×

Ihre Vorbestellung zum Buch »Ein Sommergarten in Manhattan«

Wir benachrichtigen Sie, sobald »Ein Sommergarten in Manhattan« erhältlich ist. Hinterlegen Sie einfach Ihre E-Mail-Adresse. Ihren Kauf können Sie mit Erhalt der E-Mail am Erscheinungstag des Buches abschließen.

Ein Sommergarten in Manhattan

Als Buch hier erhältlich:

  • Erscheinungstag: 12.06.2017
  • Aus der Serie: From Manhattan With Love
  • Bandnummer: 2
  • ISBN/Artikelnummer: 9783956496707

Leseprobe

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

als Kind hat es mich immer ungeheuer beeindruckt, dass meine Mutter jede Pflanze kannte, an der wir vorbeikamen. Oft sogar mit dem lateinischen Namen. Ich habe sie immer wieder auf die Probe gestellt und versucht, sie dabei zu ertappen, wie sie irgendein Grünzeug einmal nicht kannte. Habe sie am Arm gezogen und auf ein seltsames Blatt gezeigt – oft eines, das hinter einem anderen versteckt war – und gefragt: „Was ist das?“ Sie hat es immer gewusst. Ich wollte furchtbar gern auch so eine Expertin sein und die Leute mit meinem Fachwissen beeindrucken. Leider ist daraus noch nichts geworden (obwohl ich mittlerweile Rosen problemlos erkennen kann). Aber das Schöne am Schreiben ist unter anderem ja, dass man Figuren erschaffen kann, die all das sind, was man selbst nicht ist.

Frankie, die Heldin dieser Geschichte, ist zweifellos eine Expertin. Genau wie meine Mutter kann sie ein paar grüne Stängel zu einem Strauß binden, der die Leute dazu bringt, innezuhalten und ihn zu bewundern. Frankie ist eine starke, unabhängige Frau, die ihren Job und ihr Leben in jeder Hinsicht im Griff hat. Bis auf ihr Liebesleben. Um das auf die Reihe zu kriegen, müsste sie ihre pessimistischen Ansichten über die Liebe über Bord werfen. Einer, der ihr dabei helfen könnte, ist Matt, der ältere Bruder ihrer besten Freundin.

Wie aus Freundschaft Liebe wird, ist ein Thema, das mich sehr fasziniert. Es war schön für mich zu sehen, wie sich die langjährige Freundschaft von Frankie und Matt zu etwas Tieferem entwickelt. Und es war schön zu sehen, wie Frankie, die andere Menschen und die Welt jahrelang auf Distanz gehalten hat, endlich lernt, jemandem zu vertrauen.

Danke, dass ihr euch für dieses Buch entschieden habt. Ich hoffe, es gefällt euch und bringt beim Lesen viel, viel Sonne in euren Tag. Und falls ihr auf Facebook seid, würde ich mich freuen, euch dort zu treffen: www.Facebook.com/authorsarahmorgan.

Alles Liebe

Sarah

Xx

Dieses Buch ist – mit großer Zuneigung – meiner lieben Freundin Dawn gewidmet.

Wahre Liebe verläuft nie reibungslos.

(William Shakespeare)

1. Kapitel

Dornröschen hätte gar keinen Prinzen gebraucht. Nur einen starken Kaffee.

– Frankie

Sie hatte mit Herzchen, Blumen und lächelnden Gesichtern gerechnet. Nicht mit Tränen.

„Drohende Krise, zwei Uhr.“ Frankie tippte kurz auf den Kopfhörer ihres Headsets und hörte Eva antworten.

„Um zwei Uhr kann nichts mehr drohen. Es ist schon fünf nach drei.“

„Nicht die Uhrzeit, die Position. Die Krise droht da vorne, rechts von mir.“

Kurzes Schweigen. Dann: „Du meinst am Apfelbaum?“

„Genau da.“

„Warum sagst du dann nicht einfach ‚am Apfelbaum‘?“

„Wenn du mich schon ein Headset tragen lässt, damit ich professionell wirke, dann drücke ich mich auch professionell aus.“

„Frankie, du hörst dich an wie jemand vom FBI, nicht wie eine Floristin. Und wie kann hier eine Krise drohen? Alles läuft wunderbar. Das Wetter ist perfekt, die Tischdeko zauberhaft, und wenn ich das selbst mal so sagen darf, die Torten sehen fantastisch aus. Unsere zukünftige Braut strahlt vor Glück, und jeden Moment kommen die Gäste.“

Verstohlen schaute Frankie zu der Frau hinüber, die wie ein Häufchen Elend unter dem Baum hockte. „Ich sage es dir nur ungern, aber im Augenblick sieht die Braut alles andere als strahlend aus. Sie weint. Ich bin ja eigentlich die Letzte, die sich mit Hochzeiten und dem ganzen Brimborium auskennt, aber ich schätze, das ist nicht die typische Reaktion. Bräute sollten doch daran glauben, dass die Ehe etwas Positives ist, oder?“

„Bist du sicher, dass es keine Freudentränen sind? Und wie viele Tränen sind es genau? Größenordnung Taschentuch – oder ganze Packung?“

„Alle Taschentücher dieser Welt würden nicht reichen. Die Tränen fließen in Strömen. Langsam verstehe ich, warum man eine Brautparty auf Englisch Bridal Shower nennt. Brautdusche.“

„Du lieber Himmel! So ruiniert sie ja ihr ganzes Make-up. Weißt du, was sie hat?“

„Vielleicht merkt sie gerade, dass sie doch lieber Schokoladenkuvertüre statt Orangenzuckerguss auf der Torte gehabt hätte.“

„Frankie …“

„Oder vielleicht ist sie gerade zur Vernunft gekommen und hat beschlossen, einen Rückzieher zu machen, solange es noch geht. Wenn ich so kurz vor der Hochzeit stünde, würde ich auch heulen, und zwar noch viel lauter als sie.“

„Du hast versprochen, deine Beziehungsängste heute zu Hause zu lassen, Frankie.“

„Hab ich doch. Aber irgendwie müssen sie mich ausgetrickst und es geschafft haben, mitzukommen.“

„Die geplante Stimmung für dieses Event war sonniger Optimismus, schon vergessen?“

Frankie betrachtete die Braut, die unter dem Apfelbaum vor sich hin schluchzte. „Sieht von hier aus nicht so aus. Aber es war ja ein trockener Sommer. Der Apfelbaum wird sich freuen, dass er gegossen wird.“

„Geh zu ihr und drück sie mal, Frankie! Sag ihr, alles wird gut.“

„Sie heiratet. Wie kann da alles gut werden?“ Schweißperlen liefen Frankies Nacken hinunter. Es gab nur eines, was sie noch mehr hasste als Brautpartys, und das waren Hochzeiten. „Ich habe nicht vor, sie zu belügen.“

„Aber es ist nicht gelogen! Jede Menge verheiratete Paare leben glücklich bis an ihr Lebensende.“

„Nur im Märchen. Im richtigen Leben betrügen die Leute einander und lassen sich scheiden, und zwar immer in dieser Reihenfolge.“ Frankie verkniff sich – mit Mühe – die restlichen Klischees, die ihr auf der Zunge lagen. „Geh du zu ihr. Das ist dein Spezialgebiet. Du weißt, diese ganze Gefühlsduselei ist einfach nicht mein Ding.“

„Das übernehme ich.“ Paige spazierte über den gepflegten Rasen zu ihnen. Trotz der drückenden Hitze in New York sah sie cool und gelassen aus. „Was hat sie getan, bevor sie in Tränen ausgebrochen ist?“

„Sie hat einen Anruf bekommen.“

„Hast du irgendetwas von dem Gespräch verstehen können?“

„Ich lausche prinzipiell nicht. Vielleicht hat es ja einen Börsencrash oder so etwas gegeben. Wenn ich mir allerdings die Größe dieses Hauses ansehe, müsste es schon ein Megacrash sein, um sie so runterzuziehen.“ Frankie strich sich die Haare aus der verschwitzten Stirn. „Können wir künftig bitte nur noch Indoor-Events machen? Ich sterbe.“ Es war einer jener Tage, an denen einem die Klamotten auf der Haut klebten und man von kühlen Drinks und Klimaanlagen träumte.

Sehnsüchtig dachte sie an ihre kleine Wohnung in Brooklyn.

Wenn sie jetzt daheim wäre, würde sie Stecklinge setzen, sich um die Kräuter auf dem Fensterbrett kümmern oder den Bienen dabei zusehen, wie sie in ihrem winzigen Garten mit den Blumen flirteten. Oder sie würde vielleicht mit ihren Freundinnen bei einer Flasche Wein auf der Dachterrasse sitzen und zuschauen, wie die Sonne hinter der Skyline von Manhattan unterging.

Hochzeiten wären das Letzte, woran sie denken würde.

Sie spürte, wie Eva ihren Arm berührte, und schaute auf. „Was ist?“

„Du bist gestresst. Du hasst Hochzeiten und alles, was damit zu tun hat. Ich wünschte, ich müsste dich nicht bitten, bei diesen Anlässen dabei zu sein, aber im Moment …“

„Unsere kleine Firma steckt noch in den Kinderschuhen, und wir können es uns nicht leisten, Aufträge wie diesen abzulehnen, ich weiß. Und das ist total okay für mich.“ Nun ja, vielleicht nicht unbedingt total okay, dachte Frankie mürrisch, aber immerhin war sie hier, nicht wahr?

Und sie verstand völlig, dass sie bei ihren Kunden nicht wählerisch sein konnten.

Sie, Paige und Eva hatten die Eventagentur Urban Genie erst vor ein paar Monaten gegründet, nachdem sie alle drei ihren Job bei einer großen Agentur in Manhattan verloren hatten.

