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Diamond Men - Versuchung pur!

hier erhältlich:

Tess‘ einziger Wunsch? Rache! Diamond Enterprises hat ihren Vater ruiniert und sie will es dem Konzern heimzahlen. Da kommt ihr die Stellenanzeige gerade recht: Als Assistentin des Firmenbosses hätte sie alle Informationen, um den Ruf ihres Vaters wiederherzustellen. Eine Woche lang soll sie nun täglich in einer anderen Abteilung ihr Können unter Beweis stellen - unter Anleitung des jeweiligen Chefs. Doch schon das erste Bewerbungsgespräch mit dem faszinierenden Mr. Monday, der sie in einem Helikopter entführt, lenkt sie gefährlich von ihren Plänen ab. Und auch die anderen charismatischen Männer von Diamond Enterprises sind jeder auf seine Art nahezu unwiderstehlich …


  • Erscheinungstag: 01.12.2017
  • Seitenanzahl: 304
  • ISBN/Artikelnummer: 9783955767648
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Teil 1

Mr. Monday

Ich ließ mich in den weich gepolsterten Ledersessel sinken und nahm schweigend das Ambiente des noblen Empfangsbereichs bei Diamond Enterprises in mich auf. Alles wurde von Marmor, honigfarbenem Holz, dicken Teppichen und gedämpftem Licht beherrscht. Hinter einer Glaswand waren gut verschlossen Klassiker-Erstausgaben ausgestellt. Die gesamte Atmosphäre erinnerte an einen eleganten Salon. Unter normalen Umständen wäre ich der magischen Anziehungskraft dieser Vitrinen gefolgt, um nachzusehen, welche Bücher hier als so kostbar und schützenswert eingestuft wurden.

Heute nicht.

Die Räumlichkeiten strahlten eine Aura von altem Geldadel aus und rochen für meinen Geschmack nach Arroganz und Überheblichkeit. Ich gehörte hier nicht her, aber das würde mich nicht aufhalten. Seit meinem fünfzehnten Lebensjahr, als mein Vater gestorben war, nährte ich meine Rachegelüste. Zwei Jahre davor, da war er erst fünfzig gewesen, hatte er einen alten Karton mit nach Hause gebracht, in dem all seine Büroutensilien verstaut gewesen waren. Und mein Leben sollte von da an in eine andere Richtung verlaufen. Jetzt, da sich endlich eine Gelegenheit für mich ergeben hatte, griff ich zu. Die Leitung von Diamond Enterprises suchte eine Chefsekretärin.

Nachdem ich im Internet auf dieses Jobangebot gestoßen war, hatte ich meine Stelle als Bibliotheksleiterin bei einem internationalen Rohstoffförderunternehmen gekündigt und begonnen, Nachforschungen über Diamond zu betreiben. Wochenlang hatte ich Daten und Fakten zu diesem Unternehmen gelernt, um hundertprozentig vorbereitet zu sein, so als wäre das Vorstellungsgespräch ein lebenswichtiges Examen. In der Bibliothek hatte ich zuvor sämtliche Aufgaben vom Bestellen von Referenzmaterial und der Recherche nach schwer zugänglichen Schriften über Förderrechte bis zur Leitung einer kleinen Mitarbeitergruppe von Archivaren und Wissenschaftlern erledigt.

All das nun hinter mir zu lassen, um die Assistentin von jemandem zu werden, war ein Schritt zurück, eine Vergeudung meiner Ausbildung und der Stipendien, mit denen ich sie finanziert hatte. Aber die Möglichkeit, einen großen Konzern zu Fall zu bringen, eröffnete sich nicht allzu oft … und ich war bereit, dafür alles in meiner Macht Stehende zu tun. Es gab nichts, mit dem sie mich aufhalten konnten. Ich hatte alles herausgesucht, was es über diese Firma zu erfahren gab – zumindest was für die Öffentlichkeit zugänglich war. Das nicht Öffentliche würde ich als Nächstes herausfinden müssen. Und der einzige Weg dahin führte über interne Quellen.

Von meinem Platz aus konnte ich den schicken Flur gut überblicken, der zum geheimnisvollen und sehr gut verborgenen inneren Heiligtum von Diamond führte. Dasselbe Reich, in dem sich mein Vater Charles Raymond einmal bewegt, in dem er zum exklusiven Team der leitenden Manager gehört hatte, bis er gefeuert worden war, zu Unrecht beschuldigt, Firmengelder veruntreut zu haben. Und das hatte ihn – uns – alles gekostet. Sie hatten ihn kurzerhand rausgeschmissen, seine Rente gestrichen und ihn ohne finanzielle Versorgung zurückgelassen, ohne goldenen Fallschirm, der ihn während seines Altersruhestands hätte auffangen können. Der schlechte Ruf hatte ihn verfolgt und bis zu seinem Tod zu einem verbitterten alten Mann gemacht. (Ich wurde geboren, als er vierzig gewesen war, ziemlich spät in seinem Leben, aber noch bevor er in Ungnade gefallen war.)

Ich presste die Lippen zusammen, während ich mich bemühte, meine Wut zu zügeln. Es würde mir nichts nützen. Ruhiges und besonnenes Vorgehen war hier der Schlüssel zum Erfolg. Ich warf einen Blick auf meine Uhr, ein erlesenes Stück, das ich von ganzem Herzen liebte. Dad hatte es meiner Mutter vor fast dreißig Jahren zum Hochzeitstag geschenkt, als sie noch in England gewesen waren. Vorsichtig berührte ich das kleine runde Ziffernblatt, das in exquisit verarbeitetes Platin mit einem Kranz von glitzernden Diamanten eingefasst war. Der Sekundenzeiger tickte und unterstrich die Tatsache, dass ich mal wieder wartete, etwas, das ich inzwischen schon sehr gut konnte.

Zu diesem Vorstellungsgespräch hatte ich mich die obligatorischen fünfzehn Minuten früher eingefunden, und seither war nur wenig Zeit vergangen. Ich schaute auf und bemerkte, wie die junge, elegante Rezeptionistin schnell den Blick abwandte. Da sie angestrengt versuchte, so zu tun, als wäre sie nicht dabei erwischt worden, mich anzustarren, beschloss ich, nicht weiter auf sie zu achten. Es war nicht von Belang. Stattdessen lehnte ich mich zurück, schlug die Beine übereinander und strich vorsichtig mit den Fingern über meine Kate-Spade-Tasche, während ich den langen Flur im Auge behielt. Ich konnte genauso gut die Coole spielen. Obwohl mich der Zeitpunkt dieses Vorstellungsgesprächs schon wunderte. Es war nach sechs Uhr abends.

Doch das war im Grunde alles unwichtig. Es ging ausschließlich um das Ergebnis des Treffens, nämlich den Job zu ergattern.

Ich wollte Mitarbeiterin in dieser Firma werden, und dieses Vorstellungsgespräch war meine einzige Chance. Um einen Fuß in diese Tür zu bekommen, war ich fast zu allem bereit.

Allerdings war ich ein Nervenbündel. So unauffällig wie möglich holte ich tief Luft, um meinen Puls zu beruhigen. Innerlich zitterte ich, ohne dass ich etwas dagegen tun konnte. Wenigstens war es mir nicht anzumerken. Ich wollte mir gar nicht vorstellen, was passieren würde, wenn sie herausfanden, wer ich war. Wahrscheinlich würden sie mich achtkantig hinauswerfen, wie damals meinen Vater.

Mein Rocksaum rutschte ein Stück höher, als ich die Stellung wechselte und das andere Bein überschlug. Jeder hätte mein Kostüm als altmodisch bezeichnet, aber ich liebte Vintage-Kleidung. Mit einem Lächeln blickte ich auf meine Schuhe hinunter. Ein weiterer glücklicher Fund. Das einzig Neue war meine Handtasche. Mein Tick für Taschen geriet langsam außer Kontrolle, mein Konto konnte ein Lied davon singen.

Von dem langen Flur her waren jetzt Geräusche zu hören. Ich blickte nach oben und sah kurz zu Miss Torwächterin, die sich plötzlich sehr intensiv für ihr Aussehen zu interessieren schien und gerade den kleinen Klappspiegel wieder zuschnappen ließ. Ich wühlte in meiner Handtasche, getrieben von dem Wunsch, mich zu vergewissern, dass ich keinen Lippenstift auf den Zähnen hatte. Da hörte ich, wie eine Tür geöffnet und geschlossen wurde, und schaute zum Flur hinüber. Ich schnappte nach Luft, als ich den Mann dort erblickte. Mein Herz begann heftig zu klopfen, und meine Nerven flatterten. Es blieb keine Zeit mehr, um meinen Lippenstift zu überprüfen, also starrte ich den Typen an, der auf uns zukam. Unter seinem maßgeschneiderten Anzug zeichnete sich geballte Muskelkraft ab. Jedes Detail seiner Erscheinung schien sich sofort in mein Hirn einzuprägen.

