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Erstens kommt es anders

Als Buch hier erhältlich:

Als Seniorin Maggie an die Tür der WG in Berlin klopft glauben Studentin Carla und ihre Mitbewohner noch an ein Versehen. Doch schnell stellt sich heraus, dass es sich bei Maggie um die Vermieterin der Wohnung handelt, die beschlossen hat, das freie Zimmer in der WG selbst zu beziehen. Den Studenten bleibt gar nichts anderes übrig als sich den Wünschen der Seniorin zu beugen und so sind sie fortan den Anforderungen der rüstigen Dame ausgeliefert. Maggie kommt aus einer anderen Generation und so einiges was in der WG vorgeht, erschließt sich ihr nicht. Wozu muss man seinen Alltag auf Instagram streamen, warum ist es wichtig, für den Klimaschutz zu demonstrieren und warum fühlen die jungen Leute sich so verloren. Und während Carla und ihre Freunde ihren Weg im Leben suchen, sucht Maggie eine Möglichkeit sich aus dem Leben zu verabschieden.


  • Erscheinungstag: 27.12.2023
  • Seitenanzahl: 304
  • ISBN/Artikelnummer: 9783749906024
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. AKT

Sie haben ihre Füße viel zu lang unter Tische stellen müssen, die sie sich so nie ausgesucht haben.

»Es wird Zeit für einen neuen Tisch!«, ruft Carla.

»Darauf stoßen wir an!« Tristan lässt den Korken knallen, während Wolfi die Gläser bereithält.

CARLA

Babys haben die Angewohnheit, so zu tun, als wären sie ein Oktopus, sobald man ihnen einen Strampler anzieht. Lisa-Marie ist da keine Ausnahme. Trotzdem versucht Carla tapfer, ihre weichen, speckigen Beine in den altrosa-weißen Stoff zu verpacken. Das Mädchen scheint sie dabei mit seinen großen Knopfaugen herausfordernd anzustarren, oder bildet Carla sich das nur ein? Ihre Unfähigkeit im Umgang mit Menschen, die noch nicht laufen und sprechen können, ist ein offenes Geheimnis. Deshalb will sie auch keine eigenen Kinder kriegen. Aus einer Zucchini wird schließlich auch nie eine richtige Nudel. Manchmal muss man sich einfach mit seiner Bestimmung abfinden.

Da Lisa-Maries Mutter nicht viel davon hält, ihre Gäste nutzlos herumstehen zu lassen, muss Carla ihr Können am Wickeltisch bei jedem einzelnen Besuch beweisen. Heute scheint ihre Schwester Emilia so unzufrieden mit ihrer Performance an der Baby-Einpackstation zu sein, dass sie ihr den Strampler einfach wortlos aus der Hand nimmt. Innerhalb kürzester Zeit hat Emilia ihre Tochter frisch gewickelt und sie obendrein zum Lachen gebracht. Dass Emilia nur drei Jahre älter ist als Carla, aber so viel besser mit Babys umgehen kann, nimmt Carla sich nicht zu Herzen. Sagt sie. Genauso wenig nimmt sie sich zu Herzen, dass Emilia ein bereits rundum zweckmäßiges Leben mit Haus, Mann und Neuwagen hat. Im Gegensatz zu ihr.

Wäre ja auch gar nichts für mich, dieses Leben.

Außer der Sitzheizung im Auto. Die genießt Carla manchmal schon, wenn auch heimlich.

»Essen ist fertig!« Emilias Mann Fabian hat mal wieder das Steuer in der Küche übernommen und das Mittagessen für alle zubereitet. Erleichtert atmet Carla auf und freut sich darauf, dieser vermasselten Prüfungssituation zu entgehen. Als wäre ihr Gefühl der Demütigung nicht schon groß genug, klopft ihre Schwester ihr mitleidig auf die Schulter: »Übung macht den Meister!« Dass sie mit diesem vermeintlich netten Zuspruch wartet, bis sie Publikum in Form ihrer stolzen Eltern und Fabian hat, hat natürlich rein gar nichts mit Profilierung zu tun. Boden, tu dich auf. Als Proviant für den Weg ins Nirgendwo packt Carla sich nur noch schnell eins von Fabians gerollten Weinblättern ein. Oder vier.

»Her mit euren Tellern!« Fabian verteilt Essen an alle, während Carla sich müde vom Scheitern an der Windelfront auf den Stuhl fallen lässt. Nebenbei streichelt er seinem Kind sanft über den Kopf und gibt Emilia einen Kuss auf die Wange. Zum Kotzen findet Carla so was. Ihre Eltern hingegen seufzen gerührt, um sich kurz darauf Carla zuzuwenden.

»Ist der Jan eigentlich noch aktuell?«, fragt ihre Mutter und meint eigentlich: »Bitte sag, dass der Jan nicht mehr aktuell ist.« Er passt mit seiner scharfen grünen Einstellung und dem Altersunterschied von zehn Jahren nicht unbedingt in das von ihr gemalte Wunschbild von Carlas Zukunft. Für ihre Mama sind zehn Jahre bereits ein halbes Leben. Bei ihr hört es sich manchmal an, als würde ihre Tochter spätestens in fünf Jahren einen Rentner pflegen, wenn sie mit Jan zusammenbleibt.

»Doch, ist er, Mama«, antwortet Carla deshalb nur trocken.

»Und warum bringst du ihn dann nicht mal wieder mit?«

Sie stöhnt genervt: »Weil ihr euch ihm gegenüber total unmöglich und peinlich verhalten würdet.«

Das stimmt zwar, aber auch nur halb. Carla hat Jan schon gefragt, ob er nicht beim Essen dabei sein will. Wie auch die letzten fünf Male, aber er hat darauf keine Lust.

Carla reicht Fabian den Teller: »Ich will so viel, wie draufpasst.«

Ihre Mutter hüstelt verlegen. Ach, Mensch, in ihrer Familie geben sich alle so unendlich viel Mühe zu vergessen, dass sie seit Generationen aus einem Arbeiterhaushalt stammen. Dabei ist es das Einzige, was Carla sympathisch an ihnen findet. Ihre Eltern wollen zu den Aufsteigern gehören, aussehen wie eine lächelnde Familie auf einem Siebzigerjahre-SPD-Plakat und dabei heimlich CDU wählen. Wenn sie denn wählen gehen und nicht gerade etwas Spannendes im Fernsehen kommt.

Fabians polierte Rolex passt ihnen gut ins Bild. Carlas Vater hilft ihm beim Verteilen des Essens und klopft seinem Schwiegersohn anerkennend auf die Schulter, ungeachtet dessen, dass er dabei die auf der Kelle klebenden Reisreste im Raum verteilt: »Das hast du toll angerichtet. Ein Festessen wie im Sunset Lux!«

Das Sunset Lux ist für Carlas Eltern das Go-to-all-inclusive-Hotel auf Malle und der Grund dafür, dass sie dreihundertfünfundsechzig Tage im Jahr wie frisch gebrannte Mandeln aussehen. Mindestens viermal im Jahr fliegen sie für neunundzwanzig Euro neunundneunzig von Schönefeld nach Palma. Das Hotelpersonal nennt sie beim Vornamen.

In Fabian hat das Paar den perfekten Vorzeigeschwiegersohn für Freunde und die paar Familienmitglieder gefunden, die sie vielleicht zweimal im Jahr sehen. Und auch nicht, weil man sich mag, sondern weil man nicht eine dieser kaputten Familien sein will. Fabian ist einer dieser Väter, die einen mit Babyfotos zuspammen wie ein Bot. Und hat eine eigens dafür vorgesehene WhatsApp-Gruppe erstellt.

»Es tut so gut, endlich eine richtige Familie zu sein. Und Emilia wirkt so viel strahlender, seit sie Mutter geworden ist. Ich fand sie ja schon immer attraktiv, aber seit der Schwangerschaft …« Wenn Fabian erst einmal anfängt zu reden, kann man die Beine hochlegen und sich auf Wartezeit gefasst machen.

Die Unsicherheit in Carla checkt derweil den eigenen unvollkommenen Attraktivitätsgrad aufgrund fehlender Mutterplakette ab. Ein Blick zu Emilia verrät, dass ihre Haut tatsächlich reiner ist, ihre Haare mehr glänzen, und größere Brüste hatte sie schon immer. Carla hatte gedacht, sie würde ihre Schwester irgendwann einholen in Bezug auf Weiblichkeit und Schönheit. Den Fehler, zu denken, hat sie schon oft gemacht.

»Dafür hast du eine schöne Handschrift!«, hat Emilia ihre Schwester einmal liebevoll getröstet, als sie diese Zweifel mit ihr teilte. Einmal und nie wieder. Die Margarete Stokowski in Carla ruft sie zur Vernunft, sie solle sich nicht so auf Äußerlichkeiten beschränken.

Auch als sie mit dem Essen anfangen, spricht Fabian unablässig weiter. Er spricht davon, gesellschaftlich neues Ansehen und eine vorher nicht da gewesene Ernsthaftigkeit erlangt zu haben. Jetzt erst zu verstehen, was richtige Sorgen sind. Carlas Eltern nicken eifrig. Hauptsache, sie sind beschäftigt und ersparen ihr einen Fragenhagel in Bezug auf Studium, Familienplanung und anderweitig zu erbringende Leistungen.

