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Ein Mann aus Wörtern. Als Autor auf der Stör

Als Buch hier erhältlich:

Hermann Burger war Schriftsteller. Und er war – was für sein dichterisches Selbstverständnis elementar ist – Literaturwissenschaftler und Kulturjournalist. Er schrieb Betrachtungen über das Gesamtwerk von Ingeborg Bachmann, Bilder von Peter Weiss, Romane von Franz Kafka und Robert Walser, Erzählungen von Peter Bichsel oder das Frühwerk von Hermann Hesse. Er verfasste Reportagen über Eishockey, Bobfahrten und literarische Vorbilder. Auch in seinen essayistischen und journalistischen Arbeiten zeigt sich der Autor aus der Schweiz als großartiger Beobachter und doppelbödiger Erzähler.
  • Erscheinungstag: 03.02.2014
  • Seitenanzahl: 544
  • ISBN/Artikelnummer: 9783312006199
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

 

Die Werkausgabe wurde ermöglicht dank der großzügigen Unterstützung durch

 

den Kanton Aargau

 

 

 

sowie der Unterstützung durch

 

die UBS Kulturstiftung

 

die STEO-Stiftung Zürich

 

die Stadt Zürich Kultur

 

den Verein zur Förderung des Schweizerischen Literaturarchivs

 

 

© 2014 Nagel & Kimche

im Carl Hanser Verlag München

Umschlag: Stefanie Schelleis, München

Porträtfoto Hermann Burger: 1988, © Isolde Ohlbaum

Herstellung: Andrea Mogwitz und Rainald Schwarz

Satz: Satz für Satz. Barbara Reischmann

ISBN Band 7: 978-3-312-00619-9

 

Unser gesamtes lieferbares Programm

und viele andere Informationen finden Sie unter:

www.hanser-literaturverlage.de

 

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Datenkonvertierung E-Book:

Kreutzfeldt digital, Hamburg

INHALTSVERZEICHNIS

EIN MANN AUS WÖRTERN

 

I

 

Das alte Kinderkarussell   Das Circensische und ich: Eine Liebeserklärung als Studie   Als Glazionaut im Eiskanal   Einfahrt in den Zauberberg

Ein Lakai der inneren Gemächer: Über Robert Walsers Roman ‹Jakob von Gunten›   Undine bleibt: Zu Ingeborg Bachmanns Gesamtwerk

Zauberei und Sprache   Konzertante Ebenen: Stilistische Bemerkungen zu Gert Jonkes Roman ‹Der Ferne Klang›

 

II

 

Eduard Mörikes Bilder aus Bebenhausen: Die Architektur-Idyllen ‹Kapitelsaal› und ‹Sommer-Refektorium   Laokoons ältester Sohn: Peter Weiss als Maler   Die Glorietten-Vision: Tagebuch eines Wiener Spitalaufenthalts   Schönheitsmuseum – Todesmuseum: Thomas Bernhards Salzburg   Der Prozess schwebt: Beim Wiederlesen von Franz Kafkas Roman ‹Der Prozeß›   Versuch über den Dichter Paul Haller   Die Wiederherstellung der Welt: Zu E. Y. Meyers Roman ‹Die Rückfahrt›

 

III

 

Die Geschichte soll auf dem Papier geschehen: Peter Bichsel: ‹Eigentlich möchte Frau Blum den Milchmann kennenlernen›   Die allmähliche Verfertigung der Idee beim Schreiben: Zur Entstehung der Erzählung ‹Diabelli, Prestidigitateur›

Zur Poetik der Montage bei Otto F. Walter

Zu Besuch bei Thomas Bernhard   Der Mann der nur aus Wörtern besteht   Schreiben Sie, trotz Germanistik?

 

 

ALS AUTOR AUF DER STÖR

 

I

 

Der Eremitenkongress

Zweikampf mit einem Haar

 

II

Der Zauberbaron: Ein Spieler mit Wundern und Illusionen – Wolff Baron von Keyerlingk   Spengler Cup, Davos: Das älteste Eishockeyturnier Europas   Wovon soll der Lehrer leben?   Sonntäglicher Besuch im alten Bezirksschulhaus   Keine Kadettenübungen bitte! Warum ich Pazifist wurde   Camuzzianisches

Die Teufelsschlucht: Zum 100. Geburtstag des ersten Gottharddurchstichs    Roman-Kur im Gasteiner Tal

Blauschwarze Liebesbriefe

 

III

 

Eine Stunde hinter Mitternacht: Zum Ästhetizismus in Hesses Frühwerk   Hermann Hesses Steppenwolf-Krise   Kafkas definitives Fragment: Zur kritischen Ausgabe von Kafkas Roman ‹Das Schloß›

Kein Platz für den Alexanderplatz: Zu Döblins Roman ‹Berlin Alexanderplatz› und zu Fassbinders Verfilmung   Hinausgeprüft: Alfred Anderschs Schulgeschichte ‹Der Vater eines Mörders›

Stillers jüngerer Bruder: Zu Max Frisch: ‹J’adore ce qui me brûle oder Die Schwierigen›

Architektur-Darstellung bei Max Frisch

Schweizer Literatur nach 1968

Semantische Aspekte in Peter Bichsels Kindergeschichten

Präzise Momente offenen Träumens: Gertrud Leuteneggers erster Roman ‹Vorabend›

Theatralische Sendung in Chur: Zu Reto Hännys Bericht ‹Ruch›

 

 

ANHANG

 

Editorische Notizen

Nachwort von Karl Wagner

Personenregister

I

DAS ALTE KINDERKARUSSELL

 

Für Anne Marie

 

August – auf unserm Schulhausplatz, markiert mit Kreide,

ein Labyrinth von Buden in der Mittagsglut.

Da steht mein Rösslispiel, die Plachen zugeknöpft;

es dreht sich langsam, knarrend, wie vom Wind getrieben,

und aus dem Innern weht ein süßer Kampferduft.

 

Noch immer spring ich ab vom Rand in voller Fahrt

und schlage mit der Stirn auf einen Katzenstein.

Ich sehe Sternchen und die Haare meines Vaters

pechschwarz in einer Nageltrommel über mir

und rieche Gas aus einem grünlichen Ballon.

 

Ein greller Wiener Walzer schmettert frotzelnd los.

Die Faltenbälge schnaufen laut im Orgelkasten.

Der Schalter kippt, die Plachen blähen sich und reißen.

Von Kordeln, Quasten, Troddeln schwirren Motten auf.

Glühbirnen leuchten tangorot im Sonnenlicht.

 

Tief hängen Fahnen von Scharlach mit Engelshaaren

aus dem geborstenen Himmel mit den Bildertafeln,

auf denen freche Weiber ihre Röcke raffen.

Du dringst durch Seidenschlitze, Schmand und Samtportieren

hinauf ins Mutterfleisch, wo dich die Muschel kappt.

 

Posaunen brechen aus der Kartonpyramide.

Ein rostiger Falter klebt am Herz aus Türkenhonig.

Nackt in der blauen Wiege liegt die Kinderbraut.

Der rot bestrumpfte Faun bläst wild die Doppelflöte.

Geköpft der Eidam in der Zuckerwattenpfühle.

 

Hoch auf der silbernen Draisine sitzt und grinst

der Harlekin im fiebrig mauven Karokleid.

Weit lehnt er, weiter, kühner jedes Mal hinaus

und schnappt mit dürren Fingern nach dem Messingring.

Ein Speichenballerino auf dem Naumann-Rad.

 

Die Lukasglocke gellt: er hat ihn, freie Fahrt!

Doch langsam, langsam neigt die Achse sich, steht schief,

und wie ein Hurrlibueb, ein irrer Kreisel torkelt

das Karussell windhosenhaft spitz in mein Herz;

es stinkt nach Ceresit, die Strontiumfunken stieben.

 

Ein geiler Knall: die Leierorgel explodiert,

Glas wird zersungen, Spiegel scherbeln und Pailletten;

Brimborium, Zaumzeug, Kutschenfransen, Baldachine,

das ganze Wrack aus Eiweiß und Trompetengold

pfropft weg, erlischt am Himmel wie ein Pfauenrad.

 

Da endlich setzt in meiner Stirn der Walzer aus,

der die chimärenhaften Gäule angetrieben,

und von der Schramme blättert ab der Siegellack.

