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Einmal für immer, bitte

Als Buch hier erhältlich:

Silver ist eine Frau der Tat. Beherzt verfolgt sie ihren Lebenstraum, in ihrer mobilen Bar die perfekten Cocktails für jede Hochzeit zu mixen. Nachdem die Bank den Kredit abgelehnt hat, bietet ausgerechnet ihr Ex Drew Hilfe an. Er gibt ihr das nötige Geld allerdings nur gegen eine geschäftliche Partnerschaft. Sagt Silver Ja, muss sie eng mit ihm zusammenarbeiten und darf seinem immer noch sehr sinnlichen Lächeln nicht verfallen. Denn sonst lässt sich das Geheimnis nicht länger verbergen, das sie seit ihrer Trennung mit sich herumträgt.
»Ein wahrhaft unvergessliches Buch! Mallery ist unvergleichlich!« Romantic Times Book Reviews über »Die Liebe trägt Giraffenpulli«
»… besticht durch den für die beliebte Autorin typischen Mix aus Humor, Scharfsinn und Kleinstadt-Charme.« Booklist über »Planst du noch oder liebst du schon?«
  • Erscheinungstag: 01.04.2019
  • Aus der Serie: Happily Serie
  • Bandnummer: 4
  • Seitenanzahl: 304
  • ISBN/Artikelnummer: 9783745700015

Leseprobe

Für Shari – du bist eine wahre Freude und eine unerwartete Bereicherung meines Lebens.

Danke, dass du so liebevoll und großzügig bist und es so viel Spaß macht, mit dir zusammen zu sein.

Dieser Roman ist für dich.

Okay, ehrlich gesagt musst du Mr. Whiskers mit der ganzen Gruppe teilen, aber der Rest gehört allein dir!

1. Kapitel

Liebe auf den ersten Blick führte immer zu Problemen, aber Silver Tesdal konnte nicht anders. Sicher, der silbern glänzende Airstream-Wohnwagen war ein paar Jahre alt und hatte außen einige Dellen. Auch die Innenausstattung musste komplett ersetzt werden. Aber trotzdem … diese Linien, der Platz! Es war genau das, was sie sich immer vorgestellt hatte. Um ihn zu ziehen, bräuchte sie einen großen Pick-up, außerdem würde sie mehr Mitarbeiter benötigen, um ihn zu bedienen. Aber sie konnte es schaffen. Zumindest in ihren Träumen.

Es gab noch einen zweiten, kleineren Wohnwagen gleicher Bauart, der sich in einem noch schlechteren Zustand befand, aber mit seinen knapp zehn Metern Länge wäre er perfekt für kleinere Veranstaltungen. Sie sah die beiden bereits vor sich – neu eingerichtet und mit dem AlcoHaul-Logo ihrer Firma versehen.

Lächelnd lehnte sie sich auf ihrem Schreibtischstuhl zurück. Im Moment hatte ihre Firma genau eine Festangestellte – nämlich sie. Das Personal, das sie für die Veranstaltungen benötigte, engagierte sie immer nach Bedarf. Aber, dachte sie sehnsüchtig, während sie die Verkaufsangebote auf ihrem Bildschirm betrachtete, mit den Airstreams würde sich das alles ändern. Für jeden der beiden Anhänger würde sie einen Barkeeper brauchen, was bedeutete, sie würde zwei Personen fest einstellen müssen. Und sie müsste das nötige Geld verdienen, um sie zu bezahlen.

Zuallererst müsste sie jedoch die Anhänger kaufen, sie zurechtmachen, zwei Trucks kaufen und sicherstellen, dass sie genügend Buchungen hatte, damit sich das alles lohnte. Die Zahlen war sie schon mehrmals durchgegangen. Sie konnte es schaffen und trotzdem im Laufe der Zeit Gewinn erwirtschaften. Doch um die Anhänger jetzt zu kaufen, da sie gerade auf dem Markt waren, würde sie einen Kredit benötigen. Und auch wenn sie die berühmten Wohnwagen der Marke Airstream von ganzem Herzen liebte, hatte sie wenig Lust, sich erneut mit einer Bank herumzuschlagen.

Silver schloss den Browser und nahm die schmale schwarze Aktentasche aus Leder in die Hand, die sie vor ein paar Jahren für acht Dollar auf einem Hausflohmarkt erstanden hatte. Sie war eigentlich nicht der Typ für Aktentaschen, aber nach der Gründung ihrer Firma hatte sie gemerkt, dass sie sich ab und zu der konventionellen Welt anpassen musste. Die Aktentasche half ihr, diejenigen zu beruhigen, die sie ansonsten vorverurteilt hätten.

Nachdem sie Handy und Portemonnaie in die Tasche gesteckt hatte, strich sie sich ihren schwarzen Bleistiftrock glatt und verließ ihr Loft. Heute, und nur heute, hatte sie ihre übliche Kluft aus Jeans und Tanktop gegen einen Rock, eine Seidenbluse und einen kurzen schwarzen Blazer eingetauscht. Dazu hatte sie sich dezent geschminkt und ihre langen blonden Haare zu einem französischen Zopf geflochten. Unechte Goldohrringe und schwarze Pumps mit sieben Zentimeter hohen Absätzen machten ihre Verwandlung perfekt. Sie kam sich albern vor, wusste aber, wie wichtig das äußere Erscheinungsbild war.

Zehn Minuten später fuhr sie mit ihrem Pick-up auf den Parkplatz der California First Savings and Loan. Von den drei anderen Banken in der Stadt war sie schon abgewiesen worden. Wenn die California First ihr keinen Kredit gewährte, war sie geliefert.

»Nein, nicht geliefert«, murmelte sie vor sich hin. »Wenn ich den Kredit nicht bekomme, werde ich so weitermachen wie bisher. Meine Firma läuft gut, und was auch immer hierbei herauskommt, ich komme damit wunderbar klar.«

Nur wollte sie die Airstreams haben. Sie wollte ihre Firma ausbauen und mehr erreichen, als man ihr zugetraut hatte. Sie war nur ein Niemand aus dem falschen Teil der Stadt. Jemand, der in seinem Leben schon viele dumme Entscheidungen getroffen hatte. Wenn sie es schaffte, zu expandieren, würde sie sich selbst damit beweisen, dass sie all das hinter sich gelassen hatte. Und ja, sie würde auch denen, die immer behauptet hatten, aus ihr würde nie etwas werden, eine lange Nase drehen. Aber das war nur das Sahnehäubchen.

Sie betrat die Bank und ging direkt zu den Büros der leitenden Angestellten. Heute hatte sie einen Termin mit Libby Sanders, der Vizepräsidentin der Bank, die für Geschäftsdarlehen zuständig war. Silver hatte sie erst einmal zuvor getroffen, als sie den Kredit beantragt hatte, und heute sollte sie erfahren, was das Kreditkomitee der Bank entschieden hatte. Obwohl Libby die Mutter einer von Silvers besten Freundinnen war, war das halbstündige Treffen letztes Mal angespannt und unbehaglich verlaufen.

Libby hätte ihr Missfallen gegenüber Silver, ihrer Firma und der Durchführbarkeit ihres Businessplans nicht deutlicher ausdrücken können. Aber Silver war entschlossen, den Erwartungen zu trotzen. Sie war die Zahlen noch einmal durchgegangen, hatte die benötigte Kreditsumme nach unten korrigiert und alle ihre Freundinnen angewiesen, für sie zu beten, Salbei zu verbrennen oder den Göttern ein Opfer darzubringen, um sie gnädig zu stimmen.

Sie klopfte an Libbys offen stehende Bürotür. Die ältere Frau schaute von ihrem Computer auf.

Libby war Mitte fünfzig und beinahe eine Karikatur dessen, wie Leute sich eine Frau im gehobenen Management einer Bank vorstellten. Sie trug dunkle Kostüme, Perlen und hatte ihre Haare immer zu einem festen Dutt zurückgesteckt. Ihr Blick war missbilligend, die Stirn ständig ein wenig gekraust. Silver versuchte, sich zu erinnern, ob sie Libby jemals hatte lächeln sehen. Ihr wollte keine Gelegenheit einfallen. Sie hatte zwar nicht oft mit der Bankerin zu tun, aber soweit sie das beurteilen konnte, war die Frau kein sonderlich glücklicher Mensch.

»Silver«, sagte Libby, und ihre Mundwinkel hoben sich beinahe zu einem Lächeln. »Wie schön, dass du pünktlich bist.« Sie deutete auf den Stuhl vor ihrem Schreibtisch.

»Libby.«

Silver nahm Platz und bemühte sich, selbstbewusst und professionell zu wirken. Die Aktentasche stellte sie so hin, dass Libby sie sehen konnte – und hoffentlich beeindruckt war.

Doch Libby schenkte der Tasche keinerlei Beachtung. »Du hast hervorragende Arbeit geleistet«, erklärte sie. »Dein neuer Businessplan ist beeindruckend, und die Zahlen sehen gut aus.«

Silver reckte innerlich die Faust, behielt aber eine neutrale Miene bei.

