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Die Legende der vier Königreiche - Vereint

Als Buch hier erhältlich:

Wieder vereint! Die Schwestern Emelina und Olivia wollen ihr Königreich Ruina zu alter Stärke zurückführen. Doch während Olivia nach ihrer Gefangenschaft auf Rache sinnt, hofft Emelina auf eine friedliche Lösung- nun, da Cas den Thron von Lera innehat. Aber die Spannungen zwischen den Schwestern bergen Gefahren. Ein zu allem entschlossener Gegner macht sich Emelinas Zerrissenheit zwischen Loyalität und Liebe zunutze und spinnt eine blutige Intrige…

»Atemberaubend spannend, brutal und doch gefühlvoll geht es auch im 2. Band (…) der Trilogie weiter. Die gekonnte Umschreibung der Emotionen nimmt dabei eine zentrale Bedeutung ein und sorgt für mehr Tiefe bei den Charakteren. Durch eingebaute Intrigen und Wendungen werden Höhepunkte geschaffen, die die Handlung überraschend halten. Dank des tollen Schreibstils bleibt die Geschichte überaus fesselnd, weshalb dieser Band zur Fortsetzung unbedingt empfohlen ist.«
ekz.bibliotheksservice

»Die Legende der vier Königreiche-Reihe bleibt einem im Gedächtnis; sie ist so spannend und gefühlvoll.«
VOYA

»Die perfekte Mischung aus Fantasy, Abenteuer und Liebesgeschichte. Ich habe es in einem Rutsch verschlungen.«
SPIEGEL-Bestsellerautorin Ami Kaufman über »Die Legende der vier Königreiche - Ungekrönt«

»›Die Legende der vier Königreiche - ungekrönt‹ ist so atemberaubend voller Action, Romantik und unerwarteter Wendungen, dass ich bis zur letzten Seite gefesselt war!«
SPIEGEL-Bestsellerautorin Kiera Cass


  • Erscheinungstag: 03.04.2018
  • Aus der Serie: Ruined
  • Bandnummer: 2
  • Seitenanzahl: 336
  • Altersempfehlung: 12
  • Format: E-Book (ePub)
  • ISBN/Artikelnummer: 9783959677714

Leseprobe

1. KAPITEL

Hinter den Trümmern von Ems Zuhause erhob sich ein kleiner Berg. Von der Ruined-Burg war nur ein Haufen Steine und Schutt geblieben, durch den bereits das Unkraut wucherte. Eine einzige Mauer stand noch, und Em wollte gern glauben, dass es ihrer Mutter zu verdanken war. Selbst im Tod blieb sie standhaft.

Als sie den Gipfel des Bergs erreicht hatten, seufzte Olivia. »Ich dachte, es wäre noch mehr übrig.«

Em nahm die Hand ihrer Schwester. Olivia war gefangen genommen worden, bevor die Burg zerstört und die meisten Ruined umgebracht worden waren. Sie sah ihr Heim gerade zum ersten Mal wieder.

Olivia drückte Ems Hand, etwas zu heftig. »Keine Sorge, Em. Dafür werden sie bezahlen.«

Solche Dinge sagte Olivia die ganze Zeit. »Keine Sorge, Em.« Doch Em machte sich trotzdem Sorgen. »Nicht weinen, Em. Sie werden uns noch früh genug fürchten.« Das waren ihre Worte gewesen, unmittelbar nachdem sie die Königin der Lera umgebracht hatte. Em war sich ziemlich sicher, dass die anderen bereits Angst vor ihnen hatten, aber das sagte sie ihrer Schwester nicht.

Aren blieb neben Em stehen. »Ich dachte, sie hätten das hier vielleicht weggeschafft«, murmelte er. Er machte einen sehr mitgenommenen Eindruck, das Gesicht ausgezehrt vor Erschöpfung. Die Olso-Krieger hatten ein paar Pferde entbehren können, aber die meisten Ruined mussten die Reise zu Fuß antreten, während sie eigentlich dringend einen Tag Ruhe gebraucht hätten – oder zehn Tage.

»So können wir wenigstens alles durchsuchen und nachschauen, ob noch irgendetwas vorhanden ist«, merkte Olivia an.

»Das habe ich vor einem Jahr schon gemacht«, antwortete Em. »Und nur deine Kette gefunden.«

»Deine Kette«, korrigierte Olivia sie. »Ich habe doch gesagt, dass du sie haben sollst.«

Em lächelte und ließ Olivias Hand los, um an den runden Anhänger zu fassen.

»Schlagen wir hier unsere Zelte auf?« Olivia zeigte auf die Überreste der Burg. »Wir könnten die Köpfe der Jäger aufspießen und als Warnung in der Nähe aufstellen.«

Abscheu stieg in Em auf, doch sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Während der letzten Woche hatten Olivia und Aren auf dem Weg von Lera nach Ruina eine Spur aus Leichen hinterlassen. Em konnte sie davon überzeugen, König Casimir und seine Cousine Jovita nach ihrem Aufeinandertreffen beim Fort Victorra am Leben zu lassen, aber wenn es um die Jäger ging, hatte sie sich gar nicht erst die Mühe gemacht. Es wäre sinnlos. Vielleicht hatten sie es auch verdient zu sterben, nachdem sie Tausende Ruined abgeschlachtet hatten.

Jedenfalls redete sie sich das ein.

»Ich glaube nicht, dass das nötig ist«, erwiderte sie. »Sie sind bereits gewarnt.«

»Außerdem möchte ich nicht bei dem Gestank von toten Jägern schlafen müssen«, fügte Aren hinzu.

»Es ist deine Entscheidung, wo wir unsere Zelte aufschlagen«, sagte sie zu ihrer Schwester.

»Wieso ist das meine Entscheidung?«, fragte Olivia.

»Weil du die Königin bist.«

»Sie haben dafür gestimmt, die Monarchie abzuschaffen, als ich entführt wurde«, widersprach Olivia. »Und ihr gewählter Anführer ist tot. Also bin ich genau genommen gar nichts.«

»Sie dachten, du wärst tot«, erklärte Em. »Ich bin mir sicher, dass sie dich als ihre Königin betrachten.«

Olivia zuckte nur mit den Schultern. »Wir können in ein paar Tagen eine Versammlung einberufen, wenn die meisten Ruined hierher zurückgefunden haben. Doch erst mal bin ich dafür, dass wir direkt hier unsere Zelte aufstellen. Dann wissen die Lera und ihre Jäger, dass wir keine Angst mehr vor ihnen haben.«

»Wir haben keine Angst mehr?«, hakte Aren leise nach. Erst kürzlich war ein neues Zeichen auf seiner linken Hand aufgetaucht, ein weißer Wirbel auf seiner dunklen Haut. Geistesabwesend rieb er die Stelle.

»Cas hat versprochen, dass er uns in Ruhe lässt«, meinte Em nicht zum ersten Mal.

Aren und Olivia tauschten vielsagende Blicke aus. Em redete immer wieder auf sie ein, dass sie in Sicherheit wären, dass der Krieg gegen die Ruined vorbei wäre. Cas hatte versprochen, dass er die Ruined nicht weiter verfolgen würde, jetzt wo er König war. Em war fest davon überzeugt, dass er sein Wort auch halten würde.

Olivia und Aren waren weniger überzeugt.

Ein kalter Windstoß blies Ems Mantel auf, sie vergrub ihre Hände in den Taschen und zog den Stoff fester um sich. Den Mantel und die anderen Kleidungsstücke hatte sie einer toten Ruined abgenommen, die beim Angriff auf Fort Victorra gefallen war. Schließlich konnte sie in ihrem blauen Kleid nicht durch den Dschungel laufen, aber dennoch zuckte sie bei dem Gedanken, woher die Sachen kamen, die sie trug, immer noch zusammen, wenn sie zu lange darüber nachdachte.

Hinter ihnen ertönte Lachen, und als Em sich umdrehte, entdeckte sie eine Gruppe von ungefähr hundert Ruined, die durch die Bäume kamen. Sie waren erschöpft vom Kampf und schmutzig von der Reise, aber kaum dass sie die Überreste der Burg erblickten, lächelten sie.

»Hier schlagen wir unsere Zelte auf«, bestätigte Olivia.

»Irgendwie sieht hier alles brauner aus als in meiner Erinnerung«, sagte Aren in die Runde.

Em konnte ihm da nur zustimmen. Aren und sie waren wochenlang im grünen, dicht bewachsenen Lera gewesen, das direkt am Meer lag – und wo es lange weiße Strände gab. Im Vergleich dazu kam Ruina nicht gut weg. Das Gras wirkte braun und tot, die sowieso schon spärlichen Bäume waren kahl. Neben der Burg erstreckte sich eine große, leere, schmutzige Fläche. Früher hatten hier eine Reihe von Läden gestanden, doch die hatten selbst zu ihrer Blütezeit nicht wirklich viel hergemacht.

