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Die Hälfte von allem

Als Buch hier erhältlich:

Barcelona von unten: Ein Trio von Desesperados, kleine Fische, denen der Mut zum großen Verbrechen fehlt, späht in Stundenhotels Pärchen nach – und bittet dann mit entsprechenden Beweisen zur Kasse. Bis sie an Max geraten, dem sich mit dem unverhofften Erpressungsversuch plötzlich ein Ausweg aus seiner eigenen verzweifelten Lage zu bieten scheint. Carlos Zanón, in Spanien als neuer Stern am Literaturhimmel gefeiert, hat ein dunkles Meisterwerk über die Abgründe von Liebe und Gesellschaft geschrieben – ungezügelt, brutal und voll zerstörerischer Leidenschaft.


  • Erscheinungstag: 29.09.2014
  • Seitenanzahl: 336
  • ISBN/Artikelnummer: 9783312006410
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

When your’re alone and lonely in your midnight hour

And you find that your soul, it’s been up for sale

And you begin to think about all the things that you’ve done

And begin to hate just everything

But remember the princess who lived on the hill,

who loved you even though she knew you was wrong

and right now she just might come shining through

and the glory of love

glory of love, glory of love just might come through

Lou Reed, Coney Island Baby

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Leute, die nicht gut vergessen, schaden sich selbst. Denn Leute, die nicht gut vergessen, biegen sich die Wahrheit zurecht, verschludern Namen, blenden Menschen und Orte aus und erinnern sich am Ende nur noch an das Gute.

Cristian ist so einer, der nicht gut vergisst. Deshalb wird er sie vermissen, wenn er an sie denkt, egal, wie sehr er sich jetzt einredet, dass sie nur ein schlechter Witz ist, eine alte Jungfer, die Gott weiß was auf sich hält, eine erfundene Stadt in einem Land, das es nicht gibt.

Weil er nicht gut vergisst, wird er sich nur noch an die Momente erinnern, in denen er und Barcelona gut miteinander auskamen. Wird sich erinnern an jene Luken und Rutschen, die sich plötzlich unter seinen Füßen auftaten, nachts, in dieser flüssigen Stadt. Wird sich erinnern an die Zeiten, als Drogen flossen wie ein wild gewordener Fluss und alle lachten und sich was einwarfen und wieder lachten und sich was einwarfen. Wird sich erinnern an röhrende Motorräder in den Gassen des Barrio Gótico. Wird sich erinnern an den Mond, der in seinem Glas Gin gefangen war. Woran er sich jedoch nicht erinnern wird, ist die Kälte im Februar. Die Gleichgültigkeit. Die Arroganz des überlegenen Anderen. Die Typen mit Hornbrille, Lederjacke und NGO-Ausweis, die ihre chinesischen Töchter spazieren führen. Die Yuppieweiber mit frisch gewaschenen Haaren, Skipass und Katalonien im Herzen, die partout nichts anziehen wollten, was ihren Reichtum verraten könnte. Nein, an nichts davon wird Cristian sich erinnern, sehr wohl aber an die verlassene Stadt im Morgengrauen, wenn er nach Hause ging. An die Stadt der nassen Straßen. Die ewige Besiegte. Nicht an die Stadt mit dem erhobenen Arm, die Stadt der faulen Absprachen, des Reden wir drüber? Nein, nach der anderen Stadt wird er sich sehnen, der Stadt mit den dunklen Ecken, der anonymen Metropole, an der einst die Helden an die Wand gestellt wurden, der Stadt der Rumbitas und Elektrosongs und der Dreikönigsnächte. Nach Barcelona, der Stadt, die pünktlich zum Morgen die Kaffeemaschinen anwirft. Der Stadt der Plätze mit den Brunnen ohne Wasser. Der Stadt der Märkte über Schichten aus Eis, Blut und grauem Fisch. Der Stadt der leeren Kirchen, der Blumen, die ohne Sauerstoff in ihren Plastikgräbern liegen.

Cristian – dunkler Teint, schlank, leicht schielender Blick – schlendert die Plateria entlang, die Via Laietana, die Ferran, die Hände in der Jacke, den Henkel seiner Reisetasche unter die Achsel geklemmt, auf der Suche nach einem Café, in dem er vor seinem Treffen mit Max noch schnell was frühstücken kann. Er kommt an einem vorbei. Alt, neu, schwer zu sagen. Kurz darauf macht er sich über einen Milchkaffee und ein leckeres Croissant her. Seine Finger kleben regelrecht am Karamell. Manche Leute machen ihre Arbeit halt noch gut, denkt er. Wenn du für so ein Croissant dasselbe zahlst wie für eines dieser Kleisterhörnchen, die sie dir sonst andrehen, wozu sich groß anstrengen? Aus demselben Grund wie sonst auch, hat sein Vater immer zu ihm gesagt. Wenn du etwas gut machen kannst, Cristian, warum solltest du es dann schlecht machen? Schon komisch, verheddert sich Cristian weiter in seinen Gedanken, dass man alles, was Mütter einem sagen, vergisst, während man das, was Väter einem sagen, nie wieder aus dem Schädel kriegt. Vielleicht kann einfach nichts den bitteren Likör der toten Eltern ganz auflösen, der Eltern, die gegangen sind, der Eltern, die entweder du verlässt oder die dich verlassen.

Der Kratzer, der ihm quer über die Wange bis zur Lippe reicht, brennt nach wie vor. Gerade ist seine Zunge zum Mundwinkel gewandert, und weil es gebrannt hat, musste er an Mireia denken. Er hat ihr nicht sagen wollen, dass er abhauen wird. Er hat es einfach tun wollen, Schluss aus. Aber sie musste ja in seinen Sachen rumschnüffeln und hat das Zugticket entdeckt, ist ausgerastet, war nicht mehr zu beruhigen. Ja, er hat sogar mal mit dem Gedanken gespielt, sie mitzunehmen. Aber das ist lange her. Man nimmt doch keine Frau mit, bei der man keinen hochkriegt, oder? Das hat er ihr auch so gesagt. Wollte sie nicht die Wahrheit hören? Hier, da hast du sie, die Scheißwahrheit. Und jetzt sieh zu, was du damit anfängst. Mit der verfluchten Wahrheit. Du törnst mich nicht an, hat er zu ihr gesagt. Du bist im Bett wie eine Nonne. Wenn ich dich nackt sehe mit deinen Ziegenbrüsten und deinem Schinkenarsch, rührt sich nichts bei mir. Oh, tut wohl weh, die Wahrheit, brennt! Ist aus Stein, aus hartem Stein, die Frau Wahrheit. Er sei ihr dankbar für alles, was sie für ihn getan habe, aber er sei nicht ihr Freund oder Retter. Ihr Sant Jordi, wie sie ihm mal in einen Gedichtband geschrieben hat, ein Geschenk zum Tag des Buchs. Sie solle sich ihren Märchenprinzen unter den Säufern in ihrer Kneipe suchen. Und schnell an der Fußstange festbinden, damit er nicht flüchten kann. Adiós, Mireia. Ich gehe. Vergiss mich. Und lern um Himmels willen, wie man fickt. Denn nur so kannst du einen Mann halten. Lern endlich, was alle anderen Frauen längst wissen, sogar die dümmsten: dass man schon vorher schreien muss. Da hatte Mireia sich auf ihn gestürzt. Ihn beschimpft, ihre Fingernägel aus Porzellan und Biestigkeit ausgefahren und ihm so selbstverständlich das Gesicht zerkratzt wie ein Kind Wolken auf ein Blatt Papier kritzelt. Als er ihre Handgelenke zu packen bekam, war es bereits zu spät. Er hat sie ihr so sehr verdreht, dass sie in die Knie ging, aber da hatte sie ihn schon gekratzt. Das Gesicht tat ihm dermaßen weh, dass er sogar die Hand hob. In diesem Moment hatte er an Bruno gedacht und beschlossen, sich nicht auf dessen Niveau zu begeben. Er hatte noch nie eine Frau geschlagen, und jetzt war nicht der Moment, um sich endgültig in einen Scheißkerl zu verwandeln.