»Ein Kind zwingt einen, selbst kein Kind mehr zu sein«, ergänzt Emilia mit gespitzten Lippen. Sie schneidet ihr Fleischbällchen tatsächlich erwachsener, als sie es früher getan hat. Das Messer gleitet lautlos über den Teller, ihr Rücken wirkt wie an ein Lineal getackert: »Außerdem wurde es höchste Zeit für uns.« Darf Carla das als Anspielung auf Jan und sie verstehen? Muss sie alles im Leben genauso wie ihre Schwester machen, wenn sie es gut machen will?

Zumindest sieht ihre Schwester sie gerade an, ihre Augen werden dabei immer schmaler und scheinen sie zu fokussieren: »Schmeckt es dir nicht?«

»Doch, sehr lecker.« Carla muss nicht einmal lügen. Fabian ist eben wirklich ein guter Koch und sowieso perfekt. Jan kriegt zwar immerhin eine Hummusstulle hin, aber dafür verbringt er seine Zeit lieber mit Büchern als in der Küche. Carla kann ihm kaum übel nehmen, dass er keine Lust auf ihre Familie hat. Sie ja auch nicht.

»Weißt du, der Fabian, der hat nämlich extra was Veganes für dich gekocht.« Emilia spuckt das Wort »vegan« so abfällig aus, als wäre es Gülle.

»Hat er wirklich?!«, fragt ihre Mutter und schaut ihn an, als hätte er dafür einen Nobelpreis verdient. Carla schenkt ihrer Schwester zum Dank für ihre nie enden wollenden Sticheleien in Bezug auf ihre Ernährungsweise und überhaupt alles, was sie betrifft, nur ein falsches Lächeln. Die beiden hatten noch nie ein gutes Verhältnis zueinander. Nicht mal auf Fotos.

Carlas Vater merkt nichts von den Disharmonien am Tisch. Er strahlt treudoof in die Runde und hört damit auch nicht auf, als sich in Lisa-Maries Gesicht plötzlich eine anhaltende Spannung abzeichnet. Das Gesicht des jüngsten Familienmitglieds zieht sich zusammen wie die Öffnung eines Turnbeutels, und sie gibt einen angestrengten Laut von sich. Konzentriert fokussiert Lisa-Marie die Wand vor sich und knallt mit einer Faust gezielt auf das Tischchen ihres Kinderhochstuhls. Damit ist sie entladen oder besser gesagt ihr Darm. Das waren einmal frische Windeln, in denen Lisa-Marie vor wenigen Sekunden noch gesteckt hat. Zwar entkrampft sich ihre Gesichtsmuskulatur kurzzeitig, doch spannt sie sich auch direkt wieder an, um Tränen hervorzupressen. Fabian springt auf und schnappt sich die Kleine: »Da hat jemand eine sehr gute Verdauung! Ich übernehme den Schlingel und ihr lasst es euch schmecken. Die Pause habt ihr verdient.«

Behände packt er die Kleine und verschwindet aus dem Raum. Emilia schaut ihm mit sanftem Lächeln hinterher: »Er kann so gut mit Kindern …«

Ist Feiertag des Zaunpfahls, oder bildet Carla sich das unablässige Winken damit nur ein? Heute kann sie es wirklich kaum erwarten, sich auf den Heimweg zu machen. Carla gönnt ihrer Schwester das Familienglück ja wirklich von Herzen, diese Liebe und den übermäßigen Kontakt mit flüssigen Aggregatzuständen. Aber sie fühlt sich davon auch etwas gehetzt. Seit einer gewissen Zeit verspürt sie einen latenten Druck aus der Richtung ihrer Familie in Bezug auf ihre Familienplanung. Carlas Tante hat ihr beim letzten Besuch kommentarlos eine Schwangerschaftshose geschenkt. Dabei will Carla keine Kinder, sie will arbeiten, reisen, ihre Definition vom Leben leben. Nur hätte sie dann wohl keine Frau werden dürfen.

»Wie lange willst du eigentlich noch in dieser Wohngemeinschaft bleiben?« Emilia geht in die nächste Runde. »Also, ich könnte das ja nicht. Selbst Jascha ist doch mittlerweile ausgezogen, und der ist weiß Gott nicht der Schnellste.«

Jascha ist ihr Cousin. Carla und er haben die letzten drei Jahre gemeinsam in einer WG gelebt, doch letzten Monat ist er zu seiner neuen Freundin nach Kiel gegangen. Morgen zieht seine Nachfolgerin ein, auf die Carla schon sehr gespannt ist.

Einer spontanen Eingebung folgend, schaut sie auf ihr Handy.

»Oh nein! Lulu hat sich ausgesperrt, ich muss zu ihr und sie reinlassen.« Andere Menschen haben Exitstrategien für schlecht laufende Dates. Carla hat Exitstrategien für Familienbesuche.

»Na, eine halbe Stunde wird das Mädel ja wohl noch warten können.« Ihre Mutter wischt sich mit der Serviette über die fettig glänzenden Lippen.

»Sie wartet schon eine Stunde!« Carla steht auf. Sie schwindelt nicht gern, aber bei der Familie ist so eine Notlüge zum Erhalt des eigenen geistigen Wohls schon mal drin. »Tut mir wirklich leid, keine Umstände. Bleibt einfach sitzen und habt noch einen schönen Tag.«

Carla räumt ihren erst halb leer gegessenen Teller in die Küche, obgleich ihr noch knurrender Magen das nur schwer verzeihen will. Sie gibt jedem einen Kuss auf die Wange und vermeidet den Blick in ihre urteilenden Gesichter. Eilig dreht sie sich um und verschwindet im Flur, schlüpft schnell in die ausgelatschten Docs, die Jeansjacke und greift nach dem Demo-Schild, das sie im Flur abgelegt hat. Heute Morgen erst hatte sie es in Windeseile gebastelt und beschriftet, bevor sie zum Brandenburger Tor aufgebrochen war. Da fand Carla die Sprüche noch lustig. »Der Planet ist hotter als mein Boyfriend« steht auf der einen und »Make Love not CO2« auf der anderen Seite des Plakats. Jetzt gerade hat Carla echt genug von zu viel Love.

TRISTAN

Sein Onkel riecht immer ein bisschen nach Wurststulle. Tristan rümpft angeekelt die Nase. Selbst wenn der Mann ein Jackett trägt und von Weitem herausgeputzt zu sein scheint, erkennt man aus der Nähe den körperlichen Verschleiß aufgrund vernachlässigter Körperpflege. Die Haare wachsen so weit aus seinen Ohren heraus, dass man daraus Zöpfe flechten könnte, wären sie nicht von Schmalz verklebt. Während Tristan versucht, bei diesem Anblick seinen Mageninhalt bei sich zu behalten, wird er von hinten überfallartig angesprungen. Es sind Schwanzl und Schnauzerl, die beiden Rauhaardackel seiner Oma.

»Damit sich die Scheidung vom Opa gelohnt hat«, stellte sie ihm die beiden Hunde vor ziemlich genau einem Jahr vor und meinte dabei, mit einem Augenzwinkern über den Schmerz in ihrer Stimme hinwegtäuschen zu können. Tristans Opa hat sie durch seine jahrelange Affäre ersetzt, die im Gegensatz zu Schwanzl und Schnauzerl vermutlich kein lästiges Winterfell auf der Matratze verliert.

Tristan kann nicht lange mit den Hunden spielen, da zerrt auch schon eine Kinderhand an ihm. Er soll entscheiden, ob die Farbe des zum Bällebad umfunktionierten Pools eher Kermitgrün oder Grinchgrün ist.

»Das ist ganz klar ein Olchigrün! Seht ihr das nicht?«

Tristans Cousin Fridolin und dessen beste Freundin Mia scheinen mit seiner Antwort nicht zufrieden zu sein. Sie versuchen, ihn mit einem angefressenen Schokoriegel zu bestechen, doch Tristan bleibt bei seiner Meinung, deshalb rennen sie weiter zum nächsten Partygast, um ihre Überzeugungskünste an dem auszuprobieren. Vielleicht werden später einmal Lobbyisten aus den beiden.

Anlass der heutigen Familienfeier ist der zehnte Geburtstag von Cousine Fritzi, die betont, damit im »zweistelligen Bereich« angekommen zu sein. Wo auch immer Fritzi diese Formulierung aufgeschnappt hat, sie wendet sie bei jeder sich bietenden (und nicht bietenden) Gelegenheit an.

Tristan blickt auf seine Handyuhr. Wenn seine Mutter und Schwester langsam kommen und die Familienquote erfüllen würden, könnte er sich endlich verdrücken. Wie üblich bekommt seine Mutter es nicht auf die Reihe, pünktlich zu sein. Sie ist auch der Grund dafür, dass Pfeffi selten rechtzeitig in der Schule ist. Ihr voller Name ist Pfefferminza.

Keine Ahnung, was unsere Eltern damals gesoffen haben.

Tristan hat lange versucht, seiner Schwester einzureden, dass das ein toller Name sei: »Du wirst nie jemanden in der Klasse haben, der so heißt wie du!«

Doch natürlich wiegen die Mobbereien von Klassenkameraden schwerer als die Einschätzung eines großen Bruders. Erst recht, wenn man erst dreizehn ist.

