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Die Vielgeliebte meines Mannes

Als Buch hier erhältlich:

Es beginnt mit der Anstellung des Musikstudenten Charly als Organist in der Kirche St. Anna in einem abgelegenen Dorf am See. Er gründet einen Mädchenchor, was bei den Töchtern von ungelernten Arbeiterinnen aufregende Zukunftsträume weckt: Warum sollten sie nicht entdeckt werden wie die Gesangs- und Filmstars, für die sie schwärmen? Im Dorf lernt Charly außerdem die exzentrische Madame Benz kennen, die ihn fasziniert. Über den Chorproben und den regelmäßigen Besuchen in der Villa von Madame Benz vergisst Charly sein Studium und seine junge Frau. Das eifersüchtige Chormädchen Kitty schmiedet einen Plan mit dramatischen Folgen.


  • Erscheinungstag: 27.01.2020
  • Seitenanzahl: 176
  • ISBN/Artikelnummer: 9783312011612

Leseprobe

Margrit Schriber

Die Vielgeliebte meines Mannes

Roman

… jeder einzelne dieser nichtigen und wichtigen Tage fügt sich zur Blitzzeichnung unseres Erscheinens im All.

1

Ich habe es getan.

Ich habe die Waffe auf seine Frau gerichtet.

Und ein Mauerstück vom Balkon geschossen.

Ich werde es wieder tun.

Dann aber treffe ich.

 

Dies ist der Tagebuch-Eintrag von Kitty. Beim Verfassen zählte sie dreizehn Jahre. Ein Kind, mit der Absicht zu töten.

An diesem Nachmittag sang sie im Chor meines Mannes. Sie hatte die Waffe in der Umhängetasche.

Ich soll sterben. Ich stehe Kitty im Weg.

Sie hat ihre Sätze in einer so steilen und klaren Schrift abgefasst, als meißelte sie jedes einzelne Wort für die Ewigkeit in Stein.

 

Vor drei Monaten hatten Charly und ich geheiratet. Seither war ich bei den Chorproben mit dabei. Ich sass in einer unbeleuchteten Ecke der Empore und lauschte. Meine Anwesenheit gefiel keinem der Chormädchen. Am wenigsten Kitty.

 

Seine Frau nistet sich ein. Sie soll verschwinden!

 

»Warum tust du dir das an, Rosy?«, fragte mein Mann. »Das Warten in der modrigen Luft der Kirche, die unfreundlichen Mädchen, die schmale, harte, unbequeme Bank. Du hast doch ein so schönes Zuhause.«

Doch auf der Empore zu sitzen fand ich spannender, als im Büro Rechnungen zu tippen, in der Küche den Abwasch zu besorgen oder allein am Seeufer auf meinen Mann zu warten. Jede Minute ohne ihn war verlorene Zeit. Wenn er den Mädchen vorsang, überkam mich die unbändige Lust, seinen Kehlkopf zu berühren, um das Vibrieren seiner Stimme zu spüren. Wenn er lächelte, bildeten sich winzige Falten in den Augenwinkeln. Er wirkte dann weise und überlegen. Ich habe nie einen anziehenderen Mann gekannt. Ich mochte sein schmales Gesicht mit der Kerbe im Kinn, seine feingemeißelte Nase und den Silberschimmer der Härchen am Brauenansatz. Es gefiel mir, meinen Kopf in seiner Achselhöhle zu bergen. Charly war für die Momente meines Glücks geschaffen.

Er war ein begabter Orgelspieler. Die Chorschülerinnen waren lebhaft, zickig und hübsch. Da war immer etwas los. Sie sangen wie die Engel, aber brachten die Zähne nicht auseinander, um mich zu grüßen.

»Wer ist die da?«

»Seine Frau Rosy.«

»Was macht die da?«

Ich beharrte auf meinem Platz auf der Empore.

Ich stieg hinter Charly die gewundene Treppe hinauf wie eine an Fäden gelenkte Marionette.

