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Die Kanonen von Navarone

Ägäis, November 1943: Nach einer missglückten Inselbesatzung sind rund 1200 britische Soldaten vom Feind eingekesselt. Ein Rettungskonvoi ist auf dem Weg, doch thronen über der zu passierenden Meerenge die gigantischen Geschütze der unzerstörbaren Inselfestung von Navarone. Eine Handvoll Spezialisten um Captain Keith Mallory wird ausgesandt, um die Geschütze gezielt auszuschalten. Während der Trupp gegen die Kälte, den Berg und eine feindliche Übermacht ankämpft, ist der größte Gegner jedoch die Zeit: Die Kanonen von Navarone müssen schweigen, bevor die Rettungsschiffe in Schussweite kommen.


  • Erscheinungstag: 02.05.2018
  • Seitenanzahl: 352
  • ISBN/Artikelnummer: 9783959677578
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Vorspiel
Sonntag, 1.00 bis 9.00 Uhr

Laut kratzte der Streichholzkopf über das rostige Metall des Wellblechschuppens, zischte kurz und zerplatzte zu einem flackernden Lichtfleck. Das harte Geräusch und das jähe Aufleuchten muteten in der nächtlichen Stille der Wüste seltsam fremd an. Mechanisch verfolgten Mallorys Augen, wie das flammende Hölzchen in der hohlen Hand an die Zigarette gebracht wurde, die unter dem scharf gestutzten Schnurrbart des Kommodore herausragte. Er sah es ein paar Zentimeter vor dem Gesicht stillstehen, sah dieses Gesicht plötzlich reglos werden und den Blick des Mannes leer in gespanntem Lauschen. Dann war das Streichholz fort, im Sande des Flugplatzes ausgetreten.

»Ich kann sie hören«, sagte der Kommodore leise. »Höre sie reinkommen. Noch fünf Minuten, höchstens. Kein Wind heute Nacht … sie werden auf Rollfeld 2 landen. Kommen Sie: wollen sie im Auswertraum empfangen.« Er machte eine Pause, schaute Mallory spöttisch an und schien zu lächeln. Doch bei der Dunkelheit täuschte das, denn in seiner Stimme lag kein Humor. »Zähmen Sie nur Ihre Ungeduld, junger Mann … noch ein Weilchen. Die Geschichte hat heute Nacht nicht sonderlich geklappt. Sie werden bald Antwort auf alle Ihre Fragen haben. Ich fürchte, schneller als Ihnen lieb ist.« Er drehte sich jäh um und schritt auf die niederen Gebäude zu, die sich undeutlich von der bleichen Dunkelheit über dem flachen Horizont abhoben.

Mallory zuckte die Achseln, dann folgte er ihm, langsamer, Schritt für Schritt neben dem Dritten in ihrer Gruppe, einem breiten, stämmigen Menschen mit ausgeprägtem Seemannsgang. Mallory fragte sich verdrießlich, wie lange Jensen wohl geübt haben mochte, bis die charakteristischen Bewegungen des Seemanns sich so ausprägten. Dreißig Jahre Seefahrt – die hatte Jensen hinter sich – reichten natürlich aus, sich diesen wiegenden Gang anzugewöhnen, doch war der nicht typisch für ihn. Bei den glänzenden Erfolgen, die Kapitän James Jensen von der Königl. Kriegsmarine, Inhaber des D. S. O., als Stabschef der Untergrundbewegung Südost in Kairo aufzuweisen hatte, waren Intrigen und Tricks, Imitation und Tarnung sein selbstverständlicher Lebensinhalt. Als Hetzredner unter levantinischen Hafenarbeitern hatte er sich auf den Kais von Alexandrette bis Alexandria den höchsten Respekt zu verschaffen gewusst; als Kameltreiber hatte er durch gotteslästerliches Fluchen alle als Konkurrenten infrage kommenden Beduinen aus dem Felde geschlagen, und es gab wohl auf den Basaren und Märkten keinen echten Bettler, der mit so realistischen Wundmalen wie er so jämmerlich um Mitleid zu flehen verstand. Heute Abend allerdings war er nur der derbe, schlichte Seemann, vom Mützenüberzug bis zu den Leinenschuhen ganz in Weiß gekleidet. Reflexe vom Sternenschimmer blinkten sanft auf der Goldborte seiner Schulterstücke und dem Mützenschirm.

In kameradschaftlichem Gleichmaß knirschten ihre Schritte über den festen Sandboden und klangen hart, als sie den Beton der Rollbahn betraten. Die hastende Gestalt des Kommodore der Luftwaffe war ihnen schon fast aus der Sicht gekommen. Mallory atmete tief und wandte sich plötzlich Jensen zu.

»Darf ich fragen, Sir, was das alles eigentlich bedeutet? Das viele Gerede und die ganze Geheimnistuerei? Und weshalb ich hier mitzuwirken habe? Großer Gott, Sir, gestern erst hat man mich von Kreta runtergeholt und mir knapp acht Stunden vorher mitgeteilt, dass ich abgelöst würde. Einen Monat Urlaub, wurde mir gesagt. Und was geschah tatsächlich?«

»Na«, murmelte Jensen, »was geschah denn?«

»Kein Urlaub«, sagte Mallory bitter. »Nicht mal eine Nacht Schlaf. Bloß stundenlang im Hauptquartier des S. O. B. gehockt und eine Masse dämlicher Fragen über das Klettern in den Südalpen beantwortet. Dann zu Mitternacht aus dem Bett geholt mit dem Befehl, mich zu Ihnen zu begeben, und nachher stundenlang durch die verfluchte Wüste gekarrt von einem irrsinnigen Schotten, der Sauflieder grölte und mir Hunderte noch blöderer Fragen stellte!«

»Eine meiner Verkleidungen, die ich immer für besonders wirkungsvoll gehalten habe«, sagte Jensen gemütlich. »Für meinen Teil fand ich die Reise sehr unterhaltsam.«

»Eine Ihrer …?« Mallory hielt inne, entsetzt bei der Erinnerung an das, was er dem ältlichen, backenbärtigen schottischen Hauptmann gesagt hatte, der ihn im Truppenauto gefahren hatte. »Ich … es tut mir schrecklich leid, Sir. Ich bin gar nicht auf den Gedanken gekommen, dass …«

»Selbstverständlich nicht«, unterbrach ihn Jensen energisch. »Wollte bloß feststellen, ob Sie der richtige Mann für den Job sind. Davon bin ich nun überzeugt – war ich schon ziemlich, bevor ich Sie von Kreta loseiste. Aber woher Sie die Idee mit dem Urlaub haben, weiß ich nicht. Es ist oft bezweifelt worden, ob wir beim S. O. B. ganz bei Trost sind, aber selbst wir pflegen keine Wasserflugzeuge loszujagen, bloß um jüngeren Offizieren zu erlauben, vier Wochen lang ihre Manneskraft an den Fleischtöpfen Kairos zu vergeuden«, schloss er trocken.

»Ich weiß aber immer noch nicht …«

»Geduld, Söhnchen, Geduld – wie unser würdiger Kommodore soeben erst empfohlen hat. Die Zeit ist ohne Ende. Zum Osten gehören heißt: warten.«

»Insgesamt vier Stunden in drei Tagen schlafen ist aber nicht östlich«, sagte Mallory hitzig. »Und mehr habe ich nicht gehabt … Da kommen sie!«

Beide Männer blinzelten unwillkürlich, als das grelle Licht des Landescheinwerfers ihnen entgegenschlug, dessen leuchtende Bahn pfeilförmig in die Finsternis hineinstach. In kaum einer Minute war der erste Bomber am Boden, rollte massig und schwerfällig aus und kam ganz in ihrer Nähe zum Stehen. Der durch grauen Anstrich getarnte hintere Rumpf und die Höhenflossen waren von Kugeln und kleinen Granaten durchsiebt, ein Querruder war zerfetzt und der Außenmotor an Backbord in Öl erstickt. Das Plexiglas der Kabine war zerschmettert, an vielen Stellen sternförmig aufgeschlagen.

Lange stierte Jensen auf die Löcher und Narben an dem beschädigten Flugzeug, dann wandte er kopfschüttelnd den Blick ab.

»Vier Stunden Schlaf, Hauptmann Mallory«, sagte er ruhig. »Vier Stunden. Ich glaube, dass Sie sich bald verdammt glücklich schätzen können, so viel überhaupt gehabt zu haben.«

Der Auswertraum, grell erleuchtet durch zwei starke unbeschirmte Lampen, war ungemütlich, die Luft schal. Die Einrichtung bestand aus ein paar schon bös zugerichteten Wandkarten und Lagekarten, ungefähr zwanzig ebenso ramponierten Stühlen und einem schlichten Brettertisch. Der Kommodore saß, flankiert von Jensen und Mallory, hinter diesem Tisch, als die Tür jäh aufgerissen wurde und die erste der Flugzeugbesatzungen eintrat. Der Führer dieser Männer, die in dem ungewohnt grellen Licht heftig blinzelten, war ein untersetzter Pilot, der Sturzhelm und Fliegeranzug in der linken Hand nachschleifte. Er hatte sich einen australischen Tropenhelm auf den Hinterkopf gedrückt, sein khakibraunes Jackett trug quer über beiden Schultern und auf den Klappen beider Brusttaschen das Wort »Australia« in Weiß. Mit düsterem Gesicht, stumm und ohne um Erlaubnis zu fragen, setzte er sich vor die drei Herren, holte ein Päckchen Zigaretten hervor und riss scharf ein Streichholz auf der Tischplatte an. Mallory blickte verstohlen nach dem Kommodore. Der zeigte eine resignierte Miene, und so klang auch seine Stimme.

