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Der Tag, an dem wir dich vergaßen

Als Buch hier erhältlich:

Nach dem Tod ihres Vaters kehrt Riley MacPherson nach North Carolina zurück. Jahrelang hat sie diesen Ort gemieden - zu zerrüttet war ihre Familie seit dem Selbstmord ihrer Schwester vor über 20 Jahren. Als Riley ihr Elternhaus ausräumt findet sie eine Schachtel mit alten Zeitungsartikeln und macht eine schockierende Entdeckung: Lebt ihre totgeglaubte Schwester etwa noch? Was ist damals geschehen? Doch bei ihren Nachforschungen stößt Riley auf eine undurchdringliche Mauer des Schweigens …

"Ein absoluter Pageturner und ein Muss für alle Mystery-Fans!"

Library Journal

"Kraftvoll und aufregend."

Booklist


  • Erscheinungstag: 08.05.2017
  • Seitenanzahl: 400
  • ISBN/Artikelnummer: 9783959676441
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

PROLOG

Januar 1990
Alexandria, Virginia, USA

Den ganzen Tag über kamen Leute zu dem Pfad, der durch den Wald am Potomac River führte. In ihre Parkas und Wollschals gehüllt, standen sie dicht beieinander, um sich vor der Kälte zu schützen. Sie umklammerten die in Fäustlingen steckenden Hände ihrer Kinder oder die Leinen ihrer Hunde und starrten auf den farbigen Fleck in der wintergrauen Landschaft. Das gelbe Kajak befand sich in der Mitte des Flusses, umgeben von Eis. Das Wasser war stürmisch gewesen in der vergangenen Nacht, es war vom schneebeladenen Wind hin und her gepeitscht worden und hatte sich zu schaumgekrönten Wellen aufgetürmt. Als die Temperaturen dann weiter fielen, gefroren die Wellen zu gezackten Eiskämmen, die das Kajak viele Meter vom Ufer entfernt einschlossen.

Die Spaziergänger hatten von der Sache mit dem Kajak in den Morgennachrichten erfahren und wollten es nun mit eigenen Augen sehen. Schließlich bezeichnete dies das Ende einer Geschichte, die sie monatelang beschäftigt hatte. Sie hatten auf den Gerichtsprozess gewartet, den es nun nicht mehr geben würde, denn die Siebzehnjährige – die siebzehnjährige Mörderin, wie sich die meisten sicher waren – ruhte nun irgendwo unter dieser endlosen, felszerklüfteten Eisfläche.

Sie hat es sich leicht gemacht, raunten sich einige untereinander zu.

Aber was für eine schreckliche Art zu sterben, meinten andere.

Sie blickten auf das felsige Flussufer und fragten sich, ob sie sich wohl ein paar der Steine in die Taschen gesteckt hatte, um unterzugehen. Ob sie geweint hatte, als sie in dem Kajak aufs Wasser hinausgepaddelt war, das nahe Ende vor Augen? Im Fernsehen hatte sie auf jeden Fall geweint. Sie hat nur so getan, meinten einige jetzt und gingen weiter den Pfad entlang, denn es war zu kalt, um allzu lange an einer Stelle zu verweilen.

Nur eine Frau stand stundenlang am Wegrand, warm eingepackt, die behandschuhten Hände in den Taschen. Sie sah zu, wie der Nachrichten-Hubschrauber neue Luftaufnahmen vom Schauplatz machte. Die Rotorblätter erzeugten einen ohrenbetäubenden Lärm und verschwammen vor dem grauen Himmel zu einem dunklen Fleck. Sie sah zu, wie die Polizisten das Ufer abliefen und mal in die eine, mal in die andere Richtung zeigten, während sie überlegten, wie sie das Kajak am besten aus dem Eis bergen und nach der Leiche des Mädchens darunter suchen konnten.

Wieder blickte sie zur Polizei. Die Hände in die Hüften gestemmt, standen die Beamten jetzt da. Sie wirkten, als wollten sie gerade aufgeben. Der Fall war abgeschlossen. Die Frau wickelte sich fester in ihre Jacke. Sollen sie doch aufgeben, dachte sie und bemerkte zufrieden, dass ein Polizeibeamter mit den Schultern zuckte, als würde er sich geschlagen geben. Sollen sie das Kajak aus dem Fluss zerren und Feierabend machen.

Wenngleich ein gelbes Kajak, das im Eis feststeckte, überhaupt nichts bewies.

Sie waren Dummköpfe, wenn sie das glaubten.

1

RILEY

Juni 2013

Ich hätte nie erwartet, dass ich bis zu meinem fünfundzwanzigsten Lebensjahr nahezu alle Menschen verlieren würde, die ich liebte.

Ich spürte, wie mich erneut eine Welle der Trauer erfasste, als ich vor dem kleinen, unscheinbaren Postamt in Pollocksville parkte. Die drei Stunden Fahrt von meiner Wohnung in Durham aus waren mir eher wie sechs Stunden vorgekommen. In Gedanken hatte ich eine Liste von all den Dingen erstellt, die ich erledigen musste, sobald ich in New Bern angekommen war. Die Gedanken an die Liste wurden von dem Gefühl der Einsamkeit verdrängt, das mich beschlich, doch ich hatte nicht viel Zeit, um mich meiner Traurigkeit hinzugeben.

Als Erstes musste ich bei diesem Postamt sechzehn Kilometer vor New Bern haltmachen. Ich musste das einfach hinter mich bringen und diesen Punkt auf meiner Liste abhaken. Ich kramte die weiße Postkarte aus dünner Pappe aus meiner Handtasche hervor und ging hinein. Außer mir waren keine Kunden da, und meine Turnschuhe quietschten auf dem Fußboden, als ich zum Schalter lief. Die Postangestellte, die dort auf mich wartete, erinnerte mich mit ihrer dunklen Haut und der perfekten Flechtfrisur an meine Freundin Sherise, weshalb sie mir gleich sympathisch war.

„Wie kann ich Ihnen helfen?“, fragte sie.

Ich reichte ihr die Postkarte. „Ich bin etwas irritiert wegen dieser Karte hier“, erklärte ich. „Mein Vater ist vor einem Monat gestorben. Seine Post wird an meine Adresse in Durham nachgesendet, und jetzt ist diese Karte gekommen und –“

„Solche Karten verschicken wir, wenn jemand die Rechnung für das Postfach nicht beglichen hat“, sagte sie und sah sich die Karte an. „Es ist eine Mahnung. Wenn man nicht innerhalb von zwei Monaten zahlt, schließen wir das Postfach und wechseln das Schloss aus.“

„Gut, das verstehe ich, aber sehen Sie hier“, ich drehte die Karte um. „Das ist nicht der Name meines Vaters. Ich weiß nicht, wer Fred Marcus ist. Mein Vater hieß Frank MacPherson. Die Karte muss mir irrtümlich geschickt worden sein. Ich glaube nicht einmal, dass mein Vater überhaupt ein Postfach gehabt hat. Wozu hätte er das auch gebraucht? Schon gar nicht in Pollocksville, wo er doch in New Bern wohnt – gewohnt hat.“ Ich würde wohl noch eine ganze Weile brauchen, bis ich gelernt hatte, von meinem Vater in der Vergangenheit zu sprechen.

„Ich prüfe das mal nach.“ Sie verschwand im Lager des Postamtes und war einen Augenblick später schon wieder da, mit einem dünnen lilafarbenen Umschlag und einem weißen Karteikärtchen in der Hand. „Das ist alles, was darin war“, sagte sie und reichte mir den Umschlag. „Adressiert an Fred Marcus. Ich habe in den Akten nachgesehen, und das Postfach ist diesem Namen und dieser Postanschrift zugeordnet.“ Sie reichte mir die Karteikarte. Die Unterschrift sah nach der Handschrift meines Vaters aus, doch die war nicht wirklich unverkennbar. Außerdem war es nicht sein Name.

„Straße und Hausnummer stimmen, aber wer auch immer dieser Typ ist, er muss seine Adresse falsch aufgeschrieben haben“, sagte ich und steckte den lilafarbenen Umschlag in meine Handtasche.

„Möchten Sie, dass ich das Postfach schließe, oder möchten Sie bezahlen, um es weiter zu nutzen?“, fragte mich die Postangestellte.

„Ich weiß nicht, ob es mir zusteht, es schließen zu lassen, aber ich werde es nicht bezahlen, also …“ Ich zuckte die Schultern.

„Dann werde ich es schließen“, sagte sie.

„In Ordnung.“ Ich war froh, dass sie mir die Entscheidung abnahm. „Ich hoffe, es macht Fred Marcus nichts aus, wer auch immer das ist.“ Ich wandte mich zur Tür.

„Tut mir leid wegen Ihres Daddys“, sagte die Postangestellte.

„Danke“, sagte ich und drehte mich noch einmal zu ihr um. Bis ich am Auto war, fühlte ich schon wieder die Tränen in mir aufsteigen.

Als ich nach New Bern hineinfuhr, kam ich an der Altstadt vorbei, an den dicht an dicht gebauten alten Häusern der baumbewachsenen Alleen und an riesigen bemalten Bären aus Fiberglas, die hie und da zwischen den Läden aufgestellt waren. Vor mir auf der Straße traten zwei Fahrrad-Cops in die Pedale, was meine Laune etwas erhellte. Auch wenn ich, seitdem ich aufs College gegangen war, nicht mehr in New Bern gelebt hatte, fühlte es sich dennoch so an, als würde ich nach Hause kommen. Es war ein ganz besonderer kleiner Ort.

Ich bog in die Craven Street ein und fuhr in unsere Einfahrt. Daddys Auto stand in der Garage, ich konnte das Dach durch die Glasfenster im Garagentor sehen, von denen eines zerbrochen war. An sein Auto hatte ich gar nicht gedacht. Sollte ich es verkaufen oder lieber verschenken? Morgen früh hatte ich einen Termin mit seiner Rechtsanwältin, und diese Frage würde ich meiner immer umfangreicher werdenden Liste hinzufügen. Eigentlich sollte ich das Auto meinem Bruder Danny geben, um es gegen seine alte Schrottlaube auszutauschen, aber ich befürchtete, dass er ablehnen würde.

Unser Haus war ein zweistöckiges, pastellgelbes Gebäude im viktorianischen Stil, das dringend gestrichen werden musste. Es hatte eine ausladende Veranda, die von einem filigranen weißen Geländer und Stützpfeilern gesäumt war. Ich liebte dieses Haus sehr und konnte mich nicht daran erinnern, jemals in einem anderen gelebt zu haben. Nach dem Verkauf würde es keinen Grund mehr für mich geben, noch einmal nach New Bern zurückzukehren. Diese Besuche zu Hause bei meinem Vater waren für mich immer selbstverständlich gewesen. Nach seinem plötzlichen Tod war ich für zwei Tage hierher zurückgekommen, um seine Einäscherung zu veranlassen und mich um andere Dinge zu kümmern, an die ich mich jetzt schon kaum mehr erinnern konnte. Hatte er eigentlich verbrannt werden wollen? Über so etwas hatten wir nie gesprochen, und ich war in einem derartigen Schockzustand und so durcheinander gewesen, dass ich nicht hatte klar denken können. Bryan war bei mir gewesen, mit seiner beruhigenden, liebevollen Art. Er hatte mich daran erinnert, dass meine Mutter eingeäschert worden war, also sei es wahrscheinlich auch der Wunsch meines Vaters gewesen. Ich hoffte, dass er recht hatte.

