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Ein unfassbares Land oder Die zwanzig Dinge meiner Kindheit

Als Buch hier erhältlich:

Eugène verbrachte seine Kindheit im rumänischen Sozialismus, bis die Familie in die gelobte Schweiz auswanderte. Erst mal ist nichts verständlich im neuen Daheim, und dabei ist die Sprache noch das geringste Problem. Und der neue Luxus ist zunächst weder gut noch schlecht – gut und schlecht sind für Eugène vielmehr die Dinge, die seinem Leben eine Richtung gaben, etwa vier Radmuttern oder der falsche Schuh in den Bergen. Mit leiser Melancholie, wunderbarem Humor und dem Charme des kindlich-verfremdenden Blicks nimmt Eugène den Leser mit auf eine Reise, in deren Verlauf ein stotternder Junge zu einem erfolgreichen Schauspieler wird.
  • Erscheinungstag: 03.02.2014
  • Seitenanzahl: 176
  • ISBN/Artikelnummer: 9783312006373
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

 

 

1

 

Zwanzig Dinge

 

«Erzähl mir nicht dein Leben, es ist meins», sagte Prévert zu den Gästen, die in Montparnasse in denselben Bistros wie er morgens um zwei am Tresen hingen. Und es ist wahr, im Grunde sind wir uns alle ähnlich. Mehr oder weniger verheiratet, mehr oder weniger reich, mehr oder weniger zufrieden mit der Arbeit, mehr oder weniger als ein Kind in der Familie. Ich persönlich gehöre zu jener großen Mehrzahl von Menschen, die keinen anderen umgebracht haben, keinen Krieg erlebt haben und ein Auto der unteren Preisklasse fahren mit Sitzen, die im Sommer glühend heiß werden (wie der Peugeot 106 Roland Garros). Dennoch muss es etwas geben, was uns ein wenig einzigartig macht. Ein Ich-weiß-nicht-was, das uns über die üblichen Einheitsmieter hinaushebt, die in fünfstöckigen Kaninchenställen mit Drei-Quadratmeter-Balkonen zusammengepfercht leben.

Nach vielen Nächten Nachdenken habe ich es, glaube ich, herausgefunden. Man hat das Problem der Autobiographie von der falschen Seite angepackt. Prévert betonte das Wort «erzählen». Wenn die Leute anfangen, über sich zu reden, tun sie es alle auf die gleiche Weise. Ich bin da und da geboren; meine Eltern waren die und die; mit acht Jahren ist mir Folgendes passiert; ich habe eine Vorliebe für … Unser Leben scheint austauschbar, weil wir unseren Bericht in kapitelgerechte Häppchen aufteilen: Geburtsort, Erziehung, Freundschaften, Sexualität, Hobbys …

Ich dagegen möchte über mich erzählen anhand der Dinge, die in meinem Leben eine Rolle gespielt haben, sei es nur für fünf Minuten oder fünfzehn Jahre lang. Ich bin sicher, dass sie aufrichtiger über mich sprechen, als ich es je könnte. Die Dinge lügen nicht. Sie verraten unseren Stolz, unsere Schwächen, unsere Träume, unsere Obsessionen und unsere Geheimnisse.

Heute Morgen habe ich folglich zwei Listen aufgestellt: zehn Dinge, die gut für mich waren, und zehn, die schlecht für mich waren. Dann habe ich angefangen zu schreiben. Hier ist die Geschichte meiner Kindheit in zwanzig Dingen.

 

 

2

 

Ein Kilo Tomaten

 

Ich bin nicht eins, ich bin nicht zwei, ich bin nicht drei, ich bin nicht vier, ich bin fünf. Ich liege auf dem geblümten Teppich im Wohnzimmer und zähle meine Jahre an den Fingern ab. Das geht prima. Ich bin so viele Jahre alt, wie ich Finger an einer Hand habe. Die anderen haben dieses Glück nicht. Zum Beispiel mein Bruder. Er braucht eine Hand und dann braucht er noch zwei Finger der anderen Hand. Ich habe ein perfektes Alter.

