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Die Frauen von Saffron Hall

Zwei Frauen, zwischen denen fünf Jahrhunderte liegen – geeint durch einen tiefen Schmerz …

England, 1538: Die junge Eleanor wird gegen ihren Willen verheiratet und muss sich als neue Hausherrin beweisen. Doch mit den Jahren wächst sowohl ihre Zuneigung zu ihrem Ehemann Greville als auch ihr sozialer Status. Denn Eleanor züchtet Safran, womit sie die Familie zu unverhofftem Wohlstand bringt – bis Heinrich VIII. auf sie aufmerksam wird ...

500 Jahre später versucht Amber auf ihrem Familiensitz Saffron Hall, nach einem tragischen Verlust zurück ins Leben zu finden. Dabei stößt sie auf das Geheimnis ihrer Urahnin. Kann sie ein altes Unrecht geraderücken und gleichzeitig für sich selbst wieder eine Zukunft sehen?


»Ein emotional fesselnder Pageturner über Liebe und Verlust.«
Natalie Meg Evans, Autorin von »Die Kleiderdiebin«

»Vergangenheit und Gegenwart sind in diesem packenden und hochemotionalen Debüt meisterhaft miteinander verwoben. «
Heidi Swain, Autorin von »Frühling im Kirschblütencafé«

»Bewegend, eindringlich und fesselnd: eine wunderschöne Geschichte, die ans Herz geht. «
Liz Fenwick, Autorin von »Ein Sommer in Cornwall«



  • Erscheinungstag: 27.12.2021
  • Seitenanzahl: 448
  • ISBN/Artikelnummer: 9783749951109
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Für dich, Mum.
Du hast immer an mich geglaubt.

Prolog

1541

Ihre Hand bebte, als sie die Feder in die Tinte tauchte und die Worte schrieb. Die Schrift war kaum lesbar, weil heiße Tränen auf das Pergament fielen, einzogen und die Fasern aufquellen ließen.

Mary, geborgen in den Armen unseres Herrn,

17. November 1541

Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa

Draußen hing die schwere graue Wolkendecke so tief, dass sie beinahe die Wipfel der kahlen Bäume berührte. Der eisige Wind peitschte nadelspitzen Schnee gegen das Fenster, pfiff durch die zahlreichen Ritzen und fand seinen Weg nach drinnen, wo er seine nasskalten Finger um ihren erschöpften Leib schlang. Doch das war kaum von Bedeutung. Ihr Herz war bereits vor Kälte erstarrt, ein harter, schmerzender Klumpen, der schwer in ihrer Brust lastete. Weder wollene Kleidung noch pelzbesetzte Umhänge konnten sie jetzt noch wärmen.

Eleanor wusste, dass die Überlebenschance eines so kleinen, zu früh geborenen Babys gering war. Ihr Flehen konnte nicht erhört werden. Doch zu sehen, wie sich die perfekten Gesichtszüge ihrer Tochter in Alabaster verwandelten, nur Minuten, nachdem sie das Licht der Welt erblickt hatte, war mehr, als sie ertragen konnte.

Und jetzt saß sie im Turm, reglos und gefasst, während sie darauf lauschte, dass sich das Trappeln von Hufen näherte, das die Ankunft der Männer des Königs ankündigte. Noch nie hatte sie ihren geliebten Greville mehr gebraucht denn jetzt, aber er kam nicht. Die feuchten Binsen unter ihren Füßen waren von dem Blut, das sie verloren hatte, verklumpt. Ihr ganzer Körper schmerzte. Am liebsten hätte sie sich auf den kalten Steinboden gelegt und ihr Leben ausgehaucht, noch während das Blut aus ihr herausfloss. Es besudelte ihre Hände, verfärbte sie dunkel. Wo es getrocknet war, spannte die Haut straff über ihre Knöchel.

Sie mussten weg, und zwar bald, sehr bald. Sie waren schon viel länger verweilt, als sie vorgehabt hatte, und es blieb keine Zeit, das zu tun, was getan werden musste. Sie konnte nur hoffen, dass jemand die Botschaft, die sie zurücklassen würde, entziffern konnte und verstand, worum sie bat, und ihrer Bitte nachkäme. Unwillkürlich schweifte ihr Blick über den Boden, wurde von der Stelle angezogen, wo Mary lag. Hörte sie etwas? Ein Wimmern? Einen leisen, gequälten Schrei? Nein, es waren nur ihre Fieberfantasien und die kreisenden Möwen, die der Winterwind draußen vor dem Fenster vor sich hertrieb und die mit ihr weinten.

Mit bebenden Händen begann sie zu schreiben.

Infans filia sub pedibus nostris requiescit

Dann nahm sie eine gepresste Safranblüte und einen Zweig Rosmarin, legte sie vorsichtig zwischen die Seiten und schloss das Buch.

1

2019

»Soll ich dir tragen helfen?« Großvater lehnte in der Arbeitszimmertür, eine Tasse Tee in der einen und einen Stapel Custard-Cream-Kekse in der anderen Hand.

Amber blickte von dem staubigen Karton auf, den sie gerade ausräumte und dessen Inhalt sie vorne auf den Schreibtisch stapelte. Bald würde ihr der Platz ausgehen. Ihr blasses Gesicht war schmal und verhärmt. Tiefe Schatten hingen wie Blutergüsse unter ihren Augen und zeugten von den Stunden, die sie nachts wach lag, während alles um sie herum schlief.

»Grandad, du kannst sie nicht heben. Denk nicht mal daran!«, ermahnte sie ihn. Kekse waren wahrscheinlich das Schwerste, was er zurzeit tragen konnte.

»Du siehst blass aus«, bemerkte er. »Du solltest mehr essen.«

Amber steckte den Kopf wieder in den Karton und verdrehte die Augen. »Ich sehe immer so aus. Das liegt an den roten Haaren.« Ihre Eltern hatten wenig Fantasie bewiesen, als sie sie Amber genannt hatten. Sie erhob sich und legte eine Handvoll alter Ausgaben von »London A-Z« – alten Stadtplänen – auf einen schwankenden Stapel beinahe identischer Ausgaben aus den 1950ern. »Echt jetzt?« Sie deutete darauf und zog die Augenbrauen hoch. »Wolltest du dich zum Taxifahrer ausbilden lassen oder was?« Sie bedachte ihn mit einem schiefen Lächeln.

Nun war es an ihrem Großvater, die Augen zu verdrehen. »Versuch jetzt nicht abzulenken«, sagte er zu ihr und zog finster seine buschigen Augenbrauen zusammen, die inzwischen beinahe weiß waren, aber immer noch eine Spur ihrer ursprünglichen kastanienbraunen Farbe enthielten.

»Nun, ich habe eine Tabelle erstellt, um alles zu katalogisieren«, fuhr sie fort, als hätte er überhaupt nichts gesagt, »und ich notiere den Standort der Bücher im Haus, damit du sie später finden kannst, wenn du entschieden hast, was du mit ihnen machen willst.«

»Das klingt alles sehr effizient.«

»Darauf hatten wir uns doch geeinigt«, erinnerte sie ihn. »Meine Fähigkeiten als Archivarin im Tausch gegen Kost und Logis.« Und einen Ort, an dem sie sich verstecken konnte, was sie aber nicht laut aussprach. »Außerdem bin ich ja so lange hier, weil ich damit rechne, dass es eine Weile dauern wird, bis all deine Bücher erfasst sind. Es sind Tausende. Ich wusste natürlich von der Bibliothek, aber ich hatte keine Ahnung, dass du auch die Dachkammern mit Gott weiß was gefüllt hast.«

»Nun ja, das ist das Problem, wenn man Buchhändler ist«, verteidigte er sich. »Auf Auktionen muss man manchmal einen ganzen Restposten kaufen, obwohl man eigentlich nur ein einziges Buch daraus will. Kann sein, dass auf dem Dachboden nur Müll ist, aber zuerst muss man alles durchgehen.«

»Hmm, Müll trifft es wahrscheinlich am besten«, kommentierte Amber, während sie zwei weitere Uraltausgaben der A-Zs auf den Stapel legte und einen zerfledderten Dolly-Band auf einige Jackie-Jahrbücher. Sie musste sich sehr zurückhalten, einige der Bücher, die sie gefunden hatte, durchzublättern, denn sonst würde diese Mammutaufgabe nie bewältigt. Wenigstens gab es genug Lesestoff für lange, einsame Nächte. Die dunklen Stunden, wenn sie es vorzog, gar nicht erst einzuschlafen, um sich nicht beim Aufwachen wieder an alles erinnern zu müssen.

Ihr Großvater tunkte einen Keks in seinen Tee und versuchte, sich die aufgeweichte Hälfte in den Mund zu schnippen. Inzwischen waren seine Reaktionen nicht mehr so schnell wie früher, und sie hörte, wie er leise vor sich hin fluchte, als die Kekshälfte zurück in seinen Tee fiel und darin versank. Seit seinem Schlaganfall hinkte er leicht, und wenn er müde war, sprach er undeutlich, aber am schlimmsten hatte es seinen linken Arm getroffen, der inzwischen schwach und nahezu unbrauchbar war. Für einen Linkshänder wie ihn war diese Einschränkung umso einschneidender. Ihr Großvater hatte ein Leben lang eine schnelle Auffassungsgabe und ein blitzschnelles Reaktionsvermögen besessen, und Amber spürte seinen Frust über diesen Körper, der ihn nun im Stich ließ, jeden Tag.

