×

Ihre Vorbestellung zum Buch »Heimat meines Herzens«

Wir benachrichtigen Sie, sobald »Heimat meines Herzens« erhältlich ist. Hinterlegen Sie einfach Ihre E-Mail-Adresse. Ihren Kauf können Sie mit Erhalt der E-Mail am Erscheinungstag des Buches abschließen.

Heimat meines Herzens

Kaum lässt Michelle ihren Blick nach so langer Zeit wieder über die schneebedeckten Weiten Montanas gleiten, spürt sie, wie ihr Atem leichter geht. Obwohl sie vor siebzehn Jahren nur einen Sommer hier verbracht hat, ist das die Heimat ihres Herzens. Nie war sie so glücklich wie hier, nie so verliebt. Aber das mit ihr und Sam hat kein gutes Ende genommen. Jetzt ist sie nur zurück, um ihrem Vater zu helfen, und will dann in ihr Leben in Seattle zurückkehren. Doch da hat sie die Rechnung ohne Sam gemacht. Er erkennt sofort, dass er der Vater ihres Sohns sein muss. Und er will die verlorene Zeit mit ihm aufholen. Wird Michelle das Liebste, was sie hat, an diesen Mann verlieren? Oder wird sie mit ihm zusammen endlich finden, wonach sie sich ihr Leben lang gesehnt hat?

"Wiggs liefert ein sensibles, realistisches und detailgetreues Porträt zweier Liebender mit schwerer Vergangenheit."


Publishers Weekly

  • Erscheinungstag: 15.08.2016
  • Seitenanzahl: 480
  • ISBN/Artikelnummer: 9783956499081
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

images

Susan Wiggs

Heimat meines Herzens

Roman

Aus dem Amerikanischen von
Ivonne Senn

image

MIRA® TASCHENBUCH

MIRA® TASCHENBÜCHER

erscheinen in der HarperCollins Germany GmbH,

Valentinskamp 24, 20354 Hamburg

Geschäftsführer: Thomas Beckmann

Copyright © 2016 by MIRA Taschenbuch
in der HarperCollins Germany GmbH

Titel der amerikanischen Originalausgabe:

The You I Never Knew

Copyright © 2001 by Susan Wiggs
erschienen bei: Grand Central Publishing, New York

Published by arrangement with

Susan Wiggs c/o Jane Rotrosen Agency LLC,

85 Broad Street, 28th Floor, New York, NY 10004 USA

Dieses Werk wurde im Auftrag der Jane Rotrosen Agency LLC vermittelt
durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen.

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner GmbH, Köln

Umschlaggestaltung: büropecher, Köln

Redaktion: Daniela Peter

Titelabbildung: Thinkstock / Getty Images, München: Hemera;

DigitalVision

ISBN eBook 978-3-95649-908-1

www.mira-taschenbuch.de

Werden Sie Fan von MIRA Taschenbuch auf Facebook!

eBook-Herstellung und Auslieferung:readbox publishing, Dortmund

www.readbox.net

Samstag

1. KAPITEL

Nach siebzehn Jahren würde Michelle Turner zurückkehren. Zurück in eine Vergangenheit, an die sie sich nicht erinnern wollte, zu einem Vater, den sie kaum kannte, in eine Stadt, in der sie zu schnell erwachsen geworden war, sich zu stark verliebt hatte, und in der sie am Ende schwanger und allein dagestanden hatte.

Während der langen Fahrt von Seattle nach Montana übte sie – ganz leise, damit Cody sie nicht hörte –, was sie sagen würde, wenn sie dort ankäme.

„Hallo, Daddy.“ Lustig, dass sie ihn immer noch als Daddy betrachtete, auch wenn er nie viel mehr als ein Bild an der Wand oder manchmal spätabends ein Gesicht auf dem Fernseher gewesen war, wenn seine alten Filme wiederholt wurden. „Sorry, dass ich nicht früher gekommen bin …“ Sorry … sorry … sorry … All dieses Bedauern. So vieles, was es zu bereuen gab.

Ein Sorry würde nicht reichen. Gavin Slade – ihr Vater hatte seinen Künstlernamen beibehalten, nachdem er sich ins Privatleben zurückgezogen hatte – wusste verdammt gut, was sie so lange von hier ferngehalten hatte.

Sie streckte die Finger am Lenkrad ihres Range Rovers und schaute über die Schulter zu ihrem Sohn, der auf der Rückbank saß. Cody war verloren in der Welt, die aus seinem iPod kam. Vielleicht bin ich aber auch diejenige, die verloren ist, dachte sie. Hier war sie, fünfunddreißig Jahre alt und Mutter eines Teenagers, und doch fühlte sie sich bei dem Gedanken, ihrem Vater gegenüberzutreten, wieder wie ein Kind. Schutzlos. Machtlos. Unzureichend.

Die Landschaft von Washington rauschte an ihr vorbei, während sie ostwärts fuhr, auf einen Ort zu, an dem man sie nicht willkommen heißen würde. Sie und Cody hatten ihr Stadthaus am Wasser kurz vor Einbruch der Morgendämmerung verlassen. Die Lichter im Stahlskelett der Space Needle in Seattle hatten noch geleuchtet. Bei Sonnenaufgang hatte die Cascade Range den sanft gewellten Hügeln und mit Büschen bewachsenen Ebenen Platz gemacht, dann den Hochplateaus, eine nackte und farblose winterliche Mondlandschaft, eine neutrale Zone.

Hinter den Fenstern sah sie nichts, was ihr Auge interessierte, aber auch nichts, was sie störte.

Vor langer Zeit war sie einmal Künstlerin gewesen, hatte in schonungslosen Farben gemalt mit Gefühlen, die sich ungezügelt über die Leinwand ergossen und von den Rändern tropften, denn ihre Gefühle konnten nicht auf begrenztem Raum eingesperrt werden. Irgendwo auf dem Weg hatte sie diese verrückten und herrlichen Impulse gezügelt, als wäre ein Dieb in der Nacht gekommen und hätte die Träume in ihrem Inneren gestohlen, und sie hatte erst bemerkt, dass sie fort waren, als es zu spät war.

Alles, was von der wilden Seele ihrer jungen Jahre zurückgeblieben war, war ein kaltes, mechanisches Talent und ein fotografisches Auge. Airbrush und ein Mousepad hatten Farbe und Leinwand ersetzt.

Auch ihr Thema hatte sich geändert. Einst hatte sie mit Leidenschaft und Reinheit Kunst erschaffen, ob es ein Pferd auf der Ranch ihres Vaters war oder ein abstraktes Gerangel von Emotionen. Inspiration hatte ihre Hand geführt und etwas wesentlich Mächtigeres ihren Geist angeregt. Wenn sie etwas erst einmal gesehen oder sich vorgestellt hatte, floss die Arbeit nur so aus ihr heraus, entstanden aus einer Kraft, die so stark war, wie der Drang zu atmen.

Jetzt kamen ihre Themen über eine Nachricht von der Werbeagentur, in der sie demnächst Partnerin werden würde. Sie benutzte einen Computer, um tanzende Toilettenbürsten, sprechende Gebisse oder eine Armee aus Tüten mit Unkrautvernichter zu gestalten und zu animieren, die auf einen Wald aus Unkraut zumarschierte.

Sie löste ihre Gedanken von der Arbeit und schaltete den Scheibenwischer ein, um ein paar verirrte Schneeflocken wegzuwischen. Der Tag schritt voran. Spokane glitt vorbei, eine Reihe aus Lagerhäusern und Industrieschornsteinen. Die Interstate verlief pfeilgerade über den sogenannten Pfannenstil von Idaho. Zwischen leeren Abschnitten des Highways lagen grell beleuchtete Einkaufszentren, Scheunen, Silos und Holzhäuser, die sich eng aneinandergedrängt gegen die Elemente stemmten. Am Straßenrand bildeten Schneeverwehungen verkrustete Haufen. Östlich von Coeur d’Alene ergab sich die Landschaft einem endlosen Streifen von Nichts.

Die Monotonie der Fahrt und der Grund für diesen Höllenritt durch drei Staaten verursachte eine beinahe schmerzhafte tektonische Verschiebung in ihren Gedanken. Erinnerungen trieben an gefährliche Orte. Gegen ihren Willen verwandelten Bilder aus der Vergangenheit die karge Schneelandschaft in einen strahlenden Sommer.

Sie sah sich, wie sie mit achtzehn gewesen war. Ein wenig atemlos wegen allem, was das Leben zu bieten hatte. Ein wenig verängstigt, aber hauptsächlich glücklich und sicher in ihrer Welt. Sie hatte die Highschool mit Auszeichnung abgeschlossen, was sie nicht interessiert hatte, verfügte über ein seltenes Talent, das sie noch nicht zu schätzen wusste, und hatte keine Ahnung von den bevorstehenden Katastrophen. Die Schönheitsoperation ihrer Mutter sollte ein Routineeingriff sein. Niemand hätte auch nur im Traum daran gedacht, dass Sharon Turner an Komplikationen sterben könnte.

Innerhalb einer erschreckend kurzen Zeitspanne hatte Michelle sich allein und mutterlos wiedergefunden. Mit einem Mal hatte sie den Vater gebraucht, den sie kaum kannte. Sie hatte erwartet, dass er sie so schnell wie möglich auf ein College abschieben und erleichtert aufatmen würde, wenn sie weg wäre. Aber er hatte sie überrascht. Er hatte sie eingeladen, vor dem College ein Jahr eine Auszeit zu nehmen und bei ihm in Montana zu leben. Ein Jahr, um ihre Mutter zu betrauern und zu erfahren, wer ihr Vater war.

In dieser einen kurzen Jahreszeit hatte sie Dinge erlebt, die ihr Leben formen sollten: Sie hatte gelernt, wie es war, eine mutterlose Tochter zu sein. Sie hatte sich verliebt. Sie war Malerin geworden. Wenn auch nicht notwendigerweise in dieser Reihenfolge. Alles passierte mehr oder weniger parallel. Selbst jetzt noch wogte in ihr der bittersüße Schmerz von vor all den Jahren so frisch, als wäre es erst gestern gewesen.

Es sollte nicht immer noch wehtun, doch das tat es, obwohl er schon lange, lange kein Teil ihres Lebens mehr war.

Abgesehen von der täglichen Erinnerung, die er ihr hinterlassen hatte.

Sie warf erneut einen Blick in den Rückspiegel. Cody, der sechzehn war, hatte sich von seiner halb liegenden Position auf der Rückbank nicht gerührt. Der blecherne Klang von Heavy Metal tönte aus seinen Kopfhörern. Er starrte auf die endlosen Reihen von Stromleitungen, die den Highway säumten. Als ein grün-weißes Schild sie in Montana willkommen hieß, war seine einzige Reaktion, zu blinzeln und ein wenig das Gewicht zu verlagern.

Ein Billboard mit einem fürchterlichen Zeichentrick-Cowboy lud sie ein, in einer Meile „anzuhalten und zu essen“.

„Hast du Hunger?“ Sie sprach lauter, damit er sie hörte.

Er schob sich eine Handvoll Chips in den Mund. „Nö“, sagte er kauend. Das Café am Straßenrand mit den erleuchteten Kutschenrädern als Dekoration verschwand im schmutzigen Kunstlicht.

Nur für einen Moment sah sie ihren Sohn als Kleinkind, wie er sich Cheerios in die Backen stopfte, als wäre er ein Babyeichhörnchen. Es kam ihr vor, als wäre es erst gestern gewesen, dass er ihr Codyboy in Oshkosh-Overalls gewesen war, dem die Milch vom Kinn tropfte. Dieses Kind gab es in ihrem Leben nicht mehr, erkannte sie mit einem kleinen schmerzhaften Stich in der Brust. Es hatte sich davongestohlen, als sie nicht hingeschaut hatte. Es war so schnell und unwiederbringlich verschwunden, als wäre es zum nächsten Flughafen gelaufen und danach nie wieder gesehen worden. An seine Stelle war dieser zynische, kluge, anstrengende Fremde getreten, der entschlossen zu sein schien, all die empfindlichen Knöpfe bei ihr zu drücken.

Seine schiere körperliche Schönheit hatte ihr damals den Atem geraubt – und tat es noch heute. Nur hatte sie ihm damals sagen können, wie anbetungswürdig sie ihn fand.

Jetzt konnte sie ihm gar nichts mehr sagen.