August – der Asphalt flimmert, leer der Pausenplatz,

verwischt im Staub die Reitschulspur: ein Achsenkreuz.

DAS CIRCENSISCHE UND ICH

 

Eine Liebeserklärung als Studie

Für E. K.

 

Frau Knie, verehrte, ma belle Voltigeuse! Ganz im Gegensatz zum jungen Galeriebesucher, der bekanntlich während des großen Finales sein konkaves Gesicht auf die Brüstung legt und weint, ohne es zu wissen, weil nämlich die Kunstreiterin nicht lungensüchtig, sondern schön ist, im Gegensatz zu meinem Vorgänger habe ich an der ominösen Kindervorstellung vom 13. August im Aarauer Schachen die Tränen, und zwar par cœur gewusste Tränen, nicht zurückhalten können, als Sie in der perfekt gerittenen Kosakennummer, Place aux cosaques, Equitazione cosacca, statt das Tuch aufzuheben im Galopp, ins Sägemehl plumpsten und zu den alles vertuschen wollenden Weisen des polnischen Circusorchesters unter der brillanten Leitung von Stanislaw Kapisz mit einer Gehirnerschütterung aus der Manege getragen wurden. Cécile-Eliane-Aimée Knie, stolze Dynastin der sechsten Generation, Gattin des berühmten Clowns Antonio Ambrosetti, Jahrgang 1949, im Zeichen des Löwen geboren – und den Löwen auch gleich noch im Aszendenten – patzert: ist das die Möglichkeit? Sofort, subito, tout de suite habe ich meinen dreijährigen Sohn in der englischroten Loge sitzen lassen, bin den Mittelgang hinauf, die wacklige Treppe hinunter und quer durch die Tierschau bis zum Wohnwagenpark unter den Eichen geeilt, wo jeweils die Regimentsspiele proben, um mich nach Ihrem Befinden zu erkundigen, wesbezüglich mir Ihr werter Gatte, welcher kurz zuvor in einer klassischen Wasser- und Box-Entrée dreitausend Kinder zum Lachen gebracht hatte, zuhanden der Lokalpresse, die ich mitnichten vertrat, mitteilen konnte, es sei zufriedenstellend, eine kleinere Gehirnerschütterung, weiter nichts; für mich aber, agile Vollblutartistin, war es eine größere, eine sehr große Gehirnerschütterung: Epizentralintensität neun, landschaftsverändernd. Ich würde meinen, dass ich Ihnen und der Direktion des Schweizer National-Circus eine Erklärung schuldig bin.

Dass Sie im Frühjahr eine Schönheitskonkurrenz für weibliche Kniescheiben gewonnen haben, lassen wir vorläufig mal beiseite. Als Extraordinarius für Glaziologie an der Abteilung X für Naturwissenschaften der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich – Spezialgebiet: Aletschgletscher; Hobbys: Bobfahren und ein bisschen Altphilologie – kann, konnte, durfte ich und wollte ich Ihren Sturz nicht auf mir sitzen lassen. Sehen Sie, auf dem St. Moritzer Olympia-Bobrun, wo ich naturgemäß als Eisforscher das Fahrerdiplom der Kategorie B besitze, ist «Aussteigen» während der Fahrt auch verboten. Ein Kipper im Devil’s Dyke Corner, und Sie – gerade Sie würden sich gut machen als Bobgirl – klöppeln auf dem Sturzhelm – über sich den schweren Siorpaesschlitten wie einen urwelthaften Schildkrötenpanzer – bis in die Sachs-Kurve hinunter. Fazit: ausgerenkte Schultern, Verbrennungen zweiten Grades unter der Nylonjacke. Ist mir einmal passiert, einmal und nie wieder! Lieber lasse ich im Wald von Celerina ein paar Zehntelsekunden liegen und beschleunige dafür durch riskantes Ziehen im Leap dermaßen, dass ich mit dem Vierer trotzdem noch auf eine Zwölferzeit komme. Kurz und gut: Stürzen verboten, und das gilt auch für Frau Cécile-Eliane-Aimée Knie.

Gewiss weiß ich um das Temperament der Donpferde, der sogenannten Achal-Tekkiner, die seit Jahren im Marstall des Schweizer National-Circus stehen und im diesjährigen Programm unter dem Motto Von Kopf bis Knie auf Circus eingestellt endlich wieder reaktiviert worden sind. Sacha Houcke junior hat die Kosakenreiterei in Frankreich vom Sohn eines russischen Offiziers gelernt und an die sechste Generation weitergegeben. Die Kosaken waren eine Kriegerkaste, ihre artistischen Erben traten zum Gaudi der Schaumenge an den Reiterfesten in Russland auf. Hoch standen sie in den festgebundenen Steigbügeln über dem Kosakensattel, der aus zwei zusammengeschnürten Lederkissen besteht, tauchten in Deckung, lasen im Galopp die Pelzmütze vom Boden auf und schrien heisere Jubellaute. Sie, verehrte Knie-Tochter, sind zweifellos das Glanzstück dieser Nummer. Nach Ihrem fatalen Sturz an jenem schwülen Samstagnachmittag im Aarauer Schachen – welch eine Raubtierbrunst unter dem Zeltdach! – kursierte das Gerücht, Ihre Schwägerin würde Sie in der Abschlussgala vertreten. Nonsens! Wie sollte eine Spitzenvoltigeuse Ihres Kalibers ersetzt werden können? Ohne Sie, Frau Knie, stirbt die Place aux cosaques, da können Iwan und Ferenc Szabo noch so wild herumturnen. Unverzichtbar, unverzichtbar! Ihre Domestiken voltigieren eben lediglich, während Sie das Circensische schlechthin verkörpern. In Ihren lipizzanischen Nasenflügeln, da kommt die Manege, die unsterbliche, zu sich selber.

Der junge Galeriebesucher mit dem konkaven Gesicht, er weinte, weil die Kunstreiterin so schön war; ich dagegen, der Glaziologe, kam zu Tränen, weil das Pferd vom Pferd stürzte und weil ich obendrein mit schuld war an Ihrer Gehirnerschütterung. Nennen wir seine Tränen der Einfachheit halber die anti-, die meinen die conartistischen; der Salzgehalt dürfte derselbe sein, aber die Intention ist eine je andere. Und zwar habe ich mich just im kritischen Moment der Nummer nicht voll auf Sie konzentrieren können, weil mein Sohn fragte, warum Pferde a) Zucker mögen und b) Zucker schlecken dürfen. Bei uns zu Hause ist Würfelzucker – auch Zuckerbrot, auch Kandiszucker et cetera – im Hinblick auf die horrenden Zahnklempnerhonorare tabu; und ausgerechnet in der für Ihre Voltige heikelsten Phase, da Sie geknickten Kreuzes im Bügel hängen, da Ihr weißblondes Haar – ungefärbt! – durchs Sägemehl schleift, da das teufelsrote Trikotbein gestreckt sein muss und die Stiefelettenspitze vorschriftsgemäß die Zügel fasst, will mein Sprössling, fünfte Generation, wissen, warum das Pferdegebiss gegen Karies weniger anfällig sei als unsere Zähne. Als Extraordinarius für Glaziologie und Leiter des Instituts für Hydrologie eine Kinderfrage nicht beantworten können ist schlimm, und die Bescherung war eine doppelte: Sie scheiterten in der Manege, ich in der Loge. Sie, vom Circus her gedacht – und wir wollen jetzt immer vom Circus her denken – diesseits, ich jenseits der Piste. Früher, als es das bezaubernde Nummerngirl Lotti noch gab, das die flittergesprenkelten Zahlen wie Auktionsschätze vor sich hertrug, waren diese segmentrunden Bandenkästen noch viel stabiler als heute, eine echte Rampe; seit das Raubtiergitter darin untergebracht wird, ist die Piste kein Laufsteg mehr, sondern ein maroder Haufen von Setzstücken. Item: Sie diesseits, ich jenseits, siamesische Zwillinge, was das Scheitern betrifft.

