×

Ihre Vorbestellung zum Buch »Hinter diesen blauen Bergen«

Wir benachrichtigen Sie, sobald »Hinter diesen blauen Bergen« erhältlich ist. Hinterlegen Sie einfach Ihre E-Mail-Adresse. Ihren Kauf können Sie mit Erhalt der E-Mail am Erscheinungstag des Buches abschließen.

Hinter diesen blauen Bergen

Als Buch hier erhältlich:

Milena Moser träumt von der Freiheit und sehnt sich nach der großen Liebe. Um das zu finden, lässt sie alles hinter sich und wandert in die USA aus. Nach ihrem Bestseller "Das Glück sieht immer anders aus" erzählt sie mit viel Humor von ihren Erlebnissen in Amerika und verrät, wo das Glück zu finden ist. Aber erst muss sie lernen, sich zu lösen: von Besitztümern, von ihren Freunden und Kindern. Sie trifft einen alten Bekannten wieder, der sich als Indianer entpuppt. Herz und Nieren sind nicht mehr die eines jungen Häuptlings, aber seine Unbekümmertheit lässt Milena schwach werden … Mosers Erzählen geht mutig einer Sehnsucht nach, und wir fiebern atemlos mit, weil sie sich traut, ihre Träume zu verwirklichen.
  • Erscheinungstag: 30.01.2017
  • Seitenanzahl: 256
  • ISBN/Artikelnummer: 9783312010318
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

 

 

Als De-Cesco-Leseratte träumte Milena Moser vom Wilden Westen. Pferd und Indianerhäuptling standen oben auf ihrer Traumwunschliste. Als sie sich im Alter von fünfzig Jahren in Santa Fe ein winziges Häuschen kauft und beschließt, ganz und gar dorthin auszuwandern, hat sie natürlich andere Träume im Kopf. Die Liebe will sie immer noch finden, die Freiheit sowieso. Aber erst muss sie lernen, wie man Dinge loswird, an denen das Herz hängt, wie man sich von Freunden und Kindern zu lösen lernt, wie es sich anfühlt, in einem fremden Land die Fremde zu sein. Sie beginnt wieder zu reiten. Sie lernt einen alten Freund näher kennen, der sich als Indianer entpuppt. Herz und Nieren sind nicht mehr die eines jungen Häuptlings, aber er ist tapfer und unbekümmert, und das lässt Milena schwach werden.

Schatten junger Mädchenträume

«Na, hab ich euch zu viel versprochen?» Rod grinst. Er muss die Antwort nicht abwarten, er kennt sie. Er macht das nicht zum ersten Mal. Rod ist einer der wranglers vom Reitstall The Broken Saddle, eine halbe Stunde außerhalb von Santa Fe. Heute begleitet er Doris und mich auf einem sunset ride – dem sprichwörtlichen Ritt in den Sonnenuntergang. Wir sind Lucky Luke, wir sind Clint Eastwood, wir sind die not so lonesome riders. Gerade sind wir auf einer kleinen Erhöhung angekommen, mitten in der endlosen welligen Landschaft von Cerrillos. Cerrillos heißt kleine Hügel, und der Name passt. So weit der Blick reicht, rollen die sanften Wellen. Sattgelbe Erde, von niedrigen Pinien und Wacholderbüschen bewachsen, silbern schimmernde Disteln, die violetten Tupfer der wilden Verbena, dazwischen stachlige Kakteen mit blutroten Früchten. Es ist der Wilde Westen direkt aus dem Karl-May-Film. Ich weiß, diese Filme wurden in Jugoslawien gedreht. Aber genau so sieht es hier aus.

In der Ferne schlängelt sich der Highway 14 Richtung Madrid. In der alten Silberminenstadt sind schon ein paar Lichter an. Sie sind der einzige Hinweis darauf, dass hier auch Menschen leben. Wir sind allein. Während der letzten zwei Stunden haben wir niemanden gesehen. Hier in Cerrillos habe ich im vergangenen Jahr wieder angefangen zu reiten. Im Westen, in der Landschaft meiner Mädchenträume. Ich war eins dieser Pferdemädchen, die jede freie Minute im Reitstall verbringen, die einem Pferd mehr anvertrauen als ihrem Tagebuch. Die Pferdebücher lesen und Pferdeposter aufhängen. Die für den Mittwochnachmittag leben, die Reitstunde, den Ausritt. Dann hatte ich einen Unfall: Ein braves Schulpferd namens Tatjana brannte durch und warf mich ab – nicht auf einer sanften Wiese, sondern auf der Straße. Direkt vor einem Schulhaus. Ich weiß noch, wie ich am Boden lag und mich nicht bewegen konnte. Die Fenster im Parterre standen offen, die Schüler, älter als ich, ergriffen begeistert die Gelegenheit einer Unterbrechung. Hordenweise sprangen sie aus den Fenstern und rannten zu mir. Ich erinnere mich, dass sie mir mehr Angst machten als der Sturz an sich. Dabei meinten sie es gut: Sie hielten den Verkehr auf, fingen das Pferd ein, trugen mich ins Schulhaus. Der Helm, den wir damals alle tragen mussten, war unter ein Auto gerollt. Er hatte nicht verhindert, dass ich mir den Schädel gebrochen hatte, die Schädelbasis, also fast das Genick. Das klingt gefährlicher, als es war. Nach zwei Wochen im Kinderspital war ich schon wieder zuhause.

Zwei Dinge waren in diesen zwei Wochen passiert, die mein Leben unwiderruflich verändern sollten. Zum einen hatte ich angefangen, Geschichten zu erfinden. Noch nicht, sie aufzuschreiben, aber zumindest schon mal: auszudenken. Wegen meiner Kopfverletzung war mir nämlich das Lesen verboten. Das muss man sich vorstellen wie einen kalten Entzug. Schlimmer noch, jeden Nachmittag zog eine freiwillige Helferin einen Bibliothekswagen durch die Zimmer, und jeder durfte sich ein Buch aussuchen – jeder, nur ich nicht. Eine Minibar als Service in der Entzugsklinik, und ich die einzige trockene Alkoholikerin auf der Abteilung! Weil ich also nicht lesen durfte, fing ich an, mir Geschichten auszudenken. Ich dachte an das letzte Buch, das ich gelesen hatte, welches es war, das weiß ich nicht mehr, aber garantiert etwas mit Pferden – und spann es in meinem Kopf einfach weiter. Ich ersetzte die Hauptfigur durch mich, wie ich es beim Lesen ohnehin immer tat. Aber nun konnte ich alle Details anpassen, zum Beispiel hieß das Pferd der Hauptfigur nun auch Tatjana. Das war fast so gut wie Lesen, nein, es war noch besser. Sobald ich wieder zuhause war, fing ich an, diese neuen Versionen meiner Lieblingsbücher aufzuschreiben. Meine unstillbare Lesesucht hatte einen Zwilling erhalten: die Schreibsucht.

