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Du bist mein Feuer

Ein Blick auf die sinnlich tanzende Fremde im roten Kleid, und Caleb weiß: Er muss sie haben. Ein Zufall führt dazu, dass er Veronica Unterschlupf gewährt. Sie sieht in ihm nur den Sohn reicher Eltern, der nicht zu ihr, dem Mädchen aus schwierigen Verhältnissen, passt. Aber der verwöhnte Bad Boy will mit ihr etwas Echtes, Tiefes. Schnell merkt er, dass Veronica nicht leicht zu erobern ist: Sie vertraut nichts und niemandem. Aber Caleb ist bereit, die Schatten ihrer Vergangenheit zu vertreiben und jedes Hindernis, das sie trennt, zu überwinden. Auch wenn alle sagen, dass Veronica sein Ruin sein wird …


»Langsam und gefühlvoll baut sich die Beziehung zwischen Caleb und Veronica auf, die genauso süß wie zerbrechlich ist.« -- Romantic Times Book Reviews

  • Erscheinungstag: 09.10.2017
  • Seitenanzahl: 624
  • ISBN/Artikelnummer: 9783955767440
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. Kapitel

Caleb

Die ganze Tanzfläche war erleuchtet von roten und grünen Laserstrahlen aus den rotierenden Deckenlampen. Es war Freitagabend und der Club voller Leute, die zur wummernden Musik des DJs tanzten und umherhüpften. Sie erinnerten mich an Pinguine, die sich in der Kälte zusammendrängten, nur dass die hier wie auf Crack waren.

„Was ist denn mit dir los?“, brüllte Cameron mir ins Ohr und boxte mir leicht auf den Arm. „Das war schon die Vierte heute Abend, die du abgewimmelt hast, und wir sind eben erst angekommen.“

Ich zuckte mit den Schultern. Dass mich bedeutungsloser Sex und eintöniges Flirten mittlerweile ziemlich anödeten, wollte ich nicht so direkt zugeben. Es käme mir irgendwie erbärmlich vor. Na gut, gegen den Sex hatte ich nichts, doch in letzter Zeit wollte ich noch etwas anderes. Eine Herausforderung vielleicht. Den Nervenkitzel der Jagd.

Hastig stürzte ich mein Bier herunter. „Wenn man sich immer denselben Mist reinzieht, wird es eben langweilig“, antwortete ich.

Justin lachte dröhnend und zeigte mit seiner Bierflasche zur Tanzfläche. „Guck dir das an, Mann. Ach du Scheiße!“, rief er und stieß einen schrillen Pfiff aus.

Mitten auf dem Dancefloor tanzte ein Mädchen – nein, streicht das – sie bewegte sich auf so sinnliche Art, dass ich nicht anders konnte, als hinzustarren. Es war wie … sofort dachte ich an Sex, und offenbar ging es auch anderen so, denn viele Blicke richteten sich auf sie. Ihr perfekter Körper – Marilyn-Monroe-Maße – war in ein kurzes, enges Kleid gehüllt, das sich wie eine zweite Haut an sie schmiegte.

Und es war auch noch in einem sündhaft scharfen Rot. Verdammt.

Ich könnte ein bisschen gesabbert haben, als sie sich vorbeugte und etwas Verträumtes mit ihren Hüften anstellte, sodass das lange schwarze Haar bis zu ihrer Wespentaille schwang. Die hohen spitzen Absätze ließen ihre Beine endlos lang wirken.

„Dieses Mädchen muss ich mit nach Hause nehmen“, schrie Justin aufgekratzt.

Der Satz war billig und nervig genug, um mich aus meiner Trance zu reißen. Ich hasste Fremdgehen, und Justin hatte eine Freundin.

Auch Cameron schaute ihn missbilligend an. Dann blickte er auf, weil ihn eine Rothaarige aufforderte. Grinsend schüttelte er den Kopf und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Die Rothaarige lachte. Er nickte mir zu, und zusammen hauten sie ab.

„Hallo, Team-Captain.“

Ein weicher, nach schwerem, blumigem Parfüm duftender Körper drängte sich seitlich an mich. Ich schaute zu Claire Bentley. Ihre Augen waren viel zu stark geschminkt. Nichts gegen die Wunder, die Make-up in einem Mädchengesicht bewirken kann. Aber Claire sah aus, als ob man sie auf beide Augen geboxt hätte. Oder wie ein Waschbär.

„Claire. Alles klar?“ Ich lächelte sie an, doch das ermunterte sie nur, sich an meinen Arm zu hängen.

Oh nein! Warum hatte ich bloß schon wieder mit ihr geschlafen?

„Ach, na ja, geht so.“ Sie klimperte mit den Wimpern und schob ihre Brüste in meine Seite, sodass ich nicht anders konnte, als kurz zu ihrem Ausschnitt zu gucken. Ihre Brüste starrten mich förmlich an. Mann, eine Nacht im Suff, und schon hatten diese schicken Dinger für mich ausgedient.

Ein Träger ihres Kleids rutschte von ihrer Schulter. Sie sah durch ihre Wimpern zu mir hoch, und ich überlegte, ob sie diesen Blick geübt hatte. Dennoch fand ich ihn sexy. Wäre es ein anderes Gesicht gewesen, hätte er wahrscheinlich mein Interesse geweckt. Vielleicht.

„Du schuldest mir einen Drink, Caleb. Ich habe meinen verschüttet, als du vorbeigelaufen bist.“ Ihre Zungenspitze berührte ihre Oberlippe.

Ich bemühte mich, nicht die Augen zu verdrehen. Sie übertrieb es, und ich wollte nicht die ganze Nacht in ihren Klauen gefangen sein. Während ich mir das Hirn zermarterte, wie ich sie loswerden könnte, ohne sie zu kränken, schaute ich mich verzweifelt nach Cameron und Justin um, doch von denen war keiner in Sicht. Arschlöcher.

„Hey, Baby.“ Meine Augen weiteten sich vor Staunen, denn das Mädchen, das ich vorhin so schamlos auf der Tanzfläche angestarrt hatte, schlang ihre Arme um meine Taille und befreite mich aus Claires Klammergriff. Sie sah mich so an, dass ich vergaß zu atmen.

Sie war umwerfend.

„Er ist mit mir hier“, sagte sie zu Claire, ohne dabei den Blick von mir abzuwenden. Ich war gebannt davon, wie sich ihr Mund bewegte. Sie hatte volle Lippen, die in einem sehr, sehr scharfen Rotton geschminkt waren.

„Stimmt doch, oder?“ Ihre Stimme war sanft und tief. Sie erinnerte mich an dunkle Zimmer und heiße, rauchige Nächte.

Es kam mir vor, als ob mein Herz für eine irre Sekunde in meinem Brustkorb hüpfte. Es könnte auch eine volle Minute gewesen sein, vielleicht waren es sogar zwei Minuten. Völlig egal. Sie war nicht im klassischen Sinne schön. Vielmehr war ihr Gesicht markant, auffällig: hohe, stark definierte Wangenkochen, lange dunkle Brauen über katzenhaften Augen, in denen sich Geheimnisse verbargen. Und ich wollte jedes einzelne davon enthüllen.

Da ich nicht reagierte, sondern nur starrte, zog sie die Augenbrauen zusammen. Ihr matter Goldteint schimmerte im gedämpften Licht. Und ich fragte mich, wie sich ihre Haut wohl anfühlen würde. Rasch fasste ich sie an den Armen, bevor sie sich abwenden konnte, und legte ihre Hände in meinen Nacken. Ich hatte recht gehabt mit meiner Vermutung: Ihre Haut war glatt und weich. Mehr, war alles, was ich denken konnte.

Ich beugte mich näher zu ihr, sodass meine Lippen fast ihr Ohrläppchen berührten, und flüsterte: „Wo warst du denn?“ Ich spürte, wie sie erschauerte, und musste grinsen. „Ich suche schon mein ganzes Leben nach dir.“

Langsam, als hätte ich alle Zeit der Welt, strich ich mit der Nasenspitze von ihrem Ohr zu ihrem Hals, doch ehe ich mehr tun konnte, trat sie einen Schritt zurück.

„Sie ist weg“, sagte sie. „Du bist in Sicherheit. Jetzt darfst du mir einen Drink ausgeben, weil ich dich gerettet habe.“

Ich steckte meine Hände in die Hosentaschen, um nicht gleich wieder nach ihr zu greifen. Schon jetzt fehlte mir das Gefühl, sie in den Armen zu halten. „Klar, was möchtest du?“

Sie schüttelte ihr Haar nach hinten, und ich konnte nicht anders, als sie zu beobachten. Ich war fasziniert. „Etwas Starkes. Heute Abend will ich jemand anders sein. Ich will … vergessen.“

Das war mein Stichwort. Ich legte eine Hand unten an ihren Rücken und zog sie zu mir, bis unsere Gesichter nur noch Zentimeter voneinander entfernt waren. „Bei mir kannst du jede sein, die du willst.“ Ihr Duft vermischte sich mit meinem Atem, und er machte mich süchtig. „Warum gehen wir nicht weg von hier und irgendwohin, wo ich dich alles vergessen lassen kann, Red?“

Eisig starrte sie mich an, stemmte die Hände flach gegen meine Brust und stieß mich weg. „Hat mich auch gefreut, Arschloch.“ Sie winkte mir zu und ließ mich stehen. Wie ein verirrter Welpe blickte ich ihr nach. Was war das denn gewesen? Hatte sie mich eben etwa einfach so abblitzen lassen?

Dieses Gefühl war mir so fremd, dass ich nichts weiter tun konnte, als ihr nachzuschauen, bis sie in der Menge verschwunden war. Sie schwankte ein bisschen, anscheinend hatte sie zu viel getrunken. Fast wäre ich ihr nachgerannt, um mich zu vergewissern, dass es ihr gut ging. Aber sicher hätte sie mich dann nur angespuckt. Ihre Freunde würden sich um sie kümmern.

Doch was hatte ich falsch gemacht? Sie sendete alle richtigen Signale aus, dass sie an mir interessiert war. Wollte sie, dass ich ihr erst einen Drink spendierte? Komisch. Heute Abend hatte ich mir eine Herausforderung gewünscht – und sie dann bei der ersten Gelegenheit wie der letzte Idiot verbockt.

„Caleb!“, hörte ich ein anderes Mädchen hinter mir rufen, aber ich war nicht mehr in der Stimmung für irgendwas außer meinem Bett.

Vor dem Club schloss ich die Augen und atmete die frische Luft tief ein. Danach lief ich rasch zum Ende des Parkplatzes, wo mein Wagen stand, denn ich wollte nicht, dass mich jemand sah und zurück in den Club zerrte. Lieber würde ich mir den Arm abkauen, als da wieder reinzugehen.

Allerdings wurde ich langsamer, da mir eine Frau auffiel, die an der schmutzigen Mauer des Clubparkplatzes lehnte. Wahrscheinlich hatte sie zu viel getrunken und kotzte sich die Seele aus dem Leib. Ich hätte sie gern in Ruhe gelassen, aber als ich wieder hinsah, näherte sich ihr ein Typ. Mein Beschützerinstinkt setzte ein, sobald sich der Mann aufrichtete und auf sie zuschritt.

Die Frau veränderte ihre Position, und das Licht der Straßenlaterne fiel auf ihr Gesicht. Ungläubig starrte ich hin, denn ich erkannte Red wieder. Ich musste nicht lange überlegen, sondern rannte auf sie zu. Der Kerl hatte mich noch nicht bemerkt, weil er völlig auf sie fixiert war. Auf seine Beute. Doch das Einzige, was er heute Nacht erbeuten würde, wäre eine blutige Nase, wenn er sich nicht sofort verzog.

Sowie er mit einer Hand ihren Unterarm packte, knurrte ich beinahe. Meine Wut erstaunte mich selbst, und ich musste sie bändigen, sonst würde mir die Situation hier gleich um die Ohren fliegen. Der andere Typ nahm mich endlich wahr, was ich daran erkannte, dass er plötzlich wie versteinert wirkte.

„Hey, Baby! Wo steckst du denn?“, rief ich und schlenderte betont lässig und unbekümmert auf die beiden zu. Red sah ich lieber nicht an, weil ich mich vor ihrem Blick fürchtete. Sollte sie auch bloß ansatzweise verängstigt erscheinen, würde ich diesem Dreckskerl nämlich die Faust ins Gesicht rammen. „Ich suche dich schon überall. Aber jetzt habe ich dich ja gefunden.“

Der Typ hielt sie immer noch fest, also stellte ich mich leicht breitbeinig hin, dehnte meinen Nacken und spannte meine Armmuskeln an. Dabei blickte ich ihm direkt ins Gesicht. Der Perversling trat einen Schritt rückwärts, dann noch einen und noch einen, bevor er sich umdrehte und in die entgegengesetzte Richtung rannte.

„Blöder Arsch“, murmelte ich.

„Wie h…hast du mich genannt?“

Verblüfft, dass sie es gehört hatte, wandte ich mich zu ihr. Wie betrunken war sie eigentlich?

„Nicht dich. Obwohl man über ‚blöd‘ streiten könnte. Was machst du hier ganz allein. Holla!“ Schnell streckte ich die Hände aus, um sie aufzufangen, als sie erneut schwankte. „Alles klar bei dir?“

Im Club war es zu dunkel gewesen, doch jetzt fiel mir auf, dass sie sehr blass war und ihre Augen glasig wirkten. Ohne auf ihre Antwort zu warten, hob ich sie hoch. Sie stieß nur einen kleinen Laut aus.

„Musst du kotzen?“, fragte ich und schüttelte sie sanft, da sie nicht reagierte.

Das war offenbar keine gute Idee: Sie stöhnte leise und hielt beide Hände vor ihren Mund. Da es aber nicht so schien, als müsste sie sich gleich übergeben, setzte ich sie vorsichtig in meinen Wagen.

„Dir wird doch nicht hier drinnen schlecht, oder? Der Wagen ist ganz neu.“ Sie sah aus, als wäre sie schon weggetreten. „Wo wohnst du? Ich fahre dich hin.“

„O…obdachlos“, presste sie wimmernd hervor, und ich war schon überrascht, dass sie überhaupt auf meine Frage antwortete. „Aus der Wohnung g…geflogen.“

Ich lehnte mich an die Kopfstütze, atmete tief durch und strich mir übers Gesicht. Was nun? Ich könnte sie in einem Hotel abliefern und für einige Tage die Kosten übernehmen, damit sie untergebracht war, solange sie sich eine neue Wohnung, einen Job oder was auch immer suchte. Das war schon mehr, als ein x-beliebiger Fremder tun würde. Aber dann schaute ich sie an, und all diese Pläne verpufften.

Sie hatte die Augen geschlossen, ihr Atem ging gleichmäßig und ruhig, aber sogar im Schlaf wirkte sie besorgt. Das Mädchen, das auf der Tanzfläche so stark gewirkt hatte, schien nun unglaublich verwundbar. Ihr Gesicht kam mir irgendwie bekannt vor, wie ein Bild, das man vor langer Zeit gesehen hat. Allerdings wusste ich nicht, wo ich ihr schon mal begegnet sein könnte. Ein Gesicht wie ihres würde ich doch garantiert nicht vergessen.

Mein Bruder zog mich gern damit auf, dass ich gegen verzweifelte Mädchen einfach machtlos war. Vermutlich hatte er recht, denn ich beschloss, sie bei mir unterzubringen. Ich redete mir ein, dass sie in einem Hotel nicht sicher wäre, schon gar nicht in ihrer gegenwärtigen Verfassung. Weiß der Himmel, was hätte passieren können, wäre ich eben nicht aufgekreuzt!

Ich ließ den Motor an und drehte die Klimaanlage voll auf. Sie würde einen höllischen Kater haben, wenn sie morgen früh aufwachte. Wir waren nur noch Minuten von meinem Apartment entfernt, als sie plötzlich im Beifahrersitz zuckte und die Hände vor den Mund presste.

Scheiße, nein!

Sie kotzte mir den ganzen Wagen voll.

Fast hätte ich geweint. Mein funkelnagelneues Auto! Das Würgegeräusch war schon übel genug, aber der Gestank war so beißend, dass ich mich beinahe selbst übergab. Hastig öffnete ich sämtliche Fenster und das Schiebedach, bevor ich endlich aus- und wieder einatmete.

„Oh verdammt, Mädchen. Eine gute Tat und …“

Erneut spuckte sie.

