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Der Schneewittchenmörder

Weiß wie Schnee, rot wie blut, schwarz wie Ebenholz … zehn Jahre nach seinem letzten Mord geht der Schneewittchenmörder wieder in Nashville um.

Ein Fall, der Lieutenant Taylor Jackson so in Atem hält, dass sie sich kaum um die Vorbereitungen zu ihrer Hochzeit kümmern kann. Und so bemerkt sie auch zu spät, dass die Limousine, die sie zur Kirche bringen soll, den falschen Weg einschlägt.


John Baldwin wartet vergeblich vor dem Altar auf seine Braut. Erst denkt er, dass Taylor es sich in letzter Sekunde anders überlegt hat. Bis die Polizei eine verlassene Limousine findet - und einen weißen Brautschuh am Ufer des eiskalten Cumberland River.

  • Erscheinungstag: 01.06.2011
  • Aus der Serie: Taylor Jackson
  • Bandnummer: 2
  • Seitenanzahl: 432
  • ISBN/Artikelnummer: 9783862780563
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

PROLOG

Würde der Bastard jemals anrufen?

Rauch stieg von dem Aschenbecher auf, in dem eine feine Cohiba unbeachtet vor sich hin glühte. Mehrere ausgebrannte Stummel lagen kreuz und quer in der gläsernen Schale. Der Mann schaute auf seine Uhr. War es geschehen?

Er zerdrückte die Zigarre in dem Aschenbecher aus geschliffenem Kristall. Sie schwelte noch eine Weile vor sich hin, während er durch sein Büro wanderte. Der Mann trat ans Fenster, schmutzige Scheiben, die von einer leichten Frostschicht überzogen waren. Mit einem behandschuhten Finger malte er ein X in den Raureif. Er starrte hinaus in die Nacht. Obwohl es beinahe Mitternacht war, war die Skyline hell erleuchtet, und Lärm drang an seine Ohren. Irgendein Festival auf dem Cheekwood-Gelände: viel Gelächter, eine großartige Stimmung. Wenn er die Augen zusammenkniff, konnte er die Scheinwerfer der Autos ausmachen, die von überbezahlten Parkwächtern um die Kurven des Boulevards kutschiert wurden.

Er tippte mit dem Finger gegen die Scheibe und wischte seine Zeichnung mit einer schnellen Bewegung fort. Langsam drehte er sich um die eigene Achse und ließ den Blick durch das Zimmer schweifen. So leer. So dunkel. Geister lauerten in den finsteren Ecken. Die Schatten wurden größer, bedrohlicher. Sein Atem ging schneller, und er schaltete die Schreibtischlampe an. Er schnappte nach Luft, zog sie so tief in seine Lungen, wie er konnte. Die fluoreszierende Glühbirne scheuchte die Panik davon. Das Licht verlor sich in dem höhlenartigen Raum, aber es war immerhin Licht. Einige Dinge änderten sich nie. Nach all den Jahren hatte er immer noch Angst vor der Dunkelheit.

Auf dem Tisch lag Asche verstreut. Er war leer, bis auf das feine Rosenholzkästchen, den Aschenbecher und das nun schweigende Telefon. Auch der Raum selber war spartanisch ausgestattet, seine Eintönigkeit wurde nur durch den einfachen Tisch, einen hochlehnigen Lederstuhl auf Rollen und drei Klappstühle unterbrochen. Der Mann öffnete den Humidor und holte eine weitere Jubiläums-Cohiba heraus. Konzentriert folgte er dem Ritual – schnitt die Spitze ab, hielt das Feuerzeug ans Ende, drehte die Zigarre langsam in der Flamme, bis der Tabak Feuer fing. Er nahm einen tiefen Zug und ließ den Rauch in seine Lungen strömen. Ja. Das war schon besser.

Die Isolation war notwendig. In seinem jetzigen Zustand wollte er nicht gesehen werden. Es war besser, wenn man ihn als den starken, fähigen Mann in Erinnerung behielt, der er gewesen war, nicht als diese verkrüppelte Kreatur, diese dunkle Wesenheit mit den knorrigen Händen und dem gebeugten Rücken. Wie könnte dieses Bild Angst auslösen?

Nun würde es nicht mehr lange dauern. Die Angst würde sein bleiches Pferd sein, geritten auf den Rücken rotlippiger Mädchen. Seine Duplikate. Sein Stellvertreter. Seine Werkzeuge.

Das Klingeln des Telefons schreckte ihn auf. Endlich. Er antwortete mit einem brüsken „Ja?“ Einen Moment hörte er zu, dann legte er den Hörer auf.

Ein langsames Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. Das erste dieser Nacht. Es war an der Zeit. Zeit, neu anzufangen, wieder aufzutauchen. Ein neues Gesicht, ein neuer Körper, eine neue Seele. Mit einem letzten Blick aus dem Fenster drückte er die Zigarre aus, schloss den Humidor und stellte sich den Schatten. Resoluten Schrittes ging er in Richtung Tür und verschwand in der Finsternis.

Das Telefon klingelte. Irgendwo tief in ihrem Gehirn erkannte sie den Klang, wusste, dass sie rangehen musste. Aber verdammt, sie hatte gerade einen so schönen Traum. Ohne ihre Augen zu öffnen, streckte Taylor Jackson den Arm über den warmen Körper neben sich aus, nahm den Hörer ans Ohr und murmelte ein verschlafenes „Hallo?“

„Taylor, hier ist deine Mutter.“

Taylor öffnete ein Auge und versuchte, die leuchtende Uhrzeit auf dem Wecker zu erkennen – 2.48 Uhr.

„Wer ist gestorben?“

„Meine Güte, Taylor, musst du immer so grob sein?“

„Mutter, es ist mitten in der Nacht. Warum rufst du mich um diese Uhrzeit an? Weil du irgendwelche schlechten Neuigkeiten hast. Also, wenn du sie einfach ausspucken könntest, damit ich wieder einschlafen kann, würde ich das sehr zu schätzen wissen.“

„Na gut. Es geht um deinen Vater. Er ist verschwunden. Von der THE SHIVER.“

Die unterschiedlichsten Gefühle wirbelten durch Taylor, und sie setzte sich auf und schwang die Beine über den Rand des Bettes. Win Jackson. Winthrop Thomas Stewart Jackson IV, um genau zu sein. Ihr glorreicher Vater war verschwunden? Taylor ließ den Kloß in ihrer Kehle sich setzen und blinzelte die für sie untypischen Tränen zurück, die sich in ihren Augen sammelten.

Ihr Vater. Die Brust wurde ihr eng. Oh Mann, sie wollte nicht einmal daran denken, was das bedeuten konnte. Vermisst. Das war gleichbedeutend mit tot, wenn man von einem Boot auf hoher See verschwand, oder?

Vater. Erstaunlich, wie ein einziges Wort eine solche Lawine der Bitterkeit auslösen konnte. Sie hörte die Gerüchte wie Zugvögel durch ihren Kopf schwirren. Daddy hat seinem kleinen Mädchen einen Platz in der Akademie besorgt. Daddy hat seinem kleinen Mädchen eine Versetzung von der Streife zum Morddezernat gekauft. Daddy hat dem Bürgermeister eine große Wahlkampfspende zukommen lassen und damit seinem kleinen Mädchen den Rang eines Lieutenants verschafft. Der gute alte Win Jackson. Heuschrecke, Investmentbanker, Anwalt, Politiker. Ein Gauner durch und durch, mit einem herzhaften Lachen in einer trügerisch gut aussehenden Verpackung. Win war eine Legende in Nashville. Eine Legende, von der Taylor sich so weit wie möglich fernhielt.

Auf der Bettkante in ihrem dunklen Schlafzimmer sitzend, brachte alleine der Gedanke an ihn den schweren Duft seines teuren Aftershaves in ihre Nase. Seitdem er es einmal in London gekauft hatte, bestand er darauf, jedes Jahr zu Weihnachten eine neue Flasche zu importieren.

Sie hörte ihre Mutter nach ihr rufen.

„Taylor? Taylor, bist du noch da?“

„Ja, Mutter, ich bin hier. Was hatte er überhaupt auf der THE SHIVER zu suchen? Ich dachte, er segelt nicht mehr.“

„Du kennst doch deinen Vater.“

Nein, tue ich nicht.

„Er hat sich entschlossen, die Jacht nach St. Barts zu bringen. Oder St. Kitts? Saint ach was weiß ich. Eine der karibischen Inseln auf jeden Fall. Ich bin sicher, dass er eine kleine Schlampe bei sich hatte, mit der er in den Sonnenuntergang gesegelt ist. Und nun sieht es so aus, als wenn er über Bord gegangen wäre.“

Kitty Jacksons Stimme verriet keine Emotionen. Kein Gefühl, keine Liebe, kein gar nichts. Manchmal fragte Taylor sich, ob das Herz ihrer Mutter schon aufgehört hatte, zu schlagen.

„Wurde die Küstenwache benachrichtigt?“

„Taylor, du bist doch diejenige bei der Strafverfolgungsbehörde. Ich weiß die Antwort darauf ganz sicher nicht. Außerdem verlasse ich das Land. Ich werde in Gstaad überwintern.“

„Was?“

„Skifahren. Von Oktober bis Januar. Erinnerst du dich nicht? Ich habe dir den Reiseplan geschickt. Auf jeden Fall habe ich keine Zeit, mich mit deinem Vater zu beschäftigen. Ich muss packen.“

Beim gereizten Ton ihrer Mutter stellten sich Taylor die Nackenhaare auf. Kittys erste Sorge hatte immer nur Kitty gegolten. Mein Gott, ihr Ehemann wurde vermisst. Vielleicht war er über Bord gegangen, war tot … aber so war Kitty nun mal. Immer eine eigene Leidensgeschichte parat.

„Danke, dass du mich informiert hast, Mutter. Ich werde mich darum kümmern. Genieß deine Ferien. Auf Wiederhören.“

Taylor legte auf, bevor ihre Mutter etwas erwidern konnte.

Verdammt, Win. In was für einen Schlamassel hast du dich denn jetzt wieder geritten?

