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Der Weg des geringsten Widerstands

Als Buch hier erhältlich:

Wo kommen wir hin, wenn wir kein Ziel haben? Im Sommer 2017 begibt sich Florian Werner alleine auf Wanderschaft. Im Gepäck ein Zelt, ein Schlafsack, keine Landkarte, dafür Mut und Humor – und der Vorsatz, stets den Weg des geringsten Widerstands zu gehen: Wenn der rechte Weg bergauf führt, geht der Wanderer nach links. Wenn der Wind von Westen weht, geht er nach Osten. Auf seiner Reise durch Deutschland trifft Werner allerhand kuriose Zeitgenossen. Er wird von Kühen verfolgt, von Zecken ausgesaugt und beim Zelten fast überfahren. Er meditiert über Kartographie, Ziellosigkeit und die Philosophie des Wanderns. Und er stellt fest: Der Weg des geringsten Widerstands birgt ganz eigene Abenteuer.


  • Erscheinungstag: 23.07.2018
  • Seitenanzahl: 256
  • ISBN/Artikelnummer: 9783312010950

Leseprobe

 

 

0

 

Die Geschichte der Reiseliteratur, ja der westlichen Kultur allgemein ist geprägt von dem steten Drang nach Höherem, Schnellerem, Weiterem. Wir streben notorisch nach Gipfeln, Geschwindigkeitsrekorden, Langstrecken; ja, wir glauben, dass der Weg zu Erfolg und Erlösung notwendigerweise steil, steinig und anstrengend sein müsse. Ganz gleich, ob Odysseus, Reinhold Messner oder Bilbo Beutlin: Alle großen Reisenden der Literaturgeschichte müssen sich erst enormen Strapazen aussetzen, müssen Meeresmonster besiegen, eisige Höhen überwinden oder Düsterwälder durchqueren, bevor sie schließlich glücklich und zufrieden – und idealerweise als verwandelte, bessere Menschen – nach Hause zurückkehren.

Der Pfad des Pilgers, so dekretierte einst der englische Prediger John Bunyan, soll entbehrungsreich und mühselig sein, sonst führt er nicht in den Himmel, sondern schnurstracks ins Verderben. Und auch die Reise des säkularen Menschen verläuft am besten bergauf und durch unwegsames Gelände: Wer es sich allzu bequem macht, gerät schnell in Verdacht, ein Pauschaltourist im eigenen Leben zu sein. Seit der Moderne, so der Philosoph Peter Sloterdijk, stehen wir unter beständiger «Vertikalspannung», gehorchen einem Imperativ zur Selbstverbesserung, der uns emporzerrt, nach immer neuen Sternen greifen lässt: «Wer Menschen sucht, wird Akrobaten finden.»

Im Sommer 2017 beschloss ich, diesen Imperativ, so innig er mir sonst auch vertraut sein mag, einmal außer Acht zu lassen. Statt mit vertikaler Spannung wollte ich es mit zielloser Gelassenheit versuchen. Ich wollte wandern – aber ich wollte nicht alle Dreitausender der Alpen besteigen, die EU-Außengrenze abschreiten oder den Rhein von der Mündung bis zur Quelle stromaufwärts schwimmen, sondern sämtliche Gipfel vermeiden und allen Hindernissen aus dem Weg gehen. Auf gar keinen Fall wollte ich über zurückgelegte Kilometer, Gehgeschwindigkeit, Schrittzahlen oder verbrannte Kalorien Buch führen. Allenfalls wollte ich über das Wandern selbst nachdenken. Kurz: Ich wollte den Weg des geringsten Widerstands gehen.

Natürlich war ich, bei aller Gelassenheit, gespannt: Wohin würde mein Weg mich führen? Wie würde das Gehen mein Schreiben und Denken beeinflussen, welche Assoziationen und Erinnerungen würde es zutage fördern? Wie würde sich, ohne Karte und konkretes Ziel vor Augen, meine Wahrnehmung von Zeit und Raum verändern? Würde mich mein Bruch mit dem Prinzip der Vertikalspannung in eine andere Seinsweise überführen? Was würde mein kaputtes Knie zu alledem sagen, was meine Frau und meine Kinder? Würde ich es überhaupt längere Zeit ohne sie aushalten? Wäre es nicht am widerstandslosesten, einfach zu Hause zu bleiben?

Am Freitag, den 7. Juli, verfasste ich ein kleines Manifest. Meine private Gesetzestafel, meinen persönlichen Dekalog; einen Zehn-Punkte-Plan, den ich bei meiner Wanderung befolgen wollte.

Am Samstag besorgte ich Blasenpflaster, Müsliriegel, Schokolade, suchte ein paar Bücher zur Geschichte und Philosophie des Wanderns zusammen, lieh mir von einem Freund ein leichtes Zelt.

Am Sonntag packte ich meine Sachen.

Am Montag machte ich mich auf den Weg.

 

 

1

 

Was ich am ersten Tag auf dem Weg des geringsten Widerstands gelernt habe

 

1.

Der Weg des geringsten Widerstands ist nicht unbedingt auch der kürzeste.

