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Freitag ist Sonntag in Katar

Als Fridas Mann von seiner Firma das Angebot bekommt, nach Katar zu gehen, klingt das erst einmal verlockend. Doch mit zwei kleinen Kindern aus dem Rheinland in den Nahen Osten zu ziehen, ohne ein Wort Arabisch zu sprechen – kann das gutgehen?
Die Familie wagt den Schritt und siedelt nach Doha über, in eine Millionenmetropole der Gegensätze. Zwischen hypermodernen Hochhausfassaden und Kamelställen, eisig klimatisierten Shopping-Malls und Souk-Ständen unter der glutheißen Sonne lernen sie ihr neues Leben zu schätzen. Aus den geplanten zwei Jahren werden fast vier.
Vom Abenteuer, als Expat zu leben und sich als Frau in einer völlig fremden Kultur zu bewegen – Frida Benedikt nimmt uns mit in ein Land zwischen islamisch geprägter Tradition und unfassbarer Wirtschaftskraft und öffnet den Blick für die Menschen, die im Schatten von Dattelpalmen und Wolkenkratzern aufeinandertreffen. Katar live und unverschleiert.


  • Erscheinungstag: 20.04.2021
  • Seitenanzahl: 256
  • ISBN/Artikelnummer: 9783959679060
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Angelehnt daran, wie die Bewohner der Region sich selbst nennen und wie sie auch von Deutschen vor Ort bezeichnet werden, nenne ich die Bewohner Katars »Katari« bzw. »Kataris« und die des Omans »Omani« bzw. »Omanis«. Katari bzw. Omani kann männlich und weiblich verwendet werden, der Plural gilt ebenfalls für beide Geschlechter.

DER SPRUNG INS ABENTEUER

An dem Tag, der unser Leben komplett veränderte, blubberte der Kaffee in die Kanne und füllte die winzige Küche unseres Reihenhauses mit verlockendem Duft. Oliver, der Chef meines Mannes, war gerade aus Katar zu Besuch. Wir lehnten zu dritt in der Küche an der Arbeitsplatte und warteten darauf, dass der Kaffee endlich durch die altersschwache Maschine gelaufen war. Auf der kleinen Rasenfläche vor dem Haus spielten Tim und Noah und turnten lautstark auf dem Klettergerüst herum.

Mark drehte und ordnete die drei Becher vor der Maschine nervös. »Sag mal, Frida, könntest du dir vorstellen, nach Katar zu ziehen?«

Oliver sah mich erwartungsvoll an. »Ich habe Mark angeboten, mein Nachfolger als Geschäftsführer der Niederlassung in Doha zu werden.«

Ich zögerte. Mark hatte mich natürlich vorgewarnt, dass Olivers und seine Pläne in diese Richtung gingen. Aber ich hatte es für eine »Ganz eventuell in ein paar Jahren«-Option gehalten. In die Wüste ziehen? Seit einiger Zeit arbeitete mein Mann für zwei Firmen, Tochtergesellschaften eines deutschen Elektrokonzerns. Ein Standort war in Deutschland, der zweite in Katar. Alle paar Wochen pendelte er aus Deutschland in den kleinen Wüstenstaat zum Arbeiten. Mal für ein paar Tage, häufig für zwei bis drei Wochen am Stück. Mark und ich hatten schon bald beschlossen, dass seine Pendelei und mein Leben allein mit zwei kleinen Kindern kein Dauerzustand sein sollten. Dass die Lösung allerdings darin bestehen könnte, uns alle zusammen nach Katar zu schicken, darauf war ich nicht gekommen.

Unsicher schaute ich zum Klettergerüst. Tim war sechs und gerade eingeschult worden, Noah war erst zwei und ganz aufgeregt, dass er jetzt »endlich« in den Kindergarten ging. Wie wäre es für die beiden, wenn sie aus der neuen Schule und dem neuen Kindergarten gerissen würden? Sie hatten beide gute Freunde, hingen an den Großeltern.

»Es wäre eine Entsendung für, sagen wir mal, zweieinhalb Jahre«, meinte Oliver in diesem Moment. »Wenn es euch gefällt, könnt ihr verlängern.« Oliver selbst und die anderen Deutschen in seinem Team hatten schon mehrfach in Katar verlängert, auch die Kollegen mit Kindern. So schlimm konnte es für Kinder in Doha also nicht sein. Meinen Job als freie Texterin würde ich auch nicht aufgeben müssen. Solange ich eine Internetverbindung, mein Notebook und ein Telefon hatte, konnte ich überall arbeiten.

Noch immer brachte ich kein Wort über die Lippen, meine Gedanken kreisten ständig um die gleichen Fragen. Ein Leben als Expat – war ich bereit dazu, mit zwei Kindern unter zehn Jahren? Noch dazu in einem Wüstenstaat, der nach islamischem Scharia-Gesetz funktionierte? »Expat auf Zeit« klang da auf jeden Fall erst mal beruhigend.

»Ich denk drüber nach«, versprach ich, »und bespreche das in Ruhe mit Mark.«

Das erste Mal hatte ich drei Jahre zuvor einen Fuß auf katarischen Boden gesetzt. Ich hatte gerade einen privaten Schicksalsschlag hinter mir. Der Schock und die Trauer saßen noch tief, als Mark das nächste Mal beruflich nach Doha fliegen musste.

»Frida, was hältst du davon, wenn du mitkommst, und Tim auch?«, schlug er eines Morgens vor. »Das würde dir sicherlich guttun und dich ablenken.« Ich hatte Angst vor Katar und wirklich keine Lust: Es war Juli, einer der heißesten Monate im Nahen Osten. Mark würde die ganze Woche arbeiten, und ich säße mit meinem vierjährigen Sohn im Hotel fest. Doch mangels einer besseren Idee kamen wir mit.

Knötterig und depressiv verstimmt stieg ich in Doha aus dem Flieger. »Auch das noch! Es ist sowieso schon so heiß, und jetzt lassen die auch noch die Triebwerke weiterlaufen, während wir daran vorbeimüssen!«, beschwerte ich mich. Die heiße Luft blies mich von der Seite an, als ich grummelnd die Gangway zum Bus hinunterstieg.

Im Zubringerbus regte sich zum ersten Mal seit Wochen meine Neugier: Wir waren nur eine Handvoll Leute, die anhand der Brillen und praktischen Kleidung eindeutig als Deutsche zu identifizieren waren. Uns umringten Menschen in allen Hautfarben dieses Erdballs. Ein Gemisch aus Sprachen, farbenfrohen Saris, schwarzen Abayas, weißen und erdfarbenen Kaftans sowie Kopftüchern in vielen Farben umspülte mich. Ich konnte mich gar nicht sattsehen. Es schaute auch niemand irritiert, wenn das Gespräch zwischen Arabern mal etwas lauter wurde. Das war ich aus Deutschland nicht gewohnt.

