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Glücksfreundinnen

Als Buch hier erhältlich:

Ein Lob auf die beste Freundin

Als ihre beste Freundin Ellen erzählt, dass sie ihr Leben ändern will, ist Unity sofort bereit, sie dabei zu unterstützen. Damit Ellen die eigenen Wünsche wieder spürt und etwas für sich tut, statt sich ganz auf ihren Sohn zu konzentrieren, stellt Unity ihr eine Reihe von Aufgaben: Sie soll bis in die Nacht tanzen, wieder mal hohe Schuhe tragen und mit einem echten Traummann flirten. Ellen lässt sich auf die Herausforderung ein – jedoch nur unter der Bedingung, dass Unity die Glücksliste ebenfalls erfüllt. Das bringt Unity ganz schön ins Wanken, denn nach dem Verlust ihres Manns hat sie gar kein Bedürfnis, sich einem anderen zu nähern. Oder doch?

»Mallerys lebensnahe Figuren und ihre erfrischenden Sommererlebnisse vergisst man nicht so schnell. Die Kraft von Freundschaft zu feiern und die Freude an einer neuen Liebe spürbar zu machen, das ist es, was diesen spritzigen Roman in der Frauenunterhaltung zum Hit macht.«
Publishers Weekly

»Diese Geschichte zeigt, wie die Kraft einer lebenslangen Freundschaft und bedingungslose Liebe uns durch die Stürme des Lebens helfen. Genauso authentisch wie unterhaltsam erzählt, ist dieses Buch ideal für alle Fans von Susan Mallery, genauso wie für Leser von Debbie Macomber und Susan Wiggs«
Library Journal

»Fans von RaeAnne Thayne und Robyn Carr werden ihre Freude daran haben, wie die Meisterin der Frauenunterhaltung Susan Mallery Gemeinschaftssinn, Freundschaft und erfüllende Liebesgeschichten in Einklang bringt.«
Booklist


  • Erscheinungstag: 23.11.2021
  • Seitenanzahl: 464
  • ISBN/Artikelnummer: 9783749902262

Leseprobe

Ich hatte unglaublich viel Freude dabei, dieses Buch zu schreiben – im Ernst, es hat von Anfang bis Ende einfach nur Spaß gemacht. Ich liebe die Beziehung zwischen Ellen und Unity. Sie haben mich zum Lachen und zum Weinen gebracht, und ich war die ganze Zeit so gespannt, was als Nächstes passieren würde. Hinter jeder Ecke schien eine neue Überraschung zu warten.

Und da wir schon bei Überraschungen sind … Ich möchte dieses Buch sechs zauberhaften Leserinnen widmen.

Brenda R., Cindy G., Courtney T., Nicole W., Teresa B., Zina O.

Wie womöglich viele von euch wissen, bin ich eine große Unterstützerin des Tierschutzes, und meine Lieblingsorganisation heißt Seattle Humane. Im Sommer 2019 bat der Verein mich, ihm bei einem neuen Projekt unter die Arme zu greifen – es ging darum, den »Bad Poetry Month«, den »Monat der schlechten Gedichte«, zu nutzen, um auf Tiere aufmerksam zu machen, die ein Zuhause suchen. Ich bat meine Facebook-Freunde um Hilfe, und wir schrieben alle ein paar sehr lustige Gedichte, um diesen Haustieren zu helfen.

Aus sämtlichen Einsendungen wurden die Gedichte von Brenda, Cindy, Courtney, Nicole, Teresa und Zina zur Veröffentlichung ausgewählt. Und um ihnen einen Extradank (und eine Überraschung!) zukommen zu lassen, widme ich dieses Buch ihnen.

Also, meine Freundinnen, das hier ist für euch.

1. Kapitel

»Ich hätte einen reichen Mann heiraten sollen«, sagte Ellen Fox deprimiert. »Das hätte all meine Probleme gelöst.«

Unity Leandre, praktisch von Geburt an ihre beste Freundin, zog die Augenbrauen hoch. »Weil du auch so oft die Möglichkeit dazu gehabt hättest und immer Nein gesagt hast?«

»Das hätte durchaus passieren können. Wenn ich jemals einen reichen Mann getroffen und so sehr gemocht hätte, dass ich ihn hätte heiraten wollen.«

»Wäre nicht die Tatsache, dass er dich auch hätte heiraten wollen, eine weitere wichtige Voraussetzung gewesen?«

Ellen stöhnte. »Das ist gerade kein guter Moment für Logik, sondern für Mitgefühl. Oder dafür, mir einen Lottoschein zu schenken, mit dem ich nur gewinnen kann. Wir sind schon so viele Jahre befreundet, und noch nie hast du mir einen Lotteriegewinn beschert.«

Unity nahm ihre Kaffeetasse in die Hand und lächelte. »Stimmt, aber dafür habe ich dir auf der Party zu unserem achten Geburtstag meinen Ponyritt geschenkt.«

In dem Punkt muss ich ihr wohl recht geben, dachte Ellen. Da ihre Geburtstage so kurz hintereinander lagen, hatten sie oft zusammen gefeiert. In dem Sommer, in dem sie beide acht wurden, hatte Unitys Mom ihnen ein Ponyreiten auf einem nahe gelegenen Bauernhof organisiert. Unity hatte ihren Spaß gehabt, aber Ellen hatte sich regelrecht in den zotteligen Mr. Peepers verknallt, das mürrisch dreinblickende alte Pony, das sie auf der Koppel herumgetragen hatte. Als Ellen ihre Zuneigung zu dem Pony kundtat, reichte Unity ihr kurzerhand ihre restlichen Reitgutscheine und gab sich damit zufrieden, Ellen dabei zuzusehen, wie sie auf Mr. Peepers’ breitem Rücken umhertrabte.

»Das mit dem Ponyreiten war wirklich wundervoll von dir«, sagte Ellen inbrünstig. »Ich bin dir sehr dankbar für deine Großzügigkeit. Aber jetzt gerade brauche ich unbedingt ein kleines Vermögen. Nichts Übertriebenes, nur ein hübsches Milliönchen oder so. Dafür würde ich dir sogar die Reitstunden auf Mr. Peepers zurückgeben.«

Unity schob die Hand über den Küchentisch und legte sie Ellen auf den Arm. »Will er wirklich auf die Uni von L. A.?«

Ellen nickte nur, aus Angst, zu wimmern, sobald sie den Mund auftat. Nachdem sie einmal tief durchgeatmet hatte, gelang es ihr zu sagen: »Ja. Selbst mit einem Teilstipendium würden die Kosten mich auffressen.« Sie wappnete sich innerlich, ehe sie die hässliche Wahrheit aussprach: »Ein Studium in einem anderen Bundesstaat inklusive Unterkunft und Verpflegung kostet vierundsechzigtausend Dollar.« Ellen fühlte, wie ihr Herz für einen Schlag aussetzte, und das nicht vor Freude. »Pro Jahr! So viel verdiene ich ja nicht mal. Wer hat bloß so viel Geld übrig? Genauso gut könnte es eine Million Dollar sein.«

Unity nickte. »Okay, jetzt ergibt das mit dem reichen Mann einen Sinn.«

»Mir bleiben nicht gerade viele Optionen.« Ellen presste sich die Hand auf die Brust und sagte sich, dass es schon kein Herzinfarkt war. »Du weißt, ich würde alles für Coop tun, und ich finde eine Lösung, aber diese Zahlen sind der blanke Horror. Ich muss anfangen, Rubbellose zu kaufen, und mir einen zweiten Job zulegen.« Sie sah Unity an. »Was meinst du, wie viel man bei Starbucks verdient? Vielleicht könnte ich dort die Abendschicht übernehmen.«

Unity, die zwölf Zentimeter größer war als sie und lange blonde Haare hatte, griff nach Ellens Händen. »Letzten Monat war es die University of Oklahoma, und im Monat davor wollte er auf die Notre Dame gehen. Cooper hat seine Meinung schon ein Dutzend Mal geändert. Warte, bis ihr euch diesen Sommer Unis angucken fahrt und er weiß, was er wirklich will, und dann finde erst mal raus, wer die beste finanzielle Unterstützung anzubieten hat, ehe du panisch wirst.« Sie verzog den Mund zu einem Lächeln. »Nichts für ungut, Ellen, aber ich habe deinen Kaffee probiert. Du solltest noch nicht mal in der Nähe eines Starbucks arbeiten.«

»Sehr witzig.« Ellen drückte Unitys Hände. »Aber du hast recht. Er ist gerade mal siebzehn geworden. Sein letztes Highschooljahr beginnt erst im September, ich habe noch etwas Zeit. Und ich lege jeden Monat Geld beiseite.«

Denn so wurde ich erzogen, dachte sie. Dazu, praktisch zu denken und verantwortungsbewusst zu handeln. Hätten ihre Eltern doch nur erwähnt, dass frau einen reichen Mann heiraten sollte.

»Nach unserem Roadtrip beschließt er womöglich, dass er doch auf die University of Washington will, das würde all meine Probleme lösen.«

Nicht nur die Geldprobleme, sondern auch das mit der Einsamkeit, dachte sie wehmütig. Denn nachdem sie fast achtzehn Jahre lang ein Team gewesen waren, würde ihr beinahe erwachsener kleiner Junge sie nun bald verlassen.

»Stopp«, mahnte Unity. »Jetzt wirst du traurig. Ich seh’s kommen.«

»Ich hasse dich dafür, dass du mich so gut kennst.«

»Nein, das tust du nicht.«

Ellen seufzte. »Nein, tu ich nicht, aber es nervt.«

»Du nervst noch viel mehr.«

Sie lächelten sich an.

Schließlich stand Unity auf und reckte ihre gesamten ein Meter neunundsiebzig. »Ich muss los. Du hast junge Gemüter zu formen, und ich muss mich um einen verstopften Küchenabfluss kümmern, gefolgt von einem kaputten Gartentor und irgendwas mit einem Staubsauger. Die Nachricht war etwas kryptisch.« Sie sah Ellen an. »Kommst du klar?«

Ellen nickte. »Mir geht’s gut. Du hast recht. Coop wird sich noch fünfzehnmal umentscheiden. Ich warte einfach, bis die Sache feststeht, und gönne mir erst dann einen Nervenzusammenbruch.«

»Siehst du? Du hast immer einen guten Plan.«

Auf dem Weg zur Haustür musste Ellen erneut an die unsäglichen Studienkosten denken.

»Hat nicht jemand von den alten Männern, denen du hilfst, ein bisschen Geld übrig?«, fragte sie. »Wenn mir einer genug zahlt, spiele ich gern die Vorzeigefrau für ihn.«

Unity schüttelte den Kopf. »Du bist vierunddreißig. Der durchschnittliche Bewohner von Silver Pines ist siebzig plus.«

»Einen reichen Mann zu heiraten würde aber immer noch all meine Probleme lösen.«

Unity umarmte sie ein wenig länger als sonst. »Du bist ein Freak.«

»Nein, eine Bärenmutter mit ihrem Jungtier.«

»Dein Jungtier ist ein Hüne von eins zweiundneunzig. Du solltest langsam damit aufhören, dich um ihn zu sorgen.«

»Das wird niemals passieren.«

»Und dafür liebe ich dich. Wir hören uns später.«

Ellen lächelte. »Hab einen schönen Tag. Und hüte dich vor den Spinnen.«

»Immer.«

Nachdem Unity weggefahren war, ging Ellen zurück in die Küche, wo sie eilig die Spülmaschine einräumte und ihr Mittagessen einpackte. Cooper hatte bereits vor sechs das Haus verlassen. Er machte bei irgendeiner Fitness-Challenge zum Schuljahrsende mit. Irgendwas mit Laufen – Ellen wusste nicht genau, was. Ehrlich gesagt fiel es ihr schwer, nicht auf Durchzug zu stellen, wenn er stundenlang über seinen Sport redete. Vor allem wenn sie sich gerade Sorgen über Studiengebühren machte.