 

2.

Im Gegenteil.

 

3.

Der Fotoautomat neben dem Kater Blau eignet sich bei Gewitter hervorragend zum Biwakieren.

 

4.

Ein Flaneur trägt keinen Rucksack.

 

5.

Im Zweifelsfall immer dem Wasser nach.

 

6.

Flussüberquerungen sind ein Problem.

 

 

Die ersten Meter sind einfach: zur Wohnungstür hinaus, nach rechts, tripp trapp die Trepp hinab, vier Stockwerke, insgesamt dreiundneunzig Stufen, und dann mit dem Schwung vom letzten Absatz zum Haus hinaus. Vorbei an den Briefkästen, unbesehen – warum sollte ich auch nach der Post schauen, wenn ich ohnehin in den kommenden Wochen nicht dazukommen werde, sie zu beantworten, «ich kann keine Adresse zur Antwort geben», schrieb schon Arthur Rimbaud, «weil ich selbst nicht weiß, wo ich mich demnächst befinden werde und auf welchen Straßen ich dahin gelangen werde, und wo und warum und wie!» Genau.

Aber schon vor der Haustür halte ich inne. Mein Nachbar behauptete am Vortag, unser Haus stehe auf einer Wasserscheide, wir wohnten exakt auf dem Gipfel des Prenzlauer Bergs, nach rechts gehe es bergab nach Weißensee, nach links bergab zum Alexanderplatz (geradeaus ist keine Option, dort verläuft eine vierspurige Straße plus Schienenverkehr). Ich schließe die Augen, konzentriere mich auf das Vestibularorgan in meinem Innenohr – das Gefälle ist in beiden Richtungen kaum der Rede wert, aber mein Gleichgewichtssinn sagt: Die Neigung nach links ist ein wenig stärker.

Also nichts wie weiter, hinab ins Berliner Urstromtal. Der Fernsehturm reckt sich wie ein gigantischer Betonpoller in den Himmel, seine Spitze steckt in griesgrauen Wolken. An der ersten Straßenecke wende ich mich wieder nach links, eine minimale Neigung des Trottoirs gibt den Ausschlag. Ich habe mir heute Morgen in Vorbereitung der Wanderung die Füße pedikürt, die Zehennägel geschnitten und gefeilt, die Hornhaut von Ferse und Ballen geraspelt, zuerst mit der groben Körnung, dann mit dem Feinsandpapier: zum einen wegen des Gehkomforts, vor allem aber für verbesserte Oberflächensensibilität. Keine noch so geringe Unebenheit des Weges soll mir entgehen.

Erstaunliche Erkenntnis: Der Weg ist nicht nur abschüssig, fällt also in Gehrichtung nach vorn ab – er ist auch sachte seitwärts, zur Straße hin geneigt. Eigentlich logisch, korrigiere ich mich: So kann das Regenwasser vom Gehweg zum Rinnstein hin ablaufen. Erstaunlich ist eher die Tatsache, dass mir dieser Neigungswinkel, obwohl ich diesen Weg schon geschätzte zehntausendmal gegangen bin, noch nie zuvor aufgefallen ist.

Vor mir geht eine Frau mittleren Alters, über der Schulter ein Leinenbeutel, er ist mit dem Jugendwort des Jahres 2014 beschriftet: «Läuft bei dir.» Genau, denke ich: Ich gehe, wandere, laufe – noch nie fand ich den Ausdruck passender als heute. Ich spiele kurz mit dem Gedanken, der Frau und ihrem Beutel zu folgen, mir von ihr und diesem Slogan für die folgenden Minuten oder gar Stunden die Richtung vorgeben zu lassen – so wie der amerikanische Installationskünstler Vito Acconci, der 1969 im Rahmen seiner Performance Following Piece einen Monat lang wahllos fremde Fußgänger verfolgte, bis diese einen ihm nicht zugänglichen Ort betraten: I keep following until that person enters a private place (home office etc.) where I can’t get in … Aber erstens würde dieses Prinzip vermutlich in kürzester Zeit mit meinen Regeln für den WdgW kollidieren. Zweitens erscheint mir ein solches Verfolgungsverhalten, gerade für einen Mann, heutzutage anstößig und riskant. Und drittens geht die Frau für meine beschwingte Schrittlänge einfach zu langsam.

Ich überhole sie, gehe zügig weiter in Richtung der nächsten Magistrale, der Greifswalder Straße. Meine größte Befürchtung: Ich könnte in meiner Aufbruchstimmung und meinem arg rustikalen Outfit (Wanderstiefel, Funktionskleidung, Zelt und Isomatte am 80-Liter-Tornister) einem Bekannten begegnen und ihm meine Maskerade erklären müssen. Meine allergrößte Befürchtung: Ich könnte meinem zweijährigen Sohn begegnen, den ich vor wenigen Stunden tränenreich verabschiedet habe und der gerade mit seiner Kitagruppe auf dem Weg zum Spielplatz oder Park ist – der WdgW führt geradewegs auf seine Kindertagesstätte zu. Wahrscheinlich würde ich sofort den Tornister fallen lassen, meinen Sohn schultern und zurück nach Hause laufen.