Einmal wollte ich herausfinden, wie alt ich sein werde, wenn ich alle Finger und Zehen brauche, um zu wissen, wie alt ich bin. Aber ich hab’s nicht geschafft. Mit dem Alter ist das kompliziert. Von der Zeit verstehe ich nichts. Eine Sekunde geht ja noch. Eine Sekunde dauert so lange wie einmal Augen öffnen. Eine Viertelstunde ist schon viel schwieriger. Eine Stunde, wie lange ist das überhaupt? Und ein «Viertel», was heißt das? Weißichnich. Dafür weiß ich, wie viele Tage eine Woche hat. Dienstag, Mittwoch und Samstag. Meine Tante Eugénie behauptet, es gibt noch viel mehr. Wie viele genau? Gibt es mehr Wochentage als Zehen? Und vor allem: Warum dauert der Dienstag länger als der Mittwoch?

Ich bin nicht eins, ich bin nicht zwei, ich bin nicht drei, ich bin nicht vier, ich bin fünf.

Ein Sonnenstrahl fällt auf meinen Bauch. Das macht mir schön warm. Der Teppich wird gemütlich. Der Staub in der Wohnzimmerluft beginnt im Licht zu tanzen. Ich liege noch immer auf dem Rücken und schlage mit einem Knie gegen das andere. Welches ist das linke, welches ist das rechte? Weißichnich. Dafür erinnere ich mich sehr gut, dass ich vor einer Woche Geburtstag hatte. Ich erinnere mich, kurz davor waren Papa-Mama auf einmal weg. Am Abend sind sie da; am Morgen sind sie nicht mehr da. Wie ein Zaubertrick.

«Sie machen lange Ferien», erklärt mir Tante Eugénie mit sonderbarer Stimme. «Aber dein Bruder und du, ihr dürft bald zu ihnen. Ihr werdet Bukarest verlassen, um bei ihnen zu leben, in einem unfassbaren Land. Es wird dir gefallen. Aber du musst noch etwas Geduld haben.»

Sie scheint sich ihrer Sache nicht besonders sicher zu sein.

Die Tage vergehen, als ob nichts wäre. Wir leben im fünften Stock eines Wohnblocks, in dem viele Familien leben. Onkel Prosper geht morgens in die Fabrik und kommt abends aus der Fabrik zurück. Tante Eugénie geht morgens ins Büro und kommt abends aus dem Büro zurück. Am Dienstag geht Großmama Clarisse auf den Markt und kommt schwer bepackt zurück, mit einem Sack Kartoffeln, einem Korb Zwiebeln und einem Kilo Tomaten. Großmama Clarisse ist sechzig. Wie lange wird es dauern, bis ich Papa-Mama wiedersehe? Mehr oder weniger als sechzig Jahre? Mein Bruder und ich müssen gegenüber unseren Freunden weiter so tun, als ob nichts wäre. Bukarest darf nicht ahnen, dass Papa-Mama weg sind.

Heute ist Dienstag. Großmama Clarisse, die weißen Haare straff gekämmt, kehrt vom Markt zurück und stellt das Gemüse auf den Balkon. Alexander kommt und holt mich. Zusammen gehen wir auf den Balkon, um uns das Kilo Tomaten anzusehen. Sie sind glatt, schön und nicht größer als eine Clownsnase. Nachdem ich mir eine Tomate reingestopft habe, fange ich an, Faxen zu machen.

«Hör auf!», befiehlt mein Bruder. «Sonst darfst du nicht zu Papa-Mama.»

«Ach so», sage ich, bewegungslos. «Und wa… wawawa… warum nicht?»

«Weil du dumm bist. Und Papa braucht keinen Dummkopf.»

«Und du, du bist ein ganz Gescheiter, wiewie… wie?»

«Genau», sagt er und stolziert wie ein Filmstar auf unserem Balkon herum. «Ich gehe nämlich in die Schule.»