Frankie musste lächeln, als sie daran dachte, mit wie viel Aufregung und Angst die Firmengründung verbunden gewesen war. Es war beängstigend, aber auch ungeheuer befreiend gewesen. Jetzt waren sie ihre eigenen Chefs.

Das Ganze war Paiges Idee gewesen, und Frankie war klar, dass sie ohne ihre Freundin jetzt höchstwahrscheinlich arbeitslos wäre. Was bedeuten würde, dass sie ihre Miete nicht bezahlen könnte. Und ohne Geld für die Miete würde sie aus ihrer Wohnung ausziehen müssen.

Allein die Vorstellung beunruhigte sie, als würde jemand einen Kieselstein in den ruhigen See werfen, der ihr Leben nun war.

Ihre Unabhängigkeit bedeutete ihr alles.

Aus diesem Grund war sie heute hier. Und auch aus Loyalität ihren Freundinnen gegenüber.

Sie schob sich mit einem Finger die Brille hoch. „Ich komme mit Hochzeiten schon zurecht, wenn es sein muss. Mach dir meinetwegen keine Gedanken. Sie …“ Frankie deutete mit dem Kopf zu der Frau unter dem Apfelbaum. „Sie ist diejenige, um die du dich kümmern musst.“

„Ich rede mit ihr. Wenn die Gäste kommen, musst du sie ein bisschen hinhalten. Eva?“ Paige rückte ihr Headset zurecht. „Bring die Torten lieber noch nicht hinaus. Ich halte dich auf dem Laufenden.“ Sie ging zur zukünftigen Braut hinüber.

Frankie wusste, dass ihre Freundin das Problem lösen würde – egal, was es sein mochte. Paige war die geborene Organisatorin und hatte die Gabe, in jedem Moment genau das Richtige zu sagen.

Und sie hatte noch ein anderes Talent, das für Events wie dieses hier unverzichtbar war: Sie glaubte an Happy Ends.

Für Frankie wiederum hatten Leute, die an ein Happy End glaubten, nicht alle Tassen im Schrank.

Ihre Eltern hatten sich getrennt, als sie vierzehn gewesen war und ihr Vater, ein Vertriebsleiter, verkündet hatte, dass er ihre Mutter wegen einer Arbeitskollegin verlassen würde.

Und was den Rest betraf, der sich seitdem in ihrem Leben ereignet hatte …

Sie betrachtete die bunten Bänder, die im Wind flatterten.

Wie schafften die Leute es bloß? Wie schafften sie es, die ganzen Statistiken und Fakten zu ignorieren und sich einzureden, den einen Menschen finden zu können, mit dem sie für immer zusammenblieben?

Für immer gab es nicht.

Unruhig trat sie von einem Bein auf das andere. Paige hatte recht. Es gab nichts auf der Welt, was sie mehr hasste als Hochzeiten und Brautpartys. Diese Dinge lösten bei ihr eine üble Vorahnung aus. So ähnlich, als würde sie dabei zusehen, wie ein Auto mit Vollgas auf einen Stau zuhielt, um dann prompt einen Auffahrunfall zu produzieren. Das Ganze hatte eine entsetzliche Zwangsläufigkeit an sich. In solchen Situationen hatte Frankie das Bedürfnis, sich die Augen zuzuhalten oder laut zu schreien. Was sie nicht sein wollte, war eine Zeugin.

Sie sah, wie Paige einen Arm um die schluchzende Frau legte, und wandte sich ab, um – so redete sie sich zumindest ein – die Privatsphäre der beiden zu wahren. In Wahrheit wollte sie bloß nicht hingucken. Die Situation war zu emotionsgeladen. Zu echt. Die Szene würde Erinnerungen wachrufen, die sie lieber verdrängte. Zum Glück gehörte es nicht zu ihrem Job, sich um die Gefühle der Kunden zu kümmern; ihr Part war, für Blumenschmuck zu sorgen, der dem Stil und der Atmosphäre des jeweiligen Events entsprach.

Die Atmosphäre sollte freundlich sein, also hatte sie sich beim Tischschmuck für Creme- und Pastelltöne entschieden, die perfekt zu den eleganten Leinentischtüchern passten. Wicken und Brandschopf umrahmten die Hortensien und Rosen in den Glaskrügen, für die sich Frankie statt Vasen entschieden hatte, um dem Wunsch der künftigen Braut nach Schlichtheit und Einfachheit zu entsprechen.

Einfachheit war natürlich ein relativer Begriff, dachte Frankie, während sie die zwei langen Tafeln betrachtete. Einfach wäre etwa ein Picknick gewesen, aber hier funkelten Tafelsilber und Kristall auf den Tischen. Charles William Templeton war ein Anwalt mit berühmten Klienten und einem Vermögen, das ihm erlaubte, seiner einzigen Tochter Robyn Rose jede Art von Hochzeit auszurichten, die sie haben wollte. Für nächsten Sommer war das Plaza gebucht. Frankie war froh, dass Urban Genie nichts mit diesem Fest zu tun hatte.

Dem Wunsch der zukünftigen Braut entsprechend sollte das Motto der Brautparty also schlichte Eleganz und ein Hauch Romantik sein. Es war Frankie gelungen, nicht mit der Wimper zu zucken, als Robyn Rose sich Feen aus Blumen gewünscht und den „Sommernachtstraum“ erwähnt hatte. Dank Eva, die keine Schwierigkeiten hatte, die romantischen Vorstellungen der Kunden zu verwirklichen, hatten sie das Motto mehr als erfüllt.

Sie hatten Stühle gemietet und sie mit Schleifen geschmückt, die genau zur Tischdeko passten. Handgemachte Schmetterlinge aus Seide waren kunstvoll im Garten drapiert, und unzählige Meter zarter Spitzenstoff erweckten die Illusion einer verwunschenen Grotte. Man hatte tatsächlich fast das Gefühl, in einem Märchen zu sein.

Frankie lächelte schief.

Nur Eva hatte sich so etwas einfallen lassen können.

Das einzig Schlichte hier war der alte Apfelbaum, unter dem gerade die künftige Braut vor sich hin schluchzte.

Frankie machte sich bereit, die ankommenden Gäste aufzuhalten und abzulenken, als Eva mit von der Sonne geröteten Wangen zu ihr kam.

„Wissen wir, was los ist?“

„Nein, aber nicht alle sind in Feierstimmung, so viel kann ich schon mal verraten. Paige wird ein wahres Wunder vollbringen müssen.“

Eva schaute sich enttäuscht um. „Es sieht alles so hübsch aus, und wir haben uns so angestrengt, damit alles perfekt wird. Normalerweise liebe ich Brautpartys. Für mich ist dieses Fest so etwas wie die letzte Festlichkeit, bevor die Braut und der Bräutigam gemeinsam in den Sonnenuntergang reiten.“

„Und nach dem Sonnenuntergang herrscht nur noch Dunkelheit, Ev.“

„Kannst du wenigstens so tun, als würdest du an das glauben, was wir hier machen?“

„Tu ich doch. Wir haben eine Firma. Wir organisieren Events, und wir sind verdammt gut darin. Das heute ist eine Veranstaltung wie jede andere.“

„Bei dir klingt das so nüchtern. Dabei hat unser Job auch eine magische Seite.“ Eva zupfte den Flügel eines Seidenschmetterlings zurecht. „Manchmal machen wir Träume wahr. Wir erfüllen Wünsche.“

„Mein Wunsch war, mit meinen zwei besten Freundinnen eine erfolgreiche Firma zu haben, insofern hast du recht. Aber daran ist nichts magisch, es sei denn, es gilt als Zauberei, wenn man es nach einem 18-Stunden-Tag immer noch schafft, irgendwie zu funktionieren. Und Kaffee hat auf jeden Fall Zauberkräfte. Zum Glück muss ich nicht an Happy Ends glauben, um meine Arbeit gut zu machen. Meine Verantwortung umfasst Blumen, mehr nicht.“

Und sie liebte ihren Job. Ihre Liebesbeziehung mit Pflanzen hatte schon begonnen, als sie noch jung war. Sie hatte sich in den Garten geflüchtet, um den Emotionen im Haus zu entkommen. Blumen konnten ein Kunstwerk, aber auch Gegenstand der Wissenschaft sein, und Frankie hatte jede Pflanze immer ganz genau studiert. Mit der Zeit hatte sie festgestellt, dass jede von ihnen individuelle Bedürfnisse hatte. Es gab beispielsweise Pflanzen wie Farne, gewisse Ingwerarten oder auch den Dreiblatt-Feuerkolben, die Schatten liebten, und dann gab es Sonnenanbeter wie Flieder oder Sonnenblumen. Alle Pflanzen brauchten optimale Bedingungen, um zu blühen und zu gedeihen. Am falschen Ort verwelkten und starben sie.

Eigentlich nicht anders als bei Menschen, dachte Frankie.

Sie liebte es, für jeden Anlass die passenden Pflanzen auszusuchen; es machte ihr Spaß, die Blumen zu arrangieren, aber am meisten genoss sie es, Pflanzen zu züchten und dabei zuzusehen, wie sie sich im Laufe des Jahres veränderten. Von den zarten Blüten im Frühling bis zu den intensiven Farben im Herbst brachte jede Jahreszeit etwas Einzigartiges hervor.