»Meine Herren, das ist Staffelführer Torrance«, sagte er. »Staffelführer Torrance ist Australier«, ergänzte er unnötig. Mallory hatte den Eindruck, als hoffe er, damit gewisse Dinge, einschließlich Staffelführer Torrance, schon erklärt zu haben. »Er hat heute Nacht den Angriff auf Navarone geführt. Bill, diese Herren hier – Kapitän Jensen von der Kriegsmarine und Hauptmann Mallory von der Fernaufklärungsgruppe Wüste – haben ein ganz spezielles Interesse an Navarone. Wie ging die Sache heute Nacht?«

Navarone! Deshalb also bin ich diese Nacht hier, dachte Mallory. Navarone. Er kannte es gut, das heißt: von Schilderungen. Wie alle, die überhaupt im östlichen Mittelmeer eingesetzt waren. Eine uneinnehmbare eherne Festung dicht vor der türkischen Küste, schwer bewaffnet, mit (wie man annahm) einer Besatzung von Deutschen und Italienern.

Eine der wenigen Ägäischen Inseln, die zu erobern den Alliierten im bisherigen Kriegsverlauf nie gelungen war … Als Torrance jetzt sprach, spürte er in dessen langsamen, gedehnten Worten den unterdrückten Zorn.

»Ganz furchtbar, Sir. Eine Pleite war das, ’n richtiges Selbstmordunternehmen.« Torrance unterbrach sich plötzlich und starrte mürrisch, mit zusammengepressten Lippen, durch den schwebenden Rauch seiner Zigarette. »Aber wir möchten doch noch mal hin«, fuhr er fort. »Ich und all meine Jungs. Bloß noch einmal. Haben darüber auf dem Rückflug schon gesprochen.« Mallory vernahm das tiefsinnige Gemurmel im Hintergrund … grollende Zustimmung. »Wir möchten dann den Witzbold mitnehmen, der sich dies ausgedacht hat, und ihn dreitausend Meter über Navarone auskippen, aber ohne Fallschirm.«

»So schlimm war’s, Bill?«

»So schlimm, jawohl, Sir. Hatten gar keine Chance. Ganz offen gesagt: absolut keine. Zunächst mal war das Wetter gegen uns – die Herrschaften in der Wetterbude waren wieder so im Recht wie meistens.«

»Hatten klare Sicht angesagt?«

»Ja-a. Klare Sicht. Dabei hatten wir überm Ziel 10/10 Bewölkung«, antwortete Torrance erbittert. »Mussten auf fünfhundert Meter runter. Aber das blieb sich egal. Um da ranzukommen, hätten wir nämlich viel tiefer gehen müssen, bis auf tausend Meter unter den Meeresspiegel, und dann von unten rauffliegen – die überhängende Klippe deckt ja das Ziel vollkommen ab. Hätten ebenso gut ’ne Wucht Flugblätter abwerfen können und sie auffordern, ihre verdammten Geschütze selbst kaputt zu schlagen … Außerdem haben sie jedes zweite Flakgeschütz von Südeuropa auf diesen schmalen Sektor von 50 Grad konzentriert – also den einzigen Weg, auf dem das Ziel angeflogen werden kann, wenigstens ungefähr. Ruß und Conroy kriegten beim Anflug ein Feuer, da war alles dran! Sind nicht mal bis zum Hafen gekommen … hatten überhaupt keine Chance.«

»Ich weiß, ich weiß.« Der Kommodore nickte ernst. »Wir haben’s gehört, Funkempfang war gut … Und Mcllveen ist schon gleich hinter Alexandria abgestürzt?«

»Ja-a, aber der wird durchkommen. Seine alte Kiste schwamm noch gerade, als wir drüber wegflogen, sie hatten das große Dinghi zu Wasser, und die See war glatt wie ’n Teich. Der wird durchkommen«, wiederholte Torrance.

Wieder nickte der Kommodore. Jensen berührte ihn am Ärmel. »Darf ich mal mit dem Staffelführer sprechen?«

»Selbstverständlich, Kapitän, da brauchen Sie mich nicht zu fragen.«

»Danke.« Jensen richtete den Blick auf den kraftvollen Australier und lächelte ein wenig. »Eine kleine Frage nur, Staffelführer. Es wird Sie nicht reizen, noch mal dahin zu fliegen?«

»Nee, da haben Sie verdammt recht«, knurrte Torrance.

»Weil?«

»Weil ich keinen Wert auf Selbstmord lege. Weil ich nicht dafür bin, tüchtige Kerle umsonst zu opfern. Weil ich nicht Gott bin und Unmögliches nicht ausführen kann.« Die klare Entschiedenheit in seinem Ton musste überzeugen und jedes weitere Argument ausschließen.

»Sie halten es also für unmöglich?«, fragte Jensen beharrlich. »Ihre Antwort ist äußerst wichtig.«

»Ist mein Leben mir auch. Und das Leben all dieser Burschen.« Torrance wies mit einem dicken Daumen über seine Schulter. »Es ist unmöglich, Sir. Für uns jedenfalls.« Er strich sich müde mit der Hand übers Gesicht. »Ein Dornier-Flugboot mit so einer neuen elektrisch gesteuerten Gleitbombe würde es vielleicht fertigbringen, ohne abgeknallt zu werden. Ich weiß es nicht, aber ich weiß, dass wir mit unseren Mitteln nicht besser dran sind als ’n Schneeball im Fegefeuer. Sonst müsste man schon«, fügte er bitter hinzu, »eine Mosquito bis zum Rand mit Dynamit vollstopfen und einem von uns den Befehl geben, die Maschine im Sturzflug mit sechshundert Kilometer direkt in die Höhlung auf die Geschütze zu jagen. Wenn’s so gemacht wird, kann’s glücken.«

»Ich danke Ihnen, Staffelführer – und Ihnen allen.« Jensen war aufgestanden. »Ich weiß, dass Sie Ihr Allerbestes geleistet haben. Niemand hätte mehr tun können. Und ich bedaure … Kommodore?«

»Gehe gleich mit Ihnen, meine Herren«, sagte der Kommodore, nickte dem bebrillten Abwehroffizier zu, der hinter ihnen gesessen hatte, um nun seinen Platz einzunehmen, und ging durch eine Seitentür voraus zu seinem Quartier.

»Nun, jetzt haben wir wohl ein klares Bild«, sagte er, während er eine Flasche Whisky öffnete und ein paar Gläser bereitstellte. »Sie müssen das als endgültig akzeptieren, Jensen. Bill Torrance ist der älteste und erfahrenste Staffelführer, den wir heute in Afrika noch haben. Der hat schon die Ölfelder von Ploesti bombardiert und das als Heidenspaß betrachtet. Wenn’s diese Nacht einer hätte schaffen können, dann Bill Torrance. Und wenn der erklärt, es sei unmöglich, dann glauben Sie mir, Kapitän Jensen, dann geht’s einfach nicht.«

»Ja.« Jensen betrachtete düster die bernsteingelbe Flüssigkeit in dem Glas, das er in der Hand hielt. »Ja, jetzt weiß ich’s. Beinahe wusste ich’s vorher schon, aber ich hatte keine absolute Gewissheit und durfte mir keine falsche Beurteilung der Lage leisten … Sehr betrüblich, dass ein Dutzend Männer ihr Leben lassen musste, um mir die Bestätigung zu bringen … Es bleibt also jetzt nur noch der eine Weg offen.«

» … nur noch der eine Weg«, wiederholte der Kommodore, hob sein Glas und sagte kopfschüttelnd: »Auf Erfolg für Kheros!«

»Auf Erfolg für Kheros«, erwiderte Jensen wie ein Echo. Sein Gesicht war hart geworden.

»Meine Herren«, bat Mallory, »ich habe ja keine Ahnung, was gespielt wird. Würde nicht einer von Ihnen mir bitte erklären …«

»Kheros«, unterbrach ihn Jensen, »das war Ihr Stichwort, junger Mann. Die ganze Welt ist eine Bühne – nach bekannter Redensart, Söhnchen –, und hier betreten Sie jetzt die Bretter in dieser speziellen kleinen Komödie.« Jensens Lächeln war ganz freudlos. »Tut mir leid, dass Sie die beiden ersten Akte verpasst haben, aber das soll Sie nicht um Ihren Schlaf bringen. Es ist keine Nebenrolle, sondern Sie werden der Star sein, ob Ihnen das behagt oder nicht. Es geht ums Ganze. Kheros, dritter Akt, erste Szene. Auftritt des Hauptmanns Keith Mallory.«

In den letzten zehn Minuten hatten beide kein Wort gesprochen. Jensen fuhr den großen Humber mit derselben lässigen Sicherheit, die für alles, was er tat, typisch war. Mallory saß noch über die Karte auf seinen Knien gebeugt: eine in großem Maßstab gehaltene Seekarte der südlichen Ägäis. Im Schein der abgeblendeten Lampe am Armaturenbrett studierte er ein Gebiet bei den Sporaden und dem nördlichen Dodekanes, das mit dicken Rotstiftstrichen umrahmt war. Endlich richtete er sich fröstelnd auf. Sogar in Ägypten konnten Ende November die Nächte ganz ungemütlich kalt sein. Er blickte zu Jensen hinüber. »Ich glaube, ich hab’s jetzt erfasst.«

»Gut!« Jensen schaute weiter geradeaus, auf das graue Band der kurvenreichen staubigen Straße, in Richtung der weißlichen Scheinwerferstrahlen, die die Dunkelheit der Wüste durchschnitten. Die Strahlen hoben und senkten sich unter der weichen Federung des Wagens auf dem rissigen Boden, immerfort, in einschläferndem Rhythmus.