Taylor war gerade dabei, sich wieder unter die Decke zu kuscheln, um wenigstens noch eine Stunde zu schlafen, als das Telefon erneut klingelte. Wer war das denn jetzt? Sie schaute auf das Display und erkannte die Rufnummer. Mit professionellerem Ton als bei ihrer Mutter nahm sie den Anruf entgegen.

„Taylor Jackson.“

„Ich habe hier ein totes Mädchen, das du dir ansehen musst.“

„Ich bin gleich da.“

1. KAPITEL

Zwei Monate später

Nashville, Tennessee

Sonntag, 14. Dezember

19:00 Uhr

Die Halogenlampen spiegelten sich in der zinnoberroten Pfütze, die langsam überfror und umso heller wurde, je näher sie dem Gefrierpunkt kam. Kurze schwarze Haare schwebten unter der hart werdenden Oberfläche, wie Venen im Blut. Als sie endgültig zufror, pulsierte sie noch einmal, zweimal, wie ein sterbendes Herz. Lebensblut im wahrsten Sinne.

Die Frau war nackt, ihr Körper mit blauen Flecken übersät. Sie lag auf ihrer rechten Seite, das Gesicht in Richtung des Hügels gewandt, der zum Capitol hinaufführte. Lange, ebenholzschwarze Haare umflossen sie wie ein matschiger Bach. Ihr Gesicht war weiß, weißer als ein Geist; ihre Lippen waren blutrot gefärbt. Sie sah aus wie eine Märchenprinzessin, die in einem Glassarg gefangen gehalten wurde. Aber dieses Mädchen war nicht dank eines vergifteten Apfels an ihrem finalen Ruheplatz gelandet, umgeben von Liebe und Bedauern. Stattdessen lag sie wie weggeworfen auf diesem marmornen Podest, entsorgt wie ein Stück Sperrmüll. Ihr nackter Körper bog sich um den in der Mitte stehenden Pfosten. Die kleineren Flaggen umrahmten sie beschützend und schlugen mit jedem Windstoß aus. Ihr linkes Bein lag in einem grotesken Winkel abgespreizt und verdeckte eine der in den Boden eingelassenen Lampen, die die Szene geschmackvoll beleuchteten.

Bei näherem Hinsehen war die klaffende Messerwunde gut erkennbar. Sie zog sich einmal quer über die Kehle der Frau. In der Dunkelheit grinste sie fröhlich in einem dunklen Burgunderrot, beinahe Schwarz, wobei auch helle Knorpelstücke und Knochen sichtbar waren.

Taylor betrachtete die Sauerei mit hochgezogener Augenbraue. Oh, die Freuden eines Lieutenants der Mordkommission. Sie zitterte in der Abenddämmerung, drückte die Arme näher an ihren Körper und schaukelte leicht vor und zurück. Sie war angemessen angezogen – ein bis zur Mitte des Oberschenkels reichender Lammfellmantel, darunter ein dicker Strickpullover und Jeans, Handschuhe und ein Schal, aber die Kälte stahl sich durch die kleinsten Ritzen und ließ ihr Blut immer träger fließen. Die Luft roch scharf und bitter nach Schnee. Die Temperatur hatte seit Tagen weit unter dem Gefrierpunkt gelegen und eine angespannte Atmosphäre erzeugt, die für Nashville einen baldigen Schneesturm ankündigte. Der Winter kommt noch diese Woche, sagten die Leute. Taylor stieß einen Cowboystiefel in das gefrorene Gras.

Warten. Sie war es so leid, zu warten. Es schien, als wenn sie ihr ganzes Leben in einer Art Warteschleife verbrachte, auf ihre Uhr schaute, wusste, dass es noch ein paar Minuten, ein paar Stunden, ein paar Tage dauern könnte, bis irgendetwas geschehen oder irgendjemand auftauchen würde.

Die Rechtsmedizinerin würde jeden Moment eintreffen. Sie musste nichts anderes tun, als darauf zu warten.

Es war zu kalt, um länger einfach nur zu stehen. Taylor reckte die Arme in den Himmel und spürte, wie eine Verkrampfung unterhalb ihrer rechten Schulter sich löste. Zu verspannt, und die eiskalten Temperaturen waren da keine Hilfe. Sie ging in die Nacht hinaus, froh, den Geruch des Todes aus der Nase zu bekommen, nur um sofort umzudrehen, als der Gestank von beißender Kälte ersetzt wurde. Ihre Augen tränten. Mit einem kurzen Blick über ihre Schulter schritt sie die Granitmauer ab, die das Amphitheater umgab. In einiger Entfernung drehte sie sich um und betrachtete die vor ihr liegende Szenerie.

Sie musste zugeben, dass die Bicentennial Mall Nashvilles eine ganz zauberhafte Kulisse für einen Mord bot. Im Jahr 1996 eingeweiht, um das zweihundertjährige Jubiläum der Staatwerdung Tennessees zu feiern, hatte sie nie die Beliebtheit erreicht, die sich die Stadtführer erhofft hatten. Die Promenade hatte jedoch einen gewissen Charme und war ein beliebter Treffpunkt, um im Sommer seine Mittagspausen an der frischen Luft zu verbringen oder seine morgendlichen Joggingrunden zu drehen. Nachts war es hier sehr still. Die Einzigen, die sich hier versammelt hatten, um den Mord zu bekunden, waren die verschiedenen blau-weißen Streifenwagen, deren Lichter durch die Dunkelheit zuckten. Das würde sich ändern, sobald die Medien Wind von dem Mord bekamen. Und vom Zustand des Opfers. Sehr wahrscheinlich war das hier Opfer Nummer vier.

„Verdammt.“

Die Übertragungswagen der nationalen Fernsehsender würden weiterhin die Straßen von Nashvilles Innenstadt säumen und auf einen Fehltritt der Polizei warten, der einen weiteren Tag dieses Medienzirkus garantieren würde. Zwei Monate konstanter Beobachtung durch die Presse hatten bei allen Spuren hinterlassen. Drei Familien waren auseinandergerissen worden – nun wohl vier, sobald die Identität des neuen Opfers festgestellt wäre. Mehr schlaflose Nächte, als Taylor zählen konnte. Mach weiter. Der Durchbruch ist nicht mehr weit.

Das südliche Ende der Mall, wo das tote Mädchen lag, war ein Tribut an die Staatsflagge Tennessees. Achtzehn Fahnen, wovon acht die eine höhere in der Mitte umringten, begrenzten beide Seiten des mit Granitsteinen gepflasterten Weges. Sie winkten fröhlich in der kalten Brise, vollkommen ungerührt von der blutigen Szene vor ihnen. Vielleicht war das ein passendes Bild. Tennessee hatte seinen Spitznamen „Der Freiwilligen-Staat“ den vielen Männern zu verdanken, die im Bürgerkrieg gekämpft hatten. LeRoy Reeves vom Dritten Regiment der Infanterie hatte die Flagge entworfen. Der purpurfarbene Stoff mit den drei weißen Sternen passte gut zu dem Blut und den Knochen am Fuße des Fahnenmastes.

Es war ein schönes Bild – wenn man Postkarten aus der Hölle mochte. Das vierte Motiv dieser Art, seitdem der Schneewittchenmörder unter seinem verdammten Stein hervorgekrochen war und wieder angefangen hatte zu töten.

Taylor sah an den Flaggen vorbei, am Leichnam. Eingerahmt von einer verzierten Eisenbahnbrücke schaute man direkt einen perfekt manikürten, beleuchteten Hügel hinauf, auf dem der neoklassizistische Bau des Capitols majestätisch in der Dunkelheit erstrahlte. Ihre Stadt. Ihre Verantwortung. Taylor wandte sich um und setzte ihren Weg fort.

Ihr Mörder ging nicht besonders raffiniert vor, wenn es darum ging, Aufmerksamkeit zu erregen. Der Schauplatz lag nur zwei Häuserblöcke von Channel 4 und vier verschiedenen Polizeidienststellen entfernt. Auf beiden Seiten der Mall gab es Kreisverkehre, die eine einfache Möglichkeit boten, schnell hier hineinzuschlüpfen, die Leiche abzulegen, und direkt weiter zum James Robertson Parkway zu fahren. Taylor war verwundert, dass die örtliche CBS-Zweigstelle noch nicht vor Ort war.

Eine Schneeflocke tanzte vor ihren Augen, bezaubernd in ihrer zerbrechlichen, kristallinen Schönheit. Wie etwas so Schönes so viel Unheil anrichten konnte – das Wetter wurde immer schlimmer. Die Vorhersage sprach von mindestens dreißig Zentimetern Neuschnee in den tieferen Lagen und bis zu vierzig Zentimetern auf dem Plateau. Der Verkehrsinfarkt war vorprogrammiert.

Um alldem die Krone aufzusetzen, wurde Taylor in einhundertzwanzig Stunden, oder fünf kurzen Tagen, in der St.-George’s-Kirche erwartet. Zu ihrer Hochzeit.

Taylor atmete tief ein und kehrte zu der Toten zurück. Sie schob den Ärmel hoch und schaute auf ihre Uhr. Die Rechtsmedizin sollte eigentlich schon längst da sein. Sie war mehr als bereit, die Leiche wegbringen zu lassen. Aus der Kälte zu kommen. Vor ihrem großen Tag noch ein paar Stunden Schlaf zu kriegen. Zu tun, was immer auch getan werden musste, damit die Hochzeit so vonstattenging wie geplant. Eine kleine Stimme meldete sich in ihrem Hinterkopf. Es wäre nicht das Ende der Welt, wenn wir den Termin aufschieben müssten. Wie zum Teufel sollen wir heiraten und in die Flitterwochen fahren, wenn wir mitten in einem wichtigen Mordfall stecken?

Auf der Hauptstraße fuhr ein Übertragungswagen vorbei, leise wie ein Hai. Taylor nahm an, dass sie einen Platz suchten, von wo aus sie einen guten Überblick über die Szene hatten. Vermutlich würden sie hinten herum über den James Robertson Parkway fahren und sich hoch zur Charlotte und Sixth schleichen. Mist. Zeit, dass Bewegung in die Sache kam.

