellungen gilt als das Babylon Bayerns, und der preußische Ermittler findet sich plötzlich in der Welt der Maler, Musen und Möchtegerne wieder. Als weitere Leichen gefunden werden, ist Gryszinski klar, dass er einen Mehrfachmörder jagt, der jederzeit erneut zuschlagen kann.

Zum ersten Band der Reihe:

»Mit fundierten historischen Details, viel Witz und Lust am Erzählen entwirft Uta Seeburg ein wunderbar pittoreskes Bild der bayrischen Hauptstadt und ihrer Bürger im auslaufenden 19. Jahrhundert. [...] Ein wunderbar gelungener Auftakt zu einer neuen Serie, auf deren Folgebände man sich jetzt schon freuen darf.«Buchkultur


  • Erscheinungstag: 24.05.2022
  • Aus der Serie: Gryszinski Reihe
  • Bandnummer: 2
  • Seitenanzahl: 400
  • ISBN/Artikelnummer: 9783749903733

Leseprobe

Für meinen engsten Kreis: von Herzen Dank
fürs Mitlesen, Zuhören, Recherchieren,
Bekochen, Weiterwachsen und Spielen
unter der pandemischen Glasglocke.

[München]

»Die Bevölkerung besteht zu 84 Proz. aus Katholiken, 14 Proz. Protestanten, 2 Proz. Israeliten und nur zu 37 Proz. aus Eingebornen, zur größern Hälfte aus zugezogenen Bayern, zu 6 Proz. aus andern Deutschen, zu 4 Proz. aus Ausländern […]. Insoweit sich noch typische Figuren des echten Müncheners finden, zeigt dieser sich bieder, trockenen Humors, genußfreudig, aber bei schwerer Arbeit ausdauernd und kräftig, für das Fremde nicht leicht einzunehmen, auf seine Stadt und ihre Schönheiten stolz, wenn auch mit mancher großstädtischen Neuerung nicht immer sofort einverstanden.«

(Meyers Konversations-Lexikon. Ein Nachschlagewerk des allgemeinen Wissens. Zwölfter Band, 1897.)

1.

»Was kannst Du, was kein anderer kann?«

(Franz von Lenbach, Leitsatz)

Gryszinski bestaunte diese kleine Welt. Der Laden, der hauptsächlich aus einem gewaltigen Warenregal bestand, war in hellen Sandfarben gestrichen. An den Seiten lugte eine bereits verblassende Tapete hervor, die ländliche Szenen zeigte: Eine ältere Frau klopfte ein Daunenkissen am Fenster aus, ein Mann hatte einen Schubkarren gegriffen, auf seinem Rücken trug er eine erlegte Gans, ein junges Mädchen molk eine Kuh. Oben schloss eine Bordüre in Form einer bunten Girlande das Bild ab. Das mächtige Regal enthielt lauter Schubladen, auf die silberne Schilder in der Form von Wimpeln genagelt worden waren, deren Inschriften stolz verkündeten, welche Köstlichkeiten sich dahinter verbargen. Neben den weniger aufregenden Erbsen und Linsen lockten süße Rosinen, getrocknete Feigen und Bonbons, bis endlich, auf der anderen Seite des Regals, die Welt der Kolonien die Gedanken beflügelte und Gryszinskis empfängliche Zunge kribbeln ließ, mit Cacao, Chocolade, Vanille und Kaffee. Vor diesem Regal der Herrlichkeiten stand, einem Wall gleich, ein Tresen, auf dem wiederum eine überdimensionierte Waage thronte, die der Justitia alle Ehre gemacht hätte, hier aber von einem freundlich lächelnden Krämer bedient wurde, dessen dünner Schnurrbart Gryszinski an einen windigen Ober im Kaffeehaus denken ließ. Dem Mann reichte der Tresen bis zum Kinn, und auch der Besen, der an die Wand des Ladens gelehnt war, überragte ihn deutlich. Just in dem Moment, der Gryszinski diesen Fehler im Bild erkennen ließ, fuhr eine Faust wie die Hand Gottes von oben in den Krämerladen, angelte nach dem wehrlosen Männlein und fegte dabei die Waage rücksichtlos vom Tisch, wobei sich Reis und Mandeln, die in den Waagschalen gelegen hatten, über den Boden ergossen.

»Fritzi!«, rief Gryszinski und kniff seinem einjährigen Sohn scherzhaft ins Ohr. »Pass auf!«

Der kleine Junge lachte aufgeregt und streckte seinem Vater die ergaunerte Holzfigur entgegen, während Gryszinski die Schubladen des Puppenladens öffnete und Mandeln und Reis zurücksortierte. Er hob seinen Blick zum Fenster des Kinderzimmers. Eine kahle Birke klopfte mit knöchernen Fingern an die Scheibe. Der Februar im Jahre 1895 hatte soeben begonnen, wirklich die unangenehmste Zeit des Jahres, über die man am besten nicht zu viele Worte verlor.

Major Wilhelm Freiherr von Gryszinski – er war, obwohl nur Reserveoffizier der preußischen Armee und dazu auch noch ausgerechnet in München wohnhaft, aufgrund besonderer Verdienste um sein Vaterland einen Dienstgrad höher geklettert – überließ Fritzi der Kindsmagd Anneliese und ging hinüber in den Salon. Es war früh am Morgen, und er würde gleich in Richtung Polizeidirektion aufbrechen müssen, wo er als kriminalistischer Sonderermittler tätig war. Doch zunächst wollte er etwas überprüfen, eine Sache, die ihn seit Wochen nicht losließ. Er und seine Frau Sophie lebten seit ihrer Übersiedlung aus Berlin in einer hübschen Mietwohnung in der Liebigstraße im Münchner Stadtteil Lehel. Sie teilten sich die Beletage mit ihrem Sohn Friedrich, dessen Kindermädchen und der Haushälterin Aloisia Brunner, einer grimmigen Oberbayerin mit der seltenen Gabe, sich völlig lautlos durch die Räume zu bewegen – eine Eigenschaft, die Gryszinski nicht selten peinliche Schreckensmomente beschert hatte, wenn die Brunner plötzlich wie eine dunkle Erscheinung direkt hinter ihm aus dem Boden gewachsen war. Allerdings hatten er und die Haushälterin über das letzte Jahr hinweg eine spezielle Beziehung entwickelt. Nicht zuletzt die Tatsache, dass Gryszinski heimlich das ärmliche Heim der Brunner’schen Schwester bezuschusste, hatte ihm so einige Privilegien beschert, zu denen es auch gehörte, dass er abends unbehelligt in die Küche schlendern und seine Nase in ihre brodelnden Töpfe stecken durfte, was er außerordentlich gerne tat und sonst niemandem gestattet war. In diesem Moment allerdings widerstand er dem Duft von heißem Mokka und im Ofen aufgehenden Hefegebäck, der aus der Küche strömte, auch wenn es ihn seine gesamte Selbstbeherrschung kostete.

Der Salon lag noch im Halbdunkel, nur eine der neuen elektrischen Stehlampen warf ihr künstliches Licht auf Sophies Diwan, über den ein weicher persischer Teppich gebreitet war. Daneben ein zierliches Teetischchen, das unter einem Berg von Romanen schnaufte. Schon einige Male war das Möbelstück krachend umgekippt, und zwar immer dann, wenn jemand unvorsichtigerweise einen der Bücherstapel schwungvoll hochgenommen und damit das komplizierte Gleichgewicht dieses babylonischen Bücherturms gestört hatte. Gryszinski umrundete, unwillkürlich den Atem anhaltend, das Zeugnis von Sophies Lesewut. Vor Wochen war ihm zum ersten Mal aufgefallen, dass ein auffälliges rotes Lesezeichen tagelang immer an derselben Stelle in einem Band von Balzac steckte. Auch die anderen Lesezeichen, insgesamt fünfzehn an der Zahl, die über verschiedene Bücher auf dem Teetisch verteilt waren, hatten ihre Wanderungen durch die Seiten nicht antreten dürfen. Tatsächlich schienen die Bücher ihre Position überhaupt nicht zu ändern. Als ihm das einmal klar geworden war, hatte er begonnen, die Sache zu beobachten, voll stummer Geduld. Nach Wochen musste er konstatieren: Keines der Bücher wurde offenkundig überhaupt nur berührt, als sei Sophies fieberhaftes Verlangen nach Lektüre ganz plötzlich erloschen. Dafür, was noch viel seltsamer war, zeigte das kleine Stehpult in der Küche, auf dem das Haushaltsbuch lag, deutliche Hinweise darauf, dass seine Gattin hier neuerdings viel Zeit verbrachte. Er sah dort ein täglich frisch aufgefülltes Tintenfass, bekritzelte Zettelchen und auch mal eine Gabel, ein Bratenmesser oder anderes Silberzeug, das sie offenbar in Gedanken schnell gegriffen und zur Markierung zwischen die Seiten des dicken Buches geschoben hatte. Sogar ein paar tintenverschmierte Fingerabdrücke hatte er eines Abends auf der Tischplatte bemerkt, die am nächsten Tag allerdings wieder verschwunden waren, vermutlich hatte die Brunner die Spuren gelöscht. Das alles beschäftigte Gryszinski sehr: Warum kümmerte Sophie sich plötzlich so intensiv um den Haushalt? Notierte offenbar mit Feuereifer ihre häuslichen Ausgaben? Schrieb sich vielleicht sogar Kochrezepte auf? Was für andere Ehefrauen wohl ein normaler Zustand gewesen wäre, hatte für seine eigene Gattin nie gegolten, und er war damit einverstanden gewesen. Noch viel merkwürdiger allerdings war, dass sie so wirkte wie immer. Sie war zufrieden und etwas zerstreut, mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt, die er immer zu kennen geglaubt hatte.

