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Erst Heim, dann Heimat

Als Buch hier erhältlich:

Assimou Touré erzählt hier seine Geschichte: die eines Jungen, der mit fünf Jahren aus Togo nach Deutschland kam und hier eine Heimat fand. Ein Junge, der großes Talent beim Fußball entwickelte, so dass er schließlich bei Bayer Leverkusen spielte, in der deutschen U18-Nationalmannschaft war und für Togo bei der Weltmeisterschaft 2006 auflief. Die Entscheidung, für Togo zu spielen, hat er sich nicht leicht gemacht, war doch Deutschland mittlerweile seine Heimat geworden, vor allem die Region NRW.
Während des Afrika-Cups 2010 in Angola wurde ein Terroranschlag auf die Mannschaft Togos verübt. Assimiou saß mit in dem Bus, neben ihm starben zwei Mannschaftskollegen. Auch ohne dass er selbst verletzt wurde, prägte ihn dieses Erlebnis enorm.
Wie es so oft im Profisport geschieht: Verletzungen machen aus der Karriere ein Auf und Ab. Assimiou fing wieder ganz unten an – in der dritten Liga. Heute arbeitet bei Bayer Leverkusen als Talentscout für Nachwuchsspieler. Scouting mit Feingefühl für Menschen ist sein Motto, denn wie er selbst weiß steht hinter jeder Leistung ein Mensch mit seiner Seele.
Wie er in Deutschland heimisch wurde, wie er sich als Schwarzer Deutscher fühlt: davon erzählt Assimiou Touré offen und eindrucksvoll.
  • Erscheinungstag: 27.09.2021
  • Seitenanzahl: 192
  • ISBN/Artikelnummer: 9783312012374
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Von Togo nach Deutschland

Jungs überleben immer

Man schickte mich los, denn ich war ein Junge. Jungs schickt man auch alleine los, denn die kommen immer an und auch zurück, so die Vorstellung von Afrikanern bis heute. Ein ebenso traditionelles Denken wie, dass ein Sohn in der Familie bleibt und den Namen weiterträgt, während die Töchter stets für andere erzogen werden, weil sie ja irgendwann heiraten und anderen Familien beitreten.

Dieses traditionelle Klischee ist zwar schon lange überholt, aber es steckt noch immer in den Köpfen der meisten Menschen, dass Jungs alles regeln und stets zurückkehren. Darum sieht man in den Medienberichten über Flüchtlinge fast immer nur männliche Flüchtende und extrem wenig weibliche.

Ich war zwar kein Flüchtling, aber ich musste meiner Familie hinterherreisen, die bereits in Deutschland lebte.

Meine Cousine ist eines Nachts in Togo mit einer Petroleumlampe auf ein Plumpsklo gegangen. Plötzlich kippte die Lampe um, lief aus und entzündete die Kleidung meiner Cousine. Kurz darauf stand das gesamte Toilettenhäuschen in Flammen. Meine Cousine erlitt dabei starke Verbrennungen und konnte noch im letzten Augenblick gerettet werden. Ihre Brandverletzungen waren allerdings so stark, dass niemand in Togo in der Lage war, diese zu behandeln. Die Ärzte vor Ort waren massiv überfordert und rieten meiner Familie, nach Europa zu fliegen, um meine Cousine dort behandeln zu lassen. Dank der ärztlichen Empfehlung und auch dank der Tatsache, dass mein Onkel, der ältere Bruder meiner Mutter, in Deutschland lebte, konnte meine Familie die Ausreise beantragen. Meine Cousine bekam einen Therapieplatz und die Ausreise war möglich.

Die zahlreichen Operationen meiner Cousine wurden schließlich erfolgreich in Deutschland vorgenommen. Dadurch fühlte sich meine Familie hier wertgeschätzt und entwickelte ein immer stärker werdendes Gefühl der Verbundenheit mit Deutschland.

