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Die Liebe der Sonnenschwestern

Als Buch hier erhältlich:

Liebe geht, und Liebe bleibt: der neue berührende Frauenroman von Susan Mallery

Finola, Zennie und Ali sind einer Meinung, als ihre Mutter sich wieder einmal darüber beklagt, dass sie schon lange auf Enkelkinder wartet: Das ist nicht hilfreich. Denn die Schwestern haben gerade ganz andere Sorgen. Alle drei wurden in derselben Woche verlassen. Finolas Mann hat eine Jüngere. Zennies Freund macht aus heiterem Himmel Schluss. Und Alis Verlobter schickt sogar seinen Bruder vor, um die Hochzeit abzusagen. Während die drei ihrer Mutter vor dem Umzug beim Aussortieren helfen, erkennen sie nicht nur, wie viel sie einander bedeuten, sondern auch, was wahre Liebe ist.

Einfühlsam, mit Herz und Humor beschreibt Susan Mallery drei Schwestern, die es nicht leicht haben in der Liebe


  • Erscheinungstag: 18.02.2020
  • Seitenanzahl: 400
  • ISBN/Artikelnummer: 9783959673617

Leseprobe

1. KAPITEL

»Sie braten Bacon!«

Finola Corrado versuchte, nicht über den panischen Blick ihrer Assistentin zu lachen. »Im Rezeptsegment sind fünf Kartoffelsalat-Variationen vorgesehen. Bacon ist der Preis, den wir zahlen müssen, wenn wir unserem Geschäft nachgehen wollen.«

Rochelles Entsetzen mutierte zu blanker Empörung. »Ja, und das vor dem Segment ›Neue Sommerkleider‹. Ich bin durchaus vertraut mit der Planung.« Sie legte ihr Tablet ab, stemmte die Hände in die schmalen Hüften und beugte sich vor, als wolle sie so das Gesagte betonen. Ihre langen dunklen Zöpfe bewegten sich mit. »Finola, wir haben Models im Haus. Große, hagere, hungrige Models. Die bekommen schon den Bestienblick und gehen aufeinander los. Und das liegt garantiert am Bacon-Geruch. Können die den nicht woanders braten?«

Und da glauben die Leute, Fernsehen sei nur Pomp und Glitzer, dachte Finola, die sich immer noch bemühte, ernst zu bleiben.

»Bring die Models in den Aufenthaltsbereich und sag ihnen, wir haben ein Feuchtigkeitsproblem am Set, weshalb sie mehr Haarspray benutzen müssen. Danach riechen sie den Bacon nicht mehr. Und sag in der Küche Bescheid, dass alles geputzt werden soll, wenn der Bacon fertig angebraten ist, dann ist der Geruch weg.«

»Ah ja, das wird funktionieren.« Rochelle, die kluge, ehrgeizige Absolventin eines Kommunikationsstudiums, entspannte sich. »Darauf hätte ich selbst kommen müssen.«

»Wirst du schon bald.«

Meine dunkelhaarige und dunkeläugige fünfundzwanzigjährige Assistentin ist durchaus imstande, alles allein zu leiten, dachte Finola, als die junge Frau ging. In wenigen Monaten würde Rochelle weiterziehen, einen Job mit mehr Verantwortung annehmen, und sie würde eine neue Assistentin einstellen, um wieder von vorn anzufangen.

Im Fernsehgeschäft einen Fuß in die Tür zu bekommen, war nicht leicht. Es gab jede Menge miserable Jobs, doch nicht bei allen konnte man die richtigen Erfahrungen sammeln. Finola bildete sich einiges auf ihr Talent ein, die Klügsten und die Besten einzustellen. Was ihre Erwartungen anging, war sie sehr klar – sie verlangte mordsmäßige Arbeitsmoral, absolute Loyalität und hundertprozentige Konzentration. Im Gegenzug brachte sie ihnen das Geschäft bei, stellte sie den richtigen Leuten vor und schmiss ihnen eine große Party, wenn sie in aussichtsreichere Gefilde aufbrachen.

Ihre Garderobentür ging erneut auf, eine Produktionsassistentin schaute herein und flüsterte: »Sie ist da! Sie ist da. Ich kann es gar nicht fassen. Ich bin total aufgeregt. Bist du nicht aufgeregt?«

Ehe Finola antworten konnte, war die Frau wieder weg, zweifellos, um ihre Freude mit anderen zu teilen.

Finola wollte zynisch sein, doch selbst sie musste zugeben, dass sie sich darauf freute, Treasure kennenzulernen. AM SoCal war eine erfolgreiche Show in einem überfüllten Medienmarkt. In Los Angeles zu arbeiten bedeutete, leichteren Zugang zu Stars zu haben als die meisten anderen Shows in ihrer Sparte, aber nicht mal sie hatten erwartet, einen riesigen Country-Popstar wie Treasure bekommen zu können.

Treasure war dreiundzwanzig und ein Musikphänomen. Ihre letzte Single verzeichnete in den ersten sechs Stunden nach Erscheinen eine Million Downloads, und ihre YouTube-Videos hatten alle über eine Milliarde Klicks. Heute Vormittag kam sie für ein zehnminütiges Interview in die Show, gefolgt von einer Live-Performance ihrer neuen Single »That Way«. Danach würde die Modenschau der hungrigen Models und der Teil mit den Kartoffelsalaten folgen.

Abgesehen von Treasures Star-Auftritt war der heutige Ablauf ziemlich durchschnittlich. Sie begrüßte ihr Publikum – alles live im Fernsehen – mit ein bisschen Geplauder und einigen Scherzen, dann lud sie ihren ersten Gast ein. Gegen elf wäre die Sendung vorbei, und um zwölf waren alle schon wieder mit der nächsten Show beschäftigt. Alle außer mir, dachte sie lächelnd. Sie hatte die nächste Woche frei.

»Hawaii, wir kommen«, murmelte sie vor sich hin.

Ihr Mann und sie brauchten die Pause. In letzter Zeit hatten sie beide so viel zu tun gehabt und waren so sehr mit ihrer jeweiligen Karriere beschäftigt gewesen. Die Woche gäbe ihnen die Möglichkeit, sich wieder aufeinander und auf ihre Ehe zu konzentrieren. Vielleicht sogar noch ein klein wenig mehr.

Sie war bereit – endlich – schwanger zu werden. Nigel wollte schon seit ein paar Jahren eine Familie gründen, aber sie hatte gezögert. Doch vierunddreißig zu werden und sich die Klagen ihrer Mutter anzuhören, sie hätte drei erwachsene Töchter und kein Enkelkind, ganz zu schweigen von der Einsicht, dass es den idealen Zeitpunkt nie geben würde, hatten sie überzeugt, es nun anzugehen. Zu Ehren dieser Entscheidung hatte sie ein Geschenk für Nigel eingepackt, das er öffnen sollte, wenn sie in ihrer Suite auf Maui waren. Sie fand, dass Sexspielzeug und Babyschühchen eine recht klare Botschaft sandten. Nigel war auf jeden Fall ein Mann der Tat. Sie würden Spaß haben.

Es klopfte an der Tür, und ein Ruf folgte: »Dreißig Minuten.«

Dreißig Minuten bis Showbeginn. Finola lehnte sich in ihrem Make-up-Stuhl nach hinten und schloss die Augen.

Sie war bereits angezogen und geschminkt, kannte ihre Themen, hatte sich genug von Treasures Musik angehört, um sich für eine Mitgliedschaft in deren Fanclub zu qualifizieren, und sie hatte die Kohlenhydrate beim Frühstück weggelassen, sodass sie Kartoffelsalate probieren durfte, so viel sie wollte.

»Gute Show«, flüsterte sie und verlangsamte ihre Atmung für ihr Entspannungsritual vor der Show.

Ihr blieben fünfzehn Minuten Stille. Eine Viertelstunde, in der keiner anklopfte oder ins Zimmer gestürmt kam. Sie würde sich sammeln und dann zum Set gehen, wo man sie mit einem Mikro ausstatten und ein letztes Mal pudern würde, ehe es losging.

Beim Einatmen zählte sie bis vier, hielt die Luft an, wobei sie bis acht zählte, und atmete wieder aus …

Ihre Tür wurde geöffnet.

»Finola, wir müssen reden.«

Sie schlug die Augen auf. Vor ihr stand Nigel, die Hände auf die Armlehnen ihres Stuhles gestützt, und sah sie an.

»Nigel, was machst du hier? Ich gehe in nicht mal dreißig Minuten live. Was ist los?«

Nigel war Schönheitschirurg in Beverly Hills und empfing freitags keine Patienten. Morgen früh wollten sie abreisen. Was war so wichtig, dass es nicht bis nach der Show warten konnte?

Er blickte ihr in die Augen. »Es tut mir leid.«

Es waren weniger seine Worte als sein Tonfall, der sie aufmerken ließ – und auch seine gequälte Miene. Ihr Magen verkrampfte sich. »Was ist passiert?«

In ihrem Kopf tauchten Bilder von ihren Schwestern und ihrer Mutter auf, die reglos auf der Straße lagen. Vielleicht hatte es einen Brand gegeben. Oder …

»Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll«, begann er und verstummte wieder.

Ihr wurde übel. Ihr Herzschlag vertausendfachte sich und es klingelte in ihren Ohren. Jemand war tot – sie wusste es.

»Ich habe eine Affäre.«

Während er sprach, ließ Nigel den Stuhl los und schritt durch den Raum. Er redete noch – sie sah, dass sich seine Lippen bewegten –, doch sie konnte überhaupt nichts hören. Das dröhnende Rauschen war zu laut.

Die Worte hallten durch ihren Kopf, bis sie deren Bedeutung erfasste. Vor Jahren war sie von einer hohen Terrasse auf den Rasen darunter gestürzt. Sie war auf der Seite gelandet, und ihr war die Luft weggeblieben. Dies hier fühlte sich genauso an. Sie konnte nicht atmen, konnte die Panik nicht drosseln, die sie überkam, ebenso wenig wie das einsetzende Zittern. Der Atemlosigkeit folgte stechender, Brechreiz erregender Schmerz in ihrem Herzen.

Wie konnte er? Wann? Mit wem? Warum? Sie waren verheiratet. Sie liebten sich. Er war ihr bester Freund. Sie wollte im Hawaii-Urlaub schwanger werden.

Nein, das musste ein Irrtum sein. Er konnte das nicht gesagt haben. Erst als sie sah, wie er sie beobachtete, begriff sie, dass er nicht log und dass er mit vier simplen Worten sie und ihre Ehe zerstört hatte.

»Du musst verstehen«, sagte er leise, »dass es mir leidtut, dir das jetzt sagen zu müssen. Mir ist klar, dass das Timing nicht optimal ist.«

»Nicht optimal?«, schrie sie und senkte die Stimme sofort wieder. »Nicht optimal? Ich gehe gleich live auf Sendung. Es reicht dir nicht, mir das vor die Füße zu knallen, sondern du musst es auch noch ausgerechnet jetzt machen, um mich besonders übel zu verarschen?«

»Ich habe in den letzten Wochen so oft versucht, es dir zu sagen, aber du hattest immer zu viel zu tun, um zuzuhören. Dauernd steht die nächste Show an.«

Sie fühlte, wie sich Wut bei ihr regte, und packte sie mit beiden Händen. Wenigstens verlieh die ihr vorübergehend Kraft.

