×

Ihre Vorbestellung zum Buch »Deluxe Love«

Wir benachrichtigen Sie, sobald »Deluxe Love« erhältlich ist. Hinterlegen Sie einfach Ihre E-Mail-Adresse. Ihren Kauf können Sie mit Erhalt der E-Mail am Erscheinungstag des Buches abschließen.

Deluxe Love

Als Buch hier erhältlich:

Der zweite Teil der Dumont-Saga, noch skandalöser und heißer!


Seraphine hat alles: Sie ist attraktiv, brillant und Teil einer der berühmtesten Dynastien Frankreichs. Doch der Schein trügt. Der Tod ihres Vaters hat ihre Welt aus der Bahn geworfen. Sie ist entschlossen, zu beweisen, dass ihr Onkel im Kampf um das exklusive Modeimperium vor nichts zurückschreckt, nicht einmal vor dem Mord an seinem eigenen Bruder. Erschwert wird ihr dies jedoch durch Blaise, der ihr plötzlich nicht mehr von der Seite weicht. Ausgerechnet er, der ihr das Herz in tausend Scherben zerschmettert hat – und der immer noch dieses lustvolle Feuer in ihr entfacht. Darf sie ihren Gefühlen nachgeben und ihm vertrauen? Oder spielt Blaise im Auftrag ihres Onkels ein falsches Spiel mit ihr?

  • Erscheinungstag: 22.06.2021
  • Aus der Serie: Dumont Saga
  • Bandnummer: 2
  • Seitenanzahl: 304
  • ISBN/Artikelnummer: 9783745701685

Leseprobe

PROLOG

Seraphine

Siebzehn Jahre zuvor

Als ich aufwachte, wusste ich sofort, dass an diesem Tag alles anders werden würde.

Normalerweise komme ich zu mir, weil sich Laura in dem Bett unter mir hin und her wälzt, als würde sie kurz vor dem Wecken verzweifelt versuchen, noch einmal einzunicken. Sie scheint nie richtig zu schlafen. Ihr knarzendes Bett weckt mich üblicherweise rechtzeitig auf, bevor Miss Davenport ins Zimmer kommt und das Licht anknipst. Ich springe immer als Erste aus dem Bett und hoffe, dass sie mein Lächeln bemerkt.

Doch das tut sie nie. Auch wenn ich mich noch so sehr anstrenge, um ihr zu zeigen, dass ich mich benehme und ihr gefallen möchte, ignoriert Miss Davenport mich. Schon seit Langem verlasse ich das Waisenhaus häufig und kehre dann doch wieder zurück, und ich habe das Gefühl, dass sie mich jedes Mal, wenn ich wieder da bin, noch mehr hasst als vorher.

Aber an diesem Morgen weckte Laura mich nicht auf. Ich schlief, bis das Licht anging, und ruderte erschrocken mit Armen und Beinen wie die Krebse, die ich früher an der Küste von Goa beobachtet hatte. Beinahe wäre ich aus dem Stockbett gefallen.

Natürlich erregte das Miss Davenports Missfallen. Sie kniff die Augen zusammen und starrte mich an, obwohl ich nicht als Einzige soeben erst wach geworden war.

Sowie ich auf dem Boden angelangt war, warf ich einen Blick auf Lauras Bett unter meinem und stellte fest, dass sie noch schlief.

»Laura.« Ich rüttelte sie am Arm. Einen Moment lang dachte ich, sie wäre nicht mehr am Leben, doch dann murmelte sie etwas und drehte sich um. »Wach auf!«, flüsterte ich eindringlich.

»Jamillah«, schalt mich Miss Davenport. »Lass Laura in Ruhe. Sie hat ein neues Medikament erhalten.«

Fast alle hier bekommen irgendwelche Pillen. Alle außer mir. Ich habe keine Ahnung, warum das so ist. Immer wieder höre ich die Frauen hier im Waisenhaus über uns reden und dabei Ausdrücke verwenden wie »gut« und »böse«, »Missbrauch« und »Trauma«. Manchmal habe ich das Gefühl, dass alle anderen Mädchen eine besondere Behandlung erhielten, während ich nur herumgeschubst werde. Vielleicht liegt es daran, dass ich nicht so oft weine wie die anderen, obwohl mir jedes Mal, wenn ich das Waisenhaus verlasse, schreckliche Dinge widerfahren.

Ich bin erst neun Jahre alt, aber manchmal glaube ich, dass ich für den Rest meines Lebens hierbleiben muss und niemals eine Familie haben werde, niemals einen Ort, wo ich hingehöre.

»Also gut, wir machen uns nun alle bereit für den Tag«, erklärte Miss Davenport und schaute mich an. »Jamillah, sei so nett und gib acht auf Laura, bis sie aufwacht.«

Aber was ist mit dem Frühstück? Die Worte lagen mir auf der Zunge, denn mein Magen knurrte bereits. Doch gebraucht zu werden fühlte sich gut an, beinahe so gut wie die Aussicht auf den trockenen Toast mit Erdnussbutter, den wir immer bekamen.

Ich nickte. »Das mache ich, Miss Davenport.«

Von den anderen Mädchen erntete ich mitleidige Blicke für diese Aufgabe. Es war zwar nicht fair, dass ich auf das Frühstück verzichten musste, aber in letzter Zeit arbeiteten nicht mehr viele Frauen hier, also war mir klar, dass es niemand tun würde, wenn ich mich nicht dazu bereit erklärte.

Während sich alle fertig machten und in den Speisesaal gingen, setzte ich mich auf die Kante von Lauras Bett und wartete, bis sie aufwachte.

Schließlich kam sie zu sich und schaute mich verschlafen an. »Wie spät ist es?« Laura ist dreizehn und wahrscheinlich meine beste Freundin hier.

Ich zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Miss Davenport hat mich gebeten, bei dir zu bleiben, bis du aufwachst.«

Sie rieb sich die Stirn. »So fest habe ich noch nie geschlafen. Was waren das für Pillen, die sie mir gegeben haben?« Sie schaute mich an. »Du hast das Frühstück versäumt.«

»Kein Problem.«

»Jamillah.« Plötzlich tauchte Miss Davenport an der Türschwelle auf. »Danke, dass du das übernommen hast.«

Laura und ich tauschten verblüfft einen Blick. Sie hatte sich noch nie bei mir für etwas bedankt.

»Das habe ich gern getan«, erwiderte ich.

Miss Davenport hob das Kinn und musterte mich. Ich wünschte, ich könnte Gedanken lesen, denn ich hatte keinen blassen Schimmer, was in ihr vorging. »Laura, zieh dich an, und du auch, Jamillah. Etwas Hübscheres.«

Ich warf einen Blick nach unten auf meine Kleidung: Leggings und ein ausgebeultes Micky-Maus-T-Shirt, das vorher einem anderen Mädchen gehört hatte. Ich mochte dieses T-Shirt sehr. Meiner Mutter gefiel Micky Maus auch. Das gehörte zu den wenigen Erinnerungen, die ich an meine Eltern hatte.

»Ich weiß nicht genau, ob ich etwas Hübscheres habe«, meinte ich. Wir tragen hier keine Uniformen, sondern Sachen aus der Kleiderspende.

»Irgendetwas findest du sicher. Wenn du dich umgezogen hast, wartest du vor meinem Büro auf mich. Und du, Laura, wasch dich und mach dich fertig. Dann gehst du zur Krankenschwester.«

Oh nein. Vor ihrem Büro? Was habe ich angestellt?

Nachdem sie den Schlafsaal verlassen hatte, schaute ich Laura in der Hoffnung auf eine Antwort an und erwartete auch von ihr einen mitleidigen Blick. »Habe ich etwas falsch gemacht?«, fragte ich sie.

Doch sie wirkte beeindruckt.

»Was?«, hakte ich nach.

»Du sollst dir etwas Hübscheres anziehen! Und dann vor ihrem Büro warten?«, wiederholte sie, während sie in ihre Kleidung schlüpfte. »Ich glaube nicht, dass du in Schwierigkeiten steckst. Das klingt eher so, als würdest du adoptiert werden.«

Ich starrte sie eine Weile an.