Das andere war weniger gut. Von nun an hatte ich Angst vor Pferden. Ich ging weiterhin zur Reitstunde, damals machte man das so. Gleich wieder aufsteigen, nur nicht aufgeben. Die Angst ignorieren. Die Angst ging nicht weg, sie wurde nur schlimmer. Jeden Mittwochmittag, wenn ich aus der Schule nach Hause ging, starrte ich verzweifelt in den Himmel. Der schien immer blau zu sein. Mit reiner Willenskraft versuchte ich, Wolken herbeizubeschwören und zusammenzuschieben und auszupressen. Bei Regen würden wir in der Halle reiten. In der Halle hatte ich weniger Angst. Beim Ausreiten konnte ständig etwas passieren. Ein Traktormotor konnte aufheulen. Ein Hund bellen. Ein Radfahrer von hinten auftauchen. Mein Pferd konnte ausbrechen, mich abwerfen. Die ganze Stunde über versuchte ich abzuschätzen, was auf mich zukommen würde. Jogger hinter der Abbiegung? Lastwagen auf der Landstraße? Wie lange ich das durchgehalten habe, weiß ich nicht mehr. Es gelang mir selten, dafür entwickelte ich chronische Bauchschmerzen. Bis ich mich endlich getraute, meine Angst auszusprechen und die Reitstunden aufzugeben.

Die Erinnerung blieb. Die Erinnerung an das Glück, das ich beim Reiten einmal empfunden hatte, das Gefühl der Verbundenheit mit einem Pferd. Die Sehnsucht blieb. Die Angst aber auch, wie sich bei jedem neuen Versuch herausstellte.

Dann verschlug es mich in den Wilden Westen. In eine Landschaft wie in den Winnetou-Filmen, wie in den frühen Romanen von Federica de Cesco, die meine Mädchenträume geprägt hatten. Wenn ich hier nicht wieder in den Sattel zurückfinden würde, wo dann?

«Wo kann man hier reiten?», fragte ich Doris, meine neue Freundin in Santa Fe und die Auskunftsperson Nummer eins. Diesmal musste selbst sie einen Moment lang überlegen. Denn Doris hatte, so stellte sich heraus, eine ähnliche Geschichte. Auch sie hatte das Reiten nach einem schweren Unfall aufgegeben, auch sie war einmal ein Pferdemädchen gewesen. Mehr noch, sie war mit Pferden aufgewachsen. Ihre Familie hatte Traber gezüchtet. Jahrelang war sie jeden Tag ausgeritten, bei jedem Wetter. Auf hochgezüchteten, nervösen, energiegeladenen Pferden. Sie hatte sie bewegt, gefüttert und gepflegt. Und dann war ihr Pferd ausgebrochen, aufgestiegen. Es hatte sie abgeworfen, sich dann selber überschlagen und war auf sie gefallen. Seither hatte Doris Angst. Und dieselbe Erinnerung daran, wie es vor dem Unfall gewesen war, dieselbe Sehnsucht. Ein paar Tage später rief sie mich an: «Ich kenne jetzt einen Stall. Über den habe ich nur Gutes gehört», sagte sie. «Und ich komme gleich mit!»

Harrold Grantham hat The Broken Saddle vor mehr als zwanzig Jahren mit seinen eigenen Pferden und mit der Unterstützung seiner Frau, einer Anwältin, eröffnet. Er war an der Ostküste aufgewachsen. Sein erstes Geld verdiente er als Schüler auf der Rennbahn in Atlantic City, wo er die Pferde fütterte und pflegte. Reiten durfte er dort nicht. Jedenfalls nicht offiziell. In New Jersey hörte er die Pferdefreunde vom Westen schwärmen, besonders von Santa Fe. Von einer anderen Art zu reiten, bei der der Wille der Tiere nicht gebrochen wird. Damals und dort fasste er den Entschluss, eines Tages an diesen magischen Ort zu ziehen. Mit Pferden zu leben, mit ihnen zu arbeiten. Und irgendwann in den achtziger Jahren verwirklichte er seinen Jugendtraum im Wilden Westen. Wie ich. Wie Doris. Wie so viele andere.

«Das Erste, was ich sah, als ich in Santa Fe ankam, war ein Touristenbus voller Rentner! Ich sagte zu meiner Frau: ‹Meinst du wirklich, dass diese Leute gern reiten würden?›» Harrold nimmt kein Blatt vor den Mund. Einmal führte ihn ein Ausritt an einer Klapperschlange vorbei, die sich auf einem Felsen sonnte. Sein Kunde, ein reicher Texaner, forderte ihn auf, sofort abzusteigen und das «Ding» totzuschießen. «Warum sollte ich das tun?», fragte Harrold und ritt weiter. Keine halbe Stunde später stieg er dann vom Pferd – um die leere Plastikflasche aufzuheben, die der Texaner weggeworfen hatte. «Den haben wir nie wiedergesehen», lacht Harrold. Dafür hat er einen Aufkleber fürs Auto drucken lassen, auf dem steht We respect the Rattlesnake, but we kill the Litterbug – Wir achten die Klapperschlange, aber wir vernichten den Schmutzfink.

Doris trägt einen roten Cowboyhut, ich einen braunen. Als wir beim Stall ankommen, schlägt uns der vertraute Geruch entgegen. Pferdeschweiß, Leder, Staub. Ich habe keine Reitstiefel dabei, trage Cowboyboots mit wild leuchtenden Stickereien. Das erste Pferd, das mich sieht, wirft einen Blick auf meine Füße und schreckt wiehernd zurück. Das fängt ja gut an, denke ich. Solche Reaktionen kenne ich sonst nur aus Zürcher Szenelokalen.

Die Pferde sind bereits gesattelt, wir haben beide behauptet, wir seien Anfängerinnen. Unsere frühere Identität als Pferdemädchen haben wir unterschlagen. Wir sind ein bisschen nervös. Ist es wirklich wie Radfahren? Das man angeblich nie verlernt? Alles ist ein bisschen anders als in der Erinnerung, der Sattel, die Zügel, die Länge der Steigbügel. Und trotzdem vertraut.

Doris trägt konventionelle Reitstiefel, die sie aus der Schweiz mitgebracht hat. Harrold gibt ihr Lily, eine Stute, die Doris an ihr eigenes Pferd erinnert. «Es kommt mir komisch vor, ein Pferd nicht selber zu striegeln und zu satteln», sagt sie. «Bei meinem Stiefvater mussten wir erst mal ein Jahr lang im Stall arbeiten, bevor wir aufsitzen durften.» Ich bekomme Twain zugeteilt. Ein Pferd, das nach einem Schriftsteller benannt ist. Wenn das nicht passt! Twain ist pensioniert, sozusagen. Früher arbeitete er für die Sheriff’s Posse, die berittene Polizei. Und obwohl er heute ruhiger ist, hat er die Gewohnheit beibehalten, auf unübersichtlichem Terrain loszupreschen, bis er das Gelände wieder überblicken kann. Dort bleibt er dann abrupt stehen und sieht sich nach allen Seiten um. Fehlt nur, dass er wie ein Cop in einer Fernsehserie «All clear!» ruft. Trotz seiner sporadischen Ausbrüche vermittelt mir Twain ein Gefühl der Sicherheit. Auf ihm bin ich ruhig. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt so glücklich war. Ohne das Geringste dafür tun zu müssen. Ich bin hingerissen. Doris ist es auch. Am Ende dieses ersten gemeinsamen Ausritts bleiben wir stumm, grinsen uns nur an wie zwei Idioten, wie zwei frisch Verliebte, zwei Pferdemädchen, die sich selbst wiedergefunden haben.

