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Das Zeitalter der Einsamkeit

Als Buch hier erhältlich:

»Ich definiere Einsamkeit als einen inneren wie auch existenziellen Zustand – persönlich, gesellschaftlich, wirtschaftlich und politisch.«


Noreena Hertz

Auf der ganzen Welt fühlen sich die Menschen so allein, abgeschottet und entfremdet wie nie. Dies war schon vor Corona so, doch bei vielen hat der Lockdown dieses Gefühl noch einmal verstärkt.

Noreena Hertz, Professorin für Ökonomie, geht den Ursachen dieser beunruhigenden Entwicklung nach, indem sie Einsamkeit nicht nur als persönlichen , sondern als politischen Zustand begreift, dessen Folgen extreme Züge annehmen: Für ein Gemeinschaftsgefühl gehen in Japan viele ältere Frauen mittlerweile lieber ins Gefängnis, anstatt weiter allein zu Hause zu leben. Großbritannien rief als erstes Land der Welt 2018 ein »Ministerium für Einsamkeit« ins Leben. Auch in Deutschland halten zwei Drittel der Bevölkerung Einsamkeit für ein ernstes Problem.

Wie konnte es soweit kommen? Und was müssen wir tun, um wieder eine Verbindung zueinander aufzubauen? Gesellschaftsanalyse, Kapitalismuskritik und Weckruf zugleich, trifft das Buch den Nerv unserer Zeit

»Ein hoffnungsfrohes Buch, wie es wichtiger und aktueller nicht sein könnte. «
Philippa Perry, Bestsellerautorin von
»Das Buch, von dem du dir wünschst, deine Eltern hätten es gelesen«

»Der Neoliberalismus hat dazu geführt, dass wir uns als Konkurrenten statt als Verbündete verstehen, als Verbraucher statt als Bürger, Sammler statt Teiler, Nehmer statt Geber, Geschäftemacher statt Helfer; Menschen, die nicht nur zu beschäftigt sind, sich um ihre Nachbarn zu kümmern, sondern noch nicht einmal wissen, wie diese heißen.

Das Problem ist, dass eine solche Ich-bezogene Gesellschaft, in der Menschen meinen, an sich selbst denken zu müssen, weil es kein anderer tut, unweigerlich eine einsame Gesellschaft ist.«

»Sie hat mit ihrem soeben erschienenen, umfassenden Werk ›The Lonely Century‹ wohl eines der wichtigsten Bücher unserer Zeit erfasst.« Blick, 03.02.2021

»Hertz geht das Problem Einsamkeit umfassend, fundiert und gut strukturiert im politischen sowie gesellschaftlichen Kontext an [...]« Christian Straub, EKZ-Bibliotheksservice, KW 18/2021

»brillante Analyse über das Zeitalter der Einsamkeit und die Kraft der Vermittlung in einer zerfaserten Welt von Noreena Hertz.« FREIeBÜRGER, 06.2021 

»Ein spannendes Werk voll überraschender und leider auch wenig überraschender Fakten, geschrieben mit großem persönlichen Engagement.« Renate Graßtat, SEIN, 07.06.2021

»Ich möchte das Buch von Noreena Hertz allen empfehlen und ans Herz legen. Die Lektüre lohnt sich und macht was mit einem.« Udo Brandes, NachDenkSeiten, 04.07.2021

»Dieses tiefgründige Buch hilft, zu verstehen und spornt an, wacher durchs Leben zu gehen.« Nadine Sieger, ELLE, 15.08.2021




  • Erscheinungstag: 23.03.2021
  • Seitenanzahl: 448
  • ISBN/Artikelnummer: 9783749950461
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Danny
Für alles

KAPITEL EINS
IM ZEITALTER DER EINSAMKEIT

Aneinandergekuschelt, meine Brust an seinen Rücken gedrückt, unser Atem im Takt, unsere Beine ineinander verschlungen. Über 5000 Nächte lang haben wir so geschlafen.

Doch jetzt verbringen wir die Nächte in unterschiedlichen Zimmern. Tagsüber tanzen wir den Zwei-Meter-Zickzack. Umarmungen, Berührungen, Küsse – unsere alltägliche Geheimsprache – sind momentan verboten, und »Halt dich von mir fern« ist mein neuster Ausdruck der Fürsorge. Denn ich fühle mich elend, ich huste unentwegt, und mir tut alles weh. Und ich habe Angst, meinen Mann anzustecken, wenn ich ihm zu nahekomme. Also bleibe ich auf Abstand.

Es ist der 31. März 2020. Wie 2,5 Milliarden weitere Menschen – ein Drittel der Weltbevölkerung – befindet sich unser Londoner Haushalt im Lockdown.1

Wenn so viele Menschen in ihren Wohnungen festsitzen und von zu Hause aus arbeiten müssen (falls sie überhaupt noch einen Job haben), ihre Freunde und Familie nicht besuchen dürfen und höchstens einmal am Tag nach draußen gehen können, wenn »Social Distancing«, »Quarantäne« und »Selbstisolation« an der Tagesordnung sind, bleibt es nicht aus, dass Gefühle wie Einsamkeit und Isolation exponentiell ansteigen.

Nach gerade einmal zwei Tagen Lockdown schrieb mir meine beste Freundin: »Die Abschottung treibt mich in den Wahnsinn.« Am vierten Tag schickte mir mein 82 Jahre alter Vater eine WhatsApp: »Ich ging allein, den Wolken gleich …« Innerhalb von Tagen nach dem angeordneten Social Distancing berichteten Mitarbeiter in Telefonseelsorgeeinrichtungen überall auf der Welt nicht nur von erheblich steigenden Anruferzahlen, sondern auch, dass ein Großteil der Menschen über Einsamkeit klage.2 »Meine Mum umarmt mich gar nicht mehr und bleibt immer ganz weit weg«, vertraute ein Kind einem ehrenamtlichen Mitarbeiter bei der UK Childline an, dem britischen Sorgentelefon für Kinder.3 In Deutschland, wo die Telefonseelsorge 50 Prozent mehr Anrufe erhielt als sonst, erzählte eine dort tätige Psychologin: »Die meisten Anrufer fürchten die Einsamkeit mehr als die Ansteckung.«4

Trotz allem hat das Zeitalter der Einsamkeit nicht im ersten Viertel des Jahres 2020 seinen Anfang genommen. Schon bevor Covid-19, das Coronavirus, uns traf, fühlten sich viele bereits seit geraumer Zeit einsam, isoliert und verlassen.

Wieso wir so einsam geworden sind und was wir tun müssen, um wieder eine Verbindung zueinander aufzubauen, davon handelt dieses Buch.

PRETTY IN PINK

24. September 2019. Ich habe an einem Tisch am Fenster Platz genommen, den Rücken gegen die knallpinke Wand gelehnt, und warte.

Mein Handy piept. Es ist Brittany – sie verspätet sich um ein paar Minuten.

»Kein Problem«, texte ich zurück. »Ein cooles Café hast du da ausgesucht.« Und das stimmt. Die Gäste – anmutige Naturschönheiten, ihre Modelportfolios unter dem Arm – lassen erahnen, wie angesagt das Cha Cha Matcha in Manhattans NoHo-Viertel ist.

Ein paar Augenblicke später kommt Brittany herein, langbeinig und sportlich. Sie sucht den Raum ab und lächelt, als sie mich entdeckt. »Hi! Schönes Kleid«, sagt sie.

Für 40 Dollar die Stunde hätte ich auch nicht weniger erwartet. Denn Brittany ist die »Freundin«, die ich von einer Firma namens Rent-a-friend für den Nachmittag gebucht habe. Gegründet wurde die Firma von dem Unternehmer Scott Rosenbaum aus New Jersey, der die Anfänge des Konzepts in Japan miterlebte, und inzwischen bietet sie auf ihrer Website über 620000 platonische Freunde in Dutzenden Ländern der ganzen Welt zur Miete an.

Der Job entspricht nicht ganz der Karrierelaufbahn, die sich Brittany, eine 23 Jahre junge Frau aus einer Kleinstadt in Florida, vorgestellt hatte, als sie ihre Zusage für die Brown University erhielt. Leider gelang es ihr nicht, eine Stelle im Bereich Umweltwissenschaften (ihrem Hauptfach an der Uni) zu ergattern, und so kletterte ihr Studiendarlehen auf eine beunruhigende Höhe. Die Entscheidung, ihre freundschaftliche Gesellschaft zu vermieten, erklärt sie daher als eine ganz pragmatische, betrachtet die Seelenarbeit lediglich als eine Möglichkeit, um sich den Lebensunterhalt zu sichern. Denn wenn Brittany sich nicht gerade selbst vermietet – in der Regel macht sie das ein paarmal die Woche –, hilft sie Start-up-Unternehmen mit deren Social-Media-Auftritten und bietet ihre Dienste als Assistentin der Geschäftsleitung auf TaskRabbit an.

Bevor wir uns trafen, war ich ziemlich nervös, war nicht ganz sicher, ob »Freundin« nur eine Tarnbezeichnung für Sexualpartnerin ist oder ob ich sie überhaupt von ihrem Profilbild her erkennen würde. Aber schon nach wenigen Minuten bin ich überzeugt, dass es sich hier um Freundschaft ohne gewisse Vorzüge handelt. Und in den nächsten Stunden, während wir durch Downtown Manhattan schlendern und uns über #MeToo, Brittanys Idol Ruth Bader Ginsburg und, bei McNally Jackson, über unsere Lieblingsbücher unterhalten, vergesse ich zeitweise sogar, dass ich für Brittanys Gesellschaft bezahle. Zwar kommt sie mir nicht wie eine alte Freundin vor, aber in jedem Fall wie eine interessante neue Bekannte.

Doch erst bei Urban Outfitters am Broadway, kurz bevor die Zeit unserer Begegnung endet, läuft ihr Charme zu Hochtouren auf. Ihr Lächeln ist nun wie festgetackert, das Spaßbarometer aufgedreht, sie neckt mich, als wir uns durch einen Stapel T-Shirts wühlen, und probiert tapfer ein paar knallig bunte Anglerhüte mit mir zusammen auf. Anscheinend stehen die mir total gut. Aber wahrscheinlich würde sie mir das ohnehin weismachen, ob es nun stimmt oder nicht.

Ich frage Brittany nach den anderen, die sie bisher gebucht haben, meine Freundschaftsmitkonsumenten. Sie erzählt mir von der Frau mit der sanften Stimme, die nicht alleine zu einer Party gehen wollte; von dem Technikexperten aus Delhi, der für eine Arbeitsstelle nach Manhattan gezogen war und in der Stadt noch niemanden kannte, aber sich beim Abendessen ein wenig Gesellschaft wünschte; von dem Banker, der ihr angeboten hatte, mit Hühnersuppe vorbeizukommen, als sie krank war. Wenn du deinen typischen Kunden beschreiben müsstest, wie sähe der aus?, frage ich sie. Ihre Antwort: »Einsame, 30- bis 40-jährige Karrieremenschen. Die Art von Leuten, die immer lange arbeiten und anscheinend keine Zeit finden, neue Freundschaften zu schließen.«

Es ist eine typische Erscheinung unseres Zeitalters, dass ich menschliche Gesellschaft genauso einfach bestellen kann wie einen Cheeseburger, nämlich indem ich nur ein paarmal auf mein Smartphone tippe, und dass ein ganzer – wie ich es nenne – Wirtschaftszweig der Einsamkeit entstanden ist, der diejenigen unterstützt – und manchmal auch ausnutzt –, die sich allein fühlen. Aber in diesem Zeitalter der Einsamkeit, dem einsamsten Jahrhundert seit Menschengedenken, sind Brittanys überarbeitete Karrieremenschen nicht die Einzigen, die leiden: Die Tentakel der Einsamkeit reichen noch viel weiter.

Schon bevor das Coronavirus mit seiner Vergiftung des persönlichen Kontakts einen »Rückgang des Soziallebens« auslöste, bezeichneten sich drei von fünf Erwachsenen in den USA als einsam.5

In Europa stellte sich die Lage ähnlich dar. Zwei Drittel der deutschen Bevölkerung hielten Einsamkeit für ein großes Problem.6 Fast ein Drittel der niederländischen Staatsbürger gestand ein, dass sie einsam seien, einer von zehn sogar besonders stark.7 In Schweden berichtete bis zu ein Viertel der Bevölkerung, häufig einsam zu sein.8 Und bei den Schweizern äußerten zwei von fünf Menschen, dass sie sich manchmal, häufig oder immer einsam fühlten.9

In Großbritannien war das Problem im Jahr 2018 derart gravierend, dass die Premierministerin sogar eine »Ministerin für Einsamkeit« einsetzte; das Amt wurde jeweils von einer Staatssekretärin bekleidet.10 Denn einer von acht Briten habe nicht einen einzigen guten Freund, auf den er sich verlassen könne, im Gegensatz zu einem von zehn Briten fünf Jahre zuvor.11 Drei Viertel der Bürger kannten die Namen ihrer Nachbarn nicht, während sich 60 Prozent der britischen Angestellten am Arbeitsplatz einsam fühlten.12

Die Werte für Asien, Australien, Südamerika und Afrika waren ähnlich beunruhigend.13

Zwangsläufig haben Monate des Lockdowns, der Selbstisolation und des Social Distancing das Problem noch verstärkt. Für Jung und Alt, Männer und Frauen, Alleinstehende und Verheiratete, Reiche und Arme.14 Auf der ganzen Welt fühlen sich die Menschen einsam, abgeschottet und entfremdet. Wir befinden uns mitten in einer globalen Einsamkeitskrise, vor der keiner von uns gefeit ist, egal wo auf der Welt.

