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Falsche Küsse - echte Liebe

Daisys große Liebe Jacob ist zurück und er bittet sie, seiner kranken Großmutter zuliebe, das glückliche Paar zu spielen. Ein gefährliches Spiel, denn Jacob darf nie erfahren, wie Daisy wirklich fühlt.
  • Erscheinungstag: 11.04.2016
  • Seitenanzahl: 120
  • ISBN/Artikelnummer: 9783956499210
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Linda Winstead Jones

Falsche Küsse – echte Liebe

Roman

Aus dem Amerikanischen von
Traudi Perlinger

MIRA® TASCHENBUCH

MIRA® TASCHENBÜCHER

erscheinen in der HarperCollins Germany GmbH,

Valentinskamp 24, 20354 Hamburg

Geschäftsführer: Thomas Beckmann

Copyright © 2016 by MIRA Taschenbuch

in der HarperCollins Germany GmbH

Titel der amerikanischen Originalausgaben:
A Week Till the Wedding
Copyright © 2012 by Linda Winstead Jones
erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner GmbH, Köln

Umschlaggestaltung: Büropecher, Köln

Redaktion: Christiane Branscheid

Titelabbildung: HarperCollins France / Getty Images, München / Masterfile

ISBN eBook 978-3-95649-921-0

www.mira-taschenbuch.de

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eBook-Herstellung und Auslieferung:

readbox publishing, Dortmund

www.readbox.net

1. KAPITEL

Die Frauen auf diesen Fahndungsbildern im Fernsehen sehen schrecklich aus, finden Sie nicht auch? Schauen Sie sich nur mal die ungepflegten Haare an, du meine Güte.“ Sandra Miller war eine Quasselstrippe.

Daisy, die sich nie um ein Gespräch bemühen musste, wenn ihre Kundin auf dem Frisierstuhl saß, warf einen Blick zum kleinen Fernseher an der Wand. „Ja, ziemlich unvorteilhaft, diese strähnigen Haare.“

„Wie kann man nur so rumlaufen? Kein Wunder, dass solche Mädchen verlottern, Drogen nehmen und sonst was.“

Die nächste Großaufnahme flimmerte über den Bildschirm. „Du lieber Himmel, in welchen Farbtopf ist die denn gefallen? Von grün und lila Haartönungen hab ich noch nie gehört.“ Sandra suchte Daisys Blick im Spiegel. „Sie könnten diesen unglücklichen Frauen Ratschläge geben. Eine gute Frisur hebt das Selbstvertrauen, das darf man nicht unterschätzen.“

Daisy lachte. „Tut mir leid, Sandra. Aber mir fehlt die Zeit, um Frauen im Gefängnis von Atlanta Schönheitstipps zu geben.“

Daisy Bell führte den einzigen Schönheitssalon und die kleine Reparaturwerkstatt in Bell Grove. Marigold, die Jüngste der drei Schwestern, besuchte das Junior College, kam aber am Wochenende heim, um in der Werkstatt auszuhelfen; und Lily, die in einer Kunstgalerie in Atlanta arbeitete, kam nur noch selten nach Hause.

Montags, wenn der Salon geschlossen war, lieferte Daisy Essen an ältere Bewohner aus, die sich nicht mehr selbst versorgen konnten, ging ihnen im Haushalt zur Hand, brachte sie zum einzigen Arzt am Ort oder kaufte im Supermarkt für sie ein.

Als ihre Eltern vor sieben Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren, hatte Daisy ihre eigenen Lebenspläne aufgegeben und sich um ihre jüngeren Schwestern gekümmert, die damals noch zur Schule gingen.

Würden ihre Eltern noch leben, dann wäre sie nicht in Bell Grove geblieben. Sie hatte größere Pläne gehabt: ihren Collegeabschluss, eine Ausbildung zur Physiotherapeutin oder Grundschullehrerin, einen Job in der Großstadt. Heirat und Kinder. Wie wäre ihr Leben verlaufen, wenn der Lastzug vor sieben Jahren nicht ausgeschert wäre? Diese Frage hatte sie sich immer wieder in schlaflosen Nächten gestellt.