Er schlägt die Zeitung auf, und der Zufall erlaubt sich einen Scherz mit ihm. Hellseherische Kräfte. Gerade noch hat er die Hand gegen Mireia erhoben, und jetzt stößt er auf eine Kampagne gegen die Misshandlung von Frauen. Ein wichtiger Typ, den er nicht kennt. Ein Schauspieler, Moderator oder so was zeigt mit tadelnden Äuglein einem Frauenverprügler die rote Karte. Mir brauchst du sie nicht zu zeigen, ich hätte fast, hab aber nicht, denkt Cristian, von seinem Humor selbst überrascht. Er blättert um. Offenbar sind gerade Wahlen gewesen. Hat er gar nicht mitgekriegt. Gewonnen hat sie ein Typ, der grinst, und verloren einer, der nicht grinst. Beide schicken ihre Kinder auf eine Privatschule und sind mit Blondinen aus reichem Elternhaus verheiratet. Der Gewinner streckt die Hand aus. Der Verlierer schüttelt sie. Die Tür des Cafés geht auf. Ein Loser mit Rastalocken kommt rein. Barfuß, Bermudashorts, Bart, dunkle Hautfarbe. Ein Araber, Nordafrikaner, vielleicht auch nur einer, der vor Dreck strotzt. Er zittert. Arme Sau, bei der Kälte, denkt Cristian. Der Typ hat einen dampfenden Styroporbecher in der Hand. Bettelt um irgendwas, Brot, so ein Ding, wie er da gerade eins isst. Der scheidende Präsident quatscht von der Lektion, die er gelernt hat. Der kommende von Demut. Der Kellner gibt dem Rastamann zwei Croissants, geleitet ihn zur Tür und empfiehlt ihm, es beim nächsten Mal in der Konditorei zu versuchen. Die komme es billiger. Oder gleich in der Suppenküche. Dort sei sowieso alles gratis. Der Typ schafft es keine Woche mehr, denkt Cristian, der beinahe auch mal soweit gewesen wäre. Bruno hat sie damals gerettet. Raquel und ihn. Ob er will oder nicht, der Splitter des Undanks, des Verrats auf seinem Handteller brennt stärker als Mireias Kratzer im Gesicht. «War doch schon immer so, Bruno. Man bringt es jemandem bei, der schnallt den Trick, schnappt sich das Geld, und schon ist er weg.» Der Kellner, um die sechzig, Glatze, galizischer Akzent, sieht Cristian an und zuckt die Schultern. «Freier Fall», sagt einer am Tresen. Aber er meint nicht die Welt oder den Bettler. Alle reden heute nur von Barça, das am Samstag Madrid auseinandergenommen hat. Da wird Bruno ja drauf sein. Wenn Raquel ihm heute auch nur ein bisschen auf den Sack geht, knallt’s im Karton, da nützen auch die roten Karten in der Zeitung nichts.

Cristian hat die Tasche mit seinen Sachen dabei. Der Plan ist, das Geld von Max zu kassieren und die Biege zu machen. Mehr wird er ihn nicht triezen. Wird ihn in Ruhe lassen. Man soll ja nicht übertreiben. Hauptsache, er hat genug Kohle, um zwei oder drei Monate einen auf lau zu machen und sich da unten was aufzubauen. Er wird mit seinen Freunden reden. Irgendeiner wird schon noch am Leben sein. Germán zum Beispiel, der mit der Imbissbude an der Playa de los Atunes. Das weiß er hundert pro. Könnte ihm vorschlagen, bei ihm einzusteigen. Das Zugticket hat er für Freitag Abend gekauft. Heute ist Dienstag. Bis dahin wird er bei Raquel und Bruno pennen. Er hätte auch woanders unterkommen können, aber so war’s ihm am liebsten. Bruno in der Nähe zu haben spielt ihm in die Karten. Bruno ahnt was, aber er weiß nicht, was, wo oder wie. Höchste Zeit, die Kurve zu kratzen. Lieber seinen Arsch retten, als sich von der Habgier treiben zu lassen. Bruno ist der Zocker, nicht er. Das darf er nicht vergessen oder andersherum erinnern, wie’s ihm manchmal passiert, wenn sich ihm der Kopf dreht und er Erinnerungen erfindet oder diese Erinnerungen ihn direkt reinlegen und ihm vorgaukeln, was nicht ist.

Raquel hat sich über seinen Anruf heute Morgen gefreut. Es war der letzte Anruf mit dem geklauten Handy. Einem Nokia, das gerade den Geist aufgibt. Cristian nutzt die letzten Zuckungen, um sich – neugierig, wie er ist – die Fotos anzuschauen, die der Mexikaner darauf gespeichert hat. Frau, Töchter, Freunde. Dann verarabschiedet sich das Handy endgültig. Adios, Señor Nokia. Raquel war gut gelaunt, weil sie einen Brief vom Krankenhaus bekommen hat. Sie sei in das Vorbereitungsprogramm für die Transplantation aufgenommen worden. Auch sie wird er verlassen. Noch hat er es ihr nicht gesagt. Wahrscheinlich wird er es ihr auch nicht sagen. Er hat Angst vor ihrer Reaktion. Aber sie ist eben auch nur ein Ballast, den er möglichst schnell abwerfen muss. Er hat sie schon viel zu lang am Hals. Jahre. Jetzt wird er fliegen. Weit, hoch, frei. Im Fernsehen guckt Cristiano Ronaldo wie ein Angeber, dem man mit dem Bügeleisen die Fresse poliert hat. Dann quatscht ein Moderator, verabschiedet das Publikum. Was er sagt, interessiert keinen. Er wird ersetzt durch einen fetten Schwarzen im Pyjama. Halbnackte Weiber tanzen um ihn herum, putzen ein Auto, wackeln mit dem Arsch. Manche haben einfach Glück, denkt Cristian: ficken sich fröhlich durchs Leben. Danach kommt die Fernsehversion der Kampagne gegen die Misshandlung von Frauen. Rote Karte. Ja, wir haben’s kapiert, man darf kleine Mädchen nicht schlagen, es nervt.

Er zahlt, lässt Trinkgeld liegen, geht. In einer Gasse neben dem Café sitzt der Bettler von vorhin in Hindumanier. Verschlingt gerade den letzten Zipfel des letzten Croissants. Cristian geht zu ihm, gibt ihm einen Zehner und das unbrauchbare Handy, das Bruno in dieser Horrornacht mit Supermami hat mitgehen lassen.

«Irgendwas kriegst du schon noch dafür. Verstehst du? Und such dir ein Plätzchen, wo du nicht frieren musst.»

«Ja, ja.»

«Kopf hoch. Gerade waren Wahlen. Gewonnen haben die von hier, die Guten. Und Barça hat auch gewonnen. Gegen die Bösen.»

«Barça, Barça, Barça», schallt es aus dem zahnlosen Mund voller Speichel und Krümel.

Als Cristian an der Plaza Castilla ankommt, wartet Max schon auf ihn. In diesem Augenblick fällt ihm auf, dass er immer, wenn er sich mit Max trifft, zufällig eine Schramme im Gesicht hat. Er muss grinsen. So macht der Typ sich noch mehr in die Hosen, denkt er. Der Typ ist und bleibt eben ein Schisser. Einer, der nicht den Mumm hat, sich eine Frau aus den Eingeweiden zu reißen. Hat Glück, dass er sich diese Feigheit finanziell leisten kann, die Sache mit der Liebe und diesen ganzen Quatsch.