»So langweilig?« Die Organisatorin des Nachmittags stellt sich an Tristans Seite und deutet auf das Handy in seiner Hand.

Vom koketten Bubikopf bis zum kleinen Schwarzen: Alles an ihr erinnert an die mondänen Zwanziger. Alles, bis auf das Stück Benjamin-Blümchen-Torte auf ihrem Teller, den sie gerade auf einem Stehtisch abstellt: »Ich bin Tara.«

»Tristan.« Ihre Hände treffen sich, ihre Blicke noch länger.

Tara ist die Patentante von Fritzis bester Freundin Lotte. Die beiden feiern zusammen.

Natürlich wäre niemand aus Tristans Familie auf die Idee gekommen, Fritzi einen so kindgerechten Geburtstag zu gestalten. Ihr überhaupt einen Geburtstag zu gestalten, wäre schon zu viel verlangt. Die Verhältnisse in Tristans Familie sind eindeutig geklärt: Man geht sich nicht unnötig auf die Nerven, jeder lebt sein Leben allein oder wahlweise mit seinen Haustieren.

Lotte scheint nicht nur nette Eltern zu haben, sondern auch eine charismatische Patentante namens Tara. Tara hat gemeinsam mit dem Patenonkel die Gartenparty in großem Stil geplant. Dass sie Fritzis Familie mit eingeladen haben, dürften sie spätestens seit dem Auftritt von Onkel Jörg bereuen. Tristans Mutter beschreibt Onkel Jörg als »einen Mann vom alten Schlag«. Was nicht weniger heißen soll als rechtsradikal. Zur Feier des Tages hat Onkel Jörg sich seine halbe Sammlung Eiserner Kreuze an die Brust geheftet, die die Erwachsenen vor den Kindern als Ritterkostüm verkaufen. Aus reiner Neugierde will Tristan seine linke und grüne Mitbewohnerin Carla mal mit Onkel Jörg an einen Tisch bringen. Nur um zu sehen, was passiert.

Auch der Rest von Tristans Familie hebt sich von der restlichen Feiergesellschaft ab. Lottes Familie unterhält sich über Aktien, Tristans Familie über die aktuellen Schnäppchen bei Aldi. Wenn sie sich überhaupt unterhalten, anstatt heimlich Essen vom Büfett in Tupperdosen zu füllen. Umso höher rechnet Tristan Tara ihre Menschenkenntnis an und dass sie ihn inmitten dieses Haufens als den einzig Intelligenten ausgemacht hat.

»Noch nie hat jemand die Gestaltung einer Familienfeier so ernst genommen wie du, oder?«, bemerkt Tristan mit schelmischem Grinsen. Tristan hat noch keinen Kindergeburtstag erlebt, einen eigenen sowieso nicht, der auch nur annähernd so detailverliebt und sorgfältig ausgeschmückt war. »Sieht wirklich toll aus«, fügt er hinzu.

»Das Kompliment nehme ich gern an.« Tara berührt wie beiläufig Tristans Arm. Er mag Frauen, die keine Freunde falscher Bescheidenheit sind. Tara beschreibt ihm ihre Arbeit der vergangenen Wochen. Die kurzen Telefonate mit den Partydekogeschäften stellt sie als »Telkos« mit »Partnerunternehmen« dar. Die drei Kilo Konfettibestellung umschreibt sie als »detailreiche Raumgestaltung«, und sie erzählt von der »Cateringplanung« und schwärmt von den »vielseitigen Häppchenvariationen«, an denen er sich unbedingt bedienen müsse.

»Das klingt nach Kaviar anstelle von Fischstäbchen und Mousse au Chocolat anstatt Dr.-Oetker-Tütenpudding.« Tristan hebt eine Augenbraue.

»Ich bin doch kein Unmensch. Das ist ein Kindergeburtstag!« Tara lacht laut auf.

»Und was war die größte Herausforderung?«

»Definitiv die Strukturierung des Timetables. Die älteren Gäste werden schnell müde, einiges muss parallel laufen …«, weil sie ihren Kopf auf- und abwiegt, steigt Tristan der Duft ihres Shampoos in die Nase. »Das erfordert maximale Ausschöpfung des Erlebnispotenzials durch Effizienzsteigerung.«

Fritzi ist bei all den Sinneseindrücken vor Freude fast auf einen der säuberlich gestutzten Bäume gesprungen. Dabei hat sie noch gar nicht die mit Popcorn gefüllte Badewanne im obersten Stockwerk entdeckt. Tristan würde sich diese Badewanne gern einmal zusammen mit Tara ansehen, doch leider werden sie kurzzeitig aus ihrem Gespräch gerissen.

Seine Oma gesellt sich ungefragt dazu und kaut ihnen ein Ohr über die überlebenswichtige Funktion von Fleckensalz ab: »Vor allem an Tagen wie heute, wenn sich alle mit Torte vollschmieren, weil den Kindern nicht mehr beigebracht wird, manierlich zu essen.«

»Es würde auch etwas schieflaufen, wenn heute keine Knie aufgeschlagen und Festtagskleidchen versaut würden, oder?« Tara kann nicht wissen, dass Tristans Familienmitglieder keinen Spaß verstehen. Tristans Oma quittiert ihren Einwand mit geschürzten Lippen und geht dazu über, sämtliche Fleckensalzhersteller auf dem Markt miteinander zu vergleichen. Derweil richtet Tristan seine ganze Aufmerksamkeit wieder auf die Veranstalterin dieses Nachmittags. Ein Interesse, das auf Gegenseitigkeit zu beruhen scheint.

WOLFI

Es gibt Menschen, in deren Gesellschaft Wolfi sich selbst weniger gern mag. Sein Papa ist so ein Mensch. Als er noch weniger Geld hatte, war er sympathischer. Es ging seiner Familie finanziell zwar nie schlecht, aber früher hatten sie trotzdem nicht so viel Geld, dass sie in Restaurants gegangen sind, in denen selbst eine Flasche Wasser so viel kostet wie ein ganzes Dreigängemenü in einem gewöhnlichen Schuppen.

»Dein Onkel hat mal wieder angerufen und wollte sich selbst einladen«, schnaubt sein Vater verächtlich. »Ich werde ihn stattdessen zum Essen ausführen. Dann sehen ihn die Nachbarn nicht.«

»Anstrengend«, hört Wolfi sich antworten. Er schiebt sich einen Löffel Risotto in den Mund, anstatt darüber nachzudenken, wie es sein könnte, in einer Familie zu leben, die gern Zeit miteinander verbringt.

»Das kannst du laut sagen.« Sein Vater atmet angestrengt aus. »Ich werde ihn auch abholen, sonst fährt er wieder mit seiner Rostlaube direkt vorm Restaurant vor.«

Wolfis Onkel fährt einen Audi A6. Gut, der mag aus zweiter Hand stammen, aber Wolfi erinnert sich noch gut an Zeiten, in denen sein Vater mit seinem Bruder an genau solchen Autos herumgeschraubt hat. Dann ist sein Bauunternehmen in der Börse plötzlich steil gegangen, und er hat begonnen, mehr und mehr in Aktien zu investieren. Wolfis Vater hat erfolgreich Immobilien in Prenzlauer Berg gekauft, noch bevor der zum Szenebezirk geworden ist und die Schwaben eingefallen sind. »Ich hatte eben den richtigen Riecher«, prahlt er gern und schiebt dabei die Ärmel seines Lacoste-Pullovers über die Ellenbogen. Eine Geste der echten Macher. Wolfi glaubt, dass sein Vater damals einfach nur Glück hatte. Er hätte genauso gut das ganze Geld verlieren und die Familie verschulden können. Mittlerweile weiß er aber genau, was er tut. Und will dieses Wissen unbedingt an seinen einzigen Sohn weitergeben.

»Es genügt schon, dass er sich am Tisch benimmt wie ein Bauer. Hättest ihn das letzte Mal im Grill Royal sehen sollen. Er erinnert mich an diesen einen Jungen, mit dem du zusammenwohnst … Wie heißt der noch gleich?«

»Tristan«, muss Wolfi nicht lange raten, weil er sein einziger männlicher Mitbewohner ist. Dass Tristan zugleich einer seiner besten Freunde ist, hindert seinen Vater nicht daran, wieder und wieder dessen Namen zu vergessen.

»Der Junge benutzt sein Messer wie einen Säbel. Und er sollte sich mal ein paar neue Kleidungsstücke zulegen.«

»Echt, er trägt eigentlich immer nur Jogginghosen.« Und trotzdem liegt er gerade mit einer hübschen Frau im Bett, während Wolfi mit seinem Vater Ferdinand Emmerich beim Lunch zwischen lauter weißen alten Säcken sitzt. »Vermutlich kommt da jede Hilfe zu spät.«

Der Unternehmer lächelt sein Gewinnerlächeln, und sein Sohn fragt sich wieder, warum er sich auf diese Lästerspiele einlässt. Manchmal komme ich mir wie eine konditionierte Laborratte vor. Es fühlt sich für einen zu langen Moment auch noch gut an, als würde er Luft ablassen. Solange er mit Tristans vermeintlichen Schwächen beschäftigt ist, muss er nicht über die eigenen nachdenken. Ein Verhalten, mit dem ich überhaupt erst beweise, wie schwach ich wirklich bin.