Da saß ich nun in meinem Auto in der Einfahrt und fragte mich, ob meine Trennung von Bryan überstürzt gewesen war. Gerade jetzt hätte ich seine Unterstützung brauchen können. Daddy war nicht mehr da, und Sherise befand sich den Sommer über in Haiti, wo sie Missionsarbeit leistete – das Timing hätte nicht schlechter sein können. Andererseits gab es einfach nicht den richtigen Zeitpunkt, um eine zweijährige Beziehung zu beenden.

Die Einsamkeit lastete auf meinen Schultern, als ich aus dem Auto stieg und zum Haus hinaufblickte. Eigentlich hatte ich vorgehabt, es in den nächsten zwei Wochen auszuräumen und dann zusammen mit dem nahe gelegenen Campingplatz meines Vaters zu verkaufen. Doch als ich die vielen Fenster sah und mir vor Augen führte, wie viel an dem Haus dringend repariert werden musste und wie schwer es meinem Vater gefallen war, Dinge wegzuwerfen, wurde mir plötzlich klar, dass dieser Zeitrahmen ziemlich unrealistisch war. Daddy hatte zwar nicht unbedingt Dinge gehortet, aber er war ein Sammler gewesen. Neben zigtausend anderen Gegenständen besaß er Vitrinen voller alter Feuerzeuge und Pfeifen sowie alte Musikinstrumente, die ich alle würde loswerden müssen. Bryan hatte gesagt, dass unser Haus mehr ein verstaubtes altes Museum sei als ein Zuhause, und er hatte recht. Ich versuchte, nicht in Panik zu geraten, und zerrte meine Reisetasche vom Rücksitz. Niemand wartete in Durham auf mich, und ich hatte den ganzen Sommer frei. Ich konnte mir so viel Zeit lassen, wie ich benötigte, um das Haus fertig für den Verkauf zu machen. Würde ich Danny dazu bringen können, mir zu helfen?

Ich stieg die breiten Stufen der Veranda hinauf und schloss die Tür des Vordereingangs auf. Mit einem Quietschen, das mir so vertraut war wie die Stimme meines Vaters, schwang sie auf. Bevor ich das Haus im Mai das letzte Mal verlassen hatte, hatte ich die Rollläden im Wohnzimmer heruntergelassen, und jetzt war es so dunkel, dass ich kaum die Küche hinter dem Wohnzimmer erkennen konnte. Ich atmete den warmen, muffigen Geruch eines zu lange zugesperrten Hauses ein und öffnete die Läden, um das Mittagslicht hineinzulassen. Als ich das Thermostat auf zweiundzwanzig Grad einstellte, sprang die alte Klimaanlage mit einem vertrauten Geräusch an. Dann stand ich mitten im Raum, die Hände an den Hüften, und begutachtete alles im Hinblick darauf, dass ich es entrümpeln musste.

Daddy hatte das geräumige Wohnzimmer als eine Art Büro benutzt, obwohl er auch im oberen Stockwerk ein ziemlich großes Büro hatte. Er liebte Schreibtische, Ablagefächer und Schaukästen. Der Schreibtisch im Wohnzimmer war ein wunderschöner alter Sekretär. An der Wand mir gegenüber, in einem nach Maß angefertigten Regal, das die Tür zur Küche einrahmte, befand sich seine Sammlung klassischer Musik, fast alles Schallplatten, und ein Plattenspieler in einem Schränkchen, das eigens dafür an der Wand angebracht worden war.

Auf der Nordseite des Zimmers stand ein großer Schaukasten mit Glasfront, der seine Pfeifensammlung beinhaltete. Es lag stets ein leichter Tabakgeruch im Raum, auch wenn mein Vater mir gesagt hatte, ich würde mir das nur einbilden. An der gegenüberliegenden Wand stand eine Couch, die mindestens so alt war wie ich, mitsamt Polstersessel. Den restlichen Platz füllte ein Stutzflügel aus, den zu spielen ich nie gelernt hatte. Danny und ich hatten Unterricht bekommen, doch beide kein großes Interesse daran gehabt, und so durften wir wieder damit aufhören. Die Leute sagten: Das sind doch Lisas Geschwister, sicher haben sie Talent. Warum drängt ihr sie nicht dazu? Doch das hatten sie nie getan, und ich war ihnen dankbar dafür.

Ich ging hinüber ins Esszimmer, und mir fiel auf, wie sauber und ordentlich es im Vergleich zum übrigen Haus wirkte. Mein Vater hatte keine Verwendung für diesen Raum gehabt, und ich war mir sicher, dass er so gut wie nie einen Fuß hineingesetzt hatte. Das Esszimmer hatte immer zum Hoheitsgebiet meiner Mutter gehört. Der große Kuriositätenschrank war voll mit Porzellan, Vasen und Schalen aus Kristallglas, die in ihrer Familie von Generation zu Generation weitergereicht worden waren. Lauter Dinge, die sie in Ehren gehalten hatte, und von denen ich mir nun überlegen musste, wie ich sie am besten loswurde. Ich strich mit den Fingern über die staubige Anrichte. Wohin ich auch sah, im ganzen Haus war ich von Erinnerungsstücken umgeben, von denen ich mich nun trennen musste.

Ich trug meine Reisetasche nach oben. Von dem großen Flur gingen vier Zimmer ab. Das erste war das Schlafzimmer meines Vaters, in dem sein von einem Quilt bedecktes Doppelbett stand. Das zweite Zimmer war Dannys gewesen, und auch wenn er nicht mehr zu Hause geschlafen hatte, seit er mit achtzehn ausgezogen war – geflüchtet, wie er es nennen würde–, für mich würde es immer „Dannys Zimmer“ bleiben. Das dritte Zimmer war meines, allerdings sah es inzwischen ziemlich spartanisch aus. Nach dem College hatte ich meine Sachen nach und nach ausgeräumt. Die Erinnerungsstücke von der Highschool und aus den College-Jahren – Bilder von alten Freunden, Jahrbücher, CDs, all solche Sachen – bewahrte ich in der Abstellkammer meiner Wohnung in Durham in einer Schachtel auf, wo sie immer noch darauf warteten, durchgesehen zu werden.

Ich warf meine Reisetasche aufs Bett und ging in das vierte Zimmer – das Büro meines Vaters. Daddys wuchtiger alter Computermonitor stand auf einem kleinen Schreibtisch am Fenster, und an zwei Wänden reihten sich Kuriositätenschränke mit Glastüren aneinander. Sie waren voll mit Zippo-Feuerzeugen und alten Kompassen. Auch mein Großvater war ein Sammler gewesen; Daddy hatte dann viele der Gegenstände geerbt und die Sammlungen noch erweitert, indem er Craigslist, eBay und Flohmärkte durchstöbert hatte. Er war von diesen Sammlungen besessen gewesen. Ich wusste, dass er die Glasschiebetüren der Schränke abgeschlossen hatte, und hoffte, ich würde die Schlüssel irgendwo finden.

An der vierten Wand lehnten fünf Geigenkästen. Daddy hatte selbst nicht gespielt, doch solange ich denken konnte, hatte er Saiteninstrumente gesammelt. Vom Griff eines der Kästen hing ein Namensschild herab, und ich kniete mich hin und drehte den Anhänger um. Es war schon lange her, dass ich das Schildchen zuletzt betrachtet hatte, doch ich wusste noch, was darauf war: Auf der einen Seite befand sich die Zeichnung eines Veilchens, und auf der anderen standen der Name meiner Schwester – Lisa MacPherson – und unsere alte Adresse in Alexandria, Virginia. In diesem Haus hier hatte Lisa niemals gelebt.

Meine Mutter war kurz nach meinem Highschool-Abschluss gestorben, und obwohl ich sie immer vermissen würde, hatte ich mich daran gewöhnt, dass sie nicht mehr da war. Allerdings war es seltsam, dass Daddy nicht mehr da war. Als ich meine Kleidung in die Kommode räumte, hatte ich das Gefühl, er könnte jeden Moment ins Zimmer kommen, und es fiel mir schwer, mich damit abzufinden, dass das unmöglich war. Mir fehlten unsere wöchentlichen Telefonate und die Gewissheit, dass er nur ein paar Stunden von mir entfernt war. Er war ein toller Gesprächspartner gewesen, und ich hatte immer seine grenzenlose Liebe zu mir gespürt. Es fühlte sich schrecklich an, dass nun in der ganzen weiten Welt niemand mehr da war, der mich so aus tiefstem Herzen liebte.

Ein stiller Mensch war er, vielleicht einer der zurückhaltendsten Menschen der Welt. Er fragte eher, als selbst etwas zu erzählen. Er wollte alles aus meinem Leben wissen, aber hatte nur selten etwas aus seinem eigenen erzählt. Als Schulcounselor in der Mittelstufe war ich eine Art psychologische Beraterin und somit immer diejenige, die Fragen stellen musste. Ich hatte es genossen, die Rollen einmal zu tauschen und zu wissen, dass der, der mir die Fragen stellte, wirklich an meinen Antworten interessiert war. Doch er war ein Einzelgänger gewesen. Nach einem schweren Herzinfarkt war er auf dem Fußboden des Food-Lion-Supermarkts gestorben. Mehr als alles andere plagte mich jedoch, dass er allein gewesen war.

Bryan hatte vorgeschlagen, einen Gedenkgottesdienst für ihn abzuhalten, doch ich hätte nicht gewusst, wen ich dazu hätte einladen sollen. Falls mein Vater Freunde gehabt hatte, dann kannte ich sie nicht. Anders als die meisten Leute in New Bern gehörte mein Vater keiner Kirche oder irgendeinem Verein an, und mein Bruder hätte sich ganz sicher nicht blicken lassen. Sein Verhältnis zu unserem Vater war ganz anders gewesen als meines. Als ich nach Daddys Tod nach New Bern gekommen war, hatte ich Danny nicht einmal finden können. Sein Freund bei der Polizei, Harry Washington, hatte mir erzählt, dass er zu Dannys Wohnwagen gefahren war, um ihm die Nachricht zu überbringen, und ich war mir sicher, dass er sich dann einfach davongemacht hatte. Er hatte sein Auto neben dem Wohnwagen zurückgelassen. Auf der Suche nach ihm war ich mit Bryan durch den Wald gelaufen, doch Danny kannte diese Wälder besser als jeder andere und hatte seine Verstecke. Jetzt wusste er jedoch nicht, dass ich in der Stadt war, also würde ich ihn diesmal vielleicht überraschen können. Ich würde versuchen, ihn zu überreden, mir mit dem Haus zu helfen. Allerdings machte ich mir keine großen Hoffnungen, dass er Ja sagen würde.