»Trotzdem muss ich dir leider sagen, dass wir dir den Kredit nicht geben werden. Du warst ganz nah dran, aber angesichts der Natur deiner Firma – mit dem Potenzial für Schadenersatzklagen und dem Mangel an Stammkunden – konnte das Komitee sich einfach nicht zu einem Ja durchringen.«

Das Komitee, das aus einer einzigen Person besteht, dachte Silver. Sie war entschlossen, sich ihre Enttäuschung und Verbitterung nicht anmerken zu lassen. Libby war ihre letzte Hoffnung gewesen. Okay, nicht Libby persönlich, aber die Bank. Denn mehr Banken gab es hier in der Stadt nicht, und es hatte keinen Sinn, es außerhalb zu versuchen. Happily Inc war ein pittoreskes Städtchen, das sich auf das Ausrichten von Hochzeiten spezialisiert hatte. Hier folgte alles einem eigenen Rhythmus. Einem Banker von außerhalb zu erklären, dass sie Wohnwagen kaufen wollte, um sie zu Bars für das Catering auf Hochzeiten umzubauen, würde sie – trotz ihres ausgezeichneten Businessplans – wie eine Idiotin klingen lassen.

»Es tut mir leid«, sagte Libby, wobei das Funkeln in ihren Augen eher nach Befriedigung als nach Bedauern aussah.

Ich hätte es wissen müssen, sagte Silver sich. In dieser Stadt gab es kein Entkommen vor ihrer Vergangenheit. Nicht, solange Menschen wie Libby da waren.

Sie wusste, dass sie jetzt höflicherweise Libby die Hand schütteln und sich bei ihr bedanken sollte. Aber das konnte sie nicht. Stattdessen nickte sie nur, stand auf und verließ das mit einem Mal viel zu warme Büro.

In ihrem Aufzug kam sie sich lächerlich vor, als wäre sie ein Kind an Halloween. Wem wollte sie damit etwas vormachen? Sie war die, die sie immer gewesen war: die wilde Silver Tesdal, die Frau, der eine Bar gehörte und der es verdammt noch mal egal war, was andere von ihr dachten.

Auf dem Weg durch die Eingangshalle klammerte sie sich an ihre alberne Aktentasche. Ihre Absätze klackerten laut auf dem Marmorfußboden.

»Silver?«, fragte eine Stimme hinter ihr.

Sie musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, wer sie da rief. Während sie ein falsches Lächeln aufsetzte, bemühte sie sich, ihre Schultern nicht wie eine Katze im Regen zusammenzuziehen.

»Drew. Wie nett, dich hier zu treffen.«

Sie täuschte nicht vor, überrascht zu sein, denn sie wusste, dass Drew in der Bank arbeitete. Er war sogar der designierte Erbe des ruhmreichen Bankhauses. Eine Tatsache, die er vermutlich überaus aufregend fand, die sie jedoch einfach nur nervte und die noch dazu vollkommen irrelevant war, was ihren Kredit anging.

Der Blick aus seinen dunklen Augen glitt über ihren Rock, die Pumps und die Aktentasche. »Was machst du hier?«

»Ich habe eine alte Freundin besucht.«

»Du hast hier keine Freunde«, erwiderte er.

»Ja, dessen bin ich mir bewusst.« Heute mehr als jemals zuvor.

Unglücklicherweise war Drew kein Idiot. Er schaute von ihr zu den Büros, aus deren Richtung sie gerade gekommen war.

»Du hattest einen Termin mit Libby?«

»Ja, sie ist für Geschäftskredite zuständig.« Silver marschierte weiter auf den Ausgang zu.

Sie musste nur ihren Pick-up erreichen und nach Hause fahren. Dort würde sie vier Meilen laufen, duschen, ins Kissen schreien und ihre Enttäuschung dann mit einer Flasche Rotwein und einem Burger hinunterspülen. Morgen würde sie wieder stark und entschlossen sein. Aber heute Abend war der Zeitpunkt für Wein.

»Dein Kreditantrag für die Airstreams«, sagte Drew, als füge er die Puzzleteile zusammen. »Das Komitee trifft sich doch aber erst morgen.«

»Sie haben beschlossen, sich früher zu treffen.«

Silver sah schon die Glastür, die zum Parkplatz führte, konnte sie beinahe berühren. Die Freiheit war so nah!

Er trat zwischen sie und die Tür. »Sie hat den Antrag abgelehnt.«

Das war keine Frage. Und kein Thema, über das Silver reden wollte.

Sarkasmus wäre jetzt gut. Ihr fielen tausend sarkastische Kommentare ein, jeder einzelne bissiger als der vorherige. Wahlweise könnte sie auch lügen. Oder Drew ignorieren und gehen. Doch all diese Überlegungen zeigten nur, dass sie immer noch glaubte, sich schützen zu müssen, weil Drew ihr immer noch wehtun könnte. Sollte es ihr nach zwölf Jahren nicht egal sein? Wäre das nicht der wahre Sieg?

Sie brachte ein echtes Lächeln zustande. Eines, das sie klug, selbstbewusst und talentiert wirken ließ – zumindest hoffte sie das. Denn für sie war die Wahrheit so offensichtlich.

»Drew, Libby war von Anfang an ein aussichtsloser Versuch. Ich habe mein Bestes gegeben. Und wenn ich noch mal von vorne anfangen könnte, würde ich alles genauso machen.« Ich würde mich sogar wieder in dich verlieben. Auch wenn du damals ein kindischer Idiot warst, der keine Ahnung hatte, was er da aufgab, bis es zu spät war.

Okay, das war vielleicht etwas anmaßend, aber sie hatte es ja zum Glück nicht laut ausgesprochen.

»Lass mich mit ihr reden«, setzte er an.

»Nein. Es ist vorbei. Lass gut sein. Ich muss los.«

Die Frage war nur, wohin sie musste. Jedenfalls nicht zu zwei wunderschönen Airstream-Wohnwagen, die sie renovieren würde. Klar, das war nicht ihre einzige Chance. Sicher würde es noch weitere gebrauchte Wohnwagen geben, wenn sie erst einmal genügend Geld gespart hatte, um sie bar zu bezahlen, neu einzurichten und die passenden Pick-ups zum Ziehen zu kaufen. Diese Rechnung hatte sie noch nicht aufgemacht, aber sie schätzte, dass sie dafür gute zwei Jahre bräuchte. Vielleicht drei.

Der Gedanke, so lange warten zu müssen, war deprimierend. Aber hey, dafür gab es ja später den Wein.

»Das ist nicht richtig«, sagte Drew. »Ich habe deinen Businessplan gesehen. Du bist ein exzellentes Risiko.«

»Laut Libby stand ich auf der Kippe. Das ist wohl kaum ein exzellentes Risiko.«

Sein Blick flackerte. Ah, dachte sie. Einige Dinge ändern sich nie. Drew war noch nie ein guter Lügner gewesen.

»Wir sind hier fertig.« Sie wandte sich in Richtung Tür.

Nicht nur mit dem Kreditantrag, dachte Silver, sondern auch mit dem, was sie beide vor Jahren verbunden hatte. Sie hatte die Wut, den Schmerz, die Trauer, den Groll und beinahe alle anderen Gefühle dazwischen verarbeitet. Und jetzt, wo sie Drew im Moment ihrer größten Enttäuschung und Erniedrigung begegnet war, stellte sie fest, dass sie beinahe nichts empfand. Endlich. Endlich war Drew einfach nur ein Kerl, den sie mal gekannt hatte. Was für ein Wunder.

In ihrem Pick-up setzte sie sich hinters Lenkrad und überdachte ihren Plan noch mal. Joggen, duschen, Wein und Burger. Die Bewilligung des Kredits zu feiern wäre natürlich wesentlich besser gewesen. Aber so, wie die Sache gelaufen war, hatte sie sich wenigstens einen Abend verdient, an dem sie trauern durfte. Morgen früh würde sie gleich als Erstes ihren Hintern in Bewegung setzen und einen neuen Plan ausarbeiten. Einen, in dem weder Banken noch Kredite vorkamen. Sie würde autark sein, sie würde siegen, und sie wäre vermutlich ein wenig verkatert. Aber egal, wie, es würde ihr wieder gut gehen.

Drew Lovato nahm sich ein paar Tage Zeit, um über seine Optionen nachzudenken. Eine davon war, ein Treffen des Komitees für Geschäftskredite einzuberufen. Nur hatte er das Protokoll des letzten Meetings gelesen und gesehen, dass Silvers Kreditantrag mit sieben zu zwei Stimmen abgelehnt worden war. Er bezweifelte, dass ein leidenschaftlicher Vortrag von ihm daran etwas ändern würde. Seine Tante Libby hatte ihre Sicht der Dinge als Erste vorgestellt, und offensichtlich hatte sie das sehr gut gemacht. Ein Mitglied des Komitees könnte er vielleicht noch umstimmen, aber drei Leute zu finden, die gewillt wären, Ja statt Nein zu sagen, kam ihm unwahrscheinlich vor.

