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Das Zeitalter der Roten Ameisen

Als Buch hier erhältlich:

»Tanya Pyankovas Roman ist ein Zeugnis der Entmenschlichung und damit auch ein Zeugnis der Menschlichkeit in dunkler Zeit.« Fridtjof Küchemann FAZ

Matschuchy, Ukraine, 1933: Die junge Jawdocha versucht verzweifelt, sich und ihre Familie am Leben zu halten – doch der Hunger setzt nicht nur ihren Körpern zu, sondern immer mehr Menschen in ihrer unmittelbaren Umgebung greifen zu verzweifelten, unmenschlichen Maßnahmen im Kampf um das nackte Überleben. Nur wenige Kilometer von ihnen entfernt wird Solja, die wohlhabende Frau des ortsansässigen Parteivorsitzenden, von ihren eigenen, völlig unterschiedlichen Dämonen heimgesucht und scheitert daran, Gewicht zu verlieren – und Swyryd, ein Repräsentant der sowjetischen Kommunalverwaltung, nutzt seine Machtposition, um seine große Liebe Hanna, Jawdochas Mutter, zu manipulieren.

In drei verschiedenen Erzählstimmen erschafft Tanya Pyankova das erschreckend aktuelle Psychogramm einer Zeit und einer Nation, das relevanter nicht sein könnte: Die von der Sowjetunion besetzte Ukraine erlitt eine Hungersnot, die das Leben vieler Millionen Menschen forderte – und die von den Besatzern als politisches Machtinstrument gezielt hervorgerufen worden war. Dieser Genozid ging als Holodomor ("Tötung durch Hunger") in die Geschichte ein.

»Pyankova hat die große Leistung vollbracht, für das Unsagbare eine literarische Sprache zu finden.« Mareike Ilsemann ― WDR 5 Bücher


  • Erscheinungstag: 25.10.2022
  • Seitenanzahl: 400
  • ISBN/Artikelnummer: 9783753000770

Leseprobe

Wir sind nicht das Salz dieser Erde.

Wir sind ihr bitteres Brot,

verachtet und wiedergeboren

aus der letzten Krume Liebe.

Gewidmet:

Dem Andenken an jedes Korn, jeden Menschen

Dem Andenken an die ungeborenen Generationen

PERSONENVERZEICHNIS

Jawdocha Rybka, genannt Dusja

Myroslaw, ihr Bruder, genannt Myros

Hanna, ihre Mutter

Timofej, ihr Vater

Oleksandra, Timofejs Mutter, genannt Oma Sanka

Melaschka

Solomyja Bascha, genannt Solja

Oleksij Bascha, genannt Ljoscha und auf Russisch Aleksej

Swyryd Sutschok

Tamara Ruda

Oryna, ihre Mutter

Tosko Lantuschok

Awgustyna, seine Mutter

Warwara Lebedka

Sawa Tus

Sina Tus, seine Frau, genannt die Tusycha

Arina

Fedir, ihr Mann, genannt Feditschka

DUSJA

Am Anfang ist es noch gar nicht so schlimm.

Am Anfang schwellen dir die Beine an.

Sie werden taub und gefühllos, sind wie aus Holz, voll und schwer wie zwei Fässer, die jemand täglich mit Zinn ausgießt, und sie tragen dich nicht mehr wie sonst, sie stören dich eher.

Gnadenlos jucken sie, und du kratzt sie vorsichtig, um die Haut nicht zu ritzen. Die wird stets dünner, straffer, darunter wabert eine Art gelbes Wasser, das du wegschiebst, ausstreichst mit der Hand – du möchtest in Ordnung bringen, was dir doch schon passiert ist. Nur ist es noch nicht überall, bis jetzt sind es nur deine Beine.

Du beobachtest dich sorgfältig, hältst die Bauchkrämpfe in Schach. Jetzt sofort willst du wieder gesund sein, nichts abwarten, dem brennenden Wasser nicht erlauben, dich ganz zu füllen, du versuchst, nicht daran zu denken, was dann kommt, du beschäftigst dich wie besessen, um zu vergessen, nichts zu sehen, nichts zu hören, nichts zu glauben … Aber es kommt die Zeit, da du nicht mehr dagegen ankommst, denn Wasser ist Wasser. Es ist seine Natur, frei zu strömen, wohin es will.

Und dann durchfließt es dich ganz, von den Fingerspitzen bis zum Schädeldach. Damit Mama und Myros dich nicht sehen, betrachtest du dich im Morgengrauen, wenn alle noch schlafen. Nicht mehr angstvoll, sondern entsetzt. Du betastest deine warmen, nackten Schenkel und versteckst dich dann unter Kleidungsstücken. Du willst nicht, dass sie darum wissen, es sehen, dass sie weinen. Es ist schon genug geweint, getrauert, gewehklagt worden …

Auch Myros ist aufgeschwemmt, sein Körper ist bedeckt mit Abszessen und tiefen Wunden. Mama schweigt und sieht immer öfter durch uns hindurch. Ihr wässriger Blick gleitet über unsere entstellten Schatten, fließt in die Wand, sammelt sich dort und hört endlich zu flackern auf. Mama schwillt nicht an, sie trocknet aus. Ihre Arme und Beine verdorren, verlängern sich gleichsam, sie ähnelt einem Kranich – dünn und hochgewachsen ist sie auch jetzt noch schön, nur im Gesicht so traurig wie die Nacht. Als sie sich neulich gewaschen hat, habe ich gesehen, dass sie keine Brüste mehr hat. Einst üppig, fest und stolz, sind an ihrer Stelle jetzt zwei eingeschrumpelte Beutel, die sich irgendwie noch am Körper halten.

Matschuchy, Winter 1933. Ich bin neunzehn. Myros ist erst fünfzehn. Unser schönes, neues, warmes Haus haben wir im Dezember gegen acht Laibe Brot eingetauscht und sind in Omas altes gezogen. Die Brote sind schon lange verzehrt, auch alles Getreide. Meine Mutter Hanna ist von früh bis spät in der Kolchose. Manchmal bringt sie von dort eine kleine Handvoll Hirse oder Hafer mit. Wir sparen so viel an, wie wir schaffen, vermahlen die Körnchen zu Mehl und kochen daraus Schleimsuppe, mit viel Wasser …

Essen … Leben …

Gott im Himmel!

Wir gehen nicht, wir pirschen durchs Dorf, auf der Jagd nach Katzen, Maulwürfen, Mäusejungen, Spinnen, wir sind ein einziger großer, abstoßender Tausendfüßler, jedes seiner Beine aufgedunsen und juckend. Sein aufgequollener, gelber Bauch schleift über den Boden, er verschlingt alles, dessen er irgendwie habhaft werden kann. Schwarz und modrig ist die Spur, die er hinter sich herzieht, und auf dem Brachland, das dieser menschliche Tausendfüßler hinterlässt, werden nie wieder auch nur Grashalme sprießen, das weiß ich.

Wir sprechen im Flüsterton, wispern, als kauten wir auf einem Strohhalm. Aber der lässt sich nicht zerkauen, er hängt fest zwischen den Zähnen, klebt am Gaumen, hält uns davon ab, das Unaussprechliche auszusprechen, das, was uns erdrosselt, vergiftet, was wir hochwürgen und wieder herunterschlucken, so sind jetzt eben die Zeiten. Abends schlafen wir ein wie erschlagen, jeder in seiner Ecke, auf seinem Schlafpodest, vielen ist es zum Allerheiligsten geworden. Wir versuchen, fest zu schlafen, so fest, dass wir nie wieder aufwachen, nie wieder die Augen aufschlagen und die blinden Scheiben in den mit Sackleinen abgedichteten Fenstern sehen müssen, die nackten Wände der Ödnis, die vor Kurzem noch ein Zuhause war mit einem duftenden Herd …

SOLJA

Am Anfang ist es gar nicht besonders schlimm.

Du gehst einfach immer weiter auseinander.

Du bist, wie du eben bist – un-be-deu-tend, un-be-ach-tet.

Du lebst vor dich hin. Isst vor dich hin. Du isst heute wie gestern. Du setzt an, machst dich jedes Jahr fülliger und fülliger und noch mal fülliger. Die Zeit rundet dein Gesicht, treibt deine Schenkel, Waden und Arme auf, deinen Bauch, füllt die Beine mit Gewichten.

Als Erstes schwellen die Füße an.