Er. War. Umwerfend.

Und groß.

Himmel noch mal, seine Anwesenheit schien den ganzen Raum zu dominieren. Ich hielt die Luft an, während ich seine hochkonzentrierten Gesichtszüge betrachtete. Er telefonierte mit dem Handy und zog dabei die starken schwarzen Brauen zusammen, die genauso dunkel waren wie sein kurz geschnittenes Haar. Sein Gang war selbstbewusst. Direkt unter seinem rechten Auge entdeckte ich eine auffallende Narbe. Plötzlich verspürte ich den Drang, mit dem Finger über diesen bösen Striemen auf seinem Wangenknochen zu streichen. Alle möglichen Szenarien, wie er zu einer solchen Verwundung gekommen war, rasten durch mein überaktives Gehirn. Keines davon war sehr beruhigend.

Der Mann betrat die Empfangshalle und ließ sie augenblicklich kleiner wirken. Ich starrte ihn mit hämmerndem Puls an. Führt er das Vorstellungsgespräch? Er sah von seinem Smartphone auf, wandte sich an die Rezeptionistin und sagte etwas zu ihr, das ich nicht verstehen konnte. Ich verkniff mir ein Stirnrunzeln, als die schicke Sekretärin kicherte und mit ihm flirtete. Er lächelte ihr zu und tippte ein paarmal mit den Fingern auf den Empfangstresen – große Hände besaß er auch –, bevor er sich mir zuwandte. Schon stand er vor mir. Ich starrte zu ihm hoch. Einen Moment zögerte ich, bevor ich beschloss aufzustehen. Ich versuchte mich aufzurappeln. Es fühlte sich an, als hätte mich dieser verdammte Sessel eingesaugt. Vorsichtig entwirrte ich meine Beine, um mich so elegant wie möglich zu erheben.

„Ms. Canyon?“, fragte dieser umwerfende dunkelhaarige Typ und hielt mir die Hand hin.

„Ja.“ Ich hob den Kopf, um ihm in die Augen zu sehen. Vor meinem zwanzigsten Lebensjahr hatte ich den Mädchennamen meiner Mutter angenommen. Andernfalls hätte bereits eine kurze Internetrecherche ausgereicht, um all die skandalösen Gerüchte über den angeblichen Betrug meines Vaters an Diamond preisgegeben.

Seine Hand zu ergreifen war das Dümmste, was ich hätte tun können. Die Berührung war elektrisierend, Hitze schoss durch meinen Arm bis hinauf in meine Brust, und mir blieb regelrecht die Luft weg. Schnell warf ich einen Blick auf unsere Finger und erwartete fast, dass dort richtige Funken sprühten. Ich ließ mir von ihm hochhelfen.

„Vielen Dank“, sagte ich ein bisschen zu atemlos und bemühte mich, wieder normal Luft zu holen.

Mit der freien Hand rückte ich den Schultergurt meiner Tasche zurecht und strich mir dann über den Rock, der, wie ich ohne hinzusehen wusste, wieder hochgerutscht war. Der Mann ließ meine Finger los, und ich schloss sie unwillkürlich zu einer Faust, als wollte ich seine Berührung festhalten. Ich schaute ihm in die Augen und wurde fast ohnmächtig, als ich bemerkte, dass er meine Beine musterte. Mir wurde plötzlich bewusst, dass ich immer noch mit der einen Hand über meine Seite strich.

Himmel noch mal, das sah hoffentlich nicht nach einer Anmachgeste aus! Schnell verschränkte ich meine Finger vor dem Körper miteinander. Er blickte auf. Ich war fasziniert von seinen blauen Augen, und wieder einmal konnte ich kaum atmen. Seine Mundwinkel hoben sich fast unmerklich, als er mich anlächelte. Dabei bewegte sich die Narbe auf seiner Wange, und – verdammt noch mal! – anstatt davon abgestoßen zu sein, empfand ich das als den aufregendsten Blick, den mir ein Mann jemals zugeworfen hatte. Ich war vollkommen aus der Fassung geraten und versuchte verzweifelt, es mir nicht anmerken zu lassen. Rasch wandte ich das Gesicht ab, um mich für ein paar kostbare Sekunden auf das Atmen zu konzentrieren.

„Vielen Dank, dass Sie so spät an einem Montagabend hierhergekommen sind. Mir ist klar, dass es eine sehr kurzfristige Einladung zum Vorstellungsgespräch war, und wir wissen es zu schätzen, dass Sie mit dieser ungewöhnlichen Zeit einverstanden waren.“

Er klang selbstbewusst und hatte einen leichten Akzent, den ich aber nicht einordnen konnte.

Es gefiel mir.

Ich nickte ihm zu. „Danke für Ihre Einladung. Ich bin froh, dass wir uns auf einen Termin einigen konnten.“

„Wie gesagt, ich weiß es zu schätzen, dass Sie hier sind. Dann lassen Sie uns mal anfangen.“

„Gern“, erwiderte ich, froh, dass wir nicht den ganzen Abend hier herumstehen und uns anstarren würden.

Er streckte die Hand aus, um mir zu bedeuten voranzugehen. „Bitte schön, Ladies first.“

Ein Schauer lief mir über den Rücken. Mir war, als hätte seine Stimme mich berührt. Nie zuvor hatte ich die Anwesenheit eines Mannes so intensiv gespürt. Ich war mir nicht sicher, ob ich ihn direkt hinter mir wissen wollte. Ich wollte – nein, ich musste – ihn ansehen, doch es sollte nicht sein. Es war mir schleierhaft, wohin es überhaupt ging, also marschierte ich einfach geradeaus, bis er mir die Richtung wies. Dann nahm das Ganze eine merkwürdige Wendung, als er mich durch einen Wirrwarr von Fluren dirigierte, bis wir einen Fahrstuhl erreichten, offensichtlich privat. Er schob eine Karte in den Sensor, und einen Moment später standen wir in der Kabine.

Die Türen glitten zu. Wenn die Anzeige der Etagen nicht gewesen wäre, hätte ich nicht gewusst, ob wir nach oben oder nach unten fuhren.

Wir schwiegen, und ich konzentrierte mich auf die Stockwerknummern. Er stand einen Schritt hinter mir, und ich hatte den Eindruck, als würde seine Anwesenheit die Luft um uns herum verändern. Mit seiner Größe beherrschte er den ultramodernen, aber nicht sehr geräumigen Lift. Als ich zu Boden schaute, sah ich seine Schuhe direkt rechts hinter mir.

Meine Mutter hatte immer gesagt, man könne Personen anhand ihrer Schuhe einschätzen. Seine Schuhe waren äußerst edel. Blank poliert. Schwarz und ziemlich groß. Es war sehr warm im Fahrstuhl – entweder das oder meine Körpertemperatur hatte sich verdreifacht. Wie auch nicht, wenn ein Mann mir so nah war, der eine solch unglaubliche Erotik ausstrahlte? Als sich die Lifttüren öffneten und wir in einen mit Glaswänden versehenen Vorraum traten, stellte ich erstaunt fest, dass wir uns auf dem Dach des Hauses befanden. Ich drehte mich zu dem Mann um.

„Das Dach? Warum …?“

Er drückte auf den Öffner, und die Tür schwang auf. Ein Blatt, das sich unter dem Türpfosten verfangen hatte, flog durch die Luft. Er sah mich an und wartete darauf, dass ich weiterging. War ihm nicht klar, dass wir uns gerade siebzig Etagen über dem Erdboden befanden?

„Sie reden nicht viel, oder?“, fragte ich und krümmte mich innerlich über meinen leicht gereizten Tonfall.

Mr. Umwerfend lächelte. „Ich sage nur was, wenn Worte notwendig sind.“

Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte, deshalb wandte ich ihm mit zusammengekniffenen Augen den Rücken zu. Auch wenn ich ihn nicht sehen konnte, spürte ich seine Anwesenheit mit jeder Faser.

