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Deluxe Dreams

Als Buch hier erhältlich:

Ein legendäres Modeimperium, eine Familie, umgeben von dunklen Geheimnissen, und eine Liebe, so tief und echt …



Ihre Rucksacktour führt Sadie an die Riviera, doch sie erlebt Nizza nicht von der Sonnenseite. Als sie überfallen wird, eilt ihr ein attraktiver Fremder zu Hilfe. Ihr Retter ist Olivier Dumont, der begehrteste Junggeselle Frankreichs und Erbe des Modeimperiums. Olivier zieht sie in seinen Bann – und in eine Welt voller Glamour, Luxus und Leidenschaft. Er erfüllt ihr all ihre Träume und erobert ihr Herz. Schon bald jedoch muss Sadie erkennen, wie zerbrechlich ihr Glück ist. Denn hinter der glitzernden Fassade der Dumont-Dynastie lauern Abgründe und Gefahren, die ihre und Oliviers Liebe für immer zerstören könnten …

Der mitreißende Auftakt der »Dumont«-Saga




  • Erscheinungstag: 20.04.2021
  • Aus der Serie: Dumont Saga
  • Bandnummer: 1
  • Seitenanzahl: 320
  • ISBN/Artikelnummer: 9783745701661

Leseprobe

Für Scott

(obwohl du mir nicht geglaubt hast,

dass ich mir die Handtaschen

nur zu Recherchezwecken anschaue)

PROLOG

Olivier

Zehn Jahre zuvor

Grasse, Frankreich

Ich kann sie immer noch auf meinen Lippen schmecken.

Zarter, süßer Moschus. Nektar von einem gefallenen Engel.

Ich atme tief durch, die Augen geschlossen, und versuche, die Erinnerung festzuhalten, während sie doch unaufhaltsam verblasst. Der Geschmack wird bitter und kupferartig, als hätte ich eine Münze unter der Zunge.

Es ist vorbei. Alles ist vorbei.

Alles, was ich jemals hatte, alles, was ich jemals kannte.

Ich bin erst zwanzig Jahre alt, und mein Leben wird sich schon bald für immer ändern.

Mir gegenüber befindet sich der Mann, der alle Macht in seinen Händen hält, in diesen grausamen Fingern, die noch keinen Tag im Leben eine Arbeit verrichten mussten.

Mein Onkel.

Die Beine locker gekreuzt, sitzt er da, beobachtet mich und trommelt langsam mit den besagten Fingern auf die mit Samt überzogene Armlehne seines Stuhls.

Marine ist längst gegangen. So weit weg, dass ich befürchte, sie nie wiederzusehen. Wahrscheinlich ist es so am besten, doch es tut immer noch weh, so sehr, als würde man mir einen in meinem Herzen verwurzelten Anker langsam herausziehen.

Ich bemühe mich, nicht an sie zu denken.

Und ich versuche, mir nicht vorzustellen, was mein Onkel als Nächstes tun wird.

Irgendetwas wird er unternehmen.

Das tut er immer.

Der Stolz meines Onkels ist so brüchig wie Eis im Frühling. Auf den ersten Blick beständig, aber unter Belastung schnell rissig.

»Wie lange geht das schon?«, fragt er mich schließlich. Ob in dem dunklen Raum Sekunden oder bereits Minuten verstrichen sind, kann ich nicht sagen. Es kommt mir vor wie eine Ewigkeit. Draußen hängt der Mond tief über den Lavendelfeldern, und ich könnte schwören, dass er einen Moment zuvor noch nicht da war.

Ich starre auf meine Hände, und mir ist bewusst, dass ich nicht lügen kann. Eigentlich bin ich ein verdammt guter Lügner, Onkel Gautier allerdings ist besser.

»Sechs Monate«, erwidere ich.

Er atmet scharf ein. »Ich verstehe.«

Ich könnte versuchen, mich zu rechtfertigen, zu protestieren, ihm zu sagen, dass er alles falsch versteht, doch er würde mich durchschauen. Tatsächlich hat er bereits entschieden, was er mit mir machen wird.

Und es wird nicht schmerzfrei ablaufen.

»Olivier«, beginnt er leise. Wenn er die Stimme senkt, ist er so bedrohlich wie ein in der Stille jagender Hai. »Du hast damit den schlimmsten Vertrauensbruch begangen, den es gibt. Weißt du, was ich damit meine?«

Ich antworte nicht – ich kann es nicht.

»Den Verrat an der Familie«, fährt er fort und trommelt weiter rhythmisch mit den Fingern auf die Stuhllehne. »Du hast das Band zwischen uns allen vergiftet. Dein Blut, mein Blut, das Blut deines Vaters. Wir sind alle gleich. Alle Dumonts. Was du tust, betrifft uns alle. Wenn du blutest, bluten wir auch. Das weißt du. In all den Jahren war ich immer für dich da, Olivier, und bin eingesprungen, wenn dein Vater zu beschäftigt war, um dir Zeit zu widmen. Und das ist nun der Dank dafür.«

Natürlich bezieht er das alles auf sich und nicht auf Pascal.

Ich schlucke und versuche, Bedauern zu heucheln. Es fällt mir schwer, denn ich empfinde keine Reue. Ich hasse Pascal. Ich habe nicht gezögert.

Gautier beugt sich nach vorn und stützt sich auf seine Ellbogen, sodass seine Armbanduhr das Licht aus der Küche einfängt. Diese Uhr ist zweihunderttausend Dollar wert, eine Tatsache, die er liebend gern jedem erzählt. Und dass man sich so etwas nur leisten könne, wenn man hart arbeitete. Allerdings ist er immer nur auf der Erfolgswelle meines Vaters mitgeschwommen. Der Name Dumont, das Dumont-Vermögen – ohne meinen Vater würde es das heute alles nicht geben.

Und Gautier weiß das ganz genau.

Deshalb ist er zum Gegenpol meines Vaters geworden, zu seiner Kontrastfigur. Er hat sich nie etwas erarbeiten müssen. Er musste lediglich lernen, einen Nutzen aus allem zu ziehen.

Mein Vater ist zu vertrauensvoll, um das zu begreifen.

Doch das trifft nicht auf mich zu.

Im Augenblick befinde ich mich allerdings in einer bösen Lage, also zählt das alles nicht. Ich habe meinen eigenen Vater im Stich gelassen, indem ich Gautier die Oberhand gewinnen ließ.

Verdammt.

»Du bereust es, richtig?«, fragt er, und als ich aufschaue, sehe ich seinen Blick auf meine Hände gerichtet. Dass ich die Finger ineinander verschränkt habe, ist ein Zeichen von Wut, nicht von Reue, aber ich lasse ihn das deuten, wie er will.

Ich nicke. »Es tut mir leid.«

»Ich habe mich schon gefragt, wann du das endlich zugeben wirst«, erwidert er und steht langsam auf. Er ist groß, wie mein Vater und wie alle meine Geschwister und Cousins, aber er nutzt seine Größe, um bedrohlich zu erscheinen. Pascal tut das ebenfalls. Sie ähneln sich sehr.

Ich frage mich, wie dieses Gespräch mit Pascal verlaufen wäre. Er ist wesentlich unberechenbarer und launischer. Gautier ist sich zumindest bewusst, dass er mich nicht körperlich verletzen kann – dabei würde er den Kürzeren ziehen.

Pascal hingegen ist ein bösartiger, intriganter Mistkerl, und er spielt nicht fair. Ein Mann von der übelsten Sorte.

Mein Onkel kommt langsam auf mich zu und beugt sich über mich. Schatten fallen auf sein Gesicht. »Ich könnte dich ruinieren, das weißt du, oder?«

Immer wieder diese Fragen.

Ich nicke noch einmal.