Em starrte auf den Schutthaufen, der einst ihr Zuhause war. Vielleicht hätte sie doch einen anderen Ort vorschlagen sollen. Wie lange würde sie den Anblick ertragen müssen? Wie lange musste sie auf der nackten Erde übernachten, mit Aussicht auf die Stelle, wo mal ihr Schlafzimmer war?

Sie rief sich ins Gedächtnis, wie dieses Zimmer ausgesehen hatte – das Bett mit den vielen Kissen, der bodentiefe Wandspiegel, in den sie, als sie jung war, so oft geschaut und in dem sie verzweifelt nach Ruined-Zeichen gesucht hatte. Der abgenutzte grüne Sessel in der Ecke, in dem sie immer gelesen hatte.

Sie rechnete mit Tränen, stattdessen spürte sie allerdings nur eine Leere in sich. Das Mädchen, das früher einmal in dem Zimmer gewohnt hatte, war verschwunden, und vielleicht war sie sogar erleichtert, dass das Zimmer auch nicht mehr existierte. Alle hatten einen Neuanfang nötig. Sie könnten Ruina wieder aufbauen, noch besser als vorher. Sicherer als vorher. Schon seit einem Jahr schlief Em nur noch mit einer griffbereiten Waffe. Wenn es etwas gab, was sie brauchte, was alle Ruined brauchten, dann war es das Gefühl, wieder in Sicherheit zu sein.

»Ich sehe mir mal den Wagen an.« Em lief den kleinen Berg hinunter. Der Karren, den sie von den Lera-Soldaten gestohlen hatte, bahnte sich langsam seinen Weg durch die Bäume, gezogen von zwei müden Pferden.

In dem offenen Gefährt lagerten sie vor allem alles für die Zelte und Wasser, aber ein paar Kinder und kranke Ruined saßen ebenfalls darin. Ein junger Ruined namens Jacobo ging neben den Pferden her. Auf der anderen Seite lief Mariana, deren dunkle geflochtene Zöpfe hin- und herschwangen. Mariana und Jacobo trugen beide Zeichen der Ruined auf ihrer dunklen Haut. Die weißen Linien schlängelten sich über ihre Hälse und bei Jacobo sogar bis auf eine Wange hoch.

»Es ist …« Em wollte gerade »sicher« sagen, da bemerkte sie aus dem Augenwinkel eine Bewegung. Im Busch rechts von ihr raschelte etwas.

Sie zog ihr Schwert, warf Jacobo einen Blick zu und wies mit dem Kopf auf den Busch, während sie darauf zuging. Er lief zum Wagen und wies die Kinder darin an, zu ihm zu kommen. Mariana erstarrte.

Vorsichtig stieg Em über einen Baumstamm. Jemand schniefte.

Mit der Klinge ihres Schwertes drückte sie einen Ast zur Seite. Zwei Männer kauerten auf dem Boden. Ihre Kleidung war zerschlissen, einer von ihnen hatte seine Jacke so oft geflickt, dass das gesamte Kleidungsstück nur noch ein Wirrwarr an unterschiedlichen Farben war. Er hielt einen Dolch fest umklammert, doch der andere war unbewaffnet. Keiner der beiden trug blaue Abzeichen, es waren also keine Jäger.

»Wer seid ihr?«, fragte Em.

»Wir wollen nur bis Vallos kommen«, antwortete der Mann mit dem Dolch. Langsam stand er auf, seine Beine zitterten, er starrte direkt auf ihre Brust.

»Danach habe ich nicht gefragt. Wer seid ihr?«

»Wir sind Vallos-Arbeiter, wir arbeiten in den Minen.« Sein Blick war immer noch auf ihre Brust gerichtet. »Bist du … bist du Emelina Flores?« Er flüsterte ihren Namen beinahe ehrfürchtig.

Sie runzelte die Stirn, keine Ahnung, woher er das wusste.

»Der Kreis der Vergeltung. Ich habe schon davon gehört.«

»Der was?«

»Deine Kette. Der Kreis symbolisiert Vergeltung. ›Was man sät, das wird man ernten‹, heißt es doch.«

Ihre Lippen zuckten. Glaubte denn wirklich jeder, dass die Kette dafür stand?

Der Kreis der Vergeltung. Sehr passend. Olivia würde das gefallen.

Der bewaffnete Mann hielt seinen Dolch vor sich, aber er zitterte dabei. Der andere, hatte die Arme fest vor der Brust verschränkt und starb augenscheinlich fast vor Angst. Offenbar hatte sie sich einen gewissen Ruf erschaffen.

»Geht«, sie wies mit dem Kopf in eine Richtung, »und kommt nicht wieder.«

Beide drehten sich um und rannten weg. Alle flohen jetzt vor ihr. Die Leute flüsterten ihren Namen, so wie der Mann eben. Voller Furcht.

Das war es, was sie immer wollte.

Aber es fühlte sich nicht so gut an, wie sie gedacht hatte.

2. KAPITEL

Man hatte Cas’ Mutter hinter Fort Victorra beerdigt, an einem schattigen Fleckchen, wo im Frühling wahrscheinlich Blumen blühten.

Cas ging jedoch nicht zu ihrem Grab. Er hatte zugesehen, wie die Soldaten sie begraben hatten, einen Tag nachdem Em und Olivia verschwunden waren. Danach war er nie wieder dort gewesen.

Stattdessen ging er zu der Stelle, an der sie gestorben war.

Vor zwei Tagen hatte es geregnet, und der Regen hatte ihr Blut weggespült. Jetzt war nichts mehr davon übrig, nur noch Erde, Gras und Bäume. Noch vor Kurzem leuchteten jede Menge roter und orangefarbener Blätter in den Baumwipfeln, doch inzwischen waren die Äste überwiegend kahl, das Laub lag unter seinen Füßen. So passten die Bäume auch besser zu diesem Ort, wenn man daran dachte, was hier passiert war.

Er sah das alles noch ganz genau vor sich: Em, dem Tode nah in seinen Armen. Olivia, die seine Mutter umbrachte und ihre Schwester rettete.

»Du hast nicht das Recht, hier zu sein«, sagte jemand hinter ihm.

Einen Moment lang befürchtete er, sich die Stimme nur eingebildet zu haben, denn genau das hatte er gerade gedacht. Doch als er sich umdrehte, sah er seine Cousine, die ein paar Meter entfernt stand. Jovita hatte die Hände auf die Hüften gestemmt und starrte ihn eiskalt an. Der Wind wehte ihr dunkles Haar nach hinten, sodass man die üble rote Narbe sah, die sich über ihre rechte Wange zog. Die hatte sie Em zu verdanken. Jovita sah ein bisschen aus wie Cas’ Vater, sie hatte den gleichen Teint und den gleichen breiten Mund.

Er drehte sich wieder weg.

»Es ist auch gar nicht sicher«, fuhr Jovita fort. Sie klang eher wütend als besorgt.

»Die Ruined sind weg, die Krieger auch.«

»Und wessen Schuld ist das?« Jovita trat neben ihn und klopfte sich gegen das Kinn, als müsste sie erst nachdenken. »Ah, richtig. Es ist deine Schuld. Du hast Olivia Flores befreit und Emelina einfach davonspazieren lassen.«

Es war seine Schuld. Er hatte Olivia befreit, und die hatte seine Mutter umgebracht. Nachdem seine Mutter zuvor beinahe Em getötet hätte.

Er konnte nicht wütend auf Olivia sein. Er war einfach nur traurig.

»Ich will die Kette haben.« Jovita streckte fordernd eine Hand aus. »Die, die Fabiana dir gegeben hat, mit dem Schwächelkraut.«

»Die habe ich zusammen mit ihr vergraben«, antwortete er.

Jovita biss die Zähne zusammen. »Das war dumm, Cas«, zischte sie. »Die Kette hätte mich vor den Ruined beschützen können.«

Cas zuckte mit den Schultern. Schwächelkraut schwächte die meisten Ruined, aber Olivia schien es kaum etwas auszumachen. Daher bezweifelte er, dass die Kette seiner Cousine großartig helfen würde.

»Hätte sie die Kette behalten, anstatt sie dir zu geben, wäre sie vielleicht noch am Leben«, fuhr Jovita ihn an. »Und du hast sie einfach …«

»Heute Nacht sind noch zwei weitere Berater gekommen«, unterbrach er sie. »In einer Stunde treffe ich mich mit ihnen, falls du dabei sein möchtest.«

»Nein.« Jovita drehte sich auf dem Absatz um und marschierte los.

»Wieso nicht? Weil du dich schon hinter meinem Rücken mit ihnen getroffen hast?«

Sie blieb stehen und warf ihm über ihre Schulter einen fragenden Blick zu. »Wenn du davon weißt, war es nicht wirklich hinter deinem Rücken, oder?« Dann stampfte sie davon. Er sah ihr mit einem mulmigen Gefühl im Bauch hinterher.