2

Danny hatte kein Telefon, also fuhr ich zu seinem Wohnwagen hinaus. Er lebte tief im Wald, am Rand von Vaters Campingplatz und gute fünfzehn Kilometer von New Bern entfernt. Ich fuhr die lange, schmale Zufahrtsstraße zu Mac’s RV Park entlang. Die Bäume reichten so dicht an mein Auto heran, dass ich mich fragte, wie man dort wohl mit dem Wohnwagen durchkommen sollte. Ich gelangte auf die Schotterstraße, die parallel zum Bach verlief. Der Campingplatz lag zur rechten Seite, doch ich bog nach links auf einen holprigen Waldweg ab, über den ich zu Dannys Wohnwagen gelangen würde. Ich bremste ab, denn jedes Mal schlugen meine Zähne aufeinander, wenn mein Auto durch ein Schlagloch oder über eine Bodenwelle hüpfte.

Ich kam zu der Abzweigung, die in den Wald hineinführte, und bog links ab. Hier war die Straße kaum noch mehr als ein Wanderweg. Man musste schon genau hinsehen, um ihn zu finden, aber genau das mochte Danny. Zweige schlugen gegen die Windschutzscheibe meines Autos, als es über Steine und Baumwurzeln holperte. Auf diesem Weg die kaum hundert Meter bis zu Dannys Wohnwagen zu fahren kam mir immer wie eine Ewigkeit vor.

Endlich erblickte ich zwischen den Bäumen vor mir ein metallisches Glänzen, und ich wappnete mich für das, was nun kommen würde. Welchen Danny würde ich heute antreffen? Den liebevollen großen Bruder, der seine Traurigkeit hinter einem Lächeln verbarg, oder den wütenden, verbitterten Mann, der mir mit seinem aufbrausenden Temperament Angst einjagte? So oder so, ich hasste es, meinem eigenen Bruder nicht helfen zu können, obwohl ich Schulpsychologin war.

Ich fuhr noch ein Stück geradeaus und kam dann auf die kleine Lichtung. Die Bäume bildeten eine smaragdgrüne Höhle um die von Kiefernnadeln bedeckte Erde, und zwischen Dannys kleinem, uralten Airstream-Wohnwagen, seinem rostigen Subaru und der Hängematte, die er an zwei der hoch emporragenden Sumpfkiefern befestigt hatte, fand ich kaum Platz zum Parken. Ich hatte ihm ein paar Tüten mit Lebensmitteln mitgebracht. Ich schob mir die Griffe übers Handgelenk, stieg aus und ging zum Wohnwagen.

Als ich mich näherte, öffnete Danny die Tür.

„Hi, Danny.“ Ich lächelte ihn freundlich an.

„Hi“, antwortete er. „Ich hab mich schon gefragt, wann du wohl auftauchst.“ Er hatte eine ausdruckslose und kaum zu durchschauende Miene aufgesetzt, aber in seinen Augen lag ein Funkeln, das mich beruhigte. Er hatte schon immer gut ausgesehen, und das tat er noch. Seine ungepflegten, schulterlangen Haare waren von einem dunkleren Blond, als er es als Kind gehabt hatte, und seine lebendigen, blassblauen Augen hoben sich von seiner gebräunten Haut ab. Er war sehr schmal, sein Gesicht war kantig und eingefallen. Ich war froh zu sehen, dass er sich den kurzen Bart ordentlich gestutzt hatte. In seinen schlimmsten Zeiten hatte er ihn lang und zottelig werden lassen. Jetzt war sein Bart für mich eine Art Indikator dafür, wie es ihm ging.

„Ich hab kurz nach Daddys Tod hier vorbeigeschaut“, sagte ich, „aber du warst nicht zu finden.“

„Hat dich das etwa überrascht?“

Okay, dachte ich. Also heute der ärgerliche Danny.

Ich hielt die Einkaufstüten hoch. „Ich hab dir ein bisschen was zu essen und Zigaretten mitgebracht.“ Ich hatte ihm etwas Obst gekauft – Pfirsiche, eine Melone und ein Pfund Erdbeeren – und dazu noch eine ganze Tüte voll Makkaroni mit Käsesauce, die er so gern aß, und Marlboros. Meinem Bruder gesunde Ernährung nahezubringen hatte ich längst aufgegeben. Wichtiger war mir, dass er zufrieden war. Allerdings war ich nicht so weit gegangen, ihm Alkohol zu besorgen, davon hatte er sicher schon genug.

Ich reichte ihm die Taschen nach oben. Er nahm sie mir ab und trat einen Schritt zurück, um mich hineinzulassen. Wie immer, wenn ich in seinen Wohnwagen kletterte, sehnte ich mich danach, mich nach Danny auszustrecken und ihn zu umarmen, aber irgendwann im Laufe der Jahre hatten wir damit aufgehört. Er war vier Jahre älter als ich, und bis ich etwa zehn oder elf war, hätte ich ihn als meinen besten Freund bezeichnet. Dann hatte die Pubertät von ihm Besitz ergriffen und schien ihn nicht mehr loslassen zu wollen.

„Wir müssen reden“, sagte ich.

„Müssen wir?“, fragte er in einer Art und Weise, die mir verdeutlichte, er wusste sehr genau, dass wir eine Menge zu besprechen hatten.

„Ja, müssen wir.“ Ich war schon seit Monaten nicht mehr in seinem Wohnwagen gewesen und hatte vergessen, dass er sich nach einer Seite hin absenkte, weswegen ich leicht schwankte, als ich den winzigen Raum betrat. An der einen Wand befand sich sein schmales eingebautes Bett und auf der anderen, keine fünf Schritte entfernt, ein eingebauter Tisch mit Bänkchen. Ich wusste, dass er es mochte, wenn ein Raum begrenzt war. Er hatte mir einmal erzählt, dass er sich auf diese Weise sicher fühlte, geborgen. Er war jedoch kein totaler Einsiedler. Ich hatte mehr als einmal in seinem Wohnwagen Spuren entdeckt, dass eine Frau dagewesen sein musste – Lippenstift an einer Kaffeetasse oder ein Liebesroman auf der Theke. Wenn man so aussah wie mein Bruder, zog man einfach Blicke auf sich. Als wir noch Teenager gewesen waren, hatten alle meine Freundinnen ihn angeschmachtet. Ich war froh zu wissen, dass er da draußen gelegentlich Gesellschaft hatte.

Während ich die Lebensmittel wegräumte, blies die ins Fenster eingebaute Klimaanlage einen schwachen kühlen Luftstrom in den Raum. Ich hatte nie wirklich verstanden, wie Danny hier draußen überhaupt zu Strom kam, aber irgendwie hatte er sich einen Generator zusammengebastelt, der im Sommer für ausreichend Kühle und im Winter für Wärme sorgte. Der Generator lieferte auch Strom für seinen Rechner. Der Laptop auf dem Tisch war der einzige Gegenstand, der etwas deplatziert wirkte, ansonsten sah der alte Wohnwagen aus wie geradewegs aus den Fünfzigern. Danny war seit jeher ein Technikfreak gewesen und hatte bei der Army als Computerspezialist gearbeitet. Seine Fingerkuppen klebten wie angewachsen an der Tastatur seines Laptops, und eigentlich war ich froh darüber. Per E-Mail blieb er mit einigen der Jungs, mit denen er gedient hatte, in Verbindung, und ich war der Ansicht, dass er diesen Kameradschaftsgeist brauchte. Ich wünschte nur, er würde auch zu mir den Kontakt halten. Manchmal hatte ich den Eindruck, meine E-Mails an ihn gingen ins Leere.

Ich stellte die Milch in seinen Kühlschrank. Er lehnte am Tresen und sah mir zu.

„Ist Bryan mitgekommen?“, fragte er.

„Wir haben uns getrennt.“ Ich schloss die Kühlschranktür. „Ich hab Schluss gemacht“, fügte ich hinzu.

„Hattest du nicht gesagt, er sei der ‚Richtige‘?“

Es überraschte mich, dass er sich daran erinnerte. „Na ja, das hab ich damals geglaubt“, gab ich zu. „Aber er ist jetzt seit drei Jahren von seiner Frau getrennt und hat die Scheidung noch immer nicht eingereicht. Ich hab es einfach sattgehabt zu warten.“ Ich war mir sicher, dass Bryan mich liebte, aber die Beziehung kam einfach nicht voran. Er hatte zwei tolle Kinder, und ich wusste, dass er seine Frau immer noch gernhatte. Da hatte ich das Gefühl, im Weg zu sein. „Es war abzusehen“, erklärte ich. „Ich hab nur einfach lange gebraucht, bis ich es erkannt habe.“

„Gut für dich.“ Danny klang, als ob er es aufrichtig meinte.

„Ich dachte, du magst ihn.“

„Ich fand’s nicht gut, wie er dich hingehalten hat.“ Er verschränkte die Arme, lehnte sich zurück und studierte aufmerksam mein Gesicht. „Und weißt du was?“, fügte er hinzu. „Du siehst großartig aus. Als wärst du eine große Last losgeworden, die dich runtergezogen hat.“

„Oh, tatsächlich.“ Ich lachte auf. Wie konnte ich nur großartig aussehen, wo ich mich doch so elend fühlte? Aber ich war gerührt. Hinter seinem ruppigen und manchmal bitteren Äußeren war mein Bruder doch immer noch ein Schatz.

Er zog eine von den Zigarettenschachteln, die ich ihm gekauft hatte, aus der Tasche, brach sie an und zündete sich eine Zigarette an. Er hielt mir die Schachtel hin, um mir eine anzubieten, als ob ich mit dem Rauchen angefangen hätte, seitdem wir uns das letzte Mal gesehen hatten. Ich schüttelte den Kopf und rutschte auf eine der Bänke am Tisch.

Seine Schrotflinte lehnte an der Wand neben der Küchentheke, genau in meinem Blickfeld. Er jagte Kleinwild in den Wäldern. Soviel ich wusste, war das die einzige Waffe, die er besaß. Ich hoffte, dass das stimmte. Harry Washington hatte mir erzählt, dass alle auf der Polizeistation in Danny ein „wandelndes Pulverfass“ sahen. Harry hatte mit Danny im Irak gedient, und ich wusste, dass er ein schützendes Auge auf ihn hatte. Vor ein paar Wochen hatte er mich angemailt und mir mitgeteilt, dass Danny dauerhaft Hausverbot in seiner Lieblingssportbar bekommen hatte, weil er sich mit dem Barkeeper geprügelt hatte. Jetzt trieb er sich im Slick Alley herum, schrieb Harry, einem heruntergekommenen Billardsalon, bei dem mich jedes Mal, wenn ich vorbeifuhr, ein eiskalter Schauer überlief.

Mein Blick fiel wieder auf die Schrotflinte. Ich hatte die plötzlichen Wutausbrüche meines Bruders selbst miterlebt, aber was mir noch mehr Sorge bereitete als der Gedanke, er könne die Waffe gegen irgendjemanden richten, war, dass er sie gegen sich selbst richten könnte. Auch wenn ihm das Bein, das ihm im Irak zerschmettert worden war, sehr zu schaffen machte, waren seine seelischen Verletzungen doch weitaus schlimmer. Zugegeben, er war schon davor nicht in besonders guter Verfassung gewesen.

„Wie geht’s dir?“ Ich sah zu ihm auf.

Er zog an seiner Zigarette und nickte dann. „Gut“, sagte er durch die Rauchschwaden, die er dabei ausstieß. Er setzte sich mir gegenüber an das Tischchen, schob den Laptop zur Seite und aschte in einen leeren Metalldeckel.

„Nimmst du deine Medikamente?“, fragte ich.

