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Ein Stück vom Winterglück

Als Buch hier erhältlich:

Neunundzwanzig Jahre lang waren Hazel und ihre Zwillingsschwester Lila unzertrennlich. Doch nun stehen Veränderungen ins Haus: Lila heiratet - und zieht aus dem gemeinsamen Londoner Apartment aus! Bei Hazel dagegen lässt das Glück noch auf sich warten. Bei ihrem Traummann ist sie abgeblitzt und ihre Chefin legt ihr permanent Steine in den Weg. Aber anscheinend hat das Leben noch etwas anderes für sie geplant - im Job wie in der Liebe.
"Süß, leicht und romantisch"
Closer
"Ein brillanter Roman über zwei Schwestern, Familienbande und die Liebe"
I Heart Chick Lit
  • Erscheinungstag: 09.10.2017
  • Seitenanzahl: 304
  • ISBN/Artikelnummer: 9783955767457
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Für Ella, das Winterbaby

Prolog

Unsere Reise begann vor neunundzwanzig Jahren in Bidcombe, einem kleinen englischen Dorf, in dem uns bald jeder mit Namen kennen sollte, was jedoch weder besonderen Tugenden unsererseits noch einem Skandal zuzuschreiben war, sondern schlicht der Tatsache, dass wir nicht wie die anderen Mädchen waren; Lila und ich waren zwei Hälften eines Ganzen. Im Laufe der Jahre lösten wir uns etwas voneinander, hörten aber eigentlich nie auf, wie die andere zu denken.

Zu Anfang der neun Monate teilten Lila und ich uns einen Raum, der kleiner als eine Rosenknospe war, dicht aneinandergeschmiegt und von Wänden umfangen. Wir beide wuchsen: zur Größe einer Brioche, einem Stapel frisch gebackener Muffins, dann einer Tasche, Kopf an Fuß, mit Ballettschuhen darin. Über diese neun Monate hinweg waren unsere schwebenden, tretenden Gliedmaßen sowie der verschwommene Klang vom Gesang unserer Mutter der Rhythmus unserer Welt. Während der Ultraschallaufnahme – als die Herzen unserer Eltern angesichts der Neuigkeiten gerast haben dürften – lutschte eine von uns an ihrem Daumen, während die andere majestätisch winkte. Das Bild war körnig, und eigentlich erkannte man darauf nicht viel, doch so nahm es unser Vater wahr. Er sagte auch, dass sie zwar wegen der Behandlung um die Wahrscheinlichkeit wussten, beide allerdings sprachlos waren, als sie erfuhren, dass es Zwillinge wurden. Zuvor hatten sie zehn Jahre lang versucht, ein Kind zu kriegen. Nun würde ihr Wunsch gleich doppelt in Erfüllung gehen, denn hier waren wir beide.

An einem frostigen Tag kamen wir zappelnd und quengelnd in unserem örtlichen Krankenhaus auf die Welt. An den Teil erinnere ich mich natürlich nicht, aber unsere Mutter, Alison, und unser Vater, Simon, wurden nie müde, uns davon zu erzählen und die Fotos zu zeigen. Mich, die zehn Minuten Ältere, nannten sie Hazel, meine Zwillingsschwester Lila.

Unsere Eltern brachten uns nach Hause, in ein Cottage aus den 1920ern am Dorfrand, wo sie bis heute leben. Unser Dorf ist nicht weit von London entfernt – mit dem Zug sind es bloß anderthalb Stunden –, und dennoch ist es eine vollkommen andere Welt. Bidcombe ist die Art Ort, in dem Leute auf der Straße stehen bleiben, um sich miteinander zu unterhalten, in dem die Menschen, die in der Bäckerei, auf dem Postamt, im Pub und in der Bücherei arbeiten, mit einem befreundet sind. Unsere Eltern wohnten dort, seit sie ein junges Paar Anfang zwanzig waren, und nach unserer Geburt kehrten sie freudig als vierköpfige Familie heim. Die Nachbarn hatten Luftballons an ihre Gartenpforten gebunden, um uns willkommen zu heißen.

Unsere Mutter sagte, dass schon seit Monaten alles bereitgestanden hätte: unser Zwillingskinderwagen, die aufeinander abgestimmten Kinderbetten, die Winnie-Puuh-Hochstühle. Im Familienalbum sind wir fast immer Seite an Seite zu sehen. Die Weihnachtszeit in unserem Cottage war stets etwas ganz Besonderes: Unsere Eltern lächelten und betrachteten uns stolz, ihre Sektgläser hinter sich auf dem Kaminsims, während wir beide das bunte Papier von unseren Geschenken rissen. Unsere Großeltern waren ebenfalls da – Mums Vater, Henry, und ihre Mutter, Joyce. Unsere Großmutter Joyce war es, die mir erstmals die Freuden einer Küche nahebrachte, in der es nach Gebackenem riecht, nicht zu vergessen den Genuss eines Schneeflocken-Kekses, noch warm und frisch vom Kuchengitter. Ben kam dazu, als wir vier Jahre alt waren. Unsere Eltern waren entzückt, hatten sie doch nicht erwartet, nach uns noch ein Kind zu kriegen. Unwissentlich mussten Lila und ich etwas ausgelöst haben, denn Ben stellte sich von ganz allein ein. Weihnachten in unserem Cottage war mir die liebste Zeit des Jahres. An den Feiertagen versammelte sich die ganze Familie, wurden die alltäglichen Kabbeleien vergessen, wenn wir gemeinsam aßen und tranken, Brettspiele spielten und mit unseren Spielsachen mit den Batterien und Fernbedienungen beschäftigt waren.

Das Cottage bot uns ein glückliches Heim, in dem wir zunächst zu kleinen Mädchen, dann zu Teenagern heranwuchsen. Lila und ich besuchten dieselbe Grundschule in der Nähe. Wir saßen im Unterricht nebeneinander, wenn wir konnten, doch in den Pausen spielte Lila mit den anderen Mädchen Gummitwist, während ich mit den Jungen Star-Wars-Sticker tauschte oder ihnen mein neuestes Comicheft zeigte. Dem Tausch der Comics haftete etwas reizvoll Heimliches an, da ich sie nicht von meinem Taschengeld kaufte, sondern von Münzen, die mein Vater mir nebenher zusteckte. Mein Dad war Steuerberater, ist es bis heute. Seine Mandanten vertrauten ihm, und er ging ganz in seiner Arbeit auf. Trotzdem wusste ich, dass er sich tief im Innern genauso sehr danach sehnte, ein Superheld zu sein, wie ich. Deshalb half er mir manchmal, mir die Hefte zu kaufen, selbst wenn sie nicht meinem Alter entsprachen – oder welchen Grund auch immer meine Mutter anführte, um mir die Bücher und Hefte zu verweigern, die ich mir am meisten wünschte.