Sobald Jovita außer Sichtweite war, kam ein Wachsoldat zwischen den Bäumen hervor. Es war Galo, der wie immer in Cas’ Nähe geblieben war. In seiner Eigenschaft als Anführer der königlichen Wache ließ er Cas kaum noch aus den Augen, selbst wenn Cas ab und zu lieber allein wäre. Das Schicksal eines Königs. Heute war aber noch ein zweiter Wachmann dabei, Galos Freund Mateo. Er hatte in einiger Entfernung Stellung bezogen, mit dem Rücken zu ihnen, und behielt die Umgebung im Auge.

Sie machten sich auf den Weg zur Festung. Cas steckte seine Hände in die Taschen und zog die Schultern hoch, um sich gegen den kalten Wind zu schützen. Galo ging an Cas’ Seite, Mateo bildete die Nachhut.

»Ist alles in Ordnung?«, erkundigte sich Galo leise.

»Wahrscheinlich nicht.«

Galo schien sich Sorgen zu machen, aber Cas wollte sich nicht weiter über seine Situation auslassen. Das Schloss und ein Großteil seines Königreiches befanden sich in den Händen der Olso-Krieger. Seine Cousine verabscheute ihn, seine Eltern waren tot, Em war weg, und er würde sie vermutlich nie wiedersehen.

Viel mehr gab es nicht zu sagen.

»Wir können jetzt bestätigen, dass der Gouverneur der südlichen Provinz beim Angriff auf das Schloss gestorben ist«, berichtete Galo. »Aber seine Tochter lebt noch, und sie ist hier. Violet Montero. Heute Morgen ist sie zu mir gekommen und wollte mit dir sprechen.«

»Sie ist hier? Seit wann?«

»Offenbar genauso lange wie du. Sie hat sich bei den Angestellten aufgehalten, und erst wusste niemand, wer sie ist. Sie war krank.«

»Geht’s ihr jetzt besser?«

»Ja.«

Vor ihnen tat sich die Festung auf. Cas musste auf dem Weg über den Rasen über einen kleinen Haufen Steine steigen. Die Ruined und die Krieger hatten bei ihrem Angriff Teile der Mauer gesprengt; es würde noch eine ganze Weile dauern, bis die Schäden repariert waren. Hinter der Mauer lag die Festung, Ford Victorra, ein quadratischer, fast fensterloser Bau, den Cas inzwischen hasste.

»Sie ist wahrscheinlich gerade im Frühstückszimmer, falls du sie sehen möchtest«, fuhr Galo fort. »Ich kann sie herholen.«

»Schon gut, ich gehe nachsehen. Kannst du die beiden Berater, die gestern Nacht angekommen sind, daran erinnern, dass wir uns in einer Stunde treffen?«

»Natürlich.« Galo eilte davon.

Eigentlich hätte Cas längst einen persönlichen Berater ernennen sollen, Galo war schließlich der Anführer seiner Wache, nicht sein Laufbursche, und es tat ihm leid, dass er ihm momentan beide Jobs zumutete.

Aber Fort Victorra war anders als das Schloss in Lera. Es gab nicht genug Angestellte, und Cas musste vieles selbst übernehmen. Er war nicht mehr von einer ganzen Schar von Leuten umgeben, deren einzige Aufgabe darin bestand, sich um ihn zu kümmern und alle Besucher anzukündigen.

Ein Soldat hielt ihm die Eingangstür auf, und Cas murmelte beim Reingehen noch ein leises »Dankeschön«.

Drinnen war es ziemlich dunkel, er musste blinzeln, um seine Augen an das dämmrige Licht zu gewöhnen.

An den Wänden hingen Laternen, aber die ließen den düsteren Bau auch nicht freundlicher wirken.

Die ersten Tage nach dem Angriff waren ruhig gewesen, aber nachdem die Olso-Krieger das Schloss und die Städte übernommen hatten, versuchten sich Menschen aus ganz Lera zur Festung durchzuschlagen, und inzwischen platzte das nicht besonders große Gebäude aus allen Nähten. Bibliothek und Gemeinschaftsräume wurden zu Schlafplätzen umfunktioniert. Ein paar Leute, die gerade die Treppe herunterkamen, blieben bei Cas’ Anblick wie angewurzelt stehen. Er tat so, als fiele es ihm gar nicht auf.

Cas durchquerte das Foyer und betrat das kleine Zimmer neben der Küche. Morgens versammelten sich hier zahlreiche Gäste, daher wurde es auch Frühstückszimmer genannt. Männer und Frauen verteilten sich um die runden Tische, die man im Raum aufgestellt hatte. Viel zu essen gab es nicht, aber immerhin standen Bohnen und Fisch auf den Tischen.

Bei Cas’ Ankunft verstummten die Gespräche, und alle drehten sich zu ihm um. Erst jetzt ging ihm auf, dass er ja überhaupt nicht wusste, wie diese Violet aussah.

»Ich muss mit Violet sprechen?« Es klang wie eine Frage. Er hatte noch nicht wirklich gelernt, sich so wie sein Vater auszudrücken – jeder Satz ein Befehl.

Eine schlanke junge Frau in einem schlichten schwarzen Kleid stand auf. Ihr dunkles Haar war zu einem Dutt zusammengebunden, was ihre hohen Wangenknochen und die großen dunklen Augen hervorhob. Sie schien müde zu sein, lächelte ihn aber an. Sie kam ihm entfernt bekannt vor.

»Hier, Eure Majestät.« Obwohl sie eher klein war, trug ihre Stimme mühelos durch den ganzen Raum. Sie kam auf ihn zu, und plötzlich fiel ihm ein, wo er sie schon einmal gesehen hatte.

Im Wagen. Als das Schloss eingenommen wurde und sein Vater starb, wurde er zusammen mit den Angestellten in einen Wagen gesteckt. Daher kannte er sie, sie hatte ihm bei der Flucht geholfen.

»Ich kenne dich. Splitter an ungünstigen Stellen«, wiederholte er, was sie zu ihm gesagt hatte, als sie ihm half, aus dem Wagen zu entkommen.

Sie lachte etwas verlegen. »Das war ich, Eure Majestät.«

Alle starrten sie an. Er drehte sich abrupt um und wies sie an, ihm zu folgen.

Drinnen gab es keinen Ort, an dem er sich privat unterhalten konnte, also führte er sie nach draußen, hinter das Gebäude. Da seit dem Angriff der Ruined ein Stück der rückseitigen Mauer fehlte, achtete er darauf, sich mit Violet so weit vom Haus zu entfernen, dass niemand sie belauschen konnte. Links von ihnen kümmerten sich ein paar Angestellte um den Garten, aber die waren außer Hörweite.

»Mir wurde gesagt, dass du krank warst«, begann er.

»Ja, die Verhältnisse da im Wagen waren …«

»… schrecklich«, beendete er den Satz, während ihn eine Welle von Schuldgefühlen überrollte. Zwar hatte er die Angestellten, die er im Wagen zurückgelassen hatte, noch retten können, aber erst ein paar Tage später. Er konnte sich gar nicht ausmalen, wie quälend es gewesen sein musste, so lange in dem heißen vollgestopften Wagen auszuharren. Er wusste nicht genau, wie viele dieser Menschen nach seiner Flucht noch umgekommen waren, aber es waren auf jeden Fall zu viele.

»Ich hatte noch keine Gelegenheit, mich bei Euch zu bedanken«, sagte sie. »Dafür, dass Ihr uns gerettet habt. Wir wissen, dass Jovita uns zurücklassen wollte, und wir alle sind Euch sehr dankbar für das, was Ihr getan habt.«

»Das war selbstverständlich. Ich konnte euch nicht im Stich lassen.«

»Doch, das hättet Ihr tun können.« Sie sah ihm in die Augen. »Ich habe mich noch nicht richtig vorgestellt. Violet Montero. Mein Vater war Gouverneur der südlichen Provinz.«

»Das habe ich schon mitbekommen. Wieso hast du im Wagen nichts gesagt?«

»Es schien nicht wichtig. Was hätte Euch die Information gebracht?«

Sie hatte recht. Im Wagen hatte er kaum klar denken können. Sein Vater war gerade gestorben, außerdem setzte die Sache mit Em ihm noch schwer zu. Vermutlich hätte er selbst dann nur mit den Schultern gezuckt, wenn Violet ihm anvertraut hätte, dass ihr plötzlich drei zusätzliche Köpfe wuchsen.

»Hier sind Leute, die mich kennen«, sagte sie. »Falls Ihr eine Bestätigung möchtet.«

»Eine Bestätigung wäre gut. Das kannst du mir wohl kaum übel nehmen, oder?« Nachdem Emelina vorgetäuscht hatte, die Prinzessin der Vallosi und seine Verlobte zu sein, würde er wahrscheinlich keiner Person mehr einfach so glauben, dass sie war, wer sie zu sein behauptete.

»Nein, kann ich nicht.«

»Wieso haben wir uns im Schloss nicht getroffen?«, hakte er weiter nach.