»Gibst du mir die Schuld?«, fragte sie. »Du spazierst hier herein und verkündest, dass du eine Affäre hast, und es ist meine Schuld, dass du bis zu dieser Sekunde gewartet hast, um es mir zu erzählen?«

»So ist das nicht.«

»Ach nein?« Sie wischte sich die Tränen weg. »Wie ist es dann?«

Er drehte sich weg. »Ich dachte, du musst es erfahren.«

Bevor sie entscheiden konnte, ob sie zu sehr zitterte, um aufzustehen, ging er. Einfach so. Sie war allein mit der Übelkeit, dem Schmerz, dem zerbrochenen Leben und der tickenden Uhr, die ihr sagte, dass sie achtzehn Minuten und zwölf Sekunden hatte, bis die Sendung begann.

Nichts hiervon ist real, redete sie sich panisch ein. Konnte es nicht sein. Es geschah nicht, und Nigel hatte ihr nicht eben von einer Affäre erzählt, das konnte er nicht. Nicht ihr Nigel. Nicht der wunderbare, warmherzige, liebende Ehemann, der stets für sie da war. Sie kannte ihn, nicht den kalten Fremden, der gerade gegangen war.

Würde doch bloß das Schrillen in meinen Ohren aufhören, dachte sie verzweifelt. Könnte sie doch nur atmen, weinen, schreien oder weglaufen. Eine Affäre. Es gab eine andere Frau in seinem Leben, seinem Herzen und seinem Bett. Ihrem gemeinsamen Bett. Nein. Nein! Er hatte mit einer anderen geschlafen, einer anderen zugeflüstert, eine andere berührt, war mit einer anderen zum Orgasmus gekommen.

Ihr Verstand weigerte sich, es zu glauben, wohingegen ihr Herz bereits zu bluten anfing. Verrat, Trauer und Unglaube vermengten sich, bis Finola würgte. Sie musste hier raus. Sie musste nach Hause und …

Ihr Blick verharrte auf der Uhr. Nein, sagte sie sich. Sie konnte nicht weg. In fünfzehn Minuten hatte sie eine Live-Sendung. Sie musste vor die Kamera treten und tun, als wäre alles in Ordnung, als ginge es ihr prima und als wäre die Welt nicht eben aus ihrer Umlaufbahn geworfen und in ein schwarzes Loch geschleudert worden, aus dem es kein Entrinnen gab.

Sie holte Luft, achtete darauf, nicht zu hyperventilieren, und eilte zum Spiegel. Nachdem sie das grelle, gnadenlose Licht eingeschaltet hatte, musterte sie sich für eine Sekunde, bevor sie erst nach einem Papiertuch, dann nach dem Abdeckstift griff. Ihre Augen waren weit aufgerissen und sie wirkte geschockt. Als hätte sie etwas Entsetzliches gesehen. Oder erlebt. Gütiger Gott, sie konnte das nicht.

»Finola?« Rochelle klopfte einmal, bevor sie hereinkam. »Sie brauchen dich am Set.«

Finola nickte, ohne etwas zu sagen. Sie trug mehr Puder auf, holte abermals Luft und rang sich ein Lächeln ab. »Ich bin bereit.«

Ihre Assistentin runzelte die Stirn. »Was ist passiert?«

»Nichts. Mir geht es gut.«

»Es ist etwas, und das ist nicht gut.«

Finola täuschte ein weiteres Lächeln vor und huschte an ihr vorbei. »Ich habe keine Ahnung, was du meinst.«

Sie ging den Korridor hinunter zum Studio. Dort bahnte sie sich einen Weg um falsche Wände, Kulissen und Kabel. Der Produzent lächelte ihr zu.

»Hast du Treasure schon getroffen? Sie ist umwerfend. Ich habe sie bloß von Weitem gesehen, aber wow!«

Finola sparte sich den Hinweis, dass sie den Star noch nicht getroffen hatte. Sie war zu sehr damit beschäftigt gewesen, ihre Ehe zerbröseln zu sehen. Nicht, dass Treasure um ein vorheriges Treffen gebeten hatte – ihre Bitte war gewesen, dass sie sich vor dem Live-Publikum begegneten, sodass es »spontaner« war. Was eine einfache und erfüllbare Forderung für einen Star war. Nichts im Vergleich zu der Anweisung einer anderen Sängerin, sie bräuchte »sechs schneeweiße Kätzchen, mit denen ich spielen kann, bevor ich singe«.

Gary, der Tontechniker, gab ihr ein kleines Mikrofon. Sie klemmte es an ihr Revers, während er das dünne Kabel über ihre Schulter zog. Er klickte das Batterieteil an ihren Rockbund.

Gewöhnlich scherzte sie, dass er sie unerlaubt anfasste. Ihr freundschaftliches Geplänkel gehörte zum Ritual vor der Show. Doch heute fiel ihr nichts ein, was sie sagen könnte. Und in acht Minuten wäre das ein gewaltiges Problem.

Atme, befahl sie sich. Sie würde atmen und darauf zählen, dass sie wusste, was sie tat. Diese Show machte sie schon seit fast vier Jahren. Sie war gut darin. Sie liebte ihre Arbeit, und sie würde es hinbekommen. Wäre da nur nicht das Echo der Schreie, denen sie nicht nachzugeben wagte.

Gary richtete ihre Jacke, zwinkerte ihr zu und lächelte. »Alles klar, Finola.«

»Danke.« Sie räusperte sich. »Test, Test.«

Das Mikro war bereits getestet worden, aber sie vergewisserte sich immer, dass es funktionierte.

Gary reckte einen Daumen, bevor er ihr den Ohrhörer gab, über den sie mit dem Regieraum verbunden war. Zwar waren sie keine Nachrichtensendung, in der sie brandaktuelle Meldungen bekam, doch sie musste mit der Regie verbunden sein, falls sich eine große Story ergab. Dann könnte sie ihren Zuschauern Bescheid geben, dass New York die Show unterbrechen würde.

Sie steckte den Hörer ein und vernahm die sanfte Stimme von Melody, der Regisseurin. »Guten Morgen, Finola. Noch fünf Minuten. Auf eine gute Show.«

»Eine gute Show«, antwortete sie automatisch. Sie stellte ihr Mikrofon aus, um noch einen Moment für sich allein zu sein, da berührte jemand ihre Schulter.

Finola drehte sich um und fand sich von Angesicht zu Angesicht mit Treasure wieder. Die Country-Popsängerin war ungefähr so groß wie sie und hatte lange, dunkelrote Locken, die ihr über die Schultern fielen. Ihre Augen waren dunkelgrün, und selbst mit dem dicken Fernseh-Make-up war ihre Haut sagenhaft.

Finola blinzelte verwundert. »Hallo. Ich dachte, Sie wollten kein Treffen vor dem Interview.« Sie rang sich ein Lächeln ab und streckte die Hand aus. »Freut mich sehr, Treasure. Ich bin ein großer Fan von Ihnen.«

Die Dreiundzwanzigjährige grinste. »Nein, sind Sie nicht«, erwiderte sie leise. »Oder, falls doch, werden Sie es bald nicht mehr sein.« Sie ignorierte Finolas Hand. »Sie sind älter, als ich dachte. Vierunddreißig, stimmt’s? Meine Mom könnten Sie nicht sein, aber auch keine ältere Schwester. Vielleicht eine Tante.«

Finola hatte keinen Schimmer, wovon Treasure redete. »Okay«, sagte sie langsam. »Ich muss raus und das Publikum begrüßen. Alle sind schon ganz aufgeregt, weil Sie hier auftreten.«

Ehe sie sich abwenden konnte, packte Treasure sie am Oberarm. Dabei drückte sie mit den Fingerspitzen gerade so kraftvoll zu, dass es unangenehm war.

»Ich bin es«, sagte sie und neigte sich näher zu Finola. »Ich bin die, mit der er schläft. Ich bin die, die Sachen mit ihm macht, die Sie sich nicht mal vorstellen können. Es ist übrigens nicht nur der Sex. Es ist alles.« Sie verdrehte die Augen. »Er wollte Ihnen nichts von uns erzählen, als könnte er mich verstecken, aber ich habe dafür gesorgt, dass mein Manager mich für Ihre Show bucht, da hatte er keine andere Wahl mehr.«

Treasures Lächeln wurde grausam. »Und jetzt wissen Sie es.«

Finola konnte sie nur anstarren. Ihr Verstand sperrte sich gegen die Worte. Dies hier geschieht nicht, dachte sie panisch. Es kann nicht sein. Nichts, was diese Frau ihr sagte, konnte wahr sein. Bevor es ihr möglich war, zu reagieren, ließ Treasure sie los und ging. Finola presste eine Hand auf ihren Bauch und hoffte, die Blutung lange genug zu stoppen, sodass sie nicht auf der Stelle starb.

Ich muss weg. Ich muss hier raus. Ich …

»Finola?«

Melodys Stimme konkurrierte mit dem lauten Surren in ihrem Kopf.

»Finola, du musst aufs Set.«

Die Show. Sie musste die Show machen. Sie war live, also gab es keine zweite Chance. Sie musste da rausgehen und sich den zweihundert Leuten im Publikum stellen, von der guten Million vor den Fernsehern ganz zu schweigen. AM SoCal war sehr beliebt. Sie wurde gemocht, und heute hatten sie einen großen Star. Die Einschaltquote wäre astronomisch.

»Finola?«

Sie schaltete ihr Mikro ein. »Ich bin hier.«

Sie atmete tief ein, raffte alles zusammen, was sie an Professionalität und Selbsterhaltungstrieb in ihrem Leben angesammelt hatte. Sechzig Minuten musste sie überleben. Nur sechzig Minuten, dann durfte sie zusammenbrechen. Nur die nächste Stunde. Das war alles.

Sie trat hinaus vor das Publikum, das sofort applaudierte. Lächelnd winkte sie den Leuten zu, konzentrierte sich nur auf die Menschen in den ersten Reihen. Nahe dem Mittelgang saß eine kleine Gruppe, die nach drei Generationen aussah – Großmutter, Tochter und Enkelin; alle klatschten vergnügt. Es waren einige von ihren Stammgästen da, die stets zu den Aufnahmen kamen, der Rest waren alles Teenager.

Die Treasure-Fans, dachte sie verbittert. Wie sollte sie überleben? Sie blickte zum Teleprompter und atmete erleichtert auf. Gott sei Dank.

Guten Morgen allerseits und willkommen zur Show. Wir haben jemanden ganz Besonderes für Sie, und wenn ich mir den Altersschnitt in meinem Publikum anschaue, hat es sich schon herumgesprochen – Pause für Gelächter.

