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Gefallene Ritter. Malteserorden und Vatikan. Der Machtkampf zwischen zwei der ältesten Institutionen der Welt

Als Buch hier erhältlich:

---Enthält den Text der aktualisierten Taschenbuch-Ausgabe---

Intrigen. Verrat. Ein Geheimnis – hinter den Mauern des Vatikans


Seit den Kreuzzügen versteht der Malteserorden sich als starker Arm der Kirche. Doch 2017 wurde zum ersten Mal in seiner fast tausendjährigen Geschichte der Großmeister vom Papst persönlich aus dem Amt kommandiert. Als Ordensfürst Matthew Festing seinen Palast in Rom räumen muss, ist das nur der Gipfel einer Affäre, die weit über die Kirchenwelt hinaus für Schlagzeilen sorgt …

Constantin Magnis, dessen Familie seit Generationen im Orden vertreten ist, obwohl er selbst nie Mitglied wurde, ist dem rätselhaften Kirchenkrimi auf den Grund gegangen. Seine Reise durch die Parallelwelten englischer Landsitze, diskreter Herrenclubs, römischer Paläste und vatikanischer Hinterzimmer führt schließlich zum eigentlichen Geheimnis des weltweit ältesten existierenden Ritterordens.

»Ich habe das Buch regelrecht verschlungen.«

Alexander Marguier, Cicero


»Brilliant geschrieben, mit Witz und zurückgehaltenem Zorn zugleich.«

Klaus Mertes, Stimmen der Zeit


»Liest sich wie der jüngste Roman von Dan Brown.«

Jo Schück, Moderator und Journalist


»Ein spannendes und detailreiches Buch über den Orden, seine Intrigen und Probleme.«

BR online

»Die Welt vatikanischer Hinterzimmer, römischer Paläste, erlesener Gesellschaften (…) eine Welt, von der die meisten Katholiken ahnen, dass es sie gibt, aber nur eine vage Vorstellung von ihr haben.«

Herder Korrespondenz

»Eine Darstellung der Ereignisse (…) die bezüglich Spannung und Kurzweiligkeit keinen Vergleich mit einem Thriller zu scheuen braucht.«
OE24.AT


»Unterhält auf jeder Seite und bringt den Leser bald dazu, sich zu fragen, ob man hier eigentlich noch ein Sachbuch liest oder schon einen Kriminalroman.«

Blog Benedikt Bögle

»Ein buntes und kontrastreiches Bild des Ordens von innen, bei dem nicht nur die Charakterzüge, Stärken und Schwächen der Handelnden herausgearbeitet werden, sondern unzählige Details den Leser mit ins Geschehen hineinnehmen«
Tagespost


»Das Buch liest sich einfach sehr gut.«
Léa Burger, SRF


  • Erscheinungstag: 27.10.2020
  • Seitenanzahl: 256
  • ISBN/Artikelnummer: 9783959678735
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Für Veilchen, Detti und Rudi

Ritter, gestrandet

Als mein Vater starb, es war Frühling, wurde er bei uns in der Kapelle aufgebahrt. Meine Mutter und wir Kinder gingen vor der Beerdigung noch einmal hinein, und da standen um den Sarg meines Vaters herum lauter Ritter in dunklen Umhängen. In meiner Erinnerung waren es vier auf jeder Seite, den Rücken zum Altar, die Gesichter versteinert und unverwandt nach vorne gerichtet, zu uns, die wir in der Bank knieten und weinten.

Ich habe meinen Vater geliebt und verehrt. Dass Ritter in wallenden Roben für ihn aufmarschieren und Spalier um seinen Sarg stehen, kam mir deshalb vollkommen normal und angemessen vor. Ich hätte mich damals auch nicht gewundert, wenn Natogeneräle, die Ministerpräsidenten oder Kurienkardinäle die Ehrenwache gestellt hätten.

Abgesehen davon kannte ich die Männer, die meinen toten Vater da bewachten. Es waren alle Freunde oder Verwandte meiner Eltern. Und ich wusste ja, dass mein Vater Mitglied beim Malteser-Ritterorden gewesen war. Nach seinem Tod hatten wir festgestellt, dass er sich in insgesamt über fünfzig Clubs, Orden, Kreisen oder sonstigen Vereinigungen engagiert hatte, die oft sonderbare Namen wie »Mars und Merkur« oder »Hausritterorden vom Heiligen Georg« trugen. Unter all diesen Vereinen waren mir die Malteser wahrscheinlich am vertrautesten.

Nicht nur meine Eltern, sondern auch die Mehrheit meiner Onkel und Tanten waren im Malteserorden. Meine Großeltern waren es gewesen, mein Urgroßvater, mein Ururgroßvater und dessen Vater, meine Familie ist im Orden vertreten mindestens seit dem 18. Jahrhundert. Für meinen Großvater war er so wichtig, dass er das achtspitzige Malteserkreuz in den buntsandsteinernen Altar unserer Kapelle hat meißeln lassen. Als er starb, ließ man, genau wie später bei meinem Vater, das Ordensemblem oben auf die Todesanzeige drucken. Dieses Kreuz begriff ich deshalb immer auch als so eine Art Familienlogo, und der Malteserorden war für mich sowieso vor allem ein Verwandtschaftsclub, der gelegentlich auch etwas Gutes tat. Mein Vater zum Beispiel leitete einen Pilgerzug, der jährlich mit kranken und behinderten Menschen ins französische Lourdes fuhr. Vor der Teilnahme hatte ich mich bis dahin immer erfolgreich gedrückt.

Als Erwachsener wurde ich dann schließlich selbst gefragt, ob ich Mitglied werden wolle. »Ein Magnis muss eigentlich Malteser werden«, sagte meine Tante und senkte beim Aussprechen des Familiennamens bedeutungsvoll ihre Stimme. Ich soll mich nicht so anstellen, sagte ein Freund meiner Eltern. Er und mein Vater seien damals gar nicht gefragt worden, ihre Väter hätten ihnen die Mitgliedschaft einfach zum achtzehnten Geburtstag geschenkt. Beides hat mich nicht restlos davon überzeugen können, Mitglied in einem religiösen Orden werden zu müssen, und ich bin es auch bis heute nicht geworden.

Trotzdem habe ich seitdem nie aufgehört, den Orden und seine Projekte zu umkreisen. Ein Freund überredete mich schließlich dazu, als Pfleger mit nach Lourdes zu fahren. Dann flog ich mit den Maltesern in den Libanon und später auch nach Jordanien, machte Ferien mit Kranken aus dortigen Heimen. Ich machte die Zeitung für ein internationales Behindertencamp des Ordens. Zu jedem dieser Projekte musste ich gedrängt und überredet werden. Überraschenderweise war es im Nachhinein immer eine berührende und extrem beglückende Erfahrung, sich für kurze Zeit vorbehaltlos in den Dienst anderer zu stellen.

Erst Jahre später, als Journalist, wurde mir klar, dass ich es auch sonst mit einem ganz interessanten Verein zu tun hatte. Dass der Malteserorden nicht nur religiöser Orden und kulturelles Refugium des katholischen europäischen Adels ist, sondern auch souveränes Völkerrechtssubjekt, mit eigenem Staatsgebiet, eigenen Pässen, eigener Währung, eigenen Autokennzeichen und einem ständigen Sitz bei den Vereinten Nationen. Dass er im Jahr rund 1,5 Milliarden Euro umsetzt, mit Hilfsprojekten in über 120 Ländern aktiv ist, diplomatische Beziehungen zu mehr als hundert Staaten pflegt. Und dass der Malteserorden mit seiner fast tausendjährigen Geschichte nach der katholischen Kirche die älteste noch existierende souveräne Institution der westlichen Christenheit ist.

