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Die Legende der vier Königreiche - Ungekrönt

Als Buch hier erhältlich:

Einst waren die vier Königreiche geeint. Nun herrschen Krieg und Zerstörung. Die Eltern von Emelina, der Prinzessin von Ruina, wurden vom König des Nachbarreiches Lera umgebracht und ihre Schwester verschleppt. Emelina will Vergeltung! Ihr Plan ist so grausam wie genial. Erst tötet sie die Verlobte von Cas, dem Thronfolger von Lera, dann nimmt sie deren Platz ein. Am Hofe des Feindes will sie den König und alles, was ihm teuer ist, auslöschen - auch Cas. Aber je mehr Zeit sie mit dem Prinzen verbringt, desto mehr will ihr Herz ihr Vorhaben vereiteln …

"Die Legende der vier Königreiche - Ungekrönt ist so atemberaubend voller Action, Romantik und unerwarteter Wendungen, dass ich bis zur letzten Seite gefesselt war!"
SPIEGEL-Bestsellerautorin Kiera Cass

"Die perfekte Mischung aus Fantasy, Abenteuer und Liebesgeschichte. Ich habe es in einem Rutsch verschlungen."
Amie Kaufman, Bestsellerautorin der "These Broken Stars"-Serie

"Das perfekte Buch für alle Fans spannender Fantasy-Epen mit starken weiblichen Charakteren."
School Library Journal

"Eine faszinierende Heldin, von der man mehr lesen möchte."
Booklist


  • Erscheinungstag: 09.10.2017
  • Aus der Serie: Ruined
  • Bandnummer: 1
  • Seitenanzahl: 352
  • Altersempfehlung: 14
  • Format: Hardcover
  • ISBN/Artikelnummer: 9783959671316

Leseprobe

1. Kapitel

Die Räder der Kutsche rollten knarrend über den Feldweg. Das Geräusch hallte durch den stillen Wald.

Ruhig kauerte Em hinter dem Baum und umklammerte den Griff ihres Schwerts mit jedem einzelnen Finger. Ein Eichhörnchen huschte über die staubige Straße und verschwand im dichten Gebüsch. Weder von der Prinzessin noch von ihren Wachen war etwas zu entdecken.

Em schaute über ihre Schulter zu Damian, der vollkommen regungslos hinter einem Busch hockte, ja, er schien nicht mal zu atmen. So war Damian – unglaublich schnell oder unglaublich still, je nach dem, was die Situation verlangte.

Auf der anderen Seite des Weges saß Aren mit gezogenem Schwert auf einem Ast.

Beide Jungs hatten ihre Blicke auf Em gerichtet und warteten auf ihr Signal.

Sie drückte ihre Hand gegen den Baumstamm und spähte dahinter hervor. Hinter ihr ging die Sonne unter, und sie konnte die weißen Wölkchen sehen, die ihr Atem in der kühlen Luft hinterließ. Sie zitterte.

Die erste Wache kam auf einem Pferd um die Kurve, leicht zu erkennen an seiner hellen gelb-schwarzen Uniform. Gelb war zwar die Farbe des Hauses der Prinzessin – der Vallos –, aber Em hätte darauf bestanden, dass ihre Leute Schwarz trugen. Außerdem hätte sie angeordnet, dass ein paar Soldaten die Umgebung um die Kutsche herum auskundschaften.

Anscheinend war die Prinzessin nicht so schlau. Oder sie fühlte sich in ihrem Königreich sicher.

Em konnte sich kaum daran erinnern, wie sich Sicherheit anfühlte.

Erneut zitterte sie, diesmal allerdings lag es nicht an der Kälte. Jede Faser ihres Körpers war in Alarmbereitschaft.

Die vierspännige Kutsche fuhr hinter der ersten Wache den Weg entlang. Insgesamt waren es fünf Mann Begleitschutz: einer vor dem Gefährt, einer an jeder Seite und zwei Wachen hinter der Kutsche. Alle saßen auf Pferden und waren mit Schwertern bewaffnet. Die Prinzessin musste also in der Kutsche sein.

Sechs gegen drei. Ems, Damians und Arens Chancen hatten schon viel schlechter gestanden.

Der vordere Reiter sagte etwas zu einem der anderen Männer, dann lachten beide. Die blauen Stellen auf ihrer Brust waren aus der Entfernung nicht zu erkennen, doch Em wusste, dass sie dort waren. Denn alle Soldaten, die mindestens zehn Ruined umgebracht hatten, trugen blaue Anstecknadeln. Für die ersten zehn gab’s die erste Nadel, für die nächsten zehn die zweite und so weiter.

Der Mann vor dem Gefährt hatte mindestens drei Stück.

Em freute sich schon darauf, ihm das Grinsen aus dem Gesicht zu wischen.

Sie richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf Damian und nickte ihm kaum merklich zu.

Langsam richtete Damian sich auf, in einer Hand einen Dolch, in der anderen ein Schwert. Er hob den Dolch und visierte sein Ziel an.

Die Klinge schoss durch die Luft.

Em schnellte hoch. Damians Dolch bohrte sich in den Hals des Mannes an der Seite der Kutsche; ein Schrei zerriss die Luft. Die Wache kippte aus dem Sattel, die anderen Gardesoldaten sprangen ab und zückten ihre Schwerter. Die Pferde wieherten panisch und eines galoppierte davon. Die Hufe klackerten auf dem Boden, als es zwischen den Bäumen verschwand.

Aren schwang sich von seinem Baum und landete auf zwei Wachen. Seine Klinge zischte durch die Luft und fand schließlich ihr Ziel.

Damian rannte auf den Soldaten zu, der versuchte, die seitliche Tür der Kutsche zu schützen. Das Gesicht der Wache war angstverzerrt, sein Grauen war förmlich greifbar.

Damit blieb nur einer übrig – der vor dem Gefährt. Er starrte Em direkt ins Gesicht. Noch fester umklammerte sie ihre Waffe, während sie auf ihn zustürmte.

Er griff hinter sich. Em hatte kaum Zeit, auf den Anblick des Bogens zu reagieren, da schoss schon ein Pfeil direkt auf sie zu. Sie wich zur Seite, doch der Pfeil schlitzte ihren linken Arm auf. Der kurze Schmerz ließ sie nach Luft schnappen, allerdings hatte sie keine Zeit, sich davon ausbremsen zu lassen. Denn er zog bereits einen weiteren Pfeil.

Sie rannte los, er zielte, sie konnte ausweichen, und das zweite Geschoss verfehlte sie nur haarscharf.

Plötzlich tauchte Damian hinter der Wache auf und stieß sein Schwert kraftvoll in den Rücken des Mannes. Der Soldat japste und fiel auf die Knie.

Em wirbelte herum und erblickte Prinzessin Mary, die mit gezücktem Schwert aus der Kutsche sprang.

Erleichterung stieg in ihr auf, als sie feststellte, dass sie beide denselben dunklen Haarton und den gleichen olivfarbenen Teint hatten. Jedoch waren Marys Augen grün, während die von Em dunkel waren. Außerdem waren die Gesichtszüge der Prinzessin fein und weich, was ihr eine Art Schönheit verlieh, die Em nie besitzen würde. Aber aus der Ferne wären die meisten Leute nicht in der Lage, die beiden auseinanderzuhalten.

Em hob ihr Schwert, da Mary sich näherte, allerdings stolperte die Prinzessin auf einmal zurück, als ob sie von einer unsichtbaren Macht weggezogen würde. Ihre Finger spreizten sich, und ihr Schwert glitt scheppernd zu Boden.

Aren stand hinter Mary, sein Blick war starr auf sie gerichtet, während er seine Ruined-Magie benutzte, um die Prinzessin festzuhalten.

Em verfügte über keine Zauberkräfte, dafür konnte sie besser als alle anderen mit einem Schwert umgehen.

Sie schaute Aren an und schüttelte den Kopf. Er gab Mary frei.

Em brauchte seine Hilfe nicht. Sie trat einen kleinen Schritt zurück, was der Prinzessin erlaubte, ihr Schwert aufzuheben.

Em wollte ihre Gegnerin schlagen, im wahrsten Sinne des Wortes. Sie wollte Marys Gesicht sehen, wenn sie erkannte, dass Em sie besiegt hatte.

