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Der englische Botaniker

Als Buch hier erhältlich:

Eine tragische Liebe vor sinnlich-magischer Kulisse von Spiegel-Bestseller-Autorin Nicole C. Vosseler 

London, 1843: Sie nannten ihn das "Grüne Gold" - Tee. Und Robert Fortune, der englische Botaniker, soll ihn für die Horticultural Society aus China in die westliche Welt bringen. Während zu Hause Frau und Sohn auf ihn warten, begibt sich der verschlossene Wissenschaftler auf eine gefährliche Reise ins Reich der Mitte. Doch durch die Bekanntschaft mit dem Schwertmädchen Lian nimmt die Expedition eine verstörend sinnliche Wendung. Die in Kampfkunst geschulte ebenso mutige wie fragile Rebellin lehrt ihn nicht nur Pflanzen und Tee zu kategorisieren. Sie öffnet auch den Weg zu seinem Herzen.

"Mit akribischer Genauigkeit und atmosphärischer Dichte entführt sie ihre Leser in eine ebenso exotische wie faszinierende Welt. Eine Menge historisches Wissen fügt sich nahtlos ein in einen mit überzeugendem Geschick entfalteten Handlungsbogen."
Rheinische Post / Neuss-Grevenbroicher Zeitung

"Nicole Vosseler überzeugt mit ihren literarischen Talenten."
Süddeutsche Zeitung

"Für alle, die gerne hin und wieder in eine fremde Welt eintauchen." freundin

"Mit akribischer Genauigkeit und atmosphärischer Dichte entführt sie ihre Leser in eine ebenso exotische wie faszinierende Welt. Eine Menge historisches Wissen fügt sich nahtlos ein in einen mit überzeugendem Geschick entfalteten Handlungsbogen."
Rheinische Post, 18.08.2017

"Eine gelungene Mischung aus Exotik und Realismus, die die Entwicklungen des 19. Jahrhunderts widerspiegelt."
BÜCHER Magazin


  • Erscheinungstag: 05.11.2018
  • Seitenanzahl: 500
  • ISBN/Artikelnummer: 9783959672597

Leseprobe

NICOLE C. VOSSELER

DER ENGLISCHE BOTANIKER

ROMAN

image

HarperCollins®

Copyright © 2016 by HarperCollins

in der HarperCollins Germany GmbH, Hamburg

Originalausgabe

Copyright © 2016 by Nicole C. Vosseler

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Montasser Medienagentur, München

Umschlaggestaltung: Hafen Hamburg

Redaktion: Silvia Kuttny-Walser, Claudia Wuttke

Titelabbildung: Barney Burstein / Getty Images

ISBN eBook 978-3-95967-663-2

www.harpercollins.de

eBook-Herstellung und Auslieferung:

readbox publishing, Dortmund

www.readbox.net

 

 

 

Historie

(Substantiv, f.; gr. ἱστορία; lat. historia; fr. histoire)

1.  Sammlung von Fakten und Ereignissen aus der Vergangenheit

2.  Geschichtswissenschaft

3.  Zeitspanne in der Vergangenheit

4.  Abenteuerliche oder erdichtete Erzählung

Arthur Waldegrave-Fernsby,

An Essential Dictionary of the English Language, London, 1852

 

 

 

… aber Poeten waren auch noch nie Botaniker.

Charlotte Turner Smith, Beachy Head, 1807

Robert Fortune marschierte durch die Salzgärten: Wasserflächen wie Spiegelscherben, auf denen die Sonne blinkte und an deren Rändern sich das weiße Gold des Meeres häufte.

Mit langen Schritten durchmaß er die Felder dahinter, ein Flickwerk aus Süßkartoffeln und Erdnusspflanzen.

Dutzende, vielleicht Hunderte von Augenpaaren hatten sich an ihm festgesaugt. Jede Hacke, jeder Rechen und jeder Spaten verharrte bewegungslos. Kein Finger wurde mehr gerührt.

Nur ein kleiner Junge war in Bewegung und äffte ihn nach, indem er umherstelzte wie ein Graureiher.

So viele Gesichter, kaum voneinander zu unterscheiden, die ihm folgten wie Sonnenblumen dem Licht, jedes Mal, wenn er irgendwo auftauchte, seinen Beutel mit Gartengerät über der Schulter und die Botanisiertrommel quer umgehängt. Selbst wenn er nicht bis auf die Haut durchnässt war und Wasser vom Rand seines Huts tropfte wie heute, nachdem vor der Felsenküste gischtsprühende Wellen über die Nussschale von Boot hereingebrochen waren.

Neugier schwang in diesem stummen Starren mit. Argwohn. Manchmal fast so etwas wie Hass.

Die Erinnerung war noch zu frisch. An den Krieg um Opium und Tee, in dem Großbritannien mit seiner modernen Militärmaschinerie China in die Knie zwang.

China mochte eines der größten Reiche sein, das die Welt je gesehen hatte, ein Drittel der Menschheit beherbergen und mehr Reichtümer besitzen als alle anderen Länder. Doch Großbritannien war nun tatsächlich das Empire, in dem die Sonne niemals unterging. Dem weder die Natur noch andere Völker Grenzen zu setzen vermochten.

Eine ungeheure Schmach für das stolze Reich der Mitte.

fan-kwai war einer der ersten Begriffe, die Robert Fortune hier gelernt hatte.

Fremder Teufel.

Erst ein Stück bergan konnte er die Blicke abschütteln, hinter den kegelförmigen Grabhügeln, denen er überall an der Küste begegnete.

Eine Mahnung, wie zerbrechlich das Leben war.

Eine Erinnerung daran, wie nahe er selbst vier Wochen zuvor noch dem Tod gewesen war, auf dem Lastkahn zwischen Hongkong und Amoy. Obwohl seiner Physis nichts mehr anzumerken war; wie ein Phoenix war er aus dem Fieber hervorgegangen, nur ein paar Tage schwach auf den Beinen gewesen und danach schnell wieder zu Kräften gekommen.

Entstehen, Wachsen und Vergehen – das war der verlässliche Kreislauf der Natur. Die Ordnung der Welt.

In das knöcherne Gesicht des Todes geblickt zu haben, saß ihm trotzdem immer noch im Genick. Die Erfahrung, dass er nur um Haaresbreite mit dem Leben davongekommen war.

Dieses kleine, einfache Leben, das bisher so unaufgeregt und stets aufgeräumt gewesen war. Ein gutes Leben war es; er konnte sich nicht beklagen. Besser als das seines Vaters und seines Großvaters.

Zum Leiter der Treibhäuser der Horticultural Society hatte er es gebracht, obwohl er nie eine andere Schule besucht hatte als die Pfarrschule von Edrom. Und trotz seiner Unbeholfenheit im Umgang mit dem anderen Geschlecht, dieser schönen und fremden Spezies, hatte er eine Frau gefunden, die ihn zum Ehemann und Vater machte.

Seit mittlerweile fünf Jahren flickte Jane seine Jacke, wenn er wieder einmal an Dornen hängen geblieben war, und seine Hemden; stopfte seine Socken und strickte von Zeit zu Zeit neue. Sie sorgte dafür, dass abends eine warme Mahlzeit auf ihn wartete und ein jede Woche frisch bezogenes Bett.

Jane hatte seine Behausung in ein Heim verwandelt. In ein behagliches Nest für seine eigene kleine Familie.

Genug Gründe, um dankbar zu sein. Zufrieden, ja geradezu glücklich. Und trotzdem hatte er seine Siebensachen gepackt, gegen Janes Willen. Aber letztlich mit ihrem Segen.

Keine Selbstverständlichkeit, das war ihm bewusst.

Eine fortschrittliche Ehe hatten sie gewollt – anders als ihre Eltern, ihre Großeltern und Janes Schwestern. Eine, in der es keinen Herrn gab, keine Herrin. In der jeder seinen Bereich hatte, der ihn ausfüllte, und den anderen daran teilhaben ließ.

Ein gemeinsames Leben wollten sie sich schaffen, in dem sie ihre Gedanken und Pläne teilten, ihre Freuden und Sorgen und zusammen Entscheidungen trafen. Ein Leben, das ihnen beiden behagte und in dem ihre Kinder zu glücklichen und selbstbestimmten Menschen heranwachsen konnten.

Er konnte Gott nicht genug danken, dass er ihm eine solche Frau geschenkt hatte. Die sogar verstand, dass er mehr von diesem Leben wollte.

Mehr Geld, um nicht jeden Shilling zweimal umdrehen zu müssen. Mehr Erfolg. Vielleicht sogar seine Spuren in der Welt der Botanik hinterlassen, mochten sie auch noch so schmal und nicht besonders tief sein.

Indem er die sagenhaften Blütenschätze Chinas fand.

Fortune betrachtete die filigranen Anemonen auf dem Grabhügel, die Blütenblätter reinweiß, der Kreis der Staubblätter golden wie eine kleine Sonne.

Anemone hupehensis.

Auf jedem Grabhügel, den er in China gesehen hatte, zitterten Anemonen im Wind.

In Hongkong. In Amoy und Namoa. Und jetzt hier, in der Bucht von Chimoo.

In England die Blume der Verlassenheit. Der einsamen Seelen.

Er hätte gern gewusst, welche Bedeutung sie hierzulande hatte.

Wang konnte er nicht fragen. Dessen Englisch war zwar ordentlich, ging aber nicht über das hinaus, was man sehen und greifen, zählen und verhandeln konnte. Während er selbst feststellen musste, dass das rudimentäre Wörterbuch, mit dem ihn die Society ausgestattet hatte, fehlerhaft und kaum brauchbar war. Zumal die Dinge in verschiedenen Landstrichen unterschiedliche Namen trugen.