Cristians Sensoren zeigen an, dass sich bei seinem Opfer etwas geändert hat. Max hat offenbar seit Tagen nicht geschlafen und befindet sich in einer Art Dauerdelirium. Ist ungekämmt. Graumelierter Viel-zu-viele-Tage-Bart. Zerknitterte Kleidung. Flecken auf dem Revers. Cristian treibt sich die Euphorie aus und bindet seinem Körper, wie einen Harnisch, Vorsicht um.

«Wie geht’s?»

«Gut.»

«Hast du das Spiel gesehen?»

«Ja.»

«Ihr habt gewonnen.»

«Ich hab gesehen, dass du ein paar Mal angerufen hast.»

«Geschenkt.»

«War nicht nötig. Oder hältst du mich für einen Vollidioten?»

«Soll ich dir wirklich darauf antworten?»

«Die Anrufe sollten wohl eine Warnung sein.»

«Schon möglich.»

«Weißt du was? Du kannst mir nichts mehr anhaben, weil ich nämlich alles verloren hab.»

«Hast du das Geld dabei?»

«Bist du taub, oder was? Ich bin am Arsch.»

1

Mit seinem Gehalt kann Max zwar die Miete seiner Wohnung bezahlen, die in der Calle Mandri liegt, in einem Gute-Leute-Viertel, das am Wochenende zur Geisterstadt wird. Aber wenn er die Alimente abzieht, bleibt ihm kaum noch was zum Leben, ausgehen, Kino am Freitag- oder Samstagabend, Handy, Anzug in die Reinigung und den einen oder anderen kleinen Luxus in Form eines Buchs oder einer CD. Andererseits kann er sich trotzdem glücklich schätzen, dass es überhaupt einigermaßen reicht. Obwohl er es sich jeden Monat fest vornimmt, gelingt es ihm nicht, auch nur einen einzigen Euro auf die hohe Kante zu legen. Er spart hier ein bisschen, dort ein bisschen, aber es nützt nichts: Er bewegt sich immer gefährlich am Rand des Dispokredits. Seit zehn Jahren arbeitet er in einer Versicherungsagentur, betreut dort seinen eigenen Kundenstamm, der in den vergangenen Monaten ziemlich geschrumpft ist. Sein Kundenstamm und auch der seiner Kollegen. Die Krise. Wie alles – Gutes und Schlechtes – wird auch diese Krise vorbeigehen. Außerdem ist eine Krise wie geschaffen für Leute mit Mumm, die etwas riskieren wollen, hoch pokern, um so richtig abzuräumen. Hat er sich zumindest schon so oft gesagt, so dass er fast selber daran glaubt, wenn er Termine mit Anwälten, Ärzten oder Ingenieuren hat. Unternehmern, Richtern oder örtlichen Versicherungsbüros. Er ist sich bewusst, dass es auch ihn finanziell getroffen hat, aber es hat ihn nicht ausgeknockt. Wenigstens die Hypothek auf das Ehedomizil ist er los. Allerdings nur, weil er auf die Miteigentümerschaft verzichtet hat. Alleinige Eigentümerin ist jetzt seine Ex-Frau Virginia, die dort mit ihren drei Kindern wohnt, zwei Mädchen und einem Jungen.

Die Miete kann er sich zwar leisten, aber die Wohnung ist zu klein für einen Erwachsenen und drei Kinder, zwei davon fast im Teenageralter. Mehr geht eben nicht im Augenblick, und daran wird sich so schnell auch nichts ändern. Vielleicht irgendwann mal, aber dieses Irgendwann ist mit so vielen Bedingungen zugestellt, dass er lieber nicht daran denken will. Manchmal gelingt es ihm aber nicht. Dann grübelt er über die Selbstlügen nach, über das, was er weiß, was er aber lieber nicht laut ausspricht. Dann muss er schwer aufpassen. Vor allem in schlaflosen Nächten, in denen die Angst und der Alkohol ihn in die Mangel nehmen. Oder wenn diese tiefe Traurigkeit ihn erfasst, meist am Sonntagnachmittag, wenn er nur noch heulen könnte und am liebsten tot wäre, und sei es nur, damit er endlich nicht mehr für alles bluten muss.

Zehn Uhr abends. Mittwoch. Heute hat er die Kinder über Nacht. Morgen muss er kurz vor sieben aufstehen, um das Tohuwabohu zu organisieren: Frühstück richten, duschen und ab in die Schule. Die beiden Mädchen – Virginia und Laia – gehen auf dieselbe halbstaatliche Schule. Der Kleine – Lluís – in einen privaten Kindergarten, warum, weiß der Kuckuck, wo doch letztlich der einzige Unterschied ist, dass dort eine englische Schuluniform getragen werden muss. Den Kindergarten zahlt nicht er, auch nicht seine Ex-Frau, sondern sein Ex-Schwiegervater, aus einem altbackenen Rollenverständnis heraus. Einer patriarchalischen Haltung, gegen die Virginia in jungen Jahren rebelliert hat, von der sie sich aber unwiderstehlich angezogen fühlt, seit sie alt genug ist, um Wörter zu konjugieren wie legitim, vorzeitige Schenkung und finanzielle Stabilität.

Max sitzt auf dem Sofa vor dem stumm gestellten Fernseher. Eine Debatte, bei der Wirtschaftsexperten und Auftragsmörder der Rechten die Regierung für alle Übel der menschlichen Spezies verantwortlich machen, einschließlich der biblischen Plagen. Er weiß auch nicht, warum er sich solche Sendungen ansieht. An guten Tagen argumentiert er, dass es ihn eben interessiert, was die anderen Stimmen behaupten, die in den linkslastigen Sendern nicht vorkommen. An besonders guten Tagen redet er sich sogar ein, dass er sich köstlich amüsiert über diese rot angelaufenen, schuppigen Gesichter, die nur darauf zu warten scheinen, dass sie sich die Maske aus dem Gesicht reißen können, um endlich, wenn das Monster erst einmal befreit ist, die Faschistenhymne Cara al sol zu singen, Hitler zu rechtfertigen oder einen neuen Kreuzzug auszurufen. An schlechten und ganz schlechten Tagen sieht er sie sich deshalb an, weil er tief in sich den Wunsch verspürt, ein Säureregen möge jegliche Zivilisation auslöschen, wie bei Scorseses Taxi Driver. Er will umschalten, aber die Fernbedienung ist irgendwo zwischen Kissen und Kinder gerutscht. Er verkneift es sich, sie zu suchen, will sich nicht zu sehr bewegen, damit seine Töchter nicht aufwachen, die sich zu seinen Füßen zusammengeknäult haben und schlafen; jede auf ihrer eigenen Matratze aus dem Corte Inglés, Visa sei Dank. Die Mädchen sind elf und zwölf. Verstehen sich gut. Auch in dieser Hinsicht hat er Glück gehabt. Virginia ist extrovertiert, gut in der Schule, nicht gerade schön, aber man kann eben nicht alles haben. Sie ist mit der Brille im Gesicht und dem Handy in der Hand eingeschlafen. Weil ihr Kopf zwischen den Beinen ihres Vaters liegt, kann Max ihr die Brille abnehmen und sie auf den Arm des Sofas legen. Wenn er ins Bett geht, darf er nicht vergessen, sie ins Etui zu stecken. Laia ist anders. Hübsch, aber reserviert. Man weiß nie, was sie denkt, was in ihrem reizenden Köpfchen vor sich geht. Sie ist ihrer Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten. Eigentlich eine Sauerei, denkt Max. So wird man bei sich zu Hause ständig an den Feind erinnert.