Seither fahren wir nach Cerrillos, sobald sich eine Möglichkeit bietet und wir die Zeit finden. Harrold teilt uns immer dieselben Pferde zu. Ich nenne Twain in meinen Berichten schon «my boyfriend». Worauf eine Freundin in der Schweiz ein Bild sehen will – und enttäuscht ist, als sie nur ein Pferd sieht. Meine Schwärmerei hat sie glauben lassen, ich hätte mich in einen pensionierten Sheriff verliebt.

Harrolds ältere Tochter hat in Deutschland studiert. Jedes Mal, wenn ich zum Reiten komme, ruft er sie an und reicht mir das Handy, damit sie ihr Deutsch üben kann. Sie ist immer sehr höflich. Wegen seiner unbestechlichen Art hat Harrold treue Stammkunden gewonnen, darunter einige Berühmtheiten. Nach einer Reihe von Ausritten sparen sich unsere Wranglers ihre Vorträge über das Umland, die stillgelegten Silberminen, die Türkisadern, die Brücke mit den zu engen Geländern. Dabei hatte Harrold extra ein Pferd über die Brücke geführt, bevor das Geländer installiert wurde – nur hat er den Reiter nicht einberechnet. Die Gespräche werden persönlicher, und wir erfahren einiges aus dem Leben unserer Begleiter. Carla zum Beispiel arbeitet mit schwerbehinderten Kindern, die sie zum Reiten an sich selbst festschnallt. Sie hat drei Söhne, die sie im Abstand von zehn Jahren bekommen hat, bei der Geburt des letzten war sie achtundvierzig. «Gott wollte es so», sagt sie. Mit ihrem Jüngsten, der jetzt sieben ist, und ihrem Mann teilt sie sich einen Wohnwagen. Es ist ihre vierte Ehe. Sie zuckt mit den Schultern. «Nicht alle Puzzleteile passen zusammen …»

John, ein kleiner drahtiger Mann mit langem weißen Haar und einem weißen Bart, war früher mal Beamter im Mittleren Westen, glattrasiert und gepflegt. Als Rentner kaufte er sich zwei Pferde, eins zum Reiten und ein Packpferd. Und er machte sich auf in den Wilden Westen. Mit zwei Pferden von Michigan nach New Mexico, 3600 Kilometer. Sechs Monate und drei Tage brauchte er. Als er hier ankam, wurde sein Lastpferd vom Blitz erschlagen, sein gesamter Besitz verbrannte. Als wir ihn kennenlernten, lebte er in einem Tipi auf Harrolds Land, allerdings mit Internet und Kabelfernsehen. Er wollte den ganzen Ausritt lang über Fernsehserien reden: «Schaut ihr Mädels Grey’s Anatomy?», fragte er. «Was sagt ihr zum Tod von Doctor McDreamy?» Eine der vielen täglichen Mahnungen hier, dass man sich nicht auf Äußerlichkeiten verlassen kann. Dass man seine Vorurteile an der Tür abgeben sollte.

Michael bringt immer mindestens einen seiner vier Hunde mit. Der alleinerziehende Vater wurde uns von Harrold als «Skilehrer der Stars» angepriesen. Er verbringt den Winter in Colorado, wo er unter anderem Matt Damons Töchtern das Skifahren beibringt. Und Robert Redford, den er jahrelang nur als «Bob» kannte – und nicht als Filmstar erkannte. Erst als der bereits geschlossene Skilift für «Bob» wieder in Betrieb genommen wurde, ging Michael ein Licht auf. Lieber als über seine berühmten Klienten redet Michael über die jugendlichen Straftäter, meist Mitglieder von Straßengangs, mit denen er zelten und reiten geht. Von dem brachialen Überlebenstraining, mit dem hier verhaltensauffällige Jugendliche diszipliniert werden, hält er allerdings nichts. Er setzt auf Geduld und Respekt. «Das ist wie mit schwierigen Pferden», sagt er. «Mit Gewalt kommst du da nicht weiter. Es gibt einen Grund, warum sie so sind. Es gibt immer einen Grund.»

Heute reitet Rod mit uns, der mit seiner Frau, drei Kindern und allen möglichen Haustieren in einem Trailer lebt, einem Wohnwagen. Seine Frau ist wenig begeistert von seinen abendlichen Touren, aber sie brauchen das Geld. Eins seiner Pferde leidet unter Koliken, und er ist nicht zum Plaudern aufgelegt, aber das passt uns gut. Die Landschaft bietet Unterhaltung genug. Nach zwei Stunden sind wir am Aussichtspunkt angelangt, als gerade die Sonne untergeht. Von hier sieht man alle Berge, die Santa Fe umgeben, die Sandia-, Jemez-, Sangre-de-Cristo- und Ortiz-Gebirge. Im Licht der letzten Sonnenstrahlen schimmern sie blau, schieben sich als Rahmen um das Blickfeld. Über allem dieser Himmel: Der Himmel über Santa Fe ist eine launische Diva. Und gleichzeitig wie eine Leinwand, die sich über die Landschaft spannt. Auf dieser Fläche spielt sich immer ein Drama ab: Schnell wechselnde Wolkenformen, Sommergewitter, waagrechte Blitze, dann wieder das strahlendste Blau. Das Licht ist durchsichtiger hier. Die Farben leuchten.

Und dann färbt sich alles rosa, orange, lila, rot. Auf der einen Seite geht die Sonne unter, auf der anderen der volle Mond auf. Plötzlich merke ich, dass mir die Tränen übers Gesicht laufen.

«Was ist los?», fragt Rod. Ich schlucke. Dann muss ich lachen. «Ich habe das Davide-Syndrom», sage ich. «Nur eben umgekehrt!» Rod und Doris wechseln einen besorgten Blick. Nein, ich bin nicht verrückt geworden. Das Davide-Syndrom zeigen amerikanische Touristen, die in Florenz vor der David-Statue von Michelangelo zusammenbrechen, überwältigt von so viel Kultur, so viel Geschichte. Bei mir ist es umgekehrt: Ich gehe vor der Natur in die Knie, vor dieser endlosen Weite, vor diesem Himmel.

Auf dem Heimweg bricht die Dämmerung ein. Der Mond verschwindet. Nur das Licht von Rods iPhone flackert in der Dämmerung.

«Hey, telefonieren und reiten, ist das erlaubt?», ruft Doris.

