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Der Mann, der in die Bilder fiel

Als Buch hier erhältlich:

Peter Falcon, der vor etlichen Jahren der Kunstwelt den Rücken gekehrt hat, soll im Auftrag des New Yorker Auktionshauses Chroseby ins ferne Paris reisen, um dort einer renommierten Kunstkritikerin ein Geschäft anzubieten. Als Peter widerwillig zusagt – das angebotene Geld kann er gerade sehr gut gebrauchen – ahnt er nicht, was dieser Auftrag ihm abverlangen wird. – Leif Karpe legt einen sprachgewandten und originellen Kunstkrimi vor. Sein ungewöhnlicher Ermittler lässt uns eintauchen in die Atmosphäre des heutigen Paris und führt uns durch die Schlüsselwerke des Impressionismus – intelligent und humorvoll.


  • Erscheinungstag: 27.01.2020
  • Seitenanzahl: 272
  • ISBN/Artikelnummer: 9783312011667
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Leif Karpe

Der Mann,
der in die
Bilder fiel

Ein Fall für Peter Falcon

Roman

Frei nach der Idee Die Route der Impressionisten
von Achim Fell & Leif Karpe

 

Unter Verwendung von Zitaten von

 

Édouard Manet 1

Pierre-Auguste Renoir 1, 2, 3, 4, 5

Pablo Picasso 1

Henri Marie Raymond de Toulouse-Lautrec-Monfa 1, 2, 3

Claude Monet 1, 2

Edgar Degas 1, 2, 3, 4

Friedrich Nietzsche 1, 2, 3, 4, 5, 6

Paul Cézanne 1, 2

Rainer Maria Rilke 1

Giorgio Manganelli 1

Vincent van Gogh 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7

 

Vielen Dank für die inspirierende Unterstützung:
Momo Evers, Christoph Goldmann,
Eva Semitzidou, Saskia van Dijk, Tobias Wolk

 

»Was ist das, was du siehst?

Die Wahrheit?

Einen Traum?

Die Welt!«

 

Luis Cernuda
Spanischer Dichter

 

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Die Stimme im Wind

Wie ein ungebetener Gast war er plötzlich da. Der kalte Fallwind aus dem Norden.

Vent du Fada nannten ihn die Einheimischen – der verrückt machende Wind. Er blies mit unablässiger Kraft bei tiefblauem Himmel und ausgezeichneter Sicht. Funkelnde Sterne mit dramatischer Prägnanz. Sternennacht auf Peters Netzhaut, unendliche Weite über ihm. Am Horizont dunkle, zischende Bäume. Er spürte den Wind auf seiner Haut, kühl auf seinem Gesicht, das er nun fast gierig dem Bild entgegenstreckte. Doch der ungebetene Gast machte ihn mürbe; Kraft und Konzentration ließen nach.

Von ganz weit hörte er eine Stimme. Vor ihm war ein uniformierter Wachmann aufgetaucht, der ihn nun kritisch musterte: »Alles in Ordnung?«

»Alles bestens, ich bin einfach nur ein wenig … erschöpft«, murmelte Peter.

Die Miene des Wachmannes blieb ungerührt.

Peter hörte ein Rauschen. Vor ihm hatte sich eine Lücke in der Menge aufgetan. Für einen kurzen Moment loderte eine tiefdunkle Flamme vor einem aufgewühlten Nachthimmel. Die Spitze einer Zypresse. Aber da schloss sich schon wieder die Lücke, und die Besucher rangelten sich um den besten Platz. Peter umschiffte den Wachmann und machte noch ein paar Schritte auf das Bild zu. Die Gruppe von Besuchern bewegte sich nun in unterschiedliche Richtungen davon und öffnete, wie einer Choreographie folgend, eine Art Gasse für ihn. Nur wenige Meter vor dem Bild blieb er stehen.

Heute Morgen war ihm unvermittelt der verwegene Plan gekommen, sich wieder einmal die »Sternennacht« anzusehen, jenes vielleicht berühmteste Gemälde von Vincent van Gogh. Der mittellose Künstler hatte es in einer stürmischen Juninacht im Jahre 1889 in der Provence gemalt. Auch wenn Peter in überfüllten Räumen meist Panikattacken bekam und die Kunstszene und alles, was damit zusammenhing, schon lange hinter ihm lag, hatte ihn heute beim Aufwachen eine unerklärliche Sehnsucht befallen. Er wollte das Bild spüren. Wollte, dass es so wie damals war – damals, als er – selbst noch ein Kind stundenlang im Atelier seines taubstummen Vaters vor dessen expressionistischen Werken gesessen und die Stille, in der der Vater malte und lebte, dazu genutzt hatte, um sich Geschichten auszudenken. Und irgendwann hatten die Farben, die Formen mit ihm gesprochen!

Unzählige Museen hatte er in den kommenden Jahren besucht, um Bilder von Van Gogh und anderen Künstlern zu betrachten. Und immer wieder war es passiert: Wenn er sich vor eines der Bilder setzte, sich auf es einließ, in es eintauchte, begannen diese, mit ihm zu sprechen!

Zunächst war es ihm wie Magie erschienen. Er hatte dieses Eintauchen in die Bilder geliebt; es war für ihn stets wie eine Reise gewesen – eine Reise, und zugleich ein untrennbarer Teil seiner selbst.

Später dann hatte er Kunst studiert. Es war ihm wie das Natürlichste auf der Welt erschienen, als er im Seminar das erste Mal von seinem Zugang zu den Gemälden, den Farben und Formen erzählte. Doch die Wirklichkeit war anders gewesen – kälter, grauer, genormter, strategischer. Sein intuitiver Zugang, sein intimer Kontakt zu den Kunstwerken war, so lernte er, falsch. Nicht wenige verlachten ihn dafür – und die, die es nicht taten, hielten ihn für einen netten, aber leicht verschrobenen Freak.

Nur Charles, sein engster Freund aus jenen fernen Studientagen, hatte das, was Peter empfand, zwar nicht verstehen, aber akzeptieren können. Er nannte es seinen zusätzlichen Sinn und hatte ihm prophezeit, dass er, Peter, damit eines Tages noch Geschichte schreiben werde. Wie sehr hatte Charles sich geirrt!

Peter schüttelte die Erinnerungen ab und konzentrierte sich erneut auf das Bild, dessentwegen er hergekommen war. Ein einziger Schritt würde genügen, um in diese Landschaft steigen zu können … Und tatsächlich: Der Raum um ihn herum veränderte sich, das Gemurmel versank in einem vielstimmigen Orchester aus Zikaden, und über ihm entfernte sich die Decke in eine nachtschwarze Unendlichkeit, in der die Feuerräder südlicher Sterne loderten.

Der Wind wurde jetzt kräftiger. Er kam aus seiner Mitte und blies einen lange verwehten Duft von Kornblumen und Lavendel in den Raum. Vent du Fada – Feenwind. Peter konnte ein Wimmern hören, es war der Hilferuf eines Kindes. Einen Schritt noch, und …

Rums!
Ein kleiner Junge mit eisverschmiertem Mund und trotzigem Blick hatte ihm seine Faust in die Kniescheibe gerammt und sah nun zu ihm auf. »Der Mann hat mich getreten, Mama!«, greinte er.

Schon drängten weitere Besucher von hinten nach. »Hey! Weitergehen!«, schnarrte ein Mann hinter ihm.