»Und wie geht es dir?« Er fragte stets behutsam, denn es war, als würde sie mehr und mehr verschwinden, sich nahezu auflösen. Schatten verdunkelten ihr Gesicht, und er erkannte deutlich die blassblauen Venen, die sich über ihre Stirn zogen, wenn sie die Strähnen ihres feinen Haars zurückstrich.

»Ach, weißt du, ganz okay.« Sie wusste genau, worauf er anspielte, doch sie war nicht bereit, darüber zu sprechen. Noch nicht. Sie lächelte ihn an, auch wenn das Beben ihrer Mundwinkel sie Lügen strafte.

»Ich bin zwar alt«, sagte er ein wenig zu scharf, »aber ich bin nicht dumm. Du bist nicht nur spindeldürr, du siehst auch erschöpft aus. Du solltest etwas Anständiges essen, nicht nur Suppe und Toast oder Cornflakes. Das würde helfen, weißt du?« Er zog die Augenbrauen hoch, und um seine Augen bildeten sich Fältchen, als wollte er seine harschen Worte noch einmal mimisch untermauern. »Und immer, wenn ich in die Küche gehe, finde ich tassenweise Tee, den du gekocht, aber nicht getrunken hast. Was soll das?«

»Ich kann nicht schlafen.« Sie zuckte mit den Schultern. »Teekochen tröstet mich. Eine kleine Routinesache, die ich ohne nachzudenken erledigen kann. Das hilft mir, den Kopf freizubekommen.« Manchmal lassen sich dadurch die Dämonen im Zaum halten, wenigstens für ein paar Minuten, dachte sie bei sich. »Und außerdem kann ich mich nicht daran erinnern, dass meine Essgewohnheiten Teil unseres Arrangements sind. Ich bin hier, weil ich Ruhe und Einsamkeit suche, kein Genörgel – vielen Dank auch!« Sie wandte sich dem nächsten Karton zu und begann, seinen Inhalt auf die letzte freie Ecke des Schreibtischs zu knallen – mit dem Ergebnis, dass eine Staubwolke aufstieg. Winzige Partikel, die vor Aufregung, endlich frei zu sein, aufwirbelten und im schwachen Sonnenlicht tanzten, das sich mühsam durch die schmutzigen Fensterscheiben kämpfte. Amber vermutete, dass sie in den Jahrzehnten, seit ihre Großmutter gestorben war, nicht geputzt worden waren.

Nachdem sie den inzwischen leeren Karton unangemessen aggressiv flachgedrückt hatte, warf sie ihn in die Zimmerecke, wo sich bereits ähnlich zugerichtete Kartons stapelten. Ihr Großvater beobachtete sie schweigend, während sie den nächsten Karton zu sich heranzog, oben aufriss und die Bücher herausnahm.

»Ich dachte, hier zu sein und etwas zu tun zu haben, das dich auf … andere Gedanken bringt, würde dich aufmuntern. Aber das scheint noch nicht der Fall zu sein. Vielleicht …« Er hob ein wenig die Hand, als sie den Mund öffnete, um ihn zu unterbrechen »… war es doch keine so gute Idee, hier rauszukommen, an einen so abgelegenen Ort. Wenn du schon nicht bei Jonathan sein willst, wäre es dann nicht vielleicht besser für dich, zu deinen Eltern zu gehen? Wohltuender für deine Seele? In schwierigen Zeiten ist Abgeschiedenheit manchmal nicht das Richtige.«

Ambers Augenbrauen schossen fast bis zum Haaransatz hinauf. »Ähm, Glashaus? Steine? Warum hast du dich nach Grandmas Tod in diesen alten, weitläufigen Kasten zurückgezogen, um dein Geschäft hinter geschlossenen Türen weiterzubetreiben? Wie du dich vielleicht erinnerst, hast du Mum bei Grandmas Familie abgesetzt und dann das Weite gesucht, um dich hier, mitten im Nichts, zu vergraben. Entschuldige also, wenn ich in deine Fußstapfen trete. Schieb es auf die Gene, wenn du willst.«

Sie ließ sich auf den Bürostuhl hinter dem Schreibtisch fallen und rollte ein wenig nach hinten, wobei sie sich bemühte, nicht mit den Zähnen zu knirschen. Saffron Hall befand sich schon seit Generationen im Besitz ihrer Familie und war ein Teil ihres Daseins, ein Teil ihrer selbst. Hier spürte man die Seelen ihrer rothaarigen Vorfahren, und es war ihr nur natürlich erschienen, hierher zurückzukehren und sich vor der Welt zu verstecken, als ihr Leben in die Brüche gegangen war. Sie liebte ihre Eltern zwar, doch ihre Beziehung zu ihnen war oft angespannt, und ihrem Großvater fühlte sie sich näher. Momentan musste sie ihn um sich haben und in Saffron Hall sein. Deshalb war ihr Großvater der letzte Mensch, von dem sie erwartet hätte, dass er ihre Entscheidung infrage stellte.

Als Amber sich setzte, ging ihrem Großvater auf, dass sie eine Mauer aus Büchern um sich herum auf dem Schreibtisch errichtet hatte, hinter der sie jetzt vollkommen verschwand. Noch eine Barrikade, hinter der sie sich verschanzte. »Nur weil ich das so gemacht habe, heißt das noch lange nicht, dass es das Richtige war«, sagte er zu der leeren Stelle, an der sie gerade noch gestanden hatte. Er drehte sich vorsichtig um, damit seine Beine die Chance hatten, sein Gehirn einzuholen, und kehrte ins Wohnzimmer zurück, um das Halb-drei-Rennen in Kempton Park zu Ende zu schauen.

Sobald sie sicher war, dass er das Zimmer verlassen hatte, stand Amber wieder auf. Sie wischte sich mit dem Saum ihres T-Shirts die vertrauten Tränen ab, die wieder angefangen hatten zu fließen. Sie hatte versucht, sie zu stoppen, indem sie den Kopf in den Nacken legte, aber vergebens. So oft schon hatten sie sich ihren Weg nach unten gebahnt, um von ihrem kleinen spitzen Kinn zu tropfen, dass man fast hätte glauben können, ihre Bahnen seien schon auf ihren Wangen eingraviert. Vielleicht wachte sie eines Morgens mit unauslöschlichen Linien auf, die wie Tattoos bis in alle Ewigkeit ihr Gesicht zieren würden. Als sichtbares Zeugnis ihres Leids, das der Welt zeigte, was für ein schrecklicher Mensch, was für eine Versagerin sie war. Das Leben war schon schwer genug, auch ohne eine Gardinenpredigt von Grandad, dem Meister des Weglaufens, der sich nun schon seit sechzig Jahren in diesem Mausoleum von einem Haus versteckte.

Sie hatte nur ein Jahr von der Universität freibekommen, in dem sie ihr Leben irgendwie auf die Reihe bekommen musste. Entscheiden, ob sie und Jonathan etwas hatten, das es wert war zu retten. Die erdrückende Trauer, die zu einer engen Freundin geworden war, lag schwer auf ihren Schultern, als sie in die Küche ging, um eine Tasse Tee zuzubereiten, die sie dann doch nicht trinken würde.

2

1538

In ihrem Zimmer konnte Eleanor den Tumult unten im Hof hören – Männer brüllten nach Stallburschen und Dienern, Pferdehufe stampften ungeduldig auf dem Kopfsteinpflaster. Die umtriebige Gefolgschaft, die angekommen war, schien riesig zu sein. Niemand im Haus war eine so große Anzahl an Gästen und den Lärm, den sie mit sich brachten, gewohnt; auch nicht Eleanor.

Trotz ihrer Vorbehalte wusste sie, was das höfische Protokoll diktierte. Ihr lieber Vater hatte ihr schon von klein auf gute Manieren beigebracht, deshalb schickte sie sich an, die Treppe hinunterzugehen und ihren Cousin William zu begrüßen, der nun der Besitzer ihres Zuhauses war. Wie es schien, hatte er nicht nur seine Familie mitgebracht, sondern auch viele andere.

Als sie zusammen mit Joan, ihrer Gefährtin und besten Freundin, oben an der Steintreppe anlangte, wimmelte es im großen Saal nur so vor Menschen, der üble Geruch feuchter Wollkleidung stieg auf, und sie rümpfte die Nase. Auf der Suche nach ihrem Cousin huschte ihr Blick zwischen den vielen Edelmännern umher, die alle noch ihre dicken Reitumhänge trugen. Während sie beobachtete, wie der Küchenjunge umherflitzte und Krüge mit Bier anbot, fiel ihr ein blasses Gesicht mit einem hart wirkenden Augenpaar auf, das sich zu Schlitzen verengte, als sich ihre Blicke trafen. Es gehörte einer Frau in einem reich bestickten tiefgrünen Reiseumhang aus Samt, daneben stand ein untersetzter, stämmiger Mann. Eleanor sah Joan an, und sie zogen beide die Augenbrauen hoch. Dann lächelte Joan, nickte Eleanor aufmunternd zu und kehrte in ihr gemeinsames Zimmer zurück. Eleanor musste dies allein erledigen.

Sie bahnte sich ihren Weg durch das Gedränge, kaum jemand bemerkte ihre zierliche Gestalt. Schließlich fand sie sich vor dem Paar wieder, das sie von der Galerie aus entdeckt hatte. Von Nahem war William kaum größer als ihre eigenen eins sechzig, er war rundlich, rotgesichtig und schwitzte stark. Sie begrüßte die beiden mit einem Knicks.

