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Die Farbe der Lüge

Tag für Tag sitzt Jay am Krankenbett ihres Exmannes. Nur auf sie reagiert der Schwerverletzte. Doch als er endlich aus dem Koma erwacht und sie zum ersten Mal anblickt, gerät Jays Welt ins Wanken. Denn diese goldenen Augen gehören nicht Steve, sondern einem völlig Fremden! Aber woher kam die Verbundenheit zwischen ihnen, wenn sie wieder und wieder seine Hand gehalten hat? Und wer trachtet ihm nach dem Leben? Der Fremde ist völlig ahnungslos, denn er hat bei dem Anschlag sein Gedächtnis verloren - weshalb Jay einen fatalen Fehler begehen kann: Statt dem Mann zu gestehen, dass sie nicht weiß, wer er ist, schweigt sie. Und die tödliche Gefahr nimmt ungehindert ihren Lauf …


"Linda Howard schreibt unwiderstehlich kraftvoll." Publishers Weekly "Erst im Morgengrauen konnte ich dieses Buch aus der Hand legen. Und es war jede Sekunde wert." www.bellaonline.com

  • Erscheinungstag: 15.03.2016
  • Seitenanzahl: 220
  • ISBN/Artikelnummer: 9783955766047
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Linda Howard

Die Farbe der Lüge

Aus dem Amerikanischen von Christiane Meyer

MIRA® TASCHENBUCH

MIRA® TASCHENBÜCHER

erscheinen in der HarperCollins Germany GmbH,

Valentinskamp 24, 20354 Hamburg

Geschäftsführer: Thomas Beckmann

Copyright dieses ebooks © 2016 by MIRA Taschenbuch
in der HarperCollins Germany GmbH

Titel der nordamerikanischen Originalausgabe:

White Lies

Copyright © 1988 by Linda Howington

erschienen bei: Silhouette Books, Toronto

Published by arrangement with

Harlequin Enterprises II B.V./S.àr.l.

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner gmbh, Köln

Covergestaltung: pecher und soiron, Köln

Titelabbildung: Harlequin Enterprises S.A., Schweiz

ISBN Ebook: 978-3-955-76604-7

www.mira-taschenbuch.de

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1. KAPITEL

Auf einer Liste der schlimmsten Tage ihres Lebens war der heutige vielleicht nicht die Nummer eins, aber er stand mit Sicherheit unter den ersten drei.

Jay Granger hatte sich den ganzen Tag über zusammengerissen – bis ihr Kopf brummte und ihr Magen schmerzte. Nicht einmal während der holprigen Busfahrt nach Hause, auf der sie einige Male umsteigen musste, hatte sie ihre Fassung verloren. Sie hatte sich gezwungen, ruhig zu bleiben, auch wenn der angestaute Frust und der Zorn in ihr immer weiter wuchsen. Mittlerweile fürchtete sie fast, dass sie sich überhaupt nie wieder würde richtig entspannen können, und so wollte sie nur noch eins: nach Hause kommen und die Tür hinter sich zuschlagen.

Schweigend ertrug Jay, dass ihr fremde Menschen im Bus auf die Zehen traten, Ellbogen sich ihr unsanft in die Rippen bohrten und der Geruch nach Schweiß sie fast umbrachte. Während der Heimfahrt fing es zu allem Überfluss auch noch an zu regnen. Es war ein kalter Nieselregen, der sie bis auf die Knochen durchnässte, bevor sie die zwei Häuserblocks bis zu ihrem Apartmenthaus zurückgelegt hatte. Natürlich hatte sie keinen Regenschirm dabei, schließlich war von den Meteorologen ein sonniger Tag versprochen worden. Aber der Himmel war den ganzen Tag wolkenverhangen geblieben.

Endlich hatte sie ihr Apartment erreicht, wo sie vor den Blicken anderer Menschen geschützt war – egal, ob diese nun Mitgefühl oder Spott ausdrückten. Sie war allein – endlich allein. Erleichtert seufzte sie auf und wollte die Tür schon langsam schließen, als sie sie – einem plötzlichen Impuls folgend – stattdessen mit all der Kraft ins Schloss warf, die ihr nach diesem grauenvollen Tag noch geblieben war. Doch auch dieser kleine Wutausbruch konnte ihre Anspannung nicht lösen. Die Zerstörung ihres gesamten Bürogebäudes hätte vielleicht geholfen. Oder Farrell Wordlaw zu erwürgen. Aber das ging natürlich nicht.

Wenn sie an all die Arbeit der letzten fünf Jahre dachte, wollte sie nur noch laut losbrüllen. All die Vierzehn- bis Sechzehnstundentage und die Arbeit, die sie sich am Wochenende mit nach Hause genommen hatte – es war wirklich zum Heulen. Am liebsten hätte Jay irgendetwas an die Wand geworfen. Aber das wäre kein angemessenes Verhalten für eine kompetente Frau, für eine schicke und erfahrene Angestellte einer namhaften Investmentbank. Andererseits wäre es das absolut angemessene Verhalten einer Person, die sich gerade in die Riege der Arbeitslosen eingereiht hatte.

Zum Teufel mit ihnen!

Fünf Jahre lang hatte sie sich für den Job aufgeopfert und die Seiten ihrer Persönlichkeit, die dem Image einer Investmentbankerin nicht zuträglich waren, rigoros unterdrückt. Zuerst tat sie es, weil sie den Job und das Geld brauchte. Doch Jay war kein Mensch für halbe Sachen. Schon bald war sie im erbarmungslosen Konkurrenzkampf gefangen – im ewigen Streben nach Erfolg, nach neuen Triumphen, nach größeren und besseren Geschäftsabschlüssen. Diese Welt war fünf Jahre lang ihr Leben gewesen. Bis zum heutigen Tag – an dem sie entlassen worden war.

Es war nicht so, dass sie keinen Erfolg gehabt hätte. Im Gegenteil, sie war sogar sehr erfolgreich gewesen. Vielleicht zu erfolgreich. Einige Geschäftspartner hatten nicht gern mit ihr zusammengearbeitet, weil sie eine Frau war. Als Jay das erkannt hatte, war sie entschlossen gewesen, noch gradliniger und aggressiver zu sein als jeder ihrer männlichen Kollegen, damit die Klienten sich bei ihr genauso gut aufgehoben fühlten. Aus diesem Grund änderte sie ihre Art zu sprechen und ihre Garderobe. Sie ließ niemals auch nur die Ahnung einer Träne erkennen, kicherte nicht und lernte, Scotch zu trinken, auch wenn sie ihn bis ans Ende ihrer Tage niemals mögen würde. Für diese gnadenlose Selbstkontrolle bezahlte sie mit Kopfschmerzen und ständigem Sodbrennen. Und dennoch hatte sie diese Rolle angenommen, weil sie, trotz des Stresses, die Herausforderung liebte. Es war ein aufregender Job, der mit schnellen Schritten auf der Karriereleiter lockte, und für eine gewisse Zeit war sie bereit, den Preis dafür zu zahlen.

Nun, Farrell Wordlaw hatte diesen Lebensabschnitt für beendet erklärt. Kurz und schmerzlos hatte er ihr mitgeteilt, dass es ihm zwar leidtäte, ihr Stil aber einfach nicht „kompatibel“ mit dem Image von Wordlaw, Wilson & Trusler sei. Trotzdem hätte er ihren Einsatz natürlich immer geschätzt, und er würde ihr selbstverständlich ein hervorragendes Zeugnis mit auf den Weg geben. Darüber hinaus bekam sie noch zwei Wochen, um ihre Angelegenheiten in der Firma zu regeln. Nichts davon änderte etwas an der bitteren Wahrheit – das wusste sie, und er wusste es ebenso. Und die bittere Wahrheit war: Sie musste Platz machen für Duncan Wordlaw, Farrells Sohn, der vor einem Jahr in die Firma eingestiegen war und dessen Arbeitsleistung und Erfolg immer hinter Jays Leistungen zurückgestanden hatten. Mit anderen Worten: Sie ließ den Sohn des Chefs dumm dastehen, und deshalb musste sie gehen. Statt der Beförderung, die sie eigentlich erwartet hatte, bekam sie die Kündigung.