Zu faul, zu komplexbeladen, zu abgewrackt. Zu faul, um sich in Schale zu werfen und auszugehen, um gesellig zu sein, um sich mit jemandem zu treffen, mit dem er sich nie treffen würde, wäre er nicht einsam und Einsamkeit fatal. Zu faul, um in Kneipen rumzuhängen, in denen er entweder wirkt wie der Papi eines Teenagers mit Ausgehbeschränkung oder umzingelt ist von Leuten in seinem Alter. Im ersten Fall ist die Situation missverständlich, merkwürdig, ernüchternd. Im zweiten Fall unerträglich. Männer und Frauen um die fünfzig, die sich ihre Niederlage nicht eingestehen wollen. Die auf jung getrimmt sind mit ihren Pferdeschwänzen, Anzügen und Teenie-T-Shirts, mit ihren Krawatten und Halstüchern, mit ihren schwarzen Flittchenkleidern trotz Hängebrüsten, zwischen die ein Bewässerungsgraben passt. Ein Club mit Zwang zur guten Laune, in dem die Mitglieder sich in eine Euphorie über die wiedergewonnene Freiheit hineinsaufen. Jung sein heißt Alkohol und Drogen zu vertragen. Jung sein heißt, einen frischen Körper zu haben, ob der nun hübsch ist oder nicht. Geil zu sein und dieses Geilsein auch ausleben zu können dank einer vollen Ladung Testosteron im Blut. Jung sein heißt, den anschließenden Kater zur Schau zu tragen und in den nächsten drei Tagen stolz am Krückstock zu gehen. Jung sein heißt, ein unbeschriebenes Blatt zu sein: keine Traumata, keine Ex-Frauen, keine ungelösten, beglaubigten oder verkapselten Probleme, keine geplatzten Träume, keine nicht ausbezahlte Rente, keine schwerkranken oder demenzverblödeten Eltern. Man muss jung sein, wenn man jung ist. Und wenn man nicht mehr jung ist, muss man eben zu Hause bleiben, John-Wayne-Filme gucken, Huren bestellen oder Modellbau betreiben. Die Indianer zogen sich zum Sterben in die Berge zurück, weil sie für ihren Stamm keine Last sein wollten. Heutzutage, denkt Max, würde man ihnen einen Clubausweis und ein Päckchen Viagra in die Hand drücken.

Zu faul, zu komplexbeladen und zu abgewrackt. Wieso sich gegen diese Einsicht wehren? Er hat mehr als nur ein paar Kilo zu viel um die Hüften. Sein Haar wird schütter. Wenn er sich ein paar Tage lang nicht rasiert, sieht er aus wie ein Bettler und nicht wie ein Bad Guy. Er habe nach wie vor was, sagt Merche, seine Geliebte und Ex-Kollegin. Aber was? Da muss sie schon konkreter werden. Er ist nett. Fleißig. Interessiert sich für Film, Literatur, Politik. Will wissen, was in der Welt vor sich geht. Und was ist mit Sex? Macht Spaß mit Merche. Ja, er vögelt gern mit ihr, nur dass Sex – was sie allerdings nicht weiß – in seinem Leben nicht mehr so wichtig ist, jetzt, wo er auf die fünfzig zugeht.

Er lässt sich zurücksinken. Vorsichtig, weil er das Hemd, das er anhat, auf den Balkon hängen und morgen noch mal anziehen will. Mit gelockertem Krawattenknoten wie Frank Sinatra, wenn er auf den Einsatz von Nelson Riddle wartete. Soll er sich die Platte anhören, die Sinatras Trennung von Ava Gardner besiegelte? Zu kompliziert bei dem Tetris, den sein Wohnzimmer gerade darstellt. Er könnte sich nachher im Bett noch einen runterholen. Das würde ihn entspannen, aber dann fällt ihm ein, dass da ja sein Sohn Lluís schläft, also doch lieber nicht, würde ihn eher deprimieren. Er streckt den Arm aus und klappt das Notebook auf. Die Sinatra-CD ist in Reichweite. Er klickt den Song an:

When your lonely heart

Has learned its lesson

You’d be hers.

If only she would call

In the wee small hours

Of the morning.

That’s the time

You miss her most of all.

Man weiß nie, denkt Max, ob dieser Balsam eher heilt oder ätzt. Popmusik hat was pervers Masochistisches. Zu Zeiten Bachs hat man sich bestimmt nicht so schlimm verliebt und so brutal gelitten wie heute, weil heute jeder zwanghaft glücklich sein muss, lieben, vögeln, was das Zeug hält, Fernreisen machen, je weiter weg, desto besser. Seit einer Weile schon linst er immer wieder zu seinem Laptop auf dem Sofa neben ihm. Dabei weiß er ganz genau, dass er sich keine Hoffnungen machen darf. Merche wird ihm nicht schreiben. Das Zeitfenster ist bereits geschlossen. Ihr Mann kommt pünktlich nach Hause, spätestens um acht. Wahrscheinlich räumen sie gerade den Tisch ab, machen sich bettfertig oder sehen sich noch eine Folge irgendeiner Serie mit Ärzten oder Außerirdischen an. Merche ist verheiratet und hat zwei Kinder, Jungs, einer davon etwas älter als seine Älteste. Ihr Mann arbeitet für eine Firma, die Bäder und Küchen umbaut. Er repariert immer alles selbst und vögelt sie jeden Tag. Wenigstens hat Merche ihm das aufs Butterbrot geschmiert, als sie ihre Affäre anfingen. Danach hat sie es etwas relativiert, und jetzt fragt er lieber nicht mehr nach, und sie bringt das Thema auch nicht auf den Tisch. Dabei bereitet ihm allein die Vorstellung Seelenqualen. Was hätte Frank getan? Die Mafia angerufen? Was kann er tun? Einen Freund anrufen und ihn – zum x-ten Mal – mit seinem Kummer auf die Nerven gehen? Na ja, Ava Gardner hat auch auf Kosten Sinatras rumgevögelt. Diesem Kerl die Hörner aufzusetzen muss was gehabt haben. Max’ bereits verstorbener Vater hat auch einen gewissen Ruf in dieser Hinsicht. Er hat immer damit geprahlt – kommentiert mit einem Stoßseufzer im Bassschlüssel von Max’ Mutter –, dass er einem Mitglied des Dúo Dinámico die Freundin ausgespannt habe. Okay, das war nicht das Gleiche, aber manchmal verschmolzen in seinem Kopf Sinatra und sein Vater, und sei es nur, weil der eine das genaue Gegenteil des anderen war. Der eine war Sänger, der andere Busfahrer. Der eine Millionär, korrupt und von Gottes Hand berührt; der andere arm, ehrlich und von jeglichem Gott vergessen.

Nein, heute würde er keine Nachricht mehr kriegen. Vielleicht morgen, eine zärtliche Zeile oder auch nur ein Routinegruß. Das entspricht in etwa dem Anruf am frühen Morgen aus dem Song. Früher hat Merche ihn immer angerufen, jetzt aber ruft sie ihn nur noch ab und zu an. Die Dinge haben sich geändert. Erst ist passiert, was passiert ist, dann kamen die Gefühle, und jetzt sitzt er fest in diesem Nichts- und Niemandsland.