Im Teenager-Alter gingen Lila und ich getrennte Wege. Lila verbrachte ihre freie Zeit in Ballettstunden, ich meine mit meinem besten Freund Sam im Skatepark. Sam und ich waren schon seit der neunten Klasse ein eingeschworenes Team. Er war unendlich froh, jemanden gefunden zu haben, der so gern Skateboard fuhr wie er – obgleich ich ein Mädchen war.

Lila und ich hörten auf, uns täuschend ähnlich zu sehen. Ich färbte mir das mittelblonde, glatte Haar dunkelrot und schnitt mir einen kurzen Pony; Lila hellte ihres mit blonden Strähnen auf. Meine Kurven zeigten sich und wuchsen immer weiter; Lilas verschwanden praktisch gleich wieder, kaum dass sie auftauchten.

Unsere Nähe blieb dieselbe, ein dichtgewebtes Netz goldener Fäden, von denen jeder die Erinnerung an ein geflüstertes Geheimnis oder einen geteilten Moment war und uns verband. Wir waren nicht aneinander gekettet, vielmehr befreite uns unsere Gemeinsamkeit. Obwohl jede von uns ihr eigenes Ding machte, redeten wir jeden Abend nach dem Essen noch lange auf unseren Zimmern, kicherten zusammen und sprachen über alles, was den Tag über geschehen war, oder auch über gar nichts. Ich weiß nicht, ob irgendjemand, abgesehen von unseren Eltern, erkannte, wie sehr wir uns aufeinander verließen. Ich war mir immer bewusst, dass es für mich wäre, als würde mir die Luft zum Atmen geraubt, sollte ich Lila je verlieren.

Unsere Ergebnisse der Schulabschlussprüfungen kamen, und Lila entschied, dass sie unbedingt Ballett studieren wollte. Damit tat sich die sehr reale Möglichkeit auf, dass sich unsere Wege tatsächlich trennten. Doch am Ende, als wir mit achtzehn unser Zuhause verließen, hatten wir dafür gesorgt, dass sie es nicht taten. Wir zogen zusammen nach London, wo Lila die Ballettschule besuchte und ich Bühnenbild am Central St Martin’s College studierte. Aber wir trafen uns jeden Abend in unserer kleinen Wohnung in Ostlondon, bei Essen und Wein mit Freunden oder redeten oft auch nur zu zweit. Lila ging mit Freunden zu Tanzaufführungen; ich blieb zu Hause und sah mir Filme an. Wir waren beide glücklich. Das mit dem gemeinsamen Apartment hatten wir schon lange geplant. Als Teenager hatten Lila und ich Abende lang davon gesprochen, in unseren eigenen vier Wänden in der Stadt zu leben.

An diesem Tag lehnte ich mich auf meinem gestreiften Liegestuhl zurück und blickte über den Kanal und den Londoner Victoria Park. Ich erinnerte mich an die Wohnungssuche mit Lila und wie wir uns gefragt hatten, ob wie jemals etwas Bezahlbares finden würden, was uns auch noch halbwegs gefiel. Dann hatten wir von diesem Apartment gehört, das sich im ehemaligen Lager einer Weberei befand, und beschlossen, es uns mal anzuschauen. Die Zimmer waren nicht sonderlich groß, aber die weißlackierten Dielenböden sorgten für Helligkeit, und beide Schlafzimmer hatten große Fenster. Unsere Wohnung war gemütlich, um im Maklerjargon zu sprechen, was so viel bedeutete wie klein, das störte uns allerdings nicht. Wir waren es gewohnt, sehr dicht aufeinander zu leben. Und richtig verliebt in die Wohnung hatte ich mich, als ich aus dem Fenster blickte.

Fahrräder schlängelten sich durch den Park, und Menschen, die aus meiner Warte so groß wie Playmobil-Figuren aussahen, saßen auf Picknickdecken und Bänken zusammen. Blecherne Reggae-Musik aus einer Stereoanlage wehte gedämpft zum Balkon herauf, und die Blumen, die Lila und ich im Jahr zuvor gepflanzt hatten, begannen erneut zu blühen.

Mein Zusammenleben mit Lila mochte für Außenseiter nicht immer paradiesisch gewirkt haben, aber für uns war es das. Sicher stritten wir uns ab und zu. Manchmal räumte Lila in der Küche Sachen weg, bevor ich sie überhaupt benutzt hatte, und das machte mich wahnsinnig. Genauso wie ihr ewiges Kissenaufklopfen, wenn ich mir Filme anschaute. Ab und zu beschwerte sie sich über mein Singen im Bad oder unterbrach meine nächtlichen Back-Sessions, indem sie verschlafen aus ihrem Zimmer kam und mich fragte, was ich denn da zur Hölle noch mal tat und ob das nicht bis morgen warten könnte.

Rückblickend denke ich, dass sie sich nie recht mit Pablo anfreunden konnte. Lila hatte sogar ausdrücklich gesagt, dass es „total unverschämt“ gewesen wäre, einen Kater anzuschaffen, ohne es vorher mit ihr zu besprechen. Doch sein angeknabbertes Ohr, der Knick im Schwanz und die kahlen Stellen in seinem Fell waren für mich so eindeutige Hinweise gewesen, dass er es auf der Straße schwer hatte, da konnte ich einfach nicht anders. In diesem Punkt musste ich mich schlicht durchsetzen.

Wenn im Winter die Tage kürzer wurden, igelten wir uns in der Wohnung ein und verbrachten die Abende auf dem Sofa. Vor Weihnachten begann ich zu backen, während Lila unseren Familien-Adventskalender aufhängte und ihn mit kleinen Holzfiguren füllte, die wir später an den Baum hängten. Vergnügt zählten wir die Tage, bis wir zu unseren Eltern reisten.

Nachdem wir beide mit Anfang zwanzig unseren Abschluss in der Tasche hatten, blieben wir in der Wohnung. Ich arbeitete an den Wochenenden in einer Bar, Lila tanzte die Woche über für Rollen vor, und ich durchsuchte die Stellenanzeigen. Zwei Monate später fing ich ein Praktikum bei Twenty-One an, einer Fernsehproduktionsfirma, in der ich inzwischen fest arbeitete. Im Gegensatz zu Lila hatte ich nie schlaflose Nächte, in denen ich mir den Kopf über den Sinn des Lebens zerbrach. Ich wusste ja immer, wo ich ihn fand: In den Erinnerungen an gemeinsame Abende oder Stunden mit Freunden, in denen wir so viel lachten, dass wir davon Seitenstiche bekamen.

