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Die Wurzel alles Guten

Als Buch hier erhältlich:

Schon bei der Anmeldung ist es Pekka Kirnuvaara aufgefallen: Sein neuer Zahnarzt trägt denselben ungewöhnlichen Nachnamen wie er. Und dann hat er praktisch die gleiche Nase. Auf Pekkas bohrende Fragen nach Herkunft und Familie antwortet Esko seinerseits mit unablässigem Bohren. Erst kurz vor Ende der Behandlung gibt er endlich zu, dass sie Halbbrüder sein müssen – und willigt ein, mit Pekka nach dem gemeinsamen Vater zu suchen. Auf ihrer Reise finden sie weitere Halbgeschwister; ihr Erzeuger hat eine Spur von Nachkommen durch die halbe Welt gelegt. Eine originelle Komödie aus Finnland über Herkunft, Identität und Vorurteile – und dazu die schönste Geschwistergeschichte südlich des Polarkreises.


  • Erscheinungstag: 21.08.2017
  • ISBN/Artikelnummer: 9783312010387

Leseprobe

 

 

Pekka Kirnuvaaras Leben verläuft nicht gerade auf der Überholspur. Seine Ehe ist gescheitert, seine Kinder sieht er zu selten, in der Werbeagentur läuft es mäßig, und die Zähne machen wieder mal Probleme. Der neue Zahnarzt trägt denselben ungewöhnlichen Nachnamen wie er. Und hat praktisch die gleiche Nase. Sehr zugänglich ist er allerdings nicht. Auf Pekkas bohrende Fragen nach seinem familiären Hintergrund antwortet Esko seinerseits mit unablässigem Bohren. Erst kurz vor Ende der Wurzelbehandlung gibt er endlich zu, dass sie Halbbrüder sein müssen – und willigt ein, gemeinsam mit Pekka nach einem Vater zu suchen, den sie beide fast nicht gekannt haben. Auf ihrer Reise finden sie weitere Halbgeschwister; ihr Erzeuger hat eine Spur von Nachkommen durch die halbe Welt gelegt.

PEKKA

Eine Axt haben und schneller sein, das ist bei einer Schlägerei die halbe Miete. Das ist, soweit ich mich erinnere, das Einzige, was mein Vater mir mit auf den Lebensweg gegeben hat. Und vermutlich hat er recht: Mit einer solchen Ausgangslage dürfte man jeden noch so harten Kampf für sich entscheiden.

Mein Vater war sicherlich nicht dumm. Aber als ich meine Mutter nach ihm gefragt habe, hieß es: Dein Vater war ein elender Feigling, über den es nichts weiter zu sagen gibt.

Natürlich ist das ihre Sicht der Dinge, und Frauen, die sich ohne Geld, dafür mit einem kleinen Kind allein durchschlagen müssen, haben meistens eine ziemlich düstere Sicht.

Ich weiß noch, wie mein Vater einmal überraschend zu Weihnachten anrief. Auch wenn ich erst sieben war, wusste ich sofort, dass es sich nur um ihn handeln konnte. Meine Mutter stieß einen Schwall von Flüchen aus und knallte den Hörer auf die Gabel. Aber er rief noch mal an und schaffte es, meine Mutter dazu zu bewegen, mich ans Telefon zu holen. Aus dem Rauschen und Knistern schloss ich, dass es sich um ein Ferngespräch handelte, was damals teuer war. Mein Vater investierte also in mich. Vielleicht rief er sogar aus dem Ausland an! Möglich war’s, wir hatten keine Ahnung, wo er sich befand.

Und er gab nicht nur Geld für mich aus, er gab mir auch eine Botschaft mit: «Pekka, du bist ein guter Junge.» Dann kam das mit der Axt und dem Schnellersein. «Wenn du das beherzigst, wirst du es weit bringen», prophezeite mein Vater. Vergessen habe ich seinen Spruch nicht, allerdings bin ich nie in eine Situation geraten, die sich nur noch per Axthieb hätte klären lassen. Ich arbeite zwar in der Werbung, und der allgemeine Druck hat auch vor dieser Branche nicht haltgemacht, aber selbst dort ist es nicht so schrecklich, dass man rohe Kräfte walten lassen müsste. Ob ich es dennoch weit gebracht habe? Schwer zu sagen. Ich denke, im Job bin ich Durchschnitt, und als Mensch insgesamt liege ich wohl eher etwas darunter, im Moment zumindest.

Dass über meinen Vater nicht gesprochen wird, hat meine Mutter knallhart durchgesetzt. Und so habe ich viele Jahre kaum an ihn gedacht. Kein Wunder, ich war schließlich gerade mal drei, als er uns verlassen hat. Angeblich wollte er nur kurz Milch, Brot und Limonade kaufen, Letztere für nach der Sauna. Die Sauna fiel an jenem Abend aus, und am nächsten Morgen gab es mit Wasser gekochten Haferbrei. Meine Mutter und ich fielen in ein tiefes Loch. Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass Väter früher häufiger nicht mit Anwesenheit glänzten und meine Vaterbindung vermutlich von Anfang an eher instabil war.

 

Ich sitze im Wartezimmer einer Zahnarztpraxis, die nur Privatpatienten nimmt. Draußen auf den Straßen, in meinem Heimatstadtteil Helsinki-Kallio, laufen die Leute mit hochgezogenen Schultern durch die Häuserschluchten, es nieselt, der Sommer ist Schnee von gestern. Das Quietschen der Straßenbahnen hört man bis hierher.

Der Zahnarzt trägt denselben Nachnamen wie ich, er heißt Esko Kirnuvaara. Auch wenn es in meiner Verwandtschaft kaum Ärzte gibt – wer Kirnuvaara heißt, gehört meistens zur Familie. Der Name ist die finnische Version des russischen Kirilov; meine Vorfahren stammen aus Russland und haben sich nach dem Krieg bei Lieksa in Nordkarelien niedergelassen. Vielleicht ist der Zahnarzt ein Schwippcousin? Oder sogar ein Cousin? Selbst den Grad eines Halbbruders kann ich nicht ausschließen – wer weiß, wie oft mein Vater die Nummer mit der Saunalimonade noch gebracht hat? Sauna ist in Finnland jeden Samstag! Und ernsthaft: Wieso sollte ich der Einzige sein, den Onni Kirnuvaara verlässt?