Außerdem sprach Wang nicht mehr mit ihm. Gekränkt war er, immer noch. Nachdem die Pflanzen, um die Fortune ihn geschickt hatte, keine Gnade in dessen Augen gefunden hatten, waren sie doch welk und bis zur Unkenntlichkeit zerquetscht gewesen. Weil er Wangs Ausrede, weiter die Hügel hinauf sei es zu gefährlich, beiseite wischte. Sich kurzerhand ein Boot mietete, um von Amoy nach Chimoo überzusetzen und dort selbst auf die Suche zu gehen.

Jeder Schritt ein unausgesprochener Vorwurf und eine Verwünschung, stapfte Wang hinter ihm her. Wortlos. Zum ersten Mal, seitdem Wang ihn begleitete, als Fremdenführer und rechte Hand, Dolmetscher und Leibwächter.

Zu dem Kauderwelsch aus Englisch und Chinesisch, das Wang sonst pausenlos über ihn ergoss, allerdings eine erholsame und mehr als willkommene Abwechslung.

Während er in seinen festen Stiefeln bergan stieg, der Pagode auf dem höchsten Punkt der Hügel entgegen, vergaß Fortune beinahe, dass Wang hinter ihm ging.

Auf eigene Faust in der Natur umherzustreifen, behagte ihm. Weitaus mehr, als im Schlepptau eines Landsmanns eine Singsong-Veranstaltung zu besuchen oder die Gärten eines Mandarins zu besichtigen.

Die Engländer in Hongkong, in Namoa und Amoy waren Händler, Verwaltungsbeamte, Seeleute und Offiziere. Eine ruppige Gattung von Männern, die viel tranken und rauchten, auch einer Opiumpfeife nicht abgeneigt waren und sich mit handfesteren Dingen als Zierpflanzen beschäftigten.

Als Gärtner auf Forschungsreise war er unter seinen eigenen Landsleuten genauso ein Exot wie in den Augen der Chinesen.

Das Begehren, das eine Orchidee oder eine Päonie bei den Lords und Ladys zu Hause weckte, war hier keine gültige Währung.

Er marschierte auf das Grün zu, das sich in den Felsspalten festklammerte. Möglicherweise eine Art von Gesneriaceae?

Die Aussicht darauf, hier in Chimoo endlich einen der legendären Pflanzenschätze zu heben, beschleunigte seine Schritte, verlieh ihm Flügel.

So gründlich er die Insel von Hongkong auch abgegrast hatte, von den rauen Bergen bis hin zum blauen Wasser der Bucht, es war nichts darunter gewesen, was man in England nicht schon kannte.

Jasminum sambac. Olea fragrans. Chrysanthemen.

Nichts Besonderes. Aufregendes. Aufsehenerregendes.

Ein paar leidlich hübsche Rosen ohne Duft und Paederia foetida, eine zierlich blühende Rankpflanze, die jedoch nach Schwefel stank.

Nicht das, weswegen man ihn hierher geschickt und was er selbst sich erhofft hatte.

Die kleine gelbe Orchidee, von der er ganze Felder auf den höchsten Hügeln Hongkongs entdeckt hatte, ähnelte mehr einer Wiesenblume als den Prachtexemplaren, die man in England begehrte.

Für eine Spathoglottis fortunei würde niemand hundert Guineen ausgeben, so wie es der Duke of Devonshire unlängst für eine Phalaenopsis amabilis von den Philippinen getan hatte, die so weiß war wie frisch gefallener Schnee.

Spathoglottis fortunei war nicht gut genug. Nicht genug für Ruhm. Für Reichtum.

Kehrte er nicht oder auch nur mit leeren Händen nach England zurück, würde die Society jemand anderen schicken. Jemand, der diese Chance zu nutzen verstand. Dem es gelang, die ersehnten Blütenschätze nach Hause zu bringen und sich einen Namen zu machen.

Erst als er die Stimmen hinter sich nicht länger ausblenden konnte, blieb er stehen und drehte sich um.

Eine Menschentraube umringte Wang, der sich wichtigtuerisch aufplusterte und seine Worte mit großen Gesten unterstrich. Auf eine ungeduldige Bewegung von ihm stob die Menge auseinander und strömte den Hang hinunter.

»Was hast du zu ihnen gesagt?«

»Fu-Chung wichtiger Herr«, keuchte Wang ihm entgegen. »Erntet Gras und Blumen. Für viel Geld.«

»Du hast ihnen gesagt, ich hätte viel Geld?!«

Ärger wallte in Fortune auf. Diese Behauptung war nicht nur fahrlässig, sondern auch unwahr; neben seinem geringen Salär hatte ihn die Society nur mit bescheidenen finanziellen Mitteln für diese Expedition ausgestattet.

Wang sog den Atem ein, wie missbilligend; vielleicht war er auch nur außer Puste.

»Fu-Chung weiß nichts von China! Viel Geld gibt Fu-Chung viel Gesicht. Gut für Fu-Chung. Und gut für Wang!«

Ein kleines Grinsen entblößte seine vorstehenden Zähne und verlieh ihm das Aussehen eines boshaften Esels. Noch dazu mit den abstehenden Ohren, die die ausrasierte Stirn schonungslos preisgab.

Wang schien versöhnlicher gestimmt, trotzdem zögerte Fortune, eine Diskussion vom Zaun zu brechen. Nicht nur, weil er fürchtete, im Dickicht der Sprache misszuverstehen und missverstanden zu werden; vermutlich würde er bei Wang ohnehin den Kürzeren ziehen.

Fortune war nicht hier, um Freunde zu gewinnen. Aber dass das ursprünglich klare Dienstverhältnis zwischen ihnen schon jetzt auf tönernen Füßen stand, missfiel ihm. Und mehr noch missfiel ihm, wie viele Fallstricke sich darin durch Sprachbarrieren und unterschiedliche Gepflogenheiten ergaben.

Er beließ es bei einem ungehaltenen Knurren, von dem er hoffte, dass es autoritär genug klang, und eilte weiter die Steigung hinauf.

Den Pflanzen entgegen, die ihn aus der Ferne angelockt hatten.

Bei denen es für ihn keine Zweifel gab und keine Unsicherheiten.

Gesneriaceae, in der Tat: eine Chirita, die eleganten Blütenglöckchen in einem sanften Blaulila getönt.

Chirita sinensis würde er sie nennen, chinesische Chirita.

Ein veilchenähnliches und sehr schönes Pflänzchen. Mit den silberpelzigen Blättern wohl zu exotisch für einen Cottage-Garten. Falls es sich überhaupt als winterhart erwies. Feminin in Farbe und Form, würde es sich aber hervorragend als Topfpflanze für ein Boudoir eignen, vielleicht auch für einen Wintergarten.

Laute Rufe schreckten ihn auf, und eine aufgeregte Horde trampelte über die zarten Chirita hinweg, Männer, Frauen und Kinder.

Er brauchte die Worte nicht zu kennen, die sie ihm entgegenschleuderten, mit denen sie sich gegenseitig überschrien. Die Gestik, die Mimik waren unmissverständlich, selbst für einen Fremden vom anderen Ende der Welt.

Eine Chinesin, einen Säugling auf den Rücken gebunden, wedelte mit einem Büschel schlaffen Krauts vor seiner Nase herum. Eine andere schubste sie beiseite und hielt ihm fordernd eine Handvoll Erdnüsse hin. Die verschrumpelte Wurzel, die ihm in einer runzligen Faust entgegengereckt wurde, traf ihn beinahe am Auge, und gleich mehrere Männer winkten mit Bündeln von Chilischoten. Sogar eine Flasche Reisschnaps wurde ihm vor die Brust gestoßen, offenbar als Tauschgegenstand für das Halstuch aus Seide gedacht, das Jane ihm zum Abschied geschenkt hatte.

Seine abwehrenden Gesten wurden ignoriert, sein ablehnendes Gestammel überhört; auch Wangs erregter Redefluss ging im Geschrei einfach unter.

Als sich gierige Finger nach seinem Halstuch streckten, ihn am Ärmel zupften und am Gurt der Botanisiertrommel rissen, hatte er genug.

Er floh, den Hügel hinauf, wie vor den aufdringlichen Wespen eines Spätsommers.

Das zuvor auf der Haut getrocknete Hemd klebte wieder feucht an seinem Rücken, als er oben ankam, schwer atmend und mit brennenden Beinmuskeln, aber endlich allein.

Im Zickzack lief er durch das Ruinenfeld wie bei einem Versteckspiel und suchte Zuflucht in der Pagode.

Schäbig sah sie von Nahem aus; ein vergessenes Überbleibsel einer anderen Zeit. Durch Löcher in den geschwungenen Dächern heulte der Wind, und die Gesichter der Götzenbilder waren von den Elementen bis zur Unkenntlichkeit abgeschliffen.

Ein Ort der Stille. Der Kontemplation. Das war spürbar.

Aber so anders als alle Kirchen, die er bisher von innen gesehen hatte, dass er sich nicht vorstellen konnte, wie man hier betete.

Es stimmte zweifellos: Fortune wusste nicht das Geringste über China, und es verlangte ihn auch nicht danach.

So fern, so unerreichbar war China, dass in der Vorstellung des Westens ein Märchenland daraus geworden war. Seit den alten Tagen der Seidenstraße eine Legende, an der beständig weitergesponnen wurde, mit Seemannsgarn und Händlerlatein.

Die einzige Karte, die es von China gab, war mehr als hundert Jahre alt, angefertigt nach den Aufzeichnungen der letzten Jesuiten in China. Wie das Fell eines englisches Langhornrinds mehr weiß als farbig, beruhte sie hauptsächlich auf grobem Augenmaß und Hörensagen; an manchen Stellen war sie sogar mit Vermerken versehen wie Hier soll es Drachen geben.

Allein schon die geografischen Namen auf dieser Karte klangen im Englischen nach einem Fabelreich.

Insel der duftenden Ströme. Glückliches Tal.

Perlfluss. Goldstaubfluss.