Dezent zeigte ich auf eine Person in einem langen weißen Gewand: »Ist das ein Katari?«, raunte ich Mark zu. Denn auch katarische Männer kleiden sich zu Hause in Landestracht. Sie ziehen sich im Flieger um – in Europa tragen zumindest die Männer gern Anzug, die Frauen bleiben der Abaya meist treu.

Mark schüttelte den Kopf. Auch die anderen Männer in Weiß waren angeblich keine Kataris.

»Aber wo sind die denn dann?«

Mark grinste. »Natürlich nicht im Zubringerbus der Economy Class«, raunte er. »Die Leute aus der Business Class werden separat bis in die Immigration-Halle kutschiert.«

Es war ein Uhr morgens, als der Zubringerbus uns am Flughafenterminal ausspuckte. Noch am alten Flughafen, Doha International Airport, wo alles mit Provisorien arbeitete, während man die Eröffnung des riesigen modernen Hamad International Airport, kurz HIA, herbeisehnte.

Beim Aussteigen aus dem Bus blieb ich verwirrt stehen. Kein Flugzeug weit und breit – wie konnte uns dann weiterhin eine Turbine heiß anblasen? Meine wochenlange Lethargie fiel von mir ab, als mir klar wurde: Diese Hitze kam nicht aus einer Maschine, diese Hitze war das Wetter in Katar! Es fühlte sich haargenau so an, als hätte jemand einen gigantischen Föhn direkt auf mich gerichtet. Nicht unangenehm, sondern wie eine exotische Wärmebehandlung in einem teuren Spa. Die Mondsichel stand, für unser deutsches Empfinden, »verkehrt« am Himmel, nämlich um neunzig Grad nach unten gekippt. In der Luft schmeckte ich einen Hauch Meeresbrise.

Direkt nach der Passkontrolle tauchten wir ein in ein Gewühl aus Asiaten, Indern und Arabern. Eine schwarz vermummte Frau mit fünf Kindern und zwei Nannys ließ sich per Mofa einen Stapel Pizzen an den Flughafen liefern. Vermutlich Wegzehrung, vielleicht war das Zuhause noch weit. Türkise Taxis glitten aus der samtigen Dunkelheit und ließen Miami-Vice-Feeling aufkommen.

Ein Erlebnis aus dieser Urlaubswoche ist mir besonders in Erinnerung geblieben: das erste Mal am Pool des Interconti. Um zu der großen Außenpoolanlage zu gelangen, muss man durch den Spa-Fitness-Bereich gehen. Dort weist man sich als Hotelgast aus, bekommt flauschige Handtücher in die Hand gedrückt und darf dann erst zum Pool.

Tim und ich schleppten unsere Pooltasche und die Handtücher, ich drückte die Tür auf. Meine Brille beschlug sofort, und ich sah nichts mehr. Tim hatte auf der Schwelle einen Schlappen verloren, machte einen Schritt barfuß nach vorn und schrie auf. Es war höllenheiß. Schlimmer als in der finnischen Sauna. Ich schob meine Brille nach oben, um wenigstens Umrisse von irgendwas zu sehen. Vor mir lag zu meinem Erstaunen nicht die Damen-Sauna, wie ich wegen der Hitze vermutet hatte, sondern die große Poollandschaft, die ich schon aus dem Hotelfenster bewundert hatte. Aber es war so heiß, dass mir eine Gänsehaut über den Körper lief. Dagegen war der heiße Fön gestern Nacht ein Klacks.

Ich schlüpfte aus einer Badelatsche und stellte testweise einen nackten Fuß auf den Steinboden. Kein Wunder, dass Tim geschrien hat: Er war so heiß, dass ich mir wahrscheinlich Brandblasen holte, wenn ich die paar Meter bis zum Schwimmbecken ohne Schuhe laufen würde.

Einige wenige Erwachsene schwammen in dem großen Becken. Sie trugen Baseballkappen und schütteten sich alle paar Meter damit das gekühlte Poolwasser über den Kopf. Nach ein paar Metern im Pool wusste ich, wieso: Die Sonne brannte derart auf meinen Haaren, dass es sich anfühlte, als würde ich den Kopf auf eine Herdplatte drücken.

Wir versteckten uns vor der sengenden Hitze am Kinderpool. Es war das einzige Becken, das überdacht war. Etwa ein Dutzend Plastikstühle stand im Schatten um das kleine Becken, damit die armen Eltern nur kochten, aber nicht verbrannten, während der Nachwuchs das kühle Wasser genoss. Wir waren die Einzigen hier. Ich saß im Bikini auf dem Stuhl und hatte mir ein Handtuch untergelegt. Nach einer Weile gesellte sich eine Familie zu uns: fünf Kinder, ein stark behaarter Mann in Badeshorts und vier Frauen in weiten schwarzen Gewändern. Man sah nur ihre Augen aus Schlitzen im Gesichtsschleier blicken, alles andere war von schwarzem Stoff verborgen.

Die Frauen setzten sich nebeneinander auf die andere Seite des Beckens, mir gegenüber, der Mann ging mit den Kindern ins Wasser. Er verrenkte sich fast den Hals bei dem Versuch, die fünf Kleinen im Auge zu behalten, ohne dass sein Blick mich streifte. Er bewegte sich immer mit dem Rücken zu mir und haschte blind nach den Kindern, die in meiner Nähe paddelten. Noch wusste ich nicht, wie streng die Regeln für verheiratete Muslime waren, aber dieses Treffen gab mir eine erste Ahnung.

Unter den Blicken der schwarz verhüllten Frauen fühlte ich mich, als sei ich nackt. Mein Gott, wie mein Busen über das Oberteil quoll! War ich nicht der lebende Beweis, dass westliche Frauen von Grund auf verdorben waren? Ganz furchtbar. Wieso hatte ich mich nur dazu hinreißen lassen, ausgerechnet in Katar einen Bikini anzuziehen? Ich hatte zwar ein ganz züchtiges Exemplar an, aber hier und jetzt saß ich mit vor Scham hochrotem Kopf am Pool.