Wut stieg in ihr auf, zögernd zunächst, als wäre Angst eigentlich die passendere, der Situation angemessenere Emotion, aber Em gab sich der Wut hin, ließ sie weiter anschwellen, bis sie so gegen ihre Brust drückte, dass ihr die Luft wegblieb.

Sie griff als Erste an, und Mary hob abwehrend ihr Schwert. Die Prinzessin behielt Damian im Auge, doch Em wusste, dass keiner ihrer Freunde ihr noch einmal zu Hilfe eilen würde, außer im äußersten Notfall. Ihnen war klar, dass Em das hier selbst erledigen musste.

Erneut rannte Em auf sie zu, Erde spritzte in die Luft. Mary schwenkte ihr Schwert, Em duckte sich und ließ die Klinge über ihren Kopf hinweg durch die Luft sausen. Wieder sprang sie auf und schlitzte Mary mit einer geschmeidigen Bewegung den rechten Arm auf.

Erschrocken schnappte die Prinzessin nach Luft und stolperte. Em nutzte den Moment der Schwäche aus. Sie stieß mit ihrem Schwert gegen Marys und schlug ihrer Gegnerin die Waffe aus der Hand.

Em trat einen Schritt nach vorn und zielte mit der Spitze ihres Schwertes auf den Hals der Prinzessin. Ihre Hände zitterten, und sie schloss sie fester um den Schwertgriff. Diesen Teil des Plans war sie in Gedanken schon Hunderte Male durchgegangen, doch sie hatte nicht mit dem unwohlen Gefühl in ihrem Bauch gerechnet.

„Weißt du, wer ich bin?“, fragte Em.

Mary schüttelte den Kopf, dabei hob und senkte sich ihre Brust deutlich.

„Ich glaube, du kanntest meinen Vater?“, fuhr Em fort. „Du hast ihn umgebracht und seinen Kopf aufgespießt, damit ich ihn finde.“

Mary presste ihre Lippen zusammen, ihr Blick glitt von Em zu der Klinge an ihrem Hals. Sie öffnete den Mund, brachte aber erst nur eine Art Quieken zustande, bevor sie zum Sprechen ansetzte. „Ich …“

Sie brach ab, bückte sich und fasste nach etwas an ihrem Knöchel. Mit einem Dolch in der Hand schnellte sie wieder hoch und stürzte sich auf Em.

Em sprang zur Seite, einen Anflug von Panik niederkämpfend. Falls Mary sie tötete oder flüchtete, würde der gesamte Plan in sich zusammenfallen.

Wieder schwang Mary den Dolch in ihre Richtung, doch Em packte ihre Gegnerin an der Hand, in der sie Waffe hielt, und riss ihr den Arm hoch

Und dann rammte sie ihr Schwert mitten in die Brust der Prinzessin.

Die blauen Anstecknadeln fielen leise klirrend auf den Boden. Em zählte mit, während Damian, Aren und sie der toten Vallos-Garde die Uniformen vom Leib zerrten. Insgesamt neun Anstecknadeln. Neunzig ermordete Ruined, allein von diesen fünf Männern.

Em bückte sich und hob die Abzeichen auf. Zwei ineinander greifende Ringe symbolisierten die Vereinigung zweier Länder – Lera und Vallos – in ihrem Kampf gegen die gefährlichen Ruined. Das Schwert, das über den Ringen lag, stand für ihre Stärke.

Em ließ fünf Anstecknadeln in Arens Hand sinken. „Mach die an deine Jacke.“

„Aber…“

„Die Soldaten der Lera werden Respekt vor dir haben. Warte mal …“ Sie legte eine weitere dazu. „Nimm lieber sechs. Du wirst ein Held sein.“

Aren verzog das Gesicht, als hätte er in etwas Saures gebissen, aber er brachte stillschweigend die Anstecknadeln wieder an einer der Jacken an. Er schlüpfte erst mit einem Arm in die gelb-schwarze Jacke, dann auch mit dem anderen, schloss die fünf goldenen Knöpfe und strich den Stoff mit seiner Hand glatt.

„Sehe ich aus wie eine Wache der Vallos?“ Er griff nach seinem Schwert. „Wartet. Das Ganze wirkt realistischer, wenn ich dabei mit meinem Schwert herumfuchtele, als hätte ich keine Ahnung, wie man es benutzt. Jetzt wirkt es richtig, oder?“ Er grinste breit, wobei die Grübchen in beiden Wangen zum Vorschein kamen.

Em schnaubte. „Perfekt.“ Sie zeigte auf die Stelle über seiner Augenbraue, wo Blut auf seiner dunklen Haut schimmerte. „Du blutest.“

Schnell wischte Aren sich über die Stirn, während Em die drei Abzeichen, die noch übrig waren, in Damians Hand fallen ließ. „Lass die hier verschwinden. Wir wollen doch nicht, dass Jäger sie entdecken und misstrauisch werden.“

Damian steckte die Anstecknadeln in seine Tasche. „Ich verbrenne sie zusammen mit den Leichen.“

Ems Blick glitt zu dem Wagen hinter ihm, auf dem die Prinzessin und ihre Wachen lagen. Eine Strähne von Marys dunklem Haar blitzte unter der Decke hervor und hing fast bis auf den Boden.

Em schaute wieder weg. Ihre Mutter hatte immer beteuert, die einzige Möglichkeit, Frieden zu finden, sei, alle zu töten, die ihn bedrohten. Doch das beklemmende Gefühl in ihrer Brust blieb.

„Ich sollte mich so schnell wie möglich um die Leichen kümmern“, sagte Damian leise.

Em nickte und schaute Damian an, nur um sofort den Blick auf den Boden zu senken. Er hatte erneut diesen Gesichtsausdruck, bei dem sich ihr Herz schmerzhaft zusammenzog. Es war eine Mischung aus Traurigkeit, Hoffnung und vielleicht sogar Liebe.

Er trat einen Schritt auf sie zu, und sie schlang die Arme um ihn. Sein vertrauter Geruch umhüllte sie. Er wusste, dass sie seine Gefühle nicht erwidern konnte. Nicht im Moment. Der brennende Wunsch nach Rache, der in ihr brodelte und sich aufbäumte, ließ keinen Platz für etwas anderes. Manchmal legte sich das Bedürfnis ein wenig, dann dachte Em schon, dass es vielleicht ganz verschwinden würde, aber es kam immer wieder.

Auch in diesem Moment war Em zurück in ihrem Zuhause, spürte den Qualm in ihren Lungen und die Tränen in ihren Augen, als sie um die Ecke spähte und mitansehen musste, wie König Salomir sein blutiges Schwert aus der Brust ihrer Mutter zog. Sie hörte die Schreie ihrer Schwester, während die Soldaten sie wegzerrten. Fand ihren Vater ein paar Wochen später, nachdem Prinzessin Mary ihn ermordet hatte.

Vielleicht wäre sie ja imstande, etwas anderes zu fühlen, wenn sie erst den König und seine Familie umgebracht hatte. Vielleicht könnte sie Damian dann genauso ansehen, wie er sie anschaute.

Sie versuchte, ihm zuzulächeln. Ein Kloß hatte sich in ihrem Hals geformt und ihr Lächeln ähnelte wahrscheinlich eher einer Grimasse. Sie beobachtete, wie Damian sich von Aren verabschiedete.

„Ich sollte morgen Abend zurück im Camp der Ruined sein“, sagte er dann und blieb neben einem der Pferde stehen, die den Wagen zogen. Er sah Em an. „Bist du sicher, dass ich denen nicht sagen soll, dass du auf der Suche nach Olivia bist? Sie sollten doch wissen, dass ihre Königin möglicherweise zurückkehrt. Dass es zumindest eine Chance gibt.“

Em schüttelte den Kopf. „Noch nicht. Sie haben dich als ihren Anführer gewählt, sie brauchen jetzt jemanden, auf den sie sich verlassen können. Mach ihnen lieber keine Hoffnungen.“

Bei dem Wort „Anführer“ breitete sich ein Ausdruck des Bedauerns auf seinem Gesicht aus. Er war ein guter Anführer, obwohl er noch jung war. Dennoch hatte er diese Position nur, weil die Ruined sich von Em abgewandt hatten. Sie mochte zwar die Thronerbin sein, da ihre Mutter tot war und ihre Schwester als vermisst galt, aber sie war nutzlos. Eine Unbegabte und daher ungeeignet als Anführerin, hatte es geheißen, als die Ruined vor einem Jahr darauf bestanden, dass Damian diese Rolle übernahm.

