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Glänzende Aussichten

Seit dem Tod ihres Vaters betreibt Pia die Tankstelle außerhalb des Dorfes allein. Doch zu Beginn der 1980er Jahre sind zunehmend Großtankstellen mit Do-it-yourself modern. Pia soll, das raten der Benzinlieferant und Pias boshafter Exfreund Luc, die Tankstelle verkaufen. Aber Pia will nicht; sie beschließt die Flucht nach vorn. Sie kauft eine riesige Autowaschstraße, die ultramodern ist und neueste Technik bietet. Die Einweihung wird zu einer furiosen, erotischen Feier, die alles auf den Kopf stellt. Mit ihrem eigenständigen, bildstarken Erzählen und ihren originellen Heldinnen gehört Margrit Schriber zu den bedeutendsten Schriftstellerinnen der Schweiz.
  • Erscheinungstag: 29.01.2018
  • Seitenanzahl: 176
  • ISBN/Artikelnummer: 9783312010769
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Über das Buch

Seit dem Tod ihres Vaters betreibt Pia die außerhalb des Dorfes gelegene Tankstelle allein: Benzin, Super, einfache Reparaturen, Kiosk mit Imbiss. Aber neuerdings gefällt den Kunden das moderne Do-it-yourself und sie fahren lieber zur Großtankstelle. Pias treueste Kunden sind ihre Freundin Luisa und Pias Exfreund Luc, der sie schikaniert und der zur Stelle sein möchte, wenn Pia das Geschäft verkaufen muss. Auf den Verkauf spekulieren auch der Benzinkonzern sowie ihr Nachbar Gigi, der seinen Gebrauchtwagenmarkt vergrößern will. Aber die Tankstelle ist Pias Leben, und deshalb will sie den Befreiungsschlag: Sie kauft die weit herum größte Autowaschstraße, mit mehrstufigem Waschgang, bunten Reinigungsbürsten und Duftspray. Die Einweihung wird zu einer furiosen, erotischen Feier, die alles auf den Kopf stellt.

1

Ich bin Pia.

Mir gehört die Tankstelle in der Nähe der Autobahn. Auch das Haus, der Laden und die Werkstatt hinter dem Haus gehören mir. Luc hat keinerlei Anspruch darauf.

Ab heute mache ich das allen klar: Diesem Mann gehört hier kein Stein. Er ist zwar kurze Zeit aufgetreten, als sei er hier der verantwortliche Tankwart. Er war mein Geliebter, jetzt ist er nur ein Kunde. Einer, auf den ich gern verzichten möchte – er tankt, ohne zu zahlen. In seinem Amerikaner gleitet er an die Zapfsäule. Fliegerbrille, zwischen die Brauen gezogene Locke, schiefes Lächeln, Zigarette im Mundwinkel, Handschuhe aus Saffianleder: Luc.

Es ist Zeit, die Verhältnisse zu klären.

Er hupt, klopft mit der Hand aufs Armaturenbrett und brüllt: «Bedienung!»

Er wundert sich, dass ich nicht aus dem Laden stürze, sondern träge auf seinen Schlitten zuschlendere und aufsässig das Putztuch knallen lasse. Seine Faust zeigt mit dem Daumen zum Tank, die andere Hand liegt auf dem Nacken der Beifahrerin. Sein Täubchen ist jung. Alle sind jung. Sie gurren, wenn Lucs Finger ihren zarten Nacken kneten. Ich stecke den Füllstutzen in seinen Benzinfresser und schaue gleichmütig in die Luft. Er hält den Kopf aus dem Fenster und rümpft die Nase. Ich rieche nach Benzin und Motorenöl, mein Haar gleicht den Stacheln eines Igels. Es muss ihm unbegreiflich vorkommen, dass er einmal meinen Schopf an seine Brust gezogen und mit den Fingern in den Stacheln gewühlt hat. War er blind? Von allen guten Geistern verlassen? «Ich war in schlechter Verfassung», meint er. «Ich brauchte einen Schlafplatz.»

Das Igelchen hat ihn aufgenommen, gehätschelt und versorgt. Nach einigen Monaten kam er zu Verstand, nahm den Trenchcoat vom Haken, schlug den Kragen hoch, streifte sich die Handschuhe über und ging.

Er schickte mir eine Ansichtskarte. «Die Loireschlösser sind schön. Ich bleibe einstweilen hier, Luc.»

Das war vor einem Vierteljahrhundert.