»Ich könnte deinem Vater sagen, was du getan hast. Und auch Pascal. Ich könnte es der ganzen Welt erzählen. Und ich könnte dafür sorgen, dass du nie wieder einen Job bekommst. Dass du es nie wieder zu etwas bringst. Denn wer seine Familienbande verrät, hat nichts anderes verdient.« Er hält inne und neigt den Kopf, als würde er darüber grübeln, was er mit mir anstellen will. Vielleicht überlegt er sich, ob er mich gleich an Ort und Stelle töten soll. So geschickt, wie er lügt und manipuliert, könnte er es wie einen Unfall aussehen lassen. Auch wenn ich ihm körperlich überlegen bin, gibt es wahrscheinlich einige Leute, die er sofort anrufen könnte. Leute, die sich darauf verstehen, jemanden spurlos verschwinden zu lassen.

Zum ersten Mal, seit Gautier in das Haus gestürmt ist, habe ich Angst um mein Leben.

Wieder werden Sekunden zu Minuten, und mein Herzschlag dröhnt immer lauter in meinem Kopf.

Schließlich stößt er ein lautes Seufzen aus. »Du bist noch jung, Olivier, und du hast einen Fehler gemacht, das ist mir bewusst. Ich erinnere mich noch daran, wie es ist, wenn man zwanzig Jahre alt und vermögend ist und einem die Welt zu Füßen liegt. Alles ist einem egal – es geht nur um Sex, Geld und Macht, und man tut alles dafür. Glaub bloß nicht, dass ich das nicht weiß. Aber Jugend bewahrt nicht vor Strafe. Und sie macht deine Sünden nicht ungeschehen.« Nach einer kurzen Pause fährt er fort. »Ich möchte dir einen Vorschlag machen, Olivier. Es ist dein einziger Ausweg. Willst du ihn hören?«

Blinzelnd versuche ich, mich auf die Schatten auf seinem Gesicht zu konzentrieren, aber mir verschwimmt alles vor den Augen.

Eine Vereinbarung mit meinem Onkel ist wie ein Pakt mit dem Teufel.

Doch welche andere Wahl habe ich?

»Worum geht es?«, murmle ich und streiche mir mit der Zunge über die trockenen Lippen.

»Ich werde dafür sorgen, dass weder Pascal noch deinem Vater von deiner Indiskretion etwas zu Ohren kommt. Niemand wird jemals davon erfahren, und du kannst dein unbekümmertes, selbstsüchtiges und dummes Leben weiterführen wie bisher. Du kannst herumvögeln und dein Geld für sinnlose, unnütze Dinge verprassen und bleibst Olivier Dumont, einer der vielen Erben des Dumont-Imperiums und der begehrteste Junggeselle in Frankreich.«

Ich räuspere mich. »Und was muss ich tun?«

Obwohl sich seine Miene verfinstert, bemerke ich ein Lächeln über sein Gesicht huschen, bei dem seine überkronten Zähne so hell schimmern wie das spitze Gebiss der Grinsekatze aus Alice im Wunderland.

»Ein Dokument unterzeichnen, das ist alles.«

Das dürfte wohl kaum der Wahrheit entsprechen.

Nichts bei den Dumonts ist so einfach.

»In Ordnung«, erwidere ich leise, und mir ist bewusst, dass ich meine Zustimmung geben muss, ganz gleich was in der Vereinbarung steht.

Ich werde sie mit meinem Blut unterschreiben.

KAPITEL EINS

Sadie

Nizza, Frankreich

Gegenwart

Zugticket?

Check.

Handy?

Check.

Lächerliche Reisebrieftasche zum Anschnallen ans Bein?

Ähm.

Mist.

Ich durchwühle die Fächer meines Rucksacks, krame in meiner Umhängetasche, schaue mich in dem leeren Schlafsaal um und versuche verzweifelt, mich daran zu erinnern, wo ich das verdammte Ding gelassen habe. Schließlich befinden sich mein Geld, meine Kreditkarten und mein Reisepass darin.

Den Vormittag habe ich damit verbracht, an der Promenade zu joggen, und da hatte ich nur ein paar Euro für einen Kaffee nach dem Laufen dabei. Die restliche Zeit hing ich im Aufenthaltsraum rum und futterte mich durch die Reste von der Grillparty des Hostels am Vorabend. An solchen Tagen, an denen ich kein Geld fürs Essen ausgeben muss, kann ich mir etwas anderes gönnen. Ich bin wie ein Schakal mit Lippenstift.

Doch wenn ich meinen Geldgürtel nicht mehr finde, kann ich mir keinen neuen Lippenstift leisten.

Dann fällt mir ein, dass ich nach zu vielen Drinks an der Bar zu meinem Bett gestolpert bin und plötzlich allen in dem Raum misstraut habe.

Ich strecke die Hand aus und hebe die Matratze am Rand an.

Tada! Mein Geldgürtel.

Seufzend greife ich danach und drücke ihn mir an die Brust.

Nach der zweimonatigen Rucksacktour durch Europa könnte man glauben, mir fielen bessere Möglichkeiten ein, meine Sachen aufzubewahren, aber, hey, zumindest war ich nach einer Flasche Wein noch wachsam. Ich habe genügend Horrorgeschichten von meinen bisherigen Reisebekanntschaften gehört, um zu wissen, dass man immer mit dem Schlimmsten rechnen musste.

Mein Worst-Case-Szenario wäre im Augenblick der Verlust meines Reisepasses oder meiner Geldbörse, daher trage ich diesen hässlichen und unbequemen Geldgürtel um meine Wade geschnallt. Kommt mir ein Hostel zu unsicher vor, nehme ich ihn beim Schlafen nicht ab. Gestern Abend habe ich es offensichtlich für einen guten Mittelweg gehalten, die Reisegeldbörse unter meiner Matratze zu verstecken.

Ich ziehe ein Bein meiner weiten und unglaublich zerknitterten Leinenhose nach oben und schnalle mir den Gürtel um, bevor ich mich noch einmal in dem schmutzigen, schäbigen Zimmer mit den durchhängenden Matratzen umschaue. Es stinkt nach den beiden ungeduschten Schweizern, die gestern angekommen sind. Wahrscheinlich sind sie jetzt in irgendwelchen Clubs unterwegs, ihr säuerlicher Geruch hängt allerdings noch in der Luft.

Nur gut, dass ich gleich aus diesem Loch raus bin.

Bei meiner Ankunft in Europa hätte ich mir niemals träumen lassen, dass ich einmal in einer so heruntergekommenen Jugendherberge wie dieser würde schlafen müssen, doch damals war ich in Begleitung meines inzwischen Ex-Freunds Tom, und vor mir lagen nur Liebe und Abenteuer, ganz zu schweigen von der Sicherheit, die ich zum ersten Mal in meinem Leben genoss.

Obwohl ich so viel Geld wie möglich gespart hatte – ich arbeitete nach den Vorlesungen im Universitätsbuchladen –, hatte Tom die Planung für uns beide übernommen. Als Paar übernachteten wir nur selten in einem Hostel, und wenn, dann in keinem Mehrbettzimmer. Meistens schliefen wir in Hotels; nichts Ausgefallenes, aber auch nichts, wo es nach Alkoholpupsen stank.

Als wir einen Monat unterwegs waren, erhielt ich von meiner Freundin Chantal eine E-Mail von zu Hause, die mein Leben gründlich veränderte. Chantal berichtete mir, dass Tom in den zwei Jahren unserer Beziehung regelmäßig mit unserer gemeinsamen Freundin Jen geschlafen hatte. Es genügt wohl zu sagen, dass es danach mitten auf dem Wiener Hauptbahnhof zu einem gewaltigen Krach kam. Und zu einer Trennung mit Pauken und Trompeten.

Tom ist nach Seattle zurückgereist, und ich stolpere seitdem mit gebrochenem Herzen und schwindendem Bankkonto durch Europa und versuche herauszufinden, was ich aus meinem Leben machen soll. In drei Wochen muss ich nach Hause fliegen, und ich habe keine Ahnung, was ich tun soll, wenn sich herausstellt, dass Tom im September in den meisten meiner Kurse sitzt.