„Die Blumen sind wunderschön.“ Eva betrachtete den kunstvoll gebundenen Strauß im Wasserkrug. „Die da ist besonders hübsch. Was ist das für eine?“

„Eine Rose.“

„Nein, die silberne.“

„Centaurea cineraria.“

Eva guckte sie mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Und wie sagen normale Leute dazu?“

„Flockenblume.“

„Sieht gut aus. Und Wicken sehe ich auch.“ Eva strich mit einem Finger wehmütig über die Blütenblätter. „Das waren die Lieblingsblumen meiner Großmutter. Ich habe ihr immer Riesensträuße ans Bett gestellt. Sie haben sie an ihre Hochzeit erinnert. Mir gefällt wahnsinnig gut, wie du diese Blumenarrangements zusammengestellt hast. Du bist unglaublich talentiert.“

Frankie hörte das Zittern in der Stimme ihrer Freundin. Eva hatte ihre Großmutter sehr geliebt, und der Tod der alten Frau im Vorjahr hatte sie sehr mitgenommen. Frankie wusste, wie schrecklich ihre Freundin ihre Großmutter vermisste.

Ihr war aber ebenfalls klar, dass Eva bei der Arbeit nicht in Tränen ausbrechen wollte.

„Wusstest du, dass Wicken vor dreihundert Jahren von einem sizilianischen Mönch entdeckt wurden?“

Eva schluckte schwer. „Nein. Du weißt so viel über Blumen.“

„Blumen sind mein Job. Wie findest du übrigens die da? Das ist Wiesenkerbel“, sagte Frankie schnell. „Gefällt dir bestimmt. Sieht aus wie ein Brautschleier. Passt genau zu dir.“

„Ja.“ Eva kämpfte immer noch mit den Tränen. „Wenn ich heirate, möchte ich die für meinen Brautstrauß. Würdest du ihn für mich zusammenstellen?“

„Klar, ich mache dir den schönsten Brautstrauß aller Zeiten, aber fang jetzt bitte nicht zu weinen an. Du siehst immer ganz fürchterlich aus, wenn du weinst.“

Eva fuhr sich mit einer Hand übers Gesicht. „Du würdest dich also für mich freuen? Obwohl du nicht an die Liebe glaubst?“

„Wenn mich irgendjemand eines Besseren belehren kann, dann du. Und du verdienst es. Ich hoffe, Mr. Right kommt auf seinem Schimmel dahergaloppiert und hebt dich zu sich aufs Pferd.“

„Das würde auf der Fifth Avenue für ziemlich viel Aufsehen sorgen.“ Eva putzte sich die Nase. „Außerdem habe ich eine Pferdehaarallergie.“

Frankie versuchte zu lächeln. „Du hast immer irgendwas.“

„Danke.“

„Wofür?“

„Dass du mich zum Lachen bringst, obwohl mir nach Heulen zumute ist. Du bist die Beste.“

„Tja, du kannst dich ja revanchieren, indem du die Situation hier rettest.“ Frankie sah, wie Paige der noch immer weinenden Robyn gerade ein neues Taschentuch reichte. „Er hat Schluss mit ihr gemacht, oder?“

„Das kannst du gar nicht wissen. Es könnte alles Mögliche sein. Oder gar nichts. Vielleicht hat sie ja nur etwas ins Auge gekriegt.“

Frankie sah ihre Freundin ungläubig an. „Als Nächstes erzählst du mir, dass du immer noch an den Weihnachtsmann und die Zahnfee glaubst.“

„Und an den Osterhasen.“ Eva, die sich mittlerweile wieder gefangen hatte, zog einen Spiegel aus der Tasche und überprüfte ihr Make-up. „Vergiss nie den Osterhasen.“

„Was für ein Gefühl ist es, auf dem Planeten Eva zu leben?“

„Es ist toll. Und wage es bloß nicht, meine kleine Welt mit deiner zynischen Weltanschauung zu vergiften. Vor ein paar Sekunden hast du noch von Mr. Right geredet.“

„Um zu verhindern, dass du zu weinen anfängst. Ich verstehe nicht, warum die Leute sich das antun. Sie könnten sich gleich mit einem Küchenmesser ins Herz stechen und wären alle Probleme los.“

Eva schauderte. „Du hast zu viele Horrorgeschichten gelesen. Warum liest du nicht lieber Liebesromane?“

„Lieber würde ich mir mit einem Küchenmesser ins Herz stechen.“ Und es fühlte sich so an, als hätte sie genau das getan. Sie sah Robyn Rose, aber sie dachte an ihre Mutter, die – fast besinnungslos vor Schmerz – auf dem Küchenboden lag, während ihr Vater mit versteinerter Miene über ihren bebenden Körper stieg, durch die Tür ging und Frankie mit der Katastrophe alleinließ, die er angerichtet hatte.

Sie starrte ins Leere. Dann spürte sie, wie Eva sich bei ihr einhakte.

„Irgendwann, und zwar dann, wenn du am wenigsten damit rechnest, wirst du dich verlieben.“

Eine typische Eva-Bemerkung. „Keine Chance.“ Da Frankie wusste, dass ihre Freundin derzeit besonders empfindlich war, bemühte sie sich, sanft zu bleiben „Die Liebe hat den gleichen Effekt auf mich wie Knoblauch auf Vampire. Und außerdem bin ich gern Single. Schau mich nicht so mitleidig an. Es ist meine freie Entscheidung, keine Strafe. Es ist kein Zustand, in dem ich vor mich hin warte, bis irgendetwas Besseres daherkommt. Ich brauche dir nicht leidzutun. Ich liebe mein Leben.“

„Hättest du denn nicht gern jemanden, an den du dich nachts kuscheln kannst?“

„Nein. So brauche ich auch nie um die Bettdecke zu kämpfen, kann mich quer über die ganze Matratze ausstrecken und bis vier Uhr morgens lesen.“

„Ein Buch kann doch keinen Mann ersetzen!“

„Da bin ich anderer Meinung. Ein Buch kann einem fast das Gleiche geben wie eine Liebesbeziehung. Es bringt einen zum Lachen, es kann einen in eine andere Welt versetzen, und man lernt jede Menge Neues kennen. Also ungefähr alles, was im richtigen Leben auch passiert.“ Im Gegensatz zu ihrem Vater hatte ihre Mutter nie wieder geheiratet. Stattdessen benutzte sie Männer wie Einwegrasierer.

„Du bringst mich schon wieder zum Weinen. Was ist mit Nähe und Vertrautheit?“

„Darauf kann ich ohnehin verzichten.“ Frankie wollte nicht, dass man sie gut kannte. Gerade deshalb war sie ja von der kleinen Insel weggezogen, auf der sie aufgewachsen war – die Leute hatten sie zu gut gekannt. Jedes intime, zutiefst peinliche Detail ihres Privatlebens war praktisch allgemein bekannt gewesen.

Paige gesellte sich wieder zu ihnen. „Der Anruf war vom Bräutigam.“ Ihre Stimme klang forsch und geschäftsmäßig. „Er hat Schluss gemacht.“

Eva schnappte entsetzt nach Luft. „Oh Gott, wie furchtbar für sie.“

„Vielleicht auch nicht.“ Obwohl Frankie schon geahnt hatte, was los war, zog sich ihr Magen schmerzhaft zusammen. „Vielleicht bleibt ihr jetzt vieles erspart.“

„Wie kannst du so etwas sagen?“

„Weil er sie früher oder später betrogen und ihr das Herz gebrochen hätte. Besser, es ist aus, bevor sie Kinder und 101 Dalmatinerwelpen haben und unschuldige Menschen zwischen die Fronten geraten und leiden.“ Da Frankie sich nicht anmerken lassen wollte, wie sehr es sie schockierte, schon wieder recht behalten zu haben, beugte sie sich vor und zupfte etwas Wiesenkerbel aus dem Krug.

„101 Welpen wären eine Belastung für jede Ehe – egal, welche Rasse, Frankie“, sagte Eva.

„Und nicht alle Männer sind untreu.“ Paige schaute auf ihrem Handy nach, wie spät es war, und man sah den Diamanten an ihrem Ringfinger in der Sonne funkeln.

Beim Anblick des Rings bekam Frankie plötzlich Schuldgefühle.

Sie sollte besser den Mund halten. Eva war eine unverbesserliche Romantikerin, und Paige war frisch verlobt. Sie musste ihre Ansichten über die Ehe für sich behalten.

„Bei dir und Jake ist es etwas anderes“, murmelte sie. „Ihr seid eines jener seltenen Paare, die perfekt zusammenpassen. Ignorier mich einfach. Es tut mir leid.“

„Du brauchst dich nicht zu entschuldigen.“ Paige winkte ab, und der Diamant funkelte wieder. „Du und ich, wir wollen nicht das Gleiche, und das ist okay.“

„Ich bin eine Spaßbremse.“

„Du bist ein Scheidungskind. Und es war keine angenehme Scheidung. Wir alle haben aufgrund unserer persönlichen Erfahrungen unterschiedliche Weltanschauungen.“

„Aber ich weiß, dass ich überreagiert habe. Es war nicht mal meine eigene Scheidung.“

Paige zuckte die Achseln. „Aber du hast die Folgen zu spüren bekommen. Es wäre verrückt, anzunehmen, so etwas hätte keine Auswirkungen auf dich. Es ist so, als würde man eine rote Socke mit einem weißen Hemd zusammen waschen.“

Frankie lächelte schief. „Bin ich bei dieser Analogie etwa das weiße Hemd? Ich bin mir nämlich nicht sicher, ob ich der Weiße-Hemden-Typ bin.“

Eva betrachtete sie prüfend. „Stimmt, ich würde sagen, du hast eher etwas von einer Kampfjacke.“

„Robyn ist nach oben gegangen, um ihr Make-up aufzufrischen.“ Paige brachte das Gespräch wieder auf die Arbeit. „Die Gäste kommen jeden Moment. Ich werde mit ihnen reden.“

„Wir sagen ab?“

„Nein, die Sache findet statt, aber nicht als Brautparty, sondern als normale Party. Als ein Fest der Freundschaft.“

Frankie entspannte sich ein wenig. Mit Freundschaft hatte sie kein Problem. „Nicht übel. Wie hast du das geschafft?“

„Ich habe erklärt, dass Freunde in guten wie in schlechten Zeiten für einen da sind. Sie waren heute eingeladen, um gute Zeiten zu feiern, aber wenn sie echte Freunde sind, stehen sie auch in schlechten Zeiten zu dir.“

„Und schlechte Zeiten lassen sich immer mit etwas Champagner, Sonnenschein und Erdbeeren versüßen“, sagte Eva. „Hier kommt Robyn Rose.“

Frankie wollte schnell nach dem Krug mit Blumen neben ihr greifen, doch Paige legte ihr die Hand auf den Arm.