Ich würde niemals einen Preis gewinnen, was das erfolgreiche Führen einer Langzeitbeziehung betraf, doch das war in Ordnung für mich. Ich hatte einige feste Freunde gehabt. Wir hatten uns amüsiert, länger als sechs Monate hatte es allerdings nie gehalten. Entweder war der Funke vorher erloschen, oder die Beziehung hatte sich schleichend in eine nette Freundschaft verwandelt. Am Ende hatte ich mich immer irgendwie erleichtert gefühlt, dass ich in mein normales Leben zurückkehren konnte und mich nicht mehr anstrengen musste, etwas am Laufen zu halten, was ohnehin keine Zukunft hatte. Ich schätze, im Grunde war es immer Sam, immer die Frage, ob wir eine Chance hätten, mehr als Freunde zu sein. Jedenfalls schien ihm keiner das Wasser reichen zu können.

Doch egal wie es mit anderen lief, blieben mir immer Lila und das Apartment. Lilas Leidenschaft fürs Ballett war ungebrochen, und im Laufe der Jahre hatte ich getan, was ich konnte, um ihr Selbstvertrauen zu stärken. Sie war begabt – das wussten wir beide –, und sie hatte im letzten Jahr einige tolle Rollen gehabt. Doch es hatte auch viele Vortanzen gegeben, bei denen nichts herausgekommen war. Solange sie auf ihren großen Durchbruch wartete, arbeitete sie tagsüber als Assistentin in einer Bank, um Geld zu verdienen, und zwei Abende die Woche in einer Bar am Kanal, woran sie mehr Spaß hatte. Dort war sie Ollie zum ersten Mal begegnet. Ich war an dem Abend auch da gewesen und hatte die Zeit bei einem Pimm’s und Limonade vertrödelt.

Mir war er gleich aufgefallen – wie er mit ein paar Freunden die Bar betrat, groß, dunkel, mit schwarzgerahmter Brille und einem leicht angestrengten, schiefen Lächeln. Er verkörperte alles, worauf Lila normalerweise nicht stand, denn sie mochte am liebsten im klassischen Sinne hübsche Schauspieler, die um sich selbst kreisten. Und ich bot ihr meine Schulter an, damit sie sich abends an ihr ausheulen konnte. Ich sah meine Schwester an und nickte in Ollies Richtung, damit sie zu ihm ging und seine Bestellung aufnahm.

Es dauerte nicht lange, bis die beiden flirteten, und am Ende des Abends bat er sie um ihre Telefonnummer. Sie verabredeten sich einige Male. Dann begann er, nach und nach häufiger in unserer Wohnung aufzukreuzen, unter der Woche mit uns zu Abend zu essen und am Wochenende zu Tee und Kuchen vorbeizukommen. Mir machte es nichts aus. Tatsächlich mochte ich es. Lilas Exfreunde hatten oft dafür gesorgt, dass sie ausgelaugt und weinerlich war, und hier war ein Mann, der sie zum Lachen brachte und die Leichtigkeit in ihr hervorkitzelte. Auf der Party zu unserem siebenundzwanzigsten Geburtstag wurde mir klar, dass es mit ihm ernst war. Er hatte Lila geholfen, die Drinks auszuschenken, und dabei war ihr sein Blick mit einer welpenhaften Bewunderung gefolgt, selbst wenn er so tat, als würde er den Leuten zuhören, die mit ihm sprachen. Und Lila … ich sah, wie sie ein- oder zweimal zu ihm blickte. Ich schätze, da ahnte ich erstmals, dass ich meine Schwester mit jemandem teilen müsste.

Im Sommer war Ollie dann zu einer festen Größe in unserer Wohnung geworden, und Lila war glücklicher, als ich sie jemals erlebt hatte. Sie wirkte sagenhaft winzig an seiner Seite, wenn er den Arm um ihre Schultern legte. Ollie war ein liebenswerter Typ. Und er betete Lila an. Rein gar nichts an ihm war verkehrt, und ich wusste, dass er der Eine war, der mir Lila für immer wegnehmen würde.

Fast zehn Jahre lang hatten wir in unserem Apartment gelacht, gefeiert, uns auf dem Sofa gefläzt und Filme gesehen. Und jetzt, tja, war nur noch ich hier. Lila hatte sich weiterentwickelt und war ausgezogen.

Das war es. Lila und Hazel, Hazel und Lila waren zu Lila und Ollie geworden. Alles hatte sich zu verändern begonnen.

1. Kapitel

Die Frühlingssonne warf Tupfen auf das Miniatur-Bühnenbild, an dem ich zu Hause an meinem Schreibtisch arbeitete. Ich blinzelte im Licht und klebte einen winzigen Tapetenstreifen an die Rückwand eines Wohnzimmers, dann war das Bühnenbild fertig. Den Miniaturkaminsims und den kleinen Spiegel mit Goldrahmen hatte ich auf eBay entdeckt. Vor dem Kamin lag ein raffiniert bestickter Teppich in der Größe eines kleinen Briefumschlags. Seit zwei Wochen war ich inzwischen mit diesem Bühnenbild beschäftigt, und nun endlich war es fertig. Vor allem hatte es mich abgelenkt, seit Lila hier aus- und bei Ollie eingezogen war.

Ich suchte einen Mann aus meiner Figurenschachtel aus, der ein weißes Hemd und eine Jeans trug und dessen kleiner Holzfuß aus der Hose hervorlugte, sowie seinen Gegenpart, eine Frau in einem himmelblauen Fünfzigerjahre-Kleid, deren dunkelbraunes Haar in zwei dicken Knoten aufgesteckt war und die ein aufgepapptes Lächeln im Gesicht hatte. Die beiden setzte ich nebeneinander auf das Sofa und gab der Frauenfigur ein Buch in die Hände, nicht größer als eine Briefmarke und von mir selbst gebastelt, während ich ihn ein winziges Weinglas halten ließ. Ich malte mir aus, wie sie sich über ihren Arbeitstag unterhielten, bevor sie sich nach oben in das Schlafzimmer zurückzogen, das ich für sie vorbereitet hatte – mit frischen weißen Minilaken und winzigen dunkelgrünen Vorhängen vor dem Fenster. Die gerahmten Bilder im Treppenaufgang erzählten die Geschichte ihres gemeinsamen Lebens. Eines Tages würde ich jemanden finden, der das Stück zu diesem Bühnenbild schrieb. Bis dahin würde ich es genießen, mir einfach nur diese kleine Welt anzusehen, die ich geschaffen hatte. Na ja, und wohl auch den Rest von Kontrolle auskosten, den ich meinem Empfinden nach über das Bild behielt.