Darüber machten wir hier keine Witze.

Das Thema ist heilig.

Man durfte nicht einmal daran denken, sonst konnte man einen Fluch heraufbeschwören.

Also verdrängte ich rasch den Gedanken daran. Ich zog mir das Hübscheste an, das ich besaß – ein gestreiftes Kleid über die Leggings und dazu meine Ballerinas, die mir eine Nummer zu klein waren, weswegen sie sich deutlich sichtbar vorn an den Zehen ausbeulten. Ich schlief mit geflochtenen Zöpfen, weil Miss Davenport meinte, mein Haar sei zu widerspenstig, also spuckte ich in die Hände und strich sie glatt.

»Viel Glück!«, wünschte Laura mir, während ich den Schlafsaal verließ.

Und nun sitze ich auf dem Stuhl vor Miss Davenports Büro, lasse die Beine baumeln und frage mich, was hinter der verschlossenen Tür wohl passiert.

Hatte Laura vielleicht recht? Sollte ich adoptiert werden?

Ich?

Ich wage es kaum, mir das vorzustellen, und kaue an meinen Fingernägeln. Meine letzte Pflegemutter hat mir jedes Mal mit einem Gürtel auf die Fingerknöchel geschlagen, wenn ich das getan habe. Zumindest ist mir klar, dass ich nicht noch einmal in eine Pflegefamilie komme, denn Pflegeeltern ist die Kleidung gleichgültig. Eines der älteren Mädchen hat mir verraten, dass sie uns eigentlich nicht haben wollen, aber Geld dafür bekommen, wenn wir bei ihnen wohnen.

Es scheint Stunden zu dauern, bis endlich die Tür aufgeht und Miss Davenport erscheint. Sie schenkt mir ein verhaltenes Lächeln, was bei ihr nicht oft vorkommt.

»Jamillah«, sagt sie freundlich. »Hier ist jemand, der dich gern kennenlernen würde.«

Ich reiße die Augen weit auf.

Kann das tatsächlich wahr sein?

Ich stehe auf und laufe zu ihr hinüber. Als ich ihr Büro betrete, halte ich den Atem an, als hätte ich Angst davor, Luft zu holen.

Auf den Stühlen vor ihrem Schreibtisch sitzen zwei Personen. Beide sehen ganz anders aus als die üblichen Pflegeeltern. Der Mann hat eine Brille auf; seine Schläfen sind grau, und er lächelt freundlich. Die Frau trägt ein hübsches pinkfarbenes Kleid, eine Perlenkette und hat das blonde Haar zurückgebunden. Sie ist wunderschön.

»Jamillah, das sind Ludovic und Eloise Dumont«, erklärt Miss Davenport. »Sie kommen aus Frankreich und wollen dich adoptieren.«

Plötzlich scheint mein Herz zu groß für meine Brust zu sein.

Ich bin so glücklich und so überwältigt, dass ich augenblicklich in Tränen ausbreche.

Alles geschieht so schnell, dass ich kaum Zeit zum Atmen habe. Die ganze Woche über habe ich das Gefühl gehabt, dass mein Leben wie ein Film im Schnelldurchlauf ist.

Soeben bin ich noch in Miss Davenports Büro gewesen, und bevor ich mich’s versehe, verabschiede ich mich von Laura und den anderen Mädchen. Es tut mir so leid, dass sie nicht auch adoptiert wurden. Beinahe hätte ich einer von ihnen angeboten, meinen Platz mit mir zu tauschen.

Doch das tue ich nicht, denn ich habe so lange davon geträumt und mir nichts sehnlicher gewünscht als ein Zuhause, eine Familie. Ich würde die Mädchen gern mitnehmen, aber ich möchte das alles auch zu sehr für mich haben.

Schon kurz darauf sitze ich hinten in dem schicken Wagen der Dumonts und sehe die englische Landschaft an mir vorbeifliegen, herrlich grün, mit sanften Hügeln und hübschen Häusern. Alle Pflegefamilien, bei denen ich war, haben in heruntergekommenen Stadtvierteln gewohnt.

Mir liegen eine Million Fragen auf dem Herzen, und ich verstehe kein Wort Französisch, aber Mr. und Mrs. Dumont sprechen meine Muttersprache ebenso gut wie ich.

»Wie sieht Ihr Zuhause aus?«, frage ich.

»Ich glaube, es wird dir gefallen«, erwidert Mr. Dumont. »Es liegt ein wenig außerhalb von Paris. Dort gibt es eine Menge Platz zum herumtoben und spielen. Und viele Vögel, Bäume und Blumen. Ganz anders als in London.«

»Und Sie haben zwei Söhne? Sind das dann meine Brüder?«

Mr. und Mrs. Dumont tauschen einen Blick und lächeln sich an. »Ja«, bestätigt Mr. Dumont. »Olivier und Renaud. Sie sind ab jetzt deine Brüder, und wir sind deine Eltern. Daran wirst du dich sicher erst noch gewöhnen müssen.«

»Nein«, entgegne ich wahrheitsgemäß. Ich habe mich bereits daran gewöhnt. Es kommt mir so vor, als hätte ich mein ganzes Leben darauf gewartet. Je länger ich in diesem Auto sitze, umso mehr verstärkt sich das Gefühl, dass ich tatsächlich diesem schrecklichen Ort und den grässlichen Menschen entkomme, die mich zu sich geholt und nach ein paar Monaten wieder weggeschickt haben.

»Du wirst dich schon bald gut bei uns zurechtfinden«, meint Mrs. Dumont. »Schau, wir sind schon fast beim Tunnel angelangt. Wir werden jetzt in den Zug hineinfahren, der uns unter dem Meer nach Frankreich bringt.«

Tatsächlich taucht neben uns eine Bahn mit offenen Türen auf, und wir fahren hinein und ein Stück nach vorn. Das erinnert mich an diese Science-Fiction-Filme, die ich gesehen habe, und macht mir ein wenig Angst. Ich wünschte, ich hätte eines der Stofftiere aus dem Waisenhaus bei mir, aber ich verliere sie ständig.

Mrs. Dumont dreht sich auf ihrem Sitz um und reicht mir einen flauschigen braunen Teddybären mit großen Augen. »Der ist für dich.«

Es ist beinahe so, als hätte sie meine Gedanken gelesen! Ich schaue sie bewundernd an, nehme den Teddy in die Arme und drücke ihn an mich. »Wie heißt er?«, frage ich aufgeregt.

»Du kannst ihn nennen, wie du möchtest«, erwidert sie.

Nachdem ich einen Moment darüber nachgedacht habe, beschließe ich, dass der Bär Ernest heißen soll. »Kann ich auch einen neuen Namen haben?«, frage ich dann.

Überrascht schauen sie sich wieder an. »Bien sûr«, antwortet Mr. Dumont. »Aber natürlich. Jeden Namen, den du willst. Du bist jetzt eine Dumont, und es steht dir frei, zu werden, wer du sein möchtest.«

Ich grüble eine Weile darüber nach. Mir fällt kein neuer Name ein, doch ich möchte auf jeden Fall, dass es ein französischer wird.

»Darf ich mir das noch überlegen?«, frage ich und verziehe das Gesicht, in der Hoffnung, dass sie mir noch ein wenig Zeit lassen.

Mrs. Dumont lacht. »Nimm dir alle Zeit der Welt, Schätzchen. Bis dahin bleibst du Jamillah. Auch ein sehr hübscher Name. Als wir ihn gelesen und dein Bild dazu in der E-Mail vom Waisenhaus gesehen haben, haben wir es gewusst.«

»Gewusst? Was?«, frage ich.