»Aber heute nicht mehr«, sagte sie laut. Darüber konnte sie sich am nächsten Morgen wieder Gedanken machen. Unity hatte recht – Cooper würde noch ein paarmal seine Meinung ändern. Ihr gemeinsamer Roadtrip, auf dem sie sich verschiedene Unis ansehen würden, war schon in ein paar Wochen. Danach würde sich die Liste der Favoriten dezimieren, und er würde anfangen, sich zu bewerben. Erst dann würde sie die genaue Summe kennen und sich überlegen müssen, wie sie die aufbringen sollte.

Bis dahin gab es genug Dinge, die sie beschäftigt halten würden. Sie hatte unangekündigte Arbeiten für die vierte und sechste Stunde geplant und wollte den Endjahrestest für ihre zwei Algebra-Kurse aktualisieren. Außerdem musste sie noch einkaufen, tanken und in die Bibliothek, um sich für ihre gesamte Sommerlektüre vormerken zu lassen.

Als sie ihre Morgenroutine beendet hatte und zu der Highschool fuhr, an der sie unterrichtete, dachte Ellen weiter über Cooper und das Uniproblem nach. Auch wenn sie Angst hatte, ihm das Studium nicht finanzieren zu können, musste sie zugeben, dass das ein großartiges Problem war. Vor siebzehn Jahren war sie noch eine völlig verängstigte Jugendliche gewesen, die kurz davorstand, alleinerziehende Mutter zu werden. Zwischen ihr und einem Leben auf der Straße hatte es nur ihre unglaublich enttäuschten und wütenden Eltern gegeben, die sie unbedingt spüren lassen wollten, was für einen riesigen Fehler sie begangen hatte.

Harte Arbeit und ihre Entschlossenheit hatten ihr dabei geholfen, wieder auf die Beine zu kommen – Cooper großzuziehen, ein Studium zu absolvieren, sich eine gute Stelle zu besorgen, ein Haus zu kaufen und Geld für die Ausbildung ihres Sohnes beiseitezulegen. Juhu.

Doch das wäre alles sehr viel leichter gewesen, wenn sie einfach jemanden mit viel Geld geheiratet hätte.

»Wie schafft man es nur, eine Drei minus in Spanisch zu bekommen?«, fragte Coach Keith Kinne, ohne sich die Mühe zu machen, leise zu sprechen. »Die halbe Stadt spricht Spanisch. Verdammt, sogar der Mann deiner Schwester ist Hispano.« Er funkelte den kräftigen Footballspieler, der vor ihm stand, wütend an. »Luka, du bist echt ein Idiot.«

Betreten senkte Luka den Blick. »Ja, Coach.«

»Sag nicht ›Ja, Coach‹ zu mir. Du wusstest, dass das passieren würde – schon seit Wochen. Und hast du jemanden um Hilfe gebeten? Hast du es mir vielleicht mal erzählt?«

»Nein, Coach.«

Keith spielte mit dem Gedanken, den Jungen zu erwürgen, doch er war sich nicht sicher, ob er den kräftigen Hals des Teenagers überhaupt mit den Händen umfassen könnte. Innerlich fluchte er, da ihm klar war, dass die Situation nun einmal so war, wie sie war, und er die Sache in Ordnung bringen musste – wie er es bei seinen Schülern immer tat. »Du kennst die Regeln«, sagte er. »Um in einer Schulmannschaft zu spielen, musst du in jedem Fach mindestens eine Drei plus haben. «

Luka, der fast einen Meter achtundneunzig groß war und hundert Kilo wog, sackte noch mehr in sich zusammen. »Ich dachte, ich würde schon irgendwie durchkommen.«

»Tatsächlich? In deinen anderen Tests hattest du also bessere Noten?«

»Nicht wirklich.« Er hob den Blick und sah ihn unglücklich an. »Ich dachte, ich könnte meine Note im letzten Moment noch verbessern.«

»Und wie gut hat dieser Plan funktioniert?«

»Nicht gerade bueno

Keith funkelte ihn an. »Du findest das also witzig?«

»Nein, Coach.«

»Du weißt, dass es hier für Spanisch keinen Sommerkurs gibt. Das bedeutet, dass wir eine Alternative finden müssen«, meinte Keith kopfschüttelnd.

Luka wurde blass unter seiner dunklen Haut. »Coach, bitte schicken Sie mich nicht weg von hier.«

»Niemand wird weggeschickt.« Es kam vor, dass Athleten Sommerkurse in anderen Bezirken besuchten. Dann wohnten sie bei fremden Familien und konzentrierten sich voll auf das Lernen.

»Ich muss bei meiner Familie bleiben. Meine Mom versteht mich.«

»Es wäre besser für uns alle, wenn sie Spanisch verstehen würde.« Keith sah den Jungen böse an. »Ich werde mich um einen Onlinekurs kümmern. Du wirst einen Tutor bekommen. Und du wirst mir zweimal in der Woche Bericht erstatten und mich detailliert auf dem Laufenden halten, bis du den Kurs bestanden hast.« Er verengte die Augen zu Schlitzen. »Und zwar mit einer Eins.«

Luka wich einen Schritt zurück. »Coach, nein! Eine Eins? Das schaffe ich nicht.«

»Mit der Einstellung sicher nicht.«

»Aber Coach …«

»Du kanntest die Regeln und hast sie gebrochen. Du hättest mich schon frühzeitig um Hilfe bitten können. Du weißt, dass ich immer da bin für meine Schüler, aber hast du daran gedacht oder einfach beschlossen, dass du allein klarkommst?«

»Ich habe beschlossen, dass ich allein klarkomme«, murmelte Luka.

»Genau. Und solche Dinge allein zu beschließen entspricht nicht dem Teamgeist. Wenn du allein losziehst, scheiterst du.«

Lukas Augen füllten sich mit Tränen. »Ja, Coach.«

Keith deutete auf die Tür, und Luka schlurfte hinaus. Stöhnend ließ Keith sich auf seinen Stuhl sinken. Er war hart zu dem Jungen gewesen, doch er musste sicherstellen, dass die Botschaft ankam. Noten waren wichtig. Er half gern, wann immer er konnte, doch dafür musste man ihm auch sagen, was los war. Luka glaubte wohl, als Sportstar würde er eine Sonderbehandlung bekommen. Woanders vielleicht, aber nicht hier. Luka zu zwingen, sich eine Eins zu erarbeiten, war zugleich ein Appell an alle, die im Schulteam spielen wollten.

Er hatte sich gerade erst wieder seinem Computer zugewandt, als einer der Siebtklässler den Kopf in sein Büro streckte. »Coach Kinne! Coach Kinne! Im Kraftraum sitzt ein Mädchen und weint.«

Keith stöhnte leise, als er aufstand und zum Kraftraum lief, in der Hoffnung, dass er es mit etwas Unkompliziertem wie einem gebrochenen Arm oder einer Gehirnerschütterung zu tun bekommen würde. In diesen Fällen wusste er, was zu tun war. Alles, was irgendwie emotionaler war, versetzte ihn – ganz ehrlich – in Panik.

Als er den Kraftraum betrat, fand er dort eine Gruppe von Jungs vor, die nahe beieinanderstanden. Auf einer Bank am anderen Ende des Raums saß ein dünnes, dunkelhaariges Mädchen, das er nicht kannte. Es hielt sich die Hände vor das Gesicht, seine Schluchzer waren in der betretenen Stille laut zu hören.

Schnell warf er den Jungs einen Blick zu. »Ist sie verletzt?«

Die traten mit sichtlichem Unbehagen von einem Fuß auf den anderen und schüttelten die Köpfe. Verdammt. Es war also nichts Körperliches. Warum liefen die Dinge nie so, wie er es wollte?

»Ist einer von euch dafür verantwortlich – was auch immer es ist?«, fragte er.

Noch mehr Kopfschütteln, ein paar Jungs machten sich aus dem Staub.

Keith deutete auf die Tür, woraufhin der Rest auch verschwand, dann wandte er seine Aufmerksamkeit wieder dem weinenden Mädchen zu. Sie war klein und sah noch jung aus, mochte etwa fünfzehn sein. Keine Freundin seiner Tochter und keine Schulsportlerin – die kannte er alle.

Langsam näherte er sich der Jugendlichen, wobei er sich Mühe gab, freundlich statt bedrohlich auszusehen, und setzte sich auf eine Bank in ihrer Nähe.

»Hey«, sagte er sanft. »Ich bin Coach Kinne.«

Sie schniefte. Ihre Augen waren gerötet, ihre Haut war blass. »Ich weiß, wer Sie sind.«

»Was ist los mit dir?« Bitte nicht schwanger sein, bitte nicht schwanger sein, wiederholte er ein lautloses Mantra.

Weitere Tränen quollen ihr aus den Augen. »Ich bin schwanger. Der Vater ist Dylan, der streitet es aber ab, und ich kann es meiner Mo…Mom nicht erzählen, weil sie dann total wütend wird, dabei hat er gesagt, dass e…er mich liebt.«

So also ging Keiths Montag vor die Hunde.

Punkt Viertel nach drei verließ Keith seinen Arbeitsplatz. Er würde später noch einmal in sein Büro zurückkehren, um ein bisschen Papierkram zu erledigen, ein paar Gerätetrainingseinheiten zu überwachen und einen genaueren Blick auf die Abschlussnoten von den Sportlern zu werfen, die kurz davorstanden, Probleme auf der Schule zu bekommen. Doch erst einmal hatte er eine dringende persönliche Angelegenheit zu erledigen.

Er fuhr die gut drei Kilometer zu seinem Haus, ging hinein und steuerte geradewegs das Zimmer seiner siebzehnjährigen Tochter an.

Lissa sah von ihrem Laptop auf, als er eintrat, bemerkte seine offensichtlich schlechte Laune, und ihr Lächeln erstarb. Doch auch so war sie eine Schönheit. Langes dunkles Haar, große braune Augen. Verdammt noch mal – weshalb konnte er keine hässliche Tochter haben, die kein Junge je eines zweiten Blickes würdigen würde?

»Hi, Dad«, sagte sie argwöhnisch. »Was geht?«

»Stichprobenkontrolle.«

Sie verdrehte die Augen. »Ernsthaft? Mit dir stimmt doch was nicht. Ich hab gehört, was heute in der Schule los war. Aber ich bin doch nicht so doof und lass mich mit einem Typen wie Dylan ein, der selbst einem Baumstumpf sagen würde, dass er ihn liebt, wenn er dann Sex mit ihm haben könnte. Ich schlafe mit niemandem, und ich bin nicht schwanger. Ich hab’s dir doch gesagt – ich bin noch nicht bereit für Sex, im Sinne von ›Ich bin noch Jungfrau‹. Mann, du bist echt besessen. Würdest du dich besser fühlen, wenn ich einen Keuschheitsgürtel tragen würde?«

»Ja, aber das willst du ja nicht. Ich habe dich gefragt.«

»Da–ad. Wieso bist du so? Eine Schwangerschaft ist doch nicht das Schlimmste, was passieren könnte. Ich könnte krank werden und sterben. Wäre das nicht viel schrecklicher?«

»Diese Diskussion kannst du nicht mit Logik gewinnen. Ich benehme mich irrational, das sehe ich ein. Aber ich bin außerdem für dich verantwortlich, weshalb du schlicht damit klarkommen musst, dass ich irrational bin.«

Er deutete auf ihr Badezimmer. Sie stieß den leidgeprüften Seufzer derer aus, die mit unmöglichen Vätern geschlagen sind, und stand auf. Er folgte ihr zur Badtür und sah zu, wie sie die kleine Plastikdose aus einer Schublade holte und sie öffnete.