„Lass mich damit bloß in Ruhe, kleine Schwester“, sagte er, und ich wusste, dass er sie nicht nahm. Er verabscheute den Medikamentencocktail, den der Psychiater für Kriegsveteranen ihm verordnet hatte.

„Schon gut, vergiss es einfach.“ Ich faltete meine Hände auf dem Tisch, als ob ich im Begriff wäre, ein Meeting zu eröffnen. „Also, wie du wahrscheinlich weißt, bin ich Daddys Testamentsvollstreckerin, und ich bin für ein paar Wochen nach New Bern gekommen, um mich um seinen … Besitz zu kümmern.“ In Verbindung mit meinem Vater klang das Wort „Besitz“ irgendwie albern, und Danny machte ein spöttisches Geräusch. „Du kannst sein Auto haben“, sagte ich. „Es ist erst ein paar Jahre alt und –“

„Ich will sein verdammtes Auto nicht.“

„Okay.“ Ich lehnte mich wieder zurück. Darum würde ich mich später kümmern. „Was ist mit dem Haus?“, fragte ich. „Ich finde, wir sollten es verkaufen, aber vielleicht könntest du ja dort wohnen, wenn du –“

„Nein danke.“ Er nahm einen langen und tiefen Zug von der Zigarette und sah mich aus zusammengekniffenen Augen an, als ob ich ihn allein durch den Vorschlag, in unser Elternhaus zu ziehen, beleidigt hätte. „Du kannst mit dem Haus und allem, was darin ist, machen, was du willst“, sagte er. „Alles, was mich interessiert, ist genau dieses Fleckchen Land hier“, und er wies auf den Boden des Wohnwagens, „genau hier, wo wir gerade sitzen. Es wird immer mir gehören.“

„Wir müssen den Campingplatz verkaufen“, sagte ich, „aber ich glaube, diese Fläche gehört streng genommen nicht dazu.“

„So ist es“, sagte er. „Sie hat damit nichts zu tun.“

„Okay. Dann werde ich mit der Anwältin sprechen, um sicherzustellen, dass dieses Stück Land auf jeden Fall an dich geht. Kannst du mitkommen, wenn ich sie morgen treffe?“, fragte ich. „Die Anwältin, meine ich. Ich fänd’s gut, wenn du weißt, was –“

„Nein“, unterbrach er mich.

Ich nickte. Es überraschte mich nicht, und ich wusste, dass es wahrscheinlich besser so war. Er würde alles verkomplizieren. Entweder wäre er so nervös, dass er nicht still sitzen konnte, oder er würde zornig werden, hinausrennen und die Tür hinter sich zuknallen. Danny war unberechenbar.

„Okay.“ Der Rauch machte mir zu schaffen, aber ich hatte vor, es durchzustehen. „Ich muss das Haus ausräumen, um es verkaufen zu können. Kannst du mir nicht dabei helfen? Ich meine nicht die körperliche Arbeit, wir müssten alles durchsehen und –“

„Warum heuerst du nicht irgendjemanden an, der alles fortschafft?“ Er klopfte die Asche der Zigarette auf dem Deckel ab.

„Weil … man das so nicht macht.“ Ich wedelte den Rauch weg und beugte mich zu ihm vor. „Hör mal, Danny, ich brauche deine Hilfe. Tu’s für mich, ja? Es ist ja nicht für Daddy, sondern für mich. Es ist ganz schön viel Arbeit, wenn ich das alles alleine bewältigen soll.“

Er stand auf, drückte die Zigarette in der Spüle aus und ließ einen Augenblick Wasser nachlaufen. Ich wusste, dass ich zu ihm durchgedrungen war, indem ich die Bitte mehr in meinem Namen als in dem unseres Vaters ausgesprochen hatte.

„Das ist so verworren“, sagte er.

„Was ist verworren?“

„Alles.“

Ich versuchte mir vorzustellen, wie es wohl im Kopf meines Bruders aussehen mochte. In einem der seltenen Augenblicke, in denen er mir seine verletzliche Seite gezeigt hatte, hatte er einmal zugegeben, immer Angst zu haben. Auf jedes laute Geräusch reagierte er, als ob er angegriffen würde. In seinen Albträumen war er wieder im Irak, wo er Dinge getan hatte, von denen er mir nicht erzählen wollte. Ich wäre nicht mehr derselbe für dich, wenn ich dir das erzählen würde. Daddy hatte versucht, sich um ihn zu kümmern, doch Danny hatte unserem Vater gegenüber eine feindselige Haltung eingenommen, die ich nie hatte nachvollziehen können. Schließlich hatte Daddy es aufgegeben, was ich ihm nicht wirklich vorwerfen konnte. Ich dagegen würde nicht aufgeben. Es war dieser verletzliche Danny, an den ich mich zu erinnern versuchte, wenn er wieder aggressiv war.

„Liebst du mich?“, fragte ich ihn jetzt.

Er riss den Kopf hoch. „Natürlich“, sagte er, und als ob dieses Geständnis ihn bezwungen hätte, sackten auf einmal seine Schultern nach unten. Seufzend drehte er sich zu mir um. „Was soll ich tun?“ Er klang plötzlich wie ein kleiner Junge, der es mir zugleich recht machen wollte und meine Antwort fürchtete.

„Ich rede morgen erst mal mit der Anwältin, um herauszufinden, was wir alles zu tun haben.“ Wir. Es ging uns ja beide etwas an. „Soll ich dir ein Prepaid-Handy kaufen, damit wir uns besser erreichen können, solange ich hier bin?“

Er schüttelte den Kopf. „Nein“, antwortete er. Ich war nicht sicher, ob er damit meinte, ich solle ihm kein Telefon besorgen oder ihm keinen einzigen weiteren Vorschlag machen, da er sonst ausflippen würde. So oder so fand ich, dass es uns beiden für heute mit meinem Besuch reichte, und stand auf.

„Du siehst gut aus, Danny“, sagte ich. „Ich hab dich sehr lieb.“ Das stimmte. Er war alles, was mir von meiner Familie geblieben war.

Ich richtete das Bett in meinem alten Schlafzimmer für die Nacht her. Ich hätte auch in dem Doppelbett im viel größeren Schlafzimmer meiner Eltern übernachten können, aber ich konnte mich nicht überwinden. Für mich war es noch immer ihr Privatbereich, in den ich nicht eindringen wollte.

Seit ich vor zwei Wochen mit Bryan Schluss gemacht hatte, war die Schlafenszeit für mich zur schwierigsten Zeit des Tages geworden. Es war die Zeit, in der wir für gewöhnlich miteinander telefoniert hatten, um uns „Gute Nacht“ und „Ich liebe dich“ zu sagen. Diese Telefonate vermisste ich fürchterlich. In der ersten Woche nach der Trennung hatte ich jeden Abend mit Sherise statt mit Bryan telefoniert, und ich habe keine Ahnung, wie sie mein Heulen und Jammern ausgehalten hat. Jetzt war sie in Haiti und nicht zu erreichen, und ich war Vollwaise.

Um Mitternacht lag ich noch immer wach und starrte an die Decke. Ich war mir sicher, nicht mehr einschlafen zu können, und stand auf und ging nach unten, um mir eine Tasse Gute-Nacht-Tee in der Mikrowelle zu machen. Ich trug ihn gerade zur Treppe, da fiel mein Blick auf meine Handtasche, die ich auf den Schreibtisch meines Vaters gelegt hatte. Mir kam der lilafarbene Umschlag aus dem Postfach wieder in den Sinn. Ich holte ihn heraus und nahm ihn mit nach oben, dann kroch ich wieder ins Bett, nippte an meinem Tee und nahm die geschwungene Handschrift auf dem violetten Papier näher in Augenschein. Fred Marcus. Kein Absender. Ich zögerte einen Augenblick, dann riss ich den Umschlag auf. Alles, was sich darin befand, war eine Postkarte mit dem Farbfoto einer Band darauf. Vielleicht Bluegrass oder Country. Zwei Frauen und zwei Männer, alle mit Saiteninstrumenten. Unter dem Bild stand Jasha Trace. Ich vermutete, dass das der Bandname war. Auf der Rückseite war der Tourneeplan abgedruckt, und dort, wo der Empfänger eingetragen werden sollte, stand in derselben geschwungenen Schrift: Kann’s kaum erwarten, dich zu sehen! Wo treffen wir uns? Umarme und küsse dich.

Verdammt. Jetzt fühlte ich mich wirklich grässlich. Wer immer Fred Marcus war, er würde seine Karte nicht bekommen, weil ich sie aus seinem Postfach genommen hatte. Ich hätte sie dort lassen sollen, vielleicht sogar dafür zahlen, um das Postfach noch eine Weile weiterzumieten.

Ich stieß einen Seufzer aus und lehnte mich aus dem Bett, um Karte und Umschlag in den Papierkorb neben dem Nachtschränkchen zu werfen. Ich hatte auch ohne die Probleme eines Fremden schon genug um die Ohren. Fred Marcus würde wohl damit klarkommen müssen.

3

„Ihr Vater hat dieses Testament vor drei Jahren aufgesetzt.“ Die Anwältin meines Vaters, Suzanne Compton, beugte sich über den Schreibtisch, um mir eine Ausfertigung herüberzureichen. Ich legte sie auf die Kante ihres Schreibtischs und blätterte sie durch. Als ich noch in Durham gewesen war, hatte Suzanne mir geholfen, bei Gericht die nötigen Informationen einzureichen, um Zugriff auf die Bankkonten meines Vaters zu bekommen. Allerdings hatte ich bis zu einem persönlichen Treffen mit ihr aufgeschoben, mich mit seinem Testament zu beschäftigen.

„Wie ich bereits am Telefon erwähnt habe“, fuhr Suzanne fort, „hat er alles zu gleichen Teilen zwischen Ihnen und dem Treuhandkonto Ihres Bruders aufgeteilt: das Haus, den Campingplatz, die Bankkonten und so weiter. Sie werden Daniels Anteil jetzt treuhänderisch verwalten, also müssen wir über Ihre Aufgaben diesbezüglich sprechen.“

Ich nickte. Von dem Treuhandkonto hatte ich natürlich gewusst, aber mir war nicht klar gewesen, dass ich jetzt für Dannys Geld verantwortlich war. Er durfte es nur für bestimmte Dinge ausgeben, damit er den Anspruch auf seine Invalidenrente nicht verwirkte.

„Ihr Vater hat eine kleine Lebensversicherung abgeschlossen, offenbar in der Zeit, als er für die Regierung gearbeitet hat“, erklärte Suzanne, „und wie es scheint, hat er weiterhin Beiträge einbezahlt. Das sind also fünfzigtausend, die Ihnen beiden ebenfalls zustehen.“

„Aber er hat niemals für die Regierung gearbeitet“, sagte ich und fragte mich, ob sie vielleicht zwei Fälle durcheinanderbrachte. „Er hat immer nur den Campingplatz betrieben, Mac’s RV Park.“

„Nun, die Police ist schon älter.“ Suzanne wirkte ein wenig müde. Sie rieb sich den Nacken unter ihrem halblangen blonden Haar und blätterte ein paar Unterlagen durch, die Akte meines Vaters, wie ich annahm. Sie konnte nicht halb so müde sein wie ich, nach meiner letzten so gut wie schlaflosen Nacht. „Er hat die Police 1980 abgeschlossen, als er beim U.S. Marshals Service war“, sagte sie.