Sie ging auf ihre Position und wartete auf den Countdown für den Sendebeginn. Normalerweise hätte sie jetzt ein wenig mit dem Publikum geplaudert, aber es blieb zum einen keine Zeit mehr, zum anderen konnte sie es nicht. Nicht heute.

»Fünf, vier, drei.« Sie beobachtete die Finger des Aufnahmeleiters, mit denen er lautlos »zwei, eins« anzeigte, und dachte an spielende Welpen und Kätzchen und daran, wie sehr sie sich später betrinken würde. Als das rote Kameralämpchen anging, war sie ziemlich sicher, dass ihr Lächeln beinahe echt wirkte.

»Guten Morgen allerseits und willkommen in unserer Show.«

Finola arbeitete sich durch die Einleitung. Sie fühlte sich in keinem Augenblick ganz wie sie selbst, doch der Schock und der Schmerz verblassten gerade genug, dass sie Luft bekam. Bewusst entspannte sie ihren Körper und konzentrierte sich auf das, was sie tun musste.

»Hier ist sie, und ich gestehe, dass ich selbst ein bisschen hingerissen bin. Treasure!«

Finola wandte sich zu der Stelle, an der die Sängerin auf der Bühne erscheinen würde. Treasure kam in ihrem vertrauten lebhaften Gang hereingeschlendert, bei ihrem unbeschwerten Lächeln sprang das Publikum auf. Es gab reichlich Schreie und Pfiffe. Treasure winkte allen zu, dann sah sie sie an. Für eine Sekunde schien etwas Dunkles, Böses ihre Züge zu einer finsteren Maske zu verzerren, war jedoch gleich wieder fort, sodass Finola sich fragte, ob sie es sich bloß eingebildet hatte oder ob der Superstar tatsächlich die Affäre im Fernsehen ansprechen wollte.

Sie saßen in einem Winkel zueinander. Finola war dankbar, dass ihr überaus effizientes Team Fragen auf den Teleprompter geladen hatte. Sie brauchte nicht zu denken, sie musste lediglich interessiert aussehen und vorformulierte Fragen stellen.

»Ihr neues Album verkauft sich unglaublich gut«, begann sie. »Gratuliere.«

»Danke. Ich bin wirklich froh, wie meine Fans reagieren. Vor allem auf die erste Single.« Sie warf dem Publikum ein Lächeln zu. »›That Way‹.«

»Es ist ein provokativer Song.«

Treasure neigte sich zu ihr und wurde leiser: »Es geht um Sex.«

Das Publikum lachte.

Finola konnte nicht sagen, ob sie rot oder vollkommen bleich wurde. Ihr war schwindlig, und sie hoffte, dass sie nicht auf ihrem Stuhl schwankte. Das Katastrophenpotenzial war enorm, und sollte Treasure etwas sagen …

Doch Treasure seufzte. »Wissen Sie, es gibt Männer, die wissen einfach, wie man eine Frau verwöhnt. Wie sie einen berühren, einen küssen – es ist Magie.«

Mehr Gelächter. Finola gab ihr Bestes, mitzulachen.

»Sie spielen in Ihren Songs von jeher mit unerwarteten Themen. Dieses Album setzt die Tradition fort.«

»Ich weiß.« Treasure zwinkerte. »Ich bin kein netter Mensch. Ich bin nicht gemein, aber wenn ich über etwas reden oder etwas haben will, setze ich es auch durch. Was ist Ihr schönstes Sexerlebnis, Finola?«

Die Frage traf sie wie eine Ohrfeige. Finola gelang es, hinreichend gefasst zu bleiben, um kurz zu lachen und zu antworten: »Treasure, ich bin alt genug, um Ihre Tante zu sein. Niemand möchte dazu etwas von mir hören. Sie gehen in ein paar Monaten auf Tour. Was bedeutet es, eine so große Show wie Ihre auf die Beine zu stellen?«

»Ich muss ausgeruht und glücklich sein. Sie wissen ja, wie das ist. Mit dem richtigen Menschen zusammen sein. Das ist so gut.«

Erzählen Sie uns von dem Mann in Ihrem Leben.

Finola starrte auf den Teleprompter und wusste, dass Gott beschlossen hatte, jemand anderem zu helfen. Ich kann das nicht, dachte sie finster. Sie konnte nicht weiterreden, ertrug es nicht mehr. Gleich würde sie live im Fernsehen zusammenbrechen, und dann würde die Welt alles erfahren. Sie würde zur Witzfigur werden, bemitleidet, ihr Name würde sich wie ein Lauffeuer verbreiten, und das auf die schlimmstmögliche Art. Und letztlich hätte ihr Mann sie immer noch mit Treasure betrogen.

»Das viele Reden über Ihr Album macht mich ganz gespannt darauf, Sie singen zu hören«, sagte sie. Ihr war egal, dass sie den Übergang zwei Minuten zu früh brachte.

»Finola?«

Melodys Frage drang in ihr Ohr, doch Finola deutete nur zur anderen Seite des Sets, wo sie ein Mikrofon vor einem Bildschirm aufgestellt hatten. Treasures Musikvideo würde hinter der Sängerin ablaufen.

»Okay«, murmelte Melody. »Wir ziehen es vor.«

Der Scheinwerfer ging an, und die Musik setzte ein.

Treasure zögerte lange genug, dass sich Finolas Magen verkrampfte. Geh, dachte sie verzweifelt, sing deinen verdammten Song und verschwinde.

Treasure stand auf und schlenderte auf das Mikrofon zu. Finola wusste, dass sie vier Minuten für den Song und danach zwei für die Werbepause hatte. Sechs Minuten, um sich zu überlegen, wie in aller Welt sie den Rest der Show durchstehen sollte.

Sie wartete, bis Treasure zu singen begann, ehe sie aufstand und leise vom Set schlich. Rochelle kam ihr im Korridor entgegen.

»Geht es dir gut?«, fragte ihre Assistentin besorgt.

Finola presste beide Hände an ihre Wangen und bemühte sich, aufrecht zu bleiben.

»Ich glaube, ich habe mir den Magen verdorben«, log sie. »In mir rumort es.« Es war die einzige Ausflucht, die ihr einfiel, und sie hatte den Vorteil, ihr seltsames Verhalten zu erklären.

»Das ist es?«, fragte Melody in ihrem Ohr. »Ich habe mich schon gewundert. Süße, das tut mir leid. Können wir dir irgendwas holen?«

»Nur kaltes Wasser«, antwortete Finola. »Ich halte durch, und danach erhole ich mich.«

Noch eine Lüge. Welches war die größere? Ach, wen interessiert das?

Rochelle betrachtete sie mitfühlend. »Ich hole es dir schnell. Und ein bisschen Ginger-Ale. Ich glaube, das gibt es in einem der Automaten. Hoffentlich geht es dir bald besser. Du fliegst doch morgen mit Nigel nach Hawaii, und du willst sicher nicht den Flug absagen müssen.«

Finola nahm die Hände herunter und schwieg. Zum Glück schien Rochelle keine Reaktion zu erwarten. Sie eilte schon los, um kaltes Wasser und Ginger-Ale zu besorgen. Nicht dass etwas davon helfen wird, dachte Finola und strengte sich an, nicht in Tränen auszubrechen. Nichts könnte helfen. Nigel war fremdgegangen, hatte ihre Ehe und eventuell ihr Leben zerstört.

Sie presste die Hände auf ihren Bauch, aus dem Säure aufstieg, und kämpfte gegen den Brechreiz an. Obwohl es die Geschichte von der Magenverstimmung glaubwürdiger machen würde, sollte sie sich übergeben, würde sie es gern so lange wie möglich vermeiden. Sie hatte – ihr Blick fiel auf die Countdown-Uhr – noch dreiundvierzig Minuten vor sich. Nur dreiundvierzig Minuten. Danach wäre sie allein und hätte Zeit herauszufinden, wann genau sie alles verloren hatte.

2. KAPITEL

»Ah, gut, Sie sind noch da.«

Das waren nicht die Worte, die Zennie Schmitt acht Minuten vor Ende ihrer Schicht hören wollte. Sie war bereits seit zehn Stunden auf den Beinen. Der relativ ruhige Tag hatte zwei Angioplastien beinhaltet, die erstaunlich gut verlaufen waren, bedachte man das Alter und die physische Verfassung der Patienten. Sie war auf dem Weg zur Umkleide gewesen, um ihre Sachen zu holen, als sie hörte, wie sie ausgerufen wurde.

Dr. Chen war es, der sich freute, dass sie noch in der Klinik war. »Ich habe eine Bypass-Notoperation. Sind Sie dabei?«

Zennie verstand, was er meinte. Sie hatte schon einen vollen Tag gearbeitet und war entsprechend müde. Sollte sie das Gefühl haben, einer aortokoronaren Bypass-Operation nicht mehr gewachsen zu sein, musste sie es Dr. Chen sagen. Sie war mehr als eine perioperative Schwester – oder OP-Schwester. Zennie gehörte zum Spitzenschwesternteam in einer der angesehensten und meistbeschäftigten Fachkliniken für Herzerkrankungen im ganzen Land. Sie sahen hier einige der kritischsten Fälle überhaupt, und landete jemand auf ihrem Tisch, ging es oft um Leben und Tod. Weniger als tausend Prozent zu geben, kam nicht infrage.

Zennie nahm sich eine Sekunde, um die Augen zu schließen und durchzuatmen. Ja, sie war müde, aber nicht erschöpft. Mit etwas Glück mussten sie nur eine Arterie ersetzen, doch voraussichtlich wäre es damit nicht getan und die drei- bis vierstündige Operation würde sich deutlich länger hinziehen. Dennoch arbeiteten Dr. Chen und sie gut zusammen, und sie hielt eine Menge von Team-Play.

»Ich gehe eben im Café vorbei, dann bin ich da«, sagte sie.

»Hervorragend.«

Dr. Chen legte auf, ohne irgendeine Bemerkung à la »Hey, das ist großartig« oder ein irgendwie erwartetes, indes selten gehörtes »Danke«. Er war ein begabter, ein brillanter Chirurg, der wahre Wunder wirkte und Herzen wieder zum Schlagen brachte, die andere für unrettbar hielten, doch was Zwischenmenschliches betraf … war er weniger gewandt. Auf dem Weg zum Café fragte Zennie sich, ob sie beide jemals eine Unterhaltung geführt hatten, die sich nicht um einen Patienten drehte. Sie ging am Kaffeetresen vorbei und direkt zur Espressomaschine. Zennie wusste genau, wie lange ein doppelter Espresso brauchte, um sie wieder glasklar zu machen. Gegen Ende der OP wäre sie erledigt, doch bis dahin dürfte das Adrenalin fließen, also sollte alles bestens sein. Und morgen würde sie besonders auf ihre Ernährung achten, um wiedergutzumachen, was sie ihrem Körper heute Abend zumutete.