Rod versucht immer noch, die Krise in seinem eigenen Stall zu bewältigen. Doris, die Erfahrung mit Kolikpferden hat, tauscht Tipps mit ihm aus. «Meine Tosca habe ich stundenlang im Trailer herumgefahren, das hat immer funktioniert. Genau wie bei Babys.» Ich lasse die beiden plaudern und falle zurück. Es ist fast, als würde ich allein reiten. Durch diese silbernen Hügel, dieses durchsichtige Licht. Durch die Landschaft meiner Mädchenträume. Wenn Jojo mich jetzt sehen könnte, denke ich. Meine beste Jugendfreundin, die zwar nicht meinen Pferdemädchenwahn, aber immerhin meine Verehrung für Federica de Cesco teilte. Ganze Nachmittage haben wir in ihrem oder meinem Zimmer verbracht, jede ihr eigenes Buch vor sich – zusammen haben wir die Gemeindebibliothek leergefegt. Wir teilten auch die Verwirrung, als die Traummänner in Federica de Cescos Romanen nicht mehr Indianerhäuptlinge waren, sondern japanische Künstler. Aus autobiographischen Gründen, wie wir später erfuhren. Jahrzehnte später, selber als Schriftstellerin unterwegs zu einer Buchmesse, sah ich Federica de Cesco und ihren japanischen Ehemann im Flugzeug. Ein bildschönes, elegantes Paar. Ich traute mich nicht, sie anzusprechen, ich verneigte mich nur stumm vor ihr. Sie lächelte freundlich, sie war es wohl gewohnt. Dann stolperte sie, ihr Mann fasste sie blitzschnell am Ellbogen, und mein damals von einer Trennung noch schwer angeschlagenes Herz öffnete sich ein wenig. Noch heute seufze ich bei der Erinnerung an diesen Moment. Diese Frau wusste, wovon sie schrieb. Trotzdem hatte ich in den endlosen Diskussionen mit Jojo bei der Frage: «Willst du, wenn du mal erwachsen bist, einen Indianer heiraten oder eher einen Japaner?», immer den Indianerhäuptling verteidigt.

Und jetzt … kann ich nicht weiterträumen. Denn Twain reißt plötzlich den Kopf hoch. «Wo sind denn alle?», scheint er zu fragen. Bevor ich reagieren kann, prescht er los, galoppiert durch den engen Arroyo, das trockene Bachbett. Sand wirbelt unter seinen Hufen auf, der Hut fliegt mir vom Kopf. Aber ich habe keine Angst.

Ich habe keine Angst mehr. Erst als wir aufgeholt haben, fällt Twain knapp hinter Lili in einen gemäßigteren Galopp.

«Hast du die Bärenspuren gesehen?», fragt Rod.

«Bärenspuren? Machst du Witze?»

«Nein, da waren zwei Bären … Hey, und Doris hat einen Türkis gefunden!»

Auf dem Hügel über dem Stall leuchten tausend Sterne. Glitzerlichter, die Harrold eines Abends aufgehängt hat. «Als seine Frau sauer war auf ihn», lacht Rod.

«Wie im Märchen», seufzt Doris.

Ich nicke. Wie im Märchen, wie im Traum. Ich habe meinen Traum verwirklicht. Meinen Mädchentraum. Bis hin zum Indianerhäuptling. Alles, was ich mir gewünscht habe, hat sich erfüllt. Jetzt fehlt mir nur noch der rote Seidenschal. Wie zum Teufel ist so etwas möglich?

Kein Mann, nirgends?

Rückblende: Es ist Ende Juli 2014. Seit vier Wochen bin ich wieder in Santa Fe, wo ich vor einem Jahr eine winzige Casita in einem Hinterhof gekauft habe, spontan, ohne Geld und Plan. Ich plane ohnehin selten. Wenn ich es dennoch tue, entscheidet das Leben meist anders. Aber jetzt, wo ich in dem idyllischen Blumengarten in meinem Lieblingscafé an der Garcia Street sitze, scheint es zum ersten Mal so, als hätte ich eine Art Plan für meine Zukunft. In einem Jahr werde ich hierherziehen. Ich werde nicht pendeln, sondern mein Zuhause in der Schweiz aufgeben. Der Plan lautet, aufs Ganze zu gehen. Anders ist er finanziell nicht durchführbar. Das heißt: kein Möbellager, keine halbe Lösung. Weniger arbeiten. Mich nicht mehr verzetteln, sondern auf mein Schreiben konzentrieren. Ein Luxus, den ich mir noch nie leisten konnte: Mein Autorendasein war immer mehr als eine Leidenschaft, es ist mein Beruf, meine Lebensgrundlage und die meiner Familie. Darauf bin stolz. Aber die Selbständigkeit hat ihren Preis. Die bleierne Müdigkeit der letzten Jahre aus Überarbeitung. Nun sind die Kinder groß, der Mann ist weg, meine Verantwortung verringert sich. Ich kann jetzt meine Bedürfnisse stärker berücksichtigen und auch die Bedürfnisse meines Schreibens. Das ist ein Privileg. Und eine andere Verantwortung. Es ist nicht das erste Mal, dass ich ganz von vorn anfange, ein neues Leben beginne. Nicht immer war es freiwillig. Ausgewandert bin ich auch schon einmal. Dieses Mal allerdings gehe ich allein. Außerdem bin ich über fünfzig – zu alt für einen Neubeginn? Für ein neues Leben? Die Entscheidung fiel mir schwer. Aber sie ist getroffen: In einem Jahr, wenn mein jüngerer Sohn Cyril mit der Schule fertig ist, ziehe ich nach Santa Fe. Davor werde ich nochmals zwei Monate hier verbringen, vielleicht drei. Wenn das kein Plan ist! Aber erst muss ich mein nächstes Buch beenden. Ich bin noch nicht so weit, wie ich gehofft hatte. Ich bin immer noch müde. Ich bin immer noch allein.

So sehr ich mir eine neue Liebe wünsche – meine Welt ist komplett männerfrei geworden. Nicht nur, weil ich meist mit Frauen arbeite, nein, auch in den Straßen und Geschäften, in der Bahn, auf dem Flughafen, in Restaurants und in Buchhandlungen – sehe ich nur noch Frauen. Die Männer scheinen sich unsichtbar gemacht zu haben. Nicht einmal im TV sehe ich Männer, die mir gefallen. Die meinem Herzen diesen kleinen elektrischen Schlag versetzen, der mich daran erinnert, dass ich noch lebe.

Kein Mann, nirgends? Ich denke an Asterix und Obelix: Ganz Gallien …? Nein! Auch in meinem Fall gibt es eine Ausnahme, einen unbeugsamen Verehrer. Victor. Ich habe ihn im Dezember 2011 kennengelernt, ein halbes Jahr nach der Trennung von meinem Mann. Ich war nach San Francisco geflogen, um mich zu erholen und auch, um mich zu vergnügen. Vergnügen! Als ob man das erzwingen könnte. Gegen Ende meiner Reise rief mich eine Bekannte an und fragte, ob ich zu einem Essen bei einem mexikanischen Künstler mitkommen wolle.

Wir fuhren nicht weit, an den Rand des Mission Districts. Hinter der unscheinbaren Fassade verbarg sich eine Wunderwelt, ein riesiges Atelier voller Farben, Instrumente, Bilder. Im Treppenhaus hing ein Umhang aus Maisblättern. «Das war mein Regenmantel, als ich Kind war», lachte der Gastgeber. Er war groß, die langen schwarzen Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden, die Augen hinter den Brillengläsern schmal. Ein Japaner, dachte ich erst, aber hatte die Bekannte nicht gesagt, er sei Mexikaner? Mexikanischer Indianer, stellte sich heraus, vom Stamm der Nahua. Ich erinnerte mich an die entscheidende Frage meiner Mädchenjahre: Willst du einmal einen Indianer heiraten oder einen Japaner? Und musste lachen. Nichts lag mir ferner an diesem Abend, als einen Mann zum Heiraten zu finden. Die Küche war rot gestrichen, überall hingen Bilder, Lichterketten, ein Chilikranz. Auf einer mit wilden Mustern bemalten Kommode standen mehrere schwere Mörser aus Stein, in denen Mais gemahlen wird, Tortillapressen aus Holz und Metall, kunstvoll geschnitzte hölzerne Quirls, die zur Herstellung von Schokolade verwendet werden. Der Abend folgte einem ungewohnten und gleichzeitig vertrauten Rhythmus. Es wurde gekocht, gegessen, Wein getrunken, diskutiert. Die Teller wurden zur Seite geschoben, um Platz für Bilder und Bücher zu machen. Es wurde lauter. Noch eine Flasche Wein geöffnet. Die anderen Gäste, ein junges Paar aus Finnland, Künstler beide, zeigten ihre Bilder. Victor stand am Herd, hin und wieder mischte er sich ins Gespräch ein oder ging auf die Terrasse hinaus, wo ein Gasgrill stand. Es gab Fisch, in Bananenblätter gewickelt, handgemachte, mit weißem Käse gefüllte Tortillas, frisch zubereitete Salsa, Salat. Ein offenes Haus, voller Kunst, Freunde, gutem Essen, Lachen, Gesprächen. Ich fühlte mich sofort wohl. So will ich leben, dachte ich.

