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Hochzeit auf eigene Gefahr

Sie will Sex? Als er Danas Bedingung hört, wird R. J. heißkalt. Nicht, dass er Dana reizlos fände. Im Gegenteil! Aber R. J. will nur eine Zweckehe. Dana war doch immer seine stille, über alle Erotik erhabene Chefsekretärin. Mit ihr wollte er vom Bad Boy wieder zum Good Boy werden. So hatte er es eigentlich geplant. Soll er auf Danas Forderung eingehen - und riskieren sein Herz zu verlieren?


  • Erscheinungstag: 26.08.2018
  • Seitenanzahl: 120
  • ISBN/Artikelnummer: 9783955769420
  • E-Book Format: ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Als R. J. Maitland in die gewundene Einfahrt der Maitland-Geburtsklinik einbog, konnte er den Menschenauflauf bereits sehen. Zwar handelte es sich dabei nicht um einen wütenden Mob mit Mistgabeln, dafür aber um eine mindestens ebenso blutdürstige Gruppe von Menschen. Reporter.

Sie würden sich nicht am Gebäude vergreifen, dafür aber mit Sicherheit alles tun, um seinen Ruf und den der Klinik zu ruinieren. Als ihr Vorsitzender fühlte sich R. J. dafür verantwortlich, dass der gute Name der Einrichtung nicht in den Schmutz gezogen wurde.

Doch innerlich kochte er vor Wut.

Er schloss die Hände so fest um das Lenkrad seines Mercedes, dass sie schmerzten, ließ sich seine aufgewühlten Gefühle ansonsten allerdings nicht anmerken. Im Stillen verfluchte er Lana Turner dafür, dass sie ausgerechnet ihn bezichtigt hatte, der Vater des ausgesetzten Babys zu sein – und sich selbst dafür, dass er sich jemals mit dieser Frau eingelassen hatte.

In der Hoffnung, von den ungeduldig herumschwirrenden Journalisten nicht bemerkt zu werden, fuhr er weiter zu einem Parkplatz um die Ecke. Aber seine Bemühungen erwiesen sich als müßig, denn sein Auto wurde dennoch entdeckt. Die Menschentraube setzte sich in Bewegung und stürmte auf ihn zu. Blitzlichter leuchteten grell auf, Kameraobjektive wurden auf ihn gerichtet. Die Reporter rannten mit ausgestreckten Mikrofonen auf ihn zu, jeder von ihnen darauf versessen, die erste kompromittierende Aussage des Tages einzufangen.

Im Grunde wiederholte sich diese Szene täglich, seitdem das Baby im September auf den Stufen der Klinik gefunden worden war. Doch nun hatte sich das Szenario ein wenig verändert, und R. J. war zum neuen Ziel der Presse geworden.

Obwohl er vor Zorn schäumte, blieb R. J. äußerlich gelassen, ignorierte die Journalistenhorde und steuerte mit ruhigem Schritt auf die Eingangstür zu. Dort wartete ein Mann vom Sicherheitspersonal, bereit, die Pressevertreter zurückzuhalten. An den Reportern vorbei zur Tür zu kommen erwies sich für R. J. allerdings als schwierig. Sofort bestürmten sie ihn lauthals mit Fragen, auf die er unmöglich eine ehrliche Antwort geben konnte, und heizten damit seine Wut nur noch mehr an.

„R. J., sind Sie der Vater des Babys?”

„Wie soll es mit Ihrem Kind weitergehen?”

„Was sagt Ihre Familie zu dieser überraschenden Entwicklung?”

Genau diese Fragen hatte auch R. J. sich bereits unzählige Male gestellt. Seit dem Tag, an dem jemand den kleinen Jungen in einem Körbchen vor der Tür der Klinik zurückgelassen hatte, mit einer Mitteilung, dass das Kind angeblich zur Familie Maitland gehörte. Seitdem hatten sich die Dinge noch zum Schlechteren entwickelt.

Tanya Lane, eine von R. J.s Exfreundinnen, bezichtigte ihn, der Vater des Kindes zu sein.

R. J. marschierte mit zusammengebissenen Zähnen und geballten Fäusten weiter. Gerade, als er durch die Tür aus Glas und glänzendem Messing trat, brüllte einer der Reporter ihm nach: „R. J., glauben Sie, dass Sie und Miss Lane sich nun versöhnen werden?”

Wie angewurzelt blieb R. J. stehen. Danach wandte er sich bedrohlich langsam um. Sein wutentbrannter Blick glitt zu den Journalisten. Als R. J. sprach, war sein Ton eisig. „Nein”, erklärte er verächtlich.

Die Bestimmtheit, mit der er dieses Wort aussprach, ließ die Meute zumindest für einen Augenblick verstummen. Doch dann prasselten neue Fragen auf ihn ein. Verdammt, fluchte R. J. im Stillen; er wusste doch, wie unklug es war, sich auch nur für eine Sekunde auf diese Journalisten einzulassen. Man musste sie ignorieren und durfte abgesehen von „Kein Kommentar!” kein Statement abgeben. Aber er hatte es so satt, permanent von ihnen in die Mangel genommen und als Mistkerl abgestempelt zu werden, der sich vor seiner Verantwortung drückte. R. J. war es gewohnt, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen, und gewöhnlich schien sich alles und jeder nach seinen Wünschen zu richten. Über diese Angelegenheit hatte er inzwischen allerdings jegliche Kontrolle verloren. Ein völlig inakzeptabler Zustand.

R. J. wandte den Reportern den Rücken zu und betrat das Klinikgebäude. Der Wachmann hatte alle Mühe, die Tür wieder hinter ihm zu schließen. Eine Versöhnung mit Tanya? dachte R. J. zutiefst angewidert. Nicht in diesem Leben und auch sonst niemals. Schon seit Monaten hatte er keinen Kontakt mehr zu ihr. So wäre es sicherlich auch geblieben, wäre diese Fernsehjournalistin Chelsea Markum nicht auf die Idee verfallen, die Mutter des verlassenen Kindes mit einer Geldsumme dazu zu bringen, sich zu ihrer Tat zu bekennen.