»Gut!«, wiederholte er. »Nun sehen Sie sich’s noch einmal an, und stellen Sie sich vor, Sie ständen in der Stadt Navarone – die liegt doch an der fast kreisrunden Bucht im Norden der Insel. Sagen Sie mir, was Sie von dort aus sehen würden.«

Mallory lächelte. »Ich brauche gar nicht noch einmal nachzusehen, Sir. Sechs bis sieben Kilometer östlich würde ich die türkische Küste sehen, die hier nach Nordwesten biegt bis zu einem fast genau nördlich Navarone gelegenen Punkt – ein sehr spitzes Vorgebirge. Dahinter geht die Küstenlinie wieder fast genau ostwärts. Und dann, ungefähr zwanzig Kilometer weiter, genau nördlich von diesem Vorgebirge – Kap Demirci heißt es ja wohl? –, und fast genau in Linie mit ihm würde ich die Insel Kheros sehen. Und schließlich, fünf Kilometer westlich vom Kap, die Insel Maidos, die erste der Leradengruppe. Die erstrecken sich weiter in Nordwestrichtung, auf eine Länge von etwa achtzig Kilometer.«

»Hundert.« Jensen nickte. »Sie haben ein gutes Auge, mein Junge. Sie besitzen die Courage und die Erfahrung – ohne beides hält man es nicht achtzehn Monate auf Kreta aus. Außerdem haben Sie einige spezielle Fähigkeiten, auf die ich nach und nach zu sprechen komme.« Er schwieg einen Moment und schüttelte langsam den Kopf. »Ich hoffe nur, dass Sie Glück haben, in jeder Beziehung Glück. Gott allein weiß, wie sehr Sie das brauchen.«

Mallory wartete gespannt, doch Jensen schien in Träume versunken. Drei Minuten vergingen, vielleicht fünf, in denen nur das Witschen der Gummireifen und das gedämpfte Summen des starken Motors zu hören waren. Auf einmal rührte Jensen sich wieder und sprach, ruhig und ohne den Blick von der Straße zu nehmen.

»Heute haben wir Samstag – vielmehr Sonntagmorgen. Auf der Insel Kheros befinden sich eintausendzweihundert Mann – zwölfhundert britische Soldaten –, die bis nächsten Samstag tot, verwundet oder gefangen sein werden. In der Mehrzahl werden sie tot sein.« Zum ersten Mal blickte er nun Mallory an und lächelte. Ein kurzes, ein gequältes Lächeln, das gleich wieder verging. »Wie fühlt man sich, wenn man tausend Menschenleben in den Händen hat, Hauptmann Mallory?«

Ein paar lange Sekunden betrachtete Mallory das kühle Gesicht neben sich, dann wandte er den Blick ab und starrte auf die Karte. Zwölfhundert Mann auf Kheros, zwölfhundert, die den Tod erwarteten. Kheros und Navarone, Kheros und Navarone … Wie ging das Gedicht noch, der kleine klingelnde Reim, den er vor so vielen Jahren in dem Dörfchen oben über den weiten Schafweiden hinter Queenstown gelernt hatte? Chimborazo – richtig. »Chimborazo und Cotopaxi, ihr habt mir mein Herz gestohlen, Kheros und Navarone« – das klang so ähnlich, hatte denselben unerklärlichen Schimmer wundersamer Abenteuer, der sich im Gedächtnis festsetzte und haften blieb. Kheros und … Beinah ärgerlich schüttelte er den Kopf und versuchte sich zu konzentrieren. Die Teile des Puzzlespiels fielen allmählich, wenn auch langsam, in ihre richtigen Plätze.

Jensen brach das Schweigen. »Vor anderthalb Jahren hatten, nach dem Fall Griechenlands, wie Sie noch wissen werden, die Deutschen fast sämtliche Inseln der Sporaden besetzt, während die Italiener, natürlich, die meisten im Dodekanes bereits hielten. Und dann fingen allmählich wir an, Stützpunkte auf diesen Inseln zu errichten, wobei meistens Ihre Leute den Vortrupp bildeten, die Fernaufklärungsgruppe Wüste oder der Bootssonderdienst. Bis zum vorigen September hatten wir fast alle größeren Inseln okkupiert, mit Ausnahme von Navarone – die Nuss war so verdammt hart, dass wir sie einfach übergingen –, und brachten manche Besatzungen auf Bataillonsstärke und noch mehr.« Er lächelte Mallory an. »Zu dieser Zeit hockten Sie in Ihrer Höhle irgendwo in den Weißen Bergen, aber Sie wissen wohl noch, wie die Deutschen reagierten?«

»Heftig.«

Jensen nickte. »Sehr richtig. Äußerst heftig sogar. Die politische Bedeutung der Türkei in diesem Teil der Welt kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden – und sie ist ja stets ein potenzieller Bundesgenosse für die Achse oder die Alliierten gewesen. Die meisten dieser Inseln liegen nur ein paar Meilen von der türkischen Küste entfernt. Es ging um wichtige Prestigefragen und neue Stärkung der Zuversicht in Deutschland.«

»Also?«

»Also warfen sie alles ins Treffen – Fallschirmjäger-Luftlandetruppen, erstklassige Gebirgsjägerbrigaden, Horden von Stukas –, ich hatte Nachricht, dass sie für diese Operationen die Italienfront ganz von Sturzbombern entblößten. Jedenfalls warfen sie so viel wie nur möglich hinein. In wenigen Wochen hatten wir über zehntausend Mann verloren und alle Inseln, die wir wieder erobert hatten – außer Kheros.«

»Und jetzt ist Kheros an der Reihe?«, fragte Mallory mit einer gewissen Spannung.

»Ja.« Jensen schüttelte zwei Zigaretten aus dem Päckchen und wartete, bis Mallory sie angezündet und das Streichholz durchs Fenster geschleudert hatte, in die Richtung, wo unterhalb der Küstenstraße im Norden das Mittelmeer schwach schimmerte. »Ja, Kheros soll unter den Hammer. Wir haben kein Mittel, es zu retten. Die Deutschen haben in der Ägäis die absolute Luftherrschaft …«

»Aber – aber woher wissen Sie so genau, dass es diese Woche sein soll?«

»Söhnchen, Griechenland quillt förmlich über von Agenten der Alliierten. Mehr als zweihundert haben wir allein im Gebiet von Athen mit dem Piräus, und …«

»Zweihundert!«, unterbrach ihn Mallory ungläubig. »Sagten Sie …?«

»Sagte ich.« Jensen grinste. »Nur eine Bagatelle, versichere ich Ihnen, im Vergleich zu den gewaltigen Spionenscharen, die sich frei zwischen unseren noblen Gastgebern in Kairo und Alexandria bewegen.« Plötzlich war er wieder ernst. »Auf jeden Fall stimmt unsere Information. Eine ganze Armada von Kajiken wird am Donnerstag bei Tagesanbruch den Piräus verlassen, im ›Sprung‹ von Insel zu Insel durch die Zykladen laufen und sich dort die Nacht über verbergen.« Er lächelte. »Eine reizvolle Situation, meinen Sie nicht? Bei Tage wagen wir uns in der Ägäis nicht zu bewegen, sonst würden wir aus dem Wasser gebombt. Und die Deutschen wagen sich nachts nicht zu rühren. Unsere Zerstörer, Schnellboote und Kanonenboote kreuzen bei Einbruch der Dunkelheit schwarmweise in die Ägäis. Die Zerstörer ziehen sich vor der Morgendämmerung nach Süden zurück, die kleinen Einheiten bleiben meistens in Buchten abgelegener Inseln. Aber wir können den Gegner an der Überfahrt nicht hindern. Am Samstag oder Sonntag wird er da sein – und wird seine Landungen mit dem Absprung der ersten Luftlandetruppen synchronisieren. Er hat dafür schon seine Junkers 52 massenhaft in der Nähe von Athen bereitgestellt. Kheros kann sich keine zwei Tage halten.«

Wer Jensens absichtlich gleichgültigen Ton bei diesem sachlich gegebenen Bericht hörte, musste ihm glauben.

Mallory glaubte ihm. Fast eine Minute starrte er auf das schimmernde Meer und das feenhaft silberne Lichtgewebe, das die Sterne über die stille, noch halb dunkle Seefläche legten. Plötzlich drehte er sich zu Jensen um. »Aber die Marine, Sir! Evakuieren! Bestimmt kann doch unsere Marine …«

»Die Marine«, unterbrach ihn Jensen fast grob, »ist nicht scharf darauf. Die Marine hat das östliche Mittelmeer und die Ägäis satt und hat keine Lust, ihren schon arg strapazierten Hals auszustrecken, um ihn sich glatt abhacken zu lassen, obendrein für verdammt nichts.

Zwei Schlachtschiffe sind uns zusammengeschossen, acht Kreuzer ausgefallen – vier davon versenkt –, und über ein Dutzend Zerstörer sind hin … Was wir an kleinen Fahrzeugen verloren haben, kann ich nicht einmal zählen. Und wofür? Ich sagte es Ihnen schon: für verdammt nichts! Bloß damit unser Oberkommando mit seinen Opponenten in Berlin Verwechselt-die-Bäume spielen kann. Was allen Beteiligten großen Spaß macht, ausgenommen natürlich den tausend oder noch mehr Seeleuten, die im Verlauf dieses Spiels ertrunken sind, und den vielleicht zehntausend Tommys, Australiern und Indern, die auf eben diesen Inseln gelitten haben und gestorben sind – gestorben, ohne zu wissen, wofür.«

An Jensens Händen auf dem Lenkrad traten weiß die Knöchel hervor, sein Mund war in Bitterkeit verkniffen. Mallory war erstaunt, fast erschrocken über die Vehemenz, mit der Jensen seine Gefühle zeigte, denn das schien gar nicht zu ihm zu passen … Oder vielleicht doch? Vielleicht wusste Jensen sehr viel über das, was hinter den Kulissen geschah …

»Zwölfhundert Mann, sagten Sie, Sir?«, fragte Mallory ruhig. »Sie sagten, auf Kheros seien zwölfhundert?«

Jensen warf ihm einen raschen Seitenblick zu, sah wieder geradeaus und sagte: »Ja. Zwölfhundert Mann.« Er seufzte. »Sie haben recht, Söhnchen, natürlich haben Sie recht. Ich rede allerlei unnötiges Zeug. Selbstverständlich können wir die dort nicht lassen. Die Marine wird ihr Äußerstes tun. Was kommt es schon auf zwei oder drei Zerstörer mehr an! Verzeihung, Junge, Verzeihung, ich bin schon wieder so im Gange … Jetzt hören Sie zu, und recht genau.