»Ach, hier bist du, Willi«, riss der Gegenstand seiner forensischen Forschungen ihn aus seinen Überlegungen. Sophie stand im Türrahmen und musterte ihn nicht weniger beobachtend. »Suchst du etwas?«

»Ah, nein, ich stand hier nur«, erklärte er hastig. »Ich hab nichts gesucht, gar nichts.«

»Außer vielleicht deinen Kopf?«, gab sie zurück, machte ein paar Schritte auf ihn zu und gab ihm einen liebevollen Kuss, was ihn noch mehr aus dem Konzept brachte als die verräterischen Lesezeichen. Das Pendel der Repetieruhr im Esszimmer holte eben schnarrend aus, um zum zweiten Mal, jeden subtilen Missklang zwischen den Eheleuten mit der Lautstärke einer Dampfmaschine übertönend, die volle Stunde zu schlagen. »Du musst los«, sagte sie und strich ihm übers Haar, bevor sie sich zum Flur wandte.

Immer noch in Gedanken stapfte Gryszinski langsam die Stufen hinunter, die direkt in die großzügige Kutschendurchfahrt führten. Auch dieser schenkte er kaum Aufmerksamkeit; ein Fehler, wie sich herausstellen sollte, denn er bemerkte erst im letzten Augenblick die Droschke, die im mörderischen Tempo herangerauscht kam und ihn zu einem unwürdigen Hechtsprung in Richtung des rettenden Treppenabsatzes zwang. »Herrschaftszeiten!«, entfuhr es ihm zu seiner eigenen Überraschung, während er sich schwer atmend ans Treppengeländer klammerte.

Neben seiner Beförderung durch den preußischen Staat hatte ihn auch die Königlich Bayerische Polizeidirektion mit einigen neuen Privilegien ausgestattet. Dazu gehörte eine eigene Dienstkutsche, die ihm rund um die Uhr zur Verfügung stand und von einem Burschen namens Gustav Apfelböck gelenkt wurde, der leider nur zwei körperliche Zustände kannte: an die Kutsche gelehnt herumlungernd, während er auf seinen Dienstherrn wartete, oder galoppierend, als ob er einer der apokalyptischen Reiter wäre. Einmal hatte er sogar den königlichen Mehrspänner des Prinzregenten von der Ludwigstraße abgedrängt – Gryszinski war sich da allerdings nicht ganz sicher; sie waren so gerast, dass er das Wappen der Wittelsbacher am Sitzkasten nur schemenhaft hatte erkennen können. Gryszinski revanchierte sich für diesen alltäglichen Anschlag auf sein Leben, indem er, wenn auch nicht absichtlich, seine Droschke einfach regelmäßig vergaß. Jetzt allerdings war dieses Teufelsgefährt mehr als präsent, und er stieg mit immer noch klopfendem Herzen ein. Zeternd sprang ein Zeitungsjunge aus dem Weg, als sie aus der Ausfahrt schossen.

Die zweite Neuerung war womöglich noch tiefgreifender. Seit Kurzem besaß die Familie Gryszinski, als die Ersten in ihrer Straße, einen eigenen Telephonanschluss. Man hatte den schwarzen Apparat, der eine geisterhafte Stimme von überallher durch ein Kabel transportieren konnte, im Flur aufgestellt, damit man Gryszinski jederzeit von allen Münchner Polizeiwachen aus erreichen konnte. Anstatt einfach irgendeinen rangniedrigen Gendarmen zu schicken, wie es eigentlich, fand Gryszinski, bislang hervorragend funktioniert hatte. Nun stand es also da, dieses Sinnbild der Technikvergötterung seiner Zeit, und drohte permanent damit, einen körperlosen Fremdling ganz unmittelbar in sein Heim eindringen zu lassen. Er war sich dieser unheimlichen Tatsache ständig bewusst, auch wenn das Telephon bisher nur ein einziges Mal geklingelt hatte, das war allerdings spektakulär gewesen. Es hatte sich genau in dem Augenblick gemeldet, als Frau Brunner Salzburger Nockerln aufgetragen hatte. Das feine Silbertablett, auf dem die Pyramide aus heißem Eischnee thronte, noch in den Händen haltend, fuhr sie beim ersten Klingeln dermaßen zusammen, dass ihr das kulinarische Kunstwerk wie in einem schlechten Theaterstück entglitt. Mehr noch: Sie riss vor Schreck die Arme hoch, was dem duftigen, einem raschelnden Tutu ähnelnden Dessert eine anmutige Schwerelosigkeit verlieh, mit dem es zum Sprung ins Zentrum der Tafel ansetzte, wo die kristallene Etagere von Sophies verstorbener Mutter stand. Die entsetzte Erbin des Geschirrstücks schnellte vor, um sich schützend über selbiges zu werfen. Gryszinski derweil war, ebenfalls zu Tode erschrocken, aufgesprungen und in den Flur gehetzt – das elektrische Schrillen erschien ihm unsagbar autoritär, er rechnete fest damit, gleich mindestens einen General eines kaiserlichen Eliteregiments an der Strippe zu haben. Umso perplexer war er, als er, sich die Serviette aus dem Kragen reißend und schwer keuchend, den Hörer abhob und eine bayerische Frauenstimme vernahm: »Grüß Gott, Herr Major, die Vermittlung hier. Nur eine Probe, ob der Anschluss auch funktioniert. Einen schönen Abend Ihnen noch.« Und dann eine niemals zuvor gehörte Abschiedsformel: »Wiederhören!«

Nun wurde Gryszinski wieder aus seinen Gedanken gerissen. Die Kutsche hielt, was sich anfühlte, als ob jemand einen Anker ausgeworfen hätte, der Pferd, Droschke und Insassen mit einem Ruck ans Trottoir fixierte. Bevor der tollkühne Kutscher von seinem Bock springen konnte, öffnete Gryszinski selbst den Schlag und stieg leicht schwankend aus. Sie waren erst einen Straßenblock weit gekommen, wo sich ein neuer morgendlicher Anlaufpunkt des Majors befand. Seit einigen Monaten überließ er die Pflege seines Moustaches einem Könner und suchte täglich einen Barbier auf. Bei dieser Veränderung seiner Morgenroutine hatte er eigentlich einen klaren Plan verfolgt: Gryszinski wollte Zugang zum Stadtgespräch haben, eine Art Seismograph der täglichen Stimmungen unter dem beschaulichen Deckmantel der Residenzstadt. Hauptsächlich ging es ihm darum, eine weitere Quelle neben seinem urbayerischen Wachtmeister Johann Voglmaier zu gewinnen, der seine Spezl überall hatte und letztlich den gesamten Informationsfluss lenkte, welcher nicht selten aus eher undurchsichtigen Gewässern entsprang. Nun war Gryszinski eines schönen Tages im Salon eines Barbiers mit dem südländischen und etwas albernen Namen Luigi Carigi vorstellig geworden, von der Geschwätzigkeit eines Mannes, der den ganzen Tag lang Klatsch und Tratsch hörte, zutiefst überzeugt. Leider hatte er schnell feststellen müssen, dass Carigi der vermutlich schweigsamste Mensch Münchens war. Und fast gleichzeitig hatte er bemerkt, wie angenehm diese zehnminütige stille Meditation anmutete, weshalb er trotzdem wiederkam.

Ein warmes feuchtes Handtuch lag über seinem Gesicht, während Carigi rituell sein Rasiermesser mit ein paar Strichen schliff. Der Barbier trug einen blütenweißen Kittel, wie auch sein gesamter Salon peinlich sauber war. Die Bodenfliesen wurden offenbar jeden Abend geschrubbt, die schweren Friseurstühle aus Gusseisen und Mahagoni blitzten, kein einziges Haar verunreinigte die Marmorplatte des Frisiertischs. Carigi nahm das Tuch fort, seifte Gryszinskis Gesicht mithilfe eines dicken Pinsels ein und griff daraufhin wieder nach seinem frisch geschärften Messer, wobei seine Hände die Präzision eines Chirurgen nachahmten, wohl eine Reminiszenz an die Tradition seines Berufsstands, der bis vor nicht allzu langer Zeit noch Aderlässe und kleinere Operationen vorgenommen hatte. Mit sanfter Brutalität drückte der Barbier nun den Kopf Gryszinskis so nach hinten, dass dieser seine Kehle schutzlos darbot.

»Nun nicht bewegen«, waren auch heute die einzigen Worte, die Carigi sprach, eher bedrohlich flüsterte, bevor er das Messer ansetzte und Gesicht und Hals seines Kunden bearbeitete.

Kurz darauf ging es wirklich zum Dienst, wieder in einem Tempo, das den Körper vor sich hertrieb, während der Geist irgendwie hinterherschwankte. Die Maximilianstraße mit ihren luftigen Arkaden und breiten Gehwegen flog vorbei, alles flirrte im Licht der Sonne, die sich endlich hervorgewagt hatte. Rechterhand tat sich der Max-Joseph-Platz auf, wie eine gewaltige Sackgasse am Ende der Prachtstraße, in deren Mitte, etwas verloren im Zentrum eines Kreises aus Straßenlaternen, das Monument des namensgebenden ehemaligen Regenten stand. Flankiert wurde der Platz, der an die römische Piazza del Campidoglio erinnern sollte, vom Nationaltheater nach Pariser Vorbild und jenem Teil der Residenz, der wiederum dem Florentiner Palazzo Pitti nachempfunden war; die Essenz des alten Europas einmal destilliert, zusammengestaucht und auf engstem Raum in Stein gegossen. Im Galopp überholten sie ein paar Fuhrwerke, was mit empörtem Peitschenknallen, derben Flüchen und dem aufgeregten Schnattern einiger Gänse kommentiert wurde, bis sie Sekunden später in die Weinstraße einbogen. Hier befand sich das Hauptgebäude der Königlich Bayerischen Polizeidirektion. Es lag nur wenige Schritte von einem der Nebengebäude in der Schrammerstraße entfernt, wo Gryszinski sein Bureau hatte, das eine köstliche Aussicht auf einen florierenden Delikatessenladen namens Dallmayr bot. Gustav Apfelböck führte wieder sein unnachahmliches Ankermanöver durch und entließ den durchgeschüttelten Major in den Tag.