R. J.s Trennung von Tanya war nicht gerade angenehm verlaufen, aber endgültig gewesen. Damals hatte Tanya seine Entscheidung akzeptiert. Sie hatte das Geld eingesteckt, das er ihr zum Abschied angeboten hatte, und war gegangen – genau, wie er es von ihr erwartet hatte. Von einem Baby hatte sie damals nichts erwähnt, nicht einmal andeutungsweise. Doch das änderte nichts daran, dass das Kind Monate später allein und schutzlos auf den Stufen der Klinik ausgesetzt worden war. Etwas Verachtenswerteres konnte sich R. J. kaum vorstellen.

Wenn Tanya Lane tatsächlich die Mutter des Kindes ist, dachte er aufgebracht, tut sie gut daran, sich von mir fernzuhalten.

Glücklicherweise war R. J. im Aufzug allein. So hatte er auf dem Weg in den zweiten Stock, in dem sich sein Büro befand, Gelegenheit, sich ein wenig zu beruhigen. Er wollte, nein, er musste sich dort oben abschotten, sich auf die Arbeit konzentrieren. Gewöhnlich beruhigte ihn die tägliche Routine. Aber in Anbetracht seiner schlechten Stimmung bezweifelte er, dass es heute auch so sein würde.

Sobald er in das Zimmer trat, sah er auch schon Dana Dillinger, die gerade eine Tasse Kaffee einschenkte. Schon seit vielen Jahren war sie seine Sekretärin. Sie war tüchtig, unglaublich kompetent und Balsam für R. J.s geplagte Seele. Irgendwie ahnte Dana immer im Voraus, wann er das Büro betreten würde, und fand stets Mittel und Wege, um ihm seinen Arbeitstag so angenehm wie möglich zu gestalten. Am heutigen Tag rechnete er ihr das höher an als jemals zuvor.

Er ließ seinen Blick kurz auf ihrem geraden Rücken ruhen und beobachtete ihre sparsamen, anmutigen Bewegungen. „Guten Morgen, Dana.”

Sie schaute zu ihm hoch und lächelte ihn mitfühlend an, während sie genau die richtige Menge Milch in seinen Kaffee goss. Wie gewohnt war ihr dunkelblondes Haar am Hinterkopf zu einem eleganten Knoten gewunden und ihr hellgrauer Hosenanzug makellos gebügelt. „Sie haben wahrscheinlich die Reporter draußen bemerkt?”, erkundigte sie sich.

„Sie sind ja wahrlich nicht zu übersehen.”

Dana nahm seinen sarkastischen Kommentar gelassen hin und folgte ihm, mit der Kaffeetasse in der einen und einem Bagel in der anderen Hand, in sein Zimmer. „Sie haben heute bestimmt noch nichts gegessen, oder?”

Dana war wirklich eine erstklassige Sekretärin, obwohl sie manchmal die lästige Angewohnheit hatte, ihn zu verhätscheln. Doch sie war die einzige Frau, von der er sich das gefallen ließ. „Ist schon in Ordnung”, wiegelte er ab und sank in den schwarzen Lederstuhl hinter seinem Schreibtisch.

„Nein, das ist es nicht.” Dana ließ sich nie von seinen Launen oder Temperamentsausbrüchen aus der Ruhe bringen. So auch heute nicht. Gleichmütig setzte sie die Tasse mit dem dampfenden Kaffee neben seinem Ellbogen ab und schob ihm auffordernd den Bagel zu. „Essen Sie. Danach fühlen Sie sich besser.”

Fassungslos blickte er sie an. Er sollte sich besser fühlen? Glaubte sie tatsächlich, sein einziges Problem bestand darin, dass er sich nicht so recht wohlfühlte? Alles, was er sich mit großer Sorgfalt aufgebaut hatte – sein Ruf, seine gesellschaftliche Position, seine Kontakte und Verbindungen –, war durch den aktuellen Skandal um seine Person bedroht. Auch der gute Ruf der Klinik wurde inzwischen kritisch hinterfragt.

„Dana”, stieß er missmutig hervor und machte jetzt, da ihn keine Pressevertreter mehr sehen konnten, keinen Hehl aus seiner schlechten Stimmung. „Ich bezweifle ernsthaft, dass ein gottverdammter Bagel den Schaden beseitigen kann, den diese gemeinen Gerüchte angerichtet haben.”

Sie biss sich auf die Lippe und seufzte. Wie er es von ihr gewohnt war, akzeptierte sie stoisch seine Launen, kuschte nicht vor ihm, ließ sich allerdings auch zu keinem Temperamentsausbruch verleiten. Auch dafür war er ihr dankbar, denn so konnte er in ihrer Gegenwart ganz er selbst sein, ohne sich ständig über die Folgen seines Verhaltens sorgen zu müssen.

Immer wieder machte sie ihn in Momenten wie diesem einfach sprachlos.

„Aber R. J., jeder, der Sie kennt, weiß, dass Sie niemals eine schwangere Frau verlassen würden. Dafür sind Sie viel zu verantwortungsbewusst. Diese lächerliche Geschichte, die Miss Lane da verbreitet, dass Sie sie erst geschwängert und sich dann geweigert hätten, Sie zu heiraten, ist – einfach nur vollkommen lächerlich.”

Danas bedingungsloser Glaube an ihn rührte R. J. so sehr, dass es ihm einen Stich ins Herz versetzte. „Diese Frau war nichts weiter als eine flüchtige und dumme Affäre”, erklärte er betont gleichgültig. „Sie war verfügbar und konnte mir geben, was ich wollte – und das war mit Sicherheit keine Ehefrau. Mit ihr wäre ich wohl kaum vor den Altar getreten, unter welchen Umständen auch immer.”

Obwohl sich Danas blasse Wangen ein wenig röteten und sie seinem Blick auswich, behauptete sie beharrlich: „Das mag sein. Doch Sie hätten Tanya im Falle einer Schwangerschaft trotzdem nicht verstoßen und alleingelassen.”

Eindringlich musterte er sie, um zu ergründen, wie ernst ihre Worte gemeint waren. Schließlich schüttelte er den Kopf und flüsterte kaum hörbar: „Sie scheinen sich da sehr sicher zu sein.”

Sie reckte resolut das Kinn. „Das bin ich.”