Stadt auf dem Meer.

Wüste der verlassenen Orte.

Fluss, der durch den Himmel fließt.

Jadeberg. Lotosinsel.

Fluss der Neun Drachen.

Das Reich des sprichwörtlichen Kaisers von China. Des Himmelssohns, der über Reisbauern und Mandarine herrschte. Über Bettlerkönige, fliegende Mönche und überirdisch schöne Damen, die ihre Porzellangesichter halb hinter bemalten Fächern verbargen. Wo blutrünstige Tiger umherstreiften, Nashörner stoisch ihrer Wege gingen und schwarz-weiße Bären in Bambushainen faulenzten.

Ein Land der verbotenen Städte, der Paläste und Tempel aus Gold. Mit der größten Mauer, die die Welt je gekannt hatte und die bestimmt noch vom Mond aus zu sehen war.

Wie Xanadu, die Sommerresidenz des Kublai Khan, ein paradiesischer Ort der Pracht und Herrlichkeit. Über dem die Magie des Fernen Ostens schwebte.

Eine gewisse Art von Märchenzauber.

Fortune war kein Freund von Märchen, er war ein Mann der Wissenschaft.

Natürlich gab es keine Drachen. Keine Magie. Nirgendwo.

China war ein Land wie jedes andere.

Allerdings bevölkert von seltsamen Menschen, bei denen die Männer geflochtene Zöpfe trugen wie junge Mädchen.

Ein Land mit merkwürdigem Essen und dünnem Tee ohne Milch und Zucker.

Hier oben, auf dem höchsten Hügel weit und breit, hatte Fortune in alle Himmelsrichtungen freie Sicht auf felsiges Land und blaues Meer, meilenweit und herrlich menschenleer.

Dreißig Meilen. Das war die unsichtbare Grenze. Dreißig Meilen hinter den durch den Vertrag von Nanking geöffneten Hafenstädten Amoy, Ning-po, Fouchou, Canton und Shanghai – weiter ins Landesinnere durfte sich kein Ausländer bewegen.

Fortune hatte keine Ambitionen, unbedingt in die Regionen vorzudringen, in denen vor ihm noch kein Weißer gewesen war. Er musste nicht in die Fußstapfen von Marco Polo treten. Nicht in die der Jesuiten, die in früheren Zeiten frei im Land umherstreifen durften, bis man ihnen nach und nach immer größere Steine in den Weg legte und sie schließlich hinauswarf.

Alles, was er wollte, war, innerhalb dieser dreißig Meilen die schönsten, die kostbarsten Pflanzen zu finden und sie nach Hause zu bringen.

Sein Glück wollte er hier machen, ohne auch nur eine einzige unsichtbare Grenze zu verletzen, und danach heimkehren.

In sein eigenes kleines Leben. In sein Land, in dem er sich auskannte und dessen Sprache er beherrschte.

Falls sich Heimweh so definierte – dann litt er soeben daran.

In meiner Nische hoch oben lauschte ich auf die Schritte weit unten, auf dem Grund des Turms. Schwere Schritte waren es, vom steinernen Leib der Pagode hallend zurückgeworfen. So laut, dass sie sogar noch im Tosen des Windes zu hören waren.

Aus dem Augenwinkel hatte ich die Gestalt bemerkt, die sich durch die Ruinen näherte, schnell und wie auf der Flucht. Jedoch aufmerksam genug, um zielstrebig einen Weg zwischen den Trümmern hindurch zu finden, ohne dabei zu stolpern.

Ein Mann mit Hut, eine Tasche und so etwas wie eine schlanke Trommel umgehängt. Ein sehr großer Mann, gemessen an der Höhe der Steinblöcke.

Sogar aus meiner Perspektive wirkte er noch groß, wie er da unten stand, den Kopf in den Nacken legte und die Pagode betrachtete, bevor er darin verschwand.

Ein fremder Teufel.

Hier.

Was erstaunlich genug gewesen wäre.

Aber das Auf und Ab seiner Schritte jetzt und ihr ungleichmäßiger Takt verrieten mir, dass er das Innere der Pagode gründlich in Augenschein nahm.

Wozu?

Man musste schon sehr genau hinsehen und seiner Fantasie freien Lauf lassen, um den einstigen Glanz des Tempels erahnen zu können.

Dies hier war längst keine heilige Stätte mehr. Die Menschen von Shenhu beteten jetzt an den Schreinen in ihren Dörfern. Sofern sie überhaupt je beteten.

Deshalb kam ich hierher.

Um meine Finger in den porösen Stein zu krallen und die Wände der Pagode zu erklimmen. Um in Schattenkämpfen auf schmalen, abbröckelnden Vorsprüngen zu balancieren. Über die gähnenden Lücken in der verfallenen Wendeltreppe hinwegzusetzen, geschmeidig wie ein Wolkenleopard, ebenso flink, ebenso lautlos. Mal mit dem Wind zu tanzen, der durch die Fensternischen hereinflog und durch Ritzen im Stein wirbelte, mal mit ihm zu ringen.

Immer mit einem Zucken im Bauch, dass ich das Gleichgewicht verlieren und in die Tiefe stürzen könnte.

Nur ein Narr kennt keine Angst.

Angst lehrt einen zu unterscheiden: zwischen den Grenzen, die es zu überwinden gilt, und denen, die man respektieren muss, schneller als ein Wimpernschlag.

An dieser Angst schärfte ich meine Sinne, meinen Willen, wenn ich in der verlassenen Pagode von Shenhu meinen Körper stark und biegsam hielt.

Und nichts kam dem gleich, danach mit ausgewrungenen Muskeln hier oben in einer der Fensternischen zu sitzen. Meinem Atem zu lauschen, der sich langsam beruhigte, meinem Herzschlag. Das Gesicht der Sonne zugewandt, dem vielstimmigen Wind zuzuhören, der meinen Schweiß trocknete. Den Vögeln so nahe, dass ich nur den Arm auszustrecken brauchte, um beinahe ihre Schwingen im Flug zu berühren.

Jedes Mal war mir hier oben, als fehlte nicht viel, um mit hochgereckter Hand den Himmel streifen zu können.

Das war meine Art zu beten.

Zu einem Gott, der kein Gesicht besaß und sich doch in tausend Gestalten widerspiegelte. Dessen Gesetze nirgendwo niedergeschrieben waren und die doch jedermann kannte. Der keinen Namen hatte und doch bei immer demselben genannt wurde: Gerechtigkeit.

Wie meine Meister es mich gelehrt hatten.

Die Schritte waren verstummt, und ich spähte die Fassade hinunter.

Der fremde Teufel hatte sich auf einer der abgewetzten Stufen niedergelassen, halb im Schatten einer schlanken Säule. Er zog den Hut vom Kopf und wischte sich mit dem Jackenärmel über Gesicht und Stirn.

Wie er den Hut in den Händen drehte und dabei auf die Ruinen blickte, wirkte er gedankenverloren. Fast melancholisch.

Eine zweite Gestalt kämpfte sich durch die Mauerreste. Noch ein Mann, am baumelnden Zopf unschwer als ein Landsmann von mir zu erkennen. Kleiner als der fremde Teufel, aber recht groß für jemanden von der Küste. Zu groß für einen Mann aus Shenhu. Der Wind trug seine Stimme, die fragend etwas rief, zu mir herauf, zerpflückte dabei jedoch die Worte zu undeutlichen Lautfetzchen.

Es schien, als suchte er nach dem fremden Teufel.

Zwei Fremde, allein hier oben.

Ich witterte Ärger.

»Fu-Chung! Fu-Chung!«

Wang schnaufte wie eine Lokomotive, während er über die Ruinen hinwegkletterte.

Fortune drückte sich den Hut wieder auf den Kopf und stand auf.

»Fu-Chung kann nicht einfach weglaufen! Ist er Mann oder Mädchen? Ich mach alles, um Gesindel zu verjagen – und dann ist Fu-Chung weg! Weg! Allein! Muss Wang ihn erst suchen gehen! Wie soll Wang da Schutz geben, hng?!«

Schweigend schlug Fortune den Weg bergab ein. Einen anderen als den, den er aufwärts genommen hatte – für den Fall, dass die geschäftstüchtige Meute auf der anderen Seite des Hügels sich noch nicht zerstreut hatte.

Hin und wieder beschlichen ihn Zweifel, ob er bei Wang wirklich in guten Händen war.

Letzten Endes gab es jedoch nicht allzu viele Chinesen, die sowohl ein bisschen Englisch als auch mehrere der chinesischen Dialekte beherrschten. Und die dazu noch bereit waren, für mehrere Monate einen fan-kwai unter ihre Fittiche zu nehmen.

Ein Umstand, der Wang ebenfalls bewusst zu sein schien.

Seine Beschwerden, Klagen, Ermahnungen perlten an Fortune ab wie das Wasser am Gefieder einer Ente.

Er hatte sie nicht kommen sehen.

Sie waren auf einmal da, auf dem schmalen Pfad zwischen den Felsen.

Ein halbes Dutzend Männer, bewaffnet mit Bambusstöcken.

Jetzt wünschte Fortune sich, er hätte auf Wang gehört. Auf die Warnungen der Fischer unten an der Küste und auf den Fährmann, der sich als Geleitschutz angeboten hatte. Er verfluchte sich dafür, die Flinte und die Pistole, um die er so hart mit der Society gefeilscht hatte, in seiner Unterkunft zurückgelassen zu haben, weil sie ihm hinderlich waren, wenn er Blumen pflückte und Pflanzen samt der Wurzel ausgrub.

Vermutlich hätten sie ihm ohnehin nichts genutzt. Er war schon immer ein lausiger Jäger gewesen, der ein Karnickel nur dann traf, wenn es gerade stillsaß, und froh sein konnte, wenn er sich dabei nicht selbst in den Fuß schoss.