Als jemand mit Hang zur epischen Erzählung hat mich allerdings nichts von alldem so sehr fasziniert wie die Tatsache, dass die Malteser offenbar das Äquivalent zu dem hatten, was in »Star Wars« der »Imperator« auf dem »Todesstern« war: ein »Großmeister«, der den Orden aus dem sogenannten Magistralpalast in Rom heraus regiert. Einen auf Lebenszeit gewählten, konstitutionellen Monarchen, ein Staatsoberhaupt mit dem kirchlichen Rang eines Kardinals und dem weltlichen Status des letzten Fürsten des untergegangenen Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Diesen Mann, beschloss ich, musste ich treffen, um eine Geschichte über ihn zu machen. Schon allein, um seinen Berufstitel in die Unterzeile schreiben zu können.

Als ich im Frühjahr 2008 mit der Anbahnung des Interviews begann, war der 78. Großmeister der Malteser, ein Brite namens Andrew Bertie, gerade gestorben. Als Nachfolger hatte man seinen Landsmann Matthew Festing gewählt. Die deutsche Ordensführung wies mich an, Festing als »Your Highness« anzuschreiben, und leitete meine untertänige Anfrage weiter. Ich kann mich nicht erinnern, als Journalist je so lange auf die Zusage für ein Interview gewartet zu haben. Aber nach einem Jahr kam sie schließlich:

Von: XXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX

Betreff: R: R: R: Interview for Cicero

Datum: 2. März 2009 um 13:14:48 MEZ

An: XXXXXXXXXXXXXXXX

Dear Mr. Magnis,

His Most Eminent Highness the Prince and Grand Master will be very glad to meet you on Tuesday 10 March at 10:30 at the Magistral Palace, Via Condotti, 68.

Sincerely yours,

XXXXXXXXXX

Der Palazzo des Großmeisters an der Piazza di Spagna in der Altstadt von Rom liegt in einer der prachtvollsten Steinlandschaften Europas. In direkter Nachbarschaft stehen die Paläste großer römischer Familien wie der Borghese oder der Torlonia, gegenüber erheben sich die Kirche Trinità dei Monti und die Spanische Treppe, von der sich unaufhörlich Menschen auf die Via Condotti ergießen, Japaner mit Selfiesticks, vollverschleierte Damen mit Guccitasche, fabelhaft aussehende Männer im Maßanzug und zu weit aufgeknöpftem Hemd. Auf Roms teuerster Einkaufsmeile duftet es nach den Raumparfums der Flagshipstores, der Straßensound ist das wohlig aufgeregte, kollektive Schnurren des bummelnden Geldadels.

Zwischen den protzigen Insignien von Prada, Bulgari oder Hermès und all der architektonischen Grandezza fällt die rot beflaggte Renaissancefassade des Magistralpalastes, in dem seit 1834 die Großmeister des Ordens residieren, nicht sofort auf. Doch wer die Via Condotti besucht, wandert lediglich eine historische Kulisse ab. Wer dagegen die bewachte Pforte zum Magistralpalast passiert, verlässt nicht nur Italien. Er betritt zugleich eine andere Epoche.

Ein poliertes Messingschild mit goldener Klingel informiert einen, auf wessen Gebiet man nun wechselt: »Sovrano Militare Ordine Ospidaliero di San Giovanni di Gerusalemme, di Rodi e di Malta – Palazzo Magistrale – Sede Extraterritoriale.« Hier beginnt das exterritoriale Gebiet der Malteser – ein Vierundsiebzigstel mal kleiner als der Vatikan und damit der kleinste Staat der Welt – und auf seinen 6.000 Quadratmetern trotzdem ein riesiges in sich verschachteltes Labyrinth, das für Außenstehende ähnlich verwirrend ist wie die Organisation und der Kodex des Ordens selbst.

Pförtner im Frack fertigen die Pässe der Besucher ab. Eine uniformierte Charge sagt mit vollkommen ernster Miene: »Seine Eminenz, der Fürst und Großmeister erwartet Sie«, und führt dann über den gepflasterten, kühlen Innenhof vorbei an einem wasserspeienden Satyr zu einem Aufzug, der den Besucher mühsam ruckelnd ins Palastinnere befördert.

Kling, Türe auf, es riecht nach Pergamentpapier, Bohnerwachs und morschem Leder, der nächste Diener im Frack eskortiert einen über lange, mit Perserteppichen ausgelegte Marmorgänge. An den hölzernen Kassettendecken hängen bonbonfarbene Kristalllüster, auf den Fluren des Palastes herrscht Krieg: Rüstungen, Helme und Kanonen, in einer Vitrine Hut und Schwert, die der Papst im 16. Jahrhundert dem Großmeister als »Verteidiger des Glaubens« verliehen hatte, die Ölgemälde an der Wand zeigen blutige Seeschlachten zwischen Ordensrittern und Osmanen und lassen wenig Zweifel daran, wie dieser Auftrag der Glaubensverteidigung damals zu verstehen war. Jahrhundertelang waren die Malteser vor allem Seestreitkräfte, das »Bollwerk gegen den Islam« auf dem Mittelmeer. Erst als Napoleon sie 1798 von der Insel Malta vertreibt, stranden die Ritter auf dem europäischen Festland, schließlich hier in Rom.

Matthew Festing ist ein Mann, den man hört, lange bevor er da ist. Es poltert, schnauft, stampft und dröhnt, dann fliegt die Türe auf, und eine riesenhafte Figur im dunkelblauen Anzug schiebt sich in den Raum. Eine dicke Nase mit geplatzten Äderchen, kleine, freundliche, lustige Augen hinter einer überdimensionalen Hornbrille, wüst zerzaustes wildschweinfarbenes Haar, die Stimme eines Baumriesen. Der Großmeister strahlt, streckt unter Aaaah- und Hellooo-Rufen die mächtige Hand aus und lässt sich dann seufzend und krachend in den Samtsessel fallen, der dabei angstvoll quietscht.

Was als gravitätisches, staatstragendes Interview angelegt war, kippt innerhalb von Minuten in eine unangestrengte, komische Plauderei, wie sie nur englische Gentlemen zustande bringen. Festing, zu dem Zeitpunkt achtundfünfzig Jahre alt, ehemaliger Offizier der Queen, Sotheby’s-Kunstexperte, Jäger, Bewohner eines alten Herrenhauses in Nordengland und seit einem Jahr Großmeister, besitzt einen ausgeprägten Sinn für Selbstironie und die Kuriosität seines neuen Amtes, über das er redet, als sei es ihm als bizarrer Unfall der Geschichte in den Schoß gefallen.

Kopfschüttelnd berichtet er von seinen auf einmal regelmäßig stattfindenden Treffen mit dem Papst, dem er nun als katholischer Ordensregent direkt untersteht. Er scherzt über seinen »Hofstaat« und die »merkwürdig uniformierten Menschen« im Palast und sagt von seinem gerade absolvierten EU-Besuch in Brüssel, er habe dort »jeden getroffen, den man treffen kann, vom Präsidenten abwärts, vorwärts, seitwärts, rückwärts«.