Naturkatastrophen und Circusse haben sich schon immer wechselseitig angezogen. Ich erinnere an die Föhnwindhose, die anno zweiunddreißig in Rorschach das Meisterwerk der Tenta-Werke, Ihr Zelt, zerfetzte. Drei Jahre später trat der Lago Maggiore in Locarno über die Ufer und überschwemmte die ganze Circusstadt. Es kam in der Bundesnacht neununddreißig der Brand von Altdorf hinzu, alles abgesengt bis auf die Rammpfähle! Seit je hat der Circus die Natur durch höchste Artefaktizität herausgefordert und hat die Natur mit Blitz und Hagelschlag darauf geantwortet. Ihre Väter in der Manege, Cécile-Eliane-Aimée, und auch Ihre hübsche Tante, welche im unvergesslichen Circus-unter-Wasser-Programm mit ihrer unverwechselbaren Lys-Assia-Stimme «O mein Papa» sang, in einer Gondel stehend, umpanscht von Liliputanern in Schwimmwesten und Delphinen, haben sich von all diesen Unbilden wenig beeindrucken lassen; diese meine Gehirnerschütterung aber, mein cerebrales Beben sollten Sie ein wenig ernst nehmen, ansonsten ich mich gezwungen sähe, Ihrem Familienunternehmen mit dem Aletschgletscher zu drohen. Bislang, darf man sagen, haben sich Gletscher- und Circuswelt nicht schlecht vertragen. Bewegen und zirkulieren lassen war die Devise. Doch mein jüngster Essay Les glaciers avancent-ils? in der Sondernummer der Zeitschrift Schweiz Suisse Svizzera Switzerland, worin ich die These vertrete, dass wir bei anhaltender Gletschertätigkeit einer neuen Eiszeit entgegengehen, dürfte auch einer Circensin von Ihrer Unerschrockenheit die Gänsehaut den überaus hübschen Rücken hochjagen. Erstmals seit dem berüchtigten Gletschervorstoß der zwanziger Jahre, Frau Knie, sind 1979, so weit wir die Zahlen bis dato überblicken, mehr Zungen vorgerückt als abgeschmolzen. Wir haben es mit einer deutlichen Tendenzwende im Firnerbereich zu tun. Natürlich haben die führenden Glaziologen der Schweiz diese Bewegungen unter Kontrolle. Garantieren kann ich dennoch für nichts. Und, mutige Kunstreiterin: die Ogiven am Triftgletscher im Gadmental «aufzuheizen», ein paar Séracs vom Grindelwaldgletscher abzusprengen, wenn Sie im Berner Oberland gastieren, wäre für unser Institut eine Kleinigkeit. Aber ich will Ihnen ja gar nicht drohen, ich möchte Ihnen meine Gefühle deklarieren.

Im Alter von fünf Jahren durfte ich zum ersten Mal an der Hand meines Vaters, eines Humoristen von Gottes Gnaden, die Kindervorstellung des Schweizer National-Circus besuchen, auf dem Marktplatz in Reinach AG hinter dem Hinteren Schneggen. Damals waren Sie noch nicht einmal unterwegs. Ich habe das ganze Programm noch im Kopf: Lipizzaner-Dressuren, langweilig; Urwaldtrotterei und -trompeterei von Dickhäutern, langweilig; die Affen in paillettierten Gilets, langweilig; es war fast so langweilig wie am Sonntagmorgen in der Sonntagsschule und am Nachmittag im Dankesberg, einer Stündeler-Kapelle im benachbarten Beinwil – was indessen gefallen konnte, war das Spaßmacher-Trio Les Rivels, war insbesondere Ihre Tante Eliane am Trapez, geboren 1915 in Neuenburg, verheiratet mit Jacky Lupescu aus Saloniki. Ich habe mich als Fünfjähriger eruptiv und possessiv in diese Luftkünstlerin verliebt wie nie zuvor in eine Frau. Was zeichnete sie aus? Das getigerte, hauteng auf den Kautschukkörper aufgegossene Badekostüm? Nein! Die Netzstrümpfe? Mitnichten. Es war der circensische Blick, das Blitzen der blauen Augen, das Eiswasser, das kristallin Erotische, das Sie nun, verehrte Tochter Charles-Friedrichs und stolze Mutter des kleinen Frédéric, der, wie mir am dreizehnten August in Aarau nicht entgangen ist, bereits die ersten Handvoltigen übt, innerhalb der sechsten Generation verkörpern. Jedes Detail an Ihnen stimmt, das Besondere vertritt das Allgemeine. Sie sind ein Symbol. Griechisch ‹symbolon›, das Zusammengeworfene; vergleiche auch ‹ballistisch›. Ein Symbol ist, wie Sie vielleicht noch wissen aus dem Deutschunterricht im Circus-Schulwagen, ein Sinnbild, eigentlich ein vereinbartes, aus Bruchstücken bestehendes Erkennungszeichen, dessen Fragmente, wieder zusammengefügt, die Verbundenheit seiner Besitzer andeutet – und sehen Sie, genau da liegt der springende Punkt: Erstens, ein Symbol darf nicht stürzen – wenn schon, muss es gestürzt werden –, und zweitens, secondo: Wir zwei, wir müssen wieder zusammengesetzt werden. Sie sind ein Puzzlestück, ich eins, mit vielen Zungen. Man hat uns aus der Figur geworfen, verlegt; nun geht es darum, dass unsere Positiv- und Negativformen wieder ineinandergreifen.

Sie lesen richtig: Sie lesen, Frau Knie, eine umfassende Liebeserklärung an den Zauber der Manege. Hätte man mich, den Glaziologen, die Welt erschaffen lassen, ich hätte sie von Anfang an als Circus erschaffen und hätte die Menschheit nur vorstellungsweise in die Menagerie der Normalität entlassen. Wenn Zeus auf die Idee gekommen wäre, mir statt Friedrich Schiller, dem Dramatiker, das Angebot zu machen, zu seiner Rechten Platz zu nehmen, als die Güter dieser Erde an Schmuggler und Hehler verteilt waren, ich hätte ihm frech erwidert: Nur unter der Bedingung, dass es eine Circusloge ist und ich ohne störende Zeltstangen auf die Manege blicken kann, den Sägemehlteppich, der mir die Welt bedeutet. Sieben Jahre lang, bis zum Ausbruch der Pubertät, bin ich Ihrer Tante treu geblieben. Dann hat sie das Familienunternehmen – und damit mich, ihren Adoranten – verlassen, um auf einer Südseeinsel verschollen zu gehen (Artikel fünfunddreißigfolgende des Zivilgesetzbuches, Absatz b, Unbegründete nachrichtenlose Abwesenheit). Aber am 9. August neunundvierzig, in einem Sommer von indischer Glut, sind Sie, Cécile-Eliane-Aimée Knie, als erste Tochter der sechsten Generation geboren worden, im Zeichen des Löwen, dem circensischen Tierkreiszeichen, und ich, der ich als Erstklässler noch nichts von Ihnen wissen konnte, durfte, habe dafür als Gymnasiast mit Sodbrennen Gottfried Benns Gedicht ‹Einsamer nie als im August› auswendig gelernt, nachdem Sie in einer Pony-Nummer zum ersten Mal in der Manege gestanden hatten. «Wo alles sich durch Glück beweist» et cetera, «und tauscht den Blick und tauscht die Ringe» et cetera.

Das Unvergessliche an meinem ersten Circusbesuch ist und bleibt, dass mein Vater, als René, der weiße Clown der Rivel-Truppe, eine Telefonkabine auffahren ließ, in der man den Wettergott anrufen und Regen, Schnee und Hagel bestellen konnte, genau wie ich zweiunddreißig Jahre später einen Augenblick nicht aufpasste und demzufolge den Hut fallen ließ, und dass er sich in den Kopf gesetzt hatte, diesen seinen Hut, obwohl die Direktion erklärt hatte, dass verlorene Gegenstände, soweit sie vom Circuspersonal gefunden würden, erst nach Schluss der Vorstellung am Haupteingang abgeholt werden könnten, auf eigene Faust im Gestänge der Zuschauertribüne zu suchen, mit Hilfe von Streichhölzern während der Clown-Nummer, die in der Folge so ablief, dass die Dummen Auguste Célito und Rogelio, um sich nach der Schneedusche zu wärmen, zwei Pechfackeln anzündeten und einander mit diesen schwarz rauchenden Feuerfahnen die Sektorengänge hinaufjagten. Ich saß auf der dritthintersten Bank zuäußerst, und derweil mein Vater tief unter mir zwischen Wurstpapieren und Eiscremehüllen seinen Hut je weniger fand, desto verbissener er ihm auf die Spur kommen wollte, hetzte Célito – nach seinem tragischen Tod durch den portugiesischen Clown Fofó ersetzt – bis zu meinem Platz hinauf, bat mich im Scheinwerferkegel, die Pechfackel zu halten, und gab mir dafür einen Schmatz auf die Stirn, einen August-Kuss als Stempel. Ob ich geschrien habe vor Angst oder geweint vor Glück, ich weiß es nicht mehr, ma belle Voltigeuse. Nur eines weiß ich: dass mein Vater hutlos zurückkam und dass der Hut auch nicht bei den Fundgegenständen war.