Jetzt kommt der Patient, der vor mir dran war, aus dem Behandlungszimmer und drückt einen Eisbeutel an seine Wange. Das lindert meine Angst nicht gerade. Ich hasse es, passiv auf dem Behandlungsstuhl zu liegen. Leider muss ich jährlich mehrere Stunden dort zubringen, denn meine Zähne haben ein mieses Karma. Seit einem frühen Fahrradsturz besitze ich künstliche Schneidezähne, und meine Weisheitszähne verursachen dafür, dass sie ein entbehrliches Körperteil sind, irritierend oft Probleme. Meine Mutter hat mich leider nie zum Zähneputzen angehalten, und bei meinem Zuckerkonsum war die Katastrophe vorprogrammiert. Dieses Mal ist es ein Backenzahn. Der pochende Schmerz lässt keine Zweifel zu: Es muss sich um eine eitrige Wurzel handeln.

Die Arzthelferin winkt mich ins Behandlungszimmer. Der Zahnarzt quittiert meine ausgestreckte Hand mit den Worten: «Die Erkältungszeit beginnt, aufs Händeschütteln verzichten wir lieber. Esko Kirnuvaara, guten Tag.»

«Pekka Kirnuvaara. Sagen Sie, könnte es vielleicht sein, dass wir miteinander verwandt sind?»

«Möglich ist alles, die Welt ist klein, aber jetzt schaue ich mir mal Ihre Zähne an.»

Die Helferin clipst mir das Lätzchen um, schon liege ich im verhassten Stuhl. Eine grelle Lampe leuchtet mir in den Mund, der Arzt klopft mit einem Metallding gegen meine Zähne.

«Tut das weh?»

«Nein.»

«Und das?»

«Nein.»

Beim nächsten Klopfen falle ich fast aus dem Stuhl.

«Aha, klarer Fall. Wir machen ein Röntgenbild.»

Die Helferin drückt mir ein kleines Gerät an den Kiefer, dann verlassen beide den Raum. Was sie wohl hinter der Tür machen? Sonderlich nett sind sie nicht miteinander, vermutlich wollen sie sich lediglich vor Strahlung schützen. Vor allem der Arzt wirkt ziemlich distanziert.

Eine halbe Minute später erscheint die Röntgenaufnahme auf dem Computerbildschirm an der Wand. «Jawohl. Wurzelbehandlung», kommentiert der Arzt. «Dann lassen Sie uns mal schauen, was noch zu retten ist. Mit oder ohne Betäubung?»

«Mit.»

Die Helferin reicht dem Zahnarzt eine Spritze, die er mir ohne Vorankündigung ins Zahnfleisch jagt. Es tut einigermaßen weh.

Der Zahnarzt zupft an seinem Mundschutz und betrachtet noch einmal die Röntgenaufnahme. Täusche ich mich, oder hat er tatsächlich Ähnlichkeit mit meinem Erzeuger? Zwei Fotos mit meinem Vater drauf sind dem Vernichtungswahn meiner Mutter entgangen, und vor allem in der Form der Nase entdecke ich Parallelen.

«Wir müssen einen Moment warten, bis das Mittel wirkt. Sagen Sie, wieso haben Sie bloß Ihre Zähne so schlecht gepflegt?»

Ich kontere mit einem Themenwechsel. «Ist Onni Kirnuvaara zufällig Ihr Vater?»

«Wie lange haben Sie schon Schmerzen?»

Ich gebe nach. «Ungefähr zwei Monate.»

«Und wieso kommen Sie erst jetzt?»

«Bei den kommunalen Zahnärzten waren die Warteschlangen zu lang, da hätte ich erst nächstes Jahr einen Termin gekriegt. Anscheinend ist man da auch mit Schmerzen kein Notfall. Irgendwann hab ich’s nicht mehr ausgehalten, und jetzt sitze ich zum ersten Mal bei einem Privatarzt.»

«Wie auch immer. Und nicht nur Ihre Zähne, auch Ihr Zahnfleisch ist in keinem guten Zustand. Putzen Sie tatsächlich regelmäßig morgens und abends?»

Ich nicke, obwohl das nicht stimmt. Regelmäßig abends und morgens habe ich noch nie hingekriegt.

«Sie müssen gründlicher putzen. Zahnseide benutzen Sie vermutlich nur selten?»

«Richtig.» Zahnseide benutze ich nie.

«Sie sollten sie öfter benutzen.»

Ich versuche es ein weiteres Mal. «Ähm, noch mal zu Ihrem Namen. Ihr Vater, ist der –»

«Merken Sie das noch?» Er bringt mich mit einem metallischen Klopfen gegen den Backenzahn zum Schweigen.

«Nein.»

«Gut, dann fangen wir an.»

Weitere Gesprächsanläufe erstickt die Helferin, die mir den Absaugschlauch in die Wangentasche steckt.

«Den Diamantschleifer, bitte.»

Sie reicht dem Zahnarzt den gewünschten Bohrer. Das fiese Geräusch ertönt.

«Den mittleren Rosenbohrer.»

Ein weiteres entsetzliches Teil kommt zum Einsatz.

Ich spüre rein gar nichts, trotzdem leide ich Höllenqualen. Irgendwann hört das Brummen auf, und der Zahnarzt begutachtet die Problemstelle mit dem Mundspiegel.

«Die Extirpationsnadel Nummer fünfundzwanzig, bitte.»

Das Ding mit dem seltsamen Namen fräst sich in mein Zahnfleisch. Der Schmerz muss eingebildet sein, schließlich wurde ich betäubt, doch allein beim Gedanken an diese Nadel wird mir flau. Ich umklammere die Lehnen, meine Fingerknöchel leuchten weiß. Die Arzthelferin bemerkt meine Panik. Anscheinend hat Esko Kirnuvaara das Mitgefühl für seine Patienten an die Assistentin delegiert.

«Versuchen Sie, Ihre Muskeln zu entspannen», sagt sie sanft.

Ich blinzle zweimal für ein «Ja» und gebe mir Mühe, ihren Rat zu befolgen.

«Die vierziger Hedströmfeile für den Distalkanal.»

Aha! In diesem Kanal liegt anscheinend das Problem. Jedenfalls schmecke ich eine herb-süßliche Flüssigkeit; die Wurzel muss völlig vereitert sein.