Wenige Schritte später, ich habe inzwischen die Greifswalder Straße erreicht, sehe ich ein Schild in einem Schaufenster: «Sie nehmen Abschied, wir kümmern uns um den Rest.» Ich bereue es kurz, für die emotionale Bredouille meines Aufbruchs nicht die Dienste dieses Fachgeschäfts in Anspruch genommen zu haben – da sehe ich, dass es sich um ein Bestattungsunternehmen handelt.

An einem Bankautomaten, der mir am Wegesrand seinen Scheinschlitz entgegenstreckt, hebe ich noch eine stille Bargeldreserve ab. Arroganz des Hauptstadtbewohners: die Sorge, außerhalb Berlins an keinem Geldautomaten mehr vorbeizukommen und nirgendwo mit Karte bezahlen zu können. Dabei wird es mutmaßlich noch Tage dauern, bis ich die Stadtgrenzen passiere. Ich deponiere die Scheine im wasserfesten Innenfach meines Rucksacks und stelle erfreut fest, dass ich liquider bin als angenommen: Aus irgendeiner mir nicht präsenten Quelle (ein lange säumiger Schuldner? Ein Reisezuschuss aus der schwarzen Kasse meines Verlags?) muss am Wochenende Phynanz auf mein Konto geflossen sein. Ich rechne nach und stelle fest, dass ich mit geschicktem Verhandeln und gewissenloser Ausschöpfung meines Dispokredits statt zu Wandern vermutlich auch mit dem nächsten Taxi in die Toskana fahren könnte. Oder mich in dem schicken Hotelneubau auf der anderen Straßenseite einquartieren und die kommenden drei Wochen zwischen Wellnessbuffet und Whirlpool verbringen. Oder …

Ich versetze mir zur Maßregelung ein paar Schläge mit dem Teleskopwanderstock gegen den Hinterkopf, verjage die blasphemischen Gedanken. Der WdgW ruft.

 

Kurz vor dem Alexanderplatz kreuzt die Karl-Marx-Allee (ehemals Stalinallee) meinen Weg – eine wie auch immer geartete Straßenneigung ist beim besten Willen nicht mehr auszumachen: Offenbar habe ich hier, an dem großen, nach Osten führenden Prachtboulevard den tiefsten Punkt des Warschau-Berliner Urstromtals erreicht. § 3 Abs. 2 WdgW («Wenn der rechte Weg bergauf führt, gehe nach links») ist damit erst einmal obsolet, ich orientiere mich an minimalen Unebenheiten der Gehwegplatten, aber auch an meinem eigenen Bedürfnis nach Abgeschiedenheit und Ruhe und schlage mich am Haus der Gesundheit, das als einziges Vorkriegsgebäude den Bau der Stalinallee überlebt hat und deshalb in merkwürdig schrägem Winkel zum Straßenverlauf steht, abseits in die Büsche.

Oder besser: in das Dickicht der Plattenbauten. Mehr als 30 000 Menschen leben in diesem Kiez, und ich stelle nach kurzem Überlegen fest: Ich kenne keinen Einzigen von ihnen. Streng genommen kenne ich die ganze Gegend nicht, obwohl ich ein leidenschaftlicher Radfahrer und Spaziergänger bin und vor obskuren Abzweigungen, Abschweifungen und Umwegen sonst nicht zurückschrecke. «Ein ganz und gar neuer Ausblick ist eine große Freude», schreibt der amerikanische Wanderphilosoph Henry David Thoreau in seinem Essay «Vom Wandern», «und ich kann sie jeden Nachmittag erlangen. Ein Spaziergang von zwei oder drei Stunden führt mich in ein Land, das mir so fremd ist, wie es nur irgend sein kann.» Ich stelle perplex fest: Wofür Thoreau im ländlichen Massachusetts zwei bis drei Stunden brauchte, habe ich bereits in dreißig Minuten geschafft. Ich befinde mich in der völligen Fremde.

Auf einem überraschend ruhigen Platz hinter der Plattenbauriege begegne ich der bildschönen Bronzeplastik eines Feldhasen: lebensgroß, die Lauscher neugierig aufgerichtet, die Hinterläufe zum Sprung bereit. Ich werte das als gutes Omen (was könnte es für einen Wanderer Ermutigenderes geben als die Statue eines notorischen Läufers?), wie überhaupt mein Weg bisher ausnehmend glatt verläuft. Ich habe meinen Sohn nicht getroffen, habe Geld im Kontor und hatte bisher wie von Zauberhand eine Grünphase: Jede Ampel, der ich mich näherte, schaltete, auch wenn ich mein Schritttempo konsequent beibehielt, just in dem Moment, als ich den Fuß auf die Fahrbahn setzte, auf Gehen.

Doch kaum beginne ich, mein Glück zu preisen, als es zu regnen beginnt, ach was: Es schüttet, kübelt, kotzt – die migränegrauen Wolken hatten es schon vermuten lassen. Ich lege meine Regenmontur an und lasse mich auf Höhe des Kinos International über die Karl-Marx-Allee schwemmen.