Ein bisschen komisch ist das schon …

Sie füllen sich mit Wasser, warum auch immer, und du kannst kaum noch das Haus verlassen. Du denkst dir, du bist krank, hast viel mitgemacht, bist müde, hast Schweres erlebt, es wird alles wieder gut, wenn du dich nur hinlegst, dich ausschläfst, dann kurierst du dich, wie so oft schon, ganz bestimmt über Nacht aus …

Nein, am Anfang ist es gar nicht so schlimm.

Dir tut öfter etwas weh, du bist öfter außer Atem, du schwitzt, riechst ständig deinen eigenen Körper und kannst den Geruch nicht mehr abwaschen. Du bildest dir ein, dass niemand sonst den Geruch wahrnimmt, hast du doch deinen lang vergangenen Duft nach Sauberkeit noch irgendwo in deinem Kopf. Allerdings kommt auch er dir mit der Zeit abhanden … Du wirst ungepflegt, täppisch, abgestumpft und gleichgültig gegenüber den klassischen weiblichen Freuden.

***

Dann hört dein Mann auf, dich zu berühren.

Zuerst kann er es gut kaschieren. Er umarmt dich eilig, küsst dich rasch, mit trockenen Lippen, wie ein beiläufig aus der Hand pickender Vogel. Kommst du ihm nahe, rückt er leicht von dir ab. Erst hält er sich gut – verbirgt mannhaft seinen Ekel vor dir, deinem schwammigen Körper, deinen massigen, verfetteten Schenkeln. Aber schon bald gibt er auf, wendet den Blick immer öfter ab, steht morgens schon in aller Herrgottsfrühe auf, um nicht mitansehen zu müssen, wie du dich ankleidest …

Noch findet ihr beide das nicht so schlimm.

Noch seid ihr ein Paar, er ist dein Mann, du bist seine Frau, noch hat die Erinnerung euch nicht verlassen und ihr spielt nach den gewohnten Regeln, seid höflich, liebevoll, familiär. Ihr lasst den Gedanken nicht an euch heran … Aber das Spiel ändert sich, sein Widerwille wird sichtbar, so sichtbar, dass du blind sein müsstest, um ihn nicht in seinen Augen zu lesen. Die Anspannung wühlt ihre spitze Schnauze unter die Bettdecke und drängt euch an den Rand – und mit euch auch Liebe und Zärtlichkeit. Euer Bett kühlt aus, wird winterlich, ja eisig, und bald darauf wird es leer …

Deine Kleidung wächst mit dir mit, bleibt fest an dir haften, verwächst dann einfach mit dir, wird deine zweite Haut. Schicht für Schicht wirst du von Kleidungsstücken überwuchert, wie ein ausladender Kohlkopf verbirgst du unter den Blättern deinen harten Strunk. Irgendwann einmal kommt der Abend, da gehst du sogar in deinen Kleidern schlafen.

Im Bett nimmst du den meisten Platz ein, schläfst aufdringlich geräuschvoll, deine Brust pfeift jede Nacht, und er, dein geduldiger Mann, dein Angetrauter, muss dich vorsichtig auf die Seite drehen, damit er bis zum Morgengrauen wenigstens ein paar Stunden Schlaf bekommt, sodass es zum Leben reicht. Später verliert er die Lust, seine Decke und sein Kissen ziehen in ein anderes Zimmer, denn wo du schläfst, bekommt er keine Luft.

Nicht einmal dann dämmert es dir.

Noch macht es keine Angst.

Es tut schrecklich weh, aber macht keine Angst – es ist sogar etwas leichter so.

Und du lebst weiter vor dich hin und setzt weiter an.

Du liegst einfach nur noch da und denkst an nichts mehr. Nur eines willst du noch, gar nicht so sehr du als vielmehr dieses Tier, das sich da breitgemacht hat in deinem Körper – und das ist essen. Diese unersättliche, gierige Kreatur sorgt dafür, dass du den Kopf heben und deinen Körper ins Speisezimmer schleppen musst …

Irgendwo auf dem Weg vom Bett zum Tisch, einer Reise aus fünfzehn langen Schritten, verweigern dir deine Beine den Dienst – oder vielmehr dein Herz, und du ringst nach Luft … Erst da kommt sie, diese seltsame Angst, ein entsetzliches Gefühl von Leere, nahendem Abgrund, verhängnisvoller und unentrinnbarer Finsternis. Auf dem Boden deines aufgeräumten Stadthauses in Poltawa liegend, wirfst du einen Blick in ihr Innerstes. Und da willst du dich erheben, nicht hinkriechen zu ihr, sondern dich aufrecht auf deinen geschwollenen Beinen langsam hinschleppen, deine fetten Hände ausstrecken nach ihr, sie mit deinen leer gewordenen Augen umfassen und sie dir einprägen für immer.

Und da bittest du Ihn um Seinen Beistand, bittest Ihn, dich zu retten.

SWYRYD

Die ist schon eine, die Tamara.

Nie eine heftige Geste, nie ein scharfes Wort.

Stiller als Wasser, sanfter als eine Taube. Vertraut auf mich, wie sie aufs Himmelreich vertraut. Eng an meine Brust hat sie sich geschmiegt und mich nicht mehr losgelassen. Dort hätte sie sich gewärmt, dort wäre sie auch geblieben, hätte ich sie denn gelassen.

Ich lasse sie aber nicht.

Ich kann nicht.

Ich kann ihr weder meine Hand noch mein Herz noch mein Wort geben.

Nur einen Beutel mit Getreide oder Kartoffeln, ein Maß Buchweizen oder ein bisschen sowjetisches Büchsenfleisch, hin und wieder. Sonst nichts.

Sie verlangt aber auch nichts. Vielleicht hat sie Angst, dass ich mich dann von ihr abwende, nicht mehr wiederkomme. Vielleicht glaubt sie auch, wenn sie sich nach meinem Herzen verzehrt, würde das ihren mädchenhaften Stolz verletzen. Sie liebt mich wortlos, aber sie liebt mich, das sehe ich. Ich sehe, wie sie in meiner Umarmung weich wird, schmiegsam, dahinschmilzt wie das Bienenwachs der Kerze, wie sie das Bett und sich selbst für mich herrichtet.

Ich habe schon einmal geliebt, und nichts Gutes ist dabei herausgekommen.

Ich habe Angst, es wieder zu tun.

Gierig grase ich Tamaras Körper ab, lasse mich aufrichten von ihren liebevollen Worten, werfe meine rissige Haut ab vor ihr wie eine Schlange. Über Nacht wächst mir eine neue, damit krieche ich wieder hinaus in die Dunkelheit, fort von ihr, von ihrem nach Gras duftenden Haus, der Mutter, die mich ansieht, als wollte sie mich erwürgen …

Im engen Durchgang zur Stube klemme ich meine sanftmütige Tamara ein zwischen mir und der Wand: »Oryna muss weg hier«, flüstere ich und beiße ihr auf der Höhe ihres Nabels in die Bluse, ziehe sie mit den Zähnen hinauf zu den Brüsten, die schon erregt beben, so süß und feurig, dass es mir das Gesicht schier versengt.

»Da kommt sie schon selber drauf«, Tamara lacht leise, ihr Atem streicht über meinen Schädel. »Mama!«, ruft sie laut, »Mama, Swyryd hat uns Öl mitgebracht. Das müsste versteckt werden.« Sie löst sich von mir mit einem Satz, streicht die Bluse glatt. Ich bin als Erster im Haus, sie folgt mir.

Oryna erhebt sich widerwillig vom Ofen. Offensichtlich fällt es ihr schwer. Die Beine sind dick, wackelig, haben ausgedient. Als die Kolchose nach Matschuchy kam, wollten sie Oryna zwingen, dort zu arbeiten. Gleich am ersten Tag kam sie gar nicht erst in der Kolchose an. Fortan blieb sie im Haus. Tamara ging an ihrer Stelle – bis sie es sich einfallen ließ, Milch zu stehlen. Sie wurde mit der Knute ausgepeitscht, ihre sämtlichen angesammelten Arbeitstage wurden gestrichen. Und Arbeit gibt man ihr dort auch nicht mehr.

So bin ich die einzige Stütze der beiden, ihre Hoffnung auf Leben.

Ich bin ihr rettender Engel.

Und wenn Oryna noch so sehr mit den Zähnen knirscht, wenn ich zu Tamara komme, nie sagt sie auch nur ein Wort zu mir, sie verlässt das Haus und geht so lange irgendwo spazieren, bis ich fertig bin.

Was willst du machen?

Das ist eben der Preis, Oryna.

Nichts ist umsonst.