Ich ließ niemanden meine Bühnenbildentwürfe sehen. Nicht einmal Sam. Genau genommen erst recht nicht Sam. Er hatte ein einziges Mal von ihnen gehört, als wir noch Teenager waren und Lila ihm davon erzählte.

„Spielst du immer noch mit Puppenhäusern?“, hatte er lachend gefragt. „Ich dachte, du bist eher wie ein Junge. Ich meine, das mag ich an dir. Aber vielleicht bist du doch mehr Mädchen, als ich gedacht habe.“ Ich hatte wütend zu Lila gesehen und mir gewünscht, der Erdboden würde sich unter mir auftun und mich verschlucken.

Einem anderen von den eigenen Träumen zu erzählen, ihn einen Blick auf den Menschen erhaschen zu lassen, der man wirklich war, sollte sich doch anders anfühlen, als es das in diesem Moment tat, dachte ich.

Am Montagmorgen war die Wochenendsonne verschwunden und einem Tag gewichen, an dem Nieselregen in der Luft lag und man das Gefühl hatte, der eben noch erahnte Frühling würde nie kommen. Ich setzte meinen Fahrradhelm auf und fuhr zur Arbeit. Die Straßen in Ostlondon waren so verstopft wie eh und je, aber ich hatte inzwischen gelernt, durch welche Seitenstraßen man Wege abkürzen konnte, wie man Lastwagen und Staus vermied und wo ich manchmal immer noch ein bisschen Vogelgezwitscher hören konnte. Beim Fahren hatte ich nie meinen iPod eingestöpselt, weil ich mich lieber auf das konzentrierte, was um mich herum vorging. Nicht, dass ich besonders ängstlich war, aber, nun ja, mir kam es vernünftiger vor, am Leben zu bleiben. Jedenfalls war es an diesem Tag eine einfache Entscheidung, denn ich hatte aus Versehen Lilas iPod eingesteckt anstelle von meinem, und das bedeutete Ballett-, Jazz- und klassische Musik, also nichts, was ich hörte.

Ich hielt vor dem Bürogebäude von Twenty-One in einer ruhigen Seitenstraße in Clerkenwell und schloss mein Rad an. Noch war der Lack bei diesem Job nicht ab – nicht ganz. Die Firma war klein, wuchs jedoch schnell und produzierte einige der erfolgreichsten Kostümfilme. Im Büro herrschte ständig eine aufgeregte Stimmung, wie sie bei Dreharbeiten typisch ist, und ich half bei allem mit, was im Bereich Szenenbild anfiel, vom Requisitenbeschaffen bis hin zu letzten Veränderungen am Set.

Immer noch kam es mir manchmal unwirklich vor, dass ich tatsächlich hier arbeitete. Vor zwei Jahren hatte ich als Praktikantin angefangen, und nach ein paar Monaten waren meine Ersparnisse bis auf den letzten Penny aufgezehrt gewesen. Mal einen B-Promi aus der Nähe zu sehen oder mit den Mitarbeitern zu scherzen, konnte mir zwar den Tag versüßen, aber davon konnte ich nicht leben. Mir war klar, dass ich nicht weiter unbezahlt arbeiten konnte. Zum Glück meinte es das Schicksal gut mit mir, und es wurde eine Assistentenstelle in der Szenenbildabteilung frei. Mein erster richtiger Job.

Zugegeben, Emma war nicht durchgängig die einfachste Chefin, aber sie gab mir volle Rückendeckung. Zumindest sagte sie das oft. Und ich liebte die Arbeit, das Aussuchen von Requisiten, Möbeln und Deko, die jeden Set erst zum Leben erweckten. Eigentlich hatte ich gehofft, dass ich inzwischen befördert worden wäre, doch Emma versicherte mir, dass ich schon für den Posten einer zusätzlichen Set-Designerin vorgemerkt sei. Meine Beförderung könnte jederzeit verkündet werden, hatte sie mir versprochen. Und darauf verließ ich mich, vor allem finanziell, denn sonst könnte ich die Wohnung nicht allein halten.

Josh, der Regieassistent einer wichtigen Serie, hielt mit seinem Fahrrad neben mir an.

„Guten Morgen“, sagte er freundlich, nahm seinen Helm ab und fuhr sich mit der Hand durch sein dunkles Haar, das leicht plattgedrückt war. Er trug ein grün und blau kariertes Holzfällerhemd über einem weißen T-Shirt, das sich vor seinem dunklen Teint leuchtend abhob. „Du bist ja früh hier.“

„Ja, ich dachte, ich fange heute mal zeitig an.“

Er schloss sein Rad neben meinem an. Josh und ich arbeiteten selten zusammen, trotzdem fand er oft irgendeinen Grund, für ein kurzes Gespräch an meinem Arbeitsplatz vorbeizusehen oder mir einen Tee zu bringen. Er war einer der Kollegen, mit denen ich mich am besten verstand.

„Nettes Wochenende gehabt?“, fragte er.

„Ja, nicht schlecht“, antwortete ich und versuchte, nicht daran zu denken, wie einsam sich die Wohnung anfühlte. „Und du?“

„Ganz okay“, sagte er. „Wir hatten Jahrestag. Gestern vor vier Jahren haben Sarah und ich uns kennengelernt.“

„Gratuliere. Wie habt ihr gefeiert?“

„Mit einem Abendessen, und hinterher haben wir uns einen Film angesehen.“

Wenn Josh über seine Freundin redete, strahlte er jedes Mal, egal, ob er von ihrer Meinung über eine neue Ausstellung in der Tate Gallery sprach oder den Köttbullar, die sie bei IKEA gegessen hatten. Wie er sie beschrieb, musste sie voller Energie stecken, witzig und sorglos sein, und anscheinend bezauberte sie jeden auf Anhieb. Komischerweise war ich ihr noch nie begegnet, obwohl Josh und ich im Grunde befreundet waren. Aber ich sagte mir, dass viele Leute Arbeit und Privatleben gerne getrennt hielten.