„Der Strauß ist doch schön. Was hast du vor?“

„Die Blumen sollen zum Motto des Fests passen, und diese hier sehen zu sehr nach Hochzeit aus.“

Ohne Paiges Reaktion abzuwarten, zog Frankie den Wiesenkerbel aus dem Krug, warf ihn auf den Boden und sah zu, wie er im Dreck landete.

Sie versuchte, es nicht als Symbol zu sehen.

Ungefähr drei Stunden vor Sonnenuntergang waren die drei Freundinnen wieder zu Hause.

Verschwitzt, gereizt und mitgenommen von den Ereignissen des Tages kramte Frankie in ihrer Tasche nach dem Schlüssel.

„Wenn ich nicht in fünf Sekunden drin bin, schmelze ich.“

Paige blieb neben ihr vor der Haustür stehen. „Es ist trotz allem alles gut gegangen.“

„Er hat mit ihr Schluss gemacht“, murmelte Eva.

Paige runzelte die Stirn. „Ich weiß, ich rede ja auch von der Party. Die zumindest ist gut über die Bühne gegangen. Wir sollten feiern. Jake kommt rüber. Warum treffen wir uns nicht alle auf der Dachterrasse und stoßen an?“

Frankie war nicht nach Feiern zumute. „Heute Abend nicht. Ich habe ein Date mit einem guten Buch.“ Sie würde nicht darüber nachdenken, wie Robyn Rose sich gerade fühlte. Sie würde sich keine Sorgen machen, ob sie es überstehen würde und ob sie jemals wieder den Mut aufbringen würde, jemanden zu lieben. Das war nicht ihr Problem.

Ihr fiel der Schlüssel aus der leicht zitternden Hand, und sie sah, dass Eva und Paige sich vielsagend anguckten.

„Alles okay, Frankie?“

„Klar, ich bin nur müde. Es war ein langer heißer Tag.“ Wobei die Hitze nur zu einem Teil auf die Außentemperatur zurückzuführen war. Der andere Teil stammte von den Emotionen, die irgendwo in Frankies Innerem brodelten. Sie hob die Schlüssel auf und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

„Du solltest öfter einen Rock tragen“, stellte Eva fest. „Dann wäre dir heute kühler gewesen.“

„Du weißt doch, dass ich nie Röcke trage.“

„Solltest du aber. Du hast tolle Beine.“

Frankie versuchte aufzusperren, doch die Tür wollte einfach nicht aufgehen. „Also dann, bis morgen.“

„Na schön. Allerdings haben wir uns gedacht, dass du nach der Brautparty wahrscheinlich eine kleine Aufheiterung gut gebrauchen könntest, und dir etwas gekauft.“ Paige griff in ihre Tasche, in der sie – von Reinigungsmilch bis Klebeband – immer alles dabei hatte. „Hier, für dich.“ Sie gab Frankie ein Päckchen.

„Ihr habt mir ein Buch gekauft?“ Ihre schlechte Laune löste sich in Luft auf, als sie es auspackte und das Cover sah. „Es ist der neue Lucas Blade! Der erscheint offiziell doch erst in einem Monat. Wo habt ihr den bloß aufgetrieben?“ Begeistert drückte sie das Buch an ihre Brust. Am liebsten hätte sie sich gleich jetzt hingesetzt und sofort zu lesen angefangen.

„Eva hat Beziehungen.“

Eva grinste, sodass man die Grübchen auf ihren Wangen sehen konnte. „Ich habe Mitzy gegenüber erwähnt, dass du seine Bücher liebst, und sie hat ihren Einfluss als Großmutter geltend gemacht, damit er es für dich signiert. Warum du unbedingt ein Buch lesen möchtest, das Der Tod kehrt zurück heißt, weiß ich allerdings nicht. Ich könnte die ganze Nacht vor Angst nicht schlafen. Das einzig Gute an dem Buch ist das Autorenfoto auf dem Umschlag. Der Typ ist wahnsinnig heiß. Mitzy möchte mich ihm vorstellen, aber ich weiß nicht, ob ich einen Mann kennenlernen will, der sich seinen Lebensunterhalt mit Schilderungen von Morden verdient. Ich glaube nicht, dass wir viele Gemeinsamkeiten hätten.“

„Es ist signiert?“ Frankie schlug das Buch auf und entdeckte ihren Namen in energisch geschriebener schwarzer Schrift. „Wie cool ist das denn? Ich wollte es mir eigentlich selbst bestellen, aber es ist ziemlich teuer, weil Lucas Blade mittlerweile so erfolgreich ist. Ich fasse es nicht, dass ihr es mir gekauft habt.“

„Du fürchtest keine Thriller, sondern Brautpartys oder Hochzeiten, aber du hast heute tapfer die Zähne zusammengebissen und bist über deinen eigenen Schatten gesprungen“, sagte Eva. „Deshalb wollten wir uns erkenntlich zeigen. Das Buch ist unser Dankeschön. Wenn du beim Lesen Angst kriegst und Gesellschaft brauchst, klopf einfach an meine Tür.“

Frankie hatte einen Kloß im Hals. Das war wahre Freundschaft. Den anderen gut zu kennen. „Ich hoffe doch, dass ich mich beim Lesen fürchte. Das ist ja der Zweck eines Thrillers.“

Eva schüttelte schmunzelnd den Kopf. „Ich hab dich lieb, aber ganz verstehen werde ich dich nie.“

Frankie lächelte. Vielleicht ging es weniger darum, einander hundertprozentig zu verstehen. Vielleicht bedeutete Freundschaft, jemanden zu lieben, selbst wenn man die Person nicht immer verstand. „Danke“, murmelte sie. „Ihr zwei seid die Besten.“

Jetzt ließ sich der Schlüssel im Schloss umdrehen, und Frankie konnte endlich in ihre Wohnung. In ihr Refugium. Nachdem sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, nahm sie als Erstes ihre Brille ab. Das Ding war schwer, und Frankie massierte sich auf dem Weg in ihr hübsches Wohnzimmer die Nasenwurzel. Der Raum war klein, aber mit ein paar ausgesucht schönen Stücken geschmackvoll eingerichtet. Besonders stolz war Frankie auf das gemütliche, weiche Sofa, das sie vom Sperrmüll gerettet und selbst restauriert hatte, doch was sie am meisten an ihrer Wohnung liebte, waren die Pflanzen. Ein Meer aus Grün, gesprenkelt mit bunten Farbtupfen, nahm jedes freie Plätzchen ein und lenkte den Blick hinaus in den winzigen Garten.

Frankie hatte das kleine, von Mauern umgebene Areal in ein grünes Paradies verwandelt.

Duftgeißblatt, Clematis montana, und andere Kletterpflanzen rankten sich an den Blumengittern empor, Hängepflanzen wucherten aus den Töpfen, und über den kleinen Teil des Zedernholzbodens, der tagsüber Sonne hatte, rankten sich Immergrün und Fettblatt. Auf dem Gartentischchen stand an Abenden wie diesem, an denen Frankie lieber allein war, statt sich zu ihren Freundinnen auf die Dachterrasse zu setzen, eine marokkanische Lampe.

Sie fühlte, wie sich bei diesem Anblick Ruhe und Frieden in ihr breitmachten. Die Aussicht, sich gleich in ein Buch vertiefen zu können, auf das sie sich schon seit Monaten freute, hob ihre Stimmung beträchtlich.

Das hier war ihr Leben, und sie liebte es.

Die Achterbahnfahrt, die man Liebe nannte und bei der es einem nicht selten den Magen umdrehte, war nichts für sie. Frankie brauchte das alles nicht und hatte bei Gott kein Bedürfnis danach. Sie verschwendete nie einen Abend damit, sehnsüchtig das Telefon anzustarren. Und sie brauchte nie ein Taschentuch – geschweige denn eine ganze Packung wie die Braut heute –, um sich die Tränchen zu trocknen.

Sie schlug das Buch auf, vermied es aber, den ersten Satz zu lesen. Wenn sie einmal zu lesen anfing, konnte sie nicht mehr aufhören – und sie musste erst noch duschen.

Morgen war Sonntag, und sie hatte nichts Besonderes vor. Sie konnte also die ganze Nacht lesen, wenn sie Lust hatte, und anschließend ausschlafen. Es interessierte niemanden, wann sie aufstand.

Einer der vielen Vorteile des Singledaseins.

Sie legte das Buch weg und fragte sich, warum alle anderen Leute es so eilig hatten, diesen Zustand möglichst schnell zu beenden.

Sosehr Frankie ihre Freundinnen auch mochte, sie war froh, dass sie allein wohnte. Paige und Eva hatten sich jahrelang die Wohnung über ihr geteilt, und obwohl Paige jetzt oft bei Jake war, verbrachte sie mindestens die halbe Woche in ihrem alten Zimmer. Frankie vermutete, dass Paige das tat, weil sie Eva nicht ganz allein lassen und gleichzeitig ihre eigenen vier Wände behalten wollte.