Peter gab auf.

Es war eine dumme Idee gewesen, seinem Impuls zu folgen und hierherzukommen. Nicht umsonst hatte er der Welt der Kunst vor fast zwei Jahrzehnten den Rücken gekehrt
und am St. Marks Place einen Comicladen eröffnet. Einen Comicladen, der in weniger als einer Stunde öffnen sollte. Peter warf der
»Sternennacht« einen letzten, wehmütigen Blick zu.

Es war Zeit, zurückzukehren.

 

Der Freund

Durch den stürmischen Aprilwind und das Gewusel von St. Marks Place steuerte Peter auf das Eckhaus zu, auf dessen Dachverblendung in großen Lettern »Falcon’s Comics & Records« prangte. Wie jeden Tag erwartete Mo, dem das Eisenwarengeschäft nebenan gehörte, ihn bereits mit zwei Grande Latte in den Händen.

Bevor Peter den heruntergekommenen Laden renoviert hatte, war dieser ein Burrito-Shop gewesen, und während das Village heutzutage wie ein Disneyland für Individualtouristen erschien, hatte es damals eher wie ein verlassener intergalaktischer Außenposten gewirkt. Die letzten Träumer und Spinner hatten den Bus nach Kalifornien verpasst und mussten mit weit gestellten Pupillen mitansehen wie sich ihre eigenen Dealer in der Nachbarschaft einnisteten. Dann waren die Makler gekommen, hatten in dem runtergewohnten Viertel ihre Claims abgesteckt, und Peter hatte gerade noch rechtzeitig seinen Mietvertrag unterschrieben, bevor die allgemeine Goldgräberstimmung die Preise anziehen ließ. Zum Glück, so dachte er oft, denn mit seinem Angebot an Jazz-Platten (dem größten im ganzen Viertel, darunter Original-Pressungen des Blue-Note-Labels aus den Sechzigern) und einer wohlsortierten Comic-Abteilung (Manga-Klassiker, aktuelle Franzosen, norwegische Art-Comics, weiter unten das etwas härtere Material, und in einem im Lager versteckten Regal ein paar indizierte Pretiosen, von deren Existenz Peter fast selbst kaum etwas wissen mochte) ließ sich der jetzige Mietpreis in keinem Fall erwirtschaften.

Nach all den Jahren waren Mo und Peter zu einem fast nostalgischen Detail von St. Marks geworden, genauso wie die alten Straßenbäume oder die große Werbetafel an der Ecke zur Avenue A. Und in einem Viertel der Vintage-Stores und trendigen Coffee-Shops einer bedrohten Minderheit anzugehören, schweißte natürlich zusammen.

Peter schlürfte seinen Kaffee, während Mo sich wie jeden Tag in epischer Breite über seine fresssüchtige Schwägerin beschwerte, die nun schon seit einem halben Jahr ohne gültige Aufenthaltsgenehmigung im Schlafzimmer seines Apartments in Long Island City logierte.

Gegen 11 begann es zu regnen.

Um 12 Uhr erschien die süße Marianne aus »Babes in Toyland« in Peters Laden und rauchte eine Zigarette. Dabei erzählte sie ohne Punkt und Komma von ihrem neuen Freund; einem Bassisten in einer angesagten Combo, die überwiegend aus Millionärssöhnen bestand, die krampfhaft versuchten, so auszusehen, als seien sie in der Lower East Side groß geworden. Am Nachmittag kam eine Handvoll Studenten von der nahen NYU herüber und fingerten Peters Comics durch. Um 14 Uhr 30 brachte Mo den Nachmittags-Latte und die neuesten Meldungen von der Heimatfront. Um 16 Uhr 15 kaufte ein deutscher Tourist eine Coltrane-Scheibe und bescherte Peter den bis dahin höchsten Tagesumsatz, und um 17 Uhr 23 bestellten zwei japanische Frauen mit festen Zahnspangen die neue Marvel-Master-Edition: limitiert als Original-Druck, und natürlich nur mit horrender Anzahlung.

Am Ende des Tages befanden sich 48 Dollar in der Kasse.

Peter wusste, dass er sich mit Lichtgeschwindigkeit auf den Bankrott zubewegte. Hier stand er nun, 44 Jahre alt, mit hängenden Schultern und einer sich lichtenden Kopfbehaarung, König seines eigenen Reiches aus alten Platten und Comic-Helden, Zentrum der Freaks, Spinner und Überlebenskünstler. Eine irgendwie geartete Karriere war zu keinem Zeitpunkt seines Lebens auch nur schemenhaft erkennbar gewesen. Stattdessen dieser Laden und zwei offene Bankkredite. Und dann gab es natürlich noch Melinda, die ein Schmuckgeschäft ein paar Blocks weiter gehabt hatte. Sie verband seit Jahren eine Art Dauer-Dating; ab und an schliefen sie auch miteinander. Melinda hatte ihm erst ihre Liebe gestanden und war dann eine Woche später in ein Künstlerdorf nahe der Catskill Mountains gezogen, wo sie eine eigene Schmuckwerkstatt eröffnen wollte. Der Sex wurde somit natürlich seltener. Als die letzten Akkorde verklangen, beschloss Peter, dass er sie unbedingt wieder einmal anrufen musste.

Es war kurz vor sechs, und ein gewaltiges Gewitter entlud sich über der Stadt. Peter legte eine alte Thelonius-Monk-Platte auf, und das Intro von »Round Midnight« flutete den Laden. Mitternacht, dachte Peter. Jene magische Stunde, in der Abgrund und Verheißung so eng beieinanderliegen. Monks Synkopen perlten in der Luft, und Peter schnupperte, an den Tresen gelehnt, gedankenverloren an einem vertrockneten Sonnenblumenstrauß, während seine Gedanken zu seinem morgendlichen Ausflug zurückwanderten. Was hatte ihn bloß auf diese Idee gebracht? Seine Silhouette spiegelte sich im Schaufenster, an dem die Regentropfen herunterrannen. Am besten, er machte heute etwas früher Feierabend.

Aber dann verirrte sich doch noch ein Kunde in seinen Laden. Der hünenhafte Mann trug seine Kapuze tief ins Gesicht gezogen, einen Schirm unter dem Arm und exquisite, handgenähte Schuhe. Englisches Leder. Peter hatte einen Blick dafür und lange niemanden mehr gesehen, der solche Schuhe trug. Wie Luftblasen stiegen alte Erinnerungen in seinem Kopf auf, und er machte abrupt ein paar Schritte auf den Fremden zu, als dieser ruckartig eine John-Lurie-Scheibe aus dem Stapel zog und sie ohne sich umzuwenden in die Höhe hielt: »Noch immer der gleiche Musikgeschmack, wie ich sehe.«

Der distinguierte Singsang seines nordbritischen Akzents ließ Peter unwillkürlich zusammenzucken. Diese Stimme würde er noch aus einhundert Yard Entfernung in einer überfüllten Bahnhofshalle wiedererkennen.

Jetzt schob der Mann die Kapuze vom Kopf und sah ihn direkt an – ein grau gelockter Haarkranz, darunter ein rotbäckiges Gesicht auf dessen Knollennase eine vollkommen zugeregnete Nickelbrille saß. Mit großen Schritten kam er
auf Peter zu und nahm ihm die Blumen aus der Hand: »Sonnenblumen, wie passend. Sie sehen aus, als wartete
st du schon eine ganze Weile auf mich.« Abrupt umarmte er Peter so heftig, dass es diesem für einen Moment die Luft aus den Lungen presste.