„Ms. Canyon, hier entlang bitte.“

Ein Windstoß fuhr mir durchs Haar. Glücklicherweise hatte ich es kurz geschnitten. Ich vermisste meine langen wallenden Locken, aber ich war gezwungen gewesen, mich zu verändern. Jetzt trug ich eine durchgestufte Frisur und hatte das Haar so tiefschwarz gefärbt, dass es fast bläulich schimmerte. Ich hatte außerdem nicht vergessen, meine Brauen zu färben, und meine Wimpern bedeckte Mascara. Normalerweise war mein Haar feurig rot und hätte mich sofort als die Tochter meines Vaters, dem ich ähnlich sah, verraten. Er hatte mir seine Haarfarbe vererbt, was ich sehr schätzte. Wegen seines wilden leuchtenden Haars hatte Dad den Spitznamen Rooster gehabt. Ich verdrängte schnell diese Gedanken und betrat das Dach.

„Was hat das zu bedeuten? Warum sind wir hier oben?“

Mr. Umwerfend blickte mich an. „Das ist der erste Schritt zu unserem Vorstellungsgespräch.“

Ich runzelte die Stirn und versuchte, mir einen Reim auf seine Worte zu machen.

„Wie, auf dem Dach?“

Dann hörte ich Motorengeräusche und schaute mich suchend um. Zu meiner Überraschung parkte am anderen Ende ein Helikopter auf einem Hubschrauberlandeplatz. Ein Metallsteg führte von dem schmalen Eingang über das Dach und eine Treppe zu dem wartenden Flieger.

„Ich verstehe nicht.“ Zögernd sah ich den Mann an. In einen Hubschrauber zu steigen gehörte nicht zu den Dingen, die ich in meinem Leben noch abhaken wollte. Ich litt unter Höhenangst, und wenn ich es verhindern konnte, flog ich nicht.

„Wie ich sagte: Das ist der erste Schritt. Entweder gehen Sie weiter, oder Sie kehren um und betrachten dieses Vorstellungsgespräch als beendet.“

„Wie bitte? Einfach so? Kein Hubschrauber, kein Gespräch? Das ist aber wirklich unorthodox.“

Vor Angst schnürte sich mir das Herz zusammen. Bis zu dieser Sekunde war meine Strategie ohne Probleme aufgegangen – fast zu problemlos, um wahr zu sein.

Ich biss die Zähne zusammen und wägte die Möglichkeiten ab. Es gab nur zwei. Umdrehen, verschwinden, damit die Gelegenheit zur Rache verspielen, auf die ich all die Jahre hingearbeitet hatte, und es für den Rest meines Lebens bereuen, oder … Ich wandte mich dem Hubschrauber zu. Oder in dieses Ding steigen, Gott weiß wohin fliegen und meine Pläne weiterverfolgen. Der Konzern hatte meinen Vater beschuldigt, sein Ausgabenkonto manipuliert und Firmengeld für eine Geliebte ausgegeben zu haben. Mein Vorhaben war, Einblick in die Buchhaltungsunterlagen und die Ausgaben der leitenden Manager aus dieser Zeit zu bekommen, mit etwas Glück auch in neuere. Ich würde die Dokumente an die Medien weitergeben und beweisen, dass die Leiter der Firma Heuchler waren. Auf keinen Fall hatte mein Vater das getan, was ihm vorgeworfen wurde. Er war von Grund auf ehrlich gewesen, und er hatte meine Mutter vergöttert. Die Behauptung, er hätte eine Affäre gehabt, hatte beide erschüttert. Ich glaube, meine Mutter war nie wirklich darüber hinweggekommen und hatte tatsächlich geglaubt, dass er eine andere Frau unterhalten hatte. Ich dagegen war immer von seiner Unschuld überzeugt gewesen.

Sollte ich nun dem weißen Kaninchen ins Erdloch folgen oder das Abenteuer jetzt beenden? Die Entscheidung war klar. Schon lange vor diesem Moment hatte ich meinen Entschluss gefasst. Ich würde dem Kaninchen folgen. Ich stellte mich vor ihm auf und starrte Mr. Umwerfend direkt in die Augen.

„Sagen Sie, wo es langgeht.“ Ich tat mein Bestes, damit er mir die anwachsende Panik nicht anhörte.

Er lächelte und ließ mich vorbei. Ich stieg auf den Laufsteg. Höhen. O Gott, wie ich die hasste. Ich konnte fühlen, wie mir die Angst in den Nacken kroch und mich fest in den Griff nahm, sodass ich kaum noch Luft bekam. Ich starrte in die Betonschluchten von New York City hinunter, die im abendlichen Zwielicht unschuldig funkelten. Von wegen, absolut nicht unschuldig. Weit davon entfernt.

Während ich den Sog des Abgrunds unter mir spürte, begann ich hektisch zu atmen.

Langsam und sehr vorsichtig setzte ich einen Fuß vor den anderen und hielt dabei die Knie leicht gebeugt. Wie eine Betrunkene, die vor einem Polizisten auf einer Linie balancieren musste.

Siebzig Stockwerke hoch.

Draußen.

Verdammt, das war ein wahr gewordener Albtraum. Wenn ich nur hätte aufwachen können, um alles wieder so vorzufinden, wie es vorher gewesen war. Ich taumelte leicht, und von hinten legte sich eine Hand auf meine Taille.

„Vorsicht, Ma’am.“ Als seine tiefe Stimme direkt an meinem Ohr erklang, zuckte ich zusammen. Ich hatte gar nicht bemerkt, wie nahe er hinter mir war.

In gewisser Weise wirkte seine Gegenwart beruhigend, aber dafür würde ich mich nicht bedanken. Die elektrisierende Berührung seiner Fingerspitzen half mir nicht gerade dabei, besser Luft holen zu können. Die Höhe und dieser Mann. Was für eine schwindelerregende Kombination.

„Versuchen Sie, nicht nach unten zu sehen, dann ist es einfacher.“

„Ich sehe nicht nach unten“, erwiderte ich schnippisch und warf nervös einen weiteren Blick über den Rand des Daches.

Dann stieg ich die letzten Stufen zur Landeplattform hinauf. Mein Rock rutschte wieder ein Stück höher, und ich zerrte am Saum. Ich hätte Hosen anziehen sollen, aber woher sollte ich ahnen, dass wir mit einem Hubschrauber losfliegen?

Ich hatte mir eingeredet, auf alles vorbereitet zu sein, also musste ich mich zusammenreißen. Nachdem ich so weit gekommen war, würde ich keinen Rückzieher machen. Ich wollte unbedingt die Wahrheit herausfinden und den Namen meines Vaters reinwaschen. Oben auf der Plattform zögerte ich.

„Haben Sie Ihre Wahl getroffen?“, fragte er.

Entschlossen steuerte ich auf den Hubschrauber zu … und einem meiner beängstigendsten Erlebnisse bisher. Auf keinen Fall würde ich umkehren und vergessen, dass diese Firma praktisch den Tod meines Vaters zu verantworten hatte. Dass sie ihn gefeuert und unser Leben zugrunde gerichtet hatten. Mein Vater war zu ehrlich, um Firmengelder zu veruntreuen – und dann noch eine Affäre! Er hatte meine Mutter geliebt, und ich konnte mir nicht vorstellen, dass er alles aufs Spiel gesetzt hätte, wofür er so hart gearbeitet hatte. Ich musste dafür sorgen, dass er rehabilitiert wurde und Diamond Enterprises dafür zahlte.

Ich blieb vor der geöffneten Helikoptertür stehen und betrachtete das schnieke Innere. Das hier war kein Touristenhubschrauber – das hier war stilvoll und hatte Klasse. Ich wandte mich um und warf dem Mann hinter mir einen entschlossenen Blick zu.

„Dass ich hier auf dem Dach eines Wolkenkratzers stehe und gleich einen Hubschrauber besteigen werde, der mich an irgendein unbekanntes Ziel bringt, sollte Ihnen zeigen, wie gern ich diesen Job hätte.“

Mr. Umwerfend ging auf mich zu. Mein Herz hüpfte mir in die Kehle, als er meine Ellbogen umfasste. Diese Berührung war genauso elektrisierend wie die anderen davor. Er beugte sich vor, und ich schaute in sein Gesicht, das ich nun zum ersten Mal von so nahe sah. Beim Anblick der eisblauen Augen unter diesen dunklen Brauen, seinen Lippen, voll und einladend, öffnete ich erwartungsvoll den Mund … In Erwartung worauf? Eines Kusses? Ich konnte fast spüren, wie er seine Lippen auf meine presste, meine Knie wurden weich und Schmetterlinge flatterten in meinem Bauch. Unwillkürlich legte ich eine Hand auf seinen Arm. Auf seinen sehr muskulösen Arm. Aber er lehnte sich nicht vor, um mich zu küssen. Ich kam mir dumm vor und war wütend, dass ich auch nur an so etwas gedacht hatte.