Kein Hut bei den Fundgegenständen, Frau Knie, niente chapeau! Was uns indessen seit jenem denkwürdigen Erlebnis verbindet, ist das hohe circensische C. Circus darf immer nur, Circus muss mit zwei C geschrieben werden. Sie als Vollblut-Circensin führen den dritten Buchstaben des Alphabets gleich doppelt in Ihrem dreiteiligen Namen. Zwei C und, nicht minder circensisch, zwei Accents aigus. Ihnen zuliebe habe ich für unser Verhältnis den Künstlernamen Cédéric angenommen: zwei C und zwei Accents aigus. In der Chemie, die ja an der Abteilung X nicht völlig vernachlässigt werden darf, ist C das Zeichen für Carboneum. Bei Temperaturangaben steht es für Celsius. In Handelsbüchern bedeutet es Kapital, Kurant oder Konto. Die klassische Circusorchester-Tonart ist Cis-Dur, sieben Kreuze. Da rätseln doch die Musikologen noch immer am spezifischen Sound von Stanislaw Kapisz herum, dabei liegt das Geheimnis offen zutage: harte Tonarten, im Bläsersatz auf jeden Fall ein Bariton-, zwei Tenor- und zwei Altsaxophone. Führt die Klarinette, opalisiert die Band ins Glenn-Millersche. Auch der sogenannte Circus-Geruch, der vielbesungene, setzt sich ja aus eindeutigen Odeur-Komponenten zusammen: Sägemehl, Elefantenurin, Zeltplachenbrodem, Löwinnenbrunst, Schlangenfrauenparfüm, Magnesia, Karrenschmiere. Will man das Circensische definieren, braucht man bloß eine synästhetische Gleichung aufzustellen: C = G + S, das heißt: das Circensische ergibt sich aus den Summanden Geruch und Sound. Ich gehe einen Schritt weiter und potenziere das Circensische: C im Quadrat gleich Geruch plus Sound – Bruchstrich – über C, wobei dieses zweite C für Sie, Frau Knie, zu stehen hat. Sie, Ihre Figur und Frisur, Ihre lipizzanische Physiognomie vor allem, Sie allein sind der Generalnenner, auf den die Circuswelt zu bringen ist. Ich weiß, dass, was Ihr Gesicht betrifft, in der Presse und auch in der einschlägigen Literatur immer wieder das Schnittige, Windschlüpfrige gelobt wird. Die starken Backenknochen, die Marlene-Dietrich-Höhlen – das ist alles richtig, nur übersieht man dabei, dass das Kapitale an Ihrem circensischen Antlitz, das physiognomische Kairos-Moment eben kein statisches Detail ist, sondern im mimischen Rhythmuswechsel gesucht werden muss.

Nehmen wir doch zum Vergleich, weil ich davon mehr verstehe als von Ihnen, den Großen Aletschgletscher. Der höchste Punkt, das Aletschhorn, befindet sich auf 4195 Meter über Meer; der Konkordiaplatz dagegen weist die größte Eismächtigkeit auf, cirka 900 Meter. Fließgeschwindigkeit an der Oberfläche, am Konkordiaprofil berechnet: 185 bis 195 Meter pro Jahr. Mittlerer Rückzug seit 1957: 27 Meter pro Jahr. Das sind eisharte Daten, Zahlen, Fakten, Frau Knie, und dennoch, so meine ich, werden Sie dem Wesen des Aletschgletschers mit graphischen Tabellen nicht gerecht. Eine Charakterstudie des Jungfraufirns und somit der Helvetia muss die Oberflächenstruktur der Séracs und Spalten einbeziehen, und zwar in dem Moment, da sich das Gefüge bewegt, das heißt: da der Gletscher lacht. Damit komme ich zu Ihnen und zum Axiom zurück: Das blitzartige Umsteigen von hartem Dressurblick auf blendendes Lachen ist entscheidend für den circensischen Effekt in der Manege. Natürlich muss man dieses gebissstarke Lachen, dieses Déshabillement-Blitzen mit Schaufelzähnen richtig ausleuchten. Das wäre zum Beispiel eine Aufgabe, die ich übernehmen könnte für eine Saison: der Extraordinarius für Glaziologie als Special-Effects-Assistent von Frau Cécile-Eliane-Aimée Knie. Welch eine Kumulation – nicht Kulmination! – von Kapazitäten! Der dramaturgische Aufbau Ihres Lachens wäre in etwa folgender: Kosakenblick, volle Konzentration auf die Nummer; Tuch vom Boden auflesen und dabei den gefallenen Engel markieren; Aufschwung in den Sattel und kurzes Lächeln als private Freude über das Gelingen des Artefakts; Kosakenblick und Konzentration auf die Galopp-Coda; Stillstand, Augenaufschlag, Blitzlachen, dass alle Gletscher schmelzen!

Bei dieser Gelegenheit noch eine Bemerkung zu Ihrer Frisur. Der Allonge-Cottu-Schnitt, aus dem Sassoon entwickelt, ist im Prinzip okay, aber Sie sollten vielleicht doch dem Circuspublikum die Freude machen, Ihre Blondflechten um eine Spitze länger auf die Schultern fallen zu lassen, damit das Alerte Ihres Wesens besser zum Ausdruck kommt. Velocità, Tempofrau: nicht bremsen mit der Haarfackel! Schlüsselbeinhöhe wäre ideal, wobei Sie unbedingt darauf achten müssten, dass diese unter Kunstreiterinnen einmalige Schlüsselbeinpartie – um nicht von einem Schlüsselbeinaltar zu sprechen – auf gar keinen Fall verdeckt wird. Die Circus-Coiffeuse – Doppel-C-Beruf – wird das hinkriegen, auch den richtigen Nagellack. Lassen Sie sich von einem Aletschgletscherspezialisten gesagt sein, dass die Töne «dark cherry», «madeira» und «tizian» passé sind. Bordeaux ist Trumpf als Kleiderfarbe, und dazu könnte ich mir – gewagt, ich weiß – eigentlich nur «red fire» vorstellen. Aber lassen wir das! Es geht ja im Rahmen dieser knappen Studie einzig und allein darum, Ihnen begreiflich zu machen, warum und inwiefern Sie meine Schwester sind und dass wir infolgedessen niemals heiraten können, es sei denn, wir hätten die Absicht, der Boulevard-Presse die Schlagzeile «Inzest in der Manege» zu liefern. Ich glaube, das wäre, nach so vielen Spitzennummern im diesjährigen Programm – Dimitri, The Marilee Flyers, The Nicolodis – ein klein wenig zu viel des Guten.