Acht Stunden und vierzig Minuten später – nach einem doppelten Bypass – schaffte Zennie es endlich zu ihrem Wagen. Sie war jenseits der Müdigkeit, und alles tat ihr weh. Die grelle Parkplatzbeleuchtung bildete einen befremdlichen Kontrast zur stillen Dunkelheit um sie herum. Es war weit nach Mitternacht, und die gute Nachricht war, dass sie sich keine Gedanken um den Verkehr auf der Heimfahrt machen musste. Vielmehr brauchte sie für die sonst fünfundzwanzigminütige Fahrt gerade mal zwölf Minuten. Um kurz nach eins schlurfte sie in ihr Schlafzimmer.

Sie zog ihre Kluft aus, wusch sich das Gesicht und putzte die Zähne. Bevor sie in ihr einladend weiches Bett sank, schnappte sie sich ihr Handy und sah nach Nachrichten.

Es gab eine Erinnerung an ihre Verabredung zum Laufen um fünf Uhr morgens. Aus der wird nichts, dachte sie gähnend. Was niemanden wundern dürfte. Freitags sagte sie grundsätzlich nur mit einem entschiedenen Vielleicht zu, wohingegen sie am Wochenende verlässlich dabei war, solange sie keinen Bereitschaftsdienst hatte. Um halb elf war sie mit ihrer kleinen Schwester Ali zur Anprobe für ihr Brautjungfernkleid verabredet.

Zennie tat ihr Bestes, bei dem Gedanken an die bevorstehende Hochzeit nicht zu stöhnen. Sie liebte ihre Schwester ohne Frage, aber Hochzeiten waren die Pest, und wenn sie ehrlich sein sollte, war sie kein riesiger Glen-Fan. Er schien Ali nie mit unverhohlener Liebe und Zuneigung anzusehen. Nigel, der Mann ihrer Schwester Finola, war vollkommen anders. Wenn er seine Frau ansah, konnte man die Hitze fühlen.

Apropos Hitze … Zennie schob sich ihr Heizkissen unter den Rücken. Ihre Muskeln waren von den Stunden im Operationssaal verspannt.

Es war eine Textnachricht von ihrem Dad eingegangen, mit einem Foto von seinem Segelboot, das in einer traumhaften Karibikbucht ankerte, der Text lautete: Hier hätte ich dich gern dabei.

Sie lächelte und antwortete: Ja, wäre ich auch gern. Hab dich lieb, Dad.

Sie wusste, dass sie die nächsten Stunden nichts von ihm hören würde. Wegen des Zeitunterschiedes und weil ihr Vater und ihre Stiefmutter im gemächlichen »Inselrhythmus« lebten, konnten Textnachrichten schon mal eine ganze Weile unbeantwortet bleiben. Trotzdem war die Vorstellung, dass sie ein paar Wochen mit dem Boot durch solche Gegenden wie auf dem Foto schipperten, recht nett.

Die letzte Nachricht war von ihrer Mutter. Zennie musste lachen, denn ihre Mutter bot an, ein Blind Date für sie mit »einem gutaussehenden jungen Mann, den du anbeten wirst« zu arrangieren, um mit dem üblichen Hinweis zu enden: Ich werde nicht jünger, und bevor ich sterbe, möchte ich Enkelkinder.

Kichernd schlummerte Zennie ein.

Obwohl sie sich keinen Wecker gestellt hatte, wachte Zennie früh auf. Sie duschte, trank einen proteinreichen Smoothie, machte ungefähr eine halbe Stunde lang Stretching und brach auf zu ihrem Treffen mit Ali.

Der Brautmodenladen in Sherman Oaks öffnete ausschließlich für Kundinnen mit Termin und war sehr vornehm. Zennie dachte, dass es eventuell ein Fehler war, in Yoga-Hose und T-Shirt zu kommen, sagte sich dann aber, dass es keine Rolle spielte. Sie würde die Sachen ja sowieso ausziehen.

Ali war bereits dort und hüpfte regelrecht vor Aufregung, als Zennie den Laden betrat.

»Hi! Die Kleider sind da, und sie sind so schön! Du wirst fantastisch aussehen. Wahrscheinlich besser als ich. Finola auf jeden Fall. Es ist grausam, wunderschöne Schwestern zu haben.«

Zennie umarmte sie. »Du wirst die Braut sein. Und die Braut ist immer die Schönste.«

Ali verdrehte die Augen, grinste aber. »Ja, ja, wir werden sehen. Ich habe mein Kleid letzte Woche anprobiert. Wie gut, dass ich nicht die kleinere Größe genommen habe. Anscheinend bin ich die einzige Braut in der Geschichte, die sich nicht an ihre Diät gehalten hat.«

Hierauf wusste Zennie nichts zu sagen. Als Ali sich frisch verlobt hatte, war sie zu ihr gekommen und hatte sie nach einem Ernährungs- und Trainingsprogramm gefragt. Zennie hatte sich bemüht, aber letztlich war beides nichts für Ali. Die hatte schon seit der Pubertät zwanzig Pfund zu viel auf den Rippen und behauptete, den ganzen Tag in einem Lager zu arbeiten, sei genug Sport für jeden. Zwar hatte Zennie sie darauf hingewiesen, dass auf den Beinen zu sein nicht dasselbe war wie Sport, doch Ali glaubte ihr nicht. Dennoch war sie mit ihrem braunen Haar und den braunen Augen auf eine bodenständige Art schön. Sie war die kleinste der Schwestern und die kurvenreichste. Finola war eine große blonde Schönheit, die sich kameraschlank hielt, indem sie spärlich aß und Kohlenhydrate mied. Zennie hatte ihr erklärt, dass Vielseitigkeit in der Ernährung wichtig war, aber Finola hörte nicht auf sie.

»Bist du bereit, dein Kleid zu sehen?«, fragte Ali. »Finola hatte letzte Woche ihre Anprobe mit mir.«

»Ich bin schon ganz gespannt«, log Zennie und schalt sich sofort im Geiste für ihre mangelnde Begeisterung. Die Hochzeit war eine große Sache – sie sollte sich freuen und gern mitmachen.

Es liegt bloß am Heiraten an sich, sagte sie sich, als Ali voraus in die Umkleide ging. Nein, korrigierte sie sich. Es war mehr als das. Es lag an diesem Mythos von der glückseligen Zweisamkeit. Zennie war in dem Glauben aufgewachsen, dass sie als Erwachsene ihren Gegenpart finden würde, genau wie die Tiere auf Noahs Arche. Sie würde sich verlieben, heiraten und eine Familie gründen. Dazu kam es allerdings nie, und wenn sie ganz ehrlich sein sollte, war sie nicht mal sicher, ob sie es sich wünschte.

»Ta-daa!«, trällerte Ali und öffnete die Umkleidentür.

Ein langes dunkelblaues Kleid hing an einem verschnörkelten Wandhaken. Es hatte Flügelärmel, einen herzförmigen Ausschnitt, war in der Taille eingenommen und fiel von dort sanft und weit zu Boden. Finolas Kleid war in derselben Farbe, aber anders geschnitten. Ali war entschlossen gewesen, ihren jeweiligen Stil zu treffen, was ein sympathischer Zug bei einer künftigen Braut war. Eine von Zennies Freundinnen war in der gleichen Situation zum Brautmonster mutiert und hatte ihre Brautjungfern in gruselige limonengrüne Rüschenungetüme gezwungen.

Ali hatte lediglich darum gebeten, dass sie beide Marineblau trugen, ansonsten jedoch ihnen die Wahl überlassen.

»Es ist wunderschön«, murmelte Zennie. Sie fand es vollkommen in Ordnung, sogar recht nett für ein Brautjungfernkleid.

»Hast du deine Schuhe dabei?«, fragte Ali.

Zennie klopfte auf ihre Umhängetasche. »Sind hier.«

Sie war sicher, dass Finola sich irgendein Designerpaar mit sehr hohen Absätzen ausgesucht hatte. Sie dagegen hatte sich für schlichte Ballerinas entschieden. Auf keinen Fall würde sie Stöckelschuhe tragen, nicht mal für ihre Schwester.

Sie streifte ihre Sportschuhe ab, zog die Yoga-Hose und das T-Shirt aus. Den BH hatte sie sich gespart, damit sie nicht riskierte, dass die Träger zu sehen waren. Nachdem sie den Reißverschluss des Kleides geöffnet hatte, stieg sie vorsichtig hinein. Ali trat hinter sie, um den Reißverschluss wieder hochzuziehen, dann schlüpfte Zennie in ihre Schuhe. Beide betrachteten sie ihr Spiegelbild.

»Perfekt«, flüsterte Ali. »Komm, sehen wir dich im großen Spiegel an. Das Kleid passt super. Ich glaube nicht, dass da noch viel geändert werden muss.«

Die Verkäuferin wartete im Hauptraum vorn auf sie. Zennie musste auf ein Podest vor einem riesigen Spiegel steigen, den sie ziemlich einschüchternd fand. Als sie sich ansah, dachte sie, sie hätte vielleicht doch ein wenig Wimperntusche auflegen und sich das Haar aufbauschen sollen oder so.

Stattdessen wirkte sie wie immer: frisch, kurzes, stachelig abstehendes Haar und kein Funken Make-up. Sie verdrängte ihr schlechtes Gewissen und sagte sich, dass sie sich mehr Mühe gab, wenn sie ein Date hatte, und reichte das nicht?

»Gefällt Ihnen der Look?«, fragte die Verkäuferin Ali, als würde ihre Meinung nicht zählen. »Hatten Sie es sich so vorgestellt?«

»Leider ja.« Ali lachte. »Sehen Sie? Ich habe Ihnen ja gesagt, dass meine Schwestern beide sagenhaft aussehen. Keiner wird mich beachten.«

»Unsinn. Sie sind die Braut.« Die Frau stieg zu Zennie auf das Podest und begann, Stecknadeln aus einem Kissen an ihrem Handgelenk zu ziehen. »Ich nehme es nur ein wenig ein, damit Sie eine bessere Vorstellung bekommen, dann holen wir die Schneiderin, um die Änderungen richtig abzustecken.«

Sie besprachen alles, vom Vertiefen des Ausschnittes – was Zennie ablehnte – bis hin zur Länge des Kleides.

»Sind Sie sicher, dass Sie nicht ein bisschen Absatz tragen wollen?«, fragte die Verkäuferin.

»Ganz sicher.«

Ali seufzte. »Da lässt Zennie nicht mit sich reden. Zum Glück ist ihr Freund nicht viel größer als sie, sonst würden sie komisch aussehen.«

Zennie sah im Spiegel ihre Schwester an. »Freund?«

»Na, Clark!«

Zennie blickte sie verständnislos an.

»Clark. Du bist doch schon länger mit ihm zusammen. Er arbeitet im Zoo. Der Primatenexperte oder wie immer das heißt.«

»Primatologe. Und er ist nicht mein Freund. Wir sind bloß dreimal ausgegangen.« Sie kannte ihn kaum und hatte keine Ahnung, ob sie ihn mochte oder nicht. Freund? Von wegen. Sie hatte noch nicht mal ihrer Mutter von Clark erzählt, was die Nachricht mit dem Blind Date erklärte.