Einmal nahm er meine Hand und hielt sie lange. «Das ist ein interessanter Ring», sagte er und drehte den silbernen Fuchskopf, den ich an Stelle meines Eherings trug, hin und her. Seine Hand war warm und trocken. Sie fühlte sich richtig an. Meine Hand fühlte sich sofort wohl in seiner. Ich dachte an einen Satz, den ich als junge Frau irgendwo gelesen und nie mehr vergessen hatte: «Meine Haut hat sofort ja gesagt.»

Trotzdem sah ich in Victor nicht einen möglichen Partner. Meine Bekannte hatte mir zu viel über ihn erzählt. Über seinen fast neun Jahre dauernden Kampf um eine neue Niere. Während er an der Dialyse hing, pflegte er zweieinhalb Jahre lang seine krebskranke Frau. Ann Chamberlain und Victor Zaballa waren das golden couple der Kunstszene der neunziger Jahre gewesen, die charmante, zierliche blonde Professorin und der große, lebenslustige Indianer. Ihre gemeinsamen Installationen hatten die Stadt und die Umgebung geprägt. Ihre Beziehung hatte etwas Mythisches, mindestens in der Erinnerung. Bilder von ihr hingen überall. Es gab keinen Ort in der Wohnung, wo sie einen nicht anschaute – ob man in der Küche saß oder im Wohnzimmer, im Gang oder (wie ich viel später erschreckt feststellen sollte) im Schlafzimmer. Überall verfolgte einen der Blick ihrer klaren, intelligenten Augen. Schnell hatte ich eine Schublade gezimmert, in der ich Victor versorgte: Er wird bald sterben, dachte ich, und dann ist er wieder mit seiner Ann zusammen. Eine neue Liebe ist für ihn nicht vorgesehen.

Nach dem Essen gingen wir ins Atelier hinunter. Großformatige Ölbilder mit traditionellen Motiven hingen neben dem Prototyp für eine Installation, die er für eine U-Bahn-Station an der Mission Street entworfen hatte: riesige traditionelle Scherenschnitte, nicht aus vergänglichem Seidenpapier, sondern aus bunt bemaltem Chromstahl. Es war eine U-Bahn-Station, die ich oft benutzt hatte. Meine Bewunderung wuchs. Im nächsten Raum hingen Dutzende von Modellflugzeugen von der Decke. «Die hab ich nach meinem Koma gebastelt», sagte Victor. «Die Ärzte sagten damals, ich würde nie wieder malen können. Die Verbindung zwischen meinem Hirn und meinen Händen funktionierte nicht mehr. Es dauerte ein Jahr, bis ich meinen Namen schreiben konnte.» Er lachte, als habe er eine amüsante Anekdote erzählt.

«Koma? Ich dachte, du hattest eine Transplantation?»

«Ach ja, ein halbes Jahr nach der Transplantation fiel ich ins Koma … Die Medikamente waren falsch eingestellt …» Das erzählte er ganz beiläufig, ohne Bitterkeit, ohne zu jammern. Ich war hingerissen. So etwas hatte ich noch nie gesehen: ein Künstler, der die anderen reden lässt. Ein schwergeprüfter, aber zutiefst gutgelaunter Mann. Trotzdem verabschiedete ich mich früh, ich hatte mich am nächsten Morgen um sechs Uhr für eine Yogastunde angemeldet.

Auf dem Heimweg schüttelte ich über mich selber den Kopf: Nun hatte ich endlich, fast am Ende meines Aufenthaltes, das so angestrengt gesuchte Vergnügen gehabt – und was tat ich? Ich flüchtete mich in meine einsame Mietwohnung, damit ich am nächsten Morgen früh aufstehen und anstrengende Yogaübungen absolvieren konnte. Es war wohl wirklich so, wie meine Freundinnen, meine Heftchenhoroskope und sämtliche Beziehungsratgeber, die ich konsultierte, zu meinem Ärger wiederholten: Ich war noch nicht so weit.

Die Begegnung mit Victor hatte etwas verändert. Meinen Blick auf Männer, meine Haltung gegenüber Männern. Victor war anders. Immer wieder dachte ich an ihn. In den nächsten Tagen erzählte ich meinen Freundinnen von ihm. Ich googelte ihn, fand ein Radiointerview, das er nach seiner Transplantation gegeben hatte, schickte den Link weiter.

Meine Freundin Pie wollte nur eins wissen: «Was hat er für dich gekocht?» Nach meiner Trennung hatte sie mir eine DVD geschenkt, einen Dokumentarfilm über den amerikanischen Schriftsteller John Irving. «So einen Mann will ich für dich», hatte sie gesagt. Nicht wegen der Bücher, die er schrieb, sondern wegen der Art, wie er am Herd stand und mit leichten Händen und fürsorglichen Zwischenfragen Pizza für die ganze Filmcrew machte. Ich begann, John Irving als meinen Verlobten zu bezeichnen. Scherzhaft natürlich. Aber nicht nur. Es tat mir gut, eine Vorstellung zu haben. Von einer anderen Art Mann, als ich sie gewohnt war. Lebenslustig und fürsorglich. Interessant und einfühlsam. So einer war Victor. Aber eben: Ich hatte ihn bereits in einer Schublade versorgt. Die mit «Kommt nicht in Frage!» angeschrieben war. Trotzdem sahen wir uns seither jedes Mal, wenn ich in San Francisco war, ein- oder zweimal im Jahr. Jedes Mal lud er mich zum Mittagessen ein. Kochte für mich. Jedes Mal hatte er gerade eine neue Katastrophe hinter sich.

«Hinkst du etwa?», fragte ich.

«Oh, das … ja … ich wurde vorgestern von einem Auto angefahren.»

Ein andermal war seine rechte Hand verbunden. Am linken Arm, an dem immer noch die Beulen des Dialyseshunts vorstanden, trug er sowieso meist eine elastische Binde.

«Was ist passiert?»

«Oh, da ist mir ein Pneu explodiert – alle Fingerknochen gebrochen. Zwei Wochen vor der Installation! Aber ich habe es trotzdem geschafft, alle meine Freundinnen haben geholfen. Der Kurator raufte sich die Haare: ‹Victor, du bist unmöglich, wie viele Freundinnen hast du eigentlich?›»

Ja, das würde ich auch gern mal wissen, dachte ich. In seinen Erzählungen kamen fast nur Frauen vor. Seine Facebook-Freunde waren ebenfalls Freundinnen. – «Es ist schon so, ich mag Frauen mehr als Männer.»