„Hat sie diesen neuen Job bekommen?“

„In der Galerie?“, fragte Josh. „Ja, hat sie, aber nur befristet. Sie sagt, dass sie noch nicht weiß, wo sie im Sommer sein wird.“

„Stimmt“, sagte ich. Wir gingen ins Gebäude und langsam die Treppe hinauf zu den Büros, um die letzten ruhigen Momente auszukosten, bevor wir mit E-Mails und Anweisungen bombardiert wurden. „Wo willst du denn diesen Sommer verbringen? Du hast doch nicht vor, in die Sonne zu fliegen, wenn die Dreharbeiten für Weihnachten im Herrenhaus anfangen, oder?“

Unser neuestes Projekt war eine beliebte Serie, die das ganze Jahr über lief und für die wir das größte Budget für Kostüme und Szenenbild hatten. Ich wollte unbedingt daran mitarbeiten, und Emma, die sich zunächst gesträubt hatte, hatte letztlich nachgegeben. Es sollte mein erstes Soloprojekt sein, für das ich eigenständig die Requisiten entwarf und auftrieb. Andererseits wusste Emma natürlich, dass ich nun bei ihr etwas guthatte. Ich sprang während ihrer sehr langen Mittagspausen für sie ein, und in letzter Zeit schien jeder Morgen damit zu beginnen, dass sie verkatert eintraf und mich Kaffee holen schickte. Mir war aufgetragen worden, das Weihnachts-Special der Serie richtig funkeln zu lassen. Josh kümmerte sich um die Schauspieler, während ich die Kulisse übernehmen würde, in denen er und die Besetzung die Konflikte, Küsse und intimen Zusammenkünfte zum Leben erweckten.

Ich arbeitete gern mit Josh zusammen. Mit ihm konnte man die Dinge gut durchsprechen, denn er war unverkrampft und ein echter kreativer Visionär, was selbst in unserer Branche selten war. Außerdem brachte er mich zum Lachen, und das allein war schon eine Menge wert, wenn wir um Mitternacht noch in der Firma hockten und etwas für den Dreh am nächsten Morgen zusammenzaubern mussten.

Josh grinste. „Keine Angst, so bald verschwinden wir nicht. Sarah will dringend mal raus, doch bei unseren engen Terminen hier wird es wohl eher ein langes Wochenende werden als die mehrmonatige Reise, von der sie träumt.“

„Puh! Sarah will schon wieder auf große Fahrt?“

„Das will sie immerzu“, sagte er, und es klang liebevoll. Ja, das war Liebe, schätzte ich: Man war sich nicht ständig in allem einig, aber man versuchte stets, den anderen glücklich zu machen. „Trotzdem werde ich diesen Job nicht wegwerfen, um irgendwo am Strand zu liegen, egal wie verlockend die Vorstellung manchmal ist.“

„Ah, das ist gut. Zumindest für uns.“

Wir betraten das Büro, bei dem es sich um einen hallenartigen Raum handelte, wo es mehr Pausen- und Kaffee-Nischen gab als Schreibtische. Ich setzte mich an meinen üblichen Platz.

Emma kam hinüber und beugte sich über die niedrige Trennwand. Ihre langen, dunkelbraunen Locken hingen offen herunter, und sie hatte grellroten Lippenstift aufgelegt, der ein wenig von ihren dunklen Augenringen ablenkte.

„Hazel, ich muss in einer Minute in ein Meeting, wollte aber vorher noch fragen, ob du alles für den Dreh am Freitag fertig hast. Konntest du diese Jugendstil-Stühle besorgen, über die wir geredet haben?“

„Ja, ist erledigt“, sagte ich. „Die Möbel sollen am Freitag ankommen, also bleibt mir noch genug Zeit, alles für den Dreh aufzubauen.“

„Super. Und das Zeug für die Haare?“

„Der Retro-Haarschmuck? Ja, den habe ich hier.“

„Okay“, sagte Emma. „Ich wusste doch, dass die Sachen bei dir in guten Händen sind.“

„Brauchst du sonst noch etwas?“

„Ja“, antwortete sie und zeigte auf ihren Eingangskorb. „Sieh dir den Haufen an. Mal ganz ehrlich, Hazel“, sagte sie in einem verschwörerischen Ton, als würde sie mich ins Vertrauen ziehen, ja, als wäre es ein Privileg, ihr helfen zu dürfen. Ich war eine von nur zwei Leuten in der Firma, die wussten, dass sie gerade eine üble Scheidung durchmachte. „Ich fühle mich heute Morgen wie eine aufgewärmte Leiche, und nachmittags kommen die Amerikaner vorbei. Das heißt, dass ich mittags schon anfangen muss, Alkohol zu trinken, was wiederum bedeutet, dass ich heute Vormittag unbedingt eine Massage brauche, sonst stehe ich das nicht durch. Wirklich nicht.“

Ich zögerte. Ihre Scheidung war so gut wie durch, also zeichnete sich wenigstens ein Ende dieser Sondereinsätze ab.

„Es ist auch das letzte Mal, dass ich dich bitte, für mich einzuspringen“, sagte Emma und rieb sich die Stirn. „Ehrenwort, Hazel.“

„Na gut“, antwortete ich widerwillig. „Ich mache es noch dieses letzte Mal.“

Alles wäre gut, wenn ich erst befördert wurde. Dann hätte ich ein Gehalt, von dem ich anständig leben konnte, und, was noch wichtiger war, die kreative Freiheit, meine Visionen für die Sets umzusetzen. Ich brauchte bloß zu warten.

Josh und ich saßen an seinem Tisch und gingen die Entwürfe für Weihnachten im Herrenhaus durch. „Ich weiß genau die richtige Adresse für die Kostüme“, sagte ich. „Es gibt eine fantastische Schneiderin gleich um die Ecke von der Columbia Road.“

„Super.“ Josh betrachtete meine Zeichnungen. „Was du mit dem Wohnzimmer hier gemacht hast, finde ich richtig gut. Der Kronleuchter und diese Chaiselongue sind perfekt.“

„Danke. Wie läuft das Casting?“

„Gut. Größtenteils. Wir haben einige neue Talente für die Weihnachtsfolge. Amy Strachan spielt eine von Edwards Schwestern.“

„Ah ja, von der habe ich schon gehört. Sie war die Assistentin beim letzten Doctor Who, oder? Zierlich, große Augen?“

„Ja, genau die. Sie ist klasse. Ich glaube, wir haben sie an einem richtig spannenden Punkt in ihrer Karriere erwischt, und zwischen Matt und ihr stimmt die Chemie beim Dreh.“