Zitternd vor Kälte griff sie in ihre Manteltasche und holte ihr Handy hervor. Als sie es aufklappte, näherte sich ein weißer Van mit dezenter Beschriftung. Die Rechtsmedizin. Endlich.

Taylor klappte das Telefon wieder zu und ging quer über den Rasen auf den Van zu, wobei sie den schön angelegten Weg, den sie eigentlich benutzen sollte, absichtlich ignorierte. Sie trat an die Fahrertür und bedeutete der Fahrerin, das Fenster herunterzulassen. Die Rechtsmedizinerin Dr. Samantha Loughley tat, wie ihr geheißen, und Taylor schob ihren Kopf in das warme Innere des Wagens. Welch eine Wohltat.

„Taylor, geh mir aus dem Weg.“ Sam legte ihre Hand unter Taylors Kinn und schob ihren Kopf wieder aus dem Fenster. Dann stellte sie den Motor ab, öffnete die Tür und stieg aus. In schwarzer Fleecejacke, gefütterten Stiefeln und pinkfarbenen Ohrwärmern war sie für das Wetter perfekt angezogen. Sie nickte kurz.

„Okay, wo ist sie?“

„Auf dem Fahnenpodest. Du solltest dir vorher wirklich einen Moment nehmen, den Weg hinaufgehen und dir das Ganze von dort ansehen. Es ist wirklich hübsch.“ Taylor lächelte.

„Du Ghul. Irgendeine Ahnung, wer sie sein könnte?“

„Nein. Sie ist nackt, keine Anzeichen von Kleidung oder Handtasche. Meinst du, es wird so stark schneien, wie sie vorhergesagt haben?“

„Ich hab gehört, heute Nacht sollen wir dreißig Zentimeter bekommen. Oder mehr.“ Sam zwinkerte Taylor zu und machte sich auf den Weg zur Toten. Taylor folgte ihr. Bilder von geschlossenen Flughäfen, in Gräben feststeckenden Schneepflügen und Cateringunternehmen ohne Strom schossen durch ihren Kopf wie betrunkene Mäuse. Sie sollte über die Aussicht, ihre Hochzeit verschieben zu müssen, nicht so froh sein. Viel Glück damit, Taylor. Sogar wenn es dreißig Meter Schnee gibt, werden die Menschen es in fünf Tagen schaffen, alles auf die Reihe zu bekommen.

„Aber die Vorhersagen sind nie sonderlich genau. Wirklich, Wetteransager sind bekannt dafür, ständig danebenzuliegen. Stimmt doch, oder, Sam?“ Vielleicht hält sich der Schnee bis Donnerstag zurück …

Die Rechtsmedizinerin hörte nicht mehr zu. Sie hatte gerade einen ersten Blick auf die Leiche geworfen. Mitten in der Bewegung erstarrte sie.

Taylor legte ihrer besten Freundin eine Hand auf die Schulter. Alle persönlichen Sorgen waren mit einem Mal verschwunden.

„Ich weiß“, murmelte sie und drückte Sams Schulter. „Für mich sieht es auch so aus. Darf ich vorstellen, Janesicle Doe.“

„Wow, das scheint wirklich sein Werk zu sein.“ Sam kniete sich hin und betrachtete das Gesicht des toten Mädchens eindringlich.

„Er verändert es. Das hier ist keine reine Ablagestelle – nach der Menge an Blut zu urteilen, würde ich meine Marke darauf verwetten, dass sie direkt hier umgebracht worden ist.“

„Und zwar vor nicht allzu langer Zeit.“ Sam griff nach ihrer Tasche. Taylor wusste, was als Nächstes kam, und trat einen Schritt zur Seite, damit Sam ihre Arbeit tun konnte.

Die Scheinwerfer des herangeschlichenen Übertragungswagens gingen mit einem hörbaren Summen an und fingen Taylor ein. Sie entschuldigte sich und machte sich auf den Weg, die Kameras abzublocken. Mit jedem Mord wurden die Medien dreister. Taylor hatte allerdings nicht vor, sich den Fall durch irgendwelche wilden Spekulationen kaputt machen zu lassen.

Hinter sich hörte sie Sam flüstern: „Bingo.“

2. KAPITEL

Nashville, Tennessee

Montag, 15. Dezember

21:24 Uhr

Taylor rutschte unruhig unter den hellen Scheinwerfern des Regionalstudios von Fox in Nashville hin und her. Der Muttersender Fox News verlangte umfassende Informationen im Falle des Schneewittchenmörders, und Taylor war ausersehen worden, sich den bohrenden Fragen zu stellen. Sobald sie verkabelt war und ihren Platz eingenommen hatte, war die Moderatorin, der sie zugeschaltet werden sollte, zu einer Eilmeldung abberufen worden. Ein Selbstmordattentäter hatte sich inmitten eines Restaurants in Jerusalem in die Luft gesprengt und fünfzehn tote und zwei verletzte Amerikaner hinterlassen. Der Sonderbericht lief nun schon eine ganze Weile, was Taylor Zeit gab, ihre Zustimmung zu diesem Interview noch einmal zu überdenken.

Sie war dankbar für die Gelegenheit, einige Fakten zu präsentieren, hätte es aber vorgezogen, wenn der Sender mit Dan Franklin gesprochen hätte, dem offiziellen Pressesprecher des Metro Police Department. Sie war kein großer Freund von Live-Interviews. Verständlicherweise hatte das erneute Auftauchen des Schneewittchenmörders das ganze Land in Alarmzustand versetzt, von ihrer eigenen Stadt und ihrer Mordkommission ganz zu schweigen. Die Folge davon war, dass jeder da aushalf, wo es gerade am meisten brannte.

Sie wischte sich mit den Fingern über die Stirn und spürte kleine Schweißperlen. Es wäre nett gewesen, wenn man die Lichter ausgeschaltet hätte, solange sie warten musste. Blicklos starrte sie ins Dunkel des Studios, ihr Kopf schwirrte nur so. Der Sender hatte speziell sie angefordert. Sie vermutete, das hing mehr mit ihrem familiären Hintergrund zusammen als mit der Tatsache, dass sie die leitende Ermittlerin in dieser aufsehenerregenden Verbrechensserie war. Die Nachrichtensprecherin war gewarnt worden, keine Fragen zur Win-Jackson-Story zu stellen, und Taylor hoffte, dass diese Warnung einmal erhört würde.

Oh Win. Wo in der Welt bist du nur?

Unruhe kam auf. Der Techniker gab ihr das Signal, dass sie gleich auf Sendung gingen. Er zählte laut runter, bei drei verstummte er und zeigte ihr nur noch die entsprechende Fingeranzahl. Drei, zwei, eins. Sie atmete tief ein, stieß den Atem ganz langsam aus und setzte ein Lächeln auf.

“Jetzt schalten wir rüber zu Lieutenant Taylor Jackson von der Mordkommission der Metro Nashville Police. Wir werden über die grauenhafte Mordserie sprechen, die Music City, wie Nashville auch genannt wird, in Atem hält. Eine Stadt, die mehr an überspannte Country Stars gewöhnt ist als an Morde. Erst letzte Nacht ist ein weiteres Opfer dieses entsetzlichen Mörders gefunden worden.

Lieutenant Jackson, haben Sie die Leiche bereits identifiziert?”

„Nein, das haben wir nicht. Wir …“

„Und das ist jetzt Opfer Nummer vier, richtig?“

„Es ist noch zu früh, das zu …“

„Vor zwei Monaten fand die Polizei die misshandelte Leiche des Entführungsopfers Elizabeth Shaw. Das Mädchen war vergewaltigt worden, bevor man ihr die Kehle mit einem scharfen Objekt aufschlitzte, bei dem es sich vermutlich um ein beim Militär eingesetztes Messer handelte. Drei Wochen später wurde die Leiche von Candace Brooks gefunden, die Todesursache war die gleiche. Letzte Woche fand man eine junge Frau namens Glenna Wells in der Nähe des Percy Priest Lake, auch sie vergewaltigt, geschlagen und vermutlich verblutet, wie es der tiefe Schnitt in ihrer Kehle nahelegt. Die Tatorte weisen eine beängstigende Ähnlichkeit auf, und die Nashville Police geht bei ihren Untersuchungen wohl von der Annahme aus, dass es sich um das Werk eines Serienmörders handelt.“

Oh Gott. Großartig. Eine, die meint, alles zu wissen.

Eine Stimme in ihrem Ohr ließ sie zusammenzucken. Sie würde sich nie daran gewöhnen, den Sendeleiter unangekündigt in ihrem Kopf zu haben.

„Tut mir leid. Scheuen Sie sich nicht, bei der nächsten Atempause einzuhaken.“

Taylor überprüfte ihr Lächeln; sie wollte nicht wie ein Idiot grinsend zurück auf Sendung gehen. Das mach ich.

Der Monolog ging weiter. „Diese Serienmorde sind für sich genommen schon schlimm genug, aber sie konnten zu einem Mann zurückverfolgt werden, den ganz Amerika als den Schneewittchenmörder kennt; einen fanatischen Killer, der in den Achtzigerjahren zehn Frauen umbrachte und nie gefasst wurde.“

Der Bildschirm wurde schwarz, dann leuchteten Frauengesichter und Namen auf. Die Stimme der Moderatorin füllte Taylors Ohren, als der vorher aufgezeichnete Bericht begann. Sie gaben einen Überblick über die Morde aus den Achtzigerjahren und zogen Parallelen zu den aktuellen Fällen. Taylor betrachtete die Collage und hörte nur mit halbem Ohr zu.

Sie war in der Mittelstufe auf der Father Ryan High School gewesen, als der Schneewittchenmörder sich seine Opfer unter wunderhübschen Mädchen erwählt hatte, die nur wenig älter waren als sie selbst. Als sie bei der Polizei aufgenommen wurde, hatte sie die Akten überprüft und auswendig gelernt in der Hoffnung, eines Tages den Mörder zu finden. Es sah so aus, als würde sie jetzt ihre Chance erhalten. Die Ironie, dass sie nun die leitende Ermittlerin bei den neuen Morden war, entging ihr nicht.