„Beschütze sie“, bat ihn Em. „Ich warte auf Nachricht von dir.“

Damian kletterte in den Wagen, dabei schlug er sich einmal mit seiner rechten Faust gegen die Brust. Der Faustschlag war der offizielle Gruß an die Königin von Ruina – eine Huldigung, die ihr außer Damian und Aren nie jemand erwiesen hatte. Em blinzelte die Tränen in ihren Augen weg.

Sie hob ihre Hand und winkte Damian zum Abschied. Er erwiderte die Geste. Auf seiner Hand und seinem Handgelenk waren die Zeichen der Ruined zu erkennen, eine Erinnerung daran, wieso er nicht mal daran denken durfte, auf ihren Rachefeldzug mitzukommen. Denn diese Zeichen offenbarten der Welt, dass er ein Ruined mit magischen Kräften war. Em besaß diese Magie nicht, daher trug sie auch keine Symbole.

Inzwischen war es komplett dunkel geworden, und Damians Gestalt verschwand schnell zwischen den Bäumen, während das Klappern der Hufe noch länger durch die Nacht hallte.

Em wandte sich zu Aren um, der seinen Kragen von seinem vernarbten Hals wegzog. Aren hatte es nur knapp aus dem brennenden Schloss von Ruina geschafft, und der Großteil seines Oberkörpers war ein Beweis dafür. Die Brandnarben verdeckten die Zeichen seiner Magie, da das Feuer alle Spuren seiner Symbole ausgelöscht hatte. Seine Zeichen waren wunderschön gewesen – weiß auf seiner dunklen Haut, die schmalen Linien waren verwoben und zogen sich spiralförmig über seine gesamten Arme, seinen Rücken und seinen Oberkörper.

„Bereit?“, fragte er leise.

Em griff nach ihrer Kette und strich mit dem Daumen über das Silber. Oh nein. Sie plante das hier schon seit fast einem Jahr, doch sie war niemals bereit dafür gewesen.

„Wir sollten es bis zum Morgengrauen zur Grenze von Lera schaffen.“ Aren ging zur Kutsche und kletterte hinauf. Dann deutete er hinter sich. „Willst du in der Kutsche fahren, wie eine echte Prinzessin der Vallos?“

Em lief auf eines der Pferde zu. „Noch nicht. Ich reite ein bisschen voraus, um die Gegend auszukundschaften. Ich steige ein, sobald wir in die Nähe der Grenze kommen.“ Sie schwang sich in den Sattel, schaute zu Aren und sah, dass ihr Freund sie beobachtete. „Was?“

„Deine Mutter wäre stolz auf dich, Em.“ Er beugte seinen Kopf leicht nach vorn, als er die tote Königin erwähnte.

„Das hoffe ich.“ Die Worte kamen nur als ein Flüstern über ihre Lippen. Sie war sich sicher, dass ihre Mutter rasend vor Wut wäre, weil Em es zugelassen hatte, dass ihre jüngere, wehrlose Schwester vom König der Lera entführt wurde. Sie hätte Olivia beschützen müssen, aber sie hatte versagt.

Doch sie würde es wieder gutmachen. Sie würde ihre Schwester retten und den Mann umbringen, der sie mitgenommen und ihre Mutter getötet hatte.

Lass die Menschen dich fürchten, Emelina. Die Worte ihrer Mutter hallten in ihrem Kopf wieder. Hör auf, dir Gedanken darüber zu machen, was du nicht hast, und konzentriere dich darauf, was du hast. Lass die Menschen erbeben, wenn sie deinen Namen hören. Angst ist deine Macht.

Wenda Flores hatte die glorreichen Zeiten, in denen die Ruined gefürchtet waren für ihre Magie und wie Götter verehrt wurden, nicht mehr selbst kennengelernt, aber sie hatte sich stets danach gesehnt. Ihr größter Wunsch war gewesen, die Menschen dazu zu bringen, sich aus Angst vor ihr zu verneigen.

Em reckte das Kinn und schaute nach vorn.

Niemand fürchtete Emelina Flores, die nutzlose Tochter der mächtigsten Königin, die Ruina jemals gehabt hatte.

Aber das würden sie noch.

2. Kapitel

Cas wich geschickt zur Seite aus und entkam dadurch gerade so eben dem Schwerthieb auf Höhe seines Halses. Dabei blieb er mit dem Fuß an einem Stein hängen und stolperte, sodass er die Arme ausbreiten musste, um nicht vornüberzufallen.

Das Schwert seines Gegners pikste ihm in die Brust. Bedauerlich.

„Tot.“ Galo grinste ihn an und zog seine stumpfe Klinge zurück. „Erschöpft, Euer Hoheit?“

Cas trat einen Schritt zurück und strich sich mit der Hand durch die leicht verschwitzten Haare. Die Sonne knallte heiß auf den Schlosshof. „Ich bin tatsächlich etwas erschöpft. Vermutlich weil ich die ersten vier Runden gewonnen habe.“

Lachend breitete der Wachsoldat die Arme aus. Er atmete immer noch schwer vom Kampf. „Ich wiege dich eben gern erst in Sicherheit. Dann fange ich richtig an.“

Cas lachte ebenfalls und nahm sein Schwert in die linke Hand, um die Ärmel seines weißen Hemds hochzukrempeln. Seine Jacke lag auf dem Boden und war voller Erde, die sie mit ihren Schritten aufgewirbelt hatten. Seine Mutter würde nicht glücklich darüber sein.

„Noch eine Runde, los.“ Cas hob auffordernd das Schwert.

„Vielleicht solltest du dich einen Augenblick ausruhen.“ Galo stützte seine Hände auf seine Oberschenkel, ließ das Schwert von den Fingern baumeln und atmete geräuschvoll aus. „Du siehst fertig aus.“

„Klar doch. Ich bin derjenige, der fertig aussieht.“

Galo richtete sich wieder auf und blickte zum Schloss. Die weißen Mauern ragten neben ihnen auf und warfen mächtige Schatten über die Gärten. An einem der Rundbogenfenster im ersten Stock war eine Magd zu sehen, die einen Teppich ausklopfte.

„Oder vielleicht sollten wir lieber aufhören.“ Galo zeigte auf die eingestaubte Jacke auf dem Boden. „Du wirst nach Dreck und Schweiß riechen, wenn deine Braut hier eintrifft.“

Cas ließ das Schwert auf seine Jacke fallen, die dadurch nicht sauberer wurde. „Sie ist seit Tagen unterwegs. Sie riecht sicherlich auch nicht besser. Dann sind wir quitt.“

„Wie rücksichtsvoll von Euch, Hoheit.“

Galo nannte ihn nur „Hoheit“, wenn er sich über ihn lustig machte. Cas warf ihm einen wenig amüsierten Blick zu. Galo war zwei Jahre älter als er und ihm in seinen drei Jahren als Wachsoldat eher ein Freund geworden als jemand, der ihn mit seinem Titel ansprechen sollte.

„Hast du schon gehört, dass nach der Hochzeit eine Abordnung Olso-Kämpfer hierherkommt?“, fragte ihn Cas.

„Habe ich nicht“, antwortete Galo und strich sich durch sein dunkles Haar. „Wieso?“

„Verhandlungen. Sie haben wohl ein paar Probleme mit der Tatsache, dass Lera seit dem letzten Krieg ihren Haupthafen kontrolliert und würden das entsprechende Abkommen gern nachbessern. Aber ich glaube, mein Vater hat dem Besuch nur zugestimmt, damit er angeben kann.“

„Womit genau angeben?“

„Nach meiner Hochzeit kontrolliert Lera immerhin Vallos und Ruina.“ Cas lachte. „Das ist ziemlich beeindruckend. Er kann es nicht lassen, damit zu prahlen, dass er mir zwei Königreiche mehr hinterlässt, als sein Vater ihm hinterlassen hat. Natürlich ist eines davon Ruina, also nicht wirklich etwas, womit man angibt.“

„Außer man ist ein Fan von toten Feldern und grauem Himmel.“

„Ich habe ihn gefragt, ob ich Ruina mal besuchen könnte, die Minen, aber …“ Cas zuckte mit den Schultern. „Vielleicht ist es immer noch zu gefährlich.“

„Casimir? CASIMIR!“

Cas drehte sich zum Schloss um, woher die Stimme seiner Mutter ertönte. Sie kam auf den Balkon der Bibliothek im ersten Stock gerauscht, der Rock ihres hellblauen Kleides raschelte um ihre Knöchel. Sie stützte ihre Hände auf ihre Hüften.

