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Der Duft der Erinnerung

Was wäre, wenn man Erinnerungen einfach konservieren könnte?

Seit sie denken kann, lebt Emmeline mit ihrem Vater allein auf einer rauen Insel im Atlantik. Er lehrt sie alles über die Natur. Doch vor allem schult er eines: Emmelines außerordentlichen Geruchssinn. Die Wände ihrer kleinen Hütte sind voller Schubladen mit geheimnisvollen Fläschchen. Darin befinden sich Düfte, die ihr Vater herstellt. Ihr Geruch ist so intensiv, dass sie Erinnerungen an ferne Orte hervorrufen: den Gipfel eines Berges, einen abgelegenen Dschungel … Emmeline beginnt von diesen Orten zu träumen, obwohl sie weiß, dass ihr Vater die Insel nie verlassen würde. Doch dann beginnt die idyllische Welt zu bröckeln. Die Düfte in den Flaschen verschwinden, und mit ihnen verliert ihr Vater den Bezug zur Realität. Und plötzlich ist Emmeline, die nie Kontakt zu einer anderen Menschenseele hatte, ganz auf sich allein gestellt. Mithilfe eines Fischers gelangt sie ans Festland, wo sie nur einen Wunsch hat: mehr über ihre Herkunft herauszufinden - und über ihre Mutter.

»Lyrisch … bezaubernd … spricht alle Sinne an. Ich war fasziniert.«
New-York-Times-Bestsellerautor Jamie Ford

»Eine meisterhaft geschriebene Coming-of-Age-Geschichte, die den Leser auf ein olfaktorisches Abenteuer entführt.«
Kirkus Reviews


  • Erscheinungstag: 18.02.2020
  • Seitenanzahl: 384
  • ISBN/Artikelnummer: 9783959679299
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Für die Inseln

Prolog

Ohne es zu wissen, tragen wir die Geheimnisse unserer Eltern mit uns herum, wie kleine Wellen, die entstehen, wenn Steine ins Wasser geworfen werden – nur waren wir nicht dabei, als das geschah. Wenn ich die Augen schließe und tief einatme, kann ich immer noch den spröden und zugleich Funken sprühenden Moment riechen, in dem ich das Vertrauen in meinen Vater verlor, was ihm wiederum das Herz brach. Ich kann die honigsüßen Versprechen meiner Mutter riechen.

Vielleicht riechst du es auch – und sogar noch mehr. Die sengende Hitze, die ein Junge abstrahlt, der zu viel Angst hat, um seine Wut rauszulassen. Die überwältigende Benommenheit eines Mädchens, das in einem einzigen großen Moment alles verliert. Die Gerüche von Regen, Salz und einer Spur von Pfeifenrauch. Von Dingen, die passiert sind, bevor du zu mir gefunden hast.

Ich spüre dich, mein kleiner Fisch, wie du in Ebbe und Flut meines Blutstroms umherschwimmst. Ich spüre dich in meinem Atem. Wir Menschen bestehen fast vollständig aus Wasser, abgesehen von den Steinen unserer Geheimnisse. Ich hoffe, meine Bestandteile werden zu festem Boden unter deinen Füßen, wenn du den wilden Fluss deines Lebens durchquerst. Ich hoffe, du findest Steine, aus denen du ein Haus bauen kannst, und nicht solche, die schwer auf dir lasten und dich niederdrücken. Das ist mein Geschenk für dich.

Ich will dir eine Geschichte erzählen.

Ich will dir alles sagen.

ERSTER TEIL

Die Insel

Der Anfang

Als es noch keine Zeit gab, lebte ich mit meinem Vater auf einem Eiland inmitten einer endlosen Inselgruppe, das aus dem kalten Salzwasser ragte und nach Luft hungerte. Ich wuchs zwischen Regen und Moos und alten Bäumen mit dicken Rinden auf, und es war ganz leicht zu vergessen, dass der größte Teil unserer Insel unter Wasser lag – fünfzig, hundert, hundertfünfzig eiskalte Meter in der Tiefe. Unerreichbar, denn man konnte nicht lange genug den Atem anhalten, um ganz nach unten zu tauchen.

Diese Inseln waren Orte, an die man sich flüchtete, wenn man vor seinem bisherigen Leben Reißaus nahm, aber das verstand ich damals noch nicht. Es gab nichts, wovor ich hätte Reißaus nehmen wollen, aber gute Gründe, um dazubleiben. Mein Vater war alles für mich. Ich habe Menschen mit strahlenden Augen sagen hören, jemand sei »die ganze Welt« für ihn oder sie. Aber mein Vater war meine ganze Welt, in einem Maße, dass es mich heute manchmal noch packt und umherwirbelt wie Treibholz in einem Sturm.

Unsere Hütte stand in einer Lichtung in der Mitte der Insel. Wir waren nicht die Ersten, die dort wohnten – diese Inseln blicken auf eine lange Geschichte als Zufluchtsorte für Ausreißer zurück. Vor fast einem Jahrhundert lebten dort französische Pelzjäger, die in einem tänzelnden Singsang sprachen. Holzfäller mit baumstarken Schultern und Fischer, die auf der Jagd nach silbern schimmernden Lachsen waren. Später kamen Männer, die den Wehrdienst verweigert hatten und sich vor dem Krieg verstecken wollten. Hippies, die sich nicht an Regeln halten wollten. Die Inseln nahmen alle auf, aber Stürme und lange, kalte Winter jagten die meisten wieder davon. Die Landschaften waren von einer rauen Schönheit, die ebenso leicht töten wie begeistern konnte.

Unsere Hütte hatte ein entschlossener Ausreißer gebaut. Er wählte einen Platz, den niemand finden konnte, und baute sein neues Heim aus Bäumen, die er selbst gefällt hatte. Vierzig Jahre blieb er auf der Insel, rodete die Fläche um seine Hütte, um einen Garten und eine Obstplantage anzulegen. Eines Herbsttags verschwand er einfach so. Es hieß, er sei ertrunken. Danach war die Hütte jahrelang unbewohnt, bis wir kamen und die Apfelbäume entdeckten. Das erhöhte die Anzahl der Inselbewohner auf zwei.

An unsere Ankunft kann ich mich nicht erinnern; ich war noch zu klein. Ich weiß nur, dass ich dort gelebt habe. Ich erinnere mich an die gewundenen Pfade zwischen den wie Aufpassern dastehenden Bäumen, den Geruch der Erde unter unseren Füßen, die so dunkel und vielschichtig war, wie Märchen es sind. Ich erinnere mich an die Hütte mit dem einen Zimmer, den großen Sessel neben dem Holzofen und unsere Sammlung von Geschichten und naturwissenschaftlichen Büchern. Ich erinnere mich an den Geruch des Holzfeuers und der Kiefernnadeln im Bart meines Vaters, wenn er mir abends etwas vorlas, an das geisterhafte Aroma des Pfeifentabaks, den der Ausreißer zurückgelassen hatte. Dieses Tabakaroma war in die Bretter und Balken eingezogen und verlor sich nie ganz. Ich erinnere mich daran, wie sich der Regen mit unserem Dach zu unterhalten schien, während ich einschlief, und wie das Feuer dann im Ofen knisterte, um den beiden zu sagen, dass sie ruhig sein sollten.

Am besten aber erinnere ich mich an die Schubladen.

Mein Vater hatte angefangen, sie zu zimmern, als wir eingezogen waren, und als er damit fertig war, säumten sie unsere Wände vom Fußboden bis zur Decke. Sie waren klein, ihre polierten Vorderseiten nicht größer als meine Kinderhand. Sie umgaben uns wie der Wald und die Inseln vor unserer Tür.

Jede Schublade enthielt eine kleine Flasche, und in jeder Flasche befand sich ein zusammengerolltes Blatt Papier, das ein Geheimnis barg. Die Glaspfropfen auf den Flaschen waren mit verschiedenfarbigem Wachs versiegelt – rot in den oberen Reihen, grün in den unteren. Mein Vater öffnete diese Flaschen fast nie.

»Wir müssen sie gut verschlossen halten«, sagte er.

Aber ich konnte das Papier in den Schubladen flüstern hören.

Komm, finde mich!

»Darf ich?«, fragte ich wieder und wieder.

Schließlich gab er nach. Er griff nach einem ledergebundenen Buch mit lauter Zahlen und fügte eine hinzu. Dann drehte er sich zu den Schubladen um und überlegte, welche er nehmen sollte.

»Da oben«, sagte er und zeigte auf die roten Flaschen. Geschichten fangen ja auch immer oben auf einer Seite an.