R. J. war eigentlich kein Mann, der von Selbstzweifeln oder übermäßigen Sorgen gequält wurde. Aber dies waren außergewöhnliche Umstände. Niemals zuvor hatte es eine Frau gewagt, ihn so zu manipulieren, wie Tanya es getan hatte. Nie war seine Ehre derart infrage gestellt worden. Während er über seine äußerst begrenzten Handlungsmöglichkeiten nachgrübelte, ertappte er sich dabei, wie er den Bagel auf dem Teller hin- und herschob. Die schlaflose Nacht, die hinter ihm lag, hatte auch nicht zur Lösung seiner Probleme beigetragen. Er wollte, nein, er musste unbedingt mit jemandem reden. Doch seine Familie hatte schon mehr als genug am Hals. Damit blieb ihm nur Dana als Kummerkasten.

Er schaute ihr in die Augen und erklärte fest und ohne Umschweife: „Es wäre durchaus möglich, dass ich der Vater bin.”

Dana starrte ihn mit ausdrucksloser Miene an. Natürlich waren ihm ihre großen grünen Augen auch schon früher aufgefallen. So erschüttert hatte er sie noch nie gesehen. Dana stand einige Sekunden völlig reglos vor ihm. Dann wurde sie unvermittelt hektisch. Sie rückte die Bücher im Regal gerade, räumte einen Aktenordner weg. Als sie schließlich den Mund öffnete, um zu sprechen, strich sie sich nervös über das blonde Haar. „Das ist absurd.” Wieder wich sie seinem Blick aus, fixierte stattdessen seine Krawattennadel. „Ich habe beträchtliche Zweifel daran, dass Miss Lane überhaupt die Mutter des Kindes ist. Und falls Sie es nicht ist, wie könnten Sie dann der Vater sein? Diese Frau ist lediglich hinter den fünftausend Dollar her, die diese Reporterin ihr angeboten hat. Mehr nicht.”

R. J. war nicht entgangen, dass Dana die Schultern unter ihrem Blazer angespannt hatte und sie die Hände mit den kurzen unlackierten Nägeln so fest knetete, dass die Fingerknöchel weiß hervortraten. Für eine Sekunde verspürte R. J. den abwegigen Impuls, sie zu trösten. Doch er verdrängte dieses merkwürdige Verlangen sofort wieder.

„Ich hoffe, dass Sie recht haben”, erwiderte er ruhig und ohne sie dabei aus den Augen zu lassen. „Aber ich habe gestern Nacht noch einmal nachgerechnet. Zeitlich läge es im Bereich des Möglichen.”

Dana senkte die Lider und seufzte tief.

Sie wirkte so aufgewühlt, dass er vor Unbehagen erschauerte. „Dana?”

Sie drehte sich kopfschüttelnd von ihm weg und trat an das Fenster hinter seinem Schreibtisch. Dort blieb sie stehen und schlang die Arme in einer merkwürdig defensiven Geste, die er nicht zu deuten wusste, um ihren Oberkörper. Ihre Stimme klang heiser, als sie fragte: „Während Sie … mit ihr zusammen waren, haben Sie sich da nicht geschützt?”

Er spürte, wie ihn unwillkürlich Wut ergriff. Er war zu alt, um sich für seine Handlungen zu rechtfertigen. Niemand – weder seine Verwandten noch seine Geschäftspartner – wagten es, ihn zur Rede zu stellen. Normalerweise hätte er für eine Frage wie diese nur Verächtlichkeit übriggehabt.

Aber da er das Thema selbst angeschnitten hatte, hatte er die Frage wohl provoziert. Er dachte kurz über Danas Worte nach. Fast hätte er gelacht, denn er hätte sich niemals träumen lassen, eines Tages mit seiner durch und durch professionellen Sekretärin ein derartiges Gespräch zu führen. Dana gab sich immer so prüde und anständig, dass R. J. kaum glauben konnte, dass sie wusste, was es mit ungezügelter Lust auf sich hatte. Bei ihm war das anders. Und bereits vor langer Zeit hatte er gelernt, sich selbst in den heißesten Situationen zu beherrschen. Er würde niemals zulassen, dass eine Frau ihm so sehr die Sinne verwirrte, dass er unnötige Risiken einging. Dank seinem großen Verantwortungsbewusstsein und dem Umstand, dass er stets das Zepter in der Hand halten wollte, vermied er es, dauerhafte Verpflichtungen einzugehen – und ein Kind zu zeugen fiel definitiv in diese Kategorie.

Obwohl er fast über Dana geschmunzelt hätte, ärgerte er sich zugleich über ihr mangelndes Vertrauen. „Selbstverständlich habe ich das”, erwiderte er kühl und ließ sie seinen Missmut über ihre Zweifel deutlich spüren. „Nur ein Dummkopf würde das heutzutage nicht. Und ich kann Ihnen versichern, dass ich kein Dummkopf bin.”

Sie schien erschrocken. „Ich wollte nicht …”

Er unterbrach sie, da er kein Interesse daran hatte, weiter darüber zu sprechen. „Dana, Sie sollten selbst wissen, dass nichts hundertprozentig sicher ist. Doch wenn Tanya damals tatsächlich schwanger geworden ist, hat sie mir nichts davon erzählt.”

Die unbändige Wut, die er seit dem Tag verspürte, an dem das Baby gefunden worden war, drohte ihn einmal mehr zu überwältigen.

Verflucht, nur weil er sich ein einziges Mal in einem Menschen geirrt hatte, durfte noch lange nicht sein Lebenswerk in den Schmutz gezogen werden. Er hätte niemals mit Tanya schlafen dürfen. Allerdings hatte er damals nicht ahnen können, wie hinterhältig diese Frau war. Sie hatte behauptet, seine Wünsche zu teilen – doch er hatte sich mit Sicherheit nicht gewünscht, Vater zu werden. Falls sie allerdings tatsächlich ein Kind gezeugt hatten, so hätte Tanya ihn eigentlich gut genug kennen müssen, um zu wissen, dass er sich niemals vor seinen Verpflichtungen gedrückt hätte.