Wie eine Brandungswelle stürzten die Männer vorwärts und warfen sich auf ihn.

Mit der Botanisiertrommel schlug er um sich, nutzte sie mal als Prügel, mal als Schild. Er war größer und stärker, aber sie waren zu viele. Zu entschlossen.

Zu viele Stöcke, die auf ihn eindroschen; zu viele Füße, die nach ihm traten.

»Hilfe!«, hörte er hinter sich. »Wang holt Hilfe! Fu-Chung, haltet durch!«

Dann gab es nur noch dumpfe Schläge. Heiser gebellte Beschimpfungen und Forderungen. Sein eigenes zorniges, hilfloses Gebrüll, das ihm jedoch im Hals stecken blieb, als sie ihm die Beine wegkickten und er hart aufschlug. Der Hut flog ihm vom Kopf, und die ersten Finger wühlten sich in seine Tasche, seine Kleider, gierig nach etwas von Wert.

Eine Stimme schnitt durch die Luft, scharf und glatt, und eine Klinge blitzte auf, dahinter ein grimmig verzogenes Gesicht.

Er riss die Arme hoch, um Kopf und Hals zu schützen, kniff die Augen zusammen; er wollte es nicht sehen, wenn die Klinge ihn traf.

Die Stimmen überschlugen sich, laut und giftig, durchsetzt von hässlichem Gelächter. Geräusche von Hieben, von Tritten. Hastig aus-gestoßene Rufe, die über ihm zerfaserten, und er konnte plötzlich wieder atmen.

Langsam hob er den Kopf und blinzelte.

Bergab rannten sie davon, als wäre ein Teufel hinter ihnen her; einer humpelte, stolperte mehr, als dass er lief, und hielt seinen Arm; ein zweiter ließ in der Eile seinen Stock fallen und hob ihn ungeschickt wieder auf.

Fortune rappelte sich hoch, betastete Arme und Beine und Rippen. Der Saum seiner Jacke war ausgerissen, in seiner Hose klaffte ein Loch. Überall pochte und brannte es, aber mehr als blaue Flecken und Schürfwunden hatte er wohl nicht davongetragen.

Fahrig klaubte er die Münzen aus Kupfer und Silber vom Boden, sah sich währenddessen vorsichtig um, immer noch auf der Hut.

Ein Schatten zeichnete sich gegen die Sonne ab. Kraftvoll und leichtfüßig tänzelte er über die Felsen, zur Pagode hinauf, den Umriss eines Schwerts auf dem Rücken wie der schmale Flügel eines zerrauften Engels.

Scham durchglühte ihn, mischte sich mit Erleichterung. Mit Dankbarkeit.

mh goi. Danke.

Beim nächsten Sprung peitschte der geflochtene Zopf durch die Luft, und das Sonnenlicht flackerte für einen kurzen, flüchtigen Augenblick über die Züge des Schwertkämpfers. Weich sahen sie aus, fast feminin.

Wie das Gesicht eines Mädchens.

Tagsüber vergisst Jane oft, dass er nicht hier ist.

An diesen Tagen, die kürzer und kürzer werden.

Noch sind diese Tage kupferfarben und golden. Aber unter dem Nebel, der sich immer häufiger niederlässt, breitet sich schon stumpfes Braun aus.

Mehr und mehr muss sie sich beeilen, kein kostbares Tageslicht zu verschwenden. Wenn sie im Gärtchen werkelt, das zum gemieteten Haus gehört, Obst und Gemüse einkocht. Im Haus putzt und wischt und die Wäsche macht. Kleidchen und kleine Mäntel für den kommenden Winter näht.

Es sind die Abende, an denen er fehlt.

In der Küche, wenn sie nur für sich und Helen Essen macht und nicht für drei. Sobald Helen endlich neben ihrem Brüderchen eingeschlafen ist, das morgens und abends noch die Brust bekommt, und Jane dann am Kamin sitzt.

Während ihre Finger im Schein des Feuers und einer Lampe damit beschäftigt sind, ein neues Jäckchen für John zu stricken, ist sie sich des leeren zweiten Sessels bewusst.

Kein Robert, der die Beine von sich streckt und über einer Tasse Tee gedankenverloren in die Flammen schaut. In einem Buch liest. Ihr leise von Blumen mit fremdartigen Namen erzählt. Blumen, die sie sich nur vage vorstellen kann, wenn er sie beschreibt. In sorgsam abgewogenen Worten, immer noch mit dem dunklen, vollmundigen Akzent der schottischen Heimat. War der Arbeitstag besonders hart, nickt er irgendwann ein.

Eine stille, starke Präsenz ging immer von ihm aus. Ein Kraftfeld, fast zu groß für das kleine Cottage, das in Schieflage zu geraten scheint, seit er fort ist, die Proportionen der Räume, der Möbel wie verschoben.

Manchmal holt sie die Kinder zu sich ins Bett, wenn sie sich schlafen legt.

In dieser Zeit bei ihren Eltern unterkommen, wie es üblich gewesen wäre und vielleicht auch einfacher – das wollte sie nicht. Sie wollte nicht zurück in die ärmliche Enge mit den verrußten Wänden und dem Kohlgeruch.

Sie ist froh, es dort heraus geschafft zu haben. Von der Tochter eines Knechts zum Dienstmädchen in Edinburgh, und schließlich hierher, in dieses hübsche Häuschen in Chiswick.

Mehr, als ihre beiden Schwestern erreicht haben. Mehr als die anderen Mädchen im Dorf.

Jane kettelt die letzte Reihe des Halsbündchens ab und wandert mit den Gedanken in die Ferne.

China.

Genauso gut hätten sie ihn zum Mond schicken können.

Und alles nur wegen ein paar Pflanzen. Die keinen weiteren Zweck erfüllen, als hübsch auszusehen. Die sicher schwierig zu halten sind.

Männer sind es, die neue Pflanzen entdecken und züchten, kategorisieren und benennen. Ein Männerberuf ist es, Gärten anzulegen, die die noble Eleganz von Herrenhäusern noch unterstreichen. Die das Auge erfreuen und die Seele beflügeln.

Unpraktische und nutzlose Allüren, typisch für Männer und feine Ladys, die sonst nichts zu tun haben. Die sich keine Gedanken machen müssen, wovon ihre Kinder satt werden.

Mit einem energischen Schnippen schneidet sie den Faden ab.

Trotzdem ist Jane stolz, einen Mann mit diesem Beruf geheiratet zu haben. Einen Künstler, der leeren Raum gestaltet, indem er aus vergänglichen Materialien lebendige Werke erschafft. Der Bücher liest und Latein und Griechisch beherrscht. Ihr gemeinsames Brot mit ehrlicher Arbeit verdient. In einem Beruf, der mehr Ansehen genießt als der eines Knechts, eines Heckengärtners. In dem mehr Geld zu machen ist.

Genauso stolz ist sie auf ihr eigenes Gärtchen. In dem sie im Frühsommer ihre eigenen Erdbeeren ernten kann und später im Jahr Brombeeren und grüne Bohnen und in der Zeit dazwischen Radieschen. Ein Frauengarten mit Veilchen und Ringelblumen, Löwenmäulchen und Flieder, Salbei, Kamille und Petersilie. Robuste Pflanzen, die wenig Arbeit machen und nützlich sind.

Männer erkunden und gestalten die Welt. Frauen nähren und kleiden.

Das ist die gottgewollte Ordnung.

Sie streicht das fertige Rückenteil glatt; dämpfen und zum Jäckchen zusammennähen wird sie die gestrickten Teile morgen, im Tageslicht.

Jane träumt von einem größeren Garten. Mit einem Apfel- und einem Birnbaum, vielleicht sogar einem Kirschbaum. Von eigenen Karotten und Gurken, ein paar Hühnern. Und von einem größeren Haus.

Unter der wärmenden Aussicht darauf ist schließlich ihr Widerstand gegen diese Reise geschmolzen.

Es ist ja nur für ein Jahr, sagt sie sich immer wieder.

Sie greift zu einem frischen Wollknäuel und schlägt mit dem Nadelspiel Maschen für eine Socke an.

Robert wird neue brauchen, wenn er erst wieder hier ist.

Chusan war nicht der Garten Eden. Aber fast.

Schön. Robert Fortune fiel kein besseres, kein originelleres Wort dafür ein; wieder und wieder kam es ihm in den Sinn.

Schön war der Ausblick auf die vielen Inseln des Archipels im leuchtend blauen Meer. Auf die rauchblauen Silhouetten der Bergketten in der Ferne. Die fruchtbaren Täler, die sich zum Ozean hinab entrollten und in denen klare Bäche sprudelten, waren schön. Das Gras, das die Hügel bekleidete, die Bäume und das Unterholz. Die Reisfelder.

Zwanzig Meilen lang und etwas über zehn Meilen breit, war Chusan ein Schatzkästchen der Natur. In dem wilde Rosen wuchsen und Geißblatt, Palmen, Zypressen und Wacholder. Myrten- und Heidekrautgewächse, der Kampferlorbeer und Thea viridis, der Strauch des grünen Tees.

Wenn er durch die Täler Chusans wanderte, über Hügel und Bergpässe und durch Schluchten, die ihn an die schottischen Highlands erinnerten, kam Fortune sich vor wie im Paradies.

Wenn auch kein gänzlich unberührtes: Englische Soldaten hatten während des Krieges hier ihre Fußabdrücke hinterlassen. Englische Einsprengsel würzten das Stimmengewirr genauso selbstverständlich wie die im Lauf der Zeit angespülten Körnchen von Portugiesisch, Malaiisch, Bengalisch und Hindustani. Die Geschäfte im Hafenstädtchen Tinghae wurden nicht in Käsch oder Tael gemacht: In der internationalen Währung des Dollars wurden die Preise kreuz und quer durch die Gassen gebrüllt, um ein Schaf (drei Dollar) oder einen Ochsen (acht bis zehn Dollar) an den Mann zu bringen. Sogar das Brot in den Läden war nach englischem Rezept gebacken.