»Charlie«, stammelte Peter. »Mensch, Charles! Ich weiß nicht, was ich sagen soll!«

Sein alter Freund aus Studientagen grinste breit, warf seinen Kopf zurück und stieß ein lautes Lachen aus. »Wir werden deine Zunge schon lockern, mein Junge. Ich glaube, es ist Zeit für einen Drink.«

Kurz darauf saßen sie einander in einem Séparée auf zwei Plüschsofas im »Slipper Room« an der Ecke Stanton und Orchard gegenüber. Während die anderen Gäste den Darbietungen einer Burlesque-Tänzerin folgten, kaute Peter auf dem Strohhalm seines siebten Gin-Tonics und versuchte, einer weiteren Story von Charles zu folgen, der mit ihm schon seit Stunden wie in einer rauschenden Achterbahnfahrt zunächst durch gemeinsame alte Zeiten und dann durch sein neues Leben jagte. Die Zeit, in der sie sich gemeinsam durch Vorlesungen in byzantinischer Handwerkskunst gequält hatten. Drittklassige Studenten-Vernissagen. Ihr berüchtigter Rum-Punch, der auf den Campus-Partys so mancher Kommilitonin den Garaus gemacht hatte. Seine Zeit in London. Der Wechsel nach New York, wo Charles mittlerweile bei Chroseby als Vize-Chairman in der Abteilung Kunstfälschungen arbeitete. Allein die Tatsache, dass sein alter Studienfreund im Gegensatz zu ihm eine Karriere vorzuweisen hatte, schüchterte Peter ein.

Eigentlich war Charles schon immer das exakte Gegenteil von ihm gewesen: diszipliniert und ehrgeizig. Normalerweise vermied Peter jeglichen Kontakt mit Menschen, die diese Attribute aufwiesen. Doch bei Charles lagen die Dinge anders. Dieser war noch nie jemand gewesen, der mit ausgefahrenen Ellenbogen durchs Leben rannte, da war Peter sich sicher. Charles erledigte alles mit seinem eigenen, fast jungenhaften Charme, dem Peter sich damals ebenso wenig hatte entziehen können wie heute. Und war es nicht verrückt, dass Charles ausgerechnet heute den Weg in seinen Laden gefunden hatte? Heute, da er, Peter, nach so langer Zeit wieder einmal im MoMa, dem Museum der modernen Künste, gewesen war? Vent du Fada, dachte Peter, der verrückt machende Wind.

Charles beugte sich ein wenig nach vorne, zwinkerte verschwörerisch und nippte an seinem Scotch: »Wir prüfen die Bilder auf ihre Echtheit hin, bevor wir sie in die Auktion schicken. Wir sind sozusagen das Bindeglied zwischen Verkäufer und Sammler und holen raus, was geht. Haste ja sicherlich gehört, wie der Kunstmarkt explodiert. Die neue Kundschaft aus Fernost! Weißt du, wie viele Museen gerade im Reich der Mitte gebaut werden? Über tausend – stell dir vor, alles aus privater Hand. Ich war dieses Jahr in Hongkong auf der Kunstmesse. Die kaufen die Kunst förmlich von den Wänden. Da spielt die Musik; nicht in deinem Plattenladen! Apropos: Wie soll es denn nun eigentlich mit dir weitergehen, Peter Pan?«

Peter seufzte innerlich. So hatte Charles ihn früher schon genannt. Peter Pan, der Junge, der nicht erwachsen werden wollte. Damals, als Peter sich aus der Kunstwelt zurückgezogen hatte, war sein Freund fassungslos gewesen. Während Charles die Karriereleiter nach oben geklettert war, war er zu Beginn immer wieder einmal in Peters Laden aufgekreuzt und hatte ihn zu überreden versucht, seine Entscheidung rückgängig zu machen. Doch Peters Antwort war immer dieselbe gewesen: »Mir gefällt mein Leben so, wie es ist.«

Irgendwann waren Charles’ Besuche seltener geworden und hatten schließlich ganz aufgehört. Dennoch lag jetzt, unzählige Jahre später, noch immer die gleiche Leidenschaft in seiner Stimme, als er sagte: »In all den Jahren habe ich niemanden getroffen, der so viel von Kunst versteht wie du. Und dabei rede ich nicht von den Gesetzen des Marktes oder kunsttheoretischen Gebilden. Du, Peter, hattest diesen Blick für das Wesen eines Bildes. Für die Wahrheit hinter der Leinwand. Du konntest mit einer Berührung seine Seele erfassen. Auch wenn dich andere dafür verlacht haben, ich habe dir immer geglaubt!«

Charles griff nach Peters Handgelenk und umklammerte es wie einen Schraubstock; sein Blick wurde zunehmend eindringlicher: »Kannst du das immer noch? Es gibt da draußen zu viele, denen die Kunst egal ist. Ihnen geht es nur um den Verkauf; aber das merkt natürlich der Kunde! Weißt du, was das Gebot der Stunde ist: Authentizität!« Charles klang jetzt wie ein Politiker. »AU-THEN-TI-ZI-TÄT! Verstehst du? Unser Markt braucht die Aura des Einmaligen und des Unverfälschten! Ich weiß, dass dein Laden zurzeit nicht wirklich gut läuft, und außerdem warten zu Hause weder Frau noch Kinder. Du bist frei. Und pleite. Ich biete dir eine echte Chance, noch mal ein bisschen frischen Wind in dein Leben zu bringen. Kurz gesagt: Ich habe einen Auftrag für dich. Es gibt niemanden, der ihn sonst für mich erledigen könnte. Ich brauche jemanden, dem ich absolut vertrauen kann.«

»Und da bin ausgerechnet ich dir nach all den Jahren eingefallen?«, stellte Peter ungläubig fest.

»Es gibt einen weiteren Fälschungsverdacht bei Van Gogh, der etwas mit deinem Artikel aus unseren Studientagen zu tun hat. Du weißt schon, deine Behauptung von damals, dass viele seiner Bilder einer geheimnisvollen Fälscherwerkstatt zuzuordnen sind. Nur, dass die Vorzeichen in diesem Fall verdreht sind. Es geht um Erpressung  vermutlich von denselben Fälschern, die zunehmend Schwierigkeiten haben, ihre Bilder auf den Markt zu bringen. Diese Erpressung ist ein neues, ein bisher nicht gekanntes Maß an Dreistigkeit. Es könnte den gesamten Kunsthandel, wie wir ihn kennen, nachhaltig verändern.«

Noch ehe Peter einhaken konnte, fügte Charles hinzu: »Es springt eine hübsche Marge für dich dabei raus, und du wirst außerdem ein wenig Frühlingssonne an deinen matschigen Teint lassen können. Wenn alles gut läuft, ist das, sagen wir mal, … ein Anfang.«

Wie kam Charles bloß auf diesen uralten Artikel im unbedeutenden »Student’s Observer«, in dem Peter dem Kunsthandel einst eine Hauptschuld an der Verbreitung von Fälschungen angelastet hatte? Ausgerechnet daran also konnte Charlie sich nach all der Zeit noch erinnern? Und überhaupt: Charles wusste doch, weshalb Peter sich damals zurückgezogen hatte. Kannte dessen Unsicherheit. Vielleicht war ihm entgangen, dass sich an beidem bis heute rein gar nichts verändert hatte. »Und was genau soll ich dann da tun?«, murmelte Peter halblaut.