«Wir lassen das jetzt einen Moment offen, dann kann alles abfließen. Danach das dreiprozentige Wasserstoffper-oxid, bitte.»

Der Zahnarzt flieht vor weiteren Verwandtschaftsfragen auf den Flur. Die Assistentin versucht mit einem Kommentar über den Song im Radio die Stimmung aufzulockern. Als ich schweige, probiert sie es mit dem Wetter. Als auch das nicht verfängt, wagt sie einen echten Vorstoß: «Sie sehen sich wirklich verblüffend ähnlich. Vielleicht ist es nicht nur das Gesicht, sondern sogar irgendwas in Ihrem Wesen.»

«Wenn sogar Sie das sagen! Wissen Sie irgendetwas über seine Familie?»

«Nein. Unser Kontakt beschränkt sich einzig und allein auf die Zähne unserer Patienten.»

Als Esko Kirnuvaara zurück ins Zimmer kommt, schlüpft sie blitzschnell zurück in ihre Rolle. «Das Hypochlorid steht bereit.»

«Dann kann es ja weitergehen.»

Das Zeug schmeckt noch schlimmer als der Eiter. Als Nächstes wird das Loch mit irgendeinem Material gefüllt.

«Fühlt es sich zu hoch an?»

Ich befühle den Zahn mit der Zunge. Kein Huckel. «Nee, passt.»

«Prima. Darunter ist jetzt eine medizinische Einlage. Die provisorische Füllung selbst besteht aus zwei Komponenten. Die wird gut halten, keine Sorge. In vier Wochen müssen Sie wiederkommen, dann geht es weiter. Hier, die Rechnung für heute.»

Benommen stemme ich mich aus dem Behandlungsstuhl und bleibe vor dem Zahnarzt stehen. Was wollen Sie noch?, scheint sein kühler Blick zu fragen.

Das gibt’s doch nicht. «Hallo?! Wir könnten Brüder sein, und Sie klatschen mir nur die Rechnung in die Hand!»

«Ich kümmere mich um Ihre Zähne, sonst nichts.»

Die Helferin murmelt was von Auf-Toilette-Gehen und verschwindet.

«Was wissen Sie über Ihren Vater?» Meine Stimme klingt rauh.

«Hören Sie. Ich gehe stramm auf die sechzig zu und brauche in meinem Leben keine künstliche Aufregung. Von Ihrer dubiosen Verwandtschaftskonstruktion halte ich überhaupt nichts. Ach so, und bitte vereinbaren Sie bei meiner Sprechstundenhilfe gleich einen zweiten Termin. Der Zahnstein muss dringend runter. Und benutzen Sie die hier!»

Er drückt mir eine Packung Zahnseide in die Hand und ruft den nächsten Patienten rein.

Ich stopfe die Zahnseide und die Rechnung in die Hosentasche und verlasse wutschnaubend die Praxis.

ESKO

Was für ein Mist! –

«Entschuldigung, ich bin minimal abgerutscht. Hat es irgendwo weh getan?»

«Nein, kein bisschen», antwortet die Patientin.

Ein Glück. Verdammt, dieser dumme Pekka Kirnuvaara macht mich doch tatsächlich fahrig. Was muss der auch mitten in der schönsten Routine hier aufkreuzen und mich durcheinanderbringen! Es war doch alles bestens. Na ja, bestens vielleicht nicht – für die Außenwelt bin ich vermutlich ein humorloser Einzelgänger –, aber ich selbst finde mein Leben unterm Strich ganz passabel. Außerdem bin ich der festen Überzeugung, dass das Glück sich genau dann einstellt, wenn man sich von seinen Hoffnungen und Erwartungen verabschiedet. Selbstverständlich habe auch ich mir lange Zeit eine heile Familie gewünscht und mich gefragt, wo mein Vater wohl geblieben ist. Aber vom Grübeln kommt er auch nicht wieder, und ob er eine vernünftige Erklärung dafür hätte, wieso er damals verschwunden ist, steht noch mal auf einem anderen Blatt. Und wenn er doch eine hat, ist sie vielleicht so plausibel, dass sie mich auch nicht froh macht. Kurz: Ich bin mit meinem Leben einverstanden. Natürlich hatte ich Träume – als Student habe ich mir vorgestellt, in den USA die Zähne von Filmschauspielern zu behandeln. Aber Träume platzen, und mein Alltag ist garantiert nicht schlechter als der eines Kollegen mit Frau und Kindern (die sicher immer wieder für Stress sorgen), selbst wenn der Kollege in den USA arbeitet. Und der finnische Normalverdiener ist kein schlechterer Patient als ein Schauspieler mit Oscarnominierung. Sobald der Bohrer brummt, parieren sie alle. Und egal, wer unter mir liegt: Ich muss retten, was zu retten ist. Wer aus meiner Praxis rausgeht, soll gesündere Zähne haben als beim Reinkommen. Das ist das Allerwichtigste. Denn mehr noch als die Haut sind die Zähne der Spiegel unserer Seele. Was den armen Pekka Kirnuvaara angeht: Dessen Seele ist ziemlich zerrüttet.

So, der letzte Patient wäre geschafft. Meine Assistentin wird jeden Moment gehen, ich kann mich also in Ruhe dem Papierkram widmen. Ich betrachte noch einmal das Röntgenbild von Pekka Kirnuvaara.

Eigentlich ist die Frage nach meinen familiären Wurzeln längst verstummt. Doch als ich im Kalender den Namen Pekka Kirnuvaara gelesen habe, ist sie erneut hochgekommen. Und beim Anblick seiner Zähne brauchte ich keine weiteren Informationen mehr – ihm fehlen die Fünfer. Genau wie mir. Das ist selten. Und es wird vererbt.

Ansonsten sieht es in seinem Mund ganz anders aus als in meinem. Der Idiot, was hat er sich nur angetan? Wieder einer von denen, die behaupten, sie würden regelmäßig putzen. Dabei erkenne ich sofort, wenn jemand jahrelang faul ist und vor dem Praxisbesuch zehn Minuten lang hektisch mit der alten Zahnbürste herumschrubbt.

Aber mehr noch als seine Zähne irritiert mich meine Reaktion: Als Pekka ins Behandlungszimmer kam, musste ich gegen Tränen ankämpfen. Ich hätte ihn sogar am liebsten umarmt! So wie die jungen Leute das immer machen. Ja, es ist wirklich wahr. Am liebsten hätte ich meinen Bruder umarmt.