»Ich war gerade erst angekommen, als der Angriff losging. Ich wollte zur Hochzeit kommen, aber meine Großmutter war krank, und ich habe mich um sie gekümmert.«

»Das mit deinem Vater tut mir leid«, sagte er.

»Mir auch das mit Eurem.«

»Lebt deine Mutter noch?« Plötzlich fiel ihm das Atmen schwer, und er konzentrierte sich angelegentlich auf einen Punkt hinter ihr.

»Nein, sie ist vor ein paar Jahren gestorben.«

»Bist du das älteste Kind?«

»Das einzige.«

»Dann erbst du die südliche Provinz.« Es sollte nach Gratulation klingen, kam aber eher lustlos rüber. Unwillkürlich fragte er sich, ob sie wohl ähnlich begeistert über ihre Erbschaft war wie er über seinen Thron.

»Das stimmt. Ich habe gehört, dass Ihr Euch bald mit den Beratern trefft, und dachte, dass ich dabei sein sollte.«

»Unbedingt. Der Süden ist die einzige Provinz, die nicht von den Olso eingenommen wurde.«

»Ja«, bestätigte sie stolz.

Der Wind frischte auf, und Violets Kleid flatterte in der kalten Luft. Sie schlang ihre Arme um sich, zitterte aber nicht, obwohl sie frieren musste.

»Hast du schon mit Jovita gesprochen?«, erkundigte er sich vorsichtig.

»Nein, Eure Majestät.«

»Du kannst mich Cas nennen.« So nannte ihn eigentlich niemand, abgesehen von Galo und Jovita, aber er wusste, wie wichtig dieses Mädchen war. Er brauchte sie als seine Verbündete. Als Freundin. Er blickte kurz zur Festung und machte einen Schritt auf Violet zu. »Sagst du mir, wenn Jovita mit dir reden möchte? Egal über was?«

Violet runzelte die Stirn. »Stimmt irgendetwas nicht?«

»Nein. Meine Cousine ist nur im Moment nicht besonders gut auf mich zu sprechen. Ich würde gern wissen, ob du auf meiner Seite bist, wenn ich dich brauche.«

»Ich bin schon längst auf deiner Seite, Eure … Cas.«

Immerhin war irgendwer auf seiner Seite. »Danke, Violet.«

3. KAPITEL

Olivia sah zum Himmel und atmete tief durch. Die Sonne war gerade aufgegangen, steckte aber hinter dunklen Wolken. Der kühle Wind wehte ihr die Haare aus dem Gesicht. Nach einem Jahr Kerkerhaft fühlte sich jeder Atemzug wie ein Geschenk an.

Sie ließ sich zwischen das Geröll fallen, das einmal ihr Zuhause war. Sie hatte nicht damit gerechnet, die Burg komplett zerstört vorzufinden. Olivia war davon ausgegangen, dass zumindest die Mauern noch standen, und hatte gehofft, die Truhen mit den Sachen ihrer Mutter durchsehen zu können. Doch das Feuer hatte nichts verschont, die Angst der Menschen alles zugrunde gerichtet, genau wie ihre Mutter es stets befürchtet hatte.

Sie stieß ein verkohltes Stück Holz zur Seite, unter dem ein weißes Auge und eine weiße Nase zum Vorschein kamen. Die Boda-Statue. Olivia hob sie auf und sah, dass nur noch der halbe Kopf übrig war. Da, wo sie gerade saß, musste früher die Bibliothek gewesen sein. Die Statue der Ahnen hatte in der Ecke gestanden, seit Wenda Flores zur Königin gekrönt wurde.

Olivia schloss die Augen, und vor ihrem geistigen Auge tauchte das Bild ihrer Mutter auf. Wenda trug ihr langes dunkles Haar oft offen, sodass es hinter ihr herschwebte, wenn sie durch die Burg stolzierte. Sie kleidete sich stets aufwendig, selbst wenn kein besonderer Anlass bestand, und immer, wenn Olivia das Rascheln eines Rockes hörte, musste sie an ihre Mutter denken.

Unmutig warf sie die Statue beiseite. Die wichtigste Ahnin ihrer Mutter hatte nichts getan, um sie zu beschützen. Wenn irgendjemand die Ruined retten könnte, dann war das Olivia.

»Liv.«

Sie drehte sich um und sah Em auf sie zukommen. Menschen und Ruined konnte Olivia spüren, selbst über eine gewisse Entfernung hinweg, aber Em nicht. Ihre Schwester war weder ein Mensch noch eine Ruined – die einzige Person, die sich an Olivia anschleichen konnte.

In Gedanken sah Olivia ihre Schwester immer noch genauso, wie sie sie in den ersten fünfzehn Jahren kennengelernt hatte. Diese Em war sarkastisch gewesen und oft sauer und verbittert darüber, dass sie keine Kräfte hatte. Genervt davon, Olivia beim Üben ihrer Magie zuzusehen.

Vielleicht hatte sie aber auch Angst und war gar nicht verbittert. Wenn Olivia sich unvermittelt zu ihr umdrehte, wandte sie sich oft ab, oder sie zuckte zusammen, wenn einer der Männer aufschrie, die Olivia zu Trainingszwecken folterte. Manchmal tat Olivia sogar absichtlich so, als reichten ihre Kräfte nicht aus, um jemandem den Kopf abzureißen, nur um die verstörte Miene ihrer Schwester nicht sehen zu müssen.

Aber Angst war keine Option mehr für Em. Das Jahr, in dem sie von Olivia getrennt gewesen war, hatte sie rücksichtslos und gefährlich werden lassen. Sie hatte noch denselben Teint und dasselbe dunkle Haar, aber die Traurigkeit in ihren Augen war neu. Olivia dachte, sie hätte es im Gefängnis schwer gehabt, aber sie konnte nicht mal ansatzweise nachvollziehen, was Em durchgemacht haben musste.

Trotz der schrecklichen Dinge, die sie erlebt hatte, war es Em gelungen, Lera zu Fall zu bringen, die Ruined wieder zusammenzubringen und Olivia zu retten. Und dabei hieß es doch immer, Em sei die Unbegabte. Auf einmal hatte Olivia einen bitteren Geschmack im Mund.

»Gerade sind noch ungefähr fünfzig Ruined eingetroffen«, sagte Em und setzte sich neben ihre Schwester. »Sie meinten, sie hatten keine Schwierigkeiten aus Olso rauszukommen. Anscheinend hat Olsos König sie eingeladen zu bleiben, aber niemand hat versucht sie aufzuhalten, als sie abgelehnt haben.«

»Zu versuchen, sie gegen ihren Willen dazubehalten, wäre auch sehr dumm«, erwiderte Olivia.

»Ich schätze, bald werden wir ein paar Krieger sehen.«

»Glaubst du wirklich?«

»Sie wollten, dass wir ihren König treffen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie uns jetzt einfach so gehen lassen.«

Olivia schnaubte höhnisch. »Lassen? Sie müssen uns gar nichts tun lassen

»Wir wollen uns nicht mit den Kriegern anlegen«, beschwor Em ihre Schwester. »Wir sind noch nicht stark genug, um uns zu verteidigen.«

Olivia atmete tief durch, um die Wut zu unterdrücken, die in ihr hochkochte. Em hatte ja recht, so schwer es ihr auch fiel, das zuzugeben.

»Ich werde mit den Kriegern verhandeln müssen, oder?«, fragte Olivia.

»Wahrscheinlich.«

»Und wenn ich sie stattdessen töte?« Sie lachte. »Gleich zu Anfang ein starkes Zeichen setzen.«

»Ich bin nicht sicher, ob du das ernst meinst.«

Sie machte eine wegwischende Bewegung mit der Hand. »So halb.« Oder eigentlich sogar ziemlich. Jemanden in Stücke zu reißen – das Einzige, was ihren Zorn zumindest vorübergehend zum Verschwinden brachte. Sie spürte immer noch das Herz von Leras Königin zwischen ihren Fingern; fühlte, wie der Puls gegen ihre Handfläche schlug. Die Königin hatte es verdient, sie war bei mehreren Experimenten dabei gewesen, die sie an Olivia vorgenommen hatten. Genau genommen war es sogar noch freundlich gewesen, ihr einfach nur das Herz aus der Brust zu reißen.

Em riss sie aus ihren Erinnerungen. »Ich würde dir wirklich raten, sie nicht umzubringen.«

»Na gut.« Dann würde sie jemand anderen zum Umbringen finden. In Ruina liefen immer noch eine Menge Jäger herum, die versuchten zu fliehen, nachdem sie nun zu den Gejagten geworden waren. Schon bald könnte sie das Herz eines dieser Jäger in den Händen halten.

»Wir müssen einen richtigen Unterschlupf finden«, erklärte Em. »Ich würde gern mit ein paar anderen zu den Unterkünften der Minenarbeiter gehen. Die sollten inzwischen verlassen sein, und wir könnten sie nutzen, bis die Burg wieder aufgebaut ist.«

An die Unterkünfte konnte Olivia sich noch erinnern. Sie waren klein und erbärmlich und hätten schon vor Jahren erneuert werden müssen.