Charles rüttelte ihn sanft an der Schulter: »Das erfährst du morgen. Jedes Detail. Aber die eigentliche Frage ist denkbar einfach: Willst du es noch einmal wissen oder nicht? Durchstarten wie Larry Gagosian? Wusstest du übrigens, dass er genau wie du mal mit einer Comicsammlung angefangen hat? Comics und Poster. Und jetzt: macht der eine Milliarde Umsatz mit … sagen wir mal – angesagter Kunst. Ich kenne ihn, aber mehr Ahnung von Kunst als du hat er nicht. Sagen wir mal, du probierst dich wieder ein wenig aus in diesem Markt. Wenn du Erfolg hast, haben wir eine große Zukunft vor uns. Du als Experte und ich als Verkäufer. Also, Peter Pan – gib dir einen Ruck. Wag den Sprung und flieg los! Die Welt da oben wird dir gefallen.«

Peter grunzte und nagte unentschlossen auf seinem Strohhalm herum, bis Charles ihn in die Seite knuffte: »Ich hole dich morgen früh ab – und dann geht es auf zu Chroseby! Das wird super; du wirst schon sehen!«

 

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Der Auftrag

Wenige Stunden Schlaf, einen Kaffee und ein Aspirin später saß Peter tatsächlich  innerlich und äußerlich zerknittert  neben Charles, der in seinem dunklen Anzug und mit dem breiten, aufgeräumten Lächeln wie aus dem Ei gepellt wirkte. Von den Trink-Eskapaden der vergangenen Nacht keine Spur. Wortlos setzte der Fahrer von Charles’ dunkler Limousine sie vor dem Rockefeller Center in der 49ten Straße vor der einschüchternden und zugleich imposanten Glas-Sandstein-Fassade eines Wolkenkratzers ab. Über dem im Vergleich nachgerade winzig wirkenden Eingang prangte in goldenen Lettern »Chroseby«. Charles, der Peters Blick gefolgt war, grinste: »Chrosebys Umzug 1977 war eine der besten Entscheidungen. Es macht einfach etwas her, findest du nicht?« Ohne eine Antwort abzuwarten, verschwand er im Eingang, und Peter sah ihm mit resigniertem Schulterzucken nach. Er mochte diesen Teil Midtowns nicht. Das war einfach nicht seine Welt. Von der Ecke her strömte gerade eine Ladung Pendler auf ihn zu, und wie zur Bestätigung rempelte ihm jemand den Ellenbogen in den Rücken. Fluchend bewegte nun auch Peter sich in Richtung der gleichmäßig rotierenden Drehtür, die ihn wie ein riesiges Mahlwerk nach drinnen transportierte.

In der fast auf Gefrierpunkt heruntergekühlten Lobby war lediglich das nahezu unmerkliche Summen der Klimaanlage zu vernehmen. Peters Schritte hallten auf dem mit knochenfarbenem Carrara-Marmor bedeckten Boden, während er an einer Galerie großformatiger abstrakter Gemälde vorbei auf den Empfangstresen zusteuerte. Charles war in ein vertrauliches Gespräch mit einer der zwei hübschen Empfangsdamen am Welcome-Desk vertieft. Als Peter sie erreichte, hob sie errötend den Blick und winkte ihn mit einem charmanten Lächeln durch.

Charles grinste breit, als er sich zu ihm umwandte: »Scharfe Schnecke, oder? Ich muss noch kurz was in meiner Abteilung erledigen, und dann wird es ernst, mein Freund! Wir haben ein Date mit Giovanna Ferrara! Die Chefin persönlich gibt sich die Ehre, mein Lieber!«

Scharfe Schnecke? Peter warf der Empfangsdame einen betretenen und Charles einen irritierten Blick zu, dann nickte er stumm und folgte ihm durch ein Labyrinth aus Sicherheitsschleusen und Treppen in einen katakombenartigen Keller – lange Flure, verschlossene Türen, tiefe Decken und der hässliche grüne Linoleumboden standen im krassen Gegensatz zu dem Prunk der oberen Etage. Hier wurde gearbeitet, und es roch nach altem Papier, getrockneter Ölfarbe und Staub.

Trotz seines wenig athletischen Körperbaus flog Charles regelrecht durch die Flure, war ganz in seinem Element, grüßte hier, gab Küsschen dort und führte Peter schließlich in das Pincode-gesicherte, riesige Bilderlager. Charles lächelte: »Unsere kleine Sammlung für die kommenden Auktionen.« Peters Blick wanderte durch den Raum. Regale bis zur Decke waren mit Bildern vollgestellt; weitere wurden von Charlies Mitarbeitern vorsichtig ein- oder ausgepackt. Doch ehe Peter dazu kam, sich auszumalen, welche Schätze hier lagern mochten, plauderte Charles schon wieder weiter: »Letzte Woche hättest du hier sein müssen. Wir konnten einen echten Warhol zu einem Rekordpreis verkaufen! In der vergangenen Woche wurde allein in New York über eine Milliarde Dollar für Kunst ausgegeben. Die einzige noch in Privatbesitz befindliche Version von Edvard Munchs Der Schrei erzielte bei unseren Kollegen von nebenan einen neuen Rekord: 120 Millionen Dollar! Noch nie zuvor hat jemand ein Bild so teuer ersteigert. Auf dem Kunstmarkt sprudelt das Geld wie auf kaum einem anderen Markt.«

»Für wen sprudelt es denn konkret?«, wollte Peter wissen, aber Charles schien ihn nicht zu hören und redete unverzagt weiter: »Es sind nicht mehr die alten Sammler, die ihre gekauften Bilder in den atombombensicheren Keller stellen. Es sind besonders die Chinesen, aber auch die Russen, die den ganzen Markt mit ihren Preisen auf den Kopf stellen. Aber was meinst du, Peter, wer legt die Preise fest?« Charles geriet immer mehr in Fahrt; seine Wangen röteten sich, Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn, und statt auf Peters Antwort zu warten, antwortete er sich selbst: »Die da oben in dem feinen Auktionssaal? Mitnichten! Hier unten wird entschieden, ob ein Van Gogh ein Van Gogh ist. Darüber entscheide ich

Plötzlich richtete Charles seinen Zeigefinger auf Peters Brust: »Und ich sag dir, ich habe hier schon Kunden gehabt, unglaublich. Diese Arroganz! Aber wenn ich ihnen erst mal die Spielregeln erklärt habe, was glaubst du, wie scheißfreundlich die plötzlich werden.«

Mit einem gehässigen Lachen, das Peter so nicht von Charles kannte, waren sie inzwischen über eine Treppe in den ersten Stock gelangt.

Dicke Teppiche dämpften ihre Schritte. Charles zeigte im Vorbeigehen auf einen offenen Auktionsraum und einige Tische, an denen seine Mitarbeiter mit Lupen jedes Bild akribisch untersuchten: »Die heiligen Hallen zeige ich dir ein anderes Mal. Aber meine Leute hier, die sind wie Autoverkäufer, die vorher einen Blick unter die Motorhaube des Wagens werfen. Muss ja schließlich ausgeschlossen werden, dass so ein alter Jude behauptet, es wäre seins …«

Das überraschte Peter: »Die Provenienzforschung macht ihr auch?«

Charles schien ihm auszuweichen.