Cody hatte sie angefleht, in Seattle bleiben zu dürfen, während sie diesen Trip alleine machte. Er hatte behauptet, er würde gut alleine in ihrem Haus klarkommen. Als ob sie sich jemals darauf eingelassen hätte.

Cody hatte sogar vorgeschlagen, dass Brad nach ihm sehen könnte.

Ja klar. Brad konnte nicht mit ihm umgehen. Oder er wollte es nicht. Und sie war nicht in der Position, dieses Maß an Unterstützung von Brad zu erwarten; das gab ihre Beziehung nicht her. Ihr gesamtes Leben lag auf Eis, bis sie sich um ihren Vater gekümmert hatte.

Ein Lkw scherte aus und donnerte hupend an ihr vorbei. Sie erinnerte sich, dass es in Montana keine Geschwindigkeitsbegrenzung gab und sie dennoch brav fünfundsechzig Meilen die Stunde fuhr.

Das Leben hatte sie sehr pflichtbewusst gemacht.

Widerstrebend trat sie das Gaspedal durch. Fünfundsechzig, siebzig, fünfundsiebzig. Sie genoss die Geschwindigkeit, das Summen der Reifen auf dem kalten, bloßen Asphalt. Alles glitt verschwommen an ihr vorbei – Pappelwälder, zerklüftete Schieferberge, Felsentäler und struppig bewachsene Bäche, Lawinenfangzäune, die sich über weite Wiesen spannten. Der Wind blies den Schnee über den Highway. Die gleichmäßige Bewegung und die hin und wieder aufflackernden Farbflecken waren seltsam aufregend, und eine Weile gelang es ihr, ihren Kopf zu leeren und einfach zu fahren.

Die Landschaft stieg an. Anfangs war die Veränderung kaum wahrnehmbar, aber es würde nicht mehr lange dauern, bis sie die gezackten Felsen, endlosen Täler und glasklaren Seen erreichten. Ein Schauer der Vorfreude überlief sie. Bald schon wären sie an der Blue Rock Ranch.

In Missoula fuhren sie in nördliche Richtung und passierten die riesige Statue eines Herford-Bullen, die neben einem Häuschen stand, das eine Kombination aus Souvenirgeschäft, Café und Tankstelle war.

„Wir sind nicht mehr in Kansas“, murmelte sie, doch Cody hörte sie nicht.

Der Wildwestkitsch war das Zeichen, dass sie eine komplett andere Zone erreicht hatten. Ein Land, wo der Cowboymythos sich um die feierlichen Bräuche um Seil und Leder rankte, wo der Eindruck von Raum und hohen, endlosen Himmeln sie umgab und verführte. Einige behaupteten, Montana sei ein leeres Land, aber das stimmte nicht ganz. Es war nur so, dass der viele Platz hier die Seele ausdehnte. Sie spürte, wie sie zu einer Begegnung hingezogen wurde, der sie sich seit Jahren widersetzt hatte. Ungewollt verspannte sie sich und konnte die Schönheit der Landschaft nicht genießen, weil sie zu viele Erinnerungen an ihre Vergangenheit barg.

Der Highway 83 führte sie über das letzte Stück ihrer Reise. Vor dem düsteren Nachmittagshimmel erhoben sich die Gipfel der Swan and Mission Mountains. Schatten krochen aus den Schluchten und Tälern und erschufen eine Palette aus Salbei- und Ockerund geheimnisvollen, beruhigenden Erdtönen, die keinen Namen hatten.

„Cody, guck mal!“ Sie zeigte aus dem Seitenfenster. Eine riesige Wapitiherde, Wintermigranten aus den Hochlagen, graste an den buschig bewachsenen Hügeln.

Er starrte die Herde an und gähnte.

Na ja, was hatte sie erwartet? „Wow, wie cool, Mommy“ von einem Sechzehnjährigen?

Aber oh, wie sehr sie das alles mit ihm teilen wollte, dieses Gefühl des Staunens, das von den wilden Tieren, den tiefen Nadelwäldern und den spitzen, schneebedeckten Berggipfeln hervorgerufen wurde. Eine Seenkette, die wie Juwelen im Nachmittagslicht funkelte, säumte den Highway. Sie wollte ihm erzählen, dass diese Seen in der Eiszeit entstanden waren, nachdem die Fluten die Vertiefungen hinterlassen hatten und gigantische Eisbrocken an diesen Stellen geschmolzen waren.

Sie fragte sich, ob das genau das war, was mit Menschen passierte: Wenn der Verlust ein Loch verursachte, das zu lange leer blieb, füllte es sich dann mit Eis?

Sie erreichten die Abfahrt nach Crystal City, und dahinter stieg die Straße in scharfen Serpentinen den Berg hinauf. Die Gewalt der Gletscher hatte diese harsche, zerklüftete Landschaft so resistent gegen jegliche Invasionen gemacht wie eine von Menschenhand erbaute Festung. Es bedurfte schon besonderer Fähigkeiten, sie zu stürmen.

Sie war seit Jahren nicht mehr im Schnee gefahren und der Range Rover schlingerte ein wenig.

„Toll gemacht, Mom“, merkte Cody von der Rückbank an.

Sie dankte im Stillen dem Allradantrieb ihres Wagens. Die Reifen griffen wieder auf dem mit Sand bestreuten Schnee. Dennoch war sie gezwungen, langsam wie eine Sonntagsfahrerin zu fahren und sah nun alles mit kristallener Klarheit. Offenes Weideland und breite Wiesen zogen an ihr vorbei. Ein Ring aus Bergen umgab das Tal wie die Wände eines mythischen Bollwerks. Jeder quälende Zentimeter dieser Straße war ihr vertraut; so vertraut, dass ihre Augen brannten.

Das Tal schlummerte in mittwinterlicher Pracht, als hielte die gesamte Landschaft den Atem an und wartete auf den in weiter Ferne liegenden Frühling.

Sie las die Namen auf jedem Briefkasten, an dem sie vorbeikamen – Smith, Dodd, Gyenes, Bell, Jacobs. Die meisten Menschen, die sich hier niederließen, schienen für immer zu bleiben. Jede Farm lag in perfekter Ruhe, ein Bild, das nur darauf wartete, gemalt zu werden: ein weißes Haus mit dunkelgrünen Fensterläden, ein feiner Rauchfaden, der sich aus dem Kamin schlängelte, Fensterscheiben, die im ersten Licht der Abenddämmerung funkelten.

Es hatte eine Zeit gegeben, da dieser Anblick sie direkt an ihrem empfindsamsten Punkt getroffen hatte. Sie hatte diese Szene vor langer Zeit gemalt. Ihr Pinselstrich hatte den Hügeln aus unberührtem Schnee Leben eingehaucht, dem strahlenden Rosa des Sonnenuntergangs und dem verblassenden Himmel hinter den Felsentannen, deren Schultern weiß bestäubt waren und von deren Ästen Eiszapfen hingen. Auf einer schlecht präparierten Leinwand hatte sie es mit zweitklassigen Farben geschafft, ein Gefühl des Staunens über die Welt um sie herum zu vermitteln. Es war ein gutes Bild gewesen. Besser als gut. Aber jung. Unglaublich naiv, so, wie sie es seit dem Tag, an dem sie diese Stadt in Kummer und Schande verlassen hatte, nie mehr gewesen war.

Sie fragte sich, was aus dem Bild geworden war. Ein Teil von ihr beharrte darauf, dass es wichtig war, das zu wissen. Dieses Bild zu malen war für sie ein entscheidender Akt gewesen. Es hatte ihr ein Fenster in ihre Zukunft geöffnet und ihre Träume in eine Richtung geschickt, die ihr für den Rest ihres Lebens Freude und Herzeleid bringen sollte.

Sie warf einen Blick zu Cody, um seine Reaktion auf ihre Ankunft zu sehen. Er starrte aus dem Fenster, während seine Hände in seinem Schoß Luftschlagzeug spielten. Seine leicht zusammengekniffenen Augen waren mit nichts als Gleichgültigkeit gefüllt. Das sollte sie nicht überraschen. Gleichgültigkeit und Verachtung waren die einzigen Gefühle, die er dieser Tage zeigte.

Ein verblasstes Schild des Rotary Clubs verkündete die Stadtgrenze.

Ich bin zurück. Ich bin wirklich zurück. Sie wusste, dass sie es sich nur einbildete, aber sie hörte das Rauschen des Windes, als sie weiterfuhr … in die Vergangenheit hinein.

Über dem Lions Club kündete ein Banner an: Winter Roundup – 2. bis 3. März.

Super. Das bedeutete, dass sie ihren Vater nicht zu Hause vorfinden würde. Als führender Lieferant von Vieh fürs Rodeo in diesem Staat war er sicher in der Arena. Sie wählte seine Nummer mit ihrem Handy – guter Gott, hatte irgendjemand außer ihrem Vater seit fünfundzwanzig Jahren dieselbe Telefonnummer?

„Blue Rock.“ Eine junge Stimme, nicht die ihres Vaters, antwortete. Sie schätzte, es handelte sich um einen seiner persönlichen Assistenten.

„Ist Gavin da? Hier ist … seine Tochter. Michelle Turner.“

Eine Pause. „Tut mir leid, aber er ist heute Abend aus. Er hat erst morgen mit Ihnen gerechnet, Ma’am.“

„Ist er in der Arena?“, fragte sie.

„Ja, Ma’am.“

Sie schätzte, sie könnte zu ihm nach Hause fahren und dort auf ihn warten, doch sie war zu angespannt, um das Treffen länger aufzuschieben. Die gesamte Stadt würde Zeuge ihrer Wiedervereinigung werden. Würde sich irgendjemand an sie erinnern und daran, was in jenem Jahr passiert war? Würden Köpfe geschüttelt, würde mit Zungen geschnalzt werden? Würden sie ihren Sohn anschauen und wissende Blicke tauschen?

Das nächste Straßenschild war ein Gruß der Calvary Lutheran Church: Sie betreten Gottes Land.

„Dann finde ich ihn dort.“ Sie legte auf.

Vor ihr erstreckte sich die Main Street kalt und gerade wie ein Gewehrlauf. Sie fuhr an der Sattlerei mit ihrer falschen Blockhausfassade vorbei, an Ray’s Quik Chek, dem Northern-Lights-Futterladen und -Café, dem Lesesaal der christlichen Gemeinschaft, an LaNelle’s Quilt, dem Stoffgeschäft, einer Bank und einer Bar mit weißem Lattenzaun davor, die es vor siebzehn Jahren noch nicht gegeben hatte. Blau-weiße Schilder zeigten die Abzweigungen zum Krankenhaus und zur Bücherei an.

Am anderen Ende der Stadt lag auf einem Hügel ein Restaurant, das von riesigen Trucks gesäumt war, deren Lichter alle an waren – das Truxtop Café. Sie zuckte zusammen, als sie sich an ihren letzten Besuch dort erinnerte.

Crystal City war ein Teil von ihr, Michelle Turner, egal, wie sehr sie versuchte, diese Tatsache zu vergessen.

Ab und zu hatte sie darüber fantasiert, hierher zurückzukommen, aber in ihrem Kopf war es immer eine triumphale Rückkehr gewesen. Nicht wie jetzt. Nicht mit erstarrtem Herzen, einem chaotischen Leben und dem Zweck, ihrem Vater, den sie seit siebzehn Jahren nicht gesehen hatte, das Leben zu retten.

2. KAPITEL

Sam McPhee starrte aus dem Fenster auf die Schneewehen auf den Hügeln hinter seinem Haus. Auch wenn es ein vertrautes Panorama war, verweilte er einen Moment und sah zu, wie das letzte Licht des Tages über die zerklüfteten Berggipfel ritt. Es war ein beruhigender Anblick, den ein Mann in seiner Brust festhalten konnte. In seiner Jugend hatte er dieses Bild mit sich getragen, egal, wohin er gegangen war. Von Calgary bis nach Cozumel. Und als die Zeit gekommen war, herauszufinden, wo sein Zuhause war, musste er nicht weiter blicken als bis zu diesen Hügeln.

Er richtete seinen Hut und zog ein Paar Handschuhe über. Dann straffte er die Schultern, schob die Hüfte ein wenig zurück und stampfte einen Fuß in den Cowboystiefel, eine charakteristische Geste, die schon Dutzende Male von Rodeofotografen eingefangen worden war.