„Kann ich mir vorstellen. Und ich freue mich natürlich, sie mal kennenzulernen.“

„Komm einfach nächstes Mal mit, wenn wir drehen. Ich frage Emma.“

„Das wäre super.“

„Hoffentlich muss ich sie bald nicht mehr fragen. Es wird Zeit, dass du hier etwas mehr Freiheit bekommst.“

„Das dauert sicher nicht mehr lange.“

Später am selben Tag traf ich mich mit Lila zum Mittagessen in einem Café am Regent’s Canal. Es war ein sonniger Vormittag im März, und Jogger und Hundebesitzer liefen am Uferweg an uns vorbei. Lilas Textnachricht war gleich morgens angekommen:

Tolle Neuigkeiten, Schwesterchen. Mittagessen? L x

Lila streckte mir ihre Hand hin, an deren viertem Finger ein rot-gelber Haribo-Ring prangte. Ihre grünen Augen – sie hatten die gleiche Farbe wie meine und waren genetisch unserer Mutter zu verdanken – blitzten vor Aufregung, und ich bemerkte, dass sie ein wenig bronzefarbenen Lidschatten trug. „Das ist natürlich nur das Provisorium“, sagte sie, und ein Lächeln umspielte ihre Lippen. „Er will mir noch einen richtigen aussuchen.“

Wow, es wurde also ernst. Meine Schwester war verlobt.

„Gratuliere!“

Im Grunde war es logisch. Sie und Ollie wohnten jetzt seit vier Monaten zusammen, und es schien bestens zu laufen. Sie waren so kompatibel wie heißer Kakao und Marshmallows, Rosinen und Scones, rote Cupcakes und Vanilleglasur … alles klar, oder? Ollie war bis über beide Ohren in meine Schwester verliebt, und es war schon seit einer ganzen Weile offensichtlich, dass sich die Dinge in eine bestimmte Richtung entwickelten. In Richtung Kirchenglocken.

Dennoch traf es mich wie ein Schlag. Lila heiratete. Lila, meine kleine Schwester, wenn auch nur um wenige Minuten, würde mit Ollie vor den Altar treten. Ich freute mich für sie, und doch – Gott, das zuzugeben war schon peinlich – war ich ein bisschen eifersüchtig.

Nicht, dass ich an ihrer Stelle sein wollte – Heiraten war von jeher eher ihr Ding gewesen als meins. Und, wie gesagt, ich hatte nichts gegen Ollie. Nein, ich mochte ihn sogar. Doch vermutlich wurde mir der Grund bewusst, warum ich unfähig gewesen war, ihr Zimmer an jemand anderen zu vermieten, obwohl es mir finanziell das Genick brach, die Wohnung allein zu halten: Ich hatte mich insgeheim gefragt, ob sie nicht doch eines Tages zurückkommen würde.

Und jetzt? Jetzt hatte sich diese Möglichkeit endgültig erledigt.

Was fing ich ohne Lila an? Ich meinte, so richtig ohne Lila? Dies hier war von Dauer.

Nun war Ollie die andere Seite ihrer Münze. Ach, wem machte ich hier etwas vor? Das war er schon lange. Doch wie sah es mit meiner anderen Seite aus? … Konnte eine Münze überhaupt ohne zwei Seiten existieren?

Lila, die nichts von meinen Gedanken mitbekam, erzählte mir von dem Antrag.

„Wir waren im Cabana, du weißt doch, diese Bar im Dachgeschoss mit Blick über den Regent’s Canal, und er hatte uns einen Ecktisch reserviert, ganz ruhig und bei Kerzenschein. Wir haben zu Abend gegessen, über dies und das geredet, nichts Wichtiges – ein Vortanzen, das ich gestern hatte –, und dann hat er mich gefragt.“

„Warst du überrascht?“

„Irgendwie schon. Ich meine, wir hatten schon übers Heiraten gesprochen, aber ich hatte nicht mit einem Antrag gerechnet, jedenfalls nicht gestern.“

„Dann ist ihm die Überraschung ja gelungen. Und du wirkst glücklich.“

„Bin ich“, sagte sie. Und das sah man ihr auch an, so wie bereits, seit sie Ollie kennengelernt hatte. Man erkannte es an dem Leuchten in ihren grünen Augen, an ihrem schwungvollen Gang, an allem, was ihr eine Reihe von Ablehnungen durch Ballettkompanien und Produktionen fast ausgetrieben hatte. „Ich denke, wenn man es weiß, weiß man es. Glaubst du nicht?“

„Das ist super.“ Ich umarmte sie wieder. „Und ich verstehe, was du meinst. Da ist etwas Besonderes zwischen dir und Ollie – ihr passt schlicht zusammen. Habt ihr schon über einen Termin nachgedacht?“

„Ich weiß nicht … Wir haben nicht direkt über ein Datum gesprochen, aber wir wollen beide nicht zu lange warten.“ Sie unterbrach und sah mich an. „Ich habe von einer klasse Hochzeitsplanerin gehört – Suzanne. Freunde von uns hatten sie. Ihr Honorar ist nicht übermäßig, und angeblich organisiert sie das Ganze total stressfrei.“

„Klingt genial“, sagte ich. „Aber bist du sicher, dass ihr euch das leisten könnt?“

„Ja“, antwortete sie achselzuckend. „Ich lege schon länger etwas zur Seite. Ollie auch. Ich nehme an, dass wir es kommen gesehen haben, und wir möchten es richtig feiern.“

„Hast du es Mum und Dad schon erzählt?“

„Noch nicht“, sagte sie und grinste aufgeregt. „Ich möchte das persönlich machen. Willst du am Wochenende mitkommen?“

„Nach Bidcombe?“

Lila nickte.

„Klar. Das wird sicher lustig. Ist Ben dann auch da?“

„Das hoffe ich. Ich habe ihn angerufen und ein paar Nachrichten hinterlassen.“

Meinem Bruder Nachrichten aufs Band zu sprechen, hatte mich in den letzten paar Monaten nicht besonders weit gebracht, aber ich wollte Lilas Begeisterung keinen Dämpfer verpassen.

„Hazel, Themenwechsel, findest du, wir sollten mal reden wegen …“

„Wegen der Wohnung?“, fragte ich. Ich hatte gewusst, dass das kommen würde. Aber ich war einfach noch nicht bereit, mich mit der Vorstellung auseinanderzusetzen, unsere Wohnung mit jemand anderem zu teilen als meiner Zwillingsschwester. „Das regelt sich schon.“

Ich versuchte, nicht an den Stapel unbezahlter Rechnungen neben der Tür zu denken.