Mein Vater hatte eine Leiter gebaut, die an der Wand entlangfahren konnte. Ich schaute zu, wie er sie bis fast an die Decke erklomm, in eine Schublade griff und die Flasche herausholte. Zurück auf dem Fußboden, brach er vorsichtig das Siegel. Ich hörte Glas an Glas schrammen, als er den Pfropfen herauszog, dann das Rascheln des Papiers, als er es zu einem schlichten weißen Quadrat ausrollte. Er beugte sich dicht darüber und sog den Atem ein, dann schrieb er eine weitere Zahl in das ledergebundene Buch.

Erst wollte ich mich nicht rühren, aber dann beugte auch ich mich nach vorn. Mein Vater schaute zu mir auf, lächelte und hielt mir das Stück Papier hin.

»Da«, sagte er. »Atme ein, aber nicht zu stark. Lass den Geruch von selbst kommen.«

Ich tat, was er gesagt hatte, weitete nicht die Brust, sondern atmete flach. Die Tentakeln eines Dufts kitzelten meine Nasenwände und drangen in die Locken meiner schwarzen Haare ein. Ich roch ein Lagerfeuer aus einem Holz, das ich nicht kannte, dann Erde, ausgetrockneter, als ich es mir vorstellen konnte, Nässe, die gleich aus den Wolken eines Himmels brechen würde, den ich nie gesehen hatte. Alles in allem roch es nach Warten.

»Jetzt atme tiefer ein«, sagte mein Vater.

Ich sog den Atem ein und fiel in den Geruch wie Alice in den Kaninchenbau.

* * *

Nachdem die Flasche wieder zugepfropft, versiegelt und in ihre Schublade zurückgelegt worden war, wandte ich mich an meinen Vater. Spuren des Dufts hingen noch in der Luft.

»Erzähl mir seine Geschichte«, sagte ich. »Bitte.«

»Also gut, meine Lerche«, sagte er. Er setzte sich in den großen Sessel, und ich kuschelte mich an ihn. Das Feuer knisterte im Holzofen, die Welt da draußen war ganz still.

»Es war einmal, Emmeline …«, begann er, und seine Stimme schmolz dahin, als seien die Worte aus Schokolade.

»Es war einmal, Emmeline, dass eine wunderschöne Königin in einem großen weißen Schloss gefangen gehalten wurde. Kein starker, mutiger Ritter konnte sie befreien. ›Bring mir einen Geruch, der die Mauern einreißen kann‹, verlangte sie von einem tapferen jungen Mann namens Jack …«

Ich hörte zu, und die Gerüche sickerten in die Ritzen der Bodenbretter, in die Worte der Geschichte und in den Rest meines Lebens.

Der Jäger der Gerüche

Danach fragte ich jeden Tag: »Können wir bitte eine andere öffnen?«

Manchmal gestattete er es, aber nicht so oft, wie ich wollte.

»Die Flaschen schützen das Papier«, sagte er. »Wenn wir sie zu oft öffnen, verschwinden die Gerüche.«

Das verstand ich nicht. Gerüche waren doch wie Regen oder Vögel. Manchmal verschwanden sie, aber dann kehrten sie zurück. Sie erzählten ihre eigenen Geschichten, ließen einen wissen, wann Ebbe war oder der Haferbrei auf dem Ofen kochte oder die Apfelbäume kurz vor der Blüte standen. Aber sie blieben nie lange.

Allerdings verstand ich schon als kleines Kind, dass das Duftpapier anders war, irgendwie magisch. Jedes enthielt eine ganze Welt. Teile davon erkannte ich – den Duft einer Frucht etwa, aber diese Frucht war reifer und süßer als alle, die ich je probiert hatte. Oder den Geruch eines Tiers, das träger war als alle Tiere, die ich kannte. Viele Gerüche waren mir jedoch vollkommen fremd – scharf und schneidend, sanft und beunruhigend.

Ich wollte in diese Welten eintauchen, wollte verstehen, woher diese Gerüche stammten. Noch mehr aber wollte ich Jack, der Jäger der Gerüche sein, der Held aus den Geschichten meines Vaters, der durch das Blätterdach tropfnasser Dschungelwälder fliegt und Berge erklimmt, um den Duft einer winzigen Blume einzufangen.

»Wie hat er das geschafft?«, fragte ich meinen Vater. »Wie hat Jack die Düfte gefunden?«

»Indem er der hier folgt«, sagte er und tippte mir auf die Nase.

Ich überlegte. »Aber wie?«

Mein Vater lächelte. »Du stehst ihr einfach nicht im Weg, nehme ich an.«

Ich verstand nicht, was er meinte, aber von da an gab ich mir die größte Mühe, mich von meiner Nase leiten zu lassen. Ich hob sie an, wann immer ein Wetterumschwung in der Luft lag, dann roch ich an der Erde, um zu erfahren, wie sie auf ihn reagierte. Das Meersalz hing ständig in der Luft, aber beim Einatmen fiel mir auf, dass der Geruch intensiver wurde, wenn sich die Wellen brachen. Ich erschnupperte etwas Hellgrünes, das wie ein Wasserfall durch die Douglaskiefern rauschte, und verfolgte es zu der Brise zurück, die durch die Baumwipfel strich und die Nadeln erfasste, bis sie sich aneinanderrieben.

Jeden Tag stand ich im Morgengrauen in meinem Dachbodenzimmer auf, wild entschlossen, so viele Gerüche zu finden, wie ich konnte.

»Du bist mein Weckruf«, sagte mein Vater, als ich die Leiter hinunterkletterte. »Meine Morgenlerche.«

* * *

Den Tag verbrachten wir größtenteils im Freien. Wir hielten Hühner, der Eier wegen, pflegten die Obstbäume und den Gemüsegarten. Trotzdem bestand das meiste, was wir aßen, aus dem, was wir in den ungezähmten Regionen unserer Insel fanden. Ich kann mich nicht daran erinnern, einmal nicht dabei gewesen zu sein, wenn Essbares eingesammelt wurde, und als ich acht war, betrachtete ich mich als einen wichtigen – wenn nicht gleichberechtigten – Partner in unserem Überlebenskampf.

»Verpflegungstag«, pflegte mein Vater zu sagen, und wir gingen in den Wald, Körbe aus Zedernrinde in den Händen. Im Sommer ernteten wir Heidelbeeren und Rebhuhnbeeren, deren dunkles Blau so aussah, als hielten wir ein Stück Nacht in den Händen. Im Herbst fanden wir Pilze, die sich unter Bäumen versteckten, und ich war von den gefurchten Morcheln fasziniert; jede für sich war ein einziges Labyrinth aus Vertiefungen und krummen Bahnen.

»Erzählst du mir ihre Geschichte?«, fragte ich meinen Vater eines Tages. Ich strich mir die Locken aus dem Gesicht und sah ihn an. »Bitte.«

Einen Moment lang schaute er auf mich herunter, überlegte und betrachtete die Morchel in meiner Hand.

»Es war einmal, Emmeline«, begann er, »dass Jack sich in einem Zauberwald befand, in dem die Bäume bis zum Himmel reichten. Eine wunderschöne Zauberin lebte dort in einem Haus, das nur aus Gerüchen bestand, und als Jack sie erblickte, verliebte er sich in sie. Die Zauberin nahm ihn mit in ihr prachtvolles Haus, aber sobald er hineingegangen war, wurde ihm klar, dass er es nie wieder verlassen konnte.«

»O nein!«, sagte ich und zitterte vor der drohenden Gefahr.

»Soll ich weitermachen?«, fragte mein Vater.

»Ja, bitte.«

»›Ich lass dich nie wieder fort‹, sagte die Zauberin und führte ihn in ein Zimmer voller hypnotischer Gerüche, sodass er die Außenwelt vergaß. Wenn er sich daran zu erinnern begann, führte sie ihn in ein anderes Zimmer, jedes hypnotischer als das davor. Jahrelang bewegte sich Jack durch das Schloss, bis er ein Zimmer entdeckte, das er noch nie gesehen hatte. Als er hineinging, umgab ihn ein Geruch, der ihn an alles erinnerte, was er gern getan hätte und gewesen wäre. Dann sah er einen Schlüssel an einem blauen Band von einem Haken neben der Tür hängen.«

Ich war voller Erwartung. Ich liebte magische Schlüssel.

»Also«, sagte mein Vater, »nahm er den Schlüssel, öffnete die Tür und kehrte nie wieder zurück.«

Ich wartete auf mehr, aber mein Vater legte die Morchel in meinen Korb zurück.