„Maaaann!“

Ich war so angefressen, dass ich große Lust hatte, sie doch in einem Hotel abzusetzen. Ich kannte dieses Mädchen schließlich nicht mal. Und selbst mein Retterkomplex hatte seine Grenzen. Aber dann brachte ich es doch nicht fertig.

Resigniert parkte ich auf meinem Stellplatz, stieg aus und näherte mich widerwillig der Beifahrerseite. Die Luft anhaltend machte ich sie sauber, so gut es eben möglich war, bevor ich sie aus dem Wagen hob. Sie stank zum Himmel.

In der Lobby drückte einer der Sicherheitsmänner den Fahrstuhlknopf für mich, weil ich keine Hand frei hatte. „Hat Ihre Freundin zu viel getrunken, Sir?“

„Na, wir wissen doch beide, dass ich keine Freundin habe, Paul.“ Ich zwinkerte ihm zu, und er lachte leise.

Sobald sich die Lifttüren auf meiner Etage öffneten, lief ich geradewegs zum Gästezimmer. Sie rollte sich zusammen wie eine kleine Katze und wimmerte, während ich sie behutsam aufs Bett legte. „Mom“, stieß sie schluchzend hervor.

An der Tür verharrte ich und drehte mich zu ihr um. Was immer dieses Mädchen durchgemacht haben mochte, es war nicht schön. Eigentlich sollte ich sie waschen und in frische Klamotten stecken, doch sie würde es bestimmt nicht witzig finden, wenn sie morgen früh feststellte, dass sie von einem Fremden ausgezogen worden war. Und dann könnte ich ein Auge oder eine Hand einbüßen. Das riskierte ich lieber nicht. Ihr Atem beruhigte sich wieder. Im Nachhinein könnte ich nicht sagen, wie lange ich dort gestanden und ihr beim Schlafen zugesehen hatte.

Veronica

Warmer Sonnenschein auf meiner Haut weckte mich. Ich genoss die saubere weiße Bettdecke über mir und dachte, wie nett es von meiner Mom war, sie frisch zu beziehen. Zufrieden lächelte ich und kuschelte mich ein.

Meine Mom. Das war nicht möglich. Meine Mom war tot.

Ich schoss hoch, und mir wurde schwindlig. Mehrmals blinzelte ich, blickte mich um und schluckte die Panik herunter, die mir in die Kehle stieg, denn ich kannte dieses Zimmer nicht. Wo zur Hölle bin ich? Und was ist das für ein ekliger Gestank?

„Es wäre wirklich hilfreich, wenn du jetzt nicht panisch würdest“, murmelte ich und erschrak, weil mein Atem so entsetzlich roch. Den Mund geschlossen, atmete ich einige Male ein und aus, um mein rasendes Herz zu beruhigen.

Wenigstens hatte ich noch meine Sachen an, auch wenn die voller eingetrocknetem … Erbrochenen waren. Daher der Gestank. Das war ich! Oh mein Gott.

Ich konnte mich an alles erinnern, was gestern war, bis auf den Abend. Verschwommene Bilder waberten mir durch den Kopf, doch nichts Konkretes, das mir einen Anhaltspunkt geben könnte. Aus der Wohnung geworfen zu werden, weil ich die letzten zwei Monate die Miete nicht aufbringen konnte, war brutal gewesen. Die meisten meiner Sachen zurückzulassen war mir leichtgefallen, weil das meiste sowieso alt, billig und vom Flohmarkt war. Ich hatte nur meine guten Sachen und Erinnerungsstücke von meiner Mutter mitgenommen und im Schließfach auf dem Campus verstaut.

Zum ersten Mal in meinem Leben war ich nicht in den Club gegangen, um Drinks zu servieren oder Tische abzuwischen, sondern um mich zu betrinken. Es war meine Art, dem Leben den Stinkefinger zu zeigen. Ich vertrug nicht viel, also brauchte es nicht lange, bis ich sehr betrunken war.

Ich hatte schon immer zur Paranoia geneigt, daher schaute ich jetzt hastig auf meine Hände und stellte erleichtert fest, dass ich noch alle meine Finger hatte. Meine Beine steckten unter der weißen Decke, und ich fragte mich, ob sie nach wie vor an meinem Körper hingen. Ich wackelte mit den Zehen. Super, das funktionierte also weiterhin. Als Nächstes hob ich mein Kleid an, weil ich mich vergewissern wollte, dass ich keine frischen Wundnähte oder Schmerzen hatte. Jemand hätte meine Leber stehlen können, meine Nieren oder andere lebenswichtige Organe. Nachdem ich festgestellt hatte, dass sämtliche Körperteile intakt waren, sah ich mich genauer in dem Zimmer um.

Es als Zimmer zu bezeichnen erschien mir wie eine schamlose Untertreibung. Es war größer als meine ganze Wohnung und teuer und geschmackvoll eingerichtet. Ein breites Fenster mit schweren weißen Vorhängen nahm fast die ganze Wand rechts von mir ein und bot einen erstklassigen Blick auf die Stadt. Es musste ein hohes Gebäude sein, denn die Innenstadt wirkte von hier aus klein.

Hatte ich gestern Abend noch etwas anderes getan, außer mich zu betrinken? Wie zum Beispiel … oh Hilfe, mit einem Fremden geschlafen? Ich hob den Hintern und machte einige Beckenbodenübungen, als würden mir die verraten, ob ich noch Jungfrau war. Na ja, wund fühlte ich mich jedenfalls nicht. Erneut geriet ich in Panik …

„Tief einatmen, Veronica. Tief einatmen.“

Leise stieg ich aus dem Bett, und meine Füße versanken in einem weichen Teppich. Wem immer das hier gehören mochte, er musste steinreich sein, und ich hatte nicht vor, ihm zu begegnen. Was wäre, wenn er im großen Stil mit Drogen dealte? Wie sollte er sonst an so viel Kohle kommen? Oder vielleicht wollte er mich auch erst mal mästen, bevor er meine Organe stahl und verkaufte?

Krieg dich ein, blöde Nuss!

Ehe ich mich nach draußen schleichen konnte, entdeckte ich ein Badezimmer, das direkt von dem Raum abging, und ergriff meine Chance. Anschließend schlich ich mich vorsichtig zur Tür und linste hinaus. Trotz meiner Panik fiel mir auf, wie unglaublich hier alles war. Solche Apartments kannte ich bisher nur aus Hochglanzmagazinen. Alles sah elegant und modern aus. Teure Gemälde hingen an weißen Wänden, und ein riesiger Fernseher stand vor einer L-förmigen Couch. Unter meinen Füßen schimmerte ein Parkettboden.

Angesichts von so viel Luxus schnitt ich eine Grimasse.

Das Leben war unfair, schoss es mir durch den Kopf, während ich nach der Wohnungstür Ausschau hielt. Mir stockte allerdings der Atem, als ich in einem Bereich, bei dem es sich um die Küche handeln musste, jemanden entdeckte. Dieser Jemand hatte mir seinen nackten Rücken zugekehrt, und ich konnte erkennen, dass er groß und braun gebrannt war. Als er einen Arm bewegte, spannten sich seine gut definierten Muskeln an.

Wie eine Idiotin verharrte ich nervös und ängstlich auf der Stelle. Als hätte er meine Anwesenheit gespürt, drehte er sich plötzlich zu mir um, und seine Augen weiteten sich.

Das Gesicht kannte ich.

Caleb. Caleb Lockhart!

Oh nein, nicht er! Das durfte nicht wahr sein. Ich war in der Höhle der männlichen Campus-Schlampe aufgewacht!

Ein Stück Brot fiel ihm aus dem Mund, während er mich weiter angaffte. Seine bronzefarbenen Locken waren zerzaust und standen in alle Richtungen ab, als wäre er eben erst aufgestanden. Seine Brust und der Bauch waren sehr muskulös und sehr nackt. Vor ihm war ein Küchentresen, der in Höhe seiner Taille endete, sodass ich nicht erkennen konnte, ob er weiter unten etwas anhatte.

Lieber Gott, hoffentlich hat er unten herum etwas an.

Und dann grinste er. Als hätte er alle Zeit der Welt, ließ er seinen Blick von meinem Haar bis zu meinen Zehen und wieder zurück gleiten. Ich fühlte ein Kribbeln.

„Hey, Baby, du siehst aus, als hättest du eine wilde Nacht gehabt“, flüsterte er heiser.

Oh Gott!

„Haben wir … hast du …?“, stammelte ich und verschränkte meine Arme vorm Oberkörper, um meine Brust vor seinem lasziven Blick zu schützen.

Er zog eine Augenbraue hoch, während er darauf wartete, dass ich meine Frage beendete. Mein Mund war ausgetrocknet, und in meinem Kopf setzte ein unangenehmes Pochen ein. Ich sah nach unten zu meinen nackten Füßen und fragte mich, wo ich meine Schuhe gelassen hatte. Dämliche, dämliche Kuh.

„Sag es mir einfach.“

„Was genau soll ich dir sagen?“ Seine Augen funkelten amüsiert, und in seinen Wangen bildeten sich Grübchen. Er wusste ganz genau, was ich meinte, aber anscheinend hatte er Spaß daran, unschuldige Leute zu quälen. Idiot.

Als er einen Schritt vortrat, ging ich einen zurück und schrie: „Bleib weg von mir!“

Stirnrunzelnd hob er beide Hände. „Was ist denn in dich gefahren?“

Hektisch blickte ich mich nach etwas um, was ich als Waffe benutzen könnte. Falls er beschloss, mich anzugreifen. „Warum bin ich hier?“

„Erinnerst du dich nicht?“

Auf einmal wollte ich mir die Haare raufen. „An was soll ich mich erinnern?“

Seine Miene verfinsterte sich, als würde er an etwas Unangenehmes denken. „Irgendein Perversling hätte dich gestern Abend fast verschleppt und eventuell vergewaltigt. Ich habe dich gerettet.“

Mir klappte die Kinnlade runter.

„Und du hast mir den ganzen Wagen vollgekotzt.“ Er machte eine kurze Pause. „Zwei Mal.“

„Mich v…vergewaltigen?“ Meine Erinnerungen waren verschwommen, doch ich wusste noch, dass ich mich gegen die Annäherungsversuche von jemandem gewehrt hatte. Und wenn er das gewesen war?

Er nickte und starrte mich immer noch sehr eindringlich an. Irgendwas am Blick seiner grünen Augen weckte die Erinnerung an eine tiefe Männerstimme, die murmelte, Ich suche schon mein ganzes Leben nach dir … Ich schüttelte den Kopf, um sie zu vertreiben, und funkelte ihn wütend an. „Woher soll ich wissen, dass du nicht dieser Kerl warst?“

„Oh bitte“, sagte er und verdrehte die Augen. „Ich muss kein Mädchen zwingen, mit mir zu schlafen.“

Er lehnte sich an die Arbeitsplatte, verschränkte die Arme vor seiner eindrucksvollen Brust und legte den Kopf schräg. Sein Bizeps spannte sich an, die Muskeln traten vor. Unverhohlen musterte er mich weiter.

„Danke“, meinte ich leise, blieb jedoch misstrauisch. Wenn man in einer rauen Gegend aufwuchs, wurde Misstrauen zur Normalität. Da war ich nicht anders als andere. „Ich weiß gar nichts mehr von gestern Abend.“

„Du warst betrunken“, half er mir auf die Sprünge.

„Ja, an den Teil erinnere ich mich.“

„Und du bist nicht verkatert?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Erstaunlich“, bemerkte er beeindruckt.

„Hör mal, wenn es dir nichts ausmacht, gib mir meine Schuhe, und ich verziehe mich.“

„Nicht so schnell.“

„Was?“ Fünf Schritte entfernt stand eine Tischlampe, die ich notfalls als Waffe benutzen konnte.

„Du hast mir meinen Wagen vollgekotzt, und ich habe den erst vor wenigen Wochen bekommen.“

Oh. Ich biss mir auf die Unterlippe. „Ist dein Dad nicht reich?“ Ich deutete mit einer ausholenden Geste auf die luxuriöse Einrichtung um uns herum. „Kannst du den nicht einfach von jemandem reinigen lassen?“

Er zog die Augenbrauen hoch. „Also willst du, dass jemand anders deinen Dreck wegmacht?“

Ich biss die Zähne zusammen. „Was willst du von mir?“

Er hockte sich auf den Tresen, sodass ich seinen Körper in voller Pracht sah. Ich schluckte. Wenigstens hatte er eine Jogginghose an.

„Kannst du denn irgendwohin, wenn du jetzt abhaust?“ Auf der Arbeitsplatte neben ihm stand ein Obstkorb voller Äpfel. Er griff nach einem. Was für ein Glück er hatte, jederzeit Essen in Reichweite zu haben, wenn er es wollte. Er brauchte nicht zu fürchten, dass er hungern musste … oder obdachlos wurde.

„Was ist das denn für eine Frage? Natürlich nach Hause.“ Wo zu Hause war, konnte ich nicht sagen, aber das wusste er ja nicht.

Er schmiss den Apfel hoch, fing ihn auf und warf ihn erneut in die Luft. „Und wo ist das?“

Mein Magen grummelte leise vor Hunger. „Das geht dich nichts an.“

„Tja, ich habe dir das Leben gerettet. Und ich glaube ans Energiesparen, also will ich nur sicher sein, dass du meine Energie nicht verschwendest. Gestern Abend habe ich dich gefragt, wo du wohnst, und du hast mir erzählt, dass du obdachlos bist. Ehrlich, im Moment siehst du aus, als hätte dir gerade jemand deinen letzten Dollar geklaut.“

Vor Schreck riss ich den Mund auf.

„Du hast mich verstanden“, erwiderte er, legte den Apfel zurück in den Korb und verschränkte erneut die Arme. Führte er mir absichtlich seine Muskeln vor?

„Warum interessiert dich das?“, hakte ich nach.

Es dauerte einen Moment, ehe er antwortete: „Kannst du wirklich irgendwohin?“ Sein sanfter, mitfühlender Tonfall machte mich fertig. Ich fühlte, wie mir die Tränen kamen. Und ich sah ihm an, dass es ihm unangenehm war. Er sprang vom Tresen, schritt zum Kühlschrank und öffnete ihn.

„Hier“, meinte er leise und reichte mir eine Wasserflasche. Ich wollte mich bedanken, traute meiner Stimme allerdings nicht. Als ich aufblickte, wich er vor mir zurück. „Dir ist bewusst, dass du stinkst, oder?“

Ich lachte. Ich musste so sehr lachen, dass ich mich auf den Boden hocken musste, damit ich nicht auf die Nase fiel. Und dann fing ich an zu weinen. Er musste mich für irre halten.

„Wieso bleibst du nicht ein bisschen, bis du eine Wohnung gefunden hast?“

Ich war so schockiert, dass ich ihn nur stumm anstarren konnte. Er zuckte mit den Schultern. „Ich erkenne es, wenn Leute am Ende ihrer Kräfte sind.“

Am Ende ihrer Kräfte? Ich wurde wütend. Ich hasste es, zu jemandem hochschauen zu müssen, wenn ich mit ihm sprach; deshalb stand ich wieder auf. Er war immer noch deutlich größer, und das ließ mich erst recht sauer werden. „Hör mal, ich mag obdachlos sein, doch ich will deine Almosen nicht.“

„Wohin willst du sonst? In ein Obdachlosenasyl? Pass auf.“ Er hielt ein Finger vor mein Gesicht. „Erstens, ich lebe allein, also hast du hier nur das Vergnügen meiner Gesellschaft. Zweitens“, er hob einen zweiten Finger, „bist du hier allemal sicherer, weil du mich hast, der dich beschützt. Und drittens“, er nahm einen dritten Finger hinzu, „Bingo! Du kannst hier umsonst wohnen.“

Ich wurde skeptisch. Das klang zu schön, um wahr zu sein. „Warum hilfst du mir?“ Das Leben hatte mir schon oft genug einen Schlag verpasst, daher wusste ich, dass es nichts umsonst gab. Caleb öffnete den Mund, doch es kam kein Ton heraus. Schließlich schüttelte er den Kopf. „Keine Ahnung.“

Mit Caleb Lockhart zusammenwohnen. In dieser riesigen Wohnung. Umsonst. Oder alternativ zum Obdachlosenheim gehen oder auf der Straße leben. „Ich werde nicht deine Hausnutte.“

Er wirkte gekränkt. „Kleines, eine Prostituierte werde ich nie brauchen. Hast du diesen Körper gesehen? Glaubst du ehrlich, dass ich für Sex Geld hinblättern muss? Außerdem“, fügte er grinsend hinzu, „falls du dich dazu entschließen solltest, mit mir zu schlafen, wirst du mich bezahlen.“

Wow. Von seinem gewaltigen Ego müsste er eigentlich permanent Kopfweh haben. Ich sah ihn angewidert an und gab vor zu gähnen. „Alles, was du sagst, klingt unglaublich spannend. Ich verstehe gar nicht, warum ich die ganze Zeit gähnen muss.“

Seine grünen Augen wurden größer, und er blickte mich eindringlich an. Diesmal habe ich ihn wohl richtig auf die Palme gebracht, dachte ich, doch dann passierte etwas völlig Unerwartetes. Er fing an zu lachen. „Du gefällst mir“, sagte er. „Ich meine, du siehst ja echt hammermäßig aus, aber ich hätte nicht gedacht, dass das tiefer geht.“

Hatte er mich gerade beleidigt?