R. J. erhob sich. Es war furchtbar, Dana so enttäuscht zu erleben. Bisher war sie ihm stets mit Bewunderung und Respekt begegnet. Er konnte nicht zulassen, dass sie nun schlecht von ihm dachte. Er berührte sie an den Schultern und drehte sie zu sich herum. Dabei fiel ihm auf, wie klein sie war. Wenn sie sich vorgebeugt hätte, hätte sie den Kopf bequem an seine Brust schmiegen können.

„Sie müssen mir glauben. Bitte. Wenn ich tatsächlich der Vater bin, so hat sich diese Frau niemals die Mühe gemacht, mich darüber zu informieren. Dieser ganze Unfug, dass ich sie nicht heiraten wollte und die Vaterschaft nicht anerkannt hätte – das sind alles Lügen. Ich würde mich niemals aus der Verantwortung ziehen. Das wissen Sie, Dana.”

Seine Worte verlangten geradezu danach, dass sie ihm ihr Vertrauen aussprach. Dana blickte ihn an. In ihren Augen schwammen Tränen, was eigentlich gar keinen Sinn ergab. Sie verhielt sich eigentlich nie übermäßig emotional. Sie managte sein Büro und alles Geschäftliche mit einer bemerkenswerten Tüchtigkeit und Kompetenz, die ihn manchmal nur staunen ließen. Doch, was ihre Gefühle betraf, hielt sie sich stets bedeckt. In der langen Zeit, in der er sie nun schon kannte, hatte sie strikt Privates und Arbeit getrennt. Wenn sie krank war, überspielte sie es stoisch. Wenn sie müde war, ließ sie es sich nicht anmerken. Er hatte keine Ahnung, wann es ihr schlecht ging oder ob sie manchmal traurig war. Obwohl seine Schwester Abby schon lange mit Dana befreundet war, blieb Danas Privatleben für ihn ein Mysterium.

Und genauso wollte er es.

Die Tränen in Danas Augen verschwanden, ganz so, als hätte es sie niemals gegeben. Er konnte seiner Sekretärin förmlich dabei zusehen, wie sie sich sammelte. Sie schaffte es sogar, schwach zu lächeln. R. J. fühlte sich, als hätte man ihm in den Magen geboxt. Unbewusst drückte er ihre zarten Schultern fester.

„Ich weiß, R. J., Sie sind der hingebungsvollste, verlässlichste, professionellste Mensch, den ich kenne”, beteuerte sie. „Sie … Sie haben mich nur überrumpelt.”

R. J. ließ sie los und trat einen Schritt zurück. Das Verlangen, sie an seine Brust zu ziehen, um herauszufinden, wie gut ihr kleiner Körper zu seinem passte, war beinahe übermächtig geworden. R. J. gefiel das nicht. Die Situation begann, langsam aus dem Ruder zu laufen und seine viel gepriesene Selbstbeherrschung zu erschüttern. Wahrscheinlich erklärte sich damit auch, weshalb ihm Danas Verständnis und ihr Vertrauen plötzlich so immens wichtig waren. Doch er würde verflucht noch mal nicht zulassen, dass ihm dies alles so naheging.

Scheinbar gefasst erklärte er: „Da Tanya in vielerlei Hinsicht gelogen hat, möchte ich wetten, dass sie sich auch alles andere nur zusammengesponnen hat. Ich glaube nicht, dass sie die Mutter des Kindes ist. Wir haben einige gemeinsame Bekannte, und sicherlich hätte einer von ihnen erwähnt, wenn sie schwanger gewesen wäre. Zudem bezweifle ich, dass ich der Vater sein könnte, weil sie sonst längst bei mir erschienen wäre, um Unterhaltszahlungen für das Baby einzufordern.”

„Was Sie auch getan hätten.”

Er nickte brüsk. Oh ja, er hätte gezahlt. Und noch mehr für das Kind getan. „Ich möchte nur Gewissheit haben. Ich will einen Beweis.”

Dana berührte seinen Ärmel. „Aber bis dahin können Sie es nicht einfach abstreiten, das verstehe ich. Kann ich Ihnen denn irgendwie helfen?”

R. J. schaffte es, zum ersten Mal an diesem Tag zu lächeln. Obwohl Dana sich zweifellos sorgte, dass sich einige der Gerüchte als wahr erweisen könnten, bot sie ihm ihre Unterstützung an. Sie war die einzige Person außerhalb seiner Familie, auf die er sich immer felsenfest verlassen konnte. Dass sie ihm nun einmal mehr ihr Vertrauen schenkte, nahm ihm ein wenig die Last von den Schultern. „Eigentlich sollte ich Ihnen eine Gehaltserhöhung geben.”

Jetzt lächelte sie ebenfalls und wirkte, trotz der Schatten, die noch immer in ihren Augen lagen, fast ein wenig vorwitzig. „Das haben Sie doch erst vor zwei Monaten getan.”

„Was nur beweist, dass ich ein kluger Mann bin.”

„Ich werde Ihnen in diesem Punkt nicht widersprechen.”

Sie legte nur ganz leicht die Fingerspitzen auf sein Handgelenk, allerdings empfand R. J. den zaghaften Körperkontakt als geradezu erotisch. Der Ausdruck ihrer Augen schlug von Bewunderung und Respekt in etwas um, das er noch nie zuvor bei ihr gesehen hatte. Er schaute ihr einen Moment lang ins Gesicht, ehe er sich eingestehen musste, dass er weder wusste, wie er mit diesem Blick, noch mit seiner Reaktion darauf umgehen sollte. R. J. spürte ein nur allzu vertrautes Ziehen in der Magengrube. Ausgelöst von Dana?

„Kann ich irgendwie behilflich sein?”, erkundigte sie sich noch einmal.

Aber statt ihr zu antworten, war R. J. viel zu sehr damit beschäftigt, sich zu fragen, weshalb Dana plötzlich eine derartige Wirkung auf ihn ausübte. Nach kurzem Überlegen beschloss er, dass es daran liegen musste, dass seine Gedanken und Emotionen als Folge des Skandals verrücktspielten. Wahrscheinlich bildete er sich das alles nur ein. Oder er suchte unbewusst nach jedem Rettungsanker, der sich ihm bot. Und Dana hatte ihn bisher noch nie im Stich gelassen.