Scheiße, ich habe nicht den blassesten Schimmer, was ich mit mir selbst anfangen soll. Obwohl die Trennung nun vier Wochen zurückliegt, bin ich noch kein bisschen über ihn hinweg. An jedem neuen Ort, an dem ich ankomme, wünsche ich mir unwillkürlich, jemanden an meiner Seite zu haben, mit dem ich alles teilen kann.

Seufzend hebe ich meinen immer schwerer werdenden Rucksack hoch und stemme ihn mir stöhnend auf den Rücken. Wir haben unsere Reise in London begonnen, wo ich eine Menge Geld für Klamotten und Schnickschnack ausgegeben habe. Ich schleppe viel zu viel Zeug für eine Person mit mir herum. Wahrscheinlich sollte ich ein paar Sachen zurücklassen oder nach Hause schicken, aber für Ersteres bin ich viel zu sentimental und für Letzteres fehlt mir das Geld.

Ich gehe zum Eingangsbereich und nicke Ryan, dem Neuseeländer an der Rezeption, zu.

»Sadie«, sagt er und verzieht leicht schmollend die Lippen. »Gehst du schon?«

»Ich darf meinen Zug nicht verpassen, das weißt du doch.« Ich rücke meinen Rucksack auf den Schultern zurecht. Er hat mich die ganze Woche, die ich in Nizza verbracht habe, angebaggert, und ich habe jeden seiner plumpen Annäherungsversuche geschickt abgewehrt.

»Aber es ist schon so spät«, erwidert er schief lächelnd. »Warum bleibst du nicht noch eine Nacht und fährst erst morgen früh nach Barcelona?«

»Geht nicht«, erkläre ich. »Wenn ich den Zug um elf Uhr nehme, kann ich dort schlafen und muss nicht extra für ein Bett bezahlen. Danke, dass du mir erlaubt hast, meine Sachen in den Schlafsaal mitzunehmen.«

»Kein Problem. Bist du sicher, dass du nicht bleiben willst?«

»Es ist alles gebucht und kann nicht rückerstattet werden.« Ich werfe einen Blick über seine Schulter auf die Uhr. »Und ich habe nur noch fünfzehn Minuten Zeit, wenn ich rechtzeitig am Bahnhof sein will.«

Rasch winke ich ihm zum Abschied zu und haste nach draußen, bevor er noch einmal versuchen kann, mich zu überzeugen. Nizza war ein großartiger Ausgangspunkt, um Städte wie Menton und Cannes und sogar Monaco zu besichtigen, jetzt allerdings habe ich genug von der französischen Riviera. Ohne Geld an einem Ort wie diesem fühlt man sich ziemlich fehl am Platze. Ich hoffe, dass Barcelona besser zu meiner Stimmung passt und dass Spanien das Land ist, das mich heilen wird, bevor ich mich auf die Heimreise mache. Zumindest soll das Leben dort schonender für den Geldbeutel sein.

Die Nacht ist warm und schwül, und die Brise vom Mittelmeer scheint nicht so weit in die Stadt hineinzuwehen. Das Hostel liegt nicht weit entfernt vom Bahnhof – etwa zehn Minuten Fußweg –, aber es befindet sich in einem zwielichtigen Viertel der Stadt.

Wenn ich mit Tom hier wäre, würde ich vielleicht in einem der schicken Hotels an der Promenade des Anglais wohnen, schießt es mir unwillkürlich durch den Kopf.

Aber solche Gedanken sind sinnlos.

Ich ziehe mein Handy aus der Tasche und lasse mich von der App durch das Straßengewirr lotsen, doch als die Häuserblocks immer schmutziger und heruntergekommener werden – die Geschäfte sind mit Brettern vernagelt, und aus den Gassen schlurfen einige Gestalten herbei –, wird mir klar, dass es keine gute Idee ist, hier mein Smartphone aufblitzen zu lassen.

Ich präge mir die Karte ein.

Nach rechts an dieser Straße.

Nach links an dieser Straße.

Geradeaus bis zu …

Ein leises Husten hinter mir beschleunigt meinen Herzschlag.

Ich werfe einen Blick über die Schulter und sehe ein paar Meter hinter mir einen großen Mann gehen. Sein Gesicht kann ich nicht erkennen. Er starrt auf den Boden vor sich und schaut mich nicht an, was mich ein wenig erleichtert.

Trotzdem bin ich nervös. Ich laufe mitten in der Nacht durch ein fremdes Viertel in Nizza und schleppe einen großen Rucksack mit mir herum, mit dem ich nicht besonders schnell laufen kann.

Keine Panik! befehle ich mir. Geh einfach ein Stück weiter.

Doch kaum dass ich nach rechts in die Rue d’Alger abbiege, folgt der Mann mir.

Oh verdammt.

Sofort wird mein Mund vor Angst ganz trocken.

Ich schlucke heftig und laufe ein wenig schneller, wobei ich mir einzureden versuche, dass es sich um einen Zufall handelt und er mir nicht folgt. Schließlich kann ich nicht jeden verdächtigen.

Und dennoch kommt mir alles irgendwie verlassener und düsterer vor, und in mir steigt Panik auf, sowie ich seine schweren, trampelnden Schritte hinter mir höre.

Ich muss mich vergewissern.

Dieses Mal biege ich wieder nach rechts ab, sodass ich praktisch wieder in die Richtung gehe, aus der ich gekommen bin, zurück zur Jugendherberge. Ein Versuch, ihn zu überrumpeln.

Er folgt mir.

Verdammt, er folgt mir tatsächlich!

Verdammt, verdammt, verdammt.

Was soll ich jetzt machen?

Ich spüre ihn beinahe schon an meinem Rücken. Er kommt immer näher und näher, und die Angst umklammert mein Herz wie ein Schraubstock.

Was soll ich tun, was soll ich tun?

Ich greife nach den Riemen über meinen Schultern und recke den Kopf in gespieltem Selbstbewusstsein in die Höhe, während meine Blicke hin und her huschen und nach einem Ausweg aus dieser Situation suchen. Allerdings entdecke ich niemanden. Keine Menschenseele. Meine Chancen stehen besser, wenn ich zum Hostel zurückgehe oder mich in irgendeinen geöffneten Laden flüchte, als wenn ich versuche, zum Bahnhof zu gelangen.

Zumindest sollte ich die Straße überqueren. Wenn er mir nachgeht, dann weiß ich, dass ich losrennen muss. Auf keinen Fall will ich grundlos ausflippen und mich zum Narren machen, aber das wäre ein sicheres Zeichen, dass ich die Beine in die Hand nehmen muss.

Ich schaue die Straße hinunter und entdecke, wie ein Wagen einbiegt. Die Scheinwerfer spenden gerade genug Licht, also wage ich einen Blick zurück auf den Mann, in der Hoffnung, ihn gut erkennen zu können. Für den Fall, dass mir etwas zustößt.

Alles, was ich wahrnehme, ist ein großer kahlköpfiger Kerl, der mit ausgestreckten Händen auf mich zukommt. Seine Augen funkeln wild.

Dann geschieht alles wie im Nebel.

Ich schreie auf und versuche, ihm davonzulaufen, aber als ich vom Bordstein trete, erwischt er mich am Rucksack und zerrt mich zur Seite.

Mein linker Fuß landet in einem unnatürlichen Winkel auf dem Boden.

Wieder schreie ich. Ein scharfer Schmerz schießt von meinem Knöchel nach oben, heiße gezackte Blitze zischen über meinen Oberschenkel bis hinauf zu meinem Herzen. Wie angewurzelt bleibe ich stehen, starr vor Schreck und vor Schmerz.

Doch dann stürze ich, meine Schulter knallt auf den Gehsteig, meine Haut brennt wie Feuer. Der Mann versucht, mir meine Tasche über den Kopf zu zerren, sodass der Riemen mir die Kehle abschnürt.