Er suchte gar nicht erst sein Bureau auf, sondern stieg direkt in den Keller der Weinstraße hinab, wo der Gerichtsarzt Dr. Alexander von Meyering sein Anthropometrisches Labor eingerichtet hatte. Der Mediziner war womöglich ein noch größerer Enthusiast der Kriminalistik als Gryszinski selbst. Der war froh um diesen unverhofften Weggefährten. Man hatte Gryszinski im vorletzten Jahr nach München geholt, nachdem er als junger Jurist beim berühmten Grazer Kriminalisten Hans Groß hospitiert hatte, um als Sonderermittler die neuen kriminalistischen Methoden in der bayerischen Hauptstadt einzuführen und ganz konkret die Lücke zu füllen, die sich bei jedem komplizierteren Mordfall auftat, denn es gab keine richtige Kriminalabteilung. Keine kleine Aufgabe, der Gryszinski, so hatte er es sich fest vorgenommen, nun mit mehr Systematik entgegentreten wollte. In diesem Sinne hatten die beiden Herren sich heute hier verabredet, um ein ehrgeiziges Projekt auf die Beine – oder besser gesagt: die Füße – zu stellen. Sie würden ein umfassendes Archiv zur Systematisierung von Fußspuren anlegen. Der Gerichtsarzt und die beiden Wachtmeister Gryszinskis erwarteten ihn schon – Voglmaier, eine Münchner Wirtshausnatur, der gemeinhin »das Spatzl« gerufen wurde, und Konrad Eberle, ein Schwabe, dessen äußere Erscheinung so farblos wie seine innere Leidenschaft für alles Exotische glühend war. Zu den exotischen Dingen zählte für Eberle auch das Preußentum, wie Gryszinski immer wieder etwas befremdet feststellen musste. In einer Ecke des Kellergewölbes harrten etwa dreißig Gendarmen stumm der Ereignisse.

»Gryszinski, da sind Sie ja!«, rief Dr. Meyering. »Es ist alles vorbereitet.«

Damit wies er in den Raum, der sehr verändert aussah. Normalerweise war hier eine lange Tafel aufgestellt, auf der sich Mikroskope und rätselhafte Apparaturen türmten, mit denen Delinquenten vermessen und Leichen identifiziert werden konnten. Das alles war nun an die Seite gerückt. Dafür verlief ein regelrechter Parcours aus Papierbahnen auf dem Boden, die Blätter waren mit Heftnägeln fixiert worden. Unter getuschelten Albernheiten entledigten sich die jungen Gendarmen nun ihrer Schuhe und Strümpfe und stellten sich in einer Reihe auf. Nach und nach bestrichen Eberle und Voglmaier die Fußsohlen der Probanden mit einer leicht ätzend riechenden Flüssigkeit, einer alkoholischen Eisenchloridlösung. Einige verzogen das Gesicht, offenbar brannte die Tinktur etwas. Die ersten drei Männer stellten sich nun zunächst auf eine Papierbahn, um diese dann langsam abzuschreiten. Danach wurden die Papiere mit einer weiteren Lösung bestrichen, die einen noch unangenehmeren Geruch verströmte.

»Ammoniak, Alkohol und Äther«, erläuterte Dr. Meyering und beugte sich über das Ergebnis. Wie von Zauberhand erschienen nun deutliche Fußabdrücke, die den Arzt in regelrechte Begeisterung versetzten. Er zeigte auf die äußerste Bahn. »Ein Plattfuß aufgrund von Übergewicht, wie aus dem anatomischen Lehrbuch!« Mit leuchtenden Augen blickte er den dicken Polizisten an, von dem die Spuren stammten und der nun etwas unglücklich die Schultern hängen ließ. »Ein kolossaler Dienst für unsere junge Wissenschaft.«

Nichts an seiner todernsten Miene ließ erkennen, ob das Wortspiel Absicht gewesen war, aber Gryszinski musste grinsen. Voglmaier und Eberle notierten akribisch, welche Spuren einen stehenden Fuß, welche einen laufenden zeigten, zudem Größe, Gewicht und körperliche Merkmale der Probanden, die Dr. Meyering ungeniert in den Raum hineinrief, während die nächsten Bahnen beschritten wurden. »Klassischer Spreizfuß! Ah! Ungewöhnlich stark ausgeprägte O-Beine! Sehen Sie, wie sich die Fußstellung ändert, weil der Rücken verkrümmt ist. Ach, Eberle, notieren Sie bei dem jungen Kollegen bitte noch: auffallend kurze Beine und übermäßig schweres Gesäß.«

In dieser aufmunternden Art ging es weiter, während es einem von den Dämpfen der Chemikalien immer schummriger wurde. Die fertigen Fußabdrücke befestigten sie an der Wand, und allmählich entstand ein bizarres Panoptikum per pedes, das ihnen eines Tages einmal sehr nützlich sein könnte. Nur leider, dachte Gryszinski seufzend bei sich, morden Menschen selten barfuß. Sie würden das Ganze noch einmal mit beschuhten Füßen wiederholen müssen, auch wenn es schwer vorstellbar war, dass da vergleichbar präzise Details über die körperlichen Eigenheiten eines Probanden sichtbar würden. Der beschuhte Fuß hat mehr Merkmale, der nackte Fuß mehr Physiognomie, wie sein Mentor einmal geäußert hatte. Sie würden also über ein weiteres Klassifizierungssystem für Abdrücke von Schuhen nachdenken müssen. Gryszinski nickte vor sich hin und beschloss, an die frische Luft zu gehen. Dr. Meyerings Anfrage, ob er nicht auch seine eigenen Fußabdrücke im Dienste der Wissenschaft verewigen wolle, hatte er bereits freundlich abgelehnt.

Er verließ den imposanten Bau der Polizeidirektion, ein ehemaliges Kloster, in dem mittlerweile auch die Schutzmannskaserne untergebracht war. Gryszinski betrachtete den sorgfältig gefegten Bürgersteig zu seinen Füßen. Ein Ärgernis bei Morden im öffentlichen Raum, der Täter hatte ja nicht mal die Chance, einen Abdruck zu hinterlassen. Aber es war nicht nur das: Die Anonymität der Großstadt, von der man in Berlin schon lange sprach, war auch in München angekommen. Sie äußerte sich in der Flut der namenlosen Arbeiter, die in die Stadt strömten und die Bevölkerungszahl in schwindelig machender Geschwindigkeit ansteigen ließ. Die Stadt wechselte ständig die Gestalt, wuchs immer mehr an, schluckte Vororte. Und sie änderte ihr Gesicht. Es kam Gryszinski so vor, als sei sie eine permanente Baustelle, ständig hämmerte und bohrte es, wurden neue Häuser hochgezogen, bildeten sich Straßenschluchten. Den Himmel durchschnitten die Kabel der elektrischen Straßenbeleuchtung, in deren schwarzen Schlagschatten man umso mehr verschwinden konnte, spurlos. Nur um die Residenz herum blieb München ein prachtvoller feudaler Schaukasten. Der Prinzregent, so volksnah und unprätentiös er sich gerne gab, hatte doch eine Abneigung gegen zu viel moderne Verschandelung seiner unmittelbaren Umgebung. Und natürlich atmete Gryszinskis Lieblingsort, der Victualienmarkt, genau die Mischung aus bayerischer Gemütlichkeit und fröhlicher Menschenansammlung, die er zu schätzen gelernt hatte. Wie im Traum war er hierhergelaufen, wieder war sein Körper vorausgeeilt, was aber dieses Mal nicht am apokalyptischen Galopp seines Kutschers lag, sondern wohl eher an der Tatsache, dass ihm schon ganz schlecht vor Hunger war.

Er überblickte den runden Platz, der bis auf den letzten Zentimeter mit kleinen Buden aus Brettern bedeckt war. Dazwischen schlängelten sich schmale Pfade, in denen Gryszinski sich mit demselben Gefühl lustvoller Ungewissheit verlieren konnte, mit dem sich ein Kind in ein Kornfeld schlägt. Die Wege führten ins Zentrum des Marktes, zur Fläche mit den offenen Ständen, wo bis unter die Nase eingemummelte Marktfrauen ihre Waren in Körben präsentierten. Sie saßen auf Schemeln unter weißen Sonnenschirmen, eine Lichtung mit Pusteblumen inmitten eines dunklen Waldes. Elegante mehrgeschossige Stadthäuser umschlossen die Szenerie, darüber schwebten hohe Kirchtürme. Gryszinski, preußischer Protestant ohne Leidenschaft für alles Religiöse, entsandte dennoch einen inneren Dank an einen nicht näher definierten Adressaten, näherte er sich doch seinem Gral: der Metzgerzeile, wo das Fräulein Ganghofer ihm besonders dicke Scheiben vom Schweinsbraten schnitt. Diese legte sie mit der fleischseligen Zuneigung der echten Metzgerin in ein Bett aus zwei warmen Semmelhälften, das sie zuvor mit einer Bratenkruste hergerichtet hatte. Diese Kruste hatte man, während sie im Ofen immer knuspriger geworden war, beständig mit heißem Fett übergossen, weshalb sie zwischen seinen Zähnen einmal laut krachte, bevor sie im gesamten Mundraum als warmer öliger Film zerlief und den Major keinen klaren Gedanken mehr fassen ließ. Zurück blieb nur ein diffuses Schuldgefühl, das etwas mit seiner strengen Mutter und dieser völlig unsoldatischen Leidenschaft für Bratensemmeln zu tun hatte. Doch Gryszinski wusste diese unliebsamen Emotionen zu neutralisieren, und zwar mit einem erneuten kräftigen Biss in das zarte Schweinefleisch, das ihn mild von seinen Sünden freisprach.