Und es entstand der Wunsch, hier Asyl zu beantragen. Als ihr Asylantrag gestellt worden war, wurde meine Familie durch die Behörden getrennt, warum auch immer. Meine Mutter wurde nach Bergneustadt gebracht, eine Tante nach München und meine Cousine mit ihrer Mutter nach Saarbrücken, wo sie weiter behandelt wurde.

Im Flieger

Das war das erste Mal, dass ich in einem Flugzeug mitfliegen durfte. Es war ein sehr besonderes Erlebnis, das ich nie vergessen werde.

Sechs Stunden im Flugzeug: Es war so spannend, andere Menschen dort um mich sitzen zu sehen, ganz nah bei mir. Kaum einer sprach mit dem anderen. Es wirkte so, als würden sie sich fürchten.

Alle sahen so anders aus, anders als wir daheim, und alle trugen komische Kleidung, als wüssten sie, dass es gleich kalt werden würde. Die Klimaanlage war so stark eingestellt, dass es mich fröstelte.

Die nette Frau in Uniform gab mir Speisen und Getränke, die ich nicht kannte, und sie sprach Französisch, womit ich aber nicht viel anfangen konnte. Wir sprachen also mit Händen und Füßen, was ganz gut funktionierte. Auf diese Weise verabschiedeten wir uns auch. Denn als wir in Paris gelandet waren, musste ich in eine andere Maschine umsteigen zu einer anderen Dame in Uniform.

Sie sprach mehrere Fremdsprachen, trotzdem hatte ich keine Ahnung, was sie sagte. Aber sie lächelte und sie roch gut nach Blumen.

Deutschland

Die Reise nach Deutschland war, was vorher keiner ahnte, für meine Familie eine Fahrkarte ins Glück und für mich am Ende auch.

Nachdem sie sich in Deutschland eingefunden hatten, wollte meine Mutter, dass ich ihr folge. Sie erkannte, dass es hier für alle bessere Chancen gab als in Togo. Ein Grund war auch die großartige medizinische Behandlung meiner Cousine, die dafür sorgte, dass ihre Chance auf eine völlige Genesung sehr hoch war. Daraus entstanden eine große Sympathie für Deutschland und der Wunsch, hierzubleiben und mich zu sich zu holen.

Als ich gerade in Togo eingeschult worden war, musste ich also los nach Europa.

Der Wetterrückblick besagt für diesen Tag im Jahr 1993, dass es Temperaturen um fünf Grad hatte, dass es bewölkt war, mit etwas Regen. Wenn ich zurückdenke, ist das auch in meiner Erinnerung so.

Es war November, als ich nach Deutschland kam.

Eine geregelte Ausreise für Bürger Togos war damals und ist bis heute nur unter besonderen Bedingungen möglich. Es war geplant, dass ich gemeinsam mit Bekannten aus Lomé, der Hauptstadt Togos, nach Europa reisen sollte. Doch diese Bekannten machten selbst einen Rückzieher, denn sie empfanden mich als lästigen Ballast. Und so blieb nur, dass ich in Begleitung des Flugpersonals von Air France von Lomé über Paris nach Deutschland gebracht wurde.

Fünf Jahre jung, allein im Flugzeug unter Fremden und es war wirklich kalt. Kälte im Flugzeug, Kälte auf dem Weg ins Heim, die Kälte der Menschen dort und das Wetter.

Tag 1 in Deutschland

Komisches Ding, dieses Deutschland, eigentlich so weit weg und ruckzuck, waren wir doch sehr schnell da. Keine halbe Stunde in der Luft über Frankreich und wir landeten in Frankfurt.