Das ist wahr, er geht schon in die Schule. Ich bleibe noch zu Hause bei Großmama. Die Worte meines Bruders lassen mich ganz schnell nachdenken. Was ist, wenn Papa-Mama dort drüben in diesem wunderbaren Land, wohin wir bald fahren müssen, schon einen anderen Eugène gefunden haben? Einen, der gewitzter ist als ich. Der niemals etwas angestellt hat. Der nicht dienstags, mittwochs und samstags ins Bett macht. Einen braven Eugène. Einen Fünfjährigen, der keine Anfälle bekommt, wenn die Schokolade im Küchenschrank alle ist.

«Wiewie… wie lange sind sie schon weweweg?», frage ich Alex.

Die Worte kleben an meinen Lippen. Wie angekaute Keksstückchen, die ich wieder auszuspucken versuche. Aber man sagt nicht «kleben», man sagt «stottern». Ich stottere sehr stark. Ich stottere dienstags, mittwochs und samstags. Ich stottere im Juni, im Januar und im Winter. Ich wiederhole: «Wiewie… wie lange sind sie schon weg?»

«Zwei Wochen.»

«Dada… das ist mehr oder weniger als ein Jahr?»

«Du bist wirklich strohdumm», seufzt er und zuckt die Schultern.

«Wawa… wann fahren wir zu ihnen?»

«Ich schon bald. Bei dir weiß ich nicht.»

«…»

«Wenn sie nächstes Mal anrufen, sag ich ihnen, dass du noch nicht mal den Unterschied zwischen den Monaten und den Jahren kennst. Da werden sie ganz schön enttäuscht sein!»

Mein Bruder findet immer die richtigen Worte, den idealen Tonfall und die passende Mimik, um mich auf die Palme zu bringen. Ich nehme eine Tomate aus dem Korb, um sie ihm in die Visage zu dengeln.

«Wenn du das machst, sag ich es Großmama.»

«Mir doch egal!»

«Du wirst bestraft. Du fährst niemals in die Schweiz.»

Mein Gesicht wird rot. Ich schnaube wie der von der Menge irritierte Ochse, den ich einmal auf dem Markt gesehen habe. Ich weiß, dass Alex recht hat: Wenn ich ihm eine Tomate in die Fresse klatsche, kann ich meine Eltern vergessen. Unfähig, den kleinen roten Ball zurückzulegen, werfe ich ihn aufs Geratewohl hinaus, um mich von meinem Zorn abzulenken. Er landet mit einem großen Platsch zu Füßen von zwei Damen, die auf Metallstühlen vor dem unbebauten Grundstück gegenüber von unserem Wohnblock sitzen. Sie sind beim Kartoffelschälen, und die erste stößt einen lauten Schreckensschrei aus, während die zweite ihre Kartoffel fallen lässt, die in den Staub rollt.

Im selben Moment gehen mein Bruder und ich hinter der Balkonmauer in Deckung und fangen an zu lachen. Eine Minute später taucht der obere Teil unserer Köpfe vorsichtig wieder auf. Die beiden Frauen suchen jedes Fenster des Gebäudes einzeln ab. Aber da am Rand des unbebauten Grundstücks noch drei weitere Wohnblocks stehen, können sie lange suchen.

«Wenn ich den Briefträger treffe, bin ich vor dir in der Schweiz», verkündet Alexander mit herausfordernder Miene.

Seine Tomate zerplatzt auf dem Fahrradvorderreifen des Briefträgers. Der Saft und die Kerne bespritzen dessen Uniform von der Mütze bis zu den Socken. Der überraschte Mann verliert das Gleichgewicht und macht eine Bauchlandung auf der nackten Erde, wo hier und da Büschel von gelblichem Gras sprießen. Wir betrachten dieses wundersame Schauspiel drei Sekunden lang, dann verschwinden wir hinter der Balkonmauer. Unten hallen die Verwünschungen des Briefträgers durch das ganze Viertel. Wir halten den Atem an; wir unterdrücken das Lachen. Aber unsere Augen blitzen vor Freude. Ich greife zu einer weiteren Kugel. Langsam hebe ich den Kopf, um zu schauen, ob die Luft rein ist. Ich entdecke Madame Merlescu, die Mutter von Sorin, den ich nicht ausstehen kann.