Was ist passiert? Passiert ist Folgendes: Virginia verdächtigt ihn. Max weicht aus. Virginia hakt nach. Max streitet ab. Virginia entdeckt. Max knickt ein. Virginia ringt ihm ein halbes Geständnis ab, aber das reicht. Max gesteht, dass es eine andere Frau gibt, hält sich aber an die Vereinbarung mit Merche und nennt keinen Namen. Virginia lässt einen Versuchsballon steigen: ob es eine Arbeitskollegin ist. Max erinnert sich noch, dass er sich in dieser Szene – oder eigentlich Szenen, die für ihn längst zu einer Szene verschmolzen sind – gefühlt hat, als wäre, wie im Zeichentrickfilm, unter seinen Füßen plötzlich kein Boden mehr, sondern ein Abgrund. Er weiß nicht, wie man bügelt, wie man eine Wohnung einrichtet, welche ärztlichen Untersuchungen bei den Kindern anstehen. Er weiß nicht mehr, wohin, oder wie er seiner Familie und seinen Freunden und gar seinen Kindern erklären soll, warum er untreu war, warum er getan hat, was er getan hat. Wofür er den Spiegel zerbrochen hat, so vielen Unschuldigen Schmerzen zugefügt. Aus Liebe, hätte er gern gesagt. Eines Tages ist die Liebe plötzlich wieder da, das Verliebtsein, das sexuelle Begehren, und man entdeckt, dass das, was man hat, nicht genug ist, um jeden Morgen aufzustehen und Fahrt aufzunehmen. Eine Zeitlang stürzt man sich voll hinein, zumal man nicht der Einzige ist. Aber irgendwann kommt der Tag, an dem einem die Traurigkeit bis in die Knochen dringt, und dann, mein Freund, ist es zu spät. Die alten Kleider halten dich nicht mehr warm; die neuen noch nicht. Der Verrat ist nicht die neue Liebe. Der Verrat sind die Lügen davor. Die Lügen, die notwendig sind, um sich zu lieben. Es ist alles so verwirrend und widersprüchlich. Um der Sterblichkeit der Liebe ins Auge sehen zu können, muss man ihre Unsterblichkeit heraufbeschwören. Und um der Liebe den Todesstoß versetzen zu können, muss man geschworen und bemeineidet haben, dass man an ihre Unsterblichkeit geglaubt hat.

Merche, der Gedanke an sie, gibt ihm Kraft. Immer wieder sagt er sich, was sie sich geschworen haben, bevor seine Ehe geplatzt ist: dass sie alles aufgeben und ein neues Leben beginnen wollten. Sie wussten nicht, wie, sie wussten nur, dass sie es tun mussten, wenn es soweit war. Sie nutzten jede Gelegenheit, um Zeit miteinander zu verbringen. Sie aßen zusammen zu Mittag, tranken zusammen Kaffee, aßen zusammen zu Abend, schliefen miteinander, wann immer sich die kleinste Chance bot. Sie wollten nicht, dass jemand davon Wind bekam. Wollten nicht, dass die Kinder litten oder ihre jeweiligen Partner Verdacht schöpften, dass sie längst ersetzt worden waren. Manchmal, bei einem Milchkaffee, den sie im Gefühl tranken, nicht wieder nach Hause zurückzukehren, zur Normalität, oder im Bett, im zarten Dämmerlicht, wenn die Körper noch erhitzt waren vom Akt der Liebe, spielten sie mit dem Gedanken, das Versteckspiel zu beenden. Dann vereinbarten sie, es nur gemeinsam zu tun, legten ein Datum fest, einige Monate Schonzeit, um zu beweisen, dass bei ihnen das klassische «es gibt keinen anderen» galt, und dann, wenn die Karten auf dem Tisch lagen, würden sie ihre Beziehung offiziell machen, zusammenziehen, ihre jeweiligen Kinder würden sich kennenlernen, anfreunden, das perfekte Glück. Ein Glück wider alle widrigen Umstände, wider die Erfahrung und Ratschläge von Freunden und Verwandten. Keiner von beiden dachte, dass es leicht würde, aber zumindest hielten sie es für möglich, und allein dies befreite sie von dem erstickenden Gefühl, sich ständig zwischen Tür und Angel lieben zu müssen, nur um anschließend wieder in die Arme dessen zu sinken, den man gerade betrogen hatte. Wenn einer von ihnen vorpreschte, würde das den anderen nur unter Druck setzen. Doch dann hatten sich die Ereignisse überschlagen. Wahrscheinlich war es besser so, oder? Das Leben traf seine eigenen Entscheidungen. Ihm war die Entscheidung jedenfalls abgenommen worden. Sonderlich gewehrt hatte er sich allerdings nicht, aber es war ja auch nicht die Vertreibung aus dem Paradies gewesen, sondern eher eine Abkürzung dorthin. Was allerdings zur Folge gehabt hatte, dass Virginia umso mehr hatte leiden müssen, dass es sie umso mehr gekränkt hatte und dass sie bei den Scheidungsbedingungen nun keine Gnade kannte.

Die Gefühle ergeben sich aus den Tatsachen. Für Max ist das klar, so sehr Merche es bestreiten mag. Nach einem Geschäftsessen und dem obligatorischen, leicht alkoholisierten Beischlaf hat er sie von dieser neuen Wendung in Kenntnis gesetzt. Sie hat den Schlag tapfer eingesteckt, aber ihr Gesicht verzogen. Konnte nicht anders. Sie müsse die Entscheidung, was ihre Ehe betreffe, ja nicht sofort treffen, beeilte sich Max zu sagen. Jeder in seinem eigenen Tempo. Vorläufig sei der einzige Unterschied, dass er jetzt Tag und Nacht verfügbar sei und sie sich folglich leichter verabreden könnten; leichter zusammen sein. Sie solle diesen Schritt erst dann tun, wenn sie ihrerseits bereit sei. Auf ihn käme jetzt einiges zu. Er müsse sich eine möblierte Wohnung suchen, das zuallererst. Ob sie ihm dabei helfen würde? Selbstverständlich. Merche fragte, ob Virginia sie im Verdacht habe. Max beruhigte sie. Sie habe nichts zu befürchten: Er habe ihren Namen nicht verraten. Nicht einmal ein Jahr ist das jetzt her. Seither hat sich alles verändert. Merche leugnet es, aber er weiß, dass nichts mehr ist, wie es mal war. Sie hat es mit der Angst zu tun bekommen, einen Rückzieher gemacht, sich bedrängt gefühlt von jemandem, der plötzlich alle Zeit der Welt hatte, um ihre Liebe zu leben. Sie fühlte sich überfordert von seiner Eifersucht, seinen Ängsten und seinem Schmerz, von seinem Scheidungskrieg, seinen Besuchen beim Kinderpsychologen und seinen finanziellen Problemen. Er warf es ihr vor, sie stritt es ab. Wenn er mal wieder heftig geworden war, fragte er sich manchmal, ob er eine verzerrte Sicht auf die Dinge hatte, weil er sicheren Boden unter den Füßen brauchte, weil er sich Merches Liebe gewiss sein musste, jetzt mehr denn je. Mit anderen Worten: Ob er seinen Gefühlen trauen konnte. Auch mit den Hunderten von E-Mails war es nun vorbei, den zärtlichen SMS, dem Drang, sich immer und überall zu treffen. Max verstand ihre Panik, denn wenn er sich in sie hineinversetzte, kam er zu dem Schluss, dass er umgekehrt wahrscheinlich ähnlich reagieren würde. Er musste Geduld haben, ihr Zeit lassen, alles in warmen, wunderbaren Farben zeichnen. Er durfte sie nicht unter Druck setzen, keine Schwäche zeigen, sich nicht davon leiten lassen, ob sie ihn liebte oder nicht. Er musste ihr zu verstehen geben, dass er nicht auf sie angewiesen war, dass er sich eben jemand andern suchen würde, wenn sie ihn nicht mehr wollte, dass er sein Leben leben würde, während sie Gefahr lief, eine Chance auf das große Glück zu verpassen, wie sie das Leben selten bot.