 

 

Berliner Biwakschachtel

 

Eine halbe Stunde später stehe ich an der Holzmarktbrücke vor dem legendären Elektroklub Kater Blau, es ist Montagmittag um halb zwölf, ein paar letzte verstrahlte Gäste wanken gerade ins Freie. Für einen Moment spiele ich mit dem Gedanken, dort einzukehren, mich aufzuwärmen – fühle mich für einen Klubbesuch dann aber doch ein wenig underdressed. Ich suche also stattdessen in dem mobilen Passbildautomaten Zuflucht, der neben dem Eingang zum Kater aufgebaut ist, schließe den verdunkelnden Plastikvorhang, klemme den Rucksack in die hintere, halbwegs trockene Ecke, kauere mich auf den klapprigen Metalldrehstuhl und beginne zu schreiben: Die ersten Meter sind einfach …

Der Regen prasselt auf das Blechdach, die nassen Klamotten müffeln vertraut: Vom Lärm der nahen Holzmarktstraße einmal abgesehen, könnte ich mich auch in einer Bothy in den Highlands oder einer Biwakschachtel in den Alpen befinden. Um meinen Aufenthalt in dem einen halben Quadratmeter großen Kabuff zu rechtfertigen, werfe ich zwei Euro in den Geldschlitz, es blitzt, kurze Zeit später kommt ein schwarzweißer Fotostreifen aus dem Ausgabeschlitz, den Umständen entsprechend sehe ich ganz gut gelaunt und optimistisch aus.

Der Vorteil an den Wassermassen: Wenn ich meine komplette Regenmontur anlege (Regenhose, Regenjacke, den riesigen Rucksackregenüberwurf), wird mein Tornister sofort gefühlt um die Hälfte leichter. Wenn man sein gesamtes Gepäck anziehen könnte, überlege ich, könnte man sich eigentlich den Rucksack sparen: das Zelt als Cape um den Körper geschlungen, die Isomatte um die Beine gewickelt, der Kochtopf als Hut … Mir scheint hier eine Marktlücke zu klaffen, die ein findiges Berliner Start-up-Unternehmen schleunigst schließen sollte.

 

 

Am Anfang

 

Der Nachteil: Der Regen scheint meine innere Wasserwaage erheblich aus dem Gleichgewicht gebracht zu haben. Wie sonst wäre es zu erklären, dass ich, nachdem ich mich eingekleidet und meine Automatenbiwakschachtel verlassen habe, erst einmal eine halbe Stunde lang in grober Missachtung von § 3 Abs. 2 WdgW konsequent bergauf gehe? Sachte, zugegeben, aber doch stetig: Die Spree, die mir zur Rechten, auf der anderen Seite der East Side Gallery, entgegenfließt, ist der Beweis.

Nun, denke ich: Vielleicht ist auch nicht mein fehlerhafter Gleichgewichtssinn schuld, sondern eine unbewusste Sehnsucht nach Einsamkeit, die mich schnellstmöglich in östlicher Richtung aus der Stadt hinausführen will. Im Geiste sah ich mich schon der aufgehenden Sonne entgegen in Richtung Oderbruch marschieren. Ich mahne mich zu mehr Achtsamkeit und vervollständige meinen gestrengen WdgW-Regelkatalog um das

 

Amendment No. 1

Denke niemals über die nächste

Weggabelung hinaus! Vor allem,

wenn du die Umgebung gut kennst.

 

Reumütig kehre ich um und gehe wieder spreeabwärts – dorthin, woher ich gekommen bin.1 Ich mäandere, nun sklavisch jeder noch so kleinen Bodenunebenheit folgend, durch die ehemalige Stralauer Vorstadt, wobei mir der frischgefallene Regen durch seine Fließ- und Sickerrichtung gute Dienste als Wegweiser leistet: immer dem Wasser nach! Im Eingangsbereich eines Edeka-Markts mache ich Rast und lege mich in einen abgewetzten Shiatsu-Sessel, bin aber zu geizig, das für eine elektrische Rückenmassage fällige Kleingeld einzuwerfen. Zwei Stunden und etliche Abwege später stehe ich, leidlich erschöpft und entnervt, wieder vor dem Kater Blau.

Ein schwächerer Charakter würde jetzt bei den herausdiffundierenden Klubkameraden ein paar Substanzen klarmachen, um zumindest die Seele zu massieren … aber nicht ich! Ich marschiere brav weiter, und an der Jannowitzbrücke weiß ich, dass ich alles richtig gemacht habe. Das hier beginnende historische Rolandsufer erfüllt nämlich aufs Vorbildlichste alle Kriterien, die ich an einen WdgW zu stellen habe: Der Boden ist gekiest, schmeichelt nach dem Asphaltgetrapse aufs Angenehmste den Füßen, und er verläuft abseits der Menschenmassen gemächlich flussabwärts.