Ich schaute aus dem Fenster und fand das alles sehr spannend. Wassertropfen perlten an der Fensterscheibe hinab und alle wirkten irgendwie aufgeregt im Flugzeug. Dann berührte ich in diesem Flugzeug das erste Mal deutschen Boden. Manche klatschten, was ich auch nicht verstand, und ich schaute nach vorne, ob ich etwas verpasst hätte. Noch bevor das Flugzeug stand, sprangen alle auf und zogen sich etwas Warmes an. Sie mussten schon mal hier gewesen sein und kannten offenbar das Wetter. Das Flugzeug rollte noch und einige fingen an, aus den Ablagefächern über mir ihre Taschen in den Gang zu stellen. Auch komisch, denn es mussten ja alle raus hier und wieso diese plötzliche Panik? Allmählich kehrte wieder Ruhe ein und das Herumgewusel endete, als sie merkten, dass es durch diese Handlung nicht schneller ging.

Sitze leer, Gang voll … komisch, denn ich saß noch ganz gemütlich in meinem warmgesessenen Sitz, während die anderen rumzappelten. Das ist etwas, was ich beibehalten habe: Ich lasse mich nicht vom Stress der anderen anstecken.

Nun waren wir da. Frankfurt, sagte man mir. Immer dieses Frankfurt. War das nun ein Name oder eine Aufforderung, etwas zu tun, wie bei den Leuten im Flugzeug, und sollte ich mich nun freuen oder in Panik geraten? Ich musste auf jeden Fall Pipi machen. Wenn man in Togo Pipi muss und keine Toilette da ist, macht man einfach Pipi am Straßenrand, so wie alle. Anscheinend hatte die Stewardess, so wie man sie nannte, ein gutes Gefühl für Kinder und erkannte, dass ich auf die Toilette musste.

Also führte mich diese Stewardess zur nächsten Toilette, von denen alle fünfzig Meter im Flughafen wieder eine vorhanden war. So viele Toiletten und man weiß eigentlich gar nicht, wo man zuerst Pipi machen soll. Ich nannte es deswegen »Pipiland«, was ich nie vergessen werde. Sehr viel später musste ich lachen, als ich Pippi Langstrumpf im Fernsehen sah und wusste, die war bestimmt auch schon mal in Frankfurt.

Die Stewardess übergab mich fremden Menschen. Sie sprachen Deutsch mit mir und ich verstand sie daher nicht, aber ihr Lächeln und die Gesten sagten mir, dass sie mich abholen sollten und mich zu meiner Mutter bringen würden.

Sie wartete am Ausgang des Terminals auf mich.

Die Freude war riesig und es war so wunderbar, sie in den Armen halten zu dürfen. Heimat ist da, wo Mama ist. Als ich sie in den Arm nahm, bemerkte ich ihren dicken Bauch und sie lächelte mich an. Sie hat eine neue Liebe in Deutschland gefunden und war mit meiner zukünftigen Schwester schwanger.

So gingen wir gemeinsam zum Parkplatz. Dort wartete ein Bekannter meiner Mutter, um uns in das Heim zu bringen, in dem sie wohnte. Denn Mama durfte hier kein Auto fahren, weil sie keinen Führerschein hat.

Frankfurt hieß also diese Stadt. Sie war in der Ferne gut zu erkennen. Wir stiegen ins Auto und der Bekannte legte meine Tasche, die ich eigentlich lieber bei mir behalten wollte, in den Kofferraum. Er setzte sich hinter das Lenkrad und fuhr los. Mama war ja da, um mich an ihr festzuhalten, was sich wunderbar anfühlte. Die Fahrt war leise und das Auto wackelte kaum dabei. Die Straßen waren nicht wie in Togo und obwohl alles, was draußen an uns vorbeizog, so spannend war, wurde ich müde und schlief ein.