Rund 10000 Kilometer von Manhattans NoHo-Viertel entfernt wacht Saito-San auf. Die rundgesichtige kleine Frau mit einem freundlichen Funkeln in den Augen ist Witwe, hat zwei Kinder und weiß nur zu gut, wie sich Einsamkeit anfühlt. Schon oft hatte sie das Gefühl, völlig allein dazustehen mit ihren großen finanziellen Sorgen, denn ihre Rente deckte ihre Lebenshaltungskosten nicht ab, sie erhielt keinerlei Unterstützung, und ihre Kinder waren zu beschäftigt, um sich um sie zu kümmern. Doch dann unternahm sie einen extremen – und trotzdem nicht ganz unüblichen – Schritt.

Denn Saito-San ist im Frauengefängnis Tochigi inhaftiert, und damit nur eine von vielen älteren Japanerinnen und Japanern, die eine bewusste Entscheidung für ein Leben im Gefängnis getroffen haben. In Japan hat sich die Anzahl der Straftaten, die von Personen über 65 Jahren verübt werden, in den letzten zwei Jahrzehnten vervierfacht.15 Über zwei Drittel dieser Altersgruppe werden innerhalb von fünf Jahren erneut straffällig. Die Gefängniswärterin Junko Ageno ist sich sicher, dass Einsamkeit der Hauptgrund für diese Entwicklung ist – denn so haben ihre Schützlinge es ihr selbst erzählt.16 Koichi Hamai, Professor an der Ryukoku-Universität in Kyoto, der das Phänomen der älteren Gefängnisinsassen untersucht hat, bestätigt dies. Er glaubt, dass eine bedeutende Zahl älterer Frauen bewusst einen Gefängnisaufenthalt wählt, um sozialer Isolation zu entfliehen.17 Üblicherweise werden sie für Bagatelldelikte wie kleinere Ladendiebstähle verurteilt – eine der am leichtesten zu begehenden Straftaten, wenn man ins Gefängnis geschickt werden möchte. Von dieser Art Häftlinge berichten 40 Prozent, dass sie nur selten mit ihrer Familie sprechen, falls sie überhaupt noch eine Familie haben, und die Hälfte aller in den vergangenen Jahren für Ladendiebstähle verurteilten Senioren lebte allein, bevor sie ihre Haftstrafe antraten.

Viele beschreiben das Gefängnis als eine Möglichkeit, in einer Gemeinschaft zu leben, »die [sie] zu Hause nicht haben«. Ein Ort, wo, wie ein weiterer, 80-jähriger Inhaftierter erklärt, »immer Leute um mich herum sind, und ich mich nicht einsam fühle«.18 Ein Umfeld, das die 78-jährige Mitinsassin Frau O. als »eine Oase« beschreibt, »mit vielen Menschen zum Reden«. Ein Zufluchtsort, der nicht nur menschliche Gesellschaft bietet, sondern auch Unterstützung und Fürsorge.19

Die Älteren kommen uns wahrscheinlich als Erstes in den Sinn, wenn wir überlegen, wer wohl die einsamsten Menschen unter uns sind. Und tatsächlich ist diese Gruppe einsamer als der Durchschnitt.

Schon im Jahr 2010 berichteten in den USA 60 Prozent der Bewohner von Seniorenheimen, dass sie nie Besuch bekämen.20 In Großbritannien sagten im Jahr 2014 zwei Fünftel aller älteren Menschen, ihnen würde hauptsächlich der Fernseher Gesellschaft leisten.21 Unterdessen erlangte 2017 in Tianjin ein 85 Jahre alter Mann, einer von Chinas Millionen einsamer älterer Menschen, internationale Berühmtheit, weil er an einer Bushaltestelle in seiner Stadt einen Aushang anbrachte. »Einsamer Mann Mitte 80«, stand darauf, »hofft, dass eine gutherzige Person oder Familie ihn adoptieren möchte.« Leider starb er schon drei Monate später. Erst nach zwei Wochen bemerkten seine Nachbarn, dass man ihn gar nicht mehr zu Gesicht bekam.22

Solche Geschichten liest man nicht gern. Sie werfen die bedeutende Frage auf, wie gut wir uns als Gesellschaft um unsere ältesten Mitbürger kümmern. Und doch sind es eigentlich – und vielleicht überraschenderweise – die Jüngsten unter uns, die am einsamsten sind.

Das erste Mal wurde ich mir dessen vor ein paar Jahren bewusst, und zwar während ich an der Universität Studenten aus einer Generation unterrichtete, die ich »Generation K« getauft habe.23 Denn nicht nur bei Gruppenarbeiten fiel mir auf, dass ihnen die direkte Interaktion mit anderen deutlich schwerer fiel als Angehörigen vorheriger Generationen; ich war auch überrascht, wie viele sich voller Sorge um ihre Seminararbeiten und ihre beruflichen Zukunftsaussichten in meinem Büro auf einen Stuhl plumpsen ließen und mir anvertrauten, dass sie sich einsam und allein fühlten.

Und dabei sind meine Studenten keine Ausnahme.

Etwas mehr als einer von fünf jungen Erwachsenen der Generation Y in den USA sagen, dass sie überhaupt keine Freunde hätten.24 In Großbritannien geben drei Fünftel der 18- bis 34-Jährigen und fast alle Kinder zwischen zehn und 15 Jahren an, dass sie sich oft oder manchmal einsam fühlen.25

Ähnlich wie viele andere ist auch diese beunruhigende Entwicklung weltweit zu beobachten und verstärkt sich von Jahr zu Jahr. In fast jedem Land in der OECD (welche die meisten europäischen Länder sowie die USA, Kanada und Australien einschließt) ist der Prozentsatz der 15-Jährigen, die sich laut eigener Aussage in der Schule einsam fühlen, zwischen 2003 und 2015 angestiegen.26 Und höchstwahrscheinlich werden die Zahlen in der Folge der Coronapandemie deutlich höher liegen.

Bei der aktuellen Einsamkeitskrise handelt es sich nicht nur um eine Krise der psychischen Gesundheit. Diese Krise macht uns auch körperlich krank. Studien zeigen, dass Einsamkeit schlechter für unsere Gesundheit ist als zu wenig Sport, genauso schädlich wie Alkoholabhängigkeit und doppelt so schädlich wie Übergewicht.27 Statistisch gesehen wirkt sich Einsamkeit genauso nachteilig aus wie 15 Zigaretten am Tag.28 Besonders interessant dabei ist, dass für diesen Einfluss weder Einkommen noch Geschlecht, weder Alter noch Nationalität eine Rolle spielen.29

Neben der gesundheitlichen Krise befinden wir uns auch in einer wirtschaftlichen Krise. Schon vor Covid-19 schlug in den USA soziale Isolation für die staatliche Krankenversicherung Medicare nach Schätzungen mit jährlich knapp sieben Milliarden Dollar zu Buche – was mehr ist, als sie für die Behandlung von Arthritis verausgabt und fast so viel wie für die von Bluthochdruck –, und diese Summe gilt lediglich für ältere Menschen.30 In Großbritannien kosten einsame über 50-jährige den National Health Service (NHS) schätzungsweise 1,8 Milliarden Pfund im Jahr, was etwa dem Jahresbudget des Ministry of Housing, Communities, and Local Government (Ministerium für Wohnungswesen, Gemeinden und Kommunalverwaltung) entspricht.31 Derweil verzeichnen britische Arbeitgeber jedes Jahr einen Verlust von 800 Millionen Pfund durch Krankheitstage, die aufgrund von Einsamkeit genommen werden – rechnet man die Produktivitätseinbußen hinzu, liegt der Verlust sogar noch erheblich höher.32

Unsere Krise ist zudem eine politische, die Uneinigkeit und Extremismus in den USA, in Europa und weltweit schürt. Einsamkeit und Rechtspopulismus liegen, wie wir noch sehen werden, häufig nah beieinander.

Höchst besorgniserregend ist, dass wir sehr wahrscheinlich das gesamte Ausmaß des Problems noch unterschätzen. Teilweise begründet sich dies in der Stigmatisierung von Einsamkeit. Einigen Menschen fällt es schwer zuzugeben, dass sie einsam sind: Ein Drittel der britischen Angestellten, die sich am Arbeitsplatz einsam fühlen, haben dies noch nie jemandem anvertraut.33 Andere gestehen noch nicht einmal sich selbst ein, dass sie einsam sind, da sie die Einsamkeit als persönliches Versagen werten, anstatt sie als eine Auswirkung bestimmter Lebensumstände und einer ganzen Reihe sozialer, kultureller und wirtschaftlicher Faktoren zu erkennen, die außerhalb der eigenen Kontrolle liegen. Aber vielleicht bewirkt ja die Coronakrise, dass wir offener über Einsamkeit sprechen.

Allerdings wird das Problem zusätzlich aufgrund der Definition von Einsamkeit unterschätzt. Denn Einsamkeit ist einerseits nicht nur nicht dasselbe wie allein zu sein – man kann von Menschen umgeben sein und sich trotzdem einsam fühlen, oder man kann allein sein und sich dennoch nicht einsam fühlen –, sie wird andererseits auch zu eng definiert. Die Einsamkeit, die wir im 21. Jahrhundert verspüren, muss viel weiter gefasst werden, als die traditionelle Definition es bisher getan hat.

WAS IST EINSAMKEIT?

1978 entwickelte ein Forschertrio die UCLA Loneliness Scale, um das individuelle Empfinden von Einsamkeit quantitativ messen zu können. Sie besteht aus 20 Fragen, die nicht nur ermitteln sollen, wie eingebunden, unterstützt und umsorgt sich die Befragten fühlen, sondern auch, wie ausgeschlossen, isoliert und missverstanden. In der Einsamkeitsforschung ist sie bis heute der Goldstandard.34 Der Großteil der in diesem Buch angeführten Studien stützt sich auf diese Skala oder eine Variante davon, um den Grad der Einsamkeit eines Befragten zu bestimmen.

Nehmen Sie sich doch ein paar Minuten Zeit, um den Fragebogen selbst auszufüllen. Dazu kreisen Sie einfach die entsprechende Antwort ein und addieren das Ergebnis.35

 

nie

selten

manchmal

oft

1. Ich fühle mich wohl mit den Menschen in meinem Umfeld.

4

3

2

1

2. Mir fehlt die Gesellschaft anderer Menschen.

1

2

3

4

3. Ich habe niemanden, an den ich mich wenden kann.

1

2

3

4

4. Ich fühle mich allein.

1

2

3

4

5. Ich habe einen Freundeskreis.

4

3

2

1

6. Ich habe mit den Menschen in meinem Umfeld viel gemeinsam.

4

3

2

1

7. Ich habe niemanden mehr, der mir nahesteht.

1

2

3

4

8. Die Menschen in meinem Umfeld haben ganz andere Interessen und Vorstellungen als ich.

1

2

3

4

9. Ich fühle mich aufgeschlossen und freundlich.

4

3

2

1

10. Ich fühle mich anderen Menschen nahe.

4

3

2

1

11. Ich fühle mich ausgeschlossen.

1

2

3

4

12. Meine Beziehungen zu anderen erscheinen mir oberflächlich.

1

2

3

4

13. Niemand kennt mich wirklich gut.

1

2

3

4

14. Ich fühle mich isoliert.

1

2

3

4

15. Wenn ich möchte, kann ich mit anderen zusammen sein.

4

3

2

1

16. Es gibt Menschen, die mich wirklich verstehen.

4

3

2

1

17. Ich fühle mich schüchtern.

1

2

3

4

18. Wenn ich in Gesellschaft bin, fühle ich mich trotzdem allein.

1

2

3

4

19. Ich habe Menschen, mit denen ich reden kann.

4

3

2

1

20. Ich habe Menschen, an die ich mich wenden kann.

4

3

2

1

Und, wie haben Sie abgeschnitten? Bei einer Punktzahl über 43 würde man Sie als einsam einstufen.36 Aber wie würde es sich auf Ihr Ergebnis auswirken, wenn Sie den Begriff der Einsamkeit noch weiter fassten – und nicht nur die Beziehungen zu Freunden, Familie, Arbeitskollegen und Nachbarn einbezögen (wie in der UCLA-Skala üblich), sondern auch Beziehungen zu Ihrem Arbeitgeber, Mitbürgern, Politikern und dem Staat?

Ein wesentlicher Unterschied zwischen meiner Definition von Einsamkeit (wie ich sie in diesem Buch verwende) und der traditionellen Definition ist, dass ich Einsamkeit nicht nur als einen empfundenen Mangel an Liebe, Gesellschaft oder Intimität verstehe. Genauso geht es nicht nur um das Gefühl, von Menschen in unserem täglichen Umfeld – dem Partner, Familie, Freunden und Nachbarn – ignoriert, übersehen oder vernachlässigt zu werden. Es geht vielmehr auch um ein Gefühl von mangelnder Unterstützung oder Vernachlässigung durch unsere Mitbürger, unsere Arbeitgeber, unsere Gemeinde, unsere Regierung. Um ein Gefühl der Entfremdung, nicht nur von Menschen, denen wir eigentlich nahestehen sollten, sondern auch von uns selbst. Nicht nur um mangelnde Unterstützung im gesellschaftlichen oder familiären Kontext, sondern auch um das Gefühl, in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht ausgeschlossen zu sein.

Ich definiere Einsamkeit als einen inneren wie auch existenziellen Zustand – persönlich, gesellschaftlich, wirtschaftlich und politisch.