***

»Vielleicht komme ich in Zukunft besser zu dir?« Tamara atmet mir auf den Nacken. »Sonst kriegen Mamas Augen noch Schwielen.« Sie kost mich wie ein kleines Kind, küsst mich ab von der Stirn bis zu den Knien. Ihre Lippen kitzeln meine Brust.

»Denk nicht mal dran!« Ich schiebe die rote Haarflut beiseite, um ihr Gesicht sehen zu können. »Du kannst nicht zu mir kommen.«

»Warum denn nicht, Swyryd?« Sie beißt mich spielerisch in den Hals.

»Verhaut mich deine Frau dann mit dem Schürhaken?« Sie scherzt mit mir, streichelt mich, neckt mich.

»Sei still!«, verlange ich herrisch, im Befehlston. Sie macht nicht weiter. Schweigend gibt sie sich in meine Hände. Und ich vergesse mich …

Nie hätte ich geglaubt, dass sie so aufregend sein kann, so zart, so wundervoll, weich und formbar wie Kuchenteig und ebenso köstlich. Ich nehme sie, verzehre sie, löse mich auf in ihr, verspritze wieder und wieder mein Salz und all meine Bitternis auf ihrem warmen Bauch.

Irgendwo da draußen geht Oryna umher und beobachtet das Fenster. Geht das Licht an, bedeutet das, dass es Zeit für mich ist und sie hereinkommen kann.

Aber wir füllen die Öllampe lange nicht auf.

Tamara ist auf meiner Schulter eingeschlafen … Zahm … Wehrlos.

Mein Same heiß in der Grube ihres Nabels.

Wo er zum Glück niemals aufgehen wird.

DUSJA

Tosko Lantuschok mag keine Menschen.

Als er ein Kind war, töteten sie vor seinen Augen seinen Vater. Angeblich hatte er sich an fremdem Hab und Gut vergriffen, doch in Wirklichkeit … Wer weiß das schon. Sie demütigten ihn nach Strich und Faden, spießten dann eine Heugabel in seine Brust, und aus war’s mit ihm.

»Dieb!«, brüllten sie wie besessen. »Dieb! Dieb!«, zeterten an jenem Tag drei, vier, fünf Männerstimmen am Himmel über Matschuchy, »Dieb!«

Der kleine Tosko begriff damals nicht, wofür der Vater bestraft wurde, er hielt sich die Ohren zu, versteckte sich unter dem Ganok und zitterte vor Angst. Seine Knie versanken im feinen Sand auf dem Boden, er spürte sein Herz nicht mehr schlagen, ihm stockte der Atem.

»Dieb!«, hämmerte es auf seinen Kinderkopf und fraß sich unterm weißblonden Haarschopf, unterm Schädeldach fest. »Dieb!«, schoss es hervor wie eine Nadel aus grobem Sacktuch, um von der anderen Seite her gleich wieder einzustechen, diese menschliche Ameise zu durchbohren, die eine Zuflucht gefunden hatte für ihren bebenden, kleinen Körper, aber ihre Ohren so fest gar nicht zuhalten konnte, dass sie das Geschrei nicht mehr hätte anhören müssen. »Dieb!«, noch einmal brandete es heran, dann war alles so plötzlich vorüber, wie es losgebrochen war. Nur des Vaters schwächelnde Stimme röchelte nicht weit entfernt …

Tosko, achtjährig, horchte, krabbelte langsam aus seinem Versteck und noch immer auf den Knien, rutschend auf den Knien los in die Mitte des Hofes, wo, durchbohrt von den spitzen Gabelzinken, sein Vater Jaso Lantuschok da schon bei Gott war. Über dem Körper des Vaters fand ihn am Abend Awgustyna, seine Mutter. Tosko hatte da schon keine Tränen mehr, er hatte sich auf Lebenszeit leer geweint.

Deswegen mag Tosko keine Menschen.

Die, die seinem Vater das Leben nahmen, hat er nie kennengelernt, aber auch alle übrigen schätzt er gering. Er schaut jeden und jede an, nicht, wie man einen Menschen anschaut, sondern als sei da leerer Raum, und wenn er mit jemandem spricht, klingt es, als würden seine Lippen Sand verblasen. Für gewöhnlich schweigt er, als hätte er dein Todesurteil schon gefällt. Schon zur Hälfte seines Lebens ergraute sein Haar und er ging ein wenig gebeugt, aber wurde keinen Deut milder. In Matschuchy kann niemand ihn leiden. Nur die braune Stute, selbst alt und immer für einen Tritt gut, hat sich ihm angeschlossen. Er ist ihr Gott, ihrem Tosko gehorcht sie aufs Wort. Sonst erträgt auch sie keine lebende Seele.

Tosko ist ein böser Mensch, kauzig und rabiat. Immer hat er eine Heugabel in der Hand, ist gleichsam jederzeit bereit, sich zu verteidigen. Worauf, auf welchen Feind er da sein Leben lang wartet, weiß ich nicht. Gern nimmt er auf dem Bänkchen unter dem Kirschbaum Platz, sitzt dann so da, blinzelt in die Sonne, ein Insekt krabbelt durch seinen grauen Bart … Scheinbar ruht da einer, aber die Gabel ist an seiner Seite, er hält sie an den Baumstamm gepresst und seine Hand wie angeklebt um ihren Stiel.

Die Lantuschoks waren Omas Nachbarn, jetzt sind es unsere. Sie wohnen auf der einen Seite, auf der anderen wohnt die kinderlose Warwara Lebedka. So lange ich denken kann, sind Omas Hühner immer auf den Hof der Lantuschoks gerannt. Was haben wir den Zaun nicht nach Löchern abgesucht, aber kaum hatten wir eins geflickt, hatten sie schon ein neues gefunden. Die Frauen stutzten ihnen die Flügel, bewachten sie den halben Tag, scheuchten sie ständig mit Gezische – nur um beim Heimkommen die Hühner erneut im fremden Garten vorzufinden. War das Gras in ihren Augen dort besser? Eines Tages, als Omas Hahn schon wieder bei den Lantuschoks die jungen Karotten ausgezogen hatte, sagte Tosko kein Wort, schwang nur seine Gabel, stach sie dem Hahn zwischen die Beine, lupfte ihn auf und warf ihn auf Oma Sankas Hof zurück. Dies alles schweigend, kein Laut drang dabei über seine Lippen.

Ich war damals noch klein, stand im Hof und aß Kirschen von einem Zweig, den Papa mir abgeschnitten hatte. Der Hahn segelte geradewegs über meinen Kopf hinweg, und ein Tröpfchen Blut spritzte in mein Gesicht. Es mag auch Kirschsaft gewesen sein, ich weiß es nicht. Jedenfalls bekam ich damals Angst vor Omas Nachbarn. Diese Angst ist bis heute keineswegs kleiner geworden.

Als 1931 die Kommunisten nach Matschuchy kamen, verleibten sie Tosko mit seinem Wagen, der Stute und seiner Gabel der Kolchose ein. Sie räumten den ganzen Hof aus, nahmen den Pflug mit, den Grubber, die Egge. Er widersetzte sich nicht. Er glaubte, jetzt käme das Paradies, wo »Männer und Frauen unter einer Decke schlafen«, und verschrieb sich ganz der Kolchose. Man trägt ihm auf, den Mist unter den Kühen abzufahren, er tut’s, dann sind Rote Bete zu fahren, er tut’s, dann sind die Bugsierer unterwegs und durchwühlen die Häuser der Kulaken, und Tosko steht geduldig am Tor bereit und erwartet die Säcke mit den geplünderten Sachen. Selbst hungert er, ist schmutzig, sein Haus ist verwahrlost, Awgustyna, seine Mutter, völlig entkräftet. Niedergelegt hat sie sich, betet nur noch, mal laut, oft still, um ihn nicht zu verärgern, und er vergisst, ihr zu essen zu geben, kann den roten Schleier schon nicht mehr lüften von seinen Augen, Tosko dient den fremden Unmenschen. Er glaubt, es käme so, wie es die Propaganda verspricht, dass er endlich in einem Kulakenhemd gehen und das Kulakenglück schmecken wird. Manchmal kehrt er erst spätabends heim, umwabert vom Gestank nach Fusel, sogar wir riechen ihn, er geht ins Haus zu seiner schwachen Mutter und richtet kein Wort an sie, legt sich hin und schnarcht los.