Evas Wunsch nach einer eigenen Familie war etwas, was Frankie verstand, aber nicht teilte. Ihrer eigenen Erfahrung nach waren Verwandte kompliziert, peinlich, ärgerlich, egoistisch und – allzu oft – verletzend. Und wenn es die eigene Familie war, die einem wehtat, gingen die Wunden noch tiefer und heilten noch schwerer als die, die fremde Menschen einem zufügten. Vielleicht deshalb, weil man an die eigene Familie andere Erwartungen hatte.

Die Erfahrungen, die Frankie als Kind und junges Mädchen gemacht hatte, hatten sie in ihrer Lebensplanung ungeheuer geprägt.

Ihre Vergangenheit war der Grund, warum sie auf keine Hochzeit gehen konnte, ohne das Brautpaar zu fragen, ob sie es sich auch wirklich gut überlegt hatten.

Ihre Vergangenheit war der Grund, warum sie nie Rot trug, Röcke hasste und unfähig war, eine feste Beziehung mit einem Mann einzugehen.

Puffin Island mochte für Naturliebhaber ein Paradies sein, doch für Frankie waren mit der Insel zu viele Erinnerungen verbunden. Außerdem reagierten viele Inselbewohner auf den Namen Cole regelrecht allergisch.

Und Frankie konnte es ihnen nicht übel nehmen.

Ihre Jugendzeit war von den Eskapaden ihrer Mutter überschattet gewesen, und der schlechte Ruf ihrer Familie hatte sie dazu bewogen, nach New York zu ziehen. Wenigstens fingen die Leute hier nicht gleich zu tuscheln an, wenn sie einen Laden betrat. Hier kannte sie niemand. Es interessierte auch niemanden, dass ihr Vater sich mit einer Frau aus dem Staub gemacht hatte, die halb so alt war wie er, und dass ihre Mutter ihr schwaches Selbstbewusstsein mit unzähligen Affären aufzupeppen versuchte.

Das alles hatte Frankie hinter sich gelassen. Sie hatte mit ihrer Vergangenheit abgeschlossen … bis plötzlich ihre Mutter vor sechs Monaten aufgehört hatte, auf der Jagd nach neuen Liebhabern quer durch das ganze Land zu reisen, und sich in New York niedergelassen hatte.

Gina Cole hatte jahrelang nur sehr wenig Kontakt zu ihrem einzigen Kind gehabt, wollte nun aber unbedingt eine Beziehung aufbauen. Für Frankie war jede Form von Kontakt mit ihrer Mutter eine einzige Qual. Gleichzeitig hatte sie Schuldgefühle, weil sie nicht mehr Mitgefühl für sie aufbringen konnte. Gina hatte schließlich unter der Untreue ihres Mannes am meisten gelitten. Ja, dachte Frankie. Sie sollte vermutlich mehr Verständnis aufbringen. Aber sie beide waren nun mal so verdammt verschieden.

War das immer so gewesen? Oder lag es daran, dass sie ihrer Mutter in den letzten Jahren beharrlich aus dem Weg gegangen war, damit sie bloß keine Gemeinsamkeiten feststellen konnte? Denn eine der klarsten Erinnerungen an ihre Teenagerjahre war der feste Vorsatz, auf keinen Fall so wie ihre Mutter zu werden.

Sie zog sich ihr T-Shirt aus, ging in die Küche und schenkte sich ein Glas Wein ein. Paige und Eva würden bestimmt den Abend damit verbringen, sich gemütlich zu unterhalten und jede Einzelheit des heutigen Festes ganz genau analysieren.

Frankie hatte kein Bedürfnis, das zu tun. Die Ereignisse des heutigen Tages waren schlimm genug, ohne sie im Detail besprechen zu müssen. Und es war ja nicht so, dass sie nicht alle genau wussten, was schiefgegangen war. Der Bräutigam hatte die Braut sitzen gelassen, Punkt. Frankies Meinung nach brauchte man eine Leiche nicht zu obduzieren, wenn das Einschussloch im Schädel deutlich zu erkennen war. Und jetzt musste sie sich schleunigst von Hochzeiten und allem, was damit zu tun hatte, ablenken.

Sie stellte sich unter die Dusche und spülte die Strapazen des Tages weg.

Das Ganze hätte in einer Katastrophe enden können, aber Paige hatte die Situation mit der ihr eigenen souveränen Gelassenheit gerettet.

Robyns Freundinnen und Freunde hatten wunderbar reagiert, sie getröstet und die richtigen Worte gefunden. Als sie den Champagner entkorkt und die von Eva gebackene Torte angeschnitten hatten, wurde sogar schon wieder gelacht. Statt auf die bevorstehende Hochzeit hatte man auf die Freundschaft angestoßen.

Frankie wickelte sich in ein großes Handtuch und stieg aus der Dusche.

Freundschaft war das Einzige, worauf man sich verlassen konnte.

Wo wäre sie ohne ihre Freundinnen?

Und obwohl sie nicht in der Stimmung war, auf der Dachterrasse zu plaudern und etwas zu trinken, war es ein gutes Gefühl, zu wissen, dass Paige und Eva nur ein paar Schritte entfernt waren.

Sie würde es sich mit ihrem Thriller gemütlich machen und alles um sich herum vergessen.

Sie zog eine schwarze Yogahose und ein T-Shirt an und kuschelte sich mit einem Teller Käse zum Lesen auf die Couch. Sie war so in die Lektüre versunken, dass ihr vor Schreck fast das Herz stehen blieb, als es plötzlich in der Küche laut krachte.

„Du lieber Himmel …“

Es dauerte einen Moment, bis sie aus ihrer fiktionalen Horrorwelt ganz aufgetaucht war, wieder klar denken konnte und erkannte, was die Ursache des Knalls gewesen war: Eines der Kräutertöpfchen, die sie sorgsam nebeneinander auf dem Fensterbrett aufgestellt hatte, war hinuntergefallen.

Sie brauchte keine detektivischen Nachforschungen anzustellen, wer oder was den Krach ausgelöst hatte; sie wusste es schon. Es war kein Serienmörder, sondern eine Katze.

„Claws, bist du das?“ Mit dem Buch in der Hand ging sie in die Küche, wo sie auf dem Boden einen Haufen verstreute Erde und Blumentopfscherben sowie eine sichtlich erschrockene rote Katze vorfand. „Hey, du musst aufpassen, wo du hintrittst.“

Die Katze flüchtete mit gesträubtem Fell unter den Küchentisch und guckte Frankie aus sicherer Entfernung argwöhnisch an.

„Hast du dich selbst erschreckt? Mir hast du jedenfalls einen Schreck eingejagt.“ Frankie legte ihr Buch auf den Tisch und bückte sich, um die Scherben aufzuheben. Die Katze zog sich noch weiter unter den Tisch zurück. „Was verschafft mir die Ehre deines Besuchs, hm? Wo ist Matt? Macht er schon wieder Überstunden?“

Matt war Paiges Bruder, ein Landschaftsarchitekt, dem dieses Haus gehörte und der die zwei obersten Stockwerke bewohnte. Er war es, der das heruntergekommene Sandsteingebäude vor Jahren entdeckt und mit viel Liebe zu einem Mietshaus mit drei Wohnungen umgebaut hatte. Hier lebten er, Paige, Eva und Frankie nun in perfekter Harmonie zusammen. Gemeinsam mit dieser Katze, die Matt gerettet hatte.

Frankie warf die Scherben und die Blumenerde in den Mülleimer und nahm eine Dose Katzenfutter aus dem Küchenschrank. Dabei redete sie mit ruhiger Stimme weiter und achtete darauf, keine abrupten Bewegungen zu machen. „Hast du Hunger?“

Da die Katze sich nicht von der Stelle rührte, machte Frankie die Dose auf, die sie nach Claws’ erstem Besuch gekauft hatte, und gab den Inhalt in eine kleine Schüssel.

„Ich lasse es einfach mal da stehen.“ Sie stellte die Schüssel auf den Boden.

Vorsichtig schlich Claws unter dem Tisch hervor. Bei Zweibeinern war sie immer ein wenig auf der Hut.

Frankie konnte das als jemand, der sich Menschen gegenüber ähnlich verhielt, gut nachvollziehen.

„Ich weiß nicht, wie du aus Matts Wohnung hier heruntergekommen bist, aber ich hoffe, du passt gut auf, wo du hintrittst. Ich möchte nicht, dass du dir wehtust.“ Dafür war es jetzt allerdings ein bisschen spät. Sie wusste, dass Claws vernachlässigt und gequält worden war, bevor Matt sie gerettet hatte. Daher traute die Katze auch niemandem außer Matt, und sogar er wurde gekratzt, wenn er eine schnelle Bewegung machte.

Als Claws jetzt misstrauisch an der Schüssel zu schnuppern begann, trat Frankie ein paar Schritte zurück, damit die Katze sich ungestört fühlen konnte.

Dann tat sie so, als wäre Claws gar nicht da, schenkte sich Wein nach und legte sich noch ein paar Scheiben Käse auf den Teller. Schließlich setzte sie sich an den Küchentisch, den sie bei der Einweihungsparty ihrer Wohnung von ihren Freundinnen bekommen hatte. Hier war ihr Lieblingsplatz, besonders morgens. Sie liebte es, die Fenster aufzumachen und dabei zuzusehen, wie die ersten Sonnenstrahlen in ihren Garten fielen.

„Vielleicht sollten wir anstoßen.“ Sie hob ihr Glas. „Auf das Singleleben. Ich kann tun und lassen, was ich will, und bin von niemandem abhängig. Ich steuere mein eigenes Schiff, wohin ich will. Das Leben ist schön.“

Claws, die Frankie weiterhin aus dem Augenwinkel beobachtete, schnüffelte wieder an ihrem Futter.