Sam war ein abgebrühter Mann, ein Einzelgänger, der von niemandem abhängig war, doch manchmal heulte die Einsamkeit wie ein nächtlicher Wind durch ihn hindurch. Dann wünschte er, er hätte jemanden, mit dem er diese Augenblicke teilen könnte, jemanden, den er an die Hand nehmen und zu dem er sagen könnte: „Schau dir heute Abend mal die Hügel an. Sieh nur all die Farben.“ Nach so langer Zeit allein sollte es ihm nichts mehr ausmachen. Aber im leeren Raum zwischen Dämmerung und Abend tat es das ab und zu.

Er schaltete alle Lichter im Haus aus, bis auf die Verandabeleuchtung.

Die überfrorene Einfahrt knirschte unter seinen Schritten, als er zu seinem Truck ging, um ihn zu Ende zu packen: Sattel, Zaumzeug, Stricke, Decken, Franzbranntwein, ein zusätzliches Paar Handschuhe. Diese Dinge waren ihm heilig, und er behandelte sie mit der Ehrerbietung und Sorgfalt eines Priesters beim Abendmahl. Sie waren das Zubehör von etwas, das so sehr Teil von ihm war, dass er es nicht als Sport ansehen konnte. Rodeo. Seine zweite Liebe.

Die scharfe kalte Luft stach in seine Lunge, als er das Grundstück überquerte und zur Schlafbaracke ging, einem quadratischen Blockhaus, das die ehemaligen Besitzer in ein Gästehaus umgewandelt hatten. Jetzt wohnte dort sein Partner der Pferderanch. Er klopfte an die Tür und öffnete sie. „Hey, Edward, bist du so weit?“

„Ich komme ja schon. Ganz ruhig, Brauner.“

„Meine Pferde sind bereits verladen, dafür kein Dank an dich, Kumpel.“

„Tja, ich war eben beschäftigt“, rief Edward aus dem hinteren Zimmer.

„Hat Diego die Ställe gemacht?“ Sam schloss die Tür hinter sich, damit die Wärme des Ofens nicht verflog.

„Diego ist weg. Er hat einen Job in einem Restaurant oben am Big Mountain bekommen.“

„Verdammt. Das ist schon der zweite Stallbursche, den wir diesen Monat verloren haben.“

„Was du brauchst, ist ein Sklave“, rief Edward.

„Als ich das letzte Mal nachgesehen habe, war es illegal, Sklaven zu halten.“

„In dieser Gesellschaft“, sagte Edward, „nennen wir sie Kinder.“

„Tja, da hab ich leider zufällig keins zur Hand.“ Sam gestattete sich nicht, länger darüber nachzudenken. „Ich schätze, ich werde Earl Meecham anrufen und fragen, ob einer seiner Jungs täglich nach der Schule helfen kann.“

Edward Bliss kam, einen Stapel zusammengelegter Decken auf dem Arm, in den Flur mit der Holzdecke. Sein Partner war eins sechzig groß, halber Salish-Indianer und ganzer Teufelskerl.

„Was willst du mit den Decken?“, fragte Sam.

„Ruby Lightning hat sie gewebt und mich gebeten, sie heute Abend auf der Veranstaltung zu verkaufen.“

Sie kletterten in den alten Dodge-Truck und zitterten auf den kalten Vinylsitzen. Der Motor keuchte protestierend auf, dann stieß er eine dicke Abgaswolke aus. Sam legte einen Gang ein und fuhr die kiesbedeckte Einfahrt hinunter. Der feuerrote Sonnenuntergang tauchte die Spitzen der Mission Range in orangefarbenes Licht. Die baumbewachsenen Hänge warfen purpurfarbene Schatten auf die tiefer liegenden Weiden. Die Landschaft wirkte auf beeindruckende Weise öd und kalt, die nur wenige Menschen bewundern konnten.

Er folgte dem dunklen Band der Straße und schaute hin und wieder in den Rückspiegel, um nach dem Anhänger zu sehen. Rio und Zeus dösten vermutlich. Die großen Quarter Horses waren an die Routine gewöhnt – aufgeladen werden, fahren, dann im Pferch auf den blitzschnellen Ritt warten, der zu früheren Zeiten bestimmt hatte, ob Sam in jener Woche etwas zu essen bekam oder nicht.

„Also, was macht Ruby in letzter Zeit so?“, fragte er.

Edward packte einen Streifen Juicy-Fruit-Kaugummi aus und bot ihm einen an. „Du solltest sie mal anrufen und sie fragen.“

Sam knickte den Kaugummi in der Mitte und steckte ihn sich in den Mund. „Vielleicht mache ich das. Geht es ihr gut?“

„Auch das könntest du sie selber fragen.“

Ruby Lightning war nicht nur Englischlehrerin an der örtlichen Highschool, sondern auch alleinerziehende Mutter und Aktivistin in der Leitung des Kootenai-Stammes. Sie war eine praktische, robuste und zugängliche Frau, die nur eine Viertelmeile die Straße hinunter in einem Holzhaus wohnte. Sie hatten in der Vergangenheit oft Zeit miteinander verbracht und viel zusammen gelacht und hätten mehr miteinander teilen können, wenn er es denn gewollt hätte.

Sam hatte einfach aufgehört, sie anzurufen. Er war nicht stolz darauf, wie er in Beziehungen hinein- und wieder aus ihnen hinaustrieb. Er hatte es einmal mit der Ehe versucht und festgestellt, dass die nichts für ihn war – wie zu enge Stiefel. Er brauchte keinen Seelenklempner, um sich die Parallelen zwischen seinen schiefgelaufenen Romanzen und seiner lausigen Kindheit erklären zu lassen.

„Was macht ihre Tochter?“, fragte er sich laut.

„Molly nimmt heute am Barrel-Racing in der Altersklasse bis sechzehn teil.“

„Wirklich?“ Es kam ihm vor, als wäre es erst gestern gewesen, dass er die kleine Molly Lightning kennengelernt hatte, eine dunkelhaarige Göre, die dem alten Welsh-Pony, das Ruby von ihm eingetauscht hatte, vollkommen ergeben gewesen war. Jetzt war sie beinahe erwachsen, schlank und geschmeidig wie eine Peitsche und hinterließ vermutlich auf dem Flur der Crystal City High lauter gebrochene Herzen. Mein Gott, wohin waren nur die Jahre verschwunden?

Wie die besten Pferde, die er kannte, hatte das Mädchen Feuer und Herz. Und, wie er sich erinnere, eine großartige Mom.

Ja, vielleicht würde er Ruby mal anrufen.

„Wie viel will sie für die Decken?“, wollte er wissen. Ruby war eine hervorragende Weberin und nutzte Wolle aus Montana und traditionelle Muster und Totems für ihre Dessins.

„Fünfzig Dollar das Stück“, sagte Edward. „Willst du eine?“ Grinsend bog Sam auf den Parkplatz ein. „Wenn ich heute Abend die Siegprämie gewinne, kaufe ich sie alle.“

„Also glaubst du, dass du mit dem alten Rio gewinnen kannst, hm, Cowboy?“ Edward ließ einen goldenen Schneidezahn aufblitzen.

„Hey, wir gewinnen immer.“ Das war eine Lüge, und das wussten sie beide. Aber es hatte eine Zeit gegeben, in der Sam den Wettbewerb im Kälberfangen tatsächlich dominiert hatte. Ein Sieg hatte ihm damals 22.000 Dollar eingebracht, manchmal sogar mehr. Die meisten Cowboys gaben ihre Gewinne für mit Silber verzierte Sättel und teures Zaumzeug aus. Er hatte es für etwas völlig anderes benutzt – einen Zweck, der ihn von allen anderen Rodeostars abhob und ihn in diesen Kreisen zu einer Besonderheit machte.

Nachdem er nationaler Champion geworden war, hatten die Fachmagazine ihren Spaß mit ihm gehabt und den ungewöhnlichen Entscheidungen, die er traf. Sie hatten seinen umwerfenden Stil, seine natürliche Anmut in diesem Sport dokumentiert. Sie hatten seine hohen Verdienste aufgelistet. Sein Gesicht auf Kalender gedruckt. Mehrere Saisons lang war er der Goldjunge des Rodeozirkus gewesen, ein Cowboy mit einem Karriereplan.

Worüber die Reporter nicht geschrieben hatten, war die fürchterliche Einsamkeit in seinem Leben. Die zermürbende Langeweile. Die Schmerzen und Prellungen, die ihm das Gefühl gaben, älter als ein Fels zu sein. Es war ein einsames Leben, in einem zerbeulten Pick-up mit Anhänger von Show zu Show zu reisen und wertlose, abgestumpfte Stiere einzufangen. Aber die Aussicht auf einen weiteren Ritt, eine weitere Siegprämie hatte ihn durch die härtesten Zeiten seines Lebens getragen.

„Nette Karre“, sagte Edward, als Sam an einem weißen Ford 350 mit Doppelkabine und einem makellos weißen Cattleman-Anhänger, der mindestens zehn Meter lang war, vorbeifuhr. Im Licht der Flutlichter sah das Ding aus wie ein gigantisches Zäpfchen.

Seitlich an Wagen und Anhänger prangte ein vertrautes Logo in Indigoblau: BLUE ROCK RANCH.

„Gavin Slade scheint sich ein neues Spielzeug gekauft zu haben“, sagte Sam. Einst hatte er alles gehasst, was Slade besaß und was er war. Aber das war schon lange her.

In letzter Zeit hatte es in der Stadt Klatsch über Gavin gegeben, der allerdings immer mit einem besorgten Unterton weitergetragen wurde. Sein Geld für teure Fahrzeuge zu verschleudern würde das, was nicht stimmte, nicht wiedergutmachen. Es war jedoch ganz gewiss nicht Sams Aufgabe, dem Mann das zu sagen.

Edward erblickte eine Gruppe von Frauen, die am Eingang zum Essenszelt standen. „Nun beeil dich schon und stell den Wagen ab. Da sind Leute, die ich sehen muss.“

Trotz seiner winzigen Statur war Edward Bliss ein Frauenmagnet. Er drehte den Rückspiegel zu sich, nahm den Stetson ab und überprüfte den Sitz seiner Haare. Er ging das Flirten genauso ernsthaft an wie seine Arbeit auf der Ranch.

Sam zog den Spiegel wieder zu sich und lenkte den Truck in Richtung seines üblichen Parkplatzes am Ende der Arena.

„Verdammt.“ Er rollte das Fenster herunter und spuckte seinen Kaugummi aus.

„Was ist los?“, wollte Edward wissen.

Sam funkelte den neuen silbernen Range Rover mit dem Washingtoner Kennzeichen an. „Irgendein Idiot hat sich auf meinen Platz gestellt.“

3. KAPITEL

Das ist echt total ätzend, Mom.“ Cody klapperte mit den Zähnen, als sie auf das Hauptgebäude der Arena zugingen. „Ich kann nicht glauben, dass du mich zu einer Wildwest-Show mitschleppst.“

„Das ist keine Wildwest-Show, sondern ein Rodeo.“

„Ich kann nicht glauben, dass du mich irgendwo in die Nähe von … Scheiße.“ Cody blieb stehen und sah nach unten.

„Pferdescheiße, um genau zu sein. Wisch deine Stiefel im Schnee ab.“

Es gelang ihm, das Gröbste abzustreifen, wobei er die ganze Zeit vor sich hin grummelte. Irgendwie war es Cody unmöglich, cool zu sein, wenn er Pferdemist von seinen einhundert Dollar teuren Doc Martens abwischte.

„Können wir nicht einfach zu seinem Haus fahren und da auf ihn warten?“, quengelte er. „Du hast gesagt, er hat ein Gästehaus.“

„Gästehäuser – Mehrzahl. Mein Vater macht niemals etwas nur halbherzig.“ Die Blue Rock Ranch war der Inbegriff des modernen Westernlebens: mehrere Tausend Hektar erstklassiges Weideland mit Bächen und Teichen und einer Ansammlung von Häusern und Ställen, die einem kleinen Dorf aus einem Märchenbuch ähnelten. Vor einigen Jahren hatte Architectural Digest einen Artikel über das Haupthaus gebracht. Und Michelles Vater – der noch nie das Rampenlicht gescheut hatte – hatte ordentlich was daraus gemacht.