„Steigen Sie ein.“

Sein bestimmter Tonfall duldete keine Diskussion. Es kostete mich alle Kraft, seinem Zauber zu widerstehen, den er offensichtlich auf mich ausübte. Seit dem Moment, als ich ihn gesehen hatte, war mir angesichts seiner unwiderstehlichen Anziehungskraft förmlich die Luft weggeblieben, als würde ich auf ein Ereignis warten. Das ließ meine bereits angespannten Nerven noch stärker flattern. Ich richtete mich gerade auf und entwand mich seinem Griff.

„Das kann ich schon.“

Ich drehte mich zur Einstiegsluke um und versuchte, über die Türschwelle zu steigen. Mein enger Rock war die perfekte Wahl für ein Vorstellungsgespräch im Büro gewesen, aber nicht für ein solches unvorhergesehenes Abenteuer. Beim Einsteigen stieß ich mit der Schuhspitze gegen die Schwelle. Das war entwürdigend und machte mich noch fahriger. Dass er mich um die Taille packte und in die Kabine hob, setzte dem Ganzen die Krone auf. Es war mir peinlich, dass ich seine Hilfe benötigte, und es passte mir gar nicht, wie sehr ich seine Berührung genoss.

„Vielen Dank.“

Als ich in der Passagierkabine stand, ließ er mich wieder los, und ich suchte mir einen Sitzplatz. Er sprang herein, als würde er täglich mit dem Hubschrauber unterwegs sein. Vielleicht war es auch so. Sofort spürte ich wieder seine gefährliche und aufregende Ausstrahlung, die den ganzen Raum zu beherrschen schien.

„Hier“, sagte Mr. Umwerfend und reichte mir ein Kopfhörerset; das würde den Motorenlärm dämpfen und uns ermöglichen, während des Flugs miteinander zu sprechen. „Setzen Sie die auf, und schnallen Sie sich an.“

Ich tat, was er sagte, und beobachtete, wie er etwas aus seiner Tasche zog.

„Und jetzt noch das hier.“

Ich sah auf seine Hände und runzelte die Stirn. Um besser erkennen zu können, was er zwischen den Fingern hielt, lehnte ich mich vor.

„Was ist das?“, fragte ich ihn.

„Eine Augenbinde.“

„Wie bitte? Eine Augenbinde? Wofür in aller Welt denn so was?“ Ich starrte ihn an und spürte, wie sich kalter Schweiß auf meiner Stirn bildete.

Er grinste. „Wofür benutzt man so was normalerweise?“

Das war eine Fangfrage. Meine Gedanken waren wieder bei diesem Kaninchenloch, und plötzlich gingen mir Bilder durch den Kopf, wie ich mit verbundenen Augen in einem Bett lag, er über mir, in mir, und wir uns liebten. Ich hätte fast aufgestöhnt. Er war so heiß und sexy, und seit der Sekunde unserer ersten Begegnung reagierte ich mit allen Sinnen auf ihn. Ich schloss kurz die Augen, presste die Schenkel zusammen und versuchte mich zu beherrschen. Es gab nur einen einzigen Grund, warum ich hier war, und Sex stand nicht auf der Liste. Im Stillen verfluchte ich ihn.

„Ich verstehe wirklich nicht, warum Sie mir die Augen verbinden müssen.“

Er setzte sich neben mich. „Das sind die Regeln. Sie sind hier, um sich für einen Job zu bewerben, und das ist eins der Kriterien.“

„So ein Blödsinn.“ Ich fühlte Ärger in mir aufsteigen, was eine willkommene Abwechslung zu meinen Gelüsten war, die ich eben noch hatte, jedoch keinesfalls hilfreich für ein Vorstellungsgespräch. Und zu fluchen half ebenso wenig.

Er lachte, und es hörte sich gut an. „Aber wie auch immer, entweder Sie legen die Augenbinde an, oder Sie steigen wieder aus.“

Worauf zum Teufel hatte ich mich da bloß eingelassen? Ich hatte keinen Notfallplan aufgestellt. Niemand erwartete von mir einen Telefonanruf, um zu erfahren, dass alles okay war. Meine Mutter war in England, was dieses ganze Unternehmen überhaupt erst möglich gemacht hatte. Kein Mensch wusste, dass ich hier war. Meine ehemaligen Mitarbeiter dachten, ich wäre auf einem Trip nach London, um meine Mutter und die Harry-Potter-Studios zu besuchen. Die Verbindungen zu den wenigen Studienfreunden, die ich am College gehabt hatte, bestanden nicht mehr. Während ich mich darauf vorbereitet hatte, diese Firma im übertragenen Sinne in Rauch aufgehen zu lassen, war mir nicht viel Zeit für Freundschaften geblieben. Wenn mir jetzt etwas zustieß, gab es keine Menschenseele, die sich in absehbarer Zeit Sorgen um mich machte. Panik erfasste mich, und ich blickte zur inzwischen geschlossenen Einstiegsluke. Ich könnte gehen, wenn ich das wollte, doch ich brachte es nicht über mich, einfach aufzugeben. Ich betrachtete die Augenbinde. Echt jetzt? Dann presste ich die Lippen zusammen und sah ihn an.

„Geben Sie her.“ Ich streckte die Hand aus. Wie viel mehr Kontrolle über die Situation würde ich abgeben? Es war schlimm genug, dass ich gleich Tausende von Metern hoch in der Luft schweben würde, und jetzt wollte er, dass ich mich ihm endgültig auslieferte.

Er ignorierte meine ausgestreckte Hand. Ich schaute ihm fest in die Augen und weigerte mich wegzusehen. Langsam fragte ich mich, ob er wusste, wer ich war. In diesem Fall wäre es aus mit meinem Plan. Aber wenn nicht, wäre ich einen Schritt weiter auf dem Weg ins Innere des Konzerns.

„Ich übernehme das mit der Augenbinde“, erklärte er und beugte sich vor.

Ich schüttelte den Kopf und wich ihm aus, die Hand immer noch nach dem Stück Stoff ausgestreckt. „Wenn es Ihnen nichts ausmacht, würde ich das gern selbst erledigen.“

„Es macht mir etwas aus. Je eher Sie sich fügen, desto eher können wir losfliegen.“

Ich setzte mich wieder gerade hin, auch wenn ich nicht nachgeben wollte, aber mir war klar, dass mir nichts anderes übrig blieb. Seine Finger fühlten sich warm auf meiner Haut an, als er mir die Augenbinde anlegte. So hatte ich nie zuvor auf einen Mann reagiert. Ich konnte mich kaum ruhig auf meinem Sitz halten, als die Erregung mich wie ein Schock durchfuhr. Der Stoff war weich und seidig, und das aufregendste Männerparfüm, das ich je gerochen hatte, hüllte mich ein. Ich hob die Hand, um die Augenbinde zu betasten. Unwillkürlich zitterte ich, als ich das Material auf meiner Wange erspürte. Leder. Außen war Leder, und das Futter bestand aus Satin. Etwas an dieser Kombination ließ mein Blut pulsieren, und eine erregende Hitze breitete sich zwischen meinen Schenkeln aus.

Dieser Mann bedeutete Ärger.

„Sie zittern ja“, bemerkte er.

Seine sinnliche Stimme schien sich direkt in meinem Kopf zu befinden. In jedem Winkel davon. Füllte mich aus, bis ich ihm vollständig verfallen war. Lenkte mich ab. Und ich ließ es zu … Oh, mein Gott, ich ließ es zu.

Ich wandte mich ihm zu, ohne sein Gesicht sehen zu können, was ich als unglaublich aufregend empfand. „Ich weiß.“ Meine eigene Stimme gehorchte mir nicht, ich brachte nur ein Flüstern zustande.

„Das gefällt mir.“ Sein Atem streifte meinen Hals, warm und einladend.

Verdammter Mist. Dieser Mann verströmte eine unglaubliche Sinnlichkeit. Ich war verwirrt. Wie schaffte er es, mich in solch einen Zustand zu versetzen? Normalerweise ließ ich mich von Männern nicht so leicht beeinflussen, doch bei diesem konnte ich glatt vergessen, aus welchem wichtigen Anlass ich hier war. Das durfte ich nicht zulassen.