„Ich biete dir einen Ausweg aus deiner Notlage an. Warum greifst du nicht zu?“ Er hielt sich mit zwei Fingern die Nase zu. „Und kannst du bitte duschen gehen? Du magst ja umwerfend sein, doch ich verbringe meine Zeit nicht mit jemandem, der nach Kloake riecht.“

Ich schnaubte. Natürlich hatte er recht. Ich musste richtig, wirklich schlimm, stinken. Aber … „Und was willst du als Gegenleistung?“

„Nicht jeder will was von dir“, antwortete er ernst.

„Ach, glaubst du das wirklich?“ Ich lachte verbittert. „Jeder will was von einem, auf die eine oder andere Art. Hast du das noch nicht kapiert?“

Er legte den Kopf schräg und schaute mich einen Moment lang nachdenklich an. Ich fragte mich, was er sah. Durch mein Äußeres, meine Figur, wirkte ich auf andere oft so, als wäre ich auf Spaß aus. Sie hatten ja keine Ahnung, dass das nun wirklich das Letzte war, was ich wollte. Das Allerletzte. Ich war viel zu sehr damit beschäftigt, zu überleben und mir meine nächste Mahlzeit zu erarbeiten, um an so was wie Vergnügen auch nur zu denken. Der gestrige Abend war eine Ausnahme gewesen. Total unnormal für mich.

„Ich könnte putzen“, bot ich an. Tat ich das hier wirklich? Warum nicht? Die Welt hatte mir schon lange keine Freikarte mehr geschenkt. Ich war überfällig für eine.

„Ich habe schon dreimal die Woche eine Putzkraft“, antwortete er.

„Ich kann kochen.“

Er runzelte die Stirn. „Mach dich nicht über mich lustig. Das ist nicht nett.“

Ich verdrehte die Augen.

„Kannst du ehrlich kochen?“ Er sah wie ein kleiner Junge aus, der den letzten Keks ganz unten in der Dose entdeckt hatte.

„Ja.“

„Abgemacht!“

Das war zu einfach. „Du hast gesagt, dass du allein wohnst, aber wie kannst du dir so eine Wohnung leisten?“

Die Frage machte ihn sichtlich verlegen. Ich hoffte, dass er nicht dachte, ich wollte herausfinden, wie viel er auf der Bank hatte. Dass ich eine Goldgräberin war. Doch wie sollte er das nicht denken? Schließlich kannte er mich gar nicht.

„Hör mal“, presste ich zischend hervor, denn es ärgerte mich, wenn jemand an meinen moralischen Grundsätzen zweifelte. Ich mochte arm sein, aber ich war keine Schmarotzerin. Meine Hände waren der Beweis, wie schwer ich arbeitete, und darauf war ich stolz. Noch ein Jahr, dann würde ich meinen Abschluss in der Tasche haben. Ich hatte hart geschuftet, um mir ein besseres Leben zu ermöglichen. Viel hatte ich nie gebraucht; ein regelmäßiger Job, ein einfaches Zuhause und ein verlässlicher Wagen waren mehr als genug, damit ich glücklich war. Und ich wollte nie wieder hungern. Diese Ziele würde ich auch ohne die Hilfe von irgendwem erreichen. „Ich war bloß neugierig. Falls du denkst, dass ich eine Goldgräberin bin …“

Er hob eine Hand. „Kannst du bitte aufhören, mir Worte in den Mund zu legen? Glaubst du wirklich, dass ich dieses Leben will? Das … das.“ Er deutete auf den Raum. „Glaubst du, das macht mich glücklich?“ Seine Gesichtszüge hatten sich verhärtet, und seine Hände waren zu Fäusten geballt. Ich verstummte. Wir beide standen verlegen da, doch nach ein paar Sekunden zog er die Augenbrauen hoch, als sei nichts gewesen. „Weißt du was, ich kann meine Collegesachen erledigen, während du mir heute Abend was kochst.“

Der Moment unvermuteter … Verwundbarkeit, oder was immer es auch gewesen sein mochte, war wieder vorbei.

„Warte mal“, meinte er. „Ich kenn nicht mal deinen Namen.“

„Veronica Strafford.“

„Ich bin Caleb Lockhart.“

Ich erwiderte sein Lächeln nicht und verriet ihm auch nicht, dass ich schon wusste, wer er war. Wer denn nicht? Sicher kannte ihn auf unserem Campus jeder.

„Auf welchem College bist du?“, fragte er.

„Mich hier wohnen zu lassen heißt nicht, dass ich mein Inneres vor dir ausbreiten muss, oder?“

„Genau genommen hast du das schon. In meinem Wagen, schon vergessen?“, erinnerte er mich trocken. „Bitte, geh duschen. Und leih dir gern frische Klamotten von mir. Du darfst dich sogar“, meinte er grinsend, „bei meiner Unterwäsche bedienen.“

Ich schnaubte. Wir beiden standen uns gegenüber, unsicher und in unsere jeweiligen Gedanken versunken. Tat ich das Richtige, indem ich hierblieb? Wohin sollte ich sonst?

„Du kannst in dem Zimmer wohnen, in dem du letzte Nacht geschlafen hast. Es hat ein eigenes Bad.“ Er ging hinter den Tresen, auf Abstand zu mir. „Ich haue gleich ab. Fühl dich ganz wie zu Hause.“

Ich nickte. Es kam mir komisch vor. War das hier tatsächlich gratis? Wie konnte er mich in seinem Apartment allein lassen, wenn er mich überhaupt nicht kannte? Er konnte unmöglich sicher sein, dass ich ihn nicht komplett ausraubte.

„Danke. Ich …“ Ich stockte. „Danke“, wiederholte ich. Und ich meinte es ernst.

Er nickte. Ich wandte mich von ihm ab und nagte an meiner Unterlippe. Wo zum Teufel war noch mal das Zimmer? Ich schaute erst nach links, dann nach rechts. Seine Wohnung war riesig, und ich war in Panik gewesen, als ich den Raum verlassen hatte.

„Gibt’s ein Problem?“, fragte er hinter mir.

Ich zuckte zusammen und drehte mich um. „Ich … ich habe vergessen, wo das Zimmer ist. Sag es mir einfach, und dann mache ich einen Bogen um dich.“ Ich merkte, wie ich rot wurde.

Als er nicht antwortete, blickte ich auf und sah, wie er mich lächelnd anstarrte.

„Was?“, fragte ich.

„Mann, ganz schön feindselig, was?“ Er lief an mir vorbei. „Folge mir.“

Ich ging ihm nach und bemühte mich, nicht allzu sehr auf seinen Körper zu glotzen. Fast hätte ich aufgeheult, sowie er sich plötzlich umdrehte, mir zuzwinkerte und sagte: „Willkommen in meinem Apartment, Red. Ich hoffe, du genießt deinen Aufenthalt.“

2. Kapitel

Caleb

Mädchen waren meine Schwachstelle.

Das wusste ich, aber noch nie hatte ich für ein Mädchen meine Regeln gebrochen.

Bis gestern Abend.

Schweiß rann über mein Gesicht, während ich den Ball mit beiden Händen hielt, die Arme reckte und meinen Wurf ausführte. Ich fluchte vor mich hin, denn ich verpatzte es zum zweiten Mal.

Was dachte ich mir denn nur dabei?

Ich hatte schon beschlossen, ihr Geld zu geben, damit sie sich etwas Eigenes mieten könnte, doch als ich sie heute Morgen sah, den Trotz in ihren dunklen Augen, vor allem aber die Traurigkeit, die sie verbergen wollte, lösten sich meine Vorsätze in Rauch auf.

Ich fing das saubere Handtuch, das Cameron mir auf dem Weg zurück zur Umkleide zuschmiss, und wischte mir damit das Gesicht ab. Das Training war brutal hart gewesen, und ich war abgelenkt.

Justin überholte mich und lief rückwärts vor mir her. „Hat deine Mommy heute Morgen vergessen, dich zu stillen, Lockhart? Du hast grottenschlecht gespielt, Alter.“

Ich schleuderte ihm das Handtuch ins Gesicht.

„Wohin bist du gestern Abend verschwunden?“, fragte Cameron. Er achtete nicht auf Justins Gemecker.

„Ja, ich habe gesehen, wie du mit diesem scharfen Teil im Club geredet hast. Bist du zum Schuss gekommen?“

Warum wollte ich ihm eine verpassen? Justin redete dauernd wie eine menschgewordene Müllhalde. Das hatte mich nie gestört. Doch ich mochte es überhaupt nicht, wenn er so über sie sprach.

Ich zog mein durchgeschwitztes Trikot aus, knüllte es zusammen und warf es ohne jeden Anflug von Reue in Justins Gesicht.

„Hey, was soll das, du Sack?“

Cameron lachte, wurde jedoch ernst, als er mich ansah. Ich fand schon immer, dass er die unheimlichsten blauen Augen hatte, die ich je bei einem Menschen gesehen hatte.

„Alles gut?“, fragte er.

Ich öffnete meinen Spind, griff mir meine Tasche und hockte mich auf die Bank, um nach einem sauberen Shirt und Jeans zu suchen.

„Klar. Ich muss mich nur mal flachlegen lassen.“

Justin schnaubte. „Als hättest du auf dem Gebiet ein Problem.“

Wenn er wüsste, was für eine heftige Abfuhr ich gestern Abend kassiert hatte, würde er sich schlapplachen.

Ich war auf dem Weg zu den Duschen, als auf meinem Handy eine Textnachricht einging.

SANDRA BODELLI: Hey, Hübscher. Willst du rüberkommen? Meine Mitbewohnerin ist heute Abend weg.

Ich stutzte. „Wer ist Sandra Bodelli?“

Justin trat hinter mich und schaute auf mein Telefon. „Verdammt, hast du ein Schwein, Cal! Weißt du nicht mehr? Das Mädchen aus Ingenieurwissenschaft, das letzte Woche beim Training war?“

Verständnislos starrte ich ihn an.

Und er schüttelte den Kopf. „Wie kannst du die vergessen haben? Sie hat ihre Nummer in dein Telefon eingetippt. Blond, große Augen“, hier wölbte er die Hände vor der Brust, „super Arsch etc.?“

Ich zuckte mit den Schultern. „Meinetwegen.“

Justin lachte wie ein Irrer. Ich ignorierte ihn und schickte einen Text an Sandra, dass ich sie in einer Stunde treffen würde.

Heute Abend würde ich Red vergessen.

Leicht betrunken und abgekämpft, stolperte ich um zwei Uhr morgens zurück nach Hause. Es war dunkel, aber ich machte kein Licht an, als ich mich direkt im Wohnzimmer auszog.

Ich öffnete den Kühlschrank, nahm den Orangensaft heraus, holte mir – weil ich mal wieder die Stimme meiner Mutter im Kopf hörte, dass ich nicht direkt aus der Packung trinken soll – ein Glas aus dem Schrank und schenkte mir etwas ein. Nach drei Gläsern stieß ich laut auf.

Dann steuerte ich mein Schlafzimmer an, bereit, sofort aufs Bett zu fallen und einzuschlafen.

„Aua! Was soll das denn?“

Die Lichter gingen an und blendeten mich, während ich mich vor Schmerz auf dem Fußboden krümmte.

„Oh mein Gott!“, schrie Red und hielt sich die Augen zu. „Du bist nackt!“

„Was zur Hölle machst du denn?“, brüllte ich und warf ihr einen vernichtenden Blick zu. Sie hatte meinen Baseballschläger mit beiden Händen gepackt.

Wusste ich es doch! Sie war eine Mörderin, eine Profikillerin, die von irgendeinem Psycho auf mich angesetzt worden war.

„Tut mir leid! Ich dachte, du bist ein Einbrecher!“, schrie sie.

Ein Einbrecher? In meiner eigenen Wohnung?

Alles tat mir weh: mein Kopf, mein Rücken, meine Arme, meine Beine. Ich rollte mich auf dem kalten Boden auf den Bauch.

„Leg lieber den Schläger hin, denn sonst, das schwöre ich, versohle ich dir den Hintern“, drohte ich. Sie musste meine Warnung nicht ernst genommen haben, denn ich hörte, wie sie herumwuselte. Einen Moment später landete ein Stück Stoff auf meinem nackten Arsch. Sicher würde ich das witzig finden, wenn erst mal der Schmerz verklungen war.

Ich fühlte, wie sie sich neben mich kniete und in meinen Nacken atmete. „Entschuldige, Caleb. Ich dachte ehrlich … hey, alles in Ordnung?“

Als sie mir eine Hand auf die Schulter legte, zuckte ich zusammen. Sofort zog sie die Hand wieder weg. Dabei war es nicht so, dass mich ihre Berührung störte. Sie fühlte sich viel zu verflucht gut an.

„Sehe ich so aus?“, fragte ich schroffer als beabsichtigt. „Wieso erschießt du mich nicht einfach? Dann hast du es hinter dir.“

Ich konnte förmlich spüren, wie mir ihr wütender Blick Löcher in den Kopf bohrte. „Hättest du das Licht angemacht wie ein normaler Mensch, hätte ich dich nicht geschlagen.“

Ich brachte noch genug Kraft auf, um den Kopf zu heben und sie stirnrunzelnd anzublicken, doch kaum sah ich, was sie anhatte, vergaß ich vollkommen, dass ich wütend war. Sie trug ein sehr großes weißes Shirt, auf dem vorn das Bild einer fetten orangefarbenen Katze mit einer Margarita in der Pfote prangte.

„Woher hast du die fette Katze?“, fragte ich und konnte mir das Grinsen nicht verkneifen.

Sie blinzelte. „Was?“

„Ich glaube nicht, dass das mein Shirt ist.“ Ich stockte. „Oder?“

„Wahrscheinlich würdest du dir einiges von meinem Respekt verdienen, wenn es so wäre, aber nein. Ich hatte es mit einigen anderen Sachen im Schließfach auf dem Campus, und die habe ich heute geholt, während du weg warst.“

Irgendwas war doch bei mir nicht richtig, denn Sandra in ihren Dessous hatte mich kein bisschen erregt. Reds unförmiges Shirt tat es aber schon. Oder vielleicht lag es nur an ihr. Ich hatte mir eine lahme Ausrede ausdenken müssen, um bei Sandra abzuhauen, und am Ende den Abend mit Cameron verbracht und getrunken.

„Warum lächelst du jetzt? Mit deinem Kopf stimmt was nicht, oder?“

Lächelte ich? Das hatte ich gar nicht gemerkt. Ich legte die Wange auf den Boden, schloss die Augen und atmete ihren Duft ein. Ich konnte das Erdbeershampoo riechen, das sie benutzt hatte.

Und ich entschied, dass Erdbeeren von jetzt an mein Lieblingsobst sein würden.

Sie saß immer noch neben mir, nahe genug, dass ich nach ihr greifen und sie auf mich ziehen könnte. Etwas sagte mir, dass mir das einen Tritt in die Eier einbringen würde, also blieb ich, wo ich war, und inhalierte ihren Duft zufrieden.

„Es tut mir leid, Caleb“, murmelte sie nach einer Weile.

Mein Gott, diese Frau würde noch mein Tod sein! Mal fauchte sie mich an wie ein verwundeter Tiger, dann wieder war sie sanft und süß wie ein kleines Kätzchen.

„Schon gut, Red. Ich denke, ich habe noch ein paar Gliedmaßen übrig, die du misshandeln kannst. Aber bitte nicht mehr heute Nacht, einverstanden?“

Um des Effekts willen wackelte ich mit den Fingern und Füßen, doch es kam keine Reaktion von ihr.

Sie winkelte die Beine an, lehnte ihr Kinn auf ein Knie, und eine dunkle Haarsträhne fiel ihr in die Stirn. Ich hätte sie ihr zu gern hinters Ohr gestrichen.