Sein Vater bestellt getrüffelte Nüsse sowie eine Käseplatte zum Nachtisch, während der Kellner seinen nur halb leer gegessenen Hauptgang wieder mitnimmt.

»Und noch ein Glas vom Thomas H. Handy Sazerac Rye, der 2013er-Jahrgang.« Wann hat Wolfis Vater verlernt, Bitte und Danke zu sagen? »Willst du noch was, mein Junge?«

»Nein, danke«, versucht der Millionärssohn besonders betont auszusprechen, um wieder ein paar Karmapunkte gutzumachen.

»Ach, komm schon, sei nicht älter als dein Alter!« Sein Vater bleckt die gebleichten Zähne, und der Kellner fällt in das Lachen des Unternehmers ein, so als wäre es wirklich lustig, was er gesagt hat.

»Für meinen Sohn ein Glas vom selben Whiskey.«

Siebenundfünfzig Euro für vierzig Milliliter. Selbst wenn Wolfi es schafft, sich diese vierzig Milliliter auf fünf Schlucke aufzuteilen, macht das elf Euro vierzig pro Schluck. Und die braune Plörre schmeckt ihm nicht einmal, auch nicht nach seiner kleinen Kopfrechnung. »Nobel geht die Welt zugrunde«, würde Carla sagen. Wolfis Mitbewohnerin ist der schlauste Mensch, den er kennt. Als Carla und Wolfi sich kennengelernt haben, waren es die Differenzen mit ihren Eltern, die sie verbunden haben, und der Hass auf eine selbst ernannte Elite, die sie beide aufgrund der vermeintlichen Einfachheit ihrer Elternhäuser ausschloss. Eine Elite, die ihre Privilegien eigentlich nutzen sollte, um einen Raum für Austausch zu schaffen, in dem Menschen sich nicht über Geld, Herkunft, Hautfarbe oder ihren Bildungsgrad definieren. Stattdessen tut sie genau das Gegenteil. Mittlerweile gehört Wolfis Vater allerdings zu dieser Elite und befeuert eben den Teufelskreis, unter dem er selbst früher gelitten hat. Vielleicht würde es etwas zwischen Carla und Wolfi verändern, wenn sie wüsste, dass ihre Lebensumstände sich mittlerweile gar nicht mehr so ähnlich sind. Genauso wenig soll Tristan davon erfahren.

Alle drei haben sie sich in der siebten Klasse Blutsgeschwisterschaft geschworen. »Unsere Eltern sind zwar alle anders verkorkst, aber verkorkst bleibt verkorkst«, hat Carla damals in ihr gemeinsames Freundebuch geschrieben. Als das über Jahre hinweg abgegriffene Buch bei der Abifahrt kurz vor Novalja von der Fähre ins Wasser gefallen ist, scheint es auch das dicht geknüpfte Band ihrer Freundschaft mit in die Tiefe gerissen zu haben. Falls ein Tiefseetaucher mal in einem Riff aus Bierdosen darauf stoßen sollte, wird er sich fragen dürfen, was Herr Messmus eigentlich so Schlimmes verbrochen hat, außer Mathelehrer zu sein. Und ob Kerem es wirklich, nur weil er Gitarre spielt, innerhalb von fünfzehn Seiten von einem »völligen Vollidioten« zu dem »einzigen brauchbaren Typen im ganzen Jahrgang« geschafft hat. Wie Carla schreibt. Das Tagebuch fiel jedenfalls just in dem Moment ins Wasser, als die drei Freunde die Kopie ihres frisch gedruckten Mietvertrages eingeklebt hatten. »Endlich frei!« stand darunter. Carla wollte Tristan mit dem Buch auf den Oberarm schlagen, weil er einem Mädchen unangenehm auffällig auf den Arsch geguckt hatte. Stattdessen hatte sie die Reling getroffen und das Buch über Bord geschmissen. Wolfi vermisst die alten Zeiten.

»Sag mal, mein Sohn …« Er ahnt bereits, mit welchem Thema sein Vater ihn aus seinen Gedanken reißt. Mit seinem Lieblingsthema. Das erkennt Wolfi daran, dass er dann immer diesen mitleidigen Blick aufsetzt. »Wann bringst du eigentlich mal ein Mädchen mit?«

Das Schlimmste ist, dass er kein Mitleid mit Wolfi hat, sondern mit sich selbst. Es ist ein hartes Schicksal für einen Vater, den Geschäftskollegen einen vereinsamten, verkorksten Sohn zu präsentieren. Kollegen, die ihre Vielfliegerkarte häufiger ansehen als die eigenen Kinder.

»Wie wäre es mit Carla?«, fragt Wolfi herausfordernd, weil er weiß, dass sein Vater diesen Vorschlag ablehnen wird, denn er findet die Vorstellung noch schlimmer, als wenn sein Sohn allein erscheint.

»Ich meine ein richtiges Mädchen.« Ferdinand Emmerich hat Carla zuletzt gesehen, als sie ein Teenager war. Doch schon damals stand sie an vorderster Front im Bildungsbürgerkrieg. »Carla redet so viel. Bring ein Mädchen mit, das weniger anstrengend ist.«

Anstrengend schlau, will Wolfis Vater wohl sagen. Bei Carla hat selbst Sport weniger mit Bewegung zu tun als mit Kenntnissen körperlicher Bewegungsabläufe, Musik weniger mit Rhythmus als mit dem Wissen über berühmte Komponistinnen und Komponisten. Was Wolfi an ihr liebt, meistens zumindest, verabscheut sein Vater.

Anstatt Carla vor ihm in Schutz zu nehmen, wie ein guter Freund das machen sollte, wechselt Wolfi das Thema: »Wie geht es denn … Tatjana?«

Auf dem Gesicht seines Vaters breitet sich erneut das widerliche Gewinnerlächeln aus. Als er Wolfi das erste Mal von seiner neuen Lebensgefährtin erzählt hat, beschrieb er das Kennenlernen als »den erfolgreichsten Beutefang meines Lebens«. Besagte »Beute« ist gerade mal drei Jahre älter als sein Sohn.

»Tatjana macht gerade eine Saftkur, was sie zeitweise schwer erträglich sein lässt.« Emmerich zwinkert seinem Sohn verschwörerisch zu, während der Kellner zwischen ihnen die Nachspeiseplatte auf den Tisch stellt. »Du weißt ja, wie hungrige Frauen so sein können.«

Wolfi grinst breit. Hätte sein Vater die eigene Menschlichkeit nicht im Streben nach Mehr ertränkt, hätte er die Falschheit dieses Grinsens wohl erkennen können.

»Klar doch«, Wolfi spielt an seiner schweren Armbanduhr herum. Ein Weihnachtsgeschenk seines Vaters, damit der Sohnemann auch nach was aussieht, wenn er ihn Gassi führt.

»Aber ich werde Tatjana nicht davon abhalten, am Ende habe ich schließlich auch etwas davon«, erneut zwinkernd schiebt Wolfis Papa sich ein Stück Käse in den Hals, den er nicht voll genug bekommt. Wolfi greift nach seinem Glas und schluckt die ersten elf Euro vierzig hinunter.

An den Lunch mit Emmerich senior schließt sich ein ganzer Nachmittag an, bei dem er sich an dessen Seite als Vorzeigesohn im Tennisclub »mit den Jungs« präsentieren soll. Wenigstens kann Wolfi beim Tennis aufhören zu reden. Sein Vater übernimmt das ohnehin zu gern für ihn und erfindet dabei spontan eine Freundin, weil ihm der Dauer-Singlesohn peinlich ist. Die Männer klopfen ihm räudig lachend auf die Schulter, bis sie wehtut, und geben Wolfi Tipps aus Erfahrung im Umgang mit ihren eigenen »Püppis«.

Als er nach diesem Tag endlich seine WG betritt, klappt der Informatikstudent erschöpft auf dem Bett zusammen, obwohl es erst zwanzig Uhr ist. Der Schlafprozess wird direkt eingeleitet, das Herunterfahren der im Hintergrund laufenden Programme und Systemfunktionen in Wolfis Kopf beginnt. Die Dienste, die sich im Betriebssystemkern befinden, werden in eine Datei geschrieben und anschließend gespeichert. Noch anderweitig eingebundene Laufwerke und externe Festplatten werden ebenfalls abgemeldet. System endgültig …

»Ja! Ja! Genau! So!«

Wolfi reißt die Augen auf, die eigentlich vorhatten, für mindestens zwölf Stunden dicht zu machen. Schnellstartfunktionen können dem Betriebssystem schaden, doch leider hat er gerade keine Gewalt über den Einsatz dieser Funktion in seinem Körper.

»Um Himmels willen! Ja!«, dringt es aus dem Nachbarzimmer zu ihm herüber. Wolfi muss nicht raten, aus wessen Zimmer. Tristan scheint mal wieder Besuch zu haben. Genau das, was Wolfi gerade gebrauchen kann.