»Dass du unsere Tochter werden wirst«, antwortet sie. »Wir wollten schon seit Jahren ein Kind adoptieren, aber aus irgendwelchen Gründen hat es nie geklappt und sich nie richtig angefühlt. Bis wir dann dein Gesicht gesehen haben. Uns wurde sofort klar, dass du unsere Tochter werden sollst. Dass du diejenige bist, auf die wir gewartet haben, und die auf uns gewartet hat.«

»Habt ihr euch mich gewünscht? Ich habe mir jede Nacht eine Familie gewünscht – eine nette Familie.«

Mrs. Dumonts Augen glänzen, und sie sieht aus, als wäre sie den Tränen nahe. »Ja, das haben wir.«

Wir fahren einige Stunden lang durch Frankreich, allerdings vergeht die Zeit wie im Flug. Ich halte Ernest fest im Arm, presse das Gesicht an die Fensterscheibe und betrachte die vorbeiziehende Landschaft. Die vielen kleinen Orte, an denen wir vorbeifahren, erinnern mich an Die Schöne und das Biest.

Schließlich befinden wir uns auf einer langen Auffahrt, die zu einem Haus wie aus einem Märchen führt. Es ist riesig, das größte Haus, das ich jemals gesehen habe, aus Stein und umgeben von Sonnenlicht und Rosenbüschen.

»Wir sind da«, erklärt Mrs. Dumont fröhlich, als das Auto vor dem Gebäude anhält.

»Hier werde ich wohnen?«, frage ich.

»Bien sûr«, antwortet Mr. Dumont. »Und hier kommen auch schon Olivier und Renaud.«

Ich schaue mich um und sehe, wie sich die große Eingangstür aus Holz öffnet und zwei Jungen aus dem Haus kommen. Sie sind ziemlich groß und scheinen ein paar Jahre älter als ich zu sein. Zuerst wird mir ein wenig übel, denn die Jungen in den Pflegefamilien waren immer richtig gemein zu mir, und ich habe Angst, dass es hier wieder so sein könnte.

»Komm, wir stellen sie dir vor«, sagt Mrs. Dumont und steigt mit ihrem Mann aus dem Auto aus.

Sie öffnet die Tür für mich und streckt mir eine Hand entgegen. Ich löse meinen Sicherheitsgurt, drücke Ernest an mich und lasse mir von ihr aus dem Wagen helfen.

Mrs. Dumont führt mich zu den beiden Jungen hinüber, die mich neugierig anstarren. Sie sind sehr hübsch gekleidet – saubere dunkle Jeans und ordentlich in den Bund gesteckte Hemden. Und sie wirken sehr nett und lächeln mich ein wenig schüchtern an.

Vielleicht wird alles gar nicht so schlimm werden.

Möglicherweise sind sie nicht so gemein wie die anderen Jungen, die ich kennengelernt habe.

»Jamillah, das sind deine neuen Brüder Olivier und Renaud«, verkündet Mrs. Dumont. »Sie gehören jetzt zu deiner Familie. Wir alle sind nun eine Familie.«

Ich erwidere ihr Lächeln ebenso schüchtern. »Hallo«, sage ich leise.

»Bonjour«, begrüßt mich Olivier, der Jüngere der beiden. »Est-ce que tu parles français?«

Ich habe kein Wort verstanden, also zucke ich mit den Schultern. »Schön, dich kennenzulernen. Das ist mein Bär Ernest.« Stolz zeige ich den beiden meinen Teddy.

Renaud tritt einen Schritt nach vorn und schüttelt meinem Bär die Pfote. »Es freut mich, dich kennenzulernen, Ernest«, sagt er in meiner Muttersprache. »Und dich auch, Jamillah.«

»Willkommen in unserer Familie«, fügt Olivier hinzu.

Willkommen in meiner Familie.

KAPITEL EINS

Seraphine

Was für ein verdammter wichtigtuerischer Psychopath!

Das ist alles, was ich denken kann, während ich das müde, aber hinterlistige Gesicht meines Onkels Gautier anstarre; der alte Mann sieht aus, als hätte er sich jede Falte mit dem Raub einer Seele erworben. Er steht am Kopf des Tisches im Sitzungszimmer und schwafelt über die neue Website und die Online-Umsätze und alles, was er geleistet hat seit seiner Übernahme der Firma, die einmal meinem Vater gehörte.

Doch natürlich redet er nicht nur – er brüstet sich. Er prahlt mit dem Label Dumont und der Absatzsteigerung, die sich verzeichnen lässt, seit die Firma zum ersten Mal in ihrer Geschichte Online-Handel betreibt – etwas, wogegen mein Vater und ich uns vom ersten Tag an gesträubt hatten. Die alte gegen die neue Welt. Die gute gegen die schlechte.

Läuft nicht jeder Konflikt darauf hinaus?

Uns war immer klar gewesen, dass wir die Gewinne steigern könnten, wenn wir die Luxusmarke online anbieten würden. Doch das würde die Marke abwerten, und damit unser Vermächtnis. Es würde dem Label das Geheimnisvolle und seine Exklusivität nehmen. Mein Vater glaubte, dass die heutigen Kaufgewohnheiten – impulsiv und auf sofortige Befriedigung ausgerichtet – gegen uns arbeiten würden. »Ist es nicht immer besser, etwas zu begehren, als es zu besitzen?«, pflegte er zu sagen.

Obwohl ich diese Idee in gewisser Weise nachvollziehen konnte, handelte es sich um eine grauenhafte Einstellung, wenn der eigene berufliche Erfolg von Menschen abhing, die lieber etwas »besaßen« als es nur »begehrten«. Allerdings hielt diese Haltung den Namen Dumont hoch – der Beste der Besten, Lieferant von Make-up, Prêt-à-porter-Kleidung und Lederhandtaschen mit Kultstatus, die mit hart erarbeitetem Stolz getragen werden sollten. Unaufdringlichkeit war unsere Spezialität. Eleganz war unser Auftrag. Klasse ging über alles.

Doch jetzt ist mein Vater tot.

Und nur noch ich bin hier, um seinen Kampf weiterzuführen.

Einen Kampf, den ich langsam, aber sicher verliere.

Es ist ein Krieg, den ich im Namen eines Menschen führe, der davon nichts mehr mitbekommt.

Mein Vater ist vor sechs Monaten während des berühmten Dumont-Maskenballs gestorben, und seitdem ist nichts mehr in meinem Leben so, wie es einmal war. Gautier hat seinen Posten übernommen; mein Cousin Pascal hält die Position inne, die eigentlich meinem Bruder Olivier zugestanden hätte, und mein anderer Cousin Blaise teilt sich im Grunde genommen nun meinen Job mit mir. Olivier und mein anderer Bruder Renaud sind in Kalifornien; Gautiers Familie hat sie praktisch aus dem Land getrieben. Meine Cousins verhalten sich, als sei mein Vater lediglich ein Hindernis gewesen, und trotz der Familienbande habe ich nie auch nur einen Anflug von Bedauern oder Betrübnis auf Gautiers Gesicht entdeckt. Man könnte glauben, er würde um seinen Bruder trauern, doch stattdessen hat er es offensichtlich kaum erwarten können, vor seinem Grab zu stehen und seine Firma zu übernehmen.

Und so ist es dann auch geschehen. Jetzt verbringe ich meine Tage damit, mir zu überlegen, wie ich das noch länger überleben kann, denn darum geht es jetzt in meinem Job – ums Überleben. Ich wurde degradiert und das Vermächtnis meines Vaters ausgelöscht.

Der Kampf geht immer weiter, und ich glaube, dass ich die Einzige bin, die für den guten Namen der Firma kämpft.

Komisch, denn ich bin diejenige, die am meisten zu verlieren hat.

Oder ich wäre es, wenn ich nicht bereits verloren hätte, was mir am meisten bedeutet hat.

»Und du hast gesagt, eine Zusammenarbeit käme einer Sünde gleich«, sagt Pascal höhnisch zu mir und holt mich damit zurück in die laufende Diskussion.

Langsam wende ich mich von Gautier ab und werfe Pascal einen gleichgültigen Blick zu. Im Umgang mit Pascal ist es ratsam, sich immer desinteressiert zu geben, denn sobald mein lieber Cousin eine Schwachstelle entdeckt, hackt er gnadenlos darauf herum.

»Wie bitte?«, frage ich.