„Wieso nennst du mich so? Falls es dir noch nicht aufgefallen ist: Mein Haar ist dunkel.“

Meine Lider wurden schwer, und ich wollte sie schon zufallen lassen, als ich ihre Zehennägel bemerkte. Sie waren in einem sexy Rot lackiert. Und sie fragte sich, warum ich sie „Red“ nannte?

„Weil du gestern Abend dieses scharfe rote Kleid anhattest. Und wegen deiner Lippen. Bei deinem Mund denke ich an … Nein, ich glaube nicht, dass du hören willst, woran ich denke.“

Sie ignorierte meine Bemerkung und stand auf.

„Es ist spät. Brauchst du Hilfe, um in dein Zimmer zu kommen?“ Es klang, als wollte sie ein Nein hören.

„Du weißt, dass ich nackt bin, oder?“ Ich blickte zu ihr auf, und sie starrte mich wütend an. „Dieses Handtuch, mit dem du meinen Hintern bedeckt hast, ist nicht groß genug, um das zu verhüllen, was vorn ist.“

Was hatte ich da gerade gesagt? Ich rechnete fest damit, dass sie erbost davonstampfen würde, doch sie überraschte mich dadurch, dass sie loslachte. Es war ein lautes, freches Lachen und so ungehemmt, dass ich grinsen musste. Ich wollte, dass sie weiterlachte. Allerdings war ich so fertig, dass mir nichts einfiel, womit ich sie wieder zum Lachen bringen könnte.

„Ich kann dir jederzeit einen Leichensack besorgen“, bot sie an. Ich konnte an ihrer Stimme hören, dass sie grinste.

„Du bist unheimlich“, meinte ich.

„Nicht so unheimlich wie du.“

Ich schloss die Augen, immer noch idiotisch lächelnd. „Flirtest du jetzt mit mir, Red?“

Falls sie antwortete, verpasste ich es, denn das Nächste, was ich mitkriegte, war, wie ich zum Duft gebratenen Bacons aufwachte. Ich war nach wie vor auf dem Boden, doch sie hatte mir ein Kissen unter den Kopf geschoben und mich zugedeckt.

Groggy setzte ich mich auf und stellte fest, dass meine Sachen von gestern nicht mehr auf dem Boden verteilt lagen. Sie musste alles eingesammelt haben, während ich schlief. Ich ging in die Küche und entdeckte sie am Herd.

Wohlige Wärme breitete sich in meiner Brust aus. Sie machte Frühstück.

Für mich.

Ich musste mich daran erinnern, dass sie bloß ihren Teil des Deals erfüllte. Dennoch war ich glücklich darüber.

Ich lehnte mich an die Wand und genoss den Anblick. Es hatte etwas Süßes und Heimeliges, einem Mädchen zuzusehen, das einem Frühstück zubereitete. Die Gerüche, die Geräusche … das Mädchen.

Ihr Haar hatte sie zu einem unordentlichen Knoten hochgebunden, aus dem sich einzelne Strähnen lösten und auf ihrem zarten Hals kräuselten. Die Eleganz und Geschmeidigkeit ihrer Bewegungen erinnerten mich daran, was für eine fantastische Tänzerin sie war.

„Hallo, Fremde“, begrüßte ich sie, als sie sich umdrehte.

Sie quiekte erschrocken auf und ließ beinahe den Teller fallen.

„Bist du morgens immer so schreckhaft?“

Halbherzig lächelte sie. Vermutlich steckte hinter ihrer Reaktion mehr, als sie mir zeigen wollte, doch ich ließ es gut sein.

„Wieso ziehst du dich nicht an, dann kannst du frühstücken?“, schlug sie vor.

Ich bohrte meine Zunge in die Innenseite einer Wange. „Meinst du, mich ausziehen und dich zum Frühstück vernaschen?“

Manchmal fragte ich mich, ob meine Mutter mich als Säugling mal so hatte fallen lassen, dass ich auf dem Kopf gelandet war. Sogar ich selbst fand, dass ich mir den Mund öfter mit Seife auswaschen sollte, bei dem Dreck, der da rauskam. Doch Red musste sich allmählich an mich gewöhnen, denn sie schüttelte nur den Kopf.

Ich ging in mein Schlafzimmer, putzte mir die Zähne und stieg in meine Jeans. Als ich wieder zurückkam, balancierte sie zwei Teller auf einem Arm. Wie machte sie das bloß?

Während ich ihr zusah, wie sie fachmännisch die Teller auf den Tresen stellte, setzte ich mich hin.

„Drei von vier Fächern in deinem Kühlschrank sind voll mit Orangensaft“, bemerkte sie, wobei sie fragend die Brauen hochzog.

„Klar. Hast du erraten, dass ich das Zeug hasse? Wo hast du Kochen gelernt?“

Es verstrich ein Moment, ehe sie antwortete: „Als ich klein war, hatte meine Mom drei Jobs, also war ich oft allein. Ich musste entweder Kochen lernen oder für den Rest meines Lebens Erdnussbutterbrote essen.“

Ich dachte kurz nach. „Magst du Erdnussbutter?“

Etwas an ihrem Lächeln weckte eine Erinnerung, doch die war wieder fort, bevor ich sie einfangen konnte. „Mein Lieblingsessen.“

„Okay, ich besorge welche.“

„Das musst du nicht“, sagte sie sofort.

„Weiß ich.“ Und weil mir klar war, dass sie auch widersprechen würde, wenn ich behauptete, Gras sei grün, wechselte ich das Thema. „Hey, ich habe eine Idee, wie diese Mahlzeit richtig nett sein kann.“

Sie sah mich etwas skeptisch an, während sie mir ein Glas Orangensaft hinstellte.

„Kennst du diese französischen Zimmermädchen-Kostüme?“, fuhr ich fort und tat mir Eier, Bacon und Toast auf. „Kurzer schwarzer Rock, weiße Schürze, Spitzenhaarband? Natürlich brauchst du noch weiße Strümpfe und hohe Schuhe. Oui, Monsieur Lockhart, isch ole es Ihnön. Oui, Monsieur Lockhart, Sie säen eute fantastique aus. Fantastique.

„Ich hätte da mal eine Frage“, begann sie, stand vor mir und stemmte die Hände in die Hüften. „Was genau willst du eigentlich mal werden, wenn du groß bist?“

Mit diesen Worten drehte sie sich um und rauschte davon.

Was hatte ich denn jetzt schon wieder angestellt?

Ratlos legte ich meine Gabel hin, lehnte mich auf dem Stuhl zurück und rieb mir das Gesicht.

Ich wollte, dass sie mit mir frühstückt.

Ich wollte ihre Gesellschaft.

Was zum Teufel passierte mit mir?

Ich kam mir vor wie ein Hund, der um Aufmerksamkeit bettelte.

Ich war Caleb Lockhart. Ich bettelte nie um die Aufmerksamkeit eines Mädchens. Die Mädchen waren es, die sich um mich scharten und meine Gesellschaft wollten.

Mir wurde klar, dass ich verwöhnt und dieses Mädchen sehr, sehr anders war.

Wie es schien, ging mein Wunsch doch noch in Erfüllung.

Veronica

Mein Herz pochte wie verrückt, als ich die Zimmertür hinter mir abschloss. Die Hand noch am Türknauf, presste ich die Stirn gegen das Holz und senkte die Lider.

Musste Caleb die ganze Zeit halb nackt herumlaufen?

Der Typ war ein wandelndes Werbeplakat. Und es war schwer vorzutäuschen, dass er keinerlei Wirkung auf mich hatte. Früher oder später würde er mich durchschauen.

Caleb umgab eine Aura entspannten Selbstvertrauens. Er war sich seiner Wirkung auf das weibliche Geschlecht allzu bewusst und fühlte sich sehr wohl damit. Er war genau der Typ Mann, von dem ich mich normalerweise fernhielt.

Was für eine Ironie des Schicksals, dass ich neuerdings mit ihm unter einem Dach wohnte!

Ich stemmte mich von der Tür ab und schaute auf meine Uhr. Die Campus-Bibliothek öffnete jetzt. Ich wollte dort den Computer benutzen, um mich online für Jobs zu bewerben und meinen Lebenslauf auszudrucken, damit ich ihn an so viele Firmen in der Innenstadt wie möglich schicken konnte. Das hatte ich bereits einige Male getan, leider erfolglos, doch ich musste es weiter versuchen.

Die Wirtschaft in Green Pine, Manitoba, hatte sich noch nicht ganz von der Rezession erholt. Es war schwerer denn je, Jobs zu finden, vor allem solche, die sich nicht mit meinen Seminaren überschnitten. Inzwischen wusste ich nicht mal mehr, ob ich es mir leisten könnte, mein Studium zu beenden.

Vielleicht wurde es Zeit, dass ich in eine andere Gegend zog, wo es reichlich Arbeitsstellen gab, doch ich mochte die Seenlandschaft von Manitoba so sehr, schätzte die freundliche Atmosphäre kleiner Städte, die Vielzahl an unterschiedlichen Kulturen und Gebräuchen. Außerdem war es ja nicht so, als könnte ich mir schon wieder einen Umzug leisten.

Wo ich wohl wäre, wenn Caleb mir nicht angeboten hätte, bei ihm zu wohnen? Ich schuldete ihm einiges, und ich würde einen Weg finden, es wiedergutzumachen. Irgendwie.

Ich sammelte meine Bücher zusammen und öffnete die Nachtischschublade, um sie dort zu verstauen.

Unwillkürlich schrie ich auf. Die Schublade war zum Bersten voll mit Kondomen!

Gütiger Himmel! War das hier etwa das Zimmer, in dem Lockhart mit seinen Groupies schlief? Ich konnte nur hoffen, dass er die Bettwäsche gewechselt hatte. Und wenn nicht? Iiih! Eilig zog ich das Bettzeug ab und nahm mir vor, es später zu waschen. Vielleicht sollte ich gleich das ganze Zimmer desinfizieren.

Dann duschte ich und machte mich fertig für den Tag. Mein Haar war noch feucht, als ich das Zimmer verließ und mit einem sehr festen und nassen Körper kollidierte.

„Aua!“, schrie ich und rieb mir die Stirn.

„Hey, Red.“

Ich blickte auf und war sprachlos.

Caleb hatte mal wieder einen nackten Oberkörper, und seine unglaublich muskulöse Brust glänzte vor Schweiß. Mit den Händen hielt er die Enden eines weißen Handtuchs, das um seinen Nacken hing. Er hatte Pflaster an den Fingern, und ich konnte Abschürfungen an seinen Händen sehen.

Trainierte er jeden Tag?

„Willst du irgendwohin?“, fragte er. Seine grünen Augen blitzten, als hätte er etwas vor.

Ich räusperte mich, nickte und weigerte mich, tiefer als bis zu seinem Hals zu sehen. „Arbeiten.“

„Ah, verstehe.“ Er schwieg kurz. „Immerzu ernst.“

Die Hitze, die sein Körper ausstrahlte, machte mir zu schaffen. Sehr sogar. Und die Art, wie er mich anschaute, half nicht wirklich. Ich trat einen Schritt zurück.

Da war ein herausforderndes Funkeln in seinem Blick, als er fragte: „Willst du mal was sehen?“

Misstrauisch schaute ich ihn an. „Eigentlich nicht.“

Sein Lächeln wurde breiter, dann streckte er die Arme zu beiden Seiten weg und spannte seine eindrucksvollen Bizepse an. Die Linien und Wölbungen seiner Muskeln waren fest, seine Haut war gebräunt und straff.

„Pass mal auf.“ Mit noch so einem Grinsen drehte er sich zur Seite, sodass ich freien Blick auf seinen Po hatte. Der war ohne Frage rund und knackig und … Dies hier lief definitiv aus dem Ruder.

„Achte auf meinen Hintern“, sagte er augenzwinkernd. „Ich lasse ihn tanzen, nur für dich. Pass gut auf. Den besten Teil habe ich dir noch gar nicht gezeigt.“

Er fing an, seine Brustmuskeln zu bewegen. Es sah aus, als wären da kleine Käfer unter seiner Haut. Im Grunde unheimlich. Ich fing so heftig an zu lachen, dass ich mir die Arme um den Bauch schlingen musste. Der Typ war verrückt!

„Was meinst du, Kleines? Ich hab’s doch, hmm? Ich hab’s echt richtig drauf.“

Ich schüttelte den Kopf. „Das Einzige, was du für dich als Pluspunkt aufführen kannst, ist, dass dich noch keiner für den Zoo ausgesucht hat. Dein Gehege wartet schon. Sicher kannst du dich da dann unter deiner Spezies chic zur Schau stellen.“

Er klimperte mit den Wimpern. „Du würdest bezahlen, um mich zu sehen. Gib’s zu. Na los, Red!“ Plötzlich wurde er ernst und fragte mich mit leiser, tiefer Stimme: „Willst du einen Striptease?“

Wir zuckten beide zusammen, als seine Gegensprechanlage laut summte.

Er rieb sich übers Gesicht und murmelte: „Verflucht! Ich hatte vergessen, dass ich heute mit meiner Mutter zu einer Wohltätigkeitsveranstaltung muss. Kannst du dich bitte ein paar Minuten in deinem Zimmer verstecken? Und sei bitte richtig, richtig still.“

„Angst vor deiner Mommy?“

„Na, und ob! Es könnte auch komisch werden zu erklären, warum du hier bei mir wohnst. Gib mir nur einige Minuten. Eine halbe Stunde höchstens, dann kannst du weg.“

Wenn seine Mom nicht wollte, dass ich hier bei ihm war, sollte ich mir lieber so schnell wie möglich eine andere Bleibe suchen. Ich musste noch heute einen Job finden.

Mir entfuhr ein frustrierter Seufzer. „Ich muss weg, Caleb. Ich habe heute eine Menge zu erledigen. Und ich kann sagen, dass ich die Putzhilfe bin.“

„Nein! Du hast ja nicht mal einen Besen bei dir. Vertrau mir, ich werde sie so schnell los, wie ich kann. Dann kannst du los.“

„Na gut.“

Ich lauschte auf die Geräusche vor der Tür und hörte die sanfte Stimme einer älteren Frau, gefolgt von Calebs tieferer. Zwanzig Minuten später wurde leise an meine Tür geklopft.

Vorsichtig blieb ich, wo ich war, und wartete. Langsam öffnete sich die Tür. „Red?“

Ich ging hin, blieb allerdings hinter der Tür. „Ich bin hier“, murmelte ich.

„Ich muss weg. Also … bis heute Abend?“

Wir standen auf beiden Seiten der Tür und flüsterten wie Kinder, die ein gemeinsames Geheimnis hatten.

„Klar“, antwortete ich.

„Wirst du mich vermissen?“

Ich stockte. „Sicher doch, Caleb.“

Er räusperte sich. „Bis später, Red“, sagte er leise und machte die Tür zu.

„Bis später, Caleb“, flüsterte ich ins Nichts.

3. Kapitel

Veronica

Den Rest des Vormittags verbrachte ich in der Bibliothek damit, mich online für Jobs zu bewerben, meinen Lebenslauf auszudrucken und eine Liste von Firmen anzulegen, bei denen ich mich vorstellen wollte.

Bewaffnet mit Kopien meines Lebenslaufs, zog ich von einem Laden in der Innnenstadt zum nächsten.

Vier Stunden war ich allein zu Fuß unterwegs, füllte Formulare und Fragebögen aus. Ich war erschöpft, hungrig und entmutigt, weil ich ohne Ende „Tut mir leid, aber wir haben zurzeit keine Jobs“ oder „Wir melden uns bei Ihnen“ gehört hatte.

Die Pancakes, die ich zum Frühstück gegessen hatte, waren schon seit Stunden verdaut. Ich hätte zwischendurch etwas essen sollen, wollte aber das letzte Geld, das ich noch hatte, nicht für Essen vergeuden. Ich konnte warten, bis ich wieder bei Caleb war.

Ich seufzte und fiel fast hin, als sich die Sohle meines Schuhs endgültig auflöste.

Vollkommen geschafft starrte ich zu der klaffenden Lücke unter meinem Fuß. Meine Kehle wurde eng, und mich überkam der dringende Wunsch, den Witz, zu dem mein Leben geworden war, mit einem Lachen zu quittieren.

Es wäre auch zum Schreien komisch, wäre der alte, aufgetragene Schuh nicht der letzte Strohhalm gewesen, an den ich mich klammerte.

Solange Mom noch lebte, schafften wir es knapp, uns mit dem, was wir beide verdienten, über Wasser zu halten. Doch als es ihr immer schlechter ging und sie nicht mehr arbeiten konnte, war ich gezwungen, zusätzlich zu meinem Studienkredit noch ein Darlehen aufzunehmen, damit wir unser Dach über dem Kopf behielten.