»Weiter, da, ja, DA!!!«

Echt? Noch weiter? Wolfi stöhnt auch, allerdings vor Frust. Immerhin hat er mittlerweile vorgesorgt, und es kostet ihn nur einen Griff in Richtung Nachttischschublade, um das Problem zu beheben. Da herkömmliche Ohrenstöpsel bei Tristan und seinen Gästinnen selten ausreichen, hat der Tüftler in ihm aus alten Kopfhörern und Silikon ein besonders schallisoliertes Modell gebaut. Doch in der heutigen Nacht versagt selbst diese einzigartige Konstruktion, als sein Mitbewohner gegen Mitternacht in die nächste Runde startet. Vor der Patentanmeldung muss Wolfi noch Ausbesserungen an den Sex-weg-Stöpseln vornehmen.

Na, gute Nacht auch.

TRISTAN

»Guten Morgen«, begrüßt Tristan drei ihn genervt anblickende Augenpaare. Eigentlich wollte er nur kurz in die Küche schlurfen und sich eine Wasserflasche schnappen, bevor er sich wieder zu Tara legt. Aber leider wird daraus nichts.

»Du denkst echt, dass das so einfach ist, oder?« Carla schießt als Erste los.

»Was denn?«, fragt er scheinheilig, woraufhin sich Carlas Nasenflügel vor Wut aufblähen.

»Das weißt du ganz genau!«

»Waren wir etwa zu laut beim … Kissenaufschütteln gestern Nacht?« Schade, dass niemand anwesend ist, der seinen Humor zu feiern weiß. Carla scheint Tristan das Grinsen am liebsten mit einer Ohrfeige aus seinem Gesicht wischen zu wollen, zumindest zuckt ihre Hand gerade eigentümlich auf.

»Du hast Nerven!«

»Schlechten Tag gehabt gestern, hmm? Entspann dich doch lieber.«

»Ja, dass du entspannt bist, glaube ich sofort. Freut mich ja wirklich, dass du so ein erfülltes Sexleben hast, aber …«

»Danke.« Tristan unterbricht sie mit einem provozierend freundlichen Lächeln. Es gibt niemanden auf der Welt, den er so gern herausfordert wie Carla, zumal sich auch niemand so leicht provozieren lässt wie sie.

»… das geht so nicht weiter. Wir teilen uns diese Wohnung und haben deshalb Rücksicht aufeinander zu nehmen.« Carla deutet dabei auf Thao und Lulu, die, am Frühstückstisch sitzend, zu den beiden Streithähnen aufsehen. Lulu hat ihr Smartphone in der Hand, ihre Lider sind mit so vielen Schichten künstlicher Wimpern beklebt, dass es ein Wunder ist, dass sie sie überhaupt offen halten kann. Thao hingegen pellt gedankenverloren jede Traube einzeln mit den Zähnen, bevor sie in das saftige Fleisch beißt. Vor ihr liegen wild verteilt irgendwelche Textblätter herum. Daneben steht ihre Morgenration schwarzen Kaffees in einer Pulp-Fiction-Tasse.

Die beiden sehen zwar nicht gerade überglücklich aus, aber auch nicht so furienhaft verärgert wie Carla. Findet Tristan.

»Also, bislang beschwerst nur du dich hier.« Er hebt seine Hände, als würde er Carla zeigen wollen, unbewaffnet zu sein. Bis auf die Wasserflasche. Natürlich machen es Tristans Worte noch schlimmer.

»Du bist so ein arrogantes Arschloch, echt!«, keift Carla und ihre wie so oft zu einem Dutt festgesteckten Haare kippen dadurch bei jeder Bewegung wie eine Palme im Wind von rechts nach links oder links nach rechts. Tristan übt sich in vermeintlicher Diplomatie: »Warum lassen wir jetzt nicht alle mal ein paar Stunden vergehen, und dann sieht die Welt schon ganz anders aus?«

Er meint, große Charakterstärke zu beweisen, indem er es Carla nicht zum Vorwurf macht, ihn gerade übel beschimpft zu haben. Meint Carla anders: »Wichser. Beweis ein Mal Eier und hör auf, so einen Egoscheiß abzuziehen.«

Auf neue Leute macht Carla immer einen schüchternen ersten Eindruck.

»Vielleicht bin gar nicht ich das Problem. Vielleicht würde es dir ganz guttun, wenn du mal wieder ein bisschen Spaß im Bett hättest.« So langsam wird Tristan das Ganze hier zu bunt. Seiner Mitbewohnerin klappt der Unterkiefer herunter.

»Was erdreistest du dich …?« Erneuter Duttwackler. Sie ist schon mit dem Einzug in die WG vor drei Jahren zur Mutti geworden. Nein, eigentlich mit Beginn unserer Freundschaft.

»Ich meine es nur gut mit dir. Ein Ratschlag unter Freunden.« Tristan genießt es, Carlas Blutdruck in die Höhe zu treiben.

»Wenn du willst, kann ich auch mal mit Jan reden, so von Mann zu Mann. Durststrecken sind ganz normal in einer Beziehung. Dafür müsst ihr euch nicht schämen.«

»Keine Sorge, wir haben ein ausgefülltes Sexleben!«, keift Carla nun mit beinahe ekstatisch wackelndem Dutt.

»Ach ja? Ich erinnere mich nicht mal mehr daran, wann er das letzte Mal hier war.«

»Ich unterbreche nur ungern mein morgendliches Unterhaltungsprogramm.« Es ist Lulu, die sich todesmutig in den Ring wirft und dafür sogar ihr Handy aus der Hand legt. »Aber ich habe Angst, dass gleich unsere Kücheneinrichtung unter eurem Streit leiden muss. Habt ihr’s langsam mal?«

Carla schnaubt: »Ich trete hier für uns alle ein, und du fällst mir auch noch in den Rücken?«

»Ich habe einfach nur keinen Bock, dass ich gleich die Polizei rufen muss.« Lulu zieht die Schultern hoch. »Stell dir mal vor, meine Follower kriegen irgendwie Wind davon. Das schadet meinem Image.«

»Dem Image, das du vor deinen dreihundertsechsundfünfzig Follower:innen halten musst?« Jetzt visiert Carla Lulu scharfen Blickes an und stemmt die Hände in die Seiten. Ihre Nägel krallen sich dabei in die Biobaumwolle ihres Pullis. Tristan versteht nicht, wie oft er ihr noch sagen muss, dass sie in dem Teil wie ihre alte Ethiklehrerin aussieht. Die mit dem borstigen Damenbart am Kinn.

»Es sind dreihundertneunundfünfzig Follower, wenn du es genau wissen willst.« Lulu räumt ihren Teller in die Spülmaschine und schiebt sie krachend zu. »Aber hey! Bevor ich hier auch noch zwischen die Fronten gerate, gehe ich lieber und bereite meinen neuen Blogbeitrag vor.«

»Ich muss auch los …« Wie immer etwas abwesend, schiebt Thao die Blätter auf dem Tisch zusammen und verstaut sie flink in ihrem mit lauter Aufnähern und Buttons von Filmheldinnen und -helden versehenen Rucksack. Apropos, die Joker-Brosche wollte Tristan ihr doch noch klauen, in der Hoffnung, dass sie glaubt, sie irgendwo verloren zu haben.

»Klappe halten, Stress vermeiden – so kennt man euch!« Carla steht diese Wut überhaupt nicht. Langsam, aber sicher zeigen sich die ersten Stresspickel auf ihrer Stirn, womit sie mehr und mehr dem Rosinenbrötchen gleicht, in das Thao beim Hinausgehen hineinbeißt. Unauffällig versucht Tristan, sich der Kolonne anzuschließen.

»Bleib gefälligst hier, bis wir das geklärt haben!«

»Sag mal, kann es sein, dass du deinen irgendwo angesammelten Frust gerade bei mir ablässt?« Er hat wirklich keinen Bock mehr. Für solche Diskussionen ist es noch zu früh. »Es reicht mir. Wir können gern heute Abend noch mal sprechen, aber jetzt habe ich Besuch. Ciao.«

Wenn Berlin nicht so scheiße teuer wäre, schwört er sich, er würde allein wohnen.

»Bleib hier!« Carla kommt ihm doch tatsächlich hinterhergelaufen. In dem engen Flur wird es ganz schön stickig. Tristan kann sich nicht so schnell wie erhofft an Thao vorbeischieben, die sich gerade die Schuhe anzieht, weil Carla mit ihren großen Gesten ganz schön viel Platz einnimmt und Wolfi jetzt auch noch verschlafen aus seinem Zimmer tritt:

»Kann man denn hier zu keiner Tageszeit seine Ruhe haben?«

Ding-Dong.

»Es hat geklingelt!«, ruft Tristan, in der Hoffnung, dass das seine rettende Ablenkung sein könnte.

»Und den feinen Herrn geht das mal wieder nichts an?!« Carla natürlich.

»Ich mach schon …« Thao ist ohnehin im Begriff zu gehen, doch als wäre es nicht eng genug, quetscht sich jetzt auch noch Lulu an allen vorbei: »Das müssen meine neuen Kopfhörer sein!«

Während die Mitbewohner und Mitbewohnerinnen Schulter an Schulter zusammengepresst wie die Sardinen zwischen Schuhschrank und Kleiderständer stehen, öffnet Lulu die Wohnungstür.