Lilas Gesichtsausdruck wurde weicher. „Es sind schon vier Monate, Haze. Da regelt sich nichts von allein.“

„Ich weiß.“

Ich konnte nicht länger allein in einer Wohnung mit zwei Schlafzimmern leben, das wusste ich. Es war verrückt. Ein Monat war alles, was mir noch blieb, bevor ich meine Eltern um Geld bitten müsste – und das wollte ich wirklich nicht. Aber der Gedanke, mit jemand anderem als Lila zusammenzuleben, kam mir befremdlich vor.

„Ich höre mich mal um. Und, wer weiß, wenn ich hoffentlich befördert werde, brauche ich niemanden für das zweite Zimmer. Dann könnte ich mir die Wohnung gut allein leisten.“

„Ja, schon“, sagte Lila. „Es ist deine Sache. Entschuldige. Ich hätte nicht davon anfangen sollen.“

Ich trank einen Schluck. Wenn ich wirklich müsste, würde ich mir jemanden suchen. Aber noch war ich optimistisch, dass es nicht so weit kommen würde.

2. Kapitel

Am nächsten Tag rief uns der CEO von Twenty-One, Aaron, alle gleich morgens in den Konferenzraum. „Kurzes Meeting, Leute. Kommt her. Und guckt nicht so ängstlich. Es sind gute Neuigkeiten.“

Ich ging mit den anderen hinein und gesellte mich zu den Kollegen in den hellen Konferenzraum, der ganz in Stahl und Glas gehalten war.

„Guten Morgen allerseits. Nehmt euch Kaffee“, sagte Aaron munter, sowie alle – wir waren an die dreißig – anwesend waren. Was war los? Sollte dies der Morgen sein, an dem er meine Beförderung bekannt gab?

„Wie ihr alle wisst, startet Twenty-One gerade in eine Wachstumsphase, und ich habe euch alle heute Morgen hier zusammengetrommelt, um mit euch über zwei neu geschaffene Stellen zu reden.“

Ich merkte, wie meine Wangen heiß wurden. Heute war es also so weit. Ich blickte mich nach Emma um und konnte sie nur knapp ganz hinten in der Menge entdecken.

Aaron sah mich an, und ich lächelte. Dann schaute er nach rechts. „Ich freue mich, euch Tim Graham vorstellen zu dürfen.“

Tim war ungefähr Mitte dreißig, hatte einen Hipster-Bart und trug die kurzen Ärmel seines Hemds weit genug hochgekrempelt, dass man gerade noch ein Anker-Tattoo an seinem Oberarm erkennen konnte.

Wer war dieser Typ? Mein Brustkorb wurde eng.

„Tim wird unser neuer Szenenbildner.“

Die Worte trafen mich wie ein Fausthieb in den Bauch. Nein, das konnte ich nicht glauben. Emma hatte es mir versprochen. Sie war sich sicher gewesen, hatte die ganze Zeit gesagt, dass sie intern rekrutieren würden.

Vielleicht zog ich voreilige Schlüsse. Aaron hatte von zwei Jobs gesprochen, oder nicht?

„Tim stößt von Hetrodox TV zu uns, zusammen mit seiner Assistentin, Amber McGuire.“

Mein Blick wanderte zu der Frau neben Tim. Amber war etwa in meinem Alter, vielleicht ein oder zwei Jahre älter, hatte glänzend schwarz gefärbtes Haar und eine Schildpattbrille. Sie trug eine jadegrüne Bluse im Retrolook, die mit Cocktailgläsern bedruckt war, und einen Glockenrock.

Wir wären also beide Assistentinnen. Würden Seite an Seite arbeiten. Und sollte sich – was unwahrscheinlich war – noch eine neue Stelle auftun, wäre sie künftig mit im Rennen. Ich fühlte, wie mir die Zukunft, die ich mir ausgemalt hatte, entglitt. Zusammen mit dem Gehalt, auf das ich gehofft hatte und das mir ermöglicht hätte, weiter allein zu wohnen.

„Du wirst also ein bisschen entlastet, Hazel“, sagte Aaron fröhlich. „Wir alle wissen, wie viel du zu tun hast.“

Ich nickte benommen und wollte lieber nichts sagen, weil ich fürchtete, jeden Moment loszuheulen.

„Und nicht nur das“, rief Aaron geradezu jubelnd. „Amber hat uns Kuchen mitgebracht!“ Er gab sich äußerst froh. „Sie muss die Gerüchte gehört haben, womit wir uns hier bei Kräften halten.“

Schüchtern brachte Amber eine Platte mit glasierten Cupcakes zum Tisch, verziert mit Silberkügelchen. Die Kuchen waren perfekt. Einfach perfekt.

„Pst, Haze, kommst du kurz rein?“, bat Emma, als ich an ihrer Bürotür vorbeikam.

Ich schlüpfte hinein und schloss die Tür hinter mir.

„Verdammter Mist. Tja, das ist blöd“, sagte sie kopfschüttelnd. „Es tut mir so leid. Ich hatte keine Ahnung, dass sie außerhalb der Firma suchen würden.“

Ich stand noch unter Schock wegen der Nachricht, und Tränen stiegen mir in die Augen.

„Aus irgendeinem schrägen Grund haben sie mich nicht in die Entscheidung miteinbezogen“, sagte Emma und runzelte die Stirn. „Worüber ich natürlich alles andere als froh bin.“

„Klar.“ Ich zwang meine Tränen zurück. „Na, dann konntest du es nicht wissen. Ich bin sicher, dass sich etwas anderes ergeben wird.“

„Das ist die richtige Einstellung“, sagte Emma hastig. „Jedenfalls dieser Hipster-Typ, wie hieß er noch gleich?“

„Tim“, antwortete ich.

„Ich wette, Tim hält sich keine fünf Minuten“, sagte Emma. „Du kriegst deine Beförderung, Haze. Da bin ich mir sicher.“

Abends in der Wohnung schenkte ich mir ein Glas Rotwein ein. Ich fühlte mich immer noch wie betäubt von Aarons Bekanntmachung, und ihre Bedeutung begann, mir klar zu werden. Ich blickte hinüber zu Lilas leerem Zimmer. Sie und Ollie waren heute Abend feiern, also konnte ich sie nicht anrufen.