Nur: Wohin würde das führen? Zu tausend neuen Fragen. Also habe ich die Tränen und den Drang, ihn zu umarmen, unterdrückt und mich auf seine Zähne konzentriert. Als das nicht half, habe ich mir gestattet, zur Ablenkung an etwas Erotisches zu denken. Ja, das mache ich manchmal. Selten, aber es kommt vor. (Im echten Leben hatte ich leider nie die Gelegenheit, mit einer hübschen Frau intim beisammen zu sein.) Aber auch das hat nicht geholfen. Schließlich habe ich mir vorgestellt, dass die hübsche Frau bei mir im Behandlungszimmer sitzt und Pekkas Zähne ihre Zähne sind. Das hat funktioniert. Auch in der Phantasie sollte man einen Rest von Realitätssinn walten lassen.

Ich werde mein Leben nicht über den Haufen werfen. Ich werde weiterhin genau das tun, was ich am besten kann: mich für die Zahngesundheit einsetzen, mich gesund ernähren und regelmäßig Sport treiben. Dann kann ich arbeiten, bis ich fünfundsiebzig bin. Die letzten zehn Jahre muss ich es dann ohne Arbeit aushalten. Aber das werde ich schon schaffen. Auch ohne Bruder. Und ohne Vater.

Meiner Ansicht nach stellt das Leben uns vor drei große Fragen: Wer bin ich? Wohin gehe ich? Brauche ich eine Betäubung? Bisher habe ich erst auf die dritte Frage eine Antwort – ja, bitte betäuben. Das gilt nicht zuletzt für verworrene Gefühle.

PEKKA

Zu gern hätte ich meinen bekloppten Bruder angerufen. Ich glaube ja schon, dass dieser introvertierte Spinner mein Bruder ist. Aber wer sich so abweisend verhält, den lässt man besser in Ruhe. Der nächste Behandlungstermin kommt ja sowieso.

Dieses Wochenende habe ich meine Kinder zu Besuch. Sie dürfen jedes zweite Wochenende kommen, so lautet der Gerichtsbeschluss vom Ende unserer Trennung. Meine Exfrau will, dass die Kinder ein Zuhause haben, in dem sie den Großteil ihrer Zeit verbringen, und dieses Zuhause könne nur sie als Mutter bieten. Bescheuert – während der Ehe haben wir die Verantwortung für unsere Kinder genau fifty-fifty geteilt.

Ich hole meine Tochter und meinen Sohn Freitag um halb sechs vor dem Haus meiner Ex ab. Zwei Wochen sind eine lange Zeit, und obwohl die Kinder mich sofort umarmen, spüre ich eine kleine Distanz. Als müssten sie sich erst wieder daran erinnern, wer ich bin und wie unser Miteinander funktioniert. Sie haben einen Zettel von meiner Ex dabei: welche Klamotten sie eingepackt hat, welche Krankheiten im Anmarsch sein könnten und zu welcher Zeit der Kleine momentan seinen Mittagsschlaf hält. Wir kommunizieren vorwiegend schriftlich. Auch das ist auf ihrem Mist gewachsen.

Wir gehen zur Straßenbahnhaltestelle am Rand des Bärenparks, der so gut wie leer ist. Ein paar eingemummelte Kaffeetrinker halten den Kioskbetrieb gerade noch am Leben. Auf meine Fragen antworten die Kinder immer mit «Guuuut», ohne jedoch sonderlich fröhlich zu klingen. Meistens sind sie nach ein, zwei Stunden lockerer; spätestens, wenn ich sie mit Keksen oder Eis bewirte. Es geht immer irgendwann vorbei – und trotzdem tut das Fremdeln jedes Mal weh. Kinder, die mit ihrem Vater alle zwei Wochen wieder warm werden müssen …! Dabei kann ich die Tage mit ihnen kaum erwarten. Dass sie mir früher regelmäßig auf die Nerven gingen, ist mir heute nahezu unbegreiflich. Aber so war es; sie gingen mir dermaßen auf die Nerven, dass ich manchmal fast so was wie Hass entwickelte. Wofür meine Kinder natürlich absolut nichts konnten.

Meine Exfrau, sie heißt übrigens Tiina, habe ich während des Studiums kennengelernt. Alle hielten uns für das Traumpaar. Vielleicht waren wir es auch, für eine gewisse Zeit jedenfalls. Wirken nicht alle Paare nach außen so, während der ersten Jahre? Und die Trennung kommt dann total überraschend?

Klar, Tiina und ich hatten starke Phasen. Und wir hielten uns an den klassischen Ablauf: kennenlernen, zusammenziehen, Eigenheim kaufen, Kinder kriegen. Unsere Reihenhauswohnung mit Garten lag in einer phantastischen Umgebung mit supernetter Nachbarschaft. Frischer Blechkuchen und Werkzeug kursierten entspannt von Haus zu Haus. Die reinste Idylle. Schon bei der Wohnungsbesichtigung schoss es mir durch den Kopf: Was, wenn die Menschen, die hier leben, dieser perfekten Umgebung gar nicht standhalten können? Haben die Architekten und Landschaftsgärtner die Messlatte möglicherweise zu hoch gelegt?

Als unsere Kinder eins und drei waren, blieb ich ein Jahr zu Hause. Die Männer meiner Generation haben das Wort Gleichberechtigung so oft gehört, dass sie gar nicht anders können, als ein gutes Beispiel abzugeben. Ich wollte alles richtig machen und Verantwortung übernehmen. Ich wollte meiner Frau zeigen, dass sie auf mich bauen kann. Gläschenmahlzeiten kamen da natürlich nicht in Frage; Bio und frisch gekocht, das musste schon sein. Aus dem zweimal wöchentlich gelieferten Gemüsekorb, der direkt von den Feldern neben unserer Siedlung stammte. Und morgens gab es Brei, natürlich in Hafermilch gekocht. Und danach ab in den Park oder auf den Spielplatz, bei Wind und Wetter, ohne frische Luft gibt es schließlich keine gute Kindheit. Dort stand ich dann blöd herum, zusammen mit anderen gleichgesinnten Erwachsenen. Ja doch, Kinder größer werden zu sehen ist wunderbar! Nur werden sie eben nicht jeden Tag größer. Und dass es mit Kindern nie langweilig wird, wie es überall heißt, ist Unsinn. Nichts ist so langweilig wie auf Spielplätzen herumzustehen. Das Schlimmste daran: Man muss so tun, als wäre es total spannend! Denn die Kinder früh in fremde Hände zu geben ziemt sich natürlich nicht. Dabei hätte unsere Große gern mehr mit anderen Kindern zu tun gehabt. Im Nachhinein betrachtet, haben wir den falschen Weg eingeschlagen.