„Sie wurde am Ende der Straße gesichtet“, rief sie ihnen zu.

Cas’ Herz zog sich zusammen. „In Ordnung.“

„Du könntest wenigstens so tun, als ob du dich freust.“

„Ich bin erfüllt von Aufregung und Vorfreude. Ich kann wirklich kaum an mich halten.“ Ein falsches Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. „Wie war das?“

Galo überdeckte sein Lachen durch Hüsteln. Cas’ Mutter seufzte genervt und marschierte zurück ins Schloss.

„Ich sollte lieber gehen.“ Cas griff nach seinem Schwert und reichte es Galo. Dann hob er seine Jacke vom Boden und schüttelte den Staub ab.

„Viel Glück“, wünschte ihm Galo, dann runzelte er die Stirn. „Sagt man das in so einer Situation?“

Cas hob eine Schulter. Es gab nicht viel, was man jemandem sagen könnte, der auf dem Weg war, die Frau zu treffen, die er heiraten musste. Versuch, nicht zu kotzen, wäre vielleicht die beste Wahl.

Er lächelte Galo verkrampft zu und sprang die Stufen hoch. Oben angekommen, packte er die Klinke der massiven Holztür. Er stieß die Tür auf, und seine Augen mussten sich erst mal an die dunkle Beleuchtung im Bediensteten-Esszimmer gewöhnen. Links von ihm trat ein Junge rücklings durch die Tür zur Küche, gefolgt von Gebrüll und Pfannengeklapper. Er hielt ein Tablett mit Gebäck in den Händen und blieb abrupt stehen, als er den Prinzen sah.

Im Vorbeilaufen nickte Cas dem Jungen zu und steuerte die Tür an, die zum Gang führte. Durch die Fenster auf der rechten Seite strömte Licht in den Korridor, was die Wände am Nachmittag beinahe rosa erscheinen ließ. Später würden sie in Rot leuchten. Jeder Korridor war in einer anderen Farbe gestrichen, und als Cas um die Ecke bog, bemerkte er zwei Bedienstete, die gelbe Blumen vor den hellgrünen Wänden aufstellten.

Das ganze Schloss vibrierte scheinbar vor Lärm, während er ins Foyer ging. Ein Diener schmückte das Treppengeländer mit weiteren Blumen, die er mit blauen Schleifen befestigte. Die Luft prickelte geradezu vor Aufregung und Vorfreude, während die Bediensteten alles für die Ankunft der neuen Prinzessin vorbereiteten. Beim Anblick ihrer erwartungsvollen Gesichter grauste es Cas nur noch mehr.

Er stellte sich neben seine Mutter und seinen Vater, die vor der Tür am Haupteingang standen.

„Du bist ganz dreckig“, bemerkte seine Mutter und nahm ihm die Jacke ab. Sie klopfte sie mit der Hand ab und versuchte, sie vom Staub zu befreien. „Musstest du unbedingt mit diesem Soldaten kämpfen, bevor sie ankommt?“

Der König schlug seinem Sohn auf die Schulter. „Er ist nur nervös. Verbrennt etwas Energie.“

„Bin ich nicht.“ Doch, war er.

Vielleicht war nervös nicht das passende Wort. Cas war sich schon immer darüber im Klaren gewesen, dass er jemanden heiraten würde, den seine Eltern für ihn aussuchten. Er hatte es gewusst, aber er war nicht wirklich darauf vorbereitet, wie es sich tatsächlich anfühlte. Nämlich ungefähr so, als würde sein Magen bis zu seinen Füßen rutschen und sein Kopf gleichzeitig explodieren.

Wie nannte man das?

„So, besser wird es nicht“, meinte seine Mutter und gab ihm seine Jacke zurück. Er zog sie über.

Versuch wenigstens, mit ihr zu reden“, bat der König ihn. „Es ist unangenehm für die anderen, wenn du einfach nur dastehst und schweigst.“

„Ich habe nicht immer was zu sagen.“

„Dann denk dir etwas aus“, erwiderte sein Vater gereizt.

Die Königin schritt zur Tür und winkte ihrem Mann und ihrem Sohn, ihr zu folgen. „Kommt ihr beiden.“ Sie ließ den König an sich vorbeilaufen und legte eine Hand auf Cas’ Arm. „Keine Sorge, Cas. Ich bin sicher, sie wird recht angetan von dir sein.“

Er schüttelte sie ab, versuchte allerdings, so zu lächeln, dass sie ihm auch glaubte. Recht angetan von dir. Wie lächerlich. Es war eine Zweckehe, und Mary wusste so viel über ihn wie er über sie. Also nichts.

Sie schritten nach draußen in die Sonne, Cas hinter seinen Eltern her. Ungefähr zehn Angestellte und mehrere Wachen von Cas’ Garde waren in zwei ordentlichen Reihen aufgestellt.

Cas stieg die Stufen vom Schlosseingang hinunter und nahm seinen Platz neben seinen Eltern ein, während das Tor sich langsam öffnete. Er verschränkte seine Hände auf dem Rücken, dann zog er an jedem Finger seiner linken Hand einzeln, bis er das Knacken seiner Knöchel spürte. Sein Herz klopfte so laut, dass seine Ohren rauschten. Er bemühte sich darum, eine neutrale Miene aufzusetzen.

Vom Schloss zum vorderen Tor führte ein Pfad, an beiden Seiten von üppigen, grünen Büschen gesäumt, die sauber zu quadratischen Hecken getrimmt waren. Zwei Wachen zogen das eiserne Tor auf und huschten aus dem Weg, als Leras königliches Geleit auf Pferden Einzug hielt.

Hinter ihnen kam eine kleine Kutsche, die schon mal bessere Tage gesehen hatte. Dreck und Schlamm bedeckten die Räder, aber das war nicht anders zu erwarten, nach einer Reise durch den Lera-Dschungel. Der Hauptteil war in schlichtem Grau mit einem Fenster aus Glas an beiden Seiten. Die Fenster waren geöffnet, und das auf Cas’ Seite sah aus, als würde es jeden Moment aus den Angeln fliegen. Ein Vorhang versperrte einem den Blick ins Innere der Kutsche.

Ein junger Mann in einer Vallos-Uniform saß auf dem Kutschbock und hielt die Zügel. Cas hätte ein größeres Geleit erwartet, aber er war der Einzige, der das Gelb der Vallos trug. Seltsam. Cas nahm immer mehrere Wachen mit, wenn er länger unterwegs war.

Der Vallos-Soldat hielt die Pferde an, sprang von dem Gefährt und zog sich die Jacke zurecht. Seine Hände waren mit Narben bedeckt, als wäre er verbrannt worden, und Cas versuchte, nicht hinzustarren, während der Mann die Tür der Kutsche öffnete. Er hatte noch nie derart entstellte Haut gesehen.

Zuerst war nur eine Hand zu erblicken. Der Soldat ergriff sie und trat zurück, als auch der dunkle Kopf dazu auftauchte.

Prinzessin Mary sprang aus der Kutsche, wobei sie die Stufe ignorierte und bei ihrer Landung entsprechend Staub aufwirbelte.

Sie war groß, langbeinig und trug ein gelbes Kleid, das an der Brust recht eng war. Außerdem war es zu kurz und zeigte ihre Knöchel. Cas fragte sich, ob seine Braut kürzlich noch gewachsen war oder nur eine schlechte Näherin hatte. Ein paar Strähnen ihres dunklen Haares hatten sich aus dem Zopf gelöst, was ihr einen wilden, zerzausten Anblick verlieh.

„Die Gerüchte über ihre Schönheit waren … übertrieben“, murmelte Cas’ Vater.

Cas hatte tatsächlich eine Sache über Mary gewusst, da ihre Eltern noch geschrieben hatten, bevor sie starben. Und zwar, dass sie „wunderschön“ war, „entzückend“ und „so hübsch und zart“. Aber das Mädchen, das jetzt vor ihnen stand, war nichts davon. Sie hatte scharfe Konturen und strenge Züge. Nichts an ihr schien auch nur ansatzweise zart.