»Das war doch nicht alles, Papa«, sagte ich. Ich war groß genug, um zu wissen, dass Geschichten komplizierter endeten als diese.

»Doch, kleine Lerche«, sagte er und küsste mich auf den Kopf. »Lass uns weitersuchen. Diese Körbe füllen sich nicht von selbst.«

* * *

Der beste Ort, um Vorräte zu finden, war vielleicht unsere Lagune, ein Oval gefüllt mit Meerwasser, geschützt von den Felsen, die es umstanden, und gespeist von einem schmalen Kanal, der von Ebbe und Flut aufgewirbelt wurde. Dort konnte man den ganzen Tag über ernten. Am Ufer wuchsen wilde Zwiebeln, Queller und die grasähnlichen Strünke von Strandwegerich; unter den Steinen am Strand lebten winzige schwarze Krebse, nicht größer als mein Daumennagel. Die Felsen, die das Ufer säumten, waren voll mit Enten- und Miesmuscheln, und die verschiedensten Arten von Seetang waren zu finden. Meine Lieblingssorte war der Blasentang mit den kleinen Kugeln, die im Mund aufplatzten und einen salzigen Geschmack hinterließen.

Das Beste aber war die Muscheljagd.

»Da!«, sagte mein Vater und zeigte auf eine kleine Wasserfontäne, die wie ein Feuerwerk aus dem Strand spritzte. Ich rannte hin und hoffte, schnell genug zu sein, um die Fontäne einzufangen und zu spüren, wie sie durch meine ausgestreckten Finger rieselte. Aber obwohl ich klein und schnell war, fand ich, wenn ich dort ankam, nur noch den salzigen Geruch und eine kleine Delle im Sand vor. Dann steckte ich einen kleinen Stock in den Sand, um die Stelle zu markieren.

»Da ist noch eine!«, schrie ich und rannte den Strand in die andere Richtung entlang.

»Gut gemacht«, sagte mein Vater und folgte meinen Stöcken mit einer kleinen Schaufel in der Hand. Nach einer Stunde Rennen und Graben war unser Korb voll.

Normalerweise mussten wir die Muscheln trocknen und für den Winter aufbewahren, wenn uns die Dunkelheit wie eine schwere Decke umhüllte. Ich mochte den Winter nicht; der Regen brachte eine ganz eigene Stimmung mit sich, und das Essen auf unseren Tellern wurde immer farbloser, bis wir nur noch Getrocknetes übrig hatten – Äpfel, Muscheln, knisternden Seetang. Auch mein Vater wurde farbloser, und seine Geschichten versiegten fast vollständig.

»Müssen wir die Muscheln trocknen?«, fragte ich, und an jenem Tag setzte mein Vater sein Sommerlächeln auf und stimmte einem Picknick zu. Wir machten Feuer und kochten die Muscheln, gewürzt mit wilden Zwiebeln und Queller. Dann aßen wir sie aus Schüsseln, die aus Abaloneschalen bestanden. Als Löffel verwendeten wir Muschelschalen. Zum Nachtisch gab es ein paar Beeren. Danach saßen wir auf dem Sand, während der Himmel immer hellere Blautöne annahm, und mein Vater schaute zu, wie das Wasser durch den schmalen Kanal gurgelte.

Dieser Kanal machte mich immer nervös. Viermal am Tag wechselten Ebbe und Flut, und das Wasser rauschte durch die gewundene Felsenöffnung in unsere Lagune herein oder hinaus. Es hatte etwas Wütendes, Gefährliches und war bereit, alles zu verschlingen, was ihm vors Maul kam.

Mein Vater sah, dass ich vermied, auf die Felsenöffnung zu schauen, und hob seinen Muschellöffel, um einen Trinkspruch auszubringen.

»Auf den Kanal, der uns Sicherheit gewährt«, sagte er.

Das stimmte wirklich. Außer an der Lagune fiel unsere Insel überall steil ins Meer ab. Fichten klammerten sich an die Felsen; ihre untersten Zweige lagen schnurgerade parallel zum Meeresspiegel und markierten die Höhe, die er bei Flut erreichte. Die einzige Möglichkeit, auf die Insel zu gelangen, war eine Durchquerung des Kanals. Ich kannte Bilder von gewaltigen Schlössern und Türmen, die alles andere in der Umgebung überragten. Unsere Insel war so ein Schloss, der wütende Kanal unsere Zugbrücke.

»Er macht mir Angst«, sagte ich.

»Aber er hält Piraten und Bären fern«, wandte mein Vater ein.

In meinen Büchern gab es Bilder von beiden, und ich hatte nicht den Wunsch, einem von ihnen zu begegnen.

»Auf den Kanal«, sagte ich und hob meinen Muschellöffel.

* * *

Manchmal fanden wir den Strand der Lagune mit Seetang übersät vor, hinauf bis zur höchsten Stelle, die der Wasserstand bei Flut erreichte.

»Hier haben Meerjungfrauen gefeiert«, erklärte mein Vater, und das ergab Sinn. Der Strand war so überbordend dekoriert, dass nur die fantastischsten Kreaturen das getan haben konnten.

»Lass uns nachsehen, ob sie uns etwas hinterlassen haben«, sagte er. Wir schauten hinter den Steinen und Felsbrocken nach, durchsuchten die Heidelbeerbüsche gleich hinter dem Strand. Und natürlich fanden wir Schätze. Schwarze Plastikkisten mit schweren Schlössern, die fester verschlossen werden konnten als die Duftflaschen. Darin befanden sich die wunderbarsten Geschenke – Reis und Mehl, Schokolade und Kaffee. Manchmal sogar Bücher, Schuhe oder Bekleidungsstücke.

Eines Tages, als ich ungefähr neun war, entdeckten wir einen ganz besonderen Schatz – zwei schwarze Kisten. In der einen lagen ein Paar Stiefel und eine blaue Regenjacke, beides genau in meiner Größe.

»Woher wissen die Meerjungfrauen eigentlich, was uns gefällt?«, fragte ich meinen Vater.

»Sie besitzen Zauberkräfte«, sagte er, und auch das ergab Sinn, denn nur mit Zauberkräften konnte man den Weg durch unseren Kanal finden.

Triumphierend trugen wir die Kisten zu unserer Hütte. Jack mochte kleine Blumen suchen, aber wir hatten das große Los gezogen. An diesem Abend gönnten wir uns ein Festmahl, ohne zu übertreiben; das meiste, was wir geerntet hatten, verstauten wir in der Speisekammer. Wir wussten, dass das Meer launisch war und unergründliche Rätsel barg. Es konnte einem genauso viel nehmen wie geben. Der Hauch vom Pfeifentabak eines Ausreißers erinnerte uns beständig daran.

Nach dem Essen lasen mein Vater und ich uns gegenseitig aus Büchern vor, wie immer. Mein Vater liebte die naturwissenschaftlichen Bücher und unterrichtete mich in Wetter- oder Sternenkunde oder brachte mir die Namen der Bäume in unserer Umgebung bei. Stundenlang schauten wir uns Zeichnungen von eigentümlichen Meerestieren, Blumen und Tieren an, die aus einer anderen Welt zu stammen schienen.

»Was ist das da?«, fragte ich und zeigte auf das Bild eines braunen Tiers mit dünnen Beinen und kleinem Bart am länglichen Maul.

»Eine Ziege«, sagte mein Vater.

»Sind Ziegen echte Tiere?«

Er nickte.

»Könnten die Meerjungfrauen mir eine bringen?« Die Ziege sah gewitzt und clever aus, vielleicht war sie sogar lustig. Eine Ziege könnte ein guter Freund sein, dachte ich.

Mein Vater überlegte einen Moment und sagte dann: »Man kann nie wissen, was Meerjungfrauen so vorhaben.«

»Können wir sie darum bitten?« Wir brachten die leeren Kisten immer zum Strand zurück. Sei nett zu ihnen, pflegte mein Vater zu sagen, und wir schrieben ihnen Dankesbriefe und legten sie in die Kisten.

»Du kannst es ja versuchen«, sagte er und zuckte mit den Schultern. »Man kann nie wissen.« Damit schien das Thema beendet zu sein. So war es oft bei meinem Vater. Stundenlang konnte er darüber sprechen, was alles in einem Baum vor sich ging oder wie das Wetter funktionierte, und manchmal hörte er einfach auf zu sprechen.