Sosehr ich mich auch schämte – vor allem taten mir die vier Frauen leid: Es waren an dem Tag 47 Grad im Schatten, und sie waren derart eingemummelt! Und dann auch noch alle mit einem einzigen Mann verheiratet, den sie sich teilen mussten – was für ein Leben! (Sehr wahrscheinlich waren es in Wirklichkeit seine Mutter oder Schwiegermutter, Schwestern und älteren Töchter.) Dort saßen sie, einer anderen Zeit entsprungen, und hier ich, das Sinnbild der modernen Frau …

Mein mich selbst beweihräuchernder, nicht gerade vorurteilsfreier Gedankengang brach jäh ab, als die Frauen anfingen, ihre elektronischen Spielzeuge aus den geräumigen Designerhandtaschen zu kramen. Alle vier zogen das neueste iPhone-Modell heraus. Eine legte das Smartphone, nachdem sie ein Foto gemacht hatte, wieder weg und wurschtelte lieber eine fette Spiegelreflexkamera aus der Tasche. Das Modell war neu und kostete im Laden um die 2 000 Euro. Sie machte ein paar Fotos von den Kindern und zeigte sie den anderen. Daraufhin holte die Frau ganz außen ebenfalls dieselbe Spiegelreflexkamera heraus. Die Kinder, die nicht mehr schwimmen wollten, bekamen jedes ein neues iPad in die Hand gedrückt und waren beschäftigt …

Nach zehn Minuten sah es mir gegenüber aus wie in einem teuren Elektronikfachgeschäft. Mein inneres Bild von diesen Frauen als »im Mittelalter stecken geblieben« hatte einen kräftigen Riss bekommen.

Die Faszination, die dieser Gegensatz auf mich ausübte, war sicher einer der Gründe, warum ich später bereit war, nach Katar zu ziehen. Der andere Grund war persönlicher. In der einen Woche Urlaub brannte mir Katar meine Traurigkeit regelrecht aus dem Hirn – mit seiner glühenden Hitze, der betörenden Luftfeuchtigkeit, die einen wie in einem Dampfbad einhüllte, mit dem geschäftigen Treiben überall in den Einkaufszentren und nachts auf den Märkten, den üppigen leuchtenden Farben von Blüten, Kleidung, Essen und Meer, die vor dem Hintergrund der steinigen grauen Wüstenlandschaft umso mehr zu strahlen schienen. Erfüllt von neuen Eindrücken und in einer positiven Stimmung kam ich nach der einen Woche Katar nach Deutschland zurück.

Ich glaube, das ist der Hauptgrund, warum ich jetzt, drei Jahre später, »Ja« zur Entsendung sagte und mir ein Leben in Katar vorstellen konnte. Es gab die Seite des Landes, die mich abschreckte: das politische und gesellschaftliche System, das für unsere Augen geradezu mittelalterlich ist. Der Polizeistaat mit Zensur, Dauerüberwachung und allem, was dazugehört. Die andere Seite des Lebens in Katar ist dieses wunderbare Gefühl von »ich habe unendlich lange Sommerferien«, da man, zumindest als westlicher Expat, jeden Tag schwimmen, shoppen und in ein Multikulti-Großstadtleben eintauchen kann.

Ein paar Wochen nach Olivers Besuch flogen Mark und ich für ein paar Tage nach Doha, um uns die Deutsche Schule und mögliche Kindergärten anzusehen und Doha durch die »Könnte das meine Heimat sein?«-Brille zu betrachten. Ich lernte Marks Kollegen und Kolleginnen in Doha kennen, und sie zeigten mir all die modernen, »westlichen« Seiten der Stadt: Starbucks überall, Virgin Megastore, Einkaufen in der sagenumwobenen Villaggio Mall, die nach dem Vorbild Venedigs mit Wasserstraßen gebaut worden war … Wir wohnten in Olivers schönem Compound-Haus und spielten ein paar Tage lang »Expat in Doha«.

Nach der Rückkehr nach Deutschland sagten wir der Entsendung zu. Danach ging alles ganz schnell: Ende Januar würden wir umziehen, zum Halbjahreswechsel von Klasse 1 unseres Sohnes Tim. Wir würden im Winter starten und uns dann langsam, wie der Frosch im Kochtopf, auf katarische Betriebstemperatur bringen lassen.

DER DAUMEN ARABIENS

»Katar … Wo liegt das eigentlich?« Wenn wir Freunden und Verwandten in Deutschland von unseren Plänen erzählten, war das meist die erste Frage. Der Einfachheit halber gewöhnten wir uns an zu sagen: »Gleich neben Dubai.«

Eine gefühlte Wahrheit. Katar ist in Wirklichkeit auf drei Seiten von Wasser umgeben, an der vierten grenzt es an Saudi-Arabien. Immerhin erreicht man Dubai von Katar aus mit einem einstündigen Kurzflug. Es ist auch angenehmer, sich das eher westlich wirkende Dubai als nächsten Nachbarn vorzustellen als den Nachbarn, der tatsächlich nur eine kurze Autostrecke von Doha entfernt liegt: das im Vergleich zu Katar gigantisch große und hermetisch abgeschlossene Saudi-Arabien.

Das kleine Emirat Katar ist auf der Landkarte leicht zu finden, wenn man den Trick kennt. Schulkindern im Land bringt man bei, nach dem »Daumen Arabiens« zu suchen: Die Halbinsel ragt wie ein Daumen in den Persischen Golf – der hier übrigens immer »Arabische See« genannt wird. Ein wichtiger Unterschied, da die wenigsten in der Region gut auf den Nachbarn Iran zu sprechen sind.

Etliche Verwandte und Freunde lagen uns in den Ohren, wie wir es unseren Kindern antun könnten, Deutschland zu verlassen, und dann auch noch in »so ein Land« zu ziehen! Je nachdem, wie politisch korrekt oder unkorrekt die Gesprächspartner waren, kam natürlich das Thema Islam und Araber ziemlich einseitig zur Sprache. Meine Versuche zu erklären, dass Frauen in Katar Auto fahren dürfen, sich nicht per Gesetz verschleiern oder verhüllen müssen und dass unsere Kinder in einen westlichen Kindergarten beziehungsweise in die Deutsche Schule gehen würden, stießen meist auf taube Ohren.

Auch die Ratgeber über Entsendungen, die ich in den ersten Wochen nach unserem Umzugs-Entschluss hektisch las, hieben in dieselbe Kerbe: »So stellen Sie sicher, dass Ihre Kinder vom Kulturschock keine bleibenden Schäden davontragen«, lautete eine Überschrift. Eine andere: »Heimat- und sprachlos: Wie Sie Ihrem Kind während der Entsendung Halt geben.« Oder, kaum besser: »Überall in der Welt gelebt, aber nirgendwo zu Hause: Expat-Kinder.«

In dieser Situation stärkte mir ausgerechnet Tims Grundschullehrerin den Rücken. Als ich sie in unsere Pläne einweihte, machte ich mich auf die übliche Reaktion gefasst: »Oh mein Gott, Katar? Wie können Sie Ihren Kindern das antun!« Aber sie gratulierte mir zur Entsendung und sagte etwas, das ich während unserer ganzen Zeit in Katar nicht vergessen sollte: »Die Auslandserfahrung ist eine große Chance für Ihre Kinder! Die Erfahrungen, die sie im Ausland machen werden, diese Horizonterweiterung – davon werden Sie und auch Ihre Kinder noch lange zehren. Das kann Ihren Kindern auch später niemand mehr nehmen.«

Tims Lehrerin also war eine der wenigen, die uns grünes Licht für unser Abenteuer gaben. Aber wie bereitet man sich als Mutter von zwei Kindern auf ein Leben auf Zeit vor, das sich Tausende von Kilometern entfernt von der Heimat abspielen wird, noch dazu in einer anderen Kultur? Die Antwort ist so einfach wie kurz: kaum. Denn ich war in den etwa sechs Monaten zwischen Zusage und Abreise dermaßen mit dem ganzen Papierkrieg sowie dem Ausmisten und Einpacken beschäftigt, dass ich schlicht nicht dazu kam, mich in irgendeiner Weise vorzubereiten.