 

Nach der Probe umringten die Mädchen ihren Chorleiter. Und ich lief zum See. Mich tröstete, dass er nun hinter mir herlaufen musste. Dort wartete ich, bis er auf mich zuflog. Er war ein schneller Läufer und leichter Tänzer. Ich nahm ihn als Südwind wahr, der kurz die Büsche am Wegrand aufwühlte und alles hochflattern ließ, den Schal, die Zotteln der Mokassins, die Paspeln des Klöppelmantels und die beiden Haarlocken über der Stirn.

Es dauerte, bis er kam. Bis er sich losreißen konnte. Bis ihm einfiel, dass Rosy am See auf ihn wartete.

Das Leben ist schwierig, fand ich. Aber was hatte ich erwartet? Den schönsten aller Sommer. Pirouetten auf Zehenspitzen. Unermüdlich blühende Blumen und immerwährendes Glück.

Heute weiß ich, dass das Leben uns Grenzen steckt, aber Möglichkeiten bietet. Kompliziert ist nur die Liebe.

Natürlich hätte jener Sommer anders verlaufen können. Besser für mich. Besser für Kitty. Doch er war, wie er sein musste.

2

Kitty ist in dem kleinen Dorf aufgewachsen, das am See als Ansammlung von Bauernhäusern am Fuß eines steil abfallenden Bergs zu sehen ist. Der Turm in der Mitte gehört zur St. Agathakirche. Dort wirkte mein Mann als Organist.

Die wenigen Einheimischen wohnen seit Generationen im Dorf. Es sind Handwerker, Arbeiter eines Steinbruchs, Gemüsegärtner und Kleintierzüchter. Die Mutter von Kitty verdiente den Lebensunterhalt in der Parfumfabrik im Industriegebiet außerhalb des Dorfs, wie die meisten berufstätigen Frauen. Wer sich ein besseres, leichteres und aufregenderes Leben wünschte, zog fort. Diejenigen, die geblieben sind, gaben sich mit dem wenigen zufrieden, das ihnen hier geboten wird.

Ein idyllischer Ort.

Ich fand, Charly verschwende da sein wunderbares Talent. Doch ihm gefiel das Dorf. Er war der erste ausgebildete Organist und genoss die Achtung der Bewohner. Zuvor wurde die Orgel von einem Dorfschullehrer betätigt, der ein bisschen Harmonium spielen konnte. Als dieser starb, verwaiste die Orgel. Es fand sich kein Lehrer, der neben dem Unterricht auch noch täglich die Frühmesse besuchte, um zu orgeln und gleichzeitig die Schüler zu beaufsichtigen. Das Dorf vermisste die Feierlichkeit eines orgelbegleiteten Hochamts. Darum schrieb der Pfarrer die Stelle eines Organisten aus.

Charly meldete sich. Als Musikstudent benötigte er eine Einnahmequelle fürs Studiengeld. Er hatte noch ein Zweifrankenstück im Geldbeutel. Das Vorstellungsgespräch glich einem Marschbefehl.

»Der Bursche soll antreten!«

Er musste vor den Kirchenrat.

Ihm gehörten Leute aus dem Dorf an, darunter die Bäckersfrau, der Besitzer einer Parfumfabrik, dessen Vorarbeiterin, der Dampfschiffwart und die Mutter von Kitty. Federführend war der Pfarrer. Alle saßen im Halbkreis auf Stühlen mit hohen Lehnen, drückten die Knie zusammen und verknoteten die Hände auf den Schenkeln. Man stellte dem Prüfling Fragen über die himmlische und irdische Gewalt. Wie ein Verbrecher sei er sich vorgekommen. Er habe seinen Lebenslauf heruntergebetet. Als die Räte den Anstellungsvertrag unterschreiben wollten, klopfte der Pfarrer seinen widerspenstigen Scheitel flach und verlangte:

»Der Bursche soll spielen!«

Der Sakristan entriegelte die Gittertür zur Empore. Der Pfarrer reinigte seine Brille mit einem großen weißen Taschentuch, zerrte wieder an seiner Kakadu-Mähne, lehnte sich dann mit dem Ellbogen an den Hochaltar und richtete die funkelnden Gläser der Hornbrille zur Empore.