Seither kommt er nur noch zum Tanken. Wenn er kein Geld für Benzin hat, fährt er an meine Tanksäule. Das Haus betritt er nie. Wie es mir geht, will er nicht wissen. Er will saubere Fensterscheiben, einen mückenfreien Grill und blankpolierte Chromteile. Niemand putzt die Scheiben von seinem Riesen so sauber wie Pia von der Tankstelle bei der Autobahn.

Auch den Druck seiner extrabreiten Reifen muss ich kontrollieren. Luc lässt die Haube aufspringen, damit ich mich über den Motorblock lege, den Hintern in die Luft recke und den Ölstand prüfe. Vergnügt schaut er zu, wie ich mich bücke und dehne und um seinen Schlitten fliege. Mein Schnaufen ist Musik in seinen Ohren. Ihm gefällt, dass er seine Verflossene noch immer außer Atem bringen kann.

Die Zigarette klebt in seinem Mundwinkel. Sie bewegt sich, wenn er spricht. «Vergiss nie, was du mir zu verdanken hast, mein Igelchen!»

Wie könnte ich das vergessen? Das geplünderte Sparschwein. Die Erniedrigungen. Die schlaflosen Nächte. Die Tränen.

Sein Arm hängt über der Tür. Die halb versenkte Scheibe klemmt unter seiner Achselhöhle. Er sagt mit wippender Zigarette: «Die Tankstelle gehört auch mir!»

In meinem Gesicht sucht er ein Zeichen des Widerspruchs. Ich trage den Putzeimer in weitem Bogen um ihn herum zum Rückfenster. Doch es gelingt ihm, meine Hand zu packen. Er presst mein Gelenk in seiner Zwinge, damit ich aufheule oder wimmere. Aber ich verbeiße den Schmerz. Dieser Punkt geht an mich.

Jedes Plus für mich bedeutet ein Minus für ihn. Er spuckt die Zigarette aus, sie fliegt über meine Schulter und prallt an der Benzinsäule ab. Ich soll erschrecken. Was mit ihm passiert, wenn die Tankstelle explodiert, ist ihm gleichgültig. Er sagt: «Ich hätte nicht übel Lust, den Krempel zu verkaufen, da sträubt sich dein Haar, mein armes Igelchen!»

Mit einem Ruck entwinde ich ihm meine Hand und ziehe den Stutzen aus dem Tank. Mit pfeifenden Reifen fährt Luc davon.

Was will er denn verkaufen?

Den Dreck auf dem Platz? Ich habe die Tankstelle von meinen Eltern geerbt. Der Kauf dieses Bodens war das bedeutendste Ereignis in ihrem Leben. Als Automechaniker war es Vaters Traum, an der Landstraße außerhalb des Dorfs eine Werkstatt einzurichten, groß genug, um auch Lastwagen zu reparieren. Er setzte eine Zapfsäule an die Straße, und dahinter baute er unser Haus.

«Dieser Platz da draußen ist ein Juwel, Pia!»

Seither wohne ich in diesem Juwel.

Hier bin ich in die Latzhose hineingewachsen. Wenn Vater einen Motor auseinandernahm, schaute ich zu, versuchte, ihm das passende Werkzeug zu reichen, und merkte mir die Teile. Mein Spielzeug roch nach Motorenöl. Während andere Mädchen mit Puppen spielten, stülpte ich den Scheinwerfern Strickkappen über die Rundung und bettete sie auf dem Rücksitz einer ausgeschlachteten Rostlaube zur Ruhe. Ich zeichnete blaue Abgaswirbel in mein Malbuch.

Als Achtjährige habe ich mich rücklings auf den Montageschlitten gelegt, um am Unterboden der Autos den Radantrieb zu studieren. Statt Socken zu stricken, ging ich mit einem Ölkännchen umher, suchte Gewinde zum Schmieren und füllte meine Schürzensäcke mit Schrauben und Muttern.

Als Zehnjährige wusste ich, wo Anlasser und Vergaser liegen. Ich konnte ein Rad wechseln. Meine Schulfreundinnen haben Musikunterricht für Blasinstrumente und Handorgel besucht. Und ich habe mich mit dem Aufheulen und Tuckern verschiedener Motoren vertraut gemacht. Lernte ihr Geräusch regulieren, drehte es in rascher Folge auf und zu und auf, ließ es ein Stakkato stottern, keuchen, röcheln und absaufen. Manchmal benutzte ich gleich mehrere Motoren. Der Höhepunkt aber war mein New Orleans Funeral Blues. Nach dem Konzert war ich von blauem Nebel umhüllt, und das große Husten begann.