Taylor merkte, dass die Moderatorin immer noch redete, und konzentrierte sich wieder.

„Die Medien haben den Mörder mit einem passenden Namen belegt, der Schneewittchenmörder, weil alle diese jungen, wunderschönen Mädchen eine starke Ähnlichkeit mit dem berühmten Disney-Charakter aufweisen: schwarze Haare, blasse Haut und rot angemalte Lippen.“

Taylor schaute sich die übertrieben betonten Gesichtszüge der Moderatorin genauer an. Hm, Kimberley, wenn man dir ein wenig roten Lippenstift auftragen würde, wärst du auch eine exzellente Kandidatin.

Die Stimme in ihrem linken Ohr ertönte wieder. „Okay, Lieutenant, Sie sind wieder im Bild in drei, zwei …“

„Und dann hat er aufgehört. Die Menschen haben ihn nie vergessen, aber sie haben mit ihrem Leben weitergemacht. Bis jetzt.“ Der Einspieler endete, und Taylors Gesicht füllte den Monitor.

„So, Lieutenant Jackson, es scheint, dass der Schneewittchenmörder wieder umgeht. Haben Sie irgendwelche Beweise, die diese Theorie stützen? Wo ist er all die Zeit gewesen?“

Zeit, die Zügel wieder in die Hand zu nehmen. Taylor räusperte sich und setzte ein warmes Lächeln auf.

„Zuerst einmal danke, dass Sie mich heute eingeladen haben, Kimberley. Wie Sie wissen, war der Schneewittchenmörder Mitte der Achtzigerjahre in Nashville aktiv. 1988 ist er aus unserem Blickfeld verschwunden, und wir sind nicht sicher, was mit ihm passiert ist. Ist er ins Gefängnis gekommen oder gestorben? Vielleicht ist er auch umgezogen, hat seinen Modus Operandi geändert oder in einer ganz anderen Stadt angefangen zu morden, auch wenn das nicht sehr wahrscheinlich ist. Es ist selten, dass ein Serienmörder seine Vorgehensweise verändert, wie Sie sicher wissen.“

Wie die ganze Welt weiß, dank solcher Programme wie diesem hier, die bei jedem Mordfall alle möglichen Profiler und forensischen Wissenschaftler aufbieten, um die Taten bis ins Kleinste zu analysieren.

„Stimmt es nicht, Lieutenant, dass die Polizei glaubt, es wäre ein Mann mit beträchtlichem Vermögen gewesen, der das Land verlassen hat?“

„Ja, Kimberley, das ist eine Möglichkeit, die wir überprüft haben. Allerdings ist die Mordkommission sich ziemlich sicher, dass er mindestens noch ein Jahr in Tennessee gelebt hat.“

Weil sie einen höflichen Brief von dem Arschloch bekommen haben, in dem er ihnen mitteilte, dass er immer noch in der Stadt sei, aber nicht vorhabe, weitere Mädchen umzubringen. Aber das musst du nicht wissen.

„Lieutenant, was bringt Sie zu der Annahme, dass der Schneewittchenmörder höchstpersönlich wieder aufgetaucht ist?“

„Nun, Kimberley, das ist etwas, was die Medien ins Gespräch gebracht haben und weiter verbreiten. Wir haben derzeit keinen zwingenden Beweis, dass diese neuen Verbrechen von derselben Person begangen werden. Die Positionierung der Leichen ist vertraut, das Vorgehen ähnlich, aber es gibt nichts Handfestes, das diese Verbrechen eindeutig dem Schneewittchenmörder zuschreiben könnte.“

Außer den Nachrichten und den Knoten, aber diese Information teile ich ebenfalls nicht mit dir.

„Er ist seit mehr als zwanzig Jahren untergetaucht, Lieutenant. Genau wie Dennis Radar aus Wichita, der bekannt dafür war, seine Opfer zu fesseln, zu quälen und schließlich umzubringen. Könnte der Schneewittchenmörder mitten unter den Menschen in Ihrer Stadt leben, ein Teil der Gesellschaft sein, pünktlich seine Steuern bezahlen und am Wochenende die Little League trainieren?“

„Alles ist möglich, aber das ist kein realistisches Szenario. Täter wie diese hören selten auf. Oft gibt es eine Eskalation der Gewalt über einen gewissen Zeitraum, und die meisten werden so lange töten, bis sie geschnappt oder auf irgendeine Weise außer Gefecht gesetzt werden. Es ist wahrscheinlicher, dass der Mann, der für die Schneewittchenmorde verantwortlich war, tot ist oder für ein anderes Verbrechen im Gefängnis sitzt. Wir wollen hier keine Panik verbreiten.“

„Stimmt es nicht, Lieutenant, dass alle diese neuen Morde eine Gemeinsamkeit aufweisen? Wurden nicht bei allen Opfern hohe Blutalkoholwerte festgestellt, die darauf hindeuten, dass sie kurz vor ihrer Entführung und Ermordung übermäßig Alkohol konsumiert haben?“

„Ja, die Opfer hatten erhöhte Blutalkoholwerte. Mehr kann ich zum jetzigen Zeitpunkt der Ermittlung dazu leider nicht sagen.“

Das Rohypnol lassen wir mal lieber unerwähnt.

„Okay, Lieutenant. Möchten Sie heute Abend noch eine Warnung an die Frauen von Nashville loswerden?“

„Nur die üblichen Appelle an den gesunden Menschenverstand, Kimberley. Frauen im Großraum Nashville sollten auf der Hut sein und sich nicht in kompromittierende Situationen bringen. Nehmen Sie keine Drinks von Fremden an, schauen Sie zu, wenn der Barkeeper Ihren Drink einschenkt, und lassen Sie Ihr Getränk niemals unbeaufsichtigt. Gehen Sie nicht mit Fremden mit. Halten Sie Ihre Türen und Fenster geschlossen, auch im Auto. Seien Sie sich stets Ihrer Umgebung bewusst, und wenn Sie etwas Verdächtiges sehen oder hören, rufen Sie die Polizei. Wir kommen lieber einmal zu viel und finden nichts, als dass wir einmal zu spät an einen Tatort kommen.“

“Das ist ein großartiger Rat, Lieutenant. Lassen Sie mich noch eine Frage stellen. Was für ein Gefühl ist das für Sie persönlich: zu wissen, dass ein Serienmörder in Ihrer Stadt auf der Lauer liegt und sich hübsche, junge Frauen als Opfer sucht? Was tun Sie, um nachts gut schlafen zu können, während ein Monster wie dieses da draußen sein Unwesen treibt?

Ich schlafe nicht ruhig.

„Kimberley, das Auftauchen dieses Mörders macht uns allen Sorgen. Nashville Metro hat viele talentierte und engagierte Officer, die an diesem Fall arbeiten und alle Spuren sorgfältig auswerten, damit wir ihn finden, bevor er ein weiteres Mal zuschlägt. Wir wollen die Einwohner Nashvilles beruhigen, keine Hysterie auslösen. Aber noch einmal, wenn Sie etwas Ungewöhnliches bemerken, rufen Sie bitte den Notruf oder unsere Hotline an. Haben Sie die Nummer eingeblendet?“, wandte Taylor sich fragend an Kimberley.

„Ja, Lieutenant, das haben wir. Ich habe noch eine abschließende Frage. Ihr Vater, Winthrop Jackson IV, ist vor gut zwei Monaten von seiner Jacht verschwunden und wird seitdem vermisst. Soweit wir wissen, ist die Regierung der Vereinigten Staaten bei der Suche nach ihm beteiligt. Haben Sie zu diesem Fall irgendwelche neuen Informationen?“

Taylor merkte, wie ihr Blutdruck stieg. Sie konnte es einfach nicht lassen, oder?

„Nein, Kimberley.“ Sie presste die Lippen aufeinander und verschränkte die Arme. Es gab einen kurzen Moment der absoluten Stille, den die Moderatorin dann schnell brach.

„Danke, dass Sie sich die Zeit für uns genommen haben, Lieutenant, und viel Glück, dass Sie diesen grauenhaften Killer bald fangen. Als Nächstes werden wir mit einem Forensiker über die in diesem Fall gefundenen Spuren sprechen und darüber, was sie in Bezug auf die früheren Ermittlungen zum Schneewittchenmörder bedeuten.“

Die körperlose Stimme erklang in Taylors Ohr. „Tut mir leid. Ich habe ihr gesagt, dass sie das Thema Ihres Vaters nicht anrühren soll. Aber Sie haben Ihre Sache gut gemacht. Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend.“

Ein kurzes Knacken, dann erloschen die grellen Scheinwerfer.

„Und das war’s. Gut gemacht, Lieutenant Jackson.“ Der Techniker von Channel 17 lächelte sie bewundernd an. Er konnte nicht älter als achtzehn sein – und mit einem Mal fühlte Taylor sich alt. Das Interview war so gut gelaufen wie möglich. Und zumindest der Sendeleiter war nett gewesen. Zu schade, dass sie ihre Wünsche ignoriert und nach ihrem Vater gefragt hatten, aber glücklicherweise hatten sie sich mit ihrer Antwort zufriedengegeben und nicht weiter nachgehakt. Ein Serienmörder versprach ja auch mehr Unterhaltung als eine zwei Monate alte Vermisstenanzeige.

Sie nickte dem Jungen zu. „Danke.“

„Wollen Sie eine Kopie der Aufzeichnung? Die kann ich Ihnen gerne besorgen.“

„Sicher, das wäre nett.“ Der Junge flitzte davon, und Taylor stand auf. Sie schüttelte ihr eingeschlafenes linkes Bein, um wieder Gefühl hineinzubekommen. Als ob es irgendetwas bringen würde, sich das Interview noch einmal anzusehen.

Vier grausame Morde innerhalb von zwei Monaten. Alle Opfer hatten schwarze Haare, blasse Haut und trugen grellroten Chanel-Lippenstift. Schneewittchen.