Zumindest bis zum Mühlendamm – früher, wie der Name verrät, ein Flusswehr mit eingelassenen Wassermühlen, seit 1968 aber eine Spannbetonbrücke mit acht Fahrspuren, um sie zu überqueren, müsste ich eine Treppe besteigen. Eine Treppe von erheblicher brutalistischer Schönheit zwar, aber eben doch eine Treppe. Hinter mir geht es stromaufwärts, links von mir verläuft die Spree, rechts erhebt sich eine unüberwindliche Böschung, geradeaus geht es treppauf: Ich bin gefangen!

Nachdem ich eine Weile ratlos im Kreis herumgetigert bin, ergänze ich mein ehernes, aber offenbar noch nicht hundertprozentig ausgereiftes Regelwerk flugs um einen weiteren Verfassungszusatz, namentlich das

 

Amendment No. 2

Wenn dir von zwei möglichen Wegen beide

Widerstand bieten – wähle jenen, den du noch nicht

gegangen bist (vulgo: Geh nicht zurück)!2

 

Im süßen Bewusstsein, etwas eigentlich Verbotenes, ja Verruchtes zu tun, erklimme ich schnellen Schrittes die Treppe.

Ich wandere weiter, vorbei am erst 1987 wiedererrichteten Nikolaiviertel, dessen campe Kombination aus Plattenbauweise und mittelalterlichen Giebeln und Traufhöhen ich für einen der ganz großen, sträflich unterschätzten Höhepunkte der DDR-Nachkriegsbaukunst halte. Vorbei am halbfertigen Berliner Schloss, dessen albern-nackiger Betonkorpus noch darauf wartet, mit pseudoklassizistischem Zierat zugehängt zu werden. Vorbei am Dom, der nach dem Abriss des Palastes der Republik diesbezüglichen Unkenrufen zum Trotz dann doch nicht im Märkischen Sand versunken ist, vorbei am Monbijoupark, am Hackeschen Markt, am Berliner Ensemble – erst bei der Reichtumsuhr am Schiffbauerdamm bleibe ich stehen.

Auch sie war mir merkwürdigerweise bislang noch nie aufgefallen: Eine erste Zahlenkolonne zeigt, im Sekundentakt aktualisiert, das Nettovermögen der deutschen Privathaushalte an; auf einer weiteren Digitalanzeige sind die Schulden der öffentlichen Haushalte zu sehen; auf einer dritten das Vermögen der reichsten 0,1 Prozent der Bevölkerung. Aktuell beträgt das Nettovermögen der Deutschen etwa elfeinhalb Billionen Euro; das reichste Bevölkerungspromille besitzt davon über zwei Billionen, etwas mehr als die Schulden der öffentlichen Hand. Diese liegen aktuell bei 2 130 268 857 260 Euro, Tendenz fallend: Die Staatsverschuldung sinkt pro Sekunde um etwa 440 Euro. Ich fange an zu rechnen: Wie lange müsste ich hier im Regen stehen bleiben, bis die Schulden im Staatshaushalt getilgt sind? Nach einigem Hin und Her komme ich zu dem Schluss: gesetzt den Fall, die Einnahmen entwickelten sich weiterhin so positiv wie bisher, mehr als 153 Jahre. So lange kann ich nicht warten.

 

Das Spreeufer zwischen Reichstag und Hauptbahnhof ist so ausgestorben wie die Stadtlandschaft in einem dystopischen Science-Fiction-Film, wenn alle Menschen urplötzlich vom Erdboden verschwunden sind – und für einen Moment beschleicht mich der finstere Verdacht, es könnte tatsächlich seit meinem Aufbruch etwas Schreckliches passiert sein: nuklearer Fallout, Zombie-Apokalypse, Streik im öffentlichen Nahverkehr … Ich habe ja schon seit Stunden nicht mehr auf mein Smartphone geschaut! Da sehe ich eine Gruppe von Fahrradtouristen. Keine Mutanten: Alles normal, offenbar liegt es am Wetter.

Grau in grau liegen die trostlosen Hotelneubauklötze zwischen Hauptbahnhof und Spree im Märkischen Sand herum, «ein Quartier, das nicht einmal Prostituierte anzieht», wie die Berliner Zeitung einmal treffend kommentierte. Ich muss, wie vorhin beim Anblick des Berliner Schloss-Neubaus, an die unsterblichen Zeilen des Sängers und Cheflyrikers der Gruppe Die Ärzte Farin Urlaub denken:

 

Dynamit

Wir verschönern unser Innenstadtgebiet

Dynamit

Architekturkritik, die man tatsächlich sieht.

 

Hier am Humboldthafen befand sich einst ein Munitionslager des preußischen Heeres. Vielleicht wäre es an der Zeit, es im Zuge der historischen Stadtrekonstruktion zurück ins Zentrum zu verlegen (und dann leichtfertig mit offenem Licht zu hantieren)?