»Du hast gesagt, dass du ihn mit zur Hochzeit bringst.«

»Nein, ich habe gesagt, ich bringe ihn vielleicht mit.«

»Zennie! Ich habe dich mit Begleitung eingeplant. Du musst jemanden mitbringen.«

Warum? Darüber grübelte Zennie, während Ali von der Frage abgelenkt war, ob die Ärmel gekürzt werden müssten oder nicht. Warum musste sie jemanden mitbringen? War sie ohne Begleitung gesellschaftlich weniger akzeptabel? Eine weniger spritzige Gesprächspartnerin, ihre Liebe weniger willkommen? Sie wusste nicht mehr, wieso sie Clark überhaupt je erwähnt hatte, geschweige denn, ihn als möglichen Begleiter nannte. Sie würde ihn dort gar nicht wollen, ungeachtet ihrer Nicht-Beziehung. Erstens nicht, weil die Leute Fragen stellen würden. Zweitens nicht, weil ihre Mutter völlig ausflippen würde, weil sie vielleicht endlich jemanden gefunden hatte und ihr Enkelkinder schenken würde. Keiner konnte so viel Druck überleben.

Das Zurren und Abstecken war vorbei, und Zennie sah das Kleid an. Ihrer Schwester gegenüber würde sie es niemals zugeben, doch für sie wirkte es genauso wie vorher. Natürlich waren da die vielen Stecknadeln, die das Gegenteil bewiesen.

»Bekommst du den Rest hier ohne mich hin?«, fragte Ali mit Blick auf die Uhr. »Ich muss noch zum Floristen, ehe ich zurück zur Arbeit hetze. Ein Meeting.«

»Alles gut. Ich bleibe hier stehen, bis sie mich freilassen.« Wieder dachte sie an die Art, wie Nigel immer Finola ansah und Glen niemals Ali. »Sollte dein Zukünftiger nicht auch einiges übernehmen?«

»Die Blumen traue ich Glen nicht zu. Er ist der Rote-Rosen-Typ, und das wäre komplett falsch.« Ali kam auf das Podest und küsste sie auf die Wange. »Vielen Dank hierfür. Hab dich lieb.«

»Ich dich auch.«

Ali rannte zur Tür, wo sie sich noch einmal umdrehte. »Bring eine Begleitung mit!«

»Leck mich.«

Lachend verließ Ali das Geschäft.

Zennie betrachtete ihr Spiegelbild und versuchte, nicht an die Hochzeit zu denken. Es waren vier, maximal fünf Stunden ihres Lebens. Ja, sie wären qualvoll, doch für einen guten Zweck. Im Namen der Geschwistersolidarität und so.

Was die Begleitung betraf, nun, die könnte ein Problem werden, denn Clark war eindeutig ein Rohrkrepierer.

Finola umfing das Lenkrad so fest, dass ihre Finger schmerzten, trotzdem wagte sie nicht, den Griff zu lockern. Nicht, ehe sie zu Hause war. Sie fuhr langsam und achtete darauf, das Tempolimit nicht zu überschreiten, als sie in ihr exklusives Viertel Encino kam. Sie näherte sich dem Tor vor ihrer kleinen Wohnanlage und spürte, wie ihre Selbstkontrolle schwand.

Fast da, murmelte sie leise. Fast da, fast da, fast da.

Zweimal bog sie nach rechts, dann nach links ab und anschließend in ihre Einfahrt ein, wo sie den Knopf drückte, um das Garagentor zu öffnen. Als sie wieder anfuhr, glitten ihre Hände ab, und der Wagen schwenkte ein wenig nach rechts. Finola stampfte auf die Bremse, um sogleich zu erkennen, dass es nicht nötig war. Wen interessierte, ob sie nur ihre Hälfte der Garage blockierte? Es war ja nicht so, als würde Nigel demnächst kommen und auf der anderen Hälfte parken wollen. Dessen war sie sich sicher.

Sie stellte den Motor aus und nahm ihre Umhängetasche und die Handtasche vom Beifahrersitz. Nachdem sie das Garagentor wieder geschlossen hatte, ging sie ins Haus.

Drinnen empfing sie Totenstille. Nigel und sie hatten nie eine Haushälterin gewollt. Zweimal wöchentlich kamen ein Putzdienst und ein Essenslieferdienst, doch beide waren wegen der Hawaii-Reise abbestellt. Noch vor zwei Stunden war der Plan gewesen, dass sie sich nach der Show mit Nigel zu Hause traf, um fertig zu packen. Gleich morgen früh wollten sie zum Flughafen. Nun würde nichts davon geschehen. Kein Packen, keine Reise, kein Zusammensein, kein Babymachen.

Sie ließ die Taschen auf den Boden fallen und streifte ihre Schuhe ab. Ich brauche einen Plan, sagte sie sich. Also musste sie überlegen, was sie als Erstes tat, als Zweites, als Drittes. Mit jedem ihrer Schritte wurde der Schockeffekt schwächer, zurück blieben Schmerz, Fassungslosigkeit und Erniedrigung. Tränen kamen, danach Geschluchze. Sie stolperte, sank auf die Knie, verbarg das Gesicht in den Händen und schrie all ihren Kummer heraus.

Finola weinte, bis ihr die Brust wehtat und ihr Hals wund war. Sie weinte, bis nichts mehr übrig war als Leere und das Wissen, dass sie nie wieder heilen würde. Ausgestreckt lag sie auf dem kalten, harten Fliesenboden und wünschte, sie könnte irgendwo sein, nur nicht hier. An irgendeinem Ort, der nicht …

»Nein«, sagte sie laut, setzte sich auf und wischte sich das Gesicht ab. »Nicht irgendwo.« Nicht im Fernsehen. Hier zu sein, allein, verwirrt, traurig und wütend, war besser, als in die blöde Kamera zu starren und darauf zu warten, dass sämtliche Zuschauer begriffen, was vor sich ging.

Nigel hat mir das angetan, dachte sie, als sie sich aufrichtete. Der Mistkerl war in ihre Garderobe gekommen, um ihr von seiner Affäre zu erzählen.

Nein, es war noch viel schlimmer. Er hatte ihr in dem Wissen von der Affäre erzählt, dass seine Geliebte ihr Sekunden später gegenüberstehen würde. Deshalb hatte er den heutigen Tag gewählt, den Moment unmittelbar vor der Show. Deshalb musste er es ihr sagen. Er hatte sie geschwächt, weil er ahnte, dass Treasure versuchen würde, sie fertigzumachen. Nachdem er sie betrogen hatte, warf er sie Treasure zum Fraß vor.

Er hätte ihr sagen können, wer es war, sie warnen können, ihr eine Sekunde geben, um Luft zu holen. Doch er ließ sie blind in die Falle tappen. Das war nicht nur Fremdgehen, es war Ausliefern. Er hatte sie bloßgestellt. Keinen Moment hatte er an ihren Job, an ihre Karriere gedacht oder was in der Live-Sendung passieren würde. Was, wenn sie zusammengebrochen wäre? Was, wenn Treasure dem Publikum etwas gesagt hätte?

All die Möglichkeiten waberten durch ihren Kopf wie ein Albtraum. Gott sei Dank bin ich stark. Stark genug, um Nigel zu überleben.

Sie angelte ihr Handy aus der Handtasche. Keine Nachricht von ihrem Mann. Das ist wohl kaum eine Überraschung, dachte sie, und frische Tränen flossen. Was hatte sie denn geglaubt? Dass er sich entschuldigen oder sie anflehen würde, wieder zu ihr kommen zu dürfen? So idiotisch war nicht mal sie.

Barfuß wanderte sie durch das stille Haus und ging nach oben. Vom großen Schlafzimmer aus führten Glasflügeltüren auf einen Balkon. Finola ignorierte den schönen Raum, den sie bis heute immer geliebt hatte. Sie ignorierte das breite Bett, die Bettwäsche, die Nigel und sie gemeinsam ausgesucht hatten. Stattdessen kämpfte sie mit dem Gefühl, beschämt worden zu sein, kämpfte gegen Schmerz und Verrat an. Sie musste weiteratmen, sich weiterbewegen. Und sie musste überlegen, was in aller Welt sie jetzt tun sollte. Warten? Wartete sie ab, ob sie von ihm hörte? War er für immer fort? War es bloß eine kurze Episode? Wie lange schlief er bereits mit Treasure? Gab es andere Frauen? Wie lange log er schon, spielte mit ihren Gefühlen, während er mit seiner Geliebten über sie lachte?

Wieder kamen ihr Tränen. Ohne sie zu beachten, ging sie zu Nigels Hälfte des gemeinsamen Ankleidezimmers. Überall klafften große Lücken. Hemden und Anzüge, Jeans und T-Shirts fehlten. Sie griff ins Leere, als wären die Sachen nicht weg, sondern bloß unsichtbar für sie.

Ihre Finger tauchten ins Nichts. Da war nur der Raum, wo die Kleidung ihres Mannes gewesen war. Finola schloss die Augen und sank auf die kleine Bank vor seinen Fächern. Erst gestern Abend waren sie zum Dinner ausgegangen. Erst gestern Abend hatten sie über Hawaii gesprochen. Sie waren in ihrem kleinen Lieblingsbistro auf dem Ventura Boulevard gewesen, hatten an ihrem Lieblingstisch in der Ecke gesessen. Dort hatten sie über frühere Reisen geredet, und Nigel hatte sie zum Lachen gebracht, wie er es stets tat. Er hatte dafür gesorgt, dass sie sich geliebt und besonders fühlte, weil er eben so war. Oder so gewesen war.

Fast hätte sie ihm ihren Plan verraten. Beinahe hätte sie erwähnt, dass sie nicht mehr verhütete und bereit war – nein, unbedingt eine Familie mit ihm gründen wollte. Aber sie hatte gewartet, weil sie ihn überraschen wollte.

Alles war eine Lüge gewesen. Jede Geste, jedes Wort, die Art, wie er sie in den Armen hielt. Sie hatten nicht miteinander geschlafen, doch er hatte sie in den Armen gehalten und ihr gesagt, dass er sie liebte. Und die ganze Zeit hatte er gewusst, was er ihr heute antun würde. Er hatte es geplant.

Finola schlang die Arme um ihren Oberkörper und wiegte sich auf der kleinen Bank vor und zurück. Ihr Schrei war ein hohes Wimmern, das in den leeren Schrankfächern nachhallte. Warum hatte er das getan? Warum hatte er sie verletzt? Warum hatte er …

Ihr Telefon läutete. Das Geräusch erschreckte sie, und sie sprang auf, um sich auf die Suche nach dem Apparat zu machen. Sie entdeckte ihn auf einem Regal und stürzte sich in der festen Überzeugung darauf, dass es Nigel sein musste. Er hatte seinen Fehler eingesehen und bereute aufrichtig.