Doch mittlerweile war sie zufrieden mit ihrem Leben, an große Pläne dachte sie längst nicht mehr.

Daisy föhnte Sandras Kurzhaarschnitt über die Rundbürste, sprühte Festiger darauf und nahm ihr schließlich den Umhang von den Schultern. Sandra gefiel die neue Frisur, die ihr Gesicht jünger aussehen ließ, wie sie fand.

Die Tür ging auf. Daisy erwartete die nächste Kundin erst in einer Stunde nach der Mittagspause, nahm aber auch Laufkundschaft an …

Weiter kamen ihre Gedanken nicht.

Jacob Tasker trat ein, selbstbewusst wie eh und je. Augen wie schwarzer Kaffee suchten ihren Blick. Er hatte etwas zugenommen, seit sie ihn zum letzten Mal gesehen hatte. Der schlaksige Student von früher hatte Muskelpakete unter seinem Designeranzug zugelegt.

Dieser Anzug kostete nicht nur mehr, als sie im Monat verdiente, er war auch völlig fehl am Platz. In Bell Grove trug kein Mensch Anzug, wenn er nicht Bürgermeister war oder sonntags zur Kirche ging.

Auch sein Haarschnitt war vom Feinsten. Kein Härchen in Unordnung, kein widerspenstiger Wirbel. Er hätte der Hochglanzwerbung für einen edlen Männerduft oder eine sündhaft teure Herrenuhr entstiegen sein können. Und sein Lächeln … dieses Lächeln hatte sich nicht verändert. In dieses Lächeln hatte sie sich verknallt, als sie fünfzehn und er achtzehn war. In jedes Schulheft hatte sie damals Seite um Seite Mrs. Daisy Tasker gekritzelt, mit einem Herzchen über dem i.

Vier Jahre später hatten sie sich im College wiedergetroffen. Und wieder war sie seinem Lächeln verfallen und anderen Attributen, von denen sie als Fünfzehnjährige noch keine Ahnung gehabt hatte. Das war eine sehr glückliche Zeit gewesen; sie hatte in einer Märchenwelt gelebt.

Und kaum zwei Jahre später war ihre Märchenwelt zusammengebrochen.

Mist! Natürlich hatte Daisy sich ein Wiedersehen ausgemalt. In ihren Träumen trug sie allerdings ein hübsches Kleid, war frisch geschminkt und überglücklich. Sie hatte ihn überhaupt nicht vermisst, konnte sich kaum an ihn erinnern, er hingegen war unglücklich und litt immer noch unter der Trennung. In ihrer Vorstellung war er ein wenig aufgedunsen, und diese unvorteilhafte Veränderung hatte ihr die Genugtuung gegeben, froh über die Trennung zu sein. Ach ja, die Fantasie …

Im wirklichen Leben war Daisy kaum geschminkt, trug einen schwarzen Kittel über alten Jeans und einem verwaschenen T-Shirt. Und er sah besser aus als in ihrer Erinnerung, markanter, männlicher. Und keineswegs unglücklich, als habe er keine Sekunde an sich gezweifelt.

Und auch nicht daran, sie verlassen zu haben.

Er zog die Tür hinter sich zu und grüßte Daisy und Sandra, die sofort zu plappern anfing, wie lange sie ihn nicht gesehen, nur von seinen Erfolgen gehört habe, und wie ihm Kalifornien gefiele? Sie fragte nach seinen Brüdern und Cousins. Es gab viele Verwandte der Taskers in Georgia. Anders als die Familie Bell, den Gründern der kleinen Stadt, von der nur noch drei Schwestern existierten, hatten die Taskers sich zahlreich vermehrt.

Während Jacob und Sandra Höflichkeiten austauschten, suchte Daisy krampfhaft nach passenden Worten und wischte sich ihre feucht gewordenen Handflächen an den Jeans ab. Na toll! Wieso hatte er nicht vorher angerufen?