Er wusste nicht, was seine Tante gegen Silver hatte, aber irgendetwas war da, das spürte er. Trotzdem brauchte Silver das Geld, um ihre Firma zu erweitern.

Bald, versprach er sich. Wenn sein Großvater in Rente ging und er die Bank übernahm, würde er die Geschäftsbedingungen ändern. Er wollte die einheimischen Geschäfte unterstützen und der Gemeinde helfen zu wachsen. Was bedeutete, Unternehmerinnen wie Silver Geld zu leihen.

Seine zweite Idee war es gewesen, so zu tun, als hätte die Bank den Antrag bewilligt, und Silver sein eigenes Geld zu leihen. Doch gegen die staatlichen Bankstatuten zu verstoßen war keine gute Idee. Er bezweifelte, dass es ihm im Gefängnis gefallen würde.

Natürlich könnte er Silver einfach das Geld geben, das sie für den Kauf der beiden Wohnwagen brauchte. Als er sich vorstellte, wie diese Unterhaltung verlaufen würde, musste er lächeln. Würde sie ihm den Kopf abreißen, bevor oder nachdem sie ihn mit ihrem Pick-up überfahren hatte? Silver war vieles – wunderschön, klug, entschlossen. Und außerdem verdammt stolz, wortgewandt und ab und zu sehr impulsiv. Diese Mischung machte das Leben mit ihr gelinde gesagt äußerst interessant.

Alternativ könnte er ihr einen Privatkredit zu den Konditionen der Bank anbieten. Die Risiken, die das Komitee für die Bank gesehen hatte, würden für ihn nicht gelten. Er wusste, dass Silver eher eine Niere verkaufen würde, als ihm das Geld nicht zurückzuzahlen. Was bedeutete, dass sie dieses Angebot vermutlich ablehnen würde.

Die letzte Option gefiel ihm jedoch am besten: Er würde sich als Minderheitseigner in ihre Firma einkaufen. Er würde die finanziellen Mittel zur Verfügung stellen, und sie beide würden die Firma gemeinsam zum Wachsen bringen.

Für ihn hätte das mehrere Vorteile. Auch wenn er gedacht hatte, über Silver hinweg zu sein, hatte er sich in den letzten Monaten immer wieder dabei ertappt, öfter an sie zu denken, als gesund war. Sie hatte etwas an sich – eine Mischung aus Entschlossenheit und Frechheit –, das er einfach nicht ignorieren konnte.

Er wusste, er würde es genießen, Zeit mit ihr zu verbringen. Und selbst wenn die ständige Nähe nicht dazu führen würde, dass die gegenseitige Anziehung wieder aufflammte, gefiel ihm die Vorstellung, etwas zu ihrer Firma beizusteuern. Er war in eine Bankerfamilie hineingeboren worden und liebte diesen Job. Es machte ihn glücklich, wenn er mit Hilfe von Geld etwas Positives erreichen und das Leben der Menschen verbessern konnte. Er wollte sich in Happily Inc engagieren. Und mit Silver und ihrer Firma würde er anfangen. Die Frage war nur: Wie sollte er sie davon überzeugen?

Die Idee, ihre Freundinnen um Hilfe zu bitten, hatte er sofort verworfen – vermutlich würden sie sowieso ablehnen. Sie unter Drogen zu setzen und zu zwingen, die Papiere zu unterschreiben, klang in seinen Ohren ein wenig zu sehr nach einem Jasper-Dembenski-Roman. Aber schließlich kam er auf die, wie er fand, perfekte Lösung. Er würde Silvers Stolz gegen sie einsetzen.

Geblendet von seiner brillanten Idee, kaufte Drew die beiden Airstreams und ließ sie zu Silver bringen. Er wusste, dass der Bar-Anhänger, den sie bereits besaß, auf dem großen, eingezäunten Grundstück hinter dem Grafikdesign-Atelier stand.

Am Morgen, an dem die Wohnwagen geliefert werden sollten, schickte der Fahrer Drew eine Nachricht, dass die Lieferung in einer halben Stunde da wäre.

Als Drew vorfuhr, stand Silver mitten auf dem asphaltierten Platz und schaute misstrauisch drein. Anscheinend war sie gerade dabei, dem Transportfahrer zu erklären, dass sie die Anhänger nicht gekauft hatte.

»Ich wollte es«, sagte sie und wirkte bezaubernd verwirrt. »Ich habe sie mir ein halbes Dutzend Mal angeschaut. Aber ich habe es nie …«

Ihre Stimme verebbte, als sie Drew erblickte. Er nahm an, dass ihre Verwirrung sich nun jede Sekunde in gute, altmodische Wut verwandeln würde. Drei, zwei …

»Hast du etwas damit zu tun?«, wollte sie von ihm wissen und funkelte ihn an. »Was ist hier los? Warum bist du hier? Wieso stehen die Wohnwagen hier? Verdammt, Drew, was hast du getan?«

Er deutete auf den Fahrer, der sich heimlich, still und leise in die Sicherheit seiner Fahrerkabine zurückschleichen wollte.

»Unterschreib die Papiere, Silver.«

»Das tue ich nicht. Das sind nicht meine Wohnwagen.« Sie verschränkte die Arme vor der Brust. »Und du kannst mich nicht dazu zwingen.«

Drew sagte sich, dass er ihren Anblick in den engen Jeans, dem Tanktop und dem blonden langen Haar, das sie heute zu einem hohen Pferdeschwanz gebunden hatte, später bewundern würde. Und nachdem das hier erledigt war, würde er versuchen, herauszufinden, ob das Tattoo auf ihrem linken Arm neu war, denn er konnte sich nicht daran erinnern, obwohl er definitiv jeden Teil ihres Körpers schon mal gesehen hatte.

»Ich kann dich nicht zwingen? Na, das ist ja mal sehr erwachsen.« Er bedeutete dem Fahrer, ihm das Klemmbrett mit den Papieren zu reichen. »Dann unterschreibe ich eben. Laden wir sie ab.«

»Nein«, sagte Silver entschieden. »Ich werde nicht zulassen, dass du die hier abstellst. Das ist mein Grundstück.« Sie zögerte. »Ich habe diesen Platz gemietet.«

»Ich habe noch ein paar andere Termine«, sagte der Fahrer angespannt.

»Lassen Sie sie am Straßenrand stehen.« Drew grinste. »Da ist ausreichend Platz, und es handelt sich nicht um ein Privatgelände.«

»Die Polizei von Happily Inc wird nicht zulassen, dass die da ewig stehen«, erklärte Silver ihm. »Das verstößt gegen die Parkverordnung.«

»Das hoffst du zumindest.«

Drew war unbesorgt. Auf keinen Fall würde Silver ihre kostbaren Wohnwagen länger als einen oder zwei Tage ungeschützt dort stehen lassen. Es mochte eine Weile dauern, bis sie einlenkte, aber er war sich sicher, dass sie die Schönheit seines Plans erkennen würde. Und wenn sie es nicht tat – nun, dann würde er eine schöne lange Reise machen und sich das Land in einem seiner beiden Airstreams anschauen.

Innerhalb weniger Minuten waren die Wohnwagen abgeladen. Drew steckte eine Kopie der Papiere ein, und der Fahrer fuhr wieder los, wobei er in seiner Eile, wegzukommen, beinahe Gummispuren auf dem Asphalt hinterließ. Silver wartete, bis er außer Sicht war, bevor sie sich Drew näherte. Ihre blassblauen Augen waren von eisiger Wut erfüllt, und ihr ganzer Körper war angespannt, als müsse sie sich sehr zusammenreißen, um ihn nicht zu erwürgen.

»Was immer du getan hast, ich will damit nichts zu tun haben«, sagte sie und stieß ihm mit dem Zeigefinger so hart gegen die Brust, dass er bestimmt einen blauen Fleck davontrug. »Du findest dich so clever und glaubst, du könntest mich manipulieren, aber da irrst du dich. Es ist mir egal, warum du das getan hast oder was du glaubst, was nun passieren wird. Tatsache ist: Du hättest dich nicht falscher verhalten können. Ich lasse nicht zu, dass du über mein Leben bestimmst.«

Er hatte gehofft, sie hätten die höflichen Begrüßungen hinter sich gelassen und wären auf dem Weg, so etwas wie Freunde zu werden. Aber angesichts ihrer Reaktion jetzt musste er sagen, dass er die Situation wohl ein wenig zu optimistisch eingeschätzt hatte. Oder ihre Wut hat einen anderen Grund, überlegte er. Vielleicht war Silver so wütend, weil sie nicht wusste, was er im Gegenzug von ihr erwartete. Vielleicht machte sie sich Sorgen, dass er eine Karotte in Form eines Airstream-Wohnwagens vor ihrer Nase baumeln ließ und sie eine Entscheidung treffen musste, die ihr nicht gefiel.