Leider zeigen sich hier am Hafenbecken auch unerbittlich die Nachteile meines preußisch-rigiden Regelkatalogs: Um auf dem Uferweg bleiben und weiter geradeaus an der Spree wandern zu können, müsste ich eine Rampe erklimmen, was eine Steigung von gut und gern zehn Höhenmetern bedeuten würde. Der ebenmäßig verlaufende Uferweg hingegen – den ich als rechtschaffener Wanderer auf dem WdgW natürlich einschlage – führt mich weitab vom Schuss, erst nach rechts in einem großen Bogen um das Hafenbecken herum, dann durchs Ödland der angrenzenden Baustellen und schließlich, zwischen Absperrgittern hindurch, die mich unangenehm an die enger werdenden Wände aus Franz Kafkas Mäuse-Fabel erinnern («›Du musst nur die Laufrichtung ändern›, sagte die Katze und fraß sie»), in die Gedärme des Berliner Hauptbahnhofs. Ein Blick auf die Bahnhofsuhr: Ich bin seit knapp fünf Stunden unterwegs – und eine fünfzehnminütige Straßenbahnfahrt von zu Hause entfernt.3

 

Ich muss sagen: Einen zwanzig Kilo schweren Rucksack durch Berlin-Mitte zu schleppen, verändert die Perspektive auf die eigene Heimatstadt gewaltig. Selbst der vertrauteste Weg erscheint plötzlich wie eine Abenteuertour. Als ich um drei Uhr nachmittags im Alten Zollpackhof auf ein Helles einkehre und meine nassen Sachen zum Trocknen an der Garderobe aufhänge, fühle ich mich wie bei der Brotzeit auf einer Almhütte.

Der Weg zwischen Lessing- und Hansabrücke – das etwas prosaisch benannte Bundesratufer sowie das anschließende Hansa-Ufer – war mir bisher unbekannt und entpuppt sich als eine der schönsten Uferpromenaden von ganz Berlin. Auf der gegenüberliegenden Seite der Spree erheben sich die grandios modernistischen Gebäude der Internationalen Bauausstellung von 1957, ich schreite beschwingt unter Kastanien und Essigbäumen einher, an denen sich Biber und Spechte zu schaffen machen, und überall haben die Stadtplaner lauschige Ecken mit Parkbänken eingerichtet, die zum Rauschmittelkonsum aufzufordern scheinen. Ein Muster zeichnet sich ab: Auf exakt jeder zweiten Bank sitzt eine Gruppe von drei männlichen Jugendlichen, der ganz links Sitzende baut jeweils einen Joint, die beiden anderen beschäftigen sich derweil mit ihren mobilen elektronischen Endgeräten. Warum ausgerechnet der Linke für die Bautätigkeit zuständig ist, bleibt unklar.

Klar wird mir hingegen, was mich an der Gruppe älterer Damen und Herrschaften, die eben im Zollpackhof am Tisch zu meiner Linken saßen, gleichermaßen irritiert und gerührt hat: Keiner der alten Leutchen benutzte ein Smartphone. Niemand hatte ein Telefon neben dem Bier liegen, niemand checkte während des Essens seine Mails, bekam einen Anruf, eine WhatsApp-Nachricht oder postete nebenher ein Foto von seiner Schweinshaxe. Der Gedanke, dass es solche Runden handyfreier Zusammenkünfte bald nicht mehr geben dürfte, erfüllt mich mit großer Wehmut. Die altehrwürdige Kulturtechnik des stundenlangen, stummen Beisammensitzens und Ins-Bier-Starrens dürfte, von ein paar entlegenen Berghütten ohne Netzempfang einmal abgesehen, im Aussterben begriffen sein.

 

In der Kleingartenkolonie Habsburg, im Schatten eines mächtigen Gaswerks, stoße ich auf den ersten literarischen Höhepunkt meiner Reise. An der Fassade des Vereinshauses erstreckt sich ein meterlanger Schriftzug, in weißer Farbe auf den braunen, tragenden Deckenbalken gepinselt, für mich jetzt schon ein Klassiker der assoziativen Poesie:

 

ERD REICH HIMMEL REICH HIMMEL BLAU

HALLO HANNA DER KAFFEE IST FERTIG UM

DREI GIBT ES BRATHERING UND

BRATKARTOFFELN BESSER IM SITZEN ALS LIEGEN

DAS UNKRAUT JÄTE ICH NICHT SO GERNE

OASE INSEL IN DER GROSS STADT

 

In ungefähr einer Woche, auf meinem Weg durch das Wendland, werden mir noch etliche solcher Spruchbalken begegnen – doch die Inschriften werden allesamt streng protestantisch sein, bei weitem nicht so lebensprall und diesseitsbejahend wie diese. Kaffee und Brathering! Ich sabbere vor Hunger auf den frischgemähten Rasen der Kleingartenkolonie, dann gehe ich hurtig weiter.

Je länger ich unterwegs bin, desto klarer wird mir: Flüsse und Kanäle stellen ein Problem dar. Denn um sie zu überqueren, muss man in der Regel eine Brücke benutzen; und das bedeutet Steigung, und das bedeutet Konflikte mit § 2 Art. 3 WdgW, siehe Brücke am Humboldthafen, siehe oben. Das führt leider dazu, dass ich im wasserstraßenreichen Nordwesten von Berlin eine geschlagene Stunde im Kreis herumlaufe, weil ich andauernd an eine Gewässergrenze stoße, und dann wieder an eine, und dann noch eine: Offensichtlich sind die Kanäle im Wedding von dem niederländischen Zeichner M.C. Escher entworfen worden, wie auf seiner Graphik Wasserfall geht es immer nur im Kreis.