Sie mussten diesen Kerl schnappen, und zwar schnell.

John Baldwin lehnte mit verschränkten Armen und angewinkeltem Bein an der Wand. Geschlagene fünfzehn Minuten ignorierte er die Empfangsdame schon, die ihn seit seiner Ankunft anstarrte, als wäre er ein besonders leckeres Dessert. Seitdem Taylor in sein Leben getreten war, nahm er Versuche von anderen Frauen, seine Aufmerksamkeit zu erregen, gar nicht mehr wahr. Sehr zur Enttäuschung der meisten Frauen, mit denen er in Kontakt kam, hatte er nur noch Augen für Taylor. Er war einen Meter fünfundneunzig groß, schlank und muskulös, und seine welligen schwarzen Haare und strahlend grünen Augen zogen so manchen Blick auf sich. Doch wenn die Blicke so unverhohlen waren wie von dieser Rezeptionistin, fing er an, sich unwohl zu fühlen.

Die Studiotür öffnete sich, und er sah, wie Taylor von einem verkabelten Jugendlichen in die Lobby begleitet wurde. Tontechniker, dachte Baldwin. Als Profiler fürs FBI und anerkannter forensischer Psychiater war er ein alter Hase, was Fernsehinterviews anging. In Fällen wie diesen war eine gewisse Zusammenarbeit mit den Medien unvermeidlich. Dieser Fall fraß sie alle bei lebendigem Leib auf.

Aus Quantico hatte er die Nachricht erhalten, den Fall des Schneewittchenmörders zu verfolgen und wenn nötig einzugreifen. Er wollte Taylor jedoch nicht auf die Zehen treten. Er ließ sie ihre Theorien abarbeiten und leitete sie nur an, wenn sie feststeckte. Das passierte dieser Tage immer seltener. Seine Expertise färbte langsam auf sie ab. Sie brauchte seine Hilfe noch nicht. Irgendwann sicher, aber ihm wäre es lieber, wenn sie dann von sich aus auf ihn zukäme.

Taylor schob die Glastür mit dem Ellenbogen auf. Abwesend fasste sie ihre Haare in einer Hand zusammen, zog ein Gummiband von ihrem Handgelenk und bändigte die blonde Mähne in einem Pferdeschwanz. Der junge Techniker trat zur Seite, um ihr den Vortritt zu lassen, wobei er sie anschaute wie ein liebeskranker Welpe. Er sagte ihr, dass sein Name Sean sei, und sollte sie jemals irgendetwas benötigen, könnte sie ihn jederzeit anrufen. Seine Bewunderung machte Taylor verlegen, was Baldwin an den roten Spitzen ihrer Ohren sehen konnte.

Als sie ihn dann erblickte, verteilte sich die Röte bis in ihre Wangen, was ihr ein frisches, gesundes Aussehen verlieh. Ganz bezaubernd. Schönheit, Köpfchen und Mut. Er hatte einen wahren Volltreffer gelandet, als er sie getroffen und sich in diese umwerfende Frau verliebt hatte.

Sean, der Techniker, bemerkte Baldwin nun auch. Eine Falte zeigte sich auf seiner jungen Stirn. Obwohl er noch kaum ein Mann war, verstand er dennoch, was das zu bedeuten hatte. Er schenkte Baldwin ein halbherziges Grinsen, das sagte: „Hey, Sie können mir nicht verübeln, es wenigstens versucht zu haben.“ Dann schüttelte er Taylor die Hand und zwinkerte ihr noch einmal zu, bevor er sie Baldwin überließ. Der begrüßte sie mit einem Lächeln.

„Ich glaube, das lief ganz gut.“

„So gut es eben ging, schätze ich.“

„Und wie geht es dir? Wegen deines Vaters, meine ich.“

„Mir geht es gut, wieso auch nicht?“ Sie schenkte ihm einen Blick, der eindeutig besagte, dass es ihr nicht gut damit ging, sie aber nicht gewillt war, daraus eine große Sache zu machen. Er legte einen Arm um ihre Schultern und drückte sie an sich, dann hielt er ihr die Tür auf.

Sie verließen das Gebäude und gingen zum Parkplatz. Baldwin spürte den Schauer, der dank der kalten, schneeigen Nachtluft Taylors Rücken überlief. Die Studios von Channel 17 lagen hinter dem öffentlichen Ted-Rhodes-Golfplatz in der nordwestlichen Ecke von Nashvilles Zentrum. Dunkel und einsam war es hier; ein Gefühl des Unbehagens überfiel sie beide. Er wusste, was sie dachte.

Vier tote Mädchen während ihrer Schichten. Eine Nation, die jeden ihrer Schritte sehr genau verfolgte. Und ein skrupelloser Mörder, der zu viel Spaß daran hatte, mit ihren Detectives zu spielen. Das waren keine Zutaten für ein fröhliches Weihnachten.

Sie erreichten seinen BMW, und er ließ seinen Arm zu ihrer Hüfte gleiten. Dann drückte er den Knopf auf dem Schlüssel. Öffnete ihr die Tür. Beugte sich vor, als sie auf dem weichen Leder Platz nahm, und fuhr mit seiner Hand über ihre Wange.

„Wir werden ihn fassen. Ich schwöre dir, wir kriegen ihn.“

„Ich weiß“, erwiderte sie. „Ich weiß.“

3. KAPITEL

Nashville, Tennessee

Montag, 15. Dezember

23:00 Uhr

Baldwin ließ sie am Büro raus, damit sie die losen Enden des Tages zusammenbinden und ihren Truck mit nach Hause nehmen konnte. Sie gähnte, als sie das Licht im Büro anschaltete. Das Mordbuch lag auf ihrem Schreibtisch, die einzelnen Abschnitte sorgfältig mit Reitern gekennzeichnet: Tatortfotos, Beweise, Protokolle und Berichte der verschiedenen Officer, die am Tatort gewesen waren. In der eisigen Kälte der letzten Nacht hatten sie drei Stunden gebraucht, um den Tatort an der Bicentennial Mall aufzuräumen. Wobei der konstant fallende Schnee keine große Hilfe gewesen war. Aber sie waren kein Risiko eingegangen: Jeder noch so kleine Beweis war aufgesammelt, eingetütet und beschriftet worden.

Eine schnelle Überprüfung ihrer E-Mails zeigte nichts, was nicht bis zum Morgen warten konnte. Sie rang einen Moment mit sich. Sollte sie die Fallakte jetzt noch einmal durchlesen oder nach Hause gehen und versuchen, etwas Schlaf zu bekommen? Der Gedanke an ein warmes Bett, einen warmen Körper neben sich, war zu verlockend. Taylor schnappte sich das Mordbuch und verließ das Büro.

Die Fahrt nach Hause war gruselig. Die Luft klirrte in der eisigen Brise. Schnee fiel in Schwaden vom Himmel; sie fühlte sich, als wenn sie direkt durch die Wolken führe. Es waren nur wenige Autos auf den Straßen, und der mangelnde Verkehr ließ Taylor sich einsam fühlen. Seitdem der Schneewittchenfall aufgekommen war, hatte sie keine Zeit gehabt, einen klaren Kopf zu bekommen. Zwei Monate mit toten Mädchen, angespannter Erwartung, Rückschlägen und falschen Spuren. Der Nervenkitzel der Jagd.

Dieser Gedanke ernüchterte sie. Das Mädchen, das letzte Nacht in einen Leichensack gesteckt und weggefahren worden war, um obduziert zu werden, hatte den Nervenkitzel des Gejagtwerdens sicher nicht genossen.

Der Schnitt über der Kehle des Mädchens stieg vor Taylors Augen auf, und beinahe hätte sie ihre Abfahrt verpasst. Ohne nachzudenken, trat sie hart auf die Bremse, doch der nasse, glatte Schnee weigerte sich, ihr zu helfen. Sie musste hart arbeiten, um das Auto wieder auf die Spur zu bringen. Als sie die Kontrolle zurückerlangte und die Ausfahrt hinunterfuhr, rauschte ihr das Blut in den Ohren. Ihr Gehirn weigerte sich, sich zu beruhigen. Die Bilder vom Tatort kamen ihr wieder in den Kopf, und sie machte genau das, was sie hatte vermeiden wollen – sie dachte über den Fall nach. Sie war so in Gedanken versunken, dass sie erst nach dem Anhalten merkte, wohin sie gefahren war. Zu ihrem alten Haus.

Kopfschüttelnd lachte sie darüber. Es war nur natürlich – sie waren erst vor ein paar Wochen umgezogen, und sie hatte noch immer Kisten in der Hütte stehen, die sie noch ins neue Haus bringen musste. Bei dem Gedanken an noch mehr Kisten stöhnte sie auf. Die Hütte sah nicht so aus, als wenn sie viel Platz bot, aber als Taylor angefangen hatte, zu packen, schienen die Dinge ihres Lebens mit jedem Tag mehr zu werden.

Taylor legte den Rückwärtsgang ein und fuhr wieder auf die Straße, weg von ihrem alten Leben. Ihr Telefon klingelte. Sie machte den Lautsprecher an. Sams übersprudelnde Stimme tönte aus dem Lautsprecher.

„Es ist das gleiche Zeug.“

„Jesus, du bist aber noch spät auf. Warum klingst du so fröhlich? Das bedeutet doch, dass sie definitiv sein viertes Opfer ist, oder?“

„Ich habe genug, um es durch den Massenspektrometer laufen zu lassen. Endlich bekommen wir eine Vorstellung davon, was das wirklich ist.“ Der Massenspektrometer hatte ihnen in den vorherigen Fällen nicht weiterhelfen können. Aber jetzt könnten sie vielleicht herausfinden, womit sie es zu tun hatten.

„Das ist großartig, Sam. Bleib nicht mehr zu lange auf.“

Als sie auf die richtige Straße einbog, schlängelte sich das Bild der klaffenden Wunde in Janesicles Kehle wieder an die Oberfläche.