Die Männer von der Insel holen ist nur bei Nacht möglich. Bei Tage gibt es da auch nicht die kleinste Chance – wenn zwei-, dreihundert Stukas wie die Schießhunde den Zerstörern der britischen Marine auflauern. Und Zerstörer müssen es sein – Frachter und Leichter sind für den Zweck viel zu langsam. Und sie können nicht um die nördliche Spitze der Leraden laufen – von da können sie bis zum Tagesanbruch nicht in sicheres Gebiet zurück, weil die Fahrt um Stunden zu weit ist. Wir müssen diese Chance ausnutzen.«

»Aber die Leraden sind doch eine ganz hübsch lange Inselkette«, warf Mallory ein. »Könnten nicht die Zerstörer durch …?«

»Zwischen zweien durchlaufen? Unmöglich.« Jensen schüttelte den Kopf. »Alles höllisch dicht vermint. Jeder einzelne Kanal. Da käme nicht mal ein Ruderboot durch.«

»Und der Kanal zwischen Maidos und Navarone? Ist gewiss auch dick voll Minen?«

»Nein, der ist frei. Große Wassertiefe, da lassen sich Minen nicht verankern.«

»Dann wäre das der, den sie nehmen müssten, nicht wahr? Ich meine, Sir, an der anderen Seite liegen türkische Hoheitsgewässer, und wir …«

»Wir würden morgen durch türkische Gewässer laufen, sogar in vollem Tageslicht, wenn es uns was nützte«, sagte Jensen trocken. »Die Türken wissen das und die Deutschen auch. Aber, vorausgesetzt, dass alle sonstigen Bedingungen gleich sind, würden wir die westliche Durchfahrt nehmen. Das Fahrwasser ist übersichtlicher, der Weg kürzer – und es ergeben sich daraus keine unnötigen internationalen Verwicklungen.«

»Wenn alle sonstigen Bedingungen gleich sind?«

»Die Kanonen von Navarone.« Jensen schwieg lange, dann wiederholte er die Worte, langsam, tonlos, wie man den Namen eines gefürchteten uralten Feindes wiederholen würde. »Die Kanonen von Navarone. Die machen alles ›gleich‹. Die decken die nördlichen Zufahrten zu beiden Kanälen ab. Wir könnten die zwölfhundert Mann heute Nacht schon von Kheros abholen – wenn es gelänge, die Kanonen von Navarone zum Schweigen zu bringen.«

Mallory saß stumm da. Jetzt kommt er zur Sache, dachte er.

»Es handelt sich da nicht um gewöhnliche Kanonen«, fuhr Jensen gelassen fort. »Unsere Experten von der Flotte meinen, sie müssten etwa 23-cm-Kaliber und gezogene Rohre haben. Ich persönlich halte sie für einen Typ der gefährlichen 21er, wie sie die Deutschen in Italien einsetzen – unsere Soldaten hier oben hassen und fürchten diese Geschütze über alles. Eine furchtbare Waffe – verdammt treffsicher bei sehr geringer Fluggeschwindigkeit des Geschosses. Wie dem auch sei«, fuhr er grimmig fort, »sie reichten hin, die Sybaris in fünf Minuten glatt zu erledigen.«

Mallory nickte. »Die Sybaris? Ich glaube, davon gehört …«

»Ein Zerstörer mit 20-cm-Batterie, den wir vor ungefähr vier Monaten hinschickten, um die Deutschen anzugreifen. Reine Formsache, ein besseres Manöverschießen, dachten wir. Sybaris wurde einfach aus dem Wasser gepustet. Nur siebzehn Überlebende kamen zurück.«

»Großer Gott!« Mallory war tief betroffen. »Ich wusste nicht, dass …«

»Vor zwei Monaten haben wir einen großangelegten amphibischen Angriff auf Navarone unternommen«, fuhr Jensen fort, ohne auf die Zwischenbemerkung einzugehen. »Kommandotrupps, Marinestoßtrupps und Jellicoes Bootssonderdienst. Wir wussten, dass unsere Chance sehr knapp war – Navarone besteht praktisch rundum aus einem einzigen Felsmassiv. Immerhin setzten wir hier Leute von besonderem Können ein, vielleicht die besten Sturmkommandos, die es zurzeit gibt.« Fast eine Minute schwieg er wieder, dann sprach er sehr ruhig weiter. »Sie wurden in Stücke zerfetzt, beinah bis zum letzten Mann massakriert …

Und schließlich, zweimal in den letzten zehn Tagen – wir wissen ja von dem geplanten Angriff auf Kheros schon lange –, haben wir Saboteure mit Fallschirmen eingesetzt, Leute vom Bootssonderdienst.« Er zuckte ratlos die Achseln. »Die verschwanden glatt.«

»Einfach weg? Spurlos?«

»Spurlos. Weg. Und dann heute Nacht – der letzte verzweifelte Einsatz des Spielers, oder wie Sie’s nennen wollen. Bei der Auswertung heute Abend da in der Baracke habe ich mich schön ruhig verhalten und wusste, warum. Ich war nämlich der ›Witzbold‹, den Torrance und seine Jungens gern über Navarone auskippen wollten. Und ich kann’s ihnen nachfühlen. Aber ich habe das machen müssen! Ich wusste, dass es hoffnungslos war – aber gemacht werden musste es.«

Der große Humber fuhr jetzt allmählich langsamer. Ruhig glitt er zwischen den elenden Hütten und armseligen Wohnhöhlen hindurch, die an der westlichen Zufahrt von Alexandria liegen. Am Himmel vor ihnen zeichneten sich dünn die ersten grauen Streifen der falschen Dämmerung ab.

»Ich glaube nicht, dass ich mit einem Fallschirm besondere Leistungen vollbringen kann«, sagte Mallory zweifelnd. »Um es ganz ehrlich zu gestehen: Bisher habe ich Fallschirme überhaupt noch nicht aus der Nähe gesehen.«

»Keine Sorge«, sagte Jensen knapp, »Sie werden auch keinen benutzen, denn Sie sollen auf dem schwereren Wege nach Navarone vordringen.«

Mallory erwartete weitere Erklärungen, doch Jensen war still geworden, er konzentrierte sich ganz aufs Fahren, um die tiefen Schlaglöcher zu vermeiden, die die Straße jetzt in immer größerer Zahl aufwies. Nach einer Weile fragte Mallory: »Warum ich, Kapitän Jensen?«

In der noch grauen Finsternis war Jensens Lächeln kaum sichtbar. Er riss den Wagen jäh zur Seite, um ein klaffendes Loch zu umfahren. Als er ihn wieder in Richtung hatte, sagte er: »Angst?«

»Gewiss habe ich Angst. Nehmen Sie’s mir nicht übel, Sir, aber bei Ihren Reden kann es jeder mit der Angst kriegen … Doch das hatte ich nicht gemeint.«

»Weiß ich. Liegt wohl an meiner ironischen Art … Warum Sie? Besonders qualifiziert, Söhnchen, wie ich Ihnen schon sagte. Sie sprechen Griechisch wie ein Grieche, sprechen Deutsch wie ein Deutscher, sind ein geschickter Saboteur, erstklassiger Organisator und haben anderthalb Jahre in den Weißen Bergen von Kreta unversehrt überlebt – ein deutlicher Beweis für Ihre Fähigkeit, sich in feindlichem Gebiet am Leben zu erhalten.« Jensen kicherte. »Sie wären gewiss erstaunt, wenn Sie wüssten, wie vollständig meine Personalakte von Ihnen ist.« Sein Blick wich nicht von der Straße ab.

»Nein, wäre ich nicht«, sagte Mallory etwas ärgerlich. »Und«, fügte er hinzu, »ich kenne mindestens drei andere Offiziere mit den gleichen Befähigungen.«

»Es gibt noch andere, ja«, stimmte Jensen bei, »aber es gibt keinen zweiten Keith Mallory. – Keith Mallory«, wiederholte Jensen rhetorisch. »Wer hätte nicht von Keith Mallory gehört in den glorreichen Zeiten vor dem Kriege? Der beste Bergsteiger, der größte Felsenkletterer, der je aus Neuseeland hervorgegangen ist – und damit meinen die Neuseeländer selbstverständlich ›aus der ganzen Welt‹. Die menschliche Fliege, der Ersteiger des Unersteigbaren, der Erklimmer senkrechter Klippen und unmöglicher Abhänge. Die ganze Südküste von Navarone«, erklärte Jensen weiter, »besteht aus einem einzigen, unmöglich steilen Abhang, an dem es keinen Halt für Hand oder Fuß gibt.«

»Ich verstehe«, murmelte Mallory, »jetzt verstehe ich richtig. Nach Navarone auf dem schwereren Wege. So sagten Sie doch?«

»Sagte ich«, bestätigte Jensen. »Sie und Ihre Männer – nur vier andere noch. Mallory’s Merry Mountaineers – Ihre fröhlichen Bergsteiger! Einzeln ausgewählt. Jeder ein Spezialist. Sie werden sie alle morgen Nachmittag kennenlernen – vielmehr heute Nachmittag.«

Die nächsten zehn Minuten fuhren sie schweigend, bogen nach rechts ab ins Hafengebiet, hoppelten ungemütlich über die klobigen Kopfsteine der Rue Souers, schwankten in den Mohammed-Ali-Platz, fuhren an der Börse entlang und bogen in die Sherif-Pasha-Straße ein.

Mallory blickte den Mann am Lenkrad an. Er konnte jetzt, in der zunehmenden Helligkeit, sein Gesicht klar erkennen. »Wohin geht’s, Sir?« fragte er.

»Zu dem einzigen Menschen im Mittelosten, der Ihnen jetzt behilflich sein kann. Monsieur Eugene Vlachos aus Navarone.«

»Sie sind ein sehr tapferer Mann, Hauptmann Mallory.« Nervös drehte Eugene Vlachos die langen spitzen Enden seines schwarzen Schnurrbarts. »Ein tapferer und ein törichter, würde ich sagen – doch kann man wohl einen Menschen nicht töricht nennen, wenn er Befehlen gehorcht.« Seine Augen wandten sich von der großen Zeichnung vor ihm auf dem Tisch dem unbewegten Gesicht Jensens zu.