Noch mehr Tatsachen und Gefühle. Aufgrund der Krise kündigte die Versicherungsagentur an, die Belegschaft reduzieren zu wollen. Wer freiwillig gehe, würde ab dem Ersten Arbeitslosengeld beziehen und trotzdem die volle Entschädigung kassieren. Zu Max’ Verwunderung willigte Merche ein. Sie sei genervt, argumentierte sie, habe es satt, so beschissen bezahlt zu werden, wolle wieder an die Uni und ihr BWL-Studium zu Ende bringen, das sie nach zwei Semestern habe sausen lassen. Max war stinksauer, weil dies bedeutete, dass sie sich nicht mehr jeden Tag sehen konnten. Für ihn hatte sie den erstbesten Notausgang genommen, der sich ihr geboten hatte. Aber es sei nicht dieser Schritt allein. Es seien all die Veränderungen, die er an ihr bemerkt habe. Er erinnere sich gar nicht mehr, wann sie zum letzten Mal die Initiative ergriffen habe und sie zu ihm gekommen sei, um miteinander zu schlafen. Solange es schwierig und riskant gewesen sei, habe sie offenbar mehr Lust gehabt. Wie immer drehte sie ihm die Worte im Mund herum und warf ihm ihrerseits vor, ein Egoist zu sein, was immer damit endete, dass Max ihr, ohne überzeugt zu sein, recht gab. Was war das Ergebnis gewesen? Sie mussten mit dem Handy vorliebnehmen, weil eine E-Mail immer riskant war und ihr Zugang zum Computer mit dem Tagesablauf ihrer Kinder in Einklang gebracht werden musste, was auch bedeutete, dass Chatten nicht in Frage kam. In einer anderen Ordnung der Dinge ließ Merche die Einschreibefrist für die Uni verstreichen. Was aber laut ihr egal war. Es habe sich nichts geändert. Das bildest du dir nur ein, Max, sagte Merche zu ihm, das ist nur deine ewige Unsicherheit, die dazu führt, dass du die Dinge verzerrt wahrnimmst. Wie gerade jetzt dieses Bein, das sich so anfühlt, als wäre es eingeschlafen – weil er so unbequem sitzt –, dabei hat es längst Wundbrand und stinkt, droht abzufallen, genau zwischen Laia und Virginia. Alles zur Musik eines Toten, der sich an die letzte Nacht erinnert, in der Ava und er noch jung gewesen sind. Was schon so ungefähr eine Million Jahre her ist.

2

María hat ungefähr tausend Jahre auf dem Buckel, schneeweiße Haare und blaue Augen. Aus ihrem Kinn ragen wie ein Zaun aus Wildschweinborsten gereizte Haare. Es heißt, sie habe Prominente gekannt, darunter der Vater des Königs, einen berühmten Stierkämpfer und einen Fußballer mit Dribbeltalent und tödlichem Schuss. Sieht man ihre Augen, hält man es durchaus für möglich. Sie sind bläulich wie sonst nur Gletscher. Ihr Blick hingegen hat schon seit längerem die Orientierung verloren und ergibt keinen Sinn mehr, enthält kaum noch ein Fünkchen Vernunft. María spricht die Leute immer an derselben Stelle an. An der Straßenecke Balmes und Diputación. Solange man nicht stehenbleibt, hat man kein Problem mit ihr. Man versteht kaum, was sie sagt, und geht weiter. Sie bettelt. Um einen Euro, um etwas zu essen. Wenn man sie nicht kennt, erlebt man, wenn man stehenbleibt, sein blaues Wunder. Zum Beispiel, wenn man eine Münze in eine Parkuhr wirft. Dann kommt María auf einen zu, bittet brabbelnd um eine milde Gabe, und wenn man sie nicht beachtet, tut sie so, als würde sie ohnmächtig, lässt sich fallen, direkt auf einen drauf, und sinkt langsam zu Boden. Mit offenen Augen allerdings, immer genau im Blick, wohin sie fällt. Wenn man sie nicht kennt, kümmert man sich um sie, natürlich, was soll man machen? Wenn man sie kennt, fährt man einfach mit dem fort, was man gerade tut: Man zieht ein Ticket, hält ein Taxi an, raucht eine Zigarette. Obwohl die verrückte Alte auf dem Boden liegt. Obwohl man herzlos erscheint. Danach beugt man sich zu ihr hinunter, hilft ihr, sich aufzurichten, lehnt sie an eine Wand und geht weiter, soll sich jemand anders um sie kümmern. Sobald man weg ist, steht María wieder auf und treibt ihr Spielchen erneut, fällt mal hier, mal da in Ohnmacht, je nachdem wer gerade vorbeikommt. Wenn man sie aufhebt, sieht man ihre blauen Augen und den Rotz, der ihr aus der Nase läuft. Sieht den Speichel und das Erbrochene am Revers ihrer braunen Jacke. Riecht, dass sie nach Scheiße und Dreck stinkt. María bittet um etwas zu essen, ja, aber was sie eigentlich braucht, ist Aufmerksamkeit, und sei es für ein paar Minuten. Dass sie in einem Krankenwagen in eine Klinik gefahren wird, wo sie es warm hat und sich für ein, zwei Stunden ein wenig geborgen fühlt, wo sie spürt, dass es noch Leute gibt, denen es nicht egal ist, ob sie tot ist oder lebt.

Und nun steht jemand aus dem Viertel mit gespreizten Beinen da und wartet auf seinen Parkschein. Mit gespreizten Beinen deshalb, weil er mit einem Bein María stützen muss, die auf dem Boden hockt und so tut, als wäre sie eine alte Dame aus Boston, die vor lauter Melancholie einen Schwindelanfall erleidet. Als der Mann sein Ticket hat, lehnt er María an den Parkautomaten und geht zu seinem Auto. Auch Bruno, der in einem Café am Fenster sitzt, wird Zeuge der Szene. Sein Carajillo ist ausgetrunken, da kann er noch so sehr in seiner Tasse rühren. In der Tasse sind nur noch Zuckerkrümel, die er mit dem Löffel aus dem Porzellan zu kratzen versucht. Er ist bereit. Die Jacke hat er schon angezogen, und der Ausgang ist nur wenige Meter entfernt. Bruno beobachtet, wie ein Touristenpärchen auf María zugeht, und muss lächeln. Wie aus einem Reflex heraus, überlegt er, wie leicht es wäre, diese Touris auszunehmen. Aber das war einmal, wenn auch gar nicht so lange her. Jedenfalls macht er sich heute nicht mehr die Hände schmutzig, reißt Taschen weg und beklaut Leute. Das hat er hinter sich. Für immer.

Das Handy in der Tasche seiner Jeans vibriert. Er weiß schon, was Cristian will, aber ihm bleibt nichts anderes übrig, als ranzugehen. Die Touristen zeigen null Interesse an María, also hebt sie ihren Hintern – den schon der Vater der Königs, der Fußballer und der Stierkämpfer geküsst haben –, lehnt ihn an die Wand und wartet auf ihr nächstes Rotkäppchen.

«Mir ist langweilig, Mann.»

«Was soll ich da machen?»

«Es dauert.»

«Die nehmen sich halt ein bisschen mehr Zeit. Zweite Runde, du verstehst schon. Ich schau gerade der Alten von neulich zu, die immer in Ohnmacht fällt.»

«So, so.»

«Lass dich bloß nicht wieder ablenken, Cristian, sonst geht’s dir wie beim letzten Mal.»

«Keine Sorge, Mann. Ich hab dir doch erklärt, dass mir neulich das Auto dazwischengekommen ist.»

«Ich wollt’s nur gesagt haben. Und jetzt beruhig dich, der kommt bestimmt gleich raus.»