Er hatte angenommen, dass ausreichend Zeit vergangen war und Silver inzwischen nicht mehr so schlecht über ihn dachte. Aber im Moment war er sich da nicht so sicher. Was die Wohnwagen anging, das würde er einfach aussitzen.

»Ich diktiere gar nichts«, sagte er mit bewusst neutraler Stimme. »Ich habe eine Idee, von der ich hoffe, dass du sie interessant findest. Wenn du bereit bist, zu reden, erzähle ich sie dir.«

Das Funkeln in ihren Augen wurde zu einem düsteren Glimmen. »Ich werde nie bereit sein, mit dir zu reden.«

Damit drehte sie sich um und ging. Drew nahm sich ein paar Minuten, um ihre Rückansicht zu bewundern, bevor er beide Wohnwagen abschloss. Er hatte sich den Tag freigenommen, also musste er sich keine Gedanken darüber machen, rechtzeitig wieder in der Bank zu sein. Stattdessen würde er ein paar Besorgungen erledigen, sich zum Mittagessen ein Sandwich holen und dann zu den Wohnwagen zurückkehren, um zu warten. Irgendwie hatte er das dumpfe Gefühl, dass es nicht lange dauern würde, Silver wieder herauszulocken.

Auf dem Weg zu seinem Auto fragte er sich, ob er sich böse verkalkuliert hatte. Vielleicht würde sie doch nicht einlenken. Vielleicht hasste sie ihn wirklich. Egal, er musste es versuchen. Das Richtige zu tun war ihm schon immer wichtig gewesen. Auch deshalb, weil er es hinterher jedes Mal bereut hatte, wenn er von diesem Weg abgewichen war. Und Silver Tesdal nicht geheiratet zu haben, als sie schwanger geworden war und sein Kind in sich getragen hatte, war das, was er in seinem Leben am meisten bereute.

2. Kapitel

»Entweder du redest mit ihm, oder ich rufe die Polizei«, sagte Wynn, während sie eine gedruckte Hochzeitseinladung mit dem vorher abgestimmten Andruck abglich.

»Er verstößt gegen kein Gesetz.« Silver versuchte, aus dem Fenster zu schauen, ohne von irgendjemandem auf der Straße gesehen zu werden – und mit irgendjemandem meinte sie den großen, unglaublich gut aussehenden Mann, der in einem der Airstreams saß.

»Ich hatte auch nicht vor, Drew verhaften zu lassen«, murmelte ihre Freundin, ohne aufzuschauen. Mit einer Hand hielt sie sich die langen, dunklen Locken aus dem Gesicht, während sie ihren Kopf hin und her drehte, um die Einladung aus allen Winkeln zu betrachten.

»Das würdest du nicht tun!«

Nun schaute Wynn doch auf. »Nein, würde ich nicht«, bestätigte sie. »Aber du fängst an, mir auf die Nerven zu gehen. Komm schon, Silver. Das sieht dir so gar nicht ähnlich. Lass dir ein paar Eier wachsen, und rede mit Drew. Oder schlag ihm einen Baseballschläger über den Kopf. Aber tu etwas. Dein Verhalten macht mich nervös.«

»Ich weiß nicht, was ich tun soll«, gab Silver zu.

»Das weißt du ganz genau. Das Problem ist eher, dass du es nicht tun willst.« Wynn nickte ihrer Assistentin zu. »Die ist perfekt. Du kannst alle drucken. Die Braut will zweihundert Karten haben. Lass uns vorsichtshalber zweihundertfünfzig drucken. Nur für den Fall.«

»Verstanden, Boss.«

Wynn richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf Silver. »Du brauchst noch zwei Wohnwagen – er hat welche. Ja, er will dafür im Austausch irgendetwas haben. Also finde heraus, was.« Sie zuckte mit den Schultern. »Ich bezweifle, dass es sich um Sex handelt. Kein Sex der Welt ist zwei von denen wert.« Sie zeigte auf die Wohnwagen. »Nicht einmal Sex mit dir.«

»Vielleicht bin ich umwerfend.«

»So umwerfend ist niemand.«

Silver musste ihr zustimmen. Die Wohnwagen waren unglaublich schön. Es juckte sie in den Fingern, sie zu erkunden, jede Oberfläche zu berühren und sich dabei vorzustellen, was sich mit ihnen alles machen ließ. Aber sie konnte nicht nachgeben. Was auch immer Drew geplant hatte, es würde schlecht für sie ausgehen.

»Er versucht, mich zu verführen«, sagte Silver und schaute erneut aus dem Fenster.

»Und es funktioniert. Los, geh jetzt da raus, und hör dir an, was er will. Ich glaube, Hunter hat seine Sportausrüstung im Hinterzimmer gelassen. Du kannst ja mal nachsehen, ob ein Baseballschläger dabei ist, falls du dich damit besser fühlst.«

»Ich brauche keinen Baseballschläger.«

Aber vielleicht ein wenig Mut und Rückgrat, dachte sie und straffte die Schultern. Verdammt, warum musste ihr immer so etwas passieren? In jeder anderen Situation in ihrem Leben war sie stark und entschlossen, aber wenn es um Drew ging, bekam sie das einfach nicht hin.

»Okay, ich gehe raus und stelle ihn zur Rede.«

»Viel Glück.«

Silver nickte. Ich schaffe das, sagte sie sich. Sie hatte schon wesentlich schlimmere Situationen mit Drew überstanden. In dem Sommer, in dem sie achtzehn geworden war, hatte sie ihn für einundneunzig magische Tage mit jeder Faser ihres Herzens geliebt. Sie hatte sich ihm mit Herz und Seele hingegeben, und als er aufs College gegangen war, hatte sie so getan, als wäre alles in bester Ordnung. Sie war sogar so clever gewesen, mit ihm Schluss zu machen, damit er sein Studentenleben ohne sie genießen konnte. Dafür hatte sie ihm vorgelogen, dass sie eh nie füreinander gemacht gewesen waren und er sie einfach vergessen sollte.

Das war das Richtige gewesen, und sie konnte deswegen immer noch stolz auf sich sein. Aber es war so unglaublich schwer gewesen. Sie hatte ihn mehr geliebt, als sie es je für möglich gehalten hätte. Sie hatte ihn geliebt, obwohl sie wusste, dass einen Mann zu lieben eine Frau zu einer Närrin machte. Und sie war eine willige Närrin gewesen, hatte sich das Herz herausreißen und mit einem Fleischklopfer zu Brei schlagen lassen.

»Das liegt alles in der Vergangenheit«, flüsterte sie sich zu, während sie den Bürgersteig überquerte. »Alles in der Vergangenheit.«

Die Tür des größeren Wohnwagens stand einladend offen. Silver spürte, wie ihre Schultern sich automatisch zusammenzogen. Sie zwang sich, sich aufzurichten. Was auch immer passierte, sie konnte damit umgehen. Wie gesagt, sie hatte mit Drew schon Schlimmeres durchgemacht.

Entschlossen betrat sie den Wohnwagen. Drew saß mit einem E-Book in der Hand auf dem breiten Sofa. Bei ihrem Eintreten schaute er auf und lächelte.

»Hi. Wie geht’s?«

Sie ignorierte seine Frage und stellte ihre: »Was machst du hier?«

»Ich warte auf dich. Ich habe etwas zu essen hier, wenn du Hunger hast?«

Er zeigte auf den eingebauten Tisch und die Bänke, als erwarte er, dass sie sich setzte. Wieso hatte er einen Lunch für sie beide vorbereitet? Das hier war kein Freundschaftsbesuch. Sie hätte Wynns Angebot eines Baseballschlägers doch annehmen sollen.

Silver ließ sich auf die gepolsterte Bank sinken und legte die Hände auf den Tisch, nur um sie doch in ihren Schoß zu legen und gleich darauf wieder auf der Tischplatte zu platzieren. Das fühlte sich alles so seltsam und unbehaglich an. Sie wollte schreiend weglaufen, doch bevor sie sich dazu aufraffen konnte, fiel ihr die perfekte Linienführung des Wohnwagens auf. Er hatte genau die richtige Größe, und mit ein paar Umbauten könnte man unglaublich viel Stauraum gewinnen. Sie hätte Platz für eine lange Bar und eine Zapfanlage und …

»Ist Truthahn okay?«, unterbrach Drew ihre Gedanken und hielt ihr zwei Sandwiches hin. »Oder lieber Schinken?«

»Truthahn.«

Er reichte ihr das Sandwich und holte dann zwei Dosen Limonade und ein paar Servietten aus der Tüte, bevor er sich ihr gegenübersetzte. Mit einem Nicken schaute er sich im Wohnwagen um.