Als Zwölfjährige bediente ich die Zapfsäule. Dazu gehörten eine Ölstandkontrolle und das Nachfüllen von Wasser. Ich habe unter die Motorhaube geschaut, wenn ein Kunde glaubte, er vernehme ein verdächtiges Geräusch.

Meine Mutter stand am Küchenfenster und sah beim Reparieren zu. Sie war überwältigt, wenn Vater einen defekten Motor nach stundenlanger Arbeit zum Heulen brachte, und klatschte Beifall. Vater drehte sich vor ihrem Fenster mit Trippelschritten im Kreis, wenn er den Applaus entgegennahm.

Als Mutter starb und Vater krank wurde, übernahm ich die Tankstelle. Vater wechselte von der Werkstatt ins Büro. Dort saß er auf dem Holzdrehstuhl und schaute mir beim Bedienen zu. Er zeigte sich im Overall eines Mechanikers, doch auf dem Kopf trug er den ripsbandgesäumten Filzhut eines Herrn. Wenn die Kunden ihre Fahrt fortsetzten, nickte er würdevoll und griff an den Knick seines Huts.

Er kannte jeden Kunden mit Namen.

Heute ist es unmöglich, die Leute beim Namen zu kennen.

Nach seinem Tod fiel es mir schwer, Vaters leere Werkstatt zu betreten. Ein Stacheldraht spannte sich um meine Brust. Mir fehlte der Herr, mir fehlte der sachverständige Mechaniker. Vor allem fehlte mir, dass jemand liebevoll in meinen Haarschopf griff.

Ich kam mir verloren vor.

Manchmal warf ich mich schon am Morgen über den Küchentisch und ließ dem tränenlosen Weinen den Lauf.

Dann kam Luc.

Dann baute man eine Autobahn durchs schweizerische Mittelland mit Anschluss an unsere Landstraße. Meine Zapfsäulen versiegten. Nachschub gab es nur noch bei sofortiger Zahlung.

Dann ging Luc.

2

Der Plüschhund auf der Registrierkasse heißt Waldi.

Er wackelt, wenn die Geldschublade aufspringt, und bringt die Kunden zum Lachen. Je kräftiger ich auf die Taste haue, desto länger freut sich Waldi.

Ich werde im Juni 1980 fünfundvierzig Jahre alt. Und bin noch immer an der Tankstelle.

«Ist es nicht einsam hier draußen? Ist es nicht gefährlich? Luc ist einiges zuzutrauen.»

Man fragt mich. Ich lache. Waldi wacht. Dann ist tagsüber ja auch der Gebrauchtwagenhändler Gigi in Rufnähe, ein Hüne. Mit einem Ruck kann er einen Kleinwagen an der Hinterachse hochstemmen und ihn in die Gegenrichtung drehen. Ihm gehört das Gelände neben der Tankstelle. Er hat Vaters Werkzeug übernommen.

Einen Sprenzel wie Luc nimmt Gigi in den Schwitzkasten und lässt ihn eine Zigarettenpause lang in der Luft zappeln.

Und jeden Tag kommt Luisa. Sie ist eine gute Kundin. Mehr als das, sie ist eine Freundin.

Ich habe keine höhere Schule besucht. Vater war mein Lehrer.

«Wenn du Tankwartin werden willst, dann lerne sorgfältig mit Vorräten, Geld und Kundschaft umzugehen. Willst du Geschäftsfrau sein, lerne geschickt durch Soll und Haben, Ertrag und Verlust zu lavieren.» Er fand, ich solle auf einen einzigen Menschen bauen: auf mich.

Doch er war auch der Meinung, wir könnten von anderen Leuten lernen. Wir müssen bloß Augen, Herz und Verstand offen halten. «Schaue! Überlege! Übe! Wenn nichts auf deinem Teller liegt, dann hast du Fehler gemacht.»