Sie war wütend. So unendlich wütend. Und doch konnte sie ihren Zorn nicht ausleben. Am liebsten wäre sie einfach gegangen und hätte Wordlaw mit den ausstehenden Aufträgen allein gelassen – sollte er doch sehen, wie er ohne sie zurechtkam. Aber die traurige Wahrheit war, dass sie das Gehalt für die letzten zwei Wochen dringend brauchte. Wenn sie nicht umgehend einen neuen, gut bezahlten Job fand, würde sie ihr Apartment verlieren. Sie hatte nie über ihre Verhältnisse gelebt, aber mit dem wachsenden Gehalt war auch ihr Lebensstandard gestiegen, und sie besaß kaum Rücklagen. Jay hatte ganz sicher nicht damit gerechnet, gefeuert zu werden, weil Duncan Wordlaw die Erwartungen seines Vaters nicht erfüllte!

Immer wenn Steve einen Job verloren hatte, hatte er nur mit den Schultern gezuckt und gelacht. Er beruhigte sie dann immer mit den Worten, sie solle sich keine Sorgen machen, denn er würde schon bald etwas anderes finden. Meistens hatte er recht behalten. Jobs waren Steve nie wichtig gewesen. Genauso wenig wie Sicherheit. Jay lachte bitter auf, als sie sich zwei Magentabletten aus der Packung nahm. Steve! Seit Jahren hatte sie nicht mehr an ihn gedacht. Eines war sicher: Sie würde niemals so locker mit ihrer Arbeitslosigkeit umgehen können, wie er es immer getan hatte. Sie wusste eben gern, von was sie ihre nächste Mahlzeit bezahlen würde. Steve hingegen hatte die Aufregung, die Ungewissheit regelrecht genossen. Er brauchte seine Adrenalinstöße mehr, als er sie jemals gebraucht hatte – und das hatte schließlich das Ende ihrer Ehe bedeutet.

Wenigstens wäre Steve nicht derart mit den Nerven am Ende, dachte sie, während sie die pappigen Tabletten kaute und darauf wartete, dass das Brennen in ihrem Magen nachließ. Steve hätte mit den Fingern geschnipst und Farrell Wordlaw gesagt, was er mit seiner zweiwöchigen Kündigungsfrist tun könne. Dann hätte er fröhlich pfeifend das Büro verlassen. Steves Einstellung war möglicherweise unverantwortlich, doch er hätte nie zugelassen, dass ein Job ihn unterkriegte.

Doch das entsprach Steves Persönlichkeit, nicht ihrer. Sie hatten zusammen viel Spaß gehabt, aber am Ende waren die Unterschiede zwischen ihnen größer gewesen als die gegenseitige Anziehungskraft. Sie hatten sich in aller Freundschaft getrennt, obwohl sie enttäuscht und wütend gewesen war. Steve würde wohl niemals erwachsen werden.

Warum dachte sie gerade jetzt an ihn? Weil sie den Begriff „Arbeitslosigkeit“ mit seinem Namen verband? Sie musste lachen, denn genau das war ihr durch den Kopf geschossen. Lächelnd füllte sie Wasser in ein Glas und erhob es zum Toast. „Auf die guten alten Zeiten“, sagte sie. Und sie hatten gemeinsam wirklich gute Zeiten erlebt. Zeiten, in denen sie gelacht und das Leben gefeiert hatten – doch leider waren sie nicht von Dauer gewesen.

Unvermittelt kehrten die Sorgen zurück und verdrängten ihre Gedanken an Steve. Sie musste so schnell wie möglich einen gut bezahlten Job finden. Auf das angekündigte Arbeitszeugnis und die Referenzen von Farrell sollte sie dabei jedoch nicht vertrauen. Sie konnte sich lebhaft vorstellen, wie er in dem Zeugnis ihre Fähigkeiten über den grünen Klee lobte, um dann in Gesprächen mit anderen Investmentbankern New Yorks zu erzählen, dass Jay sich nicht „einfügte“, sich nicht „integrierte“. Vielleicht sollte sie etwas ganz Neues ausprobieren. Aber sie hatte bisher nur im Investmentbanking Erfahrungen gesammelt, und sie hatte nicht die finanziellen Rücklagen, um sich in ein anderes Berufsfeld einzuarbeiten.

Eine plötzliche Welle der Panik überrollte sie, als ihr klar wurde, dass sie dreißig Jahre alt war und nicht wusste, wie es in ihrem Leben weitergehen sollte. Sie wollte nicht für den Rest ihrer Tage gereizt, gehetzt und mithilfe einer Unmenge von Magentabletten Deals mit Klienten abschließen und ihre spärliche Freizeit dann damit verbringen, ihre leeren Akkus durch möglichst viel Ruhe wieder aufzuladen. Im Gegensatz zu Steves Einstellung, ausschließlich im Hier und Jetzt zu leben, hatte sie lieber alles unter Kontrolle. Und dafür hatte sie sämtlichen Spaß aus ihrem Leben verbannt.

Jay hatte gerade die Kühlschranktür geöffnet und mit Abscheu einen Blick auf die Sammlung von Fertiggerichten geworfen, als der Pförtner klingelte. Sie entschloss sich, das Abendessen einfach zu vergessen – etwas, das sie in letzter Zeit häufig getan hatte – und betätigte die Gegensprechanlage. „Ja, Dennis?“

„Mr Payne und Mr McCoy sind hier, um mit Ihnen zu sprechen, Ms Granger“, sagte Dennis sanft. „Vom FBI.“

„Was?“, fragte Jay überrascht. Sie war sich sicher, dass sie sich verhört hatte.

Dennis wiederholte die Nachricht, aber die Worte blieben dieselben.

Sie war vollkommen sprachlos. „Schicken Sie sie herauf“, sagte sie – einfach, weil sie nicht wusste, was sie sonst hätte sagen sollen. FBI? Was um alles in der Welt wollte das FBI von ihr? Wenn es nicht gegen das Gesetz war, die Tür zuzuwerfen, war das Schlimmste, was man ihr vorwerfen konnte, die kleinen Schildchen und Waschanleitungen von ihrer Matratze und den Kissen entfernt zu haben. Aber … wieso eigentlich nicht? Vielleicht stand ihr ja jetzt der perfekt verkorkste Abschluss für diesen vollkommen verkorksten Tag bevor.

Kurz darauf klingelte es an der Tür, und Jay öffnete. Ihre Überraschung war ihrer Miene deutlich anzusehen. Die recht unauffällig gekleideten Herren, die ihr gegenüberstanden, hielten ihr Dienstmarken und Ausweise entgegen.

„Mein Name ist Frank Payne“, begann der ältere der beiden Männer. „Und das ist Gilbert McCoy. Wir würden uns gern mit Ihnen unterhalten, wenn Sie erlauben.“

Jay lud sie mit einer Handbewegung ein, in ihr Apartment zu kommen. „Ich bin im Augenblick ein wenig verwirrt“, gestand sie. „Bitte setzen Sie sich doch. Möchten Sie einen Kaffee?“

Ein erleichtertes Lächeln huschte über Frank Paynes freundliches Gesicht. „Bitte“, sagte er mit tief empfundener Ehrlichkeit. „Es war wirklich ein langer Tag.“

Jay ging in die Küche und stellte die Kaffeemaschine an. Während der Kaffee durchlief, nahm sie sicherheitshalber noch zwei Magentabletten zusätzlich. Dann atmete sie tief durch und ging zurück zu den beiden Beamten, die sich auf ihrem schicken, weichen graublauen Sofa niedergelassen hatten. „Was habe ich angestellt?“, fragte sie lächelnd – doch nur halb im Scherz.