»Gibt es denn kein anderes Mittel, Kapitän?« fragte er bittend.

Jensen schüttelte langsam den Kopf. »Wir haben alle Methoden ausprobiert, Sir. Alle waren ungeeignet. Die ist die letzte.«

»Also muss er den Weg gehen?«

»Es sind über tausend Mann auf Kheros, Sir.«

Vlachos neigte in stiller Zustimmung das Haupt, dann lächelte er Mallory matt an. »Er nennt mich ›Sir‹«, sagte er.

»Mich, einen armen griechischen Hotelier, und Kapitän Jensen von der Royal Navy nennt mich Sir! Ein schönes Gefühl für einen alten Mann.« Er schwieg, blickte leer in die Ferne, seine verblassten Augen und das müde, faltige Gesicht wurden weich unter den Erinnerungen. »Ein alter Mann, Hauptmann Mallory, jetzt alt und arm und traurig. Aber das war ich nicht immer. Einst war ich auch in den besten Jahren, war reich und zufrieden. Einst besaß ich ein herrliches Land, hundert Quadratmeilen des schönsten Landes, das Gott je seinen Geschöpfen gab, um ihre Augen hier unten zu entzücken. Und wie sehr liebte ich dieses Land!« Er lachte verlegen und fuhr sich mit der Hand durch sein dichtes ergrauendes Haar. »Ah ja, ich glaube, es kommt – wie man bei Ihnen sagt – nur darauf an, wie einer es anschaut. ›Ein herrliches Land‹, sage ich. ›Der verfluchte Felsen‹, so soll Kapitän Jensen es genannt haben, als ich’s nicht hören konnte.« Er lächelte über Jensens plötzliches Unbehagen. »Aber wir geben ihm beide den gleichen Namen – Navarone.«

Mallory blickte Jensen ganz verblüfft an. Jensen nickte. »Die Familie Vlachos hat Navarone seit Generationen besessen. Wir haben Monsieur Vlachos vor anderthalb Jahren in großer Eile evakuieren müssen. Die Deutschen legten auf seine Art der Kollaboration keinen besonderen Wert.«

»Es ging – wie sagten Sie noch? – ja: um Haaresbreite.« Vlachos nickte. »Man hatte bereits für mich und meine zwei Söhne ganz spezielle Plätze in den Kerkern von Navarone reserviert. Doch genug von der Familie Vlachos. Ich wollte nur gern, dass Sie wissen, dass ich vierzig Jahre auf Navarone zugebracht habe und beinah vier Tage …« Er machte eine Geste Richtung Tisch. »… vor der Karte hier. Meinen Auskünften und dieser Ortskarte können Sie unbedingt vertrauen. Viele Dinge am Ort haben sich natürlich verändert, aber manche ändern sich nie. Die Berge und Buchten, die Pässe, die Höhlen, die Straßen und die Häuser und vor allem die Festung selbst – die sind seit Jahrhunderten unverändert geblieben, Hauptmann Mallory. Ich gebe Ihnen mein Wort darauf.«

»Ich verstehe, Sir.« Mallory faltete sorgfältig die Karte zusammen und verstaute sie in seiner Feldbluse. »Wenn’s so ist, gibt’s immerhin eine Chance. Ich danke Ihnen sehr.«

»Wenig genug ist es, weiß Gott.« Vlachos trommelte ein Weilchen mit den Fingern auf den Tisch, dann blickte er zu Mallory auf. »Kapitän Jensen informierte mich, dass die meisten von Ihnen fließend Griechisch sprechen, dass Sie sich als griechische Bauern verkleiden und gefälschte Papiere bei sich führen werden. Das ist gut so. Dann werden Sie ohne Hilfe und – wie sagt man noch? –, nun, auf eigene Faust handeln können.« Er machte eine Pause, dann sprach er sehr ernst weiter. »Bitte versuchen Sie nicht, sich durch Einwohner von Navarone helfen zu lassen. Das müssen Sie um jeden Preis vermeiden. Die Deutschen sind rücksichtslos. Ich weiß das. Wenn Ihnen einer hilft und das festgestellt wird, werden sie nicht nur den Betreffenden, sondern sein ganzes Dorf – Männer, Frauen und Kinder – vernichten. Das ist schon vorgekommen und wird wieder vorkommen.«

»Es ist auf Kreta geschehen«, bestätigte Mallory ruhig. »Ich habe es selbst gesehen.«

»Sehr richtig.« Vlachos nickte. »Und die Leute auf Navarone besitzen weder Geschick noch Erfahrung genug, um einen erfolgreichen Guerillakrieg zu führen. Sie haben dazu gar keine Gelegenheit gehabt … die deutsche Überwachung ist auf unserer Insel besonders streng gewesen.«

»Ich verspreche Ihnen, Sir …«, begann Mallory.

Vlachos hob die Hand. »Einen Moment noch. Wenn Sie in eine verzweifelte Lage kommen, eine wirklich verzweifelte, dann gibt es da zwei Männer, an die Sie sich wenden können. Unter dem ersten Platanenbaum auf dem Dorfplatz von Margaritha, Nordseite – am Ausläufer des Tales, etwa fünf Kilometer südlich der Festung –, werden Sie das Haus eines Mannes namens Louki finden. Er ist viele Jahre lang Haushofmeister unserer Familie gewesen. Louki hat den Briten schon früher geholfen – Kapitän Jensen wird das bestätigen –, und Sie können ihm Ihr Leben anvertrauen. Er hat einen Freund, Panayis, der sich auch früher schon nützlich gemacht hat.«

»Schönen Dank, Sir. Ich werde daran denken. Louki und Panayis und Margaritha – die Platane auf dem Dorfplatz.«

»Und Sie werden jede Hilfe von anderer Seite ablehnen, Hauptmann?«, fragte Vlachos besorgt. »Louki und Panayis – nur diese beiden«, fügte er bittend hinzu.

»Sie haben mein Wort, Sir. Außerdem: je weniger, umso sicherer für uns und Ihre Leute.« Mallory war überrascht, wie eindringlich der alte Mann die Sache behandelte.

»Ich hoffe das, ich hoffe das.« Vlachos seufzte schwer.

Mallory stand auf und streckte ihm zum Abschied die Hand hin. »Sie machen sich unnötige Sorgen, Sir. Uns werden sie nie zu sehen bekommen«, versprach er zuversichtlich. »Niemand wird uns sehen – und wir niemanden. Wir haben nur ein einziges Ziel: die Kanonen.«

»Ay, die Kanonen – diese fürchterlichen Kanonen.« Vlachos schüttelte den Kopf. »Aber wenn wir nur einmal annehmen …«

»Bitte, es wird alles klargehen«, betonte Mallory in Ruhe. »Wir werden keinem Böses tun – am allerwenigsten Ihren Inselbewohnern.«

»Gott stehe Ihnen heute Nacht bei«, flüsterte der alte Mann. »Gott stehe Ihnen heute Nacht bei. Ich wünschte nur, ich könnte auch mitgehen.«

2. KAPITEL

Sonntagnacht, 19.00 bis 2.00 Uhr

»Kaffee, Sir?«

Mallory kämpfte sich stöhnend aus den Tiefen des Erschöpfungsschlafes. Unter Schmerzen lehnte er sich langsam in den metallgerahmten Kübelsitz zurück und überlegte verdrießlich, wann die Luftwaffe sich endlich entschließen würde, diese teuflischen Apparaturen zu polstern. Als er ganz wach war, richtete er den Blick unter den schweren, noch müden Lidern mechanisch auf das Leuchtzifferblatt seiner Armbanduhr. Sieben. Erst sieben Uhr – knapp zwei Stunden hatte er also geschlafen. Warum ließen sie ihn denn nicht weiterschlafen?

»Kaffee, Sir?« Der junge Bordschütze stand noch geduldig neben ihm, den umgedrehten Deckel eines Munitionskastens, der als Tablett für die Tassen diente, in der Hand.

»Entschuldige, Junge, entschuldige.« Mallory reckte sich mühsam auf seinem Platz hoch und langte nach einer Tasse mit der dampfenden Flüssigkeit, die er anerkennend beroch. »Danke schön. Riecht ja wie echter Bohnenkaffee.«

»Ist’s auch, Sir.« Der junge Schütze lächelte stolz. »Wir haben einen Filtertopf in der Kombüse.«

»Einen Filtertopf hat er in der Kombüse!« Ungläubig schüttelte Mallory den Kopf. »Ihr Götter, sind das die Strapazen des Krieges bei der Royal Air Force?« Er lehnte sich zurück, schlürfte genießerisch den Kaffee und seufzte zufrieden. Im nächsten Augenblick war er auf den Füßen, der heiße Kaffee platschte ihm über die nackten Knie, ohne dass er es merkte, als er jetzt durch das Fenster neben seinem Platz starrte. Er sah den Bordschützen an und deutete auf die Gebirgslandschaft, die sich dunkel unter ihnen entrollte.

»Was geht denn hier eigentlich vor? Wir sollen doch erst zwei Stunden nach Dunkelheit da sein, und dabei ist knapp die Sonne untergegangen! Hat der Pilot …?«

»Das ist Zypern, Sir.« Der Bordschütze grinste. »Am Horizont können Sie ganz schwach den Troodos erkennen. Wir fliegen fast immer, wenn’s nach Castelrosso geht, in einem großen Zickzack über Zypern. Um der Beobachtung zu entgehen, Sir. Und so kommen wir auch glatt an Rhodos vorbei.«

»Um der Beobachtung zu entgehen, sagt er!« In gewichtig gedehnten Silben kamen diese Worte aus dem Kübelsitz schräg hinter Mallory an der anderen Seite des Durchgangs. Der Sprecher lag zusammengebrochen – anders konnte man es nicht nennen – auf seinem Platz, seine knochigen Knie ragten ein Stück übers Kinn hinaus. »Mein Gott! Um der Beobachtung zu entgehen!«, wiederholte er entsetzt und ungläubig. »Zickzack über Zypern. Von Alexandria erst mal zwanzig Meilen mit der Barkasse in See, damit uns vom Strand aus keiner im Flugzeug abhauen sieht. Und was dann?« Er rückte die schmerzenden Glieder höher, spähte knapp über den unteren Rand des Fensters hinaus, dann fiel er, sichtlich erschöpft von dieser Anstrengung, wieder zurück. »Und was dann? Dann packen sie uns in eine alte Kiste, die so blendend weiß angemalt ist wie nur möglich, garantiert von einem Blinden auf hundert Meilen erkennbar – besonders jetzt, wo’s dunkel wird.«

»Das Weiß hält die Hitze ab«, sagte der Schütze entschuldigend.