» Die Kunst ist mehr wert als die Wahrheit. Na, wer hat das gesagt? Na, komm schon … Niiieetzscheeee!«, grinste Charles triumphierend.

Ach ja, dachte Peter. Charlie und sein Nietzsche. Damit hatte er ihn schon zu Uni-Tagen genervt, mit diesem Zarathustra und seinem Übermenschen. Und überhaupt ging Peter Charlies Verkaufstour langsam gegen den Strich.

»Ich bin ja schon lange raus, aber wir wissen doch beide, dass der Kunsthandel so gut wie gar keinen Gebrauch von modernen forensischen Methoden unabhängiger Institute macht. Wer Gutachten über Kunstwerke schreibt, dürfte jedenfalls nicht vom Verkauf dieser Werke profitieren!«

Charles schüttelte den Kopf. »Ah, ich sehe schon, dein kritischer Geist ist dir nach all den Jahren erhalten geblieben, Peter Pan! Nein, ich halte von dieser Diskussion wenig. Alle wollen vom Markt profitieren, klar. Aber ein Kunstwerk lebt von seiner sinnlich-geistigen Erfahrung, und genauso müssen wir ihm begegnen. Das kann – Gott sei Dank – noch keine Maschine. Und stellt sich ein Werk als Fälschung heraus, stehen am Markt alle schlecht da. Doch …« Charles
hob seinen Zeigefinger und mahnte übertrieben ernst: »Die Wahrheit ist oft komplexer, als wir uns das wünschen. Die Geschichte hinter den Bildern ist immer eine menschliche, nie eine technische
. Dafür liebe ich meinen Job! Und genau deswegen habe ich dich ausgewählt. Oder glaubst du, deine Fähigkeit, Bilder zu erfassen, lässt sich durch eine Maschine ersetzen? Nein, mein Lieber, wir werden auch in diesem Fall beweisen, dass der Mensch der bessere Ermittler ist.«

Jetzt holte Charles zu einer opernhaften Geste aus und schmetterte in einem Amerikanisch mit stark eingefärbtem deutschem Akzent in den Raum: »Wie heißt Friedrichs und unser Motto: Die Kunst ist mehr wert als die Wahrheit! Wir sind«, schmetterte er mit pathetisch in die Luft gereckter Faust, »Kunstübermenschen!« Mit einem lauten Lachen schlug er Peter auf die Schulter und klatschte entschlossen in die Hände: »So, wir müssen weiter. Mrs. Ferrara lässt man nicht warten.« Etliche Treppen und weitere Sicherheitsschleusen später blieb Charles vor einer Tür mit der Aufschrift »Giovanna Ferrara. Deputy Chairman Impressionist and Modern Art, Chroseby« stehen, atmete hörbar aus und öffnete nach kurzem Klopfen die Tür. Die Assistentin lächelte, als sie ihn sah. Sie erschien Peter wie ein animierter Bestandteil des beherrschenden Designkonzeptes. Ihr Kimono-artiges Wickelkleid wirkte perfekt auf die Grundfarben ihres Schreibtisches abgestimmt, der mit seinen kunstvollen Einlegearbeiten alten japanischen Holzschnitten nachempfunden war. Peter war sich nicht sicher, ob sie an einer Genickstarre litt oder ihre unnatürlich abgeknickte Kopfhaltung etwas mit der asymmetrisch geschnittenen Frisur zu tun hatte, die ihr zugegebenermaßen sehr gut stand.

Sie folgten ihr in das Büro der Chefin.

Mrs. Ferrara stand mit dem Rücken zur Tür gewandt in ihrem Office und hatte ihren Blick auf das Rockefeller Center gerichtet. Als sie die beiden Männer eintreten hörte, drehte sie sich zu ihnen um. Ihre Erscheinung war mehr als vorbildlich: das volle schwarze Haar zu einem festen Knoten gebunden, das Dekolleté ihres grauen Kostüms bedeckt von einem roten Prada-Schal.

Sie begrüßte Charles und blickte Peter freundlich entgegen, wobei er meinte, ein leichtes Zucken um ihre Mundwinkel zu bemerken. Ihr Händedruck war angenehm weich.

Peter fand sie auf eine fast unangenehme Art attraktiv. Sie war ästhetisch, makellos, der Archetyp einer Upper East Side-Queen; sie erinnerte ihn an eine dieser Marzipanfiguren, die er als Kind zur Weihnachtszeit in den Auslagen von Macy’s bestaunt hatte. Mit Erschrecken wurde ihm klar, dass sie etwa im selben Alter sein dürften. Hätten sie zu College-Zeiten eine Chance gehabt? Hätte sie ihn gedatet? Womöglich wäre sein Leben völlig anders verlaufen. Vielleicht würde er gerade gemeinsam mit ihr auf der Veranda ihres Beach-Houses in den Hamptons Tee trinken, oder  noch schlimmer  diesen sündhaft teuren Kaffee, den sie auf Bali aus dem Hintern irgendwelcher Dschungelkatzen hervorzauberten. Ihrer eleganten Handbewegung folgend, ließ er sich in den vor einem überdimensionierten Schreibtisch stehenden Sessel sinken und hätte sich am liebsten in den weichen Polstern aufgelöst. Er fühlte sich schrecklich underdressed und mehr als fehl
am Platz.

Mrs. Ferrara schien das nicht zu bemerken oder gütig zu übersehen: »Schön, dass Sie da sind; wir haben keine Zeit zu verlieren. Wie Sie sicherlich wissen, handeln wir hier mit Millionenobjekten. Wichtigstes Erfolgsrezept ist unsere Diskretion, ganz besonders in diesem Fall.« Sie kramte zwischen den Papieren auf ihrem Schreibtisch und schob Peter ein Papier über den Tisch. »Bevor wir über Ihren Job reden können, müssen Sie diesen Geheimhaltungsvertrag unterschreiben.«

Peter starrte ungläubig auf das Papier; die Buchstaben tanzten vor seinen Augen, ohne einen Sinn ergeben zu wollen. Charles drückte ihm etwas unsanft einen Stift in die Hand: »Eine reine Sicherheitsmaßnahme. Du verkaufst schon nicht deine Seele.«

Peter fügte sich.

»Wunderbar«, flötete Mrs. Ferrara und sortierte das Blatt wieder zurück in ihren Ordner. »Dann können wir ja loslegen.«

Sie schob Peter eine kleine Dokumentenmappe über den Tisch, offensichtlich Reiseunterlagen. »Wir möchten, dass Sie noch heute nach Paris fliegen, wo Sie in den nächsten Tagen eine Dame namens Bernardine Blumenstihl treffen werden. Der Name ist Ihnen sicherlich noch ein Begriff?«
Sie musterte ihn aufmerksam.

Peters Kopfschmerzen kehrten zurück. Wie konnte Charles bloß hier stehen, als hätten sie gestern nicht den halben Alkoholvorrat der Bar leer getrunken? Und jetzt Bernardine Blumenstihl! Ja, war Charles denn von allen guten Geistern verlassen? »Sie meinen die ungekrönte Königin aller Kunstexperten?«, brachte er schließlich hervor. Seine Stimme war nach gestern Nacht eine gute Quinte tiefer als sonst, was ihr, wie er beruhigt feststellte, eine gewisse Lässigkeit verlieh.