Wie Sie aber, ohne nein danke oder ja und amen sagen zu können, tatsächlich meine Schwester geworden sind, sollen Sie zum Schluss doch noch erfahren, liebe Cécile-Eliane-Aimée. Das war ungefähr so. Meine Mutter machte an dem heißen Julinachmittag meines Geburtstags Kirschen aus und ein, Ruedertaler Kirschen, naschte von den Früchten – dass diese Frauen immer naschen müssen, wenn es ums Ganze geht! – und hielt die ersten Wehen für gewöhnliche Bauchkrämpfe, so dass sie glaubte, dem Vorhaben, die Abendvorstellung des Circus Knie auf dem Marktplatz in Reinach zu besuchen, stehe, sofern man in Alarmbereitschaft bleibe, nichts im Wege. Sie ging zwar nur meinem Vater zuliebe in die Premiere, und wohl auch ein wenig mir zuliebe, von dem sie hoffte, dass ich ein Bub und abgeschnitten der Vater würde. Kurz und gut, Frau Knie, es reichte in der Pause, als gelbweiß gezuckerte Pfefferminzdrops gelutscht und Toblerone-Schokolade gebrochen wurde, nicht mehr bis ins Bezirksspital. Der Arzt, der zufällig unter den Zuschauern war, trug meine Mutter mit Hilfe meines Vaters und eines weinrot livrierten Negers bis zum Liliputanerwagen, wo er mich ohne Instrumente notfallmäßig zur Welt brachte und nach dem eisernen Gesetz «In dubio pro nato» meine Mutter sterben lassen musste. Immer lassen die Ärzte, und nicht nur die Gynäkologen, die Mütter sterben und die Säuglinge leben, sofern es zu einem Zweikampf um dieses Leben kommt. Es war eine blutige Angelegenheit, ich habe, knutschblau im Gesicht, als allerersten Eindruck die zweite Hälfte des Kriegsprogramms zweiundvierzig mitbekommen; unter anderem wurde ein Stuntman, Johnny Allegro, aus einem silbergrauen Kanonenauto ins Netz geschossen. Es blieb mir, Kosakenreiterin, in dieser fatalen Lage nichts anderes übrig, als die Frau Welt, soweit man sie im Circus – immer mit zwei C geschrieben! – wiederfindet, als Adoptiv- oder Stiefmutter zu akzeptieren und dergestalt die Muttergrube unter meiner Existenz zu überbrücken. Kaum das Licht der Welt erblickt, nicht ganz im Scheinwerferkegel, aber doch zumindest an seiner Peripherie, musste ich bereits alles mich zentral Betreffende selber in die Hand nehmen. Und ich erklärte: der Circus – in dem mein Vater später seinen Hut verlieren sollte – ist meine Mutter, die sechste Generation, das sind meine Geschwister. Tags darauf hing, wenn auch nur auf Halbmast, eine Schweizerfahne an der weiß-rot gestrichenen Stange auf dem Schulhausplatz. Das ist Brauch in meiner Heimatgemeinde: Kommt ein Knabe zur Welt, wird die Schweizerfahne, bei einem Mädchen die Aargauerfahne hochgezogen. Mutterlos wuchs ich auf in einer klassizistischen Villa und in einem großen Park mit alten Bäumen; ich habe es verkraftet, denn als ich sieben Jahre alt war, wurde mir eine circensische Schwester geboren, und was für eine Schwester: das absolute Nonplusultra auf dem Gebiet der Kunstreiterei.

Würden Sie nun die Güte haben, begreifen zu wollen, verehrte Dame, warum ich nach Ihrem Sturz am 13. August im Aarauer Schachen, im Gegensatz zum jungen Galeriebesucher, der weinte, ohne es zu wissen, Ihretwegen par cœur gewusste Tränen vergoss, still für mich, zwischen dem Garderoben- und Liliputanerwagen? Sie haben einen Gletscher in Bewegung gebracht. Es gibt das einfache und das höhere Circensische, das Circenseske. Dies aber waren Naturtränen, versalzene. Wenn Sie es nicht kapieren, macht es auch nix. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg für die neue Saison, kehre zur Glaziologie zurück und wiederhole noch einmal, exklusiv für Cécile-Eliane-Aimée Knie: Hätte man mich die Welt erschaffen lassen – und mich nicht bloß an die Abteilung X der ETH abgeschoben –, ich hätte sie bei Gott als Circus – und nicht als Mindel, Günz, Riss oder Würm – erschaffen und meinem Moses den Satz ins Alte Testament diktiert: Es werde Licht; und es ward Licht, die tangoroten, die honiggelben, die eukalyptusgrünen, die ischiasblauen Scheinwerfer leuchteten auf – Manege frei!

ALS GLAZIONAUT IM EISKANAL

 

Als Joachim Ziemßen seinen Vetter Hans Castorp im ersten Kapitel von Thomas Manns Roman Der Zauberberg an der Station Davos-Platz abholt, um ihn zum «Berghof» zu begleiten, erzählt er ihm allerhand Kurioses über den Kurort und die Lungenheilstätte von Hofrat Behrens und erwähnt beiläufig: «Am allerhöchsten liegt das Sanatorium Schatzalp dort drüben, man kann es nicht sehen. Die müssen im Winter ihre Leichen per Bobschlitten herunterbefördern, weil dann die Wege nicht fahrbar sind.»

Thomas Mann wäre nicht der Wagner der Epik, wenn dieses angetippte Leitmotiv nicht wiederaufgenommen würde, im Abschnitt «Totentanz» des fünften Kapitels, wo die Vettern Karen Karstedt zu einem Bobsleigh-Rennen begleiten, wieder unter dem Aspekt des Todes. Und ganz nebenbei liefert der Romancier eine präzise Beschreibung dieses in der Schweiz, freilich von Engländern entdeckten Wintersports: «Man sah rote, angestrengte Gesichter, in die es hineinschneite. Stürze, Schlitten, die aneckten, sich überschlugen und ihre Mannschaft in den Schnee entleerten, wurden vom Publikum photographiert … Die Leichen des Sanatoriums droben nahmen den gleichen Weg, im Saus unter den Brücken dahin, die Kurven hinab, zu Tale, zu Tale, dachte Hans Castorp …»

Das war noch vor dem Ersten Weltkrieg, als bis zu acht Damen und Herren auf den schweren Holzkufengefährten Platz nahmen. Es gibt Aufnahmen besonders emanzipierter Schlitten, da sitzt ein einziger Mann im Windschatten der Eiskurven-Amazonen: der Bremser. Und wenn der Bob bei Geschwindigkeiten von 50 km/h ausleerte, setzte es immer ein heldenerotisches Tohuwabohu in den Schneemahden ab.

Die eigentliche Wiege des Bobsports ist aber nicht Davos – wo die gleichnamige Lattenhitsche herkommt –, sondern St. Moritz im Engadin. 1887 taucht erstmals der aus Amerika stammende, niedrige Liegeschlitten auf, der Skeleton. Ursprünglich aus Knochen hergestellt wie der Vorläufer des Schlittschuhs, baute man ihn später aus Stahlrohr und konstruierte die Auflagefläche für eine Person rollsitzähnlich. Die erste künstliche Schlittenbahn war bereits 1884 in St. Moritz eröffnet worden, der inzwischen weltberühmt gewordene «Cresta Run» mit der Schlüsselstelle «Shuttlecock» (Schüttelbecher) und der «Straight» (Zielgeraden), die unter der Straßen- und Eisenbahnbrücke durchführt. Dafür eignete sich das Stahlskelett am besten.

Im Winter 1889/90 war es dann der Engländer Wilson Smith, der auf die Glanzidee kam, zwei Skeletons mit einem Brett zu verbinden und am vorderen Gestell eine Lenkvorrichtung anzubringen. Als Bremse wurde ein Gartenrechen verwendet. Die Probefahrten imponierten dem St. Moritzer Hufschmied Mathis dermaßen, dass er ein Jahr später den ersten «Bobsleigh» aus der Esse hob. Englisch bob: stoßen, aber auch springen; sleigh heißt Schlitten. Dass sich die Wendung «mit jemandem Schlitten fahren» für rücksichtslose Behandlung eingebürgert hat, ist eindeutig auf die hohe Sturzquote der Kufenpioniere zurückzuführen. In einem Rennbericht der Illustrierten Zeitung von 1892 heißt es:

«Kecke Neulinge werden denn auch … sehr unsanft über die Bahn hinaus und eine Strecke durch die freie Luft in den Schnee geschleudert. Man kann sich davon einen … Begriff machen, wenn man vernimmt, daß die 1500 m lange Bahn von gewandten Fahrern in weniger als 2 Minuten durchlaufen wird, das heißt also mit der Schnelligkeit von etwa 50 km in der Stunde, was der Geschwindigkeit eines guten Schnellzugs ungefähr gleichkommen mag.»

Bereits im Winter 1896/97 wurde der «St. Moritz Bobsleigh Club» gegründet, womit die Natureisrinne, Schauplatz der Weltmeisterschaften im Zweier- und Viererbob 1982, den Ehrentitel des ältesten Bobruns der Welt für sich in Anspruch nehmen darf. Die Piste ist heute 1585 Meter lang, überwindet mit 18 Kurven eine Höhendifferenz von 129 Meter. Der absolute Bahnrekord des Schweizer Viererbob-Weltmeisters Silvio Giobellina beträgt 1:07,58 Minuten, was eine Spitzengeschwindigkeit von 127,208 km/h ausgangs Gunter Sachs Corner erfordert.