John Baldwin war relativ zufrieden. Er hatte seinen letzten Fall abgeschlossen, seine Außendienststelle stand unter der Kontrolle eines stellvertretenden Direktors. Es hatte noch keine Anweisungen gegeben, den Schneewittchenfall zu übernehmen. Er hatte nichts Offizielles zu tun außer zu heiraten. Seine dringendste Sorge galt im Moment nur Taylor.

Im Kamin brannte ein Feuer, und sie stand keine zwei Meter davon entfernt mit einem Becher heißer Schokolade in der Hand, offenbar um das taube Gefühl in ihrem Körper loszuwerden. Beim Heimkommen waren ihre Hände beinahe blau gefroren gewesen. Er betrachtete ihr Profil, während sie aus dem Fenster schaute – ein Bild von höchster Konzentration. Sie war meilenweit entfernt. Ein seltener Schneesturm hatte die Stadt im Griff. Der Schnee stürzte nur so vom Himmel und sammelte sich so schnell auf den japanischen Ahornbüschen im Vorgarten, dass sie sich wie alte Männer unter der Last beugten.

Trotz der späten Stunde sprach eine körperlose, männliche Stimme tief und träge.

„Hören Sie sich die folgenden Sätze an. Was würden Sie darauf erwidern? Buon giorno, signora. Lei parla l’inglese? Dove siamo? Come si dice ‘Das ist die Piazza San Marco’ en italiano?

„Hey, das geht viel zu schnell. Und dabei sind wir noch bei den einfachen Sachen.“ Taylor drückte den Ausknopf auf der Fernbedienung des CD-Players, schüttelte den Kopf und lächelte.

„Was ist los, cara?“, zog er sie zärtlich auf.

Taylor schaute ihren Verlobten aus zusammengekniffenen Augen an. „Vaffanculo.“ Mit einem Grinsen spuckte sie das Wort aus. Baldwin sah sie überrascht an.

„Wo hast du das denn gelernt?“

„Gefällt es dir? Ich hab noch mehr davon.“

Sie zeigte dieses verrückte, sexy Lächeln, das so viel versprach. Ihre grauen Augen blitzten. Er spielte mit. „Also wirklich, Taylor, es gibt keinen Grund, so zu reden. Zumal du dir da drüben richtig Ärger einfängst, wenn du solche Sachen sagst. Wie kommt es, dass du Probleme mit den einfachsten Sätzen hast, aber fluchen kannst wie ein italienischer Hafenarbeiter? Nein, antworte lieber nicht.“ Er hielt eine Hand hoch. Taylor hatte die Lippen geschürzt, bereit, wie er annahm, ein weiteres charmantes Schimpfwort zum Besten zu geben.

„Entspann dich, Liebste. Du weißt mehr, als du glaubst. Ich habe dich beobachtet, wie du seit Wochen diese CDs durcharbeitest. Vertrau mir, wenn wir erst einmal da sind, wirst du innerhalb weniger Tage fließend Italienisch sprechen. Im Moment bist du nur zu abgelenkt.“

Er ging zur Anlage hinüber und schaltete sie aus. Dann schaute er sich im Wohnzimmer um – eine großzügige Sammlung von gewölbten Bögen und freigelegten Balken. Ihr neues Zuhause ähnelte den Häusern, in denen er und Taylor aufgewachsen waren. Elegant und luftig, weiß gekalkte Wände mit klaren Akzenten. Sie beide hatten sich beim ersten Anblick in das Haus verliebt. Von außen war es mit den für diesen Teil des Südens so typischen Ziegelsteinen verkleidet. Sie hatten viel mehr Platz als Möbel. Der Plan war, die weiteren Möbel und Kunstgegenstände auf ihrer Reise zu kaufen. Und natürlich ihren wachsenden Weinkeller weiter aufzustocken.

Da drüben. In Italien. Italia. Sie hatten drei Wochen für ihre romantischen Flitterwochen eingeplant, und Taylor war fest entschlossen, die Sprache zu lernen, bevor sie abflogen. Er liebte es, sie beim Lernen zu beobachten, zu sehen, wie die Sätze von ihren Lippen purzelten.

„Abgelenkt. Wie kommst du denn auf die Idee?“ Sie schaute wieder aus dem Fenster und starrte auf die Winterlandschaft, die sich über ihren neuen Vorgarten, die Sackgasse und die gesamten Häuser in der Nachbarschaft erstreckte. Es gab keine Trennlinien mehr. Alles war weiß. Vierzig Zentimeter Weiß.

Und ein Mörder lief da draußen herum, plante seinen nächsten Mord. Verdammt. John sah, wie ihre Laune sich veränderte, von spielerisch über beunruhigt zu ernst.

„Vier neue Morde, Baldwin. Sams Anruf hat es mehr oder weniger bestätigt. Der Schneewittchenmörder ist wirklich zurück. Oder ist es ein Nachahmer? Wenn, dann ist er verdammt gut. Und wir stehen da wie eine Horde Affen, die einen Football vögelt.“

Baldwin trat hinter Taylor und schlang seine Arme um ihre Taille. Leise flüsterte er ihr ins Ohr: „Siete il mio amore. Non posso attendere per spendere il resto della mia vita con voi. Avete la faccia di un angelo. Brauchst du eine Übersetzung?“

Sie wirbelte in seinen Armen herum, ihr Atem strich heiß über seine Wange. Offensichtlich hatte sie den Sinn seiner Worte verstanden. Er zwinkerte ihr zu. Es wirkte doch jedes Mal.

„Du bist eine so einfache Frau, Taylor. Kaum murmelt man ein paar Worte in einer fremden Sprache, schon kommst du und reibst dich an mir wie eine Katze.“ Er streifte ihre Lippen in einem Kuss und lächelte, als sie ihm in die Lippe biss.

„Ich mag einfach sein, Dr. Baldwin, aber wenigstens bin ich nicht billig.“ Sie wand sich aus seinen Armen und boxte ihn spielerisch in die Schulter. „Glaubst du, dass die Straßen morgen früh geräumt sind?“

Baldwin schaute aus dem Fenster. „Ich hoffe es.“

Taylor ließ ihren Nacken knacken. Schnee. Mord. Ihre grauen Augen schauten ausdruckslos – wenn die Straßen morgen früh nicht frei wären, würde sie auch jemanden umbringen.

Baldwin schlang einen Arm um ihre Taille und zog sie an sich. „Wir könnten …“

„Nein, könnten wir nicht. Das war die Abmachung. Ich will, dass unsere Hochzeitsnacht etwas Besonderes wird. Du hältst es noch ein paar Tage aus. Alles, worum ich gebeten habe, ist, dass wir versuchen, eine Woche abstinent zu sein. Eine Woche ist ja nun wirklich nicht zu viel verlangt.“

Er lächelte und zog sie noch näher. „Aber wir haben doch schon …“ Er küsste sie sanft, schmeckte Schokolade, aber sie kämpfte sich aus seinen Armen frei. Schwer atmend schob sie ihn von sich und schenkte ihm ein schwaches Lächeln.

„Stopp. Nur noch vier Tage. Okay? Lass uns einfach diese Woche hinter uns bringen, und eh du dich versiehst, finden wir uns in der Horizontalen wieder. Ich kann im Moment nur an nichts anderes denken als an das arme Mädchen.“

Baldwin richtete seinen Reißverschluss und lächelte sie verrucht an. „Lass mich dir helfen, zu vergessen.“

Taylor lag im Bett und merkte, dass sie trotz geschlossener Augen hellwach war. Es war ein alter Trick, den sie schon seit Jahren nutzte. Sie hielt ihre Augen geschlossen, als wenn sie schlief, aber hinter ihren geschlossenen Lidern sah sie alle Einzelheiten. Auf diese Art erlaubte sie ihrem Gehirn, das zu verarbeiten, was sie wach hielt, fühlte sich aber trotzdem erholt, wenn sie dann irgendwann aufgab und aufstand. Normalerweise funktionierte es.

Sie öffnete die Augen und nahm das gedämpfte Licht im Zimmer in sich auf. Baldwin lag auf seiner linken Seite, den Rücken ihr zugewandt, und schlief. Das erkannte sie anhand der kleinen, flüsternden Laute, die aus seiner Richtung kamen. Der Glückliche. Seit sie in ihr neues Haus gezogen waren, schlief er nachts wie ein Baby. Es mochte an dem Bett liegen – ein Kingsize-Schlittenbett, das ihnen viel mehr Platz bot, als sie eigentlich brauchten. Sie konnten sich jeder ausstrecken und mussten sich keine Sorgen machen, den anderen aus Versehen anzustoßen. Sie vermisste ihr altes Bett, allerdings nur kurz. Wem wollte sie was vormachen? Sie liebte es, sich zwischen die knisternden Laken zu kuscheln, ihre überlangen Beine auszustrecken und immer noch ausreichend Platz um sich herum zu haben.

Genau das tat sich jetzt auch. Sie versuchte, die Spannung in ihren Schultern zu lösen, indem sie sich streckte. Vielleicht würde ein kleines Spiel ihre Gedanken von dem Fall ablenken. Es gab keinen Grund, hier herumzuliegen und Löcher in die Luft zu starren.

Der Billardtisch stand in dem Raum über der für drei Autos ausgelegten Garage. Taylor verließ das Schlafzimmer und schloss die Tür mit einem ganz leisen Klicken hinter sich. Ein Nachtlicht erleuchtete den Weg. Sie ging den langen, breiten Flur entlang, an leeren Zimmern vorbei. Zimmer, die ein Versprechen bergen sollten, sie aber mit ihrer Leere nur verspotteten. Heirat. Babies. Klaffende Münder von schwarzhaarigen, rotlippigen Mädchen.

Zur Hölle damit. Sie joggte die letzten Stufen der Treppe hinunter und stand in dem Raum, der einen Großteil ihres alten Lebens beherbergte.

Sie betätigte den Schalter, und der Raum füllte sich mit sanftem, gelbem Licht. Leise schloss sie die Tür hinter sich, ging zum Pooltable, nahm das Laken herunter und warf es achtlos auf die Couch. Dann trat sie wieder an den Tisch, positionierte die Kugeln und nahm sich einen Augenblick, um sich noch einmal zu strecken. Die Spannung in ihrem Nacken löste sich mit einem hörbaren Knacken. Besser. So gelockert, nahm sie den Queue und schoss eine Kugel nach der anderen in die vorgesehene Tasche.