Er hatte sich näher zu mir gelehnt, ich fühlte seine Anwesenheit am ganzen Körper. Er erregte meine Sinne. Meine Libido und mein Bewusstsein. Ich war sicher, dass er im Bett umwerfend sein würde. Ob sich diese Möglichkeit jemals ergab? Oh, ich hoffe es sehr.

Ich konnte nicht stillsitzen. In seiner Nähe kam es mir vor, als würde die Luft zwischen uns knistern, und ich wand mich auf dem Sitz, während ich mich bemühte, das brennende Verlangen zu zügeln. Dann drehte ich das Gesicht zum Fenster in der Hoffnung auf einen Luftzug aus der Klimaanlage, der meine erhitzte Haut kühlte, damit ich mich konzentrieren konnte. Ich musste mich zusammenreißen.

War es besser, eine Augenbinde zu tragen, als ihn anschauen zu können? Ich war mir nicht sicher. Ihn nicht zu sehen, aber seine Anwesenheit zu spüren war vermutlich fast so erregend, wie es sein musste, mit ihm im Dunkeln zusammen zu sein. Ich konnte nicht genau einschätzen, wie dicht er neben mir saß. Betrachtete er mich gerade? Ich atmete ein und hatte wieder seinen Duft in der Nase, der sich mit dem vermischte, der von der Augenbinde ausging. Ich war überwältigt. Als der Hubschrauber abhob, zuckte ich zusammen. Er schwenkte zur Seite. Unwillkürlich streckte ich haltsuchend die Arme aus. Ich verlor vollkommen das Gefühl dafür, ob wir uns auf oder ab bewegten, und Panik breitete sich in mir aus. Mir war bewusst, dass ich mich nun in schwindelerregenden Höhen befand, und nichts außer der Wand dieser Blechkiste von einem Hubschrauber war dazwischen.

Mit einer Hand traf ich das Fenster, mit der anderen ihn.

„Ein großes Risiko bringt großen Gewinn“, meinte er. „Entspannen Sie sich einfach. Wir sind bald da.“

Seine Stimme drang durch meine Kopfhörer, und ich überlegte, ob auch der Pilot mit der Anlage verbunden war. Konnten sie beide hören, was ich sagte? Konnten sie mein hektisches Atmen hören? In meinen Ohren klang es wie ein Dröhnen. Ich lehnte mich im Sitz zurück, doch ich wurde nicht lockerer. Während ich so steif dasaß, verspannten sich meine Nackenmuskeln bis in die Schultern.

Nach einigen Minuten, während der Helikopter in einen stetigen Flugmodus wechselte, beruhigte ich mich ein bisschen. Das Ding hüpfte und wackelte nicht in der Luft herum, wie ich erst befürchtet hatte, und ich atmete langsam aus. Alles wird gut. Mir war nicht nach einer Unterhaltung zumute, deshalb empfand ich es als wohltuend, als Musik durch die Kopfhörer kam. Es lullte mich ein. Da ich nichts sehen konnte, war mein Gehör umso aufmerksamer, und ich hätte schwören können, dass ich das Atmen des Mannes neben mir sogar trotz der Musik vernahm. Es war verführerisch. Die Vorstellung von vorhin, wie wir beide uns liebten, veränderte sich, und ich sah vor meinem inneren Auge, wie wir zufrieden nach einer aufregenden Nacht nebeneinanderlagen. Wie wir im Dunkeln eng umschlungen in den Armen des anderen einschliefen. Ich sah mich, wie ich tief einatmete, seinen Duft in mich aufnahm, der mich umgab. Wie ich mir sicher war, diesen niemals zu vergessen und dadurch immer an diese Nacht erinnert zu werden. An ihn erinnert zu werden. An diesen unbekannten, mysteriösen Mann, der meine Welt innerhalb so kurzer Zeit auf den Kopf gestellt hatte.

Ich lehnte den Kopf gegen die Rückenlehne und erlaubte mir, einfach mal nicht nachzudenken. Hinter der Augenbinde schloss ich die Lider, was meine Fantasie noch weiter beflügelte. Ich fragte mich, ob er mich ansah. Sofort schoss Hitze durch meinen Körper. Zitternd atmete ich durch den Mund ein und war sicher, zu hören, wie er zur selben Zeit ebenfalls Luft holte. Vielleicht beobachtete er mich, und diese Vorstellung erregte mich mehr, als ich hätte zugeben wollen. Trotz allem wirkte seine Anwesenheit beruhigend auf mich, und meine Angst ließ ein wenig nach.

Wir saßen schweigend nebeneinander, doch es fühlte sich an, als würden sich unsere Körper unterhalten. Ich öffnete den Mund, um etwas zu sagen, schloss ihn aber wieder, als mir der Pilot einfiel. Dann veränderte sich der Flugrhythmus des Hubschraubers. Er senkte sich, und ich umklammerte meine Knie, während mein Magen gleichzeitig mit dem Helikopter nach unten sackte. Die Landung war allerdings sehr sanft, kurz darauf erstarb das Geräusch der Motoren.

Es schien, als würden wir hier für eine Weile stehen bleiben – wo auch immer hier war. Warum waren sonst die Motoren ausgestellt worden? Ich berührte die Augenbinde und verspürte den Drang, sie abzureißen. Aber ich wartete ab. Ich war überzeugt, dass weitere Anweisungen folgen würden.

„Wir sind da.“

Die Ankündigung war vom Piloten durch die Kopfhörer gekommen.

Als mir das Headset abgenommen wurde, spürte ich, wie die Finger des Mannes über mein Haar strichen und die Haut hinter meinem Ohr streiften. Ein leichter Schauer durchrieselte mich, und meine Brustspitzen richteten sich auf. Glücklicherweise trug ich eine Kostümjacke.

Mit der Binde noch immer vor den Augen legte ich den Kopf schief und horchte. Die Einstiegsluke wurde geöffnet, und ein Strom von Meeresluft drang in die Kabine. Bis jetzt hatte mich alles, was passiert war, ziemlich verblüfft. Warum zum Teufel brachten sie mich ans Meer?

Endlich wurde mir die Augenbinde abgenommen.

Der Mann stieg aus der Luke und streckte mir die Hand entgegen. Ich nahm das Hilfsangebot an, zögerte jedoch und hoffte, dass wir uns nicht wieder auf einem Landeplatz hoch oben in der Luft befanden. Verdammte Höhenangst. Nachdem ich allen Mut zusammengenommen hatte, schaute ich hinaus – und musste erst mal nach Luft schnappen. Wir waren auf dem Erdboden gelandet, doch am Ende des Landeplatzes erhob sich ein eindrucksvolles Haus auf einem Abhang über dem Ozean. Allein bei dem Anblick dieses Gebäudes, das direkt am Rand des Felsens stand, geriet ich leicht ins Taumeln. Dieses Vorstellungsgespräch wurde von Sekunde zu Sekunde merkwürdiger.

„Wo sind wir?“, fragte ich und betrachtete ihn. „Das ist ja unglaublich.“

„Kommen Sie.“ Er umfasste meine Taille und hob mich über die Schwelle.

Ich legte die Hände auf seine Schultern. Langsam ließ er mich herunter. Als sich unsere Blicke trafen, hielt ich den Atem an. Die Zeit schien stillzustehen, bis meine Füße den Boden berührten. Ich hob den Kopf, um ihn anzusehen. Erst da wurde mir klar, dass ich praktisch an seinem Körper heruntergerutscht war und wir immer noch dicht an dicht dastanden, seine Finger auf meinen Hüften, meine auf seinen Schultern. Ich schluckte und trat einen Schritt zurück. Das war gar nicht gut. Ich musste mich unbedingt zusammenreißen und aufhören, ihn so anzuhimmeln. Vor allem weil es sich hier ja um ein Vorstellungsgespräch handelte.

Mit zittrigen Beinen stolperte ich den Steinweg entlang, der zum Haus führte. Als der Mann meinen Ellbogen umfasste, wandte ich mich ihm zu. Er musterte mich mit einer nicht zu deutenden Miene. Es machte mich nicht direkt nervös, aber dennoch fragte ich mich, was in seinem Kopf vorging. Dieser Mann, dem ich eben erst begegnet war, weckte meine Neugier. Ich genoss seine Berührungen; sie hatten etwas Besitzergreifendes, was ich ziemlich aufregend fand. Es war, als wären wir beide wie Magnete, die voneinander angezogen wurden, und es kostete mich all meine Widerstandskraft, um dem nicht nachzugeben. Ja, ich musste mir eingestehen, dass ich mir in seiner Gegenwart sehr weiblich vorkam. Kein Mann vor ihm hatte sich jemals so verhalten, wobei ich aber sowieso eher zu kurzen Affären neigte. Das war weniger zeitaufwendig – und forderte mich emotional nicht. Dieses Gefühl hier war neu, doch ich genoss es.