Wer nicht nur am Rande der Eisschlange, die sich von St. Moritz durch den Wald nach Celerina hinunterwindet, mit ansehen, sondern an Leib und Seele miterleben möchte, wie einem Glazionauten unterwegs zumute ist, kann sich für eine sogenannte «Taxifahrt» auf einer alten «Feierabend»-Konstruktion (benannt nach einem berühmten Schweizer Piloten der vierziger Jahre) anmelden. Vorne eine kleine Blechhaube, die Seiten offen, das Fahrgestell mit Schaumgummi gepolstert. Nach bestandener «Bob-Taufe» erhält man ein Diplom mit einem Farbfoto vom Start und einer Unterschrift des Club-Präsidenten Gunter Sachs.

Ich versuche zu beschreiben, was mir im Rennschlitten des ungekrönten Taxi-Königs von St. Moritz, des Steuermanns Rico Ritter, im Anschluss an das Viererbobtraining für die Weltmeisterschaften widerfuhr: Start am 9. Februar 1982, 12.00 Uhr, High Noon! Erstens einmal die Sturzhelm-Klaustrophobie! Man presst sich die Kunststoffschale über den Kopf und kann nicht umhin, an die Briten zu denken, die im 2. Lauf ausgangs Horse Shoe (Hufeisenkurve, Radius 15 Meter, vierfacher Erddruck auf den Körper) kippten und rund 800 Meter im Kopfstand bis ins Ziel hinunterschlitterten, 300 Kilogramm Eisen und Blech auf dem Rücken wie den Panzer einer urweltlichen Schildkröte.

Dann meldet der Speaker im Turm – und das echot von Lautsprecher zu Lautsprecher durchs halbe Engadin –, der Viererbob mit Rico Ritter an den Steuerseilen sei startklar zu machen in der Box: the Run is clear, Bahn frei, Glockenzeichen. Ich sitze auf einem dünnen Lederkissen, umklammere mit den Beinen den Piloten, der meine Knie an die Seitenverschalungen drückt, weil er Platz haben muss für das «Handling», halte mich an zwei Griffen am Chassis. Die beiden Hintermänner schieben an – mit jemandem Schlitten fahren –, und ab geht die Rohrpost.

Die Mienen der Zuschauer sind geteilt. Die einen drücken aus: nie im Leben; in den andern spiegelt sich prospektive Schadenfreude. Ich kann nicht anders, ich muss da runter durchs Labyrinth, muss «erfahren», was mich immer wieder neu fasziniert an diesem Sport. Nach einer langen Geraden mit zwei Anlehnern (kleine Knicke in der Bahn), auf der das Steißbein schon arg malträtiert wird, folgt der Wall, eine Linkskehre: wunderbare Aussicht auf den Kulmpark und die Lärchen. So viel an Zentrifugallust bietet die Wilde Maus auch. Etwa sechs Sekunden kleben wir an der Mauer.

In den Snake Corners, den Schlangenkurven, wird dem Fahrgast schon etwas mulmiger im Gekröse, denn eismeergrün schimmert das erste Haarnadel-Paraboloid herauf, der in einem Radius von 22 Metern um das Transformatorenhäuschen herumgezogene, aus meterhohen Schneemauern gehobelte Sunny Corner. Das Sonnengeflecht meldet in einem Salto mortale: wir befinden uns mittenmang, und der Bob zieht unter meinem Hintern davon, um in einer Links-rechts-Kombination die Olympiasieger von 1964, Anthony Nash und Robin Dixon, zu ehren. Schlenkerfreie Ausfahrt; doch was jetzt kommt, hätte ich lieber schon hinter mir.

Der Kantonsstraße entlang rasen wir in jenem Kanal, der für Anfänger mit Sulzschnee bestreut wird, damit die Bremszacken greifen, blankerdings auf die berüchtigte Hufeisenkurve zu, die in diesem Jahr von Baumeister Angelini, der jeweils im November den Run ohne Pläne anlegt, Augenmaß und Handgelenk mal Pi, noch enger gezogen wurde als sonst. Der obere Rand grinst mir entgegen mit einem Sauriergebiss aus Eiszapfen, doch mein «Sapristi» kommt zu spät. Ein Purzelbaum rückwärts, ich sehe das Feuer im Elsass und die Vorhölle als Gletschergarten, Spirale um die eigene Achse, draußen. Eine Sekunde hat der gastrische Schock gedauert.

Das Briten-Loch wäre überwunden, schon kommen Telephone Corner und Shamrock, wo wahrscheinlich mal ein Pilot seinen Talisman, ein vierblättriges Kleeblatt, verloren hat. Und ein Kanadier, der gegen das Brett in der Bande knallte, brachte als Souvenir einen Arm voller Holzspäne ins Ziel. Doch Rico Ritter fährt, wonach der Mensch, so lang er irrt, auch immer strebt: die Ideallinie. So kann uns sogar der Devil’s Dyke Corner, der Teufelsgraben mit dem Gehörnten als Symbol auf dem Streckenplan, nichts anhaben. Technisch ist diese langgezogene Linkskehre darum nicht zu unterschätzen, weil die Radien wechseln, der Bogen also aus verschiedenen Kurvenstücken zusammengesetzt ist, so dass der Pilot ständig «nachziehen» muss. Tut er es zu früh oder zu spät – und da geht es um Sekundenbruchteile –, liegen wir tatsächlich im Graben.

Auf den Dyke in der Waldschneise folgt eine unheimliche Bermuda-Stelle, ein Linksanlehner ohne Namen, deshalb scherzhaft auch «Nameless» genannt. Kein Verbandsboss, keine Jetcetera-Größe hat es bisher gewagt, den namenlosen Eisknick zu annektieren. Gunter Sachs ließ sich weiter unten glazial verewigen. Für einen Schriftsteller auf einem Viererbob ist der Nameless ein Abgrund, und er denkt, sofern es das Tempo von nahezu 100 km/h erlaubt, an die Kopernikanische Wende der Semantik, als Ferdinand de Saussure am Genfersee die Willkürlichkeit der Beziehung zwischen dem Zeichen und dem Bezeichneten entdeckte und damit bewies, dass wir in der Welt leben, die wir uns mit Hilfe der Sprache zurechtlegen.

Beim Tree Corner wird die letzte Zwischenzeit genommen. Wir sind, wie mir der Computer hinterher verrät, seit 59 Sekunden unterwegs. Jener Baum aber, welcher der Ecke den Namen gab, steht erst bei der nächsten Kurve, beim Bridge. Und diese 90-Grad-Kehre ist wiederum nach dem folgenden Punkt benannt, nach der Brücke der Rhätischen Bahn, die ihrerseits Cresta-Run-Brücke heißt. Um die Verwirrung vollkommen zu machen, nennt sich der Rechtsknick im Tunnel der Eisenbahnunterführung Leap, Sprung.

Der Zuschauer erlebt an dieser Stelle, wo Cresta-Run und Bob-Run durch dasselbe Nadelöhr führen, simultan drei Fortbewegungsmentalitäten. Donnert es, weiß er zunächst nicht, kommt ein Bobsleigh, ein Skeleton oder die Rhätische Bahn. Bleibt das Dröhnen konstant, flitzt ein Skelett vorbei. Schwillt es zu einem Fortissimo des ganzen Kanals an, passiert eine phallische Tropfenhaube, und man hat eine Eismehldusche im Gesicht. Kristallisiert sich das Tadam der Schienenstöße heraus, ist es unzweifelhaft die steinnelkenrote Schmalspurbahn. Oben die Reisenden, unten die Rasenden.

Vom sportlichen Gesichtspunkt her ist die Namensverschiebung sicher richtig: der Steuermann sieht im Tree den Baum und konzentriert sich auf den Bridge Corner, bei der Brückenecke bereits auf das Mauseloch, von dem ich erst glaube, dass wir es treffen, ohne an den Rundbogen zu zerschellen, wenn der Tunnel hinter uns liegt. Was die pränatale Psychologie betrifft, ist auch nichts gegen die Zeichenstafette einzuwenden, denn erstens spiralen wir uns durch einen Geburtskanal aus Eis; und zweitens – auf die Reisephilosophie ausgedehnt – sagt ein indianisches Sprichwort: Der weiße Mann bewegt sich so schnell, dass die Seele nicht mitkommt. Die hatte ich ohnehin an der Garderobe im Starthaus abgegeben. Drittens entspricht diesem Rennsport auf vier Kufen grammatikalisch das Futurum exactum, die vollendete Zukunft: Ich werde ganz runtergekommen sein; und für den Taxigast die Passivform: Ich werde hinuntergefahren worden sein, wobei der Grammatik-Duden erklärt, dass beim Passiv das Subjekt ebenso wenig immer «leidend» zu sein habe, wie es beim Aktiv immer «tätig» sein müsse.