Natürlich gab es in der Nachbarschaft unter den jungen Eltern große Solidarität. Alle waren müde, und alle halfen einander. Man hörte sich gegenseitig zu, packte mit an. Aber unterschwellig befanden wir uns in einem pädagogischen Konkurrenzkampf. Paradoxerweise um einander nahezu ausschließende Dinge: maximal geerdet und maximal kreativ zu sein. Maximal gelassen und maximal sensibel. Also möglichst perfekt und möglichst menschlich zugleich. Das konnte nur schiefgehen. Ich jedenfalls zerbrach daran. An manchen Tagen sah ich in den Kindern meine übelsten Feinde. Besonders anstrengend war für mich die Tatsache, dass Kinder absolut unlogisch sind: Wenn es morgens nach draußen geht, heulen sie und wollen drin bleiben. Wenn es nach mehreren Stunden wieder reingehen soll, heulen sie und wollen draußen bleiben. Und wenn man ein Extra organisiert, etwa einen Besuch im Vergnügungspark, wird gebrüllt wie am Spieß, wenn der Spaß zu Ende geht. Ist das nicht ein Beweis dafür, dass Spaß überbewertet wird?

Wenn ich ehrlich bin, war auch mein Leben ohne Kinder nicht besonders glücklich. Als Vater haben mich dann eben andere Dinge gestört als vorher. Und irgendwann konnte ich einfach nicht mehr. Leider.

Wenn ich meinen Kindern heute beim Spielen zusehe – jetzt etwa lümmeln sie einträchtig mit ihren Kuscheltieren auf dem Wohnzimmerteppich –, dann weiß ich: Ich liebe nichts so sehr wie diese beiden Menschen. Und ich lache über die Zeit, in der ich dieses Gefühl der Liebe nicht in mir auffinden konnte. Wäre ich entspannter gewesen, ich hätte schon früher eine großartige Zeit mit ihnen verbracht. Aber dazu war ich nicht in der Lage. Ich machte mir einen solchen Druck, ihnen nah sein zu müssen, dass ich mich immer mehr von ihnen entfernte. Inzwischen verstehe ich, woher das kam: Ich wollte den Fehler wiedergutmachen, den mein Vater begangen hatte. Leider sagte mir niemand, dass es zwischen dem Modell der Flucht und dem der totalen Aufopferung noch Zwischenstufen gibt.

Anscheinend bin ich nicht der Einzige, der keine gesunde Rolle für sich finden konnte. Der unterschwellige Konkurrenzkampf machte es nicht besser. Irgendwann ging es mit den Trennungen los, wie ein Virus zog das durch die ganze Nachbarschaft. Wer einen anspruchsvollen Job, eine schöne Wohnung mit achtsam renovierten alten Möbeln haben will und jeden Tag gesundes Bioessen auf dem Tisch, der ist irgendwann mürbe. Der bringt seine Kinder eines schwarzen Tages zu McDonald’s und implodiert.

Unsere Wohnung verkauften wir an die nächste junge Familie in der Warteschlange. Die Eltern klebten neue Tapeten über die alten und hofften das Beste. Was soll ich dazu sagen? Tapetentrends ändern sich, Menschen nicht. Na ja, wer weiß – vielleicht gibt es ja doch irgendwo eine Familie, der gelingt, was uns misslang.

Ein Großteil der Eltern startete nach der Trennung das Perfektsein 2.0: «Für unsere Kinder nur das Beste. Keine negativen Kommentare über den Expartner in ihrer Anwesenheit. Wir garantieren unseren Kinder weiterhin eine sichere Zukunft.»

Uns gelang das nicht. Meine Frau fand schon länger den Nachbarn spannender und machte sich mit ihm aus dem Staub, gab aber mir die Schuld an der Misere: Ich ließe ihr zu wenig Raum. Ich sei mit mir nicht im Reinen. Ich sei kein guter Vater und sowieso instabil. Dabei habe ich ein ganzes Jahr lang die Kinder geschaukelt und den Laden geschmissen, während sie an ihrer Karriere weitergebastelt hat. Und jetzt heißt es, ich müsse eine Therapie machen und mich meinem Trauma stellen. Das Fieseste war der Satz: «Du bist immer noch nicht drüber weg, dass dein Vater abgehauen ist.»

Aus meiner Sicht sind ihre Anschuldigungen vorgeschoben. Der wahre Grund für das Scheitern unserer Ehe waren Tiinas verquere Erwartungen. Das wurde mir schlagartig klar, als ich im Supermarkt zufällig einen rosafarbenen Werkzeugkasten entdeckte. Die Farbe sollte wahrscheinlich alleinstehende Frauen zum Kauf eigener Werkzeuge animieren. Mir machte die Farbe deutlich, was meine Frau von mir verlangt hatte: praktisch veranlagt und hart im Nehmen zu sein, aber dennoch Tag für Tag sensibel und einfühlsam aufzutreten. Daran konnte ich nur scheitern. Ich bin einfach kein rosa Hammer.

Wenn der Stresspegel in unserer Familie besonders hoch stieg, verstand ich meinen Vater sogar. Die Geburt eines Kindes ist ein zweischneidiges Schwert. Größte Liebe stößt auf größte Verantwortung, und nichts ist mehr, wie es war. Das kann durchaus einen Fluchtreflex auslösen. Ich meine, es ist doch nur eine Frage der Zeit, dass dem Kind irgendwann etwas zustößt, Gefahren lauern überall: im Straßenverkehr, in dunklen Gassen, sogar im Klassenzimmer. Dann kommen noch die Drogendealer dazu. Und überhaupt das ganze Leben. Je schöner es mit dem eigenen Kind ist, umso schlimmer wird die Angst. Ein kleiner blonder Wuschelkopf, der nach dem Vorlesen traut in seinem Bettchen liegt und noch von dem langen Zug oder dem lieben Hund erzählt, den es heute gesehen hat, ist das Süßeste überhaupt. Aus den Kinderaugen leuchtet pures Vertrauen in die Eltern und in die ganze Welt. Erst macht dich das glücklich, doch dann kommt die Trauer: Wann und wodurch wird dieses reine Wesen lernen müssen, dass die Welt ein höchst unsicherer Ort ist? Wird dein Kind sich später genauso durchs Leben schleppen wie du selbst?