»Mylord, Mylady, willkommen in Ixworth. Ich hoffe, Ihr werdet in Eurem neuen Heim sehr glücklich.«

»Cousine Eleanor, wie schön, Euch zu sehen.« Seine geringe Körpergröße glich er durch die Lautstärke seiner Stimme aus. Eleanor zuckte ein wenig zusammen, als ein Hauch seines schalen, bierschwangeren Atems ihre Nasenlöcher bestürmte. »Das ist meine Gemahlin, Lady Margaret.«

Eleanor knickste erneut mit gesenktem Blick, doch als sie sich wieder aufrichtete, starrte sie in stechende, scherbengleiche Augen, deren Blick sich förmlich in die ihren einbrannte. Warum hasste diese Frau sie so sehr? Jede Pore ihres pockennarbigen Gesichts verströmte Feindseligkeit. Ihre feinen Kleider und Pelze, ihre modische, mit Perlen bestickte französische Kapuze – dies alles konnte nicht von der Verwüstung ablenken, die ihre Haut davongetragen hatte. Diese Menschen zogen nun in ihr wunderbares Zuhause ein und nahmen sich alles, was ihr Vater besaß, denn William war sein Erbe und Eleanor nur ein Mädchen, das schon bald heimatlos sein oder in ein Kloster gesandt werden würde. Margaret sollte eigentlich vor Freude im Saal umhertanzen und nicht aussehen, als würde sie jeden Moment in eine Million Stücke zerspringen.

»Unser vortrefflicher Sohn Robert kommt in wenigen Tagen nach«, fuhr William fort. »Er ist erst ein Jahr alt und hat ein leichtes Fieber, deshalb kommt er erst aus Richmond, wenn ihm wieder wohl ist und eine Kinderstube für ihn hier eingerichtet wurde. Wir kommen direkt vom königlichen Hof, und es tut uns natürlich leid, dass wir nicht rechtzeitig zur Bestattung Eures Vaters kommen konnten.«

Er klang nicht besonders bedauernd, und Eleanor schoss eine Reihe von Bildern durch den Kopf – von dem spärlichen Trauerzug hinter dem Sarg ihres Vaters, als dieser von seinem geliebten Heim in die Kapelle gebracht und neben ihrer Mutter begraben wurde.

»Der König wird Sir William schmerzlich vermissen«, verkündete Margaret, »und ich kann mir nicht vorstellen, was wir in dieser gottverlassenen Wildnis anfangen sollen.« Sie rümpfte ihre lange Nase, und Eleanor wurde allmählich klar, weshalb sie so missmutig aussah. Sie verkniff sich die schroffe Antwort, dass sie liebend gern wieder an den Hof zurückkehren konnten, weil sie sie nicht in ihrem Zuhause haben wollte. Nur dass es nicht mehr ihr gehörte. Plötzlich konnte sie die Menschenmenge, die drückende Hitze und den Gestank ungewaschener Körper keinen Moment länger ertragen.

»Bitte entschuldigt mich«, murmelte sie, bevor sie durch das Gedränge zur Tür rannte.

Sobald sie draußen war, hielt sie einen Moment in der kühleren feuchten Luft inne und atmete tief durch. Seit siebzehn Jahren war sie an Einsamkeit und Ruhe gewöhnt; wie sollte sie den ganzen Tag lang in einem Haus voller Lärm und Aufruhr leben? Es war unerträglich.

Sie schaute über das Weideland, hob den Blick zu den blass cremefarbenen Klostermauern aus Sandstein, die sich aus dem morastigen Boden erhoben, der ihr Zuhause umgab. Es handelte sich dabei um ein kleineres, eigenständiges Priorat unter den Fittichen der weit größeren Thetford Priory, wobei die Mönche überwiegend ihren eigenen Gesetzen gehorchten. Wie immer bot es ihr die Zuflucht, nach der sie sich sehnte, und ohne auch nur eine Sekunde nachzudenken, raffte sie ihre Röcke, und ihre Füße flogen nur so über den Boden auf das Kloster zu, einen ausgetretenen Pfad entlang, der durch hüfthohes Gras führte.

Eleanor schlüpfte durch die abgenutzte Eichentür in den Klostergarten und stieß langsam den Atem aus, der sich vor ihr zu einer Wolke formte. Hier war sie sicher. Der leere Garten lag vor ihr und erfüllte ihr Herz mit Ruhe. Die Obstbäume, die Kräuter und das Gemüse, alles makellos von den Mönchen gepflegt, waren ihr ein Trost. Trotz der späten Stunde schossen Mauersegler über ihren Kopf hinweg und fingen Insekten, ein Finkenpaar stritt lautstark in einem nahe gelegenen Gebüsch. Was auch immer zu Hause passierte, diese kleine Ecke ihrer Welt war von Dauer. Die beruhigende Routine der Mönche bei ihrer täglichen Arbeit, die Gesänge und die lateinischen Gebete, die aus der Kapelle zu ihr herüberdrangen, reinigten ihre Seele von den lieblosen Gedanken, die sie in Bezug auf ihren Cousin hegte.

Sie bückte sich und pflückte einen Zweig Thymian, rollte die winzigen grünen Blätter zwischen Zeigefinger und Daumen und sog den scharfen Duft ein, den sie verströmten.

Ein leises Rascheln riss sie aus ihren Gedanken, und als sie aufblickte, sah sie Bruder Dominic auf sich zukommen. Ihn mochte sie von allen Mönchen am liebsten, er war ein guter Freund, und in kindlicher Unschuld breitete sich unwillkürlich ein strahlendes Lächeln auf Eleanors Gesicht aus, so freute sie sich, ihn zu sehen. Ein Gefühl, das in den letzten paar Monaten so gut wie erloschen war.

»Kommst du zu Besuch oder um dich zu verstecken?«, fragte der junge Mönch, als er bei ihr angelangt war. Er war erst vergangenes Jahr ordiniert worden und nicht viel älter als Eleanor selbst. Sie sah einen verwandten Geist in ihm, jemanden, der sich wider sein besseres Wissen den festgelegten Regeln anpassen musste. Er funkelte sie schelmisch an und zog die Brauen nach oben, seine Augen waren vom klarsten Grün, das sie je gesehen hatte. Er kannte die Antwort auf seine Frage bereits.

»Natürlich zu Besuch«, erwiderte sie. »Wenn niemand weiß, dass ich hier bin, ist das lediglich ein nützlicher Zufall.«

»Ist dein Verwandter schon angekommen?«

»Ja, ist er. Zusammen mit seiner Frau und einem riesigen Gefolge aus anderen Leuten. Der Saal war voll. Ich habe sie begrüßt und ließ sie sich dann in ihre Gemächer zurückziehen. Ich bezweifle, dass mich so schnell jemand vermissen wird. Oder überhaupt vermissen wird.«

»Dann komm herein und trink einen Becher Honigwein. Der Prior wird sich über Gesellschaft freuen – er hat wieder Schmerzen. Er verträgt diese kühle Luft und die Feuchtigkeit nicht. Ich habe ihm einen Wickel aus Nelken und Flohkraut gemacht, doch das scheint seine Schmerzen nicht zu lindern.«

»Du könntest etwas Fieberkraut hinzufügen«, schlug sie vor. »Oder Lorbeeröl, wenn du welches hast.«

»Ich glaube schon. Das ist eine gute Idee, danke. Ich gehe sofort nachschauen.«

Eleanor fand den Prior, Pater Gregory, in seinem Privatgemach. Hier war das einfache Lied, der tiefe, melodische, wellenartige Psalmengesang, der sich wiegte wie Bäume im Wind, lauter, sodass der Stein unter ihren dünnen Pantoffeln vibrierte. Er reichte ihr einen Tonbecher; Eleanor nippte an dem Honigwein und spürte, wie sich seine Wärme in ihr ausbreitete.

Sie setzte sich auf die Kante einer Bank und schloss die Augen, während der Friede und die Gelassenheit dieser Mauern sich über sie senkte. Solange sie denken konnte, hatte sie das Kloster beinahe jeden Tag mit ihrem Vater besucht. Und jetzt war es ihre Zuflucht, ein Ort, dessen tägliche Routine immer gleich blieb. Von allen Seiten stürmten Veränderungen auf sie ein, zupften an ihren Kleidern, rissen sie durch das Getrappel von Pferdehufen und die Rufe fremder Männer mit sich. Die Nachrichten aus London wurden immer besorgniserregender, der König ließ viele Abteien und Klöster schließen und drohte das einst geordnete Leben, das sie kannte, hinwegzufegen. Was würde die Zukunft für ihre Freunde bereithalten? Angst und böse Vorahnungen überliefen sie wie ein Schauer.

»Es heißt, dein Cousin sei angekommen?«, sagte der Prior schließlich.

»Ja«, antwortete sie, aus ihren Gedanken gerissen. Sie berichtete von dem Gefolge, das er bei sich hatte.

»Vielleicht ist es besser, wenn du dich ihm nicht widersetzt …«, ermahnte Pater Gregory sie und ließ den Rest des Satzes unausgesprochen. Sie musste sich mit ihrem Cousin gutstellen: Ihre Situation war heikel, und ihm gehörte das Dach über ihrem Kopf. Eleanor runzelte die Stirn und nickte – sie wusste, was von ihr erwartet wurde.

Als sie aus dem Fenster starrte, bemerkte sie, dass die Schatten allmählich länger wurden. Ein leises Schnarchen von Prior Gregory machte sie darauf aufmerksam, dass sie zu lange geblieben war, deshalb schlüpfte sie durch die Tür in die Marienkapelle, wo sie die Fingerspitzen ins Weihwasser tauchte und sich bekreuzigte. Danach sank sie hinten, wo es dunkel war, auf die Knie. Sie schloss die Augen, murmelte die Vesper – das vertraute Abendgebet –, während das tiefe, einfache Lied weiterhin die Hintergrundmusik zu ihrem Gemurmel bildete. Im flackernden Kerzenschein warfen die Kapuzen der Mönche unstete Schatten an die rauen Wände und die gewölbte Decke. Eleanor hob einen Moment lang den Kopf und ließ sich von den Klängen ihrer Kindheit durchdringen. Sie befand sich auf der Schwelle zu einem neuen Leben; alles, was vertraut war, würde schon bald verschwinden.