Als wir dann endlich in Bergneustadt ankamen, wachte ich auf und hatte Hunger, doch an Essen hatte keiner gedacht und ich spürte die Anspannung von Mama. Ich schaute durch die beschlagenen Fenster des Autos und wischte den Nebel, der die Scheiben bedeckte, vor meiner Nase weg. Alte Häuser mit Steinplatten säumten unseren Weg. Das am Straßenende auftauchende große Haus nannten sie Asylantenheim, direkt neben einem Krankenhaus. Es sah nicht aus wie ein Heim, auch nicht wie ein Zuhause, es wirkte komisch und nicht gastfreundlich. Und nach Essen roch es auch nicht. Als wir durch die Flure des Gebäudes gingen, kamen durchaus unterschiedliche Gerüche aus den Zimmern, doch es war kein Geruch von Essen. Ich hatte noch immer Hunger und war glücklich, als Mama etwas Obst für mich hatte, dass ich in Windeseile verschlang. Dann wurde ich müde.

Es war schön für mich, dass Mama da war und mich ins Bett brachte. Fast so wie in Togo, nur anders. Die Nacht war sehr unruhig. Komische Geräusche, nichts Vertrautes und auch diese Luft, die den Heizkörper verließ, war unangenehm.

Die Menschen im Heim, es waren so viele, und alle befanden sich nicht nur meist in ihren Zimmern, sondern waren auch sonst in sich gekehrt. Keiner feierte, keiner nahm jemanden in den Arm zur Begrüßung, jeder war für sich.

Ich dachte erst, es läge an den anderen Ländern, aus denen sie kamen. Die Reise hierher in die Kälte muss etwas mit ihnen gemacht haben. Lebensfreude und Lachen waren hier ausgestorben. Ich vermisste das sehr. Selbst die kleinsten Anzeichen eines Lächelns von jenen, die mir entgegenkamen, feierte ich.

Später dachte ich oft über diese Situation nach. Über die Menschen, ihre Schicksale und warum sie ihre Heimat verließen. Als Kind verstand ich nicht, warum sie hierher wollten, denn so toll war es im Heim schließlich nicht.

Dieses Deutschland, so dachte ich damals, musste wohl sehr wertvoll sein, wenn man einen Zaun drumherum machte. Dieser Zaun kennzeichnete aber im Grunde nur das Grundstück – das kannte ich aus Togo nicht. Die wenigen Kontakte zu Eingeborenen Deutschlands reduzierten sich auf Beamte und Ärzte. Richtig nett waren sie alle nicht und das Unbehagen wuchs offenbar auf beiden Seiten des Zauns und den Mauern, die uns umgaben. Keine gute Grundlage, um zu bleiben.

Das Essen war nicht so wie in Togo. Es war offensichtlich auch nicht wie in Syrien und auch nicht wie in Ägypten. Man bekam Marken, um Essen zu kaufen, und jeder kochte so gut es hier in Deutschland ging, seiner Kultur und Tradition entsprechend. Es war spannend zu sehen, was die Heimbewohner kochten und wie die Gerichte ihre Herkunft sowie ihre Konfessionen spiegelten.

Damals lernte ich, dass es noch andere Kulturen außer der in Togo gab, in denen ebenfalls die Zubereitung und das Essen zentrale Aspekte des Lebens sind. Das Essen in Togo ist eine sehr essenzielle Angelegenheit und vereint die Menschen in Gastfreundschaft. Doch dort im Heim ging es nur um Ordnung: Ordnung beim Essen holen, Ordnung beim Essen und Ordnung nach dem Essen war zentrales Tagesthema, denn es gab nur eine Gemeinschaftsküche, die von allen genutzt wurde.

Ich glaube, wenn Essen gut bereitet ist, schweißt es zusammen, ist es weniger gut, dann trennt es die Menschen und ihre Seelen leiden, selbst wenn der Teller voll ist.

Die Zukunft eines Menschen entscheidet sich in gewisser Weise auf seinem Teller. Ist das Essen von schlechter Qualität, dauert es nicht lange, bis der Mensch sich selbst so fühlt und agiert. Und genauso kann auch ein einfaches, aber eben gut zubereitetes Mahl das Paradies sein, das am Ende durchaus dazu beiträgt, glückliche und verantwortungsvolle Menschen zu formen.