Sie könnte ihm alles sagen, was sie sich in schlaflosen Nächten ausgedacht hatte. Und nichts davon war angenehm.

Aber nachdem Sandra endlich gegangen war, sagte Daisy nur: „Was zum Teufel willst du?“

Was hatte er erwartet? Einen Tusch?

Daisy hatte sich kaum verändert. Sie hatte immer noch langes hellblondes Haar, kornblumenblaue Augen, lange Beine und einen leicht gebräunten Teint. Auf der Fahrt hatte Jacob sich gefragt, ob Daisys Opferbereitschaft für ihre Familie, der Verzicht auf die Verwirklichung ihrer Träume sie verhärmt und bitter gemacht hatten.

Aber sie war noch hübscher als damals. Das Mädchen, das er einst geliebt hatte, war eine schöne Frau geworden.

„Eine Gefälligkeit“, sagte er, befürchtete allerdings eine Abfuhr.

„Eine Gefälligkeit.“ Sie schüttelte den Kopf und straffte kämpferisch die Schultern. „Von mir? Machst du Witze?“

„Hör mich bitte an.“

Daisy hob abwehrend die Hände, ihre Wangen überzogen sich rosig. „Was immer es ist, ich habe keine Zeit.“

„Die Gefälligkeit ist nicht für mich.“

„Was du nicht sagst!“

„Es geht um Grandma Eunice.“

Ihre Augen blitzten etwas weniger streitlustig. Daisy hatte die Mutter seines Vaters immer gern gehabt, und Grandma Eunice hatte Daisy ins Herz geschlossen. Jacob sah sich genötigt, ihr die Situation zu erklären.

„Ich bin gekommen, weil in zwei Wochen unser großes Familientreffen stattfindet.“ Er verschwieg, dass er nur daran teilnahm, weil seine Mutter ihm eröffnet hatte, es wäre für seine Großmutter vermutlich die letzte Familienzusammenkunft.

„Kann man denn in San Francisco so lange auf dich verzichten?“, fragte Daisy schnippisch.

Er ging nicht darauf ein. „Grandma Eunice geht es nicht gut.“

Daisy schluckte. „Tut mir leid.“

„Körperlich scheint sie in relativ guter Verfassung zu sein, obwohl sie seit einiger Zeit auf den Rollstuhl angewiesen ist. Aber ihr Geisteszustand …“ Jacob holte tief Luft. „Daisy, sie ist geistig verwirrt und denkt, wir sind verlobt und fragt ständig nach dir.“

Daisy hatte keine Übung darin, ein Pokergesicht aufzusetzen. Ihre blauen Augen wurden groß, sie machte den Mund auf und zu, bevor sie fragte: „Alzheimer?“

„Der Arzt ist ratlos.“

„Aber was dann?“

„Meist ist sie klar im Kopf und erinnert sich, was sie zum Frühstück gegessen hat, aber plötzlich lässt ihr Gedächtnis sie im Stich. Sie erkennt Bens Frau nicht, und wenn es um mich geht, versagt ihr Gedächtnis völlig.“

Daisy sah ihn ratlos an. „Du musst ihr die Wahrheit sagen.“

Wenn das nur so einfach wäre. „Ich habe ihr erklärt, dass wir uns vor Jahren getrennt haben und nie verlobt waren. Darüber hat sie sich fürchterlich aufgeregt. Ich bin in die Küche gegangen, um Tee zu kochen, und als ich wieder zurückkam, war sie völlig ruhig und hat mit einem heiteren Lächeln aus dem Fenster geschaut. Ich dachte, sie habe begriffen, doch sie hatte alles vergessen. In wenigen Minuten hatte sie völlig vergessen, was ich ihr gesagt hatte.“ Und dann ließ er die Bombe platzen. „Sie plant unsere Hochzeit.“

Daisy suchte Halt an der Stuhllehne. Jacob trat einen Schritt näher, um sie zu stützen, besann sich jedoch.

