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Feels like Loss

Leo sieht endlich wieder eine Zukunft vor sich: Er hat seine Krankheit besiegt, ist glücklich mit Mila an seiner Seite und als junger Modedesigner erfolgreich. Doch eine weitere Hürde liegt noch vor ihm. Wenn er Mila nicht verlieren will, muss er sich endlich mit den Schatten seiner Vergangenheit auseinandersetzen. Gemeinsam begeben sich die beiden auf die Reise nach Italien zu Leos Wurzeln und stoßen dabei auf eine Wahrheit, die alles verändert.


  • Erscheinungstag: 20.07.2021
  • Aus der Serie: Feels Like Reihe
  • Bandnummer: 2
  • Seitenanzahl: 416
  • ISBN/Artikelnummer: 9783745752595
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

TRIGGERWARNUNG:

Dieser Roman enthält Szenen häuslicher Gewalt.

PLAYLIST

Playing Games – Anna of the North

Somebody Else – VÉRITÉ

Back To You – Selena Gomez

Like To Be You – Shawn Mendes feat. Julia Michaels

Bellyache – Billie Eilish

Coming Down – Halsey

You Broke Me First – Tate McRae

Driver’s License – Olivia Rodrigo

Falling – Harry Styles

Apocalypse – Cigarettes After Sex

Sweater Weather – The Neighbourhood

Getaway Car – Taylor Swift

21 – Gravie Abrams

Bored – Billie Eilish

Fine Line – Harry Styles

Seven – Taylor Swift

Take Care – Beach House

PROLOG

Der Postbote kommt später in letzter Zeit. Manchmal erst nach vier, nur kurz bevor er von der Arbeit zurück ist.

Rasch geht sie die Umschläge durch – alle für ihn, außer einer. Italienischer Poststempel. Ein leises Seufzen entfährt ihr, als sie den Absender entziffert hat. Schon wieder Paolo. Sie hätte ihm nie die Adresse geben dürfen.

Mit fahrigen Fingern öffnet sie das Kuvert, zieht das gefaltete Papier heraus und beginnt zu lesen. Die fein säuberliche, leicht nach rechts kippende Schrift sieht aus wie gedruckt. Vorsichtig streicht sie mit den Fingerspitzen über die getrocknete Tinte.

Schon wieder schreibt er einen halben Roman und bringt sie damit weiter in Zugzwang. Herrgott noch mal, sie sollte ihn einfach sofort verbrennen. Es wäre für alle Beteiligten besser. Aber sie bewahrt sie alle auf, denn irgendwann wird der Tag kommen, an dem sie von hier verschwinden kann. Seit Monaten steht eine gepackte Tasche oben auf dem Dachboden, vollgestopft mit dem Nötigsten, um sich eine Weile über Wasser zu halten. Ihr gesamtes Erspartes, die Reisepässe, Wechselkleidung für sie und den Kleinen. Ihr Plan steht seit Monaten. Weg hier, so schnell wie möglich, entweder erst ins Frauenhaus oder sofort zum Bahnhof. Irgendwie werden sie sich bis nach Italien durchschlagen. Und bei Paolo wird sie ihm alles erzählen, ihn um Hilfe bitten. Er wird eine Lösung für all das haben.

Erneut dreht sie das Kuvert, betrachtet die Adresse auf der Rückseite. Sie hat sich die Route auf der Karte angesehen, ist die Strecke Nacht für Nacht im Geiste durchgegangen und kennt die Abfahrtszeiten aller Züge.

Mit dem Taxi von hier zum Hauptbahnhof. In die Bahn Richtung München, von dort nach Österreich und über den Brenner. Weiter gen Süden, vorbei an Bozen bis Trient. Von hier aus werden sie trampen müssen, aber das ist egal. Wenn sie erst einmal über die Grenze sind, wird alles gut.

Sie schluckt und zögert für den Bruchteil einer Sekunde. Wenn sie es jetzt nicht wagt, dann vermutlich nie. Vorgestern hat er dem Kleinen zum ersten Mal eine verpasst. Sein erschrockenes Weinen wird sie niemals vergessen.

Entschlossen greift sie nach dem Telefon, das im Flur auf der Kommode steht. In Gedanken hat sie es bereits eine Milliarde Mal getan, nun wählt sie wirklich die Nummer und bestellt das Taxi.

Als es endlich vorfährt, schlägt ihr das Herz bis zum Hals. Sie greift nach der Reisetasche, die sie von oben geholt hat, geht festen Schrittes ins Wohnzimmer, um den Kleinen zu holen.

Jetzt oder nie. Das ist ihre Chance. Nie wieder Schläge, nie wieder diese Todesangst.

Der Taxifahrer ist bei laufendem Motor ausgestiegen, hilft ihr mit dem Gepäck.

»Zum Hauptbahnhof bitte.«

»Gerne.«

»Steig ein!«, ermahnt sie das Kind, greift nach dem Griff der Autotür. Einen Moment später ist ihr, als würde ihr das gesamte Blut in die Beine sacken. Der dunkelblaue Wagen taucht am Ende der Spielstraße auf. »Schnell!« Sie drückt die schmalen Schultern auf die Rücksitzbank. Doch er muss sie schon gesehen haben. Kraftlos klammert sie sich an der Wagentür fest. Ihr wird schwarz vor Augen.

»Ist alles in Ordnung?«, fragt der Taxifahrer.

Die Fahrertür des Wagens fällt zu, als er ausgestiegen ist und auf sie zukommt. Sein Gesicht ist glatt. Er lächelt. Er muss längst verstanden haben, was sie hier gerade tut. Dass sie ihn austricksen wollte. Er hat sie durchschaut.

»Schatz, ich habe es doch noch rechtzeitig geschafft!« Er wendet sich dem Taxifahrer zu. »Entschuldigen Sie, aber ich kann meine Frau und meinen Sohn nun selbst zum Bahnhof bringen. Das ist für die Unannehmlichkeiten.« Er drückt dem verdutzten Fahrer einen Schein in die Hand und legt ihr den Arm um die angespannten Schultern. Seine Berührung gleicht flüssigem Feuer.

»Warte im Haus auf mich«, zischt er an ihrem Ohr und stößt den Jungen mit einer groben Bewegung Richtung Hauseingang, als der Fahrer gerade nicht hinsieht.

Sie will schreien, um Hilfe bitten, doch aus ihrer Kehle kommt kein Ton. Er nimmt das Gepäck aus dem Kofferraum, und das Taxi rollt davon.

Am ganzen Körper zitternd geht sie vor ihm her Richtung Haustür. Der Kleine scheint ihre Panik zu spüren, kauert an der Treppe und will gerade nach oben laufen. Hinter ihnen kracht die Haustür ins Schloss.

Er ballt die Hand zur Faust.

EINS

Emilia

Mila, ich komm doch nicht pünktlich raus – Verkehrsunfall mit vier Verletzten … Sorry!

Ein Seufzen unterdrückend sinke ich auf die unbequeme Holzbank in der Mitarbeiterumkleide der Charité und schiebe das Handy mit Jojos Nachricht frustriert zur Seite. Großartig. Ausgerechnet an meinem Geburtstag muss ihm etwas dazwischenkommen, und dann ist es auch noch ein Notfall in der Klinik. Ich kann nicht mal enttäuscht sein, ohne ein schlechtes Gewissen zu bekommen.