»Da ist noch viel Arbeit nötig, aber ich sehe das Potenzial.«

»Du siehst das Potenzial?« Sie verdrehte die Augen. »Du hast keine Ahnung, was das hier mal werden kann. Für dich ist es nur ein alter Wohnwagen. Aber für mich ist es die nächste Stufe meiner Firma. Ich habe mir viele Gedanken darüber gemacht, was ich tue, Drew, und nicht einfach nur einen Scheck ausgestellt.«

»Verachtung für das Geld, das du dir selbst leihen wolltest …« Seine Stimme war sanft, seine Miene eher amüsiert als beleidigt. Er biss von seinem Sandwich ab. »Ohne den Scheck, den du so leichthin verspottest, würde es keine Wohnwagen geben. Zumindest im Moment nicht.«

Damit hatte er recht, was sie noch mehr nervte.

»Na gut«, grummelte sie und wickelte ihr Sandwich aus. »Warum bist du hier?«

»Ich lebe den Traum. Warum bist du hier?«

Sie fragte sich, ob es wohl falsch wäre, ihm gegen das Schienbein zu treten. So viel Gewalt, dachte sie seufzend. Ihre instinktive Reaktion auf Drew beruhte darauf, dass er die ganze Macht hatte und sie nicht. Und solche Situationen hatten ihr noch nie gefallen.

Anstatt seine Frage zu beantworten, biss sie in ihr Sandwich. Schweigend aßen sie. Er war zuerst fertig und riss eine Tüte Chips auf, die er ihr anbot.

»Okay, die Sache ist die«, fing er dann an. »Mein Großvater denkt darüber nach, in den Ruhestand zu gehen.«

»Aha.« Das war keine wirkliche Neuigkeit. Grandpa Frank war kein junger Mann mehr. Er war charmant und lebhaft, aber schon weit über das Rentenalter hinaus.

»Es gibt ein paar Komplikationen«, fuhr er fort. »Vor allem die Frage, wer Vorstandsvorsitzender wird, wenn das passiert.«

»Wieso gibt es da eine Frage? Du bist der offizielle Nachfolger, oder nicht?« Drew war der Erstgeborene des Erstgeborenen. Er war noch vor Eintritt in den Kindergarten dazu bestimmt gewesen, eines Tages die Bank zu leiten. Damals, als sie ein Paar waren, hatte er voller Aufregung und Vorfreude über seine Zukunft gesprochen. Drew hatte die Idee, einmal ins Bankgeschäft einzusteigen, wirklich gemocht. Verrückt, aber so war Drew.

»Libby will ihren Hut in den Ring werfen.«

»Ich wünschte, das hättest du mir erzählt, bevor ich mein Sandwich gegessen habe.« Sie schob die zweite Hälfte von sich. »Wieso ist sie überhaupt im Rennen?«

»Technisch gesehen kann sich jeder oder jede um den Posten bewerben. Ich bin die offensichtliche Wahl, aber das bedeutet nicht, dass mein einziges Interesse der Bank gilt.«

»Ich dachte, genau dafür wärst du ausgebildet worden. Ist das nicht der Sinn deiner Existenz? Du liebst die Bank. Erzähl mir nicht, dass du nicht der Bankenkönig hier im Ort sein willst, das nehme ich dir nicht ab.«

Er lächelte. »Silver, wir alle werden erwachsen und verändern uns. Ich auch. Ab und zu gefällt es mir, etwas Unerwartetes zu tun, nur um zu sehen, wer es bemerkt.«

»Ich habe keine Ahnung, was das heißen soll.«

»Ich auch nicht, aber es klingt gut.« Er lehnte sich auf der Bank zurück. »Die Sache ist die: Ich habe diese beiden Wohnwagen gekauft.«

Gerade hatte Silver angefangen, sich zu entspannen, aber bei seinen Worten verkrampfte sie sich sofort wieder. Sie hatte keine Ahnung, was los war, doch sie hatte das üble Gefühl, dass das hier ein Spiel für Drew war. Ein grausames Spiel mit ihr als Opfer.

Nur zu gut erinnerte sie sich noch an die anderen Arten von Spielen, die sie gemeinsam gespielt hatten. Bei denen es darum gegangen war, einander Vergnügen zu bereiten. Sie waren so unglaublich verliebt gewesen – zumindest sie. Bei ihm war sie sich da nicht so sicher. Trotz seiner gegenteiligen Behauptungen damals hatte er sie am Ende ohne einen Blick zurück verlassen.

Aber darum geht es jetzt nicht, ermahnte sie sich. Sie musste sich auf das vor ihr liegende Problem konzentrieren – nämlich darauf, was er wohl im Gegenzug für die beiden Airstreams haben wollte.

Er legte seine großen Hände auf den Tisch und beugte sich vor. »Ich würde es sehr schätzen, wenn du dir einfach anhörst, was ich zu sagen habe. Danach können wir darüber sprechen.«

Da sie nicht wusste, worum es ging, wollte sie ihm nicht versprechen, ihn nicht zu unterbrechen oder zu schreien oder ihn zu schlagen. Aber wenn sie nicht einfach nur nickte, würde er merken, dass sie aufgelöster war, als sie es sein sollte.

»Na gut«, sagte sie. »Rede.«

»Ich möchte mich als Minderheitsgesellschafter in deine Firma einkaufen.«

»Wie bitte? Bist du verrückt? Bist du hingefallen und hast dir den Kopf angeschlagen? Minderheitsgesellschafter? Von meiner Firma? Der Firma, in die ich all meine Arbeit und all mein Geld gesteckt habe? Die ich gegründet und ganz allein zum Erfolg geführt habe?« Sie funkelte ihn an. »Ganz. Allein. Es gab nur mich, Drew. Nur mich. Minderheitsgesellschafter … Rauchst du Crack?«

Er lächelte. »Solange du gewillt bist, mich anzuhören.«

Sie lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. »Schieß los.«

»Ich hatte daran gedacht, mich an verschiedenen Firmen aus der Stadt zu beteiligen. Um mir ein Portfolio aufzubauen. Wenn das funktioniert, möchte ich mein Imperium ausbauen, sozusagen, und nach Gelegenheiten in Palm Springs, vielleicht Riverside oder San Diego gucken. Als Libby deinen Kredit abgelehnt hat, habe ich erkannt, dass ich jetzt die Chance habe, zu handeln.« Er zuckte mit einer Schulter. »Ich gebe zu, es war etwas impulsiv, die Wohnwagen zu kaufen, aber ich sah vor mir, was du machen willst. Mir gefällt dein Businessplan. Du hast das alles ganz genau durchdacht.«

Sie sagte sich, dass ihr das Kompliment gar nicht wichtig war. Sie wollte und brauchte seine Bestätigung nicht. Wichtig war im Moment nur, dass er ihr eine Gelegenheit gab, zu expandieren.

»Wie soll das deiner Meinung nach funktionieren?«, fragte sie und entspannte sich ein klein bisschen.

»Ich möchte ein echter Partner sein. Ich will dir bei der zukünftigen Planung helfen und mich mit einbringen. Natürlich habe ich einen Vollzeitjob, aber ich könnte aushelfen, wenn Not am Mann ist. Deine Arbeit findet hauptsächlich an den Wochenenden statt, wenn ich freihabe.«

Sie schnaubte. »Du willst auf Partys arbeiten?«

»Warum nicht?«

»Meine Güte, ich weiß es nicht. Hast du irgendwelche Erfahrungen als Barkeeper? Hast du auch nur den Hauch einer Ahnung, wie es ist, zwei- oder dreihundert Leute innerhalb kürzester Zeit mit Drinks zu versorgen? Hast du eine Barkeeper-Lizenz? Kennst du den Unterschied zwischen einem Mojito und einer Margarita?«

»Tequila«, antwortete er lachend. »Okay, ich muss mich zum Barkeeper ausbilden lassen. Und ich sage dir, dass ich dazu bereit bin. Ich will das. Ich will mehr sein als der Kerl mit dem Scheck. Ich möchte mich einbringen.«

Ihr Magen zog sich zusammen. Das sind nur die Nerven, sagte sie sich. Nur die Nerven und eine gehörige Dosis Besorgnis. »Willst du auf die Barkeeper-Schule gehen?«

»Ich hatte gehofft, ich könnte ein wenig aus dem Internet lernen, und du würdest mir den Rest beibringen. Silver, ich kann hart arbeiten. Ich habe abends und an den Wochenenden frei, und ich werde nicht mit dem Trinkgeld durchbrennen.«

»Du könntest mir das Geld für die Wohnwagen nicht einfach leihen?«, fragte sie, bevor sie sich zurückhalten konnte. Auch wenn sie nie gedacht hätte, diese Frage einmal zu denken, geschweige denn, sie auszusprechen, wäre es doch wesentlich besser, ihm Geld zu schulden, als einen Teil ihrer Firma aufzugeben.