Insofern entspricht meine Definition eher der von Denkern wie Karl Marx, Émile Durkheim, Carl Gustav (C. G.) Jung oder Hannah Arendt und Schriftstellern wie Isaac Asimov, Aldous Huxley, George Eliot oder, um ein neueres Beispiel zu nennen, Charlie Brooker, dem Schöpfer der Black Mirror-Serie.37

Ich glaube, dass Einsamkeit in ihrer gegenwärtigen Form – beeinflusst durch Globalisierung, Verstädterung, zunehmende Ungleichheit und Machtungleichgewichte, größere Mobilität, bahnbrechende Technologien, Sparmaßnahmen und zuletzt das Coronavirus – noch mehr ist als unser Bedürfnis nach Verbundenheit zu unseren Mitmenschen, unser Wunsch zu lieben und geliebt zu werden und die Traurigkeit, die wir empfinden, wenn wir uns ohne Freunde glauben. Sie umfasst vielmehr auch, wie losgelöst von Politikern und der Politik wir uns fühlen, wie abgeschnitten von unserer Arbeit und unserem Arbeitsplatz, wie ausgeschlossen von gesellschaftlichen Vorteilen und wie machtlos, unsichtbar und überhört sich so viele von uns fühlen. Es ist eine Einsamkeit, die hinausgeht über das menschliche Bedürfnis nach emotionaler Nähe, denn sie ist auch Ausdruck des menschlichen Bedürfnisses, gehört und gesehen zu werden, umsorgt zu werden, frei agieren zu können, freundlich, fair und respektvoll behandelt zu werden. Herkömmliche Maßstäbe von Einsamkeit beinhalten das nur zum Teil.

Mit dieser Definition im Sinn fragen Sie sich doch einmal: Wann hatten Sie zuletzt das Gefühl, abgeschnitten von Ihren Mitmenschen zu sein, ob von Familie, Freunden, Nachbarn oder auch Ihren Mitbürgern? Wann hatten Sie zuletzt das Gefühl, von Ihren gewählten Politikern nicht gehört oder vernachlässigt zu werden oder dass Menschen in Machtpositionen Ihre Probleme egal sind? Wann haben Sie sich zuletzt bei der Arbeit machtlos oder unsichtbar gefühlt?

Sie sind nicht allein.

In den Jahren vor der Coronapandemie waren zwei Drittel aller Menschen, die in einer Demokratie leben, nicht der Ansicht, dass ihre Regierung in ihrem Interesse handelt.38 85 Prozent aller Angestellten weltweit haben das Gefühl, keinen Bezug zu ihrem Unternehmen oder ihrer Arbeit zu haben.39 Nur 30 Prozent der Amerikaner hielten die Mehrheit ihrer Mitmenschen für vertrauenswürdig – ein ziemlich deutlicher Rückgang seit 1984, als es noch die Hälfte waren.40 Ist Ihnen die Welt in Bezug auf dieses Gefühl der Abkapselung voneinander jemals so polarisiert, fragmentiert, gespalten erschienen?

WIE IST ES SO WEIT GEKOMMEN?

In diese Lage sind wir weder zufällig noch über Nacht geraten. Der Hintergrund ist eine Kombination aus Ursachen und Ereignissen, die erklären, warum wir uns heute so vereinsamt und verlassen fühlen, sowohl individuell wie auch als Gesellschaft.

Vielleicht haben Sie es schon geahnt: Unsere Smartphones und insbesondere die sozialen Medien haben dabei eine entscheidende Rolle gespielt. Sie lenken unsere Aufmerksamkeit weg von unseren Mitmenschen, bringen das Schlechteste in uns zum Vorschein, sodass wir immer wütender und tribalistischer werden, lassen uns immer aufwendiger und zwanghafter nach Likes, Retweets und Followern streben und untergraben unsere Fähigkeit, effektiv und einfühlsam zu kommunizieren. Das hat sich selbst während des Coronaviruslockdowns bewahrheitet. Denn während die tägliche Papstmesse per Livestream auf Facebook übertragen wurde, DJ D-Nice eine Instagram-Party mit über 100000 Gästen gab, lokale Facebook-Gruppen gegründet wurden, in denen Nachbarn, die nie zuvor miteinander geredet hatten, Tipps gegen den Lockdownwahnsinn, WiFi-Passwörter und Babymilchpulver austauschten41, eskalierten auf Social-Media-Plattformen rassistische Anfeindungen und Hasskommentare, kursierten Verschwörungstheorien immer schneller, und Eheberater berichteten mir, dass sich immer mehr ihrer Kunden einsam fühlten, da ihre Partner stärker denn je auf ihre Handys fixiert seien.42

Smartphones und soziale Medien sind jedoch nur zwei Teile des Puzzles. Die Ursachen unserer Einsamkeitskrise sind zahlreich und vielfältig. Massive Landflucht, die radikale Umstrukturierung unserer Arbeitswelt und eine von Grund auf veränderte Lebensart sind ebenso kritische Faktoren. Nicht nur, dass wir öfter »alleine bowlen« als noch im Jahr 2000, als der Politikwissenschaftler Robert Putnam sein richtungsweisendes Buch »Bowling Alone« über das amerikanische Alltagsleben veröffentlichte. Wir unternehmen auch generell immer weniger miteinander, zumindest was traditionelle Formen der Zusammenkunft angeht. Dass Menschen in die Kirche oder Synagoge gehen, sich Lehrer- und Elternverbänden oder einer Gewerkschaft anschließen, mit anderen zusammen leben oder essen oder einen guten Freund haben, ist heute in vielen Teilen der Welt sehr viel seltener geworden als noch vor einem Jahrzehnt.43 Auch unser direkter Körperkontakt hat abgenommen: Wir berühren uns seltener und haben weniger Sex.44

Und wenn wir heute etwas »zusammen« machen, geschieht das immer seltener in Gegenwart einer anderen Person: Wir »besuchen« einen Yogakurs per App, »sprechen« mit einem Kundenservice-Chatbot statt mit einem Telefonisten, streamen einen Gottesdienst vom Wohnzimmer aus oder kaufen bei Amazon Go ein, der neuen Supermarktkette des Techgiganten, in der man seine Einkäufe einfach mitnehmen kann, ohne mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen. Bereits vor dem Ausbruch des Coronavirus haben wir uns zunehmend bewusst für ein kontaktloses Leben entschieden.

Zugleich wurde die Infrastruktur der Gemeinschaft – damit meine ich reale Orte, an denen die unterschiedlichsten Menschen zusammenkommen, sich austauschen und verbinden können – bestenfalls ernsthaft vernachlässigt und schlimmstenfalls aktiv zerstört. Ein Prozess, der vielerorts vor der Finanzkrise im Jahr 2008 begann, sich aber vor allem in deren Nachwehen merklich beschleunigte, als Büchereien, öffentliche Parks, Spielplätze, Jugend- und Gemeindezentren im Zuge der Sparpolitik der Regierungen in vielen Teilen der Welt eingestampft wurden. In Großbritannien etwa wurden zwischen 2008 und 2018 ein Drittel aller Jugendklubs und knapp 800 Leihbüchereien geschlossen, während in den USA die Bundesmittel für Büchereien zwischen 2008 und 2019 um über 40 Prozent gekürzt wurden.45 Ein tiefgreifender Einschnitt, denn dies sind nicht nur Orte der Begegnung, es sind Orte, an denen wir Begegnung erlernen; an denen wir Umgangsformen üben und Demokratie leben, und zwar in ihrer inklusiven Form – indem wir lernen, friedlich mit den unterschiedlichsten Menschen zusammenzuleben und mit anderen Ansichten umzugehen. Ohne solche Orte der Zusammenkunft ist es unvermeidbar, dass wir uns immer weiter voneinander entfernen.

JEDER GEGEN JEDEN

Unsere heutige Lebensart, unsere ständig im Wandel begriffene Arbeit, unsere wechselhaften Beziehungen, die Art, in der heute unsere Städte gebaut und unsere Büros entworfen werden, die Art, wie wir miteinander umgehen und wie unsere Regierung mit uns umgeht, unsere Smartphonesucht und sogar, wie wir heute lieben – all das trägt dazu bei, dass wir so einsam geworden sind. Aber wir müssen noch weiter zurückgehen, um genau zu verstehen, wie wir so losgelöst, abgeschottet und isoliert wurden. Denn das Fundament für die Einsamkeitskrise des 21. Jahrhunderts wurde noch vor der Digitaltechnik, vor der jüngsten Urbanisierungswelle, vor dem Wandel unserer Arbeitswelt und der Finanzkrise von 2008 und natürlich auch vor der Coronaviruspandemie gelegt.

Es fing an in den 1980er-Jahren, als eine besonders harte Form des Kapitalismus um sich griff: der Neoliberalismus, eine Ideologie, deren vorrangiger Schwerpunkt auf Freiheit lag – »freie« Wahl, »freie« Märkte, »Freiheit« von Eingriffen durch Regierung oder Gewerkschaften – und die begründet war auf einer idealisierten Form von Eigenständigkeit, dem Prinzip des schlanken Staats und einem rücksichtslosen Konkurrenzdenken, das Eigennutz über Gemeinschaft und Gemeinwohl stellte. Dieses zunächst von Margaret Thatcher und Ronald Reagan verfochtene und später von Politikern der »Neuen Mitte« wie Tony Blair, Bill Clinton und Gerhard Schröder aufgegriffene politische Projekt hat die Handels- und Regierungspraktiken der letzten Jahrzehnte dominiert.

Dass der Neoliberalismus eine so grundlegende Rolle für die heutige Einsamkeitskrise gespielt hat, liegt erstens daran, dass er in vielen Ländern der Welt zu einem deutlich größeren Einkommens- und Wohlstandsgefälle geführt hat.46 CEOs in den USA verdienten 1989 durchschnittlich das 58-fache des durchschnittlichen Arbeitnehmergehalts, 2018 bereits das 278-fache.47 In Großbritannien hat sich der Einkommensanteil, der an das oberste eine Prozent der Haushalte geht, in den letzten 40 Jahren verdreifacht, während die reichsten zehn Prozent jetzt fünfmal so viel Vermögen besitzen wie die untersten 50 Prozent.48 In der Folge fühlte sich ein beträchtlicher Anteil der Bevölkerung lange Zeit abgehängt, abgestempelt als Verlierer in einer Gesellschaft, die nur Zeit für Gewinner hat, auf sich gestellt in einer Welt, in der sich ihre traditionellen Anker – Arbeit und Gemeinschaft – auflösen, soziale Auffangnetze zerfallen und ihr gesellschaftlicher Status sinkt. Wenngleich Einsamkeit auch höhere Einkommensgruppen betrifft, so sind wirtschaftlich schlechter gestellte Menschen doch überproportional oft einsam.49 Angesichts aktueller Arbeitslosenzahlen und wirtschaftlich schwieriger Zeiten müssen wir dies besonders berücksichtigen.

Zweitens hat der Neoliberalismus großen Unternehmen und Finanzinstitutionen immer mehr Macht und Freiheiten gegeben und Aktionären und Finanzmärkten die Gestaltung der Spielregeln und Arbeitsbedingungen überlassen, und zwar zu einem hohen Preis für Arbeitnehmer und die Gesellschaft insgesamt. Zur Jahrzehntwende waren weltweit mehr Menschen denn je der Ansicht, dass der Kapitalismus in seiner heutigen Form mehr schadet als nützt. In Deutschland, Großbritannien, den Vereinigten Staaten und Kanada teilte rund die Hälfte der Bevölkerung diese Auffassung, und viele darunter hatten den Eindruck, der Staat habe sich dem Markt so weit unterworfen, dass er sie aus dem Blickfeld verloren habe oder nicht mehr auf ihre Bedürfnisse höre.50 Sich derart vernachlässigt, unsichtbar und machtlos zu fühlen, macht einsam. Die massiven Eingriffe der Regierungen ab dem Frühjahr 2020 zur Unterstützung ihrer Bürger standen in völligem Widerspruch zum Wirtschaftsethos der vergangenen 40 Jahre, das ein Kommentar von Ronald Reagan aus dem Jahr 1986 auf den Punkt bringt: »Die neun furchterregendsten Wörter der englischen Sprache sind: ›Ich bin von der Regierung und möchte Ihnen helfen.‹« Auch wenn die vielfältigen Coronakonjunkturprogramme den Aufbruch zu einem Neuansatz eingeläutet haben, werden uns die langfristigen sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen des Neoliberalismus noch lange begleiten.

Drittens hat der Neoliberalismus nicht nur wirtschaftliche Beziehungen, sondern auch unsere Beziehungen zueinander grundlegend verändert. Denn der neoliberale Kapitalismus war immer mehr als eine Wirtschaftspolitik, wie Margaret Thatcher deutlich machte, als sie 1981 der Sunday Times erklärte: »Wirtschaft ist die Methode; das Ziel ist, Herz und Seele zu verändern.«51 In vielerlei Hinsicht hat der Neoliberalismus dieses Ziel erreicht. Denn er hat die Art, wie wir einander sahen und gegenseitige Verpflichtungen wahrnahmen, von Grund auf verändert, indem Eigenschaften wie extremes Konkurrenzdenken und die Verfolgung eigener Interessen aufgewertet wurden, ungeachtet der weitreichenden Konsequenzen.

Dabei ist der Mensch an sich nicht egoistisch – Forschungen in der Evolutionsbiologie belegen das.52 Doch während Politiker eine eigennützige »Jeder gegen jeden«-Mentalität vertraten und »Gier ist gut« (der berühmte Leitsatz der Figur Gordon Gekko im Film Wall Street aus dem Jahr 1987) dem Neoliberalismus als Slogan diente, wurden Eigenschaften wie Solidarität, Güte und gegenseitige Fürsorge nicht nur unterbewertet, sondern für irrelevante menschliche Wesenszüge erachtet. Im Neoliberalismus wurden wir reduziert auf den Homo oeconomicus, den rationalen Menschen, der nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist.

Selbst in der Entwicklung unserer Sprache konnten wir diesen Einfluss beobachten. Kollektivistische Wörter wie »dazugehören«, »Verpflichtung«, »teilhaben« und »gemeinsam« wurden seit den 1960er-Jahren zunehmend verdrängt durch individualistische Wörter und Ausdrücke wie »erreichen«, »besitzen«, »persönlich« und »besonders«.53 Sogar Texte von Popsongs zeigten sich in den letzten 40 Jahren immer individualistischer; in der lyrischen Vorstellungskraft der heutigen Generation haben »ich« und »mir« die Pronomen »wir« und »uns« ersetzt.54 1977 verkündeten Queen »We are the champions« und David Bowie »We could be heroes«. 2013 erklärte Kanye West »I am a God«, während sich Ariana Grande mit ihrem Hit »Thank U, Next« ihre eigene Liebeserklärung schrieb.