»Die Hitze macht mir keine Kopfschmerzen, junger Mann.« Die Sprache klang jetzt noch breiter, noch melancholischer. »Hitze behagt mir. Was mir aber Kopfschmerzen macht, sind die ekelhaften Granaten und MG-Kugeln, die einem an allen möglichen Stellen Luftlöcher schlagen können.« Er glitt noch ein paar Zentimeter tiefer in den Sitz, schloss matt die Augen und schien binnen Sekunden eingeschlafen zu sein.

Der junge Bordschütze schüttelte bewundernd den Kopf und sagte lächelnd zu Mallory: »Der und sich Kopfschmerzen machen, was, Sir?«

Mallory lachte und sah dem Jungen nach, wie er vorn in der Führerkabine verschwand. Langsam trank er seinen Kaffee, während er wieder die schlafende Gestalt schräg gegenüber betrachtete. Diese selige Sorglosigkeit war doch großartig. Einen Mann wie Unteroffizier »Dusty« Miller aus den Vereinigten Staaten, neuerdings zur Fernaufklärung Wüste detachiert, bei sich zu haben war gewiss gut.

Er schaute sich nach den anderen um und nickte zufrieden. Die würden alle gut sein als Kameraden. In achtzehn Monaten auf Kreta hatte er ein untrügliches Gefühl dafür entwickelt, wie weit einer sich unter den besonderen Verhältnissen des regellosen Kleinkriegs zu behaupten wusste, an dem er selbst so lange teilgenommen hatte. Auf den ersten Blick hätte er denen nicht zugetraut, dass sie so ein Unternehmen durchstehen konnten. Gewiss hatte ihn Kapitän Jensen in der Auswahl besonders geeigneter Leute großartig bedient. Kannte er sie auch persönlich noch nicht näher, so hatte er sich doch nach den sehr ausführlichen Personalakten, die Jensen von jedem besaß, genau über sie orientiert. Und die Angaben auf dem Papier waren immerhin vertrauenerweckend.

Oder muss ich vielleicht hinter Stevens ein kleines Fragezeichen setzen? überlegte Mallory, während er über den Gang einen Blick auf den blonden Menschen mit der knabenhaften Figur warf, der gespannt unter dem gleißend weißen Tragdeck der Sunderland hindurch auf die Landschaft blickte. Andy Stevens, Leutnant der Reserve der Kriegsmarine, war für die Aufgabe aus dreierlei Gründen gewählt worden. Er war bestimmt, das Schiff zu führen, das sie nach Navarone bringen sollte; war ein vorzüglicher Bergsteiger mit berühmt gewordenen Leistungen und drittens ein begeisterter Griechenfreund, der das alte wie das moderne Griechisch fließend sprach und seine zwei letzten langen Ferien vor dem Kriege als Touristenführer in Athen verbracht hatte. Aber er ist jung, lächerlich jung, dachte Mallory, als er ihn prüfend betrachtete. Und Jugend konnte gefährlich werden. Allzu oft schon war sie im Bandenkrieg auf den Inseln verhängnisvoll geworden. Mit ihrer Begeisterung, dem Temperament und dem Eifer allein waren die jungen Menschen den Schwierigkeiten nicht gewachsen, vielmehr waren diese Eigenschaften oft geradezu hinderlich. Hier wurde kein Krieg mit Fanfarenstößen, donnernden Motoren und hochtrabendem Stolz im Lärm der Waffen geführt, sondern Krieg der Geduld, der Ausdauer und Zähigkeit, der Kenntnis von Mensch und Umgebung, der listigen Schliche und Hinterhalte – und dafür eigneten zu junge Leute sich nur selten … Doch Stevens sah aus, als könnte er rasch lernen.

Mallory musterte abermals unauffällig Miller. Dieser Dusty Miller hatte offenbar schon vor sehr langer Zeit begriffen, worauf es ankam. Ein Mann seiner Art auf weißem Kriegsross, die Trompete an den Lippen, war selbst bei lebhafter Fantasie einfach unvorstellbar. Miller sah aus wie ein Mensch, der sich lange genug in der Welt umhergetrieben hat, um alle Illusionen zu verlieren.

Tatsächlich war Unteroffizier Miller genau vierzig Jahre in der Welt herumgekommen. Geboren in Kalifornien, drei Viertel Irländer und ein Viertel Mitteleuropäer, hatte er in den letzten zweieinhalb Jahrzehnten mehr Kämpfe und Abenteuer mitgemacht, als dem Durchschnittsmenschen in zehn Lebenszeiten begegnen würden. Arbeiter in den Silberbergwerken von Nevada, beim Tunnelbau in Kanada und Spezialist im Löschen brennender Ölquellen in mehreren Erdteilen, war er, als Hitler Polen angegriffen hatte, in Saudi-Arabien gewesen. Dass eine seiner weiblichen Vorfahren etwa um die Jahrhundertwende in Warschau gewohnt hatte, reichte hin, um Millers irisches Blut vor Zorn über den deutschen Affront in Wallung zu bringen. Er hatte das erste erreichbare Flugzeug nach England bestiegen und sich in die Luftwaffe hineingeschwindelt, die ihn, zu seiner höchsten Empörung, seines Alters wegen in den achteren Geschützturm einer Wellington »verbannt« hatte.

Sein erster Kampfeinsatz in der Luft war auch sein letzter geworden. Kaum zehn Minuten nachdem sie, in einer Januarnacht 1941 vom Flugplatz Menidi bei Athen aufgestiegen waren, hatte ein Motorschaden sie gezwungen, schmählich, wenn auch weich federnd, ihren Flug auf einem Reisfeld einige Kilometer nordwestlich der Stadt zu beenden. Den Rest des Winters verbrachte er, vor Wut siedend, in einer Feldküche in Menidi. Anfang April verließ er, ohne jemand davon zu unterrichten, die Luftwaffe und stieß, als er sich nach Norden in die Kampfzone bis zur albanischen Grenze durchschlug, auf die nach Süden vordringenden Deutschen. Wie er später berichtete, erreichte er Nauplion ganz kurz vor Eintreffen der ersten Panzerdivision und wurde auf dem Transporter Slamat evakuiert. Das Schiff wurde versenkt, Miller von dem Zerstörer Wryneck aufgefischt, der ebenfalls sank. Er traf schließlich auf einer steinalten griechischen Kajike in Alexandria ein. Nichts nannte er mehr sein Eigen, außer dem festen Entschluss, sich nie wieder in die Luft oder aufs Meer zu wagen. Wenige Monate später befand er sich mit einem Sonderspähtrupp hinter den feindlichen Linien in Libyen.

Er war, sann Mallory, ganz das Gegenstück zu Leutnant Stevens. Der war jung, frisch, begeisterungsfähig, korrekt und tadellos gekleidet, Miller war vertrocknet, hager, sehnig, unerhört zäh und hatte eine fast pathologische Abneigung gegen Politur und Schliff jeglicher Art. Wie gut der Spitzname Dusty – der Staubige – auf ihn passte! Jedenfalls konnte es stärkere Gegensätze kaum geben. Auch dass Miller noch nie im Leben einen Berg erstiegen hatte und von der griechischen Sprache nur Worte kannte, die man in keinem Lexikon fand. Dabei waren diese zwei Tatsachen hier ganz ohne Bedeutung, denn auf Miller war die Wahl nur aus einem einzigen Grund gefallen: Im Umgang mit Sprengstoffen galt er, erfinderisch, unerschütterlich ruhig und stets erfolgreich durch tödliche Präzision, bei der Abwehrstelle Mittelost in Kairo als der beste Saboteur von Südeuropa.

Hinter Miller saß Casey Brown, klein, dunkel, gedrungen. Funkmeister Brown stammte vom Clyde und war im Frieden Erprobungsingenieur auf einer berühmten Bootswerft am Garesee gewesen. Wie sehr er zum perfekten Schiffsmaschinisten prädestiniert war, ließ sich daran erkennen, dass die Marine bei der Musterung prompt vorbeitippte und ihn in die Nachrichtenabteilung steckte. Browns Pech wurde ein Glück für Mallory, denn Brown sollte, als Maschinist des für ihre Fahrt nach Navarone vorgesehenen Bootes, Funkverbindung mit dem Stützpunkt halten. Er galt auch als erstklassiger Guerillakrieger, lange erprobt im Bootssonderdienst und für seine Leistungen in der Ägäis und vor der libyschen Küste mit mehreren Orden ausgezeichnet.

Der fünfte und letzte Mann ihrer Gruppe saß direkt hinter Mallory. Nach dem brauchte er sich nicht umzudrehen, denn den kannte er am besten von allen Menschen auf der Welt, besser sogar als seine eigene Mutter. Andrea war die ganzen, endlos lang erscheinenden achtzehn Monate auf Kreta sein Adjutant gewesen. Andrea, dieses Muskelpaket mit dem tiefbäuchigen Gelächter und der tragischen Vergangenheit. Der Mann, mit dem er in Höhlen, unter Felsenhängen und in verlassenen Hirtenhütten gelagert, gegessen und geschlafen hatte, immerfort gehetzt und bedrängt von deutschen Spähtrupps und Flugzeugen – dieser Andrea, der zu seinem zweiten Ich, seinem Doppelgänger geworden war. Wenn Mallory ihn ansah, glaubte er gleichsam sich selbst wie in einem Spiegel zu erblicken … Es lag auf der Hand, weshalb Andrea mitkam. Nicht in erster Linie, weil er Grieche war und Sprache, Denkweise und Sitten der Inselbevölkerung genau kannte; auch nicht, weil er sich mit Mallory so vollkommen verstand. So nützlich und schön das sein mochte – er sollte ihnen einzig und allein als Schutz und Rückhalt dienen. Von unendlicher Geduld, ruhig und enorm stark, ungeheuer wendig und beweglich trotz seines schweren Körpers, listig und leise wie eine Katze, konnte er plötzlich wie ein Berserker zum Angriff übergehen, eine wahre Kampfmaschine. Andrea sollte ihre Versicherung gegen Misserfolg sein.