Erleichterung durchflutete seinen angespannten Körper. Es fehlten Pillen, genauer gesagt die richtige Anzahl von Pillen.

»Du bist ein Albtraum von einem Vater«, sagte seine Tochter, während sie die Pillen genervt zurück in die Schublade packte. »Ich kann es nicht erwarten, endlich achtzehn zu werden und mir eine Spritze abholen zu können, statt die Antibabypille nehmen zu müssen. Dann würdest du mich nur noch alle paar Monate nerven.«

»Das kann ich auch kaum erwarten.«

»Ich hab ja noch nicht mal einen Freund.«

»Du könntest Kontakt zu jemandem im Internet haben.«

Ihr verärgerter Ausdruck schwand, und sie lächelte ihn an. »Dad, es gibt nur eine Person in diesem Haus, die online flirtet, und das bin nicht ich.«

»Ich flirte nicht online.«

»Richtig. Du gabelst Frauen im Internet auf und hast dann ein Wochenende lang irgendwo Sex mit ihnen. Das ist widerlich. Du solltest dich in eine Frau verlieben, bei der du dich nicht schämst, sie mit nach Hause zu bringen und sie mir vorzustellen.«

»Ich schäme mich nicht. Ich will nur keine Komplikationen.«

»Aber du willst Sex. Das ist ekelhaft.«

»Weshalb reden wir dann darüber?« Er zog sie an sich und umarmte sie, dann küsste er sie auf den Scheitel. »Tut mir leid, Lissa. Ich kann einfach nicht anders, als mir Sorgen um dich zu machen.«

Sie sah zu ihm auf. »Dad, ich nehme jeden Tag die Pille – nicht, dass das irgendeine Rolle spielen würde, da ich keinen Sex habe. Habe ich wirklich nicht. Ich hab ja kaum jemals mit einem Typen geknutscht. Dich zum Vater zu haben macht es echt schwer, mich mit Jungs zu treffen. Die wollen alle keinen Stress mit dir und Gefahr laufen, von dir zusammengeschlagen zu werden.«

»Gut.«

Lächelnd boxte sie ihm gegen den Arm. »Du unterdrückst meinen emotionalen Reifeprozess.«

»Werd einfach nicht schwanger.«

»Denk dir mal einen positiveren Spruch aus. Wie wär’s mit: ›Lebe stets dein höchstes und bestes Selbst‹?«

»Ja, das auch. Ich muss los.«

»Ich esse heute Abend bei Jessie. Hast du das auf dem Schirm?«

»Kein Problem. Sei einfach um zehn zu Hause.«

Er stieg wieder in seinen Jeep, doch ehe er den Motor startete, tippte er schnell eine Nachricht an Ellen. Ich brauche ein paar Bier und ein offenes Ohr. Bist du heute Abend zu Hause?

Die Antwort kam schnell. Nur wenn du Brathuhn mitbringst. Ich habe Bier und Eiscreme.

Abgemacht. Wir sehen uns um sechs.

Ellen war nicht klar, weshalb ein ein Meter achtundneunzig großer Siebzehnjähriger, der weinte, ihr näher ging als so ziemlich jedes heulende Teenagermädchen. War das umgekehrte Diskriminierung? Waren die Tränen von Jungs mehr wert, weil sie seltener weinten? Oder war es die Kombination aus Lukas’ riesenhafter Statur und der Verletzlichkeit, die seine Tränen offenbarten? Da es unwahrscheinlich war, darauf eine Antwort zu finden, beschloss sie, die Frage beiseitezuschieben.

»Luka, das wird schon«, sagte sie und reckte den Arm, um dem Jungen auf die Schulter zu klopfen, während Cooper sich in der Nähe herumdrückte. »Du machst diesen Online-Spanischkurs, und dann schaffst du das ganz leicht. Du bist doch ein schlauer Kerl. Nur ein bisschen selbstzufrieden bist du vielleicht geworden.«

»Weil er so eine Granate auf dem Spielfeld ist, hat er geglaubt, seine Scheiße würde nicht stinken«, sagte Coop, nur um gleich danach aufzustöhnen. »’tschuldigung, Mom. Ich wollte, ähm, Kacke sagen.«

Sie wandte sich ihrem Sohn zu und zog die Augenbrauen hoch. Erfreut stellte sie fest, dass er trotz seines Alters und seiner Größe schlucken musste und einen Schritt zurückwich.

»Tut mir wirklich leid«, fügte er hinzu.

»Das sollte es auch. Luka, der Coach schmeißt dich nicht raus.«

»Sie hätten ihn mal sehen sollen. Er war richtig wütend. Einen Idioten hat er mich genannt.«

Das war nicht das Wort, das sie gewählt hätte, aber sie verbrachte auch nicht viel Zeit in der Welt der Sportstars.

»Du bist ein Anführer, deshalb erwartet er mehr von dir.«

Lukas Augen füllten sich mit noch mehr Tränen. Coop zuckte nervös zusammen.

»Was, wenn ich keine Eins kriegen kann?«

»Mit der Einstellung wirst du das sicher nicht.«

Luka schniefte. »Genau das hat der Coach auch gesagt.«

Cooper beugte sich zu ihm vor. »Das ist so ein Lehrerding. Die denken alle gleich. Willkommen in meiner Welt.«

Sie gab sich Mühe, nicht zu lächeln. Meine Jungs, dachte sie voller Zuneigung. Cooper und seine Freunde waren Teil ihrer Welt, seit er alt genug war, Kinder zum Spielen zu sich nach Hause einzuladen. Seit beinahe zehn Jahren war Luka eine Konstante in ihrem Leben. Er und seine Familie waren von Yap (einer winzigen Insel in Mikronesien – sie hatte sie nachschlagen müssen) hierhergezogen. Luka und Coop hatten sich am ersten Tag der zweiten Klasse kennengelernt und waren seitdem beste Freunde.

»Luka, ich verbiete dir, heute noch mehr darüber nachzudenken. Deine Mom wartet auf dich. Geh nach Hause, iss was Schönes, und entspann dich heute Abend. Und morgen kriegst du deinen Hintern hoch und machst dich ans Spanischlernen.« Sie zögerte. »Ich spreche mit dem Coach und stelle sicher, dass du weiter auf der Zielgeraden Richtung Uni bist.«

Seine dunklen Augen leuchteten auf. »Wirklich? Danke, Miss F. Das wäre großartig.«

Ehe sie zurückweichen konnte, packte Luka sie und hob sie in die Luft. Es war kein angenehmes Gefühl, aber so machten es alle Freunde von Coop. Er schwang sie zweimal herum, ehe er sie absetzte. Beide Teenager gingen zur Tür.

»Ich bin um zehn zurück«, rief Coop noch über die Schulter.

»Amüsiert euch.«

Ellen schüttelte sich kurz, um sicherzugehen, dass er ihr nichts gebrochen hatte, dann trat sie auf ihre kleine Terrasse, um festzustellen, wie heiß es noch war. Die Vorderseite des Hauses ging nach Süden, wodurch die Rückseite am frühen Abend im Schatten lag. Die Temperatur lag noch bei fast 27 Grad, doch es war auszuhalten.

Hinter der Terrasse lag ein kleines eingezäuntes Rasenstück. Nichts Großes, aber es war ihr Garten, und sie liebte ihn. Schnell wischte sie den Metalltisch ab und entstaubte die Stühle, ehe sie Sets, jede Menge Papierservietten und eine aufgeschnittene Limette darauf verteilte. Sie hatte bereits einen grünen Salat zubereitet, um die Kalorien des Brathühnchens auszugleichen. Um kurz nach sechs hörte sie ein Klopfen an der Eingangstür, gefolgt von einer vertrauten Stimme: »Ich bin’s.«

»In der Küche«, rief sie, während sie den Kühlschrank öffnete und zwei Flaschen Bier herausholte. Dos Equis für ihn und ein Corona für sich selbst. Als sie den zweiten Essensbehälter in seiner Hand sah, funkelte sie ihn böse an.

»Was ist?«, wollte er wissen. »Wir haben doch gesagt, ich kaufe Hühnchen.«

Er hielt den großen Kentucky-Fried-Chicken-Becher in die Höhe. »Ich habe Hühnchen gekauft. Das Original, weil du das am liebsten magst.«

»Lenk nicht ab. Ist das was mit Kartoffeln? Die kann ich nicht essen.«

»Doch, das kannst du. Ich habe dich beobachtet. Du hast kein Problem damit, eine Gabel zu benutzen.«

Sie stellte sein Bier auf den Tisch. »Weißt du, wie viele Kalorien dieser Kartoffelbrei hat? Ich bin kein Machosportler.«

Keith lächelte sie ungerührt an. »Selbst wenn, ich wäre immer noch mit dir befreundet.« Er stellte das Essen ab. »Hör auf, dir darüber Gedanken zu machen. Du siehst gut aus.« Er sah sie an. »Jedenfalls soweit man das von außen feststellen kann.«

Sie ignorierte die Bemerkung und weigerte sich, einen Blick hinab auf ihre übergroße Tunika und ihre Schlabberhose zu werfen. »Ich habe es eben gern bequem. In lockerer Kleidung kann ich mich bei der Arbeit freier bewegen.« Sie lief zurück ins Haus, um den Salat zu holen, dann setzte sie sich zu ihm an den Tisch.

Er hatte bereits seinen üblichen Platz eingenommen und öffnete nun beide Essensbehälter. Der Geruch von gebratenem Huhn erinnerte sie daran, dass sie seit dem Mittag nichts mehr gegessen hatte, doch es fühlte sich an, als sei das schon zwei Tage her. Ihr knurrte der Magen, und das Wasser lief ihr im Mund zusammen.

Keith legte ihr eine Hühnerbrust auf den Teller, dann reichte er ihr den Kartoffelbrei. Sie schob Limettenscheiben in beide Bierflaschen. Es waren Gesten der Vertrautheit. Sie fühlten sich wohl miteinander.

Coach Keith Kinne und seine Tochter waren vor fünf Jahren nach Willowbrook gezogen. Damals war er als Football-Coach und Sportdirektor an der Birchly Highschool angestellt worden. Der Staat Washington mochte in Bezug auf Highschool-Football nicht denselben religiösen Eifer an den Tag legen wie Texas, doch der allgemeine Enthusiasmus war dennoch groß, und der ein Meter achtundachtzig große, gut aussehende dunkelhaarige Exprofispieler zog zudem viel weibliche Aufmerksamkeit auf sich.