Wir sitzen an seinem schweren Holzschreibtisch, der komplett bedeckt ist mit Büchern, Zeitschriften, Unterlagen und vergilbten Manuskripten. Tja – er zeigt resigniert auf das Chaos. Seit einem Jahr sitzt er hier nun schon als Großmeister: »Die Zeit vergeht angeblich besonders schnell, wenn man sie genießt. Ob das auf mich zutrifft, weiß ich nicht. Meine fröhliche ländliche Existenz im Norden Englands ist vorbei, und jetzt hänge ich hier in Rom fest.«

Er schaut aus dem Fenster mit dem Goldbaldachin, die Kuppeln der Ewigen Stadt liegen ihm von hier oben zu Füßen. Dieses Amt ist sein Schicksal, er ist auf Lebenszeit gewählt. »Vorher«, sagt er, »werden sie mich nur dann wieder los, wenn ich komplett verrückt werde und sie mich ins Irrenhaus sperren müssen.«

An den mit Seidentapeten ausgeschlagenen Wänden seines Büros hängen Bilder seiner uniformierten Vorgänger, sie blicken ohne Mitleid auf Festing herab. Im Orden selbst ist man dagegen begeistert vom neuen Regenten. Die deutschen Ordensvertreter gerieten in Vorgesprächen geradezu ins Schwärmen, auch der neben Festing sitzende Presseoffizier wirkt hochzufrieden mit der Performance seines Fürsten. Vielleicht liegt das auch daran, dass der letzte Großmeister die Öffentlichkeit und Interviews hasste und berühmt dafür war, Journalistenfragen vorwiegend mit »Ja« oder »Nein« zu beantworten.

Festing hingegen bewegt sich eloquent, charmant und gut gelaunt durch das Gespräch, das er regelmäßig mit bassig-schmetternden Disney-Weihnachtsmann-Lachsalven durchbricht: haaaahahahahaa; gelegentlich klingt Festings Lachen auch, als würde jemand tief in einem uralten Brunnenschacht Steine klopfen, es ist dann eher ein Heeh e e e oder Aah a a a a a.

Wirklich ernst wird der Großmeister erst, als es um den fehlenden Ritternachwuchs geht. Nicht bei den normalen Mitgliedern, die sich in Europa vor allem aus dem ehemaligen Adel rekrutieren und von denen es mehr als 13.000 gibt. Es mangelt an sogenannten Professrittern, die wie Mönche Armut, Keuschheit und Gehorsam versprechen und den Maltesern erst den kirchenrechtlichen Status eines Ordens sichern. Sterben sie aus, stirbt auch der Orden in seiner bisherigen Form. Festing ist so ein Professritter. Doch neben ihm gibt es weltweit nur noch sechsundfünfzig von ihnen, lediglich vier davon sind jünger als er. »Es ist mir ein Rätsel«, sagt Festing. »Ich selbst war als Profess immer glücklich. Und wenn jemand Blödes wie ich das schafft, warum sollten das andere nicht schaffen?« Er ist, sagt er, fest entschlossen, neue Ordensmänner an Bord zu holen, tatsächlich ist das für ihn die wichtigste Mission seiner Amtszeit. »Der Same muss gesät werden«, ruft Festing. »Berufungen muss man ermutigen, statt sie kaputtzureden.«

Mit seinem exzentrischen Habitus, dem altmodischen Wortschatz und seinem gewaltigen Körperbau ist Matthew Festing ein Relikt vergangener Jahrhunderte, ein Original, wie es sie eigentlich gar nicht mehr gibt. Und doch hatte man sich den Großmeister des weltweit ältesten Ritterordens phänotypisch anders vorgestellt. Großväterlich, asketisch und weise, vielleicht wie den Zauberer Gandalf in »Der Herr der Ringe« oder Harry Potters Professor Dumbledore. Doch die Figur, die da durchs Büro des Großmeisters rumpelt und pumpelt, erinnert eher an Hagrid, den struppigen Halbriesen, oder den Tim-und-Struppi-Seebären Kapitän Haddock. Eine sofort auf maximal liebenswerte Weise halb seriös wirkende Erscheinung, von der man sich in solchen Geschichten sicher sein konnte, dass sie bald sehr lustigen Unfug anstellen würde. Der skurrile Onkel, nach dessen Besuch wahrscheinlich die Bude in die Luft fliegt.

Diese Beobachtung hatte mich nicht daran gehindert, höflich an der Grenze zur Unterwürfigkeit gewesen zu sein. Motiviert von meinen freundlich eingeworfenen Stichpunkten, hatte Festing über die globalen Hilfsprojekte, die Geschichte, die Mission und das Selbstverständnis der Malteser referiert. Wirklich kritische Fragen waren mir dazu so recht keine eingefallen. Zur Begrüßung hatte ich unwillkürlich eine Verbeugung angedeutet, und zum Abschied hätte ich beinahe die Hacken zusammengeschlagen, beides keine so guten Haltungen für einen Reporter.

Der Text las sich am Ende wie ein etwas betulich geschriebener, mit Zitaten und atmosphärischen Ortsbeschreibungen durchsetzter Malteser-Wikipedia-Eintrag. Ich war dem sensationslustigen Impuls gefolgt, das aus der Zeit gefallene Universum des Großmeisters besichtigen zu wollen, als wäre er der Häuptling eines aussterbenden Amazonasstammes. Für eine echte Geschichte hatte das nicht ganz gereicht. Es gab damals für mich keine ungeklärten Fragen, es gab keinen Konflikt, es gab noch nicht einmal umstrittene Figuren, es gab also eigentlich gar keine Story.

*

Nur einige wenige Tage im Dezember 2016 änderten diesen Eindruck grundlegend. Was sich fortan über Monate vor aller Öffentlichkeit im Orden abspielte, verfolgte ich als interessierter Außenstehender betroffen und zugleich fasziniert, wie der Beobachter einer spektakulären Kneipenschlägerei.

Es beginnt damit, dass Matthew Festing überraschend seinen Großkanzler, den deutschen Albrecht Freiherr von Boeselager, aus der Ordensregierung schmeißt und vom Dienst suspendiert. »Wegen schwerwiegender Probleme« und deren »Verschleierung«, wie das Großmagisterium am 8. Dezember 2016 kryptisch verlauten lässt. Offenbar geht es dabei unter anderem um Kondome, die unter Boeselagers Aufsicht massenhaft im Namen des Ordens verteilt worden seien.

Keine zwei Wochen später schaltet sich überraschend der Heilige Stuhl ein: Papst Franziskus lässt erklären, er habe eine Kommission zur Untersuchung der Vorgänge im Malteserorden beauftragt. Die letzte päpstliche Untersuchung eines katholischen Ordens, die ich bewusst wahrgenommen hatte, war der Fall der Legionäre Christi. Der Ordensgründer, so hatte sich herausgestellt, war ein krimineller Triebtäter, der ein Doppelleben geführt und rund um den Globus Kinder, Jugendliche und die eigenen Seminaristen missbraucht hatte. Einer der vier damaligen Kommissare, der Jesuit Gianfranco Ghirlanda, war nun auch Mitglied der Malteserkommission. Wenn die Untersuchung des Papstes der Rauch war, bedeutete das: Irgendwo bei den Maltesern musste es lichterloh brennen.