„Was erwartest du?“, fragte sie scharf. „Ich kann nicht … wir können nicht … es geht mich nichts an!“

„Ich erwarte nicht, dass du mich heiratest, um meine Großmutter glücklich zu machen“, entgegnete Jacob gereizt. „Aber du könntest eine Weile mitspielen, zum Familientreffen erscheinen, wenn sie darauf besteht, und uns vielleicht öfter besuchen. Eines Morgens wacht sie auf und hat ihre Pläne vergessen, mit Sicherheit weiß sie nichts mehr, sobald ich abgereist bin.“ Aus den Augen, aus dem Sinn. „Sie hat sich bereit erklärt, einen neuen Arzt zu konsultieren, aber erst nach dem Treffen.“

„Mitspielen.“ Etwas an Daisy hatte sich doch verändert. Ihr Blick war härter geworden, kälter. So hatte sie ihn früher nie angesehen.

„Es würde die alte Dame glücklich machen. Sie hat dich sehr gern.“

„Nun mach mal halblang. Du tust das nicht für sie. Nein, ich soll dir aus der Patsche helfen, damit du ihr nicht sagen musst, dass wir nicht verlobt sind. Jacob Tasker will sich vor Unannehmlichkeiten drücken, nichts soll seiner steilen Karriere im Weg stehen …“ Sie verschluckte sich beinahe an ihren letzten Worten.

Jacob seufzte. Nicht zum ersten Mal wünschte er sich nach San Francisco zurück, nach seinem geregelten Leben, in dem Entscheidungen sinnvolle Ergebnisse brachten. Diese leidige Situation war zum Verrücktwerden. „Ich bin seit vier Tagen hier und habe Grandma Eunice hundertmal gesagt, dass wir nicht verlobt sind und nie waren. Jedes Mal regt sie sich darüber auf und hat es fünf Minuten später wieder vergessen. Ich weiß mir keinen Rat mehr.“

Daisy schüttelte den Kopf.

„Ich bezahle auch für deine Hilfe.“

Ihre Blicke waren wie Giftpfeile. Sie sah aus, als wolle sie ihm im nächsten Moment an die Kehle gehen. „Denkst du, ich bin bestechlich? Ich tue es für Geld? Ach, die bedauernswerte Daisy Bell, sie tut alles für ein paar Dollar. Von wegen!“

Er wäre glücklich, ihr mehr als nur ein paar Dollar zukommen zu lassen. Daisy hatte viel für ihre Schwestern geopfert, Lily und Mari großgezogen und ihnen das College ermöglicht. Ohne dabei an sich zu denken.

Er nannte eine absurd hohe Summe, die Daisy entsetzt zurückweichen ließ.

„Bist du wahnsinnig?“

Nein, er war nicht wahnsinnig, nur wahnsinnig reich. Er arbeitete neunzig Stunden die Woche und hatte in den sieben Jahren bei der Hudson-Dahlgren-Corporation keinen Urlaub genommen. Ein Workaholic, der für nichts anderes Zeit hatte. Aber sein Fleiß, seine Einsatzbereitschaft hatten sich bezahlt gemacht.

„Ich fürchte, Grandma Eunice bleibt nicht mehr viel Zeit. Ihr Zustand hat sich erheblich verschlechtert, seit ich sie zum letzten Mal sah. Vor allem geistig …“ Er hatte mit ihrem Arzt gesprochen, kaum jünger als sie, der ihm eröffnet hatte, Eunice Tasker werde eben alt. Jacob hatte vorgeschlagen, einen Facharzt hinzuzuziehen, seine Großmutter zu Untersuchungen in eine Spezialklinik zu bringen, aber sie hatte sich strikt geweigert. Nach dem Familientreffen wolle sie einen neuen Arzt aufsuchen, hatte sie versichert. Auch wenn ihr Verstand sie im Stich ließ, ihr Eigensinn war ungebrochen.

„Du könntest helfen, sie in den letzten Tagen ihres Lebens glücklich zu machen.“ Und er könnte im Wissen abreisen, dass Daisy finanziell abgesichert wäre.