Der Wachsoldat gestikulierte unbeholfen in Marys Richtung. Er war offensichtlich normalerweise nicht dafür zuständig, sie vorzustellen. „Prinzessin Mary Anselo von Vallos.“ Cas dachte, dass sie Mary vielleicht mit „Königin Mary“ ansprechen würden, aber genau genommen hatte sie den Thron nicht bestiegen, nachdem ihre Eltern gestorben waren. Vallos gehörte jetzt Cas’ Vater.

Marys Blick wanderte sofort zu Cas. Sie hatte dunkle, durchdringende Augen, umgeben von langen Wimpern. Die Haut darunter war auch etwas dunkel, was sie entweder müde oder wütend aussehen ließ. Vielleicht auch beides.

Cas neigte zur Begrüßung leicht den Kopf, dann richtete er seine Aufmerksamkeit auf die Bäume in der Ferne. Es war weniger wahrscheinlich, die Nerven zu verlieren, wenn er keinen Augenkontakt hatte.

Der Bote trat vor und deutete schwungvoll auf das Königspaar. „Seine Majestät, König Salomir Gallegos. Ihre Majestät, Königin Fabiana Gallegos. Und seine Hoheit, Prinz Casimir Gallegos.“

„Es ist schön, dich kennenzulernen, Mary“, sagte Cas’ Mutter und verbeugte sich dezent. Dann trat sie einen Schritt auf Mary zu und umfing deren Hand mit ihren beiden. Das Mädchen schien davon überrascht und lehnte sich zurück, als wollte es weglaufen.

Cas konnte es ihr nicht verübeln. Er spielte selbst mit dem Gedanken wegzulaufen.

„Es ist ebenfalls schön, Sie kennenzulernen“, erwiderte Mary leise.

Der König strahlte sie an, so wie er es bei jeder Frau tat. „Es ist mir ein Vergnügen.“

Einer von Marys Mundwinkeln zog sich zu so etwas wie einem Lächeln nach oben. Oder zu einer Grimasse. Cas fand es schwierig, ihre Gesichtsausdrücke einzuordnen.

„Das hier ist mein Gardesoldat, Aren“, sagte Mary. Der junge Mann kam nach vorn.„Hast du nur den einen mitgebracht?“ In der Frage des Königs schwang leichtes Misstrauen mit.

„Viele der Vallos-Soldaten sind auf der Jagd nach den Ruined“, antwortete Mary. „Ein paar haben mich bis zur Grenze von Lera begleitet, aber ich dachte, es wäre das Beste, sie dorthin zurückzuschicken, wo sie gebraucht werden.“ Ihr Mund verzog sich zu etwas, das immer noch nicht ganz wie ein Lächeln aussah. „Sie haben so viele hervorragende Wachleute hier in Lera.“

„Wie wahr.“ Der König grinste breit, als er Julio, dem Oberhaupt von Cas’ Wache, ein Zeichen gab. „Nimm Aren mit nach drinnen und zeig ihm die Räumlichkeiten.“

Aren warf sich eine Tasche über die Schulter und folgte Julio ins Schloss.

Mutter und Vater drehten sich zu Cas, als würden sie erwarten, dass er etwas sagte, aber sein Mund war völlig ausgetrocknet.

Mary starrte ihn ebenfalls an, als erwartete sie etwas von ihm, und plötzlich hatte er das Bedürfnis, nie wieder zu sprechen. Ihre Blicke trafen sich, und es fühlte sich sofort danach an, als wäre das hier ein Wettkampf, wer sich als Erstes unwohl fühlen würde. Cas war ziemlich sicher, dass er diesen Wettbewerb jedes Mal gewinnen würde.

„Großartig“, meinte die Königin. Der König sah seinen Sohn mit großen Augen an. Cas’ Mutter streckte ihren Arm aus und hakte sich bei Mary ein, um sie zum Schloss zu führen. „Werden deine Sachen demnächst gebracht?“

„Alles, was ich besitze, ist in der Kutsche.“ Sie sagte es nicht so, als würde sie sich dafür schämen. Cas warf noch einen Blick auf die kleine Kutsche. Es passte wohl kaum mehr als ein Gepäckstück hinein.

„Das ist in Ordnung, ein Neuanfang ist schön“, erwiderte die Königin schmeichelnd. „Ich schicke sofort jemanden hoch, der deine Maße nimmt. Ich habe gehört, dass du dich für Kleider interessierst?“

„Wer tut das nicht?“

Cas beobachtete, wie die beiden Frauen die Stufen hinaufgingen und hinter den schweren Holztüren verschwanden. Er hatte absolut kein Wort mit ihr gewechselt. Vielleicht hätte er sie zumindest fragen sollen, wie ihre Reise war oder ob sie irgendetwas brauchte.

Der König seufzte. „Ich nehme mal an, du hättest es schlechter treffen können als mit Mary.“

„Wir sollten den Priester anweisen, genau das bei der Trauung zu sagen“, schlug Cas vor. „Und nun vereinen wir Casimir und Mary. Beide hätten es schlechter treffen können.“

3. Kapitel

Ein Klopfen an der Tür riss Em aus dem Schlaf. Sie schreckte hoch und schnappte nach Luft; die Decke lag zerwühlt am Fußende. Sie rollte vom Bett hinunter, stieß einen spitzen Schrei aus und landete mit einem dumpfen Schlag auf den Boden.

Sie zuckte zusammen und schob sich die Haare aus dem Gesicht. Ein Wunder, dass sie überhaupt eingeschlafen war. Als die ersten Sonnenstrahlen durch die Vorhänge schienen, war sie noch wach gewesen. Es war schwierig, in einem Schloss voller Feinde zur Ruhe zu kommen. Sie hatte fast ein Jahr damit verbracht, diese Infiltration zu planen, aber in Wirklichkeit war alles anders. Von Menschen umgeben zu sein, die sie töten würden, wenn sie wüssten, wer sie wirklich war, machte sie unruhiger, als sie erwartet hatte.

„Eure Hoheit?“, rief jemand vor der Tür.

Em stand auf und strich ihr Nachthemd glatt. „Ja?“

Die Tür öffnete sich, und sie sah Davina, eine ihrer Zofen, die ein Tablett mit Essen trug. Eine ihrer Zofen. Das Leben, das diese Menschen führten, war einfach lächerlich. Ems Mutter hatte keine Zofen gehabt.

Eine Zofe ist eine potenzielle Spionin, hatte sie immer gesagt.

Davina hielt das Tablett hoch. „Ich habe Euch Frühstück gebracht, Eure Hoheit. Außerdem hat die Königin nach Eurer Anwesenheit verlangt.“ Sie stellte das Tablett auf dem Tisch in der Ecke des Zimmers ab und drehte sich mit einem Lächeln auf ihrem jungen, hübschen Gesicht zurück zu Em. Auf dem Tablett lag ein Messer, das Em genau betrachtete, um einzuschätzen, wie scharf es war. Drei schnelle Schritte durchs Zimmer, und sie könnte an Davina vorbei nach dem Messer greifen und es ihr in den Hals stechen, bevor die Zofe überhaupt mitbekäme, was passiert. Höchstens fünf Sekunden.

Em verdrängte den Gedanken. Sie musste ihre Zofe nicht umbringen, jedenfalls im Moment noch nicht. „Verlangt meine Anwesenheit wobei?“

„Bei der Anprobe des Hochzeitskleides, Eure Hoheit.“

„Ah, genau.“ Sie versuchte, nicht so auszusehen, als würde ihr bei dem Gedanken an ihr Hochzeitskleid speiübel.

„Der Bündniskampf ist heute Nachmittag“, ergänzte Davina. „Die Königin möchte zuerst die Anprobe durchführen.“

Sollte sie wissen, was der Bündniskampf war? Was auch immer es war, es klang nicht gut.

„Natürlich“, antwortete Em. „Ich beeile mich mit dem Anziehen.“

Davina machte eine Geste, als wollte sie bleiben und ihr dabei helfen, aber Em schüttelte den Kopf.

„Das schaffe ich schon. Ich rufe dich, wenn ich so weit bin.“

Davina zögerte, ging aber dann zur Tür. „Soll ich draußen vor der Tür warten?“

„Ja, bitte“, sagte Em.

Em seufzte, als Davina durch die Tür verschwand. Die Zofe hatte Tee und eine dicke Scheibe merkwürdig aussehendes Brot dagelassen. Em brach ein Stück davon ab und steckte es in den Mund. Es war süß und herrlich; schnell hatte sie das ganze Stück vertilgt. Das letzte Jahr über war gutes Essen nicht gerade an der Tagesordnung gewesen.