Sie war durch Zufall über den Artikel gestolpert, als sie eines Tages an ihrem Zeichentisch in der Firma gesessen und Magazine durchgeblättert hatte, um zu sehen, was die Konkurrenz so für Anzeigen schaltete. Vollkommen unvorbereitet hatte sie eine Seite umgeblättert und sich auf einmal einem Hochglanzfoto der Blue Rock Ranch im Sommer gegenübergesehen, inmitten von mit weißen Zahnlilien übersäten Hügeln und Gras, das so grün war, dass es in den Augen schmerzte. Die folgenden Seiten zeigten ein perfektes Zimmer nach dem anderen. Sie erkannte den Fenstersitz, auf dem sie immer gelesen und gezeichnet hatte, die rustikale Veranda, wo sie auf dem Schaukelstuhl aus Rattan gesessen und Träume gesponnen hatte, von denen sie sicher gewesen war, dass sie in Erfüllung gehen würden.

„Also, was hältst du davon, wenn wir in einem dieser Mehrzahl-Gästehäuser warten?“ Cody inspizierte die Sohlen seiner Schuhe.

„Nein. Wir sind hier, und wir werden meinen Vater finden.“

„Was macht der überhaupt hier? Ich dachte, er ist krank.“

„Das ist er auch, aber nicht bettlägerig. Sein Zustand …“

„Mein Gott ist das kalt.“ Cody stapfte mit den Füßen auf den von Stroh bedeckten Schnee. „Ich schätze, wenn wir schon mal hier sind, können wir genauso gut reingehen.“

Er zog die Schultern hoch und ging in Richtung des Haupteingangs. Er hatte nie über die Krankheit ihres Vaters reden wollen, hatte nie Einzelheiten über das wissen wollen, was getan werden musste. Wie jeder Teenager gruselte er sich vor allem, was mit Krankheit und Medizin zu tun hatte, und weigerte sich, über seine eigene Sterblichkeit oder die von anderen Menschen, die er kannte, nachzudenken.

Bei einem lächelnden Mädchen mit leicht schiefen Zähnen und zerzausten Haaren kaufte Michelle zwei Eintrittskarten.

„Gleich hier entlang, Ma’am.“ Das Mädchen hob den Arm, um ihnen den Weg zu zeigen, und enthüllte dabei einen großzügig mit Fransen besetzten Polyesterärmel.

„Sag jetzt nichts“, warnte Michelle ihren Sohn, als sie durch das Drehkreuz gingen. Der sarkastische Ausdruck in seinem Gesicht sprach Bände.

Sie fanden sich inmitten einer Menge von Männern in mit Lammfell gefütterten Jeansjacken und Frauen in engen Jeans mit messerscharfer Bügelfalte wieder. Michelle nahm sich einen Moment, um ihren Sohn zu betrachten. Zu sagen, dass er hier fehl am Platz wirkte, wäre untertrieben. Die zerrissene Jeans mit den dicken Ketten, die von den Gürtelschlaufen zu den Hosentaschen verliefen. Eine Lederjacke, deren Nähte mit Nieten besetzt waren. Sein Haar hatte eine seltsame Farbe – weiße, kurz rasierte Seiten über den Ohren, in denen eine Reihe Ohrringe steckte, ein langer Pferdeschwanz, der über seinen Rücken hing und dessen Ende immer noch ein wenig grün war von damals, als er sich die Haare im Sommer für ein Phish-Konzert gefärbt hatte.

Ah, aber das Gesicht. Übellaunig, ja, dabei trotzdem so wunderschön.

Was ist mit dir passiert, mein kostbarer Junge?

Sie widerstand dem Drang, ihm zu sagen, er solle gerade gehen. Zu seiner entschlossenen Coolness gehörte eine wohl einstudierte lässige Haltung, die seinem Körper die Form eines Fragezeichens verlieh.

Steh gerade, so wie dein Vater es getan hat.

Ihr Magen zog sich nervös zusammen, als sie gemeinsam vor der ersten Reihe der Zuschauerplätze entlanggingen, um Gavin Slade zu suchen. Gleich würde sie ihn sehen. Guter Gott, was würden sie nur zueinander sagen?

Ihre letzte persönliche Unterhaltung war nicht angenehm gewesen.

„Ich bin schwanger, Daddy.“

Gavins Blick war hart geworden. Dann hatte er gesagt: „Das überrascht mich nicht. Deine Mutter war auch leichtsinnig.“

„Mein Vater war sorglos“, hatte sie zurückgeschossen.

Am gleichen Tag hatte sie die Blue Rock Ranch verlassen und sich geschworen, nie hierher zurückzukehren. Aber hier war sie nun, Jahre später, mit Nerven, die vor Aufregung zum Zerreißen gespannt waren.

Durch lange Schläuche, die mit Generatoren verbunden waren, blies warme Luft in die Arena. Der Geruch von Pferden und Leder und Popcorn erfüllte die Luft mit schneidenden Erinnerungen an die Vergangenheit. Michelles Blick fiel automatisch auf den Platz auf der Tribüne, auf dem sie immer gesessen und den Cowboys zugesehen hatte, wie sie mit ihren Quarter Horses den Parcours meisterten.

Und dort, in der Mitte der Arena, war der Ort, an dem sie ihr Herz an ein Pferd namens Dooley verloren hatte.

Sie erinnerte sich, wie es war, das lebhafte Tier unter sich zu fühlen, als sie die aufregenden, gefährlichen Freuden des Barrel-Racings erlernt hatte. Sie hatte gedacht zu wissen, wie man ein Pferd führte, aber Dooley war nicht einfach nur ein Pferd. Er war ein Quarter Horse, gezüchtet für seine Sportlichkeit, Agilität und Wendigkeit, dazu ein Schuss Vollblut für zusätzliche Schnelligkeit und einen explosiven Charakter. Er nahm die Kurven um die Fässer mit einer meisterhaften Drehung auf einem Hinterbein. Sie erinnerte sich immer noch an die Aufregung beim Anlauf, die 180-Grad-Wendungen um die Fässer, die in einem schwindelig machenden Kleeblattmuster aufgebaut waren. Über die Jahre hinweg hörte sie wie damals eine Stimme, die ihr ermutigend zurief und die die Michelle anfeuerte, die sie einst gewesen war.

Für ein Stadtmädchen machst du das echt gut. Lass ihm seinen Kopf. Ich denke, er mag dich …

Energisch schob sie die Erinnerungen beiseite und beobachtete ein schlankes Mädchen in schwarz-türkisem Outfit, das auf einer gescheckten Stute in den Ring ritt. Pferd und Reiterin flossen wie Wasser um die Fässer. Das Mädchen, dessen glänzender schwarzer Zopf so rhythmisch wippte wie ihre Peitsche, hatte einen Ausdruck intensiver, freudiger Konzentration auf dem Gesicht, als sie aus dem Ring hinausritt und die Menge applaudierte. Über den Lautsprecher wurde eine beeindruckende Zeit verkündet: 17,5 Sekunden.

Ah, dieses Lächeln, dachte Michelle und betrachtete das Mädchen. War sie je so jung gewesen? So glücklich?

Cody beobachtete das Mädchen ebenfalls, und zum ersten Mal seit Monaten wirkte seine Miene nicht höhnisch oder herablassend. Selbst ihr Sohn, der durch und durch ein Großstadtgewächs war, konnte einem Ereignis nicht widerstehen, bei dem es wunderschön angezogene Mädchen, kraftvolle und gut aussehende Pferde und schnelle Action gab. Dann bemerkte er, dass seine Mutter ihn musterte, und der verzückte Ausdruck verschwand aus seinem Gesicht.

„Und?“, fragte er. „Willst du ihn jetzt suchen oder was?“

Sie gingen am Tisch der Handelskammer vorbei. Michelle erblickte ein vertrautes Gesicht und zuckte erschrocken zusammen. Earl Meecham, der Besitzer des Truxtop Café, verteilte Flyer oder Coupons oder etwas in der Art. Er hatte sich nicht groß verändert – vielleicht war sein Bauch ein kleines bisschen runder, sein Kinn ein klein wenig schlaffer. Doch sein Grinsen unter dem breiten Hut reichte immer noch von einem Ohr zum andren.

Kurz trafen sich ihre Blicke, aber sie konnte nicht sagen, ob er sie erkannte oder nicht. Sie sah anders aus als das Mädchen von damals mit dem langen blonden Pferdeschwanz und den Sternen in den Augen.

Sie klappte den Kragen ihrer Jacke hoch und ging in Richtung der Tribüne neben der Richterbox. Dort stand, einen Fuß in Lucchese-Stiefel auf das Geländer gestützt, ein Programmheft in der Hand, ihr Vater.

Sofort wurde sie von Panik erfasst und verspürte den Drang zu fliehen. Ich kann das nicht. Nicht hier, nicht jetzt. Doch im Herzen ihrer Panik lag etwas wesentlich Mächtigeres. Liebe oder Hass oder vielleicht auch eine Kombination aus beidem. Entschlossenheit. Pflichtgefühl. Sie schob die Panik beiseite.

Cody schien ihre Anspannung zu spüren, denn er blieb stehen und folgte der Richtung ihres Blicks.

„Das ist er, oder?“ Seine Stimme klang ausdruckslos, gelangweilt.

„Ja, das ist er.“ Die Geräusche der Menge, der Kälber und Pferde verstummte in ihren Ohren, während sie ihren Vater betrachtete.

Gavin Slade. Vor dreißig Jahren war er der heißeste Typ in Hollywood gewesen und hatte sich seine Karriere auf einer Reihe von spannungsgeladenen, düsteren Western und harten Politdramen aufgebaut. Sein wildes, attraktives Gesicht hatte Titelseiten von Fan-Magazinen und Boulevardzeitungen geziert – von Life bis National Enquirer. Er sah gut aus, die Gesichtszüge wie gemeißelt, der Körper schlank und gut trainiert, seine befehlsgewohnte Ausstrahlung noch genauso spürbar, sein magischer Charme nach wie vor mächtig.

Auf dem Höhepunkt seines Ruhms hatte er Hollywood verlassen und war nach Montana gezogen, bevor es modern wurde, das zu tun. Er hatte Crystal City während der Dreharbeiten zu einem Film entdeckt und Jahre darauf verwandt, die Blue Rock Ranch aufzubauen und ein Viehzüchter von internationalem Ruhm zu werden. Einige seiner Bullen waren besser bekannt als die Champions, die sie ritten. Die Menschen im Ort vergötterten ihn. Sie betrachteten ihn als einen der ihren, weil er allen anderen Gewächsen aus Kalifornien zuvorgekommen war. Michelle hatte nie erfahren, warum er hierher gezogen war oder was er gehofft hatte, in Montana zu finden. War er vor dem erbarmungslosen Wettkampf in Hollywood davongelaufen oder vor ihr und ihrer Mutter?

„Er sieht nicht krank aus“, merkte Cody an, der sich bemühte, locker zu wirken, stattdessen aber einfach nur sehr erleichtert klang.

Gavin war vielleicht ein wenig zu dünn, und seine Haut hatte eventuell einen leicht geblichen Schimmer, genau wie das Weiße seiner Augen, doch Michelle ließ auch die Überlegung zu, dass das vom Licht in der Arena kommen könnte. Sie zog die Handschuhe aus und steckte sie in die Jackentasche. Trotz der winterlichen Kälte waren ihre Handflächen schweißnass. Sie wischte sie an ihrer Jeans ab. „Komm, sagen wir ihm, dass wir hier sind.“

Ein kleiner, o-beiniger Cowboy, der einen Stapel Decken auf dem Arm trug, drängte sich an ihr vorbei, aber das fiel ihr kaum auf. Als sie nur noch wenige Schritte von ihrem Vater entfernt war, schaute er auf. Sie kannte ihn nicht gut genug, um seinen Gesichtsausdruck deuten zu können. Immerhin hatte sie nur ein halbes Jahr ihres Lebens mit ihm verbracht. Er war für sie immer ein Fremder geblieben. Ein Fremder, den sie „Daddy“ nannte.

„Michelle, Honey.“ Sein berühmtes Tausend-Watt-Lächeln erhellte sein Gesicht und enthüllte seine perfekten Zähne. „Komm und umarme deinen alten Herrn.“

Er legte seine Arme um sie, und sie schloss die Augen und atmete tief ein. Frisch gewaschene Wäsche, Pfefferminzatem, teures Aftershave. Eine starke Umarmung, die sie komplett umfing. Sie sagte sich, dass sich das nicht so gut anfühlen sollte. Es sollte sich nicht so richtig anfühlen. Er war ein Fremder. Aber als sie sich zurückzog und aufschaute, schwammen Tränen in ihren Augen.