Ihre jedoch nicht. Hauptsächlich, da sie nichts mit Männern anfing – sie hatte keine Zeit dafür, und außerdem waren die Männer, die sie kennenlernte, nie interessant genug. Als sie einmal beobachtet hatte, wie er von einer leicht aggressiven jungen Englischlehrerin bedrängt wurde, war sie daher dazwischengegangen, um ihn zu retten. So hatte ihre Freundschaft ihren Anfang genommen. Sie verbrachten Zeit miteinander, weil es einfach war und sie einander ergänzten. Er hatte ihr geholfen, als sie sich vor ein paar Jahren ein neues Auto gekauft hatte, und sie ging mit ihm Weihnachtsgeschenke für seine Tochter aussuchen.

»Wieso lächelst du?«, fragte er und nahm sein Bier in die Hand.

»Ich habe nur gerade gedacht, wie nett es ist, dass wir befreundet sind. Stell dir nur vor, wie schräg es gewesen wäre, wenn auch ich dich angebaggert hätte, als du hierhergezogen bist.«

Er runzelte die Stirn. »Sag so was nicht. Wenn du das getan hättest, wären wir jetzt wahrscheinlich keine Freunde. Ich hatte gerade eine Scheidung hinter mir und keinen Nerv auf Komplikationen.«

»Ich bin nicht kompliziert.«

»Aber das wäre es geworden, wenn wir was miteinander gehabt hätten.«

Was, zum Teufel, meinte er damit? »Inwiefern kompliziert?«

»Ach, du weißt schon. So kompliziert, wie es eben zwischen Mann und Frau sein kann.« Er stellte sein Bier ab. »Apropos Mann und Frau: Lissa hat mich auf meine Internetbeziehungen angesprochen.«

»Du hast keine Internetbeziehungen. Du suchst dir Frauen, mit denen du Sex haben kannst.«

Er zuckte zusammen. »Genau das hat sie auch gesagt. Habt ihr etwa hinter meinem Rücken über mich geredet?«

»Ich bitte dich. Wir haben sehr viel interessantere Themen, über die wir reden können.« Sie hatte nie verstanden, was an Gelegenheitssex spannend sein sollte. Er erschien ihr so unpersönlich. Sollte ein so hohes Maß an Intimität nicht im Rahmen einer Beziehung stattfinden? Andernfalls war Sex doch genauso unromantisch, wie wenn jemand einen Furz ließ.

»Sie hat mir gesagt, ich soll mir eine Frau suchen, für die ich mich nicht schäme und die ich ihr vorstellen kann.«

»Das ist doch nett.«

»Bei mir hat das die reinste Panik ausgelöst.«

Ellen grinste. »Das liegt daran, dass mit Beziehungen Gefühle einhergehen, und du magst keine Gefühle.«

»Manche davon mag ich. Zum Beispiel mag ich es zu gewinnen.«

»Gewinnen ist kein Gefühl.«

»Na schön. Ich mag es, wie ich mich fühle, wenn ich gewinne.« Er machte ein selbstzufriedenes Gesicht. »Ich weiß schon, was Gefühle sind.«

»Nein, du tust nur so.« Plötzlich erstarb ihr Lächeln. »Cooper will auf die UCLA

»Bist du sicher? Zu mir hat er gesagt, er will nach Stanford.«

In ihren Ohren klingelte es, ihre Welt geriet in Schieflage. »W…wie bitte? Stanford? Nein, das kann er nicht machen.«

»Wieso nicht? Die haben ein besseres Programm für Ringer. Ich habe mit dem Coach dort gesprochen, und er ist sehr interessiert. Ich bemühe mich gerade, Coop ein Einzeltreffen zu organisieren, wenn wir die Uni besichtigen. Mit seinen Fähigkeiten und Noten hat er gute Chancen, angenommen zu werden.«

»Ich fall gleich in Ohnmacht.«

»Warum denn? Du solltest dich darüber freuen.«

Sie warf ihm einen wütenden Blick zu. »Freuen? Bist du wahnsinnig? Ich kann mir noch nicht mal die UCLA leisten, und das ist eine staatliche Uni. Wie, zum Teufel, soll ich da Stanford bezahlen? Außerdem: Wieso erzählt mir Cooper nichts davon, dass er einen Coach treffen will? So was sollte ich doch wissen.«

»Tief durchatmen«, sagte Keith. »Wenn er nach Stanford geht, kriegst du das schon hin. Dein Gehalt reicht aus für die Studiengebühren. Und wenn er ein Teilstipendium bekommt, kannst du davon seine Unterbringung und Verpflegung bezahlen. Stanford käme dich viel günstiger als die UCLA

Ihre Panik schwand. »Bist du sicher?«

Er sah sie an. »Fragst du mich das allen Ernstes?«

»Tut mir leid. Natürlich bist du dir sicher. Du machst so was ja ständig.« Sie schnitt sich ein Stück von der Hähnchenbrust ab. »Yeah, Stanford vor!«

»Du hast keinen Kontakt zu seinem Vater, oder? Sein Einkommen würde nämlich sonst auch mit einberechnet.«

»Nein, überhaupt keinen«, erklärte sie fröhlich. »Jeremy verschwand, ehe Coop geboren wurde. Ich höre alle fünf oder sechs Jahre kurz mal von ihm, und dann ist er wieder weg. Er hat auf sämtliche Rechte verzichtet und mir nie auch nur einen Penny zukommen lassen.« Sie lächelte. »Das sage ich ohne den geringsten Anflug von Bitterkeit, da mir der Stanford-Traum verdammt gut gefällt.«

Keith grinste. »Du meinst, für eine Summe in Höhe der Studiengebühren bist du käuflich?«

Sie grinste zurück. »Oh, ich bin schon für sehr viel weniger käuflich. Aber weshalb hat er mir nichts davon gesagt, dass er nach Stanford will? Warum hat er Geheimnisse vor mir?«

»Er wächst gerade zum Mann heran. Er braucht seine eigenen Träume und Pläne.«

»Aber ich bin doch seine Mom, und er ist mein kleiner Junge. Mach, dass er aufhört, erwachsen zu werden.«

»Tut mir leid. Das gehört nicht zu meinen Superkräften.«

Sie erinnerte sich noch gut daran, wie es gewesen war, als Cooper jünger war. Sie zwei gegen den Rest der Welt. »Ich vermisse es, der wichtigste Mensch in seinem Leben zu sein, aber du hast recht. Er muss sich seinen eigenen Weg suchen. Welche Unifarben hat Stanford? Ob sie mir wohl stehen werden?«

2. Kapitel

Keith langte nach seinem Bier, ohne sich die Mühe zu machen, seine Belustigung zu verbergen. »Das wird also die Entscheidungsgrundlage sein? Wie du in den Unifarben aussiehst? Weil dir dein Aussehen ja auch sonst so wichtig ist?«

»Hey!« Ellen knüllte ihre Serviette zusammen und warf sie nach ihm. »Es ist mir wichtig. So einigermaßen jedenfalls.«

Keith war mit genügend Frauen zusammen gewesen, um zu wissen, dass er bei diesem Thema nur verlieren konnte. In so ziemlich allen Bereichen hatten Frauen Regeln, die Männer unmöglich durchschauen konnten. Schon oft hatte er gedacht, dass, wenn Ellen auch nur fünf Minuten in ihr Aussehen investieren würde, ihr die Männer in Scharen nachlaufen würden. Doch würde er das erwähnen, wäre er der Buhmann.

Da war zum Beispiel ihre Kleidung. Sie war immer mindestens zwei Nummern zu groß. Selbst wenn sie nicht unterrichtete, trug sie locker sitzende Jeans und übergroße T-Shirts und Pullover. Make-up legte sie nie auf. Und ihr langes, gewelltes dunkles Haar trug sie nie anders als zum Pferdeschwanz zusammengebunden oder zum Zopf geflochten.

Das geht mich gar nichts an, rief er sich in Erinnerung. Ellen war seine Freundin, und was auch immer sie glücklich machte, machte auch ihn glücklich.

»Ich bin mir sicher, dass du in den Stanford-Farben ganz prächtig aussehen wirst«, sagte er.

Sie verdrehte die Augen. »Prächtig? Was Netteres ist dir nicht eingefallen?«

»Nein.«

»Na schön. Erzähl mir von deinem Tag.«

Er nahm sich ein Hühnerbein und legte es sich auf den Teller, dann fügte er noch zwei weitere hinzu. »Ich musste mich schon wieder um ein schwangeres Mädchen kümmern. Warum passiert das immer wieder, und wieso kommen die immer alle zu mir?«

»In umgekehrter Reihenfolge beantwortet: Sie kommen zu dir, weil du der Sache gewachsen bist und die Wahrscheinlichkeit, dass der involvierte Junge ein Sportler ist, sehr hoch ist. Und zu der Frage, weshalb sie schwanger werden – die ist ganz einfach zu beantworten: Männer haben ihr Sperma nicht unter Kontrolle.«

Perplex starrte er sie an. »Wie bitte?«

»Ja, Sperma. Nicht der Sex ist das Problem.« Sie wedelte mit der Bierflasche herum. »Denk mal drüber nach. Frauen können den ganzen Tag Sex haben und nicht schwanger werden. Sie können einen Orgasmus nach dem anderen haben – und nada. Es geht nur um die Ejakulation. Wenn die männliche Hälfte unserer Spezies dafür sorgen würde, dass sie nicht in der Frau stattfindet, gäbe es keine ungewollten Schwangerschaften. Man beschuldigt immer das Mädchen, dabei ist es nicht dafür verantwortlich. Der Junge ist es.«

Obwohl er einen grauenhaften Tag hinter sich hatte, musste Keith leise lachen. »Du hast immer eine einzigartige Sicht auf die Dinge.«

»Ich weiß. Was hast du noch mal gesagt? Ich bin ganz prächtig.«

»Ja, das bist du. Wenn du recht hast, dann ist das System also gegen Frauen ausgerichtet, aber das ändert nichts daran, dass das Ergebnis eine Schwangerschaft ist.«

Mitfühlend sah sie ihn an. »Du machst dir zu viele Sorgen um Lissa.«

»Tu ich das? Wie du gerade erläutert hast, ist sie nur eine unberechenbare Ejakulation davon entfernt, schwanger zu werden.«

»Sie nimmt die Pille.«

»Falls sie sie wirklich nimmt.«

Ellen legte ihm die Hand auf den Unterarm, um ihn zu beruhigen. »Deine Tochter will nicht schwanger werden, Keith. Sie ist ein schlaues Mädchen, und sie verhütet. Außerdem hat sie, soweit ich das beurteilen kann, keinen Freund. Du weißt doch, wie sie ist – wenn sie einen Jungen mag, dann redet sie von nichts anderem mehr. An der Jungs-Mädchen-Front war es bei ihr in letzter Zeit sehr ruhig.«

»Ich hoffe, du hast recht. Die ganze Situation macht mich wahnsinnig.« Lissa war seine Tochter, sie bedeutete ihm die Welt. Er wollte alles in seiner Macht Stehende tun, um ihr Leben perfekt zu machen.