»Wie wäre es mit einer Geschichte?«, fragte ich und nutzte sein Schweigen, um das naturwissenschaftliche Buch gegen ein großes, dickes Märchenbuch zu tauschen, das ich aus dem Regal zog. Der Titel war in goldenen Buchstaben gedruckt, und darunter war das Bild einer Prinzessin und eines verschrumpelten kleinen Männchens, das mich faszinierte. Zwischen den Buchdeckeln standen fantastisch komplexe Geschichten von Mädchen, die in einen ewigen Schlaf gefallen waren, und Häusern, die aus Süßigkeiten und Lügen bestanden.

Mein Vater hatte mir gesagt, dass in Märchen viele Dinge nicht real waren, aber mein Problem war, dass ich nicht wusste, um welche es sich dabei handelte. Ich wusste natürlich, dass es die Wälder wirklich gab, aber da ich mit meinem Vater ganz allein auf unserer Insel lebte, waren zwei Kinder, die sich bei den Händen hielten, nicht weniger außergewöhnlich als jemand, der Stroh zu Gold spinnen konnte. Ich fragte mich, wie es sich wohl anfühlte, eine Hand zu halten, die genauso klein war wie meine, und jemanden zu kennen, der – genau wie ich – mehr Fragen als Antworten hatte. Damals habe ich mir viele Fragen gestellt.

»Warum habe ich keine Mutter?«, fragte ich meinen Vater, als ich auf das Bild einer Frau mit langen blonden Haaren schaute, die ein Kind auf dem Schoß hatte.

»Weil du mich hast«, sagte er, schlug die Seite um, und ich sah eine böse Frau mit bleicher Haut und dunklen Haaren, die in einen Spiegel starrte. Mein Vater hatte meine Frage nicht wirklich beantwortet, bot mir aber einen – wie ich fand, akzeptablen – Ersatz an, denn in Märchen mit Müttern kamen immer auch Hexen vor.

Ich blätterte durch die Seiten, und der Luftzug, der beim Blättern entstand, verwehte die Frauen. Ungefähr in der Mitte des Buchs fehlte ein Stück, als wäre dort etwas herausgefallen wie ein Zahn. Jedes Mal zog mich diese Stelle magisch an, denn ich konnte die Lücke fühlen, wenn ich mit dem Finger über den geriffelten Buchrücken strich.

»Stand hier auch mal eine Geschichte?«, fragte ich meinen Vater.

»Es war keine gute«, sagte er.

Ich sah zu ihm auf, eine Frage in den Augen, aber er küsste mich nur auf die Stirn.

»Für heute Abend ist es genug, Emmeline. Um diese Zeit gehen Lerchen zu Bett.«

Ich kletterte in mein Dachbodenzimmer, und als ich zwischen den Laken lag, dachte ich über Meerjungfrauen, Ziegen und Mütter, fehlende Seiten und Hexen nach. Über Väter, die einem nicht alles erklärten, was man wissen wollte. Aber es war ein langer Tag gewesen, die Kisten schwer, und die Liebe meines Vaters war beständig und beherrschte das Zimmer unter mir, also fragte ich nicht weiter. Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn ich es getan hätte.

Der Apparat

Noch mysteriöser als Meerjungfrauen oder Ziegen war der Apparat meines Vaters. Einmal pro Jahreszeit benutzte er ihn, um ein neues Duftpapier herzustellen. In den langen Monaten dazwischen wartete ich auf das nächste Mal und wurde immer aufgeregter. Endlich öffnete mein Vater dann irgendwann die Speisekammer, holte den Apparat vom obersten Regal und wickelte ihn aus dem weichen grauen Tuch, das ihn schützte. Unter dem Tuch befand sich eine glatte silberne Schachtel, so groß wie ein halbes Brot, mit einem aufklappbaren Deckel, und darin lag eine Platte mit unzähligen Löchern.

Mein Vater hob den Apparat an, hielt ihn in Richtung des Holzofens und drückte auf den schwarzen Knopf an seiner Seite. Ich hörte dann, wie die Luft durch die Löcher zog, und es klang, als atmete der Apparat. Danach klickte es mehrfach. Und zum Schluss rauschte und surrte ein Papierquadrat aus einem Schlitz an der Unterseite des Apparats.

»Lass mich riechen«, sagte ich und rannte zu dem Blatt Papier, bevor es in einer Flasche landete. Jedes Mal hoffte ich auf ein Wunder – eine neue Welt, einen vollkommen neuartigen Duft, wie an den Blättern in den oberen Reihen. Ich atmete ein, so begierig, als entfaltete sich die Knospe einer unbekannten Blume oder der rätselhafte Duft eines neuen Gewürzes. Vielleicht wäre es dieses Mal ja ein so überraschender Duft, dass ich ihn nur als eine Farbe oder ein Gefühl erfassen könnte. Ein wisperndes Blau. Ein tanzendes Orange. Wut. Freude.

Aber jedes Mal wurde ich enttäuscht. Das neue Papier roch nach gar nichts.

»Warum duftet es nicht?«, fragte ich meinen Vater.

Er sah mich überrascht an. »Aber das tut es doch!« war alles, was er sagte, während er mehrere Zahlen auf die Rückseite des Papiers schrieb. Dann rollte er es auf und steckte es in eine Flasche, versiegelte sie mit grünem Wachs und legte sie in eine Schublade der unteren Reihen.

Es war keine befriedigende Antwort, aber ich konnte mir nicht vorstellen, dass mein Vater Duftpapier herstellte, das nicht duftete. Wie aber verwandelte sich dieses nichtduftende Stück Papier in eine so fantastische Kreation wie die anderen? Ich spürte, wie die mit rotem Wachs versiegelten in den oberen Reihen warteten, glitzernd und unerreichbar. Verbreiteten sie ihre Magie in die anderen Reihen und veränderten die Papiere in den Flaschen dort durch ihre bloße Nähe? Das kam mir nicht sehr wahrscheinlich vor. Vielleicht waren die neuen Papierstückchen wie Raupen, deren matschige Körper in einem Kokon verschwanden, um dann als etwas ganz anderes herauszukommen. Vielleicht war es aber auch nur die Zeit, die die Papierstückchen veränderte, wenn sie nur lange genug warteten, wie eine Blume, die nur im Dunkeln blüht. Alles war möglich.

* * *

Ich war zehn, als ich beschloss, mein eigenes Duftpapier herzustellen, eins, das ich behalten und beobachten konnte. Aber mein Vater schonte seinen Apparat. Ein Papier pro Jahreszeit, pflegte er zu sagen und hielt sich an seinen Zeitplan. Manchmal schaute ich abends jedoch vom Dachboden hinab und sah ihn über den Tisch gebeugt die Maschine reinigen und mit ihren kleinen, glänzenden Teilen herumhantieren. Jemand anderem wäre sein Verhalten vielleicht obsessiv erschienen, aber wenn man auf einer Insel wohnt, auf der man sich sein Essen und sein Wasser selbst besorgen muss, einer Insel, wo das Wetter dein Freund oder Feind sein kann und sich täglich ändert, ist es sehr sinnvoll, seine Sachen zu schonen und in gutem Zustand zu halten.

Also stellte ich den Umgang meines Vaters mit seinem Apparat niemals infrage; ich wartete nur mit wachsender Ungeduld auf die beste Gelegenheit, meine Bitte vorzutragen. Der Herbst ging langsam in den Winter über. Ich konnte die kommende Kälte schon in der Luft spüren. Ich spürte auch, dass sich mein Vater in sich zurückzog, wie ein Eichhörnchen, das sich in sein Nest verkriecht. Und dann schaute ich eines Morgens in eine Welt, die der Frost gestaltet hatte.

»Heute?«, fragte ich meinen Vater, und er verstand, was ich meinte. Es war ja auch nicht schwer zu begreifen: Meine Ungeduld war durch fünf Tage Regen hindurch gewachsen, der das Licht aus den Bäumen gespült und uns eingesperrt hatte. An diesem Tag war der Himmel aber klar, der Frost schrieb seine Nachricht dem gefallenen Laub in die Blattadern und in die steifen Grashalme. Die Nachricht lautete: Es ist Zeit.

Mein Vater holte den Apparat aus der Speisekammer.

»Bitte«, sagte ich. »Machst du dieses Mal eins für mich?«

»Es ist doch kein Spielzeug, kleine Lerche«, sagte er.

»Es könnte mein Geburtstagsgeschenk sein.«

»Du hast doch noch längst nicht Geburtstag.« Aber ich konnte beinahe ein Lächeln in seiner Stimme hören. Ich wusste, dass ich ganz nah dran war.