Gefühlt mit Vollgas rasten wir auf den Tag unserer Abreise zu. In dem Maß, wie der entscheidende Tag näher rückte, wurde das Ganze schließlich immer realer. Die Kinder und ich verabschiedeten uns tränenreich nach und nach von allen Freunden und Verwandten. Alles wurde irgendwann das »letzte«: Das letzte Weihnachtsfest mit Schnee, das letzte Kaffeetrinken mit der besten Freundin, der letzte Spielnachmittag unserer Söhne mit den Nachbarskindern.

Zu den Abschieden von Menschen kamen dann noch die Abschiede von Dingen. Marks Firma bezahlte uns nicht etwa einen Schiffscontainer, sondern gerade mal zehn quadratische Seefrachtkartons pro Person. Bei vier Personen macht das vierzig Kartons, was erst einmal viel klingt. Aber wenn man alle Lieblingsbücher, wichtigen Dokumente, Computerzubehör, Lego, Playmobil, Brettspiele und Küchengeräte verpackt hat, sind nicht mehr viele leere Kartons übrig. Den Rest lagerten wir bei meinem Bruder in einer Scheune ein.

Als unsere Mietwohnung schließlich leergeräumt und übergeben war, marschierten wir vier zum Bürgeramt, um uns abzumelden. Ohne jedes Gespür für die Situation pulte die Dame vom Amt die Adressaufkleber von unseren Personalausweisen und pappte stattdessen »Kein Wohnsitz in Deutschland« darauf. Zack, noch ein Stempel drüber, und wir standen auf der Straße.

»Kein Wohnsitz in Deutschland« – zum ersten Mal in meinem Leben. Vielleicht hätte ich verschreckt sein müssen, dass der Umzug jetzt wirklich kurz bevorstand. Aber seltsamerweise fühlte ich mich regelrecht befreit. Wir hatten keine Wohnung und kein Auto mehr, und jeder besaß nur noch einen einzigen Koffer. Kein Haus und keine Möbel warteten auf uns in Katar. Bis die Seefracht in frühestens acht Wochen nachkäme, würden wir nur aus unseren Koffern leben. Noah, unser Jüngster, schleppte wie eine Schnecke ihr Haus stolz seinen BoostaPak-Rucksack überall mit hin, der sich mit einem Handgriff in einen Auto-Kindersitz verwandeln ließ.

Wir waren alle bereit für das große Abenteuer, von den Großen bis zu den Kleinen.

MARHABA! WILLKOMMEN!

»Mama, was hat die Frau da an?« Noah zupfte mich diskret am Ärmel. So diskret, wie das ein Zweijähriger eben macht: also gar nicht. Sein helles Stimmchen tönte laut durch die Sitzreihen des Gates in Frankfurt. Mit dem Finger zeigte er auf eine Frau in schwarzem Outfit mit einem schwarzen Tuch um die Haare.

»Das ist eine Abaya«, erklärte Mark. »Sie trägt das, weil sie das schön findet.«

Tim und Noah gafften beide auffällig-unauffällig. Kein Wunder: Sie hatten noch nie zuvor eine Frau in der Tracht der Golfstaaten gesehen – und hier am Gate rollten gleich mehrere schwarz gekleidete Damen hintereinander ihre Bordcases herein.

In den Flugzeugreihen saß dann eine bunte Mischung nebeneinander. Die Damen in Abaya waren mit ihren in Anzüge gekleideten Ehemännern in die Business Class entschwunden. Hier in der Economy saßen europäische, indisch-asiatische, afrikanische und viele arabische Familien. Für Tim und Noah war alles aufregend: der Bildschirm im Sitz vor ihnen, das Anschnallen, die Ansagen in Englisch und Arabisch.

Der Anflug auf die Golfregion ein paar Stunden später weckte mulmige Gefühle in mir. Qatar Airways bot inzwischen nicht nur die Möglichkeit, aus Kameras am Bauch des Flugzeugs nach unten zu sehen, sondern auch, den Flug auf einer 3-D-Landkarte zu verfolgen. Es blinkten Städte- und Ländernamen rechts und links der Flugroute auf, die ich nur aus den Nachrichten kannte: Syrien, Iran, Irak, Teheran, Mekka …

Wir zogen in der Zeit des IS-Terrors nach Katar, was mir zumindest für die Anreise ziemlich Sorgen machte. »Die werden schon nicht ihre eigenen Leute vom Himmel sprengen«, wiederholte ich in Gedanken den Satz, den mir ein Bekannter zum Trost mit auf den Weg gegeben hatte. Aber »die eigenen Leute«, was hieß das schon in Zeiten von IS-Einzeltätern? Lieber zur Ablenkung einen Actionfilm gucken. Ich klickte auf »Independence Day«.

»Inhaltlich bearbeitet«, verkündete das Display. Mal schauen, was die katarische Zensurbehörde diesmal entfernt hatte. Bei der romantischen Komödie vorhin war es eine Kussszene gewesen. Das Ergebnis sah dann folgendermaßen aus: Held und Heldin standen sich gegenüber, er nahm ihre Hände, sie öffnete leicht den Mund … Schnitt. Die Handlung setzte mitten im nächsten Satz wieder ein. Mark hatte währenddessen einen James-Bond-Film angeschaut. Wichtige Plot-Infos waren ihm entgangen, da James Bond die Informationen leider ausgerechnet nach dem Beischlaf, noch im Bett mit der Dame, erhalten hatte. Mann und Frau im Bett ist ja schon kritisch in Katar, aber wenn sie auch noch unverheiratet sind? Schnitt und Cut.

Eine Viertelstunde vor der Landung schaltete ich auf die Bordkamera um. Da wir spätabends ankamen, war von Katar so gut wie nichts zu sehen. Aber allein das war schon bemerkenswert: Im Anflug auf eine Zwei-Millionen-Metropole über dunkles, so gut wie unbewohntes Land zu fliegen, ist ungewohnt. Katar, das reichste Land der Welt, hat nur eine Handvoll Städte und nur eine einzige wirkliche Großstadt zu bieten.