Beide Männer erwiderten ihr Lächeln. „Nichts“, versicherte McCoy. „Wir würden nur gern mit Ihnen über einen alten Bekannten sprechen.“

Sie ließ sich auf einen der passend bezogenen Stühle sinken und seufzte erleichtert. Das brennende Gefühl in ihrem Magen ließ allmählich nach. „Über welchen alten Bekannten?“ Wenn es noch einen Funken Gerechtigkeit auf dieser Welt gab, dann waren die beiden hinter Farrell Wordlaw her.

Frank Payne zog einen kleinen Notizblock aus der Innentasche seines Mantels und schlug ihn auf. Er warf einen Blick auf seine Notizen. „Sind Sie Janet Jean Granger, vormals verheiratet mit Steve Crossfield?“

„Ja.“ Also hatte dieser Besuch etwas mit Steve zu tun. Sie hätte es sich denken können. Trotzdem war sie erstaunt. Es war beinahe so, als hätte sie diese beiden Männer auf den Plan gerufen, weil sie ausnahmsweise an Steve gedacht hatte – etwas, das sie sonst fast nie tat. Er gehörte so wenig zu ihrem jetzigen Leben, dass sie Probleme hatte, sich sein Gesicht und seine Gestalt überhaupt vorzustellen. In welchen Schwierigkeiten hatte er sich mit seiner Sucht nach Abenteuern und immer neuen Herausforderungen wohl dieses Mal gebracht?

„Hat Ihr Exmann irgendwelche Verwandten? Irgendeine Person, die ihm nahesteht?“

Langsam schüttelte Jay den Kopf. „Steve ist ein Waisenkind. Er wuchs in einer Reihe von Pflegefamilien auf, und soweit ich weiß, hat er schon lange keinen Kontakt mehr zu seinen Pflegeeltern. Und was enge Freunde betrifft“, sie zuckte die Schultern, „ich habe seit unserer Scheidung vor fünf Jahren nichts mehr von ihm gesehen oder gehört. Deshalb habe ich keine Ahnung, ob er Freunde hat und wer sie sind.“

Payne runzelte die Stirn und fuhr sich mit der Hand über die tiefen Falten zwischen seinen Augenbrauen. „Können Sie sich an den Zahnarzt erinnern, den er während Ihrer Ehe besucht hat – oder vielleicht einen anderen Arzt?“

Jay blickte ihn an und schüttelte den Kopf. „Nein. Steve war ekelhaft gesund.“

Die beiden Männer sahen sich an, und ihre Blicke verfinsterten sich. McCoy sagte leise: „Verdammt, das wird nicht leicht. Wir laufen von einer Sackgasse in die nächste.“

Paynes Gesicht war von Müdigkeit gezeichnet. Doch da war noch etwas. Er sah Jay besorgt an. „Meinen Sie, der Kaffee ist inzwischen fertig, Ms Granger?“

„Oh Gott, ja, er sollte es zumindest sein. Ich bin gleich zurück.“ Ohne zu wissen, warum, war Jay erschüttert, als sie in die Küche ging, um Tassen, Kaffeesahne und Zucker auf ein Tablett zu stellen. Der Kaffee war durchgelaufen, und sie setzte die Kanne auf dem Tablett ab. Plötzlich hielt sie inne, stand einfach nur an der Anrichte und starrte in den Dampf, der aus der Kanne aufstieg. Steve musste in großen Schwierigkeiten stecken, in wirklich großen Schwierigkeiten, und sie bedauerte es, obwohl sie nichts für ihn tun konnte. Es hatte so kommen müssen. Er war immer auf der Suche nach dem Abenteuer gewesen, und Abenteuer gingen leider nur allzu häufig Hand in Hand mit Gefahren. Es war nur eine Frage der Zeit gewesen, bis er einmal den Kürzeren zog.

Sie trug das Tablett ins Wohnzimmer und stellte es auf dem niedrigen Tisch vor dem Sofa ab. Stirnrunzelnd sah sie die beiden Beamten an. „Was hat Steve angestellt?“

„Nichts Illegales, soweit wir wissen“, erwiderte Payne schnell. „Er war nur verwickelt in eine … heikle Situation.“

Steve hatte nichts Illegales getan, aber das FBI erkundigte sich nach ihm? Jays Blick verdüsterte sich, während sie Kaffee in die drei Tassen goss. „Was für eine ‚heikle Situation‘?“

Als Payne sie unruhig mit seinem Blick fixierte, fiel Jay auf, was für schöne Augen er hatte – klar und voller Gefühl. Freundliche Augen. Nicht gefühlskalt und undurchdringlich, wie sie es bei einem FBI-Agenten erwartet hätte. Er räusperte sich. „Sehr heikel. Wir wissen nicht, warum er überhaupt da war. Aber es ist ungeheuer wichtig, dass wir jemanden finden, der ihn eindeutig identifizieren kann.“

Jay wurde blass, als die Konsequenz dieser leisen und doch so unmissverständlich schrecklichen Worte langsam zu ihr durchdrang. Steve war tot. Obwohl die Liebe, die sie einst für ihn empfunden hatte, schon lange verflogen war, versetzte ihr die Erinnerung an ihre gemeinsame Zeit nun einen schmerzhaften Stich. Sie hatten zusammen so viel Spaß gehabt, er hatte viel gelacht, und seine Augen hatten fröhlich gefunkelt. Es war beinahe, als sei ein Teil ihrer eigenen Kindheit gestorben, nun, da sie wusste, dass Steves Lachen für immer verklungen war. „Er ist tot“, sagte sie dumpf und starrte auf die Kaffeetasse in ihren zitternden Händen.

Payne nahm ihr die Tasse aus der Hand und stellte sie zurück auf das Tablett. „Wir wissen es nicht“, erwiderte er und wirkte beunruhigt. „Es gab eine Explosion. Ein Mann überlebte. Wir glauben, dass es Crossfield ist, aber wir sind nicht sicher, und es ist ungemein wichtig, dass wir es wissen. Ich kann Ihnen im Moment nicht mehr sagen.“

Es war ein langer furchtbarer Tag gewesen, und es wurde nicht besser. Sie legte ihre zitternden Hände an ihre Schläfen und versuchte zu begreifen, was Payne ihr gerade gesagt hatte. „Hatte er denn keinen Ausweis bei sich?“

„Nein“, erwiderte Payne.

„Woher wollen Sie dann wissen, dass es sich bei dem Mann um Steve handelt?“

„Wir wissen, dass er vor Ort war. Ein Stück seines Führerscheins wurde gefunden.“

„Warum können Sie nicht einfach einen Blick auf ihn werfen? Dann wissen Sie doch, wer er ist“, stieß sie hervor. „Oder warum können Sie nicht die anderen identifizieren und dann per Ausschlussverfahren herausfinden, wer der Mann tatsächlich ist?“

McCoy senkte den Blick. Paynes Augen wirkten mit einem Mal kühl und finster. „Es gab nichts, was man hätte identifizieren können. Rein gar nichts.“

Sie wollte nichts mehr davon hören, wollte nichts über die furchtbaren Details wissen, obwohl sie sich denken konnte, was für ein Blutbad es gewesen sein musste. Ihr war kalt und sie war so unendlich müde. Es fühlte sich an, als habe ihr Herz einen Augenblick lang aufgehört zu schlagen. „Steve?“, fragte sie schwach.