Sie blickte sich in ihrem Zimmer um. Sie hatte nicht mal wirklich ein Bett gehabt im vergangenen Jahr, und jetzt verfügte sie über ein Wohnzimmer, ein Büro und ein Schlafzimmer. Durch die großen Fenster an der einen Wand hatte sie eine schöne Aussicht über die Gärten. Das Zimmer war in Blau gehalten, der offiziellen Farbe der Lera. Der Sessel in der Ecke war blau, die Tapete war blau, und die Bettwäsche war blau.

Alles war makellos und wunderschön, und Em wollte alles in Stücke schlagen. Die Leute hier lebten so, während die Ruined aus ihren Häusern vertrieben wurden und alle paar Tage weiterziehen mussten, nur um am Leben zu bleiben.

Em würde dieses Schloss bis auf die Grundmauern niederbrennen, bevor sie hier fertig war, so viel stand fest. Sie konnte immer noch den Qualm des Tages riechen, an dem der König ihr Zuhause in Flammen aufgehen ließ, ihre Mutter tötete und ihre Schwester entführte. Es war nur gerecht, sich zu revanchieren.

Sie stürzte den Tee herunter und zog Marys scheußliches pinkfarbenes Kleid an. In Vallos war das Wetter kühler als in Lera, und die Menschen waren oft von Kopf bis Fuß komplett bedeckt. Marys Kleider waren steif, langärmelig und eher funktional als schön. Sie waren ungeheuer deprimierend.

Das Kleid fühlte sich zu kurz und zu eng an, genau wie das Kleid, das sie gestern getragen hatte. Dafür verdeckte der weite Rock ausreichend, dass es nicht passte.

Ems Kette hing mittig auf ihrer Brust, und für einen Moment umschloss sie den Anhänger mit ihrer Hand. Das silberne O stand für Olivia, und sie hatte erwogen, das Schmuckstück zurückzulassen, als sie in Marys Rolle schlüpfte, aber sie trug diese Kette jeden Tag, seit sie sie bei der Ruine ihres Schlosses im Schutt gefunden hatte. Falls sie Olivia jemals finden würde, würde sie ihr die Kette zurückgeben.

Wenn sie Olivia fand. Sie wusste nicht, wieso der König ihre Schwester entführt hatte, statt sie einfach umzubringen, aber nichts würde sie davon abhalten, es herauszufinden und Olivia zu retten.

Sie ließ die Kette los, und der Anhänger fiel wieder auf ihre Brust. Sollte sie jemand darauf ansprechen, könnte sie einfach behaupten, dass es sich um einen schlichten Kreis handelte. Ein Geschenk ihrer Eltern.

Sie zog ihr Haar zurück und band es zu einem einfachen Dutt. Davina kam wieder ins Zimmer, knöpfte Em das Kleid im Rücken zu und begleitete sie aus dem Zimmer.

Nahe der Tür stand Aren mit zwei anderen Wachen; er trug die blau-weiße Uniform der Lera. Em musste sich beherrschen, nicht zu ihm zu laufen. Das ganze letzte Jahr war Aren permanent an ihrer Seite gewesen, und jetzt fühlte sie sich, als würde ihr ohne ihn ein Körperteil fehlen.

Em wollte ihn fragen, wie er sich einlebte, ob er etwas herausgefunden hatte, ob jemand etwas ahnte, aber Davina ging zügig an ihm und den anderen Wachen vorbei. Doch sie schaute kurz über ihre Schulter zu ihm hin und wurde rot, als er die beiden Frauen anlächelte. Em musste sich das Lachen verkneifen. Die Liste an Mädchen, die wegen Aren rot wurden, nahm kein Ende.

Em und Davina gingen um ein paar Ecken. Em verlor sofort die Orientierung und wusste nicht mehr, wo sie war. Die Gänge sahen alle gleich aus, abgesehen von den leuchtenden Farben an den Wänden, die sich immer änderten, sobald sie um die nächste Ecke bogen. Das Schloss war wie ein Quadrat aufgebaut, also konnte sie zumindest davon ausgehen, dass sie irgendwann wieder da ankommen würde, wo sie losgegangen war, wenn sie sich jemals verlaufen sollte, was vermutlich unvermeidlich war.

In der Mitte der lichtdurchfluteten Gänge lagen dunkelblaue Teppiche. Die nach Osten ausgerichteten Fenster standen offen, daher konnte man gerade so eben das Meer erkennen. Eine salzige Brise zog durch die Korridore. In Lera war es viel wärmer als in Vallos oder in Ruina, und der Himmel war wolkenlos. Em konnte nachvollziehen, wieso die Lera vor Generationen die Ruined vertrieben hatten, damit sie selbst bleiben konnten. Sie wollte auch nicht wieder hier weg.

Vor einer großen Holztür blieb Davina stehen und klopfte an. Eine junge Frau öffnete, und die Zofe huschte davon.

Die Frau begleitete Em hinein. Die Königin stand in der Mitte des Zimmers, in einem leuchtend roten Kleid, das einen scharfen Kontrast zu den cremefarbenen Gewändern der beiden Frauen neben ihr bildete.

In dem großen Zimmer befanden sich Schränke voller Kleider, Hosen, Blusen, und es gab eine komplette Wand nur für Schuhe. Das Ankleidezimmer der Königin. Em konnte einfach nicht anders, als zu hoffen, dass sie auch über solch eine Garderobe verfügen würde, solange sie hierblieb. Wenn sie sich schon mit diesen Menschen arrangieren musste, könnte sie dabei doch wenigstens ein paar schöne Sachen tragen.

Sie suchte mit ihrem Blick das Zimmer nach Waffen ab. An der Wand war ein Spiegel befestigt, aber der war zu groß, als dass sie ihn zerbrechen könnte. Auf dem Tisch stand eine gewaltige weiße Keramik-Obstschale, die vermutlich robust genug war, um jemanden ernsthaft zu verletzen, wenn man ihm damit auf den Kopf hämmerte. Zwei, drei, sechs Schritte, und sie könnte sich an den Zofen vorbeischlängeln, zur gegenüberliegenden Ecke des Zimmers, die Schale schnappen, einer Zofe aus dem Weg gehen und sie der Königin gegen den Kopf schlagen, dann müsste sie sich umdrehen, die andere Zofe wegschubsen und könnte der Königin mit einer der Scherben von der Schale die Kehle aufschlitzen. Tot.

„Mary!“ Die Königin hieß sie mit ausgebreiteten Armen willkommen.

Em ballte ihre Hände zu Fäusten, um den Schrei zu unterdrücken, der in ihrem Hals steckte. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass es derart schwierig sein würde, den Menschen gegenüberzustehen, die ihr Leben zerstört hatten. Als sie gestern aus der Kutsche ausstieg, hätte sie beinahe nach Arens Schwert gegriffen und wäre auf den König losgegangen.

Um sich zu beruhigen, atmete Em tief durch. Das half. Ihre Mutter war die angsteinflößendste Frau gewesen, die sie jemals gekannt hatte – für die meisten anderen ebenfalls –, unter anderem auch deshalb, weil sie niemals aus der Fassung geriet. Wenn sie einen umbringen wollte, bemerkte man es erst dann, wenn man schon das Messer im Bauch stecken hatte.

Und gerade jetzt musste Em sich ihre Mutter als Beispiel nehmen.

Die Königin schien zu spüren, dass Em nicht umarmt werden wollte, denn sie ließ ihre Arme sinken und nahm stattdessen Ems Hände in ihre. Als sie lächelte, bewegte sich die kleine sichelförmige Narbe auf ihrer linken Wange. In ihrem sonst eher langweiligen Gesicht war die Narbe das einzig Interessante.

„Wie war deine erste Nacht hier? Bist du zufrieden mit deinen Zimmern?“

„Sie sind perfekt, Eure Hoheit“, antwortete Em.

„Bitte nenn mich Fabiana“, sagte die Königin und ließ Ems Hände wieder los. „Bald sind wir eine Familie.“

„Natürlich.“ Fabiana war ein grauenvoller Name, also nannte Em sie liebend gern so.