Unter dem Vorwand, den Bagel essen zu wollen, kehrte er an seinen Schreibtisch zurück. Obwohl er sich alles andere als gelassen fühlte, sagte er mit ruhiger Stimme: „Sie haben schon mehr als genug geholfen. Einfach nur dadurch, dass Sie so sind, wie Sie sind.”

Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, überwältigte ihn die Erkenntnis, wie zutreffend sie doch waren. Er wandte sich um, damit er Dana erneut anschauen und ergründen konnte, was genau sie eigentlich so sehr von anderen Menschen unterschied und weshalb er sich in ihrer Gesellschaft so wohlfühlte.

Sie war gewiss keine unattraktive Frau. Ihm fiel auf, wie der geschmeidige graue Businessanzug, den sie anhatte, das kräftige Grün ihrer großen mandelförmigen Augen unterstrich.

Er konnte nur vermuten, wie lang ihr seidiges dunkelblondes Haar war, denn er hatte Dana bisher nie ohne die elegante Hochsteckfrisur gesehen. R. J.s Gedanken verweilten bei ihrem Haar, und er malte sich aus, wie die langen Strähnen offen über ihren Rücken fielen und vorn ihre Brüste umspielten. Schnell verjagte er diese Vorstellung und die sinnlichen Bilder, die sie in seinem Kopf entstehen ließ. Er wollte nicht auf diese Art an Dana denken.

Danas Gesichtszüge waren angenehm ebenmäßig: ihre Nase schmal, ihre Wangenknochen weich gerundet, ihre Stirn hoch und glatt. Ihre Ohren – er fand es selbst merkwürdig, dass er sie überhaupt bemerkt hatte – waren klein, und wie immer steckten in den Ohrläppchen kleine goldene Ohrstecker. Dana trug nur wenig Schmuck. Sie schmückte sich generell sehr sparsam. R. J. ließ den Blick über ihre ringlosen Finger und ihren zarten Hals gleiten, an dem er noch nie eine Kette erblickt hatte. Sie hatte eine einfache weiße, bis zum Hals zugeknöpfte Seidenbluse an. In ihrem Haar waren keine Spangen, an ihren schmalen Handgelenken baumelten keine Armbänder, und an ihrer Kleidung entdeckte er keine einzige dekorative Schleife, Schnalle oder Rüsche.

Falls sie Make-up auflegte, hatte er es bisher noch nicht bemerkt. Doch selbst ohne Mascara waren ihre braunen Wimpern ein wenig dunkler als ihr Haar. Ihre Augen, so fand er, ließen sich durchaus als sinnlich bezeichnen, auch wenn er sich das bisher noch nie bewusst gemacht hatte. Ihre ungeschminkten Lippen erschienen ihm plötzlich weich und voll und unglaublich verführerisch.

Seine durchdringenden Blicke machten sie offensichtlich nervös, denn er beobachtete, wie sie leicht den Mund öffnete und bebend Luft holte. Unwillkürlich spannten sich R. J.s Schenkel an.

Als ihre Blicke sich trafen, errötete sie. Die Röte ließ ihre Haut erglühen. R. J. war versucht, eine Bemerkung darüber fallen zu lassen, was ihr wohl gerade durch den Kopf gehen mochte, hielt sich allerdings zurück. Schließlich waren auch seine eigenen Gedanken äußerst verwirrend. Außerdem wollte er nicht riskieren, ihrer beruflichen Beziehung mit einem unbedachten Scherz zu schaden. Selbst, wenn ihm plötzlich Dinge an ihr auffielen, die er nie zuvor wahrgenommen hatte.

Er grübelte erneut darüber, warum er sich plötzlich so zu ihr hingezogen fühlte. Erleichtert stellte er fest, dass es dafür eine völlig logische und rationale Erklärung gab. Er schätzte sie für ihren beinahe schon unheimlichen sechsten Sinn, der ihr stets verriet, was er gerade brauchte oder wollte. Sie war einfach die perfekte Sekretärin und ihm in den vielen kleinen Alltagsdingen immer einen Schritt voraus – und genau dabei wollte er es belassen.

Da er noch immer schwieg, fragte Dana unbehaglich: „R. J.?”

„Tut mir leid.” Er widmete sich wieder dem Bagel und biss ein großes Stück ab. „Ich bin heute etwas durcheinander”, entschuldigte er sich, nachdem er geschluckt hatte.

„Kein Wunder”, erwiderte sie. Ihre Stimme verriet noch immer die innere Anspannung, die sie bei diesem ungewöhnlich offenen Gespräch empfunden haben musste. „Doch es wird sich alles klären. Sie werden schon sehen.”

„Dafür werde ich zu sorgen wissen.” Er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und beobachtete sie, während er zu Ende aß. Widerwillig gestand er sich ein, dass sie recht gehabt hatte. Er war tatsächlich hungrig gewesen, hatte es wegen seines Ärgers nur nicht bemerkt. „Ich habe versucht, Tanya anzurufen. Aber entweder weigert sie sich, ans Telefon zu gehen, oder sie ist mal wieder umgezogen. Ihr eine Nachricht zu hinterlassen habe ich mir gespart.”

Leicht amüsiert musterte Dana ihn. „Nachdem sie diese ganze absurde Geschichte konstruiert hat, hat sie vielleicht gedacht, dass es am klügsten ist, jegliche Konfrontation zu vermeiden. Insbesondere mit Ihnen.”

Er nickte. „Je mehr Menschen sie ihre Version der Dinge erzählt, desto höher wird die Wahrscheinlichkeit, dass sie etwas durcheinanderbringt.”

Dana trat zögerlich näher. „Haben Sie schon einmal in Erwägung gezogen, die Presse wissen zu lassen, dass Ihnen eine Verbindung zwischen Tanya und diesem armen kleinen Baby bisher nicht bekannt war?”

„Mutter hält das für keine gute Idee. Und da sie nun mal die Generaldirektorin ist – und ich ihre Meinung auch unabhängig davon sehr schätze –, werde ich mich in diesem Punkt nach ihren Wünschen richten. Momentan ist es wohl das Beste, wenn ich mich möglichst zurückhalte. Tanya wird sich schon früh genug selbst ans Messer liefern, insbesondere, wenn sich jetzt auch noch Chelsea Markum und Tattle Today TV in der Sache einmischen.”