Ich brülle und schreie, bringe aber nichts Verständliches hervor. Ich trete mit einem Bein nach ihm – das andere scheint vor Schmerz zu explodieren. Während er alles probiert, um mir die Tasche und den Rucksack zu entreißen, höre ich über meine Rufe und sein heiseres Ächzen hinweg das Quietschen von Bremsen – und dann taucht plötzlich ein weiterer Mann auf.

In dem verzweifelten Unterfangen, ihm zu entkommen, winde ich mich und sehe, wie dieser Typ meinen Angreifer packt und seinen gewaltigen Körper niederringt. Endlich kann ich mich aus seinem Griff befreien.

Doch ich kann nicht weglaufen; ich kann mich kaum bewegen. Ich krieche nur ein Stück weiter, und meine Handflächen und Ellbogen schrammen über das raue Pflaster, bevor ich auf der Straße zusammenbreche und in der Embryonalstellung liegen bleibe. Ein scharfes Stechen durchströmt meinen gesamten Körper.

Die beiden Männern ringen miteinander wie zwei wilde Kreaturen in einem Kampf um Leben und Tod, und dann versetzt der zweite Typ meinem Angreifer heftige Faustschläge. Ich höre, wie Knochen brechen, sehe Blut spritzen und senke rasch die Lider, in der Hoffnung, aus diesem grauenhaften Alptraum aufzuwachen.

Plötzlich wird alles ruhig.

Als mich eine Hand an der Schulter berührt, öffne ich die Augen und stoße einen spitzen Angstschrei aus.

»Ça va?«, fragt der Mann und geht neben mir in die Hocke. »Alles in Ordnung?« Er wechselt in meine Muttersprache, und sein Akzent ist weich wie Samt.

Ich schüttle den Kopf und wimmere leise, während mir Tränen in die Augen schießen.

»Wo tut es weh?«, fragt er und beugt sich über mich. »Kannst du aufstehen?«

»Nein«, flüstere ich. Ich will nicht aufstehen. Ich will mich nicht bewegen. Ich will liegen bleiben, allein, ohne diesen Fremden an meiner Seite, selbst wenn er den anderen Mann ordentlich verprügelt hat.

Oh Scheiße, was, wenn mein Angreifer tot ist? Diese Faustschläge waren unbarmherzig.

Ich hebe den Kopf. Das Licht der Scheinwerfer fällt auf den riesigen Kerl, und ich sehe, dass sich seine Brust hebt und senkt. Sein Gesicht ist blutig, aber er bewegt sich noch. Nicht tot.

»Kennst du ihn?«, fragt der Mann und folgt meinem Blick.

»Nein«, wispere ich. »Ich war auf dem Weg zu meinem Zug. Schon vor einigen Häuserblocks hatte ich den Verdacht, dass er mich verfolgt, und …« Scheiße, mein Zug! Ich schaue den Mann mit großen Augen an. »Ich muss meinen Zug erreichen.«

Obwohl ich sein Gesicht im Schatten nicht richtig erkennen kann, bemerke ich, dass er die Stirn runzelt. »Zug?«, wiederholt er ungläubig.

»Ich muss los«, erkläre ich ihm und will herumrollen, um dann aufzustehen, aber mein Rucksack drückt mich nach unten.

Der Mann rückt ein Stück weiter ins Licht, blinzelt verständnislos und hält mich an den Schultern fest, bevor er die Riemen nach unten schiebt und mich von meinem Rucksack befreit. »Du wirst mit keinem Zug fahren«, sagt er. »Du musst sofort ins Krankenhaus.«

Nach einem kurzen Moment schaue ich zu ihm auf und bin sofort total überwältigt. Dunkles zerzaustes Haar, dunkle Augen, ein perfekt gepflegter Bart, ein kräftiges Kinn mit einem Grübchen. Er sieht aus wie Ende zwanzig oder Anfang dreißig. Es muss mich doch schlimmer erwischt haben, als ich dachte, denn dieser Mann kann einfach nicht echt sein. Wahrscheinlich bin ich noch nie einem so attraktiven Mann begegnet.

Typisch, dass ich ihn auf diese Weise treffe.

Irgendwie gelingt es mir, meinen Blick von ihm loszureißen. Der pochende Schmerz in meinem Knöchel macht es mir leichter. Ich kneife die Augen zu und zucke zusammen.

Mistkerl.

»Ich kann nicht ins Krankenhaus gehen«, stoße ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

»Warum nicht? Du bist verletzt. Du musst in die Notaufnahme und anschließend zur Polizei, um diesen Mann anzuzeigen.« Er deutet angewidert auf den Verprügelten, bevor er in die Brusttasche seines schicken weißen Hemds greift, das jetzt mit Blut befleckt ist, und sein Handy herauszieht. »Ich rufe einen Krankenwagen.«

»Bitte nicht«, erwidere ich schnell. »Nicht. Es geht mir gut.« Es gelingt mir, mich aus seinem Griff zu lösen, und ich wende alle Kraft auf, um auf die Beine zu kommen.

Sein Stirnrunzeln vertieft sich, sodass sich eine scharfe Linie zwischen seinen dunklen Augenbrauen bildet. Er steckt das Smartphone wieder ein. »Es geht dir nicht gut. Allez!«

Er stellt sich hinter mich, greift mit den Armen unter meinen Rücken und zieht mich in eine sitzende Position. In diesem Moment fühle ich mich nutzlos, und gleichzeitig spüre ich, wie nahe ich diesem Fremden bin. Er riecht fantastisch – ein schwacher Hauch eines Aftershaves, das ich nicht zuordnen kann. So, als wäre er im Ozean geboren. Das Bild des ruhigen blauen Mittelmeers steigt vor meinem geistigen Auge auf, in der gleichen Farbe, wie ich es heute Vormittag beim Joggen gesehen habe.

Ja, konzentriere dich auf seinen Duft, befehle ich mir. Denk nicht an deinen Knöchel. Vergiss den Schmerz. Ruhiger blauer Ozean, ruhiger blauer Ozean.

Er schiebt seine Ellbogen unter meine Arme und stellt mich vorsichtig auf die Beine. Mein linker Knöchel protestiert schmerzhaft, und ich stoße einen kurzen Schrei aus.

»Belaste den Fuß nicht, stütz dich auf mich«, befiehlt er und legt meinen Arm über seine Schultern. Meine Güte, er hat breite Schultern, hart wie ein Fels, und trotzdem sind seine Bewegungen geschmeidig und elegant.

Als ich mein Gewicht auf ihn verlagere, höre ich hinter uns ein Ächzen und ein Rascheln. Wir drehen uns beide um und beobachten, wie sich der Angreifer hochrappelt.

»Arrête!«, ruft der Mann, aber der Angreifer nimmt die Beine in die Hand. Ohne einen weiteren Blick auf uns stolpert er die Straße hinunter.

»Verdammt«, flucht der sexy Franzose. Er löst sich von mir – anscheinend will er den Kerl verfolgen.

»Nur zu«, ermutige ich ihn. »Ich komme schon klar.«

Ich will zwar nicht, dass er mich hier allein lässt, aber noch weniger möchte ich, dass dieser Kerl sich ungeschoren aus dem Staub machen kann.

Nach einem langen Blick auf mich schüttelt er den Kopf. Ich sehe, dass sein Kiefer sich anspannt und seine Augen funkeln. »Nein, ich kann dich in diesem Zustand nicht allein lassen.«

»Er wird entwischen.«

»Nein«, erwidert er mit harter Stimme. »Das wird er nicht.«

Ich runzle die Stirn. Nein? Der Typ ist buchstäblich soeben aufgestanden und weggerannt. Was soll die Polizei also tun? Der Spur seiner Blutstropfen durch die ganze Stadt folgen?

»Komm.« Er führt mich zu dem Wagen, der in der Mitte der Straße steht. »Wenn du keinen Krankenwagen willst, werde ich dich selbst in die Notaufnahme bringen.«

»Nein«, erwidere ich. »Der Bahnhof würde mir reichen«, füge ich bittend hinzu.