Im Sommer hatte er immer Besuch, sein Gästezimmer war meist belegt. Von Frauen. Von denen ich beim Mittagessen in die Mangel genommen wurde: «Wie lange kennst du Victor schon? Wo habt ihr euch kennengelernt? Kanntest du seine Frau? Sprichst du Spanisch? Warst du schon mal in Mexiko?»

Ich legte eine zweite Schublade an: Victor ist ein Frauenheld, ein Charmeur. Diese zweite Schublade passte sehr gut zur ersten. Okay, vielleicht war eine neue große Liebe in seinem Leben nicht mehr vorgesehen, aber einem kleinen Abenteuer war er deshalb noch lange nicht abgeneigt. Warum auch? Er lebte ja schließlich noch!

Manchmal schrieb er mir eine kurze Nachricht. Manchmal meinte ich, zwischen den Zeilen etwas zu lesen, das über Freundschaft hinausging. Immer wieder fragte ich mich: Ist da was? Bilde ich mir etwas ein? Immer wieder dachte ich: So, jetzt will ich’s aber wissen! Aber ich wusste immer weniger.

Victor war immer ausgesucht höflich, beinahe förmlich. Unsere Gespräche waren ernsthaft, tiefgründig. Wir redeten über die Arbeit, wie ich es sonst nur mit Pie kann. Er interessierte sich für meine ersten Stolperschritte im Zen-Buddhismus. Zweimal besuchte ich ihn, bevor ich in ein Sesshin fuhr, ein intensives Meditationstraining. Beide Male machte er sich Gedanken darüber, was ich dort essen würde. «Bohnen!», rief er mir hinterher, als ich schon auf der Treppe war. «Schwarze Bohnen und Reis! Das kannst du für die ganze Woche vorkochen!»

Manchmal nahm er meine Hand, kommentierte die Farbe meiner Nägel oder einen der Ringe, die ich trug. Ich achtete immer darauf, schöne Hände zu haben, wenn ich ihn besuchte. Auffällige Ringe zu tragen, die ihn veranlassten, meine Hand zu ergreifen.

«Wenn du hier leben würdest, würde ich dich gern öfter sehen», sagte er.

«Ich dich auch.»

Das war vorerst alles. Aber von da an fühlte ich mich nicht mehr einsam. Ich konnte nicht in die Klagen meiner Freundinnen einfallen, die behaupteten: In unserem Alter findet man ja eh keinen mehr! Die wollen eh alle nur eine Jüngere! Männer kannst du nicht brauchen!

Nein, dachte ich dann. Es gibt Victor. Victor ist anders. Und wenn ich nicht so weit weg leben würde, würden wir uns öfter sehen.

Victor wurde mein Platzhalter. Er verdrängte John Irving. Ich will einen Mann wie Victor, begann ich zu denken. Trotzdem redete ich nur mit wenigen Freundinnen über ihn. Was sollte ich schon sagen? Da gibt es diesen Mann, mit dem ich ein- oder zweimal im Jahr zu Mittag esse? Der manchmal meine Hand hält?

Oh, und habe ich erwähnt, dass er sehr krank ist?

Ich blicke auf. Das Gartencafé an der Garcia Street hat sich gefüllt. Die Sonne blendet mich, blendet die Worte auf meinem Bildschirm aus. Will ich dieses fragile Band, dieses schwer einzuordnende Gefühl wirklich mit der Öffentlichkeit teilen? Ich stelle mir vor, dass das Buch erscheint und die Leute fragen: «Was ist eigentlich aus diesem Victor geworden?» Und ich sagen muss: «Oh … äh … nichts …» Also drücke ich die Delete-Taste und lösche den ganzen Abschnitt über Victor wieder. «Kein Mann, nirgends», schreibe ich.

In den nächsten zwei Wochen dieses Sommers 2014 kehren meine Lebensgeister langsam zurück. Die bleierne Müdigkeit, die mich seit bald zwei Jahren niederdrückt, ist zwar nicht verschwunden. Aber ich gewöhne mich an sie. Ich passe mich ihr an: Unternehme weniger, lege mich öfter hin. Ich bekämpfe sie nicht mehr. In dem Moment, in dem ich sie akzeptiere, wird sie prompt leichter. Ich arbeite an meinem Buch und bin zuversichtlich. Und in diesen letzten beiden Wochen meines Aufenthalts fange ich wieder an zu reiten. Drei- oder viermal fahre ich mit Doris nach Cerrillos. Immer länger wagen wir uns hinaus. Die Wranglers trauen uns immer mehr zu. Und da erlebe ich zum ersten Mal seit langem etwas, was ich im ersten Augenblick gar nicht einordnen kann: Ich bin glücklich. Einfach so. Ohne dass ich etwas dafür tun muss. Ohne dass ich darüber nachdenke. Ich bin einfach hier, in dieser Landschaft, unter diesem Himmel, hier, im Sattel, auf dem Rücken von Twain.

Das ist mein Leben – und ich liebe es!

Am 15. August gebe ich mein Manuskript ab. Am 16. fliege ich nach Zürich zurück, mit einem vierstündigen Zwischenhalt in San Francisco. In den vergangenen sechs Wochen habe ich jeden Tag an Victor gedacht – und mich nicht bei ihm gemeldet. Immer wieder war ich nahe daran, meinen Rückflug zu verschieben, mehr Zeit in San Francisco einzuplanen, endlich herauszufinden, was es mit Victor und mir auf sich hatte. Erst am letzten Tag schicke ich Victor eine Nachricht: «Ich bin morgen in San Francisco, allerdings nur für vier Stunden. Aber die würde ich gern mit dir verbringen. Lädst du mich zum Mittagessen ein?»

Wie immer ist seine Antwort seltsam förmlich. «Diese Idee sagt mir auch zu», schreibt er. Ich warte an der U-Bahnstation in der Nähe seines Hauses, es dauert eine ganze Weile, bis er endlich kommt, direkt aus der Werkstatt, in farbverschmierten, an den Knien abgeschnittenen Jeans. Wenn er an mir interessiert wäre, wäre er pünktlich gekommen, denke ich. Wenn er an mir interessiert wäre, hätte er sich umgezogen. Immer dasselbe. Ich warte auf ein Zeichen von ihm. Mache meine Gefühle von seinen abhängig. Ich bin enttäuscht, gleichzeitig auch erleichtert. Vielleicht bin ich wirklich noch nicht so weit. Das sagen nicht nur meine Freundinnen, sondern auch sämtliche Heftchenhoroskope. Und selbst die Wahrsagerin, die ich neulich nach dem Reiten im Hippiestädtchen Madrid aufgesucht hatte: «Ja, du wirst dich wieder verlieben, aber noch nicht jetzt. Du bist noch nicht bereit.» Ich wollte mit dem Fuß aufstampfen wie ein kleines Kind. Ich will aber jetzt! Ich will, ich will, ich will!

Will ich wirklich?

Während Victor das Mittagessen zubereitet, erzählt er von einem Blind Date, das eine Bekannte für ihn organisiert hat. Mit einer Silicon-Valley-Anwältin, mit der er nichts teilt als die spanische Muttersprache. Er lacht, als er das desaströse Date beschreibt: «Wir hatten uns absolut nichts zu sagen! Und dann stand sie mitten im Essen auf und meinte, ihre Zeit sei zu wertvoll, um sie mit jemandem wie mir zu verschwenden!»