Ihr altes Häuschen aus Lehmziegeln stammt noch aus des Großvaters Zeiten und verträgt die Vernachlässigung schlecht, mal stürzt hier was ein, mal bröckelt was da, das Dach leckt schon lange, es tropft einem auf den Kopf, doch Tosko lässt das kalt. Ihm ist alles egal. Er wartet allein darauf, dass sie ihn rufen und ihm sagen, wohin er fahren soll.

Es ist noch nicht lange her und schmerzt mich noch wie eine Nadel im Kopf. Es war vor dem Winter, das Dämmerlicht wurde schon dichter und schwerer. Mama war gerade aus der Kolchose gekommen. In ihren Taschen hatte sie ein paar Gerstenkörner. Wie hatte sie das nur geschafft? Am Tor werden doch alle gefilzt. Ich kann das wissen. Ich war am zweiten Tag wegen einer Handvoll Hafer bei »Roter Stern« rausgeflogen. Der Brigadier hatte gesagt, wenn er meinen Vater nicht so gernhätte, würde er mich sofort melden, so schnell könne ich nicht mal blinzeln. Aber so … Ich solle mich wegscheren und nie wieder blicken lassen. Andere Kolchosen nahmen uns gar nicht erst auf. Mamas Gerstenkörner hatten wir hastig auf dem Dachboden zwischen den Buchweizenspelzen versteckt, die den halben Boden bedeckten, sodass sie unauffindbar waren, keiner sie uns wegnehmen, keiner auch nur ein Körnchen herauslesen konnte.

Es wurde dunkel. Wir aßen die Seltenheit einer dünnen, mit viel Wasser gekochten Hirsesuppe, als Mama plötzlich den Löffel hinlegte und sagte:

»Hört zu, Kinder, ich kann nicht hier essen und nicht daran denken, wie sie drüben heult, das hört ihr doch auch.«

»Wer?« Ich begriff nicht gleich, wen Mama meinte.

»Awgustyna. Und er ist wieder … Tosko bringt ihr kein Essen, da bin ich mir sicher. Schon seit Tagen schläft er in der Kolchose, er arbeitet weniger, und so wie der säuft, geht er eh bald zum Teufel. Heute war er schon zur Mittagszeit so stockbesoffen, dass er nur noch lallte. Und gestern auch. Den Mist aus der Kolchose abfahren, das ist sein Lebenssinn. Und die eigene Mutter kann er darüber bald gleich mit in die Jauchegrube kippen. Der Mann hat nicht den Hauch eines Gewissens in sich, der schaut ja nicht mal mehr nach ihr.«

Wir fackelten nicht lang, nahmen den Suppentopf vom Tisch und die Öllampe und gingen in den Hof der Nachbarn. Ich war lange nicht dort gewesen, immer stand mir unser Hahn vor Augen, rot auf Toskos Gabel.

Ins Haus zu kommen war leicht.

»Awgusja!«, rief Mama an der Tür. »Bist zu zu Hause?«

Was soll die Frage, dachte ich, wir hören doch ständig ihr Wimmern. Ein abgerissenes Wimmern, mal schwoll es an, mal brach es ab … Da, da war es wieder:

»Essen! E-e-e-ss-e-e-en!« Mit diesem lang gezogenen Stöhnen antwortete uns die Not aus dem Inneren des Nachbarhauses, und es durchrieselte uns kalt. Wir gingen weiter hinein, unsere Augen versanken im dichten Dunkel. Es war kalt in der Stube. Unheimlich. Es roch nach Schwäche, Alter, einem ungewaschenen Körper, Urin … Dieser widerliche Hauch zwang uns fast in die Knie. Aber wir trotzten ihm.

Offenbar war die Alte schon eine Weile nur auf sich gestellt. Ein unsteter Luftzug ging zwischen den Lehmwänden um, sehnte sich nach einem Scheit im Ofen, das letzte war lange verbrannt. Das Licht unserer Öllampe flackerte schüchtern und fiel im Finstern auf etwas, das sich bewegte. Im Alkoven an der Wand neben dem kalten Ofen lag die alte Awgustyna in ihrem Urin. Auf dem Rücken lag sie und wimmerte leise vor sich hin:

»E-e-e-ss-e-e-en, E-e-e-ss-e-e-en!«

Das Stroh unter ihr war zerfleddert, die Rjadnyna zerknüllt und abgenutzt. Sie zog die Halme unter sich hervor und stopfte sie in den zahnlosen Mund:

»E-e-e-ss-e-e-en!« Sie mahlte nur mit den Kiefern, spuckte dann angewidert aus. Griff wieder nach dem Stroh, und wieder, und wieder …

Zunächst sahen wir entsetzt zu, dann fuhren wir zusammen und stürzten zu ihr. Mama hob ihr den federleichten Kopf etwas an: »Ist ja gut, Awgusja, gleich. Hab Geduld, meine Liebe. Da hast du zu essen. Nimm ein Schlückchen.«

»E-e-e-ss-e-e-en …« Der Körper der Alten zog sich in einem heftigen Krampf zusammen. Awgustyna krümmte sich, bebte und zuckte einige Male, dann wurde sie plötzlich ganz ruhig. Und ganz sanft. Bat um nichts mehr. War gesättigt. Mama ließ ihren Kopf vorsichtig wieder auf die Rjadnyna sinken. Awgustyna hielt uns nicht auf. Gottergeben lag sie da. Sie sah schon hinein ins Licht, und in ihren eingesunkenen Augen standen die Tränen.

Wir kehrten nach Hause zurück, die Reste der Hirsesuppe gefroren im Topf. Hinter uns das verwaiste Nachbarhaus.

Dort lag die alte Awgustyna ganz allein – und gefror auch.

Am übernächsten Tag kam Tosko Lantuschok zum ersten Mal seit Monaten nicht zu Fuß nach Hause, sondern mit seiner klapprigen Araba. Die Leute hatten ihm von seiner Mutter erzählt. Wir hatten niemandem gegenüber erwähnt, dass wir im Haus gewesen waren. Das Leben ist schlimm jetzt. Schlimm. Man weiß nie, was sie dir antun, auch wenn du die Wahrheit sagst. Als Tosko es erfuhr, fragte er niemanden um Erlaubnis, er raste nach Hause. Er jagte die Stute wie besessen die Straße entlang, kannte keine Gnade, schlug sie mit dem Stock über ihren alten Rücken, auf die Kruppe, damit sie ja lief und nicht anhielt. Vielleicht glaubte er den Leuten nicht, die er sein Leben lang nicht hatte leiden können, vielleicht wollte er irgendwie noch rechtzeitig kommen. Derart heftig stürzte er ins Haus hinein, dass die Tür sich aus den Angeln hob, der Putz überm Türsturz bröckelte. Lange saß er drinnen, dann trug er die steife Awgustyna in einer frischen Rjadnyna auf seinen Armen ins Freie und legte sie vorsichtig auf die Bank unter dem Kirschbaum.

Er ging wieder ins Haus. Als Nächstes zerrte er einen Schrank in den Hof, den seine Böden zusammenhielten, und als Tosko so daran zog, zerfiel er bruchlos in seine Einzelteile. Plötzlich wieder ganz der Hofvater, zimmerte Tosko die Böden ordentlich zusammen, vernagelte sie und hievte den Schrank dann auf seinen Wagen. Da hinein, wie in einen Sarg, legte er seine Mutter. Und los ging’s …

Sie war die Erste, die Lantuschok zum Friedhof fuhr. Lange allein ausharren musste sie dort aber nicht. Aus Matschuchy folgten ihr etliche auf dem Fuß. Mal einer, mal zwei, und das jeden Tag, jeden Tag … Um diese Ersten weinten wir noch, jetzt zählt keiner mehr mit. Damals gab es noch Angehörige, die ihre Toten begruben, jetzt ist da oft nur noch Tosko, der sie am Wegesrand aufliest, der die Häuser abklappert mit seiner Gabel:

»Habt ihr wen?«, ruft er leise in die Höfe hinein. »Aha … Niemand … Na, dann eben morgen.«

Die Partei hat Tosko Lantuschok angewiesen, die Verstorbenen wegzuschaffen aus dem Dorf, dahin, wo die Pappeln einen lebendigen Wall um die Toten bilden.

Ich weiß nicht, was in Tosko vor sich ging, als er seine Mutter in einem Schrank auf diesen Totenacker gefahren und ihr eigenhändig das Grab geschaufelt hat. Aber wir haben damals zum ersten Mal gesehen, wie er weinte.