Das Telefon auf Danas Schreibtisch klingelte. Unwillig wandte sie sich um und spähte ins Vorzimmer hinüber. „Und in der Zwischenzeit arbeiten wir weiter, als wäre nichts geschehen?”

„Ich schätze, mir bleibt keine andere Wahl. Außerdem werde ich nicht zulassen, dass dieses Weib oder die sensationsgierige Presse unseren Terminplan völlig durcheinanderbringen.”

Dana zögerte noch einen Augenblick, ehe sie in ihr Büro eilte. „Nun gut”, meinte sie auf dem Weg nach draußen. „Aber vergessen Sie nicht R. J.: Wenn Sie etwas brauchen, was auch immer, dann müssen Sie es mir nur sagen.”

Sie schloss leise die Tür hinter sich. R. J. lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und dachte eine Weile über ihre Worte nach. Unter den gegebenen Umständen war ihr Angebot wirklich äußerst großzügig. Jeder, der ihm zu nahekam, riskierte, ebenfalls in den Fokus des öffentlichen Interesses zu geraten.

Doch wenn er ehrlich war, dann hatte er nichts anderes von Dana erwartet. In den zurückliegenden Jahren, in denen sie für ihn gearbeitet hatte, hatte sie ihn so loyal unterstützt wie sonst kaum jemand. Er hatte immer auf sie zählen können.

Darum war es ihm auch so wichtig gewesen, ihr die Wahrheit zu erzählen. Zwar glaubte er selbst nicht daran, der Vater des Babys zu sein, doch für den unwahrscheinlichen Fall, dass dieser Teil von Tanyas Geschichte zutraf, sollte Dana von vornherein Bescheid wissen. Das war er ihr schuldig.

Die Vorstellung, dass sich durch sein Geständnis der Respekt, den sie für ihn empfand, geschmälert haben könnte, missfiel ihm ungemein. Nachdem er selbst als Kind erlebt hatte, wie es war, im Stich gelassen zu werden und einen verantwortungslosen, gleichgültigen Vater zu haben, ging R. J. sein guter Ruf in dieser Hinsicht über alles, und er hatte ihn stets mit unerbittlicher Vehemenz verteidigt.

Dass seine Integrität von der Presse infrage gestellt wurde, war schon schmerzhaft genug. Wenn auch noch Dana an ihm zweifeln würde, wäre das schier unerträglich für ihn.

2. KAPITEL

Dana bereitete die Unterlagen für den Tag vor. Sie versuchte, so viel wie möglich zu erledigen, bevor R. J. zur Arbeit erschien und eventuell jemanden zum Reden brauchte. Sie wollte so gut es ging für ihn da sein.

In den vergangenen Tagen hatte sie ihm mit Freuden ihr Ohr geliehen, während er über den Rest der Welt geklagt hatte. Die Presse nahm ihn nach Strich und Faden auseinander, und die Geschichte über seine angebliche Vaterschaft wurde in allen Zeitungen im ganzen Staat breitgetreten. Sie wusste, dass er nicht gut schlief, und empfand großes Mitleid mit ihm. Wie sehr er sie gerade jetzt brauchte, sorgte und erfreute sie gleichermaßen. Sie wusste, wie wichtig ihm Kontrolle war, und konnte es darum kaum ertragen, ihn in einer für ihn unerträglichen Situation gefangen zu sehen. Nur zu gern tat sie alles in ihrer Macht Stehende, damit es ihm wieder besser ging.

Zum ersten Mal, seit sie sich erinnern konnte, brauchte er sie nicht nur als kompetente Sekretärin, sondern als Vertraute. Vor Freude, dass er sich mit seinen Sorgen ausgerechnet an sie wandte, wollte ihr das Herz schier überlaufen.

Es schien ihr, als hätte sie ihn schon immer geliebt.

Nicht, dass er etwas von ihrer Liebe geahnt hätte. Dana war viel zu stolz, um sich die Blöße zu geben, ihre Gefühle offen zu zeigen. Wenn er sich, was selten genug vorkam, auf eine Beziehung mit einer Frau einließ – wenn man seine flüchtigen Affären denn als Beziehungen bezeichnen wollte –, so suchte er sich fast immer niveauvolle, sexy und sehr weibliche Frauen aus. Dana konnte mit ihnen unmöglich mithalten. Die Damen, mit denen er sich in der Öffentlichkeit zeigte, waren elegant, wunderschön und selbstbewusst.

Sie hatten all das, was Dana zu fehlen schien.

R. J. hatte ihr stets großen Respekt entgegengebracht, was ihre beruflichen Fähigkeiten als Sekretärin betraf. Großzügig sah er über ihre seltenen Fehler hinweg und zeigte ihr durch Gehaltserhöhungen und üppige Zulagen, wie sehr er ihr Engagement zu schätzen wusste.

Doch noch nie hatte er sie wie ein Mann angesehen, der eine Frau begehrt. Und sie wusste, dass er das auch niemals tun würde.

Als Vorsitzender der Maitland-Klinik und Angehöriger einer der wohlhabendsten Familien in ganz Texas galt R. J. als begehrter Fang. Er verfügte über Geld, Ansehen und Verbindungen, und all das lockte die Frauen in Scharen an.

Doch Dana ahnte, dass die Frauen ihn selbst dann umschwärmt hätten, wenn er ein bettelarmer Niemand gewesen wäre. Mit neununddreißig Jahren war R. J. Maitland ein attraktiver Mann in der Blüte seines Lebens.

Er war fast ein Meter neunzig groß, stark und anpackend. Er hatte breite Schultern, war aber ansonsten schlank und sah im Frack ebenso umwerfend aus wie in zerschlissenen Jeans. Er hatte kräftige, geschickte Hände und strahlte eine natürliche Männlichkeit aus, vor der hin und wieder sogar seine tadellosen Manieren und seine umfassende Bildung verblassten. Manchmal wirkte er regelrecht animalisch, aber nur gerade genug, um jeder Frau in seiner Nähe den Atem zu rauben – und nicht mehr.