Während unserer ersten Zeit in Deutschland, die wir wie bereits geschildert im Heim verbrachten, empfand ich neben der Kälte des Wetters auch irgendwie eine gefühlte seelische Kälte. Eine Kälte, die ich nie vergessen werde. Unsicherheit machte sich in mir breit und ich fühlte mich seltsam. Anspannung, Unsicherheit und auch Angst waren den Menschen im Heim deutlich anzusehen. All die, die hergekommen waren wie wir, waren keine Einheit oder geschlossene Gruppe. Jedes Zimmer für sich war ein kleines Land und man bekam oft das Gefühl, im Ausland zu sein, wenn man ein anderes Zimmer betreten wollte. Keiner lachte, keiner sang und die Kinder dort wandten sich anfänglich ab, als sie mich sahen.

Das war in Togo immer anders, denn man freut sich in meiner früheren Heimat, wenn Besuch kommt. Doch der kleine braune Junge kam nicht zu Besuch nach Deutschland, er wollte mit Mama bleiben und das nicht nur, bis die Cousine wieder genesen sei – auch wenn Oma in Togo auf uns wartete. Und genau das schien Stress auszulösen, denn zu dieser Zeit waren meine Mutter und ich die einzigen Menschen aus der Afrikanischen Union im Heim Bergneustadt. Kein anderer mit brauner Haut lebte dort, nur wir, während meine Cousine im Saarbrücker Krankenhaus behandelt wurde.

Bei meiner Ankunft damals in Frankfurt bekam ich das erste Mal in meinem Leben eine wärmende Jacke – von meiner Mutter. In Togo brauchte ich nie eine Jacke, weil mich dort ständige Wärme umgab. »Togo« und »Deutschland« waren damals für mich einfach nur Worte wie viele andere und ich verstand noch nicht ihre Bedeutung. Ich lebte, wie alle Kinder in dem Alter: emotional und auf persönlich gefühlte Einflüsse reagierend.

Meine Kindheit in Togo war rückblickend großartig, denn wir konnten spielen, toben und fast alles tun, was uns Freude bereitete. Sehr schön war auch, dass sich alle Zeit nahmen, wenn wir jemanden brauchten, mit dem wir reden konnten. Immer war ein Familienmitglied oder auch die Nachbarn in der Nähe, falls wir uns verletzt hatten oder Hunger bekamen. In Togo kann man überall hineingehen und bekommt Essen oder ein Pflaster. Alle Erwachsenen hörten uns zu und gaben uns nie das Gefühl, dass wir ihnen auf den Nerv gingen, auch wenn das gewiss öfter mal so war. Es war eine große Freude dort in Togo, an die ich mich noch gerne erinnere.

Auch das formt Heimat in einem Menschen: Freude zu empfinden, Glück und die eigene Mitte zu finden. Das Wort »Heimat« löst in mir nicht mehr so ein Gefühlswirrwarr aus wie zu Beginn meiner Reise, als ich dessen Bedeutung lernte und versuchte, seelisch zwischen Togo und Deutschland hin- und herzuspringen. Denn man muss sich ja auch irgendwo zur Selbsterklärung festmachen, um seine Position zu finden. Auch wenn meine Familie einst aus Togo kam und wir dort Wurzeln haben, die uns Halt geben, ist Deutschland nun meine Heimat, die ich auch in mir selbst gefunden habe und die mich definiert. Ist man länger woanders, wird man dort heimisch.

Für ein Kind waren all diese komplexen Begriffe wie »Afrika« oder »Heimat« und »Herkunft« nicht greifbar. Das große Glück als Kind ist, dass man sich mit den unangenehmen Dingen der Welt in der Regel nicht belasten muss, denn das machen ja die Erwachsenen und reden nicht viel mit den Kindern darüber, um sie so lange wie möglich vom Ernst des Lebens fernzuhalten. Sie halten es aus, ganz für sich und machen das Beste draus. Man könnte das wohl Welpenschutz nennen. Sicherlich gibt es auch Eltern, die versuchen, diese Untiefen mit ihren Kindern zu besprechen, aber das funktioniert erst ab einem gewissen Alter.