Mallory sah wieder aus dem Fenster und nickte noch einmal still. Er war zufrieden. Eine bessere Gruppe hätte Jensen wahrscheinlich nicht zusammenstellen können, selbst wenn er alle Kriegsschauplätze am Mittelmeer abkämmte. Und diese ganze Mühe hatte Jensen sich offenbar wirklich gemacht. Miller und Brown waren schon vor beinah vier Wochen nach Alexandria beordert worden, und ebenso früh war die Ablösung für Stevens an Bord seines in Malta stationierten Kreuzers erschienen. Und er selbst hätte mit Andrea gewiss auch schon vierzehn Tage früher Alexandria erreicht, wäre ihnen nicht noch zuletzt in den Weißen Bergen ihr Batterieladegerät in eine Schlucht gefallen, und hätte nicht der schwer geplagte Meldegänger vom »nächsten« Horchposten eine Woche gebraucht, um die achtzig Kilometer durch verschneites, vom Feind überwachtes Gebirgsgelände zurückzulegen, und weitere fünf Tage, um sie aufzufinden. Mallorys Hochachtung vor Jensen stieg immer mehr. Ein weitblickender Mensch, der seine Pläne konsequent durchführte. Seine gesamten Vorbereitungen für dieses Unternehmen musste er wohl schon vor den zwei erfolglosen Fallschirmeinsätzen gegen Navarone getroffen haben. Einen dritten Misserfolg durfte es einfach nicht mehr geben.

Acht Uhr. Im Flugzeug war es fast völlig dunkel, als Mallory aufstand und sich nach vorn in die Pilotenkabine begab. Der Captain trank gerade Kaffee, in einer Wolke von Tabaksqualm, der zweite Flugzeugführer winkte Mallory beim Eintritt lässig zu und betrachtete dann weiter gelangweilt die vor ihnen liegende Szenerie.

»Guten Abend«, sagte Mallory lächelnd. »Haben Sie etwas dagegen, dass ich eintrete?«

»Sie sind mir in meinem Faden stets willkommen«, versicherte ihm der Captain, »brauchen gar nicht zu fragen.«

»Ich dachte nur, Sie wären beschäftigt …« Mallory hielt inne, die geradezu souveräne Untätigkeit in der Kabine verblüffte ihn. »Wer fliegt eigentlich diese Maschine?«, fragte er.

»George. Der automatische Pilot.« Der Captain wies mit der Kaffeetasse auf einen schwarzen, niedrigen Kasten, dessen Umrisse in der fast finsteren Kabine nur verschwommen sichtbar waren. »Ein fleißiger Kerl, der verdammt viel weniger Fehler macht als der faule Hund, der hier eigentlich Dienst machen soll … Hatten Sie was auf dem Herzen, Hauptmann?«

»Ja. Welche Instruktionen haben Sie für heute Nacht?«

»Nur, dass ich euch Knaben in Castelrosso absetzen soll, und zwar im Schutz der Dunkelheit.« Der Flieger schwieg einen Moment, ehe er offen erklärte: »Ich kapiere das nicht: ein Flugzeug von dieser Größe für nur fünf Mann und ein paar hundert Pfund Ausrüstung. Ausgerechnet nach Castelrosso. Und ausgerechnet bei Nacht. Die letzte Maschine, die im Dunkeln da runterging, landete unter Wasser, bis sie gegen ein Hindernis stieß – weiß nicht, was für eins. Zwei Überlebende.«

»Ja, habe davon gehört. Tut mir leid, aber ich bin ja selbst kommandiert. Alles Sonstige vergessen Sie bitte – im Ernst.

Schärfen Sie Ihrer Besatzung ein, dass keiner ein Wort erzählen darf. Sie haben uns nie gesehen, klar?«

Der Captain nickte düster. »Man hat uns allen schon das Kriegsgericht angedroht. Kommt einem bald vor, als sei tatsächlich ein Krieg im Gange.«

»Ist es auch … Wir lassen zwei Kisten mit Zeug zurück. An Land gehen wir in anderer Kleidung. Die Kisten wird jemand abholen, wenn Sie wieder drüben sind.«

»Verstanden. Und viel Glück, Hauptmann. Geheimbefehl hin, Geheimbefehl her – ich habe das Gefühl, Sie werden Glück brauchen.«

»Wenn Sie das meinen, können Sie uns den besten Start geben«, sagte Mallory lächelnd. »Brauchen uns nur heil zu Wasser zu bringen, ja?«

»Seien Sie ganz beruhigt, Bruder«, erwiderte der Flieger energisch. »Keine Sorge. Bedenken Sie: In dieser Maschine sitze ich ja auch.«

Noch dröhnte ihnen wie ein Echo der Lärm von den starken Motoren der Sunderland in den Ohren, als das plumpe kleine Motorboot puffend aus der Dunkelheit kam und sich neben den glänzenden Rumpf des Wasserflugzeugs schob. Es wurde keine Zeit verloren und kein Wort gesprochen. In einer Minute waren die fünf Mann mit ihrer ganzen Ausrüstung an Bord, und zwei Minuten später schon legte sich das Boot, gegen die raue Steinwand scheuernd, an die Marinemole von Castelrosso. Zwei Wurfleinen flogen im Bogen durchs Dunkel, wurden von geübten Händen gefangen und rasch festgemacht. Neben der Bordwand des Schiffes, etwa in der Mitte, führte eine rostige, tief in die Steinmauer eingelassene Leiter empor in die von Sternen gesprenkelte Finsternis. Als Mallory oben ankam, trat aus dem Dunkelgrau eine schwarze Gestalt.

»Hauptmann Mallory?«

»Ja.«

»Hauptmann Briggs, Heeresgruppe. Lassen Sie bitte Ihre Leute hier warten, der Oberst möchte Sie noch sprechen.« Die näselnde Stimme mit dem affektiert knappen Befehlston klang alles andere als herzlich. Mallory machte in aufkommendem Zorn eine Bewegung, sagte aber nichts. Briggs sprach wie einer, der Verlangen nach seinem Bett oder nach der Gin-Flasche hatte, und vielleicht brachte ihn dieser späte Besuch um beide Genüsse. Ja, der elende Krieg …

Sie waren in zehn Minuten wieder zurück, jetzt zu dreien. Mallory spähte nach seinen drei am Molenrand wartenden Männern, bis er sie unterscheiden konnte. »Wo ist Miller hingekommen?«, fragte er in halblautem Ton.

»Hier, Boss, hier«, stöhnte Miller, der sich mit dem Rücken gegen einen dicken hölzernen Poller gesetzt hatte und sich mühsam hochrappelte. »Bloß ’n bisschen ausgeruht, Boss. Zur Erholung, müsste man sagen, nach den nervenzerrüttenden Strapazen der Fahrt.«

»Wenn Sie alle endlich bereit sind«, sagte Briggs bissig, »wird Matthews Sie in Ihr Quartier führen. Sie bleiben dem Hauptmann zur Verfügung, Matthews. Befehl vom Oberst.« Sein Ton ließ keinen Zweifel, dass er die Befehle seines Vorgesetzten für ausgemachten Blödsinn hielt. »Und vergessen Sie nicht, Hauptmann Mallory, zwei Stunden, wie der Oberst gesagt hat.«

»Ich weiß, ich weiß«, sagte Mallory müde. »War ja dabei, wie er’s sagte. Sie werden sich erinnern, dass er mit mir gesprochen hat. All right, Jungens, wenn ihr klar seid.«

»Unser Gerät, Sir?«, wagte Stevens einzuwerfen.

»Das lassen Sie nur hier. Schön, Matthews, führen Sie uns bitte.«

Matthews ging voraus über die Mole, dann eine nicht enden wollende Zahl von steilen abgetretenen Stufen hinauf. Sie folgten ihm im Gänsemarsch, ihre Gummisohlen machten auf dem Gestein kein Geräusch. Oben bog Matthews scharf nach rechts ab, schritt durch einen engen Gang, der in Windungen abwärts führte, in einen breiteren Korridor, stieg mehrere knarrende Holztreppen empor und öffnete oben am Vorplatz die erste Tür.

»Hier ist es, Sir. Ich werde vor der Tür warten.«

»Warten Sie lieber unten«, wies Mallory ihn an. »Will Sie nicht kränken, Matthews, aber: Je weniger Sie wissen, umso besser.«

Er folgte den anderen in den Raum und schloss die Tür. Ein ödes kleines Zimmer, mit dicken Vorhängen vor den Fenstern, von einem Tisch und fünf, sechs Stühlen fast ausgefüllt. In der hinteren Ecke knarrte die Matratze des einzigen Bettes, als Unteroffizier Miller sich, die Hände hinter dem Kopf verschränkend, genüsslich darauf ausstreckte.

»Ei je«, murmelte er bewundernd, »ein Hotelzimmer. Genau wie zu Hause. Bisschen kahl allerdings.« Ein Gedanke kam ihm. »Wo wollt ihr andern denn alle schlafen?«

»Überhaupt nicht«, sagte Mallory kurz. »Und Sie auch nicht. Wir brechen in knapp zwei Stunden auf.« Miller stöhnte. »Los, Soldat, erhebe dich«, fuhr Mallory erbarmungslos fort.

Miller stöhnte noch einmal, schwang die Beine über die Bettkante und beobachtete neugierig Andrea. Der gewaltige Grieche durchsuchte methodisch den Raum, indem er Schubfächer aufzog, Bilder umdrehte, hinter die Vorhänge und unters Bett blickte.