In Zeitlupe streife ich mir die Turnschuhe von den Füßen, befördere sie in mein Schließfach und werfe Notizbuch und Namensschild hinterher. Nach dem langen Tag in der Neurochirurgie raucht mein Kopf. Obwohl ich allein in der Personalumkleide bin, kommt es mir vor, als könnte ich die Stimmen der Ärzte, Pfleger und Patienten noch immer hören. Meine Füße tun weh, ich war den ganzen Tag über auf den Beinen und hatte nur am Nachmittag bei einem Pflichtseminar mit einigen Kommilitonen Zeit, etwas zu essen und mich kurz zu setzen.

Und trotzdem macht sich eine seltsame Gelassenheit in mir breit, während ich die Krankenhauskleidung ablege, in meine eigenen Sachen schlüpfe und Medizinstudentin-Mila für heute in der Klinik lasse. Auch in diesem Semester sind meine Tage lang und anstrengend, aber sie sorgen fast immer dafür, dass ich abends mit dem Gefühl einschlafe, genau das zu tun, was ich am meisten liebe.

Okay. Am zweitmeisten … Noch mehr liebe ich es, nach Feierabend in Leos Wohnung zu kommen, ihn zu küssen und dieses Leuchten in seinen dunklen Augen zu sehen, wenn er von seinem Tag im Atelier und dem Label erzählt. Und wann ich das zuletzt getan habe, weiß ich ganz genau. Vor vierunddreißig Tagen, an Leos letztem Abend in Berlin, bevor er nach seiner Nierentransplantation für mehrere Wochen in diese Rehaklinik an der Ostsee gefahren ist. Vierunddreißig Tage ohne ihn, und mit jedem weiteren fühlt es sich ein wenig mehr so an, als würde ich durch einen Strohhalm atmen.

Ob es normal ist, jemanden so zu vermissen? Obwohl es Handys und Chatnachrichten gibt? Videoanrufe, die einer von uns beiden erst dann beendet, wenn der andere eingeschlafen ist? Stundenlang Leos Gesicht auf dem Laptopdisplay und noch mehr Sehnsucht, weil stockende Internetcalls nicht reichen. Weil nichts reicht, um das Gefühl seiner Haut auf meiner zu ersetzen.

Vermutlich ist es nicht normal, aber seit ich letzten Herbst für mein Studium nach Berlin gezogen bin und diesen Kerl kennengelernt habe, der mir Pfannkuchen und weiche Knie macht, ist überhaupt nichts mehr in meinem Leben normal.

Während er weg ist, bin ich aus meinem WG-Zimmer mehr oder weniger in seine Wohnung gezogen. Eigentlich, um nach dem Rechten zu sehen. Uneigentlich, weil die Kissen und Räume nach Leo riechen und ich mich gern selbst quäle, indem ich stundenlang auf der Couch sitze und mir vorstelle, wie er in der Küche steht oder mit dem Kopf auf meiner Schulter beim Serienschauen einschläft. Mir ist schon klar, dass mein Verhalten melodramatisch ist, aber ich bin auch nur ein Mensch.

In der Bahn zu seiner Wohnung checke ich mein Handy erneut, antworte Jojo auf seine Textnachricht und scrolle durch die übrigen Chats. So lange, bis ich seinen finde, der im Laufe des Tages nach unten gerutscht ist.

Emilia-Mila <3 Herzliche Glückwünsche zum Geburtstag. Gesundheit, Marmeladenglasmomente und ein Lächeln. Du weißt schon, eben alles, was wichtig ist. Ich wünschte, ich könnte heute bei dir sein, wirklich, Mila. Aber es ist nicht mehr lang, und wir haben bereits ganz andere Sachen geschafft. Ich denk an dich, jeden Tag, und glaub mir, ich zähl sie schon. Schreib mir, wenn du frei hast, dann kann ich anrufen. Ich liebe dich. Leonardo-Leo

Mein Finger schwebt nur kurz über dem grünen Symbol, dann halte ich mir das Handy ans Ohr und lausche dem Freizeichen. Als nach dem vierten Mal seine Mailbox anspringt, lasse ich den Arm sinken. Ich schließe für einen Moment die Augen, während die Bahn mit einem Ruck anfährt. Wäre ja auch zu schön gewesen … Vermutlich hat er noch Therapien und ruft gleich zurück. Bestimmt. Oh Mann …

Ich verlasse die Straßenbahn nur wenige Stationen weiter. Draußen pfeift ein eisiger Wind um die Altbaublöcke von Mitte. Vor dem Haus, in dem sich Leos Wohnung befindet, krame ich den Schlüssel aus der Tasche. Die alten Holzstufen des Treppenhauses knarzen unter meinen Sohlen, und im vierten Obergeschoss bin ich wie immer etwas aus der Puste. Im Wohnungsflur schlüpfe ich aus den Schuhen, lasse meine Tasche mit den Unisachen gleich daneben stehen und gehe ins Wohnzimmer. Heute werde ich mich garantiert nicht mehr mit Medizinthemen beschäftigen. Vielleicht frage ich Alessa oder Phil, ob sie Lust haben, später noch wegzugehen. Aber erst werde ich viel zu viel Sushi bei meinem Lieblingslieferdienst bestellen und darauf hoffen, dass Leo gleich zurückruft.

Als ein leises Knarzen ertönt, bleibe ich ruckartig stehen. Einen Moment später bekomme ich beinahe einen Herzinfarkt, als ich aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahrnehme.

»Herzlichen Glückwunsch!«

Vor lauter Schreck mache ich einen kleinen Satz zur Seite. Einen Moment lang habe ich das Gefühl, nicht mehr atmen zu können, dann zählt mein Kopf eins und eins zusammen.

»Oh mein Gott …« Ich presse mir eine Hand gegen den Brustkorb und starre in die strahlenden Gesichter. Konfettischlangen segeln durch die Luft, verfangen sich in Alessas Haaren. Sekunden später zieht sie mich in eine Umarmung.

»Seid ihr verrückt, ich wäre gerade fast gestorben!«, bringe ich heraus.

»Upsi.« Alessa grinst und drückt mir einen Kuss auf die Wange. »Ich wünsche dir von Herzen alles Gute zum Geburtstag, Süße.«

Über ihre Schulter hinweg erkenne ich die übrigen unerwarteten Gäste. Phil und Jason, neben meinem Bruder, der mich schelmisch angrinst. Hinter ihnen Sven und Toni. Warmes Glück füllt meinen Bauch, aber ich kann nicht verhindern, dass er sich anschließend schmerzhaft zusammenkrampft. Für einen winzigen Moment hatte ich tatsächlich gehofft, dass auch Leo überraschend nach Berlin gekommen wäre, doch offensichtlich habe ich mich geirrt.

»Sorry für die kleine Notlüge«, meint Jojo, ehe er mich an sich zieht und festhält. Gerade lang genug, damit ich die Tränen wegblinzeln kann, die auf einmal in meinen Augen brennen. »Happy Birthday, Schnecke.«

»Danke.«

Jojo lächelt mich vorsichtig an, legt den Zeigefinger unter mein Kinn und nickt mir aufmunternd zu. Mit hundertprozentiger Sicherheit weiß er, warum ich gerade kurz vorm Heulen bin, war in den letzten Wochen für mich da wie nie, und das, obwohl er zwischen Klinikalltag und seiner eigenen kleinen Familie kaum eine freie Minute hat.

Nacheinander nehme ich die Glückwünsche von Jason, Sven und Toni entgegen, die tatsächlich einen Geburtstagskuchen für mich gebacken haben. Einundzwanzig Kerzen stecken im Schokoladenüberzug des Kuchens, und mein Herz sticht, als ich mich darüber beuge, um sie auszupusten.

»Und nicht vergessen, dir etwas zu wünschen«, erinnert mich Alessa.

Ich schließe die Augen und muss keine Sekunde über meinen Wunsch nachdenken. Leo wiederhaben oder eine Zeitmaschine, um die nächsten Tage einfach zu überspringen.