Er mustert mich eine Weile, und für einen Moment treffen sich unsere Blicke. Zuerst glaube ich, seine Augen seien braun, doch je näher wir an die Scheinwerfer herankommen, umso deutlicher kann ich erkennen, dass sie dunkelgrün sind. Umwerfend.

»Wohin willst du flüchten?«, fragt er.

»Flüchten?«, wiederhole ich und bemühe mich, leise zu sprechen. Sein Kopf befindet sich nur wenige Zentimeter von meinem entfernt, und ich möchte ihm auf keinen Fall meinen Barbecue-Atem ins Gesicht blasen.

»Warum ist es wichtiger, einen Zug zu erreichen, als zum Arzt zu gehen? Wohin willst du fahren, mon petit lapin?«

Mon petit lapin? Das verstehe ich nicht.

»Nach Barcelona«, antworte ich und stöhne vor Schmerz, als er mir hilft, näher an den Wagen heranzuhumpeln. Es ist ein glänzender neuer Mercedes, wie ich feststelle. »Ist das dein Auto?«

»Oui«, bestätigt er. »Und was ist in Barcelona so wichtig?«

»Ich weiß es nicht.« Merkwürdigerweise fühle ich mich angegriffen. Warum mischt dieser Fremde sich in meine Angelegenheiten ein? Und was macht ein elegant gekleideter, unfassbar gut aussehender Mann mit einem Schickimicki-Sportwagen in dieser Gegend?

»Woher kommst du?«, fragt er und betrachtet immer noch mein Gesicht. Seine Art, mich anzuschauen, bringt mich aus der Fassung.

»Seattle«, erwidere ich automatisch und füge dann hinzu: »Amerika.«

»Ja, davon habe ich schon gehört. Und du bist allein?«

»Ja.« Leider.

»Du bist in Barcelona mit niemandem verabredet?«

»Was? Nein, warum?«

Er führt mich um das Auto herum zur Beifahrerseite. »Dann werde ich dich ganz sicher nicht in einen Zug setzen. Allein.«

Ich seufze tief. Das nun anstehende Geständnis fällt mir schwer, vor allem weil er soeben die Wagentür für mich öffnet, hinter der ich makellose Ledersitze erblicke. »Hör zu, ich bin pleite, okay? Ich bin nur eine Rucksacktouristin und Collegestudentin. Um es kurz zu machen: Ich kann es mir nicht leisten, mich in einem Krankenhaus behandeln zu lassen. Ebenso wenig kann ich es mir leisten, den Zug zu verpassen. Mein Platz ist gebucht, und das Ticket ist bereits bezahlt.«

Er nickt langsam. Ich kann mir kaum vorstellen, dass dieser Mann jemals in meiner Lage war. Alles an ihm, von seiner Armbanduhr über sein Hemd bis hin zu seinem Auto, riecht förmlich nach Geld.

»Mach dir darüber keine Sorgen.« Er deutet auf den Beifahrersitz. »Steig ein.«

»Du hast leicht reden.«

»Hast du Schwierigkeiten damit?« Er nimmt meinen Arm, um mir beim Einsteigen zu helfen, aber ich sträube mich.

»Nein, ich meine, es ist leicht für dich zu sagen, ich solle mir keine Sorgen um das Geld machen, das ich verliere, wenn das Ticket verfällt.«

Er neigt den Kopf nach hinten und sieht mich forschend an. »Verhältst du dich immer so widerspenstig Menschen gegenüber, die dir das Leben gerettet haben?«

»Mein Leben gerettet?«, wiederhole ich und breche beinahe in Gelächter aus. »Dieser Kerl hat nur versucht, mich auszurauben, richtig? Zu sagen, du hättest mein Leben gerettet, ist etwas übertrieben.«

Ich begreife, wie undankbar ich mich anhöre, als er leicht mit den Schultern zuckt. »Vielleicht, doch wer weiß, was passiert wäre, wenn du dich gewehrt oder eine Szene gemacht hättest. Nizza ist zwar eine sichere Stadt, aber es gibt auch Ausnahmen. Du hattest Glück, dass ich vorbeigekommen bin.«

Wahrscheinlich haben der Schmerz und das Adrenalin in dieser Situation meine Realitätswahrnehmung etwas verzerrt. Ich habe pausenlos nur daran gedacht, dass ich diesen Zug erreichen muss – den Zug, der inzwischen sicher schon ohne mich abgefahren ist. Das hat mich davon abgehalten, mir die schreckliche und brutale Wahrheit bewusst zu machen, dass ich gerade in Nizza auf der Straße überfallen werde. Wer weiß, was zur Hölle aus mir geworden wäre, wenn dieser Mann nicht aufgetaucht wäre. Außerdem ist es möglich, dass der Angreifer mich gar nicht bestehlen wollte. Er hätte mich in eine Gasse zerren können, und ich wäre vollkommen hilflos gewesen.

Gütiger Himmel …

»Hey«, sagt der sexy reiche Franzose nach einem Moment mit sanfter Stimme und drückt leicht meine Schulter. »Du hast einiges durchgemacht. Wir sollten ins Krankenhaus fahren. Ich verspreche dir, dass du dir in nächster Zeit keine Sorgen um Geld machen musst.«

Ich schlucke heftig und ziehe die Augenbrauen hoch. Nach dem, was ich soeben erlebt habe, sollte ich mich auch vor diesem Mann in Acht nehmen, der mir anbietet, für alle Kosten aufzukommen. Obwohl er mich gerettet und meinen Angreifer in die Flucht geschlagen hat, bin ich mir nicht sicher, ob ich ihm trauen kann. Wer weiß, was er vorhat.

»Wenn du willst, kann ich einen Krankenwagen rufen, wie ich dir bereits angeboten habe«, fügt er rasch hinzu und greift nach seinem Handy. »Du musst nicht in meinen Wagen steigen.«

Er meint es ernst. Ich habe keine Ahnung, woher diese Gewissheit stammt, aber sie ist da. Und das hat nichts damit zu tun, dass er einen sehr gepflegten und seriösen Eindruck macht. Es liegt an seinen Augen, in denen ich eine gewisse Sanftheit und Verständnis sehe.

Okay, und vielleicht an der Tatsache, dass mein Herz umso heftiger klopft, je länger ich ihn anschaue.

Ich sollte wirklich einen klaren Kopf behalten, denn solche Gedanken sind nach diesem Vorfall ziemlich banal. Allerdings ist das auch das erste Mal seit meiner Beziehung mit Tom, dass ich einen Mann attraktiv finde, also lasse ich sie zu. Besser, als daran zu denken, in welchem Schlamassel ich mich befinde.

»Schon gut«, erwidere ich. »Fahren wir zum Verarzten.«

Ich lasse mir von ihm ins Auto helfen und schnalle mich an, während er sanft die Tür schließt und zur Bordsteinkante läuft, wo mein Rucksack liegt. Er hebt ihn auf, als würde er praktisch nichts wiegen, und wirft ihn in den Kofferraum. Nachdem er eingestiegen und losgefahren ist, lege ich den Kopf an die Rückenlehne des Sitzes und versuche, mir zu überlegen, was ich nun wegen Barcelona machen soll, aber noch bevor ich einen einzigen zusammenhängenden Gedanken zustande bringe, gleite ich in einen dunklen Schlaf.

Als ich wieder aufwache, stehen wir auf dem Parkplatz einer Klinik, und der sexy reiche Franzose schüttelt mich vorsichtig.

»Wir sind da«, sagt er leise und mustert mich. »Hast du dir bei dem Sturz den Kopf verletzt?«

Ich bin so benommen, dass ich kaum sprechen kann, und je länger ich wach bin, umso stärker wird der Schmerz. »Nein, meine Schulter hat den Sturz größtenteils aufgefangen«, bringe ich schließlich hervor.