»Ist das wirklich unsere beste Möglichkeit?«

Em trat ein Stück Geröll weg. »Leider ja.«

Olivia musste an die Festung denken – mit ihren dicken Mauern und genug Zimmern für eine kleine Armee. Casimir hatte es bequem, während sie hier in diesem Dreckhaufen saßen, der mal ihr Zuhause war. Die Lera hatten es immer gemütlich gehabt, seit sie das Königreich der Ruined erobert und die ursprünglichen Bewohner ausgestoßen hatten.

»Die Kabinen sind nicht schön, aber ich denke, da könnten wir alle Ruined unterbringen«, fuhr Em fort.

»Du willst dich immer noch um sie kümmern?«, fragte Olivia.

»Was meinst du damit?«

»Die Ruined haben dich im Stich gelassen. Alle außer Aren wollten lieber jemand anderem folgen. Jemandem, der jetzt tot ist.«

Als ihre Schwester Damian erwähnte, legte sich ein Ausdruck der Trauer über Ems Züge. Doch Olivia hatte kein Mitleid mit ihrem toten Freund, obwohl er Em geholfen hatte. Er war zusammen mit Em und Olivia aufgewachsen und hatte sie verraten, als sie seine Hilfe am meisten gebraucht hätten. Es geschah ihm ganz recht, von Leras König enthauptet zu werden.

»Sie hatten Angst«, versuchte Em zu erklären. »Und ich habe ihnen inzwischen vor Augen geführt, dass sie mich nicht hätten ablehnen sollen.«

»Das hast du. Während ich nur in einer Zelle gehockt und Tausende Fluchtversuche geplant habe, von denen keiner funktioniert hat.«

»Es ist nicht deine Schuld, dass sie dich entführt haben. Ich habe nur die Führung übernommen, weil du weg warst.«

»Du hast auch an deiner Verantwortung festgehalten, als sie dir entrissen wurde. Du hast einen sehr riskanten Plan ausgeheckt, der das stärkste der vier Königreiche zu Fall brachte. Du hast Vallos’ Prinzessin umgebracht und an ihrer Stelle Leras Prinzen geheiratet. Du hast deine Leute gerettet, obwohl sie dich abgelehnt hatten. Ich weiß nicht, ob ich das Gleiche getan hätte.« Olivia wäre sehr versucht gewesen, alle sterben zu lassen, um zu zeigen, dass sie falschlagen.

»Das hättest du bestimmt«, sagte Em, wie immer optimistisch.

»Aber ich habe es nicht, das ist doch der springende Punkt. Ich hatte noch nie Interesse an den ganzen politischen Angelegenheiten, die mit dem Thron einhergehen. Die Gespräche, Verhandlungen, Kompromisse. Ich fand den Gedanken immer schrecklich, dass mein Mann für mich ausgesucht wird, und du bist einfach losgegangen und hast unseren Erzfeind geheiratet.«

Als Cas’ Name fiel, senkte Em nur schweigend den Blick. Seit sie Lera verlassen hatten, sprach sie kaum von dem Prinzen – jetzt König –, aber Olivia hatte gesehen, wie die beiden miteinander umgingen. Es sah so aus, als hätte Em Gefühle für diesen schrecklichen Jungen entwickelt.

»Hast du wirklich mit ihm geschlafen?« Olivia gab sich alle Mühe, ihren Abscheu zu überspielen.

»Nein. Er hat gemerkt, dass ich das nicht wollte, und hat mich nicht gedrängt.«

»Hm, komisch.«

»Er ist nicht wie sein Vater, Liv. Er war nett zu mir.«

»Na ja, wenigstens musstest du nicht mit ihm schlafen.« Sie erschauderte dramatisch.

»Du wirst dir deinen Mann aussuchen können«, versicherte Em. »Erst recht so, wie die Lage jetzt ist. Ich bin mir sicher, dass du einen geeigneten Partner findest.«

»Eigentlich solltest du diejenige sein, die aus politischen Gründen heiratet. Darin bist du ja offensichtlich gut.«

»Aber du bist die Königin.«

»Wieso muss ich die einzige sein? Gibt es irgendein Gesetz, das sagt, ich muss allein regieren?«

Em musste unwillkürlich lachen. »Das gibt es tatsächlich. Ruinas Gesetze legen fest, dass das älteste Kind den Thron erbt, außer es ist ein Unbegabter, dann geht der Thron an den nächsten in der Erbfolge.«

»Du hast doch bewiesen, dass du gut wärst, du hast andere Kräfte, so wie unsere Mutter immer gesagt hat.«

»Die Ruined werden nie eine Unbegabte als Königin nehmen.«

»Und wenn wir zusammen regieren?«

Em sah ihre Schwester verwundert an. »Was?«

»In ein paar Sachen bin ich als Königin bestimmt gut. Armeen anführen. Ruined trainieren. Die Kleider.« Sie lächelte, und Em lachte. »Ich bin eine Kämpferin. Du bist eine Politikerin. Du kannst tatsächlich mit Olso-Kriegern in einem Raum sitzen, ohne ihnen die Köpfe abzureißen.«

»Worauf willst du hinaus?«

»Eine Dyarchie. Wir regieren Ruina gemeinsam. Als Königinnen.«

»Eine Dyarchie.« Em klappte die Kinnlade runter. Olivia musste lächeln. Sie wusste, dass ihre Schwester dankbar für diese Chance war, die Ruined anzuführen. Vielleicht war sie sogar besser dafür geeignet als Olivia, aber sie konnte sich nicht dazu überwinden, den Thron vollständig abzugeben. Em hatte viel dafür getan, die Ruined wieder zum Ruhm zu führen, aber sie ließ sich immer noch von ihren lächerlichen Gefühlen für Casimir beeinflussen. Olivia musste Em und ihre Leute in die richtige Richtung lenken. Sie musste sich beweisen, nachdem sie ein Jahr lang eingesperrt gewesen war.

»Wir werden alle Entscheidungen gemeinsam treffen«, erklärte sie. »Wir haben beide bestimmte Verantwortungsbereiche und Vetorechte.« Olivia stieß sanft gegen Ems Schulter. »Komm schon. Du weißt, dass du die Ruined anführen möchtest. Du weißt, dass du Königin sein solltest.«

»A…aber sie haben mich schon einmal abgelehnt«, stotterte Em. »Sie akzeptieren mich nicht als ihre Königin.«

»Dann sorgen wir dafür, dass sie dich akzeptieren.«

»Vielleicht sollten wir darüber erst mit ein paar Leuten reden, fragen …«

»Wir fragen nicht.« Olivia richtete sich auf. Sie war ein Stück kleiner als Em, aber nicht viel. »Wir nehmen es uns. Wir nehmen uns den Thron, die Verantwortung, und wir vernichten alle, die sich gegen uns stellen. Verstanden?«

Em prustete kurz los. »Ernsthaft? Wir vernichten alle, die sich gegen uns stellen?«

»Na gut. Ich vernichte sie. Darin bin ich gut.« Tatsächlich wusste Olivia, dass sie bei den Ruined hart durchgreifen musste. Sie respektierten keine Königin, die sich erst entführen und dann von ihrer unbegabten Schwester retten ließ. Olivia musste fordern, nicht bitten.

»Bist du sicher?«, vergewisserte Em sich noch einmal.

»Absolut. Lass mich nicht allein dastehen. Die Ruined müssen so schnell wie möglich wiedervereint werden. Und ich denke, wir setzen ein kraftvolles Zeichen, wenn wir gemeinsam auftreten und regieren.«

Em musste sich ein paar Tränen verkneifen. »Ich liebe dich, Liv.«

»Ich weiß. Du hast Casimir für mich geheiratet. Du musst mich also wirklich lieben.« Olivia streckte Em die Hand hin. »Komm, stellen wir den Ruined ihre neue Königin Emelina vor.«

4. KAPITEL

Cas schritt die Treppen der Festung hinunter, drehte sich kurz um, als aus dem hinteren Teil des Gebäudes ein Lachen zu ihnen drang, ging dann aber weiter den Flur entlang, dicht gefolgt von Galo.

»Mehr Kraft dahinter!«, rief eine Frau.

»Mache ich doch!«, antwortete eine andere Frauenstimme.

Cas blieb im Eingang zur Küche stehen und sah, wie die Köchin Blanca mit der Hüfte ein junges Mädchen zur Seite stieß, um den Teig eigenhändig durchzukneten.

»So macht man das«, sagte sie. »Drück so fest zu, als wärst du wütend auf ihn.« Blanca machte einen Schritt zurück und bemerkte dabei Cas, der immer noch in der Tür stand. Sie stellte sich gerade hin und wischte ihre Hände an der Schürze ab. »Eure Majestät.« Das junge Mädchen wirbelte herum und quietschte eine Begrüßung.