»Das hast du doch gesagt, Seraphine, oder etwa nicht?«, wirft Gautier ein und grinst selbstgefällig. Der Mann geht auf die fünfundsechzig zu, und ich weiß, dass er sich vor Kurzem einer Botox-Behandlung unterzogen hat. Mit den aufgeblähten Wangen und den schmalen Augen sieht er aus wie ein Comic-Monster. Es fehlen nur noch ein Paar gebogene Hörner auf seinem Kopf, dann wäre das Bild komplett.

Erneut steigt Zorn in mir hoch, während ich ihn anstarre.

»Ich denke nicht, dass ich genau diese Worte benutzt habe.« Gautier hatte sich schon immer einige berühmte Mitstreiter gewünscht, so wie Louis Vuitton sie sich jedes Jahr für seine Taschen und Accessoires sucht, doch mein Vater und ich hielten das für falsch und befürchteten, damit den Look der Marke zu verwässern.

Sein süffisantes Grinsen vertieft sich, und er starrt mich mit seinen dunklen Augen an. »Hmm. Und dennoch verzeichnen wir seit unserer kürzlichen Zusammenarbeit mit Baptiste einen Anstieg unserer Verkaufszahlen um fünfundsechzig Prozent. Noch etwas, wofür du mir dankbar sein solltest – ein weiterer geschickter Schachzug für die Firma.«

Ich weiß, ich sollte mich darüber freuen, dass das Unternehmen gut läuft. Die Presse bringt gern Meldungen darüber, dass das Label Dumont immer noch ausgezeichnet ankommt, allerdings sagt sie auch ebenso gern seinen Untergang voraus. Ich hänge hier jedoch an einem seidenen Faden. Selbst wenn wir alles Geld der Welt einnehmen würden, wäre ich nicht in Sicherheit, denn mein Onkel kann mich jederzeit fallen lassen.

Ich frage mich, warum er das noch nicht getan hat. Es ist kein Geheimnis, dass er mich hasst – das war schon von Anfang an so. Jetzt, wo mein Vater nicht mehr bei uns ist, kann ihn nichts daran hindern, mich zu feuern. Alles gehört nun ihm, und meine Stimme zählt nicht mehr. Mein Aktienanteil ist nicht groß genug, um mich hierzubehalten.

Und trotzdem bin ich noch da. Er beschimpft mich tagtäglich, ignoriert meine Ideen und Entscheidungen, die dieses Unternehmen in der Vergangenheit erfolgreich gemacht haben, und tut, was er kann, damit ich das Gefühl habe, so klein und wertlos wie nur möglich zu sein.

Ich starre ihn an, als er beginnt, über eine andere »großartige« Sache zu sprechen, die er nach der Firmenübernahme eingeführt hat, und ich sehne mich danach, aufzustehen und zu gehen. Ich muss mir das nicht anhören, ich muss nicht hier sein. Nicht mit einem Mann, der, wie ich vermute, noch teuflischer ist, als er es sich anmerken lässt. Einem Mann, den ich in Verdacht habe, Dinge zu tun, über die ich mitten in der Nacht grüble und die mir einen kalten Schauer über den Rücken jagen.

Doch genau das ist es, was sie wollen. Ein rascher Blick den Tisch hinunter auf Pascal zeigt mir, dass er mich anstarrt; er drückt mit der Zunge seine Unterlippe nach vorn und sieht aus wie der selbstgefällige Mistkerl, der er tatsächlich ist. Er wartet nur darauf, dass ich alles hinwerfe.

Blaise sitzt mir gegenüber und fixiert mich ebenfalls, doch als sich unsere Blicke treffen, wendet er sich rasch ab. In letzter Zeit kann ich ihn einfach nicht mehr einschätzen. Seit meiner Jugend war er in meinen Augen vom gleichen Schlag wie sein Bruder. Diese Seite der Familie ist ohnehin psychotisch, und etliche Zusammenstöße mit Blaise haben mir bewiesen, dass er ein ebenso verrückter Mistkerl ist wie der Rest der Familie.

Seit dem Tod meines Vaters scheint er sich allerdings verändert zu haben. Als Blaise, Olivier und ich kurz nach der Beerdigung in eine Verfolgungsjagd und einen anschließenden Autounfall verwickelt waren (noch etwas, woran ich oft mitten in der Nacht denke), stellte sich heraus, dass Blaise seinen Bruder und seinen Vater verabscheute, was Olivier und mich sehr überraschte. Der Blaise, an den ich mich aus meiner Teenagerzeit erinnere, hatte zwar ähnliche Gefühle geäußert, aber ich hatte geglaubt, dass er ihn insgeheim verehrte.

Und doch sehe ich keine Anzeichen einer Veränderung. In letzter Zeit musste ich öfter eng mit ihm zusammenarbeiten, und er scheint mir immer noch die gleiche Feindseligkeit entgegenzubringen, die er auch von mir zu spüren bekommt, und was seinen Vater und seinen Bruder betrifft, benimmt er sich wie gehabt.

Allerdings weiß ich einiges über Blaise aus der Zeit, in der wir jung und beinahe miteinander befreundet waren. Die Dinge zwischen uns als Cousin und Cousine waren … schwierig. Ich glaube nicht, dass ich ihm vertrauen kann, ganz gleich, was er behauptet. Einmal habe ich mich auf ihn verlassen, und das ist nicht gut ausgegangen.

Während ich noch darüber nachgrüble, wird das Meeting beendet. Ich verlasse den Konferenzraum und marschiere schnurstracks zu meinem Büro. In den letzten sechs Monaten ist die gesamte Belegschaft ausgetauscht worden, und ich erkenne kaum noch jemanden von den Leuten, die hier arbeiten. Nachdem Gautier die komplette Kontrolle an sich gerissen hatte, fing er an, einen Angestellten nach dem anderen zu entlassen, Woche für Woche, bis fast alle Spuren meines Vaters ausgelöscht waren. Geblieben ist nur Nadia, die Rezeptionistin. Eine gute Empfangsdame ist ihr eigenes Gewicht in Gold wert.

Kurz vor meinem Büro spüre ich jemanden hinter mir.

Ich wirble herum und erblicke Pascal. An seinem Mundwinkel hängt ein Zahnstocher, und er grinst mich an. »Was willst du?«, frage ich gereizt und vergesse dabei meinen Vorsatz, ganz cool zu bleiben.

Sein Grinsen wird breiter, und er lehnt sich lässig an die Wand. Er trägt von Kopf bis Fuß Dumont, alles in Schwarz: glänzende Schuhe, eine perfekt geschnittene Hose und ein leicht geöffnetes Hemd verleihen ihm ein geradezu teuflisches Aussehen. Mir ist bewusst, dass die meisten Frauen es eher als »ein teuflisch gutes Aussehen« bezeichnen würden. Überall auf der Welt scharwenzeln sie um ihn herum, vor allem, seit mein Onkel ihn zum Gesicht unseres Herrenparfums »Red« gemacht hat. Doch ich kann ihn nicht objektiv betrachten und empfinde lediglich Abscheu.

»Du hast bei dem Meeting ein wenig abwesend gewirkt«, meint er. »Geht dir viel durch den Kopf?«

»Nicht mehr als üblich«, erwidere ich. »Wenn du mich jetzt entschuldigst – ich habe einiges zu erledigen.« Ich drehe mich um und setze meinen Weg fort.

»Anscheinend hast du dir zu viel vorgenommen«, ruft er mir hinterher. »Vielleicht brauchst du ein wenig Hilfe.«

Vor meiner Bürotür bleibe ich stehen und schließe für einen Moment die Augen. Ich sollte ihn einfach ignorieren. Er will mich nur provozieren.

»Welche Art von Hilfe?«, frage ich langsam und wende mich zu ihm um.