Englisch war das Gütesiegel in Tinghae und versprach hohes Ansehen und wirtschaftlichen Erfolg.

Wer auf sich hielt und ehrgeizig war, gab sich englisch – und pinselte sich ein fantasievolles Schild dazu.

Dominie Dobbs – Königlicher Gemischtwarenhändler.

Squire Sam – Porzellanhändler und Hoflieferant der Queen.

BUKCMASTER – Schneider Ihrer Allergnädigsten Durchlauchtesten Majestät Queen Victoria und Seiner Königlichen Hoheit Prinz Albert. Uniformenallerartundform.

Zehn Tagesreisen mit dem Schiff von Chimoo entfernt, erlebte Fortune ein vollkommen anderes China.

»Wang wartet hier?«

Der Chinese deutete auf die Stelle, an der sich der Weg gabelte.

Unsicherheit schwang in seiner Stimme mit. Immer noch.

Obwohl ihre Tage hier in Chusan inzwischen einer eingespielten Routine folgten.

»Ja, warte hier.«

Als hätte er eine Last von seinen Schultern geworfen, ließ sich der Chinese mit einem Stoßseufzer in die Hocke fallen; selbst kürzere Fußmärsche schienen ihm enorme Kraft abzuverlangen.

Ein zähes diplomatisches Ringen war es gewesen, nach dem Vorfall unter der Pagode von Chimoo. Um Wangs Feigheit. Fortunes Starrsinn. Darum, dass sie beide in diesem Überfall das Gesicht verloren hätten. Ein Konzept, das Fortune an die Regeln von Anstand und gesellschaftlicher Anerkennung zu Hause in England erinnerte. Nur schien ihm dieses hier in China ungleich komplizierter und lebensnotwendiger, mit Feinheiten, die er nicht kannte und auch nicht nachvollziehen konnte.

Ein Streitgespräch nach dem anderen hatte Wang angezettelt. An den letzten Tagen in und um Amoy. Während der Schiffspassage nach Norden, durch die strudelnden Schwarzen Wasser der Meerenge von Formosa.

Bis sie diesen Kompromiss aushandelten und jeden Morgen gemeinsam in Tinghae aufbrachen, Fortune jedoch allein weiterzog, sobald sie die Hafenstadt hinter sich gelassen hatten.

»Fu-Chung aufpassen, ja?«, gab Wang sich gönnerhaft.

Fortune klopfte gegen die Ausbuchtung an seiner Hüfte.

Die Pistole war nicht geladen; er traute diesen Feuerwaffen nicht. Schon gar nicht, wenn er sie am Körper trug, während er zwischen Felsen herumkletterte, sich nach Gräsern bückte oder auf dem Boden kauerte, um in der Erde zu wühlen.

Trotzdem würde sie vielleicht zur Abschreckung taugen, beim nächsten Mal; vor allem diente sie jedoch dazu, Wang zu beruhigen. Dessen Gesicht zu wahren.

Fortune zögerte noch, sich auf den Weg zu machen.

Dies war einer der seltenen Momente, in denen Wang nicht in der Herberge von Tinghae nahtlos von herzhaftem Gähnen zu Schnarchen überging – aber auch keinen seiner endlosen Monologe über Gesehenes, Gehörtes, Erlebtes anstimmte. Durchsetzt mit alten Weisheiten, die – halb auf Englisch, halb auf Chinesisch – für Fortune nie einen Sinn ergaben.

Er wusste einfach nicht, was er sagen sollte.

Es war eine Sache, die meteorologischen Gegebenheiten zu untersuchen und in seinen Notizen zu dokumentieren. Sich mit anderen Gärtnern über den späten Frühling, Dauerregen und Nachtfrost zu unterhalten. Das war ihr Metier. Ihre gemeinsame Sprache, die selbst der einsiedlerischste, wortkargste Gärtner gerne sprach.

Aber mit Wang eine Unterhaltung über das Wetter anzustrengen, nur damit irgendetwas gesagt war? Zumal der Blick, den Wang über seine Schulter warf, verriet, dass er mit seinen Gedanken in Tinghae war.

»Also dann«, murmelte Fortune halbherzig, eine plötzliche Ungeduld in den Beinen, und marschierte bergan.

Jeden Morgen, an dem er sich aufmachte, Chusan zu erkunden, überkam ihn Bedauern, dass er erst so spät im Jahreslauf hierhergefunden hatte.

Im Frühling musste es hier atemberaubend sein, das verhießen die dichten Laubwolken der Azaleen an den Berghängen. Sobald ihre Knospen in den ersten warmen Monaten des Jahres aufbrachen, würde die Insel wie mit den Farben des Regenbogens übergossen sein – wahrhaftig das blühende Land, das er sich erhofft hatte.

Ihm graute vor dem Winter, in dem wohl auch hier kaum etwas grünte oder gar blühte. Vielleicht würde er in Shanghai überwintern. Seine leeren Tage damit verbringen, alle Gärtner der Stadt abzuklap-pern und jedes feine Haus. In der Hoffnung, auch die Chinesen holten sich in der kalten Jahreszeit den Sommer mit Topfpflanzen in ihr Heim.

Er musste ganz einfach im Frühjahr noch einmal herkommen.

Bis dahin dehnte er seine Streifzüge über die Insel von Chusan so weit aus, wie er nur konnte, um aus der noch warmen und hellen Jahreszeit alles herauszuholen.

Auf diese Weise war er zuletzt als Junge durch die Natur gewandert; manchmal hatte er dafür sogar die Schule geschwänzt. Ein zielloses Umherstromern, allein, in einem Gefühl unendlicher Freiheit. Nicht auf der Suche nach etwas Bestimmtem. Sondern mit offenen Sinnen nach dem Ausschau haltend, was sich finden ließ. Als ob der Sinn des Lebens in dieser Art des Suchens, des Findens lag.

Seitdem er hier in Chusan unterwegs war, konnte Fortune die allgemeine Euphorie nicht mehr nachvollziehen, mit der man Hongkong eine glänzende Zukunft als Handelsplatz prophezeite; zu unsicher erschien ihm die Lage, zu mörderisch das Klima.

Aber schließlich war er nur ein Gärtner. Der sich lieber Gedanken darüber machte, wie sich jenes feindselige Eiland zu einem besseren Ort umgestalten ließe.

In Gedanken überzog er die kargen Berghänge Hongkongs mit dichtem Buschwerk. Vielleicht mit den scharlachroten Blütenbällen der Ixora coccinea, die steinigen Untergrund liebte, oder mit der immergrünen und weißblühenden Polyspora axillaris. Den noch provisorischen Straßen würde er mit den ausladenden Kronen des Ficus nitida Schatten verschaffen und den Häusern mit schnell wachsendem Bambus …

Irgendwo unter ihm leuchtete etwas auf. Er blieb stehen und reckte sich, spähte zu dem kleinen Flusslauf hinunter.

Azurblau strahlten ihm tausende von Blütensternen entgegen. Ein dichter Saum entlang des Flussbetts, dessen Wasser daneben zu einem faden Grau verblasste.

Fortune kämpfte sich durch das Dickicht aus Brennnesseln, konnte nicht schnell genug die Böschung hinabschlittern. Um sich dann langsam hinzuknien. Fast andächtig und wie zum Gebet.

»Hallo, meine Schöne«, murmelte er.

Eine Staudenclematis. Mit anmutig gewellten Blütenblättern in diesem vibrierenden Blau, das filigrane Staubgefäß weiß und gelb und purpur.

Er zog Maßband und Notizbuch hervor.

Clematis lanuginosa. Max. Wuchshöhe 4 Fuß. Ranken holzig, Zweige undeutlich 6-eckig mit flachgedrücktem Flaumhaar. Blattstiele 1-3 Inch. Blätter: schmales Oval bis herzförmig und Apex zugespitzt, 2-4 Inch x 1-2 Inch, papierartig, abaxial mit dichtem grauem Flaum, adaxial spärlich behaart. Einzelblüten, 3-5 Inch Durchmesser, Pedicellus dicht behaart. Kelchblätter …

Die Atmosphäre über dem Flüsschen war umgeschlagen. Eine Spannung knisterte in der Luft und ließ ihn aufblicken.

Jemand beobachtete ihn. Jemand, der sich zwischen den Clematis am anderen Ufer zusammenkauerte.

Ein Mädchen.

Soweit er dies durch Blätter und Blüten hindurch einschätzen konnte.

Er fuhr zusammen, als das Mädchen aufsprang, durch die Clematis stolperte und davonrannte.

Es war nicht die Art, wie ihr Zopf durch die Luft fegte oder wie das Schwert auf ihrem Rücken dabei tanzte. Es war ihr Gesicht. Nicht vertraut, nicht unbekannt.

Wo doch alle chinesischen Gesichter für ihn so ähnlich aussahen, dass er wohl nicht einmal Wang erkannt hätte, würde er ihm unerwartet auf der Straße begegnen.

Er erinnerte sich an dieses Gesicht, aus dem Tumult unter der Pagode von Chimoo. Das Gesicht über der gezückten Klinge. Auf den Felsen, im Schlaglicht der Sonne, eine seltsame Mischung aus Aufruhr und innerem Frieden auf den Zügen.

Mit einer Falte über der Nasenwurzel starrte Robert Fortune verwirrt auf die Stelle zwischen den Clematisblüten.

Noch lange, nachdem das Mädchen verschwunden war.

Er konnte sich nicht mehr daran erinnern, welche Bedeutung man der Clematis zu Hause in England zuschrieb.

Beim besten Willen wollte es ihm nicht einfallen.

Schon von Weitem hatte ich ihn gesehen, hoch aufragend wie ein Turm in der leeren Landschaft. Seine Schritte waren unüberhörbar, wie das Stampfen eines Ochsen.