Diese Entwicklung ist nicht nur im Westen zu beobachten. Als Forscher der Chinesischen Akademie der Wissenschaften und der Nanyang Business School in Singapur die jeweils zehn beliebtesten Songs der Jahre 1970 bis 2010 analysierten, stellten sie fest, dass darin Pronomen in der ersten Person wie »ich«, »mir« und »mein« im Laufe der Jahrzehnte immer öfter verwendet wurden, während der Gebrauch von »wir«, »uns« und »unsere« abnahm.55 So hat sich selbst in einem Land, das traditionell von Massensolidarität und Kollektivismus geprägt ist und in dem der Staat stets die Kontrolle behält, eine gewissermaßen überindividualistische neoliberale Mentalität ausgebreitet.

Der Neoliberalismus hat dazu geführt, dass wir uns als Konkurrenten statt als Verbündete verstehen, als Verbraucher statt als Bürger, Sammler statt Teiler, Nehmer statt Geber, Geschäftemacher statt Helfer; Menschen, die nicht nur zu beschäftigt sind, sich um ihre Nachbarn zu kümmern, sondern noch nicht einmal wissen, wie diese heißen. Und wir als Gemeinschaft haben es so weit kommen lassen. In vielerlei Hinsicht war diese Reaktion durchaus nachvollziehbar. Denn im neoliberalen Kapitalismus stellt sich die Frage: Wenn nicht ich für »ich« da bin, wer dann? Der Markt? Der Staat? Unser Arbeitgeber? Unser Nachbar? Wohl kaum. Das Problem ist, dass eine solche ichbezogene Gesellschaft, in der Menschen meinen, an sich selbst denken zu müssen, weil es kein anderer tut, unweigerlich eine einsame Gesellschaft ist.

So entsteht außerdem schnell ein sich selbst erhaltender Kreislauf. Denn wer sich nicht einsam fühlen will, muss auch geben, um zu nehmen, für andere sorgen, um selbst versorgt zu werden, freundlich und respektvoll mit anderen umgehen, um auch selbst so behandelt zu werden.

Wenn wir wieder eine Verbindung zueinander finden wollen in dieser zerfaserten Welt, müssen wir den Kapitalismus wieder mit dem Streben nach Gemeinwohl verbinden und Fürsorge, Mitgefühl und Kooperation in dessen Mittelpunkt rücken, wobei diese Verhaltensweisen auch für den Umgang mit Menschen gelten müssen, die anders sind als wir. Das ist die eigentliche Herausforderung: wieder eine Verbindung aufzubauen nicht nur zu den Menschen aus unserem direkten Umfeld, sondern auch zu einer viel größeren Gemeinschaft, der wir letztlich angehören. In Post-Corona-Zeiten ist das notwendiger, aber auch erreichbarer denn je.

Dieses Buch betrachtet nicht nur das Ausmaß der Einsamkeitskrise des 21. Jahrhunderts, wie es dazu gekommen ist und inwiefern sie sich noch verschlimmern wird, wenn wir nichts dagegen unternehmen. Es ist auch ein Aufruf zum Handeln. An Regierungen und Unternehmen allemal – Einsamkeit hat klare strukturelle Ursachen, die in Angriff genommen werden müssen. Aber auch an jeden Einzelnen von uns als Individuum.

Denn Gesellschaft wird uns nicht einfach nur zugemutet, wir »machen« auch Gesellschaft, wir nehmen an ihr teil und gestalten sie. Wenn wir diesen destruktiven Weg der Einsamkeit beenden und den verlorenen Sinn für Gemeinschaft und Zusammenhalt wiederherstellen wollen, müssen wir uns eingestehen, dass dazu Schritte unternommen werden müssen und Kompromisse notwendig sind – zwischen Individualismus und Kollektivismus, zwischen Eigennutz und gesellschaftlichem Wohl, zwischen Anonymität und Vertrautheit, zwischen Bequemlichkeit und Engagement, zwischen dem, was richtig für uns selbst und was das Beste für die Gemeinschaft ist, zwischen Freiheit und Brüderlichkeit. Keine binären Entscheidungen, die aber doch die Aufgabe zumindest einiger Freiheiten erfordern, die uns der Neoliberalismus fälschlicherweise ohne Gegenleistung versprochen hat.

Die Erkenntnis, dass jeder Einzelne von uns bei der Bekämpfung der Einsamkeitskrise eine entscheidende Rolle spielt, steht im Mittelpunkt dieses Buches. Die erneute Zusammenführung der Gesellschaft kann nicht allein durch von oben verordnete Initiativen von Regierungen, Institutionen und Großunternehmen gelingen, auch wenn die Zergliederung der Gesellschaft im Wesentlichen auf diese Weise erfolgt ist.

In diesem Buch werde ich daher immer wieder Ideen, Gedanken und Beispiele dazu vorstellen, wie wir gegen den aktuellen Trend der Spaltung, Isolation und Einsamkeit angehen können, nicht nur auf politischer und wirtschaftlicher, sondern auch auf persönlicher Ebene.

Dies ist das Zeitalter der Einsamkeit, aber das muss es nicht sein.

Die Zukunft liegt in unseren Händen.

KAPITEL ZWEI
EINSAMKEIT KOSTET LEBEN

»Ich habe Halsschmerzen. Es brennt so. Es tut wirklich weh. Ich kann nicht in die Schule.«

Es ist 1975. Im Radio läuft »Bohemian Rhapsody«, Margaret Thatcher wurde kürzlich Oppositionsführerin im britischen Unterhaus, der Vietnamkrieg ist gerade vorbei, und ich habe zum sechsten Mal in diesem Jahr eine Mandelentzündung.

Wieder geht meine Mutter mit mir zum Arzt. Wieder gibt sie mir Penbritin, das widerlich süße Antibiotikum, das nach Zuckerwatte und Anis schmeckt. Wieder zerdrückt sie mir eine Banane und reibt mir einen Apfel – das Einzige, was ich mit meinem brennenden Hals hinunterbekomme. Wieder gehe ich nicht zur Schule.

Für mich ist 1975 das Jahr der ständigen Halsschmerzen, der laufenden Nase und der grippalen Infekte. Es ist außerdem das Jahr, in dem Sharon Putz in meiner Grundschule das Sagen hat. Das Jahr, in dem ich mich am meisten isoliert und allein fühle. In den Pausen saß ich jeden Tag alleine da, sah den anderen Kindern auf dem Schulhof beim Seilhüpfen oder Hüpfekästchenspielen zu und hoffte, sie würden fragen, ob ich mitspielen wolle. Sie haben mich nie gefragt.

Auf den ersten Blick erscheint es vielleicht weit hergeholt, meine damalige Einsamkeit mit meinen geschwollenen Mandeln und meinem schmerzenden Rachen in Verbindung zu bringen. Aber wie sich herausstellt, hat Einsamkeit auch körperliche Auswirkungen. Und ein einsamer Körper ist, wie wir in diesem Kapitel sehen werden, kein gesunder Körper.

EINSAME KÖRPER

Denken Sie doch einmal zurück – wann haben Sie sich zuletzt einsam gefühlt (vielleicht auch nur für kurze Zeit)? Wie hat sich die Einsamkeit in Ihrem Körper angefühlt? Wo haben Sie sie gespürt?

Einen einsamen Menschen stellen wir uns oft als passiv, ruhig und schweigsam vor. Und wenn wir uns an die einsamsten Momente in unserem Leben erinnern, denken wir nicht direkt an Herzklopfen, rasende Gedanken oder andere typische Stresssymptome. Wir verbinden Einsamkeit vielmehr mit Stille. Doch die chemische Präsenz von Einsamkeit in unserem Körper – wo sie sich manifestiert und welche Hormone sie durch unsere Adern schickt – entspricht im Wesentlichen dem Kampf-oder-Flucht-Mechanismus, mit dem wir auf Bedrohungen reagieren.1 Es ist diese Stressreaktion, welche die oft schleichenden gesundheitlichen Auswirkungen von Einsamkeit hervorruft.2 Die gesundheitlichen Folgen sind oft gravierend, in den schlimmsten Fällen sogar tödlich. Wenn wir also von Einsamkeit sprechen, meinen wir nicht nur seelische, sondern auch körperliche Einsamkeit. Beide gehen Hand in Hand.

Dabei ist unser Körper durchaus an Stressreaktionen gewöhnt – wir sind ihnen mehr oder weniger regelmäßig ausgesetzt. Eine wichtige Präsentation bei der Arbeit, eine brenzlige Verkehrssituation beim Radfahren, ein Strafstoß, den unsere Fußballmannschaft einstecken muss – all das sind alltägliche Auslöser für Stress. Aber sobald die »Bedrohung« vorüber ist, sinken unsere Vitalwerte – Puls, Blutdruck, Atmung – wieder auf den Normalwert. Wir sind in Sicherheit. In einem einsamen Körper dagegen funktioniert weder die Stressreaktion noch die Regeneration so, wie sie sollte.

Wenn ein einsamer Körper Stress ausgesetzt ist, steigen die Werte von Cholesterin, Blutdruck und des »Stresshormons« Cortisol schneller an als in einem nichteinsamen Körper.3 Noch dazu summiert sich bei chronisch Einsamen dieser vorübergehende Anstieg von Blutdruck und Cholesterin mit der Zeit, da die Amygdala – jene Hirnregion, die für die Kampf-oder-Flucht-Reaktion verantwortlich ist – oft viel länger als üblich Gefahr signalisiert.4 Dies führt zu einer erhöhten Produktion weißer Blutkörperchen und höheren Entzündungswerten, was in akuten Stresssituationen zwar hilfreich sein kann, auf lange Sicht jedoch gravierende Nebenwirkungen hat.5 Denn ein chronisch entzündeter einsamer Körper, dessen Immunsystem überbelastet und geschwächt ist, ist anfällig für weitere Erkrankungen, die er normalerweise viel besser bekämpfen könnte, wie etwa Erkältungen, Grippe oder auch Mandelentzündung, meine alte Widersacherin von 1975.6

Ein einsamer Körper ist außerdem anfälliger für schwere Krankheiten. Wenn Sie einsam sind, haben Sie ein 29 Prozent höheres Risiko für die koronare Herzkrankheit, ein 32 Prozent höheres Schlaganfallrisiko und ein 64 Prozent höheres Risiko für eine klinische Demenz.7 Fühlen Sie sich einsam oder sozial isoliert, steigt Ihr Risiko, vorzeitig zu sterben, um 30 Prozent.8

Auch wenn die schädlichen Folgen für unsere Gesundheit immer weiter zunehmen, je länger wir uns einsam fühlen, können sich schon kurze Phasen der Einsamkeit negativ auf unser Wohlbefinden auswirken.9 Bei einer in den 1960er- und 1970er-Jahren durchgeführten Studie der Johns Hopkins University, Baltimore, für die junge Medizinstudenten über einen Zeitraum von 16 Jahren begleitet wurden, zeigte sich ein interessantes Muster: Diejenigen Probanden, die eine einsame Kindheit erlebt hatten und deren Eltern gleichgültig und distanziert gewesen waren, wiesen im späteren Leben eine höhere Wahrscheinlichkeit auf, an Krebs zu erkranken.10 Auch bei einer 2010 durchgeführten Studie mit Teilnehmern, die eine durch äußere Umstände ausgelöste Phase der Einsamkeit erlebt hatten, etwa durch den Tod des Partners oder den Umzug in eine neue Stadt, zeigte sich eine verringerte Lebenserwartung der Probanden, obwohl deren Einsamkeit zeitlich begrenzt gewesen war (in diesem Fall auf zwei Jahre).11 Angesichts der längeren Zwangsisolation, wie sie die meisten von uns 2020 erlebt haben, sind dies besonders beunruhigende Ergebnisse.

Wir werden uns noch genauer ansehen, warum Einsamkeit so großen Schaden in unserem Körper anrichtet. Zuerst aber richten wir den Blick auf den Gegenpol der Einsamkeit – Gemeinschaft – und deren Auswirkungen auf unsere Gesundheit. Denn wenn uns Einsamkeit krank macht – erhält uns ein Gefühl der Gemeinschaft dann gesund?

Das Gesundheitsgeheimnis der Charedim:

Butterig, sahnig, salzig, süß. Das Rugelach zerschmilzt auf meiner Zunge. Genau wie mein erster Bissen von einer Gerbeaud-Schnitte, einem traditionell jüdisch-ungarischen Schichtkuchen aus Schokolade, Walnüssen und Aprikosenmarmelade. Ich befinde mich in der Bäckerei Katz in der israelischen Stadt Bnei Berak, eine der beliebtesten Stationen der Charedim-Food-Tour.

Die Charedim gehören einer ultraorthodoxen Strömung des Judentums an, deren Ursprünge im 19. Jahrhundert liegen.12 Die sittsam gekleidete Gemeinschaft in schwarzen Hüten und weißen Hemden macht heute etwa zwölf Prozent der israelischen Bevölkerung aus; Hochrechnungen zufolge soll ihr Anteil bis 2030 auf 16 Prozent steigen.13 Ich finde all die Teilchen, die ich bei Katz probiere, wirklich köstlich. Aber gesund sind sie sicher nicht. Tatsächlich liefern die vor Butter, Zucker und Fett strotzenden Gebäckstücke wohl die Erklärung dafür, dass Übergewicht unter den Charedim siebenmal häufiger auftritt als bei säkularen jüdischen Israelis.14 Als ich Pini, den gut gelaunten charedischen Leiter der Tour, frage, wie viel Gemüse und Ballaststoffe ein traditionelles charedisches Gericht enthält, lacht er – »nicht viel«.