Zwei Tage darauf meldet der Magistralpalast, man weigere sich, mit der päpstlichen Kommission zu kooperieren. Um die »Souveränität des Ordens« zu schützen, heißt es. Außerdem, erklärt wenig später der Großmeister selbst, gäbe es einen Interessenkonflikt: Drei der fünf Kommissionsmitglieder seien in ein Finanzgeschäft in Genf verwickelt. Zur Klärung der Sache habe er nun seinerseits eine Kommission eingesetzt. Diverse Medien berichten, auch Boeselager sei in die Geldsache verstrickt, es gehe um über 100 Millionen Euro einer ominösen Schweizer Stiftung, die Angelegenheit sei vor Festing geheim gehalten worden. Es heißt, Festing habe nicht nur die finanziellen Interessen Boeselagers, sondern auch die gewisser vatikanischer Kreise gestört, als er versucht habe, die Sache aufzuklären.

Dass ein Papst sich in die inneren Angelegenheiten eines Ordens einmischt, ist bereits außergewöhnlich genug. Wenn ein solcher Orden sich dann aber weigert, dem Papst Folge zu leisten, ist das innerkirchlich ein Eklat. Mit dieser Eskalation hatten die Ritter schlagartig die volle Aufmerksamkeit aller Rom-Korrespondenten: Ritter, Kondome, dubiose Millionen in der Schweiz, ein katholischer Orden im offenen Konflikt mit dem Heiligen Stuhl, ein Machtkampf der beiden kleinsten Staaten und zugleich ältesten souveränen Institutionen der westlichen Zivilisation – niemand schien die Geschichte wirklich zu durchblicken, aber in den medialen Netzwerken der kirchenpolitischen Lager überschlugen sich nun Schuldzuweisungen und Verschwörungstheorien in alle Richtungen.

Mit einer für päpstliche Untersuchungen höchst ungewöhnlichen Geschwindigkeit präsentiert die Kommission dem Heiligen Stuhl am 23. Januar 2017, keine fünf Wochen nach ihrer Einsetzung, ihren Bericht. Schon am Tag darauf bestellt Papst Franziskus den Großmeister ein und verlangt seinen Rücktritt. Matthew Festing gehorcht. Es ist das erste Mal in der fast tausendjährigen Geschichte der Malteser, dass der Papst einen Großmeister aus dem Amt kommandiert.

Der gefeuerte Kanzler Boeselager wird reinstalliert und ein Statthalter des neu zu wählenden Großmeisters eingesetzt. Gleichzeitig verordnet der Papst den Maltesern und »insbesondere den Professrittern« die »moralische und spirituelle Erneuerung«. Anschließend entsendet er einen seiner Staatssekretäre, Erzbischof Giovanni Angelo Becciu, als Sonderdelegaten in den Orden, um den befohlenen Reformprozess zu überwachen. Becciu ist inzwischen selbst in eine vatikanische Finanzaffäre verstrickt. Und der Inhalt des Kommissionsberichts und damit die Begründung für diese drastischen Schritte wird vor der Öffentlichkeit bis heute unter Verschluss gehalten.

Die Frage, was den Papst bei alldem motiviert, was diese dramatische Kette von Ereignissen überhaupt in Gang gesetzt hat, was sich in den letzten Monaten und Jahren hinter den Mauern des Magistralpalastes abgespielt haben könnte, spaltet seither nicht nur den Orden, sondern Katholiken von Boston bis Beirut.

Klar scheint nur zu sein, dass es in dem Konflikt um weit mehr ging als, als um Kondome oder katholische Sexualmoral.

Offenbar hat der amerikanische Kardinal Raymond Burke eine Schlüsselrolle bei der Eskalation gespielt. Von Burke heißt es, er sei ultraorthodox und einer der schärfsten Kritiker von Papst Franziskus. Vieles spricht dafür, dass im Malteserorden ein Stellvertreterkrieg zwischen Papst Franziskus und seinen Gegnern ausgefochten wurde.

Dann ist da noch der für viele bis heute rätselhafte Vorgang um die Mitglieder der päpstlichen Kommission und das Geld aus der Schweiz. Kurz vor seinem Rücktritt wollte Festing das Finanzgeschäft noch untersuchen lassen. Aber nur vier Wochen später vereinbart der Orden unter dem wieder eingesetzten Boeselager die Entgegennahme von 30 Millionen Schweizer Franken.

Als finalen Paukenschlag lässt der Papst im Januar 2018 verkünden, dass bis auf Weiteres keine Professritter mehr in den Orden aufgenommen werden dürfen. Die Sperre gilt bis heute. Damit sind die Malteser abgeschnitten vom Nachwuchs, der ihr Überleben als religiöser Orden sichert. Der Papst will neue Professen erst wieder zulassen, wenn die Malteser sich fundamentalen Reformen unterzogen haben. Doch für solche Reformen bräuchte es die Mehrheit der Professritter, die sich bislang dagegen sperren und währenddessen aussterben. Es scheint, als sei das Schiff der Malteser auf Grund manövriert worden, und Wasser ist keins mehr in Sicht.

*

Die öffentliche Rezeption des Malteser-Skandals verlief nach den kaputten Mustern, die sich in dieser Zeit für innerkirchliche Debatten etabliert hatten. Bei den Diskussionen dieser Jahre, etwa um den Missbrauchsskandal, den Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst oder die Familiensynode, ging es auch unter Katholiken inzwischen meist gar nicht mehr um die Frage der Wahrheit, sondern vor allem um die Frage der Lagerzugehörigkeit. Es fanden keine ergebnisoffenen Diskurse mehr statt, sondern Meinungsschlachten, die primär der Konsolidierung der eigenen Wagenburg dienten. Die Akteure solcher Konflikte galt es, je nachdem ob man sie vorab dem eigenen oder dem gegnerischen Rudel zugeordnet hatte, um jeden Preis zu schützen oder mit allen Mitteln zu diskreditieren. Das alles hatte den Verlauf solcher Debatten – und auch die Antwort auf die Frage, wer sich wie zu welchem Thema positionieren würde – beängstigend vorhersehbar gemacht.

Genauso war es auch, als der Großmeister stürzte. Der konservative Block, insbesondere der Teil, der mit Papst Franziskus haderte, solidarisierte sich intuitiv mit Matthew Festing und verklärte ihn zur orthodoxen Lichtgestalt. Sein Antagonist Albrecht Boeselager galt damit fast automatisch als Feind. Und umgekehrt sympathisierten schon deshalb viele Unterstützer des neuen Papstes mit Boeselager, weil sie ihn als Gegner eines rückschrittlichen Erzkonservativen wahrnahmen, der folglich liberal, reformorientiert und damit zwangsläufig einer von den Guten sein musste. Auf beiden Seiten verfestigten sich die abenteuerlichsten Narrative über die wahren Hintergründe des Skandals und verbreiteten sich unkontrolliert und ungehindert von der tatsächlichen Faktenlage in ihren medialen Echokammern.

In den Wochen und Monaten nach Festings Rücktritt bekam ich auf einmal E-Mails und Anrufe aus England, Deutschland und Italien, von Maltesern der jeweiligen Lager, die um die mediale Deutungshoheit des Geschehens kämpften. Irgendwie hielten mich offenbar Vertreter beider Seiten für einen ihrer potenziellen Grabenkämpfer. Je mehr ich hörte, desto überzeugter wurde ich, dass zwischen den schwarz-weißen Darstellungen der beiden Lager eine äußerst ungewöhnliche, hochgradig spannende Geschichte lag. Überall in Europa gab es plötzlich Leute, die bereit waren, sie mir zu erzählen. Ich wollte wissen, wie sie ging, und verstehen, was wirklich passiert war. Und ich entschloss mich zu einer Buchrecherche. Im August 2018 machte ich mich mit einem Mietwagen, den ich im britischen Linksverkehr bereits in der erstbesten Kurve demoliert hatte, auf den Weg, den abgesetzten Großmeister Matthew Festing in seinem nordenglischen Exil aufzusuchen.