Die meisten Afrikaner, die nach Deutschland kamen, hatten vor, einige Jahre zu bleiben, um dann mit gefüllten Taschen als erfolgreiche Menschen heimzukehren. Bei meiner Familie und mir war der Plan ein anderer, denn es ging in erster Linie um die Genesung meiner Cousine und um den Familienzusammenhalt. Es gibt jedoch etwas, das die meisten vergessen, wenn sie diesen »Europa-Drei- bis Fünfjahresplan« im Kopf haben. Sie vergessen die sozialen Beziehungen. Jeder baut in seiner neuen Umgebung automatisch neue Beziehungen auf, die natürlich Emotionen hervorrufen. Emotionen positionieren einen Menschen in seiner sozialen Umgebung.

Das bedeutet, wenn du hier bist, integrierst du dich in neue Netzwerke und baust gleichzeitig jene ab, die du daheim in Afrika hattest. Das gilt aber überall auf der Welt.

Dieser ganz organische Vorgang sorgt für eine »Umverteilung« des Heimatgefühls, denn du bist daheim, wo man dich liebt, dort wo du selbst lebst und wo man dich wertschätzt.

Aus diesen Emotionen entstehen neue Situationen, neue Verbindungen, Beziehungen und Familienstrukturen, weil wir Menschen Herdentiere sind. Es ist uns angeboren, in der Sozialität zu sein und uns weiterzuentwickeln. Und diese zwangsläufige Dauerentwicklung eint und trennt zugleich.

Womit man zunächst nicht rechnet, ist, dass man beim längeren Leben in Deutschland auch deutscher wird und die Eigenarten dieses Lebensstils unweigerlich in sich aufsaugt. Es folgt, dass man das alles sehr zu schätzen weiß und man vergleicht und abzuwägen beginnt. Damit muss man sich abfinden, und leicht ist das nicht: so ging es mir zumindest. Man kämpft mit sich, während man sich kulturell Stück für Stück vom Afrikaner verabschiedet, um Deutscher zu werden. Diese Metamorphose ist schmerzlich und macht etwas mit einem. Man kann sie nur zulassen, wenn man hierbleiben möchte und darf, wenn man eine Aufenthaltsgenehmigung bekommt, die das ermöglicht.

Dabei ist das Möchten essenziell und führt zum Dürfen – ich denke, man muss hier leben wollen und das Leben hier mit Freude leben, und wenn man dann die passenden Papiere für das Dürfen bekommt, kann nichts mehr schiefgehen. Fühlt man das nicht – also möchte man gar nicht zu hundert Prozent hier leben – folgt ein böser Kampf mit noch böseren Nebenwirkungen, weil das eine Schwebesituation erzeugt. So oder so bringt es natürlich großes Unbehagen mit sich, nicht zu wissen, was morgen ist.

Man kann anderen Menschen niemals die eigene Kultur aufpfropfen und hoffen, dass dieser erzeugte Zwang Früchte treibt. Menschen können eine neue Kultur nur für sich selbst entdecken und freiwillig Gefallen finden am Neuen und Anderen. Zwang erzeugt Gegenwehr und Ablehnung. Das ist das eine Problem bei der Migration. Das andere ist die Ungewissheit: Besteht über jeden nächsten Tag Ungewissheit und ist die Zukunft nicht greifbar, folgt oft Resignation.

Togo – Deutsch-Süd-West

Togo war einst ein deutscher Kolonialstaat bis zu Beginn des Ersten Weltkriegs. Wie ich als Erwachsener lesen konnte, war nicht alles so ganz toll zu dieser Zeit. Die Einheimischen waren quasi rechtlos und natürlich hat Deutschland Raubbau an den Ressourcen des Landes betrieben. Und auch wenn wir Deutschen damals in Togo größere Anstrengungen im Bereich des Schul- und Gesundheitswesens unternahmen, als es in anderen kolonialisierten Gebieten anderer Länder der Fall war, trennte man auch dort streng zwischen Schwarz und Weiß.