Der Flughafen liegt gleich hinter der Stadt, und so dreht man eine Schleife über den Golf, wenn das Flugzeug bereits ziemlich tief fliegt. Die Kameras erfassten eine zauberhafte Szenerie: schwarzes Wasser unter uns, betupft mit bunt erleuchteten Ausflugsbooten und eleganten weißen Jachten. Am Horizont schließlich Doha – ein Lichtermeer. Die Autobahnen und Schnellstraßen zerteilten die Stadt wie mit schnurgeraden Bändern. Ganz vorne am Wasser standen in mehreren Reihen die rot, grün, blau und violett angestrahlten Wolkenkratzer der West Bay. Wie Süßigkeiten oder Kinderspielzeug sahen sie aus der Luft aus.

Dieses Mal war ich gegen den Hitzeschock beim Aussteigen gewappnet und trug nur eine leichte Bluse und eine Jeans. Prompt fuhr mir auf dem Weg zum Transitbus ein kühler Wind unter die Klamotten. Die Temperaturen in Doha Ende Januar sind trotz tagsüber knallblauem Himmel und strahlender Sonne nachts manchmal ziemlich frisch. Zumindest, wenn man bei fünfzehn Grad in Sommerkleidung herumläuft.

Im Bus fuhr noch etwa ein Dutzend weiterer Deutsche mit, gekleidet wie wir. Inmitten der Asiaten und Araber müssen wir mit unseren Funktionshemden, Allwetterjacken, festen Schuhen und Jeans ausgesehen haben wie eine Delegation vom Outdoor-Ausrüster. Farbenfrohe Saris, schwarze Abayas, weiße und erdfarbene Kaftans, Kopftücher in allen Farben und ein Gemisch aus Dutzenden von Sprachen umgaben uns auch dieses Mal wieder.

Innerhalb des Flughafens umkurvten uns immer wieder elektrische Golfwägelchen, die hupend an uns Fußgängern vorbeibrausten. An Bord ein asiatischer Fahrer und auf dem Rücksitz Damen in Abaya und Männer in eleganter weißer Dischdascha.

Ich war überrascht, dass wir zu den wenigen gehörten, die nicht zielstrebig in Richtung des Transitbereichs liefen. Der Flughafenmitarbeiter, der aufpasste, dass Transitpassagiere nicht in den falschen Teil des Flughafens gerieten, fragte sogar zweimal nach: »Arrival? No transit? Sure?« Die anderen Passagiere im Flugzeug, die ich für zukünftige »Nachbarn« in Katar gehalten hatte, waren offenbar fast alle Transitpassagiere, die nach Asien und Australien weiterflogen.

Wir folgten den »Arrival«-Schildern und waren die erste Zeit ganz allein unterwegs. Noah konnte sich nicht mehr auf den Beinen halten, sodass Mark ihn und seinen Autositz-Rucksack tragen musste. Tim schleppte tapfer seinen eigenen Rucksack und betrachtete den Flughafen mit weit geöffneten Augen. Es war schon fast Mitternacht, und Tims sowieso schon helle Haut sah vor Erschöpfung käsig weiß aus.

»Wie schön, dass es so schnell vorangeht«, freute ich mich und nahm Tims Hand. Wir beide sahen schon das Hotelbett in greifbarer Nähe.

»Freu dich lieber nicht zu früh.« Mark nahm Noah auf den anderen Arm. »Ich hab in der Immigration schon die wildesten Sachen erlebt.«

Wenn man vom Teufel spricht … So war es dann auch. Die weitläufige Halle mit den Einreiseschaltern war voller Menschen aus aller Herren Länder. Wir hatten über eine Stunde Zeit, sie zu studieren, während wir uns mit Hunderten von Indern und Filipinos in einer Schlange Schritt um Schritt durch das Seillabyrinth schoben.

Noah konnte kaum noch die Augen offen halten und weinte die ganze Zeit. Auch Tim war inzwischen hundemüde. Beide starrten wir die ganze Zeit wie hypnotisiert auf einen Mann vor uns, der zu einer Gruppe mit indischen Pässen in den Händen gehörte. Im Außenfach des Rucksacks, der ihm von der rechten Schulter baumelte, steckte eine blaue Zahnbürste. Sobald sich der Mann bewegte, putzte er mit dieser Zahnbürste die Umgebung: die Absperrung, andere Reisende, ihre Taschen, und das vielleicht, seitdem er in Indien sein Zuhause verlassen hatte.

Während wir im Zeitlupentempo in der Schlange vorwärtsrückten, schlenderten immer mal wieder Gestalten an allen Wartenden vorbei und entschwanden durch einen Express-Ausgang. Darüber stand »Nationals and other GCC countries«. Mark erklärte Tim, dass es dieses Schild in allen Ländern der Region gab. Nationals meinte in diesem Fall Kataris, »other GCC countries« die Einwohner der anderen Golfstaaten. So wurden wir schon gleich auf die feine Unterscheidung in den Golfstaaten eingestimmt: Nationals beziehungsweise Locals gegen Residents. Sowohl Nationals als auch Residents sind Einwohner Katars, aber die Nationals sind sozusagen die »Ureinwohner«, für die es nicht nur in Warteschlangen und auf Behörden eine Vorzugsbehandlung gibt. Eigentlich kein Wunder: In Katar stehen gerade mal 300 000 »echte« Kataris mehr als zwei Millionen Residents, also Menschen mit Arbeitserlaubnis, gegenüber.

Wenn man sich dem Kopf der Schlange in der Immigration-Halle nähert, wird klar, dass die Beamten an den mehr als ein Dutzend Schaltern Nationals sind, meist in Landestracht. Übrigens Männer und Frauen, was in der Region durchaus bemerkenswert ist. Die Dischdascha, das Gewand der Männer, sieht aus wie ein gestärktes weißes Oberhemd, komplett mit Kragen und Manschettenknöpfen, das bis zu den Fußknöcheln reicht. Dazu tragen die Männer weiße Kopftücher (Guthra), mit einer schwarzen Kordel verziert, die Agal oder Igal genannt wird. Jetzt im Winter trugen viele der Kataris ein rot-weiß gemustertes Tuch, das wir in Deutschland »Palästinensertuch« nennen. Es ist aus dickerem Stoff als das weiße Sommertuch. Die Füße stecken sommers wie winters in Ledersandalen. Man(n) führt die Sandalen übrigens auch abends im Nobelhotel aus. Sandalen sind am Golf derart weit verbreitet, dass es nicht nur Läden einzig und allein für Sandalen gibt – für uns Deutsche schon ein ungewohnter Anblick –, sondern sogar Läden, die sich auf Herrensandalen aus Leder spezialisiert haben. »Echte« Kataris kann man von anderen Gulf Nationals übrigens nur durch den Schnitt der Dischdascha unterscheiden und manchmal durch die Art, die Guthra zu tragen.