„Hi, Daddy.“

„Ich hatte erst morgen mit dir gerechnet.“

„Wir sind früh losgekommen. Die Straßen waren nicht so schlecht, also sind wir einfach durchgefahren.“ Sie trat zurück und blinzelte schnell die Tränen weg, die er nicht sehen sollte. „Das ist Cody.“

Gavins Lächeln erstarrte. Sie hielt den Atem an und hoffte, dass er durch das Leder und die Ketten hindurchsehen würde, betete, dass er die rebellische Haltung durchschauen würde. Aber Gavin hatte die wundervollen Jahre mit Cody verpasst, genau, wie er sie mit ihr verpasst hatte. Er kannte nicht die übersprudelnde Freude auf dem Gesicht eines Kleinkinds am Weihnachtsmorgen. Den triumphierenden Überschwang eines Neunjährigen, der seinen ersten Fisch gefangen hatte. Die perfekte Zärtlichkeit eines Jungen, der ein frisch geschlüpftes Enten-küken in den Händen hielt. Oder den scheuen Stolz, mit dem er ihr am Muttertag Frühstück ans Bett gebracht hatte.

Gavin sah nur, was jetzt vor ihm stand. Sein Mund verzog sich zu einem bröckeligen, falschen Grinsen, als er sagte: „Nun ja. Wie geht es dir, Kind?“ Er streckte die Hand aus.

Cody nahm sie kurz und ließ sie gleich wieder los. „Okay.“

Michelle wünschte, sie hätte ihn auf diesen Moment vorbereitet. Nicht, dass er zugehört hätte, aber hätte sie ihn nicht anweisen sollen, etwas weniger mürrisch zu sein?

Unangenehmes Schweigen hing wie ein schlechter Geruch zwischen ihnen. Draußen bellte ein Hund. Michelle versuchte, ihre Enttäuschung beiseitezuschieben. Was hatte sie erwartet? Dass die beiden einander in die Arme fielen, nur weil der eine ihr Vater und der andere ihr Sohn war? Das wäre vielleicht in einem von Gavins alten Filmen passiert, doch nicht im echten Leben.

Sie räusperte sich. „Ich wusste, dass wir dich hier finden würden.“

„Das würde ich um nichts in der Welt verpassen, Honey.“

Er war der Grund, wieso eine Stadt von dieser Größe überhaupt ein eigenes Rodeo hatte. Er hatte einen Ort gebraucht, an dem er mit seinem Vieh arbeiten konnte. Die Arena war mit öffentlichen Mitteln gebaut worden – und mit Gavin Slade im Hinterkopf.

Er richtete den Blick auf den Getränkestand. „Kann ich euch etwas zu trinken holen?“

„Ich denke, ich schaue mich mal ein wenig um.“ Cody stopfte die Hände in die Hosentaschen, sodass seine sowieso schon tief sitzende Jeans einen weiteren Zentimeter nach unten rutschte. Michelle hoffte, dass ihr Vater die South-Park-Boxershorts nicht bemerkte, die über dem Hosenbund zu sehen waren.

„Okay.“ Sie hatte sich selber das Versprechen abgenommen, weder ihren Sohn noch ihren Vater dazu zu zwingen, sich zu verstehen. „Sei in einer halben Stunde wieder hier.“ Aus Reflex hätte sie ihm beinahe gesagt, er solle sich aus Schwierigkeiten raushalten, aber sie konnte die Worte rechtzeitig hinunterschlucken. Normalerweise nahm er ihre Warnungen nämlich immer als Einladung, sich danebenzubenehmen. Sie schaute ihm hinterher, wie er davonschlenderte, und sagte: „Ich glaube, er ist ein wenig müde und unleidlich von der langen Fahrt.“

„Wie sieht es mit dir aus?“, fragte Gavin. „Kann ich dir etwas holen – einen Kaffee, ein Bier?“

„Das ist nett, aber nein danke.“

Er berührte ihre Schulter. „Michelle. Es fühlt sich dumm an, danke zu sagen, dass du gekommen bist. Wie um alles in der Welt kann ich dir jemals dafür danken.“

Sie spürte, wie ihr die Röte in die Wangen stieg. „Versuch es gar nicht erst. Ich bin hier. Ich werde dir helfen.“ Sie verspürte den Drang, diese Gelegenheit auszukosten, in seiner Dankbarkeit zu baden. Sie war hier eindeutig die Märtyrerin und könnte das nutzen, um ihre zerrissene Beziehung zu kitten.

Der Impuls verebbte. Das war nicht der Grund für ihre Anwesenheit.

„Hilfe? So nennst du das?“

„Wie würdest du es denn nennen, Daddy?“

„Verdammt, ich weiß es nicht.“ Er nahm den Hut ab und kratzte sich am Kopf. Sein Haar war so dicht und voll wie immer – aber es war inzwischen schneeweiß geworden.

Sie hatte ihn sich nicht als Weißhaarigen vorgestellt. Als er sie angerufen und sie zum ersten Mal seit siebzehn Jahren seine Stimme gehört hatte, hatte sie sich den jungen, vitalen Mann vorgestellt, der er in jenem Sommer gewesen war.

„Ich wollte nie, dass du von meinem Zustand erfährst, Michelle.“

Seine raue, leicht zitternde Stimme machte ihr Sorgen.

„Und ganz sicher hatte ich nicht geplant, dass du zu meiner Rettung eilst.“

„Dieses Mal hast nicht du das Sagen, Dad.“ Aus heiterem Himmel war im November der Treuhandvertrag bei ihr eingetroffen. Sie war im Büro gewesen und hatte am Computer mit ein paar Kaffeebohnen-Grafiken gekämpft, als ein Kurier ihr den dicken Umschlag mit dem Logo der Blue Rock Ranch geliefert hatte. Beinahe hätte sie das Päckchen vor Überraschung fallen lassen. Dann hatte sie die Jalousien heruntergelassen, sich an ihren Schreibtisch gesetzt und den Umschlag geöffnet. Es hatte kein Anschreiben gegeben, nur kleine Post-it-Zettel, die zeigten, wo sie unterschreiben sollte.

Michelle hatte ein paar Augenblicke benötigt, um herauszufinden, worum es ging. Nach beinahe siebzehn Jahren des Schweigens hatte ihr Vater ein üppiges Vermögen in einen Trustfonds für ihren Sohn übertragen.

Sie hatte sich einen Nagel abgebrochen, als sie die Nummer wählte, die auf dem Vertrag angegeben war. Die Anwaltskanzlei in Missoula hatte ihr nichts verraten, also hatte sie sich geweigert, die Vereinbarung zu unterschreiben.

Daraufhin hatte ihr Vater angerufen. Er hatte sie zu Hause erwischt, während sie die Geschirrspülmaschine einräumte und sich fragte, warum Brad sich nicht gemeldet hatte, um zu sagen, dass er es nicht zum Abendessen schaffte. Der Klang der Stimme ihres Vaters hatte ihre Verärgerung über Brad ausgelöscht.

„Michelle, ich bin krank.“

Sie hatte die Augen geschlossen und den Atem ausgestoßen. „Was ist los?“

„Eine verdammt dumme Sache. Sie nennen es Niereninsuffizienz im Endstadium.“

„Nierenversagen?“

„Ja. Ich hatte Streptokokken und habe sie zu lange nicht behandeln lassen. Es gibt eine seltene Komplikation, die sich Glomerulonephritis nennt – und die habe ich entwickelt. Bislang haben die Zeitungen noch keinen Wind davon bekommen, aber die Geier kreisen schon.“

Sie hasste die Presse. Sie hatte ihre Kindheit als Tochter eines Filmstars zum Albtraum gemacht. „Und was passiert jetzt?“

Ein langes Zögern. „Ich habe mit der Dialyse angefangen.“

„Gibt es ein Heilmittel?“

„So etwas Ähnliches.“

„Was soll das heißen?“

„Mein Spezialist in Missoula sagt, ich bräuchte eine Transplantation.“

„Eine Nierentransplantation?“

Die Erkenntnis brandete so hell über sie hinweg, dass sie zusammenzuckte. „Von einem Lebendspender, oder?“

Nein. Ich bin auf der Warteliste für eine Spende von einem Toten.“

Als Michelle die Worte hörte, hatte sie das Gefühl, als würde sie von einer Klippe springen. Das Wissen, was sie zu tun hatte, drückte wie ein Geysir in hier hoch – unaufhaltsam und erfüllt von einer ganz eigenen Energie. Sie lehnte sich gegen die Küchenwand und glitt zu Boden, wobei sich die Schnur des Telefons beinahe bis zum Zerreißen spannte. Sie wusste, sie könnte diesen seltsamen Moment ausdehnen, ihren Vater dazu bringen, mit ihr zu sprechen, ihn zwingen, sie zu fragen, vielleicht sogar, sie anzuflehen. Stattdessen schloss sie die Augen und sprang kopfüber hinein.

„Du musst nicht darauf warten, dass jemand stirbt. Ich helfe dir, Daddy“, flüsterte sie. „Ich gebe dir …“ Oh mein Gott. „… eine Niere.“

„Michelle?“ Gavin Slades Filmstarstimme holte sie in die Gegenwart zurück. „Wenn du nach der langen Fahrt müde bist, können wir sofort fahren.“

„Nein, bleiben wir noch ein wenig. Ich bin zu aufgedreht, um mich schon entspannen zu können.“ Sie hatte neun Wochen mit mehreren Voruntersuchungen am Swedish Hospital in Seattle hinter sich. Bluttests, Röntgenaufnahmen der Brust, genaue Urinanalysen, Sonogramme und MRTs. Entgegen aller Wahrscheinlichkeit passten fünf der sechs Antigene zusammen.

Körperlich gesehen war sie die beinahe perfekte Spenderin für Gavin. Und da ihr Vater ansonsten vollkommen gesund war, war er der perfekte Empfänger.

Er bedachte sie mit einem Blick, den sie nicht deuten konnte.

„Es gibt vieles, worüber wir reden müssen.“

Wenigstens erkannte er das an. Wenigstens gab er zu, dass er das siebzehnjährige Schweigen nur gebrochen hatte, weil er eine ihrer Nieren benötigte.

Michelle starrte in den Ring, wo die Fässer weggeräumt wurden. Sie war entschlossen, eine neutrale Miene beizubehalten. Ich werde nicht wütend auf ihn, sagte sie sich wie so oft, seit sie von seiner Diagnose erfahren hatte. Wut hatte in dieser Angelegenheit keinen Platz.

„Erinnerst du dich noch, wie man zur Blue Rock Ranch kommt?“, fragte er.

„Den Weg finde ich im Schlaf, Dad. Ich lasse vielleicht sogar Cody fahren. Er hat im Sommer den Führerschein gemacht und bedrängt mich schon den ganzen Tag.“

Gavin nickte einem vorbeigehenden Pärchen zu, unterbrach aber ihre Unterhaltung nicht. Das Barrel-Racing war vorbei, und als Nächstes wäre der Wettbewerb im Team-Roping dran. Die Menschen in Crystal City nahmen das Rodeo sehr ernst, und unter den Zuschauern wurde nicht viel gequatscht. Das käme später, wenn die Gewinner und Verlierer gemeinsam in die Grizzly Bar einkehrten, die örtliche Kaschemme, um zu trinken und zu tanzen.

„Dein Freund hat sich entschieden, nicht mitzukommen?“, fragte Gavin.

„Er steckt bis zum Hals in Arbeit.“ Sie zog den Kragen ihrer Jacke übers Kinn. „Er heißt Brad und ist mehr als ein Freund. Wir sind schon seit drei Jahren zusammen.“

„Habt ihr vor zu heiraten?“

Ihre Wangen wurden erneut heiß. Heiraten. Das würde sie und Brad zwingen, ihre Beziehung zu definieren. „Damit haben wir keine Eile.“

„Nun, ich würde ihn gerne einmal kennenlernen. Er ist Apotheker?“

„Er ist Partner in einer großen pharmazeutischen Franchisekette. Er hat mir sehr geholfen, deine Krankheit und die Abläufe einer Transplantation zu verstehen. Er hatte mal vorgehabt, Arzt zu werden – genauer gesagt, Chirurg –, aber das Leben als Pharmazeut passt ihm besser.“

Zumindest sagte er das immer. Michelle fiel in diesem Moment erschrocken auf, dass sie nicht wirklich wusste, was in Brads Herzen vor sich ging. Seltsam. Normalerweise dachte sie, dass sie beide sich so gut kannten.