Sie erhob sich wieder und schlüpfte zur Tür hinaus, zurück auf die Wiese, wo die Abenddämmerung gerade hereinbrach. Es war nicht klug, nach Einbruch der Dunkelheit noch draußen zu sein, vor allem nicht, wenn das Haus voller Fremder war. Sie wollte keinem von ihnen außerhalb der schützenden Mauern ihres Heims begegnen.

3

2019

Das ungewöhnlich warme Wetter Ende September klammerte sich an die letzten Spuren des Sommers, als wäre es nicht willens, ihn würdevoll in den Herbst übergehen zu lassen. Tag für Tag war die Luft wegen der starken, drückenden Hitze dick und feucht und verstopfte ihre Lungen. Bevor sie zu Bett ging, riss Amber die Fenster nur so weit auf, wie sie es wagte – sie war besorgt, weil sie schon so alt waren, fürchtete, dass sie mitsamt dem Rahmen aus ihren steinernen Einfassungen fallen könnten. Allerdings half es nichts; die schwere, reglose Luft hing nicht nur still über dem Gelände des Anwesens, sondern auch in ihrem Zimmer.

Sie lauschte den vertrauten Geräuschen des Hauses, bis es knarzend in Nachtruhe versank. Zu ihren Füßen hatte sich bereits Gerald, der riesige rote Kater ihres Großvaters, zusammengerollt. Er schlief tief und fest, ihm schien die Schwüle überhaupt nichts auszumachen. Amber legte sich auf ihre Decke, das T-Shirt klebte unangenehm auf ihrer Haut – wahrscheinlich würde sie nicht einschlafen können.

Irgendwann musste sie wohl doch eingedöst sein, denn plötzlich wurde sie von einem Krachen geweckt, das so laut war, dass Gerald sich augenblicklich in einen fauchenden roten Fellball verwandelte. Sie öffnete ihre Schlafzimmertür, und er schoss hinaus. Im selben Moment blitzte ein grelles bläulich weißes Licht auf, das sie blendete, und sie zuckte erschrocken zusammen. Gleich darauf ertönte erneut ein Krachen. Es hörte sich an, als würde die ganze Erde bersten; danach ein Donnergrollen, das sich allmählich in der Ferne verlor. Dann endlich hörte Amber das ersehnte Geräusch von Regen, der in großen Tropfen auf das Efeu draußen prasselte. Rasch schloss sie die Fenster, ließ aber die Vorhänge offen, und sah zu, wie das Wasser über die kleinen Glasscheiben strömte, während das Gewitter weitertobte. Sie würde jede Wette eingehen, dass Gerald seine Meinung geändert hatte und doch nicht rauswollte; bestimmt hatte er unten irgendwo ein trockenes Plätzchen gefunden, an dem er sich zusammenrollen konnte.

Der Wind heulte um das Haus, und plötzlich schlug ein gewaltiger Blitz ein. Amber hörte ein lautes Krachen und ein Knistern, beinahe als würde etwas frittiert. Behutsam öffnete sie die Schlafzimmertür und streckte den Kopf hinaus; sie schnüffelte, ob es nach Verbranntem roch. Das Haus lag in absoluter Dunkelheit, doch sie konnte nichts Ungewöhnliches riechen. Als sie das Licht im Schlafzimmer einschalten wollte, tat sich nichts. Der Strom war ausgefallen. Sie hörte ihren Großvater in seinem Zimmer rumoren und grummeln und bewegte sich über den Flur vorsichtig darauf zu. Das Letzte, was sie wollte, war, dass er im Dunkeln stürzte.

»Grandad, ist alles in Ordnung?«, rief sie in die Stille vor dem nächsten Donnerschlag hinein, der den Boden unter ihren Füßen zum Erzittern brachte. »Der Strom ist ausgefallen.«

»Ja, ich bin wach – einen Moment.« Sie hörte, wie sich etwas weiter hinten im Flur seine Tür öffnete, und als ein weiterer Blitz den Himmel erleuchtete, erkannte sie für einen kurzen Moment seine Silhouette im Türrahmen.

»Bleib in deinem Zimmer«, rief sie ihm zu. »Ich wollte mich nur vergewissern, dass es dir gut geht.«

»Alles in Ordnung«, sagte er ungehalten. »Auf dem Dach ist ein Blitzableiter. Ich nehme an, er wurde getroffen und zerstört; das wäre nicht das erste Mal. Aber bevor es hell ist, können wir nichts unternehmen. Riechst du irgendetwas?«

Besorgt schnupperte Amber wieder. »Nein, eindeutig nicht«, sagte sie.

»Dann ist ja gut. Das heißt, es brennt nicht bei uns.« Er klang recht fröhlich, doch seine Worte wurden von einem weiteren ohrenbetäubenden Knall verschluckt, und der Flur leuchtete erneut auf.

Unwillkürlich schrie Amber auf. Eigentlich fürchtete sie sich nicht vor Gewittern, aber das hier war etwas anderes. »Bist du sicher, dass das nicht gefährlich ist?«, fragte sie, während sich ihr Herzschlag wieder normalisierte.

»Natürlich.« Ihr Großvater gluckste. »Dieses Haus hat fünfhundert Jahre Wetter überstanden; uns wird nichts passieren. Vielleicht fallen ein paar Schieferplatten vom Dach. Das können wir morgen früh überprüfen. Versuch jetzt zu schlafen.«

Sie blieb noch einen Moment stehen und lauschte, wie er sich vortastete und dabei gegen Möbel stieß; dann folgte das Quietschen von Sprungfedern, als er sich wieder ins Bett legte.

Der Gedanke war einfach lächerlich, bei dem Lärm draußen und bei dem Regen, der noch immer ans Fenster prasselte, schlafen zu können. Als sie wieder zu ihrem Zimmer gelangte und gerade die Tür hinter sich schließen wollte, hörte sie das wetzende Geräusch von Krallen auf Parkettboden. Gerald kam hereingeflitzt und verschwand unter ihrem Bett.

Als endlich der Morgen dämmerte, zog das Gewitter weiter und verlor sich über der Nordsee; Amber fiel für ein paar Stunden in einen unruhigen Schlaf, bis sie von Gerald geweckt wurde, der an der Tür kratzte und hinauswollte, weil seine Blase voll war. Sie zog sich ihren Morgenmantel über und folgte ihm nach unten, wo sein pelziges Hinterteil durch die Katzenklappe verschwand. Keine Spur von ihrem Großvater, obwohl der normalerweise früh aufstand, und es war schließlich schon hell draußen.

Sie steckte ihre Füße in ein Paar viel zu großer Gummistiefel ihres Großvaters, das sie neben der Hintertür gefunden hatte, und trat nach draußen. Die Luft fühlte sich klarer an. Amber atmete tief ein und genoss die kühle Frische in ihren Lungen, roch die feuchte Erde und die nassen Pflanzen, auf die vergangene Nacht der Regen heruntergeprasselt war. Der Duft von Pfefferminze, Schnittlauch und Rosen überwältigte ihre Sinne, als sie durch die Pfützen auf dem beschädigten Steinpfad platschte, der zum Gemüsegarten führte. Zum Glück war das Glas des Gewächshauses heil geblieben. Ihr Großvater war bestimmt erleichtert, wenn er es bemerkte.

Der Rasen war mit Ästen und Zweigen übersät, die Überreste der letzten Sommerblumen lagen auf dem Gras, doch Amber betrachtete sie nicht genauer, sondern stapfte in ihren unförmigen Stiefeln weiter, bis sie zu der Ursache des Krachs kam, den sie vergangene Nacht gehört hatten. Am Fuß des Turms, der die Bibliothek beherbergte und der vermutlich den ältesten Teil des Gebäudes darstellte, waren Stücke von grobem Mauerwerk und Steine verstreut. Sie blickte am Turm hinauf, konnte aber nicht erkennen, dass irgendwo etwas fehlte, vermutete allerdings, dass die einheimischen Denkmalschützer anderer Meinung wären. Ambers Archivierungsarbeiten würden ruhen müssen, bis sie sich darum gekümmert hatte.

Sie folgte ihren schlammigen Fußabdrücken wieder zurück ins Haus und hängte sich ans Telefon, um herauszufinden, wann sie wieder Strom hätten, und nachzufragen, wie sie wegen des Schadens am Turm vorgehen musste.

Als ihr Großvater in die Küche kam, war es bereits nach neun, und Amber hatte schon alles, was sie konnte, organisiert, allerdings sehnte sie sich jetzt nach einem heißen Getränk und Toast.