Die Frauen der Golfstaaten tragen die Abaya, eine Art schmal geschnittenes Überkleid, das von den Schultern bis zu den Handgelenken und bis zum Boden reicht, gern in Schwarz. Katarische Frauen müssen sich nicht verschleiern. Sie bedecken die Haare mit einem Tuch beziehungsweise Kopfschleier (Hijab genannt), aber je nach Familie ist es auch kein Drama, wenn der Haaransatz zu sehen ist. Tagsüber und in offizieller Funktion ist das Tuch schwarz, abends beim Ausgehen werden auch Tücher in hellen Farben getragen. Unter der Abaya tragen Golf-Araberinnen gern mörderisch hohe High Heels; aber auch Turnschuhe angesehener Marken und in leuchtenden Farben blitzen unter dem Saum hervor.

Ein katarischer Beamter hastete gerade mit wehender Dischdascha zwischen den Abfertigungsschaltern und der Warteschlange auf und ab, um die Menschenmassen gleichmäßig zu verteilen. Gestenreich und hektisch winkte er die Passagiere an den nächsten Schalter, wenn jemand nicht bemerkte, dass ein Platz frei geworden war. Erst in dieser letzten Schlange, direkt vor dem Schalter, wurde klar, warum die Abfertigung so elend lange dauerte: Am Schalter musste man natürlich die Pässe vorlegen, und wer noch keine Aufenthaltsgenehmigung, das Resident’s Permit, hatte, dessen Papiere wurden jetzt auf Herz und Nieren geprüft.

Endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, waren auch wir an der Reihe. Ich wurde immer nervöser, während der Beamte endlos lange durch unsere Pässe blätterte, uns auf Englisch nach dem Grund unseres Besuchs befragte und danach, wo wir wohnen würden. Er war nicht unfreundlich, aber ich konnte seine Fragen aufgrund des harten arabischen Akzents kaum verstehen. Beeindruckt starrte ich meinen Mann an, der locker jede Frage sofort beantwortete.

»Kunststück«, murmelte Mark mir zu. »Es sind ja immer dieselben Fragen. Bei der zwanzigsten Einreise kann man die Antworten schon ohne die Fragen herunterbeten.«

Endlich knallte der Beamte Stempel in unsere Pässe. Aber es war noch nicht zu Ende. Denn anschließend mussten Mark und ich uns hübsch nacheinander auf eine Linie, die auf den Boden geklebt war, stellen und auf eine verspiegelte Säule schauen.

»Brille ab! Nicht an der Theke abstützen! Ganz gerade stehen!«, hieß es in scharfem Ton.

In der Säule fuhr eine Kamera auf Augenhöhe hinauf, um einen Gesichtsscan zu machen. Ohne Brille bin ich jedoch derart kurzsichtig, dass ich nicht erkennen konnte, ob die Kamera rot oder grün leuchtete. Und da ich nicht sehr groß bin und deshalb wohl die Mindestgröße für den Apparat unterschritt, funktionierte er nicht. Eigentlich seltsam, denn die meisten asiatischen Männer in Katar haben meine Größe, und die asiatischen Frauen gehen mir eher bis zur Schulter.

Der Katari, der das Gerät beaufsichtigte, rollte schon die Augen, während die Kamera mit einem leisen »iiiiiip-wusch« ein Dutzend Mal hoch und wieder runter fuhr. Ich hätte im Boden versinken können. Von dem klein gewachsenen Asiaten an der Nachbarsäule schaute ich mir schließlich ab, wie es ging: Ich balancierte auf Zehenspitzen und stützte mich (verbotenerweise) unauffällig unterhalb des Sichtfelds des Beamten an der Theke ab, damit ich nicht zu sehr wackelte. Sonst wurde es wieder nichts mit dem Scan.

Da das System nach dem Blick auf mein Gesicht keinen Alarm schlug, durften wir endlich das Geld für die Visa berappen. Die Kinder wurden nicht gescannt. Für umgerechnet zwanzig Euro pro Person durften wir von nun an vier Wochen im Land bleiben, mit der Option auf eine einmalige Verlängerung.

Ein paar Meter hinter der Immigration wartete der nächste Beamte auf uns, an einem Durchleuchtungsgerät. Das hatte ich von meiner ersten Reise nicht in Erinnerung.

»Wieso kontrollieren Sie uns denn nach dem Flug?«, fragte ich entgeistert.

Der Beamte wand sich bei meiner Frage und ließ sie unbeantwortet. »Legen Sie jetzt einfach Ihre Tasche hier drauf, Ma’am.« Sein Ton duldete keine weiteren Bemerkungen zur Sinnhaftigkeit dieses Vorgehens.

Nachdem wir die Security-Station ein Stück hinter uns gelassen hatten, raunte Mark mir zu, wobei es bei dieser »Security« ging: ob man Alkohol, Schweinefleisch oder pornografisches Material in seinem Handgepäck hatte. Unsere Koffer, die wir jetzt endlich vom Band sammeln konnten, waren schon längst bis auf die letzte Socke durchleuchtet worden. An einem klebte, sehr versteckt, ein elektronischer Alarmsticker. Was war den Beamten wohl verdächtig vorgekommen?

Am Gepäckband gab es für uns Normalsterbliche Gepäckwagen, für die Business-Class-Passagiere jedoch etwas viel Schickeres. Ihre Gepäckwagen waren so edel gestaltet wie im Luxushotel: ein hoher vergoldeter Käfig mit einem kleinen Haken oben, von dem man die teuersten Einkaufstüten oder die Designerhandtasche baumeln lassen kann. So einen Wagen schob man natürlich auch nicht selbst, sondern schlenderte hinterher, während sich ein livrierter Mensch vom Flughafen abmühte. Im Vergleich zu den elegant schreitenden, kinderlosen Damen und Herren in Abaya und Dischdascha fühlte ich mich mit unseren knötternden Kindern und den überquellenden Gepäckwagen wie die bucklige Verwandtschaft. Erst viel später kapierte ich, dass sie ihre Kinder bei den Nannys und anderen Verwandten ließen und am liebsten allein als Paar wegflogen, um Urlaub zu machen.

Zwischen Ankunftshalle und dem Zollbereich waren Sicherheitstore installiert, wie am Ausgang von H&M und Co. Sie leuchteten prompt auf und gaben Alarm, als wir den Gepäckwagen mit unserem getaggten Koffer hindurchschoben. Sofort leitete ein Zöllner uns zu einer Auspack- und Durchleuchtungsstation.