Die Ernährung ist nicht der einzige ungesunde Aspekt ihrer Lebensweise. Obwohl sie in einem Land mit durchschnittlich 288 Sonnentagen im Jahr lebt, weist diese Gruppe einen deutlichen Vitamin-D-Mangel auf. Die sittsame Kleiderordnung bedeutet, dass kaum mehr als ein Handgelenk der Sonne ausgesetzt ist. Und körperliche Betätigung? Größere Anstrengungen werden in der Regel vermieden.15 Allen heutigen Maßstäben nach führen Pini und seine Glaubensgenossen keinen sehr gesunden Lebensstil.

Auch was die finanzielle Absicherung angeht, stehen sie schlechter da. Der Großteil der Männer geht keiner Arbeit nach, um sich ganz dem Studium der Thora widmen zu können. Und obwohl 63 Prozent der charedischen Frauen berufstätig sind, oft als Alleinverdiener der Familie, können sie wegen ihrer umfangreichen häuslichen Pflichten (die durchschnittliche charedische Frau hat 6,7 Kinder, drei Kinder mehr als im israelischen Landesdurchschnitt) nicht so viele Arbeitsstunden leisten wie nichtorthodoxe Frauen.16 Noch dazu arbeiten sie oft in eher schlecht bezahlten Berufen, etwa als Lehrerinnen.17 In der Folge leben über 54 Prozent der Charedim unterhalb der Armutsgrenze, im Gegensatz zu neun Prozent der nichtcharedischen Juden; und ihr durchschnittliches monatliches Pro-Kopf-Einkommen (3500 Schekel, ca. 890 Euro) ist nur halb so hoch wie das ihrer weniger religiösen jüdischen Mitbürger.18

Unter all diesen Umständen würde man vermuten, dass die Charedim eine kürzere Lebenserwartung haben als die israelische Gesamtbevölkerung; schließlich zeigt eine überwältigende Mehrheit von Studien weltweit, dass Langlebigkeit deutlich in Zusammenhang steht mit Ernährung, körperlicher Betätigung und dem sozioökonomischen Status.

Doch die Charedim scheinen diesen Erkenntnissen zu trotzen. Fast drei Viertel der Charedim bezeichnen ihren Gesundheitszustand als »sehr gut«, was in anderen Bevölkerungsgruppen nur 50 Prozent angeben.19 Vielleicht würden wir diese Statistik als durch Wunschdenken verzerrte Selbsteinschätzung abtun, wäre ihre Lebenserwartung nicht tatsächlich überdurchschnittlich hoch.20 Die drei Städte, in denen in Israel die Mehrheit der Charedim lebt – Bet Schemesch, Bnei Berak und Jerusalem – weisen allesamt eine ausnehmend hohe Lebenserwartung auf.21 In Bnei Berak, wo 95 Prozent der Einwohner Charedim sind, liegt die Lebenserwartung bei Geburt ganze vier Jahre höher, als es das sozioökonomische Ranking der Stadt erwarten ließe.22 Die charedischen Männer in diesen Städten leben drei Jahre länger, die Frauen knapp 18 Monate länger, als man annehmen würde. Weitere Studien zeigten, dass auch die selbst berichtete Lebenszufriedenheit unter den Charedim größer ist als unter säkularen oder moderat religiösen israelischen Juden oder arabischen Israelis.23

Natürlich könnte man meinen, dass bei dieser Gemeinschaft, deren Vorfahren zu einem Gutteil aus denselben polnischen oder russischen Schtetln stammten und von denen die meisten untereinander heiraten, die gute Gesundheit einfach genetisch bedingt ist. Tatsächlich aber führt eine Begrenzung des Genpools im Laufe der Zeit eher zu genetischen Störungen als zu verlängerter Lebensdauer.

Genauso könnte man die bessere Gesundheit der Charedim auch auf ihren Glauben zurückführen – zahlreiche Studien deuten darauf hin, dass sich religiöse Gläubigkeit positiv auf die Gesundheit auswirkt. Dieser Effekt wird jedoch weniger dem Glauben an sich, sondern vielmehr der Teilhabe an der jeweiligen Glaubensgemeinschaft zugeschrieben.24 Wie eine viel zitierte Studie zeigt, ist es die Teilnahme am Gottesdienst, nicht das bloße Selbstverständnis als »religiös«, wodurch die Lebenserwartung wohl um ganze sieben Jahre verlängert werden kann.25

Die Gemeinschaft, deren Wert bei dem neoliberalen Fokus auf Individualismus und Eigeninteresse völlig aus dem Blick geriet, ja verleugnet wurde, scheint schon für sich genommen einen gesundheitlichen Nutzen zu bieten.

Und den Charedim bedeutet Gemeinschaft alles.

Diese eng verbundene Gruppe verbringt so gut wie jede wache Stunde mit Beten, ehrenamtlichen Aufgaben, Lernen und Arbeiten. Ihr Jahr ist strukturiert durch Feste und Feiertage, an denen die Gemeinschaft zusammenkommt. Beim Laubhüttenfest laden die Familien Gäste in ihre Sukkas ein – mit Palmzweigen gedeckte Hütten, in denen sie eine Woche lang essen und übernachten. Zum Purimfest drängen sich kostümierte Feiernde auf den Straßen – bei einer Stimmung wie an Karneval und Halloween zugleich. Zu Chanukka kommen Freunde, Nachbarn und die Freunde der Nachbarn zusammen, um die Lichter der Menora anzuzünden und mit Marmelade gefüllte Krapfen zu essen. Hochzeiten, Bar-Mizwas und Trauerfeiern bringen gleich mehrere Tage lang ganze Scharen an Gästen zusammen. Und natürlich versammeln sich jeden Freitagabend sämtliche Enkel, Cousins, Cousins zweiten Grades und angeheiratete Verwandten um den Esstisch, um das Brot zu brechen und gemeinsam den Sabbat einzuläuten.

Doch die Charedim beten und feiern nicht nur gemeinsam, in der Not unterstützen sie einander auch mit konkreten Hilfeleistungen. Ob mit Kinderbetreuung, gekochten Mahlzeiten, Begleitung zu Arztbesuchen, Rat und Beistand oder, wenn nötig, sogar mit finanzieller Unterstützung – in harten Zeiten und schwierigen Lebensumständen stehen sie einander bei. Insofern überrascht es nicht, dass sich nur elf Prozent der Charedim als einsam bezeichnen, im Gegensatz zu 23 Prozent der israelischen Gesamtbevölkerung.26

Dov Chernichovsky, Professor für Gesundheitsökonomie und – politik an der Ben-Gurion-Universität des Negev, erforscht die Charedim seit Jahren. Auch er schreibt dem Glauben eine wichtige Rolle bezüglich der überdurchschnittlichen Lebenserwartung der Charedim zu, für noch entscheidender hält er aber deren engen familiären und gemeinschaftlichen Zusammenhalt.27 »Einsamkeit verkürzt das Leben, Freundschaft macht das Leben leichter«, bringt er es auf den Punkt. Im Fall der Charedim liegt das Geheimnis eines längeren, gesünderen Lebens vielleicht tatsächlich in gegenseitiger Fürsorge und Unterstützung.

GESUNDHEITSFAKTOR GEMEINSCHAFT

Die Charedim sind in der Hinsicht keine Ausnahme.

Die gesundheitlichen Vorzüge von Gemeinschaft wurden erstmals in den 1950ern in der Kleinstadt Roseto, Pennsylvania, festgestellt, als ansässigen Ärzten auffiel, dass die Bewohner wesentlich seltener unter Herzerkrankungen litten als in einer vergleichbaren Nachbarstadt. Weitere Nachforschungen ergaben, dass die Todesrate der über 65-jährigen männlichen Einwohner von Roseto um die Hälfte niedriger lag als der Landesdurchschnitt, obwohl sie in den umliegenden Steinbrüchen körperliche Schwerstarbeit leisteten, filterlose Zigaretten rauchten, in Schmalz gebratene Fleischbällchen aßen und täglich Wein tranken.28 Warum? Forscher kamen zu dem Schluss, dass die soliden Familienbande und der gemeinschaftliche Zusammenhalt der überwiegend italoamerikanischen Rosetaner für deren überdurchschnittlich gute Gesundheit verantwortlich waren. Eine Folgestudie aus dem Jahr 1992, wofür die Krankenakten der Einwohner Rosetos aus den letzten 50 Jahren hinzugezogen wurden, konnte diese These weiter untermauern. Zum Zeitpunkt der Folgestudie war die Todesrate in Roseto aufgrund der »Auflösung der traditionell engen Familien- und Gemeinschaftsstrukturen« ab den späten 1960ern wieder auf den Durchschnittswert gestiegen.29 Während die Reichsten unter ihnen ihren Wohlstand immer mehr zur Schau stellten, die Läden im Ort den außerhalb errichteten großen Warenhäusern weichen mussten und Einfamilienhäuser mit umzäunten Gärten die Mehrgenerationenarrangements ablösten, versiegte allmählich die gesundheitsfördernde Wirkung ihrer Gemeinschaft.30 Andere Beispiele für solche Gemeinschaften mit starkem Zusammenhalt, welche die Gesundheit ihrer Mitglieder schützen, sind etwa die lebenslangen Einwohner Sardiniens und der japanischen Insel Okinawa oder die Siebenten-Tags-Adventisten in Loma Linda, Kalifornien. Diese Regionen sind auch als »Blaue Zonen« bekannt: Orte, an denen nicht allein die Ernährung für die besonders hohe Lebenserwartung verantwortlich ist, sondern auch die starken und beständigen sozialen Bindungen.31 Orte wie Bnei Berak oder das Roseto der 1950er-Jahre, wo man – in den Worten von Dan Buettner, Mitglied der National Geographic Society und Begründer des Begriffs der Blauen Zonen – »keinen Schritt vor die Tür machen kann, ohne einen Bekannten zu treffen«.32

Allerdings darf man Gemeinschaft auch nicht allzu sehr romantisieren. Gemeinschaften haben schon ihrer Definition nach etwas Ausgrenzendes und können überaus engstirnig und Außenstehenden gegenüber ablehnend sein. Andersartigkeit oder Unangepasstheit wird oft nicht toleriert, ob es um verschiedene Interessen, unkonventionelle Familienstrukturen oder alternative Glaubensrichtungen oder Lebensarten geht. Wer etwa bei den Charedim oder den Siebenten-Tags-Adventisten die gemeinschaftlichen Normen missachtet, der wird womöglich erfahren, mit welch gnadenloser Härte und Leichtigkeit man aus der Gemeinschaft verbannt werden kann.

Doch für die Mitglieder solcher Enklaven birgt die Gemeinschaft offensichtlich einen gesundheitlichen Vorteil; nicht nur durch die konkrete Unterstützung, die sie bietet, oder das beruhigende Gefühl, andere Menschen an seiner Seite zu wissen, sondern auch durch etwas viel Grundlegenderes, das seinen Ursprung in unserer tiefsten evolutionären Vergangenheit hat: Wir sind darauf programmiert, nicht allein zu sein.

GEMEINSCHAFTSTIER

Der Mensch ist, wie auch alle anderen Primaten, ein geselliges Wesen. Um zu funktionieren, sind wir angewiesen auf komplexe Gruppengefüge, von der chemischen Urverbindung zwischen Mutter und Kind über größere Familieneinheiten bis hin zu den gewaltigen Nationalstaaten der Gegenwart. Tatsächlich lässt sich der Aufstieg des Menschen an die Spitze der Nahrungskette unseres Planeten in vielerlei Hinsicht auf unser engagiertes Miteinander zurückführen: von unserer Entwicklung ausgefeilter Gruppentechniken als Jäger und Sammler bis hin zu kollektiven Verteidigungsstrategien.33 In der Geschichte unserer Spezies war ein einsamer Mensch noch bis vor Kurzem buchstäblich in Lebensgefahr – verletzlich in einer Welt, in der man nur als Gruppe überleben kann. Mit anderen verbunden zu sein, entspricht nicht nur unserer Natur, wir sehnen uns auch danach, ob bewusst oder unbewusst.

Aus diesem Grund wirkt es sich so deutlich negativ auf unsere Gesundheit aus, wenn wir nicht miteinander verbunden sind. Denn damit wir nicht in einem Zustand verweilen, der unserem Überleben abträglich ist, hat die Evolution unseren Körper mit einer biologischen Reaktion auf das Alleinsein ausgestattet, die uns in einen Alarmzustand versetzt und physiologisch wie auch psychologisch so unangenehm ist, dass wir ihn so schnell wie möglich beenden wollen.

In mancher Hinsicht ist unsere Fähigkeit, sich einsam zu fühlen, Schmerz und innere Unruhe zu verspüren, wenn wir von anderen Menschen abgeschnitten sind, ein Geniestreich der Evolution. »Wir sollten nie versuchen, den Reiz zur Empfindung von Einsamkeit abzuschalten«, meint Professor John Cacioppo von der University of Chicago, einer der Pioniere der Einsamkeitsforschung. »Das wäre so, als würde man sein Hungergefühl abschalten. Man hätte keinen Anreiz mehr, zu essen.«34

Doch in der heutigen Welt, die der Landschaft, in der unsere Vorfahren diesen Reiz entwickelt haben, so wenig ähnelt, erscheint er eher als Defekt denn als positives Gestaltungselement. Wie mir Professor Anton Emmanuel vom University College Hospital in London erklärte, ist die Stressreaktion, die durch Einsamkeit ausgelöst wird, vergleichbar mit dem Fahren im ersten Gang: Es ist die effizienteste Art zu beschleunigen, und es bringt einen voran. Aber wenn man die ganze Fahrt über, oder schlimmer noch, auf mehreren Fahrten im ersten Gang bleibt, überdreht, überlastet und beschädigt man dadurch den Motor. Autos sind nicht darauf ausgelegt, immer nur im ersten Gang zu fahren, so wie unser Körper nicht darauf ausgelegt ist, immer nur einsam zu sein. Ist es da noch verwunderlich, dass ein Körper, der dieser Art von Stress immer und immer wieder ausgesetzt ist, irgendwann Schäden davonträgt?