»Guten Morgen«, antwortete Cas. »Wie sieht es aus?«

»Sehr gut. Seid Ihr zufrieden mit dem Essen?«

»Natürlich.« Er lächelte ihr beruhigend zu. Im Schloss war Blanca nur zweite Köchin gewesen, aber der eigentliche Küchenchef wurde noch vermisst. Wahrscheinlich war er tot. Cas zeigte auf den Teigklumpen. »Ich wusste nicht, dass wir Mehl haben.«

»Es ist gestern angekommen. Einer der Leute aus Gallego hat es aus seiner Bäckerei mitgebracht, damit es nicht schlecht wird.«

Er hörte Schritte hinter sich, und als er sich umdrehte, sah er Daniela, die gerade mit einem Korb voll Gemüse hereinkam. Als sie ihn entdeckte, breitete sich ein Lächeln über ihr faltiges Gesicht.

»Schön, Euch zu sehen, Eure Majestät.« Sie verbeugte sich. Wie viele der Angestellten hier war auch sie mit ihm im Wagen gewesen, und Cas hatte sich durch sein Verhalten offenbar ihre lebenslange Treue gesichert.

»Kann ich Euch helfen?«, fragte Blanca.

»Nein danke.« Er war auf dem Weg zu einem Gespräch mit Jovita und den Beratern, daher war ihm schon schlecht, ohne etwas im Magen zu haben. Er verabschiedete sich und ging. Sobald er die Küche verlassen hatte, ertönte Lachen. In letzter Zeit verstummte das Lachen immer, wenn er einen Raum betrat.

Er stieg die Treppe in den zweiten Stock hoch und betrat das große leere Zimmer. Bei solchen Gesprächen war sein Vater immer als Letzter gekommen. Cas entschied sich, das Gegenteil zu tun.

Die Angestellten hatten die Sessel und Sofas entfernt und mehrere kleine Tische zu einer großen Tafel in der Mitte des Zimmers zusammengeschoben. Es gab keine Fenster, nur ein paar Lampen an den Wänden. Das Ganze war überhaupt nicht mit dem Meeressaal im Schloss zu vergleichen, in dem solche Treffen normalerweise stattfanden. Wenn Cas die Lider schloss, hatte er noch immer das riesige Panoramafenster vor Augen, hinter dem sich die Sonnenstrahlen auf dem Wasser brachen und es glitzern ließen.

Er ließ sich in den Stuhl am Kopf des Tisches fallen. Galo blieb in der Tür stehen.

»Setz dich«, bat Cas ihn und schob mit dem Fuß den Stuhl neben sich vom Tisch weg. »Hierhin.«

Galos Blick wanderte von dem angebotenen Platz zu Cas. »Sicher?« Cas’ Vater hätte niemals zugelassen, dass bei einem Treffen mit seinen Beratern ein Wachsoldat neben ihm saß, aber das bestärkte Cas nur noch in seinem Entschluss.

»Setz dich einfach hin.«

Galo ließ sich gehorsam nieder. Cas knackte nervös mit den Fingerknöcheln, während er auf die anderen wartete. Es kam ihm noch immer unglaublich vor, dass nun alle auf seine Befehle hörten.

Nach ein paar Minuten traten Colonel Dimas und General Amaro ein und begrüßten ihn leise. General Amaro wich Cas’ Blicken aus und setzte sich so weit wie möglich von ihm weg.

Als Nächstes kamen die beiden Beraterinnen, mit denen er sich gestern noch getroffen hatte. Die ältere, Julieta, kannte Cas eigentlich ganz gut. Sie war ungefähr so alt wie seine Mutter und wohnte in der königlichen Stadt. Die andere, Danna, hatte er ein paarmal getroffen, aber sie lebte in der östlichen Provinz, also besuchte sie das Schloss nur wenige Male im Jahr. Am Tag zuvor waren sie freundlich gewesen und hatte ihm ihr Beileid bekundet, aber heute wirkten sie angespannt. Julieta warf Cas ein Lächeln zu, das eindeutig aufgesetzt wirkte.

Dann trat Violet ins Zimmer. Sobald sie Cas sah, fing sie an zu strahlen. Er bedeutete ihr, sich neben Galo zu setzen, und sie kam schnell zu ihnen.

»Der Gouverneur in der südlichen Provinz hat eine Tochter. Nach Mary war sie meine zweite Wahl. Sie passt gut, ist auch viel hübscher als Emelina.« Cas musste unwillkürlich an die Worte seines Vaters denken, als er Violet anschaute. Der König hatte nicht gelogen. Violet war wirklich auffallend schön mit ihrem langen schwarzen Haar, den ausdrucksstarken dunklen Augen und den vollen Lippen, aber der Vergleich zu Em schien unpassend. Em war vielleicht nicht das hübscheste Mädchen, aber sie zog immer alle Blicke auf sich. Es wirkte immer so, als hätte sie ein Geheimnis, dem alle anderen auf die Spur kommen wollten.

Cas verdrängte alle Gedanken an Em; er musste sich konzentrieren.

Der Gouverneur der nördlichen Provinz trat ein, gefolgt von einigen wichtigen Beratern aus dem Westen. Da so viele Leute gestorben waren, sollte Cas den Überlebenden allmählich richtige Titel geben, aber dafür blieb keine Zeit. Er musste sich schon genug anstrengen, um jeden einzelnen Tag zu überstehen, ohne zusammenzubrechen und hysterisch zu werden.

Als Letzte ließ sich Jovita blicken. Ihr dunkles Haar hing offen über ihre Schultern, und sie trug ein blaues Kleid. Woher hatte sie das bloß? Im Schloss hatte sie kaum Kleider getragen, wieso fing sie jetzt in der Festung damit an, wo es nur begrenzte Mittel und eine begrenzte Auswahl gab?

Sie setzte sich auf den leeren Platz neben Cas. »Wie geht es dir, Casimir?«

»Gut«, antwortete er, dabei konnte er sein Misstrauen kaum verbergen. »Dir?«

»Auch gut, danke. Mir fiel auf, dass du heute Morgen wieder rausgegangen bist, um zu der Stelle zu gehen, wo die Königin gestorben ist.«

Alle Blicke richteten sich auf Cas, der sich zusammenreißen musste, um nicht zurückzuzucken.

»Du gehst oft dorthin«, fuhr Jovita fort.

»Ja«, entgegnete er. »Da kann ich besser nachdenken.«

»Ich verstehe, dass du trauerst, aber Grübeleien bringen nichts. Es ist an der Zeit zu handeln. Wie willst du irgendetwas erreichen, wenn du den Großteil des Tages ziellos durch die Gegend irrst?«

»Ich bin nicht den Großteil des Tages da. Aber es scheint fast so, als würdest du den Großteil deines Tages damit verbringen, mich zu verfolgen.«

Das ärgerte Jovita. »Ich mache mir Sorgen um dich – und damit auch um Lera. Du hast bisher noch keinen Plan …«

»Darum geht es doch bei diesem Treffen«, unterbrach er sie. »Also, wenn du genug darüber geredet hast, wie ich um meine Mutter trauere, würde ich gern anfangen.«

Jovita biss die Zähne zusammen.

»Gut.« Cas richtete seinen Blick nach vorn und versuchte, seine Cousine nicht mehr anzusehen. »Die Festung ist bereits voll, aber es kommen täglich mehr Menschen. Bald brauchen wir mehr Platz, und ich denke, im Süden haben wir die besten Chancen. Ich würde gern ein paar Soldaten hinschicken, um mit den Anführern dort zu reden. Die Gouverneurin ist auf unserer Seite«, er zeigte auf Violet, »aber ich möchte wissen, wie es den Menschen vor Ort geht. Niemand ist hergekommen.«

»Die Ruined haben sich nach dem Angriff nach Süden gewandt«, sagte Danna. »Es sind vielleicht nicht mehr viele unserer Leute übrig.«

»Die Ruined sind nach Ruina geflohen«, antwortete Cas. »Sie haben niemanden angegriffen.«

Danna sah ihn verwundert an. »Wieso bist du dir da so sicher?«

»Als sie gegangen sind, waren sie nicht auf eine weitere Schlacht vorbereitet. Sie haben zu viele Leute verloren.«

»Ein Ruined ist immer für die Schlacht vorbereitet«, erklärte Jovita. »In Wahrheit hat Emelina dir erzählt, dass sie niemanden mehr angreifen, wenn du ihr Olivia aushändigst, und dummerweise hast du ihr geglaubt.«

Das konnte er nicht leugnen, dachte Cas und verspannte sich unwillkürlich. Er ging zwar davon aus, dass Lera nach wie vor den Süden kontrollierte, da die Olso-Krieger noch nicht zur Festung durchgedrungen waren, aber ganz sicher konnte er sich da nicht sein.

Violet ergriff das Wort. »Ich wäre gern Teil der Gruppe, die nach Süden geht.« Sie wirkte plötzlich besorgt.

»Natürlich, als Gouverneurin der Provinz solltest du die Soldaten anführen«, sagte Cas.