Leidend ist es im Satz: Der Mitfahrer wird durchgeschüttelt und von Kurve zu Kurve geworfen. Hingegen darf sich das Subjekt aktiv freuen im Exempel: Dem Reporter wird zur bestandenen Bob-Taufe gratuliert. Bis dahin ist aber der passive Leidensweg zur Gegenwart der vollendeten Zukunft noch verdammt weit und lang: 325 Meter, 3 Kurven, 12 Sekunden. Im Gunter Sachs Corner, wo man wie eine dürre Banane aus dem Schlitten bergauf hängt, ist vor einem Jahr ein Freund von mir gestürzt, ein Psychoanalytiker. Als ich ihn in der Bob-Klinik, deren kondensmilchgelber Ambulanzwagen immer am Ziel bereitsteht, fragte, was sein erster Gedanke gewesen sei, sagte er: «Ich dachte zuallererst: warum hat es mich erwischt und nicht dich?»

Die Zielkurve Martineau ist durch Sonnenschutzsegel abgedeckt, so dass der Schlitten am Schluss in eine Raupenbahnkehre saust und man der optischen Täuschung erliegt, der Kopf werde wegguillotiniert. Noch einmal der Kampf mit dem Gegner, der einem die beiden Griffe aus den Händen reißen will, noch einmal Achter- und Himalajabahn total, bis der obligate Jodel zwischen den Zielflaggen der Zentrifugaltortur ein Ende setzt. Während der Lautsprecher zur Renntaxispitzenzeit von 1:15,40 gratuliert, zitiere ich Faust I in mich hinein: «Die Träne quillt, die Erde hat mich wieder.» Zum Tempoteufelspakt gehört auch ein «Lucky Rider’s Drink» an der Dracula-Bar, gehört das erwähnte, gelbviolett marmorierte Diplom, das mich im Grunde mehr freut als alle akademischen Ausweise.

Qua de causa? Thomas Bernhard beschreibt im vierten Band seiner Jugenderinnerungen (Die Kälte), wie er als Lungenhäftling von Grafenhof auf dem Rodel nach Schwarzach hinuntersauste zu den Chorproben in der Kirche. Und der Schriftsteller Joseph Georg Oberkofler schildert einen Ausflug mit Georg Trakl im Winter 1913/14. Sie besuchen die Hohenburg und leihen sich eines jener Gefährte, die sich in Österreich aus dem bäurischen Hörnerschlitten entwickelt hatten, doch schon gegen Ende des 18. Jahrhunderts unter dem Namen «Kessler» bekannt waren (Eisenringe anstelle der nobleren Glöckchen unter der Sitzfläche): «… in tollkühner Fahrt, fehlerlos und trotz Alkoholkonsums klar bewußt, steuerte Trakl nachts auf verwehter und vereister Straße nach Innsbruck hinunter.»

Zusammenfassend könnte man folgende Hypothese wagen: Das Bobfahren ist unter allen Wintersportarten jene Disziplin, die, was die Präzision in der Meisterung von unüberwindbar scheinenden Schwierigkeiten betrifft, dem sogenannten nackten Leben am nächsten kommt. Die Icehelldriver sind hibernale Existenzphilosophen: sie durchpfeilen den Geburtskanal, die – symbolisch verkürzte – Lebenskurve auf der Ideallinie. Und die Bahn rächt sich sofort, wenn man gegen sie fährt.

Für den Schriftsteller, der im Blechsarg zu Tal donnert – Thomas Mann wusste sehr genau, weshalb er Leichenweg und Rennpiste zusammenlegte –, kommt eine besondere Faszination hinzu. Beim Schreiben arbeitet man – wenn nicht für die Ewigkeit – immer sehr langfristig. Gelingen oder Misslingen eines Romans, einer Novelle werden einem immer erst «post scriptum» bewusst. Pilotiert man als Glazionaut einen Siorpaes durch das Kurvenlabyrinth von St. Moritz nach Celerina, erhält man die Quittung sofort. Man weiß, wo man steht: 8 Sekunden über dem absoluten Bahnrekord, was im Bobsport einer Weltreise gleichkommt. Als Autor weiß man nie, wo man steht: eigentlich schwimmt man immer – wie der Run im März, wenn die Kurven abtropfen.

EINFAHRT IN DEN ZAUBERBERG

 

Als ich im Sommer 1978, vom Ingeborg-Bachmann-Preislesen in Klagenfurt kommend, durch den Tauerntunnel und an Böckstein oberhalb von Badgastein vorbeifuhr, im Speisewagen bei einem Stifterl Weißen sitzend, hatte ich den Stollenzug und die Tunneltherapie bereits erfunden, für den Roman Die Künstliche Mutter, dessen erstes Kapitel ich einer ratlosen Jury knapp eine Stunde vor dem Anpfiff des Spiels um den dritten und vierten Platz an der Fußballweltmeisterschaft in Argentinien vorgetragen hatte; alle wollten das Match sehen, ich auch, also wurde die ‹Notfallmäßige Selbsteinlieferung in Göschenen› mit ein paar wohlwollenden Fragen abgehakt. Notiz im schwarzen Wachstuchheft: «Die Felsentherapie, terrestrische Strahlen, ein Bettenzug fährt die Kranken ins Innere der Erde, Urmutter-Mund-zu-Mund-Beatmung.» Was ich trotz bester Panoramasicht im Speisewagen der ÖBB nicht ahnen, geschweige denn sehen konnte: dass es in Böckstein ein solches Heißluftemanatorium tatsächlich gibt, welches jährlich von Tausenden von Patienten auf- und heimgesucht wird. Ich fuhr mitten durch meinen künftigen Schreib- und Therapieplatz, als der Zug auf der Höhe des Ochsenbodens den benachbarten Paselstollen passierte, aber keine Wünschelrute beliebte, bitte sehr, auszuschlagen, Herr Doktor, bitte sehr.

 

Es klingt wie ein Kurmittel-Märchen in finsterer Zeit und ist auch eins: während des Zweiten Weltkriegs wurde der Erzbergbaubetrieb in den Goldbergtauern wiederaufgenommen. Mit einer neuen Stollenführung versuchte man, die alten Gänge im 2600 Meter hohen Radhausberg zu unterfahren, der mit seinen Schutthalden und Ruinen von Knappensiedlungen, mit Dutzenden von verfallenen Stollenmundlöchern heute noch von der Hochblüte des Goldabbaus im Mittelalter zeugt. Um die Mitte des 16. Jahrhunderts wurden jährlich über 3000 Tonnen Erz mit Schlegel und Eisen gewonnen und zu Tal geschafft. Arbeitskräfte waren in der Besatzungszeit billig zu haben: Kriegsgefangene aus dem Osten, welche ab 1940 zum Vortrieb des Paselstollens in den Radhausberg verschickt wurden. «… man hat Arbeitskräfte gerufen, und es kommen Menschen!» (Max Frisch, Überfremdung I); hier waren «Patienten» aus diversen Lagern zur Zwangsarbeit unter Tag verurteilt worden, doch heraus kamen sie als Geheilte, sie verloren ihre rheumatischen Beschwerden. Gesteinstemperaturen bis über 40° C und die hohe relative Luftfeuchtigkeit ließen den damaligen Bergwerkverwalter, Ingenieur Zschokke, vermuten, dass im Stollenklima ähnliche Radioaktivitäten wirksam sein könnten wie in der Gasteiner Therme, und es gelang ihm noch während des Stollenvortriebs, sekundäre Uranmineralien auf einzelnen Kluftstellen und einen großen Gehalt an Radium-Emanation, also das Edelgas Radon, nachzuweisen.