Ein Klappern deutete aufs Hantieren an den Manualen hin. Charly mischte die Klangfarben der achtundzwanzig Pfeifen des Haupt- und Schwellwerks. Dann ließ er den Orgelwind durch die Labial- und Lingualpfeifen rauschen. Ein Meister des Aerophons.

Er spielte Bach. Er beherrscht Bach.

Doch im Kirchenschiff schepperte eine Ratsche. Der Pfarrer schüttelte die Liedtafel. Kein Bach! Lied 142.

Die Pfeifen atmeten aus. Es entstand eine Pause.

»Ich habe begriffen, dass in dieser Gemeinde der Pfarrer bestimmt, was die Orgel von St. Agatha pfeift. Er wählt die Liednummer, die der Sakristan in den hölzernen Rahmen zu schieben hat. Diese Tafel wird auf einer Stange seitlich des Altars befestigt, damit der Organist auf seiner Empore die Ziffern lesen kann.«

Charly wurde gewählt.

Ein enger, kurvenreicher Felsenweg führt ins Dorf. Es gibt keine Ausweichstelle. Und so wird der Weg kaum je befahren. Gelegentlich donnert ein Stück Fels herunter, dann ist der Weg gesperrt. Doch es gibt eine Anlegestelle fürs Schiff. Diese verbindet den Ort mit der Stadt. Von dort führen viele Wege in die Welt.

Ich nahm das Schiff und ging als Einzige an Land. Ein kühler Tag. Am Steg hockten Möwen auf den Zinkkapseln der Pfosten, schauten mich mit einem Auge an. Als das Schiff fortstrudelte, vergruben sie den Schnabel im Gefieder, um weiterzudösen.

Ein Kiosk bei der Anlegestelle bot Zeitschriften, Souvenirs und Badekleider an. Im Café mit dem Namen Romantika waren alle Tische leer. Die Dorfbäckerei führte auch Obst und Wurst und Zahnpasta. Hier konnten sich die Bewohner mit allem Notwendigen versorgen. Eine Schar Hühner flüchtete vor mir in einen Pflanzplatz. Auf einem Erdwall spielten Kinder mit Barbie-Puppen.

Charly erwartete mich in der Kirche.

Ich vernahm Orgelmusik. Vor dem Altar knieten zwei alte Frauen und brabbelten vor sich hin.

»Kein Mensch zieht freiwillig an diesen Ort!«, sagte ich.

Er ließ lachend die Orgel aufbrausen. Er nannte sie Cäcilie‹. Einige Fußleisten waren abgebrochen, und der Balg keuchte.

 

Der Rundgang durchs Dorf dauerte keine Viertelstunde. Am Ende des Wegs fiel eine Villa auf. Mit ihren Gewölbefenstern, dem buchsgesäumten Kiesweg, dem orientalischen Vogelkäfig und dem Bootssteg stach sie ab von den einfachen Bauernhäusern im Dorf. Vier wippende Rasensprenger befeuchteten den Rasen. Die Bewohnerin spazierte durch diese vier Schleier, drehte sich um und durchquerte die Sprinkler von der Gegenseite. Ich schauerte beim Anblick der triefenden Frau in der Kälte.

»Dies ist Madam!«, sagte Charly.

Ich fände ihr Verhalten ungewöhnlich.

Er stimmte zu. »Sie fällt aus dem Rahmen. Madam Benz ist die Attraktion des Dorfs. Sie geht ihre eigenen Wege, hat ihre eigene Religion, besitzt einen eigenen Bootssteg. Niemand weiß etwas über sie. Nur, dass sie allein in der Villa wohnt und nachts ihre großen Salonfenster im Licht erstrahlen. Sie kauft auch nicht im Dorf ein, sondern lässt sich die Ware auf dem Seeweg liefern. In einem rosaroten Amerikanerauto schaukelt sie manchmal über den Felsenweg. Sie kommt, sie geht. Kein Mensch weiß, wo und mit wem sie verkehrt. Immerhin hat sie ihre Villa in die Bucht dieses Dorfs hineingebaut. Mit ihrem vielen Geld hätte sie überall leben können. Seither wagt niemand mehr, den Ort Kaff zu nennen.«

Charly zog die Brauen hoch. Wie er es tut, wenn er einen sehr hohen, sehr weichen Ton sucht, um ihn mit der Orgel abzustimmen.

Ich spürte einen Stich. Ich war nicht das einzige bewunderte Wesen im Leben meines Geliebten.

Beim zweiten Besuch erwartete mich Charly vor der Kirche. Er trieb mich über die Wendeltreppe zur Empore und gab auf seiner Cäcilie ein Konzert.

»Für dich, Rosy!«

Seine schmalen Musikerhände überblätterten das Heft so sacht, als wäre die Notenschrift eine Kostbarkeit. Dann breitete er die Arme wie Flügel über die Manuale und trippelte mit den Mokassins über die Fußtasten. Sein Kettenarmband rutschte aufs Handgelenk, und die farbige Fensterrosette warf einen Regenbogen auf seine Arme. Die Musik huschte wie Licht und Schatten über sein Gesicht. Er war nicht mehr der Student mit abgetretenen Schuhsohlen, dessen Fahrkarte ich bezahlte. Er war ein Stoff aus Samt, der changierte, schillerte, gegen den Strich gebürstet und geglättet wurde.

Ich war verzaubert. Ein Kirchenkonzert – nur für mich.

Musik bedeute ihm alles.

»Alles?«

Er überhörte meine Frage. Doch er hat mir das Wunder erklärt. Mit sieben Grundtönen kann jede Melodie erzeugt werden, die verklungen ist oder erklingt oder irgendwann noch aufklingen wird. Dann hat er mein Gesicht in beide Hände genommen, als wäre auch dieses eine Komposition.

Abends zündete er Schwimmkerzen an und setzte sie aufs Wasser. Sie schaukelten glimmend in den See hinaus. Wir hielten uns umschlungen und sahen den Lichtern nach.

Und dann hat er den Satz gesagt, den ich nie vergesse.

»Für dich sammle ich das Glitzern der Sterne in ein Netz.«

Schön hat er das gesagt. Und am Wasser kniend getan, als würde er ein Netz voller Sterne für mich ausbreiten.

Ich kehrte zu meiner Arbeit in die Stadt am anderen Ufer des Sees zurück. Aber ich konnte vor Aufregung nicht schlafen, nicht essen, nicht arbeiten. Ich erinnerte mich an den Satz meiner Großmutter.

»Wenn dir das Wunder begegnet, Rosy, dann halte es fest.«

Als ich für immer zu Charly zog, lagen die schwierigsten Wochen als neuer Organist bereits hinter ihm.

Obwohl es ihm schwergefallen ist, hielt er sich eisern an die Liedtafel des Pfarrers. Alte Menschen krächzten den Text. Es wirkte, als brösele ein jeder sein eigenes Lied vor sich hin. Und die Schüler sangen ein einziges Lied: Lueged vo Bärge und Tal‹.

»Du warst nicht da. Und ich verlor fast den Verstand.«

Er musste an sich halten, um keine Fußpedale auszubrechen und ins Kirchenschiff zu schmettern. Er habe nach einer Lösung gesucht. An einem Wochenende fand er Gelegenheit zum Gespräch mit dem Pfarrer. Dieser wusch seinen VW-Käfer, und Charly bewunderte das Fahrzeug. Es musste sauber sein für den Fall, dass er mit dem Sakrament der Ölung zu einem Sterbenden in eine abgelegene Gegend gerufen wird oder der Ehrwürdige Bischof einen Fahrer benötigt. Diese Pfarrei war weit herum die einzige mit einem fahrtüchtigen Geistlichen. Und Charly bestätigte:

»Ein fortschrittliches Dorf. Nur schon die Wahl der Kirchenorgel. Ihr Erbauer Frei aus Luzern gilt als stiller Tüftler und talentierter Einzelkämpfer mit einem perfekten Gehör. Leider aber verschleißt sich dieses Wunderwerk von einer Orgel an den immergleichen Liedern. Jammerschade! Man müsste das Instrument in seiner ganzen Klangfülle zur Geltung bringen, Herr Pfarrer! Man müsste die Orgel stimmen und einige Pfeifen reparieren, um ihre Spannweite bis zum furiosen Tutti auskosten zu können.«

Er hob den Saum des bodenlangen Schals vor seine Augen und ließ dem Pfarrer Zeit zum Nachdenken. Als ihm schien, er habe lang genug an den Fransen gezupft, kam er auf sein Anliegen zu sprechen.

»In diesem Dorf müsste es doch schöne Stimmen geben. Rein und klar und zum Singen geschaffen. Diese Gottesgeschenke liegen brach, Herr Pfarrer. Sie müssten einen Chor gründen, wie man es in den Städten tut, um die Kirchen zu füllen. Diese Pfarrei könnte berühmt für ihre schönen Stimmen werden.«

Er schleuderte das Ende des Schals über die Schulter zurück und tänzelte fort. Der Schwamm sei dem Pfarrer aus der Hand gefallen. Mit beschlagener Hornbrille und verspritzter Soutane sei er wie angewurzelt vor seinem VW-Käfer gestanden und habe die Hand gegen den dicken Strang der pochenden Halsschlagader gedrückt.

Der Kirchenrat gewährte einen Kredit.

Charly stellte Chorregeln auf. Das Alter der aufnahmefähigen Mädchen setzte er auf dreizehn Jahre. Sie mussten über eine reine, sichere Stimme verfügen und etwas Musikgefühl. Buben schloss er aus, trotz des metallischen Timbres der Knabenstimmen. Kaum eingesungen, bekommen sie den Stimmbruch. Dann ist alle Mühe umsonst. Der Pfarrer habe diesen Entschluss bedauert. Aber er ließ seinen Organisten gewähren.

Zweimal in der Woche machte Charly seine Schülerinnen mit Notenschrift, Violinschlüssel, Takten und Trillern vertraut. Beim Vorsingen bog er die Brauen zu Bogen. Seine Kopfstimme ließ sie erschauern. Bald hatte jedes der acht Chormädchen auf der Empore einen festen Platz.

Die Revision der Orgel wurde vorgenommen.

Am Ostersonntag konnte Charly in sein Instrument kriechen. Die Kirche war voll. Die Orgel erklang zart, schwoll an und rauschte dann in einer Klangfülle auf, die kein Dorfbewohner dem alten Kasten zugetraut hatte. Mit Händen und Füßen trieb der Organist die Luft durch die Bälge der Pfeifen. Die hohen und feinen Rohre hauchten ihre Töne aus, die tiefen Bässe der mächtigen Pfeifen knurrten und die mittleren begannen ihre Präludien. Charly tanzte in seinen Mokassins über die Pedale seiner Cäcilie und die Zotteln seiner Schärpe verwarfen dazu ihre farbigen Perlen.

Und plötzlich gellten die Chormädchen auf.

Kerzengerade standen sie auf der Empore, die Hände an den Schenkeln, die zarten Brüste vorgereckt, vier rechts der Orgel, vier auf der linken Seite. Die seidene Zugluft des Orgelbalgs wehte in die Kuhle ihres Nackens. Und die Härchen an ihren Armen stellten sich auf.

An diesem Sonntag hat der Pfarrer seinen Organisten Mein Sohn genannt. Die Liedtafel verschwand.

3

Als ich Kitty zum ersten Mal begegnete, nannte man sie Mäuschen, wohl weil das Mädchen beinah unsichtbar war und am äußersten Rand der Bank klebte. Obwohl es eine gute, vielleicht sogar die beste Stimme besaß, drängte sich Mäuschen nie vor, spielte sich nicht auf, lenkte die Aufmerksamkeit des Organisten nicht auf sich und interessierte sich auch nicht für die Schminkutensilien, die im Chor gewöhnlich herumgeboten werden. Während andere sich die Lider himmelblau und türkisgrün wie die Augenschalen von Affen puderten, schlenkerte es im Hintergrund seine dünnen Beine und schaute durch die Strähnen seiner Fotzelfranse.

Alle mochten Mäuschen. Es war glücklich, dass es zu den Chormädchen zählte.

»Meine Chorblumen.«

Charly benennt, was er liebt.

Seine Chorblumen. Seine Cäcilie. Seine Madam. Seine Rosy.

Ich war gerührt, mit welcher Begeisterung Charly sich die Welt zu eigen macht. Und wie viel Zeit er der musi-kalischen Ausbildung dieser Dorfkinder widmete. Ungeachtet seines dichten Stundenplans an der Musikschule oder des Meisterwerks, das er eigentlich komponieren wollte.

»Ich öffne diesen Kindern eine Dimension, zu der sie bis dahin keinen Zugang hatten. Von der sie nur träumten.«

Im Sommer kommen Touristen ins Dorf. Sie steigen aus dem Vormittags-Schiff, besuchen das Café Romantika‹, kaufen Souvenirs am Kiosk und machen eine Fußwanderung zur Zahnradbahn, die zum Hotel auf der Bergspitze führt. Mit dem Nachmittagsschiff verlassen sie den Ort. Wenn der Schiffswart den Holzsteg mit seinem Haken über die Schwelle ratscht, sind die Dorfbewohner unter sich.

An lauen Abenden zog es Charly und mich ans Wasser. Wir beobachteten das Atmen des Sees, lauschten dem Geplätscher an den Ufersteinen und vernahmen von den offenen Fenstern die Stimmen der Bewohner.

Solch leise und innige Geräusche erinnern an Gebete.

»Erklär mir die Liebe!«

»Wie könnte ich das? Wenn du weggehst, sterbe ich. Wenn du auf mich zukommst, zittere ich aus Freude.«

Wenn wir Glück hatten, ließ Madam abends ihre Tauben ein paar Runden fliegen. An ihren Klauen waren winzige Flöten in unterschiedlichen Tonarten befestigt. Beim Fliegen erzeugte der Luftzug im Gebläse ein wundersames Flötenkonzert.

Wir hörten die seltsame Musik der kreisenden Tauben, bis Madam sie zum orientalischen Kuppelkäfig zurücklockte. Sie warf Körner in die Luft und drehte sich im Wirbel ihrer kreischenden flatternden Tauben. Die Tauben trippelten übers Gestänge und sträubten die gelockten Schwanzfedern, als streife eine unsichtbare Hand über ihre Federn. Ruhe kehrte ein.

Die Marotten von Madam waren das Dorfgespräch. Die Exzentrikerin imponierte den Einwohnern.

Das Mäuschen lag ihr zu Füßen. In jeder freien Minute legte es seine Tätzchen um die Stäbe von Madams Gittertor und starrte mit traurigen Augen stundenlang durch die Fotzelfranse zum Flügel. Es wünschte sich, ebenso göttlich Klavier spielen zu können.

Schon früh brannte Licht in allen Zimmern. Das Haus war zu einer Art Hollywoodvilla mit Spiegeln, Lüstern, Marmor und Amphoren hergerichtet.

»Die Frau hat Geschmack«, meinte Charly.

Als Künstler hat er Sinn für Schönheit. Er bewundert Leute, die etwas in Szene setzen und damit Aufmerksamkeit erreichen.

»Die Frau hat Talent für große Auftritte.«

Sie trug gerne Abendkleider und bewegte sich wie eine Leinwanddiva durch ihre Lichtkapsel. Immer stand ein gewaltiger Blumenstrauß auf einem winzigen Marmortisch. Sie raffte ihr Kleid um die Knie, um sich vor den Flügel zu setzen. Die Seide umspannte das Gesäß auf der Lederbank wie zwei Blütenblätter und sank lose auf ihre Füße. Sie spielte mit weit ausholenden weichen Bewegungen, und ihre Locken schlenkerten dazu über die Breite der Klaviatur.

»Sie weiß, dass du zuschaust, Charly.«

Er blickte zum See.

Madam war schön, wenn sie spielte. Sicher wünschte er sich, an ihrer Seite sitzend, vierhändig auf dem Steinway zu musizieren. Mein attraktiver Geliebter hätte gut auf den ledernen und mit Knöpfen gepufften Klavierhocker gepasst. Seine Musik hätte dem Salon eine professionelle Klangnote verliehen.

Er sagte: »Sie liebt Brahms.«

»Die Frau würde auch Bach lieben, wenn du auf ihrem Steinway spielen dürftest. Ich liebe ja auch alle Musikstücke, die deine perlenden Spinnenfinger der Orgel entlocken. Sogar unser Pfarrer ist jetzt ein Liebhaber von Bach, weil du neben der Schwermut auch die Leichtigkeit aus der Komposition herausholen kannst.«

4

Wir feierten in der Kirche St. Agatha unsere Hochzeit. Das erste Paar, das mit Chorbegleitung getraut worden ist.

Seine Sängerinnen hatten für ein paar Wochen ein Thema:

»Das Weibsstück!«

»Die verdammte Rosy!«

Ihren Chorleiter stellten sie sich als beeindruckenden Bräutigam vor, imposanter als der Schah von Persien. Die Hochzeit bedeutete eine Aufregung für alle, denn sie mussten zum ersten Mal ohne Orgelbegleitung singen.

Seine Truppe rebelliere, gestand Charly.

»Sie wollen partout nicht für die Frau singen, die mich ihnen wegnimmt.«

Er schob mich an den Schultern vor sich hin, forschte nach einem Zeichen von Eifersucht und kräuselte beim Lächeln die Nase. Natürlich habe er ein Machtwort gesprochen.

»So geht das nicht, meine Damen!«

Natürlich hat er alle Register gezogen. Wippte auf den Absätzen, flatterte seufzend mit seinen Geparden-Wimpern und gestand seiner Truppe, es sei ihm ohne ihren Feengesang unvorstellbar, den Bund der Ehe einzugehen. Der Anblick seiner Mädchen in Festkleidchen würde ihm den wichtigen Schritt erleichtern. Sie wären das i-Tüpfelchen zu seinem Glück. Der Schmuck der St. Agatha. Seine kleinen Königinnen. Und so weiter. Er griff tief in die Trickkiste. Zu guter Letzt schleuderte er den Taktstock bis fast zum Deckengemälde, hüpfte eine halbe Drehung und fing ihn hinter seinem Rücken auf.

Ein Zauberer.

Die Chorblumen kicherten in die kleinen Fäuste, schmollten noch eine Weile, wiegten sich in den Schultern.

»Aber dann haben sie eingelenkt, meine süße Rosy.«

Die Hochzeit fand zu Beginn des Sommers statt. Ich hatte die Erwartungen einer Braut. Sie waren grenzenlos und umspannten mein ganzes Leben.

Doch was verstand ich denn zu dieser Zeit unter den guten und schlechten Tagen? Wie stellte ich mir das Miteinander-durch-Dick-und-Dünn vor? Ein Das ganze Leben umfassendes Gelöbnis konnte doch nur ein filziges Knäuel ohne Anfang und Ende bedeuten.

»Meine Mädchen sind aufgeregt«, gestand Charly.

Wochenlang übte er mit dem Chor die Lieder für die Hochzeit ein. Den Taktstock überreichte er einem talentierten Mädchen, das sich Lolo nannte. Der Pfarrer ließ in den Feldern Margeriten pflücken und zu Sträußen binden.

Bei unserem Einzug in die Kirche hingen alle über die Balustrade. Als das Glockengeläut ausklang, wurde es in den Bankreihen still. Auf der Empore klöppelte Lolos Taktstock gegen den Notenständer.

Wir warteten. Doch es blieb still. Die Gäste begannen zu hüsteln, scharren, schneuzen und sich nach der Empore umzudrehen. Dort erstickten die Chormädchen beinah vor Gelächter.

Mich packte der Impuls, ins Freie hinauszustürzen. Eine Träne fiel auf meine Hand. Der Ring war noch ohne Kratzer. Blankes Gold.

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