»Ich wollte mich nur vergewissern, dass du keine Gehirnerschütterung hast«, erklärt er. »Du warst zehn Minuten lang bewusstlos.«

»Das war ein höllischer Abend«, erkläre ich und versuche zu lächeln.

Er erwidert mein Lächeln nicht. »Er ist noch nicht vorbei«, meint er und öffnet die Wagentür. »Ich hole einen Rollstuhl für dich. Warte hier.«

Bevor ich ihm sagen kann, dass er sich keine Sorgen machen müsse und dass ich nirgendwohin gehen werde, läuft er schon zur Eingangstür der Notaufnahme hinüber.

Mir wird klar, dass ich nicht einmal den Namen dieses Mannes kenne.

KAPITEL ZWEI

Olivier

»Kann ich einen Rollstuhl haben?«, frage ich die mürrische Frau am Empfang der Notaufnahme.

Langsam zieht sie eine Augenbraue nach oben. Man sollte glauben, dass sie daran gewöhnt ist, mit Notfällen konfrontiert zu werden. »Wofür brauchen Sie den?«

Was glauben Sie wohl?

»In meinem Wagen sitzt eine Frau, die heute Abend überfallen worden ist. Ihr Knöchel ist wahrscheinlich verstaucht oder gebrochen«, erkläre ich.

Die Miene der Frau bleibt unbewegt. »Überfallen?«

»Ja«, erwidere ich ungeduldig und trommle mit den Fingern auf den Tresen.

»Von wem?«

»Weiß ich nicht. Von einem Mann.«

»Das müssen Sie der Polizei melden.«

»Das werde ich tun, sobald Sie die junge Frau aufgenommen haben, und dafür brauche ich einen verdammten Rollstuhl.«

Ihre zweite Augenbraue schnellt nach oben. Offensichtlich ist sie es nicht gewohnt, dass man so mit ihr spricht, aber ich werde normalerweise auch nicht so behandelt.

»Wie lautet ihr Name?«, fragt sie nach einer kurzen Pause und wirft einen Blick auf das vor ihr liegende Formular.

Mist. Ich habe keine Ahnung.

»Jane«, antworte ich rasch. Das ist der in Amerika gebräuchlichste Name, der mir einfällt. »Jane Doe. Kann ich jetzt einen Rollstuhl bekommen, oder muss ich einen stehlen?«

Sie sieht mich mit zusammengekniffenen Augen an und wirft einen kurzen Blick über meine Schulter. Als ich mich umdrehe, entdecke ich ein paar zusammengeklappte Rollstühle an der Wand lehnen.

»Danke«, sage ich, laufe hinüber und schnappe mir einen davon, bevor sie protestieren kann.

So hatte ich mir den Freitagabend nicht vorgestellt.

Allerdings war dieser Abend ohnehin nicht so gelaufen, wie ich ihn geplant hatte.

Celine, mein Date, war nur darauf aus, mich auszunutzen. Das ist bei allen meinen Dates so – ich weiß das, seit ich ein Teenager war –, und Models sind in dieser Beziehung die Schlimmsten. Anscheinend hält mich das nicht davon ab, mit ihnen ins Bett zu gehen, doch nach einer Weile ist es für mich ziemlich ermüdend, wenn ich immer so tun muss, als würde ich das Ende nicht kommen sehen.

An diesem Tag sollte ich Celine nach ihrer Ankunft aus Paris am Bahnhof abholen und sie dann in Cannes in eines der neuesten und angesagtesten Restaurants zum Dinner ausführen. Ein sinnloses Unterfangen, denn ich weiß, dass Models immer nur vorgeben, etwas zu essen. Das Geld für ein Drei-Gänge-Menü kann man sich sparen. Man fährt viel besser damit, ihnen in einem Hotelzimmer Champagner und Kokain in rauen Mengen anzubieten, dazu ein paar Oliven gegen die Heißhungerattacken, bevor man sie dann gründlich durchvögelt.

Unnötige Ausgaben spielen bei mir zwar keine Rolle, doch es geht ums Prinzip. Und in diesem Fall führte ich Celine nicht nur zu einem Dinner aus, bei dem sie nur so tat, als würde sie etwas essen, sondern ich war ohne mein Wissen auch noch eine Spielfigur in einer Eifersuchtsgeschichte. Wie sich herausstellte, ist der Besitzer des neuen Restaurants, ein erst vor Kurzem aus London angereister Starkoch, Celines Ex-Freund.

Es genügt wohl zu sagen, dass die Situation ziemlich heikel war, und ich bin sicher, dass der Koch mir in meine Lauch-Muschel-Suppe gespuckt hat. Bevor es zu einer handfesten Auseinandersetzung kommen konnte – was Celine wohl beabsichtigt hatte –, gelang es mir, das Restaurant zu verlassen. Zwei Männer, die sich um sie prügeln, hätten ihr eine Meldung auf den Titelseiten eingebracht. Auf keinen Fall wollte ich sie mit in mein Hotel nehmen, also brachte ich sie zum Bahnhof zurück.

Danach war ich ein wenig verunsichert und durcheinander, vor allem weil Celine begann, dicke Krokodilstränen zu vergießen, als ich sie in den Zug setzte. Und deshalb bog ich anschließend in die falsche Straße ein.

Vielleicht war es aber auch die richtige Straße. An Schicksal glaube ich zwar inzwischen nicht mehr, aber ich schaudere bei dem Gedanken daran, was der jungen Frau hätte passieren können, wenn ich nicht zufällig genau zu diesem Zeitpunkt dort entlanggefahren wäre.

Während ich den Rollstuhl zu meinem Wagen schiebe, werfe ich einen Blick auf meine blutigen Fingerknöchel. Offensichtlich ist es mir allerdings dann doch nicht gelungen, einem Faustkampf zu entkommen.

An meinem Auto angekommen, öffne ich die Beifahrertür. Die Amerikanerin ist wieder eingeschlafen, was mich ein wenig beunruhigt. Das sollte ich auf jeden Fall dem Arzt berichten.

Ich räuspere mich. »Mon petit lapin?«, frage ich, beuge mich vor und rüttle sie sanft wach.

»So hast du mich jetzt schon zweimal genannt«, erwidert sie benommen, und ich atme erleichtert auf. Sie öffnet vorsichtig die Augen und schaut mich an.

Ihre Augen haben die gleiche Wirkung auf mich wie schon bei unserer ersten Begegnung in dieser düsteren Gasse. Noch nie habe ich so große, runde und unglaublich blaue Augen gesehen. Sie sind faszinierend und erwecken den Eindruck, als käme sie aus einer anderen Welt, wie aus einem der Märchen, die meine Mutter mir vorgelesen hat.

Bei der Art und Weise, wie sie mich mit diesen Augen ansieht, unschuldig und gleichzeitig leidenschaftlich, zieht sich etwas in meiner Brust zusammen. Und im Zusammenspiel mit ihrem runden Gesicht, ihren vollen Wangen und ihren, nun ja, großen und ein wenig spitzen Ohren erinnert sich mich an das kleine Kaninchen, das mir als Kind gehörte, bis der Koch es eines Abends schlachtete und zum Dinner servierte. Ich habe dieses verdammte Kaninchen wirklich geliebt.

Doch ich will auf keinen Fall taktlos erscheinen und dieser armen Frau erzählen, dass sie mich an mein geliebtes Kaninchen erinnert, also lächle ich sie an und frage: »Wie heißt du eigentlich?«

Sie räuspert sich und setzt sich langsam auf. »Sadie. Und du?«

Sadie. Auch ihr Name gefällt mir. Er könnte französisch sein und ist viel schöner als Jane Doe.

»Olivier.« Ich strecke die Arme aus und schiebe die Hände unter ihre Ellbogen, um ihr aus dem Auto zu helfen.

Sie ist relativ klein, und obwohl ihre Figur einige Kurven aufweist – eine erfrischende Abwechslung von den klapperdürren Laufstegmodels –, wiegt sie nicht viel. Ich hebe sie hoch und setze sie vorsichtig in den Rollstuhl.