Eine Benzingesellschaft mit Servicestationen weltweit hat mir eine Beteiligung am Benzinverkauf angeboten. Der Gebietsleiter Egon Bolt betreut die Tankstellen in der Deutschschweiz und machte mich mit den Einzelheiten des Geschäfts vertraut. Unsere alte Benzinsäule mit Handpumpe wurde ausgemustert, Bolt ließ geräumigere Tanks in den Boden legen und stellte drei vollautomatische Zapfsäulen auf eine mit weißem Rand bemalte Betoninsel. Ich ließ diese Plattform überdachen und anstrahlen, jetzt sieht es aus, als wären die Säulen von einer Kreppmanchette umfasst.

Die einsame Tankstelle hat etwas Rührendes, besonders nachts, wenn der Rand leuchtet. Sie hebt sich aus der Dunkelheit hervor wie eine Geburtstagstorte.

Egon Bolt war es auch, der mir empfahl, einen Autoshop zu eröffnen, um Kunden an die Tankstelle zu binden. Die Benzingesellschaft bestimmt die Preise, Öffnungszeiten und empfiehlt das Sortiment. Alles andere bestimme ich.

Es gibt hier nun also nicht nur Benzin, sondern auch Dinge zu kaufen, die man täglich braucht: Milch, Salami, Kaffee, Brötchen, Papiertaschentücher, Reinigungsmaterial, flaumige Lenkradhüllen, Notfallausrüstung, Zeitschriften, Straßenkarten, Unterhaltungsliteratur und aufblasbare Rückenkissen. Viele Kunden besuchen meine Tankstelle, weil sie am Weg zur Autobahn liegt und günstigere Öffnungszeiten als der Supermarkt bietet.

Zur Eröffnung schenkte Bolt mir den Spielzeughund. Waldi ist mir ans Herz gewachsen; tagsüber bewacht er den Laden, nachts meinen Schlaf.

Ich rede mit ihm, als wäre er ein Mensch.

Die Wohnung im ersten Stock hat drei winzige Zimmer, Küche und Bad. Mir genügt das. Ich genieße einen weiten Blick übers Feld bis zum Jura.

Neben der Tankstelle hat Gigi seinen Occasionsmarkt eröffnet. Tagsüber sitzt er in seinem Bürocontainer, aber er wohnt nicht hier. Seine Autos sind über das ganze Areal verstreut, die schönsten hat er in den Vordergrund gestellt. Wie farbige Perlen sind sie an der Straße aufgefädelt. Die Autobahn ist ins Feld eingebettet und wird von Hügelzügen gesäumt. Sie sind waldbedeckt bis auf wenige Felsen.

Unsere Landstraße führt zum Dorf, dessen ziegelrote Walmdächer aus dem Mosaik der Äcker und Wiesen leuchten. Das modernste Gebäude ist das Hochhaus von Baumeister Holzer. Die Rundumterrasse der Attikawohnung liegt auf der Höhe der Kirchturmspitze.

Dort wohnt Luisa.

Die Tankstelle führe ich allein. Hier werden die Kunden bedient.

Sie sitzen, ich flitze. Wo gibt es das noch?

Ich bin freundlich, aufmerksam, flink und sauber. Doch die Lastwagenfahrer mit den Fotos aus dem Playboy hinter sich an der Kabinenwand schauen in die Luft, wenn ich sie bediene. Keiner pfeift, keiner blickt mir nach. Ich bin für sie eine Latzhose. Meine Kunden kennen mich als «die von der Tankstelle» oder als «das Ladenmädchen», das nebenbei die Zapfsäulen bedient.

Ich habe mir einen Rhythmus angewöhnt. In der Früh reinige ich als Erstes die Benzinsäulen, der Lack muss glänzen, und der Zapfhahn darf nicht mit Schlieren verschmutzt sein. Ich fülle den Putzeimer mit frischem Wasser und lege saubere Tücher dazu. Dann fege ich den Platz.

Morgen werde ich es genauso halten und übermorgen auch. In all den Jahren, die noch kommen. Bis ich keinen Lappen mehr in den Fingern halten und nicht mehr hinter dem Besen hermarschieren kann.

«Ist diese Tankstelle das Richtige für dich, Pia?»

Luisa stellt Fragen, die mir im Traum nicht einfallen.

Ich kenne nichts anderes. Die Tankstelle ist alles, was ich habe. Doch sie will diese Antwort nicht gelten lassen. Sie meint, in meinem Alter bleibe mir noch wenig Zeit, etwas Neues, vielleicht Sinnvolleres anzufangen.

«Soll ich das?» Waldi kümmert nicht, was ich mache.