»Wir könnten ja einen halben Geburtstag feiern. Ich bin auch ganz vorsichtig, versprochen.«

Er schaute auf das ledergebundene Buch, in dem er alles notierte. Dann nahm er den Apparat und tat, was er immer tat – ihn Richtung Holzofen halten und den schwarzen Knopf drücken. Das Papier kam heraus, und er steckte es in eine Flasche. Furchtbar enttäuscht schaute ich ihm zu. Ich hatte so lange darauf gewartet.

Doch dann nahm er den Apparat noch einmal zur Hand. Ich dachte, dass er ihn wieder verstauen wollte, aber er drückte noch einmal auf den Knopf. Die Löcher atmeten ein, und mit dem vertrauten Surren und Rauschen kam ein Stück Papier heraus. Ganz sanft schwenkte er es durch die Luft, dann gab er es mir.

Erstaunt sah ich ihn an. Er lächelte, und seine tiefblauen Augen lächelten mit.

»In welche Schublade möchtest du es legen?«, fragte er. »Wir können deinen Namen draufschreiben.«

Ich hielt mir das Papier an die Nase und atmete ein. Alles, was ich riechen konnte, war der Rauch unseres Feuers und der Rest unseres Haferbreis vom Frühstück.

Aber ich hielt mein eigenes Duftpapier in der Hand und war bereit, mich in Geduld zu fassen. Bei denen mit den roten Wachssiegeln wusste ich ja, was passieren konnte, und mein ganzer Körper vibrierte vor Erwartung. Dieses Papier sollte nicht in eine Flasche gesteckt und in einer Schublade an der Wand versteckt werden. Ich würde es in meine Jackentasche stecken, ganz tief, wo es sicher und dunkel war. Ich würde es beschützen, und zugleich läge seine Entwicklung in meinen Händen.

Meine Gedanken überschlugen sich vor Aufregung. Welche neue Welt würde sich auftun? War es Zufall, welche Gerüche das Papier annehmen würde? Oder traf das Papier seine eigene Auswahl, je besser es mich kennenlernte? Für wen würde mich das Papier halten?

»Emmeline?« Mein Vater wollte wissen, was ich vorhatte.

»Keine Schublade«, sagte ich.

»Bist du dir sicher?« Nervös bewegte mein Vater die Hände, als er zuschaute, wie ich das Papier in meine Jackentasche steckte. »In einer Flasche hält es sich länger.«

»Ich möchte die Veränderungen riechen«, sagte ich, aber das schien ihn traurig zu machen, und ich wusste nicht, warum. Vielleicht sollte man der Magie nicht auf die Spur kommen. In Märchen war ja immer wieder davon die Rede.

Aber das hier war etwas anderes. Es war Naturwissenschaft, sagte ich mir. Ich würde das Mysterium enthüllen und dabei den Prinzipien folgen, die mich mein Vater bei unseren Wanderungen durch die Wälder gelehrt hatte.

Stelle fest, welche Grundsituation vorliegt, Emmeline. Ignoriere Nebensächliches. Entscheide, was am besten zu tun ist.

Doch schon im Alter von zehn Jahren ahnte ich, dass ich das Papier nicht nur aus wissenschaftlichen Gründen behalten wollte.

* * *

Es war kalt an diesem Morgen, aber vielleicht würde die beißende Luft den Duft meines Papiers umso schneller hervorbringen. Ich hatte keine Ahnung, wie lange es dauerte, bis ein neuer Geruch und damit eine neue Welt entstand. Mussten die Gerüche aus weiter Ferne anreisen? Befanden sie sich schon in dem Papier und warteten darauf, nach und nach befreit zu werden?

Der Frost knisterte unter meinen Füßen, als ich losging. Ich redete mir ein, ich wolle nur nachschauen, wie sich die Sitka-Fichte entwickelte, die einige Jahre zuvor bei einem Sturm umgeknickt war. Mit der Zeit war sie zu einem horizontalen Geburtsort für schlanke kleine Schösslinge geworden, die wie Ausrufezeichen aus dem verfaulenden Stamm ragten. Ich bahnte mir einen Weg dorthin, obwohl der Boden von dem tagelangen Regen matschig war und meine Hose bis zu den Knien nass wurde. Wenn ich etwas größer wäre, dachte ich, könnte das Papier die umgebenden Gerüche auf ihren Reisen durch die Luft besser einfangen.

Ich stellte mich auf ein Moosbüschel und gab acht, die Schösslinge nicht zu beschädigen. Ich steckte die Hand in die Tasche mit dem Papier und spürte seine scharfen Ränder. Ich wusste, dass es riskant war, das Papier dem Licht auszusetzen, aber ich sagte mir, dass die Bäume in diesem Teil des Walds dicht genug beieinanderstanden, um kaum Licht hindurchzulassen.

Ich atmete aus und versuchte, die ganze Waldluft aus meiner Lunge zu pressen. Auch ich wollte ein unbeschriebenes Blatt sein, bereit, ganz neue Gerüche aufzunehmen. Ich legte die Handfläche an das quadratische Papier, um es, so gut es ging, zu schützen, dann holte ich es heraus und hielt es mir an die Nase. Ich atmete ein.

Nichts. Nur der Geruch unserer Hütte. Enttäuscht steckte ich das Papier wieder in die Tasche.

Dann stutzte ich. Ich war ja gar nicht in unserer Hütte. Ich war im Wald. Ich roch an meinem Jackenkragen, meinen Haaren, Händen und Armen, um zu prüfen, ob der Geruch des Papiers daher stammte. Etwas von Holzfeuerrauch und Kaffee war tatsächlich zu erahnen, aber so schwach und so sehr Teil von mir selbst, dass es bloß Nuancen waren, die sich meinem eigenen Geruch hinzufügten. Das Papier roch aber anders. Ich holte es noch einmal heraus und roch daran, tief und mit geschlossenen Augen.

Der Wald schien zu verschwinden. Ich war in der Hütte, jeder ihrer Gerüche wurde lebendig: die getrockneten Äpfel in der Speisekammer, der Korb Zwiebeln in der Zimmerecke, der Hauch von Pfeifenrauch.

Ich zog den Kopf zurück, und sofort war der Geruch der alten Sitka-Kiefer wieder da, des feuchten Mooses und des Winters. Ich roch wieder an dem Papier. Hütte.

Die neuen Duftpapiere waren also gar nicht geruchsfrei.

* * *

Ich rannte zu unserer Lichtung zurück und holte schon das Papier aus der Tasche, um meinen Vater daran riechen zu lassen, aber als ich die Hütte betrat, war sie leer. Mein Vater musste Vorräte sammeln gegangen sein.

Umso besser. Ich konnte meine Theorie überprüfen, bevor ich mit ihm darüber sprach. Ich führte mir das Duftpapier an die Nase. Es roch nach unserer Hütte, genau wie im Wald. Perfekt. Ich steckte es wieder in die Tasche. Dann atmete ich ein.

Die Hütte roch zum jetzigen Zeitpunkt anders als das Papier, das wurde mir schnell klar. Im Jahr zuvor war ein Apfelbaum abgestorben, und inzwischen waren seine Äste trocken genug, um verfeuert zu werden. Apfelholz hat einen ganz eigenen Geruch, süß und abgerundet, unverwechselbar. Früher hatten wir keins verfeuert, aber jetzt brannte es in unserem Ofen und roch wie ein Lied. Ich atmete ein und aus und hielt mir dann wieder das Papier vor die Nase. Zweifellos – Papier und Hütte rochen nicht gleich.

Ich ging zu den unteren Schubladen. Mit zitternden Händen zog ich irgendeine heraus, brach das grüne Wachssiegel der Flasche.

Es ist ein wissenschaftliches Experiment, sagte ich mir.

Ich nahm das Duftpapier heraus und legte die Hände zu einem dunklen Nest aneinander, um beim Schnuppern die umliegenden Gerüche aussperren zu können. Das Papier roch ein wenig anders. Ich öffnete eine andere Flasche und dann noch eine. Ich roch unterschiedliche Nuancen von Holzrauch, frische und getrocknete Muscheln sowie frisch geerntete Äpfel. Den Matsch an meinen Schuhen und Herbstblätter im Regen. Die Unterschiede waren schon die ganze Zeit da gewesen, aber bei unseren Geruchsproben war ich abgelenkt gewesen und hatte eine ganz neue Welt erwartet – ein Eintauchen in andere Sphären. Was den Duftpapieren aber in Wahrheit anhaftete, war etwas viel Mysteriöseres.