Sie dachte lange nach und sagte schließlich: „Einverstanden, ich werde helfen. Ein paar Besuche bei deiner Großmutter, ein paar Lügen … das schaffe ich.“ Sie trat auf ihn zu und stieß ihm mit dem Zeigefinger gegen die Brust.

„Aber ich nehme keinen Cent von dir“, erklärte sie, ohne ihn dabei anzusehen. „Ich tue es für Miss Eunice, nicht für dich. Sie war nach dem Tod meiner Eltern gut zu mir. Ich tue es nur für sie.“ Daisy hob langsam den Kopf, bis ihr Blick dem seinen begegnete. „Nicht für dich und nicht für dein Geld.“

Jacob verharrte reglos, atmete ihren Duft ein. Verdammt, sie roch verlockend gut. Dieser Duft weckte Erinnerungen, zu denen er kein Recht hatte.

„Dinner heute Abend mit der Familie?“

„Verlierst wohl keine Zeit, wie?“, konterte sie.

„Wieso sollte ich?“

Er wollte diese Komödie so schnell wie möglich hinter sich bringen. Ihre Beziehung hatte vor Jahren geendet. Aber irgendwie beunruhigte ihn das Wiedersehen mit Daisy Bell. Er wollte nicht in die Vergangenheit gezogen werden, nicht durch alte Erinnerungen und nicht durch ihren verführerischen Duft.

Daisy war Vergangenheit, und Jacob kümmerte sich um Gegenwart und Zukunft. Nur ein Narr ließe sich durch etwas in Versuchung führen, was längst begraben war.

2. KAPITEL

Die Taskers zählten seit jeher zu den einflussreichsten und wohlhabendsten Familien in der Region. Der Familiensitz, wenige Meilen außerhalb von Bell Grove gelegen, war ein stattliches Herrenhaus, gediegen, ohne protzig zu sein. In den zwei Jahren, in denen Daisy mit Jacob befreundet war, hatte sie die Sommerferien und viele Wochenenden in Tasker House verbracht.

Daisy hatte sich für diesen Anlass mit Bedacht zurechtgemacht, wollte gut aussehen für die Familie und auch für Jacob. Dem wollte sie zeigen, was er sich hatte entgehen lassen, ohne ihn zu ermutigen, sich Freiheiten herauszunehmen. Sie trug ein hellgrünes Sommerkleid, das ihr knapp bis zu den Knien reichte, weiße Sandalen und offenes Haar, das sie gebürstet hatte, bis es glänzte. Auf der Fahrt hatte Jacob sie immer wieder von der Seite angeschaut, statt auf die Straße zu achten. Damit erreichte sie doch, was sie wollte, oder nicht?

Und warum machten sie seine heimlichen Seitenblicke nervös? Ihr Versuch, ihn zu bestrafen, endete damit, dass sie sich selbst bestrafte. Seine Nähe im Auto bereitete ihr Folterqualen.

Das Haus war wie in ihrer Erinnerung, erhaben und würdevoll, mitten in einer üppig grünen Parklandschaft gelegen. Jacob und sie hatten damals viele lange Spaziergänge gemacht.

An den Verandastufen bot er ihr den Arm, sie hakte sich bei ihm unter, wollte ihm nicht zeigen, wie nervös seine Nähe sie machte.

„Schläfst du im Anzug?“, fragte sie kühl. Zugegeben, er sah gut aus in dem dunklen Maßanzug und dem blütenweißen Hemd, allerdings völlig unpassend im Süden, noch dazu im Sommer. Und bei der Feuchtigkeit.

„Für gewöhnlich nicht“, antwortete er.

Die Frage hätte sie besser nicht gestellt. Früher hatte er nackt geschlafen, jedenfalls in ihren gemeinsamen Nächten, genau wie sie. Sie hatten nicht zusammen gelebt, aber im College hatte er die Nächte bei ihr oder sie bei ihm verbracht – wenn ihre jeweiligen Zimmernachbarn nicht da waren.