Nach dieser höchst erfreulichen Mittagspause kehrte Gryszinski zurück in die Weinstraße, wo er die Speerspitze der Münchner Kriminalistik in einem recht desolaten Zustand antraf. Vor lauter Äther, Ammoniak und Füßen wisse man nicht mehr, wo einem der Kopf stehe, erklärte das Spatzl freimütig. Gryszinski entließ sie daraufhin alle großzügig ins Freie. Eine Weile stand er allein in dem Kellergewölbe und betrachtete die Fußabdrücke an den Wänden. Er fragte sich, wann er es wieder mit der Spur eines echten Mörders zu tun haben würde. Derzeit war es bis auf ein paar Suizide und Totschläge im Affekt, allesamt traurige, aber glasklare Fälle, auffällig still. Die Stadt war in Kälte erstarrt. Unter dieser Oberfläche aber brodelte es. Mit dem Heiligdreikönig Anfang Januar hatte die Faschingszeit begonnen, die ihren Höhepunkt mit all ihren Umzügen und offiziellen Bällen in der entsprechenden Faschingswoche im Februar hatte. Allerdings fanden bereits Maskenfeste und Gesellschaften statt. Jeden Abend gab es irgendwo etwas, und eine als Prinzessin oder Nymphe verkleidete Verkäuferin inmitten der dicht gedrängten Fahrgäste einer Trambahn war keine Seltenheit. Nach dem Aschermittwoch würde dann nach Wochen der gelockerten Sitten die vierzigtägige Fastenzeit beginnen. Nur in München fiel diese nicht gerade asketisch aus, denn hier begann nach dem Fasching die Starkbierzeit, die nochmals siebzehn Tage dauerte. Diese barocke Festesfreude, diese katholische Opulenz war Gryszinski immer noch fremd, er entstammte eben einer Welt der feinsinnigen Konversationen und wohlchoreographierten Abendgesellschaften. In Berlin begeisterte man sich nicht für Faschingsumzüge, höchstens ging einem das Herz bei einer Militärparade auf – wenn man nicht wie er heimlich Pazifist war. Er warf einen letzten Blick auf die Plattfüße und Bewegungsabdrücke, bevor er den Raum verließ und sich in sein eigenes Bureau in der Schrammerstraße aufmachte. Dort würde er ein paar Berichte abschließen, womit wieder einige Verstorbene bald vergessen im Strom der Zeit versinken würden. Und dann einen Abendspaziergang nach Hause unternehmen.

Der Rest des Tages verlief wie von Gryszinski geplant. Zeitig schloss er seine Akten, nickte Voglmaier und Eberle, mit denen er das Bureau teilte, verabschiedend zu und machte sich auf den Weg, wobei er sich keine Sekunde lang an seinen Kutscher erinnerte. Draußen waren kaum Menschen unterwegs, die wenigen hielten ihre Melonen fest, damit der kalte Wind diese nicht davonwehte, und pikten ihre Spazierstöcke entschlossen ins Trottoir, als käme man so schneller wieder ins Warme. Die steinernen Fassaden wirkten wie verhangen, die sonst so einladenden Arkadengänge der Maximilianstraße erschienen Gryszinski abweisend und voller dunkler Ecken. Umso schöner war es, die Wohnungstür zu öffnen und ins warme Licht der Lüster zu treten, die den Flur entlang von der Decke hingen. Aus der Küche wehte der Duft nach gebratenem Geflügel zu ihm herüber, außerdem erschnupperte er, dass im Ofen etwas besonders Köstliches kurz vor seiner Vollendung stand, gleich würde die Brunner ihre dicken Topflappen zücken, die wuchtige Ofentür aufstemmen und ihr dampfendes Werk herausbefördern. Diesem Ereignis wollte er unbedingt beiwohnen, weshalb er eilig Hut und Handschuhe ablegte. Da öffnete sich die Tür zum Salon, und Sophie erschien.

»Willi, du bist schon zurück!«, rief sie erfreut. Hinter ihr lugte Fritzi, ihren Rockzipfel mit beiden Händen festhaltend, in den Flur und quietschte bei seinem Anblick freundlich.

Gryszinski gab seiner Frau einen Kuss, dann griff er sich das Kind. »Komm, Fritzi, wir schauen mal in die Küche, ich glaube, da ist gleich ein Kuchen fertig.«

Sophie lachte. »Deine Spürnase übertrifft vermutlich noch deine Fertigkeiten im Spurenlesen. Es sind übrigens Mandelkränze. Wenn ihr Frau Brunner genug von der Arbeit abgehalten habt, wäre es nett, wenn du zu mir in den Salon kämst, ich würde gern etwas mit dir besprechen, bevor Franziska und Schlupp zum dîner kommen.«

Gryszinski nickte scheinbar unbefangen, doch innerlich krampfte sich etwas in ihm zusammen. Er ahnte, dass sich gleich aufklären würde, womit Sophie seit geraumer Zeit ihre Tage zubrachte, und musste sich die diffuse Angst eingestehen, es wäre etwas Unangenehmes. Er konnte sich kaum auf den sagenhaften Moment konzentrieren, als die Brunner den Ofen öffnete und ein riesiges heißes Blech herauszog, auf dem Kränze aus gebackenem Teig in verschiedenen Größen lagen. Ein Duft nach gerösteten Mandeln, Gewürznelken und Zimt fiel über sie her, dazu pikte ihnen eine Note von Pomeranzen und Limonen in die Nase. Die Kränze würden gleich aufgetürmt und mit einer schaumigen Creme aufgefüllt werden. Nachdem die beiden männlichen Gryszinskis das alles ausreichend bestaunt hatten, wobei die Brunner scheinbar ungerührt und lautlos wie ein Schatten zwischen ihren Töpfen umhergehuscht war, nahm Anneliese Fritzi an die Hand, um ihn für die Nacht fertig zu machen. Gryszinski trat den Weg zurück zum Salon an, im Vorbeigehen warf er einen Blick auf die Repetieruhr im Esszimmer; es war noch reichlich Zeit, bis ihr Besuch erscheinen würde.

Die Freundschaft zu seinem alten Berliner Freund Otto von Grabow, genannt Schlupp, hatte sich seit den Ereignissen im letzten Herbst wieder intensiviert, mittlerweile dinierte der Junggeselle fast jeden Abend bei ihnen. Auch Sophie stand auf so vertrautem Fuß mit ihm, dass sie den Spitznamen für ihn übernommen hatte, der noch aus den Zeiten stammte, in denen sie als ganz junge Offiziere die langweiligen Nachmittage nach dem zeitlich übersichtlichen Dienst in der Kaserne mit allerhand Unsinn zugebracht hatten – Gryszinski war von seinen Kameraden »Baldur« gerufen worden, warum, wusste er nicht mehr zu sagen. Grabow arbeitete hier in München bei der Preußischen Gesandtschaft und pflegte ansonsten einen recht gemütlichen Lebensstil, voller Rituale und Gewohnheiten, die jemand, der schon lang mit sich allein lebt, eifersüchtig vor Einmischungen von außen schützt. In Grabows Fall galt es da einer alten Witwe die Stirn zu bieten, in deren Räumlichkeiten er logierte. Jeden Morgen, egal wie sehr er sich dagegen wehrte, räumte sie seinen Humidor sowie den beträchtlichen Stapel an abonnierten Tageszeitungen, mit denen er sich täglich auf seinem Lieblingssessel am Kamin einrichtete, mit einer an Starrsinnigkeit grenzenden Akribie ausgerechnet auf jenen kleinen Sekretär, den Grabow für einen Frisiertisch für Damen hielt und der somit als feindlicher Fremdkörper in seinem ansonsten frauenfreien Haushalt angesehen werden musste. Ein Betragen, über das er sich regelmäßig bei der abendlichen Zigarre mit seinem Jugendfreund ausließ.

Sie hatten noch weiteren Zuwachs in ihrem kleinen Kreis der Hausfreunde zu verzeichnen, und das war Sophies Freundin Franziska Gräfin von Wurmbrand. Sie entstammte einer großen Familie des Wiener Hochadels und hatte das Pech gehabt, sich in einen Bankier zu verlieben, der zwar steinreich, aber eben nur von neuem Adel war. Eine Heirat mit dem Herrn hätte sie mit sofortiger Wirkung aus ihren gesellschaftlichen Kreisen verbannt. Mit diesem Konflikt hadernd, war sie nach München gekommen, wo sie sich in der Bogenhausener Stadtvilla irgendwelcher Verwandten über ihre Lage klar werden wollte. Soweit Gryszinski es verstanden hatte, hielt dieser Zustand bereits drei Jahre an, es war also davon auszugehen, dass der Bankier längst ad acta gelegt war, während die Wurmbrand es sich hier in München einfach sehr nett eingerichtet hatte. Sie war, um es gelinde zu sagen, eine absolut exaltierte Person, und eigentlich war für Gryszinski mit der Brunner sein Maß an skurrilen Frauen, die seinen Haushalt bevölkerten, schon voll. Doch hatte die Wienerin im letzten Jahr in einer unangenehmen Sache so treu zu Sophie gehalten, dass er ihr aus purer Dankbarkeit vielleicht nicht gern, aber doch bereitwillig sein Heim öffnete. Auch sie kam fast jeden Abend zum dîner, aber seltsamerweise fast nie, soweit er es mitbekam, zum Tee, was die Frage nach Sophies Wirken am Tage noch rätselhafter machte.