Am Ende musste sie ins Krankenhaus, und ich beschloss, mir ein Zimmer in einem Haus mit fünf anderen Leuten zu mieten, um Geld zu sparen. Da war es alles andere als sicher, weshalb ich anfing, ständig ein Taschenmesser bei mir zu tragen und meine Wertsachen im Schließfach am College zu verwahren.

Nach Moms Tod sparte ich so viel, wie ich konnte, und zog in ein Apartment nahe dem College, an dem ich ein zweijähriges Kochstudium absolvierte.

Die Einzimmerwohnung war so groß wie eine Briefmarke, die Möbel waren gebraucht und alt, und die Gegend war fies.

Aber es war meine Wohnung.

Alles darin hatte ich mit meinem erarbeiteten Geld bezahlt. Ich hatte meine Privatsphäre und musste das Bad mit niemandem teilen, nicht den Dreck von jemand anderem wegputzen, nicht mehr jede Nacht fürchten, jemand würde meine Sachen stehlen oder … Schlimmeres.

Doch all das war jetzt vorbei.

Das Tanzstudio, in dem ich seit der Highschool gejobbt hatte, musste wegen Insolvenz schließen, sodass auf einmal ein Großteil meines Verdienstes weg war. Ich hatte noch einen Teilzeitjob als Kellnerin in einem kleinen Restaurant, aber mit den wenigen Stunden dort reichte es nicht mehr, um meine Kosten zu decken. Als mein Vermieter mich rauswarf, weil ich mit zwei Monatsmieten im Rückstand war, zerbrach etwas in mir.

Dann begegnete ich Caleb, und jetzt war ich hier.

In richtig bitteren Zeiten fiel Mom immer irgendwas ein, was sie sagen konnte, um uns aufzumuntern. Als sie im Krankenhaus dahinsiechte, drückte sie meine Hand mit ihrer schon so schwachen und sagte: „Alles, was in deinem Leben geschieht, bereitet dich auf die Zukunft vor, Veronica. Eisen muss durch Feuer gehen, um zu schmelzen und zu einem Schwert zu werden. Sei stark, denn dies hier ist nur eine Prüfung. Du wirst geschmolzen und zu einem stärkeren Menschen geformt. Das Brennen des Feuers wird vergehen, und du wirst zur Ruhe kommen. Gib nicht auf, Schatz.“

Ich schloss die Augen, atmete tief ein und nahm mir einen Moment, um mich wieder zu fangen. Das Leben hatte mich gelehrt, dass es auf niemanden wartete. Ich musste weitermachen. Nachdem ich die Augen wieder geöffnet hatte, war ich bereit, den Tag in Angriff zu nehmen.

Es war spät, als ich wieder in Calebs Wohnung zurückkehrte. Ich war erschöpft, hatte jedoch ein riesiges Grinsen im Gesicht. Es war ein sehr produktiver Tag gewesen.

Ich öffnete den Kühlschrank und überlegte, ob ich Calebs Abendessen fertig haben könnte, ehe er zurück war, und danach im Gästezimmer verschwinden könnte, bevor er mich sah.

Die Höflichkeit verlangte, dass ich ihn über meinen Stundenplan informierte, anstatt einfach zu kommen und zu gehen, wie ich wollte. Deshalb notierte ich meine Termine auf einem Post-it und klebte den Zettel an den Kühlschrank.

Als ich hörte, wie die Wohnungstür aufging, stöhnte ich frustriert.

Leise schlich ich ins Wohnzimmer, wobei ich mit einer Hand das Taschenmesser umklammerte, das ich immer bei mir trug – für den Fall, dass jemand anders als Caleb gerade in die Wohnung eingedrungen war. Vorsicht war besser als Nachsicht.

„Red?“

Sowie ich Calebs Stimme hörte, atmete ich erleichtert aus. Er lag ausgestreckt auf der Couch, die Fernbedienung in der Hand, und zappte sich durch die Kanäle. Seine schwarzen Lederschuhe und die Smokingjacke hatte er auf dem Fußboden verteilt. Ich schenkte mir das betrübte Seufzen. Es schien eine lästige Angewohnheit von ihm zu sein. Eine von vielen.

Ich stand hinter ihm und bewunderte, wie der Bronzeton seines Haars im Licht glitzerte.

„Was gibt es zum Abendessen?“ Er legte die Füße auf den Couchtisch.

„Ich komme gerade erst von der Arbeit. Aber ich kann dir jetzt etwas kochen, wenn du willst.“

Er schaute über seine Schulter zu mir hin. Falls mein Herz aussetzte, war das eine völlig normale und gesunde Reaktion auf den Anblick eines wunderschönen Gesichts. Es hatte nichts zu bedeuten.

„Versuchst du jetzt schon, dich aus dem Deal zu mogeln?“, fragte er und blickte wieder zum Fernseher.

Beleidigt stemmte ich die Hände in die Hüften und funkelte ihn wütend an. „Sofern du keine Orangensaftsuppe mit Pop-Tarts-Einlage willst, musst du mir schon ein paar Minuten geben. Es dauert nicht lange. Außerdem haben wir keine Lebensmittel im Haus.“

Er legte den Nacken auf die Rückenlehne der Couch und streckte den Hals so weit nach hinten, bis er mich kopfüber angucken konnte. „So kriege ich Nackenschmerzen. Warum kommst du nicht rum, damit wir wie normale Menschen reden können? Es sei denn, du willst das hier auf animalische Art klären. Damit hätte ich auch kein Problem.“

Ich kniff die Augen zusammen.

Er seufzte. Mit einer geschmeidigen Bewegung drehte er sich um, stieg über die Couchlehne und hockte sich drauf. Seine Beine waren so lang, dass er mit beiden Füßen fest auf dem Boden stand, und er musterte mich amüsiert. „Mir ist langweilig“, verkündete er.

Ich zog die Augenbrauen hoch. Erwartete er etwa, dass ich ihn unterhielt?

„Und?“

„Du schuldest mir ein Abendessen.“

„Ich habe doch gesagt …“

Ein Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus, während er seine rote Krawatte lockerte. „Du kannst mich auch anders bezahlen.“

Mir klappte die Kinnlade runter und ich starrte ihn fassungslos an.

Er lachte. „Warum hast du eigentlich immer so dreckige Gedanken?“

Ich blinzelte einmal. Zweimal. Meine Gedanken waren dreckig?

Er stemmte sich von der Couch ab, schlüpfte in seine Schuhe, schnappte sich seine Schlüssel und einen Helm vom Couchtisch und lief an mir vorbei. Ich dachte, er wollte verschwinden, spürte aber plötzlich, wie seine Hand mein Handgelenk umfing und er mich mit zur Tür zog.

„Oh, echt jetzt, was soll das denn, wohin willst du mich zerren?“

Er war groß, sodass ich bei jedem seiner Schritte zwei machen musste, um mitzuhalten.

Er drückte den Fahrstuhlknopf. „Auf meine Maschine.“

„Deine Maschine?“

Er fing an zu lachen, während er mich in den Fahrstuhl bugsierte. „Mir ist noch kein Mädchen begegnet, das mir so die Worte im Mund verdreht wie du. Du hast eine schmutzige Fantasie, Red.“

„Wie bitte? Ich soll eine schmutzige Fantasie haben?“, platzte ich empört heraus.

Die Türen öffneten sich, und er zog mich in die Tiefgarage.

„Meine Maschine.“ Er drückte seine Zungenspitze innen an die Wange. „Mein Motorrad.“

Ich riss meinen Arm los und rieb das Handgelenk an meiner Jeans. Seine Haut war heiß und weckte die seltsamsten Gefühle in mir.

Caleb blieb stehen und blickte sich zu mir um. „Gibt’s ein Problem?“

„Es ist Sonntagabend. Hast du morgen keine Seminare?“

„Doch. Und?“, antwortete er schulterzuckend. „Ich bin am College, nicht in der Highschool. Ich kann Kurse ausfallen lassen, wenn ich will.“

„Sicher kannst du das. Du bist reich. Du musst dir nicht alles erarbeiten.“

Seine Augen verdunkelten sich. „Gefällt es dir, in irgendwelche Schubladen gesteckt zu werden, weil du arm bist?“

Danach schwieg er, stopfte die Hände in die Taschen und sah mich nachdenklich an. „Glaubst du, Geld zu haben, schützt mich vor Schmerz?“

Beschämt verstummte ich. Als ich den Mund aufmachte, um mich zu entschuldigen, schnitt er mir das Wort ab: „Kommst du jetzt mit oder nicht?“

Da ich ein schlechtes Gewissen hatte, nickte ich. „Ich komme mit.“

Wir blieben vor einer riesigen schwarzen Maschine stehen. Ungläubig starrte ich ihn an. Das Ding sah aus, als würde es kleine Kinder frühstücken.

„Bist du schon mal Motorrad gefahren?“ Er warf den Helm in seinen Händen hin und her wie einen Ball.

Ich trat einen Schritt zurück. „Da steige ich nicht drauf.“

Sein Lachen war tief und sexy. Wieder fasste er mein Handgelenk und zog mich näher – näher, als es die Höflichkeit zwischen Fremden erlaubte.

„Ich weiß ja nicht“, flüsterte er, und sein Daumen malte träge Kreise auf meine Handfläche. „Aber ich habe das Gefühl, dass es dir gefallen wird.“

Mein Atem stockte. Ich schluckte. Er lachte leise, da ich mich losriss.

„N…nein. Ich würde meine Gliedmaßen lieber dabehalten, wo sie sind, vielen Dank.“

Grinsend neigte er den Kopf zur Seite. „Ach ja? Wo bleibt da der Spaß? Regel Nummer eins“, sagte er und setzte mir vorsichtig den Helm auf, „Sicherheit geht vor.“ Er schloss den Riemen unter meinem Kinn.

„Regel Nummer zwei“, fuhr er fort und klappte das Visier nach unten. Ich fühlte mich ein bisschen klaustrophobisch, deshalb öffnete ich es wieder. „Wenn ich eine Kurve fahre, lehnst du dich hinein. Nie in die Gegenrichtung, verstanden?“

„Klar.“

Er lächelte und sah mich einen Moment lang an. Seine Augen waren von einem Grün, das ich in Flaschen abfüllen und hochpreisig verkaufen könnte. Und weil mich ärgerte, wie anziehend ich sie fand, klang meine Stimme automatisch feindselig. „Was ist?“

Er zuckte die Achseln und schwang ein langes Bein über das Motorrad. „Spring rauf.“

Als ich nicht reagierte, hob er vielsagend die Brauen. Es war eine stumme Frage, was mich aufhielt. Ich rührte mich immer noch nicht, und seine Augen glitzerten herausfordernd. „Hast du Angst?“

In diesem Moment sah er wie ein sexy Teufel aus, der meine Seele in die Hölle entführen wollte. Und jede Minute davon auskosten würde.

Meine Haut kribbelte vor Wut. Er irrte sich. Das würde ich ihm beweisen. Ich stieß ein spöttisches Schnauben aus, stieg hinter ihm auf und hielt mich an den Sattelseiten fest.

„Wo ist dein Helm?“, fragte ich.

„Ich habe nur einen“, antwortete er. Er war so nahe – nahe genug, dass ich seinen maskulinen Duft atmete. „Keiner fährt dieses Bike außer mir. Du bist die erste Beifahrerin.“

Er startete und ließ den Motor ein paarmal aufheulen. Die Maschine erbebte heftig.

„Ich habe die letzte Regel vergessen“, meinte er beiläufig und sah über die Schulter zu mir. Ich konnte hören, dass gleich wieder etwas Anzügliches kommen würde.

„Sicher wirst du mir die gleich verraten.“

Er grinste. „Halt dich an mir fest. Und richtig gut.“

„Nein danke.“

„Wie du willst.“

Ich schrie auf, sowie die Maschine nach vorn preschte, und schlang automatisch meine Arme um ihn. So konnte ich deutlich fühlen, dass seine Schultern und sein harter Bauch vor Lachen vibrierten.

Also hatte er es mit Absicht getan! Na gut, diese Runde hatte er gewonnen.

Ich mochte das Bike nicht – es war laut und gefährlich … dann fuhr er die Straße hinunter, und der Wind peitschte mir kühl und feucht auf die Haut.

Freiheit.

So fühlte es sich an. Ich schloss die Augen, und für einen Moment, ganz kurz nur, erlaubte ich mir, das Prickeln zu genießen.

Mir klopfte das Herz bis zum Hals, als Caleb im Zickzack die Kurven nahm und Straßenecken schnitt. Ich erinnerte mich an das, was er gesagt hatte, lehnte mich nach links, wenn er es tat, und klammerte mich noch fester an ihn.

„Wohin wollen wir?“, schrie ich.

„Fliegen.“

Was? Hatte er „fliegen“ gesagt?

Danach hörten wir auf zu reden. Ich verlor jedes Zeitgefühl, vergaß meine Sorgen und die Gefahren, die über mir schwebten. Stattdessen beobachtete ich, wie die Sonne am azurblauen Himmel versank. Vögel segelten im Wind und schickten ihre Klagelieder in den Abendhimmel.

Caleb fuhr plötzlich im Schneckentempo, als wir uns einer alten Eisenbahnbrücke näherten, und mir wurde bewusst, dass ich buchstäblich an seinem Rücken klebte. Mein Kinn war auf seiner Schulter. Hastig rutschte ich zurück. Sein Körper spannte sich an, als wüsste er, warum ich das tat.

Eine Gruppe von mehr oder minder halb nackten Leuten stand seitlich auf der Brücke – Mädchen in Unterwäsche oder Bikinis und Jungen in Shorts oder Boxershorts. Was war hier los? Sie johlten und lachten.

Dann sah ich zwei Typen, die sich gegenseitig anschrien. Als der Größere von beiden den Kleineren stieß, fuchtelten dessen Arme wie Rotorblätter, bevor er wieder gegen die Brüstung geschubst wurde. Er verlor das Gleichgewicht und fiel.

Gütiger Himmel!

„Nein!“, schrie ich entsetzt.

Mir sackte das Herz in die Hose, als ich ein Platschen hörte. Ich sprang vom Motorrad, rannte hin, packte die Brüstung und raffte meinen Mut zusammen, um nach unten zu schauen. Ein Kopf durchbrach die Wasseroberfläche, gefolgt von einem Triumphschrei.

Ich blinzelte. Jetzt wurde mir klar, dass dies hier eine Party war, auf der es als normal galt, Leute von einer Brücke zu stoßen. Ich spürte, wie meine Wangen heiß wurden, als ich das Gelächter um mich herum hörte. Noch nie hatte ich gesehen, wie Leute so etwas machten. Wo war ich hier hineingeraten? Verlegen drehte ich mich langsam um.

Warum hatte Caleb mir nichts gesagt? Was für ein Idiot!

Er schlenderte auf mich zu, und er schaute mich mal wieder amüsiert an. „Tut mir leid, Red. Ich hätte dich warnen müssen.“

Dabei wirkte er kein bisschen reumütig. Ich wollte ihm das Grinsen aus dem Gesicht wischen. Stattdessen starrte ich ihn nur wütend an.

„Was?“ Er lachte.

Sein weißes Hemd war schon aufgeknöpft, und er streifte es ab, um es achtlos auf den Boden fallen zu lassen. Ich hatte ihn schon mit freiem Oberkörper gesehen, doch das änderte nichts an dem Effekt. Unweigerlich musste ich hinschauen und ihn bewundern.

Sein Körper war ein Kunstwerk. Lang, schlank und braun gebrannt. Seine Armmuskeln spannten sich an, als er zu seiner Gürtelschnalle griff und – ich wandte den Blick ab.

„Das ist das erste Mal, dass ein Mädchen wegguckt, wenn ich meine Hose ausziehe.“

Ich wurde knallrot. „Ach was? Ich wusste nicht, dass es da unten irgendwas Interessantes zu sehen gibt.“

Da er nicht antwortete, blickte ich wieder auf. Sein Lächeln war teuflisch, als er sagte: „Na, dann guck mal genau hin.“

Oh, er war zum Wahnsinnigwerden! Provozierend, definitiv. Ärgerlich, unbedingt. Das war alles. Auf keinen Fall fand ich ihn interessant. Überhaupt nicht. Aber ich konnte meinen Blick nicht abwenden, als er sich mit einem eleganten Sprung auf die Brüstung setzte und sein tadelloses Balancegefühl demonstrierte, indem er sich zu mir umdrehte. Er grinste herausfordernd, und seine Augen funkelten frech. Ohne den Blick von mir abzuwenden, streckte er die Arme weit aus und ließ sich fallen. Ich hörte ihn schreien, bevor er auf dem Wasser aufschlug. Mein Puls explodierte geradezu. Ich packte die Brüstung und starrte nach unten, um ihn zu suchen. Sobald er wieder auftauchte, stieß ich einen erleichterten Seufzer aus.