*

Der Landsitz der Festings liegt in Northumberland, der über Jahrhunderte umkämpften Grafschaft an der schottischen Grenze, historischer Rückzugsort der von der Krone verfolgten englischen Katholiken und deshalb bis heute Heimat der ältesten katholischen Familien des Königreichs. Die einspurige Landstraße führt über weite, mit violettem Heidegras bewachsene Hügel, vorbei an zusammenfallenden Mäuerchen, Schafherden und moosigen Holzzäunen, über alte Brücken und plätschernde Bäche. Alle paar Kilometer liegt überfahrenes Wild am Straßenrand, ein Dachs, ein Wildkaninchen, ein zerfledderter Fasan.

»The Birks« heißt das Anwesen der Festings. Der Weg dorthin führt durch zwei meterhohe steinerne Säulen und eine verwachsene Eichenallee, bis sich das Wäldchen auf einen weiten, hellen Hain mit einem viktorianischen Herrenhaus aus grau verwittertem Stein öffnet.

Im Schatten einer Birke steht, auf einen Krückstock gelehnt, Matthew Festings riesenhafte Gestalt. Er hat zugenommen und trägt jetzt an beiden Beinen Schienen aus Stahl. Sein Gesicht ist zerfurcht, das zerzauste Haar inzwischen schütter und fast weiß. Seine Gesten sind weniger animiert, seine Stimme ist leiser geworden, das Lachen endet nun oft als rasselnder Husten, auch wenn es sonst wie damals klingt. In nur zehn Jahren, seitdem wir uns das letzte Mal gesehen haben, ist aus dem kraftstrotzenden Großmeister ein alter Mann geworden.

Er lässt das Herrenhaus links liegen und stapft langsam, mühsam und schwer atmend zu einem kleinen, dahinterliegenden Cottage. Bevor er Großmeister geworden war, gehörte das hier alles ihm, sagt er. Aber als er dann Ordensregent gewesen war und damit auf einmal Hausherr im Magistralpalast, einem Landschloss in Umbrien und einem Sommerpalazzo an der Riviera, und das alles eigentlich auf Lebenszeit, hatte er das englische Familienanwesen seinem Neffen vermacht.

Keiner der beiden hatte damit gerechnet, dass er schon 2017 wieder mit seinen Koffern auf dem Hof stehen würde. Jetzt lebt der Neffe mit seiner Familie im Haupthaus, und Onkel Matthew hat sich das Gartenhäuschen hergerichtet, das früher mal die Garage seiner Mutter war, und zahlt dem Neffen dafür Miete. Der Malteserorden überweist ihm eine kleine Rente, sie reicht für die Miete, die Unterhaltung seines kleinen, gelben Autos und das Gehalt von James, dem einzigen Hausangestellten, der ihm nach einem Leben mit über neunzig Dienstboten, Hofchargen und Zuarbeitern in der Via Condotti geblieben ist. Andere würden James vielleicht einen »Butler« oder »Personal Assistant« nennen, Festing, der die Welt gerne in militärischen Termini beschreibt, nennt ihn seinen »Adjutant«.

James kümmert sich um den Haushalt, erledigt Hofarbeiten, deckt den Tisch oder kauft ein. Und wenn, wie jetzt, die Beinschiene des Ex-Großmeisters quietscht, bückt er sich routiniert und besprüht das Stahlgerüst mit Waffenöl. »Hau schon ab«, ruft Festing von oben und gibt ihm in gespielter Genervtheit einen Schubs, James lacht glaubhaft amüsiert.

Festing hat sein kleines gemütliches Haus mit der Stilsicherheit eines Kunstliebhabers eingerichtet, der sein Auge ein Leben lang am Interieur befreundeter Schlossbesitzer schulen konnte. Elegante Vorhangstoffe an den großen Fenstern, an den pastellfarbenen Wänden über dem antiken Mobiliar fröhliche Ölbilder, Tiergemälde, Ikonen und Landschaftsstiche in gekonnt gehängten Gruppen. Auf dem Kaminsims stehen die Einladungskarten der kommenden Saison, darunter auch eine zur Saujagd beim Fürsten von Thurn und Taxis in Regensburg, adressiert an »H.M.E.H. The Prince Matthew Festing« – für viele bleibt der Brite auch nach seinem Rücktritt noch Großmeister der Herzen. Es riecht nach schwarzem Tee, Jackenfett und nassem Tweed, ein aufgeregt wedelndes Jagdhündchen springt zur Begrüßung an Festing hoch.

Plopp, er öffnet eine Flasche Dubonnet. »Ein Lieblingsdrink der Queen«, sagt er. »Wenn ich erschöpft bin, gieße ich Gin dazu.« Noch ist Festing nicht erschöpft, aber das geht bei ihm inzwischen schnell. Er war schon lange nicht mehr gut zu Fuß unterwegs, aber neuerdings braucht er für längere Strecken den Rollstuhl. Sein Asthma ist so schlimm geworden, dass er regelmäßig zischend und keuchend in Atemnot gerät, über der Lehne seines Sessels hängt für alle Fälle eine Sauerstoffmaske. Als dem Hörgerät in seinem Ohr laut piepsend die Batterie ausgeht, flucht er leise. Es ist nicht so, als wäre Festing vor seinem Rücktritt gesund gewesen. Aber die Affäre, sagen seine Freunde, habe ihm noch mal richtig zugesetzt.

Nein, sagt er, sein Leben als Großmeister vermisse er eigentlich gar nicht. Das Essen war sehr gut. Die Jagd auf den Landgütern des Ordens hat Spaß gemacht. Die Sommer im Palazzo an der Riviera waren schön. Und die reizenden loyalen Diener im Palast, die fehlen ihm auch. Aber ansonsten? »Ansonsten«, sagt Festing, »habe ich jede Minute gehasst.«

Das Grundproblem seiner Amtszeit, sagt Festing, sei gewesen, dass die Ordensregierung sich unter seinem Vorgänger Andrew Bertie daran gewöhnt habe, machen zu können, was sie wolle. Bertie habe meistens weggeschaut, wenn es Probleme gab. »Aber so bin ich nicht gebaut«, sagt Festing. »Ich wollte dieses Amt nie haben. Aber als ich den Job hatte, wollte ich ihn auch richtig machen. Das hat einigen Leuten gar nicht gepasst.«

Er berichtet, wie er versucht habe, im Orden aufzuräumen. Wie er unsaubere Immobiliendeals unterbunden, unkoschere Manager entlassen und versteckte Vatikanbankkonten aufgedeckt habe. Wenn Festing komplexe Sachverhalte schildert, dann bevorzugt in Form von nachgestellten Dialogen, bei denen er sowohl die eigene als auch die Stimme seines damaligen Gegenübers laut imitiert. Erregt von der eigenen Erzählung, richtet er sich dann oft ruckartig zu seiner vollen, stattlichen Größe auf, poltert mit Furcht einflößendem Bass auf den Zuhörer ein und richtet ihm den dicken Zeigefinger immer wieder wütend und anschuldigend zwischen die Augen. Man ist in solchen Momenten ganz froh, kein korrupter Manager im Dienst der Malteser zu sein.