»Setz dich«, sagte Sophie etwas förmlich und wies auf den zweiten Fauteuil vorm großen Erker. Diesen füllte eine schlanke Palme aus, deren üppige Wedel die zwei kleinen Sessel überdachten. Auf einem davon hatte sie bereits selbst Platz genommen. Er folgte ihrer Anweisung, während sie auf ihrem Sitz hin und her rutschte und offenbar keine Idee hatte, wo sie ihren linken Ellenbogen ablegen könnte. Sie war tatsächlich, erkannte Gryszinski voller Staunen, nervös.

»Also, was möchtest du gern besprechen?«, fragte er im defensiven Tonfall.

»Nun, also, ich weiß gar nicht recht, wo ich anfangen soll.« Fast hilfesuchend lächelte sie ihn an. Dann, plötzlich, griff sie fest nach seiner Hand und sah ihm in die Augen. »Willi, ich … habe etwas geschrieben. Und jetzt soll alles ganz schnell gehen, ich kann es noch gar nicht fassen …«

»Geschrieben? Was geschrieben?« Gryszinski fühlte sich zutiefst verwirrt.

Sie lachte, es klang befreit. »Eine Novelle! Oder einen kleinen Roman, wenn du so willst.«

»Du hast einen Roman geschrieben.« Die Information sickerte durch die Schichten seiner Erkenntnis. »Du hast … Deswegen!« Er sprang auf. »Das erklärt natürlich alles, warum du nicht mehr liest, und … Was ist mit dem Haushaltsbuch?«

»Was?« Nun war Sophie verwirrt. »Was soll mit dem Haushaltsbuch sein?«

»Na, du liest nicht mehr deine Bücher, aber stehst den ganzen Tag am Stehpult in der Küche und notierst dir Dinge im Haushaltsbuch, das bringt mich schon seit Wochen völlig aus dem Gleichgewicht.«

Sie lachte schallend. »Ach, Willi! Das ist nicht das Haushaltsbuch, das ist mein Manuskript! Ich stehe dort jeden Tag und schreibe daran. Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, wo das Haushaltsbuch überhaupt ist.«

Jetzt lachte er auch, er war so froh. Sie hatte keine Ahnung, wo sich das Haushaltsbuch befand, das war seine Frau. Alles war gut. Wobei, erst jetzt kam die Neuigkeit wirklich bei ihm an, kämpfte sich durch das letzte, besonders zähe Stratum der Ignoranz an die Oberfläche. »Du hast einen Roman geschrieben«, wiederholte er. »Das ist wirklich beachtlich. Ich bin stolz auf dich, mein Mienchen.« Er strahlte sie an, und sie strahlte zurück.

»Wirklich? Ach, Willi, ich bin so froh!«

»Natürlich! Also darauf müssen wir gleich anstoßen, ich werde Frau Brunner bitten, den Heidsieck aus dem Keller zu holen.«

Er wollte schon klingeln, aber sie hielt seinen Arm fest. »Warte. Es geht doch noch weiter. Ich habe das Buch einem Verleger gezeigt, er ist daran interessiert, es zu veröffentlichen.«

»Also, das ist ja … Bravo!« Das war nun wirklich ungewöhnlich, es kam in Gryszinskis innerem Koordinatensystem gar nicht vor. Eine Frau, die Romane veröffentlichte, noch dazu seine Frau.

»Und es ist nun so«, fuhr sie fort, seinen zaghaften Applaus nicht weiter beachtend, »dass ich deine Genehmigung brauche. Bei verheirateten Frauen, was eh selten vorkommt, sagt der Verleger, braucht er eine offizielle Erlaubnis vom Ehemann. Zudem ich natürlich nicht unter irgendeinem Pseudonym, sondern meinem richtigen Namen veröffentlichen werde.«

»Sophie von Gryszinski.«

»So heiße ich wohl.«

Der letzte Satz hatte recht trotzig geklungen. Gryszinski nahm sich zusammen. Er erkannte, wie wichtig es ihr war, und auch, dass es sie einiges kostete, ihn um Erlaubnis für etwas bitten zu müssen, was, wenn er es bedachte, noch nie in ihrer Ehe vorgekommen war. Er lächelte offen. »Dann gib mir dein Manuskript, ich lese es mit Freuden, so schnell es geht«, erklärte er arglos.

Etwas verschob sich. Er brauchte ein paar Sekunden, um zu konstatieren, dass er immer noch strahlte wie eine Glühfadenlampe, während ihren Gesichtszügen jedes Leuchten entwichen war.

»Wieso willst du es erst lesen?«, fragte sie.

»Nun … Wenn ich meine Genehmigung für etwas erteilen soll, muss ich doch vorher wissen, um was genau es sich handelt.«

»Und du willst sichergehen, dass mein Buch nicht lächerlich oder kompromittierend ist.«

»Sophie! Niemals würde ich so etwas befürchten. Aber schließlich wird mein Familienname auf dem Umschlag stehen.« Gryszinski fröstelte es ein wenig, als er sich vorstellte, wie seine Eltern die Sache aufnehmen würden. Seine Mutter würde es mindestens frivol finden, wenn nicht absolut unschicklich.

»Dein Name«, gab Sophie scharf zurück.

»Unser Name«, beeilte Gryszinski sich zu berichtigen.

»Wieso …« Ihre Stimme klang mit einem Mal erstickt, »kann ich nicht einfach ganz frei veröffentlichen, was ich will? Schließlich ist es mein Buch.«

»Ach, Mienchen.« Gryszinski ergriff ratlos ihre Hand.

In diesem Augenblick klingelte es an der Wohnungstür. Einen Wimpernschlag später glitt ein Schemen am Salon vorbei: Frau Brunner, die zur Tür eilte. Wie zwei Automaten erhoben sie sich und fanden in ihre gesellschaftsfähige Form zurück.

»Guten Abend!« Schon stürmte Franziska von Wurmbrand mit erhobenen Armen herein, wie üblich den Raum betretend, als würde sie den frenetischen Applaus des Theaterpublikums bei einer triumphalen Premiere entgegennehmen.

Gryszinski wappnete sich innerlich für die Worte, die gleich in hoher Schlagzahl auf ihn niedergehen würden und gleichzeitig von einem gelangweilten Pathos trieften, wie es nur der Wiener Schmäh vermochte. Wieder klingelte es: Otto von Grabow, der unbeabsichtigt den Zwischenrufer gab und damit den Wurmbrand’schen Auftritt verdarb.

Kurz darauf hatten sie am Esstisch Platz genommen, nachdem Gryszinski alias Baldur der Wurmbrand den Arm gereicht hatte und Schlupp Sophie hineingeleitete. Das dem Salon benachbarte Speisezimmer war nicht, wie sonst in derartigen gutbürgerlichen appartements üblich, durch eine große Tür mit dem Wohnzimmer verbunden, sondern nur vom Flur aus zugänglich. Dieses architektonische Kuriosum machte jedes Mal eine umständliche Reise durch die Räume nötig, die vor allem vonseiten preußischer Gäste regelmäßig mit einer solchen Ungläubigkeit kommentiert wurde, dass Gryszinski schon öfter darüber nachgedacht hatte, den Vermieter zu fragen, ob man nicht einen Teil der Wand einreißen könne, um endlich dem Hohn Preußens ein Ende zu setzen. Ihre Konversation hatte während Vor- und Hauptspeise ein paar seltsame Abbiegungen genommen, ähnlich ihrer Route durch die Zimmer. Beim Wetter beginnend, war es zum anstehenden Fasching gegangen, weiter über die bayerische Lust am Feiern, woraufhin sie plötzlich den Pfad der allgemeinen Religiosität genommen hatten, um schließlich in einer Sackgasse festzusitzen, denn sie sprachen über das Thema Bouillonwürfel.

»Nun, alle Welt verwendet natürlich Liebigs Fleischextrakt«, sagte Grabow eben.

»Selbstverständlich, sie sind ja auch k. u.k. Hoflieferanten«, verkündete die Wurmbrand. »Damit ist alles gesagt.«

Grabow, dem die preußische Kunst eines niemals abreißenden Parlierens im Blut lag, der es gewohnt war, ein bon mot auf eine These folgen zu lassen, um dann einen schönen Spruch aus Büchmanns Citatenschatz dranzuhängen, bevor man leichtfüßig weiterplauderte, ertrug solche abschließenden Sentenzen überhaupt nicht. Er vollführte mit seinem Kopf eine anmutige Bewegung, die es irgendwie schaffte, aus Franziskas Punkt einen gesprächsoffenen Gedankenstrich zu machen. »Damit ist alles gesagt, was die kulinarischen Techniken der Wiener Küche bei Hof betrifft. Und vermutlich sagt es auch etwas über die Sammelleidenschaft für gewisse kleine erbauliche Bildchen aus, der Sie, liebe Franziska, vielleicht zugeneigt sind?«

Grabow spielte auf jene Miniaturen an, die Liebigs Brühwürfeln beigelegt waren und gern gesammelt wurden.