Der bedeutende schottische Mediziner William Cullen stellte im 18. Jahrhundert als einer der ersten Ärzte einen Zusammenhang zwischen Einsamkeit und Krankheit her. Eine seiner Patientinnen, »Mrs. Rae«, litt an einer mysteriösen Erkrankung, gegen die er Kakao, Ausritte, Stahltinktur und – für uns von besonderem Interesse – Gesellschaft verschrieb. »Ganz gleich wie unpässlich, sollte sie doch Freunde empfangen und besuchen«, lautete sein Rat. »Stille & Einsamkeit sind zu vermeiden.«35

Mittlerweile konnte der gesundheitliche Nutzen guter Beziehungen in einer Reihe von Forschungsprojekten nachgewiesen werden. In der berühmten Harvard-Studie zur Erwachsenenentwicklung (Grant-Studie) begleiteten Forscher 238 männliche Harvard-Studenten ab 1938 über mehr als 80 Jahre. Sie hielten fest, wie viel Sport sie trieben, wie sich ihre Ehen und Karrieren entwickelten und schließlich auch ihre Lebensdauer.36 (Unter den ursprünglichen Rekruten waren der spätere US-Präsident John F. Kennedy und Ben Bradlee, Chefredakteur der Washington Post, der später von Tom Hanks im Film Die Verlegerin verewigt wurde.) Wie sich herausstellte, waren unter den 80-Jährigen diejenigen am gesündesten, die 30 Jahre zuvor am zufriedensten mit ihren Beziehungen gewesen waren. Und dieser Vorteil war nicht nur den privilegierten Harvard-Studenten der 1930er-Jahre vorbehalten. Er zeigte sich auch in einer gemischteren Gruppe aus den ärmeren Vierteln Bostons, die über einen gleichen Zeitraum hinweg untersucht wurde. Wie Robert Waldinger, der heutige Leiter der Studie, bemerkte: »Auf die körperliche Gesundheit zu achten ist wichtig, aber auch Beziehungspflege ist eine Form der Selbstfürsorge. Das halte ich für die eigentliche Erkenntnis.«37

Natürlich können wir schlechte Beziehungen von Einsamkeit abgrenzen; und wie bereits herausgestellt wurde, ist Einsamkeit nicht nur ein Ausdruck unserer mangelnden Verbundenheit zu anderen Individuen, sondern auch zu Gruppen, Institutionen und der Gesellschaft als Ganzer. Hunderte medizinische Studien stellen jedoch nicht nur einen gesundheitlichen Nutzen von Gemeinschaft und Verbundenheit heraus, sondern auch ernst zu nehmende Risiken von Einsamkeit, selbst in ihrer enger gefassten Definition.

Die Frage ist daher: Ist Einsamkeit schlicht einer von vielen alltäglichen Stressfaktoren, die allesamt dazu beitragen, dass es mit unserer Gesundheit bergab geht, oder ist an dem durch Einsamkeit verursachten Stress irgendetwas anders, das schwerwiegende Gesundheitsprobleme verursacht? Die Antwort liegt offenbar irgendwo dazwischen.

Zum einen ist der einsame Körper tatsächlich ein gestresster Körper: ein Körper, der schnell erschöpft und übermäßig entzündet ist. Entzündungen an sich sind nichts Schlechtes, im üblichen Maß sind sie ein hilfreicher Teil des körpereigenen Abwehrmechanismus gegen Infektionen und Verletzungen, darauf ausgelegt, schädliche Reize zu lokalisieren und dem Körper zur Heilung zu verhelfen. Ohne Entzündung – die sich üblicherweise durch Schwellung und Rötung äußert – wäre Heilung sogar unmöglich.38 Das Problem liegt darin, dass eine normale Entzündung zurückgeht, sobald der Krankheitserreger bekämpft oder die Verletzung geheilt ist. Doch bei Einsamkeit, insbesondere bei chronischer Einsamkeit, gibt es keinen Ausschalter, damit sich der Körper beruhigen und wieder Viren bekämpfen kann. So kann durch Einsamkeit ausgelöste Entzündung chronisch werden – das neue Normal.39 Und chronische Entzündung steht mit einer ganzen Reihe von Erkrankungen in Zusammenhang, darunter verstopfte Arterien, Herzerkrankungen, Schlaganfall, Depressionen, Arthritis, Alzheimer und Krebs. Tatsächlich ergab eine Review der medizinischen Fachliteratur zu dem Thema, dass chronische Entzündungen, die lange nur mit Infektionskrankheiten in Verbindung gebracht wurden, nun auch »einen engen Zusammenhang zu zahlreichen nichtinfektiösen Krankheiten aufweisen«, mit dem beunruhigenden Nachsatz, »vielleicht sogar zu allen«.40

Zum anderen ist Einsamkeit eine Form von Stress, welche die Auswirkungen anderer Arten von Stress massiv verstärken kann. Ein Beispiel hierfür liefert unser Immunsystem. Ein gesunder Körper sorgt durch verschiedene Mechanismen dafür, dass schädliche Einflüsse bekämpft werden, ob Krankheitserreger – Bakterien und Viren – oder Krebszellen. Einsamkeit reduziert nachweislich die Effizienz dieser Mechanismen im Kampf gegen beide Gefahren: Sie macht uns schwächer und anfälliger für Erkrankungen, insbesondere für durch Viren verursachte.41

Darüber hinaus schädigt Einsamkeit unser Immunsystem nicht nur durch einen anhaltenden »Alarmzustand« – wie das Auto, das acht Stunden lang im ersten Gang gefahren ist –, sie wirkt auch auf zellulärer und hormoneller Ebene auf uns ein. Eine einflussreiche Studie deutet darauf hin, dass Einsamkeit die Funktionsfähigkeit mehrerer endokriner Drüsen beeinträchtigt, die Hormone an den Körper absondern und mit unserer Immunantwort zusammenhängen.42 Steve Cole, Professor für Medizin und Psychiatrie an der University of California, Los Angeles, hat festgestellt, dass das Blut einsamer Menschen einen deutlich erhöhten Noradrenalinspiegel aufweist. Noradrenalin ist ein Hormon, das in lebensbedrohlichen Situationen die Virenabwehr hemmt. Eine solche Abschwächung des Immunsystems erstreckt sich auch auf Krebs, gegen den sich der Körper unter anderem mithilfe »natürlicher Killerzellen« (NK-Zellen) verteidigt, welche Tumorzellen und virusinfizierte Zellen zerstören. Eine Studie unter Medizinstudenten in ihrem ersten Jahr ergab, dass die Aktivität der NK-Zellen unter den einsameren Mitgliedern der Kohorte wesentlich geringer war.43

Einsamkeit scheint aber nicht nur die Entstehung verschiedener Erkrankungen zu begünstigen; bei schon bestehenden Erkrankungen kann sie auch die Genesung behindern. Professor Emmanuel erklärte mir: »Ich bin vollkommen überzeugt, dass sich Einsamkeit auf den Gesundheitszustand und die Genesung auswirkt. Behandelt man einen einsamen und einen nicht einsamen Patienten auf dieselbe Art, dann wird sich der nicht einsame besser erholen. Genau wie ein Raucher mit Morbus Crohn schlechter auf eine Behandlung anspricht als ein Nichtraucher, wird auch ein einsamer Patient schlechter darauf ansprechen als ein nicht einsamer.«

Das lässt sich durch Daten belegen. Beispielsweise dauert es bei sozial isolierten Patienten länger, bis sich der Blutdruck (und bei Männern der Cholesterinspiegel) nach einer Stresssituation wieder normalisiert, während die verminderte Fähigkeit einsamer Menschen, die Entzündungswerte im Körper nach einem Schlaganfall, Herzinfarkt oder einer Operation »zurückzusetzen«, als einer der Hauptgründe dafür angesehen wird, warum isolierte ältere Menschen eine niedrigere durchschnittliche Lebenserwartung haben als regelmäßig sozial aktive.44

Wie Helen Stokes-Lampard, Vorsitzende des Royal College of General Practitioners, 2017 bei der Jahrestagung der Gesellschaft betonte: »In Bezug auf die Beeinträchtigung der Gesundheit und des Wohlbefindens unserer Patienten sind soziale Isolation und Einsamkeit vergleichbar mit einer lang andauernden, chronischen Erkrankung.«45

ALLEIN, ALLEIN UND GANZ ALLEIN

Natürlich richtet Einsamkeit nicht nur in unserem Körper verheerenden Schaden an.

»Nicht lindert meine Todesangst / Ein Heil’ger in der Höh’!«, beschreibt der alte Seemann in Coleridges Ballade, wie ihm zumute war, »Allein, allein und ganz allein / Auf weiter, weiter See!«. Einsamkeit kann auch wahre Seelenqualen bereiten.

In der Literatur finden sich etliche Beispiele für einsame Menschen, die deprimiert oder psychisch krank sind – von der namenlosen Protagonistin in Charlotte Perkins Gilmans 1892 erschienener Kurzgeschichte »Die gelbe Tapete«, die zur Behandlung ihrer »leicht hysterischen Tendenz« (ein mittlerweile entmystifiziertes Krankheitsbild46) in einem Zimmer isoliert wird und schließlich Wahnvorstellungen entwickelt, bis hin zu Eleanor Oliphant aus Gail Honeymans gleichnamigem, mit dem Costa Award ausgezeichneten Roman von 2017, deren Einsamkeit sich selbst verstärkt und ihr die Verarbeitung ihrer traumatischen Vergangenheit erschwert.

Erstaunlicherweise wird Einsamkeit in der psychiatrischen Medizin jedoch erst seit etwa einem Jahrzehnt als eigenständiger psychischer Zustand eingehender erforscht. Zwar wird sie auch heute noch nicht als psychische Störung, jedoch als Korrelat diverser psychischer Erkrankungen wie Angststörungen und Depressionen anerkannt. Und der Zusammenhang ist wechselseitig: Aus einer 2012 in England durchgeführten Studie mit über 7000 Erwachsenen ging hervor, dass Teilnehmer, die an Depressionen litten, mit zehnmal höherer Wahrscheinlichkeit einsam waren als nicht depressive,47 während eine wegweisende fünfjährige US-Studie ergab, dass Patienten, die sich als einsam bezeichneten, fünf Jahre später mit größerer Wahrscheinlichkeit depressiv waren als jene, die zu Beginn der Studie nur depressive Symptome gezeigt hatten.48

Der Zusammenhang zwischen Einsamkeit und psychischen Erkrankungen ist komplex, und wir haben gerade erst angefangen, ihn zu verstehen. Es scheint jedoch festzustehen, dass Einsamkeit und Isolation genetisch oder durch äußere Umstände bedingte depressive Tendenzen verstärken können, zum Teil aufgrund ihrer physiologischen Wirkung – beispielsweise schlafen wir weniger, wenn wir einsam sind, und Schlafmangel kann depressive Symptome auslösen. Andersherum können Symptome einer Depression auch Einsamkeit verstärken – indem sie es der depressiven Person erschweren, zu anderen Menschen Bindungen aufzubauen. So kann Einsamkeit zugleich die Henne und das Ei sein.

Dasselbe gilt für Angstzustände, für die Isolation zugleich Symptom und Ursache darstellen kann. »Meine Sozialphobie hat meine Welt so viel kleiner gemacht«, sagt Alex, ein britischer Jugendlicher, der unter einer Sozialen Angststörung leidet. »Als es schlimmer wurde, habe ich mich immer mehr zurückgezogen. Je extremer es wurde, desto einsamer und isolierter habe ich mich gefühlt … Ich habe es vermieden, zur Rushhour Bus zu fahren oder einkaufen zu gehen, es waren einfach zu viele Leute … Irgendwann hat auch meine Arbeit darunter gelitten, genau wie enge Beziehungen und Freundschaften … Mein Sozialleben ist … na ja, eigentlich habe ich gar keins.«49

Selbst kurze Phasen der Isolation, wie wir sie während der Coronaviruspandemie erlebt haben, können sich spürbar auf unsere geistige Gesundheit auswirken.50 Der Effekt kann sich manchmal noch Jahre später zeigen. So haben Forscher festgestellt, dass Beschäftigte im Gesundheitswesen in Peking, die während der SARS-Pandemie 2003 unter Quarantäne gestellt wurden, drei Jahre später mit größerer Wahrscheinlichkeit an schweren Depressionen litten, obwohl die übliche Quarantänedauer bei SARS weniger als einen Monat, oft sogar weniger als zwei Wochen betrug.51 Andere Studien, ebenfalls unter Krankenhauspersonal in Peking, zeigten drei Jahre nach der SARS-Pandemie, dass die unter Quarantäne gestellten Mitarbeiter eher alkoholabhängig waren, wobei ein großer Anteil immer noch unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung litt, die mit Symptomen wie Hypervigilanz (erhöhter Wachsamkeit), Albträumen und Flashbacks einherging.52

Solche Ergebnisse sind auch im Hinblick auf die Covid-19-Pandemie sehr ernst zu nehmen. Wir als Einzelpersonen wie auch die Regierungen müssen die möglichen psychischen Langzeitfolgen unserer Zwangsisolierung im Blick behalten, und Politiker müssen ausreichende Mittel bereitstellen, um das Problem anzugehen.