„Der Mann, der die Explosion überlebte, ist in einer kritischen Verfassung, doch die Ärzte sind, wie sie sagen, ‚verhalten optimistisch‘. Er kann es schaffen. Noch vor zwei Tagen waren die Ärzte sich sicher, dass er die Nacht nicht überleben würde.“

„Warum ist es so wichtig, dass Sie jetzt wissen, wer er ist? Falls er überlebt, können Sie ihn doch fragen. Falls er stirbt …“ Sie verstummte. Sie konnte die Worte nicht aussprechen, sondern nur denken: Falls er starb, war doch sowieso alles egal. Es würde dann keine Überlebenden der Explosion geben, und das FBI könnte die Akten schließen.

„Ich kann Ihnen nur sagen, dass wir wissen müssen, wer der Mann ist. Wir müssen wissen, wer bei der Explosion umkam, damit wir alle notwendigen Schritte in die Wege leiten können. – Ms Granger, ich kann Ihnen nur so viel sagen: Meine Dienststelle ist nicht direkt in den Fall involviert. Wir kooperieren lediglich mit anderen Abteilungen, da dieser besondere Fall die nationale Sicherheit betrifft.“

Plötzlich wusste Jay, was diese Männer von ihr wollten. Sie hätten sich sicherlich damit zufriedengegeben, wenn sie ihnen mit zahnärztlichen oder ärztlichen Berichten über Steve weitergeholfen hätte – doch das war nicht ihr primäres Ziel. Sie wollten, dass sie mit ihnen kam, um den verletzten Mann persönlich als Steve zu identifizieren.

„Können Sie denn nicht herausfinden, ob der Mann auf die Beschreibung eines Ihrer eigenen Männer passt?“, fragte sie tonlos. „Es gibt doch sicher Körpermaße, Fingerabdrücke oder so etwas.“

Sie hielt den Kopf gesenkt, und so konnte sie nicht sehen, wie Paynes Blick flackerte. Abermals räusperte er sich. „Ihr Mann – Exmann – und unser Mann sind in etwa gleich groß. Fingerabdrücke können nicht genommen werden … seine Hände sind verbrannt. Aber Sie wissen mehr über ihn als jeder andere. Es könnte doch ein Merkmal geben, an dem Sie ihn wiedererkennen können, zum Beispiel ein kleines Muttermal oder eine Narbe, an die Sie sich erinnern.“

Die Situation verwirrte sie immer mehr. Sie konnte nicht glauben, dass das FBI keine Möglichkeit haben sollte, einen Mann aus den eigenen Reihen zu identifizieren. Es sei denn, der Mann wäre furchtbar verstümmelt … Zitternd verbot sie sich, diesen Gedankengang zu Ende zu führen, verbot sich, sich das Grauen bildhaft vorzustellen. Was, wenn der Mann Steve war? Sie hasste ihn nicht, hatte ihn nie gehasst. Er war ein Schuft, aber er war nie böse oder gemein gewesen. Sogar nachdem sie aufgehört hatte, ihn zu lieben, mochte sie ihn auf eine bestimmte Art und Weise immer noch gern.

„Sie wollen, dass ich mit Ihnen komme“, sagte sie tonlos. Ihre Worte waren mehr eine Feststellung als eine Frage.

„Bitte“, erwiderte Payne leise.

Eigentlich wollte sie nicht mitgehen, aber sie hatte das Gefühl, dass es ihre Pflicht dem Vaterland gegenüber war. „Also gut. Ich hole meinen Mantel. – Wo ist er?“

Wieder räusperte Payne sich, und Jay hielt unwillkürlich inne. Sie hatte mittlerweile erkannt, dass er sich immer räusperte, wenn er ihr etwas Unangenehmes oder Unschönes sagen musste. „Er ist im Bethesda Naval Hospital in D. C. Sie müssten ein paar Kleinigkeiten in einen Koffer packen. Am Kennedy Airport wartet eine Privatmaschine auf uns.“

Die Dinge entwickelten sich viel zu rasant, als dass Jay hätte begreifen können, was gerade geschah. Sie hatte das Gefühl, einfach den Weg des geringsten Widerstandes gehen zu müssen. An diesem Tag war schon zu viel geschehen. Zuerst hatte sie ihren Job verloren, was an sich schon ein schwerer Schlag war – und nun das. Die Sicherheit, die sie sich so hart erarbeitet hatte, war in den paar Minuten in Farrell Wordlaws Büro wie ein Kartenhäuschen zusammengebrochen. Zurückgeblieben war eine völlig hilflose Jay Granger, die das Gefühl hatte, der Boden würde ihr unter den Füßen weggezogen. In den letzten fünf Jahren war ihr Leben vergleichsweise ruhig gewesen. Wie hatte all das so schnell geschehen können?

Wie betäubt packte sie zwei Kleider ein und ging ins Badezimmer, um ein paar Sachen zusammenzusuchen. Als sie alles in eine kleine durchsichtige Reißverschlusstasche gepackt hatte und beiläufig in den Spiegel sah, erschrak sie über ihren eigenen Anblick. Sie sah so bleich, so angespannt und ausgezehrt aus. Ungesund dünn. Ihre Augen lagen tief in ihren Höhlen und ihre Wangenknochen traten hervor – ein Ergebnis der langen Arbeitstage und der zahllosen Magentabletten.

Sobald sie zurückkehren würde, müsste sie die letzten zwei Wochen in der Firma abarbeiten und gleichzeitig beginnen, sich einen Job zu suchen, was die Chance auf regelmäßige Mahlzeiten nicht gerade erhöhte.

Mit einem Mal schämte sie sich. Wie konnte sie sich über ihren Job Gedanken machen, wenn Steve – oder wer auch immer – in einem Krankenhausbett lag und um sein Leben kämpfte? Steve hatte ihr immer gesagt, dass sie sich viel zu viele Sorgen machte, dass sie verlernt hätte, den Moment zu genießen, weil sie ständig an morgen dachte. Vielleicht hatte er recht.

Steve! Tränen schimmerten in ihren Augen, als sie das Kosmetiktäschchen in ihren kleinen Koffer legte. Sie hoffte, er würde durchkommen.

Im letzten Moment fiel ihr ein, frische Unterwäsche einzupacken – wo war sie bloß mit ihren Gedanken? –, schloss schließlich den Koffer und griff nach ihrer Handtasche. „Ich bin so weit“, sagte sie, als sie aus dem Schlafzimmer trat.

Mit einem dankbaren Lächeln registrierte sie, dass einer der Männer das Tablett mit dem Kaffee in die Küche getragen hatte. McCoy nahm ihr den Koffer ab, und sie schlüpfte in ihren Mantel, den sie aus dem Schrank geholt hatte. Wortlos half Payne ihr dabei. Sie sah sich noch einmal um, um sicherzugehen, dass alle Lichter ausgeschaltet waren. Dann traten die drei in den Flur hinaus. Sie schloss die Tür hinter sich und fragte sich, warum es sich so anfühlte, als würde sie nie mehr hierher zurückkehren …

Im Flugzeug schlief sie ermattet ein. Eigentlich wollte sie gar nicht schlafen, doch als sie in der Luft waren und sie es sich in den komfortablen Ledersitzen bequem gemacht hatte, fielen ihr auch schon die Augen zu. Sie bemerkte nicht einmal, wie Payne sie in eine dünne Decke einhüllte.