Die Wurmbrand brachte ihren Oberkörper mit einem leichten Rütteln der Schultern in Positur – Gryszinski war bereits aufgefallen, dass sie diese wohl unbewusste Geste immer vollführte, bevor sie etwas sagte. »Geh, sicher gefallen mir manche dieser Bilder. Wenn sie den Orient zeigen, klebe ich sie mir in ein Album. Es ist so fein, in die Ferne zu schweifen.« Sie blickte aus dem Fenster, als würde sich dort im fahlen Licht der Straßenlaterne die Ruine von Bala Hissar aus dem Rinnstein erheben. »Am schönsten sind die Bilder von den japanischen Damen mit Sonnenschirmen. Die lassen mich immer an Italien denken«, fügte sie hinzu, eine Äußerung, die in ihrer Rätselhaftigkeit selbst Grabow die Sprache verschlug.

Auch Gryszinski, der schon mehrmals Luft geholt hatte, um ein Plädoyer für feine Brühen aus ausgekochten Knochen zu halten, das dem Bouillonwürfel argumentativ den Garaus gemacht hätte, schloss seinen Mund wieder. Der Moment für seine Ansprache war mehr als verflogen. Den ganzen Abend über hatten Sophie und er ihre Gäste den Großteil des Gesprächs bestreiten lassen und sich nur hin und wieder verstohlene Blicke zugeworfen. Er war sich nicht ganz sicher, ob sie nun Streit hatten oder Sophie eher auf die gesellschaftlichen Konventionen an sich wütend war. Gleichzeitig beschäftigte ihn noch eine andere Frage: Warum nur hatte sie ihm überhaupt nichts davon erzählt, dass sie an einem Buch schrieb? Offenbar hatte es eine immense Bedeutung für sie, ihre Tage waren damit ausgefüllt gewesen, und am Ende hatte das Manuskript sogar seinen Weg zu einem Verleger gefunden. Dass sie ihm nichts darüber berichtet hatte, verletzte ihn.

Die kleine Gesellschaft schwieg immer noch, als Frau Brunner ihren Fuß in das verbale Vakuum setzte. Vor sich balancierte sie die zart duftenden Mandelkränze, die sie nun zu einem kühnen Berg aufgetürmt hatte, gekrönt von einem fragilen Gespinst aus einer Creme und gesponnenem Zucker. Aus Gryszinskis Perspektive war nur noch die Spitze des Dutts zu sehen, der auf ihrem Kopf festgezurrt war. Er schob eine kleine hübsche Vase, die Sophie erst an diesem Morgen erstanden hatte, ein Stück zur Seite und musste dabei unwillkürlich an den Tag zurückdenken, als das Telephon im Flur zum ersten Mal geklingelt hatte. Da hatte seine hauseigene Jeanne d’Arc der Süßspeisen einen ganz ähnlichen Scheiterhaufen präsentiert. Ein kleines Grinsen konnte er sich nicht verkneifen, als er sich daran erinnerte, wie Sophie zur Mitte der Tafel gehechtet war, um ihre Etagere vor den fliegenden Salzburger Nockerln zu retten, als sich die kleine Assoziation leider als prophetische Eingebung erwies, denn genau jetzt wiederholte sich die ganze Geschichte. Unter den Schreckensschreien ihrer Gäste stürzte Gryszinski zum Telephon.

Die Stimme aus der Vermittlung kündigte ihm den Anruf eines Oberwachtmeisters Gschwend aus der Polizeidirektion an. Selbiger meldete sich kurz darauf persönlich. Es klang wirklich, als würde er direkt hinter ihm stehen, wie Gryszinski leicht schaudernd bemerkte.

»Wir haben einen Toten in der Nähe des Gärtnerplatzes«, informierte ihn Gschwend. »Der diensthabende Gendarm aus der Polizeistation Isarvorstadt hat die Meldung gemacht, es handelt sich nach einer ersten Inaugenscheinnahme um Mord. Polizeidirektor Welser persönlich hat angeordnet, dass wir Sie verständigen sollen, Herr Major.«

»Gut.« Gryszinski strich sich übers Gesicht. Im Hintergrund lamentierte die Wurmbrand, wenn auch offenbar eher im Scherz, über die unliebsamen Flugkünste süddeutschen Feingebäcks, die sie in gewohnter geistiger Stringenz mit dem Erdbeben zu Chili in Verbindung brachte. »Ich komme gleich. Verständigen Sie auch die Wachtmeister Eberle und Voglmaier. Und, ah!« Eben fiel ihm sein Kutscher wieder ein. »Ähem, meine Droschke erwartet in der Schrammerstraße weitere Instruktionen. Gustav soll mich in der Liebigstraße abholen und meinen Koffer mitbringen.«

»Ja, Chef!«

2.

»Quis, quid, ubi, quibus auxiliis, cur, quomodo, quando?«

(Hans Groß: Handbuch für Untersuchungsrichter, Polizeibeamte, Gendarmen usw., 1. Auflage, 1893)

Der Tatortkoffer war in den Kreisen der Königlich Bayerischen Gendarmerie bereits zu Gryszinskis Markenzeichen geworden. Der Major hielt ihn auch jetzt in der Hand, als er die Wohnung im dritten Stock eines Mietshauses in der Klenzestraße betrat. Diesen Koffer hatte sein Mentor Hans Groß konzipiert. Er enthielt alles, was der moderne Ermittler zur Besichtigung des Tatorts und für die Spurensicherung benötigte, zum Beispiel trockene Socken für den unangenehmen Fall, dass man sich auf einem feuchten Stück Land bewegen müsste und nasse Füße bekam. Dazu gab es verschiedene Bögen Schreibpapier unterschiedlicher Größe und Beschaffenheit, Pauspapier, eine Schreibfeder sowie ein Fläschchen Nigrosin – ein schwarzes Pulver, aus dem man unter Zugabe einiger Tropfen Wasser eine brauchbare Tinte zaubern konnte. Außerdem: ein Fläschchen Gips und ein Fläschchen Öl, um Fußabdrücke abzunehmen. Eine Lupe, einen Zirkel, einen Zollstock und einen Schrittzähler; Letzterer war sehr praktisch, um beim Abschreiten von Entfernungen mit den Gedanken schon bei anderen Dingen sein zu können, während das kleine Gerät, nicht größer als eine Taschenuhr, die Arbeit machte. Groß empfahl, den Zähler nicht in der Westentasche, sondern direkt im Stiefel zu tragen, weil er so zuverlässiger funktionierte. Kerzen, falls ein düsterer Raum mehr Beleuchtung brauchte. Auch an ein Kruzifix war gedacht worden, für den Fall, dass man einem Sterbenden noch eine letzte Aussage unter Eid abnehmen musste. Und natürlich Bonbons, um die Vernehmung verängstigter Kinder einfacher zu gestalten. Diese durften unter keinen Umständen mit den Sublimatspastillen verwechselt werden, aus denen man eine Lösung herstellen konnte, in der man die Hände desinfizierte. Diese Pastillen waren hochgiftig und sahen den Bonbons leider zum Verwechseln ähnlich. Gryszinski hatte daher auf das betreffende Röhrchen einen großen Totenkopf gemalt, der ihm jedes Mal, wenn er den Koffer öffnete, bedrohlich entgegenstarrte.

Er sah sich um. Vom Eingang aus blickte man direkt in die gute Stube, die mit zierlichem Mobiliar vollgestopft war. Die Flügeltür, durch die man eintreten konnte, stand sperrangelweit offen, der Schlüssel steckte noch. Die Gryszinskis zeigten mit ihrem tagtäglich geöffneten Salon eine gewisse weltmännische Modernität, aber traditionellerweise schloss man die gute Stube nur für höhergestellten Besuch oder Familienfeste auf. Ansonsten blieb sie versperrt, vor allem in Familien mit kleinen Kindern und deren schmutzigen Händchen, die hier allerdings auch einigen Schaden hätten anrichten können. Kein Sesselchen kam ohne Zierbänder oder Volants aus, alles war mit weichen Stoffen bezogen, das ganze Zimmer wie mit Garn ausgestopft. In einer Vitrine, die beim ersten Schritt in den Raum hinein klapperte, war stolz das gute Geschirr ausgestellt. Ein komplettes Service, weder passende Porzellanglöckchen noch die Schälchen für Schildkrötensuppe fehlten, alles fein bemalt mit Girlanden aus bunten Blumen, darüber ein goldener Schriftzug: Lebe in Frieden. Direkt neben dem Buffet hing eine Lithographie an der Wand, die Reproduktion eines Portraits des Prinzregenten, wie er sich selbst am liebsten zeigte: volksnah in Lederhosen und Lodenjacke, das Jagdgewehr geschultert, in die bayerische Landschaft blickend. Ein großes Fenster aus altmodischen Butzenscheiben stand teilweise offen und gab den Blick auf die Seitenansicht des Theaters am Gärtnerplatz frei, die letzten Zuschauer der abendlichen Operette standen noch auf der breiten Treppe. Das Theater war glanzvoller Mittelpunkt eines gelb gestrichenen Häuserensembles, das einen Kreis um den Platz herum beschrieb, auf dem schmale Wege zwischen Blumenrabatten zu einem Springbrunnen führten. Gryszinski löste den Blick von dem großen Fenster und nickte dem Gendarmen zu, der neben der Tür zur Stube Wache hielt.