Bevor Daisy das Bild des nackten Jacob verdrängen konnte, öffnete Susan Tasker die Tür und bemühte sich um ein Lächeln – der klägliche Versuch eines Lächelns. Allerdings verdrängte das Erscheinen von Jacobs Mutter augenblicklich ungebetene und verstörende Erinnerungen.

Susan Tasker hatte in die angesehene und wohlhabende Familie eingeheiratet und sich bald zu einer Führungspersönlichkeit entwickelt. Ihr Ehemann Jim, Miss Eunices einzig überlebendes Kind, war ein ruhiger Mann, der keinerlei Einwände erhob, die Verwaltung der Besitztümer seiner Ehefrau zu überlassen. Sie hatte ihm vier Söhne geboren und eine führende Rolle in den verschiedenen Konzernen übernommen – im ganzen Süden verteilt –, die sich im Familienbesitz befanden, so als sei sie für diese Aufgaben geboren.

„Guten Tag, Daisy“, grüßte sie.

„Guten Tag, Mrs. Tasker.“

„Ach was, nennen Sie mich Susan. Sie sind kein Kind mehr.“

Mrs. Tasker, Ende fünfzig, hatte ein paar Pfund zugenommen, seit Daisy sie zum letzten Mal gesehen hatte. Und wer immer ihr die Haare machte, hatte schlechte Arbeit geleistet. Die Tönung war glanzlos, der Schnitt zu streng für ihr ovales Gesicht. Ein moderner Stufenschnitt und helle Strähnchen würden sie jünger aussehen lassen. Aber das, ermahnte sich Daisy, während sie Susan Tasker in den Salon folgte, war nicht ihr Problem.

Nichts in dem vornehmen Haus schien sich in den Jahren verändert zu haben. Das antike Mobiliar, die Ölgemälde in schweren Goldrahmen, selbst die frischen Blumen auf dem runden Tisch in der Eingangshalle waren Daisy vertraut.

Jim Tasker genehmigte sich im Salon einen Drink vor dem Dinner. Jacobs jüngster Bruder Ben und seine Frau Madison waren ebenfalls anwesend. Und in der Mitte des Salons thronte Eunice Tasker würdevoll in einem Rollstuhl. Die alte Dame wirkte abwesend, sie war bleich, ihre Hände zitterten.

Bei Daisys und Jacobs Anblick erhellten sich ihre Gesichtszüge, ihr Lächeln glättete die Falten, ihre Wangen überzogen sich rosig. „Ich freue mich, dich endlich zu sehen“, sagte sie, den Blick auf Daisy gerichtet. „Wir haben eine Menge zu besprechen.“

Daisy küsste sie auf beide Wangen. Die alte Dame duftete nach Babypuder und einem blumigen Parfum, ihre Haut fühlte sich wie Pergament an. In diesem Moment fielen die letzten Zweifel von Daisy ab, sich auf diese absurde Komödie einzulassen. Sie tat es nicht für Jacob. „Miss Eunice, wir haben uns lange nicht gesehen.“

„Ja, ein paar Wochen, nicht wahr?“ Eunice nahm Daisys beide Hände. „Viel zu lange.“

Daisy lächelte, wollte die alte Dame nicht verwirren.

Miss Eunice drückte Daisys Hände. „Du wirst immer schöner.“ Ihr Blick heftete sich auf ihren Enkelsohn. „Deine entzückende Braut wird jeden Tag schöner, hab ich recht, mein Lieber?“

„Ja, Grandma“, bestätigte Jacob.

„Sie wird atemberaubend aussehen in meinem Brautkleid.“

Betretenes Schweigen. Natürlich war die Familie eingeweiht, aber Daisy war die Situation unendlich peinlich. Sie verabscheute es, gute Miene zu dieser grotesken Komödie zu machen, so zu tun, als trage sie Jacob nicht nach, sie für seine Karriere im Stich gelassen zu haben. Sein Streben nach Erfolg, das sie früher an ihm bewundert hatte, hatte sich letztlich gegen sie gerichtet und ihn ihr weggenommen.