Payne saß ihr gegenüber und betrachtete sie nachdenklich. Er fühlte sich nicht wohl bei dem, was er tun musste. Er zog eine unschuldige Frau in diesen Schlamassel hinein. Nicht einmal McCoy ahnte, wie gefährlich und verworren die Lage tatsächlich war, und wie kompliziert sich die ganze Situation entwickelt hatte. McCoy wusste genauso viel wie Jay Granger: Es schien um eine simple Identifikation zu gehen. Lediglich zwei weitere Männer außer Payne wussten, dass es nicht so einfach war. Vielleicht sogar nur ein einziger weiterer Mann – doch diese Person besaß Macht. Wenn er etwas anordnete, dann geschah es auch so. Payne kannte ihn seit Jahren, aber dennoch fühlte er sich unbehaglich in seiner Gegenwart.

Sie sah müde aus und seltsam zerbrechlich. Sie war viel zu dünn. Er schätzte sie auf ungefähr einen Meter siebzig, bezweifelte aber, dass sie mehr als fünfzig Kilo wog, und auch für sie selbst schien dieses Untergewicht alles andere als normal zu sein. Er fragte sich, ob sie überhaupt stark genug war, um in dieser Angelegenheit als Schutzschild benutzt zu werden.

Bestimmt war sie hübsch, wenn sie ausgeruht war und etwas mehr Fleisch auf den Rippen hatte. Ihr Haar war schön, honigbraun, dick und glänzend, und ihre Augen waren dunkelblau. Aber im Augenblick wirkte sie einfach nur erschöpft. Offenbar war es auch für sie kein einfacher Tag gewesen.

Sie hatte einige Fragen gestellt, die ihm unbequem waren. Wäre sie selbst nicht so durcheinander gewesen, hätte sie ihn mit Sicherheit festnageln können. Sie hätte Themen aufbringen können, über die er nicht sprechen wollte, hätte Fragen stellen können, die er in Gegenwart von McCoy nicht unbedingt diskutieren konnte. Für den Plan war es wichtig, dass alles unbesehen geglaubt wurde. Es durften keine Zweifel aufkommen.

Der Flug von New York nach Bethesda war kurz, aber das Nickerchen hatte Jay erfrischt und ihr ein wenig das Gefühl innerer Ausgeglichenheit zurückgegeben. Doch je aufmerksamer sie sich fühlte, umso unwirklicher erschien ihr die ganze Situation. Sie warf einen Blick auf die Uhr, als Payne und McCoy sie nach ihrer Landung auf dem Washington National Airport zu einem Wagen der Regierung geleiteten, der auf dem Rollfeld wartete. Sie war erstaunt, zu sehen, dass es erst neun Uhr war. Es waren erst wenige Stunden vergangen, und doch hatte sich ihr Leben komplett verändert.

„Warum Bethesda und kein normales Krankenhaus?“, fragte sie Payne, während der Wagen die Straße entlangfuhr. Der Motor schnurrte. Ein paar Schneeflocken sanken sacht zu Boden, wie Blumenblätter in einer leichten Brise. Jay betrachtete die zarten Flocken und fragte sich versonnen, ob ein früher Winterschneesturm sie daran hindern würde, wieder nach Hause zu fliegen.

„Aus Sicherheitsgründen.“ Payne sprach so leise, dass sie ihn kaum verstehen konnte. „Machen Sie sich keine Sorgen. Die besten Trauma-Experten sind eingeflogen worden, um sich um ihn zu kümmern – Zivil- und Militärärzte. Wir tun für Ihren Ehemann alles, was in unserer Macht steht.“

„Exmann“, erwiderte Jay schwach.

„Ja. Entschuldigung.“

Als sie auf die Wisconsin Avenue bogen, die zum Naval Medical Center führte, wurde der Schneefall heftiger. Payne war erleichtert, dass die Frau seine Erklärung nicht weiter hinterfragte. Sicher, er hatte ihr die Wahrheit gesagt. Aus Sicherheitsgründen lag der Mann im Bethesda Hospital. Es war eben nur nicht der einzige Grund. Er beobachtete die Schneeflocken, die zu Boden fielen und fragte sich, ob all diese losen Enden zu einem glaubhaften Ganzen verwoben werden konnten.

Als sie das Krankenhaus erreichten, stiegen nur Payne und Jay aus. McCoy nickte ihr zum Abschied kurz zu und fuhr davon. Schneeflocken fielen auf ihr Haar, während Payne ihren Ellbogen ergriff und mit ihr gemeinsam ins Krankenhaus eilte. Die wohlige Wärme, die ihnen im Eingang entgegenschlug, brachte den Schnee auf ihren Köpfen und Mänteln schnell zum Schmelzen. Niemand schien ihnen besondere Aufmerksamkeit zu schenken, als sie den Aufzug nach oben nahmen.

Die Türen des Fahrstuhls glitten auf. Payne und Jay traten in einen ruhigen Flur. „Das ist die Intensivstation“, erklärte Payne. „Sein Zimmer liegt dort.“

Sie wandten sich nach links, wo ernst dreinblickende junge Männer in Uniform eine Doppeltür bewachten. Beide Männer trugen Pistolen. Payne schien ihnen bekannt zu sein, denn eine der Wachen öffnete ihnen wortlos die Tür. „Danke“, sagte Payne höflich im Vorübergehen.

Bis auf die Krankenschwestern, die geschäftig hin und her liefen, um regelmäßig nach den Patienten zu sehen, wirkte die Intensivstation relativ verlassen. Jay nahm ein leises Summen wahr, das jeden Winkel der Räume zu durchdringen schien – das Geräusch der Maschinen, die die Patienten am Leben erhielten oder sie bei ihrer Genesung unterstützten. Zum ersten Mal wurde ihr bewusst, dass Steve an eine oder mehrere von diesen Maschinen angeschlossen war, unfähig, sich zu bewegen. Jays Schritte wurden langsamer. Es war schwierig, das zu begreifen und zu akzeptieren.

Payne hielt immer noch ihren Ellbogen umfasst und gab ihr so ein Gefühl von Halt. Vor einer Tür blieb er stehen und wandte sich zu Jay um. In seinen klaren grauen Augen konnte sie seine Besorgnis erkennen. „Ich möchte Sie ein wenig darauf vorbereiten, was Sie hinter dieser Tür erwartet. Er ist schwer verletzt. Sein Schädel ist gebrochen, die Knochen seines Gesichts wurden zerschmettert. Er atmet durch einen Endotracheal-Schlauch, also mithilfe eines Beatmungsgeräts. Sie werden nicht mehr den Mann sehen, der er einmal war.“ Einen Moment lang betrachtete er sie, doch sie schwieg. Schließlich öffnete er die Tür.

Langsam betrat Jay das Zimmer. Für den Bruchteil einer Sekunde glaubte sie, ihr Herz und ihre Lunge würden ihr den Dienst versagen. Doch im nächsten Moment schlug ihr Herz wieder, und sie nahm einen tiefen schmerzvollen Atemzug. Tränen schossen ihr in die Augen, als sie diese reglose Gestalt vor sich im Krankenbett liegen sah, und ihre Lippen formten zitternd seinen Namen. Es schien unmöglich, dass dies … dies Steve sein konnte.

Der Mann, der dort im Bett lag, war praktisch von Kopf bis Fuß in Bandagen eingewickelt. Beide Beine waren gebrochen und durch Gipsverbände geschient, die mit Drähten und Schlaufen in einer Art Flaschenzug hingen. Seine Hände waren bis zu den Ellbogen hinauf verbunden. Sein Kopf und sein Gesicht waren mit Verbandsmull bedeckt, und auf seinen Augen lagen dicke Kompressen. Nur seine Lippen, sein Kinn und sein Unterkiefer waren sichtbar – stark angeschwollen und bläulich verfärbt. Schwach, aber gleichmäßig konnte Jay die von den Maschinen unterstützten Bewegungen seines Brustkorbes erkennen. Sein Körper war an zahllose Schläuche angeschlossen. Monitore zeichneten seine Vitalfunktionen auf. Jay schluckte. Dieser Mensch lag ganz still im Bett. Furchtbar still.