„U.S. Marshals Service? Mein Vater? Ich glaube nicht …“ Ich verstummte allmählich, als eine vage Erinnerung aus meiner Kindheit in mir aufstieg. Danny und ich waren am Strand gewesen, hatten gerade an einer Sandburg gebaut und beobachtet, wie ein Polizeibeamter ein paar grölende Betrunkene festnahm. Daddy hat auch immer Leute festgenommen, hatte Danny zu mir gesagt. Er war Marshal. Ich erinnerte mich, wie stolz er geklungen hatte, doch ich war damals sicher nicht älter als fünf gewesen und hatte keine Ahnung gehabt, wovon er überhaupt gesprochen hatte.

Jetzt lächelte ich. „Als ich klein war, hat mir Danny einmal erzählt, dass unser Vater Marshal gewesen ist. Dann war es das wohl, was er damit gemeint hat. 1980 – als Daddy die Police abgeschlossen hat, wie Sie sagen – hat meine Familie im Norden Virginias gelebt, unweit von Washington, D. C., also könnte das einen Sinn ergeben. Aber ich hatte keine Ahnung, dass er jemals für die Regierung gearbeitet hat. Er hat nie darüber gesprochen.“

„Nun, es ist ja auch schon länger her.“ Suzanne blickte auf das Testament hinab. Sie wollte eindeutig fortfahren. „Also, Ihr Vater war ein fleißiger Sammler, stimmt’s? Er hat mir erzählt, dass die Violinen am wertvollsten sind. Danach kommen die Pfeifen, und die sollen seinem Wunsch gemäß an Thomas Kyle gehen.“

„Im Ernst?“ Überrascht lehnte ich mich zurück. Tom Kyle? Tom und seine Frau Verniece wohnten seit Langem dauerhaft auf dem Campingplatz, aber ich kannte sie kaum. Tom war mir immer wie ein griesgrämiger alter Mann vorgekommen, aber Verniece war wirklich lieb. Nach Daddys Tod hatte ich Suzanne gebeten, eine Vereinbarung auszuarbeiten, damit Tom übergangsweise die Reservierungen und den Zahlungsverkehr für den Platz erledigen konnte. Soweit ich wusste, war das ganz gut gelaufen.

„Möchten Sie das anfechten?“, fragte Suzanne.

Ich schüttelte langsam den Kopf. „Nein“, erwiderte ich. „Ich bin nur überrascht. Ich schätze mal, dass Tom Kyle und mein Vater enger befreundet waren, als ich dachte. Es ist nett von meinem Vater, dass er ihm etwas hinterlassen hat.“ Ich fand es schön, dass Daddy offenbar einen Freund gehabt hatte, der ihm so viel bedeutete. Die Pfeifen waren wahrscheinlich ein paar Tausend Dollar wert. „Weiß Mr. Kyle es schon?“, fragte ich.

„Nein. Als Testamentsvollstreckerin sollten Sie ihn benachrichtigen. Sagen Sie ihm, dass er jederzeit anrufen kann, wenn er eine Frage hat, und dass ich ein Dokument aufsetzen werde, das Sie beide unterzeichnen müssen.“ Wieder warf sie einen Blick auf das Testament. „Das Einzige, was er hier ansonsten noch verfügt hat, ist, dass er seinen Flügel und zehntausend Dollar Jeannie Lyons hinterlässt.“

Es dauerte einen Augenblick, bis ich den Namen einordnen konnte. Ich hatte ihn schon Jahre lang nicht mehr gehört. „Tatsächlich?“, fragte ich.

„Kennen Sie Jeannie? Sie ist Immobilienmaklerin.“

„Sie ist eine alte Jugendfreundin meiner Mutter, aber Mum ist vor sieben Jahren gestorben.“ Ich erinnerte mich daran, dass Jeannie und meine Mutter alle paar Jahre zusammen verreist waren, als ich klein war. „Eine kleine Auszeit für Mädchen“, hatte es meine Mutter genannt. Sie fuhren dann zum Strand oder nach Asheville, wo Jeannie damals wohnte, wenn ich es recht in Erinnerung hatte. „Ich wusste nicht, dass mein Vater noch Kontakt zu ihr hatte.“

„Es ist ebenso gut möglich, dass Ihre Mutter ihn gebeten hat, Jeannie etwas zu hinterlassen“, sagte Suzanne. „Haben Sie – oder hat Ihr Bruder – irgendwelche Einwände dagegen, dass sie das Klavier oder das Geld bekommt?“

Ich schüttelte den Kopf. „Nicht, wenn mein Vater das so gewollt hat“, sagte ich. „Außerdem lebt Danny in einem Wohnwagen, und meine Wohnung ist winzig.“ Lächelnd fügte ich hinzu: „Und keiner von uns beiden kann Klavier spielen.“

„Dann sollten Sie sich mit Jeannie treffen“, sagte Suzanne. „Sie kann Ihnen auch mit dem Haus und dem Campingplatz helfen, sollten Sie beides veräußern wollen.“

„Das habe ich vor“, sagte ich. „Ich möchte nur sicherstellen, dass das Grundstück, auf dem mein Bruder lebt, nicht mitverkauft wird.“

„Reden Sie mit Jeannie darüber, wie es abgeteilt werden soll, und dann arbeiten wir eine Art rechtswirksame Vereinbarung aus, damit er auf dem Grundstück bleiben kann.“ Abermals warf Suzanne einen Blick auf ihre Notizen. „Hier steht, dass Ihr Vater beim Aufsetzen seines Testaments ungefähr zweihunderttausend Dollar Ersparnisse hatte. Diese werden zusammen mit der Versicherung und dem Wert des Hauses und des Campingplatzes, den zu bestimmen Ihnen Jeannie behilflich sein kann, zwischen Ihnen und Daniels Treuhandkonto aufgeteilt werden.“

Das Wort Wow schoss mir durch den Kopf, doch es auszusprechen kam mir unpassend vor. Momentan befanden sich auf meinem Sparkonto genau sechstausend Dollar. Als Schulpsychologin verdiente ich wenig und war stolz darauf, trotzdem so viel beiseitegelegt zu haben.

„Ich möchte Ihnen raten, nun nicht wild mit dem Geld um sich zu werfen“, sagte Suzanne. „Legen Sie’s beiseite. Suchen Sie sich einen guten Finanzberater. Ich kann Ihnen jemanden aus der Gegend empfehlen, aber Sie werden wahrscheinlich lieber jemanden in Durham aufsuchen wollen. Seien Sie einfach vorsichtig mit dem Geld, und legen Sie es gut an. Vielleicht wollen Sie sich ja ein eigenes Haus kaufen und Ihre winzige Wohnung aufgeben. Und vielleicht kann es auch Ihrem Bruder helfen, seine Situation zu verbessern. Wie geht es ihm?“

„Kennen Sie ihn?“, fragte ich, ohne wirklich überrascht zu sein. Fast jeder in New Bern kannte Danny mehr oder weniger gut. Er rief ganz unterschiedliche Empfindungen in den Leuten hervor: Dankbarkeit für seinen Einsatz beim Militär, Mitleid wegen seiner Verletzungen und Besorgnis wegen seiner Unberechenbarkeit.

„Ich habe ihn nie persönlich kennengelernt“, sagte sie. „Obwohl ich das Treuhandkonto für ihn eingerichtet habe. Es scheint so, als hätte er eine Menge durchgemacht.“ Sie schenkte mir ein warmes Lächeln und klappte die Akte auf ihrem Schreibtisch zu. Ich war dankbar, dass sie mitfühlend von Danny gesprochen hatte, nicht geringschätzig.

„Das hat er“, bestätigte ich.

„Hören Sie, da ist noch etwas, das ich Ihnen sagen möchte“, meinte sie, als wir uns beide erhoben. „Wenn jemand unerwartet verstirbt, so wie Ihr Vater, hat die Person natürlich keine Gelegenheit mehr, alles sauber zu hinterlassen, zu löschen, was man gegoogelt hat, oder solche Sachen, verstehen Sie. Also wühlen Sie nicht zu tief in seinen persönlichen Sachen. Belasten Sie sich nicht damit.“

Ich sah sie an und runzelte die Stirn. „Verschweigen Sie mir etwas?“, fragte ich sie.

„Nein. Ich kannte Ihren Vater kaum.“ Sie ging um den Schreibtisch herum und begleitete mich zur Tür. „Als mein eigener Vater starb, fand ich auf seinem Computer … Pornografie und dergleichen, und ich wünschte, ich hätte nie nachgesehen.“ Sie lächelte etwas verlegen. „Nur als kleine Warnung.“

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich mein Vater für Pornos interessiert hat“, sagte ich, die Hand schon auf dem Türknauf.

„Man kann nie wissen“, sagte sie. „Es sieht ganz danach aus, als hätte Ihr Vater voller Überraschungen gesteckt.“

4

Ich wünschte mir einfach einen ganz normalen Bruder. Einen, mit dem ich vernünftig über mein Treffen mit Suzanne hätte sprechen können. Einen Bruder, mit dem ich um unseren Vater hätte trauern können. Einen solchen Bruder würde ich jedoch niemals haben. Obwohl ich es geschafft hatte, dass er sich moralisch verpflichtet fühlte, heute Abend mit ins Haus zu kommen, war sein Unbehagen, als wir den Campingplatz hinter uns ließen, so präsent wie eine dritte Person in meinem Auto. Er hatte gesagt, er habe nicht mehr viel Benzin und kein Geld mehr zum Tanken, also holte ich ihn ab und versuchte, ihm hundert Dollar von seinem Treuhandkonto zu geben. Ärgerlich wandte er sich ab. Ich konnte es ihm nicht verübeln. Jetzt auf seine jüngere Schwester angewiesen zu sein, wenn er Geld brauchte, war seinem Stolz sicher nicht eben förderlich.

Ich machte bei MJ’s Raw Bar & Grille halt, um uns ein Pfund Peel & Eat – Shrimps mit Pommes zu besorgen. Mein Herzschlag beschleunigte sich, als ich auf das Essen wartete, denn ich fürchtete, dass Danny weg sein würde, wenn ich zum Auto zurückkehrte. Doch er war noch da und füllte die Luft in meinem Auto mit Zigarettenrauch. Ich sagte nichts. Wenn er rauchen musste, um das durchzustehen, in Ordnung. Wenn er etwas trinken musste, auch gut. Ich hatte ihm am Nachmittag ein Sixpack Bier gekauft. Was immer nötig war.

Bevor ich den Wagen wieder anließ, holte ich das Handy aus meiner Handtasche heraus, das ich ihm heute Nachmittag gekauft hatte. „Hier ist ein Prepaid-Handy für dich, damit wir in Verbindung bleiben können“, sagte ich und hielt es ihm hin.

„Ich will wirklich kein Telefon haben“, sagte er.

„Nur für die Zeit, die ich hier bin.“ Ich drückte ihm das Telefon in die Hand. „Ich hab dir meine Nummer eingespeichert und deine Nummer auf meinem Handy.“ Nach einer Weile schlossen sich seine Finger um das Handy, und er schob es in die Tasche seiner Jeans.