Er lehnt immer noch an der Wand, wirkt absolut sorglos und zuckt träge mit den Schultern. »Vorhin hast du gesagt, dass unsere Beauty-Abteilung Hilfe bräuchte.«

»Ja, das ist richtig. Aber es geht nicht um mich. Wir müssen unbedingt mehr Leute einstellen.«

»Das glaubst du, weil dein Stolz dich davon abhält zuzugeben, dass du am Ertrinken bist. Ich glaube, du brauchst jemanden, der dir zeigt, wo’s langgeht, wie man die Dinge richtig anpackt und so erledigt, wie es sein muss.«

Ich ziehe die Augenbrauen hoch, und meine Nackenhaare stellen sich auf. »Wovon sprichst du?«

Das Funkeln in seinen Augen gefällt mir nicht. »Ich habe gestern mit meinem Vater darüber gesprochen. Vielleicht wäre es das Beste, wenn Blaise einsteigen würde.«

»Einsteigen?«, wiederhole ich gereizt und lauter als nötig, obwohl alle mich hören können. Dieser absurde Gedanke ist es jedoch wert, noch sehr viel lauter zu werden. »Um was zu tun? Willst du mich etwa feuern?«

Wieder dieses verdammte selbstgefällige Grinsen. »Dich feuern? Nein, nein. Das wäre ohnehin die Aufgabe meines Vaters. Es geht nur darum, dass du und dein Vater eine bestimmte Linie verfolgt habt und wir anders arbeiten. Wenn Blaise dir zeigen könnte, wie …«

»Mir etwas zeigen?«, wiederhole ich und spüre, wie mein Gesicht heiß wird. »Was zum Teufel weiß er schon über Kosmetik- und Beautyprodukte? Das ist jetzt mein Bereich!«

»Ja«, sagt er leise, und seine Stimme trieft vor geheucheltem Mitgefühl. »Aber erst seit Kurzem. Du warst noch so jung, als du bei Dumont angefangen hast! Du wusstest es einfach nicht besser. Du hast dir wirklich einige schlechte Angewohnheiten abgeguckt.«

Meine Augen sind ganz schmal, als ich auf ihn zutrete, ihm meinen Zeigefinger in die Brust bohre und wünschte, er wäre ein Messer. »Hör gut zu, Pascal! Ich weiß, dass wir in vielen Dingen nicht einer Meinung sind, aber wir sollten nicht vergessen, dass wir gemeinsam für das Erbe von Dumont arbeiten, und das wird sich in naher Zukunft nicht ändern. Ich bin sehr gut in meinem Job, auch wenn du zu stolz bist, das zuzugeben, und ich stehe zu unserem Namen.«

Er zieht eine Augenbraue nach oben und hebt das Kinn. »Zu unserem Namen? Aber Dumont ist doch gar nicht dein richtiger Familienname, hab ich recht?«

Dafür könnte ich ihn ohrfeigen. »Wage es nicht!«, presse ich leise hervor und verstärke den Druck meines Fingers. »Ich habe diesen Namen angenommen, als mein Vater und meine Mutter mich adoptiert und mich in diese Familie geholt haben, ganz rechtmäßig und offiziell. Ich trage ihn seit meinem neunten Lebensjahr. Ich mag nicht so aussehen wie ihr, und ich mag nicht so reden wie ihr, aber ich bin eine Dumont. Was mich betrifft, war ich das schon immer.«

»Und was uns betrifft, brauchst du Hilfe«, erwidert er und schiebt meine Hand weg. »Bist du zu stolz, um dir von deinem Cousin helfen zu lassen?«

»Du kannst mich mal!« Ich drehe mich auf dem Absatz um, laufe in mein Büro und knalle die Tür hinter mir zu.

Am Schreibtisch lasse ich mich auf den Stuhl fallen und stütze den Kopf in die Hände.

Das ist verdammt lächerlich. Nicht ich, sondern die gesamte Beauty-Abteilung von Dumont benötigt Hilfe, weil Gautier, um Kosten zu sparen, so viele Leute entlassen hat. Doch Blaise’ Unterstützung braucht niemand. Seit Monaten versucht er, sich in meinen Geschäftsbereich einzumischen, und nun ergibt das alles einen Sinn. Sie wollen, dass er meinen Job übernimmt, und ich soll langsam aus der Firma gedrängt werden.

Oder sie wollen mich dazu bringen zu kündigen. Das ist noch wahrscheinlicher.

Normalerweise habe ich kein Problem damit, immer einen kühlen Kopf zu bewahren. Obwohl ich oft aufbrausend bin, versuche ich im Büro immer, die Ruhe zu bewahren, vor allem seit mein Vater gestorben ist und die Leute mich wie unter einem Mikroskop beobachten.

Ganz ehrlich – der heutige Tag ist nur ein weiterer Nagel in meinen sprichwörtlichen Sarg.

Eine weitere Erinnerung daran, wie verdammt allein ich in dieser Situation auf mich gestellt bin.

Meine beiden Brüder befinden sich in Kalifornien und sind mit ihren Weinbergen beziehungsweise Hotels beschäftigt.

Ich bin geschieden.

Mein Vater und meine Mutter sind gestorben.

Ich bin wieder eine Waise.

Umgeben von Haien, die ständig um mich kreisen, frage ich mich, welcher wohl versuchen wird, mich zuerst anzugreifen.

Mein Herz ist schwer, und ich seufze tief. Bisher habe ich es immer geschafft, mich zusammenzureißen, aber, zum Teufel, jetzt brauche ich einen Drink.

»Ich sage dir das ungern, aber du siehst ziemlich fertig aus«, erklärt Marie und schenkt mir ein Glas Dumont Cabernet Sauvignon ein.

Ich lächle schief. »Liegt es vielleicht daran, dass ich Weinflecken auf den Zähnen habe? Ich habe Renaud schon so oft gesagt, dass er Trauben anbauen soll, die keine Verfärbungen hinterlassen.«

»Das ist ein Weißwein, Seraphine!«, erwidert Marie und neigt mitfühlend den Kopf zur Seite. Marie nimmt üblicherweise kein Blatt vor den Mund und hat nur selten Mitleid für irgendjemanden, also sollte ich wahrscheinlich auf sie hören. »Außerdem bist du furchtbar dünn. Isst du hin und wieder etwas?«

»Nicht weniger als die typische Französin«, antworte ich ihr.

Früher einmal hätte ich ihre Bemerkung als Kompliment aufgefasst, doch im Moment kümmert mich mein Aussehen wenig. Und offensichtlich mache ich mir auch nichts aus gutem Essen.

»Also, verrätst du mir nun, warum du mich angerufen hast?« Sie trinkt einen kleinen Schluck und zieht auf dem Sofa die Beine unter sich.

»Kann ich denn nicht einfach meine Freundin zu einem Glas Wein einladen?«

Sie schüttelt den Kopf. »Nein«, erklärt sie entschieden. »In letzter Zeit bist du kaum zu erreichen. Ich habe so oft versucht, dich zu überreden, mit mir einen Kaffee zu trinken oder shoppen zu gehen oder dich auf einen Cocktail einzuladen, aber du hast mich immer wieder vertröstet. Oder du hast mir nicht auf meine Nachrichten geantwortet oder bist nicht ans Telefon gegangen. Ich habe allmählich das Gefühl, es mit einem Geist zu tun zu haben.«

Schuldbewusst lächele ich und schäme mich dafür, dass ich sie so vernachlässigt habe. »Ich bin eine furchtbare Freundin.«

Marie verdreht die Augen. »Das bist du nicht«, widerspricht sie. »Du bist nur mit irgendetwas schwer beschäftigt – was auch immer das sein mag. Ich fühle mich geehrt, dass du dich an mich wendest, um das Problem in Angriff zu nehmen. Also lass uns die Sache anpacken.« Sie hält kurz inne. »Geht es um Cyril?«

Bei der Erwähnung meines Ex-Manns zucke ich zusammen. »Nein. Glücklicherweise ist er vorerst von der Bildfläche verschwunden.« Er hatte mich in einen langen und erbitterten Scheidungskrieg verwickelt; obwohl er mich ständig betrogen hatte, war er der Ansicht gewesen, ein Anrecht auf mein Vermögen zu haben. Im Moment lässt er mich in Ruhe, doch das heißt nicht, dass er nicht noch einmal auftauchen wird.