Familiengeschäft. Cristian, Raquel und Bruno. Er befürchtet, dass die Geschwister es an sich reißen werden, sobald er mit Raquel Schluss macht. Da kann Raquel noch so hoch und heilig schwören, dass sie das nie tun würde. In Schwüren ist der Verrat bereits angelegt. Davon ist Bruno überzeugt. Den Leuten ist man nur was wert, solange man was hat, das sie nicht haben. Deshalb würde er ihnen nie im Leben alle Tricks verraten. Und schon gar nicht, wie er an die Informationen rankommt. Oder was er sonst noch so laufen hat, einfach so, weil er Bock hat, und gern Geld in der Tasche.

Raquel und er sind jetzt seit zwei Jahren zusammen. Sie hat drei Kinder aus ihrer Ehe, zwei Jungs, der eine achtundzwanzig, der andere zwanzig, und ein Mädchen, gerade mal vierzehn. Raquel selbst geht auf die fünfzig zu. Als sie geheiratet hat, war sie schwanger und verliebt, aber die Drogen haben alles ruiniert. Jedenfalls hat sie es so dargestellt. Getroffen hat er sie, als sie gerade eine schlechte Phase hatte und vor Geldautomaten schlief. Damals hatte sie sich bereits mit ihrem Stiefbruder Cristian zusammengetan, noch so einer verlorenen Seele. Raquel hatte Klasse, selbst unter diesen Umständen. Sie war immer gepflegt und wirkte wie ein erschrockenes Tier auf der Autobahn, kurz bevor es überfahren wird. Als er Cristian und Raquel kennenlernte, lebten sie noch nicht lange auf der Straße und waren erst vor kurzem nach Barcelona gekommen, aus Andalusien. Sie war noch hübsch und achtete auf ihr Äußeres, zog sich aber alles rein, was ihr zwischen die Finger kam. Als er sie zum ersten Mal sah, hatte sie gerade Lösungsmittel geschnüffelt und war wie weggetreten, und wäre Bruno nicht gewesen, hätten sogar die Bäume sie gebumst. Sie genoss sein Interesse und seinen Schutz an jenem Abend, an dem Cristian mit seiner eigenen dunklen Seite zu kämpfen hatte. Lange Zeit wollte sie ihn nicht ranlassen. Spielte die Dame. Und genau das gefiel Bruno an ihr. Dass sie eine richtige Dame war, aus der die Worte regelrecht hervorsprudelten, wenn sie auf ihre Kinder in Sevilla zu sprechen kam. Ihr Ältester studierte angeblich Medizin und wollte Podologe werden. Oft hätte er ihr am liebsten das Maul gestopft. Tacheles geredet, die Träume zum Platzen gebracht, sie in Tüten aus Müll und Schweigen begraben. Auf der Straße sind alle Prinzen. Haben alle eine mythische Vergangenheit, sind nur dort gelandet, weil das böse Schicksal, böse Menschen und böse Drogen es so wollten. Und immer gehen Lüge und Wahrheit Hand in Hand.

Bruno hat sie da rausgeholt, zumindest musste sie nicht mehr vor Geldautomaten schlafen. Zunächst zogen sie auf den Autoparkplatz auf dem Meiland-Fußballgelände im Vall d’Hebron. Ein Fortschritt, wie jeder weiß, der in Barcelona auf der Straße lebt. Cristian allerdings wollte nicht: Er machte die Fliege. Raquel und Bruno richteten sich in einem roten Ford Clio ein, zusammen mit Llort, einem Kumpel, der das Auto angeblich von einem Portugiesen geerbt hatte. Bis zu dem Tag, als Bruno und sie in Streit gerieten. Sie war eifersüchtig. Wie immer ohne Grund. Anfangs war es eher gekünstelt gewesen, wie um ihm zu demonstrieren, dass sie in ihn verliebt war. Am Ende aber war sie regelrecht ausgerastet und abgehauen. Zurück kam sie später als mit Llort vereinbart – «um Mitternacht, der Geisterstunde, wird abgeschlossen». Bruno und Llort schliefen schon, als Raquel betrunken und streitlustig wieder aufkreuzte. Sie machten ihr nicht auf. Raquel suchte sich einen ziemlich großen Stein, mobilisierte unvermutete Kraftreserven und schmiss ihn gegen die Windschutzscheibe, die prompt in tausend Splitter barst und auf Bruno und Llort herabregnete. Letzterer stieg mit seiner Sauwut im Bauch aus dem Wagen und stürzte sich auf sie. Bruno brauchte etwas länger, weil er die blöde Manie hatte, sich beim Schlafen anzuschnallen. Als Bruno bei den beiden ankam, hatte Llort sie schon in der Mangel. Bruno tat, was er konnte, und sie dankte es ihm, indem sie sich sofort beruhigte, um Verzeihung bat und alles Mögliche versprach. Danach ging es zurück auf die Straße. Das Schicksal wollte es, dass sie kurz darauf dem Schwarzen Astatke begegneten, und der vermietete ihnen ein Zimmer in einer verlassenen Industriehalle, in der er Schrott aufbewahrte. Tabu waren Drogen, Streit und Beleidigungen Unseres Herrn Jesus Christus, denn er sei gläubiger Kopte und verstehe da keinen Spaß. In diesem neuen Zuhause stellte sich bald auch Cristian wieder ein. Sogar Raquels älterer Sohn, der ewige Aspirant auf professionelle Fußfummelei, kam ab und zu vorbei. Wenn er da war, musste Bruno unten schlafen, bei Cristian und Astatke, und sich unsichtbar machen, weil es Raquel offenbar peinlich war, wie alt ihr Freund war und wie er aussah. Bruno nahm alles klaglos hin. Zumindest am Anfang. Aber je älter und kränker Raquel wurde, desto weniger war er bereit, diese Konzessionen zu machen.

«Mir ist langweilig.»

«Mann, Cristian, dann hol dir halt einen runter.»

«Aber …»

«Warte, es geht los.»

Die Glastür ist aufgegangen. Diesmal kommt das Paar getrennt heraus. Erst der Mann. Ein athletischer Typ um die vierzig, Anzug, Krawatte und Sonnenbrille. Blonde Haare, etwas dunkler als sonst, weil noch feucht. Er hat es eilig. Ist gut in Form. Bruno muss sofort los. Gleich wird auch das Mädchen rauskommen. Südamerikanerin, zierlich, überschminkt, offensichtlich jünger als er, wahrscheinlich ist er ihr Chef, ihr Vorgesetzter, ihr Drei-Stufen-Höher. Bruno könnte Cristian anrufen und ihm sagen, dass er ihr nicht zu folgen braucht, weil die Frau eh keine Kohle hat, wahrscheinlich Single ist oder getrennt lebt, und ihre Freunde und Familienangehörigen sich auf die diplomatische Lösung eines kleinen Tauschgeschäfts – Geld gegen Schweigen – nicht einlassen werden. Aber er ruft nicht an. Sein Schwager soll ruhig ein bisschen schwitzen und was tun für seine Brötchen.

Als Bruno das Café verlassen will, wird er überraschend aufgehalten. Zwei Rentnerinnen quetschen sich mit ihren Einkaufswägelchen herein, um einen Milchkaffee zu trinken und ihr Kleingeld an einarmigen Banditen oder ähnlichen Spielchen auf den Kopf zu hauen. Bruno versucht den Typen nicht aus den Augen zu verlieren, der schnell geht, sein Handy aufklappt, im Büro oder zu Hause anruft und die Calle Balmes bei Rot überquert. Der Arsch will die Leiche so schnell wie möglich loswerden. Als Bruno endlich die Straße erreicht, ist der Typ schon so weit weg, dass die ganze Warterei für die Katz gewesen ist, sollte er sein Auto im Parkhaus oder in der Nähe stehen haben. Tatsächlich sieht er ihn nicht mehr. Er muss sich auf seine Intuition verlassen und entscheiden, ob er in die Fußgängerzone einbiegt oder lieber weiter der Balmes folgt oder der … Gesegnet seist du, María! Wer hätte gedacht, dass Bruno dieser Spinnerin mal für etwas dankbar sein würde? Sein Opfer hält gerade die durchgeknallte Alte mit den blauen Augen in den Armen, die wieder mal eine Ohnmacht vortäuscht und sich bei der Gelegenheit Rotz und Spucke am beigen Mantel von Mr. Sunglasses abputzt. Bruno gibt sich interessiert.