Alessa lächelt, als ich die Augen wieder öffne, tief Luft hole und alle Kerzen erwische. Die anderen jubeln lautstark, ich muss lachen, spüre die Dankbarkeit für meine Freunde warm in meinem Bauch, und dann bleibt mein Herz zum zweiten Mal an diesem Abend fast stehen, als mir von hinten die Augen zugehalten werden.

Ich rieche ihn, noch bevor ich ihn sehe. Ein unkontrollierbares Zittern nimmt mich ein, während ich auf einmal nicht mehr atmen kann.

»Was hast du dir gewünscht?«

Seine Stimme, ganz nah an meinem Ohr, und mit ihr schießen mir die Tränen in die Augen. Ich will mich umdrehen, spüre warme Hände an meiner Hüfte, die mich festhalten und es verhindern.

»Das darf man nicht verraten.« Ich weiß nicht, wie meine Stimme noch funktioniert. »Sonst geht es nicht in Erfüllung.«

»Stimmt«, flüstert er, und dann lässt er zu, dass ich mich umdrehe. »Hi.« Er lächelt, und die Gänsehaut ist überall.

Ich kann nichts sagen. Eine seltsame Mischung aus Weinen und Lachen entfährt mir, und dann zieht Leo mich endlich in seine Arme. Die Umgebungsgeräusche treten in den Hintergrund, das Lachen und die Stimmen der anderen, alles verschwindet, während ich das Gesicht an Leos Hals drücke und einen Moment lang daran zweifle, ob das hier wirklich die Realität ist.

Es ist die Realität. Ich bin mir doch recht sicher, als ich mich leicht von ihm löse.

»Was machst du hier?!«, bringe ich heraus.

»Dir zum Geburtstag gratulieren.« Er wischt mir mit dem Daumen die Tränen von den Wangen, und ich stehe nah genug vor ihm, um mir sicher zu sein, dass seine Augen ebenfalls verräterisch glänzen.

»Aber …?« Ich verstumme, als Leo beide Hände an meinen Kopf legt. Seine Finger streichen über meine Haut, und dann sind es seine Lippen, direkt auf meinen. Leo küsst mich, und ich muss die Augen schließen, weil ich vergessen habe, wie unglaublich es sich anfühlt.

»Happy Birthday, und ich liebe dich«, flüstert er an meinen Lippen. Als er sich etwas von mir lösen will, halte ich ihn fest und küsse ihn noch mal. Weil ich nicht will, dass dieser Moment jemals aufhört. Leo scheint es ähnlich zu gehen. Er zieht mich wieder zu sich, schlingt die Arme um meinen Rücken und atmet tief durch.

»Überraschung geglückt, was?«, höre ich Alessa sagen und blicke in zufrieden schmunzelnde Gesichter, als ich mich zu den anderen umdrehe.

»Eigentlich war ich mir sicher, dass du bei meiner dreisten Absage Verdacht schöpfst«, meint Jojo und lacht.

»Oder spätestens dann, als ich einfach nicht ans Handy gegangen bin«, fügt Leo hinzu.

»Ihr seid unmöglich«, entfährt es mir, doch ich kann nicht aufhören, wie blöd zu lächeln. »Nein, ich habe keinen Verdacht geschöpft.«

»Sehr gut.« Leo mustert mich, und das Braun seiner Augen ist so warm. Ich will in es hineinfallen.

Erst jetzt habe ich Gelegenheit, ihn genauer zu betrachten. Er sieht gut aus. Viel besser als nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus vor einigen Wochen. Sein Blick ist gelassen, sein Gesicht entspannt. Er hat etwas zugenommen, und auch, wenn mir bewusst ist, dass das vermutlich an den Medikamenten liegt, die er seit der Nierentransplantation nimmt, erleichtert es mich. Leo sieht gesund aus, und im Stummen danke ich dem Universum dafür.

Er ist hier. Er ist hier, er ist hier. Ich muss es mir immer wieder sagen, um es wirklich zu verstehen. Und dann fällt mir etwas ein. Leo legt die Hand fester an meine Seite, als er meinen Stimmungswechsel bemerkt.

»Was ist?«, fragt er leise, während die anderen damit beschäftigt sind, die vorbereiteten Snacks aus der Küche zu holen.

Ich schlucke. »Musst du morgen wieder zurück?«

Leo schüttelt den Kopf. »Ich bleibe.«

»Aber …« Ich stocke. »Wie?«

»Die Reha ist abgeschlossen, ich wurde heute Morgen entlassen«, sagt Leo. »Ben hat mich abgeholt.«

»Warum hast du denn nichts gesagt? Ich hätte auch …«

»Ich weiß«, murmelt er und küsst mich noch mal. »Aber es sollte doch eine Überraschung sein.« Augen schließen. Leos Finger in meinen Haaren spüren. »Sorry, dass ich nichts gesagt habe.«

»Du spinnst doch«, flüstere ich, doch muss dabei lächeln. »Ich glaube es nicht …«

»Ich auch nicht.« Er lächelt. »Es ist so verrückt, wieder hier zu sein.« Sein Blick huscht von mir zu unseren Freunden. Zu Jason, der in diesem Moment hinter Alessa tritt und einen Arm um sie schlingt.

»Wie geht’s dir?«, frage ich leise, und Leo schaut mich wieder an.

»Gut.« Er nickt kurz, lächelt, und ich bin mir sicher, es ist die Wahrheit. »Und dir?« Er streicht mir eine Strähne aus dem Gesicht, und das Gefühl seiner Haut auf meiner ist überwältigend.

»Auch«, antworte ich wahrheitsgemäß. »Jetzt geht’s mir wieder gut.«

»Hab dich so vermisst«, flüstert er. Ich schließe die Augen, als Leo mich noch mal näher zieht, vergrabe die Finger in seinem T-Shirt und will ihn nie wieder loslassen. Er ist hier, und er bleibt hier, und alles ist gut.

»Es war unerträglich ohne dich«, bringe ich hervor. Meine Stimme klingt erstickt, und Leo hört es, ich bin mir sicher, als er die Arme etwas fester um mich legt.

»Ich weiß. Aber jetzt bin ich da. Und ich bleibe. Mich wirst du so schnell nicht wieder los«, sagt er und hält sein Versprechen den ganzen Abend lang, während ich in seinem Arm auf der Couch sitze, Geburtstagskuchen esse und mein Glück kaum fassen kann. Es sind all meine Lieblingsmenschen auf einem Haufen, und die Tatsache, dass ich einen Großteil von ihnen noch nicht kannte, als ich vor einem halben Jahr nach Berlin gezogen bin, ist verrückt.

Überwältigt nippe ich später an meinem Weißwein, spüre Leos Blick auf mir und sehe sein Lächeln, als ich den Kopf zu ihm drehe. Er sagt nichts, streicht mir nur eine Haarsträhne aus dem Gesicht und lässt den Fingerrücken sanft über meine Wange wandern. Es sind kleine Gesten wie diese, unbemerkt inmitten ausgelassener Gespräche mit den besten Freunden, die in den letzten Wochen so sehr gefehlt haben. Mein Blick streift Leos Glas, er ist heute bei Wasser geblieben, wie er es in Zukunft wohl oft tun wird. Auch mit der neuen Niere hat sich sein Leben nicht sofort in die Normalität zurückverwandelt, die er noch vor einigen Monaten kannte. Es sind kleine Fortschritte, von denen er mir während der Reha erzählt hat. Viel Zeit, um nachzudenken, Sport zu machen, draußen zu sein. Und obwohl es schmerzhaft war, Leo so lange nicht zu sehen, verstehe ich, dass es wichtig war. Dass er diese Wochen für sich gebraucht hat, um zu verarbeiten, was überhaupt passiert ist.