»Hier ist sie, Chef«, erklärte der Mann überflüssigerweise; die Leiche war sofort zu sehen gewesen. Gryszinski trat bis zur Schwelle des Zimmers, dessen Pracht ihn kalt anhauchte. Wie üblich wurde die gute Stube aus Sparsamkeit nicht geheizt. Auf einem Kanapee, das von Füßchen aus geschnitzten Margeriten getragen wurde, lag ein junger, auffallend schöner Mann. Er hatte die Haltung eines Schlafenden eingenommen, ruhte auf der Seite, den einen Arm leicht nach oben über den Kopf gewinkelt, während der andere Arm schlaff herunterhing. Der Tote war völlig nackt, nur ein Samtkissen mit Troddeln verdeckte etwas schamhaft seinen Schoß. Direkt darüber klaffte eine längliche Wunde, während der sichtbare Rest der Leiche unversehrt war. Gryszinski ließ seine Blicke durch das Zimmer wandern. Um das Kanapee herum herrschte peinlichste Ordnung. In einer Ecke allerdings ging ein Riss durch das häusliche Glück. Dort standen zwei Stühlchen an einem kleinen runden Tisch – ein dreibeiniger Tisch, wie er für spiritistische Séancen genutzt wurde –, von der gewaltsam die bestickte Tischdecke, einige Kristallgläser und eine Karaffe gerissen worden waren. Eine Flüssigkeit besudelte Decke und Boden. Wie die ungestüme Kinderhand in Fritzis Laden war eine zornige Macht jäh aus dem Himmel heraus in diese Puppenstube gefahren.

Gryszinski drehte sich zu dem Gendarmen um. »Haben Sie irgendetwas berührt oder verändert?«

»Nein, Chef, natürlich nicht.«

Gryszinski nickte zufrieden. Zumindest die einfachsten Grundsätze der Kriminalistik waren allmählich in den Köpfen der Königlich Bayerischen Gendarmen angekommen. »Wissen wir schon etwas über die Identität des Opfers?«

»Oswald Strohmayer. Achtzehn Jahre alt. Lebte hier bei seiner Tante, Maria Strohmayer. Sie hat ihn auch gefunden, gegen halb fünf am Nachmittag. Sie ist in ihrem Schlafzimmer. Dr. Meyering ist bei ihr.«

Wieder nickte Gryszinski. Die Tante war vermutlich ganz aufgelöst, man würde sehen, wie viel sie heute Abend noch berichten könnte. In diesem Moment trafen Eberle und Voglmaier ein, sie konnten mit der Arbeit beginnen. Eberle, der unvoreingenommen war, jeden Sinn schnell erfasste und zudem eine besonders leserliche Handschrift hatte, war sein ständiger Schriftführer. Das Spatzl trug eine große Kiste, in der sich mehrere Stapel kleinerer Kistchen befanden. Er stellte die Kiste am Eingang zur Stube ab und verschwand dann wieder, um die anderen Bewohner des Hauses einer ersten Befragung zu unterziehen, mit ihm gingen zwei jüngere Gendarmen. Gryszinski griff sich einige der kleineren Kisten und betrat vorsichtig das Zimmer, bei dem es sich vermutlich um den Tatort handelte – er durfte von vornherein nichts als gegeben ansehen, alles musste zunächst geprüft werden. Die Stube verfügte über wenig Licht, es gab einen elektrischen Anschluss, an dem eine schummrige Stehleuchte hing. Ansonsten spendeten mehrere Petroleumlampen einen warmen Schein.

Gryszinski zog seinen Notizblock aus der Innentasche seines Mantels und schrieb auf, dass er die Tante befragen musste, ob die Lichter bereits gebrannt hatten, als sie das Opfer gefunden hatte, um auszuschließen, dass nicht doch irgendein übereifriger Gendarm tätig geworden war und für mehr Helligkeit gesorgt hatte. Er konzentrierte sich zunächst auf die unordentliche Ecke um den dreibeinigen Tisch herum und stülpte mehrere kleine Kisten über die Spuren, damit diese geschützt waren: die Gläser und die Karaffe, die am Boden lagen, die Reste der Flüssigkeit auf dem dicken Teppich. Cognac, dem Geruch nach zu urteilen. In der Karaffe befand sich noch ein kleiner Rest, auch die Gläser waren noch feucht. Man müsste, sobald die Lage der Gegenstände dokumentiert war, sofort ein paar Tropfen auffangen und auf Gift testen lassen. Hinter dem Tischchen entdeckte er Erbrochenes. Auch das würde man in mehreren Röhrchen verschließen und mitnehmen, zuvor aber musste der Gerichtsarzt es in Augenschein nehmen. Manchmal konnte dieser auf den ersten Blick die Blätter einer giftigen Pflanze entdecken, auch wenn Gryszinski auf etwas anderes tippte. Langsam lief er weiter durch den Raum, deckte weitere Gegenstände ab, diktierte Eberle seine Eindrücke. Der schwäbische Wachtmeister würde als Nächstes einige Skizzen anfertigen. Zunächst einen Grundriss, auf dem alle Spuren samt der Leiche verzeichnet waren; dafür musste ein festes Stück Papier so zugeschnitten werden, dass es genau den Proportionen des Raumes entsprach, um keine Verzerrung des Maßstabs zu riskieren. Später würde er das Papier mit einer Mischung aus Stearin und Kollodium übergießen, um die Lageskizze länger haltbar zu machen, denn diese würde immer wieder zur Hand genommen werden, nicht zuletzt bei Gericht. Gryszinski ordnete außerdem die Erstellung einer Kreuzprojektion an, also eine dreidimensionale Skizze von Boden, Raum, Decke und den Wänden, die man so zusammenstecken konnte, dass man den Tatort als kleinen Schaukasten vor sich hatte; ein schauriges papiernes Puppenhaus.

Gryszinski kam nun zur Leiche und ihrem penibel aufgeräumten Umfeld. Sein erster Eindruck war, dass alles irgendwie hergerichtet wirkte. Er stellte sich vor das Kanapee, um die gesamte Szenerie auf einen Blick vor sich zu haben. Als er seine Augen auf den Boden richtete, entdeckte er einen merkwürdigen Abdruck, auf den er fast seine Füße gesetzt hätte. Er bückte sich und sah genauer hin. Drei kleine Kuhlen, jede etwa daumendick, im Dreieck angeordnet, hatten sich, noch schwach sichtbar, in den Teppich gegraben. Stirnrunzelnd griff er sich seinen Zollstock, maß die Einbuchtungen und ihre Entfernungen zueinander aus und deckte sie danach mit den Kisten ab.

Er wandte sich wieder dem Toten zu. Für einen Achtzehnjährigen war dieser sehr muskulös, der Körper hatte den androgynen Jüngling bereits hinter sich gelassen und war in das Stadium der Männlichkeit eingetreten. Die Gesichtszüge dagegen, so klassisch gefällig sie auch waren, wirkten kindlich auf ihn. Die Stirn war leicht gerunzelt, der Mund sacht verzogen. Der Ausdruck erinnerte ihn an Fritzis Gesicht, wenn dieser zu weinen begann, so untröstlich traurig von einem Moment auf den anderen, wie es nur ein Kind sein kann. Die plötzliche Verbindung zu seinem eigenen Kind machte Gryszinski betroffen. Er musste sich zusammenreißen, um nicht die Hand zu heben und diesem toten Jungen, dem in der Sekunde des Todes die heißen Tränen der eben erst hinter sich gelassenen Kindheit in die Augen geschossen waren, nicht übers Gesicht zu streicheln.

Gryszinski räusperte sich. Er musste aufpassen, dass nicht alles so auf ihn einstürmte. Um sich zu fangen, zückte er seinen Notizblock – Hans Groß empfahl einen kleinen Block und kein Notizheft, damit man alles, was erledigt oder verworfen war, einfach herausreißen und wegwerfen konnte, da man sonst in der Fülle des Unwichtigen das Wesentliche übersehen würde. Er atmete durch und notierte jenen goldenen Juristenspruch, den sein Mentor ihm einst eingebläut hatte: Wer, was, wo, womit, warum, wie und wann? Er dachte über die einzelnen Punkte nach. Das Wer? konnte er bislang nur mit dem Namen des Opfers beantworten, er schrieb ihn auf und setzte daneben ein Mörder noch unbekannt. Dann notierte er: Was? Mord. Neben das Wo? kam die Adresse des Fundorts. Ob dieser wirklich der Tatort war, würden sie noch zweifelsfrei klären. Bei allen anderen Fragen musste er passen.

Er steckte den Block wieder ein und zog dafür aus einem Innenfach des Tatortkoffers einige weiße Blätter Papier nebst mehreren feinen Bögen Strohpapier, die beidseitig mit blauer Indigomasse bestrichen waren. Mit diesem Papier ließen sich sehr gute Kopien erstellen, so brauchte er seine schriftlichen Befehle, die an mehrere Gendarmen verteilt werden sollten, nur einmal niederzuschreiben. Er stapelte immer abwechselnd das weiße und das blaue Papier auf einen kleinen Tisch im Vorraum der Stube, zückte einen harten Bleistift und schrieb so seine Anweisungen, wobei er besonders stark aufdrückte und sich gleichzeitig um Lesbarkeit seiner leider recht unsauberen Schrift bemühte. Die nähere Umgebung musste schnellstmöglich nach einem spitzen Gegenstand mit Blutspuren abgesucht werden. Außerdem sollten, zusätzlich zu den Nachbarn, die Voglmaier bereits aufsuchte, jene Mitglieder der Gesellschaft befragt werden, die man oft übersah, während sie andersherum die Augen der Straße waren: Postboten, Milchmänner, Mietkutscher, Prostituierte. Man wusste nie, wem etwas Ungewöhnliches aufgefallen war.

Hinter ihm kam jetzt etwas in Bewegung. Der Tatortphotograph, ein Mann mit einer etwas albernen Haartolle namens Dornauer, trat durch den Eingang, ziemlich außer Atem, da er seine schwere Ausrüstung die Treppen hochgeschleppt hatte. Gleichzeitig erschien Dr. Meyering aus einem hinteren Teil der Wohnung. Er nickte Gryszinski zu.