Die Rolle als Vater kannst du gut, weniger gut oder schlecht ausfüllen. Und wie überall sonst, gibt es auch hier für das Schlechtsein die unterschiedlichsten Varianten. Mein eigener Vater glänzte durch Abwesenheit, ich selbst übertrieb es mit der Anwesenheit. Inzwischen bin auch ich leider viel zu oft abwesend.

Der Freitagabend verläuft entspannt: Ich mache einen Auflauf aus Vollkorn-Fusilli und Sojabolognese, der bei den Kindern gut ankommt. Der Eis-Nachtisch ist natürlich der Höhepunkt. Meine Große darf noch einen Film anschauen, den Junior bringe ich nach dem Zähneputzen ins Bett und lese aus dem Kleinen Maulwurf vor. Der Maulwurf möchte unbedingt ein Auto haben, weil der Hund eins hat. Da haben wir’s mal wieder: Sich zu vergleichen macht unglücklich. Irgendwer hat immer mehr als du selbst.

Als mein Sohn immer länger blinzelt, knipse ich die Nachttischlampe aus. Durch die Vorhänge dringt das Licht der Straßenlaterne. Der Kleine sieht mich vertrauensvoll an. Vielleicht bilde ich mir das nur ein, aber in seinem Blick liegt Liebe. Ich schlucke. In Anbetracht der Tatsache, dass ich lange kein besonders guter Vater war und Tiinas neuer Mann viel mehr Zeit mit ihm verbringt, scheine ich dieses tiefe Vertrauen nicht zu verdienen.

Sein Blick ist fest. Er gähnt zweimal, lässt mich dabei nicht aus den Augen. Nach dem dritten Gähnen schläft er meistens ein, so auch heute.

«Mein wundervoller Junge. Ich liebe dich», flüstere ich.

Ob er mich versteht? Ich verstehe es ja selber kaum. Für dieses Gefühl reicht Sprache nicht aus. Egal, in welchem Land der Erde. Meine Vaterliebe quillt fast über. Die Atemzüge meines Sohnes klingen ein bisschen verschnupft. Habe ich meinem Vater auch mal so vertraut?

Ich bin froh, dass meine Exfrau und ich diese zwei Kinder bekommen haben, ehe es mit uns den Bach runterging. Ich selbst bin nicht nur ohne Vater, sondern auch ohne Geschwister aufgewachsen, und manchmal habe ich mich sehr nach einem Bruder oder einer Schwester gesehnt. Ich stopfe die Bettdecke etwas fester um den Kleinen, der sich immer rasch freistrampelt.

Meine Tochter ist in Disneys Prinzessinnenwelt vertieft. Ich setze mich neben sie und streichle ihr übers Haar.

«Hättest du Lust, deinen Onkel kennenzulernen? Meinen Bruder?», frage ich spontan.

«Gibt es ein neues Baby?», fragt sie.

«Nein. Es gibt einen sechzig Jahre alten Zahnarzt.»

«Ahaa …» Sie schaut wieder zum Bildschirm.

So viel dazu.

«In zwei Minuten ist Schluss, ja? Dann gehst du Zähneputzen und danach ab ins Bett!»

Meine Kinder haben keine Großväter mehr. Der Vater meiner Exfrau starb letztes Jahr, und meinen Vater haben sie nie kennengelernt. Da wäre ein Onkel doch ein schöner Ersatz! Immerhin hat meine Tochter sich auf der Beerdigung ihres Großvaters lautstark darüber beschwert, dass es nun keine Geldgeschenke mehr gäbe und wieso ich denn keinen Vater hätte. Ihre Klagen waren an jenem Tag vielleicht die aufrichtigsten, und die versammelten Gäste mussten herzlich lachen. Mein Schwiegervater war eigentlich eine eher freudlose Natur und hat in seinem Umfeld selten Spaß verbreitet. Im Grunde war er ein verknöcherter Sack. Aber er ist immerhin da gewesen. Wahrscheinlich ist ein anwesender schlechter Vater besser als ein abwesender guter. Allerdings, kann ein abwesender Vater überhaupt ein guter sein? Nein, das passt irgendwie nicht zusammen.

Ich lese meiner Tochter eine Gutenachtgeschichte vor. Ganz leise, damit wir ihren Bruder nicht aufwecken. Schon auf der zweiten Seite ist sie eingeschlafen; die zurückliegende Schulwoche fordert ihren Schlaftribut. Auch ich bin groggy. Vorsichtig stehe ich auf und gehe mir die Zähne putzen. Der Schaum, den ich ausspucke, ist hellrot. Mist, wieso habe ich schon wieder Zahnfleischbluten? Füße oder Hände entzünden sich doch auch nicht, wenn man sie mal einen Tag lang nicht wäscht! Nichts ist so hinterhältig wie Zahnfleisch und Paarbeziehungen – beide entzünden sich in aller Heimlichkeit und machen erst dann auf sich aufmerksam, wenn es zu spät ist.

In der Schublade neben dem Waschbecken liegt sie. Die Zahnseide, die ich ab sofort benutzen soll. Nur wenige Minuten jeden Abend, und das Zahnfleisch wird blitzschnell gesund – haa-haaa! Einmal hab ich’s ja versucht, und ich habe geblutet wie ein Schwein, von den Schmerzen ganz zu schweigen. Erst will die Zahnseide nicht rein in die Zwischenräume, und wenn’s dann klappt, schneidet sie dir tief ins Zahnfleisch. Da muss es doch eine Alternative geben! Der Mensch war auf dem Mond, auf dem Mount Everest und hat den Kiosk-Spätverkauf erfunden, und für die Zahnfleischpflege weiß er nichts Besseres? Ich spüle mehrmals den Mund aus, trotzdem gehe ich mit dem Geschmack von Blut ins Bett. Vor dem Einschlafen denke ich erst an den verfluchten Zahnarzt, dann an meine Exfrau.