 

1946 erhielt Professor Ferdinand Scheminzky, Leiter des physiologischen Instituts der Universität Innsbruck, den Auftrag, jene wissenschaftlichen Grundlagen zu erarbeiten, die den therapeutischen Wert des neu entdeckten Thermalstollens beweisen sollten. Nach fünfjähriger Forschung waren alle wesentlichen Fragen geklärt: Ob Wärme- und Radongehalt der Luft günstig zusammenwirken; wie groß die Kreislaufbelastung für die Patienten in den 41° heißen Liegehöhlen in etwa sein würde; woher das Radon kommt und wie groß seine Konzentration bei der Hyperthermie im Organismus sein würde. 1952 wurde das sensationelle Kurmittel für das öffentliche Krankengut freigegeben, wurde die Heilstollen-Betriebs-G.m.b.H. in Böckstein gegründet, das erste Stollenkurhaus im Alten Böckwald oberhalb des Nassfeldertals gebaut. Man war eingefahren, um Gold zu suchen; was dabei herauskam, war ein balneologischer Bodenschatz: das erste und einzige Heißluftemanatorium Europas von 22 000 Kubikmetern, in dem heute um die 350 Patienten täglich behandelt werden können.

 

Drei Jahre nach Klagenfurt, im August 1981, finden sich zwei Patienten notfallmäßig in Badgastein ein: der Roman Die Künstliche Mutter, der dringend einer Wiederbelebung in Form von Überwärmung bedarf, und sein Autor, Letzterer nach einer zehnjährigen Odyssee von Spezialist zu Spezialist, wobei es immer zwischen Skylla und Charybdis hindurchzuscheitern galt, zwischen dem Orakel «Das ist rein psychischer Natur» und der unverschämten These «Den Schmerz, den Sie zu verspüren glauben, gibt es nicht». Alles muss der Patient selber leisten: die Krankheit austragen, ihr einen Namen geben und sich die richtige Therapie verschreiben, und die Krankenkassen finanzieren dafür die teuren Laborpraxen, die Villen und Ferienhäuser unserer Schulmediziner, lehnen aber einen Beitrag an eine Kur in Österreich – 12 Einfahrten zum Schleuderpreis von 3600 Schilling, Arztkosten inbegriffen – kategorisch ab.

 

Nach der Eintrittsmusterung der Neulinge bei einem der Stollenärzte – wie bei allen Experimenten dieser Art muss man im Grunde kerngesund sein, um die Kuranwendung zu überstehen – versammeln sich an die 80 Bademantel-Existenzen im Warteraum, Kabinenschlüssel und Einfahrtskarte mit einer überdimensionierten Sicherheitsnadel ans Revers geheftet. Wer dächte nicht an den Zauberberg? Die meisten, denn die wenigsten haben ihn gelesen. Man blättert in einem Schnittmuster-Heft für Dirndl-Modelle oder bewundert die Vielfalt der Flauschrockmuster: Herzl-Girlanden, Harlekin-Karos, Getigertes und Geflammtes – eine im wörtlichsten Sinn bunt zusammengewürfelte Schar. Das akademische Viertel pünktlich ausdehnend, erscheint die Stollenchefärztin, Frau Dr. Beate Sandri, im Gefolge der Pulsschwestern und Assistenten, ruft jeden namentlich auf und teilt ihm im Pluralis sanitatis seine Therapiestation zu. Am Tag meiner Jungferneinfahrt ist zufällig ein «Liegewagen III» frei: «Bitte, Freiwillige vor für den Liegewagen III.» Nichts rührt sich. «Bitte sehr, meine Damen und Herren, noch niemand ist in einem Liegewagen gestorben.» Also melde ich mich für diesen Waggon, der auf Station III bei 41°, 2183 Meter vom Mundloch entfernt, abgekoppelt werden soll. «Gute Idee, Herr Doktor, das halten wir aus, nicht wahr?» Solcherart abkommandiert, begebe ich mich wieder nach unten zum Stollenbahnhof, wo die Milchglastür offen und der Vieruhrzug bereit stehen, desgleichen die Einbettschwestern. Der Perronschaffner reißt das Billett von der Sicherheitsnadel, Bademantel und -schuhe werden an der Garderobe abgegeben, Schwester Helga führt mich zur herausgezogenen Matratzenschublade im getünchten Tunnel mit dem Hammer-Schlägel-Zeichen auf dem Schlussstein; ich kriege ein Laken, eine vorgewärmte Wolldecke und auf Wunsch eine Nackenrolle, werde kunstgerecht zur Mumie verpackt, die Füße geostet wie auf einem mittelalterlichen Kirchhof, und – ho ruck! – in den postgelben Waggon geschoben. Als alle Liegepatienten verstaut sind, dauert es noch eine Weile, bis jene Stollenkurgäste, die sitzend einfahren und sich auf die Pritschen der verschiedenen Höhlen verteilen, in stummer Prozession vorbeiziehen, jeder mit einem Lein- und einem Frottiertuch versehen. Erinnerung an Lagerszenen! Als letzte Gruppe der Grubenlokführer und das Ärzteteam, Helm auf; die Frau Primarius – oder müsste man sie Primaria nennen? – kontrolliert, ob alles seine Richtigkeit hat, dann werden die bleigrauen Seitenrouleaus runtergelassen, «fertig», ein Glockenzeichen, und ab geht die Krankenpost.

 

 

Hermann Burgers Skizze der «Streckenführung» im Gasteiner Heilstollen (11. September 1981).

 

Wer zum Beispiel eine Bobfahrt in St. Moritz oder den «Jet-Star 3» am Oktoberfest bei vollem Bewusstsein hinter sich bringen will, dem sei empfohlen, die Bahn im Voraus genau zu studieren. Im unteren Warteraum klärt ein Sgraffito in verwaschenem Umber und Ocker die Stollenneulinge darüber auf, dass die ersten 1800 Meter durch pressgeschieferten Gneis und Augengneis führen, dass sich der alte Paselstollen bei Basisstation I in die Süd- und Nordauslängen verzweigt, dass die Hangendstrecke nach der scharfen Rechtskurve über 350 Meter bis hinaus zum Querschlag zwischen den obersten Stationen III und IV führt, wo Höhlenplätze für 18 + 15 Herren und 15 + 19 Damen bereitstehen. Über die Liegendstrecke – Zigzag wie auf dem Bobrun von Lake Placid – geht es zurück zur I mit der Toilette und dem «Kühlschrank» für Pulsschwestern und Assistenten. Umfassender informiert das Vademecum «Wie werde ich ein perfekter Stollenpatient: Was muß ich wissen? Was muß ich tun? Was muß ich lassen?», zu beziehen am Billettschalter bei Frau Sammetreiter. Paragraph XI, Die Stollenausfahrt, Absatz 8: «Wie lange hat die Stolleneinfahrt gedauert? Wir sagen es Ihnen ganz genau: 100 Minuten. Davon entfallen je 20 Minuten auf die Einfahrt und Ausfahrt. Im eigentlichen Therapiebereich hält sich jeder Patient, egal auf welcher Therapiestation er seine Ruhezeit verbringt, präzise 60 Minuten auf.» Absatz 11: «Eine große Bitte an alle Stollenfahrer! Setzen Sie Ihren Ehrgeiz drein, daß Ihr unterirdisches Kurhaus – es ist das einzige seiner Art in Europa – blitzsauber bleibt … Es ist mühselig, in der Stollenhitze Säuberungsarbeiten zu leisten. Wir bitten daher: Nichts aus dem Zug zu werfen.» Paragraph IX, Die Einfahrt mit dem Stollenzug, Absatz 6 b): «Bei zunehmender Wärme ist lautes Sprechen eine allgemein körperliche und starke kreislaufmäßige Belastung, c) Für Ihren oft sehr schwerkranken Zugsgefährten ist ein übermäßiges Stimmengeräusch eine erhebliche nervliche Belastung, d) Das Stillschweigen ist auch aus verkehrstechnischen Gründen erforderlich, weil sich Arzt und Lokführer durch Zurufe während der Fahrt verständigen müssen.» Nun aber, bei meiner Jungferneinfahrt, habe ich das Stollenhandbuch STHB nicht dabei, denn: «Lesen hindert Sie an Ihrer völligen Entspannung und ist deshalb nicht erlaubt.» (X, 7)

 

Tadam der Schienenstöße, Geholper im zweischläfigen Rollsarg wie auf einem endlosen Weichenfeld: ungefähr so müsste einem Scheintoten zumute sein, der plombi...

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