»Bitte legen Sie alle Koffer auf das Band«, forderte uns eine Zollbeamtin in Abaya auf und fischte anschließend zielsicher den Koffer mit dem Sticker heraus. »Ist das Ihr Koffer?«, fragte sie. Der Ton war derart barsch, dass ich lieber noch mal nachschaute. Nicht dass ich am Gepäckband das falsche Gepäckstück gegriffen hatte, mit dubiosem Inhalt.

Nein, es waren nur die Mitbringsel für Marks Kollegen, die beim Durchleuchten aufgefallen waren. Wofür wir denn so viele Fieberzäpfchen, Vomex, Jodidtabletten und weitere Medikamente bräuchten?

»Die sind nur für uns. Wir leben ab jetzt in Katar.«

Die Dame wedelte mit der Hand. Wir waren wohl entlassen.

Draußen vor dem Terminal, direkt nach dem Zoll, tauchten wir trotz der späten Stunde in eine große Menschenmenge ein.

»You need driver?« Ein Concierge winkte uns eine Limousine heran. Der Fahrer verstaute unser Gepäck im Auto – und schon waren wir unterwegs in die Zwei-Millionen-Metropole, die glitzernd wie ein Diamantenkollier am Arabischen Golf auf uns wartete.

Willkommen im reichsten Land der Welt!

Oryx

Antilopenart, die in Katar vereinzelt noch wild lebend anzutreffen ist. Oryxfarmen sollen den frei lebenden Bestand in Zukunft wieder aufstocken. Eins der Wahrzeichen von Katar, z. B. im Logo von Qatar Airways zu sehen. Der Grund, warum so viele Bereiche im katarischen Flughafen »Oryx« im Namen tragen.

DER GANG DURCH DEN SPIEGEL

Das W Hotel in Doha ist berühmt für drei Dinge: seine schicke Lobby mit den schwebenden blauen Glasleuchten, sein aufmerksames Empfangsteam und seine Nachtclubs. Das wusste ich alles nicht. Ich wusste nur: Einmal im Leben würden wir ein paar Wochen in einem tollen Hotel wohnen, es würde unsere erste Station hier sein. Aber wenn ich mir so ein Leben in meinen Träumen ausgemalt hatte, waren nie zwei randalierende Jungs von unter zehn Jahren vorgekommen. Wie würde das sein, das »Zuhause« im Hotel mit Kindern?

Es war Donnerstagnacht, genau genommen: Freitag früh kurz nach eins. Der letzte Hauch Make-up hatte irgendwo über dem Arabischen Golf mein Gesicht verlassen, weil sich ein völlig übermüdeter Noah im Flugzeug unruhig auf meinem Schoß herumgewälzt und mir mit den Händen immer wieder ins Gesicht getatscht hatte, als wollte er prüfen, ob ich noch da war. Irgendwann schlief er ein, und ich musste ihn aus dem Taxi ins Hotel tragen. Tim dagegen war hellwach, stand aber vor Übermüdung ziemlich neben sich. Er verfolgte alles mit großen Augen, als müsste er morgen einen Aufsatz über seinen ersten Tag in Katar schreiben. Ich zog ihn an der Hand neben mir her, Mark mühte sich mit den vier Koffern und dem Kindersitz ab. Die livrierten Männer links und rechts vom Eingang zogen mit großer Geste die Glastüren für uns auf: »Welcome to the Double-U Hotel, Ma’am. Sir. Please enjoy your stay.«

Eine für mein übermüdetes Hirn unwirkliche Szenerie breitete sich vor mir aus: Direkt vor uns ein Farbenrausch aus Dutzenden von Blumengestecken in Glasvasen in mehreren Etagen auf Glasböden arrangiert. Meine Mutterinstinkte funkten sofort: »Oh Gott, das wird teuer! Schnell weg!« Links und rechts des Blumenmeers am Eingang baumelten zwei schwarze Ledercouches an meterlangen Ketten von der Decke. Tim war zum Glück nach eigener Aussage »zu müde zum Schaukeln«. (Am nächsten Tag stellte er maßlos enttäuscht fest, dass die Sofas durch ein verstecktes Podest mit dem Boden verschraubt waren.)

Die Lobby war drei Stockwerke hoch. Breite Treppen schwangen sich links und rechts zu einer gläsernen Galerie empor. Von der Decke hingen bestimmt hundert blaue Kugellampen wie schwebend herab. Arabische geometrische Muster dominierten den Raum: Breit und schwarz schlängelten sie sich auf dem Boden, silbern glänzende Reliefs rauschten die weißen Wände hinauf. War ich in einem arabischen Märchenschloss gelandet? Wenn ja, war der Herrscher dieses Reiches jung und taub, denn die edle Lobby vibrierte von lauter elektronischer Club-Musik. Es war brechend voll. Männer in Anzügen und Frauen in kurzen Kleidchen, die wie aus Instagram-Accounts entsprungen aussahen, flanierten umher. Bei ihrem Anblick fühlte ich mich noch elender und müder als fünf Minuten zuvor. Auch deutsch durch und durch: mit meiner Drahtbrille, meinem vernünftigen Pferdeschwanz und meinen Allwetterschuhen. Neben diesen schönen Kreaturen der Nacht musste ich aussehen wie Aschenputtel, nachdem es zwölf Uhr geschlagen hatte.

Ein Hotelangestellter führte Mark zur Rezeption, während ein zierlicher Filipino, der mir knapp bis zur Schulter reichte, zu mir kam und begann, an meinem schlafenden Kind zu ziehen. »Ma’am«, sagte er. Dann etwas, das ich in dem Lärm nicht verstand.

Ich hielt Noah noch fester. »Verzeihung?«

Er lächelte mich breit an, zog wieder an Noah. Als ich mein Kind umklammerte, versuchte der Asiate, Tim an der Hand wegzuführen. Ich packte beide Kinder.

Ein rundlicher Hotelangestellter, der die Szene offenbar beobachtet hatte, eilte in diesem Moment mit wehendem blonden Haar zu uns. Sein Namensschild wies ihn als Patrik aus. Er wedelte übereifrig mit den Händen. »Alles in Ordnung!«, versicherte er mir in vorzüglichem Englisch. »Wir kümmern uns um Sie, während Ihr Mann eincheckt, Ms. Benedikt!«

Ich atmete aus. Endlich jemand, den ich verstand.

»Tom trägt Ihr Kind für Sie«, erklärte Patrik und deutete mit großer Geste auf den Filipino. »Erholen Sie sich vom Flug. Fühlen Sie sich wie zu Hause!«

Tom zog mir Noah aus dem Arm. Er ging unter dem Gewicht etwas in die Knie, aber lächelte weiter tapfer.

Wir folgten Patrik durch die Lobby, und ich fragte ihn, was all die Menschen hier eigentlich taten, mitten in der Woche?