»So, was macht das Nierchen?« Jojo setzt sich neben uns auf die Couch.

Leo klopft sich bestätigend ans rechte Becken. »Tut treu seine Dienste«, erklärt er. »Die Ärzte sind zufrieden, ich mache wieder mehr Sport, und mein Krea ist seit der Transplantation stabil.«

»Ja? Das ist toll zu hören, Leo, wirklich. Ich freu mich für dich.«

Ich schüttele ein wenig fassungslos den Kopf, während Leo weiter von Blutwerten und Untersuchungsergebnissen spricht, als hätte er sich sein Leben lang mit nichts anderem befasst. Sein Alltag hat sich im letzten halben Jahr um einhundertachtzig Grad gewendet, und auch wenn er so ausgeglichen wirkt wie ewig nicht, frage ich mich, ob er nach der kurzen Zeit wirklich schon so gut mit seiner neuen Situation zurechtkommt, wie er vorgibt. Ich habe ihn lange nicht gesehen, noch viel länger keinen Alltag mehr mit ihm geteilt, und Gespräche am Telefon sind einfach nicht dasselbe wie von Angesicht zu Angesicht.

So viele Dinge, die mir im Kopf herumgeistern, so viele Fragen, die ich Leo nun stellen möchte, doch ich blende sie aus, zumindest für heute Abend. Uns bleiben noch unzählige, um in Ruhe über alles zu sprechen. Und diese Tatsache ist das schönste Geschenk, das ich mir zu meinem Geburtstag hätte wünschen können.

*

Leonardo

Mit einem dumpfen Geräusch fällt die Wohnungstür hinter Jason und Alessa ins Schloss. Was bleibt, sind Stille und ein Gefühl des Angekommenseins, das ich so zum ersten Mal seit fünf Wochen wieder erlebe. Ich bin zu Hause. Ich bin wirklich hier, Mila ist hier, und alles ist perfekt.

Ich lächele, während ich abschließe, strecke mich leicht und gehe zurück ins Wohnzimmer, wo ich die Fußbodenheizung unter den Dielen spüre. Die Uhr an der Wand zeigt bereits weit nach Mitternacht, doch morgen ist Wochenende. Zumindest für mich. Mila arbeitet vormittags für ihren Nebenjob als studentische Hilfskraft im Krankenhaus, weil sie nicht wusste, dass ich schon wieder in Berlin sein würde.

Noch immer muss ich zufrieden lächeln, wenn ich daran denke, wie perfekt die Überraschung geklappt hat. Es tat so gut, sie nach all der Zeit endlich wieder in die Arme zu schließen. Obwohl ich den ganzen Abend nichts anderes getan habe, kriege ich davon nicht genug. In der Küche lege ich von hinten die Arme um sie, während Mila Gläser in die Spülmaschine räumt.

»Lass das liegen, ich mache das morgen«, murmele ich an ihrer Seite und schließe die Augen, als sie sich leicht gegen mich sinken lässt. Stumm willigt sie ein und trocknet die Hände am Geschirrtuch, ehe sie sich in meinem Arm zu mir dreht.

»Ich kann’s immer noch nicht wirklich glauben«, meint sie und lässt mich dabei nicht aus den Augen. Graublau und ein bisschen angetrunken, weiche warme Haut und weiche warme Lippen. Gott, warum ist sie so schön?

»Ich auch nicht«, gebe ich leise zu und halte still, als sie mir vorsichtig über die Wange streicht. »Emilia-Mila …«

»Hm?« Sie zögert.

»Nichts, ich wollte nur deinen Namen sagen«, flüstere ich, bevor ich sie küsse.

»Du bist verrückt, Leonardo-Leo.«

»Nein, nur glücklich.«

»Das ist so schön.«

Ich gebe ein zustimmendes Murmeln von mir und muss die Augen schließen, als Mila die Finger in meinen Haaren vergräbt. Sie zieht mich näher, ich drücke sie rückwärts gegen den Kühlschrank und spüre, wie sich das Blut zwischen meinen Beinen sammelt. Sechs Wochen ohne sie waren wirklich verflucht lang …

Ich presse mein Becken leicht gegen ihres, Mila nimmt den Kopf in den Nacken, und ich bekomme eine Gänsehaut, als ihr ein leises Seufzen entfährt. Sie gräbt die Finger in meine Schultern, während ich über ihren Kieferwinkel und den Hals hinab küsse. Ihr Atem stockt, als ich an ihre Oberschenkel greife, sie hochhebe und gegen die Wand drücke. Sie schlingt die Beine um meine Hüften, ich hebe ihr das Becken entgegen und spüre, wie sie erschauert. Die Erregung läuft in Wellen durch unsere Körper, von ihrem direkt in meinen, und dann küsse ich sie wieder auf den Mund.

Unsere Atemzüge werden schwerer, unsere Küsse schneller, tiefer. Unterdrücktes Keuchen, erhitzte Haut. Milas Finger am Bund meiner Jeans. Ich lasse sie nur zurück auf den Boden, um selbst an den Reißverschluss zu tasten. Wir küssen uns weiter, während wir uns ausziehen. Mein Mund wird trocken, als sie nur in Unterwäsche vor mir steht.

Sie ist so wunderschön … Ich kann nichts anderes mehr denken, als ich sie mit meinem ganzen Gewicht in die Matratze des Bettes drücke. Wir finden unseren Rhythmus in der Sekunde, in der ich in sie dringe. Küssen, festhalten, küssen, Luft anhalten. Ich spüre ihre Finger an meinem Rücken, ich spüre sie überall, und dann muss ich die Augen schließen, als die Erregung über mich hereinbricht.

Ich keuche ihren Namen, während ich komme, drücke mein Gesicht an ihren Hals, und für ein paar Sekunden kann ich nicht mehr atmen. Ich spüre, wie sie sich um mich zusammenzieht und den Kopf in den Nacken legt. Wie sich ihre Nägel fast schmerzhaft in meine Haut graben, bevor ihre Muskeln locker werden.

Es dauert Minuten, bis ich wieder normal atmen kann. Ich rolle mich etwas auf die Seite, damit ich sie ansehen kann. Gerötete Wangen, wirre Haare. Milas Brust hebt sich noch immer schwerer, ihre Haut ist warm und verschwitzt, und ich drücke ihr einen Kuss auf die Lippen, ehe ich mich zurück in die Kissen fallen lasse.

»Das war sehr nötig …«, murmelt sie, und ich muss grinsen.

»Ein bisschen.«

Sie schaut mich an, und dieses warme Lächeln auf ihren Lippen ist alles. Für einen Moment weiß ich wirklich nicht, wie ich die letzten Wochen ausgehalten habe. Abend für Abend ohne sie einschlafen, Tage im Kalender abstreichen und feststellen, dass immer noch zu viele übrig sind.

Ich unterdrücke ein Kopfschütteln, streiche Mila eine Haarsträhne aus dem Gesicht und senke den Blick, während sie mit den Fingerspitzen über mein Schlüsselbein fährt. Als ihre Finger die blasse Narbe knapp darunter erreichen, hält sie inne.

»Wie fühlt man sich ohne?«, fragt sie. Ich weiß sofort, dass sie auf den Portkatheter anspielt, der mir vor einigen Wochen entfernt wurde.