Ich hatte gehofft, er würde vorbeigehen. Geduckt hatte ich mich und den Atem angehalten, als könnte ich zwischen den blauen Blumen verschwinden.

Bis er am Fluss seinen Durst gestillt oder seine Notdurft verrichtet hätte und dann seinen Weg fortsetzte.

Mich in ein Kampfgetümmel zu stürzen, mich mit Kerlen anzulegen, die größer und breiter waren und in Überzahl – davor fürchtete ich mich nicht. Ich fand es auch nicht besonders mutig: Dafür war ich ausgebildet worden, hatte mich jahrelang darin geübt.

Begegnete ich anderen Menschen auf meinem Weg, überfiel mich Scheu, umso mehr, je verlassener die Gegend war. Die Scheu eines Menschen, der das Alleinsein liebt. Dessen Zuhause die Einsamkeit ist.

Er war nicht der erste fremde Teufel, den ich gesehen hatte. Die Küste war voll von ihnen.

In Xiamen, das die Leute dort auch Amoy nannten. In Shanghai. In Ningbo und Fuzhou und Guangzhou, von dem fast jeder nur als Canton sprach. Hongkong hatten sie gleich an sich gerissen. Wie die dunkelhaarigen, braunhäutigen Männer aus pu tao ya, dem tiefsten Südosten der westlichen Welt, es zuvor schon mit Macao getan hatten.

Nur in Dinghai waren die Fremden weniger geworden, seit die Soldaten fort waren.

Überall machten sie sich breit und griffen nach allen Schätzen, derer sie habhaft werden konnten. Und meine Landsleute drängten sich dazwischen, um ihr eigenes Stück vom Kuchen des schnellen Geldes abzubeißen.

Vielleicht war es eine gute Sache, dass unsere Welt dabei war, sich zu verändern. Unser altes, stolzes, himmlisches Reich zu spüren bekam, dass es nicht unbesiegbar war. Nicht dem Rest der Welt überlegen. Vor allem nicht den verachteten, verspotteten Barbaren aus dem Westen.

Obwohl die Wellen, die diese Fremden an der Küste schlugen, wohl nie den Rest des Landes erreichen würden. Dafür war es zu groß. So groß, dass man Jahre darin umherwandern konnte, ohne jemals alles davon zu sehen, wie es früher bei uns im Dorf hieß. Und vermutlich würden diejenigen die wenigsten Veränderungen erleben, die sie am nötigsten brauchten.

Die Armen. Die Kinder. Wir Frauen.

Die fremden Teufel waren allesamt Männer, deren Stimmen durch die Gassen und über die Häfen donnerten. Große, ungeschlachte Männer. Die stanken, ranzig wie altes Schweinefett und nach Schnaps. Mit hässlichen, unförmigen Gesichtern und unheimlichen Augen, hart und kalt wie Glas.

In den Hafenstädten gewöhnte ich mir schnell an, breitbeinig zu schlendern wie ein Mann und den Kopf gesenkt zu halten. Für die fremden Teufel war ich leichte Beute.

Ja, selbst ich. Das Mädchen mit dem Schwert.

Weil ich ihre Regeln nicht kannte. Ihre Gesetze.

Sicher würde mich nichts Gutes erwarten, schlitzte ich einem von ihnen die Kehle auf, um mich selbst zu verteidigen. Schließlich war ich in ihren Augen nur ein Chinesenmädchen. Meine Landsleute wussten immer sofort, was ich war. Wo ich hingehörte.

In die Schatten. Die dunklen Winkel.

Dort, wo man mich brauchte, in diesen unsicheren Zeiten.

Deshalb verstanden sie es nicht, die Männer von Shenhu. Warum ich mich auf dem Pfad unter der Pagode nicht auf ihre Seite schlug. Sondern den fremden Teufel verteidigte und aus ihrem Zugriff befreite. Diesen hilflosen Riesen am Boden.

Ich hatte noch nie einen Weißen gesehen, der sich verprügeln ließ wie ein schwächlicher Junge.

Die Männer von Shenhu lachten und höhnten erst. Dann richtete sich ihr Zorn gegen mich. Als ob sie mir gewachsen gewesen wären. Diese Bauerntölpel, die nichts anderes konnten als schwerfällig mit ihren Stöcken auszuholen.

Ich hatte es getan, weil es das Richtige gewesen war. Nicht einmal so sehr, weil ich so erzogen worden war. Sondern weil ich daran glaubte.

Wenn ich ehrlich sein soll … Vielleicht hatte ich es auch getan, um ihnen eine Lektion zu erteilen. Diesen Raubeinen ohne einen Funken Verstand, die ihren Nachbarn jedes Körnchen Reis mehr neideten und grob mit ihren Frauen und Kindern umgingen. Denen ich ein Dorn im Auge war, weil ich mich nicht auf dem Platz vor dem Feuer zusammenkauerte, der für mein Geschlecht vorgesehen war. Und deren Glitzern im Blick mir verriet, was sie am liebsten mit einer wie mir angestellt hätten.

Hätten sie nicht so viel Angst vor mir gehabt.

Die Aura meines Schwertes machte mich unantastbar. Selbst in Shenhu.

Trotzdem, es war höchste Zeit gewesen, Shenhu den Rücken zu kehren, gleich am nächsten Tag.

Zeit, weiterzuziehen, auf einem Kahn voller Pflaumen und Orangen.

Frauen an Bord bringen Unheil, das glaubt jeder Seemann aus dem Norden zu wissen. Mein Schwert jedoch machte aus mir einen Glücksbringer, den man stets bereitwillig mitfahren ließ.

Dieses Mal nach Zhoushan, wo die Menschen freundlich waren und freigiebig.

In Zhoushan musste ich nie Mangel leiden. Überall bekam ich eine Schüssel Gemüse und reichlich Reis dazu und ein Lager für die Nacht. Oft baten mich die Bauern, mit ihnen zusammen zu essen und von meinen Wanderungen zu erzählen, von meinen Abenteuern. Und nicht selten steckte mir eine Bauersfrau heimlich ein paar Kupfermünzen zu oder ein abgelegtes Hemd, damit mein Besuch Glück brachte und Segen.

Manchmal mit Mitleid in den Augen. Manchmal mit der Sehnsucht, an meiner Stelle zu sein.

Wenn es mir zu viel wurde, zog ich mich in die Berge zurück. Wo ich genug Beeren und Früchte fand, die mich nährten, sogar noch im Herbst. In dieser Stille, dieser Einsamkeit, die mich die Freiheit atmen ließ, für die ich mein altes Leben aufgegeben hatte.

Kaum jemand verirrte sich hierher. Höchstens im Frühsommer, wenn die Wälder voll waren von den süßen, purpurroten Beeren der yangmei.

Schon gar kein fremder Teufel.

Noch viel weniger derselbe fremde Teufel, den ich unter der Pagode von Shenhu aus den Klauen der räuberischen Gesellen befreit hatte.

Natürlich war er mir nicht gefolgt, wie auch, das war unmöglich.

Nie kreuzte sich mein Weg ein zweites Mal mit jemandem, dem ich geholfen hatte. Weil die Menschen sich zwar an die gute Tat erinnerten, nicht aber an die Hand, die dabei das Schwert geführt hatte. Während ich allein auf die Situation konzentriert war. Auf Arme und Beine des Gegners; auf Blicke, Geräusche, Atemzüge. Auf das Zucken eines Muskels, einen Lidschlag.

Und nie blieb ich lange genug für Dank oder einen Lohn.

Wir waren wie Schatten. Manche sagten auch: wie Dämonen.

Das war das Los von uns jianghu.

Ich glaubte nicht an Schicksal. Aber was sonst konnte es sein, ihm noch einmal zu begegnen, zehn Tagesreisen zu Wasser von Shenhu entfernt?

Diese zufällige Fügung gefiel mir nicht.

Als sich der Blick dieses fremden Teufels auf mich richtete, lief ich fort.

Sie war wieder da.

Am nächsten Tag, ein Stück weiter den Fluss hinauf.

Fortune fragte sich, ob sie wohl irgendeinen Dank oder Lohn von ihm erwartete, dafür, dass sie ihm in Chimoo aus seiner Notlage herausgeholfen hatte.

Doch sie machte keine Anstalten, sich ihm zu nähern. Eine Forderung zu stellen oder auch nur eine Bitte.

Er wusste nicht, wie er von sich aus seinen Dank anbieten konnte. Die Stolpersteine der fremden Sprache hemmten ihn; es entsprach ihm auch nicht, zusammenhanglose Wortbrocken über die Wiese zu brüllen. Er suchte ihren Blick, um eine Verbindung herzustellen. Nickte ihr kurz zu. Blickte fragend drein.

Sie saß einfach nur da und beobachtete ihn.

Reglos.

Auch am Tag darauf ließ sie ihn nicht aus den Augen, während er sich mit Clerodendrum indicum beschäftigte.

Der kalte Schweiß brach ihm aus bei dem Gedanken, sie könnte ihn aus den Händen der geldgierigen Raufbolde befreit haben, um danach selbst zuzuschlagen und die Beute für sich allein zu beanspruchen.

Er erinnerte sich gut daran, wie schnell sie gewesen und wie geschickt sie mit der Klinge des Schwerts umgegangen war. So schnell, dass er vermutlich keine Chance hätte, auch nur nach seiner Pistole zu tasten, geladen oder nicht.

Er hätte Wang bitten sollen, mitzukommen. Und sei es nur als Dolmetscher, der herausfand, was das Mädchen von ihm wollte.

Dieses Mädchen, dessen Haltung Wachsamkeit ausstrahlte. Fast misstrauisch wirkte sie; womöglich hatte er sie in ihrem Schlupfwinkel aufgestört, und sie traute ihm genauso wenig wie er ihr.