 

 

Heckenweg

 

Irgendwann, nach etlichen Schlaufen, gelingt es mir doch, aus diesem Circulus vitiosus auszubrechen: Ich gelange über eine bemerkenswert flache Brücke nach Westen, in ein bourgeoiseres Viertel. Als ich an einer Spezialtierarztpraxis für erkrankte Zierfische vorbeikomme, schließe ich messerscharf: Ich befinde mich nicht mehr im Arbeiterbezirk Wedding, sondern im schnieken Charlottenburg. Außerdem ist das erstbeste Bordell am Straßenrand nicht als «Thai-Massage» oder Ähnliches annonciert, sondern subtil durch zwei V-förmig nebeneinandermontierte rote Neonröhren gekennzeichnet. (Ich vermute zumindest stark, dass es sich um ein Bordell handelt; vielleicht handelt es sich auch um ein Spezialgeschäft für V-förmig nebeneinandermontierte rote Neonröhren.)

Auch das Charlottenburger Schloss, das ich passiere, könnte als Indiz dafür dienen, in welchem Bezirk ich mich befinde, aber ich würdige es kaum eines Blicks: erstens, weil ich im Lauf der Jahre schon etliche Male hier war, und zweitens, weil es schon wieder in Strömen regnet. Nur vor einem Fachgeschäft für Herrenhemden bleibe ich kurz stehen: Edle Hemden mit flamboyanten Dessins sind ein Modelaster, dem ich nur schwer widerstehen kann – doch schon nach wenigen Sekunden tritt der Inhaber in die Tür, deutet mit schwarzpädagogisch gerecktem Zeigefinger auf ein Schild, das an der Klinke baumelt: CLOSED, und wendet sich dann wieder einem Kunden zu. Enttäuscht, ja eingeschnappt wende ich mich ab.

Erst später wird mir klar, worin mein Fehler bestand: Ich muss in meinem quietschnassen Wanderer-Outfit ausgesehen haben wie ein dahergelaufener Tippelbruder – aber ich verhielt mich, zumindest für zehn selbstvergessene Sekunden, wie ein waschechter Flaneur. «Der Flaneur», schreibt Walter Benjamin, «sucht sich sein Asyl in der Menge (…) Die Menge ist der Schleier, durch den hindurch dem Flaneur die gewohnte Stadt als Phantasmagorie winkt.» Ziellos schweift er umher und saugt die Impressionen der Großstadt in sich auf, ohne dabei notwendigerweise an dem kapitalistischen Treiben teilzunehmen: Er ist ein moderner «Müßiggänger, wie ihn sich Sokrates als Gesprächspartner auf dem athenischen Markte auflas. Nur gibt es keinen Sokrates mehr, und so bleibt er unausgesprochen.»

Nun: Auch mir erscheint die gewohnte Stadt bereits angenehm phantasmagorisch, verseltsamt – doch kann mir die Menge kein Asyl bieten, ich steche in meinem Aufzug optisch zu stark heraus, um unerkannt durch die Straßen zu treiben und unverbindlich die Schaufenster und Auslagen zu betrachten. Und ein Müßiggänger bin ich auch nicht gerade – dazu habe ich, trotz des irreführend widerstandslosen Titels meines Wanderversuchs, heute schon zu viele Kilometer hinter mich gebracht. Das Verhältnis des Flaneurs zur modernen Großstadt ist ambivalent, allenfalls sachte subversiv, wie der französische Wanderphilosoph Frédéric Gros in einer Exegese von Benjamins Flaneurbegriff bemerkt – das Verhältnis des Wanderers zur Stadt und ihren luxuriösen Versuchungen hingegen sollte ein antagonistisches sein: «Der Tramp wie auch der Rucksackwanderer kehren der Zivilisation den Rücken und brechen mit ihr ganz oder zeitweise, wenn sie sich nicht sogar in einem Akt der Verweigerung gänzlich von ihr lossagen.» Die Worte sprechen mir aus dem Herzen: No more flaneuring for me. Es ist höchste Zeit, dass ich Berlin hinter mir lasse.

 

Ich irre weiter vage südwestwärts, durch sprühenden Regen, der untergehenden Sonne entgegen, die hin und wieder durch die Wassermassen linst: ein lauer Wärmeschimmer und Hoffnungsstrahl auf meinem regennassen Gesicht (vgl. § 3 Abs. 4 WdgW). Die Straße, in die ich als Nächstes einbiege, besteht ausschließlich aus Antiquitätengeschäften, ich sehne mich nach einem Quartier für die Nacht, sehe aber keine Pension weit und breit.

Der Teufel auf meiner linken Schulter: «Nimm einfach das Handy raus, schau bei Google Maps nach, starte eine Hotel-App, mach irgendwas – aber lauf nicht länger blöd durch den Regen. Meine Fresse, es ist 2017!»