Wenn die Seele noch Tränen hervorbringen kann, dann ist da noch etwas Lebendiges in diesem Menschen, dachte ich bei mir. Obwohl er sich von den Gabeln nicht verabschiedet hat. Mit seinen Gabeln hält er sich die ganze Welt vom Leibe.

SOLJA

Was ist es doch stickig …

Das Haus hat alle Luft eingeatmet, hat mir nichts übrig gelassen. Ich schlage die Bettdecke halb zur Seite, damit es wenigstens ein bisschen kühler wird. Mein Körper ist schlaff und ungelenk. Und wieder habe ich einen schweren Kopf. Sogar noch schwerer als gestern. Ich schnüffle gewohnheitsmäßig. Alles wie immer, die Laken unter mir sind zerwühlt und riechen widerlich nach meinem Schweiß. Ich verstehe das nicht. Ich habe gestern erst alles frisch bezogen. Wie kann man in nur einer einzigen Nacht das ganze Bett so besudeln … Jetzt muss ich wieder waschen, trocknen, mangeln. Woher soll ich die Kraft nehmen? Ich liege da. Am liebsten würde ich nie wieder aufstehen, bis mich der Tod endlich wegholt aus diesem Haus, in dem ich mich lange schon verloren habe, das alle meine Wünsche aufgesaugt und nur den einen am Leben gelassen hat – essen. Irgendwann aber kommt meine Zeit, und dann gehe ich …

Als Erste ist Ewa von hier fortgegangen.

Zwei Monate, sieben Tage und acht Stunden hatte der Herr es mir zugedacht, Mutter zu sein. Nicht mehr und nicht weniger. Mehr hatte ich wohl nicht verdient. Mit der einen Hand gibt es der Himmel, mit der anderen nimmt er das Glück wieder. Seitdem grüble ich und forsche mich aus, aber kann mich einfach nicht an die schreckliche Sünde erinnern, für die mir eine so schwere Strafe hatte auferlegt werden müssen … Vielleicht straft Er mich ja auch für eine Schuld, die noch kommt?

Unsere zarte Ewa sah uns beiden ähnlich. Ihre blauen Augen hat sie nicht gleich geschlossen, sie hat zuvor lange geschrien. Dieses hilflose Schreien wird mir bis zum letzten Atemzug in den Ohren klingen. Es quält mich noch heute, foltert mich, rädert mich, wühlt in meinem Kopf. Wie besessen lausche ich ihm, lausche und lausche, bis ich ganz benommen bin, beinah bewusstlos, und nicht mehr weiß, warum ich überhaupt noch lebe. Dann frage ich Den, Der über uns allen steht, Den droben im Himmel, dann schreie ich zu Ihm: »Warum bin ich immer noch da und sie nicht? Und sie kommt auch nie wieder?« Genauso wenig werden für mich je wieder helle Tage kommen, denn die Finsternis, die mein Herz und meinen Schoß zerrissen hat, die weicht nicht mehr, hat die Wände des Hauses durchtränkt und mich eingeschlossen von allen Seiten – und wenn ich ehrlich bin, ist sie mein einziger Halt.

Mein Oleksij glaubt nicht an Gott. Die Partei, die ist sein Gott, und Vater und Mutter noch dazu. Seine Eltern hat er nämlich nie gekannt. Die Partei hat ihm als Säugling die Brust gegeben und ihn zum Mann erzogen. Dieser Mann glaubt an die Rote Fahne und will nicht hören, dass es noch einen anderen Gott gibt, meinen Gott, der lebendig ist in meinem Geist und meiner Seele, der allein Leben schenken, vergeben und strafen kann.

Oleksij gibt mir schon lange keinen Halt mehr. Früher schon. Früher hat er die Welt bewegt und Berge versetzt, doch unsere kleine Ewa konnte auch er nicht retten. Als die Nacht auf unserer Schwelle stand und unser kleines Mädchen holen kam, war er selbst verwirrt wie ein Kind, stand wie versteinert mitten im Zimmer, unfähig, etwas zu tun. Niemand konnte etwas tun, selbst Gott nicht, an den ich damals noch so entsagungsvoll geglaubt habe.

Mit einer geradezu selbstmörderischen Besessenheit kehre ich zurück zu diesem Tag, zu diesem Abend, in dieses Zimmer unterm Dach, kehre zurück, als wäre dort mein Zuhause. Da ist sie noch da, da liegt sie noch und atmet noch und verlöscht einfach, unser Mädelchen. Die Ambulanz lässt auf sich warten, ich ziehe Ewa eilig an, sie hört nicht auf zu schreien, ihre Lippen sind schon ganz blau, und dann auf einmal seufzt sie auf, wird ruhig, und ihre Augen brechen. Oleksij ist als Erster bei ihr, bei mir. Kraftlos sieht er hin, sagt nichts, stürzt zur Tür hinaus und lässt mich allein mit ihr auf dem Arm, lässt mich allein in einem solchen Augenblick, in dieser Stunde an ihrem Bettchen in diesem Zimmer, als sogar die starren Wände mit mir um sie weinen. An seinem furchtbaren Schweigen damals ist meine ganze Welt zerbrochen, zerschellt, zu Staub zerfallen.

Nein, Oleksij bietet mir keinen Halt. Er ist nicht meine Stütze, er ist eben mein Mann, der es auf seine Art schwer hat, weil er sich immer mehr auflädt, als er bewältigen kann. Natürlich, in gewisser Hinsicht rettet ihn seine Arbeit auch. Mich retten essen, Schlafmittel und Filja, mein Hund. Wir reden nie wirklich über Ewas Tod. Ich weiß, dass er ihren kleinen Körper zur Autopsie gebracht hat, ihn interessierte, woran sie gestorben war. Vielleicht wollte er auch herausfinden, ob mich eine Schuld traf … Ihre Eingeweide hatten sich verschlungen. Sie hatte die Nahrung nicht vertragen. So etwas kommt vor bei Säuglingen.

»Hat sie gelitten vor ihrem Tod?« Hin und wieder frage ich ihn so aus, werfe mich ihm an die Brust, ertränke ihn in Tränen: »Ljoscha, sag mir die Wahrheit!«

»Sie hat es doch hinter sich, Solja …« Ganz vorsichtig ist er dann, als wäre ich ein Porzellanfigürchen, manchmal nimmt er mich in den Arm. Manchmal ekelt sich mein Mann nicht vor mir und nimmt mich noch in den Arm.

»Warum denkst du da die ganze Zeit noch dran? Wir werden doch noch mehr Kinder haben …«

Ich denke eben daran. Ich denke daran. Seit Jahren denke ich daran. Ich habe es nicht hinter mir. Ich esse wie ein Tier, stopfe in mich hinein, was ich kriegen kann, mein Magen soll es nicht verkraften, es soll mir schaden, es soll mich zerreißen, möge der Herr meine Gedärme auch verschlingen, so wie bei ihr, meinem kleinen Mädchen. Aber jedes Mal, wenn ich vom Tisch aufstehe, mit jedem Jahr feister und fetter, dann lebe ich irgendwie weiter.

Er sitzt nur da, da oben im Himmel. Unerbittlich und ungerührt sitzt Er da, schaut hinunter auf mich kleines Insekt und sagt – nichts …

SWYRYD

Das Grauen ist ein roter Hahn in meinem Kopf, es schlägt mit den Flügeln und scharrt sich seine Kuhle zurecht. Es ist ein prächtiger Hahn, herrisch und schlau. Mit einem starken Schnabel, der meinen Schädel anpickt, bis er birst. Mein Kopf schmerzt und pocht, schwer von dem Gehämmer, den Hahnenfüßen, den Löchern im Schädeldach. Mein Kopf knackt, reißt an den Nähten auf zu zwei Schalen, und was vom Hirn darin übrig ist, liegt frei, damit es das Grauen mit seinen gelben Krallen herauskratzen kann.

Alles begann mit Hannas Haus.

Als sie Timofej verurteilt hatten, kam unmittelbar der Befehl, seine Familie vor die Tür zu setzen. Ich erfuhr als Erster davon und machte mich gleich auf den Weg – um Hanna zu warnen, damit sie Bescheid wusste. Der Morgen dämmerte, als ich zu ihr lief, ich drückte mich im Hof herum, bis sie mir öffnete.

»Neuigkeiten, Hanna!«, platzte ich schon von Weitem heraus.

»Sag schon, Swyryd«, sie dämpfte ihre Stimme, »hört man was von Timofej?«

»Von dem doch nicht!« Plötzlich war ich verärgert. »Sie nehmen dir jetzt das Haus weg.«

»Wie das?« Hanna war erstaunt. »Wieso denn das Haus?«

»Gestern kam der Befehl.«

»Der Befehl …« Jetzt flüsterte sie.