Zufrieden ließ ich den Wagen an, und wir fuhren zum Haus. Der Duft der Old Bay – Gewürzmischung unserer Shrimps vermischte sich mit dem Zigarettenrauch. Ich hielt in der Einfahrt, und wir gingen langsam über den Rasen und die Stufen hoch zum Vordereingang. Er hinkte nicht mehr so stark wie früher, obwohl ich den Eindruck hatte, sein langsamer, steifer Gang sei möglicherweise schmerzbedingt. Aber vielleicht wollte er das Betreten des Hauses einfach so lange hinauszögern wie möglich. Es war Jahre her, dass er zuletzt hier gewesen war.

„Daddy hat ungefähr zweihunderttausend Dollar gespart“, sagte ich zu Danny, als wir durch das Wohnzimmer zur Küche gingen, die Tüte mit den Shrimps und Pommes im Arm. Danny drehte seinen Kopf nach links und nach rechts und sah sich in dem Zimmer um. Ich bezweifelte, dass sich seit seinem letzten Besuch hier irgendetwas verändert hatte. „Die Hälfte des Geldes wird auf dein Treuhandkonto überwiesen.“

„Was soll ich denn mit so viel Geld anfangen?“, fragte er, als wir in die Küche kamen. Mir war klar, dass diese Frage rhetorisch gemeint war.

„Na ja“, meinte ich und stellte die Tüte auf der Küchentheke ab, „es ist einfach da, falls du es jemals brauchen solltest.“ Ich hatte ihm bereits gesagt, dass er das Grundstück, auf dem er lebte, behalten konnte.

Er lief zielstrebig auf den Kühlschrank zu, öffnete die Tür und holte sich eine Flasche Bier aus dem Karton. „Wie kommt’s, dass er so viel Geld auf dem Konto hatte?“, fragte er und schloss den Kühlschrank wieder.

Ich öffnete einen der Küchenschränke, um ein paar Teller herauszunehmen. „Vermutlich wusste er, wie man richtig spart“, sagte ich. „Er hatte nicht viele Ausgaben. Und dann hat er früher mal für den U.S. Marshals Service gearbeitet, was du ja vermutlich weißt, oder?“

„Hm.“ Er zog ein paar Schubladen auf und fand in einer davon einen Flaschenöffner. „Er war doch verrückt, findest du nicht? Einen Job bei der Regierung aufzugeben, um einen Campingplatz zu betreiben.“

Ich warf ihm einen Blick zu und nahm zwei der alten Keramik-Teller meiner Mutter aus dem Schrank. „Vielleicht ging es ihm wie dir“, sagte ich. „Du weißt schon. Möglicherweise hat er dem ständigen Leistungsdruck in Washington, D. C., einen ruhigeren Lebensstil vorgezogen.“

Danny nahm einen Schluck Bier. „Ich hab nicht wirklich eine Wahl gehabt“, sagte er.

Ich wies mit einem Kopfnicken in Richtung Hinterausgang, und Danny folgte mir auf die überdachte Terrasse, wo ich die Teller auf den mit einem Wachstischtuch bedeckten Tisch stellte. Die Zikaden und Grillen zirpten ihren Nachtgesang, und ich öffnete die Tüte von MJ’s. Ich liebte diese Terrasse. Sie erinnerte mich an meine Kindertage. Den ganzen Sommer über hatte ich in einem der Schaukelstühle gesessen und gelesen. Ich konnte mich noch immer an ein paar der Bücher erinnern, die ich damals, als das Leben viel einfacher schien als gerade jetzt, verschlungen hatte.

„Weißt du noch, wie wir uns als Kinder immer hier auf der Terrasse herumgetrieben haben?“, fragte ich Danny, als ich die Verpackung der Shrimps aufriss.

„Oh Mann, diese Teller!“, rief Danny aus, als hätte er gar nicht gehört, was ich gesagt hatte. Er blickte auf den cremefarbenen Teller mit dem handgemalten Apfel-Dekor am Rand. „Müssen wir unbedingt von diesen alten Tellern essen?“

„Was stimmt denn nicht mit ihnen?“

„Einfach nur … das ist so, als wäre ich wieder fünfzehn.“

Ich hätte gern weitergebohrt, ihn gefragt, warum es so schrecklich für ihn gewesen war, fünfzehn zu sein, doch ich hatte ihn vorher schon einmal bedrängt und wusste, dass es zu nichts führen würde.

„Ehrlich gesagt, mir gefallen die Teller“, sagte ich. „Sie erinnern mich an Mum.“

„Genau“, erwiderte er.

Ich hatte nicht vor, ihm einen anderen Teller zu holen, nahm mir eine Handvoll Shrimps und schob ihm die Pappschachtel über den Tisch. „Lad ihn dir einfach mit Shrimps voll, dann siehst du das Muster nicht mehr“, schlug ich vor und war froh, dass er nach der Schachtel griff.

„Also.“ Ich löste eine Garnele aus ihrer Schale und dachte, es sei wohl besser, das Thema Familie einen Augenblick ruhen zu lassen. „Ich hab dir von meinem kläglichen Liebesleben erzählt. Wie sieht’s mit deinem aus? Gibt’s da zurzeit jemanden?“

Er zuckte unverbindlich mit den Schultern. „Sie kommen und gehen“, sagte er, „und das ist mir ganz recht so.“ Er aß eine Garnele, spülte sie mit dem Bier hinunter und stand auf. „Ich brauch noch eins“, sagte er. „Du auch?“

„Nein danke.“ Ich nahm ein paar Pommes und wartete darauf, dass er zurückkam. Ich hasste diese Spannung zwischen uns. Heute Abend machte er einen so gereizten Eindruck auf mich, kurz davor, in die Luft zu gehen.

Als er sich wieder hingesetzt hatte, war seine Flasche schon halb leer, und beim Schälen einer Garnele zitterten seine Hände. Ich fragte mich, ob er irgendwas genommen hatte. Er hatte eine Menge Gras geraucht, als er aus dem Irak zurückgekommen war, aber soweit ich wusste, war momentan der Alkohol die Droge seiner Wahl.

„Wir müssen über das Haus reden“, begann ich und berichtete ihm alles, was ich von Suzanne erfahren hatte. „Der Flügel und zehntausend Dollar gehen an Jeannie Lyons, was ich merkwürdig finde. Sie war eine Freundin von Mum, aber ich –“

„Ich weiß, wer sie ist“, sagte er und nahm noch einen Schluck Bier. „Wenn sie mich in der Stadt sieht, versucht sie immer, mich anzusprechen, aber ich setze dann immer mein abschreckendes Posttraumatische-Belastungsstörung-Gesicht auf, und sie lässt mich in Ruhe.“

Ich musste lachen. Er hatte das mit todernster Miene vorgebracht, und ich hatte keine Ahnung, ob es als Scherz gemeint war oder nicht, doch mir gefiel seine Aufrichtigkeit. „Und sicher kennst du auch Tom Kyle“, sagte ich. „Er wohnt ganz hinten auf dem Campingplatz.“

„Ein totales Arschloch. Er trägt immer Camouflagehosen und tut so, als wäre er etwas, das er nicht ist.“

Ich kaute meine Pommes. „Also“, meinte ich, „ich kenne ihn ja nicht besonders gut, aber nach Daddys Tod hat er geholfen, den Platz am Laufen zu halten, wofür ich dankbar bin. Und Daddy muss wohl eine Art freundschaftlicher Beziehung zu ihm gehabt haben, denn er hat ihm seine Pfeifensammlung hinterlassen.“

„Was sollte irgendjemand mit einem Haufen alter Pfeifen anfangen?“

„Was weiß ich?“, erwiderte ich. „Aber es ist eine Sache weniger, um die wir uns kümmern müssen, also bin ich ganz froh darüber. Bei was ich am meisten Hilfe brauche, ist das Einpacken von dem Zeug, das wir spenden können; beim Ausräumen des Hauses, weißt du, damit wir’s verkaufen können.“ Ich malte mir aus, wie wir für ein paar Wochen Seite an Seite zusammenarbeiteten. Vielleicht konnte ich ihn dazu bringen, sich mir wirklich einmal anzuvertrauen; sich zu öffnen.

Er hielt beim Schälen der Shrimps inne und ließ den Blick über den Garten schweifen, der inzwischen fast im Dunkeln lag. „Ganz ehrlich“, sagte er dann, „dafür heuerst du besser jemanden an. Ich kann das nicht tun.“

Er sprach leise, aber bestimmt, als hätte er mit sich gerungen und schließlich eine Entscheidung getroffen. „Warum denn nicht, Danny?“, fragte ich sanft.

„Jetzt, wo ich hier bin, merke ich …“ Er sah mich eine Sekunde lang an, bevor er seinen Blick wieder auf die letzte Garnele auf seinem Teller senkte. „Ich will einfach nicht in ihrem alten Kram herumwühlen. In Sachen wie diesen Tellern.“ Er tippte auf den Tellerrand. „Ich will das nicht sehen.“

„Okay …“, sagte ich und wünschte, ich würde aus dem Rätsel, das mein Bruder war, schlau werden.

„Ich hab genauso viele Albträume von unserer Familie wie vom Irak“, fügte er hinzu.

„Das versteh ich nicht“, sagte ich. „Du bist ja schließlich nicht misshandelt worden oder so was.“

Er setzte die Flasche an seine Lippen und legte den Kopf in den Nacken, um den letzten Tropfen herauszubekommen. „Es gibt verschiedene Arten von Misshandlung“, sagte er und stellte die Flasche wieder ab.

„Von was redest du?“

„Alles, was ich sage, ist, dass du jemanden anheuern musst, der dir bei der Sache mit dem Haus hilft.“ Er klang jetzt hart und ungeduldig. „Ich will damit nichts zu tun haben.“ Er stand auf und ging in die Küche. Als ich unsere Teller aufeinanderstellte und ins Haus hineintrug, hörte ich, wie die Kühlschranktür wieder geöffnet wurde.

Als ich die Küche betrat, hatte Danny sie schon wieder verlassen, aber ich konnte ihn im Wohnzimmer sehen. Ich stellte alles neben der Spüle auf den Tresen und ging zum Durchgang ins Wohnzimmer. Danny stand vor der Wand mit den Schallplatten, eine Hand in der Hosentasche, in der anderen hielt er ein neues Bier.

„Was sollte das alles?“, fragte er und zeigte mit der Flasche auf die Alben. Der Unmut in seiner Stimme hielt mich davon ab, das Zimmer zu betreten. „So viele Platten kann man sich doch niemals im Leben anhören“, sagte er. „Was für eine blöde Verschwendung! Er war echt besessen.“

„Es war sein Hobby“, sagte ich vorsichtig. Ich erinnerte mich daran, wie unsere Mutter gesagt hatte, Daddy bräuchte seine Hobbys. Und auch wenn sie niemals mehr dazu gesagt hatte als das, wusste ich doch, dass sie damit gemeint hatte, er bräuchte etwas, das ihn davon abhielt, an die Tochter zu denken, die er verloren hatte. „Weißt du noch, wie Mum und Daddy immer von unserer Familie gesprochen haben, als ob sie nur zwei Kinder bekommen hätten?“, fragte ich Danny. „Als ob es Lisa nicht gegeben hätte?“

Danny blickte nicht von den Platten auf, doch ich merkte, wie seine Nasenflügel bebten. Als wir klein waren, hatten wir gelernt, beide das Gleiche zu antworten, wenn uns jemand fragte, wie viele Kinder wir in der Familie wären. Nur zwei, antworteten wir dann.