Luisa ist Fachfrau für Versicherungen. Sie macht etwas Sinnvolles. Jeden Tag fährt sie in die Stadt, dort hat sie ihr Büro in einem großen Glasgebäude und ist erfolgreich.

Sie ist erst dreißig, und schon seit dreizehn Jahren das Täubchen von Baumeister Holzer.

«Ich bin sein ehebrecherisches Verhältnis, das Luder, das Dorfgeschwätz.»

«Sei froh um Willi Holzer. Er ist gut zu dir», rate ich.

Er ist viel älter als Luc. Und er behandelt Frauen mit Respekt. Auch lebt er nicht auf Pump wie Luc. Luisas Geliebter hat mehr Geld, als er jemals ausgeben kann, mehr, als eine Tankwartin sich vorstellen kann. Seine Abende verbringt er mit seiner Frau Greta in der Villa. Darum klammert sich Luisa an meine Tankstelle. Ich bin immer da.

«Warum eigentlich, Pia?»

«Weil mein Liebster eine Beere ist, die ein Vogel im Schnabel fortgetragen und fallen gelassen hat. Darum, Luisa.»

So plaudern und scherzen wir.

Ich freue mich den ganzen Tag auf den Besuch meiner besten Kundin.

Sie fährt ihren Flitzer zur Benzinsäule. Wenn sie nicht tanken muss, parkt sie hinter dem Haus. Sie kauft ein, wir halten ein Schwätzchen und trinken zusammen Kaffee. Hier kann die tüchtige Luisa sich erholen. Meine Tankstelle sei ihr zweites Heim, findet sie. Nach acht Stunden nett und freundlich sein, da ist sie ausgelaugt, abgekämpft und leer.

«Ich kann mich am Feierabend nicht einfach zuhause in einen Sessel fallen lassen, nachdem ich den ganzen Tag wie ein mechanisches Spielzeug aufgezogen war. Ich kann nicht einfach einen Schalter umlegen.»

Luisa stimmt sich an der Tankstelle auf ihre Attikawohnung ein.

Eine Tankstelle sei wichtiger, als die Leute denken, fand mein Vater. Wir bieten nicht nur Treibstoff, sondern eine Pause. Manche Leute haben gar kein Ziel oder fürchten sich vor der Ankunft, der Leere und der Stille, die sie zuhause erwarten. Hier können sie die Glieder recken und durchatmen.

Manchmal kommt auch mein Nachbar Gigi.

Luisa gefällt ihm. Sie gefällt den Männern. Ihr pfeifen alle Lastwagenfahrer nach. Sie hat einen katzenhaften Gang, im Gehen fliegen ihre Locken auf und wippen über ihre Brust. Sie hat eine wunderbare Art, den Kopf mit Schwung in den Nacken zu werfen, so dass ihr Haarbehang eine Weile um ihren Hals pendelt. Gigi und ich können die Augen nicht von diesem Pendel lösen. Auch Luisas trotzig gerecktes Kinn mit Grübchen gefällt, und wie sie mit langen schlanken Fingern die Nestel an ihrer kleinen Beuteltasche verknotet, ehe sie sie über die Schulter schwingt.

Sie genießt die Verehrung der Männer. Gerede kann ihr nichts anhaben, da sie die Welt im Sturm erobert.

Früher glaubte ich, eine Frau wie sie kenne nur Höhepunkte. Sie werde mit den Aufregungen der Liebe überschüttet, für sie opfere ein Mann ohne zu zögern die Ehefrau.

So ist es nicht! Die Zeit rieselt auch Luisa durch die Finger.

Gigi erzählt Witze. Das kann er, das macht seinen Erfolg als Verkäufer aus. Er setzt seine Witze in Szene und nimmt sich den dazu nötigen Platz. Er schleicht und wirbelt herum und schwingt die muskulösen Arme, dass man erschrocken zusammenfährt. Es sind lange Geschichten. Man lässt kein Auge von Gigi, weil er sie geschickt aufbaut, spannend entwickelt und mit einer guten Pointe abschließt. Ich schlage schreiend vor Lachen mit der Hand auf die Theke, Luisa dreht den Kopf zur Seite, zieht ein Knie an und lächelt hinter der Hand.