»Wir sind nicht die Einzigen, die keinen Strom haben«, berichtete sie. »Zwischen hier und Downham Market sind Leitungen zusammengebrochen. Das kann noch den ganzen Tag so gehen, aber sie arbeiten daran.«

»Dann also kein Fernsehen für mich heute.« Ihr Großvater verzog das Gesicht zu einer niedergeschlagenen Grimasse, während er sich auf einen Stuhl am Tisch fallen ließ. »Aber wenn das alles ist, was wir zu erdulden haben, können wir uns nicht beklagen.«

»Genau genommen ist es nicht alles«, warnte sie ihn vor und erzählte ihm von dem Mauerwerk, das sie am Fuß des Turms entdeckt hatte. »Ich kann nicht erkennen, woher es kommt, aber ich habe die Leute von der Gemeinde angerufen, die für die denkmalgeschützten Gebäude zuständig sind, damit sie einen Handwerker schicken. Aber sie kommen selbst her und schauen es sich an. Wenn die Straßen frei sind, sollten sie heute Nachmittag hier sein, aber als ich mit ihnen sprach, wussten sie noch nicht, ob hier in der Gegend Bäume umgestürzt sind.«

Amber freute sich, als kurz vor dem Mittagessen die Lichter wieder flackernd angingen. Sie und ihr Großvater machten sich gerade über Bacon-Sandwiches und ihre zweite Tasse Tee her, als ein Klopfen an der Tür ankündigte, dass die Gemeindeleute gekommen waren, um den Turm zu inspizieren.

»Ich muss gestehen, dass ich nicht so früh mit Ihnen gerechnet hätte«, sagte Amber, als sie mit ihnen um das Haus herumging. »Wenn Sie mir einen Handwerker empfehlen würden, rufe ich ihn an, damit er sich das mal ansieht.« Offenbar hatte sie etwas Falsches gesagt, denn der ältere der beiden Männer blieb so abrupt stehen, dass sein jüngerer Assistent beinahe mit ihm zusammengeprallt wäre.

»Mrs. Morton«, begann er; er sprach betont langsam, als hätte er es mit einer Fünfjährigen zu tun, »dies ist ein besonders bedeutendes Bauwerk von allgemeinem Interesse, fast so etwas wie ein Nationaldenkmal. Es ist zwar das Zuhause Ihres Großvaters, aber auch Teil der Geschichte dieses Landes, und darum müssen Sie einen auf historische Gebäude spezialisierten Restaurator heranziehen, nicht irgendeinen Cowboy, den sie bei Google finden.«

Amber knirschte mit den Zähnen, während sie über eine passende Antwort nachdachte, die nicht so herablassend war wie die Art und Weise, in der er mit ihr sprach. Der jüngere Beamte sah angemessen verlegen aus und ließ seinen Blick durch den Garten schweifen, um ihr nicht in die Augen schauen zu müssen.

»Ich bin mir der Geschichte und des Ursprungs meines Familiensitzes durchaus bewusst, vielen Dank«, erwiderte sie kühl, »deshalb habe ich Sie auch hergebeten, um den Schaden zu besichtigen und mir dann jemanden vorzuschlagen, den ich anrufen kann. Ich habe keineswegs vor, einfach irgendjemanden im Internet zu suchen.« Sie schritt über den Rasen auf den Turm zu, stieg dabei über die Trümmerteile, die immer noch dort lagen, und überließ es den beiden Männern, ihr zu folgen.

»Hier ist das Mauerwerk, aber ich komme nicht dahinter, woher es stammt.« Sie sprach den jüngeren Mann direkt an, während er und sein Kollege Monokulare aus den Taschen zogen und damit schweigend am Turm hinaufschauten. Schließlich räusperte er sich, um zu antworten.

»Ich vermute, dass die Zinnen letzte Nacht direkt vom Blitz getroffen wurden«, sagte er zu ihr. »Wie ich sehe, ist eine von ihnen abgebrochen, aber das scheint das geringste Ihrer Probleme zu sein. Auf dieser Seite verläuft vom Dach abwärts ein Riss über etwa ein Drittel der Fassadenlänge. Er reicht bis zum Fensterrahmen herunter. Das muss sich dringend jemand anschauen.«

»Können Sie mir denn jemanden empfehlen, der es sich ansieht?«

»Wir haben eine Liste mit bewährten Firmen. Sie werden zuerst ein Gerüst aufstellen, um sich den Schaden richtig anschauen zu können. Das wird nicht billig«, sagte der Ältere der beiden und klang dabei fast erfreut. Ambers Bedürfnis, ihm eine Ohrfeige zu verpassen, wurde stärker. Sie ballte die Hände zu Fäusten.

»Kein Problem, das zahlt die Versicherung«, sagte sie leichthin, während sie inständig hoffte, dass diese Annahme richtig war.

Zwei Tage später kamen Kenny Clarke, ein spezialisierter Restaurator, und sein Sohn Pete mit einer Lastwagenladung Gerüstteile an. Das Gerüst wurde drei Tage lang vor dem Haus von ihnen und gefühlt einem Dutzend Gerüstbauer zusammengesetzt. Sie klopften und schlugen, pfiffen, lachten und riefen, während sie allmählich einen riesigen Metallkäfig um den Turm errichteten. Amber versuchte, sich im Arbeitszimmer zu verstecken, da sie schon an Tag eins gemerkt hatte, dass jemand mit einem Tablett voller Tassen und einem hoffnungsvollen Lächeln an der Hintertür auftauchte, sobald sie in der Küche entdeckt wurde. Meistens war es Pete, der tiefblaue Augen hatte, die jedes Mal funkelten, wenn er grinste. Es war sonnenklar, weshalb die anderen Arbeiter immer ihn schickten, um nach Tee zu fragen. Als sie sich einmal mit ihm unterhalten wollte, stellte sie jedoch sehr schnell fest, dass er trotz seines markant guten Aussehens sehr schüchtern war.

Nun saß sie an ihrem Laptop, neben ihr auf dem Schreibtisch ein Stapel staubiger, zerlesener Krimis aus den 1950ern, und konnte sich nicht konzentrieren.

Irgendetwas an dem Zimmer fühlte sich falsch an; allerdings kam sie nicht darauf, was jetzt anders war. Soweit sie sehen konnte, war kein Möbelstück verrückt worden. Dank der dicken Staubschicht, die alles bedeckte, hätte man leicht feststellen können, wenn etwas verändert worden wäre. Tatsächlich lag etwas Seltsames über dem ganzen Haus, und was immer es war – am stärksten nahm sie es in der Bibliothek unten im Turm wahr. Im schwachen Licht, das die kleinen Fenster hereinließen und das jetzt noch durch die Fülle von Gerüststangen verringert wurde, fühlte sich der Raum merkwürdig an, unruhig. Als wäre er nicht glücklich mit den Arbeiten, die da draußen vonstatten gingen – ein alberner Gedanke, sagte sie sich. Dennoch war die Atmosphäre gestört, und manchmal war sie sich sicher, beobachtet zu werden, auch wenn ein rascher Blick durch das Zimmer bewies, was sie bereits wusste – sie war allein.

Schon wenige Stunden, nachdem die beiden Männer ihre Untersuchung begonnen hatten, stand Kenny mit einem kleinen Päckchen an der Hintertür und fragte, ob er mit ihr und ihrem Großvater sprechen könne. Er war nicht so heiter wie sonst, und nachdem sie ihn in die Küche gebeten und ihm einen Platz am Tisch angeboten hatte, ging sie ihren Großvater suchen.

»Es ist weit schlimmer, als von unten zu sehen war«, begann er, sobald sich alle mit einer Tasse Tee gesetzt hatten. »Es müssen umfangreiche bauliche Maßnahmen ergriffen werden. Der Riss, den wir entdeckt haben, ist größer, als ich anfangs dachte, und er wird sich über kurz oder lang an der Turmwand nach unten hin immer weiter verlängern, bis die ganze Ecke abschert und alles einstürzt. Der Fensterrahmen hat sich so stark gelockert, dass wir ihn herausnehmen mussten, bevor er abfällt und das alte Glas zu Bruch geht. Das hier hat Pete auf dem Fenstersims gefunden.« Er legte das Päckchen, das er mitgebracht hatte, vor Amber auf den Tisch.

Noch bevor sie es nahm, wusste sie, dass es sich um etwas Besonderes handelte, und eine Gänsehaut überlief ihre Arme, sodass sich alle Härchen aufrichteten. Ein kleiner rechteckiger Block, der grob in ein besticktes braunes Leinentuch eingeschlagen war, das an den Ecken ausfranste. Das Ganze verströmte einen modrigen Geruch mit einem Hauch von Gewürzen und Weihrauch, der Amber kurz an ihr und Jonathans Zuhause erinnerte und an seine alte Kirche nebenan. Als sie es in den Händen hielt, hatte sie den Eindruck, dass die Luft einen Moment lang erzitterte und sich verzerrte. Amber ließ es in ihren Schoß sinken und versuchte, dem Gespräch der beiden anderen zu folgen. Was immer in dem alten Tuch verborgen war wollte sie sich erst ansehen, wenn sie allein war.

Es folgten weitere Diskussionen über die Arbeiten, die notwendig waren, und nachdem sie Kenny mit noch mehr Tee sowie Schokoladenkuchen für ihn und Pete wieder nach draußen entlassen hatten, ging Amber, das Bündel fest an die Brust gepresst, ins Arbeitszimmer. Sie legte es auf den Schreibtisch und schlug vorsichtig das Leinen auseinander, das vom Alter vergilbt und braun geworden war und stellenweise dunkle Flecke aufwies. Der stechende Duft alter Bücher und bitterer Kräuter schlug ihr entgegen, und sie schloss einen Moment lang die Augen. Der Geruch breitete sich im Raum aus wie ein Geist – da, aber gleichzeitig auch nicht da.