Über die Lautsprecher kam knisternd eine Ansage, und Gavin merkte auf. „Michelle, ich muss zu den Gattern. Ich habe ein paar neue Broncos, die ich heute teste. Willst du mitkommen?“

„Nein danke. Ich schaue mal, was Cody so macht.“

„Ja, tu das.“ Gavin ging los, dann drehte er sich noch einmal um. „Michelle?“

„Ja?“

„Es ist schön, dich zu Hause zu haben.“

„Gleichfalls, Dad.“ Sie zwang die Worte über ihre Lippen. Alles fühlte sich so seltsam an wie in einem Traum, an dessen Rändern die Schatten eines Albtraums lauerten. Das sind nur meine Nerven, sagte sie sich. Wenn alles gut lief, würde sie in ein paar Wochen wieder zurück in Seattle sein. „Wir sehen uns später im Haus.“

Michelle hatte keine Probleme, Cody auf der Tribüne am hintersten Ende der Arena zu finden. Da er noch nie zuvor auf einem Rodeo gewesen war, wusste er vermutlich nicht, dass das nicht der beste Platz war, um das Geschehen zu beobachten.

Sie öffnete den Mund, um ihn zu rufen, hielt sich dann aber zurück, als sie sah, warum Cody sich dort hingesetzt hatte. Die Barrel-Racerin im schwarz-türkisen Outfit saß ein paar Plätze weiter, nippte an einer Dr. Pepper und unterhielt sich mit dem Mädchen mit den toupierten Haaren und dem fransenbesetzten Hemd. Sie schienen Cody überhaupt nicht zu bemerken. Michelle wusste jedoch, dass er jede Regung der Mädchen genauestens verfolgte.

Gut, dachte sie. Vielleicht würde er langsam über seine Besessenheit von Claudia Teller hinwegkommen, die seit Anfang des Schuljahres seine Freundin war. Claudia war eine wunderschöne, blasse Jägerin, die ihr nie in die Augen sah und ihre zugegebenermaßen munteren Fragen nur einsilbig beantwortete. Claudia hatte Cody an Zigaretten und Bier herangeführt und vermutlich noch an andere Sachen, von denen Michelle nur nichts wusste. Es gab kein Wesen, das so berauschend war wie ein provokantes Mädchen im Teenageralter. Und kein Wesen, das so formbar war wie ein Teenagerjunge im Griff seiner Hormone. Ein Mädchen wie Claudia konnte Pfadfinder dazu bringen, ihre Großmütter zu beklauen. Sie trug Make-up von einer Marke, die sich Urban Decay nannte – städtischer Verfall. Sie hatte rot gefärbte Haare und von schwarzem Kohlkajal umrahmte Augen und wirkte auf Codys schutzlose, jugendliche Libido unglaublich verführerisch. Das beliebteste Mädchen der Schule übte ihre Macht über ihn mit lässiger Unbarmherzigkeit aus.

Seitdem Cody mit Claudia zusammen war, hatte Michelle das Gefühl, ihre mütterliche Kontrolle über ihn zu verlieren. Ihr Sohn war ein Fremder. Wenn er sie anlog, wusste sie nicht, was sie tun sollte.

Womöglich ist der Abstecher nach Montana eine Testphase, dachte sie. Konnte sie ihren Sohn zurückgewinnen, oder war er bereits für sie verloren?

Die Barrel-Racerin wirkte nicht ganz so gefährlich. Vielleicht würde er sie in der Schule wiedertreffen. Gegen seinen Willen würde Cody während ihres Aufenthaltes hier die Crystal City High besuchen müssen, denn in letzter Zeit waren seine Noten grauenhaft gewesen. Er hasste die Vorstellung, aber sein Schulberater hatte ihm die Alternativen erklärt: entweder in Montana zur Schule gehen oder die Klasse wiederholen.

Michelle schlenderte davon und blieb an einem Tisch stehen, an dem es neben selbst gebackenem Kuchen wunderschöne flauschige Salesh-Decken aus Wolle gab. Sie waren handgewebt und in Erdtönen gehalten, deren Muster etwas in ihr berührten. Sie dachte an Joseph Rain, den Meistermaler, bei dem sie einst studiert hatte. Seine Arbeit hatte Echos dieser uralten Motive enthalten. Aus einem Impuls heraus ging sie zum Wagen, um ihr Scheckbuch zu holen. Es gab kaum irgendwo eine Kälte, die so durchdringend war wie die einer Winternacht in Montana. Der Neuschnee war pudrig und leicht unter ihren Stiefeln. Der Swan River war beinahe gänzlich zugefroren, nur in der Mitte blieb ein kleines Rinnsal, das im Frühling zu einem rauschenden, schäumenden Fluss anwachsen würde.

Als sie in die Arena zurückkehrte, hatte Cody sich eine Reihe näher an die Mädchen gesetzt. Das Kälberfangen hatte begonnen, und bellende Hunde und blitzschnelle Pferde wirbelten Staub auf, als die Cowboys auf die Kälber zustürmten. Die Hatz dauerte nicht länger als ein paar Sekunden, aber es lag ein ganz besonderes Drama in der panischen Flucht des Kalbes, dem Augenblick, wenn das Lasso sich spannte, der Cowboy aus dem Sattel sprang, um die Beine zusammenzubinden, und die Hand des Richters hochschoss, um diesen genauen Moment zu markieren.

„… und in Gatter Nummer vier haben wir Sam McPhee“, verkündete der Ansager über die Lautsprecher.

Die Welt hörte auf, sich zu drehen.

„Ladies and Gentlemen, bitte einen herzlichen Applaus für Sam McPhee …“

Zeit, Atmung, Herzschlag, alles schien stehen zu bleiben. Applaus erscholl von den Tribünen. Michelle stand am Geländer und umklammerte es fest mit beiden Händen.

Sam McPhee. Sam ist hier.

Sie betete, dass sie den Namen falsch verstanden hatte, wusste jedoch, dass dem nicht so war. Oh Gott. Sam.

„Der sechsmalige Champion Sam McPhee hat sich schon vor Jahren aus dem Rodeozirkus zurückgezogen, aber wir haben das Glück, dieses Talent hier in Crystal City zu begrüßen …“

Der Ansager sprach weiter, zählte alle Erfolge von Sam auf, die Michelle nicht im Mindesten überraschten. Das Einzige, was Sam McPhee nicht richtig gemacht hatte, war, dazubleiben.

Nach ein paar Sekunden erinnerte sie sich daran, wieder zu atmen. Sie schaute zum Gatter am Ende der Arena, und da war er. Aus der Ferne sah er aus wie jeder Cowboy, der gerade kurz davor war, ein Kalb zu fangen. Ein zerbeulter Hut auf dem Kopf, die Krempe tief in die Stirn gezogen, eine Schnur zwischen die Zähne geklemmt, das Lasso zusammengerollt in der Faust.

Und doch erkannte sie ihn. Erkannte die Neigung seines Kopfes, die Haltung seiner Schultern, das blonde Haar, das seinen Kragen berührte. Sie konnte nicht anders. Sie ging an der Brüstung entlang, um besser sehen zu können.

Sam nickte dem Mann, der das Gatter bediente, kaum wahrnehmbar zu. Das Kalb sprang heraus. Sam folgte ihm auf einem glänzenden, athletischen Quarter Horse. Er fing das Kalb und fesselte es mit einer Geschwindigkeit, die das Publikum bewundernd aufkeuchen ließ. Bewunderung für einen sechsmaligen nationalen Champion.

Michelle schaute wie gebannt hin, unfähig, sich zu rühren, wie eine Fliege, die im Honig feststeckte. Sam kam ihr hagerer, stärker und schneller vor als je zuvor. Er hatte sich diese einzigartige Eleganz der Bewegungen bewahrt, an die sie sich nur zu gut erinnerte. Es war weniger brutale Kraft als vielmehr eine Aura von ungewöhnlicher Fähigkeit, gepaart mit arrogantem Selbstbewusstsein. Er winkte den Zuschauern zu. Alle wussten, dass er die Siegerzeit errungen hatte. Alle wussten, dass er der Champion war.

Sam hatte alles im Überfluss – den Star-Appeal und die Anziehungskraft eines echten Profis. Sie erhaschte einen guten Blick auf ihn, als er sein Pferd einmal an der Bande entlangführte. Die Jahre hatten ihm kaum etwas anhaben können. Er füllte seine Levi’s nach wie vor aus wie ein Model. Er hatte immer noch das leicht schiefe Grinsen, das einst ihr Herz zum Schmelzen gebracht hatte. Und er nahm den Applaus mit der gleichen lässigen Haltung entgegen wie damals.

Und er ist nach wie vor von der seichten Aufregung der Rodeowelt gefangen, dachte sie mit einem überheblichen Schniefen, als eine langbeinige Brünette ihm einen Pokal überreichte und ihm einen Kuss auf die Wange gab.

War es das Rodeo gewesen, das ihn von ihr fortgelockt hatte? Das dafür gesorgt hatte, dass er über Nacht verschwunden war? Sie hatte ihn nie wiedergesehen. Bis jetzt.

„Das war irgendwie cool, oder?“ Cody kam von hinten zu ihr.

„Was? Das Kälberfangen?“ Himmel noch mal, dachte Michelle. Panik hämmerte so hart in ihrer Brust, dass es sich anfühlte wie ein Herzinfarkt. Cody wusste es nicht. Sie hätte nie gedacht, dass sie es ihm würde sagen müssen. Guter Gott.

„Ja, das Kälberfangen oder wie auch immer das heißt.“ Er sah zu, wie die Handler, die wie Clowns verkleidet waren, kleine Hunde in die Arena jagten. „Das war ziemlich cool.“

Ist das genetisch, fragte Michelle sich. „Ich dachte, du stehst eher auf Headbangen und Piercings.“

„Wie wär es mit Fahren, Mom? Kann ich von hier zum Haus deines Vaters fahren?“

Michelle nickte und dachte irrationaler Weise, wenn sie in dieser Sache nachgab, müsste sie sich nicht mit dem anderen Problem beschäftigen. „Okay. Du darfst ans Steuer.“

Ihr Sohn beobachtete Sam noch ein paar Minuten lang interessiert. Und warum auch nicht? Der große Cowboy mit dem lässigen Lächeln und der charmanten Art den Ladies gegenüber war definitiv dazu geeignet, die Fantasie eines Jungen anzuregen.

Ihr Herz wurde ganz kalt. Sam war hier. Sam und Cody waren beide hier. Und sie wussten nichts voneinander.

4. KAPITEL

Es fühlte sich verdammt gut an zu gewinnen. Zu siegen war für ihn immer wie ein Rausch. Ein sehr billiger Rausch, der nie lang anhielt, der dafür aber einfach zu kriegen war.

„Netter Ritt.“ Edward Bliss gesellte sich zu ihm. „Hast du gut gemacht, Partner.“

Sam führte Rio umher, um das große Pferd abzukühlen. Hinter dem Paddock tuckerten die Dieselmotoren einiger Trucks, die bereit waren abzufahren. „Ich schätze, ich werde alle von Rubys Decken kaufen.“ Sam führte Rio in weiten Kreisen herum. Dampf stieg vom Körper des Quarter Horses auf und stand in Wolken vor dessen Nüstern.

„Du bist zu spät. Ich habe gerade die letzte verkauft. An eine hübsche blonde Lady, die ich nicht kenne.“ Edward reichte ihm eine Wasserflasche.

„Ich nehme an, du hast dich ihr vorgestellt?“ Sam nahm einen Schluck.