Im Extremfall kann Einsamkeit sogar zum Suizid führen.53

Francie Hart Broghammer ist Oberärztin für Psychiatrie am UC Irvine Medical Center, Kalifornien. In einem bewegenden Artikel berichtete sie kürzlich von zwei Patienten, die so sehr unter ihrer Einsamkeit litten, dass ihnen das Leben nicht mehr lebenswert erschien. Einer der beiden, eine junge Frau, hatte versucht, sich »die Luftröhre und das Rückenmark mit einem 20 Zentimeter langen Küchenmesser zu durchtrennen, um sich das Leben zu nehmen«. Als Grund für ihre Verzweiflung gab sie im Gespräch an, »dass sie durch die Pflege ihrer kranken Großmutter völlig isoliert war und es niemanden gab, mit dem sie sich über die schwierige Situation ernsthaft austauschen konnte«.54

Der andere war »Mr. White«, ein 38-jähriger Mann mit Suizidgedanken. Seine Eltern waren kürzlich verstorben, er hatte Geldsorgen und Schwierigkeiten, eine Stelle zu finden, seine Geschwister hatten den Kontakt zu ihm abgebrochen, er besaß keine guten Freunde und war nun obdachlos. Dass dann auch noch sein Hund starb – der einzige Gefährte, der ihm geblieben war –, hatte ihm offenbar den letzten Schlag versetzt.

Über seine Hündin sagte Mr. White: »Sie war das einzige Geschöpf auf der Welt, das mich liebenswert fand. Ich schlafe im Park, und jeder, der vorbeiläuft, hält mich für den letzten Streuner, ich bin für die kein Mensch. Wenn du so arm dran bist, schert sich keiner mehr um dich. Aber ihr … ihr habe ich etwas bedeutet, und es war mein Lebensinhalt, ihr etwas zurückzugeben. Jetzt ist sie weg, und ich habe nichts und niemanden mehr auf dieser Welt.«

Solche Patienten sind leider allzu oft bei Dr. Broghammer in Behandlung.

Ihre persönlichen Erfahrungen werden durch Forschungsergebnisse bestätigt: Mehr als 130 Studien belegen einen Zusammenhang zwischen Einsamkeit und Selbstmord, Selbstmordgedanken oder selbstverletzendem Verhalten.55 Und dieser Zusammenhang gilt für alle Altersgruppen, auch für junge Menschen. Eine Umfrage unter mehr als 5000 Mittelschülern in den USA ergab, dass die Wahrscheinlichkeit von Suizidgedanken unter Jugendlichen, die einen hohen Grad an Einsamkeit angaben, doppelt so hoch war wie unter den nicht einsamen.56 Untersuchungen mit Jugendlichen nicht nur in Großbritannien, sondern auch in fernen Regionen wie Kenia, Kiribati, den Salomonen und Vanuatu untermauern diese Ergebnisse und erinnern daran, dass Einsamkeit kein Phänomen der Industrienationen ist.57 Auch hier können sich die Auswirkungen erst Jahre später zeigen: Eine Studie stellte einen engen Zusammenhang her zwischen Selbstmordgedanken bei 15-Jährigen und deren selbst berichteter Einsamkeit acht Jahre zuvor, also im Alter von sieben Jahren.58 Angesichts der weit verbreiteten Einsamkeit unter Kindern und Jugendlichen ist dies besonders besorgniserregend.

Dabei muss man verstehen, dass Einsamkeit, die eine so tiefe Verzweiflung hervorruft, aus den verschiedensten Umständen entstehen kann; von dem Gefühl der Ausgrenzung eines Kindes, das auf dem Spielplatz oder in den sozialen Medien ausgeschlossen wird, über das Gefühl der räumlichen Isolation eines älteren Menschen, der seit einem Monat keinen Besuch mehr bekommen hat, bis hin zu dem Gefühl sozialer Isolation eines Erwachsenen, dessen Gemeinschaft und soziales Auffangnetz sich aufgelöst hat. Ein Mensch wie Mr. White.

Tatsächlich sind die Orte, an denen wir in den Vereinigten Staaten (und in geringerer Ausprägung in Großbritannien) einen Anstieg sogenannter »Tode aus Verzweiflung« beobachten konnten – Todesfälle durch Drogenüberdosis, Alkoholsucht oder Selbstmord vorwiegend von Männern mittleren Alters aus der Arbeiterklasse –, typischerweise solche, an denen die traditionellen sozialen Auffangstrukturen zusammengebrochen sind. Diese Männer haben eine höhere Scheidungsrate, gehen seltener in die Kirche und haben öfter die Zugehörigkeit zu einer Gewerkschaft oder einem Arbeitsplatz verloren, weil sie arbeitslos geworden sind oder einer unsicheren, nicht gewerkschaftlich organisierten und vorübergehenden Beschäftigung nachgehen.59

Ungeachtet der Bemühungen der Pharmariesen, eine Pille gegen Einsamkeit zu entwickeln (eine Pille zur Verminderung empfundener Einsamkeit wird sogar bereits getestet, ebenso wie verschiedene Präparate zur Bekämpfung der physiologischen Auswirkungen von Einsamkeit), müssen wir daher mehr tun, als nur ihre Symptome zu bekämpfen – oder schlimmer noch, sie zu betäuben.60 Vielmehr müssen die grundlegenden Ursachen der Einsamkeit angegangen werden, in dem Bewusstsein, dass es dazu nicht bloß pharmazeutische, sondern politische, wirtschaftliche und natürlich gesellschaftliche Lösungen braucht.

Und Lösungen gibt es – das sollte uns Mut und Hoffnung machen. Denn während zerrüttete Gemeinschaften ein einsames und möglicherweise ungesundes Leben zur Folge haben, gilt, wie wir gesehen haben, dasselbe auch umgekehrt.

Wie Edgar in König Lear sagt: »Doch kann das Herz viel Leiden überwinden / Wenn sich zur Qual und Not Genossen finden.« Selbst flüchtige positive Begegnungen mit anderen Menschen wirken sich erheblich auf die Gesundheit aus: Allein die Gegenwart eines Freundes in einer Stresssituation wurde mit ruhigeren physiologischen Reaktionen in Zusammenhang gebracht, etwa der Senkung des Blutdrucks und des Cortisolspiegels.61 Die Hand eines geliebten Menschen zu halten kann ähnlich wirken wie die Einnahme von Schmerzmitteln.62 Und jüngste Erkenntnisse aus der Altersforschung zeigen, dass für Ältere schon relativ lose Kontakte – in einem Bridgeverein spielen, sich gegenseitig Weihnachtskarten schicken, ein Plausch mit dem Postboten – ein wirksames Bollwerk gegen Gedächtnisschwund und Demenz darstellen können.63

Unsere Gesundheit wird allem Anschein nach nicht nur durch Gemeinschaft und ein Gefühl gegenseitiger Verbundenheit beeinflusst, sondern auch durch Freundlichkeit – unter Freunden und Familie, Kollegen, Arbeitgebern und Nachbarn, aber auch unter Fremden. Das müssen wir beim Wiederaufbau unserer Welt nach Corona bedenken – und auch, dass Freundlichkeit im neoliberalen Kapitalismus zu einer Währung wurde, zu deren Abwertung wir alle beigetragen haben.

HELFERRAUSCH

Dass wir uns weniger einsam fühlen und gesundheitlich profitieren, wenn wir Freundlichkeit und Fürsorge erfahren, liegt auf der Hand.64 Weniger offensichtlich ist, dass es einen ähnlichen Effekt hat, wenn wir auch freundlich, fürsorglich und hilfsbereit zu anderen sind, ohne dafür eine Gegenleistung zu erwarten.

Zahlreiche Forschungsarbeiten bestätigen den Eindruck, dass Helfen gesund ist, vor allem, wenn man in direktem Kontakt steht zu der Person, der man hilft.65 Anfang der 2000er-Jahre schickten Forscher Fragebögen an 2016 Mitglieder der Presbyterianischen Kirche in den Vereinigten Staaten und erkundigten sich darin nach ihren religiösen Gewohnheiten, ihrer körperlichen und geistigen Gesundheit und ihren Erfahrungen damit, zu helfen und Hilfe anzunehmen.66 Selbst unter Berücksichtigung von Geschlecht, belastenden Lebensereignissen und allgemeinem Gesundheitszustand waren jene Teilnehmer, die regelmäßig Hilfe leisteten – durch Freiwilligenarbeit, Gemeindeaktivitäten oder die Pflege Angehöriger – in deutlich besserer psychischer Verfassung.

Ebenso belegten zahlreiche weitere Studien den positiven Effekt direkter Hilfeleistungen sowohl auf die geistige als auch auf die körperliche Gesundheit. So zeigen sich bei Veteranen mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung weniger Beschwerden, wenn sie sich um ihre Enkelkinder gekümmert haben.67 Durch die Betreuung von Kindern in Kindergärten verringerte sich der Cortisol- und Epinephrin-/Adrenalinspiegel (ein weiteres Stresshormon) im Speichel älterer Helfer.68 Jugendliche, die anderen helfen, leiden seltener an Depressionen.69 Und eine Studie des Institute for Social Research der University of Michigan ergab, dass Teilnehmer, die keine Hilfe leisteten, ob logistisch oder emotional, im Verlauf der fünfjährigen Studie eine mehr als doppelt so hohe Sterberate aufwiesen wie Teilnehmer, die sich um einen Partner, Nachbarn oder Freund kümmerten.70 Man denke nur an Ebenezer Scrooge aus Dickens’ Weihnachtsgeschichte, dessen Verwandlung vom geizigen Griesgram zum Wohltäter ihn selbst am Ende glücklich und auch gesund macht.

Einem anderen Menschen zu helfen, löst – solange wir es nicht widerwillig oder aus Verpflichtung tun – eine positive physiologische Reaktion in uns aus.71 Deshalb erleben Helfer oft einen regelrechten »Helferrausch«, der ihnen Energie, Kraft, innere Wärme und Ruhe verleiht.

In diesem Zeitalter der Einsamkeit ist es also maßgeblich, dass sich Menschen nicht nur umsorgt fühlen und umsorgt sind, sondern dass sie auch Gelegenheit haben, für andere zu sorgen.

Wie können wir also sicherstellen, dass jeder die Möglichkeit hat, Hilfe und Fürsorge zu empfangen und zu geben? Die Lösung ist zum Teil strukturell.

Denn hilfsbereit zu sein ist viel einfacher, wenn man nicht rund um die Uhr arbeitet und völlig erschöpft ist; Freiwilligenarbeit zu leisten viel einfacher, wenn man nicht schon mehrere Jobs unter einen Hut bringen muss oder vom Arbeitgeber dafür beurlaubt wird. Es gibt Schritte, die Staat und Arbeitgeber in der Hinsicht unternehmen können und müssen, und die aktuelle Wirtschaftslage darf dem nicht im Wege stehen. So wie in den USA nach der Großen Depression oder in Großbritannien nach dem Zweiten Weltkrieg Arbeitern mehr Rechte und Absicherungen zugestanden wurden und mehr für die Sicherung des Wohlergehens der Bürger unternommen wurde,72 so müssen wir die Coronaviruspandemie als Gelegenheit begreifen, neue Strukturen und Verhaltensweisen zu entwickeln, die es uns ermöglichen, einander besser zu helfen.

Daneben ist auch ein kultureller Wandel nötig. Fürsorglichkeit, Freundlichkeit und Mitgefühl müssen Eigenschaften sein, die wir aktiv fördern und deutlicher belohnen – in den letzten Jahrzehnten waren sie sowohl unterbewertet als auch unterbezahlt. Eine Suche auf einer führenden Onlinejobbörse im Januar 2020 ergab, dass Stellenbeschreibungen, in denen Freundlichkeit unter den Anforderungen angegeben war, nur halb so gut bezahlt waren wie der Durchschnitt.73 In Zukunft müssen wir dafür sorgen, dass Freundlichkeit und Mitgefühl wieder angemessen wertgeschätzt werden und ihr Wert nicht allein vom Markt bestimmt wird. Das Klatschen für die Coronahelfer, der Applaus für Ärzte und Pflegekräfte, der im Frühjahr 2020 auf der ganzen Welt widerhallte, muss in etwas Greifbares und Bleibendes umgewandelt werden.74 Um unserer körperlichen und geistigen Gesundheit und, wie wir sehen werden, unserer künftigen Sicherheit willen, müssen wir sicherstellen, dass wir zu einer geeinten Gemeinschaft zusammenfinden und die positiven Effekte sozialen Kontakts erhalten.

KAPITEL DREI
DIE EINSAME MAUS

Weißes Fell. Rosa Nase. Schwänzchen. Die Maus ist drei Monate alt. Seit vier Wochen wird sie allein in ihrem Käfig gehalten. Heute bekommt sie Besuch.

Eine neue Maus kommt in ihren Käfig, »unsere« Maus taxiert sie – nach einem »Muster anfänglichen Erkundungsverhaltens«, wie es die Forscher, die diesen Versuch durchführen, bezeichnen werden. Dann tritt unsere Maus ganz plötzlich in Aktion. Sie stellt sich auf die Hinterbeine, wedelt heftig mit dem Schwanz, beißt den »Eindringling« und fällt über ihn her. Der darauffolgende Kampf – brutal und grausam, ausgelöst allein durch die Gegenwart der anderen Maus – wird von den Forschern aufgezeichnet. Sie sehen dieses Spiel nicht zum ersten Mal. In fast allen Fällen geht die Maus umso aggressiver gegen den Neuankömmling vor, je länger sie isoliert war.1

Mäuse greifen einander also an, wenn sie isoliert sind.

Doch gilt das, was für Mäuse gilt, auch für den Menschen? Könnte uns die aktuelle Einsamkeitskrise, verschärft durch wochen- und monatelangen Lockdown und soziale Isolierung, nicht nur gegen uns selbst, sondern auch gegeneinander aufbringen? Könnte Einsamkeit nicht nur unserer Gesundheit schaden, sondern die Welt auch zu einem aggressiveren, wütenderen Ort machen?