Und dann nahm sie die bleichen Mienen wahr, die schmalen Lippen, die unsteten Blicke. Den Taskers stand der Verlust eines geliebten Familienmitglieds bevor, nicht plötzlich und ohne Vorwarnung, wie sie ihre Eltern verloren hatte, sondern ein schleichender Verlust. Und es stand in ihrer Macht, Miss Eunices letzte Tage glücklicher zu machen. Nicht für die Familie, ermahnte sie sich, sondern für eine Frau, die stets gut zur Bell-Familie gewesen war.

Sie lächelte Miss Eunice zu. „Ich kann es kaum erwarten, das Kleid zu sehen. Es ist sicher wunderschön.“

„Heute Abend nach dem Dinner“, erklärte Miss Eunice freudig, „musst du es anprobieren! Damit wir wissen, ob es dir passt.“

Allem Anschein legte es die alte Dame darauf an, alles noch komplizierter zu machen. „Es hat keine Eile“, lenkte Daisy ein und hatte Mühe, gelassen zu bleiben. Der Gedanke, in ein Brautkleid zu schlüpfen, das Jahrzehnte sorgsam aufbewahrt worden war, ließ sie frösteln.

Eunice umklammerte die Armlehnen ihres Rollstuhls und beugte sich vor. „Keine Eile? Und wenn Änderungen nötig sind? Außerdem brauchen wir einen neuen Schleier, der alte ist verschlissen. Es gibt so viel zu tun. Die Hochzeit findet in weniger als drei Wochen während des Familientreffens statt. Wir dürfen keinen Tag vertrödeln.“

„Was?“, riefen Jacob und Daisy im Chor.

„Überraschung!“, erwiderte Eunice strahlend.

Jacob fasste sich. In ein paar Stunden würde Grandma Eunice alles vergessen haben.

Daisy machte ein Gesicht, als habe sie ein Gespenst gesehen. Früher hatte sie beinahe zur Familie gehört, Weihnachten, Thanksgiving und die Sommerferien hier verbracht. Sie hatten nie über Heirat gesprochen, damals waren sie noch zu jung. Aber seine ganze Familie hatte sie geliebt, nicht nur Jacob.

Auch wenn nie über Heirat gesprochen wurde, hatte Jacob sie in Erwägung gezogen, genau wie Daisy.

Und dann waren ihre Eltern ums Leben gekommen, und alles hatte sich verändert.

Jacob hatte sich aufrichtig bemüht, Daisy in dieser schweren Zeit beizustehen, sie getröstet, ihr bei den Formalitäten der Beerdigung geholfen und später bei den Behördengängen wegen der Vormundschaft für ihre Schwestern. Aber dann hatte er den Job in San Francisco angenommen. Er hatte fest daran geglaubt, ihre Fernbeziehung könnte klappen, bis er Daisy und ihre Schwestern nachkommen lassen wollte.

Aber es hatte nicht funktioniert. Es hatte nie Streit zwischen ihnen gegeben, keine emotionsgeladene Szene. Sie hatten sich lediglich einander entfremdet. Sein Job hatte ihm kaum ein freies Wochenende gestattet, und Daisy musste sich um ihre jüngeren Schwestern kümmern und das Familiengeschäft in Bell Grove weiterführen.

Seither waren sieben Jahre vergangen. Allerdings musste Jacob sich widerstrebend gestehen, dass er Daisy noch immer begehrte.

Dabei war er überzeugt gewesen, längst über sie hinweg zu sein. Doch dieses Wiedersehen hatte ihm bewiesen, dass er sich irrte. Anderenfalls würden ihre Pfirsichhaut, ihr Hüftschwung ihn kalt lassen, hätte er nicht den Wunsch, nahe an sie heranzurücken, um ihren Duft einzuatmen. Verdammt, er war nicht über sie hinweg.

Die Vergangenheit holte ihn ein und setzte ihm zu, obgleich er wusste, dass es kein Zurück gab. Wenn er einige Zeit mit Daisy verbrachte, würde er feststellen, dass diese Gefühle lediglich Nachwehen einer verflossenen Jugendliebe waren.