Das ist Luisa. Mädchenhaft und zart. Nie würde sie lauthals lachen. Sie hat etwas Sanftes und Verlockendes, während ich in meinen Arbeitsbottinen fest auf dem Boden stehe und vor Lachen wiehere. Wir sind sehr unterschiedlich. Ich verstehe, dass sie Baumeister Holzer gefällt. Sie ist anders als seine Frau Greta, die nie lächelt, nur den Mund zu einem winzigen Büschel schürzt. Sie ist klein und trägt winzige Schühchen. Sie stämpfelt mit den Füßchen oder wirft sich schluchzend über einen Ellbogen. Ein Häufchen Elend, vor dem sich Willi Holzer als Wüstling fühlt, so dass er vor Reue schmilzt. Das sei ihre Stärke, behauptet Luisa. Greta hat ihren eigenen Stil, und den zieht sie durch. Sie legt Wert auf Etikette. Dazu gehört das pünktliche Abendessen in eleganter Robe. Willi im dunklen Anzug, Greta im Kostümchen mit Brillantbrosche am Revers. Sie nennt es Dinner.

Da Greta am Dinner festhält, kann Willi Holzer sein Täubchen nicht von der Arbeit abholen.

Andere Versicherungsangestellte haben Verlobte, die sie vor dem Gebäude erwarten. Luisa tritt allein in den Feierabend. Doch es gibt ja mich. Ich hole sie zwar nicht ab, doch auf halbem Weg zum Hochhaus steht meine Tankstelle, da warte ich jeden Tag auf ihren Besuch. Die Scheinwerfer ihres Flitzers kenne ich von weitem, bald vernehme ich ihr rasches Getrippel. Sie bringt frischen Wind in meinen Laden.

Viele Zeitschriften führe ich nur ihretwegen im Sortiment. Luisa durchwühlt täglich meinen Ständer. Sie ist belesen. Das ist wichtig in ihrem Beruf, sie muss über jedes Thema reden können.

«Früher haben sie einen Affen in die Umlaufbahn geschossen», sagt sie zum Beispiel. «Dann sind sie mit einem Moonbuggy über den Mond gerumpelt. Wassagstdudazu? Ein paar schlaue Köpfe haben sich diese Spazierfahrt ausgedacht, so ein Vehikel gebastelt und in der Kapsel mit den Astronauten Scott und Irwin zum Mond geschossen. Dort sind sie mit dem Lunar Roving Vehicle zweiundneunzig Kilometer durchs Gelände geschaukelt.»

Mich kümmert das wenig. Alles ist machbar, was ein Mensch sich ausmalen kann. Aber sich auf der Erde an die Namen aller Tankstellenkunden zu erinnern, wie seinerzeit mein Vater, das ist nicht mehr möglich.

Luisa begutachtet das Sortiment, vor dem Regal mit Sommerhüten bleibt sie stehen. «Ein Vogel hat also deinen Liebsten verloren?»

Sie möchte ein Bild von mir sehen. «Wie du früher warst.»

Ich war schon immer, wie ich jetzt bin. Es gibt kein Bild, niemand hat mich fotografiert, es war nicht nötig, meine Eltern hatten mich ständig in der Nähe. Ein Passbild brauchte ich nie, besitze nicht einmal einen Führerschein. Wenn’s pressiert, nehme ich das Fahrrad oder lasse mich von Gigi chauffieren. Ob ich früher hübsch war? Ohne meine Latzhose? In einem schwingenden Kleid, mit roten Lippen und Locken im Haar?

Für meinen Vater war ich hübsch. Doch er schaute mit dem Herzen. Wenn er nicht gerade Maschinenöl an den Pranken hatte, zerwühlte er meinen Schopf und behauptete, es hätte Goldstaub auf meinem Kopf gehabt.

Was fand Luc an mir?

Was fand ich an ihm?

Ich habe keine Ahnung, welche Rolle jemand wie Luc in dieser Schöpfung spielt. Irgendeine muss er haben. Ich weiß, welche er mir zuweist. Ich bin die Kakerlake unter seinem Schuh.

Luisa geht von Gestell zu Gestell. Vor sich hin summend, probiert sie neueingetroffene Fahrhandschuhe aus Glacéleder. «Ich habe einen Flug gebucht», sagt sie. Nach Bali. Götter, Tempel, Zeremonien. Und schokoladenbraune Loverboys.

Sie küsst die Fingerspitzen. «Ich fliege morgen und bin zwei Wochen weg.»

Ich werde sie vermissen. Wenn sie fort ist, habe ich immer ein wenig Angst um sie, weil alles Mögliche geschehen kann. Ich blättere meine Zeitungen durch und bin heilfroh, wenn kein Flugzeug abgestürzt oder Schiff untergegangen ist.