VON MÄUSEN UND MENSCHEN

Mittlerweile liegen zahlreiche Studien vor, die Einsamkeit beim Menschen mit feindseligem Verhalten anderen gegenüber in Verbindung bringen.2

Das lässt sich teils auf eine anfängliche Abwehrhaltung zurückführen, ein »Zurücktreten«, wie Jacqueline Olds, Professorin für Psychiatrie der Harvard University, erklärt. Einsame Menschen legen oft einen Schutzpanzer an und versagen sich damit das Bedürfnis nach menschlicher Wärme und Gesellschaft. Bewusst oder unbewusst »signalisieren sie anderen Menschen, oft nonverbal, ›lass mich allein, ich brauche dich nicht, geh weg‹«.3

Und noch etwas anderes ist dabei mit im Spiel, ein Effekt, den Einsamkeit auf unser Gehirn hat. Mehrere Wissenschaftler konnten einen Zusammenhang zwischen Einsamkeit und verminderter Empathie aufweisen – der Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, ihre Sichtweise oder ihr Leid zu verstehen. Das zeigt sich nicht nur in Verhaltensweisen, sondern auch in der Hirnaktivität.4 In mehreren Studien wurde nun belegt, dass bei einsamen Menschen der Aktivitätsgrad im temporoparietalen Übergangsbereich, dem Hirnareal, das am engsten mit Empathie in Zusammenhang steht, bei Konfrontation mit fremdem Leid sinkt, wohingegen er bei nicht einsamen Menschen ansteigt. Zugleich wird bei einsamen Menschen die Sehrinde stimuliert, die für Wachsamkeit und Aufmerksamkeit zuständig ist und in der visuelle Reize verarbeitet werden.5 Das heißt, einsame Menschen reagieren üblicherweise schneller – tatsächlich sogar mehrere Millisekunden schneller – auf das Leid anderer, aber ihre Reaktion ist attentiv, nicht perspektivisch. So wie der einsame Körper eine Stressreaktion in Gang setzt, ist der einsame Verstand, ängstlich und überwachsam, ganz auf Selbsterhaltung ausgerichtet und sucht die Umgebung auf Gefahren ab, statt zu versuchen, sich in die leidende Person hineinzuversetzen.6 »Waren Sie schon mal im Wald spazieren und haben sich vor einem Stock auf dem Boden erschrocken, weil Sie dachten, es wäre eine Schlange?«, fragte Dr. Stephanie Cacioppo, Leiterin des Brain Dynamics Laboratory der University of Chicago. »Der einsame Verstand sieht überall Schlangen.«7

Erst kürzlich haben Forscher noch etwas anderes herausgefunden: dass Einsamkeit nicht nur unsere Sicht auf die Welt beeinflusst, sondern auch, wie wir sie einordnen. In einer 2019 am Londoner King’s College durchgeführten Studie wurden 2000 18-Jährige gebeten, den Grad der Freundlichkeit in ihrer Nachbarschaft zu bewerten. Den Geschwistern der Teilnehmer wurde dieselbe Frage gestellt. Das Ergebnis: Die einsameren Teilnehmer sahen in ihrer Nachbarschaft weniger Freundlichkeit, weniger Zusammenhalt und weniger Vertrauenswürdigkeit als ihre weniger einsamen Geschwister.8 Einsamkeit ist also nicht einfach nur ein individueller Zustand. Professor John Cacioppo zufolge »beeinflusst sie zum Teil die Erwartungen der Menschen und damit auch, was sie von anderen Menschen denken«.

Ärger, Feindseligkeit, eine Tendenz, seine Umwelt als bedrohlich und gleichgültig wahrzunehmen, verminderte Empathie – Einsamkeit erzeugt eine gefährliche Kombination aus Emotionen, die für uns alle schwerwiegende Konsequenzen haben. Denn die Einsamkeitskrise spielt sich nicht nur in der Arztpraxis ab, sondern auch an der Wahlurne, und ihre Folgen für die Demokratie sind für jeden, der an eine auf Einheit, Inklusivität und Toleranz basierende Gesellschaft glaubt, zutiefst beunruhigend.

Denn damit eine Demokratie gut funktioniert – und damit meine ich, dass ein Interessenausgleich verschiedener Gruppen erreicht wird und zugleich sichergestellt ist, dass die Bedürfnisse und Probleme aller Bürger gehört werden –, braucht es zwei starke Verbindungen: die Verbindung zwischen Staat und Bürgern und die Verbindung der Bürger untereinander. Wenn diese Verbindungen abbrechen; wenn Menschen einander nicht vertrauen oder sich nicht aufeinander verlassen können und sich losgelöst fühlen, ob emotional, wirtschaftlich, sozial oder kulturell; wenn Menschen nicht daran glauben, dass sich der Staat um sie kümmert, und sich abgehängt oder alleingelassen vorkommen, dann führt das nicht nur zu gesellschaftlicher Spaltung und Polarisierung, die Menschen verlieren auch den Glauben an die Politik.

So sieht unsere Lage heute aus. Unsere Verbindungen zueinander und zum Staat haben sich abgetragen in diesem Zeitalter der Einsamkeit, denn eine zunehmende Zahl von Menschen fühlt sich isoliert und entfremdet, abgeschnitten von ihren Mitbürgern und überhört und mit ihren Anliegen übersehen von ihren Regierungen.

Der Trend geht schon seit einiger Zeit in diese Richtung, könnte sich aber durch die Pandemie noch verschärfen. Wirtschaftliche Not birgt das Risiko noch größerer Politikverdrossenheit, vor allem, wenn ihre Last ungleich verteilt erscheint; zugleich laufen viele durch die Furcht vor Ansteckung mit Covid-19 Gefahr, eine tiefsitzende, sehr greifbare Angst vor ihren Mitmenschen zu entwickeln.

Das geht uns alle etwas an, denn wie wir jüngst gesehen haben, bieten solche Bedingungen einen Nährboden für Politiker der Extreme, für Populisten, die ein feines Gespür für die Unzufriedenheit der Menschen haben und nur darauf warten, daraus politisches Kapital zu schlagen.

Mit »Populisten« meine ich Politiker, die »das Volk« – als dessen alleinig befähigte Vertreter sie sich ausgeben – explizit gegen eine wirtschaftliche, politische oder kulturelle »Elite« ausspielen, die sie üblicherweise verteufeln; eine »Elite«, zu der nicht selten Schlüsselinstitutionen zählen, die eine rechtstreue und tolerante Gesellschaft zusammenhalten, ob Parlament, Justiz oder die freie Presse.9 Vor allem Rechtspopulisten betonen in ihrer Rhetorik gerne kulturelle Unterschiede und die Bedeutung nationaler Identität und präsentieren ihre Nation oft als bedroht durch eine »Invasion« von Einwanderern oder Menschen anderer Ethnien oder Religionen. Hiermit stellen sie eine ernste Gefahr dar sowohl für kohäsive Gesellschaften, in denen Respekt herrscht für jene Normen und Institutionen, die zu unserem Zusammenhalt beitragen, als auch für eine Kultur der Toleranz, des Verständnisses und der Fairness. Sie versuchen die Gesellschaft zu spalten statt sie zu vereinen und schrecken nicht davor zurück, rassistische, religiöse und ethnische Spannungen zu schüren, wenn es ihren Zwecken dient. Ängstliche und misstrauische einsame Menschen, die verzweifelt nach Zugehörigkeit suchen, aber immer nur »Schlangen sehen«, sind ihr ideales – und anfälligstes – Publikum.

EINSAMKEIT UND DIE POLITIK DER INTOLERANZ

Es war Hannah Arendt, die als Erste den Zusammenhang von Einsamkeit und der Politik der Intoleranz beschrieb. Arendt, eine der bedeutendsten Intellektuellen des 20. Jahrhunderts, verbrachte ihre Kindheit im ostpreußischen Königsberg (heute Kaliningrad, das als Exklave zu Russland gehört), der Heimatstadt von Immanuel Kant, eines ihrer größten philosophischen Vorbilder. Während Kant zeitlebens in seiner Geburtsstadt verwurzelt war – so sehr, dass er beinahe sein gesamtes Leben in ihr verbrachte und es heißt, die Königsberger hätten sogar ihre Uhren nach seinen unfehlbar pünktlichen Spaziergängen gestellt –, war Arendts Leben geprägt von Exil und Verlust.

Ihre Eltern waren assimilierte Juden. »[D]as Wort ›Jude‹ ist bei uns nie gefallen, als ich ein kleines Kind war«, erinnerte sie sich später, doch die zunehmende antisemitische Verfolgung machte ihr ihre religiöse Identität bald bewusst.10 Der Wendepunkt kam 1933: das Jahr von Hitlers Machtergreifung und des Reichstagsbrands nur kurz danach. Arendt lebte damals in Berlin, bot Gegnern der Nationalsozialisten ihre Wohnung als Unterschlupf an und arbeitete illegal an der Dokumentation von öffentlichem Antisemitismus für die Zionistische Vereinigung für Deutschland. Nachdem die Gestapo von ihrer Aktivität erfuhr, wurden sie und ihre Mutter für acht Tage in Haft genommen. Als man sie bis zum Prozess vorläufig freiließ, flohen die beiden ohne Papiere aus Deutschland; zuerst über die Wälder des Erzgebirges und mit Hilfe einer deutschen Sympathisantenfamilie, deren Haus genau auf der Grenze lag, nach Prag; dann half ihnen eine sozialistische Freundin der Familie, die für den Völkerbund arbeitete, weiter nach Genf. Arendt, nun staatenlos, schlug sich nach Paris durch, wo sie sieben Jahre lang als »undokumentierter Flüchtling« lebte.11

Als die Wehrmacht 1940 in Frankreich einmarschierte, wurde Arendt von ihrem Mann – dem ebenfalls aus Nazideutschland geflohenen Philosophen und Aktivisten Heinrich Blücher – getrennt und in das berüchtigte Internierungslager bei Gurs in Südfrankreich gebracht. Im Chaos der französischen Niederlage gelang ihr die Flucht, in der Kleinstadt Montauban traf sie schließlich wieder mit ihrem Mann zusammen. Das Paar organisierte ein Notvisum für die USA, gelangte über die Pyrenäen nach Spanien, bestieg dort einen Zug nach Lissabon, wo es im April 1941, drei Monate später, endlich nach New York aufbrechen konnte.12

Es war eine knappe Flucht. Im Sommer 1941 stellte das US-Außenministerium sein Notvisumprogramm ein und schnitt den vor den Nazis fliehenden Juden damit einen weiteren Ausweg ab.13 Während der acht Jahre, in denen Arendt das Leben eines Flüchtlings geführt hatte – ein Leben der Heimatlosigkeit und gefährlichen Fluchtaktionen, allein aus dem Grund, dass sie jüdisch war –, hatte der nationalsozialistische Totalitarismus immer mehr Deutsche in seinen Bann gezogen.

Nach dem Krieg offenbarten Dokumente in denNürnberger Prozessen den ganzen Schrecken der Vernichtungsmaschinerie der Nazis. Arendt fragte sich, wie das hatte passieren können. Was treibt einen ganz normalen Menschen dazu, sich an einem industriell geplanten Massenmord zu beteiligen oder ihn immerhin zu tolerieren?14 Arendt nahm sich vor, »die Hauptelemente des Nationalsozialismus aufzuspüren, sie zurückzuverfolgen und die zugrunde liegenden wirklichen politischen Probleme zu erforschen«.15 Im Jahr 1951 veröffentlichte sie zu diesem Thema ein Buch, das sofort intensiv diskutiert wie auch zu einem geradezu ikonischen Werk werden sollte: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Eine umfassende Studie, die das Anwachsen des Antisemitismus, die Rolle der Propaganda und die Verschmelzung von Rassismus und Bürokratie im Imperialismus betrachtet. Ganz zum Schluss wendet sie sich einem in diesem Zusammenhang vielleicht nicht erwarteten Faktor zu: der Verlassenheit. Für Arendt hinterlässt totalitäre Herrschaft »in jedem Einzelnen das Gefühl, von allen ganz und gar verlassen zu sein«: »Die Grunderfahrung menschlichen Zusammenseins, die in totalitärer Herrschaft politisch realisiert wird, ist die Erfahrung der Verlassenheit.« Arendt betont, dass »Verlassenheit und Einsamkeit … nicht dasselbe sind«, denn »Verlassenheit entsteht, wenn … ein Mensch aus dieser Welt hinausgestoßen wird oder wenn … diese gemeinsam bewohnte Welt auseinanderbricht und die miteinander verbundenen Menschen plötzlich auf sich selbst zurückwirft.«16 Dementsprechend sieht sie bei den Anhängern totalitärer Bewegungen als »Hauptmerkmal … nicht Brutalität oder Dummheit oder Unbildung, sondern Kontaktlosigkeit und Entwurzeltheit«.17 So ist es auch die zunehmende Verlassenheit, die »moderne Menschen … so gut vorbereitet für die totalitäre Herrschaft«, denn, so Arendt, Verlassenheit sei »eine antisoziale Situation und ein alles menschliche Zusammensein ruinierendes Prinzip«.18

Die Verlassenheit, von der Arendt hier spricht, reflektiert einige wesentliche Aspekte meiner eigenen Definition: das Gefühl von Ausgrenzung und Machtlosigkeit, von Isolation, Ausgeschlossenheit und Verlust von Status und Unterstützung. Und ebenjene Dimensionen von Einsamkeit stellen eine deutliche und zunehmende Gefahr im Hier und Jetzt des 21. Jahrhunderts dar.

EINSAMKEIT UND DAS NEUE ZEITALTER DER POPULISTEN

Unsere Welt, wie sie heute ist, entspricht natürlich nicht dem Deutschland der 1930er-Jahre. Auch wenn der Populismus in den letzten Jahren weltweit zugenommen hat und autoritäre Führer wie Ungarns Viktor Orbán, Rodrigo Duterte auf den Philippinen, Xi Jinping in der Volksrepublik China und der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan unter dem Deckmantel der Covid-19-Bekämpfung ihre Macht weiter festigen und die Freiheiten ihrer Bürger unterdrücken, erleben wir kein verbreitetes Aufkommen totalitärer Herrschaft.19

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