Ellen nahm sich vom Kartoffelbrei. »Wenn wir von unserer Uni-Bustour zurück sind, arbeiten Lissa und ich für den Rest des Sommers zusammen am Obststand. Da werde ich schon herausfinden, was bei ihr so läuft. Bis dahin ist sie noch mit der Schule beschäftigt, und dann sitzt sie bei dir im Bus. Da sollte sie sicher sein. Apropos Bustour – ich glaube, wir haben jetzt so ziemlich alle Details geklärt. Was meinst du?«

»Ich glaube auch. Diese Woche besorge ich die Disneyland-Tickets«, sagte er. »Und die Hotels sind alle gebucht.«

»Guter Mann.«

Er zuckte mit der Schulter. »Ich mach das gern.«

Seit er nach Willowbrook gezogen war, veranstaltete er jedes Jahr für einige seiner Sportler eine Tour zu den Unis an der Westküste. Die Schüler verdienten sich das Schuljahr über Geld für Benzin, Hotelzimmer und Essen. Und Keith machte Termine mit den verschiedenen Unis aus, an denen die Schüler interessiert waren. Die Reisen dauerten jeweils ungefähr zwei Wochen, und es wurden jedes Mal ein paar nette Stopps auf dem Weg eingelegt. Die diesjährige Gruppe hatte beschlossen, dass sie gern einen Nachmittag am Strand von Santa Monica, einen Tag in Disneyland und einen im Monterey-Bay-Aquarium verbringen wollte. Die Teenager hatten genug Geld dafür zusammenbekommen, und Keith ließ sie den Zeitplan aufstellen. Sie würden ein halbes Dutzend Colleges besichtigen, sich die Westküste ansehen, und viele seiner Schüler würden zum ersten Mal den Bundesstaat Washington verlassen.

»Freust du dich auf die Reise?«, fragte er.

Ellen lächelte ihn an. »Freuen ist ein bisschen viel gesagt, aber ich spiele gern die Bus-Mama.«

Es war das erste Mal, dass sie mitfuhr, doch da Cooper dabei war, hatte sie sich freiwillig gemeldet. Und Keith nahm Lissa mit.

»Schade, dass es diesmal nur Jungs sind«, meinte er. »Ich glaube, Lissa hätte gern ein paar Mädels dabeigehabt.«

Es bewarben sich stets mehr Schüler, als er mitnehmen konnte. Jedes Jahr im November veranstaltete er eine Auslosung, bei der zwölf Schüler nach dem Zufallsprinzip ausgewählt wurden. Dieses Jahr hatten beide Schülerinnen, die einen Platz gewonnen hatten, abgesagt.

»Sie wird mich haben«, sagte Ellen. »Und Cooper ist so etwas wie ein Bruder für sie. Außerdem haben alle Jungs Angst vor dir, es wird sie also keiner belästigen.«

»Die sollen sie auch gefälligst haben«, grummelte er. »Wenn ich auch nur einen von ihnen mit meiner Tochter erwische, lasse ich meine Fäuste sprechen.«

Ellen schnalzte mit der Zunge. »Gewalt? Was Besseres fällt dir nicht ein?«

»Wenn es um Lissa geht, nein.«

Sie aßen zu Ende und unterhielten sich danach noch eine Stunde, ehe er ihr beim Abräumen half. Um kurz vor acht begleitete sie ihn zur Haustür.

»Danke fürs Zuhören«, sagte er und umarmte sie.

»Danke für die Info zu Stanford. In dem Wissen, dass ich Coopers Studium womöglich doch bezahlen kann, werde ich heute Nacht sicher besser schlafen.«

Sie sah zu ihm auf, während sie sprach. Wie immer war ihr Pony zu lang, er hing ihr in die großen Augen. Sie sah unfassbar jung aus – so als könnte sie auf keinen Fall einen siebzehnjährigen Sohn haben. Nur war sie eben erst in Lissas Alter gewesen, als sie schwanger wurde.

»Du hast das großartig gemacht mit deinem Jungen«, sagte er.

»Danke. Und du mit deiner Tochter.«

»Ja, aber ich war auch nicht mehr auf der Highschool, als sie geboren wurde. Und ich hatte eine Frau.«

»Ich hatte meine Eltern.«

»Hey, ich versuche gerade, dir ein Kompliment zu machen.«

»Tut mir leid.« Sie lächelte. »Danke, Coach Kinne.«

»Gern geschehen, Miss Fox.«

Sie lachte. »Wir sehen uns morgen.«

»Immer.«

Er ging zu seinem Pritschenwagen. Die Sonne war noch nicht untergegangen. Zu dieser Jahreszeit blieb es unglaublich lange hell im Pazifischen Nordwesten.

Als er sich hinters Steuer setzte, betrachtete er die Doppelhaushälfte, in der Ellen lebte. Sie hatte ihm davon erzählt, dass ihre Eltern ihr – nachdem sie ihr eigenes Heim verkauft und nach Palm Desert gezogen waren, um sich zur Ruhe zu setzen – genug Geld für die Anzahlung eines Hauses überlassen hatten. Sie hatte sie beeindruckt, indem sie sich gleich ein Doppelhaus gekauft hatte, das ihr stetige Mieteinnahmen sicherte, sodass sie den Kredit leichter abbezahlen konnte.

Zwar hatte sie ihm gestanden, dass ihr ein Einfamilienhaus lieber gewesen wäre, doch ihr sei klar gewesen, dass ein Doppelhaus die bessere Entscheidung sei. So war Ellen – sie war stets vernünftig und tat das Richtige. Und sie war eine gute Freundin, eine, auf die er zählen konnte. In vielerlei Hinsicht war seine Beziehung zu Ellen – die zu Lissa nicht mitgezählt – die beste, die er je gehabt hatte.

»Peter, mein Jüngster, hat gestern Abend angerufen«, sagte Howard, während er seinen Werkzeugkasten überprüfte. »Seine Scheidung ist jetzt durch. Vielleicht würdest du ihn gern mal kennenlernen.«

Unity Leandre starrte auf die große Tafel, die an ihrer Garagenwand angebracht war. Sie war in fünf Spalten unterteilt, eine für jeden Wochentag. Die Aufträge waren an dem Tag eingeschrieben, an dem sie erledigt werden sollten, daneben stand, wann sie eingegangen waren. Jeden Morgen besprach sie sich mit ihrem Team und entschied, wer was übernehmen würde und wie lange das dauern sollte.

»Sie will nicht mit Peter ausgehen«, sagte Jerry. »Wie alt ist er? Über vierzig, oder?«

»Fünfundvierzig.«

»Das ist zu alt für sie. Wie alt bist du, Unity?«

»Vierunddreißig.«

»Siehst du?« Jerry klang triumphierend. »Das ist ein zu großer Altersunterschied. Außerdem lebt Peter in Bellingham. Die Fahrt würde mindestens drei Stunden dauern, vielleicht sogar vier.«

»Aber er ist ein guter Mann«, insistierte Howard. »Und Unternehmer.«

»Er besitzt einen Rasenmähservice.«

»Es ist ein Landschaftsbauunternehmen. Sie hätten viele Gemeinsamkeiten.«

Jerry stieß einen missbilligenden Laut aus. »Lass das Mädel in Ruhe. Unity wird schon ganz allein den Richtigen finden. Da kann sie es gar nicht gebrauchen, dass wir uns in ihre Angelegenheiten einmischen.«

»Ich mische mich nicht ein, ich biete nur meine Hilfe an. Unity, mische ich mich etwa ein?«

Unity schrieb Howards Initialen neben den verstopften Abfluss und Jerrys neben die neue Duscharmatur.

Erst dann wandte sie sich den beiden über siebzigjährigen Männern zu, die für sie arbeiteten – in Teilzeit natürlich. Denn Rentner zu sein bedeutete nicht, dass man nicht beschäftigt sein wollte. Das war etwas, das sie in den vergangenen drei Jahren gelernt hatte. Natürlich waren sie manchmal weniger schnell als die Jüngeren, dafür jedoch geschickt, umsichtig und gründlich. Es war ihr lieber, ein Auftrag dauerte ein wenig länger, wurde dafür aber gut ausgeführt. Außerdem lebten die meisten ihrer Kunden in der Rentnersiedlung von Silver Pines, und dort hatte man gern Handwerker eines gewissen Alters um sich. Was Howards Jüngsten und dessen kürzlich vollzogene Scheidung betraf – dazu war ihre Antwort ein klares Nein.

Sie lächelte. »Du mischst dich nicht ein, Howard, aber ich bin trotzdem nicht interessiert.«

»Du kennst ihn doch gar nicht. Was, wenn er alles zu bieten hat, was du dir wünschst?«

Unity schüttelte den Kopf. Etwas über drei Jahre nach Stuarts Tod war sie immer noch nicht im Geringsten daran interessiert, einen Ersatz für ihn zu finden.

»Ich bin mir sicher, dass er ein ganz wunderbarer Mann ist«, sagte sie freundlich. »Nur nicht für mich.«

»Weil er zu alt ist, oder?«, fragte Jerry hoffnungsvoll. Er wandte sich Howard zu. »Ich hab dir doch gesagt, du sollst aufhören, dich einzumischen.«

Die beiden Männer waren die dicksten Freunde. Sie hatten beide graues Haar, ein runzeliges Gesicht und einen leichten Bierbauchansatz. Howard war ein bisschen größer, aber immer noch kleiner als Unity. Sie war einen Meter neunundsiebzig groß und, wie mehr als eine der alten Damen in der Rentnersiedlung bemerkt hatte, eine toughe Frau. Sie war breitschultrig und robust. Auf der Highschool war sie Teil des Schwimmteams gewesen und hätte es beinahe bis zur Landesmeisterschaft geschafft. Inzwischen brachte ihr Job das nötige Training mit sich. Ständig musste sie sich recken und strecken, etwas heben oder ziehen. Sie mochte nicht dem klassischen Schönheitsideal entsprechen, wie es in den Medien propagiert wurde, doch das war ihr egal. Stuart hatte sie hübsch gefunden, und das genügte ihr.

Sie schrieb die Adressen der Auftraggeber auf zwei Zettel und reichte sie den Männern. »Bitte schreibt euch auf, wie viel Zeit und Ersatzteile ihr gebraucht habt«, sagte sie. »Ich fahre heute Vormittag zu Dagmar, um ihr zu helfen. Ihr könnt mich auf dem Handy erreichen, wenn ihr mich braucht.«

Jerry wedelte mit dem Zettel. »Wenn du dir ein richtiges Handy besorgen würdest, könntest du uns die Adresse per Nachricht schicken. Und du könntest dir eine dieser Apps runterladen, mit denen du unsere Arbeitsstunden und die Ersatzteile, die wir benutzen, festhalten könntest. Papier ist so was von zwanzigstes Jahrhundert.«

Howard rollte mit den Augen. »Nur weil er einen E-Reader besitzt, denkt er, er weiß total Bescheid.«

»Ich liebe mein Klapphandy.« Unity klopfte auf die Gesäßtasche ihrer Jeans. »Es ist verlässlich, und der Akku hält ewig.«

»Das liegt daran, dass man mit deinem Handy überhaupt nichts machen kann«, grummelte Jerry. »Öffne dich der Technologie. Wenn wir sterben, wirst du uns durch Roboter ersetzen.«

»Ganz sicher nicht.« Unity lächelte die beiden an. »Und bitte sterbt nicht.«

»Irgendwann wird es wohl so weit sein«, sagte Howard fröhlich. »Bis später, Unity.«

Die Männer gingen und sprachen noch kurz auf dem Bürgersteig miteinander, ehe sie in ihre Autos stiegen. Unity überprüfte noch einmal, dass sie sämtliche Nachrichten auf dem Anrufbeantworter abgehört hatte, dann überflog sie ihren Terminkalender, um sicherzugehen, dass die Aufträge für diese Woche alle auf die Tafel übertragen worden waren. Alte Schule, dachte sie. Aber dafür einfach und zuverlässig. Mit Technik hatte sie nicht viel am Hut.