„Wir konnten niemals über Lisa reden“, sagte ich. „Selbst jetzt hast du dichtgemacht, als ich sie erwähnt habe, und –“

„Das ist so was für’n Arsch!“, schrie er plötzlich, drehte sich um und riss den Arm nach oben, als wäre er im Begriff, Baseball zu spielen. Mit enormer Kraft schleuderte er die Bierflasche wie ein Wurfgeschoss von sich, und sie flog in Richtung der Wand, an der die Pfeifensammlung stand. Ich trat einen Schritt zurück, als die Glastüren der Vitrine in Millionen Splitter zerbarsten.

Danny wirbelte herum und stapfte zum Vordereingang.

„Danny!“, rief ich. Ich war so fassungslos, ich konnte mich nicht bewegen. Noch bevor ich richtig realisiert hatte, was passiert war, war er schon fort und die Stufen der Veranda hinuntergestürmt.

Ich starrte die Vitrine an, deren Inhalt jetzt nicht mehr durch eine Glasscheibe geschützt war. Einige Pfeifen waren von ihren schmalen Holzbänkchen gefallen, ein paar lagen auf dem Boden. Scharfkantige Glassplitter ragten wie zerbrochenes Eis auf einem Teich an den Ecken der Sammlervitrine hervor, und alles im Zimmer – wirklich alles – war von glitzernden winzigen Glasscherben bedeckt.

Wie betäubt stand ich noch ein paar Sekunden da. Dann fiel mir ein, dass Danny kein Auto hatte. Um die sechzehn Kilometer zu seinem Wohnwagen zurückzulegen, blieb ihm keine andere Möglichkeit, als zu Fuß zu gehen. Ich schnappte mir meine Handtasche und die Schlüssel und eilte ihm nach.

In New Bern war es dunkel und ruhig. Langsam fuhr ich in die Richtung, in die er vermutlich gegangen war. Ich erkannte ihn, als er gerade unter einer Straßenlaterne hindurchlief. Er hinkte stark und war in Richtung Stadtrand unterwegs. Ich fuhr neben ihn und öffnete das Fenster auf der Beifahrerseite.

„Steig ein“, befahl ich. Er blieb stehen, doch er sah nicht zu mir herüber. „Komm schon, Danny“, beharrte ich. „Bitte.“

Ich erkannte daran, wie seine Schultern nach vorne sackten, dass er sich geschlagen gab. Er kam zum Auto und öffnete die Beifahrertür. „Bring mich nicht zum Haus zurück“, sagte er beim Einsteigen. „Fahr mich zu mir, okay?“

„Alles klar“, sagte ich und gab in diesem Augenblick die Hoffnung auf, dass er mir mit dem Haus helfen würde.

Die nächsten Kilometer fuhren wir schweigend. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, denn ich wollte nicht, dass er mein Auto fluchtartig verließ. Nach einer Weile machte er das Radio an und drückte den Sendersuchlauf, bis er etwas gefunden hatte, das ihm gefiel. Hip-Hop. Ein bekanntes Lied, und der stampfende Beat brachte uns beide dazu, mit dem Kopf im Rhythmus mitzunicken, ob wir nun in der Stimmung für Musik waren oder nicht.

„Die Kids, mit denen ich arbeite, lieben dieses Lied“, sagte ich und war dankbar, ein neutrales Gesprächsthema gefunden zu haben. Dann kam mir die Schrotflinte wieder in den Sinn, die in seinem Wohnwagen auf ihn wartete, und plötzlich konnte ich an nichts anderes mehr denken. Ich befragte täglich Kinder dazu, ob sie Selbstmordgedanken hätten, aber jetzt wollten mir die Worte einfach nicht über die Lippen gehen.

„Ich werde mit dir in den nächsten Wochen zum Gesundheitszentrum für Kriegsveteranen gehen“, sagte ich stattdessen.

„Wozu?“

„Tu nicht so begriffsstutzig, Danny“, sagte ich. „Wenn du deine Medikamente überhaupt nimmst, dann müssen sie auch eingestellt werden, meinst du nicht?“

„Nein, finde ich nicht.“

„Lass mich mitgehen“, bat ich. „So kannst du doch nicht weitermachen. Wann warst du zuletzt bei einem Psychiater?“

„Ach, du kannst mich mal“, fauchte er.

Die dunkle Straße verschwamm vor meinen Augen, und ich schluckte die Kränkung herunter. Meine Finger umklammerten das Lenkrad.

Einen Augenblick später berührte er meine Hand. „Es tut mir leid“, sagte er. „Ich weiß, dass du mir helfen willst, aber das kannst du nicht. Akzeptier das einfach, okay? So bin ich nun mal.“

Ich nickte, auch wenn ich nicht einverstanden war. Ganz und gar nicht. „Mach dir keine Sorgen wegen des Hauses“, sagte ich und bog in die Straße ein, die zum Campingplatz führte. „Ich werde mich drum kümmern.“ Ich fuhr nach links, als wir die Schotterpiste erreichten, und wir holperten langsam durch die Dunkelheit.

„Gleich hier“, sagte er und deutete auf die kaum sichtbare Lücke zwischen den Bäumen, durch die man zu der Lichtung und seinem Wohnwagen gelangte. Vorsichtig bog ich nach links in den Wald ein und fuhr den Pfad entlang, bis meine Scheinwerfer sein Auto und den alten Airstream erreichten. Ich hielt an und machte den Motor aus.

„Ich komme mit“, sagte ich.

„Nein.“ Er fasste nach dem Türgriff.

Ich konnte nur an die Schrotflinte denken. „Hast du vor, dich umzubringen?“, platzte ich heraus. Als ich mich zu ihm umdrehte, war ich überrascht, Tränen in seinen Augen glitzern zu sehen.

Er antwortete nicht sofort, und als er es endlich tat, war seine Stimme ganz sanft. „Ich bin okay, Riles“, sagte er. So hatte er mich immer genannt, als wir noch klein waren, und eine spontane Welle der Zuneigung überkam mich. „Im Ernst“, sagte er nachdrücklich. „Ich hab’s einfach nur nicht länger in diesem Haus ausgehalten.“

Ich griff in meine Handtasche, holte die gefalteten Zwanzigdollarscheine heraus und hielt sie ihm hin. „Das gehört dir“, sagte ich. „Nimm es.“

Er zögerte, bevor er mir die Scheine schließlich aus der Hand nahm.

„Ich hab dich lieb, Danny!“, sagte ich.

„Danke, dass du dich darum kümmerst, dass ich das Grundstück behalten kann.“ Er öffnete die Wagentür und stieg aus. Seine Worte machten mir wieder Mut. Wenn ihm noch immer daran gelegen war, das Stück Land zu behalten, dann dachte er an die Zukunft. Er hatte nicht vor, sich den Schädel wegzupusten. Zumindest nicht heute Abend.

Ich ließ die Scheinwerfer an, bis er in seinem Wohnwagen verschwunden war, dann setzte ich mehrmals vor und zurück, um den Wagen zu wenden. Langsam fuhr ich wieder aus dem Wald heraus. Der Kopf schwirrte mir von all der Arbeit, die vor mir lag. Es war nicht nur das Haus, um das ich mich kümmern musste, während ich hier war, auch mein Herz hatte Reparaturbedarf, dachte ich, und irgendwie musste ich auch meinen Bruder heil machen.

5

Ich konnte mich beim besten Willen nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal auf dem Gelände von Mac’s RV Park gewesen war. Als ich nach rechts auf die lange, schmale Straße abbog und mich von dem Wald entfernte, der Dannys Wohnwagen umgab, versuchte ich mich zu erinnern. Mir kam in den Sinn, wie ich letzten Sommer zu dem Campingplatz gefahren war. Ich war für einen Überraschungsbesuch nach New Bern gekommen, und da ich Daddy zu Hause nicht angetroffen hatte, war ich hierher gefahren und hatte ihn gefunden, wie er gerade an der Bootsrampe arbeitete. Ein Lächeln hatte sein Gesicht erhellt, als er hochgeblickt und mich erkannt hatte. Jetzt auf das Gelände des Campingplatzes zu fahren und zu wissen, dass er nicht mehr hier war, war irgendwie seltsam.

Mein Vater hatte seinen eigenen kleinen, in die Jahre gekommenen Wohnwagen auf dem ersten der zwölf Stellplätze stehen. Ich beschloss, kurz danach zu sehen und dann zum Wohnwagen der Kyles weiterzufahren. Als ich neben dem Wohnwagen anhielt, stellte ich fest, dass ich gar keinen Schlüssel dabeihatte. Ich prüfte die Türen, doch sie waren verschlossen. Also stieg ich wieder in den Wagen und fuhr langsam weiter die Schotterpiste entlang zum Wohnwagen der Kyles.

Mac’s RV Park wurde nicht unbedingt von Touristen aufgesucht. Es war ein merkwürdiges kleines Stück Land, zwischen einem Flüsschen und dem Croatan-Nationalpark gelegen, das außer einem Strom- und Wasseranschluss sowie einem Bootsliegeplatz keine weiteren Annehmlichkeiten bot. Ich hatte keine Ahnung, wie Mac’s im Vergleich zu anderen Campingplätzen abschnitt, doch ich hatte schon immer gemocht, wie alle zwölf Stellplätze nach jeder Seite durch ein Stückchen Wald voneinander abgetrennt waren und dadurch etwas Privatsphäre boten, wenn die Bäume, wie zu dieser Jahreszeit, Laub trugen. Durch die Bäume hindurch konnte ich noch ein paar andere Wohnwagen erspähen, und aus der Ferne hörte ich das Lachen von Kindern, die am Fluss spielten.

Der Wohnwagen der Kyles stand auf dem hintersten Platz nahe des Flüsschens im Schatten der Bäume auf Betonklötzen. Dahinter parkte ein Ford Sedan in verblichenem Grün. Der Wohnwagen war fast so alt wie der meines Vaters, aber viel größer. Eine schlaffe, gestreifte Markise hing über der Tür, und das Dach war an einer Stelle im vorderen Bereich des Wohnwagens eingedrückt, vermutlich war einmal ein Baum daraufgefallen. Es war traurig, wie ihr Wohnwagen aussah. Wahrscheinlich hatten die Kyles ihre liebe Mühe damit, ihn halbwegs in Ordnung zu halten. Ich hatte Tom Kyle schon seit Jahren nicht mehr gesehen. Er musste ungefähr im Alter meines Vaters sein und auf die siebzig zugehen. Ich fragte mich, was er wohl mit Daddys Pfeifensammlung anfangen würde.

Ich parkte hinter dem Ford und erblickte Tom, wie er gerade auf der anderen Seite des Wohnwagens an einem Tisch stand und Fische ausnahm. Er trug ein Unterhemd und eine Camouflagehose und arbeitete offenbar am Fang dieses Morgens. Tom war größer, als ich ihn in Erinnerung hatte, hochgewachsen und breitschultrig. Als junger Mann war er wahrscheinlich ziemlich muskulös gewesen, doch die Jahre hatten ihre Spuren hinterlassen. Als ich die Autotür zuschlug und auf ihn zuging, blickte er auf und schielte mich durch seine silbern umrandete Brille an. Offenbar erkannte er mich nicht wieder.