Im Haus wurde ich zum Arbeitszimmer geführt. Alle Vorhänge waren zugezogen. Der Raum war klassisch möbliert, mit schwerem Holz, und wirkte sehr maskulin. Da ich mich mit Antiquitäten auskannte, war ich über einige Stücke sehr erstaunt. Ich und mein Begleiter waren die Einzigen hier. Mr. Umwerfend tippte auf die Lehne des Stuhls neben dem Schreibtisch, doch ich stellte mich vor eines der breiten, doppelt verglasten Fenster an einer Seite des Zimmers. Sehr alte, aber elegante Vorhänge hingen über den kunstvoll geschnitzten Fenstersimsen. Beim Anblick der Zimmerdecke stockte mir der Atem – sie war so hoch wie in einer Kathedrale. Offensichtlich blieb mir heute ständig die Luft weg.

„Bitte setzen Sie sich.“

Vor allem in seiner Gegenwart.

Ich kam seiner Aufforderung nach und beobachtete, wie er zum Sideboard ging und eine goldfarbene Flüssigkeit in ein Whiskeyglas aus wundervoll geschliffenem Kristall goss.

Er sah mich fragend an. „Eis?“

Ich schüttelte den Kopf. „Nein, nicht nötig.“

Ich konnte mich kaum beherrschen. Es kostete mich alle Kraft, nicht mit tausend Fragen herauszuplatzen. Ich war erschöpft, erregt, verwirrt, und ich brauchte diesen Drink ganz dringend. Alkohol während eines Vorstellungsgesprächs war zwar ein absolutes No-Go, doch ich nahm das Glas trotzdem entgegen. Unsere Finger berührten sich dabei. Ich atmete scharf ein, dann trank ich einen Schluck und genoss das Brennen des Whiskeys in meiner Kehle.

„Es war mir ein Vergnügen.“ Er verbeugte sich vor mir, und bevor ich etwas sagen konnte, war er verschwunden.

Enttäuscht stand ich wieder auf.

„Was zum Teufel …?“ Ich blickte mich um und erstarrte, als plötzlich eine Stimme durch den Raum schallte.

„Ms. Canyon. Ich habe mich schon darauf gefreut, Sie kennenzulernen.“

Die körperlose Stimme, die aus irgendeinem Lautsprecher kam, hörte sich merkwürdig verzerrt an. Wie von einem Besucher aus dem Jenseits.

„Tut mir leid“, erwiderte ich vorsichtig, „ich befinde mich Ihnen gegenüber im Nachteil, Mr. …“

„Sie dürfen mich Mr. King nennen.“ Die Stimme klang leicht amüsiert. „Willkommen in meinem Königreich.“

Ich schwieg. Wie ich von meinem Vater gelernt hatte, war es besser, die andere Person reden zu lassen. Auf diese Weise verriet das Gegenüber unter Umständen mehr über sich und seine Absichten. Also setzte ich mich wortlos hin und bemühte mich nach Kräften, nicht vor Ungeduld zu platzen.

Die Stimme erfüllte den gesamten Raum, und es verunsicherte mich ein wenig. Wie sollte ich mich mit einem Phantom unterhalten? Ich lauschte den Worten und versuchte, keine Miene zu verziehen. Wenn diese Stimme aus einem anderen Raum über Lautsprecher übertragen wurde, konnte ich davon ausgehen, dass sich in diesem Arbeitszimmer ebenfalls eine Kamera befand. Nur mein dringlicher Wunsch nach Rache half mir, mich in Geduld zu üben. Ich war zu weit gekommen, um es jetzt zu vermasseln.

„Ihr Lebenslauf ist sehr eindrucksvoll. Wenn es nicht so wäre, würden Sie ja auch nicht in meinem Arbeitszimmer sitzen. Ihr Studienabschluss und die Jahre, in denen Sie für ein Unternehmen als Bibliothekarin tätig waren, bilden eine gute Grundlage für das, was ich suche. Dass Sie ein altes geologisches Gutachten aufgetrieben haben, das Ihrem ehemaligen Arbeitgeber erlaubte, unerschlossene Erzadern für einen Spottpreis zu ergattern, finde ich ziemlich beachtlich. Mir hat auch die digitale Galerie gefallen, die Sie mit den Fossilien aus dem Montana-Bruch gestaltet haben.“ Er machte eine Pause, und ich fragte mich, ob er mich ködern wollte. Den Gefallen würde ich ihm nicht tun. „Wie auch immer, der Ablauf dieses Vorstellungsgesprächs wird etwas anders sein, als Sie es wahrscheinlich erwarten.“

Nun konnte ich nicht länger den Mund halten. „Was genau wollen Sie damit sagen?“

Ein tiefes Lachen tönte durch den Raum. „Sie sind neugierig. Das gefällt mir. Um die Chance zu erhalten, für diese Stelle in Betracht gezogen zu werden, müssen Sie zustimmen, sich allen Tests zu unterziehen, die wir für Sie vorbereitet haben.“

„Wie kann ich zustimmen, wenn ich keine Ahnung habe, um was für Tests es sich überhaupt handelt?“ Allmählich fand ich diese Spielchen ziemlich frustrierend.

„Es hängt letztendlich davon ab, wie sehr Sie uns vertrauen und wie dringend Sie diesen Job haben wollen. Reicht es, um das Risiko einzugehen?“

„Ich kenne Sie ja nicht einmal.“ Ich würde nicht offenbaren, wie viel ich nicht über diesen Konzern wusste. Doch das, was mir bekannt war, ließ mich innerlich aufschreien, dass Vertrauen das Letzte war, was sie verdienten. Vor allem nach dem, was sie meinem Vater angetan hatten.

Während ich mir bewusst wurde, was er von mir verlangte, schien der Raum immer kleiner zu werden. Mir war klar, dass ich sozusagen den Sprung ins kalte Wasser wagen musste, wenn ich mit diesem Vorstellungsgespräch fortfahren wollte. Ich musste das Risiko eingehen. Es war nicht leicht, sich blindlings darauf einzulassen, ohne dass mir nähere Erklärungen gegeben wurden. Es machte mir Angst – so wie in einen Hubschrauber zu steigen und mir von Mr. Umwerfend die Augen verbinden zu lassen, während ich verzweifelt versuchte, meine Furcht zu verbergen. Deshalb war ich nun hier: um eine weitere Entscheidung zu fällen, die mich entweder meinem Ziel näher brachte oder alle Pläne ruinierte.

Ich lehnte mich in meinem Sessel zurück und verarbeitete die Information.

„Sie sehen skeptisch aus, Ms. Canyon.“

„Ist das verwunderlich? Mussten sich denn alle Bewerberinnen diesen Tests unterziehen? Wenn Sie nach allem, was mir bis heute Abend widerfahren ist, tatsächlich glauben, dass mein Vertrauen nicht erschüttert ist, dann weiß ich auch nicht“, gab ich zurück und schaute mich im Zimmer um, auf der Suche nach dieser verdammten Kamera. Und ja, ich hatte den Tonfall in meiner Stimme selbst bemerkt. Nicht gerade eine übermäßig respektvolle Art, mit dem potenziellen neuen Arbeitgeber zu sprechen.

Ich zitterte leicht, sowohl aus Ärger als auch aus Furcht vor dem, was mich erwartete. Ich war vollkommen aufgelöst, in meinem Inneren herrschte Chaos. Nervös stand ich auf und lief im Raum umher wie ein gefangenes Tier im Käfig, das einen Fluchtweg suchte. Das war die merkwürdigste Situation, in die ich jemals hineingeraten war. Am Anfang war ich sicher gewesen, dass ich dieses Abenteuer mit meiner Bewerbung ins Rollen gebracht hatte, aber nun hatte sich das Blatt gewendet. Doch was bedeutete das? Ich presste die Tasche an meinen Körper, um meine Hände zu beschäftigen. Ich war immer noch ich, und ich hatte eine Wahl. Dem Kaninchen folgen? Oder dem Kaninchen nicht folgen? Es schien, als ob Mr. King mein erneutes Schweigen nichts ausmachte, da er ebenfalls nichts sagte. Wahrscheinlich weil er mich beobachtete. Ich konnte praktisch seinen Blick auf mir spüren. Obwohl ich ihn nicht sehen konnte, wusste ich zweifellos, dass jede meiner Regungen hier in diesem Arbeitszimmer aufgezeichnet wurde. War Mr. Umwerfend bei ihm und betrachtete mich ebenfalls? Oder war Mr. Umwerfend dieser Mr. King? Zum Teufel, was dann? Diese Stimme war zu stark verzerrt, um sie zu identifizieren.