»Dann geht es um deinen Vater«, stellt Marie leise fest.

Ich nicke und schlucke den Kloß hinunter, der sich immer in meinem Hals bildet, wenn ich über ihn spreche. Merkwürdigerweise kann ich meine Trauer einigermaßen beherrschen, wenn ich an ihn denke, doch sobald ich mich mit jemandem über ihn unterhalte, könnte ich auf der Stelle losheulen.

»Ja, es geht um meinen Vater«, bestätige ich. »Er fehlt mir. Ich wünsche mir mehr als alles andere auf der Welt, dass ich ihm einige Fragen stellen könnte. Alle sind sich einig, dass er ein freundlicher, guter Mensch war, doch er war darüber hinaus auch ein Visionär. Intelligent. Und auch witzig. Wenn wir zusammen waren, gingen uns nie die Geschichten aus, und es gibt noch so viele Fragen, die ich ihm stellen möchte. Ich bräuchte dringend seinen Rat. Und nun kann er ihn mir nicht mehr geben.«

»Es muss sehr schwer für dich sein. Zuerst hast du deine Mutter verloren und nun …« Sie schiebt sich ihr kurz geschnittenes blondes Haar hinter die Ohren.

Die meisten Leute reden nicht gern über ernste Themen, aber Marie stellt nur Fragen, wenn sie wirklich an einer Antwort interessiert ist. Daher weiß ich, dass ich ganz offen sein und auch Dinge erzählen kann, für die mich andere Menschen verurteilen würden.

»Das ist nicht alles«, verrate ich ihr. »Wahrscheinlich kommt einiges zusammen. Der Job wird immer härter. Und nun will Pascal, mein idiotischer Cousin, dass Blaise, mein anderer idiotischer Cousin, meinen Aufgabenbereich übernimmt. Sie versuchen praktisch, mich aus der Firma zu drängen.«

»Und welcher der beiden idiotischen Cousins ist der sexy Typ?«, fragt sie.

Ich verdrehe die Augen. »Keiner von beiden.«

Doch das stimmt nicht ganz. Als ich noch jünger war, waren meine Gefühle für Blaise viel eindeutiger und daher auch wesentlich komplizierter, darüber möchte ich allerdings im Moment nicht mit ihr sprechen.

»Also gut«, erwidert sie, ohne sich entmutigen zu lassen. »Ich bin sicher, sie sind beide verdammt sexy. So wie deine Brüder. Das liegt anscheinend in der Familie.«

Ich zucke innerlich zusammen. Solche kleinen Bemerkungen tun mir weh. Das war mit Sicherheit nicht Maries Absicht, aber es war eine Erinnerung daran, dass ich mit meiner Familie nicht blutsverwandt bin.

Doch es erinnert mich auch daran, dass Blutsbande oft nichts bedeuten. Ein gutes Beispiel dafür sind die Dumonts, wo beide Seiten ständig bereit sind, der anderen einen Dolch in den Rücken zu stoßen.

»Wie auch immer«, meine ich. »Ich werde mich nicht vertreiben lassen, auch wenn sie das offensichtlich beabsichtigen. Früher habe ich meine Arbeit geliebt, doch seit dem Tod meines Vaters … seit sie mich in die Beauty-Abteilung abgeschoben haben … Plötzlich ist alles nur noch stressig. Und sie wollen mir einen Babysitter verpassen.«

Marie lächelt grimmig und trinkt einen Schluck Wein. »Das tut mir leid. Es ist eine Schande, dass sich deine eigene Familie gegen dich stellt, vor allem, da ihr schon so lange zusammenarbeitet. Es war nicht immer so schlimm, richtig?«

»Nein. Nein, das war es nicht. Mein Vater war der Puffer zwischen uns …«

»Ich verstehe«, sagt sie und nickt seufzend. »Ich kann gut nachempfinden, warum du das Bedürfnis verspürst, ein Glas Wein mit mir zu trinken.« Sie schaut sich in meinem Apartment um. »Wann hast du zum letzten Mal Besuch gehabt?«

Ich zucke mit den Schultern – ich kann mich nicht mehr daran erinnern. Meine Wohnung hat sich in ein gemütliches Nest verwandelt, in den einzigen Ort, an dem ich mich sicher fühle. Vor Maries Eintreffen habe ich hastig ein wenig sauber gemacht, aber trotzdem sieht es hier noch ziemlich unordentlich aus. Früher habe ich jede Woche eine Dinnerparty gegeben und bin regelmäßig zu Veranstaltungen und mit Models, Designern und anderen Prominenten auf ein paar Drinks gegangen, doch im Moment kann ich mir das nicht einmal vorstellen.

Als könnte sie meine Gedanken lesen, streckt Marie den Arm aus und legt in einer seltenen Geste der Zuneigung ihre Hand auf meine und drückt sie. »Trauer nimmt eine lange Zeit in Anspruch. Das ist kein geradliniger Prozess. Es wird immer wieder Höhen und Tiefen geben, aber wenn du dich dabei wieder rückwärts bewegst, solltest du vielleicht mit jemandem darüber reden, Seraphine. Möglicherweise brauchst du Hilfe. Sei nicht zu stolz, um sie zu suchen.«

Ich schenke ihr ein aufrichtiges Lächeln, das jedoch rasch wieder von meinem Gesicht verschwindet, als ich ihr antworte. »Du hast recht. Ich brauche tatsächlich Hilfe, aber nicht von einem Arzt oder Psychologen. Auch wenn du vielleicht anders darüber denkst, wenn du hörst, was ich dir jetzt sage.«

Sie zieht die Hand zurück und fordert mich mit einem Blick zum Weitersprechen auf. Ich atme tief durch. »Versprich mir, dass das unter uns bleibt.«

Sie nickt und zieht besorgt ihre dünnen Augenbrauen zusammen. »Bien sûr. Natürlich.«

»Ich glaube, dass mein Vater ermordet wurde.«

KAPITEL ZWEI

Blaise

Sechzehn Jahre zuvor

Paris

Es ist ein seltsames Gefühl zu wissen, dass man von niemandem geliebt wird.

Damit will ich kein Mitleid erregen, denn es ist mir scheißegal.

Was mich jedoch aufregt, sind die Lügen. Würden meine Familienmitglieder zugeben, dass sie lediglich gesetzlich dazu verpflichtet sind, mich in ihrer Nähe zu ertragen, könnte ich endlich aufatmen. Vielleicht wüsste ich dann, was es bedeutet, glücklich zu sein. Man kann nicht glücklich ein, wenn ständig alle um einen herum nur so tun als ob. Wenn man weiß, dass sie ihr wahres Gesicht hinter einer Maske verbergen. Und wenn man ihnen diese Maske am liebsten wegreißen und ihnen sagen würde, dass man die Wahrheit kennt und weiß, wie sie tatsächlich empfinden.

Heute ist mein Geburtstag. Mit Ausnahme von Weihnachten ist das der schrecklichste Tag des Jahres. Wie immer Mitte Juni ist es sehr heiß, aber trotzdem eiskalt und scheußlich.

Heute werden sie sich noch mehr bemühen, so zu tun, als würden sie mich lieben. Sie spielen ihr Spiel und tragen dabei richtig dick auf. Ich werde mit halbherziger Aufmerksamkeit und allen Geschenken, die ich mir nur wünschen kann, überhäuft. Als ich noch jünger war, habe ich mir an meinen Geburtstagen immer gewünscht, dass sie mich wirklich lieben würden. Doch als ich dann älter wurde, ist mir klar geworden, wie traurig das für einen kleinen Jungen ist. Liebe? Wer braucht das schon? Heute werde ich dreizehn und bin über diesen Mist hinweg. Ich brauche keine Liebe, aber ich habe Angst, dass das, was ich wirklich will – die Wahrheit aufzudecken –, mich mehr verletzen wird als alles andere.

Meine Eltern sind raffiniert. Und mein Bruder Pascal? Noch schlimmer als sie. In ihrem Lügengebilde herumzustochern würde großen Aufruhr verursachen, und da sie mir klargemacht haben, dass sie eine Dreiereinheit bilden und ich dabei nur am Rand stehe, habe ich keine Berechtigung, Staub aufzuwirbeln.