»Das könnte ich, aber ich würde es lieber auf diese Weise tun.«

Typisch. Männer wollten, was sie wollten, und der Rest der Welt war ihnen egal. »Vielleicht sucht der Baumarkt in der Stadt ja einen Investor.«

»Ja, vielleicht, aber deine Firma ist spannender.«

»Ach, ich weiß nicht. All die schweren Maschinen, die Holzabteilung. Das ist doch ein Paradies für Männer. Wie klein wäre denn deine Minderheit als Partner?« Zehn Prozent wären super, dachte sie. Zwar reines Wunschdenken, aber trotzdem.

»Zweiundfünfzig zu achtundvierzig.«

Sie versuchte, nicht sichtbar zusammenzuzucken. Das war so nah an fünfzig-fünfzig, wie es nur ging.

»Ich kaufe die beiden Wohnwagen«, sagte er, als könne er ihre Gedanken lesen. »Ich investiere außerdem zwanzigtausend, um sie auszustatten. Hoffentlich sind dann noch ein paar Dollar übrig, um die Pick-ups zu kaufen, mit denen wir sie ziehen können.«

»Ich habe Ersparnisse.« Sie versuchte, schnell im Kopf nachzurechnen. »Die reichen, um die Pick-ups zu bezahlen.« Vor allem, wenn sie weder die Wohnwagen noch deren Einrichtung kaufen musste. Dann wäre sogar noch genug übrig, um ein paar andere Ideen zu verfolgen, die sie hatte.

Diesem Deal zuzustimmen bedeutete, sie konnte ihre Pläne umsetzen. AlcoHaul könnte wachsen, und sie müsste nicht jede Woche Anfragen absagen. Aber der Preis dafür war heftig – denn sie würde eng mit Drew zusammenarbeiten müssen. Konnte sie das?

»Ich weiß es nicht«, gab sie zu. »Ich bin mir nicht sicher, ob wir zusammenarbeiten können.«

»Das haben wir bisher doch immer ganz gut hinbekommen.«

»Wir sind zusammen ausgegangen, und dann haben wir Schluss gemacht.«

»Aber wir haben uns verstanden. Außerdem bin ich jetzt erwachsen.«

»Ach komm.«

»Ich meine ja nur, dass ich glaube, wir würden gut zusammenpassen.«

Geschäftlich, ermahnte sie sich. Er sprach nur über das Geschäft. Wenn sie mehr wollte, war sie eine Idiotin. Und sie würde niemals wieder für einen Mann zur Idiotin werden – und ganz sicher nicht für Drew.

»Ich muss darüber nachdenken«, erklärte sie. »Gib mir ein paar Tage Zeit, damit ich das Angebot überdenken kann, und dann reden wir wieder.«

»Sicher.« Er schaute zur Druckerei hinüber. »Ist Wynn damit einverstanden, dass die Wohnwagen hier draußen stehen?«

Er manipuliert mich, dachte sie. Er versuchte, sie dazu zu bringen, die Airstreams zu ihrem anderen Anhänger auf den Hof zu stellen, weil er genau wusste, wie schwer es ihr dann fallen würde, sein Angebot abzulehnen.

»Ich werde mit ihr reden«, sagte sie. »Wynn ist ziemlich locker, und wenn die Wohnwagen in einer Seitenstraße stehen, macht es ihr vermutlich nichts aus.« Sie ließ ein Lächeln aufblitzen. »Ich glaube, deine größere Sorge sollte die Polizei sein. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es Regeln für das Abstellen von Fahrzeugen gibt, gegen die du gerade verstößt.«

»Das Risiko gehe ich ein.«

Warum tat er das? Nun ja, angesichts seiner familiären Verbindungen bekam er vermutlich von den meisten Behörden der Stadt eine Sonderbehandlung; auch von der Polizei.

Sie stand auf und nahm den Rest ihres Sandwiches. »Danke für den Lunch. Ich melde mich.«

»Ich freu mich drauf.«

Drew erhob sich ebenfalls. In dem kleinen Wohnwagen standen sie damit viel zu nah beieinander. Silver sah die goldenen Flecken in seinen dunklen Augen und die kaum sichtbare Narbe an seinem Mundwinkel. Seine Nähe war gefährlich – auch, weil damit die Vergangenheit zurückkehrte und sie zu überwältigen drohte.

»Silver, ich hoffe wirklich, dass du mein Angebot annimmst. Du hast eine sehr solide Firma aufgebaut. Ich denke, mit ein wenig Hilfe könntest du sie auf das nächste Level heben.«

Sie wollte fragen, ob er je bedauert hatte, wie das zwischen ihnen geendet hatte. Sie wollte wissen, wie lange er gebraucht hatte, um sie zu vergessen und zur nächsten Frau und der übernächsten weiterzuziehen. Sie wollte wissen, ob er je an das Kind dachte, das sie gezeugt und dann weggegeben hatten.

Doch sie sagte nur: »Lass mich darüber nachdenken.«

»Du weißt, wo du mich findest.«

»Das wusste ich immer.«

Aufmerksam beobachtete Drew jede Bewegung seines Freundes. Jasper bewegte sich nicht nur schnell wie eine Schlange und schlug zu, wenn Drew es am wenigsten erwartete. Nein, Drew hatte auch auf die harte Tour gelernt, sich niemals zu entspannen, wenn Jasper in die andere Richtung wirbelte. Denn meistens kehrte er dann härter, schneller und mit dem Willen, zu gewinnen, zurück.

Im Trainingsraum war es bis auf das Geräusch ihres Atems und das Aufeinanderknallen der Stöcke still. Normalerweise dröhnte Musik aus den Lautsprechern, aber nicht, wenn sie mit den Kampfstöcken trainierten, denn das erforderte höchste Konzentration.

Vor ein paar Jahren hatte Jasper die Kampfstöcke in einem seiner Romane verwenden wollen. Also hatte er einen Trainer angeheuert, der ihn eine Woche lang zu Hause unterrichtet hatte. Seine Freunde hatte er zu den Trainingseinheiten eingeladen, genau wie ein paar der örtlichen Fitnesstrainer. Soweit Drew wusste, war das Buch geschrieben und zum Verlag geschickt worden, aber Jasper trainierte weiter mit den Stöcken, weil es ihm gefiel.

Drews Cousin Cade saß außerhalb ihrer Reichweite auf der Matte und rief ihnen Ratschläge, Lob und Flüche zu.

»Duck dich, Drew. Pass auf seinen linken Arm auf. Jasper, da schlägt ja sogar meine Mama härter zu. Oh, der war gut. Schnapp ihn dir.«

Jasper drängte vor und zwang Drew, sich zurückzuziehen. Drew machte einen Schritt zur Seite, täuschte einen Schlag an und schlug dann unerwartet zu. Jasper rutschte auf der Matte aus und fiel in dem Moment auf ein Knie, als die Uhr piepte.

»Gut gemacht«, rief Cade, als Jasper sich aufrappelte. »Wir hatten heute Glück. Nur ein paar Prellungen, aber keine Knochenbrüche.«

Die Stöcke waren aus Holz und sehr hart. Sich zu verletzen gehörte dazu. Doch keiner von ihnen hatte bisher mehr als blaue Flecken davongetragen, die jedoch oft beeindruckend aussahen und lange benötigten, um abzuheilen.

Jasper warf Drew ein Handtuch zu und nahm sich selber eines. Gemeinsam gingen sie zu den Hockern in der Ecke. Auf dem Weg schnappten sie sich jeder eine Wasserflasche aus dem Kühlschrank, der an der Wand stand.

Jaspers Haus lag hoch in den Bergen und war von Bäumen umgeben. Im Sommer war es hier gute zehn bis fünfzehn Grad kälter als in der Stadt, und ab und zu fiel im Winter sogar Schnee.

Einst war das Haus eine Hütte mit zwei Zimmern gewesen – das mochte gute achtzig Jahre her sein. Dann war mindestens ein Dutzend Mal angebaut worden. Inzwischen war das Haus eine bunte Mischung aus verschiedenen Stilen und Materialien. Einige der Räume waren groß und imposant, andere seltsam geschnitten und schlecht gebaut.

Als Jasper das Haus gekauft hatte, hatte er sich ein Büro und einen Fitnessraum einbauen lassen. In Letzterem fand sich die übliche Ausstattung, dazu ein großer offener Bereich und eine verspiegelte Wand. Nach allem, was Drew wusste, war Jasper ein »Method«-Autor. Er liebte es, jede Actionszene persönlich durchzuspielen. Oft lud er Freunde ein, um Kampfszenen zu choreografieren, und vor ein paar Jahren hatte er im Sommer sechs Wochen lang das Jagen mit Pfeil und Bogen erlernt.

Als sie saßen, öffnete Cade seine Wasserflasche. »Also, Drew, du kaufst jetzt Wohnwagen?«

Jasper hob eine Augenbraue. »Du hast Wohnwagen gekauft?«

»Die sind nicht für mich.«

»Er versucht, Silver zu bestechen, damit sie mit ihm schläft«, erläuterte Cade. »Ich bin mir nicht sicher, ob das der richtige Weg ist, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Aber wenn man persönlich nicht überzeugen kann, dann hey, was auch immer funktioniert.« Er grinste.