Irgendwann fing sie dann doch zu fressen an, und Frankie war überrascht, wie gut es sich anfühlte, zu wissen, dass das Tier ihr allmählich vertraute. Vielleicht sollte sie sich eine eigene Katze zulegen.

Im Gegensatz zu manchen Menschen verstanden Katzen nämlich, wie wichtig Privatsphäre war.

Sie schlug das Buch auf und begann dort weiterzulesen, wo sie aufgehört hatte.

Sie war gerade mitten im dritten Kapitel, als sie es an der Tür klopfen hörte.

Claws erstarrte.

Frankie legte einen Zettel zwischen die Seiten und versuchte, sich durch die Störung nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. „Das sind bestimmt Eva und Paige. Kein Grund also, nervös zu werden. Vielleicht ist ihnen der Wein ausgegangen. Wirf aber keinen von meinen Blumentöpfen um, während ich zur Tür gehe.“

Sie machte die Wohnungstür auf. „Habt ihr so viel getrunken, dass ihr nicht … Oh.“

Vor ihr stand Matt. Obwohl stand in seinem Fall nicht ganz zutreffend war. Er ragte mit seinen mindestens ein Meter achtzig und den breiten Schultern vor ihr auf wie ein Berg. Seine extrem maskuline Erscheinung hätte etwas Einschüchterndes gehabt, wäre da nicht dieses unwiderstehlich charmante Lächeln gewesen. Es gab ein Dutzend Gründe, warum sämtliche Frauen bei Matt Walker zweimal hinguckten, aber es war dieses sexy Lächeln, das dafür sorgte, dass es ihm nie an weiblicher Gesellschaft mangelte.

„Bis jetzt habe ich heute Abend noch keinen Tropfen getrunken. Hoffe, das bald zu ändern.“ Er schaute von ihr zur Tür. „Du solltest die Sicherheitskette vorlegen, die ich montiert habe.“

„Normalerweise tue ich das ja, aber ich dachte, du wärst Paige.“

Er riecht gut, dachte sie. Nach Sommerregen und Meer. Am liebsten hätte sie ihr Gesicht in seinen Nacken gedrückt und tief inhaliert.

Sie überlegte, wem von ihnen beiden das wohl peinlicher wäre.

Bestimmt ihr. Matt war nicht der Typ, dem leicht etwas peinlich war.

„Störe ich gerade?“ Er sah ihre feuchten Haare an, und sie strich sie sich sofort verlegen aus dem Gesicht. In der Schule hatte ein Junge ihre Haarfarbe einmal als „Rost“ bezeichnet, nachdem Frankie in den Regen gekommen war. Immer, wenn sie errötete – was dank der kleinen erotischen Fantasien gerade der Fall war –, biss sich die tomatenrote Gesichtsfarbe ganz furchtbar mit der Farbe ihrer Haare.

„Du störst mich nicht, aber falls du auf der Suche nach Paige oder Eva bist – die sind oben auf der Dachterrasse.“

„Ich suche keine der beiden, sondern meine Katze. Hast du sie vielleicht gesehen?“

„Sie ist hier. Komm doch rein. Ich habe gerade eine Flasche Wein aufgemacht.“ Sie sprach die Einladung aus, ohne sich etwas dabei zu denken. Schließlich handelte es sich um Matt. Matt, den sie schon ewig kannte und der ihr vertraut war wie kaum ein anderer Mensch.

„Ist das eine Einladung?“ Seine Augen blitzten. „Ich fühle mich sehr geehrt. Es ist Samstagabend, und ich weiß, wie gern du deine Ruhe hast.“

Die Tatsache, dass er sie so gut kannte, trug dazu bei, dass sie ein derart entspanntes Verhältnis zueinander hatten.

„Du hast als Eigentümer doch das Hausrecht, jederzeit eine Wohnung zu betreten.“

„Hausrecht? So was gibt’s? Wusste ich gar nicht. Welche Privilegien, von denen ich noch nie Gebrauch gemacht habe, stehen mir denn sonst noch zu?“

„Das gelegentliche Glas Wein gehört mit Sicherheit dazu.“ Sie machte die Tür weiter auf, und er ging an ihr vorbei in die Wohnung.

Ihr Blick blieb an seinen Schultern hängen. Sie war schließlich auch nur ein Mensch, oder? Und Matt hatte dank seiner Arbeit nun mal sehr imposante Schultern. Solche, an die man sich anlehnen konnte, wenn man der Anlehn-Typ war. Sie selbst war es nicht. Dennoch ließ sich nicht leugnen, dass dieser Mann aus jedem Blickwinkel betrachtet sexy war, sogar von hinten. Dass sie ihn sexy fand, war natürlich ihr Geheimnis, und das würde es auch bleiben.

Sie konnte sich ganz unbeschwert ihren Fantasien hingeben. Schließlich würde nie jemand hinter ihr kleines Geheimnis kommen.

Frankie machte die Tür hinter ihm zu. „Wie hat es deine Katze geschafft, auszubüchsen?“

„Ich habe das Fenster offen gelassen, aber sie war bis jetzt nie mutig genug, rauszuklettern. Ich weiß nicht, ob ich mich freuen soll, dass sie sich jetzt traut, die Welt zu erkunden, oder ob ich mir Sorgen machen muss. Vielleicht will sie ja demnächst die Flucht vor mir ergreifen.“

„Tja, ich nehme an, das hängt ganz davon ab, ob es bei diesem einen Mal bleibt. Versuchen weibliche Wesen öfter, vor dir zu flüchten?“ Nein, dachte sie. Natürlich tun sie das nicht.

„Ständig. Ganz schlecht fürs Selbstbewusstsein.“ Er war witzig und total entspannt, und Frankies Herz klopfte – wie so oft in seiner Gegenwart – einen Tick schneller.

Sie ignorierte es. Wie so oft.

Im Gegensatz zu ihrer Mutter fand sie nicht, dass sexuelle Anziehung ein Impuls war, dem man sofort nachgeben musste. Ihr war eine langjährige Freundschaft allemal lieber als eine schnelle Nummer. Im Grunde genommen gab es Tausende von Aktivitäten, die sie interessanter fand als Sex, der ihrer Meinung nach immer mit Komplikationen, unrealistischen Erwartungen und Leistungsdruck verbunden war.

Wenn es für Sex Noten gäbe, bekämst du eine Sechs minus, und dazu noch ein Ungenügend für mangelndes Bemühen.

Stirnrunzelnd überlegte sie, warum ihr dieser Satz gerade eingefallen war.

Der Typ, der das einmal zu ihr gesagt hatte, war ein Vollidiot gewesen. Sie würde keinen Gedanken an einen Mann verschwenden, dessen Ego so groß gewesen war, dass es eine eigene Postleitzahl brauchte.

Matt hingegen war ein guter Freund. Sie sah ihn fast jeden Tag – manchmal auf der Dachterrasse, wo sie sich auf einen Drink trafen oder eine DVD guckten, und manchmal im Romano’s, dem Italiener an der Ecke, der Jakes Mutter gehörte.

Die Freundschaft mit Matt war ein Fixpunkt in ihrem Leben.

Was einer der Gründe war, warum sie seine Katze tolerierte.

„Du hast jetzt auch Kräuter?“

„Ja, ein paar. Basilikum und italienische Petersilie. Sie sind für Eva.“

„Es gibt italienische Petersilie? Ich war während des Studiums oft in Italien, aber davon habe ich nie gehört.“ Er ging zum Fenster und sah hinaus in den Garten. „Du hast die Wohnung und den Garten toll hergerichtet. Ich habe Glück, dass du hier wohnst.“

Sie unterhielten sich ständig über alles Mögliche, aber dass Matt eine persönliche Bemerkung machte wie jetzt, kam selten vor. Frankie hasste es, dass sie sich sofort geschmeichelt fühlte.

„Ich bin diejenige, die Glück hat. Wenn es dich nicht gäbe, würde ich in einer Wohnung von der Größe eines Schuhkartons wohnen und meine Klamotten im Herd aufbewahren. Du weißt ja, wie es in New York ist.“ Verlegen beugte sie sich hinunter, um die Katze zu streicheln, doch Claws flüchtete sich wieder mit einem Satz unter den Tisch. „Huch, jetzt habe ich mich zu schnell bewegt. Sie ist nervös.“

Matt drehte sich um. „Es ist schon besser geworden. Vor ein paar Monaten hätte sie sich noch nicht getraut, dich zu besuchen.“ Er setzte sich auf einen Küchenstuhl, und Claws kam sofort aus ihrem Versteck heraus und sprang ihm auf den Schoß. „Danke, dass du sie gefüttert hast.“

„Gern geschehen.“ Frankie sah zu, wie sich Claws genüsslich dehnte und streckte. Dabei verlor sie das Gleichgewicht, doch Matt legte ihr die Hand auf den Rücken und drückte sie fürsorglich auf seinen – muskulösen – Oberschenkel.

Franke starrte auf die Hand und die langsam streichelnden Finger und merkte, dass es sie erregte.

„Stimmt was nicht?“

„Wie bitte?“ Sie riss sich von den hypnotischen Bewegungen los und sah ihn an. Seine Augen funkelten belustigt.

„Du starrst meine Katze so komisch an.“

Katze? Katze. „Ich …“ Sie hatte schon lange aufgehört, die Katze anzusehen. „Sie ist immer noch ziemlich dünn.“

„Der Tierarzt meint, es wird eine Weile dauern, bis sie wieder das gleiche Gewicht hat wie damals, bevor sie ausgesetzt wurde.“ Jetzt hatte er einen grimmigen Zug um den Mund, der Frankie daran erinnerte, dass sogar Matts Toleranz irgendwann an ihre Grenzen stieß. Und dann lächelte er. „Habe ich dieses T-Shirt schon mal gesehen? Die Farbe steht dir.“

„Wie bitte?“ Sie starrte ihn an. Sowohl das Lächeln als auch der Kommentar hatten sie total aus der Fassung gebracht.