Ich warf einen Blick zum Schreibtisch, auf dem mein Glas stand. Ein letzter Schluck Scotch befand sich noch darin, und Junge, wie sehr ich den jetzt brauchte! Die Stille dehnte sich aus und legte sich schwer über den Raum. Es überraschte mich ein wenig, dass Mr. King schwieg. Er hatte den Eindruck auf mich gemacht, als hörte er sich gern selbst reden. Ich lugte durch den Spalt zwischen den Vorhängen nach draußen. Inzwischen war es stockdunkel, und ich konnte nichts erkennen, aber ich war mir sicher, dass diese Fenster zur Meerseite lagen. Und zu den Klippen. Ich war froh über die Dunkelheit, denn so konnte ich nicht sehen, wie weit wir von den krachenden Wellen da unten entfernt waren. Allein der Gedanke beunruhigte mich. Ich erschauerte, als ich mich daran erinnerte, wie ich beim Aussteigen aus dem Hubschrauber das Haus oben auf dem Felsen entdeckt hatte. Das war alles so gruselig. Jetzt war ich mir sogar fast sicher, unter meinen Füßen die Erschütterungen zu spüren, die von den mächtigen Wogen verursacht wurden, die gegen die Felsen schlugen. Diese Vorstellung gefiel mir schon ganz und gar nicht, doch zusätzlich musste ich mit einem Mal an geheime Höhlen und Tunnel unter dem Gebäude denken. Orte, an denen Leute sehr leicht verloren gehen konnten.

Ich legte eine Handfläche gegen das Fensterglas und versuchte, meine verrückten Fantasien im Zaum zu halten. Das Glas war kühl, und ich atmete ein paarmal tief ein. Wie hatte mir dieses Anwesen bei meinen Recherchen entgehen können? Aber offensichtlich gab es ein paar Dinge, die geheim gehalten wurden, und dieses Haus gehörte dazu.

„Bei Tageslicht ist es ein spektakulärer Ausblick.“ Ich zuckte erschrocken zusammen, als die Stimme wieder durch den Raum donnerte. Dieses Versteckspiel wurde langsam ärgerlich. Es wurde Zeit, dass dieser Typ sich zeigte.

Ich wirbelte herum. „Da bin ich mir sicher. Was ich nach der Landung mit dem Hubschrauber gesehen habe, war eindrucksvoll.“

„Freut mich, dass es Ihnen gefallen hat. Wenn Sie meine Tests bestehen und ich Sie anstelle, können Sie diese Aussicht oft genießen.“

„Wird Ihre persönliche Assistentin dann hier arbeiten? Müsste ich jeden Tag hierherkommen?“

Erneut breitete sich Stille aus. Warum sagte er nichts? Einige Sekunden vergingen, und als es im Lautsprecher knackte, wurde mir bewusst, dass ich ganz flach und leise atmete, während ich auf die Antwort aus dem Jenseits wartete.

„Die Einzelheiten werden Ihnen noch mitgeteilt.“ Er klang müde. Das war trotz der Verfremdung der Stimme zu hören.

Ich schnappte mir mein Glas vom Schreibtisch und leerte es. Ich hätte dringend noch einen Drink gebraucht, aber ich wagte nicht, mir selbst etwas einzugießen.

„Bitte, wenn Sie noch etwas trinken möchten, bedienen Sie sich.“

Er hatte jede meiner Bewegungen verfolgt. Wie ich aus dem Fenster geschaut hatte. Wie ich getrunken hatte. Ich schnaufte und sah mich noch einmal im Raum um. „Mir ist bewusst, dass Sie Kameras installiert haben. Wenn das hier so eine Art Vorsprechen für ‚Big Brother‘ sein soll, dann finde ich es überhaupt nicht komisch.“ Ich ging zum Sideboard und goss mir einen großzügigen Schluck ein. Dabei blieb ich mit dem Rücken zum Raum stehen. Ich hob das Glas, ohne zu trinken. Dann drehte ich mich wieder um und sah mich suchend um. „Ich weiß nicht, ob das fair ist, wenn Sie sich vor mir verstecken.“

„Vieles im Leben ist nicht fair, Ms. Canyon, das kann ich bezeugen.“

„Ich auch.“ Sein Kommentar machte mich wütend. Am liebsten hätte ich ihn angeschrien. Ich biss mir auf die Lippe, denn sonst hätte ich sicher etwas Unangemessenes von mir gegeben und wäre des Lokals verwiesen worden. Das konnte einfach alles nicht wahr sein. Ich hatte Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um hierherzukommen. Die Worte lagen mir auf der Zunge. Wie konnte das Leben zu Mr. King unfair gewesen sein? Hatte er nicht alles? Ein nobles Haus wie das hier, voll mit wertvollen Dingen. Keine Geldprobleme. Und Macht. Eine Macht, die meine Familie aus erster Hand zu spüren bekommen hatte. Ich stellte das Glas auf die Anrichte zurück, der Appetit auf seinen Scotch war mir vergangen.

„Ich bin mir sicher, dass Sie das können, Ms. Canyon. Es bestätigen, meine ich. Die meisten Menschen haben das Gefühl, im Leben benachteiligt zu werden.“

Woher wollte ein so reicher Typ wie er wissen, wie sich so etwas anfühlte? Plötzlich kam mir ein Gedanke, und ein eisiger Schauer lief mir über den Rücken. Ich kniff die Augen zusammen. Das, was er sagte, hörte sich so an, als wüsste er, wer ich war. Wenn das stimmte, ahnte er dann, warum ich hier war? Diese Möglichkeit machte mir Angst. Das würde meine ganze Strategie und die sorgfältige Planung zunichtemachen. Ich atmete tief ein, um mich zu beruhigen und mir nicht anmerken zu lassen, wie entsetzt ich war. Ich musste hier raus. Je schneller ich seinen Vorschlag akzeptierte, desto eher konnte ich gehen und mit diesen albernen Tests beginnen.

„Ich warte immer noch auf Ihre Antwort, Ms. Canyon. Wollen Sie an den Tests teilnehmen?“

Ich stand regungslos im Raum, während in meinem Kopf Aufruhr herrschte, aber das würde ich ihm nicht zeigen. Ich musste stark sein, entschlossen auftreten. Mein Zögern diente nur dazu, das Spiel mitzuspielen. Ihn neugierig darauf zu machen, ob ich seine Bedingungen akzeptierte. Ich wollte diesen Job, daran bestand kein Zweifel. Ich musste mein Verhalten ändern, bevor ich mich selbst disqualifizierte. Ich brauchte Zeit, um herauszufinden, wohin das alles führte. Mit geballter Faust atmete ich tief durch. Dann sollte es so sein. Ich wusste, was ich zu tun hatte. Ich öffnete den Mund, um Mr. King meine Antwort zu geben, doch ich brachte kein Wort heraus.

Ich schluckte und nahm erneut Anlauf. „Ja, ich will diesen Job.“

„Sehr gut. Ich hatte gehofft, dass Sie zustimmen. Wie Sie bei den Tests abschneiden, wird darüber entscheiden, ob Sie für diesen Posten geeignet sind oder nicht.“

„Okay“, erwiderte ich mit fester Stimme.

„Ich weiß, wie viele Sorgen es Ihnen bereitet hat, weil Sie heute Abend hierhergeflogen wurden. Das kann ich verstehen. Aber es war notwendig.“

„Pardon, ich verstehe nicht. Woher wissen Sie, dass ich nicht gern fliege?“

Mr. Umwerfend musste es ihm mitgeteilt haben. Ja, das war es. Das beruhigte mich. Von ihm hatte Mr. King es erfahren. Es war unmöglich, dass sie mich erkannt hatten, selbst wenn sie über meine Flugangst Bescheid wussten. Mir wurde übel, meine Gedanken überschlugen sich. Ich musste mich zusammenreißen! Über die zu erwartenden Konsequenzen wollte ich gar nachdenken, sollte er erfahren, dass ich die Tochter des Mannes war, den er wegen Veruntreuung von Firmengeldern gefeuert hatte. Ich hörte, wie Mr. King seufzte, was ich ungewöhnlich fand, nachdem er das Gespräch so nüchtern geführt hatte. Ich horchte, wartete, dass er etwas sagte, versuchte, sein Schweigen zu interpretieren. Wenn ich nur zwischen den Zeilen lesen könnte. Ich wartete auf den nächsten Zug, wappnete mich.