Schließlich erzählt er von Großkanzler Boeselager. Davon, wie der Deutsche nicht nur in die massenhafte Verteilung von Kondomen im Namen des katholischen Ordens involviert gewesen sei, sondern auch in eine millionenschwere, undurchsichtige Finanzaffäre. Schließlich sei Festing misstrauisch geworden und habe Fragen gestellt. Das war ihm scheinbar zum Verhängnis geworden. »Als ich wirklich wissen wollte, was zur Hölle da los war, dauerte es nur ein paar Stunden, bis der Heilige Stuhl begann, ausgerechnet die Leute in die Position zu bringen, den Orden zu untersuchen, die an der Sache beteiligt waren.« Das Ergebnis dieser Untersuchung war, dass der Papst ihn, der auf Lebenszeit gewählt worden war, ad hoc aus dem Amt entfernte.

»Gehen wir raus«, sagt Festing. Er hievt sich ächzend in seinen elektrischen Rollstuhl, manövriert das Gefährt aus der Haustüre und quält es den Grashügel vor dem Haus hinauf, der Motor heult heiß und schrill um Gnade. Die Abendsonne steht tief über der Heide, in den alten Eichen gurren die Tauben. Als sie davonfliegen, kneift Festing ein Auge zu, folgt der Flugrichtung mit dem ausgestreckten Zeigefinger, krümmt ihn dann und lässt Luft aus seinen Lippen knattern: badumm.

So ungefähr, erzählt er, haben sie ihn in Rom auch abgeschossen. Er ist froh, dass es endlich vorbei ist. Dass er weg ist. Der Vatikan, sagt Festing, ist wie ein kleiner Teich mit sehr großen Fischen und zu wenig Futter. Man denkt, es sei ganz ruhig und friedlich, bis plötzlich einer dieser Monsterfische klatschend aus dem Wasser springt und einen beißt. Und dann gleitet er zurück ins Wasser, und alles ist wieder still. »Ich bin dankbar, dass ich im Schiff des heiligen Petrus reisen durfte«, sagt Festing. »Aber ich will nie wieder in die Nähe des Maschinenraums. Ich will nie wieder, niemals etwas mit dem Vatikan zu tun haben. Es ist ein Albtraum. Es ist der komplette, absolute Albtraum.«

Das Schiff

Um den Albtraum des Matthew Festing zu verstehen, muss man ein bisschen was von der spektakulären Historie und der ungewöhnlichen Struktur des Malteserordens mit all ihren Fallstricken wissen. Zumal dies nicht das erste Mal war, dass ein Ordensgroßmeister zwischen die Mühlräder höherer Mächte geraten ist.

Der Mann, der heute als Gründer des Ordens gilt, mutmaßlich ein Italiener namens Bruder Gerhard, führte im 11. Jahrhundert ein christliches Pilgerhospital im muslimisch besetzten Jerusalem. Das Hospital ist Johannes dem Täufer geweiht, die Gemeinschaft um Gerhard nennt sich deshalb Johanniter. Der erste, mörderische Kreuzzug erreicht Jerusalem 1099, das Hospital existiert da schon mehrere Jahrzehnte lang. Der Legende nach soll Gerhard den christlichen Belagerern Brot über die Stadtmauern geworfen haben und dafür von den muslimischen Verteidigern fast umgebracht worden sein.

Es gibt wenig Quellen über diesen Mann, der im Orden als Seliger verehrt wird. Aber etwas Ungewöhnliches, Anziehendes muss von ihm und seiner Gemeinschaft ausgegangen sein. Denn als Jerusalem schließlich erobert und eingenommen ist, schließen sich Hunderte Kreuzfahrer, darunter auch adelige Offiziere mit eigenem Gefolge, Männer, die angereist waren, um die christliche Weltherrschaft mit dem Schwert zu erkämpfen, stattdessen als Brüder den Johannitern an, um das Gegenteil zu tun, nämlich Arme und Kranke, Christen genauso wie Juden und Muslime zu pflegen und zu versorgen. Der Papst erklärt die Johanniter 1154 zum kirchlichen Orden.

Auf der Kleidung tragen die Brüder ein achtspitziges Kreuz, es symbolisiert die Seligpreisungen aus dem Evangelium und damit die Leiden, die der Orden in der Welt lindern will. Um für diese Aufgabe auch innerlich frei zu sein, versprechen die Brüder Armut, Keuschheit und Gehorsam und darüber hinaus ein Leben als »Diener und Sklaven unserer Herren Kranken«. Sowohl das achtspitzige Kreuz als auch das Versprechen, den Kranken zu dienen, gehören bis heute zum Orden.

Dahinter steht die biblisch begründete Idee, dass Dienst am Notleidenden immer auch ein Dienst an Jesus Christus ist, dass man Gott also gerade in der Linderung des Elends seiner Mitmenschen besonders nahekommen kann. Dieser Gedanke war damals nicht neu. Trotzdem existiert im frühen Hochmittelalter praktisch kein Sozialwesen, Krankenpflege und Armenfürsorge werden allenfalls von Klöstern betrieben. Die Radikalität und Hingabe, mit der die Brüder in Jerusalem ihren Auftrag leben, ist zu der Zeit revolutionär.

Mit wachsenden Spenden und Schenkungen aus Europa wird das Haus der Johanniter bald zu einer der bedeutendsten Institutionen im Heiligen Land. Zeitzeugen berichten, wie täglich bis zu zweitausend Kranke in den Marmorhallen des Hospitals versorgt werden. »Niemand kann glauben, wie … hingebungsvoll man sich bemüht, die Bedürftigen zu versorgen. Niemand, nicht einmal die mächtigsten Könige und Herrscher, könnten so viele Menschen erhalten, wie es dieses Haus jeden Tag tut«, schreibt der Kleriker Theodericus um 1170.i

Offenbar dienen die Brüder den Notleidenden tatsächlich, als wären es königliche Herrschaften. Bis zu tausend Arme werden täglich vor den Toren gespeist. Um ihre Kleider und Schuhe auszubessern, werden Brüder als Schneider und Schuster eingeteilt. Wird unter den Armen der Umgebung Hochzeit gefeiert, spenden die Brüder die eigenen Essensrationen. Im Hospital servieren sie den »Herren Kranken« Täubchen und Lämmer, Früchte oder Pasteten, und das alles auf Silberbesteck. Sie waschen die Kranken mit der Hand, stutzen ihnen die Bärte, schrubben ihnen die Füße, beten von morgens bis abends für sie und halten Nachtwache. Sind alle Betten belegt, geben die Brüder die eigenen frei und schlafen auf dem Boden. »Die Kranken aber, die aus Schwäche ihre Notdurft in ihren Betten überkommt, sollen die Sergenten trocknen und sanft säubern und unter sie weiße, weiche und saubere Betttücher legen, und … die Brüder selbst sollen dies gerne tun«, heißt es in der Hospitalordnung.ii

Das alles muss man nicht nur wissen, um die ursprüngliche, theoretisch bis heute gültige Idee der Malteser zu begreifen, nämlich selbst abzusteigen, von oben nach unten, um den Armen zu trösten, aufzurichten und zu würdigen. Erst vor diesem Hintergrund zeigt sich auch das immer wieder ausbrechende Ausmaß der Korruption dieser Idee im weiteren Verlauf der Geschichte bis in die Gegenwart hinein.