«Wenn ich die Mutter von Sorin treffe, fahre ich morgen früh in die Schweiz.»

Das Geschoss fliegt in die richtige Richtung. Aber leider habe ich nicht gewusst, dass man auch die Bewegung des Ziels berücksichtigen muss. Gegen jede Erwartung steht statt Madame Merlescu dort jetzt ein dicker Hund. Peng! Mitten in die Flanke! In seinem Stolz gekränkt, jault der rotgesprenkelte Köter los, dass er sich fast den Kiefer verrenkt. Mehrerer Bewohner des Viertels treten ans Fenster, um herauszufinden, was da los ist. Die beiden Damen mit den Kartoffeln erklären mit klagender Stimme, dass ein kleiner Bengel den Hof mit Essen bombardiert.

«Können Sie sich das vorstellen!? Was für eine Verschwendung!», ruft die erste.

«Ich habe letzte Woche zwei Stunden lang angestanden, um ein Paket Zucker und eine Kiste Tomaten zu bekommen», fügt die zweite hinzu.

Hinter unserem Mäuerchen stellen wir uns vor, wie zig Augenpaare jeden Balkon und jedes Fenster absuchen. Mein Bruder beschließt, die nächste Tomate blindlings zu werfen, ohne sich aufzurichten. Wir hören ein dumpfes Geräusch: Sicher ist sie in den Staub gefallen. Ich werfe eine weitere Tomate, auch ohne hinzusehen, aber mit ganz wenig Kraft. Sie fliegt an der Fassade des Hauses runter. Es gibt ein Klatschen auf Blech. Ich habe das Dach oder das Verdeck eines Autos getroffen.

Mein Bruder hat genau kapiert, was das bedeutet. Auf den Straßen von Bukarest fahren nur zwei Typen von Autos: die total kistenförmigen und die anderen mit einer etwas längeren Schnauze. Aber die sind sehr teuer und sehr selten, hat Onkel Prosper mir erzählt. Papa-Mama sind mit einem total kistenförmigen in die Schweiz gefahren. Mein Wurf hat mich ihnen näher gebracht als die zehntausend Versprechungen von Tante Eugénie, Onkel Prosper und Großmama Clarisse zusammen!

Alex muss sich etwas einfallen lassen. Es geht um den Stolz des großen Bruders. Er bemächtigt sich aller Tomaten, die noch im Korb sind, um sie über Bord zu werfen. Ein Tomatenregen geht auf den Hof nieder. Man klagt; man empört sich; man droht; man kläfft; man schreit.

Wir schlagen uns auf die Rippen und den Mund, um nicht herauszuprusten. Dann kehren wir auf allen vieren in die Wohnung zurück. Dort richten wir uns mit einem Satz auf. Unsere Augen sind feucht von Lachtränen. Ganz gegen unsere Gewohnheit. Heimlich kehrt Alexander zu seinen Schulaufgaben zurück, während ich die Nase in einen jener Kunstbände stecke, die bei uns in der Bibliothek stehen. Zwei eifrige Engel in einer Welt voller Rohlinge.

Still vergehen die Stunden. Seltsam. Unglaublich. Niemand klingelt an der Tür. Offenbar hat keiner unserer Nachbarn uns entdeckt. Von Zeit zu Zeit wechseln mein Bruder und ich einen Blick, und sogleich unterdrücken wir ein wildes Gelächter. Zur Essenszeit geht Großmama Clarisse hinaus auf den Balkon. Als sie zurückkommt, kneift sie die Augen zusammen, dann begibt sie sich in die Küche. Genervt schaut sie in den Flur. Nachdem sie schließlich in jedem der vier Zimmer nachgesehen hat, kommt sie zu uns. «Hört mal, ich hab auf dem Markt ein Kilo Tomaten gekauft. Habt ihr die zufällig gesehen?»

Wir sehen einander erstaunt an, dann blicken wir starr zu ihr hin und legen die Stirn in tiefe Falten. Und um ihr zu beweisen, dass wir über die Sache genauso wenig wissen wie sie, lassen wir den Blick suchend durchs Wohnzimmer schweifen. Alex geht sogar so weit, unter dem Tisch nachzusehen.