»Die Tante ist außer sich«, erklärte er leise. »Aber für ein paar Fragen können Sie jetzt zu ihr gehen, wenn Sie so weit sind. Danach werde ich sie wohl zur Ader lassen.«

»Gut.« Gryszinski übergab Eberle die eben verfassten Befehle mit der Bitte, diese an die unten wartenden Gendarmen zu verteilen. »Und Sie können sich um den Toten kümmern, sobald Dornauer diesen photographiert hat«, wandte er sich wieder an den Gerichtsarzt, der bereits seinen eigenen Koffer öffnete. »Bitte nehmen Sie auch eine Probe aus der Karaffe und den Gläsern«, fügte Gryszinski hinzu. »Und testen Sie die Leiche sofort auf Arsen.«

Er blieb noch einige Minuten stehen und sah zu, wie Dornauer sein meterhohes Leiterstativ ausfuhr und dieses neben dem Kanapee platzierte. Etwas wackelig kletterte der Photograph nun nach oben und schraubte dort an der Halterung seiner Kamera herum, bis der Winkel ihm zusagte. Aus seiner luftigen Höhe konnte er die Leiche und ihr nächstes Umfeld aus der Vogelperspektive aufnehmen. Nun gab er mithilfe eines winzigen Löffels etwas Blitzlichtpulver in die Pustlichtlampe, die er so weit wie möglich über seinen Kopf hielt – Verbrennungsverletzungen durch Blitzlichtphotographie waren leider keine Seltenheit. Dann öffnete er, nachdem er laut »Achtung!« geschrien hatte, den Kameraverschluss und drückte gleichzeitig den ballförmigen Blasebalg, der das explosive Pulver in die Flamme des oberen Teils der Lampe pustete. Ein greller Lichtblitz fuhr in den Raum und warf jedes Detail gleichzeitig und mit roher Gewalt auf Gryszinskis Netzhaut: die samtenen Borten, Spitzen, Möbelfüßchen, den leeren Blick des Toten, die lange Schnittwunde, jede Franse des dicken Teppichs. Dann sank das Zimmer zurück in seine schummrige Schläfrigkeit. Dornauer kletterte auf den Boden herab, er würde noch einige Details photographieren, bis sich die dicken Rauchschwaden seiner pyromanischen Unternehmungen unweigerlich über alles legen würden.

Gryszinski wandte sich zum Gehen und nickte dabei Meyering zu, der sich nun dem Toten widmete. Arsen war immer noch die im Volk üblichste Vergiftungsmethode, und die Karaffe mit den zwei zu Boden gestürzten Gläsern sowie das Erbrochene schienen ihm doch verdächtig zu sein. Eine erste Probe konnte direkt vor Ort erledigt werden. Meyering musste dafür lediglich den toten Körper ein Stück öffnen und die Magenschleimhaut auf gelbe oder weiße Körnchen, die wie Sand aussahen, untersuchen. Ein solches Korn trocknete man dann sorgfältig mit Löschpapier und gab es in ein Glasröhrchen. All diese Dinge führte Gryszinski natürlich in seinem Koffer mit sich, wie auch die Zündhölzchen, aus denen man nun eine mikroskopisch kleine Menge Kohle gewann, indem man es entzündete. Die reine Kohle musste nun nur noch in das Röhrchen dazugegeben werden, das Ganze erwärmte man über einer Kerzenflamme. Handelte es sich um Arsen, so verdampfte das Gift und hinterließ einen metallisch glänzenden, schwarzgrauen Fleck; eine gespenstische Spur aus dem Jenseits.

Während Meyering sich an die Arbeit machte, folgte Gryszinski einem schmalen Korridor, der vom kleinen Empfangsbereich, von dem die gute Stube abging, in die hinteren Räume führte. Die gesamte Wohnung atmete dasselbe wohlsituierte Philistertum wie der Tatort. Schwere Buffetschränke beengten die Zimmer, in ihnen standen ganze Heerscharen an Nippes auf Verteidigungsposition, hauptsächlich alpiner Kitsch, kleine Gämsen aus Porzellan, mit Edelweißen und properen Mädchen in Tracht bepinselte Zierteller; ein Wall aus Plunder gegen die Außenwelt. Am Ende dieser Fluchten stieß Gryszinski auf die einzige verschlossene Tür, alle anderen waren entweder offen oder angelehnt gewesen. Er klopfte, entschlossen, aber doch dem Anlass angemessen höflich. Hinter der Tür hörte er etwas, was wie ein geschwächtes »Herein!« klang, woraufhin er vorsichtig eintrat.

Mit dem flackernden Kerzenschein und einem schicklich schmalen Bett, auf dem eine ältere Dame steif wie eine Strickliesel lag, erinnerte die Schlafkammer an ein Totenzimmer. Schmucklos, fiel Gryszinski als Erstes dazu ein. Über der Pritsche hingen lediglich ein Kruzifix sowie ein fein gearbeitetes Marienbildnis – immer noch die Lieblingsheilige ältlicher katholischer Jungfern, dachte er bei sich. Mehrere Rosenkränze baumelten von dem Kreuz, genauer gesagt hingen sie an den festgenagelten Füßen des Heilands, die wie ein praktischer Haken etwas vorstanden. Ansonsten gab es nur noch eine kleine Kommode nebst einem einfachen Waschtisch. Auf dem Nachtkästlein lag natürlich eine Bibel. Der leicht speckige Einband bewies, dass sie regelmäßig zur Hand genommen wurde.

»Guten Abend, Frau Strohmayer, mein tiefstes Beileid für Ihren Verlust.«

Sie schloss ein wenig die Augen und nickte.

»Mein Name ist Major Wilhelm Freiherr von Gryszinski, die Königlich Bayerische Polizeidirektion hat mich beauftragt, den feigen Mord an Ihrem Neffen aufzuklären.«

Während dieses von Titeln und Autoritäten strotzenden Satzes war etwas Leben in die Tante gekommen. Sie setzte sich auf und fixierte ihn, alles Matte war aus ihren Augen gewichen. »Zuagroaster?«

»Das ist richtig … freilich«, setzte Gryszinski noch hinterher und hörte selbst, wie unnatürlich das süddeutsche Wort aus seinem Mund klang.

»Preiße?«, fragte sie streng.

»Ähem. Ja.«

Sie ließ sich wieder auf ihre Bahre zurücksinken und seufzte tief. »Mein armer Oswald!«

Gryszinski, der nicht ganz sicher war, ob sich der letzte Kommentar auf seine Herkunft oder die ganze Situation im Allgemeinen bezog, trat dennoch einen Schritt näher, er musste diesem Zwiegespräch ein paar handfeste Aussagen abringen. »Sie haben Oswald gefunden?«

»Ich war ganz durcheinander«, brach es aus ihr hervor. »Er lag da so nackt, ich wusste gar nicht … und erst dann habe ich die Wunde gesehen und begriffen, dass …« Sie schlug die Hände vors Gesicht.

Gryszinski wartete einen Moment, während ihn bereits ein Verdacht beschlich. Behutsam fragte er: »Haben Sie ihn mit dem Kissen, nun ja, bedeckt?«

Sie setzte sich wieder auf, die Verzweiflung aus ihrem Gesicht schiebend, und funkelte ihn an, als ob er etwas Unsittliches gesagt hätte. »Freilich habe ich das.«

Er nickte und machte sich Notizen auf seinem Block. »Haben Sie das Licht angestellt und die Petroleumlampen entzündet?«

Jetzt wirkte sie verwirrt. »Warum soll das wichtig sein?«, gab sie scharf zurück.

»Ich muss lediglich jedes Detail klären.«

»Ich … Nein, ich habe kein Licht gemacht.«

»Also brannte das Licht bereits?«

Sie starrte ihn eine Weile an. Ganz offenbar, und da war sie leider nicht die erste Zeugin, hatte sie nur die Leiche gesehen und sonst nichts. »Ich weiß es nicht«, erklärte sie schließlich. »Es war ja noch hell, also warum sollte man schon Licht machen?«

»Mmh«, brummte Gryszinski und notierte wieder etwas. »Wieso hat denn Ihr Neffe bei Ihnen gewohnt? Was ist mit seinen Eltern?«

»Der Oswald ist der Sohn von meinem Bruder, dem Strohmayer Franz. Der Franz lebt mit seiner Frau und seinen anderen Kindern in Dachau, er arbeitet da bei der großen Pulverfabrik. Er hat es dort zu was gebracht, mein Bruder.« Unverhohlener Stolz lag jetzt in ihrer Stimme. »Der Oswald ist sein ältester Sohn, der sollte es mal einfacher im Leben als sein Vater haben. Drum hat der Franz ihn hier nach München aufs Gymnasium geschickt. Und ab dem Sommer sollte der Oswald dann was Ordentliches studieren …« Wieder schlug die Tante ihre Hände vors Gesicht.

Gryszinski sah ein, dass er zu einem Ende kommen musste. »Wer könnte Ihrem Neffen das angetan haben? Wer wollte ihm Böses?«

»Niemand!«, schrie sie, jetzt zutiefst verzweifelt.

Er betrachtete sie nachdenklich. Wie so oft schien das Mordopfer ein Mensch frei von Feinden gewesen zu sein. Dafür musste es einen einzigen gegeben haben, der umso heftiger hasste. »Hatte Oswald einen besten Freund? Einen Vertrauten? In welchen Kreisen verkehrte er?«

Sie betupfte ihr knittriges Gesicht mit einem bestickten Taschentuch und schüttelte den Kopf. »Der Oswald war nicht viel unter Leuten. Nur seine Gruppe vom Alpenverein hat er regelmäßig getroffen, zum Wandern. Ansonsten hat er immer gelernt, um seinen Vater nicht zu enttäuschen.«

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