Dana kannte dieses Gefühl aus erster Hand, denn als seine Privatsekretärin war sie ihm schon seit vielen Jahren sehr nah.

Seufzend beschwor sie vor ihrem inneren Auge sein Bild herauf. Durch sein glattes sandfarbenes Haar und den durchdringenden Blick seiner haselnussbraunen Augen hob er sich von den anderen Maitlands ab, die fast alle dunkles Haar und blaue Augen hatten.

Als Konsequenz ihrer Liebe für R. J. hatte sich Dana, obwohl sie mehrere Versuche gewagt hatte, niemals ernsthaft für einen anderen Mann interessiert. All ihre Verabredungen hatten sich als zutiefst enttäuschend herausgestellt. Darum hatte sie bereits vor längerer Zeit beschlossen, es lieber ganz sein zu lassen. Warum sollte sie sich mit der frustrierenden Gewissheit herumplagen, dass sie sich von einem Mann im Arm halten oder küssen ließ, den sie eigentlich nicht wirklich wollte?

Die vertraulichen Gespräche mit R. J., in denen er ihr von seinen Problemen erzählte, und die Art, wie er ihr zuhörte, wenn er sie um ihre Meinung bat, linderten den Schmerz über seine Distanziertheit. Die Erkenntnis, dass sie es schaffen konnte, ihn trotz seiner Sorgen hin und wieder zu einem kurzen Lächeln zu verleiten, weckte widerstreitende Gefühle in ihr. Und so fühlte sie sich schuldig, weil sie die gemeinsame Zeit mit ihm genoss, während ihn so offensichtlich Ärger und Zorn quälten. Außerdem machte sie sich Sorgen, weil sich unmöglich vorhersehen ließ, wie dieser ganze Schlamassel enden würde und wie viel Schaden die Maitlands und insbesondere R. J. dabei nehmen würden.

R. J. war ein Mann, der es gewohnt war, die Regie zu übernehmen. Beruflich wie auch privat kontrollierte er alles und jeden, jedoch stets mit Höflichkeit und den besten Absichten. In vielerlei Hinsicht galt das auch für Dana, obwohl sie sich vehement gegen seine Dominanz wehrte – was er wiederum zu schätzen wusste.

Doch in der Lage, in der er sich nun befand, waren ihm praktisch die Hände gebunden, und er war mehr oder weniger hilflos der Boshaftigkeit seiner ehemaligen Freundin und den hämischen Angriffen der Presse ausgeliefert. Dana konnte sich vorstellen, wie schwer R. J. sich damit tun musste.

Außerdem hatte sie schreckliche Angst davor, dass sich am Ende herausstellen könnte, dass er doch der Vater des Babys war. Sie bezweifelte, dass sie das ertragen könnte. Doch was konnte sie schon tun? Sie hatte keinerlei Anspruch auf R. J. und war realistisch genug, um zu wissen, dass es auch niemals anders sein würde.

Ihre Gedanken wurden jäh unterbrochen, als R. J. das Büro betrat. Nachdem er sich aufs Neue einen Weg durch die zahlreichen Reporter gebahnt hatte, die Tag für Tag vor dem Gebäude kampierten, war seine Miene finsterer denn je.

Sofort war Dana auf den Beinen. Sie lief zur Kaffeemaschine hinüber und bereitete ihm die gewohnte Tasse Kaffee zu. Niemals hätte sie sich gestatten dürfen, dass ihre Gedanken so sehr abdrifteten. Bevor sie ihm den gesüßten Kaffee reichen konnte, fragte R. J. bereits missgelaunt: „Haben Sie schon die Morgenzeitung gelesen?”

Seinem Tonfall nach zu urteilen, stand dort nichts Gutes. „Nein”, erwiderte Dana vorsichtig. „Ich habe früh angefangen, um einiges abzuarbeiten, und bisher nicht die Zeit dafür gefunden.”

R. J. schleuderte einige zerknitterte Zeitungsseiten auf ihren Schreibtisch. „Sie enthält einen ausführlichen Bericht darüber, wie R. J. Maitland, der vermögende Vorsitzende der Maitland-Geburtsklinik, seine schwangere Geliebte fallen gelassen hat. Der Tenor lautet, dass ich nur zu gern mit ihr ins Bett gestiegen bin, sie aber sofort abserviert habe, als ich herausfand, dass sie ein Kind erwartet. Die stellen mich als kaltherzigsten Mistkerl auf Erden dar.”

Wut übermannte Dana. „Diese Vipern!” Sie stellte die Tasse so schwungvoll ab, dass etwas von dem Kaffee überschwappte, doch sie ignorierte es. Stattdessen hob sie die Zeitung auf und überflog den Artikel. Ihr Zorn kochte erneut hoch. Ihre Gefühle für R. J. waren so stark, dass sie es kaum ertragen konnte, wie ungerecht die Presse ihn behandelte. „Das ist furchtbar – nichts als Spekulationen und versteckte Andeutungen. Reine Verleumdung. Ich finde, Sie sollten diese Leute verklagen!”

In einem für sie völlig untypischen Gefühlsausbruch knüllte sie die Zeitungsseiten zu einem Ball zusammen und stopfte sie in den metallenen Papierkorb.

R. J. musterte sie verwundert. „Der Artikel scheint Sie ja fast noch mehr zu ärgern als mich.”

Sein amüsierter Tonfall ließ sie herumfahren. „Wie können Sie nur in einem solchen Augenblick Scherze machen?” Sie bekam vor Empörung kaum Luft. Es fiel ihr nicht schwer, sich vorzustellen, wie er sich beim Lesen des Berichts gefühlt haben musste. „Dort werden schreckliche Dinge über Sie behauptet!”

Sobald sie die Worte ausgesprochen hatte, wünschte sie auch schon, es nicht getan zu haben. R. J. bedeutete sein guter Ruf sehr viel. Dana, die tagtäglich miterlebte, wie er sich für die Klinik aufopferte, wusste das besser als die meisten. Bereits vor einiger Zeit hatte sie erfahren, dass R. J.s Vater Robert seinen Sohn nach dem Tod der Mutter im Stich gelassen hatte. R. J. und seine kleine Schwester Anna waren daraufhin von Roberts Bruder William und dessen Frau Megan adoptiert worden.