«Aber sie können doch nicht einfach so verschwinden!», ruft Großmama Clarisse. Sie macht einen Schritt auf uns zu und stemmt die Fäuste in die Hüften. Das ist ein ganz schlechtes Zeichen. «Ich bin sicher, ihr habt etwas damit zu tun.»

Ihre Fußspitze klopft nervös auf den geblümten Teppich. Das ist ein superschlechtes Zeichen. «Ich warte», sagt sie mit warnend erhobener Stimme.

Ich schaue zu Alex, der zurückschaut. Ich schaue Großmama an, die die Stirn runzelt. Ich starre auf meine Zehenspitzen und werde rot. Das war’s dann! Alles futsch. Die Schweiz, Papa-Mama, das Wiedersehen, das wunderbare Land. Verloren für ein Kilo Tomaten. Dann höre ich plötzlich meinen Bruder murmeln: «Wir hatten Hunger. Wir hatten Hunger, Großmama, da haben wir die Tomaten gegessen …»

Großmama Clarisse öffnet den Mund und seufzt. Sie zieht ein schreckliches Gesicht, als ob man ihr ein Messer in den Bauch gerammt hätte, und streckt die Arme nach uns aus. «Oh, meine armen Kleinen. Solchen Hunger hattet ihr?»

Wir schmiegen uns in Großmamas Arme. Sie ist untröstlich, dass wir so ausgehungert sind.

Als mein Onkel und meine Tante von der Arbeit nach Hause kommen, erzählt ihnen Großmama, dass wir vor lauter Hunger ein Kilo Tomaten verschlungen haben. Sie sind niedergeschmettert: Wenn nur mein Vater und meine Mutter nichts davon erfahren. Meine Eltern haben uns ihnen anvertraut, und sie lassen uns verhungern …

An diesem Abend essen Alex und ich für zwölf: Hähnchenbrust, Pilawreis, einen Berg gewürzte Fleischbällchen, Limonade, so viel wir wollen, ein Schälchen Marmelade und, als ob das nicht genug wäre, Milchreis mit Zimt. Niemals bin ich für eine Lüge so reich belohnt worden.

 

 

3

 

Das Anatomiebuch

 

Mit fünfeinhalb entdecke ich, was für tolle Gefühle man sich verschaffen kann, wenn man sich «da» berührt. Ja, genau «da». Wie wenn ein kleiner Kobold mich von innen mit einer Zauberfeder kitzelt. Eidudasgud. Ich berühre mich «da» am Abend in meinem Bett. Ich berühre mich «da» bei der Mittagsruhe in meinem Bett. Das Einzige, was ich nicht kapiere, ist, warum mir keiner gesagt hat, dass das so gut tut. Sogud. Sogud. Man hat mir Schokolade, Vanilleeis und schwarze Kirschen zu kosten gegeben; man hat mir meinen Spaß auf der Schaukel und dem Schaukelpferd gelassen; man hat mir Zeichentrickfilme im Fernsehen gezeigt. Einmal habe ich sogar die schwarze Limonade getrunken, die aus Amerika kommt, mit ihren prickelnden Bläschen und ihrem Karamellgeschmack. Aber keiner hat mir von diesem kleinen Kobold erzählt, der mich von innen mit seiner Zauberfeder kitzeln kann.

Ich versuche mir das Leben meines Kobolds vorzustellen. Er geht in mir spazieren. Manchmal schläft er in meinem Bauch; manchmal besucht er meinen Kopf; er betrachtet, was ich betrachte, dann lässt er sich in eins meiner Beine hinabsinken. Aber sobald ich mich «da» berühre, ist er gleich wieder zur Stelle, um mich von innen mit seiner Zauberfeder zu kitzeln.