Erinnerung.

* * *

Ich schmolz das grüne Wachs so, wie ich es mir bei meinem Vater abgeschaut hatte, und versiegelte die Flaschen wieder. Das Ergebnis war nicht so gut wie seins, und ich hoffte, dass er diese Flaschen nicht allzu bald für einen Schnuppertest öffnen würde.

Als er zurückkehrte, saß ich in dem Sessel neben dem Holzofen.

»Ich weiß, was es ist«, sagte ich triumphierend.

»Wovon redest du?«

»Die Duftpapiere.«

Mein Vater zog Hut und Mantel aus, sodass ich sein Gesicht nicht sehen konnte.

»Es sind Erinnerungen«, sagte ich.

Mitten in der Bewegung hielt mein Vater inne; sein Mantel hing noch nicht einmal am Garderobenhaken.

»Wie kommst du denn darauf?«, fragte er mit der Stimme des neugierigen Naturkundlers in ihm.

»Na ja«, begann ich, und er drehte sich um, um mir zuzuhören, zuerst ausdruckslos, dann interessiert, und nickte aufmerksam, während ich mein Vorgehen Schritt für Schritt erklärte.

»Gut gemacht, kleine Lerche«, sagte er, als ich fertig war. »Ich bin stolz auf dich.«

Ich sog seine Worte auf und ließ sie tief in mich einsinken, wo es schön warm war, ein Ort, an dem ich gern für immer geblieben wäre. Aber ich hatte noch eine Frage. Es ging um etwas, worüber ich nachgedacht hatte, seit ich herausgefunden hatte, was die Duftpapiere waren.

»Sind die von Jack?« Ich zeigte auf die fantastischen Düfte in den oberen Schubladenreihen.

Mein Vater zuckte zusammen, dann nickte er.

»Ja.«

»Kommt er irgendwann her, um sie zu holen?«, fragte ich.

Mein Vater drehte sich zu der Wand mit den Schubladen um.

»Nein«, sagte er. »Jetzt ist es unsere Aufgabe, sie zu schützen.«

Zu schützen, wovor denn? fragte ich mich. Auf der Insel gab es ja nur uns. Ich wollte meinen Vater fragen, was er meinte, aber er ging wieder nach draußen, um Feuerholz zu holen.

Das Geschenk

Das Einzige, woran ich seitdem denken konnte, war, Duftjägerin zu werden. Wenn die Papiere in den rot versiegelten Flaschen Erinnerungen waren, Jacks Erinnerungen, dann gab es ganz wunderbare Welten jenseits unserer Insel und Duftjäger, die sie auf eine Weise erkundeten wie niemand sonst. Ich wusste nicht, ob ich je dorthin gelangen würde, aber ich wollte bereit sein.

»Bring mir bei, wie Jack zu sein«, sagte ich zu meinem Vater. Er überlegte, und einen Moment lang sah ich eine traurige Leere in seinem Blick, doch dann verwuschelte er mir die Haare.

»Also gut, kleine Lerche«, sagte er. »Zieh deine Jacke an.«

Wir gingen in die Mitte unserer Lichtung. Vor uns lag der abgeerntete Gemüsegarten und bereitete sich auf den Winter vor, die Hühner gackerten in ihrem nahen Stall, hinter dem der Wald begann. Einen Moment lang blieb mein Vater stehen.

»Gut«, sagte er dann. »Suche ein frisch gelegtes Ei. Aber halte die Augen geschlossen.«

»Im Hühnerstall?« Noch schaute ich hoffnungsvoll in den Wald.

»Wo findet man denn sonst Eier?« Er schmunzelte.

Der Hühnerstall kam mir viel zu gewöhnlich für eine Duftjagd vor, aber ich schloss die Augen und tauchte in eine Welt voller Geräusche. Das Gackern der Hühner, die hüstelnden Klänge ihrer Gespräche. Das Geräusch der winzigen Klauen eines Eichhörnchens, das einen Baum hinaufeilte. Das klare, süße Lied eines Zaunkönigs. Dann hörte ich den Riegel des Hühnerstalls aufgehen, und mein Vater schob mich hinein.

»Atme ein«, sagte er. »Und denk dran: zuerst nur flach.«

Ich ließ mir die Luft in die Nase steigen, ganz sacht, wie schwappende Wellen bei Ebbe, und roch den beißenden Hühnermist und die Erinnerung an den Sommer im Heu.

»Und jetzt vergiss deine Nase«, sagte mein Vater. »Öffne deinen Geist und lausche der Geschichte.«

Ich atmete noch einmal ein, langsam und tief, und spürte, wie die Gerüche mein Gehirn überfluteten, so stark und dreidimensional, dass ich darin beinahe spazieren gehen konnte. Ich roch das nicht mehr ganz frische Wasser in der Tränke, die zerzausten Hühner, die sich geschäftig durch den Stall bewegten und einen ruhigen Platz suchten. Ich überlegte, wie ein frisch gelegtes Ei wohl roch. Meine Gedanken schweiften ab, angetrieben vom Geruch der feuchten Erde vor dem Stall und dem Rauch, der aus unserem Schornstein stieg. Dann riss ich mich zusammen und konzentrierte mich wieder auf meine Aufgabe. Jack würde ganz gezielt vorgehen, und das wollte ich auch.

Da! Inmitten all der starken, modrigen Gerüche entdeckte ich etwas Frisches. Weich. Klein. Anders als die Hühner bewegte sich die Wärme, die es verströmte, nicht, sondern lag ganz still da, wie ein Stein, der die Sonnenstrahlen aufsaugte.

Immer noch mit geschlossenen Augen ging ich vorsichtig durch den Stall. Wie ein Leuchtturm stach der Geruch aus allem anderen heraus. Ich streckte die Finger aus und tastete über das Heu. Ein Huhn strich mir um die Beine, und ich schob es sanft fort. Suchend tastete ich näher am Boden. Da!

Als ich aus dem Stall trat, hielt ich das Ei in die Höhe und lächelte. Ich war eine Duftjägerin, genau wie Jack.

»So geht das«, sagte mein Vater und lächelte ebenfalls.

Ich fand noch ein Ei, dieses Mal schneller, und wir kochten sie zum Frühstück.

»Was ist meine nächste Aufgabe?«, fragte ich meinen Vater nach dem Essen. »Die hier war zu einfach.«

Er legte den Kopf schief. »Finde den ersten Frühlingstag«, sagte er.

Wenn es ein Vorhaben gab, das Geduld erforderte, dann dieses. Der Winter hatte ja gerade erst angefangen, und der Frühling war eine Ewigkeit entfernt. Ich wusste, dass dunkle Tage kommen würden, dass Regen uns die Laune verderben, dass Kälte und Nässe alles durchdringen würden. Es würde Stürme geben, der Wind würde heulen, und die Bäume würden mit ihren Zweigen auf unser Dach schlagen. Der Winter war keine Zeit, um auf Duftjagd zu gehen. Im Winter hatten Gerüche etwas Trauriges; sie moderten in der Nähe des Feuers und rollten sich unter den Baumwurzeln zusammen. Jack würde es aber tun, sagte ich mir, also zog ich jeden Tag meine Jacke an und ging auf die Jagd.

Am Ende hatte ich mehr Gerüche gesammelt, als ich für möglich gehalten hatte. Regen und Nebel erschlossen sie jedem, der seine Sinne öffnete. Auf unserer Insel schneite es fast nie, aber jedes Mal, wenn sich die Kälte zurückzog und es wieder zu regnen begann, roch ich, dass das Leben wiederkehren wollte, wie Gezeiten, die unterirdisch wechselten. Ich hörte die Bäume flüstern: »Ist es schon so weit?«

Die Tage wurden immer kürzer, bis die Welt eines Tages kippte und sich alles in die andere Richtung bewegte. Eine Wende stand bevor – das konnte ich riechen. Wie das Geraschel in unseren Träumen, kurz bevor wir morgens aufwachen. Ein leichtes Ziehen der Schwerkraft, wenn das Mittelwasser zwischen Flut und Ebbe die Richtung ändert und einen ins Meer zieht.

* * *

Eines Morgens wachte ich von einem ebenso neuen wie vertrauten Geruch auf; er kam durch die Hüttentür herein. Mein Vater hatte immer gesagt, mein Geburtstag sei am ersten Frühlingstag. Kein spezielles Datum, sondern ein Gefühl definierte ihn – ein warmer Luftzug, der die Erde weckte. Der Geruch von Veilchen. Grüne Luft nannte er es. Es machte nichts, dass nach einem solchen Tag manchmal der Winter zurückkehrte; mein Vater sagte, das passiere andauernd. Es sei auch nicht schlimm, den ersten Frühlingstag mehrfach zu feiern, sagte er. Aber um mein Alter zu bestimmen, durfte ich immer nur den ersten Frühlingstag im Jahr zählen. Elf also.