»Genau die. Da wir wissen, dass Sie ein ausgesprochener Kenner des Werkes Vincent van Goghs sind, und …«

Eine clusterähnliche Schmerzattacke fräste sich durch seine linke Schläfe, und mit ihr kam die Panik. Oder umgekehrt. Was in drei Gottes Namen tat er hier? Er gehörte in seinen abgehalfterten Plattenladen; nicht in dieses Mekka
der Kunstwelt. »Entschuldigen Sie, Mrs. Ferrara«, presste er hervor, »ich glaube, das führt zu nichts. Es ist … nun, wie soll ich es ausdrücken. Ich bin der Falsche für was auch immer
Sie von mir wollen.«

Zum ersten Mal bemerkte er einen Hauch an Verunsicherung in Ferraras souverän fokussiertem Minenspiel, doch kurz darauf hatte sie sich wieder gefangen: »Ich will Ihnen etwas über den wahren Grund Ihrer Anwesenheit verraten, Mr. Falcon. Sie haben einen Freund, der Ihnen vertraut.«
Sie blickte ihn durchdringend an. »Und wir vertrauen Ihrem Freund.« Ferrara warf Charles einen bedeutungsvollen Blick zu. »Aber wenn Sie einen derart lukrativen Job tatsächlich ausschlagen wollen, können wir Sie nicht zwingen.«

Peter warf Charles einen Hilfe suchenden Blick zu, doch dieser sah ihn nur beschwörend an. Reiß dich zusammen, las er von seinen Lippen, als der Freund ihm ein Glas Wasser reichte, das Peter gierig hinunterspülte. Peter rieb sich die Schläfen. In seinem Kopf dröhnte es, während hoch über dem Central Park ein Werbezeppelin seine Runden drehte: »Live a different flavour.«

Peter seufzte leise. Was sollte das hier werden? Auf der anderen Seite ja, zur Hölle, er war so gut wie pleite. Wenn der Laden ein paar Wochen geschlossen blieb, würde er wahrscheinlich sogar Gewinn machen – wegen der fehlenden Stromkosten. Er sollte nach Paris? Er hasste es, zu fliegen. Europa? Kannte er nur aus dem Fernsehen und aus Filmen. Aus der Musik. Der Kunst. Kunst? Dieses Thema war doch wirklich vorbei, oder? Ja, okay, Charles wollte ihm eine Chance geben. Aber eine Chance wozu?

Peter dachte an die Karte für die Giants, die er gekauft hatte. Er dachte an Melinda. Und an den sonderbaren Zufall, seinen Besuch im Museum, den verrückten Wind. Verdammt, was hatte er schon zu verlieren? »Ich, also … nein. Ich möchte gern hören, was Sie mir zu sagen haben«, sagte er schließlich artig und fühlte sich wie ein Idiot.

Da glitt wie auf ein Stichwort hin die Tür zum Büro auf, und ein kleiner Mann, dessen massiver Schädel in sonderbarer Dissonanz zu seinen restlichen Körperproportionen stand, betrat den Raum. In seiner Hand hielt er einen Aktenkoffer, vollführte zur Begrüßung eine Art Diener vor Peter und blickte ihn mit verschmitzten Augen über den Rand einer halbrunden Lesebrille hinweg an. Mrs. Ferrara nickte ihm zu und wandte sich dann erneut an Peter: »Ich darf Ihnen Ludwig Myers vorstellen. Mr. Myers ist für das operative Geschäft zuständig.«

Aha, dachte Peter und schüttelte dem Männchen die Hand.

Dieser öffnete die Schnalle seines Aktenkoffers, zog ein Blatt Papier heraus und reichte es ihm. »Es geht um Folgendes«, begann er: »Letzte Woche erhielten wir diese überaus unerfreuliche E-Mail. Wie Sie dort lesen können, deutet die international renommierte Kunstkritikerin Bernardine Blumenstihl darin an, dass es sich bei der Sternennacht von Vincent van Gogh und Bildern unserer kommenden Herbstauktion um Fälschungen handeln könnte. Tatsächlich gilt Frau Blumenstihl in Fachkreisen als Koryphäe auf dem Gebiet moderner Malerei und setzt mit ihrer monatlichen TV-Sendung Akzente, die meinungsbildend sind und weit in den Markt abstrahlen.«

Mrs. Ferrara ergriff nun das Wort: »Ihre Andeutungen sind leider ernst zu nehmen. Blumenstihl war meine Professorin an der Sorbonne, und ich glaube nicht, dass sie solche Vermutungen grundlos äußern würde. Und auch, wenn wir derzeit weder ihre Quellen noch deren Glaubwürdigkeit kennen, müssen wir uns auf das Schlimmste vorbereiten. Der abendländischen Kultur würden einige Hauptwerke der letzten einhundertfünfzig Jahre verloren gehen, und der Ruf von Chroseby würde nachhaltig geschädigt sein.« Ferrara räusperte sich und blickte Charles auffordernd an, der sich sofort aus seinem Sessel aufrichtete und ausholte: »Kurz vor meinem Wechsel hier nach New York hatte ich es mit dem Fall des gefälschten Mondzeichnungen-Buches von Galilei Galileo zu tun. Vor acht Jahren tauchte es plötzlich am Markt auf und galt als Sensation. Blumenstihl, jene bis dato so unfehlbare Kunsthistorikerin, war so fasziniert von den Zeichnungen, dass sie auf weitere, ja sogar auf unsere Expertenanalysen verzichtete. Dinge, die offensichtlich nicht von Galileo stammen konnten, übersah sie. Das war für die Fachwelt und für uns verblüffend. Die Chance, ein lang verschollenes Meisterwerk zu finden, reizte Blumenstihls Ego, ja, reizt jeden Sammler und Experten. Manchmal hängt der Erfolg einer Fälschung nicht vom Fälscher ab, sondern vom Wunschdenken der Entdecker. Stolz ist ein mächtiger Motor für bewusst falsche Zuschreibungen – und gekränkter Stolz ein mächtiger Motor für Rache. Nur dass die Mondzeichnungen Fälschungen sind und die Sternennacht nicht. Warum sie jetzt, ausgerechnet vor dieser Auktion, mit solchen dubiosen Andeutungen daherkommt, kann ich mir deshalb nur so erklären: Sie will sich an uns rächen und uns erpressen.« Er griff nach einem Schreiben, das zuvor auf seinem Schreibtisch gelegen hatte, und zitierte: »Dieser Wind, ein teuflischer, wird aufziehen und die Geschichte der Sternennacht und die ganze eitle Kunstwelt, so wie wir sie kennen, durcheinanderwirbeln: Auch Bilder Ihrer kommenden Herbstauktion sind davon betroffen. So einen unangenehmen Skandal, wie es ihn schon einmal bei den Sonnenblumen gab, möchten Sie doch bestimmt vermeiden!?«

Charles hob jetzt betont seine buschigen Augenbrauen.