Bei jeder Bewegung zuckt sie zusammen, versucht jedoch, sich nichts anmerken zu lassen, als sie meinen Blick bemerkt. »Es geht mir gut. Alles in Ordnung.«

»Der Arzt wird dir sicher gleich ein starkes Medikament gegen die Schmerzen geben«, tröste ich sie und schiebe den Rollstuhl zur Eingangstür. »Und falls nicht, weiß ich, wo ich dir etwas besorgen kann.«

Sie wirft mir einen Blick über die Schulter zu. »Mit Geld geht alles, richtig?«

Normalerweise wäre ich jetzt auf der Hut, doch ich habe das Gefühl, dass sie keine Ahnung hat, wer ich bin. Woher auch? Wahrscheinlich nimmt sie an, ich wäre irgendein reicher Franzose mit einem neuen Mercedes, der zufällig zur richtigen Zeit am richtigen Ort war.

»Es hilft, Französisch zu sprechen«, erwidere ich. »Das tust du wohl nicht, oder?«

»Ich weiß, was merci, bonjour und zut alors! bedeuten«, sagt sie mit einem lustigen Akzent. »Der letzte Ausdruck stammt aus Arielle, die Meerjungfrau«, fügt sie hinzu.

»Bist du nicht noch ein bisschen zu jung, um diesen Film zu kennen?«

»Ich bin dreiundzwanzig«, antwortet sie steif. »Und ich habe mir schon immer gern Zeichentrickfilme angesehen. Sie sind viel interessanter als die Wirklichkeit.«

Das erklärt einiges.

In der Notaufnahme angelangt, steuere ich wieder auf die Schwester am Empfang zu.

»Ist das Jane Doe?«, fragt sie.

»Was?« Sadie reißt ihre unglaublich blauen Augen weit auf. »Jane Doe?«

Ich schenke ihr rasch ein Lächeln und wende mich wieder der Schwester zu. »Ihr Name ist Sadie.«

»Sadie und weiter?«

»Wie lautet dein Nachname?«, frage ich Sadie.

»Reynolds.«

»Sadie Reynolds«, erkläre ich der Schwester.

»Sie ist keine Französin?«

»Nein, Amerikanerin. Aus Seattle.«

»Ist sie versichert? Die Behandlung hier ist nicht kostenlos.«

»Machen Sie sich deswegen keine Gedanken. Ich komme dafür auf.«

Wieder zieht sie eine Augenbraue nach oben. »Und wer sind Sie?«

»Was spielt das für eine Rolle?«

»Nun, ich brauche Ihre Kreditkarte.«

»Jetzt sofort? Kann sie nicht zuerst von einem Arzt untersucht werden?«

»So sind die Regeln. Vor allem am Wochenende lassen sich hier etliche Touristen aus welchen Gründen auch immer behandeln, und dann bleiben wir auf der Rechnung sitzen.«

Seufzend ziehe ich meine Brieftasche hervor.

»Du musst das wirklich nicht für mich bezahlen«, wirft Sadie ein.

»Mach dir deshalb keine Sorgen«, erwidere ich und verzichte darauf, ihr zu erklären, dass Geld nicht das Problem dabei ist.

Ich reiche der Schwester meine American Express Black Card, und sie starrt sie an.

»Olivier Dumont?«, fragt sie nach.

»Richtig.«

Nachdem sie mich mit zusammengekniffenen Augen rasch gemustert hat, verändert sich ihre Miene – sie wird plötzlich weicher, aber nicht angenehmer. »Der Olivier Dumont? Der Sohn von Ludovic Dumont? Von den Dumonts? Die mit den Handtaschen?«

Handtaschen, Parfum, Haute Couture. Die Marke Dumont besitzt den gleichen Stellenwert wie Chanel und Hermès im Hinblick auf die Milliardenumsätze und den Einfluss auf die französische Kultur und Gesellschaft. Außerhalb Frankreichs weiß kaum jemand, wer hinter diesem Label steckt, da mein Vater darauf bedacht war, so diskret wie möglich zu handeln. Doch in Frankreich kennt uns praktisch jeder.

Ein Produkt von Chanel kauft man, um der Welt zu zeigen, dass man es geschafft hat. Mit einem Artikel von Dumont hingegen beweist man sich selbst seinen Erfolg.

Zumindest stellt mein Vater es so dar, und für ihn hat sich das bewährt.

»Ja«, bestätige ich knapp, ohne weiter drauf einzugehen. »Das bin ich.«

»Was ist los?«, fragt Sadie und runzelt die Stirn. Mir wird klar, dass sie kein einziges Wort unserer Unterhaltung verstanden hat. Gott sei Dank. »Gibt es ein Problem?«

Noch nicht, denke ich. Eigentlich stört es mich nicht, wenn ich erkannt werde – damit muss ich eben leben. Doch es wäre mir lieber, wenn Sadie mich weiterhin für irgendeinen Typen hält. Außerdem möchte ich sie von der Presse fernhalten. Sie mag eine Fremde für mich sein, aber sie hat einiges durchgemacht, und das Letzte, was sie jetzt braucht, sind Berichte in den Boulevardblättern über das mysteriöse Mädchen, das ich gerettet habe.

Und für mich könnte das die letzte Chance sein, als der Mann aufzutreten, der in der Öffentlichkeit bekannt ist. Die Uhr tickt, und ich habe nur noch drei Wochen Zeit, um eine Entscheidung zu treffen. Falls sie falsch ist, werde ich nichts mehr zu lachen haben – dafür wird mein Onkel mit Sicherheit sorgen.

»Alles in Ordnung«, beruhige ich sie. Rasch hole ich aus meiner Brieftasche ein Bündel Hunderter und schiebe es der Schwester zu. »Das ist dafür, dass Sie Schweigen über diese Sache bewahren«, sage ich leise und beuge mich dabei zu ihr vor. »Ich kenne diese Frau nicht und habe nur zufällig beobachtet, wie sie auf der Straße überfallen wurde. Sie ist eine arme amerikanische Studentin und hat es nicht verdient, dass sich die Presse auf sie stürzt, und das trifft ebenso auf mich zu. Ist das klar?«

Die Schwester starrt mit weit aufgerissenen Augen auf die Geldscheine und nickt heftig. Als sie danach greifen will, halte ich das Bündel fest und schaue sie streng an. »Ich meine das ernst. Sagen Sie mir, dass Sie das verstanden haben.«

»Ja, ich habe verstanden«, erklärt sie.

»Und ich will jetzt sofort einen Arzt sehen«, fordere ich und lasse die Scheine los. Sie nimmt das Geld schnell an sich, steckt es in ihre Uniform und strahlt über das ganze Gesicht.

»Natürlich. Ich werde sofort schauen, was ich für Sie tun kann.«

Sie steht auf, verlässt ihren Arbeitsplatz und geht durch den Wartebereich, in dem sich krank und elend wirkende Menschen drängen.

»Worum ging es?«, will Sadie wissen.

»Ich habe mich nur versichert, dass du so schnell wie möglich von einem Arzt untersucht wirst«, antworte ich und schenke ihr ein ungezwungenes Lächeln.

»Du hast ihr ungefähr fünfhundert Euro gegeben«, stellt sie leise fest.

Ich zucke mit den Schultern. »Man bekommt das, wofür man bezahlt.«

Sadie runzelt die Stirn und sinkt in ihrem Stuhl zurück, und ich sehe ihr an, wie unangenehm ihr das alles ist. Pech für sie. Wenn ich mich einmal entschieden habe, etwas zu unternehmen, dann ziehe ich es auch durch. Das ist der einzige Grund, warum ich in meinem Leben so weit gekommen bin.

Geld regiert die Welt, und es dauert nicht lange, bis wir in ein Zimmer geführt werden, wo ein Arzt Sadie gründlich untersucht und ihren Fuß röntgt. Ich warte draußen und schaue mir die E-Mails auf meinem Smartphone an. Es ist zwar Freitagabend, aber die Arbeit hört nie wirklich auf. Allmählich wäre ein Urlaub fällig, nur ein paar Tage ohne geschäftliche Verpflichtungen. Allerdings denke ich mir das jedes Mal, wenn ich an der Riviera bin, doch es hat noch nie geklappt.