Da sie nicht annahm, dass Matt sich jemals über sie lustig machen würde, konnte seine Bemerkung nur bedeuten, dass …

„Brauchst du irgendetwas?“ Sie sah ihm in die Augen. „In dem Fall kannst du mich einfach direkt fragen. Es ist nicht nötig, mir mit Sprüchen à la ‚Du siehst toll in diesem T-Shirt aus‘ Honig ums Maul zu schmieren. Dank dir wohne ich in der schönsten Wohnung von ganz Brooklyn, und außerdem kenne ich dich schon ewig. Du kannst mich also um alles bitten – ich werde immer Ja sagen.“

„Ach, wirklich?“ Er hob die Katze vorsichtig hoch und setzte sie dann auf dem Boden ab. „Das hättest du mir besser nicht gesagt. Ich könnte das unter Umständen als Extra-Klausel in den Mietvertrag aufnehmen. Rechte des Hausbesitzers oder so.“

Flirtete er etwa mit ihr?

Sie war verwirrt.

Bei Matt wusste sie immer, woran sie war, aber plötzlich hatte sie das Gefühl, unbekanntes Terrain zu betreten.

Natürlich flirtete er nicht. Ebenso wenig, wie sie das tat. Sie wusste gar nicht, wie das ging. Das Know-how, das sie sich im Laufe eines Jahrzehnts angeeignet hatte, bestand darin, Männer abzuschrecken, nicht sie zu ermutigen.

Aber Matt würde sich ohnehin nie für sie interessieren. Dafür war sie weder gebildet noch welterfahren genug.

Sie musste schleunigst irgendetwas Lockeres, Witziges sagen, um die Stimmung wieder zu normalisieren. Doch ihr Kopf war leer.

Matt sah sie unverwandt an. „Ich habe dir ein Kompliment gemacht, Frankie. Man braucht es nicht zu zerlegen und auf explosives Material zu untersuchen. Man bedankt sich einfach und geht wieder zur Tagesordnung über.“

Ein Kompliment?

Aber warum? Er machte ihr nie Komplimente. „Dieses T-Shirt ist fünf Jahre alt. Es ist nichts Besonderes.“

„Ich habe nicht gesagt, dass mir dein T-Shirt gefällt. Ich habe gesagt, mir gefällt, wie du darin aussiehst. Ich habe dir ein Kompliment gemacht, nicht deinen Klamotten. Hast du vorhin nicht etwas von Wein gesagt?“ Er wechselte elegant das Thema, und Frankie wandte sich ab, um die Flasche zu holen. Sie ärgerte sich über sich selbst.

Warum musste sie so eine große Sache daraus machen? War es denn wirklich so schwer zu flirten?

Eva hätte die perfekte Antwort parat gehabt. Paige ebenso.

Sie selbst war die Einzige, die nicht wusste, was sie sagen oder tun sollte. Sie musste sich eines von diesen Lebenshilfebüchern kaufen. Flirten für Dummies.

„Ich hätte einen Montepulciano. Oder möchtest du lieber ein Bier?“

„Bier klingt gut.“

Frankie holte ein Bier aus dem Kühlschrank und versuchte, sich zu entspannen. Sie würde später nach Flirt-Tipps googeln und ein paar schlagfertige Antworten auswendig lernen, damit so etwas wie eben nicht noch mal passierte. Für den Fall, dass ein Mann ihr wieder Komplimente machte, würde sie dann zumindest im Groben wissen, wie man reagierte, und nicht jedes Kompliment wie ein Computervirus abwehren. „Wie war dein Tag?“

„Es lief schon mal besser.“ Er machte sein Bier auf. „Zu viel Arbeit, zu wenig Zeit. Erinnerst du dich an die Ausschreibung, die ich vor ein paar Monaten gewonnen habe?“

„Du hast viele Ausschreibungen gewonnen, Matt.“

„Der Dachgarten an der Upper East Side.“

„Ach ja, ich erinnere mich.“ Dieses Gesprächsthema war besser. Ungefährlich. „Ein Riesenauftrag. Gibt es etwa Probleme bei der Planung?“

„Nicht bei der Planung. Da läuft alles gut. Weniger gut ist, dass Victoria gestern gekündigt hat.“

Frankie hatte mit Victoria gemeinsam ein Praktikum im Botanischen Garten gemacht und sie Matt danach als Mitarbeiterin empfohlen. „Muss sie denn keine Kündigungsfrist einhalten?“

„Theoretisch schon, aber ihre Mutter ist krank, also habe ich ihr gesagt, sie soll es vergessen und zusehen, dass sie rasch nach Hause kommt.“

Typisch. Matt war ein Mensch, der Verständnis dafür hatte, wenn jemandem Familie wichtig war. Die Mitglieder seiner eigenen Familie gingen füreinander durch dick und dünn, und sein Elternhaus war im Gegensatz zu dem von Frankie kein Trümmerhaufen. „Es ist also unwahrscheinlich, dass sie bald wieder zurückkommt?“

„Ja, sie geht zurück nach Connecticut, um näher bei ihrer Mutter zu sein.“

„Was bedeutet, dass du mitten in einem Großprojekt ohne Gärtnerin dastehst.“ Dachgärten waren Matts Spezialgebiet, und seine Projekte umfassten alles von Wohnhäusern bis zu großen Firmengebäuden. „Was ist mit dem Rest deines Teams?“

„James’ Kompetenzbereich sind die baulichen Maßnahmen, und Roxy ist bemüht und fleißig, hat aber keine abgeschlossene Ausbildung. Victoria hat zwar angefangen, ihr das Wichtigste beizubringen, aber Roxy ist noch nicht in der Lage, selbstständig ein Landschaftsdesign zu entwerfen.“ Er stellte die Bierflasche auf den Tisch. „Ich werde mich nach jemand Neuem umsehen müssen. Ich hoffe, ich habe Glück und es klappt. Schnell.“ Er trank einen Schluck, und Frankie betrachtete seinen kräftigen Hals und die dunklen Bartstoppeln auf seinen Wangen. Er sah mit seinem durchtrainierten, drahtigen Körper unerhört gut aus, und sogar jetzt, wenn er bloß Freizeitklamotten anhatte, zeigte sich sein Gefühl für Stil. Es waren sein guter Geschmack und sein Blick für Ästhetik und Design, die ihn seinen beruflichen Erfolg beschert hatten.

Wenn Frankie sich für Männer interessiert hätte, wäre er ihre erste Wahl gewesen.

Aber sie hatte kein Interesse. Null.

Die Leute sagten doch immer, dass man seinen Begabungen folgen sollte, oder? Und sie, dachte Frankie, war in sämtlichen Liebesdingen nun mal sehr, sehr unbegabt.

Matt stellte das Bier wieder ab, und für einen Moment schauten sie sich direkt in die Augen. In seinem Blick lag so viel Vertrautheit, so viel Intimität, dass Frankie Herzklopfen bekam und ihr Atem schneller ging.

Mist, was bildete sie sich da gerade ein?

Sie hatte dank ihres nicht existenten Sexlebens eine allzu lebendige Fantasie.

Sie schaute weg. „Ich rufe ein paar Leute an, die ich kenne. Für Dachgärten braucht man spezielle Kenntnisse. Da ist es mit dem Pflanzen von ein paar schönen Blümchen nicht getan. Man braucht die unterschiedlichsten Bäume und Büsche, damit man das ganze Jahr einen grünen Garten hat.

„Genau, ich brauche jemanden, der die Komplexität des Projekts versteht. Jemanden, der über Fachwissen verfügt und mit dem man gut zusammenarbeiten kann. In unserer Branche ist kein Platz für Egomanen und Primadonnen.“

„Verstehe.“ Es war albern, Herzklopfen zu kriegen; schließlich kannte sie Matt praktisch schon ewig. Die Tatsache, dass er sich vom schlaksigen Jungen zu einem wahnsinnig heißen Typen entwickelt hatte, hätte sie eigentlich nicht dermaßen aus der Fassung bringen dürfen.

Er war der ältere Bruder ihrer besten Freundin, auf derselben Insel unweit der Küste Maines aufgewachsen wie sie. Das Kleinstadtleben war ihm genauso auf die Nerven gegangen wie ihr – obwohl er natürlich andere Dinge erlebt hatte als sie. Niemand hatte das Gleiche erlebt wie sie.

Nachdem die Affäre ihres Vaters ans Licht gekommen war, hatte sich auch ihre Mutter Liebhaber genommen. Sie hatte allen erzählt, dass sie zu jung geheiratet hatte und jetzt alles Versäumte aufzuholen gedachte. Bemüht, ihr Selbstbewusstsein wiederzuerlangen, hatte sie sich die Haare kurz schneiden lassen, zehn Kilo abgenommen und angefangen, sich Frankies Klamotten auszuleihen. Kein Mann war zu jung, zu alt oder zu verheiratet gewesen, um das Interesse ihrer Mutter nicht zu wecken.

Frankie hatte festgestellt, dass man sich einen Ruf nicht durch Taten verdiente. Man konnte ihn erben.

Egal, was sie getan hatte – auf Puffin Island war sie immer die Tochter „von dieser Frau“ geblieben.

Ungefähr so, als wäre ihre Persönlichkeit mit der ihrer Mutter verschmolzen.

Ein paar Jungs in der Schule hatten damals geglaubt, Frankie wäre jederzeit für ein sexuelles Abenteuer zu haben. Ein Junge im Speziellen.