Dann redete Mr. King weiter. „Auf dem Schreibtisch liegt eine Aktenmappe. Bitte öffnen Sie diese, und unterschreiben Sie die Geheimhaltungsvereinbarung, die sich darin befindet.“

Ich ging zum Schreibtisch und schlug den Hefter auf, breitete die Papiere daraus vor mir aus und überflog sie. Mir blieb nichts anderes übrig, als zu unterzeichnen. Daran führte kein Weg vorbei. Ich nahm den Stift, der an dem Ordner befestigt war, und setzte meinen Namen auf die angegebene Stelle.

„So“, sagte ich in den leeren Raum.

Ein Moment der Stille folgte. Als ich zum Kamin hinüberging, entdeckte ich die Kamera. Ich tippte mit dem Finger darauf, wohl wissend, dass sich Mr. King auf der anderen Seite befand. Mutig blickte ich ins Objektiv. Verdammt sei dieser Typ mit seinen verdrehten Aktionen! Das Schweigen dehnte sich aus.

„Hallo?“

Nichts. Ich schüttelte den Kopf und drehte mich von der Kamera weg. Was nun? Ich war unglaublich gereizt. Mit einem Mal hörte ich ein Geräusch an der Tür hinter mir. Ich wirbelte herum und sah, wie Mr. Umwerfend sie weit öffnete. Er schaute mich an, ohne zu lächeln. Mein Magen machte einen Hüpfer. Ich wollte nicht darüber nachdenken, warum er so ernst war. Dann verschwand er wieder im Flur. Ich blieb wie angewurzelt auf der Stelle stehen.

Als er einen alten Mann im Rollstuhl ins Arbeitszimmer schob, blinzelte ich und trat einen Schritt zurück.

„Mr. King?“, fragte ich.

„Höchstpersönlich, Ms. Canyon“, entgegnete er. Seine Stimme klang ohne die Verzerrung tief und ein bisschen schwach. Er war alt, gebrechlich und nur noch der Schatten eines Mannes, doch ich ahnte, dass er in jüngeren Jahren voller Energie und Kraft gewesen sein musste. Seine Beine, die unter einer schweren Decke verborgen waren, schienen lang zu sein und verrieten, dass er hochgewachsen war. Seine herabhängenden Schultern waren noch immer breit. Er trug eine Wollweste, wie meine Mutter es genannt hätte, mit dickem schwarzem Zopfstrickmuster, die an der Knopfleiste mit hellgelbem Schottenkaro gesäumt war. Sein eingefallenes Gesicht verriet Müdigkeit, doch sein Haar war perfekt frisiert, silbergrau und voll, genauso wie sein kurz geschnittener Vollbart. Dieser Mann vor mir war früher sicher einmal sehr attraktiv gewesen.

Ich ging auf ihn zu und streckte ihm die Hand entgegen. „Guten Abend.“ Das war also der zwielichtige Boss von Diamond Enterprises.

Er gab mir die Hand, deren Haut durchscheinend und von dünnen blauen Venen durchzogen war. Ich bemerkte zahlreiche violett verfärbte Blutergüsse auf dem Handrücken und fragte mich, woher die stammten. Sein Händedruck zeigte noch immer etwas Kraft. Er ließ mich wieder los und betrachtete seine Finger, die leicht zitterten. „Nicht der schönste Anblick, aber das kommt von den Blutverdünnern. Der leichteste Stoß oder Druck, und schon gibt es blaue Flecke.“ Er verbarg die Hände unter der Decke, als wäre es ihm peinlich, und ich verspürte einen Anflug von Mitleid. „Nun, Ms. Canyon, ich kann verstehen, wenn Sie verwirrt sind – es wurde Ihnen ja einiges zugemutet. Aber ich hatte das Gefühl, dass Sie damit umgehen können“, erklärte er.

Er fuhr fort: „Unsere etwas unkonventionellen Methoden, die wir heute angewandt haben, waren wichtig für den ganzen Prozess. Das Vorstellungsgespräch musste außerhalb der Firmengebäude stattfinden, da ich sehr krank bin – todkrank, um es genauer zu sagen. Das wurde bisher nicht öffentlich gemacht. Ich bin sicher, Sie können sich die Auswirkungen vorstellen, wenn es nach außen gelangt, bevor ein neuer CEO fest etabliert ist, der den nahtlosen Führungswechsel garantiert. Ich kann nicht genug betonen, wie wichtig es ist, das hier unter Verschluss zu halten. Sollte trotzdem irgendein Gerücht über meinen Gesundheitszustand hinausdringen, wird die Vorstellungsprozedur sofort abgebrochen. Ich wüsste dann, dass es von Ihnen gekommen ist, und nachdem Sie nun die Geheimhaltungsvereinbarung unterschrieben haben, würde es Konsequenzen nach sich ziehen.“

Seine Eröffnung und die offene Drohung überraschten mich. Es hätte mich nicht wundern sollen, dass er eine Bombe platzen ließ, nachdem er sichergestellt hatte, dass ich die Vereinbarung unterschrieb. Ganz offensichtlich sind Tricks bei Diamond an der Tagesordnung, dachte ich in Erinnerung an die Manipulationen im Zusammenhang mit der Entlassung meines Vaters und angesichts des Theaters, das sie gerade mit mir anstellten. Jetzt ergaben der ungewöhnliche Termin zum Vorstellungsgespräch und der Trip mit dem Hubschrauber natürlich einen Sinn.

Meine Gedanken rasten. Das bestärkte mich nur in meinem Vorhaben, in das innere Heiligtum von Diamond Enterprises zu gelangen – bevor Mr. King starb und mit ihm diese Gelegenheit. Es beschämte mich ein wenig, dass ich mich einzig darum sorgte, was der Tod dieses Mannes für meine Pläne bedeutete. Aber ich dachte daran, wie sehr mich der Zerfall meines Vaters und meine Unfähigkeit, es zu verhindern, erschüttert hatten. Ich war fünfzehn, als Dad starb. Als Kind hatte er mich immer seine Prinzessin genannt, doch nachdem er von Diamond gefeuert worden war, hatte sich unser Verhältnis geändert. Dafür machte ich Mr. King verantwortlich. Vaters Entlassung hatte eine radikale Wende in unserem Leben bewirkt. Meine Mutter und ich hatten hilflos zusehen müssen, wie Dad sich von uns entfernte und der Hass ihn verbittern ließ. Sein Verfall – emotional, körperlich und finanziell – war mehr, als wir hatten ertragen können. Für uns war es eine schreckliche Zeit gewesen, in der ich zu schnell hatte erwachsen werden müssen. Das war die treibende Kraft meiner Rachegelüste. Ich presste die Lippen zusammen. Es war wichtig, dass ich mir ein dickeres Fell zulegte, um meinen lange vorbereiteten Plan zu verwirklichen. Ich durfte kein Mitgefühl für diesen Mann entwickeln, der dafür verantwortlich war, dass ich im Leben mit meinem Vater so viel hatte entbehren müssen. Ich musste Zugang zu diesen Unterlagen bekommen, bevor Mr. King keine persönliche Assistentin mehr benötigte.

„Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll“, meinte ich. „Es tut mir leid.“

„Dazu gibt es nichts zu sagen. Es ist, wie es ist. Ich muss für das Überleben der Firma sorgen, und da kommen Sie ins Spiel.“

„Ich?“ Jetzt war ich völlig verwirrt.

„Ja. Ich brauche eine kluge Person, die meine Sichtweise versteht. Ihre Erfahrungen mit gemeinnützigen Projekten und Ihr Hintergrund als Archivleiterin könnten sich für mich als sehr wertvoll erweisen.“

Ich ertappte mich dabei, wie ich daraufhin nickte, wie um das Ganze zu unterstreichen. Mit angehaltenem Atem wartete ich darauf, dass er weiterredete.

„Ich brauche jemanden, der die Firmenleitung übernimmt“, fügte er hinzu, „jemanden, der das Unternehmen auf eine neue, interessante Ebene bringt. Ich habe mein gesamtes Leben dem Aufbau der Firma gewidmet, und jetzt, wo ich sterben werde, suche ich nach der richtigen Person, die mein Erbe fortführen kann. Ein junger Mensch mit unverbrauchtem Blick und frischen Ideen. Jemand mit genug Erfahrung, um über den Tellerrand zu schauen. Wie auch immer, dies wird kein gewöhnliches Vorstellungsgespräch.“

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