Ihr Hals fühlte sich so trocken an, dass ihr das Sprechen schwerfiel. „Wie soll ich ihn identifizieren?“, fragte sie, und ihre Stimme klang rau. „Sie wussten, dass ich es nicht kann. Sie wussten doch, wie er aussieht.“

Payne sah sie mitfühlend an. „Es tut mir leid. Ich weiß, es ist ein Schock. Aber Sie müssen es versuchen. Sie waren mit Steve Crossfield verheiratet. Sie kennen ihn besser als jeder andere Mensch. Vielleicht erinnern Sie sich an ein kleines Detail, eine Narbe oder einen Leberfleck, ein Muttermal. Irgendetwas. Nehmen Sie sich Zeit und sehen Sie ihn sich an. Ich werde draußen warten.“

Er ging hinaus und schloss die Tür hinter sich. Jay war allein mit diesem reglosen Mann. Das monotone Piepen der Geräte und das leichte Pfeifgeräusch seines Atems waren alles, was sie wahrnahm. Sie ballte die Hände zu Fäusten, und Tränen verschleierten ihren Blick. Ob dieser Mensch nun Steve war oder nicht – in diesem Moment empfand sie so viel Mitleid für ihn, dass sie den Schmerz kaum ertragen konnte.

Irgendwie trugen ihre Beine sie bis zum Bett. Sie bemühte sich, die unzähligen Drähte und Schläuche nicht zu berühren, während sie näher kam und ihren Blick nicht von seinem Gesicht wandte – oder von dem, was sie erkennen konnte. Steve? War das wirklich Steve?

Sie wusste, was Payne wollte. Er hatte es nicht ausgesprochen, aber das musste er auch nicht. Er wollte, dass sie das Bettlaken anhob und diesen Mann, der bewusstlos und hilflos und bis auf die Verbände vollkommen nackt vor ihr lag, von oben bis unten betrachtete. Payne glaubte, sie würde den Körper ihres Ehemannes ganz genau kennen, aber fünf Jahre waren eine sehr lange Zeit. Sie konnte sich an Steves Lächeln erinnern, an das vergnügte Funkeln seiner schokoladenbraunen Augen, doch andere Details hatte sie längst vergessen.

Diesem Mann hier in dem Krankenhausbett wäre es wahrscheinlich egal, ob sie die Decke zurückschlug und ihn ansah. Er war bewusstlos. Vielleicht würde er sogar sterben, trotz all der vielversprechenden Geräte, an die er angeschlossen war. Er würde es nie erfahren. Und wie Payne sagen würde: Sie erwies ihrem Vaterland einen Dienst, wenn sie diesen Mann als Steve Crossfield identifizieren oder es sicher ausschließen konnte.

Sie konnte ihren Blick nicht von ihm abwenden. Er war so schwer verletzt. Wie konnte jemand diese Verletzungen erlitten haben und immer noch am Leben sein? Wenn er nun einen lichten Moment hätte, würde er überhaupt weiterleben wollen? Würde er jemals wieder laufen können? Würde er seine Hände wieder benutzen können? Sehen? Denken? Oder würde er sich seine Verletzungen ansehen und dann den Ärzten sagen: „Danke, Leute, aber ich denke, ich werde mein Glück an der Himmelspforte versuchen.“

Aber vielleicht hatte er einen außergewöhnlichen Willen zu leben. Vielleicht hatte genau dieser Wille ihn überhaupt so lange am Leben erhalten – ein unbewusster, tief verwurzelter Wille zu sein. Leidenschaftliche Entschlossenheit konnte Berge versetzen, das wusste Jay.

Zögerlich streckte sie ihre Hand aus und berührte seinen rechten Arm, kurz über den Verbänden, die seine Verbrennungen abdeckten. Seine Haut fühlte sich heiß an, und erschrocken zog sie ihre Finger zurück. Irgendwie hatte sie damit gerechnet, dass er sich kalt anfühlen würde. Diese intensive Hitze, die er ausstrahlte, war ein weiterer Beweis dafür, wie hell die Flamme von Leben in ihm brannte, obwohl er so reglos dalag. Langsam führte sie ihre Hand wieder zu seinem Arm. Behutsam strich sie über die zarte Haut an der Innenseite seines Ellbogens und passte auf, dass sie dabei nicht die Infusionsnadel berührte, durch die eine klare Flüssigkeit in seine Venen lief.

Er war warm. Er war lebendig.

Sie spürte ihr Herz in der Brust pochen. Intensive Empfindungen erfüllten sie, bis sie das Gefühl hatte, diese nicht mehr kontrollieren zu können. Wenn sie darüber nachdachte, was er alles durchgemacht haben musste, verwunderte es sie, zu sehen, dass er noch immer kämpfte. Sein Geist war zu leidenschaftlich und stolz, um einfach aufzugeben. Tief bewegt von diesem Anblick glaubte Jay, vor Mitleid krank werden zu müssen.

Sein Körper war genug drangsaliert worden. Nadeln steckten in seinen Adern. Drähte und Elektroden nahmen jeden seiner Herzschläge auf und dokumentierten ihn. Und als hätte er nicht schon genügend Wunden am Leib, hatten die Ärzte ihm Drainageschläuche in den Brustkorb und die Seite gelegt. Es gab noch weitere Schläuche, die in seinen Körper hinein- und wieder andere, die aus ihm hinausführten. Jeden Tag starrten ihn fremde Menschen an und behandelten ihn, als sei er ein Stück Fleisch. Und das alles im Namen lebensrettender Maßnahmen.

Doch sie würde nicht derart in seine Intimsphäre dringen, wie es der FBI-Agent von ihr erwartete. Anstand mochte ihm im Augenblick nichts bedeuten, aber er war immer noch ein Mensch, dessen Intimsphäre sie respektierte.

Sie widmete ihm ihre ganze Aufmerksamkeit. Nichts auf der Welt interessierte sie im Moment mehr als dieser Mann, der so ruhig und reglos in seinem Krankenbett lag. War das Steve? Empfand sie etwas wie Vertrautheit, trotz der Schwellungen, die seine Züge entstellten, und der Kompressen, die ihn teilweise verdeckten? Sie versuchte, sich zu erinnern.

War Steve so muskulös gewesen? Waren seine Arme so stark gewesen, sein Brustkorb so breit? Es war natürlich möglich, dass er sich verändert hatte, dass er zugenommen hatte, dass er trainiert hatte und dadurch seine Schultern und Arme muskulöser geworden waren – danach konnte sie also nicht gehen. Der Oberkörper eines Mannes veränderte sich, wenn er älter wurde.

Seine Brust war rasiert worden. Sie betrachtete die schwarzen Stoppeln. Steves Brust war behaart gewesen – nicht stark, aber doch behaart.

Sein Bart? Sie betrachtete seine Wangen, betrachtete das, was davon noch zu erkennen war, aber sein Gesicht war derart angeschwollen, dass sie nichts finden konnte, was sie an Steve erinnert hätte. Sogar seine Lippen waren geschwollen.

Sie spürte, wie ihre Wangen feucht wurden und fuhr sich überrascht mit der Hand über ihr Gesicht. Sie hatte nicht einmal bemerkt, dass sie weinte.