»Wurde so beschlossen. Ich bin hier, um dich vorzuwarnen.«

»Vorwarnen, ja?« Ihre Worte kamen plötzlich scharf, schnitten hinein in die morgendliche Stille. »Pack dich.«

Ich hebe den Kopf, schaue meine Hanna an. Die steht da wie eine Ikone, erschüttert, kummervoll. Alles Salz dieser Erde hat sich in ihren Augen gesammelt und ist dort erstarrt. Wie Lake rinnt der Hass aus diesen Augen, ihre Haarsträhnen unter dem Kopftuch zischen mich an wie Nattern. Die Finger jucken sie, die wollen mir an die Gurgel … Aber darum geht es jetzt nicht, ich muss jetzt für die Partei einstehen. Ich muss.

Ich darf nicht an die Hanna mit dem gespaltenen Herzen denken, das sich da in ihrem weißen Busen vor mir verbirgt – darauf habe ich kein Recht. Wohl habe ich das Recht darauf, ihr Haus zu entkulakisieren, ihr Heim zu zerstören, ihr bis zum letzten Faden alles zu nehmen, ihre Kinder zu Waisen zu machen. Ich habe das Recht, sie mit Schimpf und Schande zu überziehen, ihren süßen Körper wie ihr verräterisches Herz. Das Recht habe ich, aber nicht die Kraft.

Sie hatte mich versteinert, mit einem Blick auf dem Ganok gebannt – über die Schwelle ihres Hauses zu treten war ich nicht würdig. Ich stand da wie ein Ölgötze, glotzte hinein in ihre und Timofejs schmucke Stube. Lieber hätte ich mir die Augen ausgerissen, als je den Alkoven sehen zu müssen, in dem sie und Timofej Trost in ihrer Liebe gefunden haben, während meine Welt zertrümmert, zerschlagen, zerrissen wurde, während mich Hannas Verrat in den Wahnsinn gestürzt und zum Getriebenen gemacht hat, der nicht weiß, wohin mit sich, während die Enttäuschung wie ein gefräßiger Wurm meine ganze Kraft aufgezehrt hat … Während ich buchstäblich vergangen bin, hat mein Feind sich hier fortgepflanzt, seinen Samen in Hannas Schoß gesät – und jetzt sollte ich ihnen das alles verzeihen?

»Sei friedlich, Hanna«, sagte ich zu ihr. »Ich bitte dich im Guten. Hol dir kein Unheil auf den Hals. Verkauf das Haus morgen dem Anhol. So ist es besser. Der Befehl kam aus Poltawa. Wir müssen euch vor die Tür setzen. Wegen Timofej und all dem … Du weißt es doch selber … Ich kann da nichts machen.«

Sie sah nur kurz zu mir hin, streifte mich nur mit dem Atem, doch war mir, als träfe mich ein Donnerschlag.

»Hanna!«, rief ich sie noch mal, »Hanna! Ist doch nicht so schlimm. Mein Haus würde dir auch taugen, und …«

»Verschwinde, Swyryd!« Jetzt sprudelte der Hass über ihre aufgesprungenen Lippen, und sie hetzte ihn auf mich. »Verschwinde einfach.« Ihre Schultern zuckten, als weinte sie, aber sie weinte nicht. Sie war keine Frau mehr, sondern ein uraltes Standbild aus Stein. Beinhart war sie, nichts konnte sie rühren. Da brauchte es schon einen Hammer.

»Ich bitte dich, Hanna!« Ich gab nicht auf, mochte nicht glauben, dass sie durch und durch verstockt war. »Meinst du, du kannst dich ein Leben lang von mir bitten lassen? Und mir ständig eine lange Nase drehen? Ich bin nicht dein Hanswurst. Und auch kein Stück Dreck, an dem du deine Launen auslassen kannst! Die schmeißen euch heute hier raus. Hast du mich verstanden?! Dafür kannst du dich bei deinem Mann bedanken, diesem Taugenichts. Überall hat der ausgeteilt, und jetzt lässt er dich hängen!«

»Lass Timofej aus dem Spiel!«, fuhr sie mich an aus ihrer Ecke. »Er nimmt nicht den Leuten das letzte Hemd weg!«

»Du bist doch nicht dumm«, versuchte ich ihr anders beizukommen, »und auch kein Backfisch mehr. Du kennst mich schon so lange. Ich würde dir nie wehtun, das weißt du, auch wenn du mir sehr wohl wehgetan hast. Das Haus, das werden sie euch wegnehmen. Und zwar wegen Timofej, weil der ja mit dem Staat seine Spielchen spielen musste …«

»Halt den Mund!« Ihre Stimme bebte, Speichel sammelte sich darin, spritzte auf mich, schlug mir gegen die Schläfe. »Was willst du eigentlich von mir, Swyryd?«

»Dich, Hanna …« Und wieder öffnete ich ihr mein Herz, warf mich ihr zu Füßen.

»Niemals, hörst du?« Hanna hob den Kopf. »Lieber sterben, als sich gemein machen mit dem Feind.«

»Dem Feind …?« Außer mir vor Wut überschritt ich ungestüm doch noch ihre Schwelle. Stürzte mich auf sie, wollte sie umreißen, herunterschlagen von ihrem Sockel.

Sie wich nicht zurück. Keinen Schritt wich sie zurück.

»Du bist grauenvoll, Swyryd.« Ihr Atem traf meine Brust. »Grauenvoll bist du, wie der Tod selbst.«

Ich schaute mich in der fremden Stube um, suchte einen Spiegel. Ich wollte mich sehen, das Grauen in mir, aber es gab keinen Spiegel. Nur Hannas Augen mir gegenüber, gefüllt mit trüber Sole, und in keinem sah ich mein Bild.

Bis zum Morgen scharrt das Hahnenmonstrum, pickt und zieht mir bei lebendigem Leib meinen Verstand aus dem Schädel. Ich versuche es einzufangen oder ihm wenigstens zu entkommen, aber ich schaffe es nicht.

Meine Hände sind kraftlos vor lauter Enttäuschung.

Allgegenwärtig ist mein Kummer.

Meine Angst allmächtig.

DUSJA

Bei uns ist als Erste Oma Sanka gestorben.

Der Winter ging da schon in den Februar, aber es lag kein Schnee, es regnete nur erbarmungslos. Durch den Regen betrachtet, war die Welt ums Haus fast schwarz. Toskos klapprige Araba kam vorbei und blieb stecken, woraufhin Tosko unter lauten, wilden Flüchen vom Bock sprang und versuchte, den Wagen im breiigen Lehm anzuschieben. Alt und unterwürfig, wie sie war, half ihm seine rippige Braune nach Kräften, und sie zogen weiter, dorthin, wo hinter Matschuchy, umzäunt und von den hohen Pappeln umstanden, der Friedhof seine Bewohner erwartete.

»Ich bin so müde, Kinder. Ich bin zu nichts nutze. Nicht wert zu leben …«, sagt Oma kraftlos, und wieder und wieder hustet sie bellend. Sie tut mir leid. »Für euch und mich haben wir nicht genug. Und es wird ja noch schlimmer werden … Warum das Essen dann sinnlos verschwenden?« Ihr teilnahmsloser Blick wandert zwischen den Schüsseln auf dem Tisch hin und her, sie schluckt zweimal und weigert sich dann rundheraus, hinter dem Ofen hervorzukommen und mit uns die dünne, fast durchsichtige Schleimsuppe zu essen, durch die der Grund der Schüsseln hindurchschimmert. Sie dreht das Gesicht zur Wand und liegt schweigend. Bis abends trinkt Sanka nicht einmal Wasser.

»Wasser hält einen Menschen auf den Beinen«, murmelt sie vor sich hin, ohne zu uns zu sehen, »aber ich will das nicht … Einschlafen möchte man, so, dass es für immer ist. Was bleibt denn noch? Ich hab so gern gelebt, aber, Gott vergib mir, das ist doch kein Leben! Meinen Timofej hab ich verloren … Der wartet doch schon auf mich … Ihr kommt auch allein zurecht … Ihr kommt schon zurecht.«

Sie will nicht mehr sprechen und nickt ein. Manchmal hustet sie im Schlaf.