»Wieder wie ein Mensch.« Wie ein gesunder Mensch. Einer, der nicht bei jedem Blick in den Spiegel daran erinnert wird, dass Dinge wie Chemotherapie und Intensivstationen existieren. »Und unglaublich dankbar«, füge ich leise hinzu und sehe das Lächeln auf Milas Lippen. Doch in ihren Augen bleibt dieser besorgte Ausdruck, der seit letztem November zuverlässig auftaucht, sobald sie mich ansieht. Ich will nicht mehr so von ihr angeschaut werden. Es geht mir gut. Aber mir ist bewusst, dass wir beide Zeit brauchen, um wieder daran glauben zu können.

»Hattest du einen schönen Geburtstag?«, frage ich, um das Thema zu wechseln. Ich lege die Arme fester um Mila, während sie nickt.

»Einen wunderschönen«, bestätigt sie. »Besonders, nachdem der Tag so enttäuschend begonnen hat.«

»Es tut mir wirklich leid.« Ich muss schmunzeln.

»Du kannst ruhig zugeben, dass dir das Spaß gemacht hat.«

»Vielleicht ein bisschen. Ich liebe Überraschungen.«

Mila stößt leise die Luft aus. »Oh ja, ich erst …«

»Ich finde, es hat sich sehr gelohnt.«

»Ein Glück, Leo.« Sie mustert mich, und die Sorge in ihrem Blick weicht für einen Moment Belustigung. »Willem hat dich letzte Woche besucht?«, fragt sie dann wieder ernster.

»Übers Wochenende, genau.«

»Voll schön.«

Ich nicke und weiß genau, dass Mila bis zuletzt nicht verstanden hat, warum ich ihren Besuch strikt abgelehnt habe. »Das war’s wirklich, aber ich glaube, ich hätte es nicht überlebt, wenn du gekommen wärst. Es hätte mir das Herz rausgerissen, mich noch mal von dir verabschieden zu müssen, weißt du?« Ich schlucke. »Es war schon bei Willem unerträglich. Heimweh ist das Schlimmste.«

»Vermutlich hast du recht«, sagt sie leise. »Aber jetzt bist du ja hier.«

»Ja.« Ich fahre ihr mit der Fingerspitze über die Nase.

»Ich hätte trotzdem nichts gegen ein Wochenende an der Ostsee gehabt.«

»Ich weiß«, sage ich. »Wir können irgendwann hinfahren. Oder wir gehen noch mal nach Amsterdam. Wohin du willst.«

»Es ist egal, wo wir sind, solange du auch da bist«, murmelt sie.

Ich muss lächeln. »Das war extrem kitschig.«

»Oh ja, und ich war mir dessen sehr bewusst,« sagt sie und schweigt kurz. »Wie waren deine Therapien noch?«, fragt sie dann.

»Gut. Vor allem Yoga und Entspannung waren super.« Ich lache leise. »Ich bin jedes Mal eingeschlafen. Und meine Termine bei den Psychotherapeuten waren auch gut. Ich bin froh, dass ich das gemacht habe, auch wenn es zwischendurch echt herausfordernd war.«

»Ich denke, es war das Richtige«, meint Mila, und ich nicke. »Und hast du dir überlegt, wie du weitermachst?«, fragt sie dann.

»Ja.« Ich zögere. Es ist das Thema, das wir in letzter Zeit immer umschifft haben. Weil Mila nicht begeistert davon ist, dass ich ohne eine Pause nach den Semesterferien mit der Uni weitermachen will, anstatt ein Urlaubssemester zu nehmen. »Ich habe mich für die Kurse angemeldet.«

»Leo …« Sie mustert mich, und ich unterdrücke ein Seufzen. »Bist du wirkl…?«

»Bin ich«, bestätige ich und lege einen solchen Nachdruck in meine Worte, dass sie verstummt. »Ich hatte fünf Wochen Zeit, mir ausgiebig Gedanken zu machen und mich nur um mich zu kümmern. Das war schön, aber ich drehe durch, wenn ich jetzt nur zu Hause rumhänge. Ich brauche Normalität, verstehst du?«

»Aber die hättest du doch. Die Arbeit im Label, die für Willem und deine Mode …«

»Du verstehst das nicht …«, beginne ich, und noch in der Sekunde, in der die Worte meine Lippen verlassen, würde ich sie am liebsten zurücknehmen. »Es ist nicht das Gleiche, wie wieder in die Uni zu gehen. Ich will nicht nächstes Semester ohne Jason und Alessa weitermachen müssen.« Ich zögere, kämpfe einen Moment lang gegen das aufkeimende schlechte Gewissen und spreche dann weiter. »Bei Kiezkind werde ich kürzer treten, Ivana ist wieder Vollzeit mit eingestiegen und wird mir einiges abnehmen. Und wenn ich irgendwann merke, dass es zu viel wird, kann ich zum Winter immer noch eine Auszeit nehmen und ein Semester pausieren.«

Dass dieses Vorhaben in meinem Kopf schon ausgereifter ist, als ich zugebe, verschweige ich. Ebenso wie die Tatsache, dass der Grund dafür in Alessas Bauch heranwächst und wohl irgendwann im Sommer das Licht der Welt erblicken wird. Kurz vor meiner Reha hat Jason mir erzählt, dass er und Alessa das Baby bekommen möchten, auch wenn es ungeplant war. Die beiden werden nach der Geburt ihres Kindes zum nächsten Wintersemester ein Jahr vom Studium aussetzen, und ich überlege, mich ihnen anzuschließen. Ohne meine besten Freunde weiter zu studieren, kann ich mir aktuell nicht vorstellen.

Noch weiß Mila nichts von Alessas Schwangerschaft, und ich fühle mich nicht in der Position, ihr davon zu erzählen. Es ist ein Geheimnis, das mein bester Freund mir anvertraut hat. Mit Sicherheit werden er und Alessa in Kürze auch den Rest unserer Clique einweihen. Spätestens dann, wenn Alessas Bauch zu groß ist, um ihn unter weiten Strickpullis zu verstecken. Mila jedenfalls scheint keinen Verdacht geschöpft zu haben, dafür merke ich, dass sie etwas anderes beschäftigt.

»Ivana ist also wirklich wieder hier?«, fragt sie, und obwohl sie sich Mühe gibt, unbefangen zu klingen, höre ich die Unsicherheit in ihrer Stimme. Es gefällt mir nicht, wie sie sich ständig mit meiner Ex-Freundin zu vergleichen scheint. Mila und Ivana hatten nicht den besten Start, und mir ist bewusst, dass hauptsächlich ich schuld daran bin. Ich wünschte wirklich, dass es nicht so kompliziert zwischen uns wäre.

»Sie ist uns eine riesen Hilfe im Label«, erkläre ich und merke selbst, wie lächerlich das klingt. »Ohne sie hätten wir den Laden dichtmachen können. Natürlich ist das nicht ideal nach allem, was letztes Jahr vorgefallen ist, aber vielleicht können wir das jetzt einfach als Neuanfang sehen.« Ich suche Milas Blick und taste gleichzeitig nach ihrer Hand, die sie vor mir zurückgezogen hat. »Versuch ihr noch eine Chance zu geben, okay?«

»Ich ihr? Vielleicht solltest du das eher zu ihr sagen«, murmelt Mila.

Sie hat recht, doch ich bekomme Kopfschmerzen, wenn ich daran denke, dass Streit mit Ivana bald wieder an der Tagesordnung stehen könnte.

»Ich weiß. Das werde ich. Mila, bitte.« Sie lässt mich doch ihre Hand nehmen. »Ich liebe dich, das weißt du.«

Es ist nur ein Sekundenbruchteil, der verstreicht, ehe Mila nickt, doch er bleibt mir nicht verborgen.