Nachdem sie das Garagentor geschlossen hatte, ging sie noch einmal durch das Haus, um nachzusehen, ob die Hintertür verriegelt war. Im Flur blieb sie neben dem Hochzeitsbild stehen, das eine Woche nach ihrem Highschool-Abschluss aufgenommen worden war. Stuart und ich waren noch so jung, dachte sie voller Sehnsucht und strich sanft über die Glasscheibe, die das Foto schützte. Doch sie waren verliebt gewesen – und so sicher, dass sie für immer zusammenbleiben würden.

Das vertraute Gefühl von Traurigkeit geriet einen Moment in den Hintergrund, als ihr Blick auf die kleinen Glasperlen auf ihrem Hochzeitskleid fiel. Es waren Hunderte davon, alle mit der Hand angenäht. Sie musste es wissen – Ellen und sie hatten unzählige Stunden damit verbracht, das preiswerte Kleid zu schmücken, da sie sich kein teureres leisten konnte. Gern hätte sie das perlenbesetzte gekauft, doch das hätte ihr Budget um das Doppelte überstiegen. So hatte sie das günstigere bestellt, das Geschäft jedoch unter Tränen verlassen.

Am nächsten Tag ließ Ellen eine kleine, schwere Kiste auf Unitys Bett fallen. Sie enthielt lauter kleine Plastiktütchen, die mit wunderschönen schimmernden Glasperlen gefüllt waren.

»Daran werden wir bis zur Hochzeit sitzen«, erklärte ihre Freundin ihr. »Aber du wirst das perfekte Kleid haben, wenn du Stuart heiratest.«

Das ist typisch Ellen, dachte Unity. Sie zeigte ihre Liebe gern, statt nur darüber zu reden. Von April bis Ende Juni jenes Jahres hatte Ellen ihre Zuneigung zu ihr unter Beweis gestellt, indem sie stundenlang für sie genäht hatte, und am Ende hatte Unity Stuart geheiratet … und dabei das Kleid ihrer Träume getragen.

Ihr Blick fiel auf das Gesicht ihres verstorbenen Ehemanns – sie erinnerte sich noch an alles, was an jenem Tag geschehen war. Sie hatten sich so sehr gefreut zu heiraten. Es war ein magischer Tag gewesen, wenn auch nicht der beste. Mit ihm hatte es nicht den einen besten Tag gegeben – das war schlicht unmöglich. Dafür waren sie alle viel zu gut gewesen.

Und das sind genau die Gedanken, die dir nicht weiterhelfen, rief sie sich in Erinnerung, als der Verlustschmerz wieder einsetzte. Außerdem wartete Dagmar auf sie, und Dagmar war nicht der Typ, der es gut aufnahm, wenn man zu spät kam.

Unity fuhr die knapp fünf Kilometer zum »Village in Silver Pines«, auch bekannt als einfach nur »Silver Pines«, und wurde vom Wachmann am Eingangstor durchgewunken.

Silver Pines war die größte Rentnersiedlung im Pazifischen Nordwesten. Es gab dort Ein- und Mehrfamilienhäuser, einen Golfplatz, mehrere Clubhäuser, drei Restaurants, ein Fitnessstudio, zwei Schwimmbäder, Tennis- und Pickleball-Plätze sowie einen Supermarkt. Weiter hinten auf dem mehrere Hektar großen Gelände befanden sich die Selbstversorgerwohnungen, Wohnungen für betreutes Wohnen, ein Pflegeheim für Demenz- und Alzheimerpatienten, eine Reha-Klinik und ein ambulantes Zentrum für chirurgische Behandlungen.

In der Siedlung fanden wöchentliche Flohmärkte, Kinoabende und alle möglichen anderen Veranstaltungen statt. Das Seniorenzentrum, das im größten der Clubhäuser untergebracht war, war auch der breiten Öffentlichkeit zugänglich.

Unity hatte Silver Pines und das Zentrum entdeckt, als sie vor drei Jahren hierher zurückgezogen war. Damals hatte sie beschlossen, mit Stricken anzufangen, und das Seniorenzentrum hatte einen entsprechenden Kurs im Angebot. Sie genoss die nette Gesellschaft dort so sehr, dass sie dem Pickleball-Verein beitrat und regelmäßig an Veranstaltungen teilnahm. Mit Ausnahme von Ellen waren nun alle ihre Freunde über fünfundsechzig.

Sie fuhr durch ruhige, gepflegte Straßen. Die Genossenschaft kümmerte sich um sämtliche Vorgärten und nahm den Bewohnern so alle Sorgen ab. Unity lächelte. Vielleicht sollte Howard seinem Sohn von der vielen Arbeit erzählen, die sein Rasenmähunternehmen hier hätte. Nicht, dass sie interessiert an ihm wäre. Zu viele ihrer Freunde hatten bereits versucht, sie zu verkuppeln. Sie mochten Unity und wollten sie »glücklich sehen«. Wenn sie versuchte, ihnen zu erklären, dass das mit Stuart erst drei Jahre her und sie alles andere als über ihn hinweg war, sagten sie zu ihr, sie solle nicht ständig in Erinnerungen schwelgen. Als ob sie darüber entscheiden könnte, wie viel Trauer sie empfand. Außerdem versuchte sie ihnen zu erklären, dass sie eine wunderbare Ehe gehabt habe und keine zweite brauche, aber auch das funktionierte nicht. Nur Ellen ließ sie in Frieden.

Unity bog in eine Seitenstraße ein und von dort in eine weitere, ehe sie vor einem kleinen Bungalow stehen blieb. Das Haus verfügte über zwei Schlafzimmer und zwei Bäder – es hatte etwa hundertzehn Quadratmeter. Leider war Betty, seine Bewohnerin, in der Woche zuvor hingefallen und hatte sich die Hüfte gebrochen, weshalb sie ins betreute Wohnen übersiedeln würde.

Bettys Heim, das bald schon ihr ehemaliges Heim sein würde, verfügte wie alle anderen hier nur über eine ebenerdige Etage, Treppen gab es keine. Der Weg von der Straße zur dunkelblauen Eingangstür war leicht abschüssig. Nirgendwo gab es auch nur eine einzige Stufe. Die Türrahmen waren breit genug, um einen Rollstuhl hindurchzulassen, der Innenausbau war hochwertig. Es gab mehrere Häusergrundrisse in der Siedlung, und dieser hier war einer von Unitys Favoriten.

Dagmar wartete bereits an der Eingangstür auf sie. »Da bist du ja. Gut. Dann können wir gleich anfangen. Ich habe Betty gestern besucht, und sie hat mir eine Liste aller Dinge gegeben, die wir für sie einpacken sollen. Die Umzugsleute kommen morgen früh und kümmern sich um den Rest.«

Dagmar, eine über siebzigjährige ehemalige Bibliothekarin, verfügte über die Energie eines brodelnden Vulkans. Sie trug ihr glattes Haar zu einem kinnlangen Bob geschnitten, dessen Farbe variierte – manchmal erheblich. Momentan war ihr schwingendes glänzendes Haar kastanienbraun mit einer einzelnen violetten Strähne auf der linken Seite. Ihre Kleidung spiegelte ihre Persönlichkeit wider – lebhafte Farben und Aufdrucke rangen um die Aufmerksamkeit des Betrachters. Es konnte ebenso gut passieren, dass sie in einem Kaftan in Hawaiimuster auftauchte wie in Reithosen oder einem Stierkämpfer-Bolero.

Heute trug sie einen wadenlangen Wickelrock mit aufgedruckten Ballontieren. Ihr Twinset griff das Limettengrün eines der Ballons auf und wirkte recht konservativ, bis sie sich umdrehte und Unity eine Paillettenversion des Zungenlogos der Rolling Stones auf ihrem Rücken erblickte. Wie immer hatte Dagmar eine Lesebrille auf dem Kopf sitzen.

»Lass uns im Schlafzimmer anfangen. Alles, was wir dort einpacken sollen, sind ihre ›Unaussprechlichen‹.« Dagmar grinste ihr über die Schulter zu, während sie sie durch das fröhlich eingerichtete Wohnzimmer in den kurzen Flur führte. »Genau das Wort hat sie benutzt. Ihre ›Unaussprechlichen‹. Wo sind wir hier bitte? Am Set von Little Women? Ich hab ihr gesagt, solange sie keine pelzbesetzten Stringtangas besitzt, ist das den Umzugsleuten herzlich egal, aber du weißt ja, wie Betty ist.«

Unity war Dagmars wirbelwindartiges, zupackendes Auftreten gewohnt. Als sie zum ersten Mal zum Strickkurs nach Silver Pines gekommen war, hatte Dagmar sie sofort in Beschlag genommen. Innerhalb von zwei Minuten kannte sie so ziemlich die ganze Lebensgeschichte Unitys. Am Ende des fünfzigminütigen Kurses hatte sie Unity allen anderen Teilnehmern vorgestellt und sie zu einem Abendessen, zu dem jeder etwas mitbrachte, und einem Pickleball-Spiel eingeladen. Seitdem waren sie Freundinnen.

»Ich habe gestern schon ihre Medikamente eingepackt«, sagte Dagmar und deutete auf das Badezimmer. »Ich verstecke sie bei mir, bis sie aus der Reha kommt. Du weißt ja, dass die Ärzte dort immer alles durcheinanderwirbeln und sie Wochen brauchen wird, um wieder in ihren alten Trott zu kommen. So haben wir noch einen Vorrat und können dann schauen, was sie braucht.«

»Weil Selbstmedikation immer die richtige Lösung ist?«, fragte Unity ironisch.

»In unserem Alter manchmal schon.« Dagmar deutete auf die Rolle Packpapier auf dem Bett. »Während ich ihren Mädchenkram einpacke, machst du dich an ihre Swarovski-Sammlung. Um die hat sie am meisten Angst. Um ihre Glastiere – und ihre Bilder natürlich.« Dagmars Lächeln erstarb. »In der neuen Wohnung wird sie nicht genug Platz haben, um sie aufzuhängen. Ich habe daher gedacht, dass ich sie alle in ein Fotoalbum für sie klebe.«

Ehe Unity irgendetwas erwidern konnte, deutete Dagmar auf das Papier. »Zack, zack. Ich habe heute Nachmittag Bridge und bin mir sicher, dass du auch noch genügend Arbeit vor dir hast.«

»Jawoll, Ma’am.«

Unity nahm ihr die herrischen Anweisungen nicht übel – das war einfach Dagmars Art. Sie rollte das Papier auf, dann ging sie durch das kleine Haus und sammelte alle Kristalltiere in einer stabilen Kiste.

Betty hatte sie natürlich in ihrem Vitrinenschrank stehen, aber auch auf Wandregalen im Wohnzimmer und im Fernsehzimmer. Während Unity Kristallschwäne, – frösche, – hunde und – vögel einsammelte, sah sie sich in den verschiedenen Zimmern um. Die Küche war erst kürzlich neu gestaltet worden – mit Arbeitsplatten aus Quarzstein und Edelstahlarmaturen. Es war jede Menge Stauraum vorhanden, und vor der Küche lag eine Terrasse, auf der Platz für einen Tisch und Stühle war, ebenso wie für einen Grill.

Die Gegend war ruhig. Und sicher, dachte sie, während sie vorsichtig die Kristallfiguren einwickelte und sie in die Kiste legte.