Schließlich kommt Sadie mit einer Bandage um ihren verstauchten Knöchel und versorgt mit einigen Schmerzmitteln aus dem Untersuchungszimmer, und im gleichen Augenblick taucht die Polizei auf und möchte von uns beiden eine Schilderung des Überfalls haben.

Natürlich interessiert die Polizeibeamten vor allem, dass ausgerechnet Olivier Dumont diese fremde Amerikanerin gerettet hat. Und in diesem Fall kommt uns das sogar zugute, denn das erhöht ihre Motivation, den Mann zu schnappen. Da ich mir Gesichter sehr gut merken kann, liefere ich ihnen eine brauchbare Beschreibung. Bei einer Gegenüberstellung würde ich ihn problemlos wiedererkennen.

»Haben die Polizisten geglaubt, ich hätte das alles erfunden?«, fragt mich Sadie danach, während ich sie im Rollstuhl zum Auto schiebe. Die Wirkung der Schmerzmittel, die sie soeben genommen hat, hat noch nicht eingesetzt, also habe ich mir ihre Krücken unter den Arm geklemmt.

»Wie meinst du das?«

»Ich weiß nicht; sie haben sich irgendwie merkwürdig verhalten.«

»Das liegt wahrscheinlich daran, dass du nicht Französisch sprichst.«

»Sie gingen sehr vorsichtig mit dir um.«

Ich ziehe eine Augenbraue nach oben. »Tatsächlich? Das ist mir nicht aufgefallen. Komm.« Ich öffne die Wagentür und beuge mich über sie, um ihr aus dem Rollstuhl zu helfen.

»Doch, das stimmt. Beim Arzt war es genauso und bei der Schwester auch. Sie haben dich anders behandelt.«

»Vielleicht sind sie nicht daran gewöhnt, einen so attraktiven Mann vor sich zu haben.«

Sie bricht in Gelächter aus, und ich versuche, nicht beleidigt zu sein. Zwar zweifle ich in keiner Weise an meinem Aussehen, aber es wäre schön, wenn diese hübsche junge Frau das auch so sehen würde.

»Kann schon sein«, erwidert sie ironisch lächelnd und lässt sich vorsichtig auf den Sitz sinken.

Während sie sich anschnallt, verstaue ich die Krücken auf dem Rücksitz, schiebe den Rollstuhl vor die Eingangstür der Klinik und steige dann in den Wagen. »Wohin?« Ich werfe ihr einen Blick zu und lasse den Motor an.

»Für den Zug ist es wohl zu spät?«, fragt sie blinzelnd.

»Allerdings.«

Sie nickt, und ihre Miene wirkt entschlossen. »Na gut, dann fahr mich bitte zurück ins Hostel. Tagsüber hat niemand mein Bett in Anspruch genommen, also wird es sicher auch jetzt noch frei sein. Vielleicht überlässt Ryan es mir sogar umsonst.«

Aus irgendeinem Grund zieht sich mein Magen zusammen. »Wer ist Ryan?«

»Oh, niemand. Nur der Typ, der am Empfang arbeitet.«

»Du willst also, dass ich dich in einem Hostel absetze?«

»Wenn es nicht zu viel Mühe macht«, antwortet sie und schaut mich aus ihren blauen Augen an. Merde. Sie meint das tatsächlich ernst. Als ob ich sie in ein verdammtes Hostel bringen würde, wo sie sich allein mit einem Haufen dreckiger Rucksacktouristen herumschlagen muss.

»Das kommt auf keinen Fall infrage«, erkläre ich. »Selbst wenn du nicht in diesem Zustand wärst.«

Sie schnaubt laut. Ich bin nicht sicher, ob das von ihr gewollt war oder ob die Schmerzmittel allmählich wirken, aber ich finde es liebenswert. »Ich bin daran gewöhnt. Glaub mir, ich habe keine Probleme mit primitiven Unterkünften. Damit bin ich schon mein ganzes Leben lang vertraut.«

»Ich bringe dich in ein hübsches Hotel.«

Sie schüttelt den Kopf und presst kurz die Lippen zusammen. »Das möchte ich lieber nicht.«

»Ich aber schon, mon petit lapin

Sie verdreht die Augen und holt ihr Handy aus ihrer Tasche. »Also gut, jetzt schau ich nach, was zum Teufel dieses Wort heißt.«

Rasch lege ich die Hand auf das Telefon und halte es fest. »Es bedeutet, dass du mich an etwas Schönes erinnerst.«

Am liebsten würde ich ihr sagen, dass ich damit ausdrücken will, wie süß ich sie finde, aber ich nehme an, das hört sie sehr oft. Und meine Erfahrung hat mich gelehrt, dass Frauen dieses Wort nicht mögen. Ich wage es auch nicht, ihr zu gestehen, wie unglaublich sexy sie auf mich wirkt, denn irgendwann wird sie herausfinden, dass ich sie »mein Kaninchen« nenne, und wahrscheinlich glauben, bei mir wären ein paar Schrauben locker.

In ihren Augen flackert etwas auf, sodass sie heller erscheinen. »Hauptsache, es ist etwas Nettes«, merkt sie leise an und räuspert sich. »Wer zum Teufel weiß schon, wie man mich auf dieser Reise bereits genannt hat. Etliche Männer haben mich auf Französisch, Italienisch und Deutsch angeschrien, und ich bezweifle, dass da etwas Gutes dabei war. Wahrscheinlich ging es immer um meine Brüste.«

Das bringt mich zum Lachen, und es fällt mir schwer, den Blick auf die Straße zu richten und ihr nicht auf den Busen zu schauen, der, soweit ich das beurteilen kann, verdammt gut geformt ist.

»Wahrscheinlich lässt sich so etwas nicht vermeiden, wenn man als Frau allein eine Rucksacktour macht«, meine ich.

Sie zuckt mit den Schultern und seufzt tief, bevor sie den Kopf nach hinten an die Lehne sinken lässt. »Na ja, als ich mit Tom unterwegs war, ist mir das auch passiert, aber ihn hat das völlig kalt gelassen. Jetzt weiß ich auch, warum.«

Wieder zieht sich etwas in meiner Brust zusammen. »Wer ist Tom?«

Welche Männernamen wird sie noch erwähnen?

»Tom ist mein … mein Ex-Freund«, antwortet sie. »Ein verdammter Arsch.«

Zumindest ihr Ex. »Was ist passiert?«

»Tja, hier kommt die Geschichte in Kurzfassung: Wir waren zusammen, wir haben diese Reise gemeinsam geplant, wir sind zu zweit losgefahren und haben uns nach einem Monat getrennt. Er ist wieder zu Hause, und ich bin noch hier.«

»Ein bisschen mehr würde ich schon gern wissen. Was genau ist geschehen?«

»Ach«, stöhnt sie. »Belassen wir es dabei, dass ich betrogen wurde. Was spielt das jetzt noch für eine Rolle? Die Sache zwischen uns ist erledigt.«

»Wie lange kannst du noch in Europa bleiben?«

»Ich wollte meine letzten drei Wochen in Spanien verbringen und dann von Madrid aus nach Hause fliegen. Ich werde mich dort wohl von Tapas ernähren, aber wer weiß, ob ich es überhaupt schaffe, das Hostel wieder zu verlassen, solange ich kaum laufen kann.«

Sie tut mir leid. Zuerst die Trennung und nun diese Verletzung. »Kannst du nicht früher zurückfliegen?«

»Nein, ich kann meine Buchung nicht ändern. Der Flug war ein Schnäppchen. Wahrscheinlich sitze ich in der Toilette.«

»Du könntest einen anderen Flug buchen.«

»Und wie soll ich den bezahlen?«

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