„Ich bin Riley MacPherson, Mr. Kyle“, sagte ich. „Frank MacPhersons Tochter.“

Er legte das Messer beiseite. Er verzog seine Miene, erst zu einem Stirnrunzeln, dann zu einem Lächeln. „Riley“, sagte er. „Hab dich eine ganze Weile nicht gesehen. Wie läuft’s?“

„Mir geht’s gut“, sagte ich. „Ich bin hergekommen, um das Haus und alles andere in Ordnung zu bringen. Danke, dass Sie sich im letzten Monat um den Platz hier gekümmert haben.“

Er schüttelte den Kopf. „Schlimme Sache, das mit deinem Vater.“ Er blickte auf seine Hände hinab. Seine Finger glitzerten von den Fischschuppen. „Ohne Frank wird hier nichts mehr so sein wie vorher.“

„Er hat Ihnen eine seiner Sammlungen hinterlassen, Mr. Kyle“, sagte ich. „Seine Pfeifen.“

„Verniece und ich haben das mit den Reservierungen und so am Laufen gehalten“, fuhr er fort, als ob ich nichts zu ihm gesagt hätte. „Willst du einen Blick in die Bücher werfen? Wirst du den Platz jetzt übernehmen?“

Offenbar hatte er nicht verstanden, was ich zu ihm gesagt hatte – wobei ich keine Ahnung hatte, ob es an seinem Gehör oder seinen kognitiven Fähigkeiten lag.

Ich schüttelte den Kopf. „Ich bin hergekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass mein Vater Ihnen seine Pfeifensammlung vermacht hat“, sagte ich etwas lauter. „Ich weiß nicht genau, was sie wert ist, aber er wollte, dass Sie sie bekommen. Seine Anwältin wird die Einzelheiten ausarbeiten.“

Endlich begriff er, was ich gesagt hatte. Langsam nickte er, doch er löste kaum den Blick von dem Tisch mit den drei Fischen darauf, um mich anzusehen. Ich konnte seine Miene nicht interpretieren. „Tja“, sagte er nach einer Weile, „das war sehr nett von ihm.“ Er sah auf den Fluss hinaus. „Gibt es sonst noch etwas in seinem Testament, das wir wissen sollten?“, fragte er zu meiner Überraschung. Hatte er sich mehr erhofft?

„Nein“, antwortete ich. „Sie werden nur bezüglich der Pfeifensammlung erwähnt.“ Den ganzen Morgen war ich damit beschäftigt gewesen, die Glassplitter um die Pfeifen herum aufzusammeln. Offenbar hatte keine davon an Dannys plötzlichem Wutausbruch Schaden genommen.

Da hörte ich das Quietschen der Tür von der anderen Seite des Wohnwagens. „Wer ist denn da?“ Verniece Kyle kam um die Ecke.

„Verniece“, sagte Tom, „erinnerst du dich noch an Franks Tochter? Die jüngere?“, fügte er schnell hinzu, als ob er keinen Gedanken an meine Schwester heraufbeschwören wollte. Ob sie Lisa wohl jemals kennengelernt hatten? Eigentlich konnte das nicht sein.

„Aber sicher tu ich das!“ Sie lächelte mich herzlich an, streckte mir ihre beiden Hände entgegen und ergriff meine. Ihre Haut fühlte sich seidenweich und etwas schlaff an. Sie hatte ihr graues Haar ordentlich gekämmt, aber es sah aus, als hätte sie es selbst geschnitten. Außerdem war sie übergewichtig, nicht wirklich dick, aber ihr kurzärmeliges Strickoberteil spannte um Busen und Bauch. „Das mit deinem Vater tut mir so leid, Riley, meine Liebe“, sagte sie. „Er war so ein rechtschaffener Mann.“

Ich nickte. „Vielen Dank.“ Es überraschte mich, dass sie sich an meinen Namen erinnerte. Vielleicht hatte mein Vater ihn ja ihnen gegenüber erwähnt.

„Deinen Bruder bekommen wir nie zu Gesicht, nicht wahr, Tom?“, bemerkte sie. „Obwohl er gerade mal anderthalb Kilometer weiter die Straße runter wohnt.“ Sie ließ meine Hände wieder los. „Ich bin zu ihm rübergegangen, als wir das mit eurem Vater erfahren haben, und wollte ihm ein paar Muffins bringen, aber er war nicht da. Ich wollte sie nicht dort lassen, wegen der Eichhörnchen oder –“

„Sie hat Neuigkeiten für uns, Verniece“, unterbrach sie Tom. „Nimm sie doch mit ins Haus; ich mach hier eben noch sauber und komme dann rein, damit wir zusammen drüber reden können.“

„Komm mit rein, meine Liebe.“ Verniece zog mich sanft am Unterarm mit sich, und ich folgte ihr um die Ecke des Wohnwagens und die Stufen hinauf ins halbdunkle Innere, wo die Luft nur wenige Grad kühler war als draußen. Wegen der Sonne waren die Jalousien heruntergelassen, und meine Augen brauchten einen Augenblick, bis sie sich an das Dunkel gewöhnt hatten. Wie hielten sie das nur aus, wie die Maulwürfe in einem heißen, stickigen Tunnel zu leben?

„Ein wenig süßen Tee?“, fragte Verniece, als ich mich an den Einbautisch setzte. Er war größer als der in Dannys winzigem Wohnwagen. Dieser Wohnwagen war mindestens dreimal so lang.

„Ich möchte nichts, danke“, sagte ich.

Sie nahm ein Foto von der Tür des schmalen Kühlschranks, stellte es vor mir auf den Tisch und knipste die Deckenlampe an. „Erinnerst du dich an unseren Sohn Luke?“, fragte sie.

„Ja, tu ich“, sagte ich höflich. Ich hatte Luke nicht besonders gut gekannt. Da er hier draußen auf dem Campingplatz gelebt hatte, war er auf andere Schulen gegangen als ich. Er war ein zugängliches, aufgewecktes Kind gewesen, soweit ich mich noch erinnern konnte. „Wo ist er jetzt?“, fragte ich.

„In Colorado. Er macht dort seinen Doktor in irgendwas mit Computern.“

„Haben Sie noch mehr Kinder?“, fragte ich, um etwas Konversation zu betreiben. „Ich kann mich nicht erinnern.“

„Nein, er ist unser einziges. Wo ich dich sehe, muss ich an ihn denken, daher hab ich das Bild hergeholt“, sagte sie und zeigte auf das Foto.

Ich überlegte einen Augenblick, ob es zwischen Luke und mir irgendeine Verbindung gab, kam aber nicht darauf. „Warum erinnere ich Sie an ihn?“, fragte ich.

Sie setzte sich auf die andere Seite des Tischs und lächelte mich mit großer Herzlichkeit an. „Wir konnten keine eigenen Kinder bekommen“, erklärte sie, „und eines Tages hab ich mich deiner Mutter anvertraut. Da hat sie mir erzählt, dass sie dich adoptiert hat, und mir diese Idee in den Kopf gesetzt. Ich habe zu Tom gesagt: ‚Warum adoptieren wir denn nicht auch ein Baby?‘ So sind wir dann zu unserem Luke gekommen.“ Diese Verbindung zwischen unseren Familien schien sie so zu freuen, dass ich zögerte, sie zu korrigieren. Aber ich musste es klarstellen.

„Ich bin nicht adoptiert worden, Mrs. Kyle“, sagte ich behutsam. „Vielleicht haben Sie meine Familie mit anderen Freunden verwechselt.“

Sie riss die Augen auf und lehnte sich auf der schmalen Sitzbank zurück. „Oh!“, rief sie dann, und ihre Wangen röteten sich. „Ich dachte … du hast recht. Ich muss deine Familie mit einer anderen verwechselt haben.“ Plötzlich erhob sie sich und öffnete den Kühlschrank, als ob sie etwas suchen würde, aber sie machte keine Anstalten hineinzugreifen. „Tom sagt immer, dass ich langsam meinen Verstand verliere. Manchmal denk ich, er hat recht.“ Sie machte den Kühlschrank zu. Dann nahm sie Lukes Bild vom Tisch und befestigte es mit zitternden Fingern wieder an der Kühlschranktür. Es tat mir leid, sie so aufgewühlt zu haben, aber da fasste sie sich auch schon wieder und lächelte mich an. „Nun ja, wer auch immer es gewesen ist, sie waren ungefähr in unserem Alter, als sie ein Kind adoptierten“, sagte sie. „So um die vierzig. Und wir dachten, wenn die ein Baby adoptieren können, dann können wir das auch. Und so kam Luke zu uns, als er gerade ein Jahr alt war. Es war das Beste, was wir je getan haben.“

Ich lächelte und sagte: „Ich freue mich sehr für Sie, dass Sie Ihren Sohn bekommen haben. Sie müssen sehr stolz auf ihn sein.“

„Oh ja, das sind wir. Und wir vermissen ihn. Seit Weihnachten haben wir ihn nicht mehr gesehen.“

„Erzählt sie Ihnen von Lucas?“, fragte Tom, als er den Wohnwagen betrat.

„Ja“, antwortete ich.

„Er ist der perfekte Sohn.“ Tom ging zur Spüle hinüber, um sich die Hände zu waschen. Er war zu groß für diesen Raum, und er erfüllte den Wohnwagen mit einem Geruch nach Fisch und Schweiß … und einer Spur Alkohol. „Das Einzige, was an ihm nicht perfekt ist, ist, dass er auf der anderen Seite des Landes lebt. Ich wünschte, wir hätten einen Wohnwagen, mit dem wir einfach mal zu ihm runterfahren könnten, um ihn ab und zu mal zu besuchen. Einen Wohnwagen, mit dem man tatsächlich mobil ist.“ Er stemmte die Hände in die Hüften und blickte sich in seinem beengten kleinen Zuhause um. „Dieser Wohnwagen ist schon seit Ewigkeiten aufgebockt, mit dem kann man nicht mehr einfach losziehen.“

„Das wäre wirklich wunderbar.“ Seine Frau klang wehmütig.

„Hast du ihr schon von den Neuigkeiten erzählt?“ Er nickte mir zu, und ich berichtete Verniece von der Pfeifensammlung.

„Sie ist sicherlich ein paar Tausend Dollar wert“, fügte ich hinzu.

Verniece warf ihrem Mann einen Blick zu, den ich nicht deuten konnte. Ich glaubte, Freude in ihren blauen Augen aufleuchten zu sehen.

„Nun, möge Gott deinen Daddy segnen, das ist alles, was ich dazu sagen kann“, meinte sie. „Würde es dir etwas ausmachen, wenn wir die Sammlung verkaufen? Ich weiß, wie er an all diesen Sachen hing, die er gesammelt hat, aber wir haben nicht wirklich Verwendung dafür.“

„Überhaupt nicht.“ Ich lächelte sie an. „Die Pfeifen gehören Ihnen, und Sie können damit machen, was Sie wollen.“

Wir plauderten noch ein Weilchen, und dann ging ich zum Auto zurück. Ich kam mir vor wie der Weihnachtsmann. Kein allzu schlechtes Gefühl.

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