Ein paar Minuten später erschien Dagmar mit einer leeren Box und einem Stapel gerahmter Fotos unter dem Arm. Betty war in den späten 1940ern und den frühen 1950ern Backgroundtänzerin in Hollywood-Musicals gewesen.

»Sie war eine schöne Frau«, sagte Dagmar und hielt ein Foto hoch, auf dem eine sehr junge Betty in einem knappen Kostüm und mit Federschmuck auf dem Kopf zu sehen war.

»Ja, das war sie. Was für ein aufregendes Leben.«

»Und sie hatte Mut.« Dagmar seufzte. »Den hatte ich nie. Die gesamte Highschool über habe ich tanzen gelernt. Ich wollte nach New York abhauen und eine Rockette werden.« Sie lächelte. »Damals musste man noch nicht so groß sein, ich hatte so gerade eben die geforderte Länge. Doch meine Eltern waren strikt dagegen, und ich hatte zu viel Angst, um es allein durchzuziehen. Also ging ich studieren und machte meinen Abschluss in Bibliothekswissenschaften.«

»Du hast doch ein ziemlich interessantes Leben geführt«, warf Unity ein.

»Nein, meine Liebe. Aber ich habe interessante Männer geheiratet, wenigstens das.«

»Das hier ist ein sehr schönes Haus.« Unity packte weiter. »Die Zimmer haben alle eine gute Größe.«

Dagmar verengte ihre braunen Augen zu Schlitzen. »Um Himmels willen! Sag mir nicht, dass du überlegst, hier einzuziehen.«

»Was? Nein, natürlich nicht. Ich war nur noch nie vorher in Bettys Haus.«

Dagmar stützte die Hände in die Hüften. »Wie alt bist du? Zweiunddreißig?«

»Vierunddreißig.«

»Wie auch immer, du bist noch ein richtiges Baby. Jemand wie du sollte nicht mit Häusern in einer Siedlung für alte Menschen liebäugeln. Du bist auch so schon viel zu oft hier. Nicht, dass ich nicht liebend gern Zeit mit dir verbringe, aber eigentlich solltest du mit Leuten deines Alters zusammen sein.«

»Das bin ich auch. Ständig.«

Dagmar zog die Augenbrauen hoch. »Wirklich? Bevor oder nachdem du zu dem Seniorenkurs kommst, zu dem du dich diesmal angemeldet hast?«

Unity versuchte, nicht in die Defensive zu gehen. »Die Kurse sind allen zugänglich.«

»Ja, aber du bist eine der wenigen, die das Angebot nutzen, obwohl sie noch keine Rente bekommen.«

»Ich bin eben schlau.«

»Trotzdem mache ich mir Sorgen um dich, Unity. Es ist jetzt drei Jahre her. Meinst du nicht, es ist an der Zeit, wieder mehr zu wollen, als du gerade hast?«

»Nein.«

Dagmar seufzte. »Vielleicht willst du noch mal kurz darüber nachdenken, ehe du antwortest.«

»Wieso? Ich mag mein Leben. Ich habe meine Freunde und mein Geschäft.«

»Ja, du hast all das, aber was ist mit einem Mann?«

»Ich habe schon einen Mann gehabt. Dagmar, lass es bitte.«

»Das kann ich nicht. Du hattest eine wundervolle Ehe, und dann ist Stuart gestorben, das ist alles sehr traurig, aber irgendwann musst du wieder nach vorn schauen. Triff dich wieder mit Männern. Hast du darüber überhaupt mal nachgedacht?«

»Seit du das letzte Mal gefragt hast? Nicht wirklich.«

Unity gab sich Mühe, weiter freundlich zu klingen. Sie mochte diese Art der Befragung nicht. Nein, sie hatte nicht darüber nachgedacht, sich mal wieder mit Männern zu treffen. Sie war mit Stuart verheiratet gewesen, und das war genug. Einen Monat nach ihrer Hochzeit war er zur Grundausbildung gefahren. Sie war dann zu ihm gezogen, als er einem Militärstützpunkt in Colorado zugewiesen wurde.

So hatte ihr ganzes gemeinsames Leben ausgesehen. Zu welchem Stützpunkt auch immer er geschickt wurde, sie hatte dort ein Zuhause für sie beide geschaffen. Wenn er Urlaub hatte, waren sie zusammen gereist. Wenn seine Arbeit ihn ins Ausland führte, hatte sie darauf gewartet, dass er zu ihr zurückkam. Mit Stuart verheiratet zu sein war alles, was sie kannte. Drei Jahre nach seinem Tod wusste sie immer noch nicht, wie sie etwas anderes sein sollte als seine Frau. Selbst ihr Handwerkerunternehmen war aus ihrem Leben mit Stuart heraus entstanden. Jetzt brachte es ihr das nötige Geld zum Leben ein und hielt sie tagsüber beschäftigt.

Eigentlich hätte es auch Kinder geben sollen, aber damit wollten sie warten, bis sie beide dreißig waren. Doch dann war seine Mutter gestorben, also hatten sie ein weiteres Jahr gewartet. Und dann war Stuart umgekommen.

»Tut mir leid«, sagte Dagmar überraschend und zog Unity an sich. »Ich übe Druck auf dich aus, und das ist nie gut. Mir fällt es nur so schwer, dabei zuzusehen, wie du dein Leben verschwendest, indem du mit ein paar alten Knackern mit grauem Star und Besenreisern rumhängst. Du solltest mit jungen Leuten zusammen sein, solltest ausgehen und dich amüsieren.«

»Ich amüsiere mich mit dir.«

Dagmar ließ sie los und lächelte. »Ja, ich bin eine Spaßkanone, oder? Ich freue mich zwar über das Kompliment, aber ich dachte eigentlich mehr an Sex. Schätzchen, du brauchst dringend einen Mann.«

»Und ich dachte mehr daran, meinen Pony schneiden zu lassen.«

»Wie traurig. Na schön, junge Dame. Noch eine letzte Runde durchs Haus, damit wir auch ja keine alberne Kristallfigur übersehen. Obwohl, ich sollte lieber ganz still sein. Schließlich ist mein Haus ein Schrein für Thomas-Kinkade-Werke. Ich kann nicht anders, seine Kunst berührt mich einfach. Außerdem fehlt es mir bei den vielen Haushaltsauflösungen hier nie an Nachschub.«

Unity wanderte noch einmal durch Bettys Zuhause. Für den Moment war sie zufrieden damit, in Stuarts ehemaligem Haus zu leben, in dem sie von vielen Erinnerungen an ihn umgeben war. Das Vertraute hatte etwas Tröstliches. In einundzwanzig Jahren jedoch würde sie nach Silver Pines ziehen dürfen – und war das nicht etwas, worauf sie sich freuen konnte?

3. Kapitel

Das Gekreische, Gelächter und Geschrei war lauter als sonst, als sich der letzte Schultag dem Ende zuneigte. Ellen saß an ihrem Schreibtisch und dachte darüber nach, dass ihre Schüler wohl schockiert wären zu erfahren, dass Miss Fox sich genauso darüber freute, den Sommer über frei zu haben, wie sie. Doch während sie jetzt schon befreit waren, hatte sie noch Abschlussprüfungen zu Ende zu benoten.

Ach, wenn mein Fach sich doch nur für Multiple-Choice-Tests eignen würde, dachte sie sehnsüchtig, als sie den dicken Blätterstapel beäugte, durch den sie sich noch kämpfen musste. Doch in ihren Prüfungen wurde ein Teil der Punkte dafür vergeben, dass die Ergebnisse korrekt hergeleitet wurden, daher musste jede Bleistiftnotiz auf ihren potenziellen Wert für das Endergebnis hin überprüft werden. Sie nahm die oberste Arbeit vom Stapel, entfernte die Kappe ihres extradünnen Rotstifts und machte sich an die Arbeit.

Zwei Stunden und dreiunddreißig Minuten später hatte sie leichte Kopfschmerzen und etwas wundgeschriebene Finger, doch sie war fertig. Sie gab die Noten in den Computer ein und drückte voller Freude auf den Sende-Button.

»Ich bin durch«, rief sie, trampelte mit den Füßen auf den Boden und warf die Arme in die Luft.

Ihren Schreibtisch hatte sie bereits ausgeräumt und musste daher nur noch ein paar persönliche Gegenstände einsammeln, ehe sie ein letztes Mal durch den Klassenraum ging, um sicherzustellen, dass niemand etwas vergessen hatte.

Es war schon fast fünf, und in der Schule war es ruhig. Sie schloss ihren Klassenraum ab, dann machte sie sich auf den Weg zu ihrem Auto. Dort würde sie ihre Sachen verstauen und dann noch einmal nach Coop sehen, ehe sie nach Hause fuhr. Sie wollte ihre To-do-Liste für die bevorstehende Busreise weiter abarbeiten, aber erst würde sie zur Feier des Tages etwas zu essen holen. Was genau, hing davon ab, ob sie allein oder mit Coop – oder auch Coop und Luka – zu Abend essen würde.

Sie packte alles in den Kofferraum, dann ging sie zur Sporthalle hinüber. Cooper und Luka trainierten im Kraftraum, wie immer. Sie waren besessen von ihren Muskeln, und die Ernsthaftigkeit, mit der sie an das Ganze herangingen, brachte sie zum Kichern. Nicht, dass sie ihnen das jemals zeigen würde – sie wären entsetzt bei dem Gedanken, nicht als durch und durch männliche Kerle wahrgenommen zu werden.

Sie bog um eine Ecke und nahm aus dem Augenwinkel eine Spiegelung wahr. Als sie genauer hinsah, stellte sie fest, dass sie von der verspiegelten Rückwand der Trophäenvitrine herrührte.

Es war einer der Momente, in denen man nicht erwartet, sich selbst zu sehen, und sich eine Mikrosekunde lang fragt: »Wer ist das denn?«, nur um festzustellen, dass man es selbst ist. In diesem kurzen Augenblick der Unklarheit erblickte sie das Bild einer unscheinbaren Person, die in viel zu großen Kleidern verschwand.

Ellen blieb stehen und starrte sich an. Sie trug ein lockeres T-Shirt im Tunikastil, das ihr bis zur Mitte der Oberschenkel reichte. Ihre Schlupfhose schlabberte beim Gehen. Und die dunklen Farben waren auch nicht gerade schmeichelhaft.

Ihre Wangen glühten, auch wenn sie nicht hätte sagen können, weshalb sie beschämt war. Na und? Dann war sie eben kein Modefreak – ein guter Mensch war sie trotzdem.

Sie erinnerte sich an Keiths Kommentar bei ihrem Abendessen letzte Woche – dass niemand sehen könne, ob sie zugenommen hatte oder nicht, weil ihre Kleidung so weit geschnitten sei. Das ist einfach mein Ding, sagte sie sich. Schließlich hatte sie sich immer schon so gekleidet, oder etwa nicht?

Ellen starrte sich weiter an, während sie an den Sommer zurückdachte, bevor sie ihre erste Stelle als Lehrerin angetreten hatte. Das Geld war wie immer knapp gewesen, und sie hatte Kleider gebraucht, die sie zur Arbeit anziehen konnte. Also war sie zu einem netten Secondhandladen außerhalb Seattles gefahren, in dem sie einige wundervolle, qualitativ hochwertige Outfits zu Traumpreisen gefunden hatte. Das einzige Problem war, dass sie zwei Nummern zu groß waren.