Leider werden wir von Großmama während der Mittagsruhe mitten in unserer Kitzelstunde überrascht. Großmama Clarisse hebt die Decke hoch und entdeckt, wie ich nackt, gekrümmt und verschwitzt daliege und mich «da» mit dem Kissen streichle, auf das meine Initialen gestickt sind. Ihre Schreckensmiene erschreckt auch mich. Als ob sie einen Batzen Erde aufgehoben hätte, unter dem sich ein dicker Wurm ringelt. Erschrocken versteckt sich der Kobold in mir. Ich bringe stammelnd heraus: «Mein Schlafanzug. Ist runtergerutscht. Www… wäwä… während ich schlief.» Die arme Frau weicht bis zur Schwelle zurück. Sie macht auf dem Absatz kehrt und flieht mit wackelndem Kopf in die Küche.

Einige Tage vergehen. Heimlich rufe ich wieder nach meinem Kobold. Aber diesmal bin ich schlauer. Klugheit und Strategie! Ich bestelle ihn mitten in der Nacht, während die ganze Wohnung schläft und schnarcht. Ich probiere etwas Neues aus: Ich verzichte auf das Kopfkissen und streichle mich mit den Fingern, der Hand, dann entschlossen mit beiden Händen. Mein Kobold springt aus seinem Versteck, glücklich, dass man ihn geweckt hat. Rasch ist er zur Stelle. Seine Feder kitzelt wie toll. Eidudasgud. Eidudasgud. Müde, erschöpft schlafe ich gegen Morgen in der feuchten Sommerluft ein.

Beim Aufwachen ist meine Cousine Marianne da. Ihr eisiger Blick fixiert meinen Unterbauch. Was hat sie hier zu suchen? Sie wohnt doch nicht bei uns! Im Übrigen war sie nie da, wenn ich aufgewacht bin. Großmama Clarisse steht neben ihr. Mit einer autoritären Handbewegung hebt Marianne meine Decke hoch und zieht mir die Schlafanzughose runter. Sie hat das Recht, das zu tun, weil sie etwas studiert, was ihr das Recht gibt, das zu tun. Sie geht auf eine Eliteuni, wo sie alles über Krankheiten lernt und darüber, wie der Körper funktioniert. Der Körper der Erwachsenen, der Männer, der Frauen und auch der kleine Körper von fünfjährigen Kindern.

Marianne beugt sich vor, um mich prüfend zu betrachten, als ob ich ein Toaströster wäre, der nicht mehr richtig funktioniert. Holla! Was fällt dir ein, da unter meinem Schlafanzug. Das gehört alles mir. Das geht dich nichts an. Aber ich spüre, dass ich kein Recht habe zu protestieren. Also bleiben mir meine Worte im Halse stecken, und ich sehe ebenfalls hin. Meine Kitzelstunden haben Spuren hinterlassen! Alles ist rot: mein Hintern, mein Pimmel, die Haut im Schritt. Ein schönes Hellrot vom Nabel bis auf halber Höhe der Schenkel. Ich sehe meine Cousine an und tue so, als ob ich nichts kapiere. Sie scheint alles kapiert zu haben. Zum ersten Mal in meinem Leben merke ich, was es heißt, streng angeschaut zu werden.

Danach beruhigt sich die Lage. Man lässt mich in Frieden. Aber ich spüre, dass sich etwas gegen mich und meinen Kobold zusammenbraut. Ich frage mich, ob jeder Junge einen Kobold hat, der in seinem Körper herumspaziert. Ich traue mich nicht, mit meinem Bruder oder den Freunden im Hof darüber zu reden. Ich beschließe, das ist mein GFMA (Geheimnis-Für-Mich-Allein), und keiner hat das Recht, es mir zu stehlen. Ich spreche halblaut und freundlich mit meinem Kobold. Ich frage ihn, wie es ihm geht. Ich frage ihn, wo er sich gerade in mir aufhält. Ich erzähle ihm Geschichten, damit er einschläft und keine Albträume kriegt.

Am Sonntag trifft sich die Familie, wie jeden Sonntag. Für diese Treffen gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder fahren Großmama Clarisse, Onkel Prosper, Tante Eugénie, Alex und ich im Bus quer durch Bukarest und besuchen meine beiden Cousinen Marianne und Rodica und ihre Papa-Mamas, oder meine beiden Cousinen Marianne und Rodica fahren mit ihren Papa-Mamas im Bus quer durch Bukarest und besuchen Großmama Clarisse, Onkel Prosper, Tante Eugénie, Alex und mich. An diesem Sonntag ist die zweite Möglichkeit dran.