»Hallo?«

»Du warst heute Morgen nicht so recht bei der Sache. Geht es dir gut?«

Die vertraute Stimme müsste tröstlich sein, war es aber nicht. Auch wenn ihre Mutter sie stets unterstützte, war sie nicht direkt der bemutternde Typ. Erst recht würde sie nicht verstehen, wie es ihrer Ältesten gelungen war, ihren Ehemann an irgendein Country-Popstar-Flittchen zu verlieren. In dem Sekundenbruchteil, bevor Finola antwortete, überlegte sie, mit der Wahrheit herauszuplatzen, wusste aber sofort, dass es dazu nicht kommen würde.

»Ich habe mir den Magen verdorben«, sagte sie, weil es einfacher war, ihr dieselbe Lüge aufzutischen wie Rochelle und Melody. »Da hatte ich gerade gekotzt.«

»Ah, das erklärt, warum du so merkwürdig mit dieser seltsamen Treasure warst. Ich mochte ihren Song übrigens nicht, aber ich bin ja auch nicht ihre Zielgruppe. Geht es dir denn gut genug, um morgen nach Hawaii zu fliegen?«

»Das ist der Plan.« Finola strengte sich an, ihre Stimme zu beherrschen, obwohl ihr Tränen über die Wangen liefen. »Ich fliege mit meinem Mann nach Hawaii.«

»Du solltest mal mit ihm über eine Schwangerschaft reden. Höchste Zeit ist längst vorbei, Finola. Und vor allem will ich Enkel. Alle meine Freundinnen haben welche, die meisten sogar mehrere. Einige von ihnen haben so viele, dass sie schon jammern. Du bist als Einzige verheiratet, also bist du am Zug.«

Diese Worte sollten ihr ein schlechtes Gewissen machen. Finola bezweifelte allerdings, dass ihre Mutter wissen wollte, welchen Schmerz sie hervorriefen. Sie sank zurück auf die Bank und versuchte, ihr blutendes Herz zu beruhigen.

»Ali heiratet.«

Ihre Mutter gab einen abfälligen Kehllaut von sich. »Ach, ich bitte dich! Sie wird mindestens ein Jahr warten, ehe sie schwanger wird. Und ich will jetzt Enkelkinder.«

»Schade, dass du keins bei Amazon bestellen kannst, wo du doch Prime-Mitglied bist. Dann hättest du es am Dienstag.«

»Sehr witzig. Na gut, ich merke schon, dass du mich ignorieren willst wie immer. Wie dem auch sei, ich habe dich lieb, und ich wünsche dir und Nigel eine wunderbare Zeit. Wenn ihr zurück seid, kannst du mir helfen, das Haus für den Verkauf fertig zu machen. Es müssen eine Menge Sachen durchgesehen werden, und ich erwarte, dass ihr Mädchen einen Großteil der Arbeit übernehmt.«

Damit konnte Finola momentan nicht umgehen. »Klar, Mom. Ich rufe dich an, wenn ich zurück bin. Bye.«

Sie legte auf, ehe ihre Mutter mehr sagen konnte, und ließ das Telefon auf den Teppich fallen.

Was nun? Sie hatte keine Ahnung, was sie tun oder wie sie den Schmerz wenigstens erträglich machen könnte. Am liebsten wollte sie sich in eine dunkle Ecke verkriechen wie ein waidwundes Tier. Sie wollte die Zeit zurückdrehen, damit sie die Affäre verhindern konnte.

Wie konnte er ihr das antun? Er sollte sie für immer lieben. Sie waren ein Team, Partner.

Ihr Handy summte, und auf dem Display blitzte eine Textnachricht auf. Finola tippte es an, um die Textnachricht aufzurufen. Ihr Herz pochte, als sie sah, dass Nigel ihr geschrieben hatte.

Wir müssen reden. Ich komme am Sonntag gegen Mittag vorbei. Dann können wir besprechen, wie es weitergeht. Da ist noch die Hawaii-Reise. Du hast alle Unterlagen im Haus. Kannst du sie stornieren?

Ein zweiter Text erschien unter dem ersten.

Es tut mir leid.

»Das ist alles?«, schrie Finola ihr Handy an. »Mehr hast du nicht zu sagen? Nur das? Wo ist eine Erklärung? Warum bringst du das nicht in Ordnung?«

Es kam keine Antwort, kein Laut, nichts außer dem Display, das langsam schwarz wurde.

Finola stand auf. Nigel war fort, und sie wusste nicht, ob er je zurückkommen würde. Er war immer für sie da gewesen, hatte sie geliebt und ihr das Gefühl gegeben, fantastisch zu sein. Das war jetzt vorbei. Einfach weg. Schlimmer noch, sie wusste nicht, wie viel von ihrer Ehe eine Lüge gewesen war.

Sie trat vor ihren Ankleidebereich, zog ihre Sachen aus und eine Jeans und ein Sweatshirt an. Nachdem sie ihr Make-up abgewaschen hatte, setzte sie sich in ihr kleines Arbeitszimmer und fuhr den Laptop hoch. Dem Himmel sei Dank für das Internet, dachte sie verbittert. Es bedurfte nur weniger Klicks und keinerlei Gespräch, um die Reise zu stornieren. Anschließend ging sie ins Gästezimmer, schloss die Jalousien und kroch ins Bett, wo sie sich die Decke über den Kopf zog.

Sie krümmte sich so klein wie möglich zusammen und sagte sich, dass sie weiteratmen musste. Mehr brauchte sie nicht zu tun. Alles andere würde sich von allein ergeben. Nigel war kein Idiot. Er würde sich erinnern, wie sehr er sie liebte und wie gut sie zusammen waren. Treasure war bloß eine flüchtige Affäre. Er würde über sie hinwegkommen und dahin zurückkehren, wo er hingehörte. Sie würden eine Paartherapie machen, bei der ihm klar würde, wie sehr er sie verletzt hatte, und er würde sie um Verzeihung bitten. Anfangs würde sie sich sträuben, aber letztlich würde er sie mit seiner Liebe und Freundlichkeit zurückerobern. Der Bruch in ihrer Ehe wäre gekittet, und sie würden weitermachen, ein wenig ängstlich, doch klüger und verliebter denn je. Sie würden gemeinsam alt werden, genau wie sie es sich vorgestellt hatte. Alles würde gut werden. Das musste es.

3. KAPITEL

»Da ist jemand, der neue Nebellichter und Scheinwerferhalterungen für seinen 67er Mustang braucht. Der Computer sagt, wir haben die Nebelleuchten-Sätze, aber als ich die holen wollte, konnte ich nicht erkennen, was was ist.«

Ali Schmitt wartete, während ihr Drucker die wöchentliche Inventarliste zu Ende druckte. Fragend blickte sie zu Kevin. »Nicht? Was ist denn unklar?«

Der Achtzehnjährige trat verlegen von einem Fuß auf den anderen. »Du weißt schon, äh … welche er braucht. Ray sagt, ich soll aufpassen, weil es einen Unterschied zwischen dem 67er und dem 68er Mustang gibt.«

Kevin war gerade mal seit sechs Wochen bei ihnen. Er war als Sammler eingestellt – als derjenige, der buchstäblich Teile von den Regalen einsammelte und sie hinüber zum Versand brachte, wo sie verpackt und an die Kunden geschickt wurden. Ray, Kevins Chef, ein Mann, der dafür lebte, sämtliche neuen Mitarbeiter zu schikanieren, machte dem Jungen wahrscheinlich aus Spaß das Leben schwer.

Ali warf Kevin einen Blick zu. Sie erinnerte sich, dass sie als Neue genauso verwirrt gewesen war. Bei ihr kam als zusätzlicher Nachteil hinzu, dass sie damals nicht mal sonderlich auf Autos gestanden hatte. Allerdings hatte sie in den letzten acht Jahren sehr viel dazugelernt. Auch wenn ihr bis heute kein Schauer über den Rücken rieselte, sobald sie an einen komplett restaurierten 1958er Thunderbird dachte, konnte sie bei den meisten Autogesprächen gut mithalten. Und sie war so etwas wie eine Motocross-Expertin, zumindest was die Ersatzteile anging. Tatsächlich hatte sie noch nie auf einem Zweirad mit Motor gesessen, und selbst bei denen mit Pedalen waren ihre praktischen Kenntnisse bestenfalls durchschnittlich.

»Welches Jahr?«, fragte sie und stapelte die Inventarlisten auf ihrem alten Schreibtisch. Dann ging sie hinüber zum Computer, um nach verfügbaren Ersatzteilen zu schauen. »Der Mustang. Welches Baujahr?«

»Ähm, 1967?« Es war eher eine Frage als eine Antwort.

»Da musst du dir sicher sein«, sagte sie, tippte einige Tasten an und brachte zwei Bilder nebeneinander auf den Monitor.

Sie deutete darauf. »Der links ist ein 1967er. Siehst du den Kühlergrill? Diese Strebe verläuft hinter den Nebelscheinwerfern und hält die quasi, sodass man keine Fassungen braucht. Scheinwerferfassungen für Nebelleuchten bei einem 67er? So was gibt’s nicht.«

Kevin war fast einen Kopf größer als sie, schien jedoch zu schrumpfen, als sie sprach.

»Okay.« Er dehnte das Wort auf mindestens drei Silben. »Dann haben wir ein Problem mit der Bestellung, und ich muss die bestätigen lassen.«

»Stimmt.« Ali lächelte. »Du musst mit Ray reden.«

Kevins Miene wechselte von »verwirrt« zu »verängstigt«. »Muss ich?«

Ali seufzte. »Ja, er ist dein Boss.« Sie zögerte, ehe sie dem Unvermeidlichen nachgab. Irgendwie war sie immer diejenige, die einer Schäferhündin gleich den Neuen durch ihre ersten Schritte in der Firma half und sie in die richtige Richtung lenkte. »Er hat einen Hund. Coco Chanel. Da ist ein Foto von ihr auf seinem Schreibtisch. Mach dich niemals, unter gar keinen Umständen, über sie lustig. Sieh einfach zu dem Bild und sag ihm, dass sie der süßeste Hund aller Zeiten ist. Und dann bittest du ihn, dir zu bestätigen, was der Kunde bestellt hat.«

Kevin schien aufs Neue verwirrt, als er über ihren Rat nachdachte. Ali wusste jedoch, er würde wissen, was sie meinte, hatte er erst mal die Aufnahme von der fünf Pfund schweren Chihuahua-Hündin gesehen, die als Piratin verkleidet war.