Payne kam ins Zimmer zurück und reichte ihr wortlos sein Taschentuch. Nachdem sie ihre Tränen getrocknet hatte, legte er seinen Arm um ihre Taille und führte Jay vom Bett fort. Sie lehnte sich dankbar an ihn. „Es tut mir leid“, sagte er schließlich. „Ich weiß, dass es nicht leicht ist.“

Sie schüttelte den Kopf und kam sich mit einem Mal kindisch vor, derart zusammenzubrechen – vor allem, wenn sie daran dachte, was sie ihm zu sagen hatte. „Ich weiß nicht. Es tut mir leid, aber ich kann nicht genau sagen, ob das Steve ist oder nicht. Ich … ich kann einfach nicht.“

„Glauben Sie, dass er es sein könnte?“, fragte Payne.

Jay fuhr sich mit dem Handrücken über die Schläfen. „Ich vermute es. Ich kann es nicht mit Sicherheit sagen. Die vielen Verbände …“

„Ich verstehe. Ich weiß, wie schwierig es ist. Aber ich muss meinen Vorgesetzten etwas sagen. War Ihr Ehemann so groß? Haben Sie irgendetwas an ihm wiedererkannt?“

Wenn er sie verstanden hatte, warum fragte er dann nach? Ihr Kopf schmerzte furchtbar. „Ich weiß es nicht!“, rief sie. „Ich denke, Steve ist so groß, aber es ist nicht einfach, das zu sagen, wenn er liegt. Steve hat dunkle Haare und braune Augen, aber über diesen Mann dort im Krankenbett kann ich noch nicht einmal das sagen!“

Payne sah sie an. „Es steht auf seinem Krankenblatt“, sagte er leise. „Braune Haare und braune Augen.“

Sie schwieg. Mit einem Mal drang die Bedeutung dieser Worte bis zu ihr durch. Jay blickte den Mann an. Sie hatte ihn nicht wiedererkannt, doch sie war noch immer überwältigt von den Empfindungen, die er in ihr ausgelöst hatte: Mitgefühl, ja, aber auch Ehrfurcht, weil er immer noch am Leben war und kämpfte. Und ein unbändiges Gefühl von Respekt vor der Entschlossenheit und dem Mut, den er zeigte.

Ganz schwach und leise, mit bleichem Gesicht, sagte sie: „Dann muss es wohl Steve sein, nicht wahr?“

Payne wirkte erleichtert, doch dieser Eindruck war so schnell wieder verschwunden, wie er gekommen war – Jay war sich nicht sicher, ob es überhaupt Erleichterung war. Er nickte. „Ich werde unseren Leuten mitteilen, dass Sie seine Identität bestätigt haben. Er ist Steve Crossfield.“

2. KAPITEL

Als Jay am nächsten Morgen in ihrem Hotelzimmer erwachte, lag sie eine Weile ganz still in ihrem Bett, sah sich um und versuchte, sich zu orientieren. Die Erinnerung an die Ereignisse des vergangenen Tages war verschwommen. Jay erinnerte sich lediglich an den reglosen Verletzten im Krankenhaus – Steve. Der Mann war Steve.

Sie hätte ihn erkennen müssen. Obwohl fünf Jahre vergangen waren, hatte sie ihn einst geliebt. Irgendetwas an ihm hätte ihr bekannt vorkommen müssen, trotz all der Wunden und Schwellungen. Ein seltsames Schuldgefühl beschlich sie, obwohl sie wusste, dass es lächerlich war. Dennoch glaubte sie, ihn irgendwie im Stich gelassen zu haben. So, als spiele er in ihrem Leben eine zu unwichtige Rolle, als dass sie sich noch daran erinnern könnte, wie er ausgesehen hatte.

Jay verzog den Mund und stieg aus dem Bett. Schon wieder ließ sie die Dinge zu nahe an sich herankommen. Steve hatte ihr immer geraten, alles etwas lockerer anzugehen. Manchmal hatte er regelrecht ungeduldig geklungen. Auch das war ein Teil ihres Lebens gewesen, den sie nie miteinander vereinbaren konnten. Sie war noch nie so entspannt gewesen wie er. Sie war stets zu beschäftigt mit ihrem Alltag und der Welt um sie herum. Steve dagegen hatte sich vergnügt und sorglos im Hier und Jetzt getummelt.

An diesem Morgen hätte sie nach New York zurückkehren können, aber irgendetwas in ihrem Inneren hinderte sie daran. Es war erst Samstag, und es gab keinen Grund zur Eile, solange sie am Montag pünktlich zur Arbeit erschien. Sie hatte keine Lust, das ganze Wochenende in ihrem Apartment zu sitzen und über ihre Arbeitslosigkeit nachzugrübeln. Außerdem wollte sie Steve wiedersehen. Das schien auch Payne zu wollen. Er hatte nicht davon gesprochen, dass es schon Pläne für ihre Rückreise nach New York gab.

Sie war so erschöpft gewesen, dass sie tief und fest geschlafen hatte. Ein Ergebnis dieses erholsamen Schlafes war, dass die Ringe unter ihren Augen nicht so dunkel waren wie sonst. Sie starrte in den Badezimmerspiegel und fragte sich, ob ihre Kündigung vielleicht doch Glück im Unglück gewesen war. Die Art, wie sie sich selbst im Job zu Höchstleistungen angetrieben hatte, war Gift für ihre Gesundheit gewesen. Sie hatte Gewicht verloren, das sie eigentlich nicht hätte verlieren dürfen. Unter ihrer Gesichtshaut zeichneten sich deutlich die Wangen- und Kieferknochen ab, sodass sie, besonders ohne Make-up, verhärmt und abgemagert aussah. Sie zog eine Grimasse. Zwar war sie nie eine Schönheit gewesen und würde es wahrscheinlich auch niemals sein, aber sie war einmal hübsch gewesen. Ihre dunkelblauen Augen und ihr dickes, glänzendes, honigbraun schimmerndes Haar waren ihre herausragenden Merkmale. Den Rest ihres Gesichtes konnte man als durchschnittlich bezeichnen.

Was würde Steve sagen, wenn er sie so sehen könnte? Wäre er enttäuscht und würde er ihr das auch frei von der Leber weg sagen?

Warum konnte sie nicht aufhören, an ihn zu denken? Es war nur natürlich, dass sie sich um ihn sorgte und angesichts der Schwere seiner Verletzungen Mitgefühl für ihn empfand. Trotzdem konnte sie nicht aufhören, sich zu fragen, was er über sie denken oder über sie sagen würde. Nicht der Steve, der er einmal gewesen war – ein charmanter, aber verantwortungsloser Heißsporn –, sondern der Mann, der er jetzt war: härter, stärker, mit einem unbändigen Selbsterhaltungstrieb und einem Willen, der ihn trotz aller Widrigkeiten am Leben erhalten hatte. Was würde dieser Mann über sie denken? Würde er sie immer noch wollen?

Dieser Gedanke ließ sie erröten. Abrupt wandte sie sich vom Spiegel ab und ging zur Dusche. Wurde sie langsam verrückt? Er war ein Invalide! Auch war es zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht einmal sicher, ob er überhaupt überleben würde – trotz seiner Kämpfernatur. Und falls er überleben sollte, konnte es sein, dass er nicht mehr so „funktionierte“ wie zuvor. Die Operation, die sein Augenlicht hatte retten sollen, war vielleicht nicht erfolgreich gewesen. Sie würden es erst wissen, wenn die Bandagen von seinen Augen genommen wurden. Es war möglich, dass er Hirnschäden davongetragen hatte. Und genauso gut war es möglich, dass er weder laufen, reden noch selbstständig essen konnte.

Hilflos spürte sie, wie ihr Tränen über die Wangen rannen. Warum weinte sie jetzt um ihn? Warum konnte sie nicht aufhören, an ihn zu denken? Jedes Mal, wenn sie an ihn dachte, traten ihr erneut Tränen in die Augen. Und es kam Jay immer lächerlicher vor, um einen Mann zu weinen, den sie noch nicht einmal wiedererkannt hatte.