William und Megan liebten R. J. wie einen eigenen Sohn. Doch das Wissen, dass sein eigener Vater ihn abgelehnt und es einem anderen überlassen hatte, ihn aufzuziehen, erfüllte R. J. noch immer mit Schmerz und Scham. Er arbeitete hart daran, allen zu beweisen, dass er anders war als sein verachtenswerter Vater. Darum konnte Dana auch gut nachvollziehen, wie sehr ihn das boshafte Gerede mitnehmen musste.

Ihn so zu erleben, schmerzte sie, doch sie wusste, dass es nicht klug wäre, zu ihm zu gehen und ihn in den Arm zu nehmen. R. J. würde nicht wollen, dass sie das tat. Es genügte ihm, dass sie seine loyale Assistentin war – und Dana hatte sich stets bemüht, in dieser Funktion ihr Bestes zu geben.

R. J. rieb sich das Gesicht und wandte sich ab. „Die Presse hat ihre helle Freude an diesem Skandal. Jede Story ist noch hässlicher und noch ein wenig spekulativer als die vorherige.” Er murmelte einen leisen Fluch und schob die Hände tief in die Hosentaschen. Als er sich anschließend wieder zu Dana umdrehte, lag ein gefährliches Glitzern in seinen Augen. „Fünfzig Gäste haben ihre Teilnahme an der Party bereits aus fadenscheinigen Gründen abgesagt.”

„Vielleicht sind sie wirklich verhindert.”

„Nein, sie sind schlicht und einfach feige.”

Auf der für März angesetzten Feier sollte das fünfundzwanzigjährige Bestehen der Maitland-Geburtsklinik zelebriert werden. Fünfhundert Einladungen waren verschickt worden, und alles hatte dafür gesprochen, dass das Event ein großer Erfolg werden würde. Doch wenn es jetzt tatsächlich Absagen hagelte … „Was wollen Sie deswegen unternehmen?”

„Ich bin mir noch nicht sicher. Mutter hat allerdings einige Ideen.” Er lächelte flüchtig. „Wissen Sie, sie ist ganz vernarrt in dieses Baby.”

Dana nickte. Megan Maitland war nicht nur eine gute Freundin, sondern auch die freigiebigste Frau, die Dana kannte – und das nicht nur in Hinblick auf ihr Geld. Sie hatte die Maitland-Geburtsklinik mit dem Segen ihres Mannes ins Leben gerufen, aus dem Bedürfnis heraus, allen schwangeren Frauen zu helfen, egal, ob arm oder reich. Nicht zuletzt dank der herzlichen, fürsorglichen Atmosphäre, für die Megan stets Sorge trug, war die texanische Klinik inzwischen weltbekannt.

Am selben Tag, an dem die Familie die Jubiläumsfeier angekündigt hatte, war auch das Baby gefunden worden. Ein unglückliches Zusammentreffen angesichts der vielen Pressevertreter, die ohnehin schon vor Ort gewesen waren. Megan hatte das Kind damals so gut wie möglich vor den Journalisten abgeschirmt und es dabei sofort ins Herz geschlossen. Dana lächelte milde. „Ich wusste, dass sie Gefühle für das Baby entwickeln würde, als sie die Erlaubnis bekam, es als zur Pflege mit nach Hause zu nehmen.”

R. J. nickte knapp. „Ich glaube, sie hätte auch nicht anders für dieses Baby empfunden, wenn es keinerlei Hinweis darauf gäbe, dass das Kind vielleicht doch zur Maitland-Familie gehört.” Er knirschte mit den Zähnen. „So ist sie schon immer gewesen.”

„Ja.” Dana fragte sich, ob er dabei an seine eigene Vergangenheit dachte, oder an all die anderen Kinder, die Megan außerdem in ihre Obhut genommen hatte. Aber R. J. war Megans Sohn. Auch, wenn sie nicht seine leibliche Mutter war. „Sie ist wirklich eine ganz besondere Frau.”

„Das ist sie.” R. J. legte den Kopf in den Nacken. Erneut huschte ein selten gewordenes Lächeln über seine harten Gesichtszüge. „Da wir gerade von besonderen Frauen sprechen …” Er zog ein längliches samtbezogenes Kästchen aus der Innentasche seines Jacketts.

Dana starrte die Schachtel an. „Sie haben Megan ein Geschenk gekauft?”

Zu Danas Verblüffung lachte R. J. laut auf. Normalerweise zeigte er sich nur selten so heiter. Er war ein Workaholic, der das Leben ernst nahm und es nach seinen Vorstellungen zu formen versuchte. Da blieb nicht viel Raum für Ausgelassenheit. Und in letzter Zeit hatte es ohnehin wenig Anlass zur Fröhlichkeit gegeben. „Mit ‚besondere Frau’ meinte ich eigentlich Sie, Dana.”

„Mich?” Sie räusperte sich rasch, denn ihre Stimme hatte sich überschlagen. „Was …?”

Zu ihrer großen Überraschung sah R. J. sie liebevoll und mit einem Anflug von männlicher Zufriedenheit an, als er näher zu ihr trat. „Dana. Sie sind stets die perfekte Sekretärin. Sie kümmern sich um alles, was getan werden muss, bevor ich es Ihnen sagen kann.”

„Das ist das Mindeste, was Sie von Ihrer Angestellten erwarten können.”

Sein Lächeln wurde breiter. „Das stimmt. Aber in den vergangenen Tagen haben Sie weitaus mehr getan, als nur Ihre Pflicht erfüllt.”

Dana starrte ihn mit großen Augen an. Ihr Herz schlug wie wild, und ihre Knie wurden weich. Als er ihr das Kästchen reichte, verbarg sie schnell die Hände hinter dem Rücken, um der Versuchung zu widerstehen, es zu berühren. „Ich verstehe nicht.”

Sie merkte selbst, dass sie ein wenig panisch klang, doch das lag nur daran, dass sie Angst davor hatte, zu viel in das Geschenk hineinzuinterpretieren. Sie wollte nichts Peinliches sagen oder tun, womit sie sich vor R. J. blamierte – und er am Ende bereute …

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