Das Wochenende mit den Kindern läuft zum Glück richtig gut. Am Ende sagen sie sogar, sie würden gern öfter kommen, und ich glaube nicht, dass das allein an meinem leckeren Essen liegt. Der Montag dagegen fängt wirklich mies an: Seit langem telefoniere ich mal wieder mit Tiina, und wir drehen uns nur im Kreis. Meinem Wunsch nach mehr Zeit mit den Kindern möchte sie nicht entsprechen. Ihre neue Patchworkfamilie soll zusammenwachsen, weshalb unsere Kinder möglichst viel Zeit mit den Kindern ihres neuen Mannes verbringen müssen. Irgendwie nachvollziehbar, aber mich ärgert, dass sie sich überhaupt nicht in meine Position hineinversetzt. Absurderweise dankt Tiina mir dann noch dafür, dass sie durch die Trennung ihr Leben neu überdenken konnte; sie wolle sich demnächst eine Auszeit von ihrem Job nehmen und eine Spezialausbildung zur Therapeutin machen, irgendwas Kurzzeit-Lösungsorientiertes.

Das sitzt. Ich habe nichts dagegen, dass Menschen sich weiterentwickeln, aber die Therapienummer ist ein bisschen viel. Schon meine Freundin aus der Schulzeit ist Therapeutin geworden, meine Freundin aus dem ersten Semester hat nach unserer Trennung von Politikwissenschaft zu Psychologie gewechselt, und jetzt schlägt auch noch Tiina diese Richtung ein. Andere Menschen werden durch eine Beziehung reifer und klüger, meine Expartnerinnen werden Therapeutinnen.

Widerwillig gehe ich die Vierte Linie hinunter. Am Ende der Straße wartet die Folterkammer Zahnarztpraxis. Genau der richtige Programmpunkt nach einem erfolglosen Gespräch über die zeitliche Aufteilung der Kinder.

Ich fand Zahnärzte schon immer schrecklich. Meine Mutter erzählt mir bis heute, wie ich als Dreijähriger erst meinen Mund nicht aufmachen wollte und dann dem Zahnarzt ins Gesicht gespuckt habe. In der jetzigen Situation kommt zur allgemeinen Abneigung noch dazu, dass der behandelnde Zahnarzt höchstwahrscheinlich mein Bruder ist, darüber aber nicht sprechen will. Jeder andere Mensch würde das superaufregend finden, aber er schiebt das beiseite! Er ist eben durch und durch Zahnarzt. An diesem Berufsstand ist einfach nichts Gutes. Das einzige Positive war, dass mir Anfang der Siebziger beim Zahnarzt der erste Mülleimer mit Tretfunktion begegnet ist. Das hat mich als Kind sehr beeindruckt. Doch im Ernst: Wer sucht sich schon einen Beruf, bei dem der Mülleimer in der Praxisecke das Tollste ist?

Im Wartezimmer lenke ich mich mit der Abendzeitung ab. Angeblich hat ein beliebter Moderator eine Affäre mit einem Bikini-Model. Ich frage mich da immer: Woher wollen die Leute das wissen? Vielleicht gehen die beiden einfach nur gern zusammen ins Kino! Wieso glauben die Menschen immer, sie würden alles sehen? Ich selbst zum Beispiel: Rein äußerlich entspreche ich genau dem Bild des erfolgreichen Grafikdesigners mit Festanstellung in einem schicken Büro. Innendrin führe ich einen permanenten Sorgerechtsstreit und leide wie ein Hund unter der Abwesenheit meines Vaters. Und als Dreingabe faulen mir die Zähne weg.

«Kirnuvaara!»

Ich bin dran. Ich pfeffere das Klatschblatt auf den Tisch und verspüre tatsächlich so was wie positive Überraschung. Esko Kirnuvaara behandelt mich persönlich. Er hätte mich auch zu einem Kollegen schicken können. Anscheinend fühlt er sich für meine Zähne verantwortlich. Ob außer Professionalität auch brüderliche Fürsorge mitschwingt?

Er verpasst mir eine Betäubungsspritze, die ziemlich weh tut. Das macht der doch mit Absicht! Wahrscheinlich prahlen Zahnärzte untereinander, wie sie mit solchen Maßnahmen ihre Patienten in den Griff kriegen! Na ja, wenn ich selbst Zahnarzt wäre, würde ich meine Machtposition vielleicht auch ganz angenehm finden.

«Es dauert jetzt einen Moment, bis die Betäubung wirkt. Wir nutzen die Zeit für eine Kontrolle», sagt er.

Ich nicke.

Er begutachtet jeden Zahn einzeln, die Arzthelferin schreibt die Nummern der Zähne und die entsprechenden Angaben auf. Meine Fünfer fehlen, was auch immer das bedeutet.

«Wieso ist das immer noch so entzündet?», fragt er mich.

«Was?», frage ich zurück.

«Ihr Zahnfleisch.»

«Keine Ahnung.»

«Haben Sie Zahnseide benutzt?»

«Nein. Nur einmal kurz.»

«Wieso das? Sie müssen sie jeden Abend benutzen, am besten auch morgens. Das ist eine Frage der Prioritätensetzung.»

«Zahnseide steht auf meiner Prioritätenliste nun mal weiter unten. Ehrlich gesagt, das eine Mal hat es furchtbar geblutet.»

«Das ist der Witz daran. Erst blutet es, dann tritt Verbesserung ein. Außerdem kann man Kariesbildung verhindern, Putzen allein reicht dafür nicht. Hier zum Beispiel, gleich mehrere kleine Löcher nebeneinander. Wieso –»

«Könnten wir vielleicht aufhören zu reden, und Sie machen einfach Ihren Job? Das wäre sehr freundlich. Alle Leute haben ihre Schwachstellen, und bei mir sind es nun mal die Zähne.»

«Ich möchte nur darauf hinweisen, dass eine Entzündung des Zahnfleischs ernsthafte andere körperliche Erkrankungen nach sich ziehen kann.»

«Ihre Bemerkungen ziehen auch gleich was anderes nach sich. Und dass Sie nicht über Ihren Vater reden wollen, auch.»

«Wollen Sie mir drohen? Ich tue nur meine Arbeit, und Zahnseide –»

«Meinetwegen benutze ich sogar dreimal täglich Zahnseide, wenn Sie endlich über Ihre Familie reden!»

«Tut mir leid, ich bin Zahnarzt, kein Familienforscher.»