Gegen zehn Uhr wollte Payne sie abholen, also rief Jay sich zur Ordnung und machte sich zurecht. Lange vor zehn war sie fertig. Überrascht stellte sie fest, dass sie Hunger hatte. Normalerweise aß sie nie etwas zum Frühstück, sondern überbrückte die Zeit bis zum Mittagessen mit Unmengen von Kaffee, von dem sie Sodbrennen bekam und deshalb in der Mittagspause kaum etwas zu sich nehmen konnte. Allmählich legte sie jedoch den Alltagstrott und die schlechten Gewohnheiten ab – sie wollte essen.

Beim Zimmerservice bestellte sie ein Frühstück, das in erstaunlich kurzer Zeit serviert wurde. Wie ein Verhungernder fiel sie über die Köstlichkeiten auf dem Tablett her und verschlang ein Omelette mit Toast in einer rekordverdächtigen Zeit. Als Payne schließlich um zehn an ihre Tür klopfte, war sie längst fertig.

Unauffällig musterte er ihr Gesicht mit seinem scharfen Blick. Ihm entging nichts. Sie hatte geweint. Die Situation machte ihr ganz offensichtlich zu schaffen, was verständlich war, aber es tat ihm dennoch leid. Gleichwohl wirkte sie an diesem Morgen ein wenig frischer, und ihr Gesicht hatte etwas Farbe bekommen. Ihre wunderbaren Augen waren größer und strahlender, als er sie in Erinnerung hatte. Doch vielleicht lag es auch an den Tränen, die sie vergossen hatte. Er konnte nur hoffen, dass sie nicht noch mehr würde weinen müssen.

„Ich habe schon im Krankenhaus angerufen, um mich nach Steves Befinden zu erkundigen“, sagte er. „Gute Neuigkeiten: Seine Vitalwerte scheinen sich zu bessern. Er ist noch immer bewusstlos, aber die Gehirnstrommessung zeigt deutliche Aktivitäten. Die Ärzte sind zuversichtlicher als zu Beginn der Behandlung. Er macht sich viel besser, als erwartet.“

Sie sprach nicht aus, dass die Ärzte am Anfang geglaubt hatten, er würde sterben – daher war alles andere besser als das. Sie wollte gar nicht darüber nachdenken, wie nahe er dem Tod gewesen war. Irgendwie verstand sie es auch nicht oder wollte es nicht verstehen, denn Steve war in jenem Moment, in dem sie zum ersten Mal an seinem Bett stand und seinen Arm berührte, wieder zurückgekommen, in ihr eigenes Leben.

Das große weiße Gebäude, in dem sich das Militärhospital befand, war viel belebter als in der Nacht zuvor. Zwei andere Wachen standen an der Tür zur Intensivstation, wo sich Steves Zimmer befand. Wieder schienen sie Payne zu kennen. Jay fragte sich, wie oft er wohl hier im Krankenhaus gewesen war, um Steve zu besuchen, und warum er überhaupt so viel Zeit bei ihm verbrachte. Er hätte sich doch telefonisch nach ihm erkundigen können. Die mysteriöse Geschichte, in die Steve hineingeraten war, schien so wichtig zu sein, dass Payne unbedingt dabei sein wollte, wenn Steve sein Bewusstsein wiedererlangte – falls er überhaupt jemals wieder aufwachen sollte.

Payne ließ sie das Krankenzimmer allein betreten, da er noch etwas zu besprechen hatte. Geistesabwesend nickte Jay ihm zu. In Gedanken war sie bereits bei Steve. Sie stieß die Tür auf und trat in den Raum. Payne blieb, praktisch mitten im Satz unterbrochen, zurück. Ein schiefes, leicht bedauerndes Lächeln huschte über sein Gesicht, als er ihr hinterhersah. Dann drehte er sich um und ging den Flur entlang.

Jay starrte auf den Mann im Bett – Steve. Als sie ihn jetzt wiedersah, war es für sie ungleich schwieriger zu akzeptieren, dass es sich tatsächlich um ihren Exmann handelte. Sie kannte ihn nur voller Leben und Energie. Und da lag er in diesem Bett – so still und regungslos, dass sie es einfach nicht begreifen konnte. Seit dem Vorabend hatte sich an seiner Position nichts verändert. Die Maschinen summten und piepten noch immer und auch die Medikamente tropften unverändert durch die Schläuche in seine Venen. Der penetrante Geruch nach Desinfektionsmitteln brannte in ihrer Nase. Plötzlich fragte sie sich, ob er – irgendwo und irgendwie – diesen Geruch auch wahrnehmen konnte. Konnte er hören, wie die Menschen um ihn herum redeten, obwohl er unfähig war zu antworten?

Sie trat ans Bett und berührte seinen Arm, wie sie es schon in der Nacht zuvor getan hatte. In dem sonst so kühlen Raum prickelte die Wärme seiner Haut an ihren Fingerspitzen. Die vielen Bandagen, die ihn bedeckten, beraubten ihn seiner Individualität. Und seine Lippen waren so stark geschwollen, dass sie mehr einer Karikatur glichen als den Lippen des Mannes, den sie einst geküsst, geliebt und geheiratet hatte. Mit dem sie gekämpft hatte und von dem sie schließlich geschieden worden war. Nur die Wärme seiner Haut machte ihn real, machte ihn lebendig.

Ob er irgendetwas spürte? Konnte er ihre Berührungen wahrnehmen?

„Steve?“, flüsterte sie, und ihre Stimme zitterte. Es fühlte sich seltsam an, zu einer reglosen Mumie zu sprechen. Er war so tief im Koma, dass er sie wahrscheinlich nicht hörte – und falls er sie auf wundersame Weise doch hören konnte, war es ihm ganz sicher unmöglich, ihr zu antworten. Obwohl sie all das wusste, ermutigte eine innere Stimme sie, es trotzdem zu versuchen. „Ich … ich bin’s, Jay.“ Manchmal hatte er sie Jaybird genannt. Und wenn er sie ärgern wollte, nannte er sie Janet Jean. Ihren Spitznamen hatte sie, seit sie ein kleines Kind war. Ihre Eltern hatten sie Janet Jean gerufen, aber für ihren älteren Bruder, Wilson, war sie immer nur J. J. gewesen. Daraus hatte sich schließlich der Spitzname Jay entwickelt. Als sie in die Schule kam, war ihr Name unwiderruflich Jay gewesen.

„Du bist verletzt“, raunte sie ihm zu und streichelte unablässig seinen Arm. „Aber du wirst wieder gesund. Deine Beine sind gebrochen und eingegipst. Darum kannst du sie nicht bewegen. Sie haben einen Schlauch in deine Luftröhre gelegt, damit du besser atmen kannst. Deshalb kannst du nicht sprechen. Du kannst nicht sehen, weil du einen Verband über den Augen hast. Mach dir keine Sorgen. Sie kümmern sich wirklich gut um dich.“

War es eine Lüge, dass er wieder gesund werden würde? Doch sie wusste nicht, was sie ihm sonst erzählen sollte. Wenn er sie hören konnte, wollte sie ihn ermutigen und ihn nicht noch mehr verunsichern.

Jay räusperte sich und begann, ihm von den vergangenen fünf Jahren zu erzählen. Sie berichtete ihm, was sie seit der Scheidung getan hatte. Sie sprach darüber, dass sie gefeuert worden war und wie sehr sie sich gewünscht hatte, Farrell Wordlaw einen Kinnhaken zu versetzen. Und wie sehr sie sich noch immer wünschte, Farrell Wordlaw einen Kinnhaken zu versetzen.

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