»Ja«, murmelt sie dann, und ich wünschte, sie könnte verstehen, wie besonders das ist, was wir miteinander haben. Dass die Beziehung mit Ivana niemals an das hier heranreicht. Aber mir ist bewusst, dass Worte sie nicht davon überzeugen werden, ganz egal, wie bedacht ich sie wähle.

»Ich will nur dich, Mila«, sage ich trotzdem. »Ganz oder gar nicht. Für immer ganz, okay? Ich will abends heimkommen, zusammen kochen und beim Abendessen hören, wie dein Tag war. So wie letzten Herbst.«

»Ich mache mir doch nur Sorgen, dass du dir schon wieder zu viel auflädst«, sagt sie, und ich nicke leicht, muss lächeln und streiche ihr über die Wange.

»Ich weiß, und das ist lieb von dir. Aber ich kann auf mich aufpassen.«

»Das hast du im Januar ja eindrücklich demonstriert.«

Ich unterdrücke ein Seufzen. »Ich habe dazugelernt, über mich und meinen Körper. Ich weiß, was ich mir zumuten kann. Was ich uns zumuten kann.« Ich warte einen Augenblick ab und schiebe ein »Vertraust du mir?« hinterher.

Mila betrachtet mich weiter schweigend, ihr Blick durchbohrt mich nahezu. Es fühlt sich an, als könnte ich keinen einzigen Gedanken vor ihr geheim halten. Dann nickt sie doch.

»Immer.«

ZWEI

Leonardo

Die große Flügeltür zu Élaines Villa fliegt auf, noch bevor ich den Wagen richtig geparkt habe. Ein Lächeln zuckt an meinen Mundwinkeln, als meine Großtante aus dem Eingang tritt und die Treppe heruntereilt.

»Leo, endlich!«

Mir bleibt keine Zeit für eine Begrüßung, ich werde in eine feste Umarmung gezogen, kaum dass ich ausgestiegen bin. Ich rieche Geborgenheit, selbst gebackenen Kuchen und Élaines vertrautes Parfum.

»Hallo«, murmele ich in ihre silbernen Locken, muss grinsen und sehe Tränen in ihren hellen Augen schimmern, als sie mich eine Armeslänge von sich entfernt hält.

»Ich bin so froh, dich wieder hier zu haben.«

»Aber deswegen wird doch nicht geheult«, meine ich gespielt streng, lächele sie an, und Élaine schüttelt leicht den Kopf.

»Ich weiß, ich weiß … Aber lass dich anschauen. Gut siehst du aus, richtig erholt. Fast hätte ich dich nicht erkannt!«

»Du meinst deswegen?«, frage ich und klopfe mir leicht auf den Bauch. »Hab wieder ein paar Kilo mehr drauf.«

»Ein Glück, Leo, wirklich. Du wurdest ja immer nur noch weniger. Also geht es dir gut? Willem sagt, du bist seit gestern zurück? Komm mit rein, er ist auch da.«

Ich komme unter Élaines Redefluss überhaupt nicht zu Wort, nicke lediglich und lasse mich von ihr mitziehen, während ich die Zentralverriegelung meines Wagens drücke. Als ich den Kopf in Richtung Haus wende, entdecke ich Willem, der oben am Geländer der Treppe steht. Er muss eben erst herausgekommen sein. In seinem Gesicht geht die Sonne auf, als ich die wenigen Stufen hinauflaufe.

»Willem!« Ich freue mich riesig, dass er hier ist, auch wenn wir uns vor Kurzem noch gesehen haben. Élaine und er haben in den vergangenen Jahren den Platz eingenommen, an dem meine Eltern eine tiefe Kluft hinterlassen hatten, von der ich dachte, dass sie niemals mehr jemand füllen könnte.

Doch das sollte sich als falsch herausstellen. Nach über fünf Jahren fühle ich mich bei Willem und Élaine so angekommen, dass ich mir kaum vorstellen kann, dass es einmal anders gewesen sein soll.

Ich folge Élaine durch die Diele ins Wohnzimmer, lasse einen Moment lang den Blick durch die Fenster über den blühenden Garten und das Ufer des heiligen Sees schweifen. Alles sieht so aus, als wäre ich nie weg gewesen.

»Leonardo, sag, wo hast du deine bessere Hälfte gelassen?«, höre ich Willem fragen, reiße meinen Blick los und schaue zu den beiden.

»Mila muss heute arbeiten«, erkläre ich.

Élaine hebt die Augenbrauen und sieht mich empört an. »Am Wochenende?«

»Ja, leider. Mila wusste doch nichts davon, dass ich schon zu ihrem Geburtstag zurückkomme, und hat schon vor einer Weile für das Wochenende zugesagt. Das war ein bisschen unglücklich, aber sie wollte sich nicht so kurzfristig entschuldigen. Wenn alles klappt, kann sie dort vielleicht eine Doktorarbeit machen und möchte einen guten Eindruck hinterlassen.«

»Ach, das ist schade. Ich habe extra für vier Personen gedeckt. Ihr steht euch wirklich in nichts nach, was die Arbeit angeht. Ein Wunder, dass ihr euch in der freien Zeit überhaupt noch seht.«

Ich beiße mir leicht auf die Unterlippe und versuche mir nicht anmerken zu lassen, dass Élaine damit genau den wunden und äußerst konfliktreichen Punkt zwischen uns trifft. »Ganz so schlimm ist es auch wieder nicht«, meine ich beschwichtigend und wechsele rasch das Thema. »Was hast du gebacken? Kann ich dir noch helfen?«

»Unsinn, setzt euch. Ich komme sofort mit dem Kaffee.«

Élaine verschwindet in ihrer Küche. Ich schneide den Käsekuchen an und lasse mir währenddessen von Willem von den aktuellen Geschehnissen in seinem Atelier berichten. Mein Appetit ist nach langer Zeit wieder zurückgekehrt, und Élaine lädt mir sofort ein zweites Stück auf den leeren Teller, als ich für den Bruchteil einer Sekunde unauffällig Richtung Kuchen linse. Ich erzähle ein wenig von der Reha und Milas Geburtstag und lausche Willems Bericht von den Modewochen Ende Februar in London, Mailand und Paris, zu denen ich nicht mitkommen konnte. Dafür hat Willem vier meiner Entwürfe in seine Show integriert und mir zunächst gar nichts davon verraten, bis er mich mit dem überwältigenden Pressefeedback dazu überrascht hat.

Anders als Mila nimmt er die Nachricht, dass ich mein Studium im Sommersemester fortsetzen werde, freudig auf. Lediglich Élaine hebt für einen Moment kritisch die Augenbrauen, sagt jedoch nichts, als mein Blick ihren trifft.

»Hattest du in der Klinik denn auch Besuch von Benjamin und Charlotte?«, will sie schließlich wissen, und ich schüttele den Kopf.

»Nein … nicht, weil sie nicht gekommen wären, sondern weil ich nicht wollte. Ich hatte schon so genug Heimweh. Wenn sie dann auch noch für ein paar Tage vorbeigekommen wären, wäre es nur schlimmer geworden.«

»Aber es geht den beiden gut?«, hakt Élaine nach.