Vielleicht ist es vor allem die Einführung des Rittertums in den Orden, die den Weg bereitet für die vielen Aufsteiger, Profilneurotiker, Demagogen und manchmal auch Verbrecher, die den Orden seither als Steigbügel zur Selbstverherrlichung und Selbstbereicherung genutzt haben, um also genau andersherum, von unten nach oben, zu kommen.

»Der Christ rühmt sich, wenn er einen Ungläubigen tötet, weil Christus zu Ehren kommt«, hatte der Zisterzienserabt Bernhard von Clairvaux als theologisch irre Parole ausgegeben.iii Darauf beruft sich die Bewegung der Kreuzfahrer, und schließlich besetzt der Geist der Zeit auch den pflegenden Johanniterorden. Gerade erst waren die Kreuzfahrer Mönche geworden, nun werden aus den Mönchen wieder Kreuzritter. Schon ab der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts greift der Orden zum Schwert. Zunächst nur als bewaffnete Schutztruppe der Pilgerkarawanen im Heiligen Land, bald aber auch als kämpfendes Heer mit militärischen Stützpunkten im ganzen Land. Mit der neuen Selbstdefinition als Ritterorden ziehen die Johanniter nun vor allem junge abenteuerlustige Adelige an. Auch diesen Snob-Appeal wird der Orden bis heute nicht mehr loswerden.

Keine zweihundert Jahre nach Beginn der Kreuzzüge werden die Christen 1291 mitsamt dem Ritterorden wieder aus dem Heiligen Land vertrieben. Nach wochenlangen Rückzugsgefechten gegen das osmanische Heer flüchtet der amtierende Johanniter-Großmeister, ein Franzose namens Jean de Villiers, selbst schwer verletzt, mit den überlebenden Rittern nach Zypern.

Die folgende Sinnkrise des Ordens hält nicht lange an. 1310 nehmen die Ritter mit päpstlicher Erlaubnis die Insel Rhodos ein. Gleichzeitig löst der Papst den Templerorden auf, der ebenfalls aus Palästina flüchten musste und von dem es heißt, er zelebriere heidnische Kulte und Orgien. Die Gerüchte, weiß man heute, gehen auf eine Intrige des französischen Königs zurück. Trotzdem werden der Templer-Großmeister und dreiundfünfzig seiner Ritter in Paris auf dem Scheiterhaufen verbrannt, und das Vermögen des damit vernichteten Ordens wird den Johannitern übertragen, deren Besitz sich so schlagartig mehr als verdoppelt. Als wohlhabende, souveräne Macht mit eigenem Herrschaftsgebiet baut der Orden Rhodos zu einer der wehrhaftesten Festungen der Christenheit aus.

Auch hier führt der Orden wieder ein Hospital, das Maßstäbe für die westliche Welt setzt. »Die Hospitalität nimmt den ersten Rang unter allen Werken der Frömmigkeit und Menschlichkeit ein«, behauptet die Ordensregel.iv In Wirklichkeit stecken die Johanniter aber bald einen erheblichen Teil ihrer Mittel in den Aufbau einer eigenen Kriegsflotte für den »Heidenkampf zur See«.

Das macht Sinn, denn die Türken bringen 1453 mit der Eroberung Konstantinopels das Byzantinische Reich zu Fall und stehen damit vor den Toren Europas. Im Mittelmeer stellen die Johanniter nun die vorderste Verteidigungslinie des »Westens«. Einen ersten osmanischen Angriff auf Rhodos wehren die Ritter 1480 noch erfolgreich ab. Doch 1522 greifen die Türken unter Sultan Süleyman dem Prächtigen, der kurz zuvor schon Belgrad eingenommen hat, ein zweites Mal an. Die Johanniter verteidigen ihre Insel fünf Monate lang gegen ein 140.000 Mann starkes Heer. An Neujahr 1523 kapitulieren die Ritter und verlassen Rhodos, im Gepäck immerhin all ihre Schätze, Reliquien und das Ordensarchiv. Wieder muss sich ein Großmeister, der Franzose Philippe de Villiers de l’Isle-Adam, als gedemütigter Nachlassverwalter engagieren.

»Nichts ging der Welt so glanzvoll verloren wie Rhodos«, erklärt Kaiser Karl V. und überträgt den Johannitern 1530 ersatzweise die Insel Malta als souveräne Landesherrschaft. Als symbolische Abgabe dafür schicken die Ritter dem Kaiser jährlich einen Falken.

Der tatsächliche Preis für das Wesen des Ordens ist freilich weitaus höher. Die Ritter, die sich fortan »Malteser« nennen, sind zu diesem Zeitpunkt längst Legenden in Europa, allerdings nicht mehr nur für ihre Hingabe in der Pflege, sondern vor allem auch für ihr Kriegsheldentum. Der Kaiser aus dem Haus Habsburg mit seinen Weltmachtambitionen braucht zur Bekämpfung der Osmanen und zur Sicherung der Seewege Legionäre auf dem Mittelmeer. Der Heiligkeit des Ordens dient das nicht.

Unter dem Vorwand des Glaubenskampfes betreiben die Malteser ein florierendes Raubrittertum auf dem Wasser. Erst jagen sie vor allem muslimische Piraten, bald gehen sie aber dazu über, osmanische Handelsschiffe zu überfallen und auszuplündern. Dabei erbeuten sie nicht nur Handelsware, Gold und Silber, sondern vor allem auch Rudersklaven für ihre wachsende Kriegsflotte.

Als selbst Angehörige des Sultanhofes oder Pilger nach Mekka und Medina nicht mehr sicher vor Überfällen und Entführungen durch die Malteser sind, reicht es dem alten Sultan. Süleyman der Prächtige, der die Ritter als junger Herrscher noch aus Rhodos vertrieben hatte, verschifft 1565 ein Heer von 40.000 Soldaten nach Malta, um das christliche Piratennest endgültig auszuheben.

Die folgende Schlacht wird in den kommenden Jahren und Jahrhunderten zum Mythos werden, im Magistralpalast zeigen heute noch Dutzende Gemälde, wie Türken und Malteser sich im Kampf um Malta gegenseitig massakrieren. Die Türken nageln verstümmelte Ritter an Kreuze und werfen sie ins Meer, die Malteser stopfen ihre Katapulte mit den Köpfen enthaupteter Türken und beschießen damit die Belagerer. »Ein Abbild der Hölle«, notiert ein Augenzeuge.v Nach drei Monaten sind 25.000 Menschen gestorben, die Türken geben auf, ziehen ab und versuchen nie wieder, Europa über das Mittelmeer anzugreifen. Ein Weltreich ist an einem kleinen Haufen Ritter gescheitert.

Dieser Moment macht die Malteser zu Rockstars der Christenheit. In ganz Europa läuten die Kirchenglocken, der Papst lässt in Rom Dankmessen lesen. »Nichts ist so berühmt wie die Belagerung Maltas«, wird Voltaire später schreiben.vi Und als der damalige Großmeister Jean de la Valette drei Jahre später stirbt, preist ihn die Inschrift seines Grabes als »die Zuchtrute Afrikas und Asiens und der Schild Europas, als er die Barbaren mit heiligen Waffen vertrieb«.