»Da es sich bei den für Sie relevanten Fakten um Erkenntnisse meiner jahrelangen Forschungen handelt, möchte ich Sie bitten, eine marktgerechte Aufwandsentschädigung zu unserem Treffen mitzubringen!«

Peters Neugier war geweckt. »Erpressung?«, hakte er nach. »Womit kann Bernardine Blumenstihl Sie denn erpressen?«

»Mit Fake News, mein lieber Peter! Nicht nur unser dauer-twitternder Präsident hat erkannt, dass man so Meinungen manipulieren kann. Der Kunstmarkt wurde schon immer von einigen wenigen Akteuren beeinflusst. Ein Künstler wird schließlich nicht entdeckt, er wird gemacht. Was also wäre, wenn durch Blumenstihls Aussagen die Preise der Bilder fallen und sie sich im Anschluss doch als echt erweisen? Schonmal was von Spekulationsgewinnen gehört? Bilder in Verruf zu bringen, ist eine ganz neuartige Strategie.«

»Warum rufen Sie dann denn nicht die Polizei?«, fragte Peter.

»Ich habe bereits eine ehemalige Kollegin, Elsa Mathur, die jetzt bei Interpool arbeitet, kontaktiert. Leider aber haben wir nichts in der Hand. An dieser Mail hier ist zunächst nichts Kriminelles festzumachen. Deshalb bauen wir Blumenstihl und den Hintermännern, die es ganz sicher gibt, eine schöne Falle!« Charles grinste und schaute zu Mrs. Ferrara, die nicht ganz so überzeugt zu sein schien.

Peter teilte ihre Zweifel: »Und wenn an ihrem Verdacht etwas dran ist? Bei den sogenannten Yasuda-Sonnenblumen zum Beispiel, da glaubte man im Vorfeld der Auktion auch nicht einem Fälschungsverdacht. Oder vielleicht wollte auch niemand allzu genau hinschauen, weder die Verkäufer noch die Käufer.«

Charles unterbrach Peter schnell, als sei ihm dieser Vergleich unangenehm. »Peter, ich bitte dich! Die weltberühmte Sternennacht ist eine Fälschung?! Nein, Blumenstihl irrt! Aber leider hilft uns das nicht weiter, denn ihre Stimme hat immer noch Gewicht. Wenn ihr Verdacht vor der Auktion an die Öffentlichkeit gelangt, gibt das Schlagzeilen und einbrechende Verkäufe bei unseren Kunden aus Fernost. Außerdem will Blumenstihl Chroseby schaden und agiert dabei sicher nicht allein. Falls eine neue Fälscherbanden-Strategie dahintersteckt, hängt die Zukunft unseres Hauses davon ab, die Hintermänner zu kennen.«

»Und ich soll das nun im Alleingang herausfinden?«, fragte Peter ungläubig.

Charles schüttelte den Kopf: »Du legst ihr nur einen Köder in die Falle und bietest ihr Geld an. Das Geld haben wir schon deponiert, es wartet auf dich in einer Tasche in Paris. Wenn sie diese, wie sie es nennt, Aufwandsentschädigung annimmt und bis zur Herbstauktion Stillschweigen bewahrt, geht es ihr vermutlich wirklich nur ums Geld.«

Peter runzelte die Stirn, während er noch einmal das Schreiben überflog. Irritiert blickte er zu Charles: »Aber hier steht, Blumenstihl erwartet dich! Warum bin ich dann hier? Du bist doch hier der Fälschungsexperte, warum fliegst du nicht?«

Myers ergriff das Wort: »Wir erwarten in dieser Woche eine der wichtigsten chinesischen Sammlerfamilien, die wir unter keinen Umständen verunsichern dürfen. Familie Zhang Wei baut in Shanghai gerade ein Privatmuseum mit der größten impressionistischen Sammlung Asiens auf. Als ihr Ansprechpartner muss Mr. White bei diesem Treffen unbedingt anwesend sein. Wir wollen deshalb, dass Sie als Charles White nach Paris fliegen und dieser Blumenstihl auf den Zahn fühlen.«

Das war es also, ein Verkleidungsspiel mit Geldkoffer. Charles, dieser alte Hund mit seinem verqueren Humor. Gleich würde sicherlich die Tür aufgehen und ein Kamerateam hereinstürzen.

»Ich soll mit einer Tasche voller Geld und verkleidet als Charles nach Paris zum … «, er schaute auf den Zettel, »Boulevard des Capucines, um mir dann eine überbraten zu lassen und bewusstlos mit falscher Identität in der Seine zu schwimmen? Halten Sie das für eine schlaue Idee? Und überhaupt: Was um alles in der Welt qualifiziert mich als Comicladenbesitzer dazu?« Er hatte sich zu Charles umgedreht und starrte ihn ungläubig an.

»Um ehrlich zu sein, Peter: Du bist der einzige Mensch, dem ich zutraue, mich zu vertreten.«

Mrs. Ferrara lächelte jetzt: »Blumenstihl ist eine Symbolistin. Sie liebt den großen Auftritt und hat den Treffpunkt an einen historischen Ort gelegt: Am Boulevard des Capucines trafen sich im 19. Jahrhundert die ersten Impressionisten, die damals noch mit ihrer neuen Malerei abgelehnt wurden. Dort gründeten sie den sogenannten Salon der Abgelehnten. Ohne Ihnen zu nahetreten zu wollen: Das Thema könnte
Sie doch ansprechen, oder?«

Charles reichte Peter ein aktuelles Foto von Bernardine Blumenstihl. Eine attraktive, ältere Frau: Anfang 60, schlank, dünne Arme, groß gewachsen und mit langen, grauen Haaren, die wohl früher einmal blond gewesen waren. Dazu eine Art Gelehrtenbrille auf der Nase. BB, die Brigitte Bardot der Kunst, wurde sie auch genannt.

Peter schüttelte stumm den Kopf. Ganz offensichtlich meinten alle Anwesenden das alles wirklich ernst. Das war doch Wahnsinn.

Als könnte Myers seine Gedanken lesen, schnarrte er:
»Sie haben zusammen studiert, und Mr. White hat Sie als einen bekannten Fachmann für Van Gogh und möglicher Fälscher gepriesen. Und was Ihr Äußeres angeht: Mit etwas gutem Willen, einem neuen Anzug und einem Frisörbesuch sehen Sie Mr. White fast ähnlich. Die Sache sollte zügig erledigt sein. Also, Mister Falcon – was sagen Sie?«

Peter schwieg, was Myers als Zustimmung zu deuten schien. Ein sirrender Ton erwachte in seinem Kopf, als Myers den E-Mail-Ausdruck zurück in den Koffer legte und ihm beruhigend zulächelte: »So, dies ist der Schlüssel zum Bankschließfach; dort finden Sie eine dunkle Sporttasche mit dem gebündelten Geld. Die Adresse der Bank liegt bei, und unser Partner in Paris ist informiert. Was gibt es noch? Ach ja: das Smartphone. Es ist bereits aktiviert; Pin-Code und Verbindungsdaten finden Sie ebenso im Koffer wie eine Amex-Karte mit einem aufgespielten Spesenvolumen von 5.000 Dollar und Zusicherung der Übernahme Ihrer Kreditverbindlichkeiten bei Erfolg. Dann wären wir uns also handelseinig geworden.«

Der sirrende Ton in Peters Kopf brach abrupt ab, als sei die Saite einer lange nicht mehr bespielten Gitarre gerissen.