Also sage ich nichts. Aber ich befürchte, eines Tages werde ich es doch tun.

Oder vielleicht auch nicht, und das beunruhigt mich.

Vielleicht verbringe ich mein ganzes Leben, ohne ihnen jemals zu sagen, wie ich wirklich empfinde und was ich tatsächlich weiß.

Das viele Geld, all der Luxus und die Macht, die mit dem Namen Dumont und seinem Vermächtnis verbunden sind – alles Schwindel. Meine Familie hat schreckliche, böse Dinge getan, um dorthin zu kommen, wo sie jetzt ist.

Traurigerweise bin ich nicht besser als sie, und ich will es nicht einmal versuchen, anders zu sein. Genauso wie sie betrüge, lüge, stehle und erpresse ich andere auf meinem Weg an die Spitze; ich bin dabei nur ein wenig ehrlicher als sie. Auch wenn ich noch jung bin, habe ich schon genug gesehen, um zu wissen, dass Alter keine Entschuldigung ist.

Es klopft an der Tür. Mein Zimmer ist groß, und das Geräusch hallt über die Holzböden und die Steinmauern. Ich wohne in einem unfassbar riesigen Haus am Stadtrand von Paris. Eigentlich gleicht es einem Schloss, was nicht ungewöhnlich für eine reiche Familie ist. Es gehörte einmal meinem Urgroßvater und seinen Söhnen und wurde dann von Generation zu Generation weitergegeben, ebenso wie das Unternehmen Dumont. Wahrscheinlich hätte es eher an meinen Onkel gehen sollen, da er schon immer ein Familienmensch war, aber, wie ich gehört habe, hat mein Vater es ihm vor der Nase weggeschnappt.

Vielleicht ist das gut so. Es gibt nichts, was man tun könnte, um aus diesem Haus einen wärmeren Ort zu machen.

Wieder klopft es, und ich wende den Blick vom Fenster ab, durch das ich die Bediensteten bei der Vorbereitung für meine Party im Garten beobachtet habe. »Ja?«, rufe ich.

Die Tür geht auf, und meine Mutter streckt den Kopf ins Zimmer. Es ist noch früh, aber sie sieht aus, als wäre sie bereits im Friseursalon gewesen. Jede Haarsträhne sitzt perfekt, ihr Make-up ist makellos, und an ihren Ohren und an ihrem Dekolleté glitzert eine Menge Goldschmuck. Sie war nie die typische Französin, die ihren Reichtum nur dezent andeutet. Sie stellt ihr Geld und ihren Status stolz zur Schau, und es ist ihr gleichgültig, dass sich einige Leute über ihre protzige Art lustig machen. »Es schert mich nicht, wenn sie mich für geschmacklos halten! Sie sind nur neidisch!«, höre ich sie oft zu meinem Vater sagen, meistens, wenn die beiden schon ziemlich viel Gin und Champagner intus haben.

»Du bist noch nicht angezogen«, stellt sie fest. Ich trage noch meinen Pyjama. Obwohl ich schon seit Stunden wach bin, liege ich noch im Bett.

Ich zucke mit den Schultern. »Es ist mein Geburtstag«, erinnere ich sie. »Ich habe gedacht, heute darf ich tun, was ich will.«

Sie zieht eine mit einem Stift nachgezogene Augenbraue nach oben. »Blaise, weil du heute Geburtstag hast, bekommst du bald Besuch.«

Stöhnend fahre ich mir mit den Händen übers Gesicht. »Es ist neun Uhr an einem Samstag. Meine Freunde kommen erst später.«

»Ja, aber dein Onkel, deine Tante und deine Cousins sind bereits zum Lunch hier, und du willst sie doch nicht wie ein Penner begrüßen.« In ihren Augen blitzt ein Funken Grausamkeit auf. Es ist nicht ungewöhnlich, dass sie an meinem Geburtstag – wie auch an anderen Tagen – bereits morgens trinkt, und vor allem ist es nichts Neues, dass sie dann gemein wird. Doch heute scheint alles anders zu sein. Vielleicht ist dreizehn das Alter, in dem sie einen den Wölfen zum Fraß vorwerfen.

Vielleicht wäre das gar nicht so schlecht, denke ich. Solange sie dann mit diesem blöden Affentheater aufhören.

Außerdem herrscht in diesem Haus die Regel, dass wir unter allen Umständen besser dastehen müssen als die Familie meines Onkels. »Gib mir noch ein bisschen Zeit, okay?«

Bei meinem Tonfall kneift sie die Augen zusammen, zwingt sich jedoch dann zu einem Lächeln, das ihr Gesicht leicht verzerrt. »Nimm dir so viel Zeit, wie du möchtest. Schließlich hast du heute Geburtstag.«

Sie schließt die Tür, und ich verdrehe die Augen und lasse mich wieder aufs Bett zurückfallen. Die Psychospielchen haben begonnen. Und ich bin mir nicht sicher, ob ich dafür bereit bin.

Nachdem meine Mutter mich ein zweites Mal genervt hat, gehe ich kurz vor dem Mittagessen nach unten. Unter dem Olivenbaum ist ein Tisch mit weißem Tischtuch und glänzendem Tafelsilber gedeckt. Alles liegt an seinem Platz.

Mein Vater ist nicht da, und meine Mutter läuft immer noch wie ein kopfloses Huhn durch die Gegend, aber alle anderen haben sich bereits am Tisch versammelt und nehmen ihre Plätze ein. Am Ende der Tafel befindet sich ein riesiger Geschenkestapel.

Bei dem Anblick empfinde ich nichts, aber da mich meine Familie erwartungsvoll beobachtet, gebe ich vor, mich zu freuen. Toll, Geschenke! Noch mehr Zeug, das ich nicht brauche.

Sowie ich mich dem Tisch nähere, bricht hektische Aktivität aus. Onkel Luddie springt als Erster von seinem Stuhl auf und zieht mich in seine Arme. Ich bin es nicht gewöhnt, umarmt zu werden, also richte ich mich auf und versteife mich.

»Alles Gute zum Geburtstag, Blaise«, sagt er, bevor er einen Schritt zurücktritt und mir auf den Rücken klopft. Er duftet nach dem Rasierwasser von Dumont, das er, anders als mein Vater, immer verwendet. »Dreizehn ist schon etwas Besonderes!«

Er schenkt mir ein Lächeln, das ein wenig schief aussieht. Mein Vater hat mir erzählt, mein Onkel habe als Kind einen Schlag mit einem Krocketschläger auf den Kopf bekommen, aber ich frage mich, ob das tatsächlich stimmt. Es ist jedoch ein freundliches Lächeln, und Onkel Luddie hat es immer für jeden bereit, auch wenn sein Gegenüber es nicht verdient. Was mit Sicherheit auf mich zutrifft.

Ich nicke und bedanke mich. Meine Tante Eloise drückt mich leicht an sich und küsst mich auf beide Wangen. Sie duftet nach Rosen und strahlt Wärme aus. Deshalb befinde ich mich nicht gern in Gegenwart meines Onkels und meiner Tante: Das erinnert mich immer daran, dass ich im falschen Teil der Familie geboren wurde. So viel Zuneigung bin ich nicht gewohnt.

Vielleicht bin ich aber auch in meinem Inneren zutiefst verdorben und habe meine Familie verdient.

Meine zwei Cousins und meine Cousine sind auch da. Glücklicherweise verhalten sie sich alle ziemlich cool und tun nicht so, als würden sie mich mögen. Renaud verzieht wie immer keine Miene und wirkt ein wenig mürrisch, so als hätte er ständig Hunger oder so. Er ist nett zu mir, aber eigentlich kenne ich ihn kaum. Vielleicht, weil er viel älter ist – siebzehn – und nicht viel sagt.