„Bist du Calebs aktuelles Spielzeug?“

Verwundert sah ich zu dem Mädchen neben mir. Sie war wunderschön, hatte blondes Haar und eine kurvenreiche Figur, die sie in einem orangenen Bikini in Kindergröße zur Schau stellte. Ihre großen Augen standen so weit auseinander, dass ich an einen Alien denken musste. Und ihr Blick war unverhohlen feindselig.

„Nein“, erwiderte ich steif.

Sie zog eine Braue hoch und schob ihre Brüste vor, als wären das Orden, mit denen sie angeben wollte. „Warum bist du dann mit ihm hier?“

„Als Babysitter.“ Ich wandte mich ab und beschloss, sie zu ignorieren.

Sie schnaubte und verschwand.

Ich musste darauf achten, mich nicht mit Caleb herumzutreiben, wenn ich in Ruhe gelassen werden wollte. Offensichtlich bestand das Gefolge des beliebtesten Jungen auf dem Campus aus einem Rudel weiblicher Hyänen, und die würden nicht zögern, jeder potenziellen Konkurrenz die Augen auszukratzen. Und ich war eindeutig keine Konkurrenz.

„Red!“

Ich drehte mich um und entdeckte Caleb, der auf mich zulief. Das Haar klebte ihm nass an der Stirn. Wasser rann über seinen durchtrainierten Körper. Mann, könnte er das mal eine Minute abstellen?

„Du bist dran“, brachte er japsend hervor und blieb vor mir stehen. Er beugte sich vor und stemmte die Hände auf die Knie, um wieder zu Atem zu gelangen.

Ich war zu sehr damit beschäftigt, ihn anzustarren, weshalb es etwas dauerte, bis seine Worte mein Gehirn erreichten.

„Oh nein. Im Gegensatz zu dir habe ich keinen Todeswunsch.“

„Was ist aus dem Mädchen geworden, das ich im Club kennengelernt habe?“

„Das war ich nicht.“

Absichtlich streckte er seinen Körper sehr langsam, bis er in all seiner Modelpracht vor mir stand.

„Komm schon. Leb mal ein bisschen. Oder hast du solche Angst vor dem Leben, dass du lieber in deinem Schneckenhaus bleiben willst?“

Als ich ihn nur eisig ansah, schüttelte er den Kopf, warf mir einen enttäuschten Blick zu und wandte sich um. Er ließ mich stehen.

Heiß. Mir war heiß vor Wut. Wie konnte er es wagen! Verwöhnter reicher Fuzzi! Verantwortungsloser, rücksichtsloser, suizidaler Irrer!

Ich war tough. Er kannte mich nicht. Ich streifte meine flachen Schuhe ab und zog mein Shirt aus. Den überraschten Holla – Rufen und Pfiffen um mich herum schenkte ich keine Beachtung.

Sollten sie ruhig glotzen! Ich wusste, dass ich gut aussah. Gut genug, um eine Weile als Model zu arbeiten – so lange, bis der Fotograf mich für ein einschlägiges Magazin nackt knipsen wollte. Da war ich schneller weg, als er „Ausziehen“ sagen konnte.

Caleb drehte sich wieder zu mir um, und seine Augen weiteten sich vor Schreck. Ich schaute ihn direkt an, trotzig, während ich meine Jeans aufknöpfte und sie von mir warf. Ich hatte meine beste Unterwäsche an – einen roten Spitzen-BH mit passendem Slip. Beides war nicht neu, sah aber immer noch sexy aus. Bevor ich wusste, was zum Teufel ich da eigentlich tat, stand ich schon vor der Brüstung, kletterte rauf, und wenige Sekunden später war ich in der Luft.

„Warte!“, hörte ich Caleb rufen.

Doch da war es schon zu spät.

Gott steh mir bei, ich sterbe, dachte ich, als mir der kalte Wind entgegenschlug. Der Fall kam mir wie eine halbe Ewigkeit vor, und als mein Körper auf dem eisigen Wasser aufschlug, empfand ich Schock und Entsetzen. Die Schwerkraft zog mich tiefer, tiefer und tiefer … Wo zur Hölle ist der Grund?

Panisch kämpfte ich mich nach oben, kam an die Oberfläche und atmete köstlich süße Luft ein.

Ich hatte es getan! Ich hatte es verdammt noch mal getan!

Plötzlich fühlte ich Hände, die meine Schultern packten und mich schüttelten.

„Bist du wahnsinnig?“

Ich blinzelte das Wasser aus meinen Augen und erkannte Calebs Gesicht, ungläubig und besorgt.

„Ja!“, rief ich.

Ich war euphorisch, begeistert. Meine Brust kam mir so voll vor, als ob ich gleich platzen würde.

„Noch mal!“, rief ich.

Er lachte – so ein sorgloses, wildes Lachen, und ich war … glücklich. Ich brauchte einen Moment, bis ich das Gefühl erkannte. Es war so lange her, seit ich es zuletzt empfunden hatte.

An einem einzigen Abend hatte dieser Junge meine Welt aus dem Schatten ins gleißende Licht geholt.

Gefährlich. Ja, er war gefährlich.

„Tut irgendwas weh?“, flüsterte er. Er strich an meinen Armen auf und ab, immer wieder, sanft und langsam, bis ein Kribbeln meine Arme hinauffuhr und geradewegs in meinen Bauch. Dort verwandelte es sich in Schmetterlinge. Es lag daran, wie er mich ansah, wurde mir auf einmal klar. Daran, wie er mich hielt. Gebannt von diesem Augenblick, konnte ich bloß den Kopf schütteln.

„Was für eine Wilde du bist, Red.“

Wasser rann ihm von der Stirn, über die Nase und auf die Lippen. Seine Zunge glitt heraus, um es zu schmecken. „Zeig mir mehr.“

Ich erschauerte, aber nur, weil mir kalt wurde. Denn ich konnte nicht einmal vor mir selbst zugegeben, dass Caleb mich erregte. Er war wie ein Ausflug in den Dschungel: mysteriös, abenteuerlich und gefährlich – ein Terrain, auf dem ich mich noch nie bewegt hatte. Wenn ich nicht aufpasste, würde ich mich darin verlaufen und nie wieder hinausfinden.

Wir stiegen zu einer weiteren Runde auf die Brücke, dann zu noch einer und noch einer, bis ich den Überblick verlor, wie oft Caleb und ich gesprungen waren. Er wich nicht von meiner Seite.

Beim Springen machte er Saltos und andere verrückte Sachen, bei denen mir fast das Herz stehen blieb. Als ich nach dem letzten Sprung aus dem Wasser auftauchte, war er nirgends zu sehen. Ich tauchte wieder unter und riss die Augen weit auf, aber unter Wasser war es zu dunkel.

„Caleb?“

Furcht stieg ähnlich winzigen Stacheln in meine Kehle. Wieder tauchte ich und suchte.

Nichts.

Dann blieb ein Schrei in meinem Hals stecken, weil etwas meine Taille umfasste und mich nach unten zog. Ich drehte mich um und sah Caleb, der den Mund zum Lachen aufgerissen hatte, sodass Blasen vor ihm aufstiegen. Ich kniff die Augen halb zu, als er wegschwamm.

Ah, wenn du es so willst! Ich jagte auf ihn zu und wollte ihn untertauchen. Leider war er schneller.

Er griff nach mir, doch statt nach meinen Hüften fasste er nach meinem Slip. Ich hatte keine Zeit zu reagieren, als er mich nach unten zog und seine Hände meine Beine streichelten, während er an mir vorbeiglitt. Ich wollte ihm erneut nachjagen, da spürte ich, wie das Slipgummi riss. Was zum Teufel ist das denn? Meine Augen wurden tellergroß vor Entsetzen, denn ich fühlte, wie das Gummi nachgab und der Stoff auftrieb.

Oh Gott!

Der Stoff war sehr dünn und nicht direkt brandneu. Er musste eingerissen sein, als Caleb daran gezogen hatte. Sofort bedeckte ich mich vorn und hinten, während ich versuchte, den Slip wieder an Ort und Stelle zu ziehen. Mir ging die Puste aus, und bald müsste ich auftauchen.

Oh Gott, oh Gott, oh Gott!

Als ich nach oben kam, sah ich Caleb ungefähr drei Meter von mir entfernt, und wenn er mich nochmals nach unten zog, würde er …

„Caleb!“

Mein Tonfall musste so verängstigt geklungen haben, dass Caleb ernst wurde und sich umsah. „Was ist los? Bist du verletzt?“

Ich klammerte den Stoff fest, als Caleb sich näherte.

Caleb wischte sich das Wasser aus den Augen und musterte mich besorgt. „Was ist?“

Ich biss mir auf die Unterlippe. „Könntest du … kannst du mir meine Jeans holen?“

Er runzelte die Stirn. „Okay?“

„Jetzt gleich.“

Er schaute mich an, als sei bei mir eine Schraube locker. „Jetzt gleich?“

„Jetzt gleich.“

„Warum?“

„Bitte.“ Mein Gesicht glühte. „Hol sie einfach.“

Nun wurde er misstrauisch. „Was verschweigst du mir?“

Ich wollte schreien vor Wut. Warum konnte er sie nicht einfach holen?

„Ich rühre mich nicht weg, ehe du mir verrätst, warum“, beharrte er.

Stöhnend presste ich mir eine Hand an die Stirn, worauf ich sofort fühlte, wie der Stoff wieder auftrieb, und ihn rasch festhielt.

Er würde sich nicht von der Stelle rühren. Also musste ich es ihm verraten …

„Mein … Slip.“

Unwillkürlich richtete sich sein Blick nach unten.

„Sieh nicht hin!“

Ein Raubtiergrinsen umspielte seine Lippen, und seine grünen Augen blitzten. „Was ist mit deinem Slip?“

Ich räusperte mich. „Das Gummi ist gerissen.“

„Hä?“

„Das Gummi, das ihn zusammenhält, ist …“ Frustriert hob ich beide Hände. Das war so peinlich!

„Wie ist das passiert?“

„Du warst das! Als du mich nach unten gezogen hast.“

Jetzt glich sein Grinsen dem der Grinsekatze aus Alice im Wunderland. Erbost blickte ich ihn an und warnte ihn stumm, bloß nichts zu sagen. „Hol meine Jeans!“

Seine Augen funkelten immer noch, und es machte mich nervös. Was dachte er jetzt?

„Wenn ich sie hole“, sagte er so lässig, als würde er über das Wetter reden, „was kriege ich dafür?“

„Wie bitte?“

Sein Lachen war tief und sexy. Er legte sich auf den Rücken und trieb gelassen um mich herum. „Ich glaube, du hast mich verstanden.“

„Caleb!“, warnte ich ihn, doch mir wurde ganz schwindlig.

Er schwamm näher. „Also, was bekomme ich?“

„Wenn du nicht sofort meine Jeans holst, werde ich … werde ich …“ Erneut biss ich mir auf die Lippe und überlegte, womit ich ihm drohen könnte. Doch das Denken war schwierig, solange ich fast nackt war und Caleb Lockhart mich ansah, als wollte er mich in einem Happs verschlingen. „...dir im Schlaf einen Stromschlag verpassen!“, beendete ich den Satz lahm.

Er lachte und schwamm um mich herum. Sein Bein streifte meins, und ich erschauerte. Das Funkeln in seinen grünen Augen sagte mir, dass es kein Versehen gewesen war.

„Caleb, verdammt!“

Er lachte. Entsetzt riss ich die Augen weit auf, als seine Hände unter Wasser glitten.

„Was machst du denn?“

„Hierfür wirst du mir was schuldig sein, Red.“ Seine Hände tauchten wieder auf, und er reichte mir seine Boxershorts.

„Willst du mich verarschen? Du steigst doch nicht nackt aus dem Wasser, oder?“

Er lachte lauter.

„Ich meine es ernst!“

„Nein, heute ist nicht dein Glücksabend. Ich trage Boxershorts und einen Slip. Du weißt schon, als Halt.“ Er zwinkerte. „Normalerweise habe ich nur Boxershorts an. Das zur Info für dich.“

Ich atmete hörbar aus, während ich die Boxershorts griff und sie mir anzog. Das allerdings gestaltete sich unter Wasser nicht ganz einfach. Und natürlich starrte er mich mit diesem idiotischen Grinsen an und genoss die Show.

Ich war so aufgekratzt! All die Dinge, die ich heute Abend getan hatte, wer ich mir zu sein erlaubt hatte … Noch nie war ich so wagemutig gewesen. Und in meinem ganzen Leben hatte ich noch nicht so viel Spaß gehabt.

„Hunger?“, fragte er.

Spielerisch zupfte er an einer meiner Haarsträhnen, während wir zurück auf die Brücke gingen. Er hatte nur seine Unterhose an, dennoch bewegte er sich selbstbewusst, fühlte sich sichtlich wohl in seiner Haut. Beim Anblick seiner kräftigen Beinmuskeln musste ich schlucken.

„Auf der anderen Seite der Brücke grillen sie Hamburger. Möchtest du?“

Ich nickte.

Er grinste. „Super. Gib mir eine Minute, ja?“

Dann lief er weg, und als er zurückkam, reichte er mir sein Hemd. Ich wollte ihn fragen, warum er mir nicht meine Sachen gebracht hatte, aber so, wie er mich ansah, verstummte ich.

„Damit dir nicht kalt wird“, murmelte er. Seine Stimme klang heiser, während er zusah, wie ich mir sein Hemd überstreifte.

Ich wurde rot vor Verlegenheit.

„Da fehlt noch was“, flüsterte er.

Mein Atem stockte, als er näher kam und er mich eindringlich mit seinen grünen Augen anschaute. Langsam griff er nach dem Kragen, und ich zitterte, als seine Finger meine Haut berührten.

„Ich muss das zuknöpfen“, erklärte er leise.

Er sah mich unverwandt an, während er die Seiten des Hemds zusammenhielt und ohne Eile den obersten Knopf schloss.

„Und das“, sagte er sanft und fasste nach dem zweiten Knopf.

„Ich kann das selbst“, erwiderte ich heiser.

Er lächelte wie der sprichwörtliche böse Wolf. „Sicher, Red.“

Caleb führte mich zum Grillplatz; er weigerte sich, mich erst meine Jeans anziehen zu lassen.

Gruppen machten mir nichts aus, auch wenn ich mich lieber nicht dazugesellte, sofern ich es nicht musste. War man unter Leuten, gab es über kurz oder lang Probleme. Und die brauchte ich nicht in meinem Leben; erst recht nicht jetzt.

Caleb holte mir einen Hamburger, und ich aß ihn ruhig, während wir uns unter die anderen mischten – oder vielmehr: er. Sie scharten sich um ihn. Mir wurde klar, dass es nicht nur sein perfektes Aussehen oder seine Beliebtheit waren, die alle zu ihm hinzogen. Es waren sein Charisma und seine Natürlichkeit.

Caleb war wie die Sonne. So warm, so groß und so strahlend, dass man nicht anders konnte, als ihm nahe sein zu wollen. Aber was würde passieren, wenn ich dieser Sonne zu nahe kam?

„Caleb“, gurrte eine weibliche Stimme.

Ich drehte mich um und erblickte dieselbe Blondine, die mich an einen Alien erinnert hatte, auf Caleb zutänzeln.

„Daidara.“

So hießen die Wesen auf ihrem Planeten heutzutage? Bei dem vertrauten Lächeln, das Caleb ihr schenkte, verkrampfte sich mein Magen. Es war offensichtlich, dass sie miteinander geschlafen hatten.

Na und? Caleb war ein Playboy. Das sollte mich nicht überraschen. Trotzdem fühlte sich mein Herz plötzlich schwer an, und ich wollte nach Hause. Ich stieg wieder zur Brücke hoch, um nach meinen Sachen zu suchen, konnte sie jedoch nirgends finden, deshalb ging ich zu der Stelle, an der Calebs Motorrad stand. Hier wollte ich warten, bis er bereit war aufzubrechen.

Es parkten mehrere Fahrzeuge hier, zwischen denen Leute hin und her liefen. Mir gegenüber lehnte eine Gruppe College-Studenten an einem blauen Truck. Sie lachten, doch einer von ihnen fiel mir auf.