Mama hat aus der Kolchose einen aussortierten Futterpressling mitgebracht. Leise brechen wir ihn in Stücke, um Oma nicht zu stören. Wir legen Erbsen, Gerstenkörner, Weizenkörner in jeweils eigene Schüsseln. Der Haufen Kiesel in der Tischmitte ist größer als das, was an Essbarem bleibt, doch selbst darüber freuen wir uns. Sanka freut sich nicht mit, und je mehr es auf die Nacht zugeht, desto heftiger wird ihr Husten. »Hanna«, ruft sie Mama immer wieder zu sich, »Han…«, und es zerreißt ihr die Brust, »komm her …« Geduldig wartet sie, bis Mama wieder zu ihr geht und sich über sie beugt. Dann krallt sie ihre trockene Hand um Mamas Nacken und flüstert lange auf sie ein, dabei geräuschvoll ein- und ausatmend. Ein furchterregendes Tier hat sich in Omas Brust festgesetzt. Unerbittlich ist es, es würgt Sanka, lässt ihr keine Luft zum Atmen, drückt ihr hinter dem Ofen seine knochige Pfote in die entzündete Brust. Sie wehrt sich, kämpft dagegen an, will es niederringen, ihm Zeit abringen, und sei es auch nur ein Quäntchen, damit sie ihre Abschiedsworte noch sagen kann. Myros und ich hören diese nicht: Das Auslesen hat uns müde gemacht, wir haben uns hingelegt, und wir schlafen nicht am Ofen, sondern davon weit entfernt, er an der einen, ich an der anderen Wand. Der Mond ist im Norden vorübergezogen, er beginnt zu verblassen, die Fenster erblinden, irgendeine Gewalt hat sie beschlagen lassen, das Dunkel ist ins Haus eingedrungen, dick und tief und einschläfernd hat es uns betäubt.

Mama sitzt noch immer bei Sanka, hält und streichelt ihr die wie Weidenrinde knotige und rissige Hand. Und sagt dann: »Gute Nacht, Mutter. Ich lege mich schlafen.« Im Morgengrauen deckt sie Oma mit einer Filzdecke zu, die sie ihr am Ofen vorgewärmt hat.

Im Morgengrauen geht unsere Oma zu Gott.

Jetzt leidet sie nicht mehr …

***

Mit Omas schriller Stimme treibt der Hunger Nachbars Ziege unter der alten Weide hervor:

»Schup, weg da! Du Elend! Jetzt sieh dir das an!«, schreit er das alte Hornvieh an. Der Morgen dämmert schon über Matschuchy. Die Ziege hat Angst. Langsam weicht sie zurück, um nicht den Stock über den Rücken zu spüren. Sie schwenkt die grauen Hörner, meckert missmutig, weil sie die Weide nicht abnagen darf.

Der Hunger zieht die Axt aus dem Gürtel. Macht sich flink daran, das Bäumchen umzuhacken. Die Weide weint, zittert unter den Hieben, stirbt … Ich kann das nicht mitansehen, muss mir die Augen reiben, als wäre Sand hineingeflogen. Plötzlich wird es dann finster, als würde ich blind. Als meine Augen irgendwann aus der Schwärze finden, sehe ich unser Haus. Am Querbalken ist die alte Kinderwiege aufgehängt. An langen Seilen schwingt ihr hölzerner Trog.

»Hojda, hojdaaa«, singt jemand mit fremder Stimme. Jemand schläft in der Wiege. Das ist doch ein Kind … Ich schleiche mich heran, um es nicht zu wecken, stelle mich auf die Zehenspitzen. Mein Blick taucht unter die gewebte Decke.

Es ist kein Kind, es ist Oma.

Zusammengerollt liegt sie da.

Ruht sich aus.

Es dämmerte, als Mama aufstand. Gleich als Erstes schaute sie nach Sanka und rief uns dann zu sich:

»Lasst uns beten, Kinder. Unsere Oma ist von uns gegangen, sie isst jetzt Kuchen im Paradies, und wir bleiben in ihrem Haus zum Sterben.«

Myros und ich waren sofort auf den Beinen, hasteten zum Ofen, wo wir Oma schüttelten und rüttelten und nach ihr riefen. Nicht zu fassen … Kalt liegt sie da. Nicht mehr von dieser Welt … Gelb. Unsere Trauer ist riesig, aber keiner von uns weint. Das Herz hat Tränen, aber sie wollen nicht fließen, sie steigen hoch in die Kehle und trocknen dort ein. Mama, ernst und feierlich, breitet eine Rjadnyna auf dem Boden aus. Wo hat sie die her, so eine neue, schöne?, denke ich.

»Helft mir, sie draufzulegen«, fordert sie uns auf, die wir betreten herumstehen.

Wir packen an.

Sanka ist wie eine Flaumfeder, ganz leicht. Sie ist nicht aufgequollen wie wir, sie ist ausgetrocknet, grazil. Die so hart errungene Ruhe hat ihr Gesicht glatt und blass gemacht. Als wir es mit einem Zipfel der Rjadnyna bedecken, ist es fast, als lächelte Oma uns an. So hat sie auch in der Weidenwiege gelegen, lächelnd wie ein Kind.

»Los, wir nehmen sie zusammen.« Mama greift sich als Erste eine Ecke der Rjadnyna und zieht Oma von ihrer Schlafstatt. »Wir begraben sie unter ihrem Birnbaum, dann ist sie bei uns. Ich lasse nicht zu, dass Tosko sie mit irgendwem zusammen in eine Grube wirft. Dann ist Papa böse, wenn er kommt …«

»Der kommt doch eh nicht!« Myros, bleich wie ein Gespenst, kommt mit einem Spaten durch die Tür.

»Ach, sei still, du!« Mama duldet keine Frechheiten.

Wir wechseln uns ab beim Graben. Myros schuftet am meisten. Obwohl seine Beine ihn kaum tragen, so aufgetrieben sind sie. Überall ist zu viel Wasser, ständig läuft die Grube voll.

»Wenn wenigstens der Regen aufhören würde.« Unsere Kranich-Mama, dünn, fast durchsichtig, hält den Tropfen ihr bleiches Gesicht hin. »Eiskalt ist der – geht bestimmt bald in Schnee über. Morgen hätten wir vielleicht schon kein Grab mehr schaufeln können. Als hätte Oma an alles gedacht. Der Tod gibt den Alten so allerlei ein.« Sie nimmt Myros den Spaten ab. »Gib her, lass mich auch, dann wird mir warm. Meine Schultern sind so kalt. Du und Jawdocha, ihr lasst einen Eimer runter und schöpft das Wasser ab. Es fließt zu viel nach. Man sieht nicht, wo man gräbt.« Mehrmals stößt sie den Spaten in die Grube, greift dann mit der Hand zu, will eine hineinragende grobe Wurzel wegziehen, die sie stört. Dabei rutscht plötzlich ein dickes Stück Erde ab und hinterlässt ein Loch im Boden. Mama will es erst mit dem Spaten glätten, erstarrt dann über dem frischen Grab.

»Du meine Güte, das ist er.« Sie bekreuzigt sich, lässt sich auf die Knie fallen, kratzt mit beiden Händen den feuchten Lehm zur Seite, die Adern treten ihr hervor, so erregt ist sie. »Was, wer denn?« Ich komme nicht mit, Myros hört auf zu schöpfen, wie angewurzelt steht er und starrt sie an.

»Sankas Tontopf.« Mama wühlt weiter in der Erde, rupft Wurzeln ab, legt darunter irgendwas frei. »Heute Nacht hat Sanka immer wieder gerufen, es hat ihr keine Ruhe gelassen, irgendwas von ihrer Birne und von Silber hat sie gebrabbelt. Und gekeucht und gehustet, ich konnte mir da keinen Reim drauf machen. Ich dachte, Oma fantasiert, die hat nicht gegessen die letzten Tage, da bringt sie wohl was durcheinander in ihrem Kopf … Und jetzt ist er da wirklich, ihr Tontopf. Wenn ich nur rankäme …«

Kurz darauf lässt die Erde ihn heraus. Bauchig, in Sackleinen gewickelt steht er vor uns, der Tontopf. Wir drängen uns um ihn zusammen und haben Angst, ihn zu öffnen. Wir atmen nicht mehr, sind starr und steif, haben sogar Oma Sanka vergessen und dass wir sie doch begraben wollten, wie es einem Menschen zukommt. Mamas dürre Finger mühen sich ab, das schmutzige, lehmdurchtränkte Stück Sackleinen abzuwickeln. Endlich kann sie es lösen. Lautlos zerfällt der Tontopf in zwei schiefe Scherben, etwas kippt aus seinem alten Schoß, aus der Sackleinenbinde rutscht … Silberzeug.