Olivier ist ein Jahr älter als ich. Meine Mutter redet ständig davon, wie attraktiv er einmal sein wird, so, als würde ich später einmal aussehen wie eine Dose Hundefutter. Olivier ist immer lässig und lächelt ständig, wofür ich ihm, ehrlich gesagt, oft am liebsten ins Gesicht schlagen könnte. Warum fühlt er sich so unbeschwert und gleitet ohne Anstrengung durchs Leben, während für mich jeder Tag ein Kampf ist?

Und dann ist da noch Seraphine, die eigentlich nicht meine richtige Cousine ist. Sie ist zehn Jahre alt und wurde im vergangenen Jahr adoptiert. Ich kenne sie kaum und weiß nur, dass meine Mutter einige ziemlich miese Sachen über sie gesagt hat. Sie stammt ursprünglich aus Indien, spricht aber mit britischem Akzent. Ich glaube, sie könnte einmal recht hübsch werden, wenn sie älter ist, doch jetzt ist sie zu groß und linkisch und hat zerzaustes schwarzes Haar. Und sie starrt dich mit diesen riesigen Augen an, als würde sie sich Gedanken über dich machen. Auch wenn ich nicht glaube, dass sie böse Absichten hat, möchte ich trotzdem nicht Gegenstand ihrer Überlegungen sein.

Im Augenblick ist ihr Blick wieder auf mich gerichtet, aber es hat zumindest nicht den Anschein, als wäre sie von mir angewidert.

Ich setze mich ihr gegenüber auf den Stuhl neben meinen Bruder Pascal. Es überrascht mich, dass er noch hier ist. Üblicherweise ist er immer unterwegs und tut so, als sei ich nicht vorhanden.

»Ich habe kein Geschenk für dich«, flüstert er mir zu. »Tut mir leid.«

Ich werfe ihm einen Blick zu, und sein Lächeln verrät mir, dass er das ganz und gar nicht bedauert.

»Ich wollte sowieso keine Geschenke«, erwidere ich schulterzuckend.

»Das liegt daran, dass du ohnehin schon alles hast.«

»Ebenso wie du«, entgegne ich und senke die Stimme, als ich sehe, dass Seraphine uns bewundernd anstarrt. Anscheinend war sie bisher in einem Waisenhaus gewesen und hat sicher noch nie so viele Geschenke auf einmal gesehen.

Pascal wirft Seraphine einen Blick zu und runzelt die Stirn. »Was glotzt du denn so?«, fährt er sie an.

»Pascal«, sagt meine Tante und lächelt verhalten. »Am Geburtstag deines Bruders wollen wir doch alle nett zueinander sein.« Meine Eltern würden ihn in der Öffentlichkeit niemals zurechtweisen – das erledigen sie unter vier Augen und auf eine viel strengere Weise. Doch meine Tante und mein Onkel sind seit Pascals Geburt mit ihm vertraut, und obwohl es einem Drahtseilakt gleichkommt, scheint ihr Umgangston bei ihm zu funktionieren.

Zumindest in diesem Moment klappt es offensichtlich. Obwohl Pascal nicht im Entferntesten Reue zeigt, lässt er Seraphine zumindest in Ruhe. Sie hat sich auf ihrem Stuhl verkrochen und vermeidet es, uns anzuschauen.

Es scheint eine Ewigkeit zu dauern, bis meine Eltern herauskommen. Sie bringen uns einen mehrstöckigen Kuchen, was umso lächerlicher ist, da es zur Party am Abend eine weitere Torte geben wird. Alles immer im Übermaß.

Alle singen »Bonne Fête«, und eigentlich sollte mir das peinlich sein, aber, ehrlich gesagt, empfinde ich nichts. Ich wünsche mir nur, dass das alles schnell vorbei ist, ich wieder in mein Zimmer gehen und alles und jeden vergessen kann.

Doch das ist unmöglich. Meine Mutter ermutigt mich dazu, mit Olivier »zu spielen«, als wären wir noch Kleinkinder und als wäre ich ab heute kein Teenager. Ich zeige ihm ein paar meiner Spielsachen, die ich vor Kurzem bekommen habe, darunter ein ferngesteuertes Auto, ein Topmodell. Wir lassen es ein paar Runden durch den Garten fahren und verfolgen Seraphine damit, bis meine Gäste erscheinen und die eigentliche Party anfängt.

Ich habe ziemlich viele Freunde, aber keinen, dem ich wirklich nahestehe. Die meisten sind stinkreich – Leute vom gleichen Schlag wie wir, wie mein Vater zu sagen pflegt. Mein einziger guter Freund ist Jean, dessen Vater abgehauen ist, als er noch ein Kind war. Seine Mutter hat ihn allein großgezogen, und er hat nicht viel Geld. Meine Eltern finden es furchtbar, dass ich mit ihm befreundet bin – nicht nur weil er arm ist. Sie sind der Meinung, er habe einen schlechten Einfluss auf mich.

Vielleicht haben sie damit nicht ganz unrecht, denn im Augenblick schleichen wir uns durch den Garten in die Laube, um dort die Flasche Schnaps zu trinken, die er bei sich zu Hause gestohlen hat. Inzwischen ist es Abend geworden, und die hereinbrechende Dunkelheit schützt uns.

Bisher habe ich mich noch nie betrunken. Ich durfte zwar zu besonderen Gelegenheiten einen Schluck Wein trinken, aber er hat mir nicht geschmeckt. Doch jetzt sitzen wir, nachdem wir von der Party geflohen sind, mit überkreuzten Beinen auf dem Boden der schattigen Laube, und ich greife ungeduldig nach der Flasche.

»Du bist jetzt dreizehn«, erklärt Jean, während er sie mir reicht. »Meine Mutter sagt, dass man in diesem Alter zum Mann wird. Also trink.«

Ich ziehe den Korken aus der Flasche und rieche daran. Der Geruch erinnert mich an meine Mutter, und ich verdrehe unwillkürlich die Augen. Ich werfe einen Blick auf das Etikett. Es ist eine Art Mandellikör, also nicht sehr stark. Kein richtig harter Stoff, aber es muss reichen.

Ich atme tief durch, bevor ich die Flasche an die Lippen setze und einen Schluck trinke. Mein Hals brennt, und ich fange zu husten an. Als Jean die Flasche wieder an sich nimmt, hat sich das Brennen bereits in süßen Geschmack verwandelt. Eigentlich gar nicht so schlecht.

Gerade will ich ihn dazu ermutigen, auch davon zu trinken, doch er nimmt bereits einen großen Schluck, hustet ebenfalls und lacht dann.

Und dann wird alles ein wenig verschwommen. Versteckt in der Dunkelheit trinken wir fast die ganze Flasche leer und lauschen dabei der lauten Musik – eine Art Rock, den sicher Pascal aufgelegt und meine Mutter bald wieder abstellen wird. Es sollte mir leidtun, dass ich meine eigene Geburtstagsparty versäume, aber je mehr ich trinke, desto weniger kümmert es mich. Vielleicht ist das der Grund, warum meine Mutter ständig trinkt.

»Oh, verdammt!«, flucht Jean laut, kniet sich hin und späht durch den Zaun der Laube. »Ich glaube, dein Vater kommt!«

Ich erstarre, schaue auf die Flasche in meiner Hand und dann auf die Silhouette meines Vaters, der mit raschem Schritt auf uns zukommt. »Blaise!«, brüllt er, und die Wut in seiner Stimme sorgt dafür, dass ich mir beinahe in die Hose mache.

»Was sollen wir jetzt tun?«, frage ich Jean, doch Jean ist bereits aufgesprungen, klettert über den Zaun und rennt durch den Garten zur Vorderseite des Hauses. Um mich und die Flasche kümmert er sich nicht. Der verdammte Feigling lässt mich einfach im Stich!

»Ich sehe dich, Jean!«, ruft mein Vater ihm hinterher. »Du türmst, wie dein Vater vor dir getürmt ist.«

Verdammt, das ist hart! Ich hoffe, dass Jean es nicht gehört hat. Wahrscheinlich darf er unser Haus nie wieder betreten.

Doch das alles zählt im Augenblick nicht, denn wenn mein Vater mich betrunken erwischt …

Autor