»Danke, Ali.« Kevin ging los, drehte sich aber auf einmal zu ihr um. »Hat Ray das nicht gewusst, als er mich losgeschickt hat, damit ich die Scheinwerfer hole?«

»Wahrscheinlich. Er wollte sehen, ob du alleine dahinterkommst.«

»Oh.« Wieder sackten seine Schultern ein. »Aber bin ich nicht.«

»Heute nicht, doch das kommt noch. Wenn du unsicher bist, schlag den Wagentyp nach und vergewissere dich, dass du das richtige Ersatzteil hast.«

»Ein guter Rat. Danke.«

Ach, wieder jung zu sein, dachte Ali lächelnd. Dann nahm sie ihre Inventarlisten auf und blickte zur Wanduhr. Es war nicht so, dass sie ihren Job nicht liebte, aber dieses Wochenende war so vieles zu erledigen. Nur noch sieben Wochen bis zur Hochzeit, und ihre To-do-Liste vervielfachte sich dieser Tage wie von selbst. Heute Abend musste sie die Antwortkarten durchgehen, einige ihrer Küchenschränke ausräumen, den Inhalt in Kartons verpacken und anschließend die Auswahl der Tischdekos am Haupttisch auf zwei reduzieren. Die Blumen hatte sie schon ausgesucht, aber jetzt wollte die Floristin eine Entscheidung bis Montagmorgen, und Ali war wild entschlossen, sich bis dahin für ihre Favoriten entschieden zu haben. Würden die sich bloß nicht dauernd ändern.

Sie machte pünktlich Feierabend, was für einen Freitag ein echtes Highlight war, und fuhr zum Supermarkt. Da sie – mal wieder – auf einer strikten kohlenhydratreduzierten Diät war, kaufte sie Salat und ein Grillhähnchen. Trotz des verlockenden Wisperns der Tortilla-Chips und des Makkaroni-Salats blieb sie bei ihrer Liste, bezahlte an der Selbstbedienungskasse und war ein bisschen stolz auf sich. Sie hatte sich damit abgefunden, dass sie bei ihrer Hochzeit nicht spargeldürr sein würde, aber da sie bereits ihre letzte Anprobe gehabt hatte, durfte sie auch nicht mehr zunehmen. Nicht, dass sie das jemals planen würde, nur gab es Tage, an denen sie einzig ein Keks vorm Wahnsinn bewahrte.

Sie fuhr zu ihrem Apartment und parkte den Wagen. Als sie die Treppe halb hinauf war, sah sie jemanden vor ihrer Tür stehen. Eine große männliche Gestalt mit dunklem Haar.

Sie erkannte ihn an den breiten Schultern und der schmalen Taille. Dann drehte er sich um, und sie sah den vertrauten Dreitagebart auf seinem kantigen Kinn. Eins, was Glen und sie gemeinsam hatten, war, dass keiner von ihnen das attraktivste Kind in der Familie war. Sie musste damit leben, dass Finola und Zennie hübscher waren als sie, und Glen musste mit seinem jüngeren Bruder Daniel leben.

Obwohl Daniel nicht im konventionellen Sinne gut aussehend war, hatte er was. Etwas Dunkles und ein klein wenig Gefährliches. Eine Frau musste ihn nur ansehen und wusste, dass sie ein Risiko einging – der Sex wäre mit Sicherheit fantastisch, doch es bestünde eine fünfzigprozentige Chance, dass er hinterher ihr Auto klaute.

Metaphorisch gemeint natürlich, denn Daniel war kein Dieb, weit gefehlt. Er war ein erfolgreicher Geschäftsmann, der eine Motocross-Anlage betrieb. Und ironischerweise war er ein richtig guter Kunde von ihr. All die Bikes, die er vermietete, mussten gewartet werden, brauchten Ersatzteile, und da kam sie ins Spiel. Rein theoretisch müssten sie also befreundet sein. Was sie irgendwie auch waren. Bloß war da diese Art, wie er sie ansah. Sie konnte unmöglich einschätzen, was er dachte, dennoch war sie ziemlich sicher, dass er sie nicht mochte. Oder sie schlicht langweilig fand. Was beides nicht erklärte, wieso er vor ihrer Wohnungstür stand.

Er beobachtete, wie sie auf ihn zukam. Für eine Sekunde erstarrte er, als wollte er nicht mit ihr reden. Als wäre er lieber sonst wo und nicht hier, um auf sie zu warten. Stolpernd blieb sie stehen und war unsicher, was sie tun oder sagen sollte. Sofort fühlte sie sich in der Defensive und war verärgert – eine gewaltige Überreaktion, bedachte man, dass Daniel noch gar nichts gesagt hatte. Oh Mann, Daniel war Glens Bruder. Nach der Hochzeit wäre er ihr Schwager. Sie sollte wirklich lernen, mit ihm auszukommen.

Nun rang sie sich ein Lächeln ab. »Hey, das ist ja eine Überraschung. Ich muss gleich den Tischschmuck aussuchen. Möchtest du mir helfen? Du kannst stellvertretend für die männlichen Gäste mitentscheiden und sollte sich einer von denen beschweren, kann ich dir die Schuld geben.«

Sie wartete, dass er etwas sagte. Irgendwas. Wieder fühlte sie sich in die Enge getrieben und wurde noch unsicherer. Warum musste er so ein Blödmann sein?

»Ali, ich muss mit dir reden.«

Da war ein merkwürdiger Unterton – eine Dringlichkeit, bei der ihr Herz schneller schlug. Plötzlich begriff sie, dass dies kein Höflichkeitsbesuch war. Etwas stimmte ganz und gar nicht.

»Geht es um Glen? Ist er verletzt? Hatte er einen Autounfall?« Glen war beruflich unterwegs. »Ist sein Flugzeug abgestürzt?«

»Nein, nichts dergleichen. Mit Glen ist alles in Ordnung. Können wir reingehen?«

Ali schaffte es, die Tür aufzuschließen. Sie packte ihre Einkäufe in den Kühlschrank, legte ihre Handtasche auf den Küchentresen und drehte sich um. Daniel stand mitten in ihrem kleinen Wohnzimmer, als hätte er keine Ahnung, was er tun sollte. Ali ignorierte ihren schnellen Herzschlag und ihre zitternden Beine. Was es auch war, solange es Glen gut ging, kam sie damit klar. Es könnte Geschrei oder Tränen oder beides geben, aber sie würde es durchstehen.

»Sag schon«, flüsterte sie. »Jetzt sag, was ist.«

Er zeigte zum Sofa. »Setz dich.«

»Nein, ich bleibe lieber stehen.«

Daniel nahm sie an die Hand und führte sie zum Sofa. Nachdem sie sich hingesetzt hatte, setzte er sich neben sie und blickte ihr in die Augen.

Seine Iris waren dunkelbraun mit goldenen Sprenkeln. Die waren ihr vorher nie aufgefallen, doch sie war ihm auch noch nie so nahe gewesen. Emotionen spiegelten sich in seinen Zügen, und sie hätte schwören können, dass sie echten Schmerz erkannte, was keinen Sinn ergab.

»Daniel, ich habe keinen Schimmer, was los ist, aber in ungefähr dreißig Sekunden werde ich loskreischen, also raus damit. Ist wirklich alles okay mit Glen?«

»Ja. Es ist nicht …« Er wandte sich ab und raunte einen Fluch. »Ali, Glen ist nicht …« Jetzt sah er wieder zu ihr. »Glen löst die Verlobung. Er ist ein zu großes Arschloch, es dir selbst zu sagen, und hat mich beauftragt, es zu machen. Als ich mich weigern wollte, hat er gedroht, die nächsten Wochen einfach so zu tun, als wäre nichts, und dann nicht zur Trauung zu erscheinen. Ich weiß nicht, ob ich ihm das glaube oder nicht, aber ich konnte es nicht drauf ankommen lassen. Es tut mir leid. Du ahnst nicht, wie leid es mir tut.«

Nein. Nein! Dieses Wort hallte durch ihren Kopf, wiederholte sich, brach auseinander und formte sich neu. Was? Nein. Glen löste die Verlobung nicht. Das konnte er nicht.

»Du lügst.«

»Es tut mir leid.«

Sie sprang auf und funkelte ihn wütend an. »Warum machst du das? Findest du das witzig? Ich glaube dir nicht. Kann ich nicht.«

Ihr Brustkorb fühlte sich eng an, und auf einmal konnte sie nicht mehr atmen.

Sie eilte zur Tür, wollte sie öffnen, sank jedoch dagegen. Tränen brannten in ihren Augen. Nein, dachte sie panisch. Er durfte sie nicht verlassen. Sie wollten heiraten. Er liebte sie. Erst vor zwei Tagen hatte sie die Einladungen rausgeschickt!

Während der Schmerz in ihr tobte und sie spürte, dass ihr Herz in winzige Teile zerbrach, die nie wieder zu einem Ganzen würden, flüsterte eine schwache Stimme in ihrem Kopf, dass sie nicht komplett überrascht sein konnte. Tief im Innern hatte sie geahnt, dass etwas nicht stimmte.

Bevor sie dazu kam, mit der schrecklich grausamen Stimme einen Streit auszufechten, wurde sie von starken Armen eingefangen und herumgedreht. Daniel legte eine Hand an ihren Hinterkopf und drückte ihre Wange an seine Brust.

»Ich wünschte, ich könnte es besser machen, Ali. Leider weiß ich nicht, was ich sonst sagen soll, außer dass es mir leidtut. Falls es dir hilft, ich habe ihn geschlagen. Er hat eine blutige Nase und ein blaues Auge, und er ist der dämlichste Kerl aller Zeiten. Eines Tages wird er bereuen, dich aufgegeben zu haben, und damit für den Rest seines Lebens klarkommen müssen.«

Sie hörte seine Worte, aber sie bedeuteten nichts. Nichts war von Bedeutung. Sie würde zu Staub zerfallen und vom Wind fortgeweht werden. Sie schaffte es nicht, irgendwelche Kraft aufzubringen, und sackte einfach auf ihren Hintern.

Glen hatte Schluss gemacht. Nein, er hatte dafür gesorgt, dass die Erniedrigung und das Entsetzen schlimmer waren, als hätte er es ihr direkt gesagt. Er hatte seinen Bruder geschickt. Überdies war es kein simples Schlussmachen. Hier ging es um ihre Heirat.

Daniel hockte sich neben sie, und Ali wischte sich die Tränen ab. »Warum? Hat er gesagt, warum? Wir wollten heiraten. Ich habe ein Kleid und seinen Ring, und wir haben unsere Flitterwochen geplant. Wie kann er …« Sie musste schlucken. »Angeblich liebt er mich. Er hat gesagt, dass er mich liebt. Er hat mich gesehen

Das Zittern setzte erneut ein, erfasste ihren ganzen Körper und machte das Sprechen unmöglich. Daniel stand auf und verschwand aus ihrem Sichtfeld. Halb rechnete sie damit, die Wohnungstür zu hören, wie sie auf- und dann zuging. Stattdessen kehrte er mit ihrem Handy zurück.

»Wen kann ich anrufen? Du brauchst jemanden hier bei dir. Eine Freundin? Deine Mom?«

»Nein«, brachte sie heraus. »Nicht meine Mutter.« Nicht bloß verstünde die es nicht, sie würde es auch wieder so hindrehen, dass es um sie ging. »Finola.« Ja, ihre Schwester würde … »Nein, warte. Sie und Nigel fliegen morgen in den Urlaub. Ich will nicht, dass sie es erfährt.«

Die beiden konnten so selten mal weg, und Finola wollte ihren Mann mit der frohen Nachricht überraschen, dass sie bereit war, schwanger zu werden. Wenn sie ihr hiervon erzählte, würde sie alles ruinieren.