Die sieben Erwachsenen reden über vollkommen unverständliche Dinge. Aus unfassbaren Wörtern bilden sie Sätze, die nichts bedeuten. Damals jedenfalls habe ich nichts davon kapiert. Aber da immer die gleiche Platte lief, kann ich heute, nachdem ich die gleichen Argumente, die gleichen Überschwenglichkeiten, die gleichen rassistischen oder frauenfeindlichen Sätze so oft gehört habe, ziemlich genau wiedergeben, was ich mit fünfeinhalb gehört habe.

«Bergsons Vitalismus ist eine originelle Antwort auf das große Geheimnis des Lebens.»

«Das Leben ist immer ein Geheimnis.»

«Ja, aber ein Geheimnis, das große Männer hervorgebracht hat. Zum Beispiel Napoleon.»

«Oh, Napoleon …»

«Ein kleiner Mann von großem Format.»

«Er hat Ägypten in zwei Tagen erobert.»

«In zwei Monaten!»

«Nein, in zwei Tagen. Wie hätten diese elenden Kanaken ihm auch nur den geringsten Widerstand leisten können?»

«Die Ägypter sind keine Kanaken; sie sind die Nachfahren der Pharaonen.»

«Lass mich zufrieden mit deinen Pharaonen. Zwischen Tutanchamun und Napoleon sind die Araber in Ägypten eingefallen.»

«Die Araber sind eine minderwertige Rasse. Ich darf euch daran erinnern, dass sie ihr Geschäft verrichten, indem sie über ihren Hockklos ihre Djellaba hochschlagen.»

«Du bist wirklich ein zu arger Rassist. Ich schäme mich für dich.»

«Sag mal, Eugènie, könntest du nicht, anstatt deinen Brüdern zu widersprechen, einen Kaffee kochen?»

Die sieben Erwachsenen rauchen; sie trinken Kaffee und beschimpfen sich von vorn bis hinten. Manchmal ändern sie die Reihenfolge: Sie fangen mit dem Beschimpfen an, dann rauchen sie und trinken Kaffee. Mein Bruder und ich hören ihnen zu und betrachten sie wie seltsame Tiere. Wir klettern einem der sieben auf den Schoß, am besten dem, der gerade am meisten recht zu haben scheint, und rühren uns nicht mehr. Damit uns der Rauch nicht in die Augen weht, macht der Erwachsene, der uns auf dem Schoß hat, weit ausholende Handbewegungen, um die Schwaden zu vertreiben. Da aber das ganze Wohnzimmer in dem undurchdringlichen Qualm verschwunden ist, finden meine Brüder und ich das ein bisschen lächerlich. Es erinnert an Matrosen im Nebelmeer. Wenn unsere Augen zu sehr brennen, verschwinden wir. Rodica, die jüngere unserer Cousinen, geht dann mit uns zum Spielen in ein anderes Zimmer.

Am Ende des Nachmittags, als ich gerade dabei bin, Rodica an den Zöpfen zu ziehen, kommt ihr Vater, Onkel Marcel, ins Zimmer. Er schickt Rodica hinaus. Sie geht ohne Murren. Onkel Marcel ist eine Autoritätsperson. Wenn er etwas anordnet, klappt man den Mund zu und gehorcht. Bei manchen Erwachsenen treibt man es mit dem Ungehorsam so weit, bis man eine gescheuert kriegt. Bei Onkel Marcel halten wir uns aufrecht wie die Zahnstocher in den Oliven. Sogar seine Geschwister (Papa, Onkel Prosper und Tante Eugénie) pflegen auf ihn zu hören.

Onkel Marcel trägt ein dickes Buch in der rechten Hand. Er ruft nach meinem Bruder, der auf dem Balkon spielt. Als wir alle drei im Zimmer versammelt sind, schließt mein Onkel die Tür, setzt sich bequem in den Sessel und bittet uns, jeder auf einer Armlehne Platz zu nehmen.

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