Er schalt sich einen Narren, der Gespenster sah, und bückte sich tiefer über das Purpur der fleischigen Seesternblüten.

Keinen Schritt näherte sich ihm das Mädchen.

Nie richtete sie das Wort an ihn oder langte nach dem Griff ihres Schwerts.

Sie schien sich damit zu begnügen, ihm zuzusehen.

An jedem einzelnen Tag, den er sich methodisch durch die Landschaften der Insel vorarbeitete. In seinem eigenen gemächlichen Rhythmus die Pflanzen betrachtete, untersuchte und vermaß. Besonders schöne Exemplare erntete er, um sie zu konservieren. Andere grub er behutsam aus, die in Glaskästen wieder wurzeln und die Schiffsreise in ihre neue Heimat antreten sollten.

Es war ihm unangenehm, einen Zuschauer zu haben. Als wäre er wieder ein Lehrling, dem der Meister peinlich genau auf die Finger schaute.

Er gewöhnte sich daran.

Eine stille Präsenz am Rande seines Gesichtsfelds war das Mädchen, unaufdringlich wie ein Grashalm.

Fortune war Gärtner, er hatte Geduld.

Diese zufällige Fügung ließ mir keine Ruhe.

Deshalb fand ich mich immer wieder hier ein, Tag um Tag. Meile um Meile, die dieser fremde Teufel nach und nach weiter über die Insel zog.

Ich beobachtete ihn, wie er mit ruckendem Kopf suchend über die Wiesen stolzierte. Wie ein Kranich, nur dass ihm die Eleganz dieses Vogels fehlte, dafür war er zu kräftig. Von einer Kraft, die allein in seinen langen Armen und Beinen saß und nicht aus seiner Mitte kam. Wenn er sich zusammenfaltete, um im Gras in die Hocke zu gehen, erinnerte er mich an eine Heuschrecke.

Anfangs dachte ich, er müsste wohl ein Magier sein, auf der Suche nach zauberkräftigen Kräutern. Obwohl er nicht alt war und keinen weißen Bart hatte.

Doch was wusste ich denn schon von den Magiern des Westens?

Trotzdem glaubte ich auch nicht, dass er ein Arzt war. Er kostete nie von den Wurzeln, den Blättern, schnupperte nur hin und wieder an den Blüten.

Ich war fasziniert von dem Staunen, mit dem er diesem kleinen Kosmos begegnete. Während ich nie den weiblichen Sinn für Blumen gehabt hatte. Pflanzen nur danach beurteilte, was davon mich nährte und was mich vergiften würde. Was Husten linderte und was eine Wunde schneller heilen ließ.

Erst nach einigen Tagen verstand ich, dass er die Pflanzen um ihres Wesens willen studierte. Wegen ihrer Schönheit. Obwohl er ein Mann war, und ein noch junger dazu.

Die Art, wie er die Blätter berührte, die Blüten betrachtete, erinnerte mich so sehr an den alten Anshin, dass es mich bis ins Mark traf. Ich konnte nicht mehr atmen vor Heimweh.

Trotzdem kam ich am nächsten Tag wieder.

Und an allen anderen Tagen darauf.

Um mehr von dieser schmerzlichen, dieser schönen Erinnerung zu kosten, die mir der fremde Teufel zurückbrachte, ohne dass er davon wissen konnte.

Die Erinnerung an das zweite Zuhause, das ich gehabt hatte. Das zweite, das ich verloren hatte.

Durch meinen Eigensinn. Mein Aufbegehren. Meine Gier nach Freiheit.

Jeden Tag kam ich, um noch ein wenig in diesem Gefühl von Zuhause zu verweilen.

Mag sein, dass ich deshalb nach und nach den sicheren Abstand zu ihm verringerte.

Ihre Augen folgten ihm bei jeder seiner Bewegungen.

Wachsam, immer noch. Aber mit schwindendem Argwohn, dafür wachsender Neugierde.

Eine Neugierde, die Fortune teilte.

Er fragte sich, wie sie wohl hieß. Wer sie war, wo sie schlief, wovon sie lebte. In diesem Land, in dem er höchstens einmal eine Bauersfrau in ihrem Gärtchen zu Gesicht bekam. Eine Greisin, die halb blind einen Marktstand bewachte. Sehr kleine Mädchen, ein noch kleineres Geschwisterkind auf den Rücken gebunden oder einen Korb mit Obst auf dem Kopf balancierend, der viel zu schwer aussah.

Kein Mädchen irgendwo zwischen Kind und Frau, das in weiten Hosen und wattierter Jacke allein durch die Wildnis streifte. Das ein Schwert mit sich führte und ungerufen einem fan-kwai in Bedrängnis zu Hilfe kam.

Seine Gewohnheit, leise mit den Pflanzen zu sprechen und vor sich hinzumurmeln, wenn er Notizen machte, nahm er wieder auf; das Mädchen verstand ihn sowieso nicht.

Vielleicht war es das Schweigen des Mädchens, das seine Zunge löste. Oder wie sie, kaum merklich, näher an ihn heranrückte, jeden Tag ein bisschen mehr. Ihm damit zu verstehen gab, dass sie langsam Vertrauen fasste, jeden Tag ein bisschen mehr.

Sogar Dinge, die ihm dabei durch den Kopf gingen, sprach er aus. Eine Eigenart, die er während seiner Lehrzeit aufgegeben hatte, um nicht als wunderlich zu gelten.

»Wie Sommersprossen, diese purpurnen Sprenkel auf der Innenseite des Blütenkelchs. Feiner, als eine Menschenhand sie je mit dem Pinsel auftragen könnte. Eine Campanula punctata. Erstaunlich, dass sie hier noch blüht, so spät im Jahr. Und dann auch noch in reinstem Weiß. Bei uns sind sie rötlich eingefärbt, und im August ist es schon vorbei damit. Ob es sie hierzulande auch in anderen Farben gibt? Ich mag Glockenblumen sehr. Eine zurückhaltende, bescheidene Schönheit, die in der Masse durch ihre Farbe wirkt. Aber erst wenn man sie einzeln genauer betrachtet, entfaltet sich das ganze Wunder.«

Zu Hause in England hätte er sich nie auf diese Weise geäußert.

Die Botanik war die unmännlichste aller Wissenschaften, anders als die Zoologie, die Paläontologie oder die Geologie. Lehrreich, gewiss, vor allem aber erbaulich und feinsinnig.

Harmlos. Feminin.

Weil Pflanzen von zerbrechlicher Lebendigkeit waren, hatte Fortune oft gedacht. Nichts, was man erst aus Stein herausmeißeln musste wie Trilobiten und Ammoniten. Nichts, was gejagt und geschossen und ausgestopft werden konnte.

Es waren kleine Mädchen und Ladys jeden Alters, die Blumen pflückten und pressten und in Herbarien klebten. Poeten priesen den Zauber, der von einer Blume ausging, und feinsinnige Gentlemen verehrten ihren Angebeteten Sträuße, in denen nach den Vokabeln der Floriografie jeder Blüte, jeder Farbe eine eigene Bedeutung zukam.

Erst die harte körperliche Arbeit in den Gärten verlieh der Pflanzenkunde einen Zug von Männlichkeit. Das maskuline wissenschaftliche Ritual des Sezierens, Kategorisierens und Experimentierens. Die Seltenheit einer Pflanze bestimmte in Männeraugen ihren Wert. Die Anstrengungen, die es kostete, sie zu beschaffen, zu halten und zu vermehren, ließen sich in der männlich dominierten Welt des Geldes berechnen.

In der Gegenwart des Mädchens konnte er das aussprechen, was ihm in den Sinn kam. Unter ihren Augen, die nicht urteilten, einfach nur beobachteten.

»Diese Stelle hier. Wo der Stängel aus der Wurzel hervorgeht. Hier soll die Seele einer Pflanze sitzen. Theophrastos von Eresos hat das geschrieben, im dritten Jahrhundert vor Christus. Undenkbar damals, dass eine Pflanze keine Seele haben könnte. Ich frage mich, wie dieser Gedanke im Lauf der Zeit verloren gehen konnte. Wann genau. Und warum. Ein kluger Mann, dieser Theophrastos. Der Vater der Botanik. Der Name der Päonie geht auf ihn zurück. Ebenso unsere Namen für Narzisse, Iris, Anemone, Krokus und Spargel. Ich habe mir früher oft gewünscht, durch die Zeit reisen zu können und ihm zu begegnen. Nur einen Tag lang unter ihm zu studieren.«

Wie ein Arkadien hatte er sich den Garten von Theophrastos vorgestellt. Ein Garten Eden. Mit Pflanzen aus aller Welt, dazu geschaffen, um sich in das Wunder der Natur zu vertiefen. Ihr Wesen zu studieren und Wissen zu erlangen.

Fast wie hier in Chusan.

Ab und zu dachte er noch daran, Wang hierher mitzunehmen. Für alle Fälle.

Wang jedoch schien zufrieden damit, unten an der Weggabelung auf ihn zu warten. Vermutlich war er inzwischen sogar dazu übergegangen, sich nach Tinghae zurückzuschleichen, um den Tag zwischen den Marktständen zu verbringen, die Obst und Gemüse aus dem Landesinnern anboten und eine Fülle an Fischen und Schalentieren obendrein. Irgendwo im Getümmel um die unzähligen Buden und Lädchen, die Göttergestalten aus Bambus und Stein verkauften, Räuchergefäße und fantastisch anmutende Tierfiguren. In einem Teehaus. Einer Garküche. Oder wo die Chinesen sonst die Stunden eines Tages totzuschlagen pflegten; er wusste ja, dass Fortune erst am Abend aus den Bergen zurückkehren würde.

Ein Arrangement, das Fortune nicht unlieb war.