Rasch verdrängte sie die Erinnerung. Sie weigerte sich, auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden. „Möchtest du etwas essen? Ich bin zwar keine so gute Köchin wie Eva, aber ich habe Eier und frische Kräuter. Lust auf Omelette?“

„Das wäre toll. Und während du kochst, erzählst du mir bitte von dem schrecklichen Tag, den ihr heute hattet. Paige hat gesagt, es war eine Brautparty.“ Matt griff nach seiner Bierflasche. „Ich nehme an, das ist nicht unbedingt dein Ding.“

„Stimmt.“ Sie machte sich nicht die Mühe, es abzustreiten. Was für einen Sinn hätte das gehabt? Schließlich kannte Matt sie besser als die meisten anderen Menschen.

„Was ist denn passiert?“

„Ach, du weißt schon … das Übliche. Der Bräutigam hat kalte Füße bekommen, die Braut hat geweint … und so weiter und so fort.“ Sie schlug betont unbekümmert die Eier am Schüsselrand auf und tat so, als würden die Erlebnisse des heutigen Tages sie total kaltlassen. Dabei fühlte sie sich in Wahrheit so, als hätte sie den Nachmittag in einem Cocktailmixer verbracht. Sie war emotional völlig aufgewühlt. Es war ihr – trotz aller Bemühungen – nicht gelungen, gewisse Erinnerungen nicht hochkommen zu lassen. Etwa, wie ihre Mutter das Hochzeitsalbum verbrannt und ihr Brautkleid mit dem Küchenmesser zerschnitten hatte. Oder das entsetzliche Familientreffen zum 80. Geburtstag ihrer Großmutter, als ihr Vater seine neue Freundin mitgebracht und den ganzen Nachmittag die Hand unter ihrer Bluse gehabt hatte. „Paige hat die Situation natürlich gerettet. Sie könnte jede noch so hohe Meereswoge glätten. Das Essen war gut, die Blumenarrangements waren überwältigend schön, und die Eltern der Braut haben die Rechnung trotzdem bezahlt. Insofern hat es also ein Happy End gegeben – falls es so etwas in Wirklichkeit überhaupt gibt.“ Sie nahm eine Gabel aus der Küchenlade und verquirlte die Eier, wie Paige es ihr einmal gezeigt hatte.

„Für dich muss das alles eine wahre Tortur gewesen sein.“

„Jede Sekunde war schrecklich. Und der ganze August scheint nur aus Brautpartys zu bestehen. Wenn wir uns nicht gerade erst selbstständig gemacht hätten, würde ich jetzt einen ausgiebigen Urlaub machen.“ Sie schnitt ein paar Küchenkräuter ab. Außer Petersilie und Basilikum hatte sie auch Schnittlauch und Estragon am Fensterbrett, und die duftenden Kräuter wucherten dermaßen üppig aus ihren Töpfen, dass die kleine Küche wie ein Garten wirkte. Frankie hackte die Kräuter und gab sie zu den Eiern. „Das alles hat mich an Dinge erinnert, an die ich seit einer Ewigkeit nicht mehr gedacht habe. Warum kommt das alles wieder hoch, verdammt? Es macht mich ganz verrückt.“

Sein Blick war warm und mitfühlend.

„Das haben Erinnerungen so an sich. Sie holen einen dann ein, wenn man am wenigsten damit rechnet. Sehr lästig.“

„Ärgerlich.“ Sie ließ ein kleines Stück Butter in die Pfanne gleiten, wartete, bis es zu brutzeln anfing, und gab die Eier dazu. „Ich habe kein Talent für Hochzeiten. Ich sollte besser auf keine mehr gehen. Ich bin eine Spielverderberin.“

„Ich wusste gar nicht, dass man für Hochzeiten Talent braucht. Als Gast kauft man doch bloß ein Geschenk für das Brautpaar, erscheint pünktlich und lächelt.“

„Punkt eins und zwei schaffe ich normalerweise. Was mir Schwierigkeiten macht, ist Nummer drei.“ Sie schwenkte die Pfanne hin und her, damit sich die Eier gleichmäßig verteilten.

„Das Lächeln?“

„Ja, es wird von einem erwartet, sich wie eine Mischung aus Cheerleader und Groupie aufzuführen. Die Stimmung soll fröhlich und ausgelassen sein, aber ich habe immer das Bedürfnis, dem Brautpaar zu empfehlen, schleunigst die Flucht zu ergreifen, ehe es zu spät ist. Ich hoffe, dass Urban Genie irgendwann so erfolgreich läuft, dass wir Hochzeiten ablehnen und uns auf Firmenfeiern spezialisieren können. Leider scheine ich auf Hochzeiten ungefähr so allergisch zu reagieren wie andere Leute auf Bienenstiche.“ Während die Eier vor sich hin brutzelten, bereitete sie einen einfachen grünen Salat mit einer Balsamico-Olivenöl-Vinaigrette zu und stellte dann die Schüssel auf den Tisch.

„Die einzige Methode, dich dazu zu bringen, ‚Ja, ich will‘ zu sagen, wäre also, dir eine Adrenalinspritze zu verpassen?“ Er klang belustigt, und auch Frankie lächelte, während sie die Ränder des Omeletts mit der Gabel anhob und daraufhin zusammenschlug. Die Oberfläche war goldbraun und sah perfekt aus.

„Ich brauche mehr als Adrenalin. Die Chance, dass mir diese Worte über die Lippen kommen, ist ungefähr so groß wie die, dass ich nackt über den Times Square laufe.“ Sie nahm ihr Weinglas und trank einen Schluck. „Sieh uns an. Es ist Samstagabend, und du verbringst ihn in meiner Küche. Mit einer neurotischen Katze. Und mir. Ehrlich, Matt, was ist denn das für ein Leben?“

Er stellte sein Bier auf den Tisch. „Mir gefällt es.“

„Du bist ein Mann in der Blüte seines Lebens. Du solltest gerade ein heißes Date mit vier blonden Schwedinnen haben.“

„Hört sich anstrengend an. Hört sich auch wie etwas an, das Eva sagen würde, nicht du.“

„Tja, manchmal versuche ich, wie ein normaler Mensch und nicht wie ein Alien zu klingen.“ Sie trank noch einen Schluck. „Wenn man auf einem fremden Planeten lebt, ist es wichtig, sich anzupassen, damit man nicht auffällt.“

„Du lebst nicht auf einem fremden Planeten, Frankie. Und du brauchst dich auch nicht zu bemühen, jemand zu sein, der du nicht bist. Bei mir jedenfalls ganz sicher nicht.“

„Das liegt daran, dass du schon alle meine Geheimnisse kennst. Du weißt sogar, dass das T-Shirt, das ich anhabe, fünf Jahre alt ist.“ Sie ließ ein perfektes Omelett aus der Pfanne auf seinen Teller gleiten und reichte ihm ein Stück knuspriges Brot. „Ignorier mich einfach. Ich bin heute in einer komischen Stimmung. Daran ist diese Brautparty schuld. Das Gerede von der ewigen Liebe macht mich nervös.“ Und Matts Gegenwart machte sie auch nervös. Seine Nähe verursachte ein Prickeln auf ihrer Haut. Sie wusste, wie es sich anfühlte, wenn man sich sexuell zu jemandem hingezogen fühlte. Sie wusste nur nicht, was sie mit diesem Gefühl anfangen sollte.

Ihr Handy klingelte. Sie guckte auf die Nummer auf dem Display und ignorierte den Anruf.

Perfektes Timing. Wenn sie es je nötig gehabt hatte, aus ihren sexuellen Fantasien gerissen zu werden, dann jetzt.

Matt sah sie fragend an. „Willst du nicht abheben?“

„Nein.“

Seine Neugier verwandelte sich in Verständnis. „Deine Mutter?“

„Ja, sie versucht, eine Beziehung zu mir aufzubauen. Dazu gehört für sie, mir von ihrem neuesten blutjungen Freund zu erzählen, und dazu bin ich heute nicht in der Verfassung. Es ist Samstagabend. In meinen vier Wänden soll niemand meinen Frieden stören.“

„Ich störe deinen Frieden.“

Ihr Herz machte einen kleinen Freudensprung. „Dir gehören diese vier Wände.“

„Womit wir wieder bei den Rechten des Hausbesitzers wären.“ Matt sah sie lange an, nahm dann seine Gabel und begann zu essen. „Weiß deine Mutter, dass du deinen Job verloren und dich mit Urban Genie selbstständig gemacht hast?“

„Nein.“

„Befürchtest du, sie würde sich Sorgen um dich machen? Paige erzählt, dass unsere Mom immer sagt, man würde nie aufhören, sich um seine Kinder zu sorgen.“

Frankie spürte, wie sich ihr Herz zusammenzog. „Meine Mutter würde sich niemals Sorgen um mich machen. Sie interessiert sich nicht besonders für das, was ich tue. Du weißt ja, dass wir uns nicht besonders nahestehen.“

„Wünschst du dir, es wäre anders?“

„Nein.“ Sie warf die Eierschalen in den Mülleimer. „Keine Ahnung. Vielleicht. Es ist Jahre her, dass wir uns richtig miteinander unterhalten haben. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob wir es je getan haben. Unsere Gespräche haben sich hauptsächlich auf Sätze wie ‚Putz dir jetzt die Zähne‘ und ‚Sieh zu, dass du nicht zu spät in die Schule kommst‘ beschränkt. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass wir jemals wirklich miteinander geredet haben.“ Vielleicht fiel es ihr deshalb immer so schwer, die richtigen Worte zu finden. Oder sie war einfach ein introvertierter, schweigsamer Mensch. „Okay, genug davon. Reden wir lieber über etwas anderes.“

Er sah sich um. „Die meisten Leute haben Töpfe und Pfannen in ihrer Küche herumstehen. Du hast Bücherregale.“

Autor