Meine Nase verriet mir, dass mein Vater nicht in der Hütte war, aber ich horchte und hörte seine Schritte kommen. Da war noch ein anderes Geräusch, heller und schneller. Ich kletterte die Leiter hinunter. Zusammen stiegen die Geräusche die Stufen zu unserer Veranda herauf. Dann sah ich meinen Vater in der Tür stehen. Er hielt eine lockere Leine in der Hand, an die eine Ziege gebunden war. Fast ihr ganzes Fell war schwarz, und sie hatte einen weißen Huf. Sie war wunderschön.

»Sieh mal, was ich gefunden habe«, sagte er, als sei es das Natürlichste von der Welt, ab und an eine Ziege zu finden. Wir wohnten auf einer kleinen Insel, waren also komplett von Wasser umgeben. Das einzig Neue, was hier zu finden war, basierte auf Magie und befand sich in schwarzen Plastikkisten. Aber jetzt stand da eine Ziege, und mein Vater hielt ihre Leine ganz lässig in der Hand.

»Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag«, sagte er.

Die Ziege beobachtete mich mit ihren gelben Augen und schien sich zu amüsieren.

»Ich bin Emmeline«, sagte ich und ging auf die Veranda. Die Ziege hub den weißen Huf, beugte sich vor und drückte mir die Nase an die Hand, bis ich sie streichelte.

»Kleopatra, wie sie leibt und lebt«, sagte mein Vater. Die Ziege legte den Kopf schief und schaute zu ihm auf.

»Wer ist das?«, fragte ich und streichelte weiter über die steifen, kurzen Haare am Hals der Ziege.

Er erzählte uns die Geschichte einer antiken Herrscherin über ein weit entferntes Land, die ihren Willen bekam, indem sie Boote mit Rosenblättern bestreute und in Moschus badete.

* * *

Kleopatra, die Ziege, wurde schnell zu Kleo, aber beide Namen passten zu ihr. Sie war noch jung genug für einen Kosenamen, strebte aber schon nach Höherem, befand mein Vater. Sie beherrschte uns von Anfang an.

Mein Vater baute Kleo einen Stall – ihren Palast, wie er sagte.

»Deine Aufgabe ist«, sagte er zu mir, »ihr die Insel zu zeigen.«

»Ganz allein?«

»Dafür bist du jetzt groß genug. Außerdem bist du ja nicht allein, oder?« Er lächelte. »Da draußen kann dir nichts gefährlich werden. Aber versprich mir, dass du nicht zum Strand gehst«, fügte er hinzu und wurde ganz ernst.

»Versprochen«, sagte ich und meinte es ebenfalls ernst. Zusammen mit Kleo die ganze Insel zu durchstreifen, war das Beste, was ich mir vorstellen konnte. Dafür nahm ich Verbote gern in Kauf.

Von diesem Tag an machten Kleo und ich uns immer auf den Weg, sobald ich mit dem Einsammeln von Vorräten, der Gartenarbeit oder dem Unterricht fertig war. Zuerst führte ich sie an der Leine, aber bald wurde mir klar, dass sie mir überallhin folgte – oder besser: dass ich ihr überallhin folgte. Sie übernahm immer die Führung, ging aber nie mehr als vier Schritte voraus, und sie schaute sich ständig um, um sich zu vergewissern, dass ich bei ihr war.

Unser Spiel war, jedem einzelnen Pfad auf der Insel zu folgen; manche waren schon stark verwildert, und ich hatte sie noch nie zuvor gesehen. Irgendwann dachte ich, wir hätten alle gefunden, aber dann sahen wir eines Tages eine leichte Einbuchtung zwischen den Rebhuhnbeeren, die unter den Bäumen wie ein Meer wogten. Eigentlich war es ohne eine Machete unmöglich, ihre steifen Zweige zu durchdringen, aber jemand musste hier einmal einen Pfad angelegt haben, und ein Überbleibsel davon war an jener Einbuchtung zu erkennen. Kleos Fell war dick genug, dass ihr die scharfkantigen Blätter nichts ausmachten, und trittsicher bewegte sie sich zwischen den Busch- und Baumwurzeln. Sie bahnte sich ihren Weg, und hinter ihr schien sich der Pfad neu zu öffnen. Während ich ihr folgte, fürchtete ich, dass sich die Büsche hinter uns wieder schließen würden und wir den Heimweg nicht fänden, aber Kleo war wild entschlossen, und ohne sie konnte ich nicht umkehren.

Nach einer Weile hörte ich in der Ferne Wasser an Felsen schlagen. Die Wellen klangen kräftiger, nicht wie sonst, wenn sie an den Strand unserer Lagune rollten. Kleo und ich zwängten uns durch das letzte Grün und fanden uns auf einem nackten, grauen Felsen wieder, den der Wind glatt geschliffen hatte. Er war etwa drei Meter breit, und der Himmel darüber wirkte riesig. Wir gingen bis an den Rand, schauten auf den endlosen Horizont voller Inseln und dann auf das Wasser tief unter uns.

Noch nie hatte mein Blick so eine weite Strecke zurücklegen können, und ich wusste nicht, was ich mit all der Weite anfangen sollte. Es war, als könnte sie nach mir greifen, mich hinabziehen und mit sich forttragen. Langsam zog ich mich zurück, einen Schritt nach dem anderen, bis meine Hacken an ein nasses Stück Holz stießen. Ich schaute hinter mich und sah eine Bank, die sich direkt an den Waldrand drückte und vom Regen und der Zeit halb verrottet war.

Der Ausreißer, dachte ich.

Ich bückte mich und berührte die bröckelnde Oberfläche. Dabei fragte ich mich, was einen Menschen wohl dazu gebracht hatte, sich diesen Platz auszusuchen und in eine Welt zurückzuschauen, die er doch aus eigenem Entschluss hinter sich gelassen hatte. Was gab es dort zu sehen?

Kleo und ich blieben lange auf diesem Felsvorsprung, bevor wir zu unserer Hütte zurückgingen. Meinem Vater erzählte ich nicht, was wir gefunden hatten, weil ich fürchtete, dass er mir verbieten würde, wieder dorthin zu gehen. Ich wusste nicht, was ich von dem Ort halten sollte; ich wusste nur, dass mein Vater ihn mir nie gezeigt hatte, und es schien mir unmöglich, dass er nichts von seiner Existenz wusste. Schließlich wusste mein Vater alles.

Von nun an gingen Kleo und ich fast jeden Tag zu dem Felsvorsprung, und mit der Zeit wich meine anfängliche Furcht meiner Neugier. Ich nahm etwas zu essen mit und teilte es mit Kleo, wenn wir uns jedes Mal ein Stück weiter an den Rand wagten und auf das gigantische Meer blickten. Manchmal sahen wir einen Wal oder eine Schule glänzender Delfine, manchmal braune Baumstämme, die aus der Ferne aussahen, als könnten sie selbstständig schwimmen. Manchmal fuhr ein Motorboot vorbei und brummte wie ein riesiges wütendes Insekt. So etwas kannte ich nur von Bildern in den Büchern meines Vaters oder unseren Märchen. Auf dem Felsvorsprung vermischten sich die Texte aus den verschiedenen Büchern. Vor den Schiffen versteckte ich mich, weil ich mir sicher war, dass sich darauf Piraten befanden.

Einmal sah ich aber einen Jungen mit roten Haaren am Heck eines Fischerboots stehen. Er sah jung aus, vielleicht war er in meinem Alter. Eine Woche lang gingen Kleo und ich täglich an die Stelle, aber ich sah ihn nie wieder. Ich fragte mich, wo er wohl wohnte.

An diesem Abend fragte ich meinen Vater: »Warum sind wir eigentlich hier, Papa? Warum wohnt sonst niemand auf unserer Insel?«

Mein Vater legte seine Gabel hin. »Die Menschen lügen, Emmeline«, sagte er. »Gerüche lügen nicht.« Er schien zu glauben, dass damit alles erklärt war.

»Alle Menschen?«, fragte ich nach. »Auch Jack?«

»Auch Jack«, sagte mein Vater, und seine Miene wurde so düster, dass ich nichts mehr fragte.