«Was ist passiert?»

«Weiß ich nicht. Die Frau ist plötzlich ohnmächtig geworden.»

«Am besten, wir bringen sie ins Krankenhaus.»

«Ist vielleicht nur ein Schwindelanfall. Offenbar hat die Frau Probleme, womöglich seit Tagen nichts gegessen.»

«Steht Ihr Auto in der Nähe?»

«Ja, nein … Warum fragen Sie?»

«Um die Frau ins …»

«Das geht nicht.»

«Warum nicht?»

«Darum. Ich mach doch mein Auto nicht dreckig, und außerdem …»

«Aber …»

« … habe ich es eilig. Ich kann nicht.»

«Dann sollten wir einen Krankenwagen rufen.»

«Vor mir aus. Übernehmen Sie das?»

«Ich habe kein Handy. Aber Sie haben eins, wie ich sehe», sagt Bruno. «Dann können Sie ja anrufen.»

«Mann, ej, ich hab’s wirklich saueilig», erwidert der Typ und hat alle Hände voll zu tun, um die Alte irgendwo abzulegen, wo sie es halbwegs bequem hat.

«Geben Sie mir Ihr Handy, dann rufe ich an.»

Ein riskanter Schachzug. Doch der Mann, der jetzt vor der scheinbar tatsächlich bewusstlosen María kniet, beäugt ihn nur misstrauisch und hält ihm dann das Handy hin. Ungutes Gefühl. Als Erstes ruft Bruno sich selber an und legt sofort auf. Das vereinfacht die Dinge. Er muss nicht mehr unbedingt das Nummernschild rauskriegen. Als nächstes wählt er den Notruf, damit María mal wieder gewaschen wird, was zu essen und ein warmes Bett kriegt. Der Typ wird ungeduldig.

«Ich hänge in der Warteschleife.»

«Geben Sie mir das Handy wieder.»

Bruno gibt es dem Kerl, der es mit seiner Affenpranke zuklappt.

«Was machen Sie denn da? Hätte doch nur ’ne Minute gedauert. Die Frau …»

«Keine Angst, ich sorge schon für einen Krankenwagen. Ich bin Polizist. Aber jetzt muss ich dringend zum Kommissariat am Flughafen.»

Bruno starrt wie gebannt auf die Dienstmarke, die ihm kurz vor die Nase gehalten wird. Der Bulle wirft einen letzten Blick auf die Alte – «Ist halb so schlimm, Omi» –, tätschelt Bruno aufmunternd auf den Arm und geht mit zügigen Schritten davon. Der Tag ist im Eimer. Das Handy klingelt. Cristian.

«Du, bei der Tussi ist nix zu holen.»

«Und der Typ ist ein Bulle.»

«Scheiße, dann war ja alles für die Katz.»

Ja, es war alles für die Katz. Bruno atmet tief durch und steckt das Handy in die Hosentasche. Enttäuschung übermannt ihn, drückt ihn regelrecht nieder, so dass er sich kaum vom Fleck rühren kann. Die Autos rasen mit einem Affenzahn den Tibidabo entlang Richtung Zentrum. Der wolkenlose blaue Himmel, vor dem sich die Häuser der Stadt abzeichnen, verbirgt nichts, auch keine Götter. Bruno muss sich entscheiden, ob er auf das nächste Pärchen wartet oder sich erst wieder heute Abend ans Werk macht oder heute Nacht oder sogar erst morgen. Er weiß nicht, was er tun soll. Fest steht nur: In Kürze wird ein Schreiben, in dem die Ausweisung einer südamerikanischen Frau angeordnet wird, in den Eingeweiden des Leviathan verschwinden, und ein Bulle wird sich fühlen wie der Eroberer Hernán Cortés. Soll María ruhig auf ihren Krankenwagen warten, aber bitteschön allein, denn er hat die Nase voll von ihr, von ihr und dem Pech, das ihm an den Stiefeln klebt.

3

Die Art, wie Bruno die Rampe der Metrostation Maragall hinaufgeht, verrät ihn. Raquel zieht fieberhaft an ihrer Nobel light. Sie stellt ihre langen, rot lackierten Fingernägel zur Schau und spielt das beleidigte Fräulein. Ihre Haare, die nach wie vor feucht sind, riechen gut. Die Drogen haben ihre Wangen aufgezehrt, aber über diesen Wangen ist immer noch ein kleiner Grat, auf dem die Brille Halt findet. Groß, schwarz, monströs. Sie hat Tee mit Milch bestellt und ein ganzes Tütchen Zucker hineingeschüttet. Sie trägt ihren Panzer. Einen Panzer, in dem eine Kobra lauert. Ihm gefällt das Bild, dieser Geistesblitz. Denn Kobras fackeln nicht lange, bevor sie angreifen, richtig? Nutzen die kleinste Unachtsamkeit, um Richtung Hals zu schnellen. Oder vielleicht doch, vielleicht denken sie doch nach, aber wer weiß schon, was eine Kobra so im Köpfchen hat außer Gift. Vielleicht gar nichts. Nur Gift und ihren Killerinstinkt. Was soll eine Kobra auch anderes wollen?

An ihrem Gesicht kann Bruno nicht ablesen, ob es gut oder schlecht gelaufen ist. Er geht bei Rot über die Ampel. Ohne nach links und rechts zu schauen. Wie immer. Wie ein Vollidiot. Oder ein Superheld.

«Hoffentlich überfährt dich irgendwann mal ein Lastwagen.»

Cristian dreht sich um, als er diesen Kommentar hört. Er sieht, wie Bruno zwei große Schritte macht und das Café betritt. Kurz darauf lässt er sich neben ihn auf die Bank sinken, was das Kunstleder mit einem langgezogenen Akkord begleitet. Raquel sitzt steif da. Seit dem Streit vor einigen Tagen übernachtet Bruno nicht mehr in der Lagerhalle, in der die Nigerianer das Sagen haben und in dem sie seit Monaten wohnen. Seit der Katastrophe, als er erfuhr, dass Raquel den Großteil der Kohle aus dem Kartenspiel verjubelt hat – oder verloren, wie sie behauptet. Raquel hat gewusst, dass er irgendwann wiederkommen würde. Dass seine Wut irgendwann verraucht sein und er wiederkommen würde. Nur dauert es nach jedem Streit immer länger, bis er wiederkommt, und diesmal hat sie sogar gefürchtet, dass er gar nicht wiederkommen wird. Nicht weil sie Angst hat, ihn nicht wiederzusehen, sondern weil sie das Urteil selbst vollstrecken will, wenn es so weit ist, und nicht umgekehrt. Noch ein Zug. Der vorvorletzte. Ein Schluck. Der erste. Der Lippenstift verschmiert den Tassenrand. Neue Wichtigkeitsattacke mit begleitendem Stoßseufzer. Weil allem Anschein nach nichts in dem Café auch nur ein Fitzelchen ihrer Aufmerksamkeit verdient, starrt Raquel immer noch störrisch nach draußen.

«Alles okay?»

«Was ist mit deiner Schwester?»

«Keine Ahnung. Frag sie doch.»

«Gar nichts ist mit seiner Schwester», antwortet Raquel, ohne sich umzudrehen.

«Zieh nicht so ein Gesicht.»

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