Das Dinner wurde angekündigt und beendete gottlob peinliche Gespräche über Brautkleider und Hochzeitspläne. Jacob bot Daisy den Arm und begleitete sie in den Speisesaal. Sie wirkte ruhig und gelassen, dennoch entging ihm ihr leises Zittern nicht. Hätte er nur eine andere Lösung gefunden, um Daisy und sich selbst diese Tortur zu ersparen.

Niemand verstand es besser, ein traditionelles Südstaatenmenü zuzubereiten als Lurlene Preston, die seit dreißig Jahren das Regiment in der Küche der Taskers führte. Die vertrauten Gerüche weckten angenehme Kindheitserinnerungen in Jacob.

Man unterhielt sich angeregt über das Essen, das Wetter, Baseball und die Verwandten, die demnächst eintreffen würden. Daisy taute allmählich auf, aß mit gutem Appetit, beteiligte sich an den Gesprächen und ignorierte Jacob völlig.

Was ihn nicht sonderlich störte, da er sie heimlich beobachten konnte – ihr seidig schimmerndes Haar, ihren schlanken Hals, den anmutigen Schwung ihrer Schultern. Tiefer wagte er den Blick nicht zu senken, aus Furcht, sie könne ihn dabei ertappen, wie er auf ihre Brüste starrte.

Der gnädige Aufschub endete mit dem Servieren des warmen Pfirsich Cobblers. Grandma Eunice nahm die Hochzeitspläne wieder in Angriff. Die Trauung sollte am Sonntagnachmittag des dreitägigen Familientreffens stattfinden, als Höhepunkt des Festes. Eine formelle Zeremonie im Haus. Nur im engen Familienkreis, da der Platz für eine große Einladung nicht ausreichte. Im Übrigen, fügte Grandma Eunice mit gehobenen Brauen hinzu, sei die Familie letztlich das Wichtigste, was im Leben zählte.

Dabei musterte sie Jacob streng. Sie hatte nie ein Hehl daraus gemacht, dass sie Jacobs Karrierepläne in einem fremden Unternehmen missbilligte, statt einen gehobenen Posten in einem Familienbetrieb zu übernehmen. Die Taskers besaßen Anteile an florierenden Restaurantketten, Warenhäusern, einem Stahlwerk und einer Textilfabrik. Jacobs Großvater hatte mit seinen drei Brüdern das Familienunternehmen gegründet, geschickt investiert und expandiert. Aber Jacob wollte eigene Wege gehen, unabhängig und erfolgreich sein. Sein Ehrgeiz hatte ihn letztlich der Familie entfremdet. War das der Grund, wieso seine Großmutter sich in ihrer geistigen Verwirrung so sehr auf diese Hochzeit versteifte? War sie von der Idee besessen, dass er ein Mädchen aus der Gegend heiratete, bevor sie das Zeitliche segnete?

Jacob hatte gehofft, sie würde das Brautkleid während des Dinners vergessen. Aber nein, sie wollte Daisy unbedingt in dem Kleid sehen, zog Lurlene hinzu, um etwaige Änderungen vorzunehmen. Daisy wurde bleich, erhob jedoch keine Einwände. Die Frauen begaben sich in Grandma Eunices Privaträume. Vor einigen Jahren, als ihr das Treppensteigen zu beschwerlich wurde, waren die Bibliothek und das angrenzende Zimmer für sie eingerichtet worden.

Jacob richtete den Blick auf seinen Vater und Bruder. „Wieso habt ihr mir verschwiegen, dass es so schlimm mit ihr steht?“, fragte er mit leiser Stimme.

Sein Vater zuckte mit den Schultern. „Ihr Zustand hat sich sehr schnell verschlechtert. Plötzlich konnte sie sich nicht mehr an große Zeiträume erinnern. Der Arzt meint, dieser Gedächtnisverlust könne verschiedene Ursachen haben, aber … eine genaue Diagnose konnte er nicht stellen.“

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