»Soweit ich weiß, ja. Ben, Katha und die Kleinen will ich morgen besuchen, und Charlie ist nächste Woche wieder in Berlin.«

»Ich warte auf den Tag, an dem ihr dieser hektische Beruf zu viel wird. Es wäre so schön, euch alle drei hier in Berlin zu haben.«

»Ihr gefällt es.« Ich zucke mit den Schultern. »Das Fliegen und Zürich. Ich glaube nicht, dass sie so schnell damit aufhören und herziehen wird.«

»Dann ist es wohl wirklich ihre große Leidenschaft. Ich habe sie schon seit Weihnachten nicht gesehen.«

Ich nicke nachdenklich. Zwar glaube ich, dass Charlie mit dem Fliegen ihren Traumjob gefunden hat. Aber ich bin mir sicher, dass sie damals nur damit angefangen hat, um möglichst weit weg von unserem Vater zu kommen. Dass sie und Ben mich mit ihm allein gelassen haben, obwohl sie wussten, was bei uns hinter verschlossenen Türen passiert, kann ich zwar nicht vergessen, aber irgendwie verzeihen. Meine Geschwister waren mit der Situation ebenso überfordert wie ich, aber das ändert nichts daran, dass seit Jahren diese seltsame Mischung aus nie ausgesprochenen Vorwürfen und permanenter Angst, uns wieder zu verlieren, über uns hängt.

Ich schaue wieder zu Willem und Élaine. Die beiden wechseln einen kurzen Blick, ehe Willem zu sprechen beginnt.

»Ich denke, wir haben dir noch eine kleine Ankündigung zu machen«, sagt er, und ich runzele die Stirn, weil er plötzlich so ernst klingt. »Vermutlich kannst du es dir schon denken, aber wir wollten erst raus mit der Sprache, wenn wirklich alle Formalitäten erledigt und unsere Vorhaben in trockenen Tüchern sind. Schon länger haben wir mit dem Gedanken gespielt und uns nun dazu entschlossen, zusammenzuziehen und dir mein Haus zu überlassen.«

Ich brauche geschlagene vier Sekunden, ehe ich Willems beiläufige Worte wirklich verstanden habe. Ich verschlucke mich fast an dem letzten Bissen Kuchen und starre perplex in ihre Gesichter.

»Ihr habt … was?!«

Willem nickt amüsiert. »Übermorgen kommen die Möbelpacker und holen meine persönlichen Gegenstände ab, dann ist die Villa ganz dein.«

»Beziehungsweise euer«, wird er sofort von Élaine korrigiert. »Emilia zieht doch mit ein, nicht wahr, Liebling?«

Ich sitze wie zu Eis erstarrt vor den beiden und suche in ihren fröhlichen Gesichtern nach Anzeichen, dass sie mich gerade nur ganz gewaltig auf die Schippe nehmen wollen. Doch ich entdecke keine.

»Ihr meint das ernst?«

»Aber ja, Leo. Es ist doch Unsinn, wie jeder von uns allein vor sich hinlebt, in einem Haus, das für eine Person viel zu groß ist. Die Arbeit in Haus und Garten wird nicht weniger und wir nicht jünger, da liegt es doch nahe, sie sich zu teilen.«

Ich kaufe Élaine die fadenscheinige Erklärung nicht ab. Sowohl sie als auch Willem haben Angestellte, die sich um Hausputz und den Garten kümmern. Doch ich ahne längst, was der eigentliche Grund für ihre Entscheidung ist.

»Ach nee …«, murmele ich belustigt und lasse die beiden nicht aus den Augen, während ich mich etwas zurücklehne. Als Élaine unter meinem forschenden Blick kaum sichtbar errötet, bin ich mir sicher, dass ich richtigliege.

Willem schmunzelt lediglich, nickt mir anerkennend zu und schlägt die Beine übereinander. »Er war schon immer ein kluges Kerlchen, nicht wahr? Ein Wunder eigentlich, dass wir es so lange vor ihm geheim halten konnten. Nun gut, was soll man groß dazu sagen? Wo die Liebe hinfällt, da lass sie liegen, so heißt es doch, nicht?«

Élaine wird noch eine Spur röter, als Willem in ihre Richtung blickt, und ergreift seine Hand.

Ich muss lächeln. »Ihr seid mir vielleicht zwei …«

Dass Willem und Élaine eine besonders tiefe Freundschaft verbindet, wusste ich, doch dass mehr dahintersteckt, ist mir neu. Dabei kommt es mir jetzt, wo ich es weiß, nahezu offensichtlich vor. Ähnlich offensichtlich wie die Sache mit Mila und mir, als ich letzten Herbst gemerkt habe, dass ich sie doch ein bisschen mehr mag als ursprünglich gedacht.

»Und du willst wirklich das Haus hergeben?«, frage ich Willem.

»Natürlich nicht«, meint er mit einem energischen Kopfschütteln. »Deshalb möchte ich ja, dass du es bekommst. Die Vorstellung, einen Fremden darin wohnen zu lassen, bricht mir fast das Herz. Ich weiß, dass dieses Haus eine Lebensaufgabe ist, aber es würde mich unsagbar glücklich machen, sie an dich weitergeben zu dürfen, Leonardo.«

Ich schlucke. Das ist verrückt, denn während ich mich weiter frage, ob das gerade sein Ernst sein kann, wird mir bei dem Gedanken, ein verfluchtes Haus zu besitzen, himmelangst. Ich bin viel zu jung für so etwas. Und trotzdem weiß ich, dass es absolut richtig ist, als ich sage: »Es wäre mir eine Ehre, die Villa zu übernehmen.«

»Das Haus instand zu halten ist arbeits- und zeitaufwendig, das ist mir bewusst. Sicher werden einige Renovierungen anfallen, aber wir werden dir finanziell natürlich unter die Arme greifen«, versichert Willem.

»Das müsst ihr nicht …«

»Leonardo, vertrau uns. Du weißt nicht, was alles an Kosten auf dich zukommt, wenn du ein solches Haus halten willst. Ich habe bereits mit meinem Architekten gesprochen, er wird dich bezüglich der Renovierungsarbeiten beraten, wenn du möchtest. So kannst du mit Emilia nach eigenen Wünschen entscheiden. Ich hielt das für am sinnvollsten für alle.«

»Du spinnst doch«, murmele ich. Dann fällt mir etwas ein. »Und die Wohnung in Mitte?« Ich wende den Kopf zu Élaine.

»Sie gehört dir, so wie wir es damals besprochen hatten. Ob du sie behältst, verkaufst oder vermietest, bleibt ganz dir überlassen. Ich habe notariell aufsetzen lassen, dass die Immobilie offiziell auf dich übertragen wird.« Der leise Unterton in ihrer Stimme gefällt mir nicht. Er hat etwas Endgültiges, das mich ein seltsames Bauchgefühl bekommen lässt.

»Das muss doch jetzt nicht alles auf einmal sein«, beginne ich, aber meine Großtante schüttelt den Kopf.

»Wenn uns die letzten Monate eines gelehrt haben, dann, dass keiner von uns sagen kann, was die Zukunft bringt. Gewisse Dinge müssen einfach schwarz auf weiß geregelt werden. Alles andere ist unverantwortlich und äußerst leichtsinnig, auch wenn die Bürokratie lästig ist. Sie muss nun einmal sein.«

»Gibt es da etwas, das ich wissen sollte?«, frage ich aus einem unguten Gefühl heraus und lasse meinen prüfenden Blick über die Gesichter der beiden wandern.

»Nun nicht mehr, nein. Wir haben dir alles Wichtige gesagt. Unsere Entscheidung ist wohl hauptsächlich deinetwegen so früh gefallen. Dass es uns beiden so gut geht, ist keine Selbstverständlichkeit, Leonardo.« Willems Blick ruht auf mir. »Wir werden nicht jünger und wollen dich abgesichert wissen, sollte uns etwas zustoßen. Wir sind unendlich erleichtert, dass es dir gesundheitlich endlich besser geht, und glauben, dass nun der richtige Zeitpunkt für diesen Schritt gekommen ist.«

Ich schlucke, um die Enge in meinem Hals loszuwerden. Ich erinnere mich an das angemietete Reihenendhaus in Stuttgarts Norden, in dem ich aufgewachsen bin, erst ein eigenes Zimmer hatte, als Ben zum Studieren auszog, und es gewohnt war, alte Klamotten und Schuhe aufzutragen, weil schlicht und ergreifend kein Geld für neue da war. Möglich, dass daraus mein Faible für Kleidung und eigene Entwürfe entstanden ist.