„Wie gefällt dir Lera bisher?“, fragte die Königin. „Es ist anders als Vallos, oder? Nicht so trostlos.“

„Das stimmt“, antwortete Em, der die subtile Spitze gegen Vallos nicht entging. „Und wie ist Lera im Vergleich zu Olso? Dort soll es ja sehr kalt sein.“

Fabiana verzog kaum eine Miene. „Lera ist weniger … steif.“

„Oh, verstehe.“ Em war noch nie in Olso gewesen, aber sie kannte die dortigen Kämpfer gut, die Männer und Frauen, die das Königreich beschützten. Einst war Fabiana eine von ihnen gewesen, aber dann lief sie nach Lera über, mitsamt geheimen Informationen. Sie war wahrscheinlich die bekannteste Verräterin in ganz Olso. Als Em die Olso-Kämpfer bat, sich mit ihr zu verbünden, hatte sie sie an Fabianas Verrat erinnert, und sie hatten sich Em bereitwillig angeschlossen.

Die Tür öffnete sich, und ein dunkelhaariges Mädchen kam ins Zimmer.

„Jovita!“, rief die Königin. „Wie schön, dass du da bist.“

Em musterte die Nichte der Königin. In der Erbfolge war sie die zweite, die Anspruch auf den Thron hatte. Sie war ungefähr in Ems Alter, aber irgendetwas an der Art, wie sie sich gab, ließ sie älter wirken. Jovita war etwas kleiner als Em, hatte aber dennoch eine eindrucksvolle Ausstrahlung. Unter ihrer dünnen grauen Tunika konnte man bei jeder Bewegung ihre breiten Schultern und ihre muskulösen Arme erkennen. Sie lächelte nicht, aber Em glaubte nicht, dass sie unglücklich war. Sie wirkte einfach wie eins dieser Mädchen, die nicht immer nur lächelten, damit andere sich wohler fühlten.

„Ich dachte, ich schaue mal vorbei und gucke, wie sich unsere neue Prinzessin so einlebt.“ Sie ging zu der Obstschale und steckte sich eine Weintraube in den Mund. Em runzelte die Stirn. So wie Jovita jetzt stand, erschwerte sie es Em, zu ihrer geplanten Waffe zu gelangen.

„Perfektes Timing. Sie probiert gleich das Kleid an.“ Die Königin gab den Zimmermädchen ein Zeichen, und eine der Frauen huschte davon, um kurz darauf mit einem Haufen blauem Stoff in den Armen wiederzukommen, der ihr fast bis über den Kopf reichte.

„Wenn du dich bitte entkleiden würdest, Mary“, bat die Königin und wedelte auffordernd mit einer Hand.

Prompt fing eines der Mädchen an, das pinkfarbene Monstrum von einem Kleid aufzuknöpfen. Als es zu Boden fiel, senkte Em den Kopf, um ihre feuerroten Wangen zu verbergen. Diese Frauen zogen sich vielleicht ganz selbstverständlich vor fremden Menschen um, aber für Em war es das erste Mal, dass jemand anderes als ihre Mutter oder Schwester sie nur in Unterwäsche sah.

„Wir nehmen noch deine Maße und lassen dir ein paar andere Sachen bringen“, erklärte die Königin, während die Zimmermädchen Marys Kleid wegtrugen. Sie spürte Fabianas Verachtung für das Kleidungsstück. Plötzlich gefiel es Em doch irgendwie.

Um wieder bedeckt zu sein, stieg sie hastig in das blaue Kleid, das ihr hingehalten wurde. Der Stoff fühlte sich weich und kühl an. Der Rock war ab Gürtellinie weit ausgestellt. Ein berüschtes Mieder schmiegte sich eng um ihren Oberkörper, und um ihre Taille schlang sich eine wunderschöne Perlenkette. Behutsam strich Em über den weichen Stoff des schlichten, eleganten Gewands.

„Oh ja, das sieht hübsch aus.“

Die Königin stand neben dem Spiegel, als Em hochsah. Em stellte sich davor und starrte ihr Spiegelbild an. Das Kleid war noch umwerfender, wenn man es in seiner ganzen Pracht bewundern konnte. Es war das schönste Kleid, das sie jemals gesehen hatte. Olivia hätte geklatscht und vor Freude getanzt, wenn sie hier gewesen wäre.

Tränen stiegen ihr in die Augen. „Tut mir leid“, flüsterte Em, als ihr eine Träne über die Wange kullerte. Sie wischte sie schnell wieder weg.

„Du hättest gern deine Mutter hier?“, mutmaßte die Königin.

Em nickte. Die wahre Mary würde wahrscheinlich auch um ihre Familie trauern. Vielleicht würde jedes Mädchen in dieser Situation weinen, unabhängig davon, wer die Mutter war. Sie musste immerhin Casimir heiraten.

Cas. Allein bei dem Namen zog sich schon alles in ihr zusammen. Gestern hatten sie kaum ein Wort gewechselt, und sie hatte gehofft, dass er sie einfach komplett ignorieren würde. Seine Eltern hatten die Hochzeit arrangiert, vielleicht hatte er sogar irgendwo ein Mädchen, das er liebte, und würde so tun, als wäre Em gar nicht da.

Bei den Vorbereitungen ihres Plans hatte sie durchaus im Hinterkopf gehabt, dass sie irgendwie mit der Hochzeitsnacht klarkommen musste. Sex gehörte nun mal normalerweise zu einer Hochzeit dazu, was bedeutete, dass sie morgen Abend in Cas’ Bett landen würde. Sie hatte noch nie in jemandes Bett gelegen.

Sie verdrängte den Gedanken. Ein Tag noch bis zur Hochzeit, und die beste Option war wohl, so zu tun, als existierte dieses Thema nicht.

Sie könnte sich stattdessen auf ihren Plan, ihn umzubringen, konzentrieren. Noch brauchte sie Cas, jedenfalls noch ein bisschen, aber sie hoffte doch, sich seiner entledigen zu können, bevor sie Lera wieder verließ. Ihn würde sie vor dem König und der Königin umbringen, damit die auch einen Teil des Schmerzes fühlten, den Em gespürt hatte, als ihre Familie ermordet wurde.

„Entschuldigung“, sagte Em noch mal und versuchte, sich zusammenzureißen. „Das Kleid ist traumhaft.“

„Natürlich“, gab die Königin zurück. „Ich habe einen hervorragenden Geschmack.“

Em musste unwillkürlich lachen und wurde mit einem anerkennenden Lächeln der Königin belohnt.

Eines der Mädchen nahm Ems Maße und steckte das Kleid ab, dann half es ihr beim Ausziehen.

„Hast du viel mit Cas gesprochen, seit du hier bist?“, erkundigte sich die Königin, während Em wieder in das rosafarbene Kleid schlüpfte.

„Nur ein bisschen“, erwiderte Em. Sofern man zählte, dass er sie gestern beim Abendessen gegrüßt hatte.

„Keine Sorge, ihr werdet euch schnell aneinander gewöhnen.“ Die Lippen der Königin zuckten leicht, als würde sie irgendetwas denken, was sie nicht preisgeben wollte. „Hat man dir schon vom Bündniskampf erzählt?“

„Ich kann mich nicht daran erinnern“, räumte Em vorsichtig ein, denn sie war nicht sicher, ob Mary darüber Bescheid wissen sollte. Sie hielt die Luft an, als eines der Zimmermädchen ihr Kleid enger zog, um es zuzuknöpfen.

„Der Tradition nach ist es ein fester Bestandteil einer königlichen Hochzeit in Lera“, erklärte die Königin. „Die oder der Zukünftige des Herrschers oder der Herrscherin sucht sich einen Gegner aus und dann kämpfen die beiden, zur Unterhaltung. Natürlich nicht mit scharfen Klingen.“

Em verkniff sich ein Lächeln. Das hörte sich genau nach ihrer Art Hochzeitsfeier an.

„Es geht darum, deine Kampffähigkeiten unter Beweis zu stellen“, fügte Jovita hinzu. „Also, ich freue mich jedenfalls schon darauf. Die Königin hat bei ihrem Kampf das Oberhaupt der königlichen Garde besiegt. Das war wirklich eine mutige Wahl als Gegner, und dann hat sie ihn fertiggemacht. Davon sprechen die Leute immer noch.“

„Hör auf, Jovita“, sagte die Königin wegwerfend. „Du machst ihr noch Angst.“ Dabei tätschelte sie Ems Hand. „Du kannst dir aussuchen, wen immer du magst, Liebes.“

Die Worte waren so voller Herablassung, dass Em beinahe lachen musste. Sehr passend für die Königsfamilie der Lera; alle dachten immer, dass sie jeden anderen schlagen könnten.