»Als Gouverneurin sollte sie hierbleiben, wo sie in Sicherheit ist«, widersprach Jovita. »Wir dürfen nicht riskieren, noch mehr Anführer zu verlieren.«

»Was schlägst du dann vor?«, fragte Cas sie. »Dass wir uns hier verstecken, bis Olso wieder angreift?«

»Nein, jetzt, da die Jäger wieder hier sind, haben wir genug Leute, um selbst einen Angriff zu starten.«

»Auf wen genau?«

»Die Ruined.«

Cas versuchte nicht einmal, seine Ungläubigkeit zu verbergen. »Du willst die Ruined angreifen?«

Jovita beugte sich vor. »Natürlich will ich das. Die Frage ist doch eher, wieso du das nicht willst. Emelina Flores hat die Prinzessin der Vallosi umgebracht, sich mit den Olso verbündet, das Schloss eingenommen und einen Krieg angezettelt. Ihr haben wir das alles zu verdanken, und du hast sie einfach ziehen lassen. Du hast den Jägern befohlen, die Ruined nicht mehr umzubringen, obwohl die wiederum jede Gelegenheit nutzen, uns zu töten!«

»Sie sind weg! Wir sind diejenigen, die man fürchten sollte, nicht die Ruined. Wir haben sie ohne Grund abgeschlachtet.«

»Ohne Grund?« Jovita lehnte sich wieder nach hinten. »Denkst du wirklich so über die Ruined? Dass sie nicht gefährlich sind?«

»Nicht alle, nein.«

Jovita setzte eine besorgte Miene auf. »Ich … Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll, Cas.«

»Sie haben uns gerade angegriffen«, mischte General Amaro sich ein. »Ich weiß nicht, was sie noch machen müssen, damit du sie als gefährlich wahrnimmst.«

Ein unangenehmes Schweigen legte sich über den Raum. Cas blickte in die Gesichter seiner Berater und suchte nach jemandem, der seiner Meinung war, aber Galo und Violet waren die einzigen Teilnehmer der Runde, die weder wütend noch entsetzt aussahen. Ihm stieg das Blut in den Kopf.

»Die Ruined sind im Moment nicht meine Priorität«, erklärte er knapp. »Wir müssen uns darauf konzentrieren, den Süden zu behalten, und uns darauf vorbereiten, das Schloss wieder einzunehmen. Das Beste für Lera ist …«

»Du hast kein Interesse daran, was am besten für Lera ist«, unterbrach Jovita ihn.

»Alles, was ich jemals getan habe, war zu Leras Besten!«

»Du hast Olivia Flores freigelassen. Sie hat die Königin und zahllose Wachen und Soldaten umgebracht. War das für das Beste für Lera?«

Cas’ Magen drehte sich, auf einmal war sein Kopf komplett leer. Darauf hatte er keine Antwort.

»Ich möchte dich nicht angreifen, Cas«, fuhr Jovita sanfter fort. Niemandem sonst schien die Herablassung in ihrer Stimme aufzufallen. »Ich denke, wir sollten erst mal einen Schritt zurück machen und über deinen geistigen Zustand nachdenken.«

Der Raum fing an sich zu drehen, und für einen Moment fragte Cas sich ernsthaft, ob er den Verstand verloren hatte. Aber verrückt zu werden fühlte sich bestimmt nicht so schlimm an wie das hier.

»Mein geistiger Zustand«, wiederholte er.

»Du trauerst noch um deine Eltern. Deine Frau hat dich verraten. Du wurdest im Dschungel angegriffen. Ich verurteile dich nicht, Cas, jeder würde unter diesen Umständen zusammenbrechen.«

»Er ist nicht verrückt«, ging Galo scharf dazwischen.

Jovita hielt nur einen Finger hoch, als wäre Galos Meinung ihr vollkommen egal. »Das habe ich auch nicht behauptet. Ich meine nur, dass du eventuell im Moment nicht klar denken kannst. Hast du dir etwas Zeit gelassen, runterzukommen? Das ist vielleicht genau das, was du brauchst.«

»Mir geht es gut«, antwortete Cas bestimmt.

Jovita warf einen prüfenden Blick in die Runde. Die Berater kauften ihr anscheinend alles ab. Keiner wollte Cas ins Gesicht sehen.

»Wieso nimmst du dir nicht etwas Zeit, um über meinen Plan nachzudenken, die Ruined anzugreifen?«, fragte sie. »Wir können uns morgen erneut zusammensetzen, wenn du noch mal in dich gegangen bist.«

Cas stand auf, sein Stuhl schrammte über den Boden. »Ich muss nicht darüber nachdenken. Die Antwort lautet nein.«

»Aber …«

»Nein«, wiederholte er noch entschlossener. Dann schritt er aus dem Zimmer, Galo dicht hinter ihm. Sie hörten die anderen noch hinter sich raunen, als die Tür zufiel.

»Ohne das Einverständnis des Königs können sie nichts tun«, versuchte Galo ihn zu beruhigen.

Cas strich sich durchs Gesicht – er war sich da nicht so sicher.

Fast zweihundert Leute starrten zu Em hoch. Sie musste schlucken und versuchte, sich ihre Nervosität nicht anmerken zu lassen. Fast erwartete sie, dass die Ruined anfangen würden zu randalieren.

Neben ihr stand Olivia, vor ihnen waren alle Ruined versammelt, die es bisher nach Ruina geschafft hatten. Sie hatten ihre Zelte in der Nähe der alten Burg aufgeschlagen, waren Olivias Ruf gefolgt, und nun saßen sie auf dem Boden, während die neuen Pläne für die Führung bekannt gegeben wurden. Hinter ihnen blies der Wind die Zelte auf, und es fing an zu nieseln. Em wünschte sich nicht zum ersten Mal, sie hätten einen Unterschlupf mit richtigen Mauern, sie hasste den Anblick der vielen Menschen da draußen in der Kälte.

»Eine Dyarchie«, wiederholte Olivia. »Wir regieren beide zusammen, als Ebenbürtige.« Ihre Augen leuchteten vor Begeisterung, als ginge sie davon aus, dass alle sich über diese Entscheidung freuen würden.

Stattdessen reagierten die Ruined skeptisch. Ein Murmeln ging durch die Menge, und alle Blicke richteten sich auf Em. Vielleicht war das ja ein gutes Zeichen. An dem Tag, als sie selbst vom Thron gestoßen wurde, hatte sie gemerkt, dass etwas nicht stimmte, weil niemand sie anschauen wollte.

Aber heute starrten alle auf sie. Allerdings sah sie nicht jeder freundlich an. Erneut musste sie schlucken. Vielleicht sollte sie etwas sagen, ihnen erklären, dass sie Ruina wieder zu einem sicheren Ort für sie machen wollte. Ein Zuhause bauen, auf das sie stolz sein konnten.

»Wir wollen Ruina wiederaufbauen, besser als vorher«, fing Olivia an, bevor Em ein Wort herausbrachte. Die Leute starrten sie nur weiter an, offenbar glaubten sie an keine von ihnen. Ob sie sich deswegen nun besser oder schlechter fühlen sollte, wusste Em nicht.

Ein langes Schweigen folgte den Worten Olivias, deren Wangen sich langsam röteten. »Bald verraten wir euch mehr«, fuhr sie eingeschnappt fort. »Jetzt würden wir erst mal gern Mariana, Aren, Ivanna, Davi und Jacobo sehen.«

Ivanna und Davi saßen nebeneinander, sie waren die einzigen älteren Ruined, die noch lebten. Em sah Ivanna ihre Zweifel deutlich an.

Aren stand auf und drückte Ems Arm, während sie darauf warteten, dass die Angesprochenen zu ihnen nach vorn kamen. Als sich alle durch die Menge gedrängelt hatten, führte Olivia sie zu dem Zelt, das sie sich mit Em teilte. Es war eng, aber immerhin passten sie alle gerade so eben hinein. Sie setzten sich im Schneidersitz zu einem kleinen Kreis zusammen.

»Ihr wisst wahrscheinlich, wieso ihr hier seid«, sagte Olivia. »Em und ich wollen ein Gremium bilden, das uns in wichtigen Angelegenheiten berät.«

Unter den fünf Leuten, die Olivia aufgerufen hatte, waren sämtliche Kräfte der Ruined vertreten – Aren hatte Macht über den Körper, Jacobo und Ivanna kontrollierten die Elemente und Mariana und Davi den Geist. Em und Olivia hatten sich schnell darauf geeinigt, wer zu ihrem Rat gehören sollte, schließlich gab es nicht mehr allzu viele qualifizierte Ruined.