»Los, Kinder, passt auf, dass da niemand kommt«, flüstert Mama wie eine Diebin und wirft sich fast vornüber auf den Topf, um ihn vor fremden, gierigen Blicken zu schützen, als gäbe es da ein Auge, das uns verfolgt, das uns durchschaut, als hätten wir keine Körper, das unsere Gedanken liest, als lägen sie offen zutage.

»Keiner da.« Myros durchmisst unseren Hof mit wachsamem Blick. Seine Augen blitzen vor Aufregung, sein Mund steht offen, und er atmet schwer in Erwartung eines aufregenden Geheimnisses, die Hoffnung weitet ihm die Brust. Ich schaue ihn mir an, erschöpft, schmutzig, furchterregend. Dürr ist er wie ein Stock. Die Haut im Gesicht spannt bläulich. Sein Haarschopf sieht aus wie ein Bund Heu, aus dem die Halme nach allen Seiten abstehen. Das Mitleid würgt mich wie eine glitschige Natter an der Kehle, und ich wende den Blick ab.

Im Topf waren vor allem viele kleine silberne Löffelchen, bündelweise aufrecht verpackt, ein paar glanzlose Münzen aus der Zarenzeit, darunter sogar eine aus reinem Gold, weiter ein schmaler Kelch, so ein kleiner, wie bei der Kommunion in der Kirche, und ein ganz beachtliches, mit geschwungenen vergoldeten Verzierungen überzogenes Kreuz.

Myros pfeift vor Überraschung, hockt sich hin und beginnt hastig, alles zu befühlen. Ich bin zutiefst erschüttert. Wir können so viel Brot bekommen im Tausch gegen diesen Schatz, denke ich, und Oma ist eingeschrumpelt vor Hunger und hat nichts gesagt. Unseren Papa haben sie abgeholt und sie selbst ist gestorben, aber über ihren Tontopf kein Wort zu niemandem.

»Wie gut, dass du die Idee hattest, Oma hier unter dem Birnbaum zu begraben.« Vor Freude macht Myros jetzt sogar einen Luftsprung: Er hat vergessen, dass seine Beine schwach sind, der Hunger ihn entkräftet hat. »Hättest du’s woanders gemacht, hätten wir das nie entdeckt. Dann hätten höchstens die Bugsierer mit ihren Piken irgendwann Omas Schatz gefunden …«

»Das hat sie euch hinterlassen, Kinder.« Mama bricht plötzlich in heftiges Weinen aus, zum ersten Mal in diesem ganzen Jahr lässt sie sich gehen. »Mich hat Sanka nicht liebgehabt«, geräuschvoll zieht sie die Nase hoch, »noch nie. Das wisst ihr doch. Mein Leben lang war sie schlimmer zu mir als eine Stiefmutter. Als sie Papa abgeholt haben, wollte sie mich nicht mal anschauen. Hat mir die kalte Schulter gezeigt. Mir die Schuld gegeben. Sie hat gemeint, ich hätte ihm nicht erlaubt, in die verfluchte Kolchose zu gehen … Und das war ja auch so. Na und? Dafür bin ich doch gegangen. Was hätte ich machen sollen? Aus der Wand kommt das Essen nicht …«

Plötzlich fällt eine große, harte Birne aus dem Geäst auf meine Schulter, prallt schmerzhaft daran ab und plumpst in die Grube, dass das schmutzige Wasser auf dem Grund gurgelt. Vor lauter Schreck schreie ich leise auf.

»Ade, Sanka, die hat sich für deine letzte Reise aufgespart. Nicht mal der Winter hat sie kleingekriegt!« Mama hebt ihr verweintes Gesicht in den Baum, sucht die Linien der Äste ab, wo sich die Birne wohl versteckt gehalten hat. »Oma macht auf sich aufmerksam, Kinder.« Sie wird streng, verbissen, drückt Myros den Spaten in die Hand. »Jetzt lasst sie uns endlich begraben, neuer Regen zieht auf. Patschnass sind wir, wie Hundewelpen.«

Mit Myros’ schwammigen Händen nimmt der Hunger den Griff des Spatens, stößt ihn bis auf den Grund und bereitet Oma Sanka ihr letztes Bett.

SOLJA

Es ist jetzt das dritte Jahr schon, dass ich sie jede Nacht zur Welt bringe, meine Ewa.

Immer wieder krümme ich mich in den Wehen und entlasse ein neues Leben aus mir in die Welt. Jede Nacht sehe ich sie, höre ihren Schrei, spüre auf meiner Brust ihre Wärme, ihren Duft. Jede Nacht bin ich Mutter, eine Frau, der Gott die höchste Gnade zuteilwerden lässt.

Jeden Morgen beim Aufwachen verliere ich sie unwiederbringlich in zerwühlten, beschmutzten Laken in einem feuchten Bett. Jeden Morgen weckt mich ein neuer Tod, um mir die leere Wiege in der Kammer unterm Dach zu zeigen, wo nur noch Schatten in die Ecken voller Spinnweben huschen.

»Du hast wieder unruhig geschlafen. Hast gekämpft und geschrien. Ich habe dich sogar im Arbeitszimmer gehört.« Oleksij rührt verdrossen in seinem morgendlichen Tee. Lässt den Löffel klirren. Es ist noch gar nicht hell. Morgengrauen. »Solja, wann hört das auf? Ich habe das Gefühl, du wirst langsam verrückt.« Seine Stimme ist angespannt und scharf, sie tut mir weh, hackt auf meinen Kopf ein. Gütiger Gott, denke ich, lass mich doch eines Tages nicht mehr aufwachen, nicht herausgerissen werden aus dem Traum, in dem meine Kleine so süß ihre Lippen spitzt … Bitte, bitte …

»Solja«, Oleksij ist vom Tisch aufgestanden und hat sich vor mir aufgepflanzt, er streckt sich zu mir, um mir die Hände auf die Schultern zu legen, »meine Liebe, ich flehe dich an, komm auf andere Gedanken! Es hat doch niemand Schuld an dem, was passiert ist. Niemand. Wir müssen doch weiterleben.«

»Leben …« Ich atme aus in sein Gesicht. Er verzieht es. Verständlich, mein Atem ist nicht besonders angenehm. Ich trete einen Schritt zurück. »Leben …«, wiederhole ich, warum auch immer.

»Genau so verliert man den Verstand, das ist dir doch auch klar?«

Ich nicke zustimmend. Oleksij nimmt meine Hände in seine und schüttelt sie, fast spielerisch:

»Und das macht uns keine Angst?«

»Keine Sorge, ich werde nicht wahnsinnig.«

»Ich warne dich, Schneckchen …« Er seufzt und ist gleich darauf schon im Gang, um sich die Schuhe anzuziehen. »Hör auf mich, sonst muss ich einen Arzt kommen lassen.« Seine Stimme entfernt sich und hämmert mir nicht mehr so auf die Schläfen. Mir wird ein bisschen leichter zumute, der Schlaf löst sich auf in die Luft, verfliegt zwischen den Wänden unseres Speisezimmers, entlässt mein Herz, als öffnete er seine Faust.

Ich schlucke meine Herztropfen auf nüchternen Magen.

Unaufhaltsam verliere ich ihn – täglich, stündlich, minütlich mehr. Schon lange hält die Partei uns in ihrer Umklammerung, jetzt nimmt sie mir meinen Mann anscheinend ganz weg. Jeden Tag gibt es mehr zu tun. Unser Telefon steht nie still, sogar nachts schrillt es. Aufbrüche im Morgenrot, endlose Gespräche, Aufrufe, Komitees, Versammlungen, Meldungen, Berichte, Protokolle. Die Neue Ökonomische Politik, der Fünfjahresplan, die Industrialisierung, die Kollektivierung … Und noch mal von vorn … Noch mal von vorn … Von vorn. Ich verliere den Faden. Ich bin ein fetter Fisch, der sich durch schlaues Gerede, Namen, Daten, Probleme und Lösungen kämpft. Ich gehe unter, kann mich nicht freischwimmen. Zwischen Tag und Nacht, zwischen der Partei und unserem kleinen, eleganten Häuschen in der Stadtmitte vergesse ich, wie Ljoschas Gesicht aussieht. Ich spüre, wie viel ich verliere und wie wenig für mich bleibt, für uns, unser Nest, das Glück unserer kleinen Familie … Was ist denn eigentlich noch übrig von Ljoscha, wie er früher mal war? 

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