»Halt den Mund«, sagte Drew milde. Er war es gewohnt, von seinem Cousin aufgezogen zu werden. Seit ihrer Geburt standen sie sich nahe.

»Aber warum Wohnwagen?«, wollte Jasper wissen. »Und wieso gleich mehrere?«

»Ich will mich in ihre Firma einkaufen.« Drew überlegte, die Probleme mit der Bank zu erklären, aber die Information war vielleicht zu persönlich. Außerdem war Libby die Mutter von Cade. Die beiden standen sich nicht nah, aber Drew bezweifelte trotzdem, dass Cade es gutheißen würde, wenn jemand schlecht über seine Mutter sprach.

Außerdem würde er seinen Freunden nicht verraten, dass er Silver geradeheraus angelogen hatte. Ja, er wollte sich in ihre Firma einbringen, aber nicht wegen seines Portfolios oder was auch immer er ihr für einen Mist erzählt hatte. Er war ein Banker durch und durch. Er hatte genauso viel Interesse daran, sich in ihre Firma einzukaufen, wie daran, sich Flügel wachsen zu lassen. Aber diese kleine Notlüge war nötig gewesen, um sie dazu zu bringen, auf sein Angebot einzugehen.

Warum er sich so ins Zeug legte, war dagegen eine Frage, die schwerer zu beantworten war. Aber ein Teil der Antwort lautete wohl, dass Silver ihm einfach nicht aus dem Kopf ging. Angesichts ihrer Vergangenheit war es ihm zu gefährlich erschienen, sie einfach zu fragen, ob sie mal mit ihm ausgehen wollte. Doch nun konnte er sie langsam wieder kennenlernen und gleichzeitig etwas Interessantes tun. Wenn es funktionierte – super. Wenn nicht, würde er ihr das Geld leihen, das sie bräuchte, um ihn auszubezahlen, ihre Wege würden sich wieder trennen, und es wäre kein Schaden entstanden.

»Die Wohnwagen standen zum Verkauf, also habe ich sie gekauft. Ich hoffe, dass Silver mich zum Minderheitsgesellschafter ihrer Firma macht.«

»Sie wirkt auf mich wie jemand, der es vorzieht, die Zügel selbst in der Hand zu halten.« Jasper trank einen großen Schluck Wasser. »Warum ausgerechnet ihre Firma?«

»Silver und ich kennen uns schon sehr lange. Ich helfe nur einer alten Freundin.«

Cade schnaubte. »Ach, so nennt man das heute?« Er wandte sich an Jasper. »Drew und Silver waren mal zusammen. In dem Sommer, bevor Drew aufs College gegangen ist. Und was für ein Sommer das war. Ich erinnere mich noch an die Party vor dem Labour Day.«

»Silver und ich haben an den Wasserfällen eine große Party geschmissen«, erklärte Drew. »Viele Teenager und noch mehr Getränke.«

Cade stieß mit Drews Wasserflasche an. »Das erste Mal, dass ich betrunken war. Am nächsten Tag musste ich bitter dafür büßen, aber die Party war der Hammer.« Er lachte leise.

Jasper musterte Drew. »Du und Silver, ihr wart also mal ein Paar? Was ist dann passiert?«

»Ich bin aufs College gegangen.« Er zögerte. »Silver hat darauf bestanden, dass wir vorher Schluss machen. Ich wollte es nicht, aber sie blieb stur.«

»Ja, das kann sie gut«, warf Cade ein.

»Ich bin dann gegangen.« Doch da war noch mehr. So viel mehr. Bevor er entscheiden konnte, was er erzählen sollte und was nicht, platzte es auch schon aus ihm heraus: »Sie war schwanger.«

Cade und Jasper starrten ihn entgeistert an.

»Ernsthaft?«, fragte Cade. »Was ist passiert?«

»Sie hat mich auf dem College besucht. Es war mitten in meinem ersten Jahr, und ich hatte mich schon anderen Mädchen zugewandt. Anfangs wollte ich ihr nicht glauben, aber ich wusste, was wir getan hatten. Ich habe Silver einen Heiratsantrag gemacht, und sie hat abgelehnt. Wir sind übereingekommen, das Baby zur Adoption freizugeben.«

Jasper und Cade tauschten einen Blick.

»Also läuft irgendwo da draußen ein Kind von dir herum«, sagte Jasper schließlich. »Wie alt ist sie? Oder er?«

»Fast zwölf. Ich habe nie gefragt, was es war. Ich bin von einem Jungen ausgegangen.« Er hatte sich immer einen Sohn vorgestellt, der genauso aussah wie er. Ein Ego-Ding, vermutete er. Und mangelnde Informationen. Wenn sie ein Mädchen gehabt hätten, wäre er natürlich davon ausgegangen, dass es genau wie Silver aussah.

»Ein Kind«, sagte Cade leise. »Beth und ich wollen Kinder haben. Je früher, desto besser, aber du warst schneller als wir alle.«

»Wir waren jung und dumm.« Und leidenschaftlich verliebt, dachte er.

»Ist das Baby der Grund, warum du in ihre Firma einsteigen willst?«, wollte Jasper wissen. »Aus schlechtem Gewissen?«

»Ich habe kein schlechtes Gewissen.« Drew hielt kurz inne. »Wir waren selbst noch Kinder. Wir wären keine guten Eltern gewesen. Ich will in Silvers Firma investieren, weil ich es für klug halte. Ich habe mir die Zahlen angeschaut. Sie arbeitet hart, macht gute Umsätze und muss jede Woche Aufträge ablehnen. Es sieht alles nach einer soliden geschäftlichen Entscheidung aus.«

»Aha.« Jasper wirkte nicht überzeugt. »Was hat sie dazu gesagt?«

»Ich glaube, die Frage muss lauten: Womit hat sie dich geschlagen, als du ihr gesagt hast, was du getan hast?« Cade lachte wieder leise.

»Sie denkt darüber nach«, erwiderte Drew grinsend. »Sie fand die Idee nicht so abwegig.«

»Lügner.«

»Okay, aber sie hat mir wirklich zugehört.«

Jasper trank sein Wasser aus und warf die Flasche in den Recycling-Eimer in der Ecke. »Okay, du wirst also in Silvers Firma investieren, und dann? Hilfst du ihr, die anderen mobilen Bars zu bewirtschaften?«

»Über die Details müssen wir noch reden.«

»Setzt die Bank dir langsam zu?«, fragte Cade mitfühlend. »Ich weiß nicht, wie du es erträgst, dort jeden Tag hinzugehen. Das ist wie eine große, aus Backsteinen gebaute Falle.«

Drew wusste, dass die Bank keine Falle war – sie war eine lebende, atmende Kreatur, die fest mit der Gemeinde verbunden war. Die Bank bedeutete Möglichkeiten, und er hatte eine Million Ideen, wie man sie noch besser machen konnte.

»Die Bank ist das geringste Problem«, wich er der Frage aus.

Cade schüttelte den Kopf. »Ist deine Familie immer noch hinter dir her?« Er wandte sich an Jasper. »Drews Eltern sind … ungewöhnlich. Happily Inc war für sie nie groß genug. Sie wollten immer irgendwo anders sein, etwas anderes tun. Howard, das ist Drews Vater, hat sich politisch engagiert und ist Botschafter geworden, als Drew noch auf der Schule war. Wo war das noch mal?«

»In Andorra.« Drew erinnerte sich noch daran, wie aufregend es gewesen war, als seine Eltern die Stadt verließen, während er noch auf der Highschool war. Er war bei Grandpa Frank eingezogen, und sein Leben war auf einen Schlag wesentlich leichter geworden. »Das liegt in der Nähe von Spanien.«

»Noch nie davon gehört«, sagte Jasper. »Vielleicht sollte ich ein wenig recherchieren und die Handlung meines nächsten Romans dort ansiedeln.«

Cade grinste. »Das solltest du. Wie auch immer, Howard hatte danach noch weitere Botschaftsposten inne, dann hat er das Diplomatische Korps verlassen und ist in eine Lobbyisten-Firma eingetreten.«

»Da ist er immer noch«, sagte Drew grimmig. »Er lässt die Firma wachsen und bereitet sie für den Erstgeborenen vor.«

Den Einzig-Geborenen, fügte er stumm hinzu. Nichts würde seine Eltern – und vor allem seine überehrgeizige Mutter – glücklicher machen, als wenn er für ein paar Jahre die Familienbank übernahm und dann in die Firma seiner Eltern eintrat. Mit der ersten Hälfte des Plans ging er konform, aber er hatte keinerlei Interesse daran, Lobbyist zu werden.

»Das klingt, als wäre es nicht dein Traumjob«, merkte Jasper an.