Er lächelte. »Morgen ist doch Freitag.«

Äh, ja, war das nicht immer so am Donnerstagabend? Dann fiel es mir ein: Das muslimische Wochenende begann am Donnerstagabend. Muslime wie Nicht-Muslime gingen an dem Abend gern aus.

Behutsam bettete Tom Noah auf Patriks Geheiß zum Schlafen auf eine große runde Sitzinsel aus weißem Leder. »Setzen Sie sich doch bitte.«

Zögernd ließen Tim und ich uns auf das Polster sinken. Der Sitz war butterweich, und ich hätte mich am liebsten neben Noah zum Schlafen ausgestreckt. Angebote, mir etwas zu trinken zu bringen, lehnte ich mit halb geschlossenen Augen ab. Irgendwie stellt man sich vor, dass man beim Auswandern hellwach alle ersten Eindrücke in sich aufsaugt. Aber meine müden Gedanken kreisten immer noch um die tausend Impressionen am Flughafen und das überwältigende Gefühl: »Was tun wir eigentlich hier?«

»I am hungry«, hörte ich in dem Moment zu meiner Verwunderung Tim zu Patrik sagen. Wir hatten in den vergangenen Monaten versucht, ihm ein bisschen Englisch beizubringen, aber Tim hatte sich mit Händen und Füßen gewehrt. Schön, dass anscheinend doch etwas bei ihm hängen geblieben war. Ich wollte ihn gerade auf später vertrösten, nach dem Einchecken, da eilte schon auf Patriks Wink hin ein weiterer Filipino in Hoteluniform mit einem kleinen Tablett zu uns. Darauf stand ein Dutzend winziger Gläschen mit einer gelben Paste. Vielleicht Mini-Smoothies? Er hielt Tim das Tablett hin.

»Oh, danke. Super!«, rief Tim auf Deutsch – und griff nach dem ganzen Tablett. Der Kellner war so überrascht, dass er sich die Drinks widerstandslos aus der Hand nehmen ließ.

»Äh, da nimmt man sich ein einziges Glas runter!« Ich nahm peinlich berührt Tim das Tablett aus den Händen und reichte es dem Mann mit tausend Entschuldigungen zurück.

Doch Tom hockte sich neben Tim, außerhalb meiner Reichweite, und reichte ihm ein Gratis-Gläschen nach dem anderen. Es war der erste Vorgeschmack auf die Kinderfreundlichkeit der Menschen in Katar. Kinder werden gern und überall mit Süßigkeiten und Komplimenten gefüttert. Über Lärm und angerempelte Möbelstücke gehen die Erwachsenen jeder Nation (na gut: mit Ausnahme der Deutschen) mit einem Lächeln hinweg.

Wenig später übergab Patrik unsere kleine übermüdete Familie an einen weiteren Hotelangestellten namens Zoran. Der arbeitete im »Welcome Team« in der Lobby, vor allem war er aber für Gäste wie uns zuständig, die im Wohntrakt des Hotels, der »Residence«, gebucht hatten. Er führte uns zu einem breiten Glasspiegel, der sich zwar etwas versteckt weiter hinten befand, aber allein durch seine immense Größe die Lobby dominierte. Was sollten wir hier?

Trunken vor Müdigkeit, erwartete ich, dass der Kroate einen Singsang anstimmen würde, der mit »Sesam öffne dich« endete. Stattdessen drückte er mit einem Augenzwinkern ganz rechts gegen den Spiegel – der sich in der Mittelachse zu drehen begann. Der gesamte drei Meter hohe Spiegel entpuppte sich als gigantische Drehtür, die den Hotelbetrieb von der Residence für Dauergäste trennte.

Gedanken an Alice im Wunderland schossen mir durch den Kopf – durch den Spiegel in eine andere Welt. Wie würde sie sein, diese andere Welt? Und wie würden wir uns verändert haben, wenn wir eines Tages durch den Spiegel zurückkehren würden?

ABER ES IST DOCH FREITAG!

»Boah!«

Noahs gehauchter Ausruf fasste gut zusammen, was wir dachten, als wir unsere neue Bleibe für die nächsten Wochen betraten. Wir waren in einer Suite im 21. Stockwerk untergebracht. Der größte Unterschied des Wohntrakts zu den regulären Hotelzimmern war, dass uns als Teil des großen Wohnzimmers eine Küche mit Esstheke inklusive Spülmaschine und Herd zur Verfügung stand. Die Kinder teilten sich ein Zimmer, Mark und ich hatten ein Schlafzimmer mit eingebauter Büronische und eigenem Badezimmer.

Wir hatten jedoch nur Augen für die bodentiefen Fenster. Unser Blick schweifte über die in gleißendes Scheinwerferlicht getauchten Hochhausbaustellen rundherum zu den faszinierend unterschiedlich gestalteten Wolkenkratzern der West Bay. Das eigentliche Doha lag etwas entfernt. Ein Meer von hell leuchtenden kleinen Häusern, dazwischen dunkle Flecken, wo die vielen unbebauten Brachflächen lagen. Irgendwo dort draußen würden eines Tages auch wir wohnen. Aber wo?

Statt auszupacken, zog Mark überall die Verdunkelungsgardinen zu, während ich den widerstrebenden Noah in seinen Schlafanzug packte. Unser Jüngster war zwar todmüde, aber kaum von den Fenstern wegzubewegen. Gespannt beobachtete er die lautstarken nächtlichen Bauarbeiten an einem weiteren Wolkenkratzer direkt vis-à-vis. Der hatte fast unsere Höhe erreicht. Das Leben ist eine Baustelle! Über die Straße hinweg konnte Noah jeden Handgriff der Arbeiter verfolgen. Erst als ihm die Augen zufielen, konnte ich ihn endlich ins Bett legen.

Der nächste Morgen begann zunächst einmal: früh.

»Mama, Papa, auf! Auf! Is’ schon Mittag!« Noah hüpfte mit einem Enthusiasmus auf unser Bett, wie ihn nur Zweijährige nach einer viel zu kurzen Nacht aufbringen können.

Die Verdunkelungsgardinen hielten das Zimmer in einem Dämmerlicht, aber grelles Tageslicht brach an den Rändern um den dunklen Vorhangstoff hervor.

»Ich glaube, wir haben wirklich verschlafen!«, sagte ich.

»Es ist erst halb sieben«, tönte Mark irgendwo unter dem Kissen neben mir.

»Kann nicht sein. Bestimmt steht deine Uhr noch auf deutscher Zeit.« Katar ist normalerweise eine Stunde vor Deutschland, im Winter werden es aber zwei Stunden, da die Kataris die Zeitumstellung nicht mitmachen. Halb neun? Das könnte passen.

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