Er rief ihr kurz Jonathan und seine Kirche ins Gedächtnis. Seine Weihe und die anschwellenden Stimmen der Chorknaben, als sie das »Ubi Caritas« sangen und die Worte ehrfurchtsvoll ins Gewölbe hinaufsteigen ließen, während ihr Mann in seiner schwarzen Robe mit ausgestreckten Armen und Beinen auf dem Boden lag, der von den tiefen, kraftvollen Klängen der Orgel vibrierte. Das farbige Licht, das durch die Buntglasfenster hereinströmte, schien durch den Weihrauch hindurch und erzeugte einen nebligen Regenbogen. Sie hatte Jonathans starke Leidenschaft für die Theologie und seine absolut felsenfeste Überzeugung von seinem Glauben nie verstanden, doch jetzt wünschte sie sich mehr als alles andere, sie hätte ebenfalls einen solchen Felsen, an den sie sich klammern konnte und der sie retten würde. Sie schloss einen Moment lang die Augen und überließ sich dem nun schwächer werdenden Duft. Er enthielt die scharfe, beinahe metallische Note eines intensiven Gewürzes, das sie nicht einordnen konnte.

Amber schaute sich den Stoff genau an und untersuchte die schwere Stickerei. Sie sah uralt aus. Vorsichtig entfernte sie das Tuch von dem Gegenstand, den es umhüllte. Sie sog scharf die Luft ein, als sie merkte, was sie da in der Hand hielt: ein kleines ledergebundenes Gebetbuch, dessen dicker Einband hauchzarte Seiten umfasste – offenbar aus dem Besitz einer höher gestellten Dame.

Umgeben von prächtigen Buchmalereien – erlesenen biblischen Illustrationen, die eine solche Strahlkraft besaßen, dass man meinen konnte, sie seien gerade erst vollendet worden – stand auf der Innenseite des Einbands in einem alten englischen Schriftstil, dessen Entzifferung Amber ein wenig Mühe kostete:

Dieses Buch wurde mir, Eleanor, anlässlich unserer Vermählung von meinem lieben Gemahl überreicht.

Sir Greville Richard Lutton, geboren im Juni 1508

Eleanor Lutton, geboren am 29. November

im Jahre des Herrn 1520

Darunter stand in derselben Manier und mit Verzierungen:

Jane Elizabeth Lutton, geboren am 7. August 1534

Henry Greville Lutton, geboren am 15. Mai 1539

Ein weiterer, weniger glanzvoller Eintrag lautete schlicht:

Thomas Lutton, Juli 1539

Unter Thomas’ Eintrag stand:

Mary, geborgen in den Armen unseres Herrn,

17. November 1541

Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa

Amber schluckte schwer. Wie es schien, hatte Mary genau wie ihre eigene Tochter, ihre kleine Saffron, ihre Geburt nicht überlebt. Die absolut schlimmste Erfahrung, die Eltern je machen konnten. Ein Schmerz, der für immer in ihr Herz eingebrannt war. Aber warum hatte die Verfasserin dieser Worte Mea culpa hinzugefügt? Wie konnte sie glauben, dass es ihre eigene Schuld gewesen war? Auch wenn Amber genau wusste, wie sich das anfühlte, dieses überwältigende Gefühl von Schuld. Gegenüber dem Frontispiz, dieser ersten Seite mit der Liste der Geburten, stand noch etwas auf Lateinisch, aber es war unordentlich gekritzelt, als hätte sich jemand beeilt, und es gab keine kunstvollen Verzierungen wie auf der anderen Seite. Ambers Blick blieb an der ersten Zeile hängen, und sie freute sich, dass sie dank ihres Berufs in der Lage war, sie zu übersetzen:

infans filia sub pedibus nostris requiescit

»Eine kleine Tochter liegt unter unseren Füßen«

Was war mit dieser Inschrift gemeint? War es eine Grabinschrift für Mary? Sie spürte, wie ihr Herz immer schneller schlug. Es war, als hätte dieses Buch sie gefunden, als hätte es im Turm auf sie gewartet, um sich mit ihr zu vereinigen. Zwischen ihr und Eleanor, der ursprünglichen Besitzerin vor Hunderten von Jahren, existierte eine sehr schmerzhafte Verbindung: Sie beide waren trauernde Mütter. Ihr Verdacht bestätigte sich: Dieses Buch war eindeutig sehr alt. War es die ganze Zeit hier in Saffron Hall gewesen?

Auch wenn das Haus nur noch einen Bruchteil seiner ehemaligen Größe hatte, wusste sie aus Berichten und Recherchen, dass es im Mittelalter eine ansehnliche Burg gewesen war. Ein Stundenbuch, ein kleines, persönliches Gebetbuch wie dieses, von Hand geschrieben und nicht gedruckt, musste sehr kostbar für eine Dame gewesen sein. Was für ein Fund! Die Luft um Amber knisterte, und einen Moment lang glaubte sie, ein Flüstern gehört zu haben, als hätten die Mauern des Gebäudes geseufzt und sich ein wenig gerührt – wie eine Vorahnung. Sie musste unbedingt den Rest der lateinischen Passage entziffern, um herauszufinden, ob es darin um Mary ging.

4

1538

»Sir William will dich sprechen«, verkündete Joan atemlos, als sie in Eleanors Gemach geeilt kam, wo diese sich schon fast den ganzen Tag versteckt hielt; sie hatte Patiencen gelegt und in den Dauerregen hinausgeschaut, der ans Fenster prasselte, als würde er Einlass begehren. Eleanor klatschte eine weitere Karte auf den Tisch.

»Warum?« Sie blickte nicht auf. Seit ihr Cousin vor einer Woche eingetroffen war, gab es ein Kommen und Gehen von Leuten, die sie noch nie zuvor gesehen hatte, doch niemand hatte sie behelligt. Sie hatte gehofft, sie hätten vergessen, dass sie da war, aber offensichtlich hatten sie das nicht.

Joan zuckte mit den Schultern. »Ich weiß es nicht«, erwiderte sie und fuchtelte mit den Armen, als könnte sie ihre Freundin dadurch veranlassen, sich zu sputen. »Aber es war eher eine Forderung als eine Bitte, deshalb lässt du ihn besser nicht warten. Du weißt, wie wichtig es für uns beide ist, uns gut mit ihm zu stellen. Wir sind jetzt seine Gäste; wir haben hier keine Rechte mehr.«

Eleanor schob eine eigenwillige Strähne ihres dicken, widerspenstigen Haares unter ihre Leinenhaube und ihre Füße in weiche Lederpantoffeln, dann ging sie mit gemessenen, festen Schritten hinunter in den großen Saal. Es gab keinen Anlass, sich vor einer Begegnung mit ihrem Cousin zu fürchten, sagte sie sich, auch wenn jede Haarwurzel ihrer Haut vor Verzagtheit prickelte und ihr zittriger Atem ihr selbstbewusstes Auftreten Lügen strafte. Joan hatte weise Worte gesprochen: Sie waren jetzt von der Gnade ihres Cousins abhängig, und auch wenn sie ihre Lage hasste, durfte sie das nicht vergessen. Sie nahm eine Anspannung im Raum wahr, als würden alle die Luft anhalten und lauschen, in der Erwartung, dass gleich etwas Schlimmes passieren würde, und das gefiel ihr nicht.

Ihr Cousin saß mit Lady Margaret am Feuer. Am anderen Ende des Saales wurde gerade der Tisch für das Abendessen gedeckt, und Eleanors Bauch knurrte laut. Seit so viele Menschen gekommen waren, hatte sie es vorgezogen, den Mahlzeiten nicht beizuwohnen, sondern später in der Küche zu essen, und meist war nur noch wenig Vernünftiges übrig, wenn sie zum Essen kam. Der intensive Geruch nach verbranntem Fett und Braten wehte durch den riesigen Saal herüber, und ihr lief das Wasser im Mund zusammen.

Eleanor machte einen kurzen Knicks und wartete dann mit gesenktem Blick, bis William zu sprechen begann.

Er zuckte zur Bestätigung leicht mit dem Kopf. »Eleanor, endlich beehrst du uns mit deiner Anwesenheit.«

Sie wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte. Sie bezweifelte, dass er überhaupt bemerkt hatte, dass sie abgesehen von der Messe so oft abwesend war, wie es nur ging. Deshalb presste sie die Lippen zusammen und sagte lieber gar nichts. Er saß im Lieblingssessel ihres Vaters, und Eleanor biss sich in die Wange, um zu verhindern, dass ihr bittere Tränen in die Augen schossen, als er auf den Schemel neben sich deutete und sie sich darauf sinken ließ. Die Binsen – die getrockneten Gräser, die auf die Steinplatten gestreut wurden, um sie sauber zu halten – waren dort, wo er saß, feucht von verschüttetem Bier und fingen schon an zu riechen. Eleanor konnte nicht umhin, angewidert die Nase zu rümpfen. Ihr Vater hatte stets darauf geachtet, dass die Binsen und der Lavendel trocken und frisch waren und dufteten, und sie war erleichtert, dass er nicht mehr miterleben musste, was in ihrem Zuhause geschah. William rülpste laut, und es überraschte sie angenehm, dass selbst Margaret bei dem widerlichen Geräusch zusammenzuckte.

»Eleanor, mein Sohn Robert kommt in den nächsten Tagen hierher. Das ist genau das, was dieses Haus braucht – eine Familie, die es ausfüllt. Wie du sicherlich verstehst, ist das nicht länger dein Zuhause.«

Sie öffnete den Mund, um anzumerken, dass er nun der engste Verwandte war, den sie hatte, doch dann schloss sie ihn wieder, ohne ein Wort zu sagen. Sein Tonfall verriet ihr, dass sie eine Last war, die es so schnell wie möglich loszuwerden galt. Genau wie sie vermutet hatte. Am Horizont ragte dräuend das Nonnenkloster auf.