»Was macht’n der? Sucht er Staub?«, fragte Miller.

»Sieht nach, ob ein Horchgerät versteckt ist«, erwiderte Mallory barsch. »Eine der Maßnahmen, denen Andrea und ich zu verdanken haben, dass wir immer noch leben.« Er griff in die Brusttasche seines Waffenrocks, einer dunklen Marinebluse ohne Rangabzeichen, zog eine Landkarte und die Zeichnung hervor, die Vlachos ihm gegeben hatte, und breitete sie auf dem Tisch aus. »Alle Mann um mich herumstellen. Ich weiß, dass Sie in den letzten zwei Wochen vor Neugier beinah geplatzt sind und sich hundert Fragen vorgelegt haben. Nun, hier finden Sie alles beantwortet, und ich hoffe, zu Ihrer Zufriedenheit … Ich darf Sie bekannt machen mit der Insel Navarone …«

Mallorys Uhr zeigte genau 11 Uhr, als er sich zurücklehnte und die Blätter wieder zusammenfaltete. Er musterte mit leichtem Spott die vier nachdenklichen Gesichter am Tisch. »Tja, meine Herren, so sieht die Sache aus. Reizender Plan, wie?« Er lächelte schief. »Wenn dies ein Film wäre, hieße mein nächster Satz: ›Noch jemand eine Frage, Leute?‹ Aber das wollen wir uns schenken, weil ich einfach keine Antwort zu geben wüsste, denn Sie wissen nun genauso viel wie ich.«

»Eine hundertzwanzig Meter hohe, vierhundert Meter breite senkrechte Klippe, und das nennt sich die einzige offene Stelle der Verteidigungsanlage.« Miller, den Kopf missmutig über seine Tabakschachtel geneigt, drehte sich mit geübter Hand eine lange dünne Zigarette. »Das ist glatter Wahnsinn, Boss. Ich persönlich kann nicht mal ’ne elende Leiter hochklettern, ohne runterzufallen.« Er paffte den beizenden Qualm seines starken Tabaks in die Luft. »Selbstmörderisch, das ist der Ausdruck, nach dem ich gesucht habe. Selbstmörderisch. Wette 1 zu 1000, dass wir nicht mal bis auf fünf Meilen an die verfluchten Kanonen rankommen.«

»1 zu 1000, so?« Mallory musterte ihn lange, ehe er fragte: »Sagen Sie mal, Miller: Wie würden Sie die Wette für unsere Leute auf Kheros legen?«

»Ach ja.« Miller nickte ernst. »Ja, die Jungens auf Kheros, die hatte ich ganz vergessen. Habe mir bloß dauernd vorgestellt, wie ich mit der verflixten Klippe fertig werden soll.« Er warf einen hoffnungsvollen Blick auf die massige Gestalt Andreas an der anderen Seite des Tisches. »Oder vielleicht wird Andrea mich hinauftragen? Stark genug dazu ist er bestimmt.«

Andrea gab keine Antwort. Er hatte die Augen halb geschlossen und schien mit seinen Gedanken unendlich fern.

»Wir werden Sie an Händen und Füßen fesseln und an einem Tau aufhieven«, sagte Stevens unfreundlich. »Wenn’s geht, nehmen wir sogar ein haltbares«, ergänzte er in gleichgültigem Ton. Es sollte scherzhaft klingen, doch seine besorgte Miene strafte ihn Lügen. Abgesehen von Mallory konnte nur Stevens die fast unüberwindlichen Schwierigkeiten ihrer Aufgabe beurteilen, einen unbekannten steilen Felsen in der Dunkelheit zu erklimmen. Er blickte Mallory fragend an. »Sollen wir allein klettern, Sir, oder …?«

»Entschuldigen Sie bitte.« Andrea beugte sich plötzlich vor. Rasch schrieb er etwas auf ein Blatt Papier und sprach mit seinem rummelnden Bass sehr schnell in dem korrekten Englisch, das er während seiner langen Zusammenarbeit mit Mallory gelernt hatte: »Ich habe einen Plan zum Ersteigen der Klippe. Hier ist eine Zeichnung. Meint Herr Hauptmann, dass es so geht? Bitte sehen Sie sich das an.«

Er schob Mallory das Papier zu. Mallory blickte darauf, stutzte ein wenig, begriff aber sofort, was Andrea wollte. Auf dem Blatt war nichts gezeichnet, es trug nur zwei Worte in großen Druckbuchstaben: »Alle weiterreden«.

»Ach so«, sagte Mallory sinnend. »Wirklich sehr gut, Andrea, so wäre es durchaus möglich.« Er hielt das Papier hoch, dass alle es lesen konnten. Andrea war bereits aufgestanden, er tappte wie auf Katzenpfoten zur Tür.

»Genial, nicht wahr, Korporal Miller?«, fuhr Mallory im bisherigen Ton fort. »Damit könnten wir manche Schwierigkeit ausschalten.«

»Ja-a.« Millers Gesichtsausdruck hatte sich kein bisschen geändert, seine Augen blieben halb geschlossen zum Schutz vor dem scharfen Rauch der Zigarette, die er lose zwischen den Lippen hielt. »So wäre vielleicht das Problem zu lösen – und sogar ich könnte heil nach oben kommen.« Er lachte ganz ungezwungen, während er konzentriert einen sonderbar geformten Zylinder auf den Lauf eines Revolvers schraubte, der wie durch Zauberei in seiner linken Hand erschienen war. »Nur diese komische Linie hier verstehe ich nicht ganz, und den Punkt da …«

In zwei Sekunden, buchstäblich, war alles vorbei. Mit täuschender Leichtigkeit und Gelassenheit hatte Andrea die Tür geöffnet, die freie Hand ausgestreckt, eine sich wild sträubende Gestalt durch die Lücke hereingerissen, sie ins Zimmer gestellt und die Tür geschlossen, alles wie in einer einzigen, genau abgemessenen Bewegung. Es war ebenso geräuschlos wie schnell gegangen. Für eine Sekunde stand der Horcher, ein dunkler Levantiner mit spitzem Gesicht, der blaue Hosen und ein schlecht sitzendes weißes Hemd trug, vor Schrecken wie versteinert da, nur die Augen zuckten ganz schnell in der ungewohnten Helligkeit. Dann fuhr seine Rechte unter das Hemd.

»Achtung!«, rief Miller scharf, den Revolver erhebend, während Mallory nach seiner Hand griff.

»Aufpassen!«, sagte Mallory leise.

Die Männer am Tisch sahen nur flüchtig das Blitzen von bläulichem Stahl, als der Arm mit dem Messer zuckend zurückfuhr und sofort wieder nach vorn stieß, bösartig schnell.

Und dann – kaum zu glauben – blieben Hand und Messer mit einem Ruck in der Luft stehen, die glänzende Spitze nur ein paar Finger breit vor Andreas Brust. Ein kreischender Schmerzensschrei, ein eigenartiges Knacken von Handgelenkknochen, als der gigantische Grieche fester zupackte, und dann hatte Andrea die Klinge zwischen Daumen und Zeigefinger und nahm dem Levantiner das Messer ab, so behutsam und gleichsam mit zärtlichem Vorwurf, wie ein Vater sein geliebtes, aber unvernünftiges Kind davor beschützt, sich selbst wehzutun. Und schon war das Messer herumgedreht, die Spitze stand vor der Kehle des Levantiners, und Andrea blickte aus seiner Höhe freundlich in die dunklen entsetzten Augen.

Miller ließ in einem langen, halb pfeifenden Seufzer die Luft aus den Lungen. »Nanu«, murmelte er, »ich glaube, das hat Andrea wohl schon öfters gemacht?«

»Ich glaube, das hat er wohl«, imitierte ihn Mallory. »Wollen uns die Type mal genauer ansehen, Andrea.«

Andrea brachte seinen Gefangenen näher an den Tisch, bis in den Lichtkreis. Mit finsterer Miene stand er da, ein magerer Mensch, Gesicht wie ein Frettchen, die schwarzen Augen trüb von Schmerzen und Angst, das zerdrückte Handgelenk mit der Linken stützend.

»Wie lange mag dieser Kerl schon draußen gestanden haben, Andrea?«, fragte Mallory.

Andrea fuhr sich mit seinen starken Fingern durch die dichten dunklen, über den Schläfen stark angegrauten Haarlocken. »Genau weiß ich das nicht, Hauptmann. Ich bildete mir ein, ein Geräusch zu hören, wie ein Schurren von Füßen, vor ungefähr zehn Minuten, aber ich dachte, meine Ohren täuschten mich. Dann hörte ich dasselbe vor einer Minute. Also wird wohl leider …«

»Zehn Minuten, wie?« Mallory nickte überlegend, dann fixierte er den Gefangenen. »Wie heißt du?«, fragte er ihn scharf. »Was hast du hier zu suchen?«

Es kam keine Antwort, nur der finstere Blick, das mürrische Schweigen – das durch einen schrillen Schmerzensschrei jäh unterbrochen wurde, als Andrea den Mann gegen den Schädel knuffte.

»Der Hauptmann hat dir eine Frage gestellt«, sagte er vorwurfsvoll und knuffte ihn zum zweiten Mal, noch kräftiger. »Antworte dem Hauptmann.«

Der Fremde begann aufgeregt zu reden, in rapidem Tempo, wild mit den Händen gestikulierend. Seine Worte waren vollkommen unverständlich. Andrea schnitt den Redestrom ab, indem er einfach den Mann an der Kehle packte, mit seiner Linken, die den dürren Hals fast ganz umschloss.

Mallory blickte Andrea fragend an. Der Riese schüttelte den Kopf.

»Kurdisch oder Armenisch, glaube ich, Hauptmann, aber die Sprachen verstehe ich nicht.«

»Und ich schon gar nicht«, gab Mallory zu. »Sprichst du englisch?«, fuhr er den Fremden an.

Als Antwort bekam er nur einen hasserfüllten Blick der schwarzen Augen. Andrea knuffte wieder.

»Sprichst du englisch?«, wiederholte Mallory unnachgiebig.

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