Ihm gefiel diese Art von Doppelleben. Vom Abend bis zum Morgen war er der fremde Sonderling, den Wang in einer Mischung aus gnädiger Herablassung und Hahnenstolz durch das Land führte. Fremd und sonderbar war er sowieso, wohin er auch in diesem Land einen Fuß setzte.

Den Tag über jedoch wanderte er frei umher. Fern der gestrengen Blicke und der beißenden Bemerkungen von Fortune senior, der seinen Kindern Fleiß und Ehrgeiz eingeprügelt hatte. Dessen Erwartungen er mit der Leitung der Treibhäuser in Chiswick zwar erfüllt hatte, der aber die Beschäftigung seines Ältesten mit Orchideen und anderem nutzlosen Schnickschnack befremdlich fand.

Hier in Chusan konnte er sogar die Erwartungen der Society abschütteln wie einen mit Regen vollgesogenen Wollmantel – und seine eigenen Ansprüche gleich mit. Zwischen den Gräsern und Bäumen und Blumen der Insel konnte er ganz er selbst sein.

In diesen seltsamen Begegnungen mit dem Mädchen, in denen jeder für sich blieb und die ihr offenbar genauso behagten wie ihm.

Obwohl er sich manchmal dabei ertappte, wie er sich wünschte, sie würde ihn doch verstehen.

Er schien sich vollkommen sicher zu sein, dass ich ihn nicht verstand, wenn er vor sich hinmurmelte. Mit seinem blassen Mund, geschwungen wie der einer Frau.

Wie hätte er auch wissen können, wie leicht es war, die Sprache der fremden Teufel von den Straßen aufzulesen, als Schattengestalt in den dunklen Winkeln. Umso mehr, als die Barbaren es dazu noch für nötig hielten, ihre Worte mit vielen Gesten und Grimassen zu unterstreichen, die es einfach machten, deren Bedeutung zu erraten.

Worte, die hart und glatt waren wie Kieselsteine. Ohne die flüchtigen Zwischentöne, die bei uns demselben Laut, demselben Schriftzeichen eine andere Bedeutung gaben.

Und schon längst war die Sprache der Barbaren in die Mundarten meiner Landsleute eingesickert. Zu neuen Ausdrücken hatten sie sich vermischt. Zu einem neuen Dialekt, dessen Name eine verwaschene Aussprache seines Ursprungs war: Pidgin. Business.

Meine Mutter hatte oft gesagt, ich sei neugieriger, als es für ein Mädchen gut wäre.

Aber wie sollte man denn lernen ohne Neugierde? Und wie konnte Wissen überhaupt etwas Schlechtes sein? Man weiß doch nie, wofür man etwas, das man gelernt hat, einmal brauchen kann.

Das Leben ist so oder so hart und ungerecht, davor schützt auch Dummheit nicht. Und Schläge tun immer gleich weh, ob sie nun auf einen klugen oder einen dummen Kopf treffen.

Erst viel später verstand ich, was meine Mutter gemeint haben musste.

Wer neugierig ist, hebt irgendwann den Blick vom Herdfeuer. Vom Rand seines Reisfelds. Und entdeckt, dass es dahinter mehr geben muss. Wer neugierig ist, fängt irgendwann an, Fragen zu stellen. Zweifel zu haben. Vielleicht sogar gegen das Joch aufzubegehren, das man ihm aufgedrückt hat. Und stört damit die Ordnung, die die Götter und der Kaiser verlangten, die Ahnen und Vater und Mutter.

Eine Schande in der Welt, aus der ich kam. Und der erste Schritt zur Freiheit.

Weil ich neugierig gewesen war, hatte ich mein Leben in die eigenen Hände genommen, waren sie damals auch noch so klein.

Und nie hatte ich aufgehört, Fragen zu stellen. Etwas in Zweifel zu ziehen. Neues zu lernen, wann immer ich etwas davon auf meinen Wegen entdeckte.

Also hielt ich die Ohren gespitzt, auf meinem Platz zwischen den Gräsern. Versuchte, mehr von der Sprache der Barbaren zu lernen als das, was ich in den Hafenstädten aufgeschnappt hatte.

Es machte mir nichts aus, dass ich anfangs von den Selbstgesprächen des fremden Teufels nur einzelne Worte verstand, mir später Bruchstücke zusammenreimen konnte, doch vieles ein Rätsel blieb.

Ich mochte seine Stimme, die tief war und nie laut. Gleichmäßig und ruhig strömte sie vor sich hin wie die Fluten des Yangzi Jiang.

Dabei war dieser Barbar alles andere als schön anzusehen.

Unter dem Hut klebten ihm Haarsträhnen wie Braunalgen im Gesicht, das hastig und lieblos aus hellem Lehm zusammengeknetet schien. Sein Schöpfer hatte sich nicht einmal die Zeit genommen, der Nase eine richtige Form zu geben; klobig ragte sie aus diesem Gesicht hervor wie der Rüssel eines mo.

Vielleicht bewirkte der Gedanke an dieses Fabeltier, das nachts kommt und die bösen Träume frisst, dass seine Augen ihren Schrecken verloren.

Sie waren nicht wie Glas. Sie waren wie Wasser.

Meistens von frischem Blau. Manchmal grau wie unter einem Regenhimmel, dann wieder grün wie ein Fluss an einem heißen Sommertag.

Ich hatte nicht gewusst, dass es auf dieser Welt Menschen mit solchen Augen gab.

Schmal und schräggestellt waren sie, fast wie bei uns. Und doch anders.

Fuchsaugen.

Ich mochte es, dass er nie etwas fragte, nie etwas forderte. Sich selbst genug zu sein schien, genau wie ich.

Mich auf eine freundliche Weise einfach sein ließ.

Manchmal richtete er sogar das Wort an sie.

»Hast du schon einmal so etwas Schönes gesehen? Dieses leuchtende Weiß der Blüten gegen das Bronzepurpur der Blätter. Abelia rupestris. Ein Geißblattgewächs, und genauso herrlich duftend. Tausendblütenstrauch nennen wir sie auch.«

Behutsam strich er über die schlanken Glöckchen.

»Ich wüsste zu gern, wie ihr hier dazu sagt.«

Eingehüllt in den süßen Duft, zählte er die Staubblätter.

Vier. Blassrosa waren sie.

»nuomitiao.«

Laute wie das Maunzen einer Katze; atemlos und flüchtig zitterten sie durch die Luft.

Er hob den Kopf.

Das Mädchen war aufgesprungen. Ihr Gesicht glühte. Ein in seiner Jugendlichkeit verletzliches Gesicht, aber kein feingezeichnetes. Ein starkes Gesicht, mit seinen kräftigen Linien und wenigen klaren Schwüngen.

»Du verstehst meine Sprache?«

Das Mädchen deutete ein Nicken an und hob eine Schulter. Wie zur Entschuldigung, dass sie ihn all die Tage in dem Glauben gelassen hatte, sie verstünde kein Wort.

Wie eine Einschränkung: ein bisschen.

Er kramte sein Notizbuch hervor und blätterte es auf. »Nu-o … wie?«

Fragend sah er sie an.

»nuo. mi. tiao.”

Heiser klang sie und bemüht geduldig.

»Nuome …«, versuchte er sich murmelnd an einer Wiederholung.

Ein Aufblitzen in den Augen – Spott? Belustigung? –, ein winziges Lächeln, dann drehte sie sich um und ging davon.

nuomechau.

Fortune starrte auf die Buchstaben, eilig nach Gehör hingekritzelt.

Er fragte sich, wie viel das Mädchen wohl tatsächlich verstanden haben mochte von all dem, was er so unbedacht von sich gegeben hatte, an jedem einzelnen Tag.

Warm kroch die Verlegenheit an seinem Hals empor, doch um seinen Mund zuckte es.

Ich wickelte mich tiefer in meine Jacke, während ich durch das hohe Gras auf der anderen Seite des Hügels stapfte; der Herbstwind kühlte meine heißen Wangen.

Immer wenn ich an sein Gesicht dachte, als er begriffen hatte, dass ich ihn die ganze Zeit über sehr wohl verstanden hatte, lachte ich in mich hinein.

Obwohl ich selbst wohl am meisten erschrocken war, als ich meine eigene Stimme hörte. Mit nur drei Silben die unsichtbare Mauer zum Einsturz brachte, die mir Sicherheit gab und hinter der ich mich allmählich wohlzufühlen begann.

Ist ein Wort erst einmal ausgesprochen, kann es nie wieder zurückgenommen werden – das war eine der Weisheiten, die der alte Anshin an mich weitergegeben hatte.

Oft war mir sein Garten Zuflucht gewesen, wenn ich mich in Schwierigkeiten gebracht hatte. Mich an den strengen Regeln meines neuen Zuhauses blutig stieß, meist wegen meiner vorschnellen Zunge.

Gegen den ersten Zorn half es, mit einem Stock auf das Gebüsch jenseits der Mauern einzudreschen; es tat gut, mit meinem Schwert die Wiesen unten am Hang niederzumähen. Doch selbst wenn ich mich dabei völlig verausgabt hatte, mit müden Muskeln nach Luft schnappte, tobte es manchmal immer noch in mir.

Dann ging ich zu Anshin in den Garten. Einfach nur zuzusehen, wie er mit aller Zeit der Welt seine Kräuter hegte, seine Zwiebeln und Rosen und seine Zwergenbäumchen, beruhigte und tröstete mich.

Anshin hörte mir zu.

Anshin wusste Rat. In wenigen, besonnenen Worten.

Bei Anshin lernte ich zu schweigen. Stillzuhalten.

Während meine Meister mich die Kontrolle über meinen Körper lehrten, lehrte mich der alte Gärtner die Kontrolle über meinen Geist.

Es war kein leichtes Leben, das ich führte, aber ein gutes. Ungleich besser als dasjenige, das für mich vorgesehen gewesen war. Ich liebte die Freiheit, die dieses Leben mir gab. Den Sinn, den es mir an jedem neuen Tag schenkte.

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