Allerdings macht die Liebe vor keiner Hauttönung halt. Und so wurden die Nachfahren dieser eigentlich strengen Rassentrennung immer heller in ihrem äußeren Erscheinungsbild und sind noch heute Zeuge von diesen menschlichen Verbindungen. Man erkennt sich in Togo und man sieht bereits an verschiedenen Hautfarben, ob der Mitbürger aus Nord-Togo stammt, aus der Mitte oder aus den südlichen Küstenregionen, wo die Liebe zwischen den Besatzern der Kolonialzeit und den Einwohnern mehr hellhäutige Togolesen erzeugte als im übrigen Staat. Obwohl diese zweibeinigen Früchte des Glücks selten als rechtmäßige Kinder der deutschen Besatzer anerkannt wurden, standen ihnen mehr Rechte zu als jenen, die dunkelbrauner waren. So katalogisierte man Rechte nach der Hauttönung und ordnete Menschen entsprechend ein, was sich in den Köpfen bis heute verankerte.

Eines hinterließen die Deutschen in der Seele Togos: ihren Nimbus für Qualität und Stil. Die Menschen in Togo nahmen sie als Vorbild, trotz der Fremdregierung. Vielleicht war es auch das bekannte Stockholmsyndrom, in dem der Entführte irgendwann beginnt, seine Peiniger zu lieben – dadurch, dass man sich besser kennenlernt und die Beweggründe nachvollzieht, selbst wenn diese falsch sind. Auf jeden Fall gab es viele, die den Stil der Deutschen und der damaligen Zeit als Standard, als Maßstab annahmen – auch weil es keine Alternativen gab, an denen man sich hätte orientieren können. Im alten Togo zur Zeit des Kaisers kleidete man sich selbst am Strand nach Mode der Kolonialzeit, separierte Damen von Herren und war vornehm. Hitze war kein Thema, Etikette war das Wichtigste, ebenso wie eine stets adrette und der Situation angepasste Kleidung. Saubere Kleidung und ein gepflegtes Äußeres waren die Attribute der aufsteigenden Bevölkerung des vermeintlich modernen Togos. Auch das trennte den Städter Togos von der einfachen Landbevölkerung, die für Nahrungsmittel im Norden sorgte und auf den Feldern schuftete, damit der Export nach Deutschland gut funktionierte.

Deutsch sein wurde damals in Togo beliebt, trotz der Fremdherrschaft. Man hatte sich an diese deutschen Strukturen gewöhnt und arrangierte sich zwangsläufig, wie auch in anderen kolonial verwalteten Regionen Afrikas durch das Deutsche Reich des Kaisers. Und so litt man in Togo Höllenqualen, als die Briten mit den Franzosen große Teile des Landes eroberten und verwalteten. Diese neuen Herren nahmen, was sie konnten. Ungeordnet und sehr viel imperialer als die Deutschen, so erzählen es einige Alte, die den Schrecken mit ihren Geschichten deutlich machen. Togo hatte als kolonisiertes Land keine große Bedeutung für Frankreich, außer als Lieferant für Rohstoffe der französischen Küche. Doch durch die rudimentäre Verwaltung funktionierte der Export nicht sonderlich gut. Die von den Deutschen erschaffenen Strukturen wurden nicht übernommen, es sollte neue erschaffen werden, was aber von eher wenig Erfolg gekrönt war.