Sie ignorierte die Gesichter an den Wänden. Sie hatte den Billardraum in eine Art Büro verwandelt, einen Ort, an dem sie ihre Nächte verbringen und über die Morde nachdenken konnte, während sie versuchte, zu entspannen. Elizabeth Shaw, Candace Brooks und Glenna Wells lächelten auf sie herab. Zumindest waren sie schnell identifiziert worden. Dieses neue Opfer war noch namenlos.

Klack – Schneewittchen.

Klack – Janesicle.

Klack, klack, klack – Hochzeit, Nachahmer, vier tote Mädchen.

Die Spannung ließ nach, und sie fand ihren Rhythmus. Sie würde diesen Kerl kriegen. Das tat sie immer.

Sie war bei ihrem vierten Spiel, als die Tür geöffnet wurde.

Baldwin stand im Türrahmen, die Haare zerzaust, Abdrücke vom Kissen auf der linken Wange. Er stieß einen kleinen Pfiff aus, und sie schmolz dahin. Er sah so unglaublich, unwiderstehlich süß aus, dass Taylor nicht anders konnte. All die bösen Gedanken verließen ihren Kopf. Die Sorgen, die Frustrationen verschwanden. Sie stellte den Queue in den Halter und ging zu Baldwin hinüber. Wortlos nahm sie seine Hand und führte ihn zurück ins Schlafzimmer.

4. KAPITEL

Nashville, Tennessee

Dienstag, 16. Dezember

6:40 Uhr

Taylor stand früh auf, die Augen noch ganz geschwollen vom Schlafmangel. Sie ließ Baldwin im Bett, schob ihm ein Kissen in den Arm und spürte ihr Herz brechen, als er lächelte und dem Kissen etwas zumurmelte. Ihn so zu sehen und daran zu denken, was er getan hatte, um sie schlussendlich zum Schlafen zu bringen, ließ alle Sorgen wegen der bevorstehenden Hochzeit lächerlich erscheinen.

Sie zog eine Jeans an und schlüpfte in ihre Ugg-Boots und einen beigefarbenen Strickpulli. Im Vorbeigehen schnappte sie sich aus der Küche eine Banane und einen Müsliriegel und stieg in ihren 4Runner. Am Ende der Ausfahrt hatte sich eine Schneewehe aufgetürmt, aber der Truck glitt wie auf Schienen durch sie hindurch.

Die Gegend sah wunderschön aus, klar und rein, erstrahlte in einem Weiß, das nur frisch gefallener Schnee vor einem knackigen Winterhimmel haben konnte. Sie fühlte sich wie in den Bergen; die laublosen Bäume mit den dichten weißen Mützen auf den schwarzen Stämmen, die fedrigen Zweige der Immergrünen bedeckt von einer glitzernden Eisschicht, der Himmel strahlend blau, wie er im Süden im Winter selten zu sehen war. Die Schönheit heiterte sie auf, und sie verließ die stille Nachbarschaft in guter Stimmung. Nun konnte das Wetter schon ihr Herz berühren. Jesus. Sie wurde wirklich weich.

In den Vororten waren die Straßen noch nicht geräumt und – wenn man keinen Allradantrieb hatte – unpassierbar. Die Hauptstraßen waren jedoch relativ frei und noch nicht wieder überfroren. Vorsichtig bahnte Taylor sich den Weg zu Starbucks, bestellte am Drive-Through einen fettarmen, zuckerfreien Vanille-Latte und fuhr dann weiter zur Arbeit.

Die Autopsie von Janesicle war für sieben Uhr früh angesetzt, und Taylor hatte vor, dabei zu sein. Vielleicht hätte Sam auch schon die Ergebnisse des Massenspektrometers. Wenn es sich wirklich um Opfer Nummer vier handelte, würde es schwer werden, das geheim zu halten.

Sie schaltete das Radio an und suchte so lange, bis sie einen Sender gefunden hatte, der Musik spielte, die ihr gefiel. Heute Morgen ertrug sie das übliche Gerede der Frühstückssendungen nicht, und seit dem dritten Mord machte sie auch einen großen Bogen um die ganzen Feiertagssender. Es fühlte sich einfach nicht richtig an, dieser freudigen Ausgelassenheit zuzuhören, während die toten Mädchen sich wie Kaminholz in der Leichenhalle stapelten. Sie brauchte nur einen gewissen Lärmpegel, Ablenkung. Sie sprach die Worte eines U2-Songs mit, während sie den Highway entlangfuhr. Die Straßen waren menschenleer, und sie fühlte sich so frei wie seit Monaten nicht.

Je näher sie jedoch der Rechtsmedizin kam, desto schwerer wurde ihr Herz. Als sie in die Gass Street einbog, schaltete sie das Radio aus.

Sams Büro lag in einem ganz normal aussehenden Firmengebäude am Ende der Straße, in der sich das Tennessee Bureau of Investigation, der örtliche FBI-Ableger, befand. Taylor war schon so oft hier gewesen, dass Sam ihr eine Karte gegeben hatte, die ihr auch nach Dienstschluss Zutritt gewährte. Oder vor Dienstbeginn, wenn nötig. An einem Tag wie heute gab es mit Sicherheit nur eine Notbesetzung, aber Taylor wusste, dass Sam da sein würde.

Und da war sie, bereits vorbereitet. Taylor konnte ihren Umriss durch das mit Draht verstärkte Sicherheitsglas der Tür sehen. In dem abgetrennten Vorraum, wo sie aus ihren Klamotten und Stiefeln schlüpfte und die OP-Kleidung und blaue Plastikclogs anzog, war die Luft kühl und klar. Sie packte ihre Straßenkleidung in einen Spind. Die Sachen mussten ja nicht den Rest des Tages nach Leichenhalle riechen. So angezogen betrat sie die Autopsieräume. Der chemische Geruch nach Tod grüßte sie wie ein alter Freund. Sie bemerkte ihn kaum noch.

Sam nickte, als Taylor eintrat. Sie war bereits dabei, ihre Befunde in das an ihrer Stirnlampe befestigte Mikrofon zu diktieren.

Der Leichnam von Janesicle Doe lag auf der cremefarbenen Plastikwanne, die den darunterliegenden Edelstahltisch umschloss. Sie war so weiß; kaltes, klammes Fleisch mit diesem großen, schwarzen Grinsen quer über der Kehle. Taylor spürte, wie ihr die Galle hochstieg, und schluckte schwer. Eine unangemessene Reaktion. Sie hoffte, dass Sam es nicht bemerkt hatte. Taylor war so abgeklärt wie alle anderen, aber irgendetwas an diesem Mädchen rührte sie besonders an.

Die einzelnen Morde hatten sie am Anfang nicht beunruhigt. Also nicht mehr als sonst. Nicht so wie dieser hier.

„Taylor, ist dir das aufgefallen? Sie hat das gleiche Zeug auf ihren Schläfen.“

Taylor trat näher und beugte sich über den Körper. Auf beiden Seiten des Gesichts glitzerte eine weißliche Substanz unter Sams Lampe. Es sah aus wie Streifen von Mondlicht.

„Es scheint das gleiche Material zu sein. Gibt es schon eine Rückmeldung dazu aus dem Labor?“

„Wir sollten eine Antwort haben, wenn wir hier fertig sind. Aus den vorherigen Proben haben wir keine Informationen erhalten, sie waren nicht umfangreich genug.“ Sam arbeitete sich systematisch durch Jane Does Haar.

„Du hast gesagt, es ist nichts von Mensch oder Tier.“

„Richtig. Keine DNA. Aber sie hat genug von diesem Zeug auf dem gesamten Körper, ganz sauber und frisch. Ich hab’s in den Spektrometer gegeben.“

„Das ist deine kleine Spezialmaschine, die die chemische Zusammensetzung ausspuckt, richtig?“

„Kleine Spezialmaschine? Wie wäre es mit Flüssigchromatografie mit Massenspektrometer, oder auch kurz LCMS? Ich würde gerne mehr Zeit darauf verwenden, ein paar anspruchsvollere Tests durchführen, um die Zusammensetzung zu erfahren, aber ich brauche eine Vergleichsprobe des echten Materials, um sicherzugehen. In der Zwischenzeit haben wir wenigstens genügend Informationen, um eine Vorstellung zu bekommen, mit was wir es hier zu tun haben.“

Sam fuhr mit ihrer Untersuchung fort, und Taylor stand gedankenverloren neben der Leiche.

Vor zwei Monaten war Taylor zur Fundstelle von Elizabeth Shaw gerufen worden, einer Studentin an der Belmont University. Elizabeth war auf dem Weg von ihrer Wohnung zur Vorlesung verschwunden. Sofort waren alle Hebel in Bewegung gesetzt und umfangreiche Suchmaßnahmen eingeleitet worden, aber zu spät. Ihre Leiche wurde in dem hohen Gras einer Schlucht nahe der Interstate 24 gefunden. Wie Müll aus dem fahrenden Auto geworfen, lag sie seit mindestens zwei Tagen dort. Die ihrer Leiche nach dem Tod zugefügten Verletzungen konnten Tieren zugeordnet werden. Es gab Unmengen an biologischen Spuren. Ihre Arme und Beine waren gefesselt. Sie hatten nicht feststellen können, wo sie tatsächlich umgebracht worden war.

Elizabeth Shaws Fundort sah nicht ganz so aus wie die damalige Arbeit des Schneewittchenkillers, aber während ihrer Autopsie hatten man Proben von rotem Chanel-Lippenstift nehmen können. Untersuchungen der Knoten an den Seilen zeigten, dass sie viel komplexer waren, als sie ursprünglich ausgesehen hatten. Und selbst die erfahrensten Officer waren alarmiert, als ein zwei Jahrzehnte alter Zeitungsausschnitt über den ersten damaligen Schneewittchenmord aus der Vagina des Opfers gezogen wurde. Alle Gedanken daran, dass es sich um einen ganz normalen Mord handelte, lösten sich in Luft auf, und still und leise wurden in der Mordkommission die Akten zu einem zwanzig Jahre alten Fall wieder geöffnet.