CARLA

»Was für ein nettes Begrüßungskomitee! Das wäre doch nicht nötig gewesen«, flötet die Frau, bei der es sich ganz offensichtlich nicht um eine Postbotin handelt. Lulu muss wohl noch etwas auf ihre in Bangladesch produzierten und quer über den Globus geschipperten Kopfhörer warten. Stattdessen schauen alle fünf WG-Mitglieder in das Gesicht einer mindestens Siebzigjährigen, die direkt eine Hand hinstreckt. »Margarete Frack, sehr erfreut. Aber nennt mich bitte Maggi.«

»Hallo … Maggi?« Lulu sieht unsicher zu Carla, dann wieder zu der Frau mit dem Namen eines US-amerikanischen Möchtegern-Popsternchens.

»Nein. Maaaggi, nicht Mäggi.«

»Maaagi?«

»So übertrieben nun auch wieder nicht. Einfach Maggi. Kurz, aber mit a statt ä.«

»Maggi.«

»Genau.«

Die Frau wirkt wie aus einer Waschmittelwerbung aus den Fünfzigern. Der Superlativ scheint bei ihr das Mindestmaß zu sein. So wie nur das weißeste Weiß weiß genug, ist bei dieser Frau nur das schrillste Schrill schrill genug.

»Sorry, bei uns wurde nichts abgegeben«, erklärt Lulu schulterzuckend, doch der Slapstick nimmt kein Ende.

»Guter Witz!« Statt darauf zu warten, dass Lulu ihre Hand schüttelt, greift die Frau nach Lulus Schultern und zieht sie an ihren Busen. »Ich will doch nichts abholen. Im Gegenteil.«

»Wir kaufen auch nichts«, ergänzt Lulu, um den Eifer ihres Gegenübers direkt zu dämmen. »Und Bock auf Zeugen Jehovas haben wir auch nicht«.

Etwas im Gesicht der alten Dame verändert sich. Sie guckt Lulu an, als würde die nicht ganz richtig ticken, womit sie intuitiv gar nicht mal so falschliegt, fragte man Carla.

»Du verstehst mich falsch, junge Dame«, ereifert sich Maggi jetzt mit Nachdruck in der Stimme. Sie klingt irgendwie schon deutlich weniger freundlich. So altmütterchen-zerbrechlich, wie es ihre zierliche Statur auf den ersten Blick vermuten lässt, ist sie wohl gar nicht.

»Ich bin die neue Mitbewohnerin. Na, klingelt’s?«

Verdammter Mist. Das hatte Carla für einen Moment ganz vergessen. Heute steht der Einzug von Jaschas Nachmieterin an. Normalerweise erinnert sie ihre Mitbewohner:innen zum Start an die wichtigsten Punkte auf der Tagesordnung, aber weil heute Morgen die Diskussion mit Tristan aus dem Ruder gelaufen ist, hat sie das glatt vergessen.

Jaschas Auszug hatte die allgemeine Stimmungslage in der WG nicht gerade verbessert. Mit seiner ausgeglichenen Art hat er immer wie ein Neutralisator gewirkt. Er war mit allen gut genug befreundet, um zu erkennen, ab wann die Laune allzu säuerlich wurde, aber gleichzeitig nicht so gut, als dass Gefahr bestanden hätte, sich selbst daran zu verätzen. Als er der Vermieterin seinen geplanten Auszug meldete, kündigte diese an, selbst in das Zimmer einziehen zu wollen. Das fand Carla gar nicht cool. Doch da sie zu der Zeit gerade ehrenamtlich in Calais Kleider für die dort ansässigen Geflüchteten sortierte, mussten sich die anderen darum kümmern; was bedeutete, dass sich niemand darum kümmerte. Carla versuchte noch aus der Ferne, ein Mitbestimmungsrecht anzumelden. Sie wollte niemanden ohne genaueste Prüfung in ihre vier Wände einziehen lassen. Doch schnell musste Carla einsehen, dass die Vermieterin als Eigentümerin der Wohnung am deutlich längeren Hebel saß. Sie hatte doch tatsächlich damit gedroht, auf Eigenbedarf zu klagen und somit ihnen allen zu kündigen, sollten sich Carla und Co. gegen ihren Einzug stemmen.

»Liebe neue Mitbewohner, wie lange wollt ihr mich hier noch stehen lassen?«

Eigentlich hätte Carla sie gern für immer dort stehen lassen; und auch die anderen wirken immer noch genauso perplex, wie sie selbst sich fühlt. Doch fast mechanisch weichen nun Tristan, Lulu und sie selbst zurück in die Küche und Wolfi in seinen Türrahmen, sodass auch Thao noch einen Schritt beiseitetreten kann.

»Ich bin sehr gespannt, wie gut ihr meine Wohnung instandgehalten habt.«

Carla fragt sich, ob man mit fast achtzig nicht eher reif fürs Heim ist anstatt für eine WG mitten in Berlin. Auch wenn Margarete Frack eindeutig noch etwas aus sich macht. Zwar überziehen Altersflecken ihr Gesicht, und die Haut hängt bestimmt an ihrem Körper wie ein zu großes Kleid, doch die weißen Locken sind zu einer aufwendigen Frisur hochgesteckt. Das Outfit von Brosche bis Lackschuh ist perfekt aufeinander abgestimmt. Frau Frack ist eine Kampfansage an das Alter.

Die Mitbewohner:innen müssen die Situation erst einmal verdauen. Jede und jeder auf ihre und seine Art. Lulu starrt ins Leere, Wolfi witscht ins Bad, Thao will einfach nur zur Uni, und Tristan sagt, er habe Besuch, wolle nicht unhöflich sein, und haut ab in sein Zimmer. Typisch. Das bedeutet, Lulu und Carla bleiben allein mit Margarete Frack zurück, die unbedingt bei ihrem Spitznamen Maggi genannt werden will.

MAGGI

Maggi blickt in die noch sichtlich entsetzten Gesichter der jungen Frauen und hofft, dass sie diesen dümmlichen ersten Eindruck widerlegen werden. Sonst wird es keine einfache Zeit für sie. Notfalls hätte Maggi allerdings auch kein Problem damit, sich auf die Suche nach Ersatz zu machen.

»Lulu und Carla also. Freut mich.« Maggi mustert ihre neuen Mitbewohnerinnen eingehend. Erst die eine: weißes Kleidchen, Jeansjacke, die blondierten Strähnen in große Wellen gelegt, dazu eine eingeflochtene silber-weiße Feder im Haar. Sogar die FFP2-Maske, die aus ihrer Jackentasche herausguckt, ist mit Glitzer bestäubt. Lulu erscheint Maggi wie das Mitglied einer billigen Popstargruppe der frühen 2000er. Aber immerhin wirkt sie gepflegt, was leider nicht mehr selbstverständlich ist in diesen von Bauchtaschen und Jogginghosen geprägten Zeiten.

Carla hingegen ähnelt einem Hefewürfel. Beigefarbene Hose, beigefarbene Strickjacke mit beigefarbenen Knöpfen und ein beigefarbenes Top darunter. Maggi würde sagen, sie ist »praktisch« gekleidet. Schlimmer geht es also kaum. Wenn sie sich in Zukunft irgendwo mit ihrer neuen Mitbewohnerin sehen lassen will, also mit Carla, wird sie etwas an ihrem Stil verändern müssen. Immerhin: Die Bezeichnung »neue Mitbewohnerin« klingt wie Musik in Maggis alten Ohren. Ihr studentisches Ich wäre stolz auf sie, wenn es wüsste, dass sie nach einer kurzen konservativen Entgleisung wieder zu den bewährten unspießigen Mustern zurückgekehrt ist. Nur auf den billigen Alkohol und die gemusterten Kniestrümpfe wird sie tunlichst verzichten. In Geschmacksfragen hat sie sich schließlich weiterentwickelt. Und den Verzicht auf Stil und guten Geschmack braucht es für das richtige Lebensgefühl auch gar nicht.

Helga von der Skatrunde wird Augen machen! Wer ist hier jetzt bitte schön up to date? Die kann einpacken mit ihren Bitcoins.

Um die jungen Frauen dabei zu unterstützen, ihre Fassung wiederzugewinnen, hilft Maggi ihnen auf die Sprünge: »Ich merke, ihr habt jemand anders erwartet. Eine etwas weniger alte Schabracke, vermutlich.«

»Sorry, wir wollten nicht unhöflich sein …«, stottert Lulu.

»Korrekt«, erwidert Carla hingegen wesentlich resoluter zur gleichen Zeit.

Maggi zerrt ihren Koffer in den Flur der Wohnung. Lulu hilft ihr dabei. Das ist kein Lob wert, erspart Maggi aber zumindest die nächste Beschwerde.

Dabei kollidieren sie beinahe mit dem jungen Mann, der bei ihrem Anblick durch die Badezimmertür geflüchtet war und gerade aus selbiger wieder heraustritt. Maggi lässt den Koffer stehen, sie muss erst mal gucken. Kein Leckerbissen, aber auch nicht unterdurchschnittlich hübsch, der Gute. Anhand der nassen zotteligen Haare erkennt Maggi, dass er in der Zwischenzeit eine Dusche genommen oder zumindest den Kopf ins Waschbecken gehalten haben muss. Er scheint sich auf direktem Wege zurück in sein Zimmer begeben zu wollen, aber nicht mit ihr: »Junger Mann, nicht so schnell. Dein Name ist?«

»Wolfgang Emmerich.« Er ist kurz davor, zu salutieren.