Ich bin verwirrt. «Wieso gehst du zu einem Blind Date? Warum rufst du nicht stattdessen mich an?», will ich fragen. Aber ich tue es nicht. Stattdessen schüttle ich den Kopf. «Na, so was», murmle ich lahm.

Nach dem Essen zeigt er mir eine spanische Übersetzung der Putzfraueninsel, die er im Internet gefunden hat. Er bittet mich um eine Widmung. «Für Victor, der mein Freund ist», schreibe ich. Als wollte ich unsere Beziehung endlich definieren. Am liebsten hätte ich ein Fragezeichen dahinter gesetzt. Dann holt er ein Portfolio, in dem alle Altäre abgebildet sind, die er jedes Jahr zum Día de los Muertos, dem Tag der Toten, errichtet. Dieser wichtigste mexikanische Feiertag vermischt christliche und toltekische Traditionen. Darin existiert keine Hölle, nur ein trauriger Himmel für die Toten, die vergessen wurden. Die aber, an die noch gedacht wird, die leben im Paradies. Im Schlaraffenland. Damit sie einmal im Jahr heimkehren und sich unter die Lebenden mischen, muss man sie ein wenig bestechen. Damit sie den Weg finden, werden bunte Laternen ins Fenster gestellt, ihr Lieblingsessen wird gekocht und auf einem kunstvoll dekorierten Altar dargeboten, es wird erzählt, gesungen, getanzt und getrunken.

Victor begeht die Feier zuhause, er baut aber auch öffentliche Altäre, die in Ausstellungen gezeigt werden. Victor setzt sich neben mich, so dass wir die Bilder zusammen anschauen können. «Oh, hier, das war während eines Künstleraufenthalts in der Villa von Malcolm Lowry.» Er zeigt auf eine in einem surreal anmutenden Swimmingpool treibende Installation aus Kerzen und Scherenschnitten. Langsam blättert er weiter. «Und hier: Das war im Jahr nach meinem ersten Schlaganfall. Schau mal, wie grob ich damals die Muster geschnitten habe.»

«Finde ich gar nicht …» Ich schaue vom Bild auf und schaue ihn an, mein Blick verfängt sich in seinem. Plötzlich spüre ich mein Herz aufbrechen wie eine mürbe Gipsschale, ich kann es förmlich krachen hören. Ein ziehender Schmerz. Immer noch schauen wir uns in die Augen. Mein Herz geht auf, instinktiv lege ich mir eine Hand auf die Brust, als könnte ich es zurückdrängen.

Ich bin dabei, mich zu verlieben. Aber richtig. Was ich mir so sehnlichst gewünscht habe, tritt ein. Panik erfasst mich. Mein Blick fällt auf die Küchenuhr, es ist vier Uhr vierzig. Mein Flug geht erst um halb acht. Aber ich springe auf und rufe: «Schon so spät? Ich muss sofort gehen, ich muss zum Flughafen!»

«Jetzt schon?» Falls Victor sich an die Abflugzeit erinnert, die ich ihm genannt habe, lässt er sich es nicht anmerken. Auf dem Weg zum Flughafen schaue ich stur geradeaus. Ich verabschiede mich schnell, küsse ihn flüchtig, zerre meinen Koffer durch die Drehtür, als würde ich von sieben Teufeln verfolgt. Ich schaue mich nicht um. Aber als ich viel zu früh am Gate sitze, blinkt schon die erste Nachricht auf meinem Handy: «Vielen Dank für deinen Besuch», schreibt Victor, förmlich wie immer. «It was so you!»

«It was so good to see you!», hatte er wohl schreiben wollen. In ihrer von der Technik verkürzten Form wirkt die Nachricht irgendwie persönlicher, intimer.

Von da an schreiben wir uns täglich. Er bleibt förmlich, während ich mich weiter hinauswage. Einmal sagte ich, er solle sich nicht gezwungen fühlen, mir immer sofort zu antworten. «Oh, nein», antwortet er. «Ich schätze unsere Freundschaft!» Ich schätze unsere Freundschaft? Jetzt rede ich auch mit meinen Freundinnen über ihn. Ich kann nicht mehr essen. Stochere in den schönsten Tellern herum. Das verlangt nach einer Erklärung.

«Ich habe mich verliebt», sage ich.

«Wie meinst du das? Was soll das heißen? Man verliebt sich nicht einfach so», urteilt eine Freundin. «Erst schläft man miteinander, und dann sieht man sich wieder, und dann entwickelt man Gefühle. Wie kannst du dich in einen Mann verlieben, den du noch nicht einmal geküsst hast?»

Gute Frage.

«Hast du nicht gesagt, er sei schwer krank?», gibt eine andere zu bedenken. «Und ist er nicht älter als du? Heißt das, du willst nie mehr Sex haben?»

«Äh … nein, ich …» So weit denke ich noch gar nicht, will ich sagen. Eins nach dem andern, will ich sagen. Ich bin doch eine unverbesserliche Romantikerin mit einem cœur de midinette. Meine Vorstellungen von der Liebe haben sich nicht wirklich verändert, seit ich mich mit knapp sechzehn zum ersten Mal verliebte. Das ist er, der Mann meines Lebens, für immer und ewig! Du und ich, zusammen, durch und gegen alles! Tatsächlich habe ich meine erste Liebe geheiratet – logisch, «für immer» heißt für immer. Lieben heißt Heiraten. Nun gut. Das Leben hat es anders gewollt. Das hat das Leben so an sich: Es hält sich nicht an einen Plan, mag er noch so verlockend sein, so traumhaft, so gut ausgedacht. Ich war in den achtziger Jahren jung, ich habe mich bemüht, dem Zeitgeist zu entsprechen, ich habe jahrelang behauptet, die Dinge, die mir wirklich wichtig sind, nicht ernst zu nehmen. Ich habe versucht, eine moderne, befreite Frau zu sein. Aber das Herz will, was das Herz will. Es kann sich nicht auf Dauer verstellen. An Sex kann ich – mit über fünfzig, zweimal geschieden – in diesem Moment noch nicht mal denken. Nicht bevor ich weiß, ob Victor dieses große, dieses ungeheure Gefühl, das meinen Brustkorb zu sprengen droht, das meinen Magen zur Seite schiebt, das sich in meinen Schlaf drängt, mit mir teilt.

Ich will alles – oder nichts. Ich träume von ihm. Ich träume, dass ich in seinem Haus wohne, während ich an einem Meditationstraining teilnehme. «Du brauchst dich nicht um mich zu kümmern», sage ich zu Victor. «Ich gehe morgens sehr früh raus und komme abends spät zurück!» – «Ich kümmere mich gern um dich», antwortet er. Als ich am Abend nach Hause komme, ist das Haus leer, die Küche verwaist. Auf dem Fußboden kauert ein kleiner Junge mit schwarzem Haar. Er ist sehr zutraulich, setzt sich auf meinen Schoß und zeigt mir sein Buch, das wie ein Affenkopf geformt ist. Als er das Buch öffnet, zeigt sich im Kopf des Affen ein Diorama, wie eine Puppenstube. So sitzen wir zusammen und spielen mit dem Inventar im Kopf des Pappaffen.