Ivanna strich sich ihr graues Haar hinters Ohr. »Ich fühle mich geehrt, aber ich denke, wir sollten über die Herrschaftsform sprechen.«

Olivia legte den Kopf schräg. »Ach ja?«

»Ja. Dir ist doch bewusst, dass die Ruined die Monarchie gestürzt haben, nachdem du entführt wurdest, und einen neuen Anführer gewählt haben?«

»Verbotenerweise wurde die Monarchie gestürzt«, korrigierte Olivia sie. »Und der gewählte Anführer ist tot.«

Davi funkelte Em wütend an. »Weil sie ihn hat sterben lassen.«

In Ems Kehle bildete sich ein Kloß. Ja, sie hätte mehr tun können, um Damian zu retten. Zwar hatte sie zuletzt alles versucht, um Leras König daran zu hindern, ihn umzubringen, aber sie hätte früher eingreifen müssen. Und das hatte sie die Ruined auch wissen lassen, als sie ihnen davon erzählte. Sie wollte keine Geheimnisse vor ihnen haben.

»Ich war auch dabei«, ging Aren dazwischen. »Ich musste Em sogar zurückhalten, wenn ihr also jemandem die Schuld geben wollt, dann mir.«

»Ja, geben wir den beiden die Schuld«, meldete Olivia sich aufgesetzt fröhlich zu Wort. »Die Einzigen von euch, die tatsächlich etwas erreicht haben. Ohne Em und Aren wärt ihr immer noch auf der Flucht. Oder tot. Aber reden wir ruhig weiter von eurem tollen Anführer, der sich hat schnappen lassen.«

»Er hat uns immerhin geholfen, nach Olso zu kommen!« Davi lief knallrot an.

»Um Em und Aren zu helfen, Lera zu stürzen. Wir werden sein Opfer nicht vergessen.«

»Gibt es denn jemanden, den ihr lieber als Anführer hättet?«, fragte Em vorsichtig. Olivia funkelte sie finster an.

»Nein«, antwortete Jacobo, lächelte dabei aber nur Olivia an.

»Na ja, wir …«, Ivanna räusperte sich. »Es gibt einige unter uns, die lieber einen Anführer wählen würden. Wieso hatte Aren nicht die Chance …?«

»Ich lehne ab«, unterbrach Aren sie.

»Aren, neben Olivia bist du der Stärkste hier«, versuchte Davi auf ihn einzureden. »Und du bist trotz des großen Risikos nach Lera gereist.«

»Um Ems Plan zu folgen«, beharrte Aren. »Vergesst es, ich würde die Wahl nicht annehmen.« Er zeigte auf Olivia. »Außerdem bin ich nur der Zweitstärkste hier. Wieso wollt ihr nicht von der stärksten Ruined angeführt werden?«

»Es hat uns nichts gebracht, vor allem auf die Kraft zu setzen«, gab Ivanna zurück. »Wenda Flores war mächtig, konnte aber nicht verhandeln. Sie hat alle umgebracht, die nicht ihrer Meinung waren.«

»Das ist doch eine solide Verhandlungsstrategie«, kommentierte Olivia, woraufhin Em zusammenzuckte. Ihre Schwester bestätigte Ivanna nur in ihrer Meinung.

»Em ist gut im Verhandeln«, mischte Aren sich erneut ein. »Ich glaube, der Sinn dieser Dyarchie ist, dass die beiden Herrscherinnen einander gut ergänzen.«

Ivanna warf Em einen Blick zu, sah ihr aber nicht direkt in die Augen. »Wir hatten noch nie eine Unbegabte als Anführerin.«

»Und gerade eben sagtest du noch, dass es nichts bringt, allein auf die Kräfte zu setzen«, hielt Em dagegen. »Was denn nun?«

Ivanna kniff die Lippen zusammen, alle schwiegen.

Plötzlich und ohne ersichtlichen Grund fing Olivia an zu lachen, und alle drehten sich zu ihr. »Glaubst du wirklich, dass das verhandelbar ist? Dass ein paar von euch einen Anführer wählen wollen, heißt noch lange nicht, dass das auch passieren wird. Vor einem Jahr wurde unser Volk auseinandergerissen. Wir führen alles wieder so zusammen, wie es sein sollte.«

Ivanna sagte kein Wort, ihr Mund war zu einer harten Linie verzogen. Davi wollte gerade widersprechen.

»Außerdem wird Aren eine von uns heiraten«, fuhr Olivia fort. »Dann regiert er auch.«

Em hob überrascht die Brauen, als Olivia so beiläufig erwähnte, dass Aren eine der Königinnen heiraten würde. Auch Aren sah Em völlig verwirrt an, musste aber lachen, als Em auf sich selbst zeigte und energisch den Kopf schüttelte.

Sie sah wieder Cas’ Gesicht vor sich. Sie war bereits verheiratet. Sie war zwar als angebliche Prinzessin Mary seine Frau geworden, aber alles, was danach in ihrer Beziehung kam, war wahr gewesen. Sie konnte sich nicht vorstellen, jemand anderen zu heiraten. Es tat schon weh, nur daran zu denken.

Olivia wechselte das Thema. »Machen wir weiter.« Em versuchte, die Gedanken an Cas zur Seite zu schieben, was ihr aber nur halbwegs gelang. »Wir haben jedem von euch eine bestimmte Aufgabe zugedacht«, fuhr ihre Schwester fort. »Ihr könnt ablehnen oder jemand anderen vorschlagen, wenn ihr wollt. Aren, wir hätten dich gern als Gefechtsleiter. Du bist für das Training der Ruined und die Waffen zuständig. Zu deinem Verantwortungsbereich gehört alles, was wir brauchen, um für den Krieg vorbereitet zu sein. Davi, du wirst Gesundheitsbeauftragter. Du kümmerst dich um sauberes Wasser, stellst sicher, dass alle Kleidung haben, und kümmerst dich um die allgemeine Gesundheit. Ivanna, du bist für den Wiederaufbau von Burg und Stadt zuständig und organisierst die entsprechenden Maßnahmen. Ihr drei untersteht mir.«

»Für die anderen beiden bin ich zuständig«, fügte Em hinzu. »Jacobo, wir möchten dich zum Ernährungsleiter ernennen. Wir brauchen jemanden, der die Fischerei, die Jagd und die Landwirtschaft überwacht. Und Mariana, deine Aufgabe soll die Außenpolitik sein. Du hilfst mir, die Beziehung zu den Olso-Kriegern aufrechtzuerhalten.«

Sie war jung, ungefähr in Ems Alter, und man sah ihr deutlich an, wie sehr sie sich darüber freute, für diese Aufgabe ausgewählt worden zu sein.

»Morgen machen wir uns auf den Weg zu den alten Minen«, fuhr Em fort. »Für die Vorbereitungen brauchen wir eure Hilfe. Ihr fünf seid ab sofort die Stimme der Ruined. Ihr übermittelt uns, was bei ihnen abgeht, und gebt unsere Befehle an sie weiter. Habt ihr damit ein Problem?« Alle schüttelten die Köpfe. »Gut. Ein paar eurer Positionen sind schon älter, aber andere, zum Beispiel den Bereich Wiederaufbau, führen wir gerade erst ein. Wir sind also offen für eure Ideen.«

»Sofern sie sich nicht auf die Bildung einer neuen Regierung beziehen«, murmelte Davi.

»Oh, dabei fällt mir ein!«, rief Olivia. »Da wir uns derzeit im Krieg befinden, tritt das Kriegsrecht in Bezug auf Loyalität in Kraft. Alle Drohungen gegen die Regierung oder eine der Königinnen gelten damit als Verrat und werden auch entsprechend bestraft.« Sie legte wieder den Kopf schräg und lächelte Davi breit an. »Verstanden?«

Davi erblasste, Em ballte ihre Hände zu Fäusten. Darüber hatte sie noch nicht mit Olivia gesprochen. Das Loyalitäts-Kriegsrecht war schon abgeschafft worden, als ihre Mutter noch jung war. Es hatte keinerlei Spielraum gelassen, den königlichen Anführern zu widersprechen, und war daher nicht sehr beliebt gewesen.

»Verstanden«, sagte Ivanna knapp. »Eure Majestät.«

»Fantastisch.« Olivia klatschte in die Hände. »Ich glaube, wir werden gut zusammenarbeiten. Oder seid ihr etwa anderer Meinung?«

Em blickte in die Gesichter der Runde. Davi und Ivanna sahen aus, als wollten sie am liebsten jemandem eine Ohrfeige verpassen, Mariana und Aren schienen nervös, nur Jacobo erwiderte Olivias Lächeln.

Em konnte sich des Gefühls nicht erwehren, dass ihr beratendes Gremium von vornherein zum Scheitern verurteilt war.

5. KAPITEL

»Was haltet Ihr davon, Eure Majestät?« In Arens Frage schwang eine gewisse Belustigung mit, und Em lächelte ihn an. Er war im Grunde weniger amüsiert als stolz auf das Erreichte und hatte das Gefühl, dass sie das sehr wohl wusste.

»Sie sehen perfekt aus.«

Aren kniff die Augen zusammen, um die Hütten in der Ferne besser erkennen zu können. Am Morgen war er mit Em, Olivia und Mariana zu Fuß aufgebrochen, um die Hütten der Minenarbeiter zu begutachten. Nach nur ein paar Stunden hatten sie ihr Ziel erreicht. Olivia und Mariana gingen vor.

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