»Deckname Wolfi«, ergänzt Carla, die stirnrunzelnd einen Schritt beiseitemacht. Und noch einen. Sie schnalzt genervt, weil Wolfgang Emmerich ihr in Trippelschritten folgt, als würde er sich hinter ihrem Rücken verstecken wollen.

»Warum hast du uns nicht vorgewarnt, dass eine Oma einzieht?«, zischt er Carla zu, als wäre Maggi schwerhörig, bloß weil sie schon ein paar Jahre mehr auf dem Buckel hat.

»Na, vielen Dank für das Kompliment, du unverschämter Bengel!«, fährt Maggi ihn an. »Charmanter kann man mir nicht sagen, dass ich alt aussehe.« Maggi hätte nie gedacht, dass sie einmal auf Menschen treffen würde, denen die Falten in ihrem Gesicht mehr ausmachen würden als ihr selbst. Irgendwie auch mal schön.

Wolfis Ohren werden feuerrot und die Augen groß. Maggis Kichern klingt, als würde es ganz weit hinten in ihrer Kehle gluckern: »War doch nur ein Spaß, Spätzelchen. Natürlich sehe ich alt aus, bin ich ja auch.«

Mittlerweile hat das von Wolfis Haaren tropfende Wasser dunkle Flecken auf der Schulterpartie seines T-Shirts hinterlassen, was ihn in Kombination mit seiner Fassungslosigkeit eingeschränkt wirken lässt. Aus Mitleid gestattet Maggi ihm, zu gehen. An dieser Stelle hat sie ohnehin keine Verwendung mehr für ihn. Ihre erste Wohnungseinweisung will sie bestimmt nicht von einem begossenen Pudel bekommen.

»Wie wäre es mit einer kleinen Führung, oder soll ich mir hier die Beine in den Bauch stehen?« Mit diesem »Vorschlag« ist die Steh-und-Starr-Veranstaltung offiziell für beendet erklärt. »Zwar bin ich durchaus mit dem Grundriss meines Eigentums vertraut, aber mal gucken, wie ihr es mit Leben gefüllt habt.«

»Ach, die Wohnung gehört Ihnen?!« Lulu, wer sonst.

»Ja, Spätzelchen.« Maggi tätschelt ihr die Schulter. »Schön, dass es jetzt auch bei dir angekommen ist.«

Sichtlich neugierig und auch ein wenig ungeduldig schielt sie dabei bereits an Lulu vorbei und beäugt ihr altes neues Zuhause. Und so wollen die drei Frauen in Lulus Zimmer mit der »Room-Tour« beginnen, wie selbige es nennt. Auf dem Weg dorthin flattert das Kleidchen um Lulus dünne Beinchen. Da muss noch ein bisschen Schwarzwälder Kirsch ran, findet Maggi. Sie nimmt sich vor, sich persönlich darum zu kümmern.

Schon von außen ist Lulus Tür mit einem Blumenkranz geschmückt, aber drinnen wird es noch lieblicher. Eine Parfümwolke umschließt die drei, sie stolpern über einen bunten Berg aus Schuhen, bevor Lulu sich in einen Redeschwall über Farbpsychologie ergießt. Maggi ist sicher, noch nie in ihrem ganzen Leben so oft hintereinander das Wort »Lila« gehört zu haben wie in den letzten dreißig Sekunden. Und das dauert in ihrem Fall ja schon etwas länger, dieses Leben. Es ist, als wären Carla und Maggi in einer Folge von »Mieten, kaufen, wohnen« gefangen. Erst als Letztere unerwartet einen Hüpfer macht, hält Lulu inne. Da war irgendetwas Pelziges an ihren Füßen! Es dauert einen Moment, bis sie versteht, dass es sich um eine weiße Plüschkatze handelt. Makabererweise fehlt ihr ein Auge, und am Po scheint das Tier notoperiert worden zu sein.

»Das ist Constanzia. Geben Sie mir noch zwei Monate, dann habe ich alle so weit, dass wir uns eine echte WG-Katze holen.« Lulu scheint fest davon auszugehen, dass Maggi Katzenliebhaberin ist – weil sie alt ist. In Wirklichkeit hält sie sich jedoch von allem fern, was Fell hat, aber nicht zum Essen da ist. Da Maggi nicht gleich zu Anfang für Diskrepanzen sorgen will, wird sie Lulu das jedoch bei anderer Gelegenheit nahebringen. Womöglich in Zusammenhang mit einem Verweis auf den Mietvertrag, in dem sie das Haustierverbot hat festhalten lassen (vorletzter Abschnitt, den niemand mehr liest). Maggi vermutet, dass es Lulu leichtfallen wird, die unkonventionelle Version einer neuen Mitbewohnerin zu akzeptieren. Sie will nur jemanden, der ihr zuhört. Im Gegensatz zu anderen Menschen in Lulus Umgebung hat Maggi in diesem Fall mal glücklicherweise ein Hörgerät. Und das lässt sich abstellen. Ob Zufall oder Taktik, Maggi zeigt auf einen kleinen Rahmen in Türnähe: »Hübsches Foto von dir.«

»Das bin doch nicht ich! Das ist Sandy von den No Angels.« Lulus Lachen ist so anstrengend wie das eingespielte in diesen amerikanischen Comedy-Sendungen, zu denen Maggi manchmal in den Werbepausen von Das perfekte Dinner umschaltet. »Das Autogramm ist noch von vor ihrem Comeback. Damals sind sie vor meinem Saturn aufgetreten. Kostenlos.«

Carla wird schwerer zu knacken sein als Lulu. Der laufende Hefewürfel hat schon das halbe Nagelbett frei gekaut, als Maggi sie nach ihrem Zimmer fragt. Sie scheint nicht unbedingt begeistert davon zu sein, einen Einblick zu gewähren.

Wie gut, dass mir die Bude gehört.

Beim Hinausgehen aus dem Zimmer macht Maggi Lulu noch ein erlogenes Kompliment für Nagellacksammlung und Lichterketten. Die einen würden sagen, aus Höflichkeit, die anderen, aus Eigennutz. Die Wahrheit liegt vermutlich irgendwo dazwischen.

Als sie auf den Flur treten, hält Maggi nach Schimmel oder Ähnlichem Ausschau, doch stellt beruhigt fest, dass ihre schlimmsten Erwartungen bislang nicht bestätigt werden. Prenzlauer Berg. Altbau. Hohe Decken und Stuck. Die Wohnung ist und bleibt ein Träumchen. Das Träumchen, das sie schon in Maggis Kindheit war. Ihr idealistisches jüngeres Ich hatte sich kurz schwer damit getan, das Erbe ihres Nazi-Opas anzutreten. Andererseits hätte sonst Maggis Bruder neben der Praxis auch noch die Wohnung bekommen. Ausgerechnet er, der immer erstaunlich leise wurde, wenn Maggi über ihren Opa und seine auf rechts verknüpften Hirnstränge lästern wollte. »Das waren andere Zeiten«, hat er einmal tief blicken lassen. In der Tat. In einem Nachkriegsdeutschland, in dem es gefühlt an allem gemangelt hat, hat Maggi immer alles gehabt. Und ihr Opa war gestorben, wie er gelebt hatte – als Made im Speck.

»Hier wohnt die Chefin«, flüstert Lulu ihr in Carlas Zimmer zu.

»Chefin?«, wiederholt Maggi deutlich lauter, woraufhin sich Carlas Augen zu schmalen Schlitzen verengen.

»Was hast du gesagt?«

Lulu sieht schnell zu Boden. »Nichts«, ihre Stimme rutscht hoch. Dann fällt ihr eine Ausrede ein, und sie lächelt: »Da Carla uns zusammengebracht hat mit der WG, hat sie hier den Hut auf.«

Maggi nickt bedächtig. Das entscheidende Wörtchen fehlt. Bislang hatte Carla hier den Hut auf. Jetzt, wo Maggi einzieht, werden sich die Machtverhältnisse ändern.

»Hast du dir als ›Chefin‹ also den Balkon sichern können?«, vermutet sie laut. »Einen grünen Daumen scheinst du zu haben.«

»Geht so.« Lulu spricht erneut, bevor sie denkt. »Ich wollte mir mal ein paar Erdbeeren mopsen für meinen abendlichen Lillet, musste dann aber doch auf TK zurückgreifen. Es hing genau eine unterentwickelte Beere am Strauch.«

Erst als Carla wütend schnalzt, verlangsamt sich Lulus Sprachfluss: »Aber falls du eher der Hugo-Typ bist, Minze gibt es genug …«

Maggi fühlt sich wie in einem Dschungel: Nicht nur auf dem Balkon, auch im Zimmer ist alles voller Grünzeug. Mit etwas Fantasie hört sich das Gehupe von der Straße an wie Gorillagebrüll, das Carla mit dem Schließen des Fensters zu dämpfen versucht. Auf dem breiten Fensterbrett liegt die noch aufgeklappte morgendliche Lektüre. An den Zimmerwänden hängt »Makramee-Gebimsel«, wie Lulu sich ausdrückt, und das Bett ist aus Paletten gebaut. Gegenüber davon steht ein altes Regal mit dicken Wälzern drin. Die Bettdecke ist so glatt gezogen, dass Maggi sich nur ganz langsam daran vorbeizugehen traut, um sie ja nicht aufzubauschen.