Der Engel auf meiner rechten Schulter: «Aber … das verstößt doch eindeutig gegen die Zehn Gebote!»

Der Teufel: «Zehn Gebote, Zehn Gebote! Was anderes fällt euch anal-retentiven Protestantenärschen mit eurem normativen …»

Der Engel: «Anal-reten-was? !»

Der Teufel: «In der Schule kein Latein gehabt, wa?»

Der Engel: «Entschuldigen Sie mal, Latein ist mein zweiter Vorname: Angelus Latinus Novus. Und seit wann sind wir per Du?»

Der Teufel: «Seit ich deine Mutter ge-»

Bämm! Zack! Ich entferne die metaphysischen Streithähne mit zwei gezielten Faustschlägen von ihrem Platz auf meiner Schulter, streiche mir das Regenwasser von der Glatze, setze meine vertrauenswürdigste Miene auf und betrete das nächste Antiquitätengeschäft. Aus der Tiefe des Raumes kommt mir die Inhaberin entgegengeeilt, offenbar besorgt um die antiken Gläser und Leuchter, die ich mit meinem überdimensionierten Rucksack abzuräumen im Begriff bin.

Die Inhaberin: «Sie wünschen?»

Ich: «Wissen Sie, ob es hier in der Nähe irgendwo eine Pension gibt?»

Die Inhaberin (schnippisch): «Keine Ahnung. Ich schlafe immer zu Hause.»

Ich (beschämt): «Ich normalerweise ja auch. Aber …»

Die Inhaberin: «Hamm’se keine Hotel-App?»

Ganz klar: Die Dame steht mit dem Teufel, der sich gerade im Rinnstein vor der Tür aufrappelt und den Engel neben sich mit wüsten Flüchen belegt, im Bunde. Ich druckse ein wenig herum, murmle etwas von «technisch unbegabt» und «zu alt für so was» und verlasse im Rückwärtsgang das Etablissement.

 

 

Fenster zum Hof

 

Ich muss an den vor wenigen Monaten verstorbenen niederländischen Konzeptkünstler Stanley Brouwn denken, der sich in den sechziger Jahren von Passanten Wegbeschreibungen zu verschiedenen Orten in Amsterdam aufzeichnen ließ und die Skizzen später als Künstlerbücher veröffentlichte. Heute würde man mit der Bitte nach solchen Beschreibungen nur noch ungläubiges Kopfschütteln ernten. Hinterher könnte man allenfalls eine Liste der abschlägigen Antworten veröffentlichen, die man erhalten hat: Hamm’se kein Smartphone? Hamm’se kein Zuhause? Hamm’se nicht mehr alle Tassen im Schrank? Hamm’ se, hamm’se, hamm’se.

Aber: «Wenn die Not am höchsten, ist die Rettung am nächsten», wie schon Mackie Messer in der Dreigroschenoper weiß: Keine zwei Straßenecken weiter stoße ich auf eine ganze Reihe von Pensionen, sie schießen wie Pilze bei warmem Regenwetter aus dem Boden. Ich entscheide mich für die schäbigste; hinter der Rezeption hängen fünf antikisierende Uhren aus Plastik an der Wand, sie zeigen die aktuelle Zeit in Berlin, London, Moskau, Tokio und New York – aber ich bezweifle, dass jemals Gäste aus London, Tokio oder New York den Weg hierher gefunden haben. Aus Moskau hingegen schon: Die Klitsche wird von einer sagenhaften russischen Wasserstoffperoxidbombe geführt, die sich über meinen Aufzug sowie alles, was ich sage, still zu amüsieren scheint – nur als ich versuche, einen Scherz zu machen, verwandelt sich ihre Mimik in die Totenmaske von Wladimir Iljitsch Lenin.

Mein Zimmer zum Hof hat einen Blick auf die gegenüberliegende Brandwand, der Patina nach zu schließen regierte, als sie zum letzten Mal gestrichen wurde, noch Kaiser Wilhelm II. Eine Studie in historischen Braun- und Ockertönen, für die Mark Rothko seine Palette hergegeben hätte. Ich lege mich ins Bett, schaue aus dem Fenster und sehe zu, wie die Brauntöne allmählich in Schwarz übergehen. Ich verdränge den Gedanken, dass es billiger gewesen wäre, ein Taxi nach Hause zu nehmen, als in dieser Kaschemme abzusteigen: Ich könnte jetzt in meinem Bett liegen, meine Frau neben mir, unser Zweijähriger eingemummelt dazwischen.

Um 23.58 Uhr empfängt mein Telefonino eine Textnachricht von meinem Freund Thomas, er wohnt nur wenige hundert Meter von meiner Wohnung entfernt: Wo ich denn sei? Er könne mich in einer halben Stunde mit dem Auto abholen und mir Übernachtung und Abendessen anbieten. Aber da schlafe ich schon wie ein Stein, der heute geschätzte fünfundzwanzig Kilometer gerollt ist. Viele davon im Kreis.

 

 

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