„Nö. Sie war in Eile. Hatte so ein quengeliges langhaariges Kid bei sich, das ständig maulte, dass er jetzt dran wäre zu fahren.“

„Wenn man ein Kind ist, ist man immer dran mit Fahren.“ Sam trank das Wasser aus. Draußen auf dem Parkplatz röhrten Motoren auf. „Und? Hast du noch ein heißes Date?“

„Hat ein Kojote Flöhe?“ Edward zeigte auf eine pummelige dunkelhaarige Frau in Jeans und einer Chinook-Jacke. Sie winkte ihm zu. „Pearl von der Bank. Wir gehen hoch nach Polson auf ein paar Bier. Willst du mitkommen?“

Sam grinste und dachte an den Vorschlag, den Loretta Sweeney ihm bei der Übergabe von Pokal und Scheck ins Ohr geflüsterte hatte. „Ich habe ein besseres Angebot.“

Edward las seine Gedanken. „Loretta ist eine Schlampe.“

„Das mag ich ja so an ihr.“

Edward machte sich davon. Sam beugte sich vor, um Rio Schuhe überzuziehen – das tat er immer bei seinen Pferden, damit sie ihre Hufe im Anhänger nicht beschädigten –, doch ein durchdrehender Reifen ließ das Pferd zurückscheuen.

„Verdammt.“ Sam wich einem mit Eisen beschlagenen Huf aus.

Eine Sekunde später hörte er das unverkennbare Geräusch von Metall, das auf Metall traf, wenn sich zwei Autos berührten. Rio schnaubte und legte die Ohren an. Sam warf die Führleine über einen Zaun und ging nachsehen, was es für ein Problem gab.

„Mist“, sagte er. „Mist, Mist, Mist.“

Der schicke Range Rover aus Washington war rückwärts in seinen Anhänger gefahren. Die Stoßstange steckte in der hinteren Ladeklappe und die Bremslichter warfen einen gruseligen roten Schimmer über den schmutzigen, aufgewühlten Schnee. Als Sam über den Parkplatz stapfte, ließ der Yuppie erneut den Motor aufheulen. Mit einem metallischen Knirschen löste sich die Stoßstange von seinem Anhänger und der Rover machte einen Satz nach vorne.

Sam legte zwei Finger an die Lippen und durchschnitt die Luft mit einem scharfen Pfiff. „Halt!“, rief er und lief los.

Ein paar Leute blieben stehen und schüttelten den Kopf, als sie den Schaden sahen. Die Fahrertür des Rovers wurde geöffnet und ein schmaler Teenager sprang heraus.

Na super, dachte Sam und beäugte die Nietenjacke und den Pferdeschwanz. Ein minderjähriger Fahrer, wie er im Buche stand. Er sah noch jemanden auf dem Beifahrersitz sitzen. Die Verabredung des Jungen?

„Ich schätze, du hattest ein paar Probleme mit dem Rausfahren“, sagte er um Ruhe bemüht.

Der Junge warf ihm einen überheblichen Blick zu. In seiner Nase funkelte ein kleiner silberner Ring.

„Sieht so aus. Tut mir leid. Die Versicherung übernimmt das.“

Die Lässigkeit des Jungen ging Sam auf die Nerven. Verdammt, er sah viel zu jung aus, um überhaupt einen Führerschein zu besitzen. Vermutlich war es eine vorläufige Fahrerlaubnis.

Als er an die Zeit und die Kosten dachte, die diese Reparatur erfordern würde, wurde er noch ärgerlicher. Aus dem Augenwinkel sah er, dass die Beifahrerin des Wagens im Handschuhfach wühlte.

„Ja, die Versicherung übernimmt das“, sagte Sam, „aber erst, nachdem ich mich ungefähr sechs Monate mit ihr herumgeschlagen habe. Ich sag dir was – das sieht nach einem FünfhundertDollar-Schaden aus. Du könntest zu meiner Ranch rauskommen und es abarbeiten.“

„Es ab…“

„Du weißt schon. Arbeiten. Mit einer Schaufel und einer Tonne Pferdemist.“ Sam suchte in seiner Tasche nach einer Visitenkarte mit dem Namen und der Adresse der Ranch. Er hielt sie dem Jungen hin. „Du kommst morgen und kannst gleich mit den Ställen anfangen.“

Der Junge nahm die Karte nicht. „Hey, ich bin nicht von hier …“

„Darauf wäre ich nie gekommen“, gab Sam angespannt zurück. „Hör mal, entweder, du bist morgen da, oder …“

„Er wird da sein“, sagte eine weiche Stimme hinter ihm.

Er erstarrte und verspürte einen Anflug von Vorahnung. Diese Stimme. Die kannte er. Sie war etwas, woran das Herz sich noch lange erinnerte, nachdem das Gehirn es vergessen hatte.

Er drehte sich langsam zu der Frau um, die gesprochen hatte. Die Erkenntnis explodierte über ihm, dann gab es nur Stille und den Geruch von Schnee und Abgasen und das vage Gefühl, dass um ihn herum Leute zu ihren Wagen gingen. Jeder Moment schien endlos ausgedehnt, unerträglich. Er wollte das, was er sah, mit aller Macht leugnen, konnte es jedoch nicht.

„Michelle?“

„Hey, Sam.“

Sie hatte noch die gleiche tiefe, süße Stimme und die großen, zerbrechlichen Augen, die gleichen seidigen blonden Haare, die jetzt kürzer waren, aber sich nach wie vor auf die gleiche Art um ein Gesicht lockten, das er nie vergessen hatte.

Der Junge blies sich in die Hände, um sie zu wärmen. „Kennt ihr zwei euch?“

„Ich schätze schon“, sagte Sam, ohne Michelles Blick loszulassen. Meine Güte, Michelle Turner. Als er sie damals kennenlernte, wusste er sofort, dass sie das hübscheste Mädchen war, das er je gesehen hatte. Langer blonder Pferdeschwanz, große blaue Augen, ein Lächeln, das er lieber mochte als die Luft zum Atmen. Jetzt war sie nicht mehr hübsch. Sie war wunderschön. Auf eine Weise, wie eine Göttin wunderschön war, wie der Mond wunderschön war. Perfekt gerundet, strahlend, kühl und … weit entfernt. Das war das Wort dafür. Weit entfernt.

Wo bist du gewesen, Michelle?

Dieses unerwartete emotionale Erdbeben in ihm nervte ihn. Er brauchte das nicht, wollte die Erinnerungen nicht, die sie bei ihm weckte. Er wandte sich von ihr ab und steckte die Visitenkarte zurück in seine Tasche. „Hör mal, Junge, vergiss das mit dem Anhänger.“

Der Junge stieß erleichtert den Atem aus. „Hey, danke. Das ist ziemlich cool von Ihnen …“

„Er wird morgen früh bei dir sein.“

Michelles Stimme war ausdruckslos, neutral. Sam hatte keine Ahnung, was er in ihren Augen sah, in ihrem Gesicht. Eine Fremde. Michelle war eine Fremde geworden. Der Mensch, der einst der Hüter all seiner Hoffnungen und Träume gewesen war, war ihm jetzt ein totales Rätsel.

„Er muss nicht …“, setzte er an.

„Oh doch, das muss er, und das wird er auch.“

„Mo-om“, sagte der Junge.

Was für ein nerviges kleines Arschloch. Es reizte Sam bis aufs Blut, jemanden Michelle „Mom“ nennen zu hören. Es war sogar noch seltsamer, sich vorzustellen, dass es irgendwo auf der Welt jemanden gab, den der Junge „Dad“ nannte. Wer ist es wohl, überlegte Sam. Aber er wusste, dass er das niemals fragen würde.

„Okay“, sagte sie. „Wo wohnst du?“

Zögernd streckte er ihr die Visitenkarte hin. Ihre Hände berührten einander, als sie sie nahm und in ihre Tasche steckte. Ein kaltes, unpersönliches Streifen ihrer Finger. Die Berührung einer Fremden. Was hatte er erwartet? Ein Feuerwerk? Elektrische Funken? Oder gar Geigenmusik?

Sie trug einen dicken, kunstvoll aussehenden Ring, der mehr eine Skulptur als ein Schmuckstück war. Ein Ehering? Er konnte es nicht sagen. Aber auch danach würde er nicht fragen.

„Ich werde Cody morgen früh vorbeibringen“, sagte sie. „Ist neun Uhr in Ordnung?“

„Ja, okay. Neun Uhr.“

„Mom“, sagte er Junge. „Muss ich wirklich …“

„Steig in den Wagen, Cody“, sagte sie brüsk. „Und dieses Mal fahre ich.“

5. KAPITEL

Michelle zitterte in der Kälte, als sie auf der Blue Rock Ranch vom Gästehaus zum Haupthaus hinüberging. Der Mond stand hoch über den Gipfeln der Swan Range am Himmel. Sie konnte die Krater auf ihm sehen, als würde sie durch ein Teleskop schauen. Eisiges, silbriges Licht ergoss sich über die schneebedeckten Wiesen.

Sie hatte eine Reaktion erlebt, die sie seit langer Zeit nicht mehr empfunden hatte. Es war eine seltsame, nicht zu vergessende Mischung aus Schmerz und Freude, die der Inspiration immer vorausgegangen war. Der künstlerischen Inspiration. Joseph Rain, der in jenem lang vergangenen Sommer ihr Lehrer gewesen war, hatte das die Berührung der Verdammten genannt, weil es wehtat, brannte und wunderschön war.

Wann hatte sie das letzte Mal dieses Verlangen, diesen Schmerz verspürt? Dieses scharfe Bedürfnis, ein Bild zu erschaffen, in Farben und Formen zu sprechen, weil es keine Worte gab?

Sie konnte sich nicht erinnern, denn sie hatte gelernt, diese Gefühle so schnell zu zerquetschen, wie sie aufkamen. Sie hatte keine Zeit. Sie hatte zu viel zu tun – mit der Arbeit, mit Cody, mit Brad.

Aber hier? Hätte sie hier auch zu viel zu tun? Der Gedanke, tatsächlich vielleicht freie Zeit zur Verfügung zu haben, machte ihr Angst. In Seattle zog sie Trost aus der Tatsache, dass sie zu beschäftigt war, um überhaupt nur nachzudenken.

Im Moment jedoch konnte sie nichts anderes tun, als zu denken. Sam McPhee war hier. Er besaß eine Ranch, die, nach den Angaben auf der Visitenkarte, Lonepine hieß. Sie lag an der alten Holzfällerstraße zwischen zwei Seen. Ein Mann, dem niemals jemand irgendetwas zugetraut hatte, besaß jetzt eine eigene Ranch. Und gleich morgen früh würde sie ihren Sohn zu ihm bringen.

Sie schlang die Arme um ihren Oberkörper, schaute zum weißen Wintermond hinauf und fragte sich, ob er es schon ahnte. Ob er heute lange aufbleiben und an die Vergangenheit denken würde.

Der Gartenpavillon erhob sich wie eine Eisskulptur mitten im Vorgarten. Sie hatte auf den Stufen dieses Pavillons gesessen und gezeichnet, als sie Sam das erste Mal getroffen hatte. Sie erinnerte sich an die Stille jenes Nachmittags, an das Kratzen ihres Stifts auf dem Zeichenblock, den sie auf dem Schoß hielt. Joseph Rain hatte Montana „einen Ort des Atmens“ genannt, eine passende Bezeichnung für die Weite der Landschaft.

„Nettes Bild“, sagte jemand hinter ihr.

Beim Klang der Stimme erstarrte sie mit dem Kohlestift in der Hand. Es war ein angenehmer Bariton, aber er hörte sich noch sehr jugendlich an.

„Findest du?“ Sie stand auf. Und es war er. Genau, wie sie es erwartet – gehofft, dafür gebetet – hatte. Der Junge aus der Trainingsarena. Sie hatte ihn am Tag ihrer Ankunft bereits gesehen. Ihr erster Blick auf ihn war aus weiter Entfernung gewesen.

Er hatte mit einer Stute an der Führleine im Roundpen gearbeitet. Sie hatte von der Veranda aus zugesehen. Er hatte abgetragene Stiefel und Jeans angehabt, dazu ein kariertes Hemd und eine abgetragene Baseballmütze mit dem Logo der Big Sky Feed Company darauf. Er war groß und schlank, wie Gavins liebste Reitpferde. Sie wusste in den Tiefen ihrer achtzehnjährigen Seele, dass vor ihm niemand im gesamten Universum in einer Levi’s jemals so gut ausgesehen hatte.

Aus der Nähe fiel ihr auf, dass er aschblondes Haar hatte, ein schmales, sonnengebräuntes Gesicht und Augen von der Farbe ihres Geburtssteins.