 

Die Reise

Zehntausend Meter über dem östlichsten Zipfel von Nova Scotia lag Peter Falcon mit weit aufgerissenen Augen auf einem bis zum Anschlag ausgefahrenen Full-Comfortplus-Sitz der First Class von Delta Flug 013. Zum Abendessen hatte es Filet Mignon gegeben, aber ihm war schon beim Durchblättern der Menükarte schlecht geworden. Die Vorspeise aus einer Handvoll Aspirin, die er kurz vor dem Boarding noch an der Kasse des Wal Greens mit einem Becher lauwarmen Dr. Peppers heruntergespült hatte, machte eine weitere Nahrungsaufnahme unmöglich. Mit seliger Erleichterung stellte er allerdings fest, dass seine hämmernden Kopfschmerzen allmählich wie das Sonar-Signal eines U-Bootes von einer tobenden See aus Molekülen verschluckt wurden. Sein Nebenmann auf der anderen Seite des Gangs, Rick oder Randy oder so ähnlich, aus Garden City, New Jersey, der ihn seit dem Start mit einem langatmigen Bericht über Immobilienprojekte in Litauen belästigt hatte, schnarchte leise
vor sich hin, und irgendjemand weiter vorne musste seine Schuhe ausgezogen haben. Vor ein paar Wochen
war diese Sendung auf dem Discovery Channel gelaufen, in der es um die gesundheitlichen Gefahren von Langstreckenflügen gegangen war: Jeden Tag überquerten Tausende von Menschen innerhalb weniger Stunden die Ozeane, um in diesen fliegenden Keimschleudern die in fernen Ländern eingefangenen Viren und Bazillen an ihre Mitmenschen zu verteilen. Wer auch immer dieses Lüftungssystem erdacht hatte, das die Luft aus dem Fußbereich ansaugte, um sie einem dann von oben wieder direkt ins Gesicht zu blasen, musste ein echter Menschenfreund gewesen sein.

Peter drückte auf einen der vielen Schaltknöpfe auf der in dickem, braunem Leder eingefassten Konsole seines Luxus-Sitzes. Mit einem dezenten Surren wurde sein Oberkörper allmählich wieder in die aufrechte Position gehoben, was zu einem schmerzhaften Ziehen in der Leistengegend führte, da sich seine Beine noch immer in leicht erhöhter Ruheposition befanden. Hektisch befingerte er ein paar weitere Knöpfe, wodurch sich seine unbequeme Klappmesserstellung noch verstärkte.

Im Halbdunkel des Ganges näherte sich eine Silhouette.

»Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein, Mr. Falcon?«

Ohne seine Antwort abzuwarten, beugte sich die Stewardess über Peters Sitz. Auf ihrem Nacken zeichnete sich ein leichter Flaum aus blonden Härchen ab, und er konnte das Aroma ihrer Lotion einatmen. Für einen kurzen Moment verspürte Peter den Impuls, ihren Hals mit seiner Nase zu berühren und diesen Geruch aufzusaugen. Sie tippte kurz auf zwei Tasten, und das Fußteil des Sitzes fuhr unendlich langsam in seine Ausgangslage zurück. Peter seufzte erleichtert. Die Stewardess richtete sich wieder auf und lächelte ihn charmant an. Er blickte auf das Namensschild an ihrem Revers.

»Das war sehr aufmerksam von Ihnen, Sharona. Ich bin wohl auf die Yoga-Taste dieses Monstrums gekommen. Könnten Sie mir bitte noch einen Gefallen tun und mir einen doppelten Bourbon bringen?«

»Sehr gerne, Mr. Falcon.« Sharona zwinkerte ihm zu, dann verschwand sie erneut in der Dunkelheit. Peter glaubte einen Anflug von Melancholie hinter ihrem professionellen Lächeln bemerkt zu haben, gerade in dem Augenblick, als ihr Gesicht im Schatten des Ganges verschwand. Wie alt mochte sie sein? Vielleicht 24, 25 Jahre. Bestimmt hatte sie noch vor nicht allzu langer Zeit ihre Gelenke bei einer Cheerleader-Truppe ruiniert, ehe sie zum ersten Mal die demütigende Erfahrung hatte machen müssen, dass der Ozean namens Leben doch nur ein etwas größerer Swimming-Pool war.

Peter blickte sich um. Die meisten Passagiere schienen zu schlafen, nur vereinzelt waren noch ein paar Leselampen eingeschaltet. Einige Plätze weiter vorne ragte der dünne Arm dieses Models, dessen Gesicht Peter vorhin beim Einchecken irgendwie bekannt vorgekommen war, unter einer Decke hervor.

Wie war er bloß hierhergekommen? Vor dreißig Stunden hatte er sich noch mit der Frage beschäftigt, wie Melinda wohl damit klarkäme, wenn er schon wieder ihre Einladung ausschlagen würde. In den Catskill Mountains lag noch ein wenig Schnee, und er hatte sie wirklich eine Ewigkeit nicht mehr gesehen, seit sie von New York in die Wildnis gezogen war. Aber ein guter Skiläufer war er sowieso nie gewesen, und hatte außerdem schon vor Wochen eine der letzten Karten für die Giants ergattert. Alte Freundschaften mussten so etwas einfach aushalten.

Alte Freundschaften.

Peter musste unvermittelt grinsen. Er konnte es einfach nicht fassen, dass Charlie wieder aufgetaucht war – nach all den Jahren. Und jetzt hockte er weder in Melindas Hütte noch im Giants-Stadion, sondern hing mit einem abklingenden Kater in einem Ledersitz der First Class auf dem Weg in eine fremde Welt. Und mit seinem neuen Haarschnitt und dem Anzug, den Charles für ihn in doppelter Ausführung und samt Schuhen und allem Pipapo bei einem sündhaft teuren Herrenausstatter in der Saks Fifth Avenue gekauft hatte, sah er Charlie tatsächlich ein wenig ähnlich. Natürlich ohne die Rundungen an den falschen Stellen. »Du warst selten so attraktiv!«, hatte Charles zum Abschied großmütig festgestellt und ihm viel Spaß in der Hauptstadt der Liebe gewünscht.

Sharona riss ihn aus seinen Gedanken und servierte den Bourbon auf dem Tischchen an Peters Sitz: »Wenn Sie noch einen Wunsch haben, melden Sie sich einfach über die Ruftaste. Das ist die über der Yoga-Taste.« Sie kicherte leise.

Peter griff plötzlich nach ihrer Hand, was ihn selbst ein wenig überrascht zusammenzucken ließ. Sharona blickte ihn erstaunt an.

Ehe ihn noch der Mut verließ, sagte Peter mit einem Augenzwinkern: »Darf ich Ihnen etwas verraten? Das ist mein erster Flug nach Europa. Und dann auch noch Paris. Wollen Sie mich nicht begleiten? Wir könnten am Ufer der Seine ein Croissant knabbern und mit den Resten die Schwäne füttern.«

Sharona konnte ein leises Lachen nicht unterdrücken. Peter mochte diese Art von Lachen. Er hatte es zum letzten Mal vor einer halben Ewigkeit gehört.

Behutsam zog sie ihre Hand aus seinem Griff und beugte sich nahe an sein Ohr: »Sorry, Mr. Falcon. Morgen Nachmittag bin ich auf dem Weg nach Mexiko City. Aber wenn ich irgendwo über dem Atlantik die Zeit finde, in mein trockenes Sandwich zu beißen, werde ich es bestimmt bedauern, Ihre Einladu...

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