Ali schniefte und zeigte auf das Telefon. »Zennie. Ich habe sie gerade gesehen. Sie hat heute frei.« Es gab mehr zu sagen, doch sie konnte nicht. Nicht wenn das Schluchzen wiederkam und sie alle Mühe hatte, nicht zu schreien, weil alles so unfair und schmerzlich war. Was war passiert? Warum tat Glen ihr das an? Sie waren gut zusammen. Alles war so angenehm. Sicher, viel Leidenschaft war da nicht, aber eine Menge Leute wollten die gar nicht. Leidenschaft konnte anstrengend sein.

Die flüsternde, schneidende Stimme ertönte wieder und murmelte, dass Glen in letzter Zeit weniger aufmerksam gewesen war und sie, Ali, häufiger überlegt hatte, ob etwas nicht stimmte. Nur hatte sie nicht nachgefragt, weil sie es nicht wissen wollte.

»Du irrst dich«, flüsterte sie. »Glen liebt mich.« Allerdings war sein Verhalten nicht das eines liebenden Mannes. Eher war es das eines kompletten Idioten, der sie nie ernsthaft gemocht hatte.

Sie blickte auf, als Daniel eine Taste an ihrem Handy drückte.

»Zennie ist unterwegs«, sagte er, wobei er gleichzeitig traurig und mitfühlend wirkte, was es für sie noch beschämender machte. »Ich bleibe, bis sie hier ist.«

Anstatt ihm zu sagen, dass er das nicht musste, rappelte sie sich auf und griff nach ihrem Handy. Rasch schrieb sie Glen eine Nachricht.

Ist das wahr?

Sie musste nicht lange warten. Keine zwanzig Sekunden später erschien ein einzelnes Wort.

Ja.

»Mieser, verlogener, hinterhältiger, schwachsinniger Saftsack!«

Sie schmetterte ihr Handy an die Wand und schaute zu, wie es in zig irreparable Teile zerfiel. Natürlich würde sie es morgen ersetzen, dennoch. Und sie sicherte automatisch alles, wenn sie es auflud; außerdem hatte sie eine Handy-Versicherung. Neben der abgesagten Hochzeit und dem Verlust des Mannes, wenn auch nicht ihres Traummannes, aber doch des Typen, den sie heiraten wollte, was spielte es da für eine Rolle?

Wenig später wurde ihr der Fehler in ihrem Plan klar. Sie wandte sich zu Daniel um.

»Ich muss mal telefonieren.«

Der Mann hatte Mut. Trotz dem, was er eben beobachtet hatte, reichte er ihr sein Handy, ohne mit der Wimper zu zucken.

Sie ging in die Küche und zog eine Schublade auf. Nachdem sie durch die Speisekarten der Lieferdienste geblättert hatte, entschied sie sich für den Pizzaservice und wählte.

Sie nannte ihren Namen und die Adresse, dann bestellte sie: »Eine große mit verschiedenen Fleischsorten, extra Käse und Knoblauchbrot, zwei Becher Cherry Garcia. Oh, und den Schoko-Gugelhupf.« Sie hörte zu. »Vierzig Minuten ist super. Ich bezahle bar.«

Nachdem sie Daniel sein Telefon zurückgegeben hatte, holte sie zwei Flaschen aus der Speisekammer und reichte ihm den Korkenzieher. Während er sich um den Rotwein kümmerte, nahm sie einen Schluck Tequila. Da sie wusste, dass sie Liebeskummer haben würde, konnte sie ebenso gut auch verkatert sein.

Sie wartete, dass der Alkohol in ihrem Magen brannte, und hoffte, es wäre heftiger als der Schmerz in ihrer Brust. Alles tat ihr weh, sie konnte nicht glauben, was geschah. Dass es einfach so vorbei war. Dass einfach so alles anders war. Sie würde nicht Mrs. Glen Demiter sein. Sie würde einfach weiter sie selbst sein, und das war nicht schlimm.

»Du musst nicht bleiben«, sagte sie, als sie sorgsam die Tequilaflasche zuschraubte. »Zennie ist bald hier, und mir geht es gut.«

»Es macht mir nichts aus zu warten.« Er nickte zur Flasche. »Du planst anscheinend eine Party.«

»Ich würde nicht direkt sagen, dass es spaßig wird«, erwiderte sie, Tränen stiegen ihr in die Augen.

»Weiß ich. Tut mir leid. Ich meinte nicht …«

»Ich weiß, was du gemeint hast.« Sie wischte sich die Wangen und versuchte zu lächeln. »Daniel, du bist sehr viel anständiger, als ich erwartet hätte. Danke dafür, aber um ehrlich zu sein, wäre ich gern ein paar Minuten allein, okay?«

Er zögerte, ehe er langsam nickte. »Ich sehe morgen nach dir.«

»Das musst du wirklich nicht.«

»Will ich aber.« Er überraschte sie, indem er näher kam und sanft ihr Gesicht berührte. »Versuch, dich nicht allzu sehr zu betrinken, sonst geht es dir morgen richtig dreckig.«

Ihre Mundwinkel zuckten. »Ganz ehrlich, ich werde so oder so einen beschissenen Morgen haben.«

Sie brachte ihn zur Tür und wartete, bis er den Flur entlang und die Treppe hinunter war. Danach sank sie auf den Boden und lehnte sich an die Wand. Schluchzend kämpfte sie gegen die hässliche Wirklichkeit, dass sie mal wieder allein zurückblieb.

Glen hatte versprochen, sie immer zu lieben, und er stand nicht mal die Verlobungszeit durch. Was war an ihr, das es so leicht machte, sie zu verlassen? Warum mochte sie keiner am liebsten?

Ein Lichtblitz lenkte sie ab, und als sie nach unten schaute, sah sie, dass sie noch ihren Verlobungsring trug. Der bescheidene, aber hübsche Diamant blinkte ihr entgegen, verhöhnte sie und ihren Schmerz. Sie zog den Ring ab und warf ihn in Richtung ihres kaputten Handys. Er sprang einige Male auf, bevor er im Elektroschrott liegen blieb.

Die Einzelteile lagen da wie eine perfekte Illustration ihres Lebens – einst ganz, jetzt bloß noch ein Haufen Müll.

4. KAPITEL

Beim Aufwachen am Samstagmorgen war Alis erster Gedanke die Frage, ob sie sich übergeben müsste oder nicht. Dank des Weins und des Tequilas war ein Großteil der letzten Nacht verschwommen. Zennie war lieb und verständnisvoll gewesen, aber sie war von jeher jemand, der nie mehr als ein Glas Wein trank, was bedeutete, dass die zwei leeren Flaschen hauptsächlich ihr Werk waren.

Ali veränderte ihre Position auf dem Sofa und begutachtete ihre Situation. Sie fühlte sich furchtbar. Ihr Schädel pochte, ihr Bauch tat weh und ihr Herz war kaum mehr als ein zerrissenes, feuchtes Papiertuch, aber sie glaubte nicht, dass sie kotzen musste.

»Klasse«, flüsterte sie und setzte sich hin.

Sie verzog das Gesicht im grellen Sonnenlicht, das ins Wohnzimmer fiel. Ihre Kopfschmerzen zogen merklich an. Warum konnte sie nicht irgendwo wohnen, wo es immerzu regnete wie in Seattle? Regen würde besser zu ihrer Stimmung passen.

Sie lehnte sich auf dem Sofa zurück und versuchte, ein klein wenig Energie aufzubringen, denn sie musste pinkeln und sollte sich wahrscheinlich die Zähne putzen. Danach wäre eine Dusche gut. Sobald sie allen normalen Kram erledigt hatte, müsste sie sich den Trümmern ihres Lebens und ihrer gelösten Verlobung stellen.

Glen war fort. An so viel erinnerte sie sich noch von gestern Abend. Zennie war mitfühlend und fürsorglich gewesen, hatte sie jedoch zu überzeugen versucht, dass alles wieder gut werden würde. Dass Daniel geschickt wurde, damit er die Drecksarbeit für Glen übernahm, sagte wohl alles. Glen war fertig mit ihr. Es gebe kein Zurück, keine Option, dies zu einer witzigen Geschichte für die Enkel umzudichten.

»Ist ja nicht meine erste gescheiterte Beziehung«, erinnerte sie sich und stöhnte über ihre laute Stimme. Oder war es vielleicht nur der Kater? Nein, es war nicht die erste Trennung, aber mit Abstand die schlimmste, denn sie hatte sich eingeredet, dass Glen sie wirklich liebte.

Darüber werde ich nicht nachdenken, sagte sie sich, als sie aufstand und wartete, bis das Zimmer aufhörte, sich zu drehen. Erneut überlegte sie, ob sie sich übergeben musste, und stellte fest, dass sie sich trotz ihres Brummschädels gar nicht mal so schrecklich fühlte. Vielleicht hatten die Pizza, das Eis und der Kuchen die Wirkung des Weins ein wenig abgefedert.

Sie ging ein paar Schritte und stolperte über den offenen Pizzakarton. Als sie das Gleichgewicht wiedergefunden hatte, blickte sie sich um. Überall war schmutziges Geschirr, dazwischen ein zweiter Pizzakarton und die Reste vom Kuchen. Vage erinnerte sie sich, dass ihre Schwester aufräumen wollte, sie aber darauf bestand, weiterzufeiern, nachdem Zennie gegangen war. Ihre Schwester hatte angeboten zu bleiben, doch sie fühlte sich betrunken genug, um es allein auszuhalten.

Wenigstens habe ich die erste Nacht überlebt, dachte sie und kippte beinahe um, als jemand an die Tür klopfte.

»Aufhören!« Sie eilte hin und öffnete. »Hör mit dem …« Sie blinzelte im grellen Licht und gleich noch mal, weil sie sicher war, dass sie halluzinierte.

»Was machst du hier?«

»Ich sehe nach dir«, antwortete Daniel, der an ihr vorbei in die Wohnung trat. »Wie war deine Nacht?«

»Was?« Sie starrte ihn an und bemühte sich zu begreifen, wieso er so viel klarer war als alles andere im Raum.

Offensichtlich hatte er geduscht. Er trug andere Sachen als gestern Nachmittag. Oder vielleicht auch nicht. Jedenfalls sah er frischer aus, als sie sich fühlte, doch sein Bart war verwirrend. Dieser Dreitagewuchs veränderte sich nie. Wie kam das? Und wie konnte er immer so perfekt sein? Jedes Haar hatte exakt die richtige Länge. Nahmen Typen Kurse, in denen sie es lernten, oder verwendeten sie spezielle Rasierer oder eine Schermaschine?

Ali fühlte, dass sie lächelte. Ja, es musste eine Schermaschine sein wie die für Hunde, bei der man genau einstellen konnte, wie lang das Haar bleiben sollte. Nicht dass sie sich Daniel vorstellen konnte, wie er eine Hundeschermaschine benutzte, trotzdem war es ein witziger Gedanke.

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