Die Malteser gelten spätestens jetzt als Märtyrer, als »Bollwerk Europas« gegen den Islam, als letzter Schutzwall gegen die drohende Unterwerfung des Abendlandes durch die muslimischen »Diener Satans«. Mit kaiserlicher Erlaubnis dürfen die Großmeister des Ordens sich nun »Fürsten des Heiligen Römischen Reiches« nennen, die Kirche gewährt ihnen bald darauf den Status von Kardinälen. Der Papst und diverse Könige überschütten den Orden mit Spenden, in der Folge wird Maltas Hauptstadt Valetta zu einer der opulentesten Städte der Barockzeit ausgebaut. Doch der Höhepunkt ihres Reichtums und Ruhms führt die Malteser zugleich auf ihren moralischen Tiefpunkt.

Friedrich Schiller schreibt noch 1792 über die Malteser: »Wenn eben die Hand, welche wenige Stunden zuvor das furchtbare Schwert für die Christenheit führte … einem ekelhaften Kranken um Gottes Willen die Speise reicht und sich keinem verächtlichen Dienst entzieht, die unsere verzärtelten Sinne empören, wer, der die Ritter des Spitals zu Jerusalem … bei diesen Geschäften überrascht, kann sich einer innigen Rührung erwehren?«vii

Allerdings ist viel mehr als solch schwülstige Prosa zu diesem Zeitpunkt vom einstigen Heldentum der Malteser kaum mehr übrig. Immerhin gibt es auch auf Malta wieder ein Hospital für die »Herren Kranken«, das als größtes und bestes seiner Zeit gilt. Und auch die fürstlichen Großmeister schieben dort regelmäßig Dienst als pflegende Brüder.

Ansonsten drückt sich aber das Trauma der Belagerung und die folgende Türkenparanoia architektonisch im unaufhörlichen Bau von immer weiteren, dickeren und größeren Schutzwällen und Verteidigungsmauern aus, die den Orden schließlich fast ruinieren und Besucher über bedrückende Gefühle von Beengung und Traurigkeit klagen lassen.

Den ehemals asketischen Großmeistern, meist einfache Adelige, die mit ihrer Wahl nun ruckartig in den Rang eines Monarchen katapultiert werden, steigt ihr neuer Status zu Kopf. Sie lassen Orchester zu ihren Mahlzeiten aufspielen, wandeln in purpurner Seide durch Valetta, engagieren Perückenmacher, Fackelträger und Vorkoster und ergeben sich so dem barocken Zeitgeist. Die Ausschweifung der Großmeister überträgt sich auf die Ordensritter. Zu deren Weiheversprechen gehören zwar noch immer Armut, Keuschheit und Gehorsam. Das hindert viele von ihnen aber nicht daran, sich Paläste mit Lustgärten und Wasserspielen herzurichten, Spitze zu tragen und derartig herumzuhuren, dass Prostituierte aus ganz Europa anreisen, um die Nachfrage auf der Insel zu befriedigen. Schließlich wird es sogar dem Papst zu bunt, der einen Inquisitor nach Malta schickt, um im Orden aufzuräumen.

Während die Sitten der Malteser sich zunehmend lockern, werden bezeichnenderweise die Adelsregeln immer straffer. Ritter aus Deutschland etwa müssen inzwischen sechzehn aristokratische Vorfahren nachweisen, um in den Orden aufgenommen zu werden. Die Malteser werden so endgültig zum Auffangbecken für die nachgeborenen Söhne europäischer Adelsfamilien. Ende des 18. Jahrhunderts ist aus dem Orden, der einmal angetreten war, den Armen und Kranken als »Sklave« zu dienen, eine paranoide und dünkelhafte Karikatur seiner selbst geworden.

Es braucht offenbar die Brutalität der Französischen Revolution, um den Orden vom Joch der eigenen Dekadenz zu befreien. In Frankreich und später auch in Teilen Deutschlands und Italiens werden die Güter und Besitzungen des Ordens beschlagnahmt. Und 1798 beschließt Napoleon, Malta einzunehmen. Als er mit 600 Schiffen an der Küste aufkreuzt, dauert es keine 24 Stunden, bis die erschlafften Ordensritter dem französischen Feldherrn ihre mehrfach ummauerte Insel in kampfloser Resignation übergeben.

Die Malteser um den deutschen Großmeister Ferdinand von Hompesch verladen zum vierten Mal in der Geschichte ihr Inventar und segeln davon. Ihren Gold- und Silberschatz müssen sie diesmal zurücklassen. Der Orden ist pleite und heimatlos, er versinkt über die kommenden Jahrzehnte in den Augen der Welt in völliger Bedeutungslosigkeit. Nach dreißig Jahren diplomatischer Irrfahrt beziehen die Malteser 1834 schließlich den Palast auf der Via Condotti in Rom, bis dahin ihre Botschaft beim Heiligen Stuhl, als neues Hauptquartier.

Der Orden, dessen nationale Zweige durch die Umstürze der Epoche zerschlagen werden, organisiert sich in Form von Landesvereinen, den Assoziationen, neu. Erst 1859 in Deutschland, wenige Jahre später auch in England, Italien, Spanien und Frankreich, 1926 sogar in den USA, inzwischen gibt es insgesamt 47 nationale Assoziationen von Argentinien bis Singapur.

Während zwei Jahrhunderte zuvor weltliche Pracht den Orden von seinem ursprünglichen Auftrag weggezogen hat, geschieht nun das Gegenteil. Erst der Verlust von Vermögen, Herrschaftsgebiet und Prominenz legt den Kern des Ordens wieder frei. Erlöst vom Ballast der eigenen Glorie, gelingt den Maltesern wieder die Konzentration auf das Wesentliche ihrer Mission.

Die militärische Rolle und das Geschäft der Heidenzüchtigung lässt der Orden mit Malta hinter sich. Und statt die Armen und Kranken wie bisher vor allem innerhalb der eigenen Bastion zu versorgen, trägt der Orden den Dienst an den Notleidenden nun in die Welt hinaus. Auf den Schlachtfeldern des 19. Jahrhunderts und im Ersten Weltkrieg stellen die Malteser Feldlazarette und Verwundetentransporte. Hitler bremst die Ritter aus, unter denen sich auch Mitglieder des Widerstands befinden, und verbietet ihnen das Tragen von Ordensabzeichen und den Betrieb von Kriegslazaretten.

Trotzdem leiten die Malteser während des Kriegs Krankenstationen in ganz Europa und organisieren anschließend Hilfsprojekte rund um den Globus. Es beginnt damit, dass sie Flüchtlinge in Ungarn und Vietnam, Dürreopfer in Somalia und Kranke im Libanon versorgen. Inzwischen sind die Ritter mit humanitären Projekten in 120 Ländern aktiv, und sie betreiben weltweit über 1.500 Medizinzentren und Krankenhäuser.

In Deutschland ist der Orden der größte Anbieter im Bereich der Altenpflege und beschäftigt alleine über den Malteser Hilfsdienst 35.000 Mitarbeiter und mehr als 50.000 aktive Freiwillige.

Doch während der Orden so zu seinen originären Aufgaben zurückfindet, haben die geweihten Ordensmänner, die Professritter, die über Jahrhunderte der Kern des Ordens waren, mit der direkten Versorgung der Armen und Kranken in all diesen Projekten kaum mehr etwas zu tun. Und während die Anzahl der Projekte des Ordens kontinuierlich wuchs, ist die der zölibatären Professritter seit dem Fall von Malta stetig gesunken.

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