Ich sah zu meinem Telefon. Sam. Seit Weihnachten hatten wir kaum miteinander gesprochen. Jetzt sehnte ich mich danach, seine Stimme zu hören, konnte ihn aber nicht anrufen. Er sollte mich nicht so hören.

Mir gefiel es nicht, Dinge zu bereuen, aber diese eine Sache bereute ich wirklich. Wir waren auf einer Weihnachtsparty gewesen, die Edie und Joe gaben, Schulfreunde von Sam und mir. Nach einigen Gläsern Glühwein kam mir die Idee, dass der Zeitpunkt der richtige war. Ich hatte bereits seit Jahren Gefühle für Sam und musste nun wissen, ob er genauso empfand. Also rückte ich auf dem Sofa etwas näher zu ihm, während wir uns unterhielten.

Er hatte mir in die Augen gesehen, und in diesem Sekundenbruchteil sah ich uns auf ganz neue Weise zusammenkommen. Mein Herz floss über, und in diesem Moment spürte ich so viel Potenzial für uns.

Dann lehnte ich mich zu ihm, und Sam wurde blass.

„Tut mir leid“, sagte er, murmelte noch etwas und strich sich das Haar aus dem Gesicht. „Haze. Ich wollte nicht … Das ist schräg.“ Er rannte praktisch aus dem Zimmer und aus dem Haus. Durchs Wohnzimmerfenster sah ich, wie er die schneebedeckte Straße entlangging und sich Schneeflocken in seinem Haar verfingen. Mir wurde richtig schlecht.

Seitdem hatten wir nicht mehr miteinander geredet, uns nur gelegentlich Textnachrichten geschrieben. Er erzählte mir, dass er wieder in Bidcombe war und bei seinen Eltern wohnte. Er hatte einen Job als Sportlehrer an unserer alten Schule bekommen. Über das, was passiert war, hatten wir nicht gesprochen.

Es war nicht die Zurückweisung, die am meisten schmerzte, sondern das Gefühl, ich hätte meinen besten Freund verloren. Sam fehlte mir schrecklich. Während ich mich an jenen Abend und den blöden Fehler erinnerte, den ich gemacht hatte, trank ich langsam, bis mir schwindelig wurde und ich einschlief.

Am Wochenende nahmen Lila, Ollie und ich den Zug nach Bidcombe und gingen zu Fuß vom Bahnhof zum Cottage. Ich bemühte mich, nicht an Sam zu denken. Deshalb waren wir nicht hier. Ich war froh, als wir an seiner Straße vorbei waren und uns der näherten, in der wir aufgewachsen waren.

Unsere Mutter begrüßte uns an der Haustür mit einem Lächeln und einer Umarmung. „Kommt rein, kommt rein“, sagte sie. Sie drückte Ollies Hände. „Es ist wunderbar, dich wiederzusehen, Ollie. Ist schon etwas her, seit es euch hierher verschlagen hat, was?“

Sie scheuchte uns alle ins Haus, schenkte uns Tee ein und schüttete einige Hobnobs auf einen Teller.

Das klingt jetzt nach der perfekten Hausfrau und Mutter, nicht? Die Kekse, die herzliche Begrüßung. Ich liebte meine Mutter, und sie war immer für mich da. Aber beließe ich es dabei – nun, das Bild wäre unvollständig.

Unsere Mutter, Alison, war die Sorte Frau, die in einem Dorf wie Bidcombe auffiel. Das lag nicht nur an ihrem wilden roten Haar oder ihrer Kleidung – Funde aus dem Wohlfahrtsladen, kombiniert mit Jeans und indischen Schals, die sie sich um den Kopf schlang. Es war mehr die Art, wie sie die Dinge immer beim Namen nannte und keinen Moment überlegte, was jemand von ihr denken könnte.

Ich hatte mich schon manches Mal gefragt, warum sie dieses Cottage, diesen Ort gewählt hatte – aber sie sagte immer, sie wäre in der Großstadt aufgewachsen und wollte etwas anderes für sich und dann für uns. Ihrer Arbeit als Therapeutin ging sie in der nächstgelegenen Stadt nach, eine halbe Autostunde entfernt. Dort hatte sie einen Beratungsraum und arbeitete hauptsächlich mit jungen Leuten. Bevor Lila und ich kamen, war sie Journalistin bei demselben Klatschblatt gewesen, für das Dad damals die Steuern machte. Aber mit den Kindern (sagte sie) war sie weicher geworden und kehrte nie wieder in die Fleet Street zurück. Unser Vater eröffnete sein eigenes Büro im Dorf, und unsere Mutter schulte um und begann wieder richtig zu arbeiten, als Ben in die Schule kam. Ich fand das damals nicht gut, aber inzwischen war mir klar, dass für sie ihre Zeit als Mutter, die ihre Kinder zur Schule brachte und abholte, nie leicht gewesen war. Die anderen Mütter unterhielten sich untereinander, aber sie schien es immer zu eilig dafür zu haben.

Oft dachte sie an den Fall, an dem sie gerade arbeitete, und vergaß, das Richtige zur richtigen Person über deren neuen Yorkshireterrier oder eine geplante Küchenvergrößerung zu sagen. Sie schaffte es selten, etwas für den Kuchenverkauf im Dorf zu backen. Aber sie liebte uns. Das hatte sie immer getan. Und über die Leute, denen sie nahe war, wachte sie mit unerschöpflicher Loyalität.

Unser Vater saß im Wohnzimmer und sprang schnell auf, als wir hineinkamen. Er umarmte erst Lila, dann mich. Ich fühlte mich irgendwie vollständig, wenn mich mein Vater umarmte. Der Mann, der gekommen war, wenn wir nachts schrien, der uns Fischstäbchen und Buchstabennudeln zubereitet hatte, der unsere Ängste vor Spinnen, Rüpeln und später, als wir zwanzig und älter waren, vor beruflichem Versagen linderte. Er wirkte irgendwie kleiner, seit wir alle aus dem Haus waren. Sein Leben und das unserer Mutter, das einst so groß, alles beherrschend und laut gewesen war, musste jetzt deutlich ruhiger sein.

„Tja, wir hatten gehofft, dass Ben es schafft“, entschuldigte sich unsere Mutter. „Als du gesagt hast, dass es wichtig ist, habe ich ihn gefragt, ob er nicht auch kommen kann, aber er hat zu viel zu tun.“

Ich drehte mich zu Lila. „Das dachte ich mir schon“, sagte sie mit einem Anflug von Resignation. „Als er mich nicht zurückgerufen hat, habe ich vermutet, dass er beschäftigt ist.“

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