»Werd du erst einmal so alt wie ich. Mit zunehmender Inkontinenz rutscht vielleicht auch dir der Stock ein bisschen weiter aus dem Popöchen«, murmelt sie.

»Wie bitte?« Carla sieht sie fragend an. »Haben Sie was gesagt?«

»Ich habe gefragt, woher ihr euch alle kennt?« Maggis forsche Art verrät, dass sie es nicht gewohnt ist, Widerspruch zu erleben.

»Tristan, Wolfi und ich hatten nach dem gemeinsamen Abi den Plan, eine WG zu gründen. Das war vor drei Jahren, und schon da war die Wohnungssuche eine Qual.« Carla macht eine wegwerfende Handbewegung. »In dieser Wohnung hat vorher eine Kollegin meiner Mutter mit ihren Kindern gewohnt. Die Mischbers, müssten Sie ja auch kennen.«

»Sehr freundliche Mieter«, bestätigt Maggi.

»Als ihre Kinder ausgezogen sind, haben sie sich den Traum vom Leben auf dem Land erfüllt, und Tristan, Wolfi und ich haben die Chance ergriffen.«

»Aber allein konnten sie sich die Wohnung nicht leisten«, ergänzt Lulu. Carla bewegt sich nickend Richtung Zimmertür.

»Lulu ist die Tochter der besten Freundin meiner Mutter. Die beiden fanden, es wäre eine gute Idee, wenn wir zusammenziehen.« Lulu und Maggi folgen Carla ins Bad. »Thao ist dann über ein WG-Casting dazugekommen. Das war vor etwa einem Jahr, da ist sie für die Theaterschule nach Berlin gezogen.«

Maggi betrachtet den Badvorleger, der nicht nur so aussieht, als wäre er noch nie ausgewechselt worden. Auf Maggis Pendenzenliste landet die Besorgung eines neuen Badvorlegers an erster Stelle. Im Moment. Vielleicht findet sie einen mit Schachbrettmuster, wie den, der in ihrer Kindheit hier gelegen hat.

»Kleiner Tipp: Wenn Tristan auf Klo war, sicherheitshalber eine halbe Stunde warten.« Lulus dringlicher Tonfall lässt Maggi vermuten, dass dieser Ratschlag bitterernst gemeint ist. »Wenn er währenddessen laut Musik abspielt, dann eine Dreiviertelstunde. Danken Sie mir später …«

»Ist vermerkt.«

»Und das verbeulte Ding, das aussieht, als würde es bald herunterfallen …«, Lulu deutet auf das Einbahnstraßenschild über dem Spülkasten, »… haben wir auch Tristan zu verdanken. Hat er an der Ecke Humboldtstraße geklaut.«

»So, so. Scheint ja eine interessante Person zu sein, dieser Tristan.«

»Groß, faul, selbstverliebt. Außer, wenn er Frauen anschleppt. Dann tut er immer kultiviert«, mischt sich Carla ein.

»Welches Zimmer ist seins?«

»Tristan hat gerade Besuch«, sagt Lulu und wirkt dabei leicht erschreckt.

»Das war nicht meine Frage.«

»Klar, weiß ich, nur weil …«

»Mir gehört diese Wohnung.«

Carla und Lulu tauschen einen kurzen Blick. Während Letztere skeptisch scheint, breitet sich zur Abwechslung auf Carlas Gesicht ein diebisches Grinsen aus.

»Direkt gegenüber«, flötet sie plötzlich gut gelaunt. Zwei Schritte später liegt Maggis Hand auf der Türklinke zu Tristans Zimmer. Sie tritt ein, ohne anzuklopfen.

»Hey!« Tristan zieht schnell die Decke über seinen Körper und den der Frau in seinem Bett.

»Schönen guten Morgen!« Maggi klingt resolut wie eine Ticketkontrolleurin der Berliner Verkehrsbetriebe. Sie nickt den beiden zu. »Glaubt mir, da gibt es nichts zu sehen, was ich nicht schon gesehen hätte.«

In ihrem Rücken hört sie ein Kichern. Während Carla und Lulu nur vorsichtig in das Zimmer schmulen, begutachtet Maggi es eingehend. Verschieden große Hanteln liegen auf dem Boden verteilt. Auf dem Nachttisch stehen zwei Weingläser neben einer halb leeren Flasche. Die Luft steht in dem aufgrund zugezogener Vorhänge düsteren Raum.

»Die Masche funktioniert?« Maggi hebt verwundert eine der Duftkerzen an, die neben sich stapelnder feministischer Literatur auf dem Boden herumstehen. In ihrer 68er-WG damals hatten sie auch so einen Tristan. Einen Möchtegern-Dandy mit anstrengendem James-Dean-Gebaren. Damals haben sie sich noch alle ein Schlafzimmer geteilt, ein Meer aus Matratzen. Maggi weiß also durchaus, was es bedeuten kann, mit einem selbst ernannten Frauenhelden zusammenzuwohnen. Noch mal: ein Meer aus Matratzen. Sie hat alles mitbekommen. Zu diesem Zeitpunkt hatte Maggi festgestellt, dass sie doch stärker durch ihre katholisch-konservative Erziehung geprägt war, als sie je zugegeben hätte. Der Glaube an die Kirche hat in ihrer Jugend zwar dem Glauben an die Revolution weichen müssen, Spuren hinterlassen hat er trotzdem.

Immerhin, den Aschenbecher neben dem Fenster vermerkt sie als Pluspunkt für Tristan. Dann hat sie einen Kollegen zum Schmauchen, was in Zeiten von Sellerie in Fruchtsäften nicht mehr selbstverständlich ist. Maggi verabscheut diese Leute, die sich mit peinlichen E-Zigaretten ausstatten und sich anschließend übereifrig in Kaugummiwolken hüllen.

Wo hat das noch Stil?

Was Tristans Bettgeschichten angeht, wird sie sich selbst eine Meinung bilden. Falls sein Verhalten als inakzeptabel zu bewerten ist, werden entsprechende Maßnahmen eingeleitet.

»Ich wünsche noch viel Vergnügen.« Maggi schließt die Tür und lässt die verwunderten Liebesleute wieder allein zurück.

»Er weiß leider, dass er gut aussieht«, erklärt Carla im Flur, es kommt Maggi wie eine Entschuldigung vor. »Die verspiegelte Wand neben dem Bett gehört zum Geschäftsmodell.«

Maggi fragt sich, was wohl ihr eigenes Geschäftsmodell ist, kommt dann aber zufrieden zu dem Schluss, dass sie es nicht mehr nötig hat, sich zu verkaufen.

Lulu spielt an dem Sternzeichenanhänger ihrer Halskette herum: »Wollen wir noch zu Wolfi und Thao?«

»Ich denke, einen kurzen Blick können wir uns noch genehmigen«, grinst Maggi. »Aber dann muss ich mich erst mal ausruhen bei ein, zwei Tässchen Tee. Meine Knochen, du verstehst …«

Das Alter kann eine gute Ausrede sein. Wenn Maggi schon die Nachteile des Alters ertragen muss, steht ihr wohl auch der Nutzen der wenigen Vorteile zu. Ohnehin plant sie einen privaten Rundgang zu einem Zeitpunkt, an dem alle Täubchen ausgeflogen sind. Die interessanten Dinge lässt schließlich niemand offensichtlich herumliegen.

Lulu lernt schnell. Sie tritt in Wolfis Zimmer ein, ohne zu klopfen. Er springt von seinem Bett auf und trägt im Gegensatz zu seinem Mitbewohner mehr als ein Laken. Wolfi scheint aus Respekt besonders stramm vor der alten Dame zu stehen, was Maggi mit Genugtuung registriert. Bei genauerem Hinsehen fühlt sie sich durch den jungen Mann an ihre erste große Liebe erinnert. Dasselbe schmale Gesicht, frühe Geheimratsecken.

»Wolfi ist unser Leonardo da Vinci«, erklärt Lulu. »Der kann und weiß alles. Über Kunst, Mathe, Chemie, aber vor allem über Technik.«

»Ich studiere Informatik«, ergänzt er mit der Bescheidenheit eines Erstklässlers gegenüber seiner Klassenlehrerin.

»Das erklärt auch all die stromfressenden Bildschirme, nicht wahr?«, kommentiert Maggi trocken. Sein Zimmer könnte genauso gut die Steuerkabine der AIDA sein. Das weiß Maggi, weil sich einmal ein Animateur so sehr in sie verschossen hatte, dass er ihr Zutritt dazu verschaffte. An seinen Namen erinnert Maggi sich nicht mehr, aber dafür an sein breites Kreuz. Das kam vom vielen Schwimmen und nicht von der Muckibude wie bei den Piefkes heutzutage.

»Nett hier«,...

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