Da sie aber dringend eine neue Garderobe benötigte und ihr Budget wie gesagt sehr begrenzt war, kaufte sie eben die und zog sie seitdem auch an. Seltsam, dass ihr selbst so viele Jahre später nie die Idee gekommen war, Kleidung zu tragen, die ihr tatsächlich passte.

Schnell schob sie den Gedanken beiseite und machte sich auf den Weg in den Kraftraum. Als sie näher kam, hörte sie Stimmen. Cooper war da, ebenso wie Luka. Sie blieb neben der Tür stehen, da sie nicht so oft die Gelegenheit bekam zu lauschen und sie wohl keine echte Mutter wäre, wenn sie solch eine Gelegenheit nicht ausnutzen würde.

»Ich hab keinen Grund zu fahren«, sagte Coop und klang niedergeschlagen. »Ich sollte einfach zu Hause bleiben und mir einen Job suchen.«

Zu fahren? Wohin?

»Du musst einfach mit auf die Bustour«, sagte Luka. »Willst du denn nicht Stanford sehen?«

»Wieso? Ich kann sowieso nicht studieren. Jedenfalls nicht so weit weg.«

Ellen presste sich die Hand auf den Mund, damit ihr kein Schrei entschlüpfte. Nicht studieren? Wo kam das denn jetzt her? Sie hatten immer darüber gesprochen, dass er zum Studium weggehen würde. Das war es, was er wollte.

»Coop, komm schon. Sag so was nicht.«

»Du weißt, dass ich sie nicht alleinlassen kann. Sie braucht mich.«

Nein, nein, nein! Ellen kämpfte gegen ihre Panik an. Wer brauchte ihn? Sie wusste ja nicht mal, dass Coop eine Freundin hatte. Welches Biest hatte ihn in die Falle gelockt?

Ihr wurde eiskalt, als das Undenkbare sich einen Weg in ihr Gehirn bahnte. Was, wenn irgendein Mädchen von ihm schwanger war? Das passierte gerade ständig.

Sie schloss die Augen. Nein, das konnte es nicht sein. Schließlich hatte sie stundenlang mit ihm über Verhütung gesprochen und kaufte ihm Kondome. Auch erinnerte sie ihn ständig daran, wie schwer es für sie zwei allein gewesen war und dass ein Kondom ihn vor ungewollten Schwangerschaften und sexuell übertragbaren Krankheiten schützte. Hatte er etwa nicht zugehört?

»Du kennst sie«, fuhr Coop fort. »Du weißt, was für eine enge Beziehung wir haben. Sie ist auf mich angewiesen. Ohne mich kommt sie nicht klar.«

Wer? Am liebsten hätte Ellen die Frage laut hinausgeschrien. Sie ging die Liste der Mädchen durch, von denen sie wusste, dass ihr Sohn mit ihnen abhing, und versuchte herauszufinden, welche ihn davon abhielt, sein Leben zu leben. Wusste Keith davon? Nein, er hätte ihr davon erzählt. Vielleicht sollte sie mit Lissa sprechen. Oder …

»Das ist kein Grund hierzubleiben«, redete Luka ihm gut zu. »Du willst doch woanders studieren.«

»Ich kann nicht, Luka. Ich kann einfach nicht. Sie ist meine Mom, und sie braucht mich.«

Ellen sackte gegen die Wand. Es fühlte sich an, als würde sämtliche Luft aus ihren Lungen weichen. Statt kalt war ihr nun plötzlich ganz heiß, während sie gegen die unmögliche Wahrheit ankämpfte. Die Person, von der er sprach, war sie selbst?

»Wir waren immer schon ein Team«, sagte Coop. »Ich bin ihr Leben. Sie trifft sich nicht mit Männern. Ich bin siebzehn Jahre alt, und meine Mom hatte mein ganzes Leben lang noch nie ein Date.«

»Kein einziges?«

»Nein. Sie geht abends nie aus, es sei denn, um mit Unity oder Coach Kinne abzuhängen. Sie tut nichts anderes, als zu arbeiten und sich um mich zu kümmern. Wie kann ich sie da alleinlassen? Wer wird sich um sie kümmern?«

Erneut packte sie blankes Entsetzen, aber diesmal war es mit Verwirrung und Scham vermischt. Wie konnte ihr Sohn nur so etwas denken? Sie kam sehr gut allein zurecht. Sie hatte ihn großgezogen, ein Studium abgeschlossen und sich einen guten Job besorgt. Sie hatte es nicht nötig, dass ihr Sohn sich um sie kümmerte. Wie kam er darauf, dass er das Einzige war, was sie hatte? Sie hatte durchaus auch ein eigenes Leben.

Ohne nachzudenken, begann sie sich von der Tür zu entfernen. Sie zog sich in den Flur zurück, dann stand sie einen Moment einfach nur da und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen.

Das Ganze ist einfach nur ein Missverständnis, sagte sie sich. Coop schätzte die Situation völlig falsch ein. Selbstverständlich hatte sie ein eigenes Leben, und sie würde schon damit klarkommen, wenn er weg war. Weshalb sollte sie das auch nicht? Sie war absolut in der Lage, allein zu leben, das musste ihm doch klar sein. Er war frei, sein Leben zu leben – ein eigenständiger Mensch zu werden. Und das wünschte sie sich natürlich auch für ihn, doch genauso wichtig war ihr, dass er keinen Groll auf sie entwickelte, wie sie ihn ihren Eltern gegenüber gehegt hatte.

Sie würde sich nur kurz sammeln und dann in den Kraftraum gehen. Sie würde ihn fragen, wie seine Pläne für den Abend aussahen, dann nach Hause fahren und … und … Nun ja, sie wusste nicht, was sie tun würde, doch es würde etwas Aufregendes sein, etwas, das Spaß machte. Denn natürlich hatte sie Dinge zu tun. Dass sie nicht mit Männern ausging, bedeutete rein gar nichts. Es gab viele Menschen, die keine Dates hatten. Ihr ging es total gut, sie war glücklich und lebte ihren Traum. Ja, so war es. Ganz sicher.

Unity schraubte den neuen Wasserhahn fest. Dann drehte sie ihn auf, um festzustellen, ob unter dem Waschbecken alles dicht war. Als sie sicher war, dass alles einwandfrei funktionierte, sammelte sie ihr Werkzeug ein, legte die alte Armatur in den Karton, in dem die neue geliefert worden war, und wischte die Küchentheke sauber. Erst dann ging sie hinüber zu Mr. Sweetman, der in seinem Sessel saß und Fernsehen schaute.

»Ich bin fertig«, sagte sie mit erhobener Stimme, damit der über achtzigjährige Herr sie trotz der voll aufgedrehten Gerichtssendung hörte.

Mr. Sweetman, der ebenso liebenswürdig war, wie sein Name andeutete, sah auf und lächelte. »Sie sind fertig?«

»Ja.«

Er nickte und erhob sich in einem derartigen Zeitlupentempo, dass es wehtat, ihm dabei zuzusehen. Als Unity den Anblick nicht mehr ertragen konnte, packte sie ihn an beiden Unterarmen und zog ihn hoch, bis er endlich stand.

Sie passte sich den langsamen Schritten an, mit denen er in Richtung Küche schlurfte, und präsentierte ihm, endlich dort angekommen, den neuen Wasserhahn.

»Wenn Sie auf diesen Knopf drücken, wechseln Sie vom normalen Wasserstrahl zur Sprühfunktion«, erklärte sie ihm. »Danach müssen Sie es aber nicht wieder umstellen. Wenn Sie den Hahn das nächste Mal aufdrehen, läuft das Wasser ganz automatisch wieder normal.«

»Oh, das ist ja toll.«

Sie führte ihm die Schlauchfunktion vor und zeigte ihm, wie er damit ganz einfach das Spülbecken säubern konnte. Er sah aufmerksam zu, dann probierte er es selbst aus.

»Ein Wunder der Technik. Als ich Kind war, mussten wir das Wasser noch eigenhändig aus einem Brunnen pumpen und es ins Haus schleppen. Seitdem hat sich viel getan.«

»Allerdings. Die Rechnung schicke ich Ihnen in den nächsten Tagen zu.«

Er tätschelte ihr den Arm. »Sie sind eine Perle, Unity. Danke für den neuen Wasserhahn.«

Sie winkte ihm zum Abschied zu und verließ das Haus.

Nachdem sie ihr Werkzeug im Transporter verstaut hatte, hörte sie ihren Anrufbeantworter ab, dann ließ sie den Wagen an und lenkte ihn durch Silver Pines. Phyllis, die Vorsitzende des örtlichen Pickleball-Vereins, hatte sie gebeten, nach der Arbeit bei ihr vorbeizuschauen.

Mir geht’s schon gut, dachte sie, während sie durch die sauberen Straßen fuhr und den Leuten zuwinkte, die sie kannte. Ihr eigener Chef zu sein bedeutete, dass sie kommen und gehen konnte, wann sie wollte. Auch wenn es Tage gab, an denen sie mehr Arbeit hatte, als sie bewältigen konnte – trotz ihrer Teilzeitkräfte.

Sie wusste, dass die Lösung darin bestehen würde, jemanden in Vollzeit anzustellen – etwas, worüber sie bereits hinlänglich nachgedacht, geredet und gejammert hatte. Ellen hatte sogar schon damit gedroht, selbst eine Anzeige aufzugeben, nur um Unity dazu zu zwingen, eine Entscheidung zu treffen. Es wäre vermutlich genau das Richtige, doch Unity konnte sich einfach nicht dazu durchringen, diesen Schritt zu gehen. Eine Vollzeitkraft zu beschäftigen schien ihr eine riesige Verantwortung zu sein. Das wäre etwas ganz anderes als ihr Teilzeitteam. Eine Vollzeitkraft würde sie jede Woche bezahlen müssen, und zudem wäre sie dazu gezwungen, eine Gehaltsabrechnung zu erstellen.

Sie parkte vor Phyllis’ Doppelhaushälfte. Die etwas über siebzigjährige Frau lebte allein mit ihren zwei Katzen. Sie war eine strenge Person, von der sich Unity etwas eingeschüchtert fühlte – auch wenn sie sich das niemals anmerken ließ. Bevor sie nach Silver Pines gezogen war, war Phyllis Mitglied eines Tennisclubs gewesen und hatte mehrmals pro Woche gespielt. Nun steckte sie die gleiche Energie und Hingabe in den örtlichen Pickleball-Verein. Als Vorsitzende war sie auch für sämtliche Turniere zuständig. Sie verfügte über ein forsches Naturell und ein enormes Durchsetzungsvermögen.

Unity hatte die Welt des Pickleballs für sich entdeckt, als sie zurück nach Willowbrook gekommen war. Dem Verein war sie vor etwa zwei Jahren beigetreten. Ihr gefielen das effektive Training, die Kameradschaft und die nette Gesellschaft.

»Gut, dass du da bist«, sagte Phyllis und führte sie ins Wohnzimmer.

Sie setzten sich auf einander gegenüberliegende Sofas. Der Raum war genau wie Phyllis – praktisch eingerichtet und frei von überflüssigem Chichi. Unity bemerkte das Fehlen von Erfrischungen, was sie überraschte. Bei den meisten Zusammenkünften gesellschaftlicher oder sonstiger Art wurden mindestens ein Eistee und ein Cookie gereicht.

»Ich komme gleich zum Punkt«, sagte Phyllis barsch. »Es haben sich mehrere Vereinsmitglieder über dich beschwert, Unity.«

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