„Um Cas heiraten zu können, musste ich den König der Ruined umbringen. Reicht das nicht als Beweis meiner Kampffähigkeit?“, log Em. Sie musste schlucken, um die Übelkeit, die in ihr hochstieg, zu verdrängen. Dass Mary ihren Vater ermordet hatte, war für diese Menschen hier nicht mehr gewesen als ein Test.

„Dann wird das heute ja keine große Herausforderung sein“, erwiderte Jovita. Ihr Lächeln veränderte sich nicht, aber sie wechselte einen kurzen Blick mit der Königin.

„Bist du fertig?“, fragte Fabiana das Dienstmädchen, das gerade den letzten Knopf schloss. „Sagen wir Cas Bescheid.“

„Oh, das ist doch nicht nötig“, warf Em schnell ein.

„Er bringt dich nur zurück in dein Zimmer. Er kann dir ja nicht ewig aus dem Weg gehen.“ Sie wies eines der Mädchen an, ihn zu holen.

Seufzend strich Em sich mit der Hand durchs Haar. Ein Blick in den Spiegel bestätigte ihr, dass sie blass und müde aussah – und vollkommen lächerlich in dem zu kleinen rosafarbenen Kleid. Sie hoffte nur, dass Cas sie ebenfalls unheimlich unattraktiv fand.

Kurze Zeit später öffnete sich die Tür, und Cas kam herein. Er sah so aus, als würde man ihn mit heißen Klingen zu etwas zwingen, wirkte wütend, gelangweilt oder auch beides gleichzeitig. Für einen kurzen Moment sah er sie an, sagte aber kein Wort. Unsicher verlagerte Em ihr Gewicht von einem Bein aufs andere. Sie vermutete, dass sein Verhalten allen Anwesenden unangenehm aufstieß.

Trotz allem war Cas leider gut aussehend, auf eine sehr auffällige Art und Weise. Von seinem Vater hatte er die dunklen Haare geerbt und von seiner Mutter die blauen Augen. Beides zusammen war bemerkenswert. So wie Em hatte der König einen eher olivfarbenen Teint, die Haut der Königin war heller. Irgendwo in der Mitte kam dann Cas, der wohl auch von der ständigen Sonne in Lera leicht gebräunt war. Er trug ein dünnes, weißes Hemd, dessen Ärmel er bis zu den Ellenbogen hochgekrempelt hatte und durch das sich seine Muskeln abzeichneten. Schnell wandte Em ihren Blick wieder ab.

„Du hast nach mir gerufen, Mutter?“ Sein Ton war steif, fast wütend, als er dann endlich den Mund aufmachte.

„Ich dachte, es wäre ganz schön, wenn du Mary zurück in ihr Zimmer bringst. Wir sind fertig mit der Anprobe des Hochzeitskleides.“

Er würdigte Em nicht mal eines Blicks. „Natürlich.“

„War schön, mit dir zu reden, Liebes“, sagte die Königin. Jovita war offensichtlich immer noch glücklich darüber, dass sie es geschafft hatte, die neue Prinzessin aus der Fassung zu bringen, denn sie grinste selbstzufrieden.

Em murmelte eine freundliche Antwort und trat vom Spiegel weg. Sie nahm Cas ausgestreckten Arm an und versuchte, bei der Berührung keine Miene zu verziehen.

Cas drehte sich so abrupt zur Tür, dass Em beinahe stolperte, als er sie mit sich zog. Sie wollte sich nicht blamieren und ihm vor die Füße fallen, also klammerte sie sich fester an ihn.

„Wie war deine Reise hierher?“, fragte Cas und starrte auf den Gang vor ihnen.

„Ganz in Ordnung. Danke.“ Um ehrlich zu sein, war sie immer noch erschöpft, und von dem tagelangen Reiten tat ihr alles weh. Und nach dem Überfall auf die Wachsoldaten hatten sie von der Grenze aus mit der nervigen schweren Kutsche noch mehrere Tage bis zum Schloss gebraucht.

„Und bist du mit den Zimmern zufrieden?“, fragte er weiter.

„Sie sind sehr schön.“

Er nickte und gab jeden weiteren Versuch auf, eine Unterhaltung in Gang zu bringen. Em war sich nicht sicher, ob sie erleichtert sein oder ihn für unglaublich unfreundlich halten sollte, also hielt auch sie den Mund.

Auf dem Korridor kamen ihnen zwei Wachen und ein Dienstmädchen entgegen. Em musterte die Schwerter, die an den Hüften der beiden Soldaten baumelten. Es dürfte sich eher schwierig gestalten, einen der Männer zu entwaffnen, daher wäre es wohl sinnvoller, eine Kordel von den Vorhängen abzureißen und Cas damit zu erwürgen. Allerdings würde das länger dauern, sie müsste ihn also für mindestens eine Minute in ein abgelegenes Zimmer oder eine Ecke ziehen.

Vor ihrem Zimmer blieb er stehen, und sie entzog ihm ihren Arm. „Danke“, sagte sie und griff nach der Türklinke.

„Man hat dir vom Kampf heute Nachmittag erzählt?“, erkundigte er sich.

„Ja. Klingt lustig.“

Cas zog eine Augenbraue hoch, und ein Anflug von Belustigung huschte über sein Gesicht. „Freut mich, dass du es so siehst.“ Auf einmal flüsterte er. „Von einer zuverlässigen Quelle habe ich erfahren, dass einer der Wachen gestern zu viel getrunken hat und heute nicht gerade in Bestform ist. Er hat einen roten Bart und jede Menge Sommersprossen, falls du nach einem leichten Gegner suchst.“

Em war sich nicht sicher, ob das irgendeine Art Falle war. Sie blinzelte erst mal. „Soll ich mir denn einen einfachen Gegner aussuchen?“ Die Königin und Jovita hatten gerade das genaue Gegenteil angedeutet.

„Na ja, dann kommst du besser weg.“ Cas trat einen Schritt zurück. Er wirkte sehr viel weniger nervig, wenn er lächelte. „Ich verrate es niemandem, versprochen.“

„D-danke?“ Es fühlte sich wie eine Falle an. König Salomir nutzte jede Gelegenheit, um zu beweisen, dass Lera die Besten waren, und der Kampf schien keine Ausnahme zu sein. Sie wollten, dass Em verlor, um sich anschließend über ihre Unfähigkeit lustig machen zu können.

In Cas’ Mundwinkeln war ein Zucken zu sehen, was Em erst recht davon überzeugte, dass sein Tipp nur ein weiterer Plan war, sie vor allen zu erniedrigen.

„Ich werde dran denken.“ Sie legte ihm eine Hand auf den Arm und schaute ihm direkt in die Augen. „Wie freundlich, dass du mir hilfst.“

Cas wich noch einen Schritt zurück und räusperte sich. „Äh, natürlich. Bis später.“ Dann drehte es sich um und ging mit großen Schritten den Gang hinunter.

Em schaute ihm grinsend hinterher. Um sie zu täuschen, musste er sich schon mehr anstrengen.

4. Kapitel

Der Bündniskampf sollte im Ruhmes-Saal stattfinden, dem kleinsten der drei Festsäle, wie Davina Em erklärte. Er war dennoch von eindrucksvoller Größe. In der Mitte befand sich ein Quadrat aus Parkett, das von purpurnem Teppich umgeben war. An den Wänden, vor denen sich Zuschauer sammelten, hatten bereits Wachposten Stellung bezogen. Drei große Stühle im vorderen Teil des Saales – die einzigen weit und breit – waren offensichtlich für die königliche Familie bestimmt. Vor den Eingangstüren wartete das Küchenpersonal, um nach dem Wettstreit das Essen zu servieren.

Für den Kampf hatte Em sich eine schwarze Hose und ein enges schwarzes Oberteil angezogen. Sie breitete erleichtert ihre Arme aus, wobei das weiche Material sich ihren Bewegungen anpasste, denn es waren ihre eigenen Klamotten.

In einer Reihe hingen die Schwerter von den Hüften der Wachposten. Selbst wenn es Em gelingen sollte, einen zu überraschen und ihm die Waffe abzunehmen, würde sie es höchstens schaffen, zwei Soldaten zu töten, bevor man sie zur Strecke brachte. Sie musste schlucken und versuchte, nicht weiter daran zu denken.

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