„Ja, finde ich“, erwiderte er. „Ich habe nicht viel Ahnung von Kunst, aber das sieht mir nach einem hübschen Bild aus.“

Sie steckte sich den Stift hinters Ohr. Auf einmal machten ihre abgeschnittene Jeans und das bauchfreie T-Shirt sie ganz verlegen. „Ich bin Michelle.“

„Ich weiß. Ich habe dich hier schon öfter mit deinem Skizzenblock herumlaufen sehen.“

Er hat mich bemerkt. Halleluja, ich bin ihm aufgefallen!

Michelle zeichnete, seit sie alt genug war, einen Stift zu halten. Es war alles, was sie je hatte tun wollen, und sie war sehr gut darin. Wie ein Komet war sie durch den Unterricht an der Highschool und ihre außerschulischen Kurse gesaust. Ihre Inspiration und ihr Talent hatten ihr gute Dienste geleistet, als sie nach Montana gekommen war, um das Jahr vor dem College mit ihrem Vater zu verbringen. Montana schien so riesig und grenzenlos zu sein, dass sie es sich zur Gewohnheit machte, konstant zu zeichnen, nur um ein wenig Kontrolle über etwas so Weites und Wildes zu haben. Sie zeichnete alles: das friedlich-einfältige Gesicht einer Kuh; eine Reihe Bäume an einem Fluss, hinter denen am Himmel die ersten Sterne funkelten; die Silhouette einer Stute mit ihrem Fohlen auf dem Hang hinter dem Paddock; einen Eistaucher, der im Sumpf nistete.

„Ohne meinen Zeichenblock gehe ich nirgendwo hin“, sagte sie.

„Ich bin Sam. Sam McPhee. Ich arbeite für deinen Dad.“

Er grinste und ihr Herz fing an, zu schmelzen. Wenn sie jetzt nach unten schaute, würde sie es vermutlich als kleine kochend heiße Pfütze zu ihren Füßen liegen sehen.

„Ich weiß.“ Sie erwiderte das Grinsen und hoffte, am Hals nicht lauter rote Flecke zu bekommen wie sonst immer, wenn sie errötete.

„Also bist du eine Künstlerin?“, wollte er wissen, wobei in seiner Stimme nicht die Skepsis mitschwang, die sie von den meisten Leuten zu hören bekam, wenn sie ihnen von ihren Ambitionen erzählte. Nein, bei ihm schimmerte ehrliches Interesse durch.

„Das will ich mal werden.“ Sie zeigte auf ihre Zeichnung. „Das hier sind nur Übungen. Ich will mal in echt malen.“

„Du meinst, so mit Staffelei und Pinseln und einer Palette und einem Barret und so?“

Sie lachte. „Ganz genau. Na gut, vielleicht verzichte ich auf das Barret.“

„Dann mach das.“

„Was?“

„In echt malen. Sag nicht nur, dass du es machen willst. Du kannst keine Künstlerin sein, wenn du nicht malst, oder?“

„Ich schätze nicht.“ Sie trat mit der Fußspitze gegen die unterste Stufe des Pavillons. „Hast du je von Joseph Rain gehört?“

„Klar“, sagte Sam. „Er isst regelmäßig in dem Café, in dem meine Mom arbeitet. Ich habe gehört, er wohnt im FlatheadReservat, ist aber ein ziemlicher Einzelgänger.“

„Tja, er ist zufällig der berühmteste Maler der Westküste“, erklärte sie. „Ich bin hergekommen, um bei ihm zu studieren.“ Ihr Vater hatte das alles arrangiert. Auch wenn der Künstler nur selten Schüler aufnahm, hatte Gavin ihm eine Kiste mit ihren Zeichnungen geschickt und einen sehr großzügigen Scheck drangehängt. Mr. Rain hatte die Zeichnungen behalten, den Scheck zurückgeschickt und eingewilligt, mit ihr zu arbeiten – für ein Honorar, nicht gegen Bestechungsgeld.

„Ach ja? Ich habe gehört, dass er ein Künstler ist oder so.“

„Er hat eine Reihe von Bildern für den National Trust gemalt.“ Vor ihrem inneren Auge sah sie die Gemälde vor sich – tief brennende, emotionale Szenen, die sie noch lange, nachdem sie die Galerie verlassen hatte, verfolgten. „Ich habe Glück, dass er zugesagt hat, mein Lehrer zu sein.“

„Ist das das beste Angebot, das du diesen Sommer bekommen hast?“

„Bislang ja.“ Sie ließ ihren Skizzenblock fallen. Tollpatsch, dachte sie.

Gleichzeitig griffen Sam und sie danach und ihre Finger berührten einander. Er lachte leise auf und behielt ihre Hand in seiner.

Der Klang von Sam McPhees Lachen. Seine Hand zu fühlen, die ihre berührte. Das waren die ersten Dinge, die sie an ihm geliebt hatte. In den folgenden Jahren waren es die Dinge gewesen, an die sie sich lebhafter und wesentlich öfter erinnerte, als sie wollte.

Michelle wünschte, sie wäre nie zurückgekommen. Wie sollte sie die Schönheit dieses Ortes mit seinem puren Licht, der schneidenden Kälte und nun auch noch Sam McPhee ertragen? Sie biss die Zähne zusammen und stieß die Tür zum Haupthaus auf. Als sie eintrat, dachte sie an ihren ersten Besuch hier, wie prachtvoll und solide alles ausgesehen hatte. Damals hatte sie ihr Zimmer im ersten Stock gehabt. Jetzt bewohnten sie und Cody eins der Gästehäuser. Gavin hatte gemeint, dass Cody sich in einem eigenen Haus wohler fühlen würde.

„Ich bin gleich da“, rief Gavin von oben. „Mach dir schon mal einen Drink.“

Sie durchquerte das Wohnzimmer – eine Ralph-Lauren-Anzeige in 3-D – und trat hinter die Bar. Auf einem polierten Regal fand sie ein kristallenes Highball-Glas und nahm sich ein wenig Eis aus dem Gefrierfach. Als sie die Flaschen mit den exotischen, teuren Whiskeys und Likören musterte, versuchte sie, ihre Gedanken irgendwie zu sammeln.

Sie neigte dazu, Dinge in Schubladen zu stecken. Hier, in dieser Schublade – die Sorgen um Cody. Sie verbrachte viel Zeit damit, sie durchzusehen und doch niemals auf den Grund zu kommen, weil er sie jeden Tag vor neue Herausforderungen stellte. Ob er nun fragte, ob er sich die Augenbraue piercen lassen durfte oder die Erlaubnis haben wollte, über Nacht auf ein Rockkonzert zu fahren.

In einer anderen Schublade – ihre Arbeit. Die Agentur mochte sie, weil sie gute Arbeit leistete und ihre Kunden glücklich machte. Dieses Frühjahr würde sie Partnerin werden und mehr Geld verdienen, als sie sich je erträumt hatte. Die anderen Partner hatten Angst, dass sie die Agentur für eine größere, lukrativere Firma verlassen und ihre Kunden mitnehmen könnte. Aber warum sollte sie woanders hingehen? Um größere, einträglichere Anzeigen für Dünger und Tampons zu zeichnen?

Eine weitere Schublade – Brad. Nach drei Jahren waren sie immer noch an der gleichen Stelle, an der sie angefangen hatten. Sie hatten sich zwei nebeneinanderliegende Einheiten in einem Stadthauskomplex in Seattle gekauft. Ihre Terrassen wurden von einer Wand aus Zedernholz getrennt. Sie waren sozial kompatibel. Sexuell kompatibel. Finanziell kompatibel. Nur wenn es um Cody ging, passten sie nicht zusammen, denn er und Brad kamen nicht miteinander klar.

Jetzt hatte sie noch ein paar weitere Schubladen in der Fertigung. Ihr Vater, dessen Leben davon abhing, dass sie ihm eine ihrer Nieren spendete, nahm sehr viel Platz in ihren Gedanken ein. Den Großteil ihres Lebens hatte er sie ignoriert, und nur, weil sein Überleben auf dem Spiel stand, hatte er ihre Existenz anerkannt. Ein Psychiater hätte seinen Spaß mit uns beiden, überlegte sie ironisch. Sie würden ihr Fleisch teilen, ein Organ, die geheimnisvolle Lebenskraft – das war so verdammt symbolisch. Und – sie sagte sich ständig, dass sie nicht darüber nachdenken sollte, aber sie tat es trotzdem – es war so eklig. Da, dachte Michelle. Ich bin ein fürchterlicher Mensch. Von außen tat sie so, als wäre sie Mutter Teresa, während in ihrem Inneren der Feigling vor dem Grauen zitterte, das ihr bevorstand.

Und jetzt noch Sam. Guter Gott, Sam McPhee.

„Ich brauche keinen Drink“, murmelte sie leise und betrachtete die Ansammlung von Flaschen. „Ich brauche ein ZwölfSchritte-Programm.“

„Probier den Booker’s. Der war mir immer der liebste.“

Sie wirbelte erschrocken herum. „Daddy, ich habe dich gar nicht herunterkommen hören.“

Er zwinkerte ihr zu. In seinem dicken Frotteebademantel und den Lederslippern sah er schick aus. „Ich bin eben sehr leichtfüßig.“

Gehorsam schenkte sie sich einen Schluck Booker’s über das Eis. Der erste Schluck trieb ihr die Tränen in die Augen. „Das ist Feuerzeugbenzin, Dad.“

„Gut, hm?“

Sie hustete ein wenig und spürte, wie die bernsteinfarbene Flüssigkeit in ihrer Kehle brannte. „Willst du auch etwas?“

Er hob ein Glas hoch. „Mein altvertrauter Cranberrysaft. Ich darf schon lange nichts mehr trinken.“

Schon lange. Wann genau war er krank geworden? Wie lange hatte er gelitten, ohne jemanden zu haben, mit dem er über das sprechen konnte, was mit ihm los war? Michelle glaubte nicht, ihn gut genug zu kennen, um ihn danach fragen zu können.

Gemeinsam saßen sie in dem etwas tiefer gelegenen Wohnzimmer. Rustikaler Millionärsstil, klassifizierte sie es in Gedanken. Eine Decke in gedämpften Grünund Burgundertönen, geschälte Strandkiefer, ein Kamin aus massiven Feldsteinen. Sie starrte intensiv in die Flammen, die an einem wuchtigen Holzscheit leckten, und nippte an ihrem Single-Barrel-Bourbon.

„Hier bin ich nun also“, sagte sie dümmlich.

„Ja, hier bist du. Mein Engel der Gnade.“

Sie blinzelte ein paar Mal, weil die Bitterkeit in seiner Stimme sie betroffen machte. „Bist du sauer auf mich?“

„Verdammt, nein, Honey, ich bin sauer auf die Welt. Und zwar schon, seit ich diese verdammte Diagnose bekommen habe. Ich habe den medizinischen Test zur Verlängerung meiner Fluglizenz nicht bestanden.“

„Oh Daddy, das tut mir leid.“ Alle wussten, wie wichtig ihm das Fliegen war. Selten verging eine Woche, in der er nicht mit seinem geliebten Flugzeug abhob, und sei es nur für einen kurzen Ausflug. Das erste Mal hatte er sie mit seiner klassischen P-51 Mustang nach Blue Rock gebracht, die so umgebaut war, dass sie zwei Leuten Platz bot. Und sie hatte es geliebt, mit ihm zu fliegen.

„Hast du dein Flugzeug noch?“

„Ja, sie steht draußen im Meridian County Air Park. Und außerdem habe ich einen Doppeldecker für Stunts.“ Er hob das Glas. „Ich kann nicht mal mit meiner lange verlorenen Tochter anstoßen. Die Nierenspezialistin hat so einen Ernährungsberater auf mich gehetzt, der mich beinahe vierundzwanzig Stunden am Tag überwacht.“

„Und hilft es?“

„Ja, es hat mich länger vor der Dialyse bewahrt, als eigentlich möglich schien. Der größte Feind ist das Protein – und davon die Finger zu lassen ist echt schwer. Aber heimlich zu naschen ist auch keine Option. Wenn die Nieren extrahart arbeiten müssen, beschleunigt das den Zusammenbruch nur. Ich schätzte, das ist der Grund, wieso ich so gereizt bin. Und ich wünschte, ich wäre mutig genug, mich einfach zu erschießen, anstatt ein verdammtes Organ von meinem eigenen Kind anzunehmen.“

„Hör sofort damit auf.“ Michelle fing an, sich Sorgen zu machen, versuchte jedoch, sich nichts anmerken zu lassen. „Wir waren uns bereits einig, dass es das Richtige ist.“

Autor