»Nicht einmal ansatzweise.«

Jasper grinste Cade an. »Zu schade, dass die beiden nicht deine Eltern sind. Stell dir vor, wie glücklich sie darüber wären, dass ihr Sohn eine echte Prinzessin heiratet.«

»Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll«, gab Cade zu und sah Drew an. »Hast du deiner Mom von der Verlobung erzählt?«

»Nein, und das habe ich auch nicht vor. Das Letzte, was einer von uns will, ist, dass meine Mutter ihre Zelte in der Stadt aufschlägt, damit sie zu eurer Hochzeit kommen kann.«

Cade hatte vom König von El Bahar einen Hengst gekauft. Das »Stallmädchen«, das den Hengst auf der Reise begleitet hatte, war in Wahrheit die Stieftochter des Königs und somit eine Prinzessin gewesen. Cade und Bethany hatten sich ineinander verliebt und wollten heiraten. Die Einzelheiten standen zwar noch nicht fest, aber es würde hier vor Ort eine Feier geben, zu der auch die königliche Familie kam.

»Deine Mom wird davon erfahren.«

»Aber nicht von mir.« Das würde Drew niemandem antun, schon gar nicht seinem Cousin.

»Habt ihr beide euch inzwischen entschieden, wie die Hochzeit aussehen soll?«, fragte Jasper. »Ich meine, im Zweifel könntet ihr immer noch durchbrennen.«

Cade verzog das Gesicht. »Darüber haben wir sogar gesprochen, aber Bethany möchte ihre Eltern nicht enttäuschen. Die eigentliche Zeremonie wird in El Bahar stattfinden, aber wir werden auch hier etwas veranstalten. Die Einzelheiten müssen noch geklärt werden.«

Drew nahm an, dass seine eigenen Probleme im Leben nicht halb so schlimm waren, wie in eine königliche Familie einzuheiraten.

»Sag Bescheid, wenn es eine Party gibt«, sagte Jasper. »Ich fahre für ein paar Wochen nach New York. Aber ich kann das verlegen, wenn ich dafür mit ein paar Adligen abhängen kann.«

Cade wirkte nicht überzeugt. »Du bist wie Drew. Dir ist es doch vollkommen egal, ob jemand adlig oder wichtig ist.«

Jasper grinste. »Das stimmt. Aber ich bin immer auf der Suche nach Ideen für mein nächstes Buch. Außerdem bist du mein Freund. Irgendjemand muss ja da sein, um dir die Verrückten vom Leib zu halten.«

Drew nickte. »Um die kümmert Jasper sich, und ich lenke meine Mutter ab, sollte sie auftauchen.«

Cade zuckte zusammen. »Danke, Drew. Du bist ein wahrer Freund.«

»Wem sagst du das.«

3. Kapitel

Silver lag rücklings auf dem Teppich, die Füße auf das Sofa gebettet, und richtete die Kopfhörer ihres Handys, das auf ihrem Bauch lag.

Leigh sollte in drei Minuten anrufen, und wenn ihre Freundin eines war, dann pünktlich. Während sie auf den Anruf wartete, dachte Silver über das nach, was in den letzten Tagen passiert war. Sie fragte sich, wann sie wohl eine Antwort auf die offensichtliche Frage haben würde – nämlich, was sie mit den Wohnwagen anstellen sollte.

Sie waren verlockend. Sehr verlockend. Die beiden Anhänger waren genau das, was sie schon immer gewollt hatte, und sie boten ihr die Möglichkeit, mit ihrer Firma zu expandieren. Mit den zwanzigtausend Dollar von Drew zusätzlich zu ihren Ersparnissen könnte sie beide Wohnwagen ausbauen lassen und sich die Zugfahrzeuge kaufen, die sie benötigte. Und dann hätte sie immer noch genügend für ein kleines Notfallpolster und ein paar Renovierungsarbeiten unten im Haus übrig.

Ihre Wohnung im Loft-Stil lag im ersten Stock direkt über ihrem Laden. Im Moment nutzte Silver den Laden als Showroom. Auf großen Postern waren Bilder von vergangenen Partys zu sehen, damit potenzielle Kunden sich einen Eindruck davon verschaffen konnten, welche Leistungen Silver anbot. Dazu hatte sie ein paar Tische wie für eine Party eingedeckt. Hier besprach sie mit den Kunden die Getränkekarten und mögliche Extrawünsche. Doch sie glaubte, dass sie noch mehr tun könnte, um auch mit der Ladenfläche Geld zu verdienen.

Ja, mit Drews Hilfe wäre allerhand möglich, dachte sie. Der Preis dafür wäre, dass sie mit ihm zusammenarbeiten und die Gewinne mit ihm teilen müsste. Schließlich wollte er sich nicht in ihre Firma einkaufen, weil er das Geschäft so spannend fand. Ach, es gab so viel, worüber sie nachdenken musste.

Lächelnd nahm sie ihr Handy in die Hand. Noch eine Minute. Sie berührte den Touchscreen, rief den Ordner mit den Fotos von Autumn auf und scrollte durch die Bilder.

Autumn war elf, hatte dunkle Haare und dunkelblaue Augen. Sie sah ihrem Dad sehr ähnlich. Sie war klug, hübsch und liebevoll. Und ja, sie konnte manchmal auch ein kleiner Teufel sein, aber sie war nicht gemein – nur abenteuerlustig.

Silver betrachtete das Kind, das sie und Drew erschaffen hatten, und wusste, dass sie irgendwann in nächster Zeit mit der Wahrheit herausrücken musste. Vor allem, wenn sie beide zusammenarbeiten würden. Nicht, dass sie etwas falsch gemacht hatte. Sie war schwanger geworden und hatte es Drew erzählt. Gemeinsam hatten sie sich für eine Adoption entschieden, und Silver war nach Hause zurückgekehrt, um die richtige Familie zu suchen.

Was Drew nicht wusste, war, dass Silver während der Schwangerschaft eine Freundschaft zu den zukünftigen Adoptiveltern aufgebaut hatte. In den letzten Monaten ihrer Schwangerschaft hatte sie sogar bei ihnen gewohnt, und zwischen Leigh und ihr war ein sehr enges Band entstanden, das bis heute hielt. Drew wusste auch nicht, dass Silver nach der Geburt von Autumn so verwirrt und unsicher gewesen war, was ihre Zukunft anging, dass sie wieder nach Los Angeles gezogen war und noch einmal eine Weile bei Leigh und ihrem Mann gewohnt hatte. Die beiden hatten sich irgendwann scheiden lassen, doch Silver, Leigh und Autumn waren eine Familie geworden. Sie sprachen oft miteinander, besuchten sich gegenseitig, und ein oder zwei Wochenenden im Jahr verbrachten Silver und Autumn allein miteinander.

Die vertrauten Schuldgefühle kamen hoch. Silver unterdrückte sie und sagte sich, dass sie Drew ja nicht wirklich angelogen hatte. Er hatte nicht ein einziges Mal nach ihrem Kind gefragt. Sobald die Entscheidung damals gefallen war, hatte er die Schwangerschaft total vergessen, während Silver die nächsten sechs Monate damit hatte leben müssen. Und darüber hinaus.

Ihr Handy klingelte. Sie hob ab und lächelte. »Hey du.«

»Selber hey.«

Leighs Stimme war voller Zuneigung. Sie war nur zwölf Jahre älter als Silver, sodass sie sich mehr wie Schwestern als wie Mutter und Tochter fühlten.

»Ich habe deine Nachricht wegen der Sache mit den Wohnwagen bekommen«, fuhr Leigh fort. »Was wirst du tun?«

»Ich denke noch darüber nach.«

»Für mich klingt es nach einer guten Gelegenheit.«

»Du meinst, ich soll mit Drew zusammenarbeiten?«

»Wenn er nur Minderheitsgesellschafter ist … warum nicht? Du bekommst die Wohnwagen, musst dir keine Gedanken über ein Darlehen machen und kannst deine Firma so erweitern, wie es dir gefällt.«

»Aber es ist Drew.«

»Zumindest kennst du ihn. Und er hat einen vernünftigen geschäftlichen Hintergrund.«

»Vielleicht ist das gerade das Problem«, murmelte Silver. »Dass ich ihn kenne. Ich weiß nicht, ob wir zusammenarbeiten können oder nicht.«

Sie war damals schrecklich verliebt in ihn gewesen, aber auch noch so unglaublich jung, und eine Liebesbeziehung war etwas ganz anderes als eine Geschäftsbeziehung.

»Kannst du ihm vertrauen?«, fragte Leigh. »Denn ohne Vertrauen geht gar nichts.«

»Darüber muss ich auch nachdenken«, sagte Silver. »Ich müsste ihn ganz neu kennenlernen.«

Leigh lachte. »Das Gute ist, dass er die Wohnwagen bereits gekauft hat. Jetzt muss er sich an deinen Zeitplan halten.«

»So hatte ich das noch gar nicht betrachtet, aber du hast recht. Also, was gibt es bei dir Neues?«

»Ich habe aufregende Neuigkeiten. Zumindest hoffe ich, dass du das auch so siehst.«

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