Kultur und Kunst Togos waren für Frankreich nicht akzeptabel und daher sozusagen nicht vorhanden. Die Deutschen hingegen – so erzählen es zumindest die Alten in Togo – ließen leben, ließen musizieren, ließen die Togolesen ihre Ahnen feiern. Die Deutschen nahmen einige Menschen aus Togo als lebende Beweise imperialer Macht mit nach Berlin, um zu zeigen, wie groß und kulturell Togo war, dass nun Deutschland gehörte. Jene, die damals mitgenommen wurden wie Andenken, gingen nicht immer unter Zwang. Zahlreiche Togolesen arbeiteten auch zu jener Zeit ganz regulär in Deutschland.

Aus all diesen Gründen war die emotionale Bindung an Deutschland größer als die an Frankreich oder England und so hat sich meine Familie für Deutschland entschieden, weil man die Deutschen schätzte und Gutes vermutete.

Irgendwann wehrte sich das Volk gegen die Imperialisten, die durch den Schwund der erbeuteten Ressourcen und der Suche nach neuen Quellen des Reichtums immer größeren Druck gegenüber der Bevölkerung aufbauten. Viele Menschen fielen diesen respektlosen Vorgängen zum Opfer und werden nie vergessen sein. Als Togo 1960 seine Unabhängigkeit feierte, war nicht mehr viel da, was man brauchen konnte, und es begann eine Phase des Aufbaus, der nur in Zeitlupe vonstattengehen konnte, während die Welt an Togo vorbeiraste.

Meine Zeit im Heim

Kurz vor der Geburt meiner Schwester sollte ich zu einer Gastfamilie, weil Mama ins Krankenhaus zur Entbindung musste und niemand im Heim da war, der auf mich aufpassen konnte. So schickte man mich in eine fremde Gastfamilie außerhalb des Heimes. Ich wurde in dieser Gastfamilie großartig empfangen und behandelt, als sei ich ihr Kind. Das war richtig schön, denn der Hof des Hauses und der Garten waren geradezu dafür geschaffen, um dort zu spielen, und gaben mir das Gefühl von Freiheit.

Dennoch vermisste ich in dieser Zeit meine Oma in Togo, denn sie war bisher immer da für mich, und die Augenblicke häuften sich, in denen ich an sie dachte. Als meine Mutter mit meiner Schwester zurück ins Heim kam, ging es auch für mich wieder dorthin. Ich freute mich, meine Schwester zu sehen und durfte auch fortan im Heim auf sie aufpassen. Noch heute erinnere ich mich an den Geruch im ersten Heim, denn es roch nie wirklich lecker dort, und ich musste wieder an Omas Worte denken. Sie erweiterte meinen Horizont. Sie brachte mir bei, dass alles, was gut rieche, gut sei und Kinder von allem anderen besser die Finger lassen sollten. Doch ich stand mittendrin in diesem schlechten Geruch aus dem es kein Entrinnen gab. Nach einiger Zeit wurde das alte Heim abgerissen und wir wurden in neue Wohnheime verteilt.

Mit all diesen Eindrücken versuchte ich in den kommenden Monaten Freundschaften zu schließen, was im neuen Wohnheim einfacher war als im alten. Und ich habe in dieser Zeit viel gelernt und die Menschen beobachtet, die gekommen waren, um zu bleiben.

Ich hörte damals immer öfter das Wort »Struktur«. Ich konnte es kaum aussprechen und dachte, dass ich auf ewig mit diesem Wort auf Kriegsfuß stehen würde. Und doch wurden dieses Wort und sein Inhalt bald zum Leitfaden meines Lebens. Eine Struktur, d. h. einen Plan für den Tag und die nächste Zeit zu haben, zog mich aus der größten Scheiße heraus, wie einst dieser Münchhausen, der sich der Erzählung zufolge selbst am Schopfe aus dem Sumpf zog. Heute weiß ich, dass dieser verrückte Film mit dem Ritt auf der Kanonenkugel eine gut ausgeschmückte Metapher ist, die einem durchaus als Leitfaden dienen kann. Es bedeutet: Du kannst dir nur selbst helfen und wenn du zu schnell unterwegs bist, kann es sein, dass du irgendwo landest, wo du nicht hinwillst.

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