In diesem Moment wusste ich, dass ich ihm niemals etwas von dem Pfad zu dem Felsvorsprung erzählen würde. Er hatte seine Geheimnisse, aber dieses war meins.

* * *

Die Zeit verging. Der nächste Frühling nahte. Ich wurde zwölf, meine Arme und Beine wurden immer länger, stärker und schlanker. Wenn wir zur Lagune gingen, konnte ich die Sandmuscheln, die ihre Sandfontäne himmelwärts spritzten, selbst fangen und tief genug in den Sand greifen. Mit einem Bogenbohrer und ein bisschen trockenem Moos konnte ich Feuer machen, mit einem scharfen Messer die Entenmuscheln so schnell von den Felsen schneiden, dass man bloß bis zwei zählen konnte. Mein Vorratskorb wurde jetzt immer so voll wie der meines Vaters, und immer öfter füllte ich ihn in den Wäldern ganz allein, wenn ich mit Kleo auf dem Rückweg von unseren Abenteuern war.

Irgendwann hatten Kleo und ich angefangen, über umgefallene Baumstämme zu balancieren, ich mit ausgestreckten Armen, sie mit so trittsicheren Hufen wie immer. Aber ich wollte noch höher hinaus und begann, auf Bäume zu klettern, Ast für Ast; dabei stellte ich mir vor, ich sei Jack, der Duftjäger. Wenn ich dann hoch im immergrünen Blätterdach hing und das sanfte Knistern der Nadeln hörte, wehte mich manchmal der faszinierende Geruch von etwas anderem an – ein warmer Hauch von frisch gebackenem Brot, irgendwo in weiter Ferne. Das sich entfernende dunkle Brummen eines Schiffs. Versatzstückchen von Geschichten, die mein Vater mir nie erzählen würde. Eine Welt, die ich nie sehen würde. Ich schraubte mich höher in die Luft, und die Zweige bogen sich unter meinem Gewicht. Ich wurde immer ruheloser und einsamer, aber wenn ich wieder hinabkletterte, wartete Kleo ja auf mich.

Mein Vater hatte mir beigebracht, Kleos Hufe zu schneiden und ihr Fell zu bürsten. Ich liebte den Rhythmus, mit dem meine Hände über ihren starken Rücken strichen, und wie sie an mir knabberte, wenn ich arbeitete. So beendeten wir jeden Tag. Nachts hörte ich sie in ihrem Stall meckern. Mein Vater sagte, dass Ziegen sich bei jedem Wetter gern aneinanderkuschelten. Ich wartete, bis er schlief, kletterte dann meine Leiter hinunter, schlich in den Stall und kuschelte mich an Kleo, bis sie sich beruhigte. Manchmal schlief ich dann ein und wachte erst wieder auf, wenn es fast schon hell war.

In solchen Nächten fragte ich mich manchmal besorgt, ob sich zwischen meinem Vater und mir nicht zu viele Geheimnisse anhäuften. Aber wenn ich den Kopf an Kleos Seite drückte, war ihr warmer, kompakter Körper so tröstlich, dass ich keine Leere mehr in mir spürte. Es gab mir das Gefühl, dass es mehr als zwei Menschen auf der Welt gab. Also sagte ich nichts.

Die Düfte

Im Sommer, als ich zwölf war, wurde mein Vater stiller, und seine Geschichten blieben bereits aus, als der Winter noch fern war. Er fragte auch nicht mehr, was Kleo und ich auf unseren Wanderungen gefunden hatten, und sagte nie, was er selbst in dieser Zeit getan hatte. Irgendwann wurde mir aber bewusst, dass schon lange kein gefüllter Vorratskorb mehr auf dem Tisch stand, wenn ich heimkam.

Aber ich war glücklich mit Kleo und sagte mir, dass mein Vater nicht antworten würde, wenn ich ihn fragte, womit er den Tag zugebracht hatte. Dann kam ich einmal zur Tür herein, als er gerade vor dem Holzofen stand und ein Duftpapier in die offene Klappe hielt. Auf dem Tisch stand eine leere Flasche, und ein wenig rotes Wachs klebte noch an ihrem Pfropfen.

»Was tust du da?«, fragte ich.

Er schloss die Ofenklappe und ließ sich schwer auf die Bank vor dem Tisch fallen.

»Sie verschwinden«, sagte er.

»Was verschwindet?«

»Die Düfte. Sie verflüchtigen sich.«

»Lass mich riechen.« Ich dachte, etwas stimmte nicht mit seiner Nase.

Aber daran lag es nicht. Als er mich an dem Duftpapier riechen ließ, war da nichts.

»Wie lange ist es schon aus der Flasche?«, fragte ich und versuchte, die wissenschaftlichen Prinzipien anzuwenden, die er mir beigebracht hatte.

»Das spielt keine Rolle«, sagte er. »Es ist immer das Gleiche. Ich prüfe es schon seit Wochen. Von der obersten Reihe ist fast nichts mehr übrig.«

Meine erste Reaktion war: Verrat! Er hatte die Flaschen ohne mich geöffnet. Doch dann begriff ich langsam, was er gesagt hatte: Die Düfte verließen uns.

Ich dachte an die Flaschen in den oberen Schubladen, an die Welten, die sie enthielten. Daran, dass einige Düfte sich angefühlt hatten, als ob ich fliege, andere, als ob ich schwimme, und einer hatte mir das Gefühl gegeben, von den liebevollsten Armen gehalten zu werden, die ich mir vorstellen konnte. Beim Einschlafen hatte ich mir immer vorgestellt, dass sich die Flaschen flüsternd miteinander unterhielten. Wann hatte ich zum letzten Mal diesem Geflüster gelauscht? Inzwischen schlief ich fast jede Nacht in Kleos Stall. Vielleicht waren die Duftpapiere schon vor längerer Zeit verstummt. Vielleicht hatten sie mich vermisst. Vielleicht hatten sie sich deswegen verflüchtigt.

»Was wolltest du tun?«, fragte ich meinen Vater und zeigte auf den Ofen.

»Es verbrennen«, sagte er, das Duftpapier immer noch in der Hand.

Es war etwas so Gewalttätiges, dass ich erschrak. »Warum denn?«

»Einige der ersten Düfte, die von Menschen erschaffen wurden, waren dazu bestimmt, verbrannt zu werden«, sagte er. »Per fumare bedeutet durch den Rauch. Es war eine Art, mit den Göttern zu sprechen. Ich wollte diesen Duft heimschicken.«

»Und wenn wir ihn zurückholen können? Würde Jack nicht wollen, dass wir es wenigstens versuchen?«

Er schüttelte den Kopf. »Das ist unmöglich.«

Ich sah, wie resigniert er war. Er hatte etwas aufgegeben, aber ich wusste nicht, was. Ich wusste nur, dass mein Vater litt.

»Dann lass es uns verbrennen«, sagte ich.

Wir gingen zum Ofen, öffneten die Klappe und schauten ins Feuer. Einen Moment lang stand mein Vater ganz still und schien in sich zu gehen. Dann ließ er das Papier in den Ofen fallen. Wir schauten zu, wie die Flammen seine Ränder einrollten, erst ganz hell, dann schwarz. Der Rauch, der davon aufstieg, war blauer als der Himmel, als das Wasser, als die Augen meines Vaters. Und dann der Geruch.

Er war groß und schwer und schimmerte mit einer Kraft, die das Papier nie besessen hatte. Das war kein Fenster, das sich kurz zu einer anderen Welt öffnete. Es war jene Welt. Ich schloss die Augen, und die Wände unserer Hütte verschwanden. Ich roch die Würze von frisch gemähtem Gras, das glitzernde Geflüster der Blumen – saftig und cremig, scharf und quicklebendig, staubig und sanft wie die Erinnerung selbst. Alles kam zusammen wie Vogelgezwitscher aus vielen Kehlen. Sonnenschein verstärkte die Düfte mit seiner Wärme. Ich spürte ihn auf der Haut, und er erhitzte mich stärker, als das Holzfeuer es je getan hatte. Ich stand inmitten von alledem und sog es ein. Noch nie hatte ich mich von etwas so erfüllt gefühlt.

Ich weiß nicht, wie lange es dauerte, nur dass es sich nach und nach abschwächte, bis ich nur noch den Regen vor der Hütte und den Hauch von Pfeifentabak wahrnahm.

»Oh«, sagte mein Vater mit Tränen in den Augen. Er bewegte die Hand zum Feuer, als wollte er das Papier wieder herausholen, aber inzwischen hatte es sich vollkommen aufgelöst.

* * *

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