Er lachte nicht mit, sondern spielte einen Song auf seiner Gitarre. Sein Kopf war nach vorn gebeugt, um die Musik zu hören. Dann blickte er auf und schaute in meine Richtung.

Es war zu dunkel, als dass ich seine Züge genau erkennen konnte, aber ich war sicher, dass er mich anschaute. Etwas an ihm drängte mich, seinen Blick zu erwidern. Er neigte den Kopf zur Seite, als wartete er, dass ich etwas sagte. Ich sah weg.

Da mir ein bisschen kalt wurde, verschränkte ich die Arme vor der Brust. Wo blieb Caleb?

„Es scheint ganz so, dass du das hier brauchst“, sagte eine etwas raue Männerstimme hinter mir.

Ich wandte mich um und blinzelte beim Anblick des atemberaubenden Gesichts. Es war der Junge mit der Gitarre. Sein Lächeln war ein bisschen schief, während er lässig meine Hand ergriff, sie nach oben drehte und ein blaues Handtuch drauflegte.

Jemand rief etwas, und er blickte sich über die Schulter um. Er rief zurück, bevor er mich wieder anschaute. „Man sieht sich, Engelsgesicht“, sagte er und lief wieder zu seinen Freunden. Seine Gitarre hing an einem Gurt auf seinem Rücken.

Und so fand Caleb mich. Er blickte finster drein, als er sich zu dem Jungen umsah, der mir das Handtuch gegeben hatte. Nachdem er sich wieder zu mir umdrehte, waren seine Augen kalt.

„Zieh dir was an, ja?“, sagte er rau.

„Was ist denn mit dir los?“

Er zuckte mit den Schultern, nahm mir das Handtuch aus den Händen und reichte mir meine Klamotten. Stumm zogen wir uns beide an. Dabei stellte Caleb sich so vor mich, als wollte er den Jungen gegenüber die Sicht auf mich versperren.

„Fahren wir“, meinte er frostig.

Er schwang sich auf sein Motorrad. Seine Ausstrahlung war geradezu gefährlich. Er lächelte nicht mehr. Und meine gute Laune schwand.

Ich stieg hinter ihm auf und legte linkisch die Arme um ihn. Er verspannte sich unter meiner Berührung, und sofort zog ich mich zurück. Seine Reaktion kränkte mich.

Doch er hielt meine Arme fest und schlang sie um seinen Oberkörper. Als ich die Hitze seines Rückens fühlte, rang ich nach Luft. Plötzlich hatte ich das Bedürfnis, von ihm wegzulaufen – so weit weg wie möglich.

Diesmal verlief die Fahrt schweigend. Als wir wieder in seinem Haus waren und mit dem Lift nach oben fuhren, wurde die Stille beklemmend. Ich konnte Caleb praktisch grübeln hören. Was wäre, wenn er seine Meinung geändert hatte und mich jetzt rauswarf? Egal, das kümmerte mich nicht. Ich würde sofort verschwinden. Notfalls könnte ich auf der Straße leben oder in einem Obdachlosenasyl. Irgendwo.

Er tippte den Code für sein Apartment ein, und nachdem das Alarmlämpchen grün wurde, öffnete er mir die Tür. Doch ich ging nicht hinein. Stattdessen blickte ich kurz zum Fahrstuhl und überlegte, ob ich hinrennen sollte.

„Red.“

Sein Blick verschlug mir den Atem. Das Grün war intensiver, dunkler. Er stand nahe genug, dass ich ihn berühren könnte, aber er war es, der mich berührte, indem er mir eine Haarsträhne hinters Ohr strich.

„Komm rein“, flüsterte er. „Bitte.“

Wie hypnotisiert trat ich in die Wohnung und beobachtete, wie Caleb die Tür hinter sich zuzog.

Ich konnte fühlen, dass er mich ansah, konnte sein leises Atmen hören. Und mein lautes Herzklopfen ebenfalls. Ich schaute ihn an und rang nach Luft, weil er mich so intensiv anstarrte.

„Danke“, flüsterte er.

„Wofür?“ Auch ich flüsterte.

Ein zartes, geheimnisvolles Lächeln erschien auf seinem Gesicht. „Dass du mir heute Abend etwas anderes gezeigt hast.“

Und dann ging er weg.

4. Kapitel

Veronica

Ich war fest entschlossen, Caleb am nächsten Morgen nicht zu begegnen. Deshalb wachte ich früher als gewöhnlich auf. Keiner hatte meine Gedanken jemals so beherrscht wie er in dieser Nacht.

Danke, dass du mir heute Abend etwas anderes gezeigt hast.

Was meinte er damit? Meinte er, dass ich anders war als all die Mädchen, mit denen er sonst zusammen war? Aber er war ein Profi auf dem Gebiet. Es musste ein Satz sein, den er dauernd einsetzte, um die Mädchen umfallen zu lassen wie Bowling-Pins.

Ich hätte nicht so empfänglich für seine Tricks sein dürfen. Letzte Nacht hatte ich beschlossen, unseren Kontakt zu begrenzen. Caleb sollte nicht herausfinden, dass ich dasselbe College besuchte wie er. Je weniger er über mich wusste, desto besser.

Ich unterdrückte ein Gähnen, während ich die restlichen Eier aus dem Kühlschrank zubereitete. Danach schnappte ich mir das oberste Blatt von einem Haftnotizblock, den ich in einem der Schränke gefunden hatte, und schrieb:

Caleb,

habe dir Eier zum Frühstück gemacht. Wir müssen später einkaufen. Bin um kurz nach 17 Uhr zurück.

Veronica

Calebs Haus lag im schicken Teil der Stadt, wo es keine Bushaltestellen gab, sodass ich zwanzig Minuten bis zur nächsten Station laufen musste. Und von da dauerte die Fahrt noch fast zwei Stunden. Mit einem Auto hätte ich nur eine halbe Stunde zum College gebraucht.

Die Sommerferien standen vor der Tür, und ich merkte, wie sich meine Stimmung aufhellte. In den Semesterferien konnte ich mehr arbeiten und genug zusammenkriegen, um mir eine eigene Wohnung zu nehmen und Caleb zu bezahlen. Ich wusste, dass er mein Geld weder wollte noch brauchte, aber mein Stolz verlangte, dass ich ihm alles bezahlte.

Meine Seminare waren lang und langweilig, und ich ertappte mich dabei, wie ich über ihn nachdachte. Ich kniff mich fest, um die Grübelei abzustellen. Das war verrückt. Ich musste mich zusammenreißen.

Es war zwanzig nach fünf, als ich zurückkam. Während ich auf den Fahrstuhl wartete, spürte ich, wie sich jemand neben mich stellte. Mir war sofort bewusst, dass er es war. Es lag an seiner Präsenz – die geradezu danach schrie, sie wahrzunehmen.

Ich schaute zu ihm hoch und stellte fest, dass er mich bereits mit seinem üblichen Lächeln anschaute. Seine Augen funkelten amüsiert.

„Hi“, sagte er.

„Hi.“ Ich riss meinen Blick von ihm los und widerstand dem Impuls, mir das Haar hinters Ohr zu streichen.

Er starrte immer noch. Ich konnte seine Augen auf mir fühlen.

Die Fahrstuhltüren öffneten sich. Ich ging einen Schritt nach vorn.

„Warte.“

Ich blieb stehen und drehte mich um.

Warum schlug mein Herz so schnell?

„Willst du jetzt zum Einkaufen fahren?“

Nein. Ich will nicht noch mehr Zeit mit dir verbringen. Ich will nicht, dass du mich mit diesen intensiven grünen Augen ansiehst.

„Klar“, antwortete ich stattdessen.

„Ich habe meinen Wagen zurück.“ Er strahlte, als wir an dem Portier vorbeiliefen. „Er steht vorn.“

Das erklärte, warum er den Aufzug am Haupteingang nahm. Normalerweise kam er aus der Tiefgarage, wo er seinen Wagen und das Motorrad parkte.

Heute trug er eine graue Beanie, ein dunkelblaues Shirt, schwarze Jeans und schwarze Stiefel. Er ging voraus, damit er mir die Beifahrertür öffnen konnte, daher konnte ich lesen, was hinten auf seinem T-Shirt stand: I WAS BORN READY.

Ich verkniff mir ein Grinsen. Allzeit bereit. Besser konnte man ihn gar nicht beschreiben.

Inzwischen erinnerte ich mich wieder, was an dem Abend im Club geschehen war. Und auch an das letzte Mal, als ich in seinem Auto saß und mich übergeben musste. Zweimal. Ich rechnete fest damit, dass er mich jetzt damit aufziehen würde, doch er erwähnte es mit keiner Silbe.

Genau genommen sagte er gar nichts. Und ich fragte mich, ob er die prickelnde Spannung wahrnahm, die sich durch unsere körperliche Nähe aufbaute. Ich nämlich fühlte sie deutlich – als Kribbeln auf meiner Haut, als Reiz für meine Sinne.

Aber spielte es denn überhaupt eine Rolle, ob er diese Gefühle teilte? Es war ja nicht so, dass ich deswegen irgendwas unternehmen wollte … Also war ich nicht mal ansatzweise neugierig. Kein bisschen.

Lügen haben kurze Beine, und die kürzesten sind deine!

Er bog in eine Parklücke vor dem Supermarkt. Ich stieg so schnell aus, wie ich konnte, und lief sofort los, um einen Einkaufswagen zu holen.

„Nun …“, meinte er, während er sich nach dem Vierteldollar bückte, der mir aus der Hand gefallen war, als ich ihn in den blöden Schlitz an der Einkaufswagenverriegelung schieben wollte.

Beim Bücken spannte sich seine Jeans um die Beine … und über einem sehr, sehr sexy Hintern. Rasch wandte ich den Blick ab, bevor Caleb mich beim Glotzen erwischte.

„Was wollen wir einkaufen?“, fragte er und steckte die Münze rasch selbst in den Schlitz. Danach zog er den Wagen aus der Reihe und schob ihn zum Eingang.

Ich zuckte mit den Schultern. „Was willst du denn essen?“

„Hamburger, Pommes, Steak, Pasta, Meeresfrüchte? Und …“

Ich sah ihn an, da er nicht weiterredete. Erneut lächelte er geheimnisvoll.

Woran denkt er denn jetzt wieder?

„Und?“, fragte ich.

„Dich“, antwortete er.

Und ich verdrehte die Augen.

Ja, sicher doch! Mich und dazu möglichst noch die gesamte blonde weibliche Bevölkerung, dachte ich gereizt.

Die Fisch- und Meeresfrüchteabteilung lag am nächsten, daher schlug ich vor, dorthin zuerst zu gehen.

„Sieh dir bloß diese armen Dinger an“, rief er. Seine Stimme klang aufgeregt wie die eines Kindes.

Ich folgte seiner ausgestreckten Hand mit dem Blick und entdeckte, dass er auf ein Wasserbassin mit ein paar riesigen Krebsen deutete.

„Ich glaube, der da starrt dich an“, witzelte er.

Ich musste lachen. „Welcher?“ Ich konnte nicht anders, als mich von seiner guten Laune anstecken zu lassen.

„Der da.“ Er zeigte auf den größten Krebs, dessen Augen sich oben aus dem Panzer wölbten. „Er sieht aus wie dieser Typ aus Star Trek.“

Jetzt prustete ich vor Lachen.

„Oh Mann, ich weiß noch, dass ich mit vier so einen Krebs als Haustier wollte“, fuhr er fort und beugte sich über das Becken. Dann rümpfte er die Nase. „Wie bereitet man die überhaupt zu?“

„Man kocht sie lebend“, erklärte ich.

Caleb wirkte so niedlich entsetzt, dass ich fast schon wieder grinsen musste.

„Jepp. Das, oder du frierst sie lebendig ein“, fügte ich hinzu.

„Du verarschst mich.“

Ich schüttelte den Kopf.

„Das ist ja wohl so was von gar nicht die Art, wie ich sterben möchte.“

Ich presste die Lippen zusammen, um mir das Lachen zu verkneifen. Er wirkte total entgeistert – und schien es völlig ernst zu meinen.

Ich holte eine Tüte Shrimps aus dem Tiefkühlschrank und packte sie in den Wagen. Caleb stand immer noch vor dem Wasserbassin und grinste sehr breit. Ich ging zu ihm, weil ich wissen wollte, was er jetzt schon wieder so komisch fand, und musste mir auf die Lippe beißen, als ich sah, wie ein Krebs auf einen anderen krabbelte und sich ihre Scheren so verwirrten, dass man nicht erkennen konnte, welche zu wem gehörte.

„Diese Krebse sind ganz schön abartig“, bemerkte er und lachte. „Die treiben es vor unseren Augen. Guck dir das an! Lauter Exhibitionisten.“

Das war’s. Ich musste so lachen, dass mir die Tränen in die Augen traten.

Danach regte ich an, dass er einfach alles in den Wagen werfen sollte, worauf er Appetit hatte, und ich würde mir dann schon ausdenken, was ich daraus mache. Caleb holte wahllos Sachen aus den Regalen.

„Such dir auch aus, was du willst“, meinte er großzügig wie immer. Er schob den Wagen durch den Gang mit Keksen und Chips.

Aus dem Augenwinkel erspähte ich eine Packung Schokoladen-Cupcakes mit Erdnussbutterglasur. Obendrauf waren glitzernde Streusel, die aussahen, als würden sie im Mund zergehen. Ich seufzte und lief weiter.

„Warte. Ich will noch Cupcakes“, verkündete Caleb und nahm die Packung, die ich gerade so sehnsüchtig beäugt hatte.

Ich bezweifelte, dass er die wirklich wollte. Ein derart schlanker und durchtrainierter Typ aß nichts Süßes. Ihm war einfach aufgefallen, wie gierig ich die Dinger angestarrt hatte. Warum war er bloß so nett? Eigentlich sollte ich ihn doch nicht mögen. Aber er war schlicht … aufmerksam.

„Möchten Sie etwas probieren?“, fragte eine ältere Frau in einer Ladenuniform mit einer weißen Schürze und Handschuhen, die Probierhäppchen verteilte.

„Gern, Ma’am. Danke.“ Caleb griff nach dem kleinen Keks in einer Cupcake-Form, den sie ihm hinhielt. „Und ich nehme auch gleich einen für die Dame“, erklärte er, wobei er mit dem Kopf in meine Richtung deutete.

Die ältere Frau lächelte mir zu. „Schoko, Vanille oder Erdnussbutter?“

„Sie nimmt Erdnussbutter“, antwortete Caleb für mich. „Die mag sie am liebsten.“

Einen Moment lang schaute ich ihn an, erstaunt, dass er sich daran erinnerte. Als ich sein Grinsen sah, schaute ich rasch weg.

Ich wollte schon die Hand nach dem Keks ausstrecken, als Caleb ihn rasch aus dem Papierförmchen schälte. Ungläubig und mit offenen Mund starrte ich ihn an und holte tief Luft, um etwas zu sagen. Er lächelte nur und steckte mir den kleinen Keks in den Mund, wobei sein Daumen flüchtig meine Zunge berührte. Und dann verharrte sein Zeigefinger auf meiner Unterlippe und rieb sie sanft.

„Entschuldige, da war nur etwas Glasur auf deiner Lippe“, murmelte er, klang jedoch gar nicht so, als würde ihm irgendwas leidtun.

Mir wurde heiß. Ich spürte, wie ich rot anlief. Verlegen und von oben bis unten erhitzt, drehte ich mich um und ging weg.

Bis wir die Kassen erreichten, war unser Einkaufswagen mehr als voll, sodass schon dauernd Sachen herauspurzelten. Mit dem, was wir da reingepackt hatten, könnte man eine zwanzigköpfige Familie satt bekommen. Ich wandte mich ab, als die Kassiererin sagte, wie viel Caleb bezahlen sollte, und summte vor mich hin, denn ich wollte es lieber nicht hören.

Nachdem wir alles in seine Wohnung geschleppt hatten, war ich völlig erledigt. Allein beim Anblick der vielen Tüten auf der Arbeitsfläche – und auf dem Fußboden – wurde mir fast schwindlig. Caleb half mir, alles zu verstauen.

Mein Herz schlug jedes Mal schneller, wenn ich ihn dabei ertappte, wie er mich anschaute. Oder wenn seine Hand zufällig meine streifte. Am Ende waren wir beide so geschafft und hungrig, dass Caleb Pizza bestellte.