»Du hast Glück, weil ich arrangiert habe, dass Sir Greville Lutton dich heiratet. Er ist ein reicher Kaufmann und Höfling mit riesigen Ländereien in Norfolk und bereit, dich zu nehmen, auch wenn dir dein Vater keinerlei Mitgift hinterlassen hat.«

Vor Bestürzung konnte Eleanor nicht widersprechen, sie schwieg schockiert. Ein paar Sekunden lang saß sie reglos da und hielt den Atem an. Heiraten? Sie? Und wer war dieser Sir Greville Lutton, von dem er gesprochen hatte?

Viele Mädchen wurden schon mit siebzehn verheiratet, aber sie war davon ausgegangen, dass man sie hinzuzog, dass man ihr eine Wahl ließ, die ihrem Stand entsprach, wie es ihr Vater gewollt hätte. Als Baron, der sich in der Schlacht von Flodden Field hervorgetan hatte und später zum High Sheriff ernannt wurde, hätte er erwartet, dass man das für seine Tochter tun würde. Wenn er nicht so plötzlich gestorben wäre. Zu ihrem Erstaunen winkte Sir William einen Mann zu sich, der am anderen Ende des Saales bei einer Gruppe saß; dieser erhob sich und kam herüber, bis er vor Eleanor stehen blieb und eine tiefe Verbeugung machte. Er war hier?

»Cousine Eleanor, Sir Greville Lutton.« William stellte sie einander vor, als wäre er extrem stolz auf sich. Das war er vermutlich auch, immerhin hatte er sich erfolgreich einer Verwandten entledigt, die sein neues Zuhause belastete. Sie hob ihren Blick zu dem Fremden. Er war weit größer und schlanker als William, mit starken, breiten Schultern. Sein dunkles Haar war kurz geschnitten, ebenso sein Bart, und er sah sie besorgt an. Krähenfüße säumten seine dunklen Augen, über denen dichte, buschige Brauen wucherten. Er wirkte beträchtlich älter als sie.

William und Margaret machten viel Aufhebens darum zu verschwinden und mit ihren Freunden zu Abend zu essen, doch Eleanor war der Appetit plötzlich vergangen. Stattdessen hatte sie das Gefühl, sich jeden Augenblick übergeben zu müssen. Greville setzte sich auf den Platz, den William gerade geräumt hatte, beugte sich vor und stützte die Unterarme auf die Knie. Sein Wams, seine Jacke und seine Kniehose waren vollkommen schwarz, was ihm ein bedrohliches Aussehen verlieh.

»Ich weiß, dass es ein Schock für dich ist.« Seine Stimme war tief, aber überraschend sanft und kultiviert. Eher wie die ihres Vaters als die ihres Cousins. »Aber du hast nichts zu befürchten. Ich kann dir ein sicheres Zuhause und ein gutes Leben schenken. Ich bin Witwer und habe eine kleine Tochter, Jane. Sie ist fast vier Jahre alt und lebt bei mir in Norfolk. Wenn wir verheiratet sind, bringe ich dich dorthin, und ich hoffe, du wirst dein neues Zuhause ebenso lieben wie ich. Leider kann ich nicht so oft dort sein, wie ich gern möchte. Ich treibe Handel in London, wo ich ein erfolgreiches Geschäft habe, das Stoffe und Gewürze aus dem Fernen Osten importiert. Und ich muss Zeit am königlichen Hof verbringen.«

Seine Worte rauschten an ihr vorbei, und sie nahm nichts davon in sich auf. Dieser Fremde sollte ihr Ehemann werden, und sie hatte in dieser Angelegenheit kein Mitspracherecht. Niemanden kümmerte es, ob sie ihn heiraten wollte oder nicht. Schließlich platzte sie mit der Frage heraus, die sie am meisten beschäftigte. »Wie alt seid Ihr, Sir?«

Ein Glucksen drang tief aus seiner Kehle. »Ich bin neunundzwanzig Jahre alt«, erwiderte er. »Ich wurde mit vierundzwanzig mit meiner Frau vermählt. Sie starb bei Janes Geburt. Jetzt brauche ich eine neue Frau, die meinem Haus vorsteht und mir Söhne gebärt. Du bist …« Er hielt inne und ließ den Blick über ihre schlanke Figur gleiten. Eleanor kauerte unglücklich vor ihm; sie trug absichtlich ein Kleid aus tristem braunem Barchent, um sich unter all den fein gekleideten Besuchern so unsichtbar wie möglich zu machen. »Du bist jünger, als ich mir gewünscht hätte in Anbetracht der Tatsache, dass ich ein Haus und ein Anwesen habe, das in meiner Abwesenheit zu führen ist, aber ich vermute, dass du stärker bist, als du aussiehst. Und du hast dieses Haus für deinen Vater geleitet, deshalb wirst du es gut meistern. Morgen statte ich dem Prior einen Besuch ab und bestelle das Aufgebot, und in drei Wochen werden wir heiraten. Dann bleibt mir gerade noch genug Zeit, dich nach Milfleet zu begleiten, bevor ich an den Hof zurückkehre. Und jetzt lass uns zu Abend essen.« Er stand auf und bot ihr seinen Arm an.

Eleanor schüttelte den Kopf. »Ich wünsche nicht zu essen, habt vielen Dank, Sir.« Sie verlieh ihrer Stimme einen kühlen Ton, doch sie konnte selbst hören, dass sie vor Kummer bebte. Langsam erhob sie sich und hielt den Rücken gerade, als sie ruhig und bedächtig zur Treppe ging und sich hinauf in den Schutz ihrer Gemächer begab.

5

1538

In der Dunkelheit der frühen Morgenstunden warf die Glut im Kamin einen glänzend kupferfarbenen Schein auf das Zimmer. Wenn sie jetzt Joan rufen würde, die auf ihrem Feldbett in der Ecke schlief, würde sie sofort das Feuer wieder in Gang bringen, das wusste sie, doch Eleanor fror nicht. Tatsächlich brannte ein Zorn in ihr, der so heiß war wie ein Schmelzofen. Sie ließ sich auf dem Fenstersitz nieder und zog die schweren Vorhänge zurück. Dann legte sie ihre Stirn an das kühle Glas und beobachtete, wie eine Eule lautlos in niedrigem Flug über die Wiese schwebte, vorübergehend aus Eleanors Blickfeld verschwand und dann auf einer der vielen Eichen, die überall im Park verstreut standen, wieder auftauchte. Das war ihre Welt, der einzige Ort, den sie je gekannt hatte. Und heute war ihr Hochzeitstag.

Sie wusste, wo Norfolk, ihre neue Heimat, war – nicht weit weg vom heimischen Suffolk. Ihr Vater hatte ihr Gruselgeschichten von den windgepeitschten, sumpfigen Weiden und den wilden Mooren erzählt, aber es hätte genauso gut ganz am anderen Ende des Landes liegen können, denn morgen, wenn sie Ixworth verließe, würde es kein Zurück geben. Sir William untersagte ihr zwar nicht, Joan mitzunehmen, doch alle anderen in ihrem Leben würden zurückbleiben: Die Dienerschaft und die stillen Mönche mit ihrer sanftmütigen Lebensweise, von denen sie viele als liebe Freunde betrachtete. Ihr Vater war nicht mehr, und nun war ihr Leben hier vorbei.

Als das bleiche Licht der Morgendämmerung allmählich den Himmel erhellte und die Sonne als schimmernder roter Ball tief über dem Horizont hing, saß sie immer noch auf dem Fenstersitz. Durch das Haus drangen die Geräusche, die beim Feuermachen und den letzten Vorbereitungen für das Hochzeitsfest später entstanden. Sie hatte ihren Verlobten seit ihrer ersten Begegnung kaum mehr gesehen; die meiste Zeit hatte er mit den anderen Gästen auf der Jagd verbracht. Diese waren zweifellos alle erpicht darauf, dem Haus und dem wütenden Brüllen des jungen Robert zu entkommen, der vor zehn Tagen angekommen war und seine Anwesenheit Tag und Nacht kundtat. Nirgends im Herrenhaus konnte man dem ständigen zornigen Geschrei des Babys entrinnen. Sir William lachte nur und stahl sich dann den ganzen Tag mit seinem Pferd davon. Kein Wunder, dass seine Frau ständig ein mürrisches Gesicht machte; wahrscheinlich hatte sie auch Kopfschmerzen. Wenn sie endlich wieder am Hof wären, würde sie diesem Krach entrinnen. Hier in Ixworth war das weit schwieriger.

Joan erschien schweigend in der Tür, sie trug eine Schüssel mit dampfendem Wasser und Rosenblütenblättern. Nachdem Eleanor sich gewaschen hatte, half Joan ihr, sich anzuziehen, bevor sie sich zur Frühmette ins Kloster schlichen. Tief in ihrem Inneren ahnte Eleanor, dass sie das am meisten vermissen würde.

Sie kniete mit geschlossenen Augen auf dem kalten Steinboden und war sich Joans gleichmäßiger Atemzüge neben sich bewusst, während sie von den vertrauten lateinischen Gebeten eingehüllt wurde. Sie murmelte automatisch ihre Antworten, während sie die Perlen ihres Rosenkranzes durch die Finger gleiten ließ und ihren Gedanken erlaubte zu wandern. War Joan genauso besorgt wie sie wegen des Umbruchs in ihrem Leben? Ihr Cousin hatte sogleich eingewilligt, als Eleanor darauf bestanden hatte, dass ihre Freundin sie begleitete. Doch für Joan war das nichts Neues – sie hatte ihre eigene Familie verlassen, entfernte Verwandte von Eleanors Mutter –, um Eleanors Vertraute zu werden, weil man glaubte, dass Eleanor zarter weiblicher Gesellschaft bedurfte. Auch wenn Joan die Ruhigere der beiden war, wusste Eleanor, dass ihre Freundin eine innere Stärke besaß, die sie selten offenbarte, und dies würde ihnen beiden in ihrem neuen Leben helfen.