In schneller Folge waren zwei weitere Mädchen entführt und ermordet worden. Candace Brooks wurde drei Wochen später umgebracht und an der Interstate 65 abgelegt. Die Presse fing an, die Morde dem „Highwayman“ zuzuschreiben, da die Interstates die einzige Verbindung zwischen den beiden Verbrechen zu sein schien. Candace’ Autopsie war der von Elizabeth erschreckend ähnlich, bis hin zu dem Zeitungsausschnitt – der sich in diesem Fall mit dem zweiten Schneewittchenmord vor zwanzig Jahren befasste.

Als Opfer Nummer drei, Glenna Wells, auf einer Bootsrampe am Percy Priest Lake auftauchte, war die Presse vor der Rechtsmedizin am Fundort. Eine scharfäugige junge Reporterin hatte einen Blick auf die Leiche werfen können, den roten Lippenstift gesehen, die Art, wie die Tote hingelegt worden war, und war mit der Videoaufnahme direkt zu ihrem Sendeleiter gerannt. Der Producer war ein alter Hase und erkannte die Szenerie aus seinen frühen Zeiten als Reporter. Der Highwayman wurde umbenannt in „die Wiederauferstehung des Schneewittchenmörders“. Taylor und die Metro Police steckten gehörige Prügel dafür ein, die Öffentlichkeit nicht davor gewarnt zu haben, dass ein lange Zeit untergetauchter Serienmörder wieder sein Unwesen trieb. Damit begann der Medienhype. Glennas Leiche schenkte den Ermittlern einen dritten Zeitungsausschnitt, aber keine weiteren Hinweise.

Und jetzt gab es ein viertes Opfer.

Die Mädchen waren im Tode vereint: durch die klaffenden Halswunden, die Zeitungsausschnitte, die Knoten und den verdammten Chanel-Lippenstift. Bluttests deuteten darauf hin, dass sie mehr als den erlaubten Blutalkoholspiegel hatten, alle irgendwo zwischen 1,5 und 2,0 Promille. Auch Reste von Rohypnol fanden sich. Es war offensichtlich, dass alle vier Mädchen von dem gleichen Menschen getötet worden waren. Ob es sich um den originalen Schneewittchenmörder oder um einen Nachahmungstäter handelte, stand immer noch zur Debatte. Ein wesentlicher Unterschied zwischen den aktuellen Morden und denen aus den 1980er-Jahren waren diese öligen, cremigen Rückstände auf den Gesichtern der Mädchen. Da sie keine Möglichkeiten hatte, eigene DNA-Tests durchzuführen, wartete Sam immer noch auf die Ergebnisse des Labors. Die DNA würde ihnen die Wahrheit sagen – ein Nachahmer oder der echte Mörder. Taylor neigte zu Ersterem. Die Unterschiede waren gering, aber sie waren da.

„Hallo, Erde an Taylor. Kannst du mir hier mal helfen?“

„Oh, tut mir leid, Sam. Ich habe gerade an etwas anderes gedacht.“

Sam schaute sie scharf an, dann zeigte sie auf das Mädchen. „Kannst du ihr rechtes Bein anheben? Ich sollte sie eigentlich in die Beinhalter legen, aber da du ja da bist …“

„Klar, kein Problem.“

Taylor umfasste das Bein des toten Mädchens und ignorierte das seltsame Gefühl von totem Fleisch unter den dünnen Latexhandschuhen. Es fühlte sich ein bisschen an wie die Haut an einem Stück Hühnerbrust. Gummiartig, lose. Ihre Hand wäre beinahe abgerutscht. Verdammt, Mädchen, reiß dich zusammen, schalt sie sich. Sie fasste fester zu, zog das Bein zurück und entblößte die Genitalien des Mädchens. Sam hatte sich bereits an die Arbeit gemacht, nahm Abstriche und beeilte sich, die notwendigen Untersuchungen so sorgfältig und schnell wie möglich durchzuführen. Taylor versuchte, sich auf den Hinterkopf ihrer Freundin zu konzentrieren, aber dann sah sie etwas glitzern, eine Reflektion des Lichts. Sie schaute genauer hin.

„Ein Intimpiercing?“

„Ja“, erwiderte Sam mit einem Hauch Ekel in der Stimme. „Du wärst erstaunt, wie viele ich davon zu sehen bekomme. Keine Stelle, an der ich gerne eine Nadel durchgesteckt bekäme, aber hey, das ist nur meine Meinung.“

Bei dem Gedanken daran überlief Taylor ein Schauer. Autsch.

„Hier ist es.“

Taylor wurde das Herz schwer, als sie zusah, wie Sam ein kleines Paket aus der Vagina des Mädchens zog. Die Zellophanhülle war mit Blut, Sperma und wer weiß was sonst noch verschmiert. Taylor wollte es auch gar nicht so genau wissen. Sam legte das Päckchen von der Größe einer Visitenkarte auf ein Edelstahltablett. Dann schaute sie Taylor an.

„Gehört dir, wenn du willst.“

„Nein, ich denke, ich lasse es lieber von dir sezieren, aber danke.“

„Du wirst dich nie wirklich hieran gewöhnen, oder?“

„Süße, das ist der Grund, warum nicht ich Medizin studiert habe, sondern du. Mache es auf und lass mal sehen, was wir da haben.“

Vorsichtig öffnete Sam das Päckchen und legte das Zellophan für spätere Tests beiseite. „Ein Fest für die Spurensicherung“, murmelte sie.

Taylor schaute zur Leiche. Was war es, das sich dieses Mal so anders anfühlte?

„Wie lange war sie schon tot, Sam?“

„Zum Zeitpunkt, als ich an den Tatort kam? Nicht mehr als eine Stunde.“

„Also haben wir ihn gerade so verpasst. Warum hat er sein Vorgehen geändert?“

„Keine Ahnung, T. Du bist der Ermittler. Dann ermittle mal.“

Taylor lächelte kurz, wurde aber gleich wieder ernst.

„Wieso wird dieses Mädchen nicht vermisst? Bei allen anderen hatten wir Vermisstenanzeigen vorliegen. Sie sieht gut versorgt aus – frische Maniküre, gezupfte Augenbrauen, Haare gesund und gut geschnitten. Sie hat sich irgendwo mit irgendjemandem einen angetrunken. Irgendjemand muss sie vermissen. Wir sollten einen Bericht über sie vorliegen haben.“

„Da stimme ich dir zu, das sollten wir. Sie ist jünger als die anderen Opfer. Sieh dir ihre Röntgenaufnahmen da drüben an. Die Zahnbilder zeigen, dass ihre dritten Backenzähne immer noch in der Entwicklung sind. Wenn ich wetten müsste, würde ich sagen, sie ist zwischen fünfzehn und siebzehn. Ich weiß nicht, Süße. Vielleicht ist das System einfach nicht auf dem aktuellen Stand, oder ihre Eltern sind nicht in der Stadt und wissen nicht, dass sie vermisst wird.“

Sam hatte inzwischen mit der Pinzette den Papierschnipsel aus der Zellophanhülle entfaltet. Es war ein Stück Zeitungspapier. Sie wussten beide, was daraufstehen würde.

Und sie hatten recht.

Mord in Nashville

Der Schneewittchenmörder schlägt wieder zu

Das Datum über dem Artikel war der 14. Dezember 1986.

Sam starrte auf die Leiche, einen sorgenvollen Ausdruck im Gesicht. Taylor sah zu, wie sie sich über den Hals des Mädchens beugte, sich dann abrupt aufrichtete und den Raum verließ. Nach einem Augenblick kehrte sie mit einer großen Lupe zurück, die sie über die Stelle hielt, die sie sich zuvor angeschaut hatte. Ihre Lippen waren weiß.

„Sam, was ist los?“ Taylor beugte sich ebenfalls über die Halswunde des Mädchens und schaute durch die Lupe. Ihre Finger zitterten, als sie entsetzt auf die unterste Ecke der Wunde zeigte.

„Ist es das, was ich denke, dass es ist?“

Sam sah erschöpft aus. „Ich muss einen Abstrich machen, aber es sieht so aus.“

Das war zu viel für Taylor. Sie hob entschuldigend eine Hand, raste zum nächsten Spülbecken und gab den Vanille-Latte von sich.

Zwanzig Minuten später ging es ihr besser, und Sam reichte ihr die Ergebnisse der LCMS-Untersuchung. Auf den vorherigen Opfern waren nur geringe Spuren der cremigen Konsistenz gefunden worden, aber auf dem neuesten Opfer war genug davon vorhanden, um es zu analysieren. Die Basiskomponente war eine Arnika-Emulsion, aber es gab auch Spuren von anderen Zusätzen. Um sie alle zu bestimmen, würden weitere Tests nötig sein. Aber zwei Ergebnisse des LCMS-Tests stachen besonders ins Auge.

Weihrauch-Öl und Myrrhe-Öl.

Taylor nippte an ihrem Ginger Ale und ging die Testergebnisse noch einmal durch. „Womit, glaubst du, haben wir es hier zu tun, Sam? Sollen wir nach drei Weisen aus dem Morgenland Ausschau halten?“

„Du bist lustig, weißt du das? Fühlst du dich besser?“

Taylor schluckte und nickte. Sie hasste es, sich zu übergeben.

„Wenn ich raten müsste, würde ich sagen, es ist für den rituellen Gebrauch bestimmt. Aber die Basis ist Arnikasalbe, was ein übliches homöopathisches Mittel gegen blaue Flecken, Verstauchungen und so ist. Das hier sind nur erste Testergebnisse, sie können uns vollkommen in die Irre führen. Ohne eine Kontrollprobe und weitere Tests kann ich gar nichts mit Sicherheit sagen. Es kann sich um mehrere Komponenten handeln, es kann allerdings auch alles aus einer Quelle stammen.“

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