Als wäre es gestern gewesen, erinnere ich mich an den Moment, in dem sich plötzlich alles änderte und ich von Willem – damals nichts als ein Bekannter meiner Großtante – eine eigene Nähmaschine geschenkt bekam. Er hatte eine Zeichnung von mir gesehen und als Erster erkannt, dass ich Talent besitze. Mit sechzehn Jahren hatte ich keinen blassen Schimmer, dass Mode und ein kreatives Studium wirklich eine ernst zu nehmende Option für mich sein könnten. Ich ging noch zur Schule, der Prozess gegen meinen Vater steckte mir in den Knochen, und die Welt in meinem Kopf war das Einzige, was mir geblieben war. So habe ich genäht, tage- und nächtelang, gezeichnet, gemalt und abgesteckt, versucht zu verarbeiten. Nüchtern betrachtet nur Stoffe, doch innerlich eine ganze Kindheit.

Ich erinnere mich gut daran, wie Willem mich zum ersten Mal mit in sein Atelier genommen hat und mir klar wurde, dass es die Mode und nichts anderes ist, womit ich mich mein restliches Leben lang beschäftigen möchte. Als einige Jahre später die Zulassung der renommierten Universität der Künste ins Haus flatterte, wo ich mich gegen Hunderte Mitbewerber durchgesetzt hatte, konnte ich es kaum fassen.

Nicht im Traum hätte ich damals daran geglaubt, dass ich mit Anfang zwanzig an diesem Punkt im Leben stehen würde. Modedesignstudium, eigenes Label, Fashion Week, Freunde und eine Familie, die mir alles bedeutet. Es ist verrückt, denke ich, während ich erst Willem, dann Élaine ansehe, leicht den Kopf schüttele. Ich lächele.

*

Leise zischend verkocht der Schuss Weißwein, den ich eben zum aufgequollenen Risotto-Reis in den Topf gegeben habe. Ich genehmige mir einen kleinen Schluck aus meinem Weinglas, werfe mir das Geschirrhandtuch über die Schulter und schwenke die Lachsfilets in der Pfanne, ehe ich mich wieder dem Reis zuwende. Fast habe ich während meiner Reha vergessen, wie gerne ich koche. Mit besockten Füßen husche ich über die warmen Fliesen und greife nach den Gewürzen.

Aus dem Augenwinkel registriere ich eine Bewegung und drehe mich um.

»Du hast gekocht!« Mila begrüßt mich mit einem Kuss, kaum dass sie vom Flur ins Wohnzimmer mit angrenzender Küche kommt. Ihre Hände sind kühl, als sie sie für einen Augenblick an meine Wangen legt. Ich schließe die Augen und muss lächeln, bevor ich nicke.

»Ich hatte schließlich Zeit«, murmele ich gegen ihre Lippen und ignoriere die leichte Note Desinfektionsmittel, die sich mir aufdrängt. Mila lächelt. Sie wirkt müde, aber zufrieden, und ich lasse sie nur los, um den Gasherd hinter mir eine Stufe herunterzudrehen. »Wie war dein Tag?«

»Anstrengend.« Mila lehnt sich gegen die Küchenfront, stützt sich mit den Handflächen an der Kante ab und sitzt kurz darauf vor mir auf der Arbeitsplatte. »Ich bin den ganzen Tag irgendwelchen Patientenakten hinterhergerannt.«

»Und dabei auch ein paar Leben gerettet?«

»Leider nein.« Sie zieht mich am Ärmel meines Pullis zu sich und schlingt die Beine um meine Hüften. »Es sei denn, Excel-Tabellen ausfüllen und Einwilligungserklärungen für diese Studie einscannen gehört auch dazu.«

»Es kommt mir nur geringfügig unwichtiger vor«, erwidere ich grinsend und greife nach den beiden Weingläsern hinter Mila. Ihre Miene wird sofort skeptisch, als ich ihr ebenfalls einen Schluck einschenke.

»Leo …«, murmelt sie mit Blick auf den Alkohol, aber ich tue ihren Kommentar mit einem Kopfschütteln ab.

»Wir haben etwas zu feiern«, erkläre ich und drücke ihr das Glas in die Hand. Überrascht hebt sie die Augenbrauen und sieht mich an. Ich zögere einen Moment, ehe ich mit der Sprache herausrücke. »Willem möchte, dass wir sein Haus übernehmen. Er zieht zu Élaine und wird mir, also uns, seine Villa überlassen.«

»Was?!«, entfährt es Mila. Sie klingt mindestens so ungläubig wie ich vor wenigen Stunden. Doch da ist noch etwas anderes in ihrer Stimme. Und es gefällt mir nicht. »Ist er verrückt geworden? Du hast ihm das hoffentlich ausgeredet!«

Ich runzele die Stirn, als mir klar wird, dass sie das ernst meint.

»Nein, ich habe mich gefreut«, sage ich.

Mila öffnet den Mund, schließt ihn wieder. Dann schüttelt sie den Kopf.

»Krass … okay. Also, wirklich jetzt?«

Ich nicke nur.

»Und was machst du dann mit dem Haus?«

»Renovieren und einziehen«, schlage ich vor. Was sonst? Die Immobilie verkaufen? Niemals würde ich das auch nur in Betracht ziehen, und Mila weiß das. Warum freut sie sich nicht? Als sie immer noch nichts sagt, schiebe ich ein leises »Mit dir« hinterher.

Das ist der Moment, in dem Mila leicht von mir abrückt. Sie schüttelt den Kopf und rutscht von der Arbeitsplatte.

»Was soll ich denn in Potsdam, Leo?«, fragt sie, als sie vor mir steht, und kurz bin ich mir nicht sicher, ob das gerade ihr Ernst sein kann.

»Mit mir in einem der schönsten Häuser der Stadt wohnen?«

Mila stellt ihr Weinglas zur Seite. »Und was ist mit der Uni? Ich muss dafür weiterhin nach Berlin und fahre sicher nicht jeden Morgen anderthalb Stunden mit der Bahn durch die ganze Stadt.«

»Das musst du doch gar nicht, wir können zusammen fahren, wenn ich sowieso zur UdK muss.«

»Und wenn du nicht hinmusst, sondern im Atelier bleibst? Was ist am Wochenende und wenn ich für Praktika und Famulaturen früh auf Station sein muss? Du fährst mich sicher nur einmal um fünf Uhr morgens dorthin …«

»Dann besorgen wir dir eben auch ein Auto, das ist doch kein Ding.«

»Aber es löst das Problem nicht. Zu den Stoßzeiten brauche ich trotzdem mindestens eine Stunde, vermutlich eher länger. Versteh mich nicht falsch, Leo. Ich kann mir vorstellen, wie fantastisch es sich für dich anfühlen muss, dass Willem dir so vertraut. Aber es ist ein Haus. Ein riesengroßes Haus, auf einem riesengroßen Grundstück.«

»Ja, und?«, entfährt es mir. »Es ist auch ein riesengroßes Privileg.«

»Natürlich, aber hast du auch ein paar Schritte weiter gedacht? Solange ich in Berlin studiere, kommt die Option nicht für mich infrage, oder willst du etwa täglich pendeln? Ganz zu schweigen davon, was so ein Haus an Zeit und Kosten verschlingt.«

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