Sie untersucht die Gurte an Kindersitzen. Greift zerstreut nach Dingen, die sie nicht benötigt. Erwartet Antworten auf Fragen, die sie nicht sonderlich interessieren. Die Reaktion von ihrem Geliebten auf ihre plötzliche Reise interessiert sie. Willi Holzer wird geschockt sein. Plötzlich ist seine Taube nicht mehr jederzeit erreichbar.

«Du willst die Lanze sein, die sich morgen ins Herz des Baumeisters bohrt?»

Sie lächelt. Wenn er merkt, dass sie keinen Anruf beantwortet und die Wohnungstür nicht öffnet, schwebt Luisa schon über Abu Dhabi.

Da sie gepackt hat und im Hochhaus nichts auf sie wartet, hält sie sich lange im Laden auf. In ihrem Alter findet man die Stille grässlich. Als hätte man als Frau versagt.

«Stille dröhnt», findet sie. «Stille ist eine Leier, die ständig wiederholt, was dir durch die Finger rinnt: Schönheit, Einfallsreichtum, die Kunst zu verführen, die Raffinesse der Berührung, die Zartheit der Haut, der Glaube an deinen Zauber, Unbesiegbarkeit und unerschöpfliche Möglichkeiten.»

«Alles Gottgegebene verpufft!», sage ich.

Ihre aufgerissenen Augen sind wie Delfter Porzellan mit winzigen Fissuren drin.

Auf ihrer Rundumterrasse pflegt sie Pflanztöpfe. Weil sie riesige rotgoldene Blütenbommeln mag, sehe ich diesen Farbenkranz von der Tankstelle aus. Ich schaue jeden Tag zu ihrer Terrasse. Ich weiß immer, wann sie aufsteht und wann sie zu Bett geht. Nachts wirkt das Licht im sechsten Stock wie ein einsamer, über dem Dorf schwebender Stern. Ich hauche meinen Gruß in die Nacht hinaus.

Früher fürchtete ich die Dunkelheit, heute mag ich die Nacht. Weil ich allein hier draußen wohne, habe ich sie für mich allein. Ich mache Spaziergänge im Mondschein zum Wald, der an das Feld hinter meinem Haus grenzt. Die Tannen werfen ihre Schatten bis zu meiner Werkstatt. Ich hüpfe über ihre schräge Schraffur, halte den Atem an und horche, ob der Boden unter meinem Gewicht leise stöhne. Es würde mich richtig stolz und glücklich machen. Ich habe kein sehr feines Gehör, doch eine Vorstellung vom Möglichen. Wenn der Boden ein Gedächtnis hat, erinnert er sich an jeden Hüpfer. Meine Arbeit hier zählt wenig. An einer Tankstelle passieren nach Meinung von Luisa nur Fliegenschisse. Ich bedaure das, weil das Leben kurz ist, und die Kette der gesammelten Erlebnisse darum von Gewicht sein sollte. Ich gebe zu, dass mich das beschäftigt. Ich bin nur ein Pünktchen und verschwinde in der unermesslichen Zeit. Ich möchte so gerne glauben, dass ich eine Spur in der Welt hinterlasse.

Mein Vater fand, dass sich jede Anstrengung lohnt. «Wir sind Teil von einem großen Ganzen. Das gibt uns eine Würde.» Er war der klügste Mechaniker der Welt.

Waldi interessiert nicht, ob ich dies befürchte oder jenes glaube. Darum rede ich mit der Sternensuppe über mir.

In der Wiese hinter meinem Haus presse ich den Benzindampf aus der Lunge und sauge in tiefen Zügen den Harzduft des Waldes ein. Wenn Nebel alles verhüllt und keine Landschaft mehr zu erkennen ist, dann bleibe ich im Bett und betrachte die fließenden Lichtbalken an der Zimmerdecke.

Das Brummen von der Autobahn ist mir inzwischen vertraut. Es ist das Geräusch der rotierenden Welt, etwas Großes und Erstaunliches. Böen zerreißen das regelmäßige Summen, Schneeflocken dämpfen es, der Föhn verstärkt es, dass man meint, die Autokolonne fräse durch mein Zimmer. Am meisten gefällt mir das Harfenspiel des Windes, es überrascht mich immer neu. Eine wahnsinnige Freude erfasst mich, und ich muss die Hände auf meine aufgewühlte Brust legen.

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