Etwas an der Art, wie er mich ansah, rührte an mein Herz. Das gefiel mir nicht. Ich fühlte mich auf einmal entblößt und verwundbar. Also nahm ich mir ein Stück Pizza und verzog mich in mein Zimmer.

Ich durfte keinen Jungen in mein Leben lassen. Deshalb beschloss ich, ihn künftig zu meiden. Ich sorgte dafür, dass wir uns weder morgens sahen noch nach meinen Seminaren und bevor ich zu meiner Abendschicht ins Restaurant musste.

So wurde es Freitag. Der Tag verlief ziemlich langweilig, wie immer. Ich war gerade auf dem Weg zu meinem Spind, als ich schlagartig erstarrte. Direkt vor mir lief Caleb mit einer Gruppe von Freunden, und wenn ich weiterging, würde er mich unweigerlich entdecken. Eilig drehte ich um und nagte an meiner Unterlippe, während ich in die entgegengesetzte Richtung davoneilte. Mir war, als hätte ich gesehen, wie er aufblickte, aber sicher konnte ich mir nicht sein. Ich hoffte sehr, dass es nicht stimmte.

Natürlich dachte ich an ihn. Es passierte immer wieder, egal, wie sehr ich mich bemühte, es nicht zu tun. Ich dachte an den Abend auf der Brücke. Und ich erinnerte mich an sein Lachen. An seine Berührung. Daran, wie Schmetterlinge in meinem Bauch tanzten, während er im See die Arme um mich schlang. Wie er mich in dem Supermarkt geneckt hatte und wie viel Aufmerksamkeit er mir schenkte – so viel, dass er sogar bemerkt hatte, dass ich Lust auf diese Cupcakes hatte. Und als ich neulich den Schrank öffnete, fand ich mehrere Gläser Erdnussbutter.

Ich hasste mich dafür, dass ich so oft an ihn dachte. Wir hatten uns seit Tagen nicht gesprochen, und er hatte nie versucht, mich aufzuspüren, weshalb ich zu dem Schluss gelangte, dass ich bloß ein Zeitvertreib von vielen für ihn war. Jener Abend auf der Brücke hatte ihm nichts bedeutet. Ich bedeutete ihm nichts.

Selbstverständlich nicht. Was hast du erwartet?

Das Wochenende kam, und ich arbeitete den ganzen Samstag. Am Sonntag wollte ich mir dringend einen zweiten Job suchen. Ich wachte früh auf und fing an, Frühstück und Mittagessen für Caleb vorzubereiten, da ich erst spätabends zurückkommen würde. Wenn nötig, würde ich zu jedem einzelnen Laden in der Stadt gehen und mich um einen Job bewerben.

Ich stellte gerade seinen Teller in den Speisenwärmer, als ich Schritte hinter mir hörte. Ich spürte, wie sich meine Augen vor Panik weiteten.

„Warum gehst du mir aus dem Weg?“, fragte er. Nein, man konnte nicht behaupten, dass er um den heißen Brei herumredete.

Um ein Haar hätte ich seinen Teller fallen lassen. Er stand vor mir, ein Handtuch um seinen Nacken geschlungen und nur in einer grauen Jogginghose. Schweiß glänzte auf seiner Stirn, auf seinem eindrucksvollen Oberkörper, auf seinem harten Bauch, neben der schmalen Haarlinie, die in seinem Hosenbund verschwand. Offenbar hatte er eben sein Work-out beendet. Wieder entdeckte ich einige Pflaster an seinen Fingern und einen langen Kratzer auf seinem Unterarm. Anscheinend konnte er sich nicht einfach so hinsetzen und entspannen. Die ganze Woche schon hatte ich ihn auf irgendwas einhämmern gehört, er hatte die Fenster repariert und sogar sein Bad neu gefliest. Mich wunderte, dass er solche Sachen konnte. Nicht dass es eine Rolle spielte.

Ich räusperte mich. „Ich … ich gehe dir nicht aus dem Weg.“

Er legte den Kopf schräg und musterte mich prüfend. Ich blieb stocksteif stehen, auch wenn ich mich innerlich krümmte.

Wieso musste er so gut aussehen?

„Ich hätte dich nie für eine Lügnerin gehalten“, meinte er.

Zorn wallte in meiner Brust auf. Und dann wurde mir bewusst, dass er recht hatte. Ich log, was ich jedoch nicht zugeben würde.

„Wolltest du irgendwas?“, fragte ich gereizt.

Er rieb sich mit einer Hand übers Gesicht. „Ja.“

Dann trat er sehr langsam auf mich zu. Seine grünen Augen hypnotisierten mich geradezu. Wie versteinert stand ich da, konnte mich nicht rühren, nicht atmen. Die Luft zwischen uns war so aufgeladen, dass man die Spannung fast mit Händen greifen konnte.

Verlangen.

Das hatte ich noch bei keinem zuvor gefühlt. Warum musste es ausgerechnet Caleb sein? Er blieb einen Schritt entfernt stehen, die Hände in den Taschen, den Blick unverwandt auf mein Gesicht gerichtet.

„Ich will, dass du aufhörst“, flüsterte er.

„Aufhören?“

„Mit dem, was auch immer das ist, was du mit mir machst.“

Ich musste schlucken, weil ich einen Kloß im Hals hatte. Er verengte die Augen. Sie blitzten vor Wut. „Ich muss dich aus dem Kopf kriegen.“

Ich kniff meine Lippen zusammen und ballte die Hände zu Fäusten. Dasselbe könnte ich zu ihm sagen, machte es aber nicht. Ich schwieg und wartete ab. Dann wurde sein Blick weicher. Ich hielt den Atem an, als er näher kam. Seine Hände griffen nach meinem Haar und strichen es hinter meine Ohren.

„Du. Du bist etwas ganz Besonderes, Red. Nächstes Mal werde ich mich nicht losreißen können“, sagte er, ehe er sich umdrehte.

Es klang wie ein Versprechen.

5. Kapitel

Veronica

Was in dem Apartment mit Caleb gewesen war, hatte zur Folge, dass ich mit doppeltem Eifer nach einem Job suchte. Die neuen Empfindungen, die er in mir weckte, fühlten sich bedrohlich an, und mich erschreckte erst recht, wie schnell ich alle meine gründlich einstudierten Vorsichtsmaßnahmen vergaß, wenn er in der Nähe war.

Den restlichen Vormittag verbrachte ich in der College-Bibliothek, um mich online für weitere Jobs zu bewerben, noch mehr Lebensläufe auszudrucken und eine Liste aller Firmen zu machen, die Leute einstellten.

Danach marschierte ich in jedes Geschäft und jede Firma in der Innenstadt und im weiteren Umkreis und gab dort meinen Lebenslauf ab, egal, ob sie auf meiner Liste standen oder nicht.

Hinterher ging ich nochmals in die Bibliothek, um nachzusehen, ob mittlerweile neue Jobs im Netz aufgetaucht waren, aktualisierte meine Liste und begab mich erneut auf Arbeitsjagd. Nach drei Stunden war nur noch ein einziger Name auf der Liste übrig.

Hawthorne Auto Repair Shop – Kassierer/Bürohilfe. Persönliche Bewerbung erwünscht. Gehalt Verhandlungssache.

Die Werkstatt lag von allen potenziellen Arbeitsplätzen am weitesten von meinem College entfernt, was mich allerdings nicht abschreckte. Ich stieg in den Bus und hoffte auf Glück.

Die Werkstatt selbst befand sich in einer großen, langen Halle, die metallgrau mit dunkelblauen Akzenten gestrichen war. Das Büro ging seitlich davon ab.

Ich hörte das Surren von Maschinen, das Kreischen von Metall, das gegen Metall rieb, und als ich die Bürotür öffnete, schlug mir ein schwerer Dieselgeruch entgegen.

Hinter dem Tresen stand eine große, gertenschlanke Brünette, die die Augen hinter einer schicken Brille zusammenkniff, während sie einem Mann lauschte, von dem ich annahm, dass er ein Kunde war.

Für einen Sekundenbruchteil huschte ihr Blick zu mir, weil die Glocke über der Tür bimmelte, als sie wieder zufiel.

„Glauben Sie etwa, dass ich diese Steuern auf die Rechnungen setze? Wenn dem so wäre, würde ich noch eine Arschlochsteuer erheben, direkt vor der Idiotensteuer. Vor allem für manche Leute“, sagte sie in einem sehr sachlichen Ton. Dabei zog sie eine perfekt gezupfte Braue hoch.

Dann warf sie sich ihr sehr modisch geschnittenes Haar über die Schulter.

„Ich behaupte ja nicht, dass das für Sie gelten würde, doch wenn Sie uns nicht für unseren Service bezahlen, kriegen Sie Ihren Wagen nicht. Lassen Sie es drauf ankommen, falls Sie mir nicht glauben“, warnte sie. Ihre leicht schrägen Augen funkelten herausfordernd, während der Mann nach den Schlüsseln auf dem Tresen griff. „Versuchen Sie ruhig, den Wagen von diesem Gelände zu fahren, ohne Ihre Rechnung, inklusive Steuern zu bezahlen, und ich versichere Ihnen, Sir, dass Sie vielleicht vor mir fliehen können, aber nicht vor den Cops.“

Ich biss mir auf die Unterlippe und überlegte, ob ich umdrehen und gehen sollte, um zu einem günstigeren Zeitpunkt wiederzukommen.

Erneut sah sie kurz zu mir hin und zwinkerte.

Also hielt ich mich im Hintergrund, wartete aber. Der Streit ging noch eine Weile weiter, bis der Kunde am Ende seine Rechnung, inklusive Steuern, bezahlte, sich seine Schlüssel schnappte und verschwand.

Und mein Eindruck war, dass er von Glück reden konnte, mit dem Leben davongekommen zu sein.

„Mistkerl“, murmelte die Brünette vor sich hin. „Hinfort, negative Energie. Puh. Hallo, Schönheit. Sind Sie hier, um einen Wagen abzuholen?“

Sie war völlig gnadenlos, und ihre braunen Augen richteten sich klar und direkt auf mich. Unwillkürlich musste ich grinsen. Ich mochte sie.

Ich konnte nicht umhin, ihr langes, unkonventionelles grünes Kleid zu bestaunen, ebenso wie die goldenen Schnürsandalen. Sie hatte einen kleinen Schönheitsfleck seitlich von ihrer Oberlippe, und sie musste Halbasiatin sein.

Ich schüttelte den Kopf. „Tut mir leid, nein. Ich bin hier, um meinen Lebenslauf abzugeben, falls die Stelle noch frei ist. Ich hatte Ihre Anzeige im Internet gesehen.“

Ihre makellos geformten Brauen zogen sich zusammen. „Welche Anzeige?“

Sie griff nach meinem Lebenslauf und überflog ihn.

„Ich bin Veronica Strafford.“

„Kara Hawthorne. Süße, ich denke, Sie haben die falsche Werkstatt …“

„Hey, Kar!“

Wir beide drehten uns zu der Stimme um. Ein junger Typ in einem Overall öffnete den Hintereingang zum Büro und streckte seinen Kopf hindurch. Aus der Werkstatt drangen Geräusche herein, die aber nicht ohrenbetäubend waren.

„Dad hat mir gesagt, ich soll eine Teilzeitstelle im Internet ausschreiben, damit du ein bisschen entlastet wirst. Gern geschehen.“ Er sah zu mir hin und grinste. Dann zwinkerte er.

„Hörst du bitte auf zu zwinkern, Dylan? Du siehst aus, als hättest du einen epileptischen Anfall. Warum hat Dad dich gefragt und nicht mich?“ Sie klang beleidigt.

Er verdrehte die Augen. „Immer mit der Ruhe. Genau deshalb hat er dich nicht gefragt. Du bist wie ein ausgeflippter Psycho, und du brauchst Hilfe.“ Erneut zwinkerte er mir zu.

Ich presste die Lippen zusammen, um nicht zu lachen. Mir kam es wie das übliche Gezanke zwischen Geschwistern vor.

„Fahr zur Hölle. Entschuldigen Sie diesen Idioten. Wir lassen ihn nicht allzu oft aus seinem Käfig“, sagte Kara grinsend.

Ich erwiderte ihr Lächeln.

„Das habe ich gehört!“, meinte Dylan, bevor er wieder verschwand und die Tür hinter sich zuzog.

Sie wedelte geringschätzig mit der Hand hinter ihm her und wandte sich wieder mir zu. „Okay, lassen Sie mich noch mal sehen.“ Sie schaute erneut auf meinen Lebenslauf. „Können Sie mir drei Referenzen geben?“

„Sicher.“ Ich reichte ihr ein Blatt mit meinen Referenzen.

„Warten Sie kurz, solange ich die hier überprüfe.“ Sie ging in das hintere Büro, um zu telefonieren.

Strahlend lächelnd kehrte sie zurück. „Ich habe zwei von den dreien erreicht. Doch ehe wir Weiteres besprechen, habe ich einige Fragen an Sie.“

„Okay.“

„Tragen Sie Pelz?“

„Nein.“

„Echtes Leder?“

Meine Mundwinkel zuckten. „Nein.“

„Gut. Ich bin Tierfreundin. Sind Sie Veganerin oder Vegetarierin?“

„Ähm … nein.“

„Ein Jammer.“ Sie stieß einen Seufzer aus, ehe sie breit grinste. „Sie sind eingestellt. Haben Sie Lust, heute anzufangen?“

Mein Herz vollführte einen Tanz in meiner Brust, und ich spürte, wie ich breit grinste.

„Das würde ich sehr gern.“

„Dann sag Kar zu mir.“ Sie lächelte. „Und da ich dich wahrscheinlich höllisch rumscheuchen werde, willst du erst mal mit mir essen gehen, damit wir den Rest bereden können?“

Eifrig nickte ich. „Klingt super.“

„Es gibt ein vegetarisches Restaurant gleich die Straße runter. Bist du damit einverstanden?“

Sie holte ihre Handtasche und ein Schlüsselbund aus einer Schreibtischschublade, drehte ein Schild in der Tür um, auf dem stand, dass sie in einer Stunde wieder da wäre, und schloss hinter uns ab.

Da ich nun einen Job gefunden hatte, erlaubte ich mir, zur Feier des Tages essen zu gehen, aber nur dieses eine Mal. Ich brauchte jeden Cent, um meine Schulden abzubezahlen.

Bei Pommes, Champignon-Burgern und Milchshakes besprachen wir meinen Stundenlohn, meine Aufgaben und was Kar von mir erwartete.

Normalerweise wurde ich mit niemandem schnell warm, aber bei Kar ging es gar nicht anders. Manche Leute fanden ihre unverblümte Art vermutlich einschüchternd, aber ich mochte ihre Direktheit richtig gern.

Wir lachten über ihre Taktiken bei schwierigen Kunden, als sie mitten im Satz abbrach, sich ihre Augen vor Schreck weiteten und sie für einen winzigen Moment verletzt wirkte, bevor sie sich wieder im Griff hatte.

„Mein Ex. Mein Ex aus der Hölle. Er ist hier. Sieh nicht hin!“

Doch das tat ich bereits. Sie stieß ein unglückliches Knurren aus und funkelte mich wütend an. Angesichts ihrer finsteren Miene musste ich lachen.

Ein dunkelhaariger Typ setzte sich drei Tische von uns entfernt hin, und seine verblüffend blauen Augen verdunkelten sich, als er Kar ansah. Nur für einen winzigen Moment schweifte sein Blick zu mir, ehe er zu Kar zurückkehrte.

„Er starrt dich an“, bemerkte ich, nachdem ich mich endlich wieder zu ihr umgedreht hatte.

„Zum Teufel mit ihm. Ich wünschte, er würde lebendig verbrannt, lebendig gehäutet. Lebendig gekocht.“

„Du bist unheimlich.“

Erbost schaute sie mich an. „Und du bist zum Kotzen. Er hat genau gesehen, wie du ihn gemustert hast. Jetzt weiß er, dass ich über ihn geredet habe. Sein Ego ist sowieso schon aufgebläht genug.“ Zunächst verengten sich ihre Augen, dann leuchteten sie auf. „Lass mich da ein bisschen reinpiksen, damit etwas Luft rauskommt. Gehen wir“, befahl sie und stand von ihrem Stuhl auf.

Sehnsüchtig betrachtete ich meinen Burger und fragte mich, ob mir Zeit bliebe, den einpacken zu lassen. Doch ein Blick zu Kar genügte, um mir zu sagen, dass es nicht dazu kommen würde.

Sie sah sehr entschlossen aus.

Und ich staunte nicht schlecht, als sie neben dem Tisch ihres Ex stehen blieb.

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