Doch Ixworth war nicht Joans Zuhause, und sie würde auch nicht heiraten, mit allem, was dazugehörte. Eleanor schluckte schwer. Sie wusste, was im Ehebett geschah, und Greville war kein Junge in ihrem Alter. Er würde Erwartungen haben, daran zweifelte sie nicht. Deshalb, nein – um ihre eigene Frage zu beantworten: Joan hatte nur wenig Grund zur Sorge.

Die Stimmen der Mönche hoben sich zu den letzten Takten des »Te Deum«, das zu der gewölbten Decke aufstieg, während der schwere, süßliche Duft des Weihrauchs durch das Kirchenschiff waberte und der Gottesdienst zu Ende ging. In sechs Stunden würde sie wieder hier sein, und man hatte sie bereits unterrichtet, dass sie früh am nächsten Morgen nach Norfolk aufbrechen würden. Das war es nun – zum letzten Mal war sie hier allein, um sich zu verabschieden.

»Geh schon mal vor«, sagte sie, »ich komme gleich nach.«

Joan sah sie unsicher an. Glaubte sie, Eleanor würde weglaufen? Wenn es einen Ort gäbe, an den sie flüchten könnte, wäre sie schon längst fort.

»Ich will mich jetzt verabschieden«, fügte sie hinzu. Joans Gesicht hellte sich auf, sie lächelte milde und nickte. Dann drückte sie Eleanors Arm ein wenig. »Wir müssen noch die letzten Sachen packen«, ermahnte sie sie.

»Das habe ich nicht vergessen – wenn ich zurückkomme, wird noch genug Zeit sein. Es wird ein langer Tag werden.«

Joan verschwand durch die Tür der Kapelle. Eleanor blieb schweigend im morgendlichen Dämmerlicht hinten in der Kirche zurück. Inzwischen hatten sich die Mönche alle verstreut, um ihrer Arbeit nachzugehen, nur zwei waren zurückgeblieben. Sie bliesen die Kerzen aus und säuberten die Kerzenständer. Ihre Bewegungen waren fließend, als wären sie in einen uralten religiösen Tanz vertieft, ihre Kutten aus grobem Wollstoff streiften leise den Boden – das einzige Geräusch, das sie von sich gaben. Schließlich gingen auch sie, und Eleanor war allein; Einsamkeit und Stille hüllten sie wie eine vertraute, tröstliche Decke ein. Doch ihr blieb wenig Muße, innezuhalten und dies zu würdigen. Ihre Zeit war abgelaufen.

Nach einem kurzen Besuch draußen am Grab ihrer Eltern war sie hier fertig mit dem Verabschieden; sie vermisste sie, hatte aber akzeptiert, dass sie für immer fortgegangen waren. Sie lief weiter, bis sie in den Kräutergarten des Klosters gelangte. Ausgehend von einem zentralen Beet war er in Abschnitte unterteilt, die Sonnenstrahlen ähnelten. Jeder davon enthielt Kräuter, mit denen man Krankheiten verschiedener Körperteile heilen konnte. Dahinter wuchsen in einem separaten Beet Pflanzen, die die Mönche verwendeten, um Farben für ihre bunten Tinten herzustellen. Als hätte er sie schon erwartet, war der Prior bereits da, er pflückte behutsam junge Triebe von einer Fieberkrautpflanze. Als er sie sah, richtete er sich auf und lächelte, dann gingen sie gemeinsam zu einer Holzbank, die an der Steinmauer des Gartens stand. Dort hatte ihr Vater immer gesessen, wenn er zugeschaut hatte, wie sie den Mönchen im Garten half. Oder an den vielen Tagen, an denen sie drinnen den Kopisten zusah und ihre raffiniert illuminierten Texte, die sie in mühevoller Kleinarbeit anfertigten, kopierte.

In einträchtigem Schweigen saßen die beiden einige Minuten lang da, bis er schließlich fragte: »Bist du bereit für deine Hochzeit und die nächste Etappe deiner Reise?«

Eleanor zuckte mit den Schultern. »Ich denke schon. Ich werde diesen Ort so sehr vermissen. Aber nichts bleibt für immer, wie es war, oder?« Es gelang ihr, ein wenig zu lächeln, als wollte sie ihn beruhigen und nicht sich selbst, und seine alte Hand, deren Adern pulsierten und deren Haut dünn wie Pergament war, tätschelte die ihre.

»Weise Worte. Selbst hier in unserer frommen Abgeschiedenheit, wo seit Jahrhunderten alles gleich geblieben ist, werden womöglich schon bald Veränderungen eingeläutet«, erwiderte er. Ihr war klar, dass er von den Beamten des Königs sprach, die Klöster schlossen. Niemand wusste, wo sie als Nächstes auftauchen würden. Eine unheilvolle Atmosphäre der Angst hing ständig über ihnen, heftete sich lautlos an das Gefüge ihres Lebens. »Nun«, sagte er, um das Thema zu wechseln, »ich habe ein Geschenk für dich. Es ist kein Hochzeitsgeschenk, sondern etwas, das ganz speziell für dich gedacht ist. Komm mit.« Zittrig erhob er sich und ging zu einem Holzverschlag an der gegenüberliegenden Mauer, in dem die Gartengeräte der Mönche aufbewahrt wurden. Er griff hinein und zog eine stabile Holztruhe mit Schnitzereien hervor. Eleanor hob den Deckel an, um hineinschauen zu können. Sie schien mit kleinen, knorrigen Zwiebeln gefüllt zu sein. Fragend blickte sie zu ihm auf.

»Krokusknollen«, sagte er, »damit du in deinem neuen Zuhause deinen eigenen Safran anbauen kannst. Du hast gesehen, wie wir ihn hier an unserem Standort anbauen, du hast viele Male bei der Ernte und beim Trocknen geholfen, und du weißt den Wert des Safrans zu schätzen – nicht nur in Bezug auf Geld, sondern auch in Bezug auf seine Verwendung. Dies ist die Mitgift, die dir das Kloster schenkt. Wir werden dir die Truhe nachher bringen.« Er blickte auf sie hinab und lächelte sanft. Es war das Lächeln eines Vaters für die Tochter, die er nie hatte.

»Danke, das ist so freundlich von Euch. Die Knollen sind sehr kostbar für mich.« Sie schloss den Deckel der Truhe, dann ließ sie sich auf ein Knie sinken und küsste den Ring an seiner Hand. »Ihr werdet für immer in meinen Gedanken sein«, versprach sie und verließ den Garten. Sie war entschlossen, nicht mehr zurückzublicken, Tränen in ihren Augen ließen ihre Sicht ohnehin verschwimmen.

Der Rest des Vormittags ging rasch vorbei. Die Düfte und die Geräusche, die aus der Küche drangen, verrieten, wie aufgeregt die Dienerschaft war, dass sie nach der Trauer der vergangenen Monate endlich einen glücklichen Anlass vorzubereiten hatten. Für sie war die Vermählung ein Grund zu feiern, wenn schon nicht für Eleanor, und sie waren entschlossen, ihr ein beeindruckendes Hochzeitsfest zu bereiten. Schon seit Tagen waren sie damit beschäftigt, Schwäne, Gänse und Wildschweine zu braten. Die Regale der kühlen Speisekammer bogen sich unter eingekochten Früchten, süßem Gebäck, Kuchen und Vanillesoßen sowie einer herrlichen Hochzeitstorte.

In ihrem Zimmer war die letzte Truhe noch offen, damit die letzten Sachen hineingepackt werden konnten; Eleanor saß stumm da, während Joan sie frisierte. Ausnahmsweise war ihr Haar nicht bedeckt; in die engen, unbequemen Zöpfe, die um ihren Kopf lagen, waren Blumen und Perlen eingeflochten. Schließlich wurde der feine Batistschleier, den auch ihre Mutter getragen hatte, an ihrem Kopf festgesteckt. Schon jetzt litt sie in Gedanken und im Herzen. Sie trug ihr bestes Kleid, es bestand aus Wolle und hatte ein gedämpftes Blau – der perfekte Kontrast zu ihrem auflohenden Haar, das leuchtete, als würde es in Flammen stehen. Ihr Blick huschte immer wieder zu dem Bett hinter ihr, seine Vorhänge waren zurückgezogen und gaben den Blick frei auf die Tagesdecke, die ihre Mutter in den ersten Jahren ihrer Ehe, vor Eleanors Geburt, bestickt hatte. Ihr Vater hatte ihr oft versichert, wie sehr sich ihre Mutter gefreut hatte, ein Kind zu bekommen.

Erst vor ein paar Tagen war Lady Margaret uneingeladen in ihr Zimmer gefegt und hatte die Möbel und die Ausstattung inspiziert; sie hatte erklärt, dass dies ihr Zimmer werden würde, sobald Eleanor fort war. Mir hämischem Blick hatte sie an der Tagesdecke herumgefingert, und Eleanor hatte sofort beschlossen, dass sie in ihrem Gepäck noch Platz für ihre Tagesdecke finden musste, ganz egal, was sonst noch eingepackt wurde. Bereits jetzt fühlte sich das Zimmer nicht mehr wie das ihre an, und heute Nacht würde ihr Ehemann zu ihr in dieses Bett steigen. Sie schauderte, und Joan stieß einen missbilligenden Laut aus, als eine Haarnadel zu Boden fiel.

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