Als ich aufwache, weiß ich, dass der Junge Victor ist. Dass er mir sein Innerstes gezeigt hat. Ich schreibe ihm von dem Traum, er antwortet vorsichtig: «Das klingt schön. Ich würde mich gern um dich kümmern.» Manchmal wache ich mitten in der Nacht auf und denke an ihn. Dann greife ich nach meinem Handy, dessen Ton ich für die Nacht abschalte – und prompt ist in dieser Minute eine Mail von ihm eingetroffen. Ich wage mich weiter und weiter hinaus, meine Mails werden deutlicher, fordernder, er antwortet weiterhin zurückhaltend und formell.

«Ich weiß nicht, ob das Sinn ergibt», schreibe ich einmal. «Ja, du ergibst Sinn für mich, absolut», antwortet er. Und ich denke: Das ist das Schönste, was ich seit langem gehört habe. Das ist das, was ich mir immer gewünscht habe: dass ich Sinn ergebe. Dass mich jemand versteht. Dass mich jemand nicht «trotzdem» liebt, sondern «weil». Weil ich so denke, wie ich denke, so fühle, wie ich fühle.

Moment, er hat ja nicht geschrieben, dass er mich liebt! Oder doch? Ich drehe seine Sätze hin und her, ich schüttle sie, ob zwischen den Zeilen nicht noch Krumen versteckter Botschaften herausfallen. Mein Herz wird immer größer, immer ungeduldiger, es drängt nicht nur den Magen weg, es füllt meinen Mund, zwängt sich zwischen meine Lippen. Im September hat Victor Geburtstag. Ich werde ihm eine Videonachricht aufnehmen und ihm sagen, dass ich mich in ihn verliebt habe. Hoffentlich kriegt er dann nicht wieder einen Herzinfarkt, denke ich. Wie viele Herzinfarkte hatte er bereits? Wie viele Schlaganfälle? Ich stelle mir hundert Arten der Zurückweisung vor, immer höflich, immer ernsthaft.

«Es tut mir leid, wenn ich den Eindruck erweckt haben sollte … Du musst mich falsch verstanden haben …»

Auf meine Gefühle kann ich mich nicht immer verlassen. Meiner Intuition traue ich schon lange nicht mehr. Nach knapp drei Wochen halte ich es nicht mehr aus. Ich schreibe ihm, es gebe Dinge, die ich in einer E-Mail nicht sagen könne. Aber ich würde ihm vielleicht bald einen richtigen Brief schreiben.

«Oder wir könnten skypen», antwortet er und schickt mir eine Kontaktanfrage. Es ist Sonntagvormittag, tiefe Nacht in San Francisco, als ich sie annehme. Ich trage ein Pyjama, das schon bessere Zeiten gesehen hat, und meine alte Brille mit dickem Rand. Auf meinem T-Shirt steht Heavily Meditated, meine wilden Haare stehen in alle Richtungen ab. Aber bis Victor in San Francisco aufwacht, ist hier später Nachmittag. Bis dahin habe ich die Haare gewaschen und mich geschminkt. Ich überlege, was ich anziehen soll. Wo das Licht wohl am besten ist, am schmeichelhaftesten. Gerade trage ich den Laptop zum Fenster, als das noch ungewohnte, drängende Bimmeln erklingt: Es ist Victor. Ich setze mich auf den Fußboden und klicke auf «Annehmen». Da ist er, verschlafen, bildschirmfüllend. Mein Herz ist ein Heißluftballon.

«Hi!», sage ich und strahle von einem Ohr zum anderen.

«Hi!» Er strahlt zurück. Und da sitzen wir, an zwei Enden der Welt, verschlafen, verstrubbelt und so offensichtlich glücklich, dass es keine Worte mehr braucht.

Alles ist einfach. Alles ist klar.

Der lange Abschied

Ein knappes Jahr später. Es ist der 1. Juli 2015. Der Tag, an dem ich die Schweiz verlasse. Ich wache früh auf und weiß erst nicht, wo ich bin. Ich habe bei meiner Mutter übernachtet. Gestern waren wir noch in der Oper, die Karten hatte sie lange vorher bestellt, ohne zu wissen, dass dies mein letzter Abend in der Schweiz sein würde. Die Aufführung gefiel uns nicht, in der Pause gingen wir. Abends um zehn war es immer noch heiß. Der Granit des Sechseläutenplatzes glühte unter den Sohlen unserer Sandalen.

«Ich mag diesen Platz», sagte meine Mutter.

«Es ist schön hier.» Je näher der Zeitpunkt meiner Abreise rückt, desto öfter denke ich das: «Eigentlich ist es wirklich schön hier.» Ich nenne es das «Coiffeur-Syndrom». Wochenlang schaut man mit zunehmendem Missmut in den Spiegel, bis man sich entscheidet: So geht das nicht weiter. Die Haare sind eine Katastrophe! Und sich beim Coiffeur anmeldet. Doch am selben Tag, etwas später, schaut man noch einmal in den Spiegel und findet plötzlich: Das sieht eigentlich noch gut aus! Die Haare haben gerade die richtige Länge! Je näher der Termin rückt, desto weniger dringend ist es, die Haare gerade jetzt zu schneiden. Aber wehe der, die im letzten Moment den Termin absagt – die hört in derselben Sekunde auf, sich zu gefallen. Das weiß ich aus Erfahrung. Deshalb zweifle ich auch nicht an meiner Entscheidung: Ich werde mir nur ihrer Tragweite bewusst. Ich verlasse mich da auch auf einen Grundsatz meiner Mutter: «Jede wichtige Entscheidung im Leben wird mit neunundvierzig zu einundfünfzig Prozent getroffen», sagt sie. Das heißt, dass jede wichtige Entscheidung für etwas immer auch eine Entscheidung gegen etwas anderes ist. Und somit unweigerlich Bedauern auslöst, Nostalgie, Wehmut.

Was nicht heißt, dass die Entscheidung falsch war – nur wichtig.

Wir saßen dann noch lange bei offenen Fenstern und einem Glas Wein und redeten. Zum ersten Mal, seit ich vor fast zwei Jahren auszuwandern beschloss, hatte ich das Gefühl, meine Mutter verstehe mich. Wenigstens ein bisschen. Wenn sie auch nicht glücklich ist darüber. Trotzdem, es ist mir wichtig. Ebenso wichtig, wie mich im Alter von über fünfzig ihrem Willen zu widersetzen, ihre Ablehnung zu riskieren. Doch gerade die gemischten Gefühle, die meine Abreise in mir wecken, scheinen sie zu beruhigen. Es war ein schöner letzter Abend, es war richtig, ihn mit ihr zu verbringen.

Jetzt schaue ich auf die Uhr, es ist kurz nach sechs. Viel zu früh, um aufzustehen. Mein Flug geht erst um eins. Ich kann nicht mehr schlafen. Unmöglich. Ich öffne die Skype-App auf meinem Handy und rufe Victor an – vorerst zum letzten Mal. Er sieht müde aus und hustet. Seit Wochen schon. Ich versuche mir meine Sorge um ihn nicht anmerken zu lassen, die immer größer wird, je näher meine Abreise rückt. Als könnte ich sie mir erst jetzt eingestehen.

Autor