«Na toll. Wissen Sie, was ich über Zahnärzte denke? Zahnärzte haben alle ein Riesenproblem, das sie wegdrücken, indem sie die Leute, die hilflos vor ihnen liegen, quälen und foltern! Wir könnten längst andere Methoden haben als Zahnseide und Spritzen, aber das wollen die Zahnärzte gar nicht, so pervers sind sie!»

«Sonst noch etwas? Oder können wir jetzt mit der Wurzelbehandlung anfangen?»

«Und jetzt drücken Sie sich vor einer Antwort.» Die Betäubung wirkt, aber reden kann ich noch.

«Oh, ich sehe das ganz genau wie Sie. Die meisten Leute widmen sich lieber anderen Dingen, als ihre Probleme anzugehen.»

«Reden Sie jetzt von Zahn- oder von Familienproblemen?»

«Ich rede immer von Zahnproblemen. In diesem Fall von Ihren Zahnproblemen. Und da Sie sich nicht um sie kümmern, muss ich das tun. Ich öffne jetzt das Provisorium vom letzten Mal, gucke mir die Wurzel an, und dann machen wir Ihnen eine schöne Krone.»

«Was kostet das überhaupt?»

«Das können wir später besprechen. Machen Sie sich darüber keine Sorgen. So, und jetzt den Mund weit öffnen, damit ich eine Aufnahme des Zahns machen kann, für die Form der Krone.»

Der Zahnarzt führt eine winzige Kamera in meinen Mundraum. Auf dem Bildschirm an der Wand werden meine Zähne sichtbar.

«Die Schneidezähne sollten lieber auch nicht so bleiben», sagt er.

«Wieso nicht?»

«Das Material ist in sehr schlechtem Zustand. Wie konnte das passieren?»

«Jetzt reicht’s aber mit Ihren Belehrungen!» Ich springe aus dem Stuhl, die Instrumente fallen klirrend zu Boden. Ich reiße dem Idioten, der vermutlich mein Bruder ist, die Kamera aus der Hand und donnere sie neben die Instrumente; das Kameragehäuse kriegt einen Sprung.

«Die ist nicht mehr zu gebrauchen», stellt er fest.

«Dann bezahl ich sie halt.»

«Ganz bestimmt nicht», widerspricht er. «Das Modell kostet zwanzigtausend Euro.»

«Na und? Dann bezahl ich sie halt mit meiner Arbeit! Ihre Praxis sieht total verstaubt aus, die könnte mal einen Erneuerungsschub vertragen. Die Einrichtung und Farbgestaltung sind garantiert mindestens zehn Jahre alt! Lassen Sie mich raten – aus dem Jahr 2007?»

«Exakt. Und alles funktioniert bestens. Ich bin zufrieden, und meine Patienten auch. Selbst Sie sind hergekommen.»

Ich hätte was Billigeres runterwerfen sollen. Aber wenn man wütend wird, fällt das Abwägen schwer.

Mein Bruder – ich bin fest davon überzeugt, dass er mein Bruder ist – hebt die Kamera auf und versucht, sie wieder zum Leben zu erwecken. Die Arzthelferin sammelt die Instrumente ein.

«Verlieren Sie häufiger die Nerven?»

Gute Frage. Eigentlich nicht. Prompt fallen mir meine Exfrau und meine Kinder ein. «Manchmal schon.»

«Und kostet das dann auch zwanzigtausend Euro?»

«Mehr. Viel mehr.»

ESKO

Meine Frage war eigentlich freundlich gemeint, aber der Kerl fängt an zu heulen. Meine Assistentin glänzt mal wieder mit Abwesenheit. Die wüsste jetzt, was zu tun ist. Ich nicht. Ich versuche, meinen Patienten so gut ich kann zu trösten. Obwohl ich ahne, dass er nicht allein wegen der teuren Kamera weint.

«Das lässt sich bestimmt über die Versicherung regeln», schlage ich vor.

«Wohl kaum. Ich hab Ihre Kamera ja nicht gerade aus Versehen kaputtgemacht.»

«Man könnte doch schreiben, dass die Kamera im Gefühlsüberschwang eines unerwarteten verwandtschaftlichen Wiedersehens runtergefallen ist.»

Das habe ich gar nicht als Witz gemeint. Aber er lacht zum Glück und hört mit dem Schniefen auf. «Ich werde die Kosten schon irgendwie abbezahlen.»

«Nein. Ich schau mir erst mal an, wie groß der Schaden überhaupt ist. Vielleicht funktioniert sie ja noch. Und mit meinen Fragen zur Zahngesundheit … ich will meinen Patienten bestimmt nicht zu nahe treten. Aber ich erwarte, dass sie ihre Zahnpflege besser aufstellen. Sonst bringen die Termine bei mir auf Dauer herzlich wenig. Deshalb interessiere ich mich so für ihre Putz- und Essensgewohnheiten.»

«Na ja. Ich esse schon ziemlich viele Süßigkeiten.»

«Soso. Und warum?»

«Vielleicht, weil sie lecker sind?»

«Mohrrüben sind auch lecker», halte ich dagegen.

«Irrtum. Nach einem harten Arbeitstag oder einer unschönen Trennung greift garantiert niemand zu Mohrrüben.»

«Das ist bedauerlich. Gerade in einem solchen Fall wie dem hier, mit einem derart entzündeten Zahnfleisch –»

Mit einem Ruck stemmt mein Patient sich aus dem Behandlungsstuhl und verlässt türenknallend den Raum.

«Das muss ich mir nicht länger anhören! Mein Tag ist auch so schon scheiße genug!», brüllt er im Weggehen.

PEKKA

Wutschnaubend marschiere ich zur Arbeit. Dass die Leute mich komisch angucken, ignoriere ich. Im Büro stelle ich fest, dass ich noch das Lätzchen aus der Praxis umhabe.

An meinem Platz greife ich als Erstes in die unterste Schreibtischschublade und plündere meinen Süßigkeitenvorrat. Weingummis sind jetzt genau das Richtige. Eins bleibt sofort an dem Stumpf über der problematischen Zahnwurzel hängen. Jawoll, denke ich mit Genugtuung, eine bessere Rache an diesem Arschloch gibt es nicht.

Doch länger als zwei Tage halte ich nicht durch. Schlimmer noch als ein sadistischer Bruder, der seine Perversionen als